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Ich hätte dich so gern gekannt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Vorwort
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Anhang
    1. Fakten über Tot- und Fehlgeburten
    2. Die verschiedenen Stadien der Trauer:
    3. Sexuelle Probleme
    4. Ansprache von Friederike Rosenfeld im Gedenkgottesdienst vom 9. Dezember 2001
    5. Ansprache von Pfarrer Stephan Kreutz, Münster-Wolbeck, zur Einweihung des Gedenkplatzes auf dem Waldfriedhof Lauheide, 24.5.2001
    6. Literaturliste

Über dieses Buch

»Sie sind schwanger!« Dieser Satz verändert das ganze Leben. Auch Friederike Rosenfeld ist überrascht, als sie von ihrer Schwangerschaft erfährt, aber sie freut sich über das unverhoffte Glück. Und obwohl ihr Freund sie kurze Zeit später verlässt, ist sie fest entschlossen, das Kind zu behalten. Doch von Anfang an scheint etwas nicht zu stimmen: Das Kind in ihrem Bauch ist auffällig ruhig. Ende des vierten Monats steht schließlich fest, dass das Herz ihres Kindes aufgehört hat zu schlagen. Traurig und verzweifelt versucht Friederike die Situation zu verarbeiten, als sie zu ihrem Entsetzen erfährt, dass sie ihr totes Kind unter Wehen gebären muss.

Friederike Rosenfeld

ICH HÄTTE
DICH SO
GERNE
GEKANNT

Für meine Tochter
Regine, die starb, bevor
sie auf die Welt kam

Aufgezeichnet unter Mitarbeit
von Martina Sahler

Vorwort

Freunde und Bekannte bezeichnen mich als »Powerfrau«, obwohl mein Äußeres diesem Bild sicher nicht entspricht.

Ich bin am 28. Juni 1958 geboren und lebe beinahe schon mein ganzes Leben lang in Münster. Ich habe ein abgeschlossenes Architekturstudium und eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch.

Ich bin klein, nur einen Meter fünfundfünfzig groß, und mit knapp sechsundvierzig Kilo recht zierlich. In Paris hält man mich grundsätzlich für eine Französin, in Deutschland denkt man nicht nur wegen des Namens Rosenfeld an eine jüdische Abstammung.

Noch habe ich schwarze Haare, doch schon bald werde ich ergraut sein und im Laufe der nächsten Jahre noch kleiner und schlanker werden, denn ich leide an einer rheumatischen Auto-Immun-Erkrankung der Wirbelsäule – dem Morbus Bechterew –, die im August 1996 nach der Totgeburt meiner Tochter Regine erst richtig ausgebrochen ist. Seitdem umschlingt mich diese Krankheit in ihrer schmerzhaften, chronisch-entzündlichen Form, und ich brauche einen verdammt guten Arzt, um eine akzeptable Lebensqualität zu halten und meinen anstrengend-schönen Alltag weiterzuleben.

Glücklicherweise habe ich diesen Arzt. Er tut auf medizinischem Gebiet alles, was in seiner Macht steht.

Dass ich trotzdem eine sehr glückliche und optimistische Frau bin, verdanke ich meinen vielen Freunden, meiner positiven Lebenseinstellung und natürlich meinem neunjährigen Sohn Julian.

Auch beruflich geht es mir sehr gut, ich habe einen interessanten Job, nette Kollegen und einen wunderbaren Chef.

Als ich die Geschichte meiner Tochter aufschrieb, wollte ich mir vor allem meinen Schmerz von der Seele schreiben. An eine Veröffentlichung habe ich erst gedacht, als ich feststellen musste, dass es nur sehr wenig autobiografisches Material zum Thema »Fehl- und Totgeburt« gibt, und als mir meine Freunde, die meine Geschichte unter Tränen »verschlungen« hatten, dazu rieten.

Ich hoffe, dass mein Buch vielen Eltern, die auf ähnlich tragische Weise wie ich ihr Baby verlieren mussten, helfen wird.

Friederike Rosenfeld, im Februar 2003

Prolog

Ich war im fünften Monat schwanger und wusste, dass etwas nicht stimmte.

Ich wusste es schon seit einigen Tagen, und die Angst ließ mich nicht mehr los.

Meinen Sohn Julian, der damals drei Jahre alt war, brachte ich um Viertel nach acht zu seiner Tagesmutter, bevor ich an jenem 25. April 1996 zu meinem Arzt fuhr. Mein Herzschlag raste, und meine Handflächen fühlten sich feucht an. Meine Gedanken kreisten immer nur um eines: Irgendetwas stimmt mit meinem Baby nicht.

Zum Glück brauchte ich nicht lange zu warten, bis ich dem Arzt im Sprechzimmer meine Befürchtungen und Gefühle schildern konnte.

Er runzelte die Stirn und sagte: »Schauen wir erst einmal nach!«

Eine Minute später lag ich auf der Liege im Untersuchungsraum, den Pulli hochgeschoben, während Dr. Horwarth den Kopf des Ultraschallgerätes suchend über meine Bauchdecke schob und den schwarz-weißen Bildschirm fixierte.

Das Baby war kaum zu sehen.

Erst nach langem Hin- und Herschieben entdeckten wir die Schädeldecke. Mit Sorgenfalten auf der Stirn drückte Dr. Horwarth auf meinem Bauch herum.

Meine Kleine bewegte sich nicht.

In diesem Moment wusste ich es genau und sprach es aus:

»Sie ist tot!«

Ich sah, dass der Arzt schluckte. »Ich kann es nicht hundertprozentig ausschließen«, entgegnete er heiser.

Mir wurde schwindelig, und meine Hände zitterten, als ich mir das Gel vom Bauch wischte und die Hose wieder zuknöpfte.

Ich bewegte mich wie ein Roboter, als Dr. Horwarth mir riet, zu einem Kollegen zu fahren, der über ein Spezial-Ultraschallgerät verfügte.

Für mich gab es keinen Zweifel mehr: Das Herz meines ungeborenen Kindes hatte aufgehört zu schlagen. Und kein Ultraschallgerät der Welt würde das Gegenteil beweisen. Intuitiv wusste ich das und klammerte mich nur an einen letzten Rest Hoffnung.

Während Dr. Horwarth mich in der Praxis seines Kollegen telefonisch anmeldete, wartete ich am Empfang auf die Überweisung und war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich zitterte, und Tränen liefen mir über das Gesicht.

Julian!, dachte ich plötzlich. »Ich muss telefonieren«, sagte ich zu der Arzthelferin.

Verständnisvoll reichte sie mir den Apparat, und ich wählte die Nummer von Julians Tagesmutter. Ich ließ es lange klingeln, doch niemand ging ans Telefon. Wahrscheinlich machte sie mit ihm einen Spaziergang im Park.

Dann wollte ich meine Schwester anrufen, doch so sehr ich mich auch bemühte, mir fiel die Nummer nicht mehr ein. Die Helferin gab mir das Telefonbuch, aber Namen und Zahlen verschwammen vor meinen Augen, als ich darin blätterte.

»Meine Mutter … Ich will meine Mutter sprechen.« Die Tränen liefen mir unablässig über das Gesicht, ich bekam kaum noch ein Wort heraus.

Ich wählte ihre Nummer, doch meine Mutter meldete sich nicht. Vielleicht war es ja besser so, denn meiner Schwangerschaft stand sie genau wie der Kindsvater noch sehr zwiespältig gegenüber, und wer weiß, wie sie in dieser Situation reagiert hätte.

Wie in Trance verließ ich die Praxis. Ich fühlte nichts mehr, keinen Schmerz, keine Angst, gar nichts, nur eine große Kälte in meinem Herzen.

Ich hatte meinen Mantel vergessen, dennoch spürte ich die kühle Morgenluft nicht.

Plötzlich stand ich vor einer Telefonzelle.

Mir kam in den Sinn, meine Nachbarin Gisela anzurufen, zu der ich ein freundschaftliches Verhältnis hatte.

Als ich ihre Stimme hörte, fing ich endlich laut zu schluchzen an. »Mein Baby ist tot, ich weiß nicht, was nun geschieht. Ich muss sofort ins Krankenhaus. Julian, was wird mit meinem Jungen? Ich kann seine Tagesmutter nicht erreichen. Ich bin in der Stadt, weil ich noch zu einem anderen Arzt muss, um den Tod bestätigen zu lassen.«

Gisela versuchte, mich zu beruhigen. Sie würden sich alle um Julian kümmern, um ihn bräuchte ich mir keine Gedanken zu machen. Sie war besorgt, weil ich mit dem Auto unterwegs war.

»Sei vorsichtig, denk an Julian, den hast du noch, der braucht dich. Denk an deinen Julian!«, schärfte sie mir ein. Worte, die ich in den nächsten Tagen immer wieder hörte und die mich davon abhielten, einfach still und leise aus dem fünften Stock des Krankenhauses zu springen, nachdem man mir bestätigt hatte, dass das Baby in meinem Bauch tatsächlich gestorben war und dass ich es unter Wehen würde gebären müssen. Eine ganz normale Geburt für mein totes Mädchen …

Ich habe sie Regine genannt.

Kapitel 1

Ich war fünfunddreißig, als mein erstes Kind geboren wurde. Julian war weiß Gott ein Wunschkind!

Sieben Jahre lang hatte ich mich Hormontherapien unterzogen. Alles, was die moderne Reproduktionsmedizin zu bieten hatte, hatte ich versucht. Unzählige künstliche Befruchtungen ließ ich über mich ergehen. Nach einer Fehlgeburt in der sechsten oder siebten Schwangerschaftswoche wollte ich einmal fast aufgeben. Ich war psychisch stark angeschlagen, und auch körperlich litt ich unter den starken Hormongaben. Unterleibsentzündungen und Zysten, die so schmerzhaft waren, dass ich mich kaum noch bewegen konnte, drückten nicht nur auf meinen Körper, sondern auch auf meine Seele.

Mein Freund Frank ließ endlose Untersuchungen beim Andrologen über sich ergehen, brachte ebenfalls eine Hormontherapie und eine Krampfaderverödung hinter sich.

Sieben Jahre lang bestand unsere Beziehung nur aus einem einzigen, allumfassenden Thema: unserem Wunsch nach einem Kind. Sieben Jahre lang widmeten wir uns mithilfe der Medizin ausschließlich der Zeugung eines gemeinsamen Babys.

Irgendwann fand ich mich damit ab, dass wir kein Kind bekommen würden, und dachte dabei an die Abtreibung zurück, für die ich mich mit zweiundzwanzig entschieden hatte, weil ich glaubte, dass ein Kind noch nicht in mein Leben passte. In Momenten der Trauer kam mir sogar oft der zerstörerische Gedanke, dass meine Kinderlosigkeit die gerechte Strafe für mein damaliges »Vergehen« sein könnte …

Als ich schließlich aufgeben wollte, weil ich körperlich und seelisch am Ende war, gerieten Frank und ich in eine schwere Krise. Ich hatte die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens erkannt und wollte um keinen Preis auch nur noch eine einzige Hormontablette schlucken. Da Frank sich darüber im Klaren war, dass unsere ungewollte Kinderlosigkeit wohl eher an ihm als an mir lag, hatte er große Angst, mich zu verlieren. Doch es gelang uns, unsere Beziehung noch einmal zu kitten.

Wir hatten uns auf ein Leben ohne Kind eingestellt, als im Mai 1993 meine Regel ausblieb. Eine Woche später machte ich einen Schwangerschaftstest und fiel aus allen Wolken. Ich war tatsächlich auf ganz natürliche Art schwanger geworden!

Überglücklich fiel ich Frank um den Hals. Wir würden ein Baby haben!

Obwohl ich täglich bangte und an einen glücklichen Ausgang nicht zu glauben wagte, verlief die Schwangerschaft weitgehend problemlos.

Sorgen bereitete mir in dieser Zeit nur mein Freund, der sich plötzlich verändert zu haben schien. Er war aggressiv und streitsüchtig, und oft kam es zwischen uns zu heftigen Auseinandersetzungen.

Nach einem besonders schlimmen Streit passierte es dann: In der 27. Woche setzten vorzeitig die Wehen ein.

Um die Schwangerschaft nicht zu gefährden, musste ich zehn Wochen lang liegen, aber das schien mir nach all den Jahren enttäuschter Hoffnungen ein geringer Preis für das Glück zu sein, ein eigenes Kind zu haben.

Zunächst lag ich im Krankenhaus am Tropf und war so wütend auf Frank, dass ich ihm in den ersten Tagen verbot, mich zu besuchen, weil ich mich vor weiteren Aufregungen schützen wollte.

Doch schließlich ließ ich ihn zu mir.

Er war zerknirscht und voller Reue und wusste sehr wohl, dass er unser Kind in diese lebensbedrohliche Lage gebracht hatte.

»Wenn dieses Kind stirbt, bring ich dich um!«, erklärte ich ihm und war mir bewusst, dass das neue Leben in mir bereits zu diesem Zeitpunkt größere Bedeutung für mich hatte als meine Beziehung zu Frank. »Fass mich nie wieder an!«

Er nickte nur und ging.

Einige Tage später wurde ich entlassen und musste zu Hause weiter liegen. Ich bekam wehenhemmende Mittel und durfte nur auf die Toilette und zum Arzt. Ansonsten lag ich auf der Couch und konnte nicht schlafen, weil die Wehenhemmer mir rasendes Herzklopfen verursachten und mein Baby meinen Bauch zu einem Turnstudio erklärt hatte. Offensichtlich war es ebenfalls schlaflos.

Die schönste Zeit für mich und das Baby war, wenn Frank um halb fünf aus dem Haus zur Arbeit ging. Bis elf Uhr, wenn er wieder heimkehrte, hatten wir unsere Ruhe.

Frank rührte mich zwar nie wieder an, aber er war sehr gereizt und schrie mich oft an. Ständig versuchte er, mich zu provozieren, und warf mir völlig irrationale Vorwürfe an den Kopf.

Ich schwieg zu all dem und ließ mir aus Angst um mein Baby schlimme Beleidigungen gefallen.

Ich hatte mich vollkommen von ihm zurückgezogen und sprach nur noch das Notwendigste mit ihm.

Von meiner Couch im Kinderzimmer aus schaute ich mir eine Talkshow nach der anderen an, die sich an Niveaulosigkeiten überboten.

Unser Sohn Julian kam fünf Tage vor dem errechneten Geburtstermin per Kaiserschnitt zur Welt. Der Muttermund hatte sich trotz zwölfstündiger Wehen immer noch nicht geöffnet, und als meine Kräfte mich allmählich verließen, entschied man sich, das Baby zu holen.

Es war völlig gesund, und ich hielt mich für die glücklichste Mutter der Welt. Die Folgen der Operation erforderten, dass ich knapp vierzehn Tage im Krankenhaus blieb, bevor für uns zu Hause der Alltag mit Kind begann.

Ich erlebte alles andere als eine glückliche Baby-Zeit, denn die Aggressivität meines Freundes hatte in keiner Weise nachgelassen.

Seit Julian auf die Welt gekommen war, stritten wir uns täglich. Ich war längst aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen und schlief nun im Kinderzimmer neben der Babywiege.

Meistens ging ich schon früh zu Bett, aber ich konnte erst ein Auge zumachen, wenn ich hörte, dass mein Freund sich ins Bett zurückzog. Sobald ich sein lautes Schnarchen hörte, schloss ich meine Tür ab, um ein paar Stunden Ruhe zu finden.

Einmal bemerkte Frank, dass ich mich eingeschlossen hatte. Wie ein Verrückter trat er gegen die Tür, tobte und schrie, dass er mich umbringen werde, wenn ich nicht sofort aufmachen würde.

Voller Panik öffnete ich ihm. Sofort ging er mir an den Hals. Während ich auf der einen Seite der Wiege und er auf der anderen stand, starrte uns unser Sohn mit weit aufgerissenen Augen angstvoll an. Bis heute reagiert mein Sohn panisch, wenn er beispielsweise eine Szene im Fernsehen sieht, in der jemand gewürgt wird.

Als mein Freund von mir abließ, riss ich das Telefon an mich und rief panisch meinen Schwager an, der mich sofort holte.

Was war aus Frank geworden? Woher kam diese Veränderung? Warum war er so gewalttätig, so rücksichtslos und launisch?

Ein paar Tage blieb ich bei meiner Schwester, bis mein Freund mich überreden konnte, zu ihm zurückzukehren.

Doch es änderte sich nichts.

Aus Angst um mein Baby ging ich irgendwann sogar mit einem Küchenmesser bewaffnet ins Bett.

Drei Monate nach der Geburt unseres Sohnes stellte ich mich der entsetzlichen Wahrheit: Mein Freund war nach fünfzehn Jahren Alkoholabstinenz wieder rückfällig geworden.

Meine Welt brach zusammen! Mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht mit dem Naheliegendsten! Ein Alkoholiker bleibt sein ganzes Leben lang krank, und selbst nach Jahrzehnten kann die Krankheit wieder ausbrechen.

Als Frank mir weinend am Ostersonntag 1994 gestand, dass er rückfällig geworden sei, reagierte ich völlig ruhig. Ich war geschockt und wusste, dass ich überlegt und bedächtig handeln musste.

»Okay«, sagte ich. »Das ist ein Rückfall, ich helfe dir. Ich bringe dich auf der Stelle ins Krankenhaus! Nach der Entgiftung überlegen wir uns die Anschlusstherapie. Doch eines muss dir klar sein: Beim nächsten Rückfall bin ich weg, und zwar für immer!«

Wir fuhren mehrere Krankenhäuser ab, doch am Ende wollte Frank nirgendwo bleiben und verschwand in der Nacht.

Irgendwann kehrte er heim und machte ein furchtbares Theater im Flur, sodass ich schließlich gezwungen war, die Polizei zu rufen. Sie konnten Frank zwar nicht zwangsweise einweisen, doch sie überredeten ihn schließlich, mit ins Landeskrankenhaus zu kommen.

Rasch packte ich eine Tasche mit den nötigsten Utensilien und war froh, als ich die Wohnungstür schließen konnte.

Julian weinte in seinem Maxi Cosi, und ich nahm ihn zärtlich auf, um ihn zu stillen.

Endlich war Ruhe eingekehrt.

Die nächsten Tage verbrachte ich wie in Trance.

Ich saß nur im Wohnzimmer herum, kümmerte mich um Julian, aber nicht mehr um mich. Ich aß und schlief nicht, sondern saß nur da und weinte lautlos vor mich hin.

Meine Mutter rief sehr oft an und versuchte, mich zu trösten. »Mami, wenn er tot wäre, wäre das leichter zu ertragen! Aber das! Unsere Beziehung ist am Ende. Er wird es nie schaffen, das weiß ich.«

Ich sollte Recht behalten.

Im Juli 1994, als unser Sohn sieben Monate alt war, war unsere Beziehung schließlich ganz am Ende. Ich hatte versucht, meinem Freund zu helfen, hatte endlose Gespräche mit ihm und seinen Ärzten geführt, gehofft, vertraut, misstraut und schließlich aufgegeben.

Wir trennten uns, und ich zog vorübergehend mit meinem Sohn in eine Souterrainwohnung im Haus meiner Mutter. Eine konfliktreiche Zeit begann, und ich litt unter der Abhängigkeit von meiner Mutter. Dazu kam die Ungewissheit, wie es weitergehen würde. Ich hatte nur wenig Geld und zudem meine Arbeit verloren, weil meine ehemalige Firma sich aufgelöst hatte.

Es wurde ein heißer, schwerer Sommer für Julian und mich. Dennoch war ich erleichtert über die Trennung. Die Angst, die mein ständiger Begleiter geworden war, fiel von mir ab, und während der ersten Nacht in meinem Kellerappartement schwor ich mir, dass ich nie wieder Angst vor einem Mann haben würde. Zum ersten Mal seit vielen Monaten schlief ich unbewaffnet ein.

In dieser Zeit kam es schließlich auch zum endgültigen Bruch mit meinem Vater. Die gesamte Schwangerschaft über hatten wir ein sehr gutes Verhältnis zueinander, und er hatte nach Julians Geburt noch mitbekommen, wie sich die Ereignisse in unserer Beziehung dramatisch zuspitzten. Doch eine Trennung von Frank lehnte er strikt ab und weigerte sich, mir vorübergehend finanziell unter die Arme zu greifen. »Wenn der Mann säuft, ist die Frau schuld!«, waren seine Worte. Solche Reaktionen waren typisch für meinen Vater, und ich brach wütend und enttäuscht den Kontakt ab.

Doch auch das Leben bei meiner Mutter und ihrem zweiten Mann war äußerst konfliktgeladen, obwohl meine Mutter vermittelte, wo sie nur konnte, und sich sehr liebevoll um mein Baby kümmerte. Wir schoben es auf meine unsichere Lebenssituation, die uns alle nervös machte.

Dummerweise hatte ich mein eigenes Konto einige Monate vor Julians Geburt aufgelöst. Ich besaß jetzt lediglich die Vollmacht über das Konto meines Freundes. Am Morgen nach meinem Auszug hob ich – quasi in letzter Minute – zweitausend Mark ab, und bereits am nächsten Tag war das Konto für mich gesperrt.

Nun erhielt ich nicht einmal mehr das Erziehungsgeld für Julian.

Doch Frank ging noch weiter. Böse und gekränkt über die Tatsache, verlassen worden zu sein, meldete er mein Auto, das auf seinen Namen lief, ab. Ich verbrachte den größten Teil der nächsten Wochen mit Behördengängen und Terminen bei Beratungsstellen wie »Frauen helfen Frauen e. V.«

Natürlich ließ ich mir so schnell wie möglich einen Termin bei einer Rechtsanwältin geben, die meine monatlichen Forderungen für Julians Unterhalt ausrechnete und Frank zur Zahlung aufforderte. Doch er weigerte sich natürlich zu zahlen. Etliche Wochen gingen ins Land, bis die Sache geklärt war.

In der Zwischenzeit hatte ich bei Gericht einen Antrag auf Überlassung der von uns angemieteten Wohnung gestellt. Angeblich sollte die Entscheidung schon nach wenigen Wochen fallen, doch es dauerte beinahe drei Monate, bis wir endlich einen Gerichtstermin hatten. Es war einer der schwärzesten Tage meines Lebens, denn das Gericht sprach Frank die Wohnung zu. Schließlich war ich ausgezogen und war »untergebracht«. Außerdem war mein Ex-Freund krank, und es war ihm nicht zuzumuten, auf Wohnungssuche zu gehen. Ich dagegen hatte ja »lediglich« einen Säugling zu versorgen und somit genügend Zeit, mir eine passende Unterkunft zu suchen!

Den Auftritt des Gegenanwaltes werde ich wohl immer in traumatischer Erinnerung behalten.

Ich kam mir wie eine Verbrecherin vor! Er beschrieb mich als gewissenlos und hartherzig, als eine Frau, die den kranken Vater ihres Kindes im Stich gelassen und noch dazu das Kind mitgenommen hatte.

Weinend verließ ich den Gerichtssaal.

Aber gerade jetzt durfte ich nicht aufgeben. Mein neues Leben hatte begonnen, und ich allein war verantwortlich für unser Baby, das der Mittelpunkt meines Lebens geworden war.

Also begann ich schon am nächsten Tag den Immobilienteil der Zeitung zu studieren und selbst zu inserieren. Aber die Suche nach einer Wohnung für Julian und mich stellte sich als sehr schwierig heraus.

Ich musste feststellen, dass eine alleinstehende Mutter mit Säugling und ohne eigenes Einkommen sofort als asozial eingestuft wird.

Im Oktober 1994 fand ich schließlich eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus mit vier Parteien. Die Vormieterin war ebenfalls eine allein erziehende Mutter mit einer fünfzehnjährigen Tochter und hatte beim Verwalter ein gutes Wort für mich eingelegt.

Schon während der Renovierungsarbeiten lernte ich meine zukünftigen Nachbarn kennen, ein Ehepaar mit zwei Söhnen, von denen der jüngere auch Julian hieß. Sie wurden schon bald meine Freunde. Sie mochten meinen Sohn von Herzen und waren so hilfsbereit, dass ich mich wie in einer großen, glücklichen Familie fühlte. So wie ich es mir immer gewünscht hatte.

Sobald wir eingezogen waren, dachte ich darüber nach, wieder arbeiten zu gehen. Doch meine Mutter und sämtliche Freunde, einschließlich meiner neuen Nachbarn, rieten mir dringend davon ab. Auch meine Rechtsanwältin erklärte mir, dass es nur gut für mein Kind sei, wenn ich uns beiden erst einmal etwas Ruhe gönnen würde.

Ich aber wollte keinen Pfennig von Frank haben. Der Gedanke, von diesem Mann finanziell abhängig zu sein, ließ mir keine Ruhe.

»Aber Frau Rosenfeld, für das Geld muss Ihr Freund doch nicht mehr arbeiten, er ist doch schon in Rente, und Sie sind zu Hause, damit Sie sich um seinen Sohn kümmern können. Sie selbst sind doch von ihm gar nicht abhängig!«, machte mir die Anwältin klar, also gab ich mich geschlagen.

Mittlerweile hatte ich Kontakte zu anderen allein erziehenden Müttern aufgenommen und begann, mein Leben zu genießen.

Julian war ein anstrengendes, eigenwilliges, aber sehr kontaktfreudiges Kleinkind und beanspruchte mich vollständig.

Ich merkte sehr schnell, wie oft man als allein erziehende Mutter praktische Probleme zu meistern hatte. Bettlägerig krank zu sein war quasi unmöglich.

So kam ich auf die Idee, ein Netzwerk für allein Erziehende zu gründen. Mit Hilfe der Regionalpresse machte ich auf meine Idee aufmerksam.

Bald kannte ich viele Mütter, die sich – genau wie ich – ständig Sorgen darüber machten, wie sie zurande kommen sollten, wenn sie selbst einmal krank würden. Selbst ganz normale Wünsche, wie alleine einkaufen zu gehen, ließen sich kaum erfüllen, sofern da nicht willige Verwandte waren, die das Kind beaufsichtigen konnten.

Mein Netzwerk funktionierte schon bald. Wenn ich krank wurde, ging Julian zu Anne oder Maria, wenn Maria nach Düsseldorf in eine Ausstellung wollte, brachte sie mir ihren Tommy. Und wir unternahmen natürlich viel gemeinsam.

Ich hatte Freude am Leben, viel Besuch und war oft unterwegs. Ich hatte mich freigeschwommen und liebte die Unabhängigkeit, selbst wenn es in finanzieller Hinsicht noch nicht ganz so weit war.

Julian war gerade eineinhalb Jahre alt, als ich Andreas, einen allein stehenden Vater mit seinem damals siebenjährigen Sohn, kennen lernte. Er brachte mich nach der schweren Zeit der Neuorientierung endlich wieder zum Lachen, er hörte mir zu, er schrie mich niemals an, und er akzeptierte mein Bedürfnis nach Freiraum. Ich litt noch unter den Folgen meiner letzten Beziehung und war auf der Hut, doch er drängte mich nicht.

Wir sahen uns zwar nur selten, telefonierten aber häufig und ausgiebig miteinander. Mit der Zeit spürte ich immer deutlicher, wie wichtig er mir wurde.

Ein Vierteljahr später fand ich schließlich wieder Arbeit als Fremdsprachensekretärin. Ich war froh und dankbar, dass man mich trotz eines kleinen Kindes vorbehaltlos einstellte, und schwor mir, mein Bestes zu geben.

Julian kam bei seiner Tagesmutter gut zurecht, mit ihr hatte ich einen wahren Schatz an Land gezogen.

Als es auf den Winter 95/96 zuging, schien sich mein Leben endlich normalisiert zu haben. Ich hatte mich immer stärker daran gewöhnt, dass nun Andreas in meinem Leben war, und einige Meinungsverschiedenheiten hatten wir ruhig ausdiskutiert. Mit ihm konnte ich über alles sprechen, sodass ich langsam zu hoffen begann, dass unsere Beziehung eine Chance haben könnte.

Seinen Sohn hatte ich längst in mein Herz geschlossen, und er zeigte eine beinahe brüderliche Zuneigung zu Julian, der den Größeren natürlich anhimmelte. Dennoch versuchte ich, die Kinder so gut wie möglich aus der Beziehung herauszuhalten, denn zuerst wollte ich mir sicher sein, dass es auch eine Zukunft für uns gab.

Ich wollte Julian vor einem allzu großen Trennungsschmerz bewahren, und ich selber hatte auch Angst davor.

Nur ein Mal übernachtete ich allein bei Andreas, während die Kinder bei ihren Großeltern untergebracht waren.

Als ich am nächsten Morgen neben Andreas aufwachte, merkte ich erst, wie sehr ich die Geborgenheit bei einem Mann vermisst hatte.

Am zwölften Januar feierte Julian seinen zweiten Geburtstag. Und eine Woche später wusste ich, dass ich von Andreas schwanger war.

Ich war fassungslos und konnte es anfangs gar nicht glauben. Da hatte ich sieben Jahre alles unternommen, um ein Kind zu bekommen, nun nahm ich die Pille, hatte eher unregelmäßigen Geschlechtsverkehr und war trotzdem schwanger geworden!

So groß der Schock im ersten Moment auch war, an einen Abbruch dachte ich nie, auch wenn ich wusste, dass Andreas auf keinen Fall ein weiteres Kind wollte. Obwohl ich Angst vor dem hatte, was auf mich zukommen würde, war ich bereit, jede Hürde zu nehmen.

Mein Baby sollte leben.

Und falls es ein Mädchen werden würde, würde ich sie Regine Gisela nennen.

Kapitel 2

Die Erste, die davon erfuhr, war meine Mutter. Sie reagierte abweisend und versuchte, mich dazu zu bewegen, die Schwangerschaft abzubrechen.

Sie dachte, dass ich mit einem zweiten Kind überfordert wäre, und sah sich bereits in der Rolle der Tagesmutter.

Nachdem meine Mutter mir die Unmöglichkeit einer Schwangerschaft vor Augen gehalten hatte, war ich auf eine harte Konfrontation mit Andreas vorbereitet. Darum sagte ich mir, dass ich versuchen wollte, es ihm so leicht wie möglich zu machen.

Doch das lief von Anfang an schief. Als ich ihm sagte: »Ich bin schwanger!«, war seine Reaktion bezeichnend: »Oh, nein, ich werde nie wieder eine Beziehung zu einer Frau aufbauen können!«

Das reichte mir. Am liebsten hätte ich ihn sofort vor die Tür gesetzt.

Nachdem er mir allerlei Vorträge darüber gehalten hatte, was er alles hätte tun müssen, um nicht von mir »reingelegt« zu werden, sagte ich nur, dass ich das Kind behalten, ihm aber keinerlei Vaterschaftspflichten auferlegen würde. Ich gab ihm zu verstehen, dass er sofort und für immer aus meinem Leben verschwinden und sich sicher sein könnte, dass ich mich nie mehr bei ihm melden würde.

Falls er mir jedoch zur Seite stehen wolle, würde ich seine Hilfe gern und dankbar in Anspruch nehmen. Denn eine Schwangerschaft alleine durchzustehen sei nicht gerade mein Lebenstraum.

Wir drehten uns im Kreis. Immer wieder erklärte er mich für verrückt, weil ich nicht abtreiben wollte.

Ich erzählte ihm sogar die schreckliche Geschichte meiner Abtreibung und gestand ihm mein Unvermögen, damit fertig zu werden. Doch er verstand mich nicht, vermutlich, weil er es nicht wollte.

Als ich ihm dann erklärte, dass ich in meinem Alter und nach allem, was ich vor Julian durchgemacht hatte, diese Schwangerschaft als Geschenk betrachtete, das ich nicht ablehnen dürfe und es auch nicht wolle, starrte er mich nur völlig entgeistert an.

»Wo ist denn da die Basis?«, fragte er panisch.

»Ein Kind ist immer eine Basis«, sagte ich ihm.

Dem folgten schwerste Beleidigungen, die er mir vermutlich nur aus Verzweiflung an den Kopf warf. Trotzdem setzte ich ihn vor die Tür.

Mir war schlecht von seinen Worten und von den unzähligen Zigaretten, die er in meinem kleinen Wohnzimmer geraucht hatte.

Gut, dachte ich, das Kapitel ist abgeschlossen. Aber sein Kind werde ich trotzdem bekommen.

Seltsamerweise empfand ich weder Trauer noch Wut, obwohl an diesem Abend unsere Beziehung in die Brüche gegangen war.

In dem Augenblick, in dem er von mir verlangt hatte, unser Kind abzutreiben, hatte ich aufgehört, ihn zu lieben.

Ich wusste, dass ich ihn nicht vermissen würde.

Ich verbrachte viele schlaflose Nächte und dachte darüber nach, ob ich eine Chorionzottenbiopsie vornehmen lassen sollte. Bei dieser Untersuchung wird Gebärmuttergewebe untersucht. Mit dieser Methode können noch früher als bei der Fruchtwasseruntersuchung Behinderungen nachgewiesen werden.

Dr. Horwarth war fest von der Notwendigkeit dieser Untersuchung und ihrer Unbedenklichkeit überzeugt. Doch eine innere Stimme sagte mir, dass dieser Eingriff nicht gut für mein Baby sei.

Ich holte noch die Meinung eines weiteren Arztes ein, doch die Angst, später mit einem behinderten Säugling und meinem aufgeweckten Zweijährigen allein dazustehen, gewann schließlich die Überhand.

Außerdem beunruhigten mich die Blutungen, die seit zwei Wochen anhielten und wegen denen ich das Bett hüten musste. Sie hatten an einem Samstagabend eingesetzt, und voller Panik hatte ich Dr. Horwarth angerufen.

Der Gynäkologe verschrieb mir Hormonpräparate und verordnete strikte Bettruhe, wofür mein Arbeitgeber überhaupt kein Verständnis hatte. Er teilte mir telefonisch mit, dass er mir kündigen werde, weil ich mit meiner Schwangerschaft seine Arbeit gefährde. Er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen. Kündigung oder Auflösungsvertrag, hieß es nur. Ich solle mich mit der Verwaltung in Verbindung setzen. Natürlich hatte diese Ankündigung juristisch weder Hand noch Fuß; so lapidar konnte man mich nicht entlassen, schon gar nicht in der Schwangerschaft. Aber für mich war es nicht der Zeitpunkt, mich zur Wehr zu setzen. Ich war psychisch zu labil und angeschlagen.

Ich brach zusammen, bekam am Abend heftige Unterleibsschmerzen. Meine Freundinnen wurden aktiv und waren bis zu dem Montagmorgen, an dem ich die Chorionzottenbiopsie vornehmen ließ, abwechselnd bei mir.

Am Montag, dem 26. Februar, wurde ich um sieben Uhr morgens vom Leiter des ambulanten Pflegedienstes abgeholt, der in den letzten zwei Wochen schon bei uns ein und aus gegangen war und sich um mich und auch um Julian gekümmert hatte.

Für uns war er eine unvorstellbare Hilfe gewesen. Er fand genau die richtige Art, mit Julian umzugehen, vielleicht auch, weil er selber drei Kinder hatte.

Mein Sohn war zwar nicht schwierig im Umgang mit anderen Menschen, aber er ist sehr sensibel, und gerade fremde Männer im Umfeld seiner Mutter machen ihm Angst.

Herr Liebau vom Pflegedienst brachte an diesem Februarmorgen Julian erst zu seiner Tagesmutter und fuhr dann mit mir nach Düsseldorf in die Praxis, die mir Dr. Horwarth für den Eingriff empfohlen hatte.

Die Fahrt nach Düsseldorf war lang und quälend.

Aufgrund des montagmorgendlichen Verkehrs kamen wir erst um halb zehn zum Termin. Zweieinhalb Stunden Fahrt, in denen ich immer wieder an meiner Entscheidung zweifelte und höllische Angst davor hatte, dass die Untersuchung eine Fehlgeburt auslösen könnte.

In der Praxis, die so voll war, dass ich keinen Sitzplatz mehr bekam, musste ich etwa eine Stunde warten.

In dem folgenden Aufklärungsgespräch mit einer netten jungen Ärztin erfuhr ich, dass es nur ein Risiko von etwa einem Prozent gab, dass mein Baby an einer genetischen Veränderung erkrankt sein könnte. Da wollte ich schon fast wieder gehen.

Ein Prozent – das heißt, nur ein Baby von hundert gesunden wird mit Trisomie 21 (auch Down Syndrom genannt) oder einer anderen genetischen Erkrankung geboren.

Wäre es nicht völliger Wahnsinn gewesen, deshalb ein solches Risiko einzugehen?

Die Ärztin beruhigte mich und versicherte mir, dass das Risiko einer Fehlgeburt in dieser Praxis bei gerade einmal 0,4 Prozent lag. Sie versprach mir, dass ich nach zwei Tagen eine Kurzzeitanalyse und nach zehn Tagen das endgültige Ergebnis bekäme. Und so unterschrieb ich das Formular.

Die Untersuchung war schrecklich.

Ich lag flach ausgestreckt auf einer harten Liege. Überall im abgedunkelten Raum blinkten Monitore, die das Ultraschallbild zeigten.

Ich schloss die Augen, denn ich konnte es einfach nicht mit ansehen, wie mein kleiner Zwerg in meinem Bauch voller Panik vor der dicken Nadel flüchtete.

Die Ärzte waren zwar sehr verständnisvoll und fürsorglich, doch auch sie konnten nichts daran ändern, dass es aus irgendeinem Grund so schwierig war, bei mir an Chorionzotten zu kommen.

Die Stecherei in meinen Bauch war äußerst schmerzhaft und dauerte mindestens fünf Minuten. Ich hatte das Gefühl, als würde meine Gebärmutter von innen aufgeschlitzt, und starb beinahe vor Angst um mein Kind. Ich war fest davon überzeugt, dass diese Prozedur meinem Baby nur schaden konnte.

Und in diesen schrecklichen Minuten stiegen gleichzeitig Wut und Trauer in mir auf, weil ich all das allein durchzustehen hatte.

Vermutlich hätte ich mich nie auf diese Tortur eingelassen, wenn Andreas mir voller Zuversicht versichert hätte, dass auch er das Baby wollte.

Doch wie in allen entscheidenden Phasen meines Lebens war ich auch jetzt mal wieder allein.

Das war auch der Grund, weshalb ich diese ganze Prozedur als so bedrohlich für meine Schwangerschaft empfand.

Nach der Untersuchung lag ich eine halbe Stunde in irgendeiner Kabine und versuchte, zur Ruhe zu kommen.

Herr Liebau war bei mir. Es war gut, wenigstens einen Menschen zu haben, der verstand, wie sehr ich dieses Baby wollte.

Zwei Tage später bekam ich aus der Düsseldorfer Praxis die Nachricht, dass es keine Kurzzeitanalyse geben würde, da so wenig Untersuchungsmaterial zur Verfügung stand, dass diese für die Langzeitkultur benötigt würde. Man vertröstete mich und sagte, ich müsse noch fünf Tage warten.

Am nächsten Dienstag rief ich wieder an. Man reagierte sehr unfreundlich und sagte, ich müsse mich bis mindestens Donnerstagabend gedulden.

Freitagmorgen waren zwölf Tage seit der Untersuchung vergangen.

Ich hatte mir einen Termin beim Arzt geben lassen, denn ich hatte nicht mehr die Nerven, ein drittes Telefonat zu führen.

Der Arzt teilte mir nur mit, dass wieder kein Ergebnis vorläge und dass ich allerhöchstens auf eine vorläufige Analyse um 14 Uhr hoffen könnte.

Mittlerweile war ich nervlich so fertig, dass ich mit einem schlechten Ergebnis rechnete.

Das ist das Fatale an pränatalen Untersuchungen: Die negative Erwartungshaltung wird so hoch, als läge die Wahrscheinlichkeit eines schlechten Befundes nicht bei einem Prozent, sondern bei mindestens achtzig Prozent.

Völlig frustriert fuhr ich wieder nach Hause.

Kaum hatte ich meine Wohnung betreten, läutete das Telefon. Die Düsseldorfer Praxis. In der letzten halben Stunde hatte eine Biologin mein Zellmaterial untersucht und war zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: Ein gesundes Mädchen entwickelte sich in meinem Bauch.

In dem Augenblick hätte ich die ganze Welt umarmen können!

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