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Ich habe keinen Gott. Aber Gott hat mich.

Inhaltsübersicht

Die Künstler und die Religion

I. Dichtung und Wahrheit – das Gute und das Schöne

Nach Wahrheit suchen. Lessings Gedanken über Glaube, Vernunft und Toleranz

»Die Stimmen wägen, nicht zählen«. Poesie, Pathos und Pöbel bei Friedrich Schiller

»Ich dich ehren? Wofür?« Goethes prometheisches Programm

Das Geheimnis der Welt in allen Kulturen wiederfinden. Zur kosmopolitischen Religiosität Hermann Hesses

II. Wie Glaube berührt und verwandelt

»Geh aus, mein Herz, und suche Freud«. Die Lieder Paul Gerhardts

»Und doch war das Leben so schön«. Musik als Erlösung bei Wolfgang Amadeus Mozart

»Vertrauen, dieses schwerste ABC«. Ein Brief an Hilde Domin

»Wieviel Erde braucht der Mensch?« Tolstoi als radikaler Jesus-Nachfolger

Ein ermutigender Freund hilft, die Ohnmacht zu überwinden. Dorothee Sölle lehrt beten und widerstehen

III. Die Zweifel der Suchenden: Begleiter aus der Krise

»Ich habe keinen Gott. Aber Gott hat mich.« Ernst Barlachs Suche nach dem Letzten im Vorletzten

Ein Dokument der Subversion und des Aufbruchs. Wie Franz Fühmann die Bibel auslegt

Das Prinzip Zweifel. Bert Brecht provoziert das richtige Fragen

Anmerkungen

Die Künstler und die Religion

»Was die Welt im Innersten zusammenhält« – dies zu ergründen, ist ein Urmotiv der Künstler. Zwölf stelle ich in diesem Buch vor.

Sie alle haben mich gelehrt zu fragen und weiterzufragen; sie haben mir Türen geöffnet, hinter denen sich neue Türen auftaten. Sie haben mich durch die Schönheit, Vielfalt und Klarheit ihrer Sprache, ihrer Musik, ihrer Bilder und Figuren fasziniert, gebildet und motiviert.

In keinem Fall bin ich ein Experte, in jedem Fall ein Liebhaber.

Ich lese, höre und sehe sie als Theologe. Sie alle haben sich nicht mit einfachen Antworten begnügt; sie haben die »letzten Fragen« im Kontext der »vorletzten Fragen« gestellt.

Gott ist für jeden eine ganz eigene Herausforderung, für keinen ein religiöses Dogma oder eine fromme Ausrede, für einige das Geheimnis des Lebens schlechthin.

Und so kommt auch der Missbrauch des Wortes Gott wie der Religion überhaupt zur Sprache.

 

Allen voran steht Lessing, der uns im so genannten »Kampf der Kulturen« Hilfreiches zu sagen hat und zu einem Toleranzkonzept kommt, das sich den Härten des Lebens stellt und nicht idealistisch darüber hinwegträumt.

 

Goethe, der »große Heide«, blieb nicht frei von selbstvergottenden Zügen und hat zugleich die Friedensformel für (tödlich) konkurrierende Religion schlechthin gefunden:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle

Seine besondere Meinung preist!

Wenn Islam Gott ergeben heißt,

In Islam leben und sterben wir alle.

Friedrich Schillers Vision vom spielend glücklichen Menschen und von der Bruderschaft aller Menschen verschweigt nicht die Verführbarkeit des Menschen, schon gar nicht die Blutspur, die die Inquisitoren der Wahrheit hinterlassen haben.

 

Niemanden will ich christlich vereinnahmen, aber ich gehe den Spuren des Christlichen nach und finde viel gedanklich Weiterführendes, auch das, was wir Transzendenz nennen. Vor allem Hesses Gedichte und Essays eröffnen mir eine universalistische Weite des Glaubens – tröstlich und ermunternd.

 

»Das Wunder Mozart« bleibt ein Rätsel. Seine Musik hat etwas Lösendes und Erlösendes. Sie setzt in uns etwas frei: Gelöstheit, Heiterkeit, Freiheit, Glückseligkeit.

 

Seit der Kindheit bin ich umgeben von den schlichten Versen und herzbewegenden Melodien Paul Gerhardts, der den Glauben in den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zu bewahren verstand und christlichen Glauben in der Ich-Sprache zu fassen lehrt.

 

Leo Tolstoi hat in Leben und Werk offengelegt, wie tief der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit bleibt und wie Orthodoxie und Orthopraxie einander brauchen und miteinander zusammenhängen.

 

Ernst Barlach, kämpferischer Pazifist gegen eine nationalistisch verirrte Kirche, Schöpfer von Mahnmalen gegen den Krieg, die Helden nicht zu Opfern stilisierten, half schon dem 15-Jährigen, das Alleinsein und Alleinstehen zu bestehen: »Mann im Wind«, »der Zweifler«, »die Begegnung«.

 

Hilde Domin, die vertriebene deutschen Jüdin, schenkte uns nach ihrer Rückkehr Gedichte gegen die Endgültigkeit – Wegweiser zu einem immer möglichen Neubeginn.

 

Bertolt Brecht hat in seiner »Hauspostille« die Vertröstungsideologie aufs Korn genommen und im »Guten Menschen von Sezuan« die Frage nach dem guten Menschen, der guten Welt und den guten Göttern aufgeworfen und dabei immer das Erbarmen über das Recht der Herrschenden gestellt.

 

Franz Fühmann, geborener Katholik, erzogener Nazi, umerzogener Kommunist, vollzog in schmerzhaftester Ehrlichkeit den Abschied von allen ideologischen Täuschungen. Er wurde vielen, die in der DDR großgeworden sind, einer der wichtigsten Anreger und Zeugen des Jahrhunderts.

 

Die Theo-Poetin Dorothee Sölle gibt vom »Politischen Nachtgebet« bis zum Widerständigen in der Mystik dem christlichen Glauben als befreiender Kraft in bedrückenden Verhältnissen wirkmächtig Sprache.

 

Diese Liebeserklärungen mögen ermuntern, den Kunstwerken wieder – und wieder anders – zu begegnen.

Willst du ins Unendliche schreiten,

geh nur im Endlichen nach allen Seiten.

Willst du dich am Ganzen erquicken,

so mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken.

(Goethe)

Wittenberg, am 1. Advent 2006

I. Dichtung und Wahrheit – das Gute und das Schöne

Nach Wahrheit suchen Lessings Gedanken über Glaube, Vernunft und Toleranz

I.

Geht es im gegenwärtigen Streit zwischen westlicher und muslimischer Welt wirklich um »Gott« – also um Jahwe, Allah oder den Vater Jesu Christi?

Wie ein Dammbruch wirkten die mit Absicht schmähenden und höhnenden Karikaturen aus einer dänischen Provinzzeitung in der islamischen Welt. Mobilisierter Mob einerseits, tiefe Kränkung und Verletzung religiöser Gefühle andererseits. Lang Aufgestautes macht sich Luft.

Die Erregung kommt aus wiederholter Generalverdächtigung von Muslimen als Islamisten oder potentiellen Terroristen.

Der Westen fürchtet Überfremdung und Unterhöhlung, ohne selber noch recht zu wissen, welches die geistig-kulturellen Grundlagen der eigenen Kultur sind. Ein Gefühl für die Tiefe religiöser Gefühle haben hier nur noch wenige. Schnoddrig bis arrogant geht man im Namen der Freiheit, in der alles erlaubt scheint, darüber hinweg. Wie ist das mit der »Würde«, von der in Art. 1 GG die Rede ist?

Politische und ökonomische Demütigung wird überlagert von religiös-kultureller Differenz. Ein Aufschaukelungsprozess ist im Gange. Bekräftigung der Pressefreiheit hier, Klagen über Verletzung der Würde durch Verletzung innerster Gefühle dort. Friedliche Proteste neben gewaltsamen Ausschreitungen, diplomatische Klugheit hier, gesteuerte Volkswut dort.

Inwieweit geht es dabei aber um »Gott«? Inwieweit geht es um islamisch getarnten Terrorismus, inwieweit um westliche Grundwerte, inwieweit um globale Macht- und Ressourcenansprüche?

Von gegenseitigem Verstehen sind wir weit entfernt – von einem fruchtbaren Dialog ohnehin. Vorurteile und Ängste grassieren auf beiden Seiten. Lessings Nathan geht in eine neue Runde – zwischen Scylla Fundamentalismus und Charybdis Relativismus.

Es gehört zu den seltenen Glücksfällen der geistigen Kultur, wenn drei Männer wie Lessing, Nicolai und Mendelssohn zusammentreffen. Alle drei sind – wie Nicolai erzählt – in der Blüte ihrer Jahre, voll Wahrheitsliebe und Eifer und von unbefangenem Geiste.

»Keiner hatte gegen den anderen Mißtrauen oder die geringste Zurückhaltung, vielmehr beseelte uns alle das uneingeschränkteste Vertrauen. Daher entstand bei unsrem mehr als zwanzigjährigen sehr genauen Umgange auch nicht ein einziges Mal das geringste Mißverständnis, obgleich fast jede unserer Zusammenkünfte lebhafteste Disputation war, durch die, ohne Rechthaberei und Lehrerton, eine Menge Ideen bei jedem von uns heller wurden.«1

Es ist kaum zu glauben: da treffen drei Menschen zusammen, die von sich sagen, dass sie »dogmatisch« in ihren Prinzipien seien, womit sie meinten »kritisch«, denn ihre Prinzipien hätten sie ernsthaft untersucht und geprüft. »In höchstem Grade skeptisch« seien sie in allen Fragen geblieben. Das nennt man im 21. Jahrhundert »Aufklärung der Aufklärung«.

Lessing nahm in einer Disputation entweder die schwächste Partie ein oder suchte, »wenn jemand das Dafür vortrug, sogleich mit seinem Scharfsinne das Dawider« auf. Sie alle drei waren davon überzeugt, »daß in spekulativen Dingen sehr oft die gefundene Wahrheit nicht so viel wert ist als (vielmehr) die Übung des Geistes, wodurch man sie zu finden sucht.«2 Der Weg also qualifiziert das Ziel!

So haben sie – drei skeptische, kritische und von Prinzipien bestimmte Männer – ohne das geringste Missverständnis ihre Wahrheitssuche freundschaftlich, aber nicht kumpaneihaft oder parteiisch betrieben: ein in jüdischer Tradition verwurzelter Philosoph und Kaufmann, ein idealistischer, philosophisch bewanderter Dichter, zugleich Verleger und ein aus protestantischem Pfarrhaus stammender literarischer Freigeist und scharfsinniger Denker. Das eben macht große Geister aus: sie können auf Gesten der Macht verzichten, auch auf jegliche Selbstdurchsetzung des Stärkeren oder auf jene egomanische Attitüde, die Künstlern oft eigen ist.

Der Weg, sich einer Wahrheit zu nähern, war ihnen allemal wichtiger als das Ergebnis. Dabei waren sie durchaus auf ein Ergebnis aus. Ihr Nachdenken und ihr Vorausdenken betrieben sie nicht als bloßes Gedankenspiel. Ums Große und ums Ganze ging es genauso wie ums Kleine, Einzelne, Konkrete. Solcherart zu denken ist allen orthodoxen Fundamentalisten, übelnehmenden Kleingeistern und vor allem all jenen suspekt, die das Argument der Macht geschickt zu handhaben wissen, weil es ihnen an der Macht der Argumente fehlt.

Wer in solchem diskursiven oder dialogischen Denken zu Hause ist und zu Hause bleibt, der weiß letztlich um das Geheimnis der Wahrheit und weiß um die Gefahr, die von jenen ausgeht, die sich als Wahrheitsbesitzer wähnen.

Einen Mann wie Lessing allerdings zeichnet aus, dass er nicht alles infrage stellt und lediglich alle Argumente aufsammelt, die für Skeptizismus oder gar für Nihilismus sprechen, sondern dass er Position bezieht und diese vertritt, statt sich in entscheidungslosen Relativismus zu flüchten: Feines Denken ist kein feiges Denken!

Nichts erklärt eindrücklicher, einfacher und einleuchtender, worum es Lessing geht, wenn er mit dem Wort Gott umgeht, als die folgende Passage aus dem so genannten »Fragmentenstreit«.

»Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen, denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: ›Wähle!‹ Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ›Vater, gieb, die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!‹«3

Viele, die Lessing gern zitieren, lassen den zweiten Teil weg (weil sie gern »Gott« wegließen – als ob es nur um die Suche selbst ginge, um jene aufrichtige Mühe, die indes nie zum Ziele gelangt, dieses ewige Grüblerische, etwa jenes nie ans Ziel gelangende Gottsuchertum. Lessing aber schließt seinen Gedankengang einerseits mit der Entscheidung »für den regen Trieb nach Wahrheit« und andererseits mit der demütigen Selbstbeschränkung, die geradezu etwas Erlösendes, etwas Entlastendes, etwas Förderlich-Vorläufiges für den Menschen hat: »Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.«

Goethe hat in seinen Gesprächen mit Eckermann treffend vermerkt, es sei doch merkwürdig, dass Lessing uns immer »erst jenen philosophischen Weg durch Meinung, Gegenmeinung und Zweifel herumführt, ehe er uns endlich zu einer Art von Gewißheit gelangen läßt«.

Lessing und Goethe scheinen sich hier ganz einig, dass es auch um Gewissheit geht, statt um ein gänzliches Offenlassen aller großen Fragen. Goethe wie Lessing ist eine gewisse Affinität zum muslimischen Denken eigen, die Goethe 1819 in jenem berühmten Gedicht aus dem »Buch der Sprüche« im »West-Östlichen-Divan« so formuliert hat:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle

Seine besondere Meinung preist!

Wenn Islam Gott ergeben heißt,

In Islam leben und sterben wir alle.

Dies könnte, meint Karl-Josef Kuschel, fast ein Kommentar zur Ringparabel sein; es geht nicht bloß um Anstrengung, schon gar nicht bloß um moralischen Erweis der Wahrheit, sondern um jene letzte Ergebenheit in Gott, aus der heraus das Suchen erfolgt, statt etwas Geoffenbartes nur zu glauben.

II.

Lessing hält dem Vorwurf des Hamburger Hauptpastors Melchior Goeze, »der Bibliothekar in Wolfenbüttel habe [ihm] … nichts zu befehlen«, entgegen: »Sehr wahr! Aber was hat denn der Hautpastor in Hamburg dem Bibliothekar in Wolfenbüttel zu befehlen, daß er ihn öffentlich vorladen darf, auf eine Frage zu antworten, die voraussetzt, daß er befriedigend nicht darauf antworten könne?«

1778 meint Lessing in seiner Vorrede zum letzten von ihm herausgegebenen Reimarus-Fragment, »daß man nach der Lektüre (dieses Religionskritikers) wenigstens aufhören wird, seinen Verfasser als einen Wahnsinnigen zu verschreien, der die Sonne mit einem Schneeballe auslöschen will«.

Einer, der die Religion kritisiere, die in Texten und heiligen Büchern fixiert sei, sei doch nicht jemand, der »die Sonne mit einem Schneeballe auslöschen will«.

Kritische Untersuchung der Glaubensgrundlagen hat keine Angst vor der Zerstörung derselben, sondern weiß um die »innere Wahrheit« der Religion. Dazu ist nach Lessings Urteil der Hauptpastor Goeze nicht in der Lage. Er sei der einzige Theologe, »der zugleich so stolz und so klein von der christlichen Religion denket. Dazu ist er der einzige, der es mir verübelt, daß ich die Flut lieber nach und nach durch den Damm zu leiten suche, als den Damm auf einmal will übersteigen lassen« – also die Flut überschwappen zu lassen.

Lessing achtet die gelehrten Theologen und plädiert unentwegt für den mündigen Christen, der sich von den gelehrten Theologen seinen Glauben nicht vorschreiben lassen solle. Stets denkt er in These und Antithese – genau diese Methode kann die Wahrheit einer Lehre stützen. »Auch das, was Gott lehret, ist nicht wahr, weil es Gott lehren will: sondern Gott lehrt es, weil es wahr ist.«

Die Theologen warnt er vor der Enge. Der Theologe sollte nicht wie »der furchtsame Soldat [sein], der sich an den Grenzfestungen den Kopf zerstößt und kaum das Land darüber zu sehen bekommt.«

Er führt einen Kampf gegen die Buchstabengläubigkeit, für ihn ist die Erkenntnis, auch die Gotteserkenntnis, nicht mit der Bibel abgeschlossen. Er sucht nach der Wahrheit der Religion in der Religion. Er nennt das »die innere Wahrheit«, die nicht von einzelnen Buchstaben oder fest umrissenen Büchern abhängt. Wie ein prophetischer Weheruf wirkt das, was er über den zu selbstgewissen Prediger kommen lässt, der da meinte, sein Weg zur Wahrheit zu kommen sei der einzige:

»O über den Mann, allmächtiger Gott! der ein Prediger deines Wortes sein will, und so keck vorgibt, daß du deine Absicht zu erreichen, nur den einzigen Weg gehabt, den du dir gefallen lassen, ihm kund zu machen! O über den Gottesgelehrten, der außer diesem einzigen Wege, den er sieht, alle anderen Wege, weil er sie nicht sieht, platterdings leugnet! – Laß mich, gütiger Gott, nie so rechtgläubig werden, damit ich nie so vermessen werde!«

Lessing geht es bei aller Schärfe der Auseinandersetzung letztlich um Vermittlung, nicht um Entgegensetzung. So sieht er, wie haltlose Spötterei über den Glauben grassiert und die Theologie und die Theologen verächtlich gemacht werden. Es bestünde ein tiefer Graben, über den hinweg es kaum noch einen fruchtbaren Dialog geben könne.

»Seichtigkeit und Spötterei auf der einen Seite, hat man nicht selten mit Stolz und Naserümpfen auf der anderen erwidert. Man hat sich sehr beleidiget gefunden, wenn der eine Teil Religion und Aberglauben für eins genommen: Aber man hat sich kein Gewissen gemacht, Zweifel für Unglauben, Begnügsamkeit mit dem, was die Vernunft sagt, für Ruchlosigkeit auszuschreien. Dort hat man jeden Gottesgelehrten zum Pfaffen, hier jeden Weltweisen zum Gottesleugner herabgewürdiget.«

Über zweihundert Jahre schleppen wir jenen Gegensatz von »Glaube und Vernunft« jetzt mit uns herum. Billige Kritik auf beiden Seiten statt Hören der je anderen Position zur Vertiefung und Verbreiterung der Erkenntnis!

Es ist eine Quasi-Inquisition, der sich Lessing gegenübersieht.

Er hat sich intensiv mit den Kirchenvätern beschäftigt und setzt voraus, dass die Kontroversen sachbezogen weitergehen können, »besonders, wenn es dem Herrn Hauptpastor gefallen sollte, sie von unserer übrigen Katzbalgerei abzusondern und ohne Vermischung mit neuen Verleumdungen zu behandeln.«

Wahrheitsbesitzern ist es eigen, dass ihnen die Antworten nicht nur wichtiger als die Fragen sind, sondern dass sie das Fragen allzu gern zu unterbinden wünschen.

In einer Rezension zum »Nathan« aus dem Jahr 1780 heißt es: »›Herrlich! Herrlich!‹ sprach der Sultan Saladin, als ihm Nathan die Geschichte mit dem Ring erzählt hatte. Herrlich! Herrlich! sprach das ganze Publikum, als es dieses vortreffliche Gedicht gelesen; die schwachköpfigen Hyperorthodoxen und die verunglückten Theologen … abgerechnet, deren Stimmen aber bekanntlich schon längst Null sind.«

Der Rezensent fährt fort, dies Stück sei das bleibendste Denkmal von der Freimütigkeit im Untersuchen und Prüfen solcher Gegenstände. Und darüber hinaus sei es das bleibendste Denkmal »von den Fortschritten unseres Zeitalters in der Kenntnis des wahren Gehalts unsrer und andrer Religionen und von der aus diesen Einsichten fließenden Verträglichkeit«.

Verträglich sollen unsere Wahrheiten sein – für den Einzelnen selbst und sein Leben, aber auch für den anderen, demgegenüber sie vertreten werden.

Lessing weiß sehr wohl, wie schwer es ist, sich von eingebläuten Traditionen zu lösen. Selbst der Aberglaube, in dem ein Mensch aufgewachsen ist und den er als solchen erkannt hat, verliert nicht sogleich seine Macht über den Menschen, sondern tritt als eine Art Langzeitmentalität immer wieder hervor. »Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten«, diagnostiziert er scharf.

Das Kriterium aller Wahrheit ist letztlich die Liebe. Lessing knüpft immer wieder an das Wort des Johannes an, »Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.« (1. Johannesbrief, Kapitel 4). Es geht Lessing nicht um die ontologische Frage nach dem »Sein Gottes«, nicht um das Subjekt »Gott«, sondern um seine Prädikate, um Barmherzigkeit und Brüderlichkeit. Wie Gott wirkt, so ist er.

In Lessings 1777 anonym publizierten Dialog »Das Testament Johannis« hinterlässt der greise Johannes nur ein einziges Vermächtnis: »Kinderchen, liebt euch!« Dies habe Johannes immer wieder wiederholt, und auf die Frage, ob das alles sei, habe der Jünger geantwortet: »Darum, weil es der Herr befohlen. Weil das allein, das allein, wenn es geschieht, genug, hinlänglich genug ist.«

Welches von beiden möge wohl das Schwerere sein, fragt Lessings fiktives Ich: »Die christlichen Glaubenslehren annehmen und bekennen? oder die christliche Liebe ausüben?« Die Antwort lautet: Gott ist nicht einfach »die Liebe«, sondern er ist ein Liebender, der einander Liebende will. Und er will sich selbst darin zeigen.

III.

Lessing sucht unablässig nach einer möglichen Vermittlung zwischen Glauben und Vernunft. Er strebt nach der Überwindung »des garstigen Grabens zwischen zufälligen Geschichtswahrheiten und ewigen Vernunftwahrheiten«.

Bis heute ist die Frage virulent geblieben, ob christlicher Glaube darin besteht, an bestimmte (wundersame) historische Tatsachen zu glauben oder aber eine existenzielle Wahrheit selber zu erleben. Bedeutet Glauben, zu glauben, also für wahr zu halten, dass etwa im Jahre 4 unserer Zeitrechnung in Bethlehem in einem Stall der Messias der Welt als ein armseliges Kind geboren und von drei Königen aus dem Morgenland nebst Hirten besucht worden sei? Oder geht es nicht vielmehr darum, ob ich glaube, dass mir der Heiland geboren wurde, der mir heute zum Licht für die Welt wird. Darin ist sich Lessing mit der existentialistischen Theologie eines Rudolf Bultmann im 20. Jahrhundert ganz einig.

Wie vergegenwärtigt sich etwas Vergangenes so, dass ich mit dem Erzählten gleichzeitig werde, ohne ein vorgefertigtes Dogma übernehmen zu müssen.

Lessing strebt nach »Erweisen des Geistes und der Kraft«. Wie können wir über den garstigen Graben der Geschichte springen, um vom Damals ins Heute, von einer zufälligen Geschichtswahrheit zur notwendigen Vernunftwahrheit kommen?

Lessing wendet sich im Anschluss an die »Fragmente« des Hamburger Orientalisten Hermann Samuel Reimarus – angesichts der Widersprüche, die sich in biblischen Schriften selbst finden – gegen die Lehre von der Verbalinspiration.

Melchior Goeze, einem der bedeutendsten Vertreter damaliger lutherischer Orthodoxie, ruft er geradezu pathetisch zu: »Ich will schlechterdings von Ihnen nicht als der Mann verschrieen werden, der es mit der lutherischen Kirche weniger gut meinet als Sie … Wer bringt uns endlich ein Christentum, wie du (er meint damit Luther) es jetzt lehren würdest; wie es Christus selbst lehren würde! Wer –?«

Bald darauf wird ihm die Zensurfreiheit des Wolfenbüttler Bibliothekars entzogen. Als Reaktion schreibt er das Drama »Nathan der Weise«. Wir verdanken dieses große Weltdrama geradezu einem schweren Konflikt, der asymmetrisch zulasten Lessings ausgetragen wurde.

Der Tochter des Reimarus, des wahren Verfassers der »Fragmente eines Ungenannten« gesteht er seine Absicht: »Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen.«

Wir verdanken vielleicht gerade jener Zensurmaßnahme jenen so großartigen künstlerischen Widerstandsimpuls.

Lessing erweist sich als glänzender Dialektiker. Er verlegt das Geschehen ausgerechnet nach Jerusalem und nimmt dem Streit mit dem Pastor Goeze seine Kleinlichkeit, indem er die großen Religionen in Gestalt ihrer besten Vertreter auf die Bühne bringt. Ein aufgeklärter Jude begegnet einem aufgeklärten Muslim und einem jungen Kreuzritter, der dazulernt. Der Patriarch repräsentiert dagegen die autoritär-inquisitorische Kirche.

Nicht das Christ- oder das Jude-Sein, sondern das Mensch-Sein steht im Mittelpunkt sowie alles, was den Getrennten an verbindender Humanität gemeinsam ist. Freilich lässt Lessing, anders als der kalt aufklärerische und latent antisemitische Voltaire, die Humanität durchaus in Religiosität gegründet sein.

Lessing ist kein Kronzeuge für einen heute gängigen Beliebigkeitspluralismus oder gar ein indifferentes anything goes, dem letztlich alle religiösen Entscheidungen und Unterscheidungen völlig gleichgültig sind.

Einerseits zählt nur die praktische Bewährung: »Jeder eifere seiner unbestochnen, von Vorurteilen freien Liebe nach.« Das ist keine platte Moral, denn andererseits erweist sich gerade die Kraft des Ringes, also der Religion selbst »mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, mit innigster Ergebenheit in Gott«. Die Wunderkraft des Ringes erweist sich gerade darin, dass sie »vor Gott und Menschen angenehm« macht.

Letztlich geht es in dem Stück nicht um eine bloße moralische Überlegenheit, insbesondere moralische Anstrengung um einen moralischen Vorzug der einen gegenüber den anderen. Lessing zielt auf eine politisch-religiöse Utopie, auf die Versöhnung der Verschiedenen, der er in einem symbolisch gespielten Umarmungsfest der Menschen verschiedenen Glaubens Ausdruck gibt. Stumm. Kein Wort mehr.

Es ist wie der Friedensgruß derer, die miteinander das Leben eucharistisch teilen. Es ist eine Apotheose der Brüderlichkeit, wie sie Schiller später in seiner Ode »An die Freude« überhöht. Das Gute tun Menschen nicht, um sich voreinander zu erweisen oder auf irgendeine Belohnung zu hoffen, sondern sie tun das Gute, weil es das Gute ist. (So im Paragraph 85 seiner Schrift »Die Erziehung des Menschengeschlechts«.)

Lessing weiß, wie schwierig der Weg in eine befreite Gesellschaft sein wird – ganz analog zu Luther, der vom Krebsgang sprach, in dem es manchmal vorangeht.

So heißt es im Paragraph 91: »Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln. – Laß mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehen!«

Die kleinen Zeichen sehen, statt daran zu verzweifeln, dass der »große Wurf« nicht gelingt!

In einer Welt der inneren und äußeren Zensur hat es der Einzelne nie leicht und muss eine vielfache List anwenden. So argumentiert Lessing, um die Zensur zu foppen, mit den Kirchenvätern Irenäus oder Origenes.

Er selbst findet sich in der Verhaltensweise seines Nathan wieder, seinem Freund Moses Mendelssohn ein Denkmal setzend.

Walter Jens charakterisiert Lessing so: »Wenn’s zur Entscheidung kommt, prescht Lessing nicht vor, sondern retardiert, besinnt sich, setzt ab und beginnt neu, stellt Fragen, trägt Einwände vor, bringt den Partner ins Spiel, entwickelt Alternativen und trägt, in dem ihm eigenen Akt des Laut-Denkens, ein dialektisches Exerzitium vor. Wahrheit, so die Quintessenz der Überlegungen, ist keine Münze, die sich rasch und bar aufs Brett zählen läßt.«4

Unübertroffen Nathans Monolog, nachdem Saladin von ihm überraschend »Wahrheit«, nichts als die Wahrheit wollte.

… als ob die Wahrheit Münze wäre! …

Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf

Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier »der Jude«?

Ich oder er? – Doch wie? Sollt er auch wohl

»Die Wahrheit« nicht in Wahrheit fordern? – …

Ich muß behutsam gehen!

Im Patriarchen zeichnet er einen Typen, der voll dumpfer Rechthaberei ist, geradezu das Schreckbild eines Anwalts institutionell verfasster Religion, ein bornierter Orthodoxer, der nie im Bannkreis des Lichts gewesen ist, wo Vernunft und Offenbarung einander begegnen. Ein Todfeind jeglicher Gesprächskultur.

Wer einen echten Dialog sucht, setzt auf Spontaneität, individuellen Ausdruck, situationsbezogene Rede, Entdeckung des Ichs in anderen, nicht Disziplinierung, sondern Lust, Be-Denken, auch Lachen.

IV.

Im Entwurf der Vorrede für sein Stück bekennt Lessing unumwunden: »Nathans Gesinnung gegen alle positive Religion ist von jeher die meinige gewesen.«

Von jeher! Hatte er nicht bereits mit zwölf Jahren bei der Aufnahmeprüfung für Sankt Afra aus eigenem Antrieb seinem kleinen Aufsatz – schon damals unerschrocken, scharfsinnig und wortgewandt – einige lateinische Sätze hinzugefügt. Es sei barbarisch, zwischen den Völkern einen Unterschied zu machen, da doch alle von Gott geschaffen und mit Vernunft ausgestattet worden seien; besonders Christen gezieme es, den Nächsten zu lieben; Christus zufolge sei derjenige der Nächste, der unserer Hilfe bedürfe und – so folgerte Lessing – da wir alle der Hilfe der anderen bedürften, seien wir alle untereinander Nächste. Und genau deshalb sollten wir die Juden nicht verurteilen, obwohl sie Christus verurteilt haben, und auch die Mohammedaner nicht verurteilen, schließlich sei niemand ein Barbar, außer, wer inhuman und grausam ist.

So redet bereits der Zwölfjährige. Ganz autonom deutete er biblische Texte, über die er in seinem Elternhause ausführlichst unterrichtet worden war. Früh nahm er sich das Recht eigener Interpretation.

Lessing betont die historische Relativität der religiösen Wahrheit – je nach dem Herkunftsort eines Menschen. Er sucht nach Transzendierung und Universalisierung dieses begrenzten Ortes.

Auf die Rechte der Menschheit kann man nicht dringen, wenn man nicht zugleich die Rechte jeder Minderheit reklamiert. Humanität – wie er sie von einer praxis pietatis Jesu her versteht – ist erst dann erreicht, wenn gegenseitiger Respekt garantiert ist, aus dem heraus sich die Religionen tolerieren. Anerkennen, nicht bloß dulden!

Der Glaube braucht ein Tun. Aber es ist ein Tun des Glaubens, Folge eines inneren Prinzips, einer inneren Überzeugung, einer tragenden, unverfügbaren Gewissheit, die sich in praxi zeigt, aber nicht mit dieser Praxis identisch ist. Der treibende Grund ist eben der jeweilige Ring.

Friedrich Jacobi hob in seinen Aufzeichnungen über Gespräche mit Lessing dessen Einverständnis mit Spinoza hervor. Bei seinem Besuch in Wolfenbüttel im Sommer 1780 hätten sie noch am Ankunftstage »über viele wichtige Dinge«, auch von Personen, moralischen und unmoralischen, Atheisten, Theisten und Christen gesprochen. Er habe Lessing das »Prometheus«-Gedicht vorgelegt.5 Nachdem Lessing es gelesen hatte, habe er erklärt: »Ich habe kein Ärgernis genommen; ich habe das schon lange aus erster Hand. … Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen έν ϰαί πᾶν als! 1* Ich weiß nichts anderes. Dahin geht auch dies Gedicht; und ich muß bekennen, es gefällt mir sehr.«

Jacobi führte diese Äußerung auf das pantheistische Gottesverständnis zurück, demzufolge der Eine identisch ist mit Allen und Allem, das Einzelne mit dem Ganzen, das Konkrete mit dem Abstrakten, das einzelne Sein mit dem Weltall. Lessing blieb indes eher ein Deist. Gott ist für ihn nicht das ewige, unbewegliche ferne Sein des Seins, sondern ein Gott in Bewegung, der einen Plan mit der Menschheit hat und sie in seiner Selbstbewegung in Bewegung hält.

Jacobi schreibt über Lessing resümierend: »Mit der Idee eines persönlichen schlechterdings unendlichen Wesens, in dem unveränderlichen Genusse seiner allerhöchsten Vollkommenheit konnte Lessing sich nicht vertragen. Er verknüpfte mit derselben eine solche Vorstellung von unendlicher Langeweile, daß ihm angst und weh dabei wurde.«

V.

Jacobi vermerkt, Lessing habe zum einen das έν ϰαί πᾶν als Inbegriff seiner Theologie und Philosophie bezeichnet und zum anderen ihm gegenüber bekannt, »aber ich bleibe ein ehrlicher Lutheraner«.

Was aber sollte das bedeuten? Lessing interpretierte sein Verständnis vom Luthertum in dem 1780, ein Jahr vor seinem Tode, herausgegebenen Traktat »Die Erziehung des Menschengeschlechts«.

Seine Grundthese: Gott ist in der Welt weiter wirksam. Seine Offenbarung zielt auf die Erziehung des Menschengeschlechts und einen immer weitergehenden Fortschritt menschlicher Vernunft. Dem Alten Bund sei der Neue Bund gefolgt. Aber Gott wirke weiter in der Menschheitsgeschichte.

Es sei die »nämliche Ökonomie des nämlichen Gottes«, der einen Plan zur allgemeinen Erziehung des Menschengeschlechts« verfolge.

Die Schwärmer früherer Zeitalter – er bezieht sich insbesondere auf Joachim von Fiore – hätten sehr richtige Blicke in die Zukunft gerichtet, aber sie seien zu ungeduldig gewesen, denn diesen großen Prozess könne man nicht übereilen, die Menschheit könne nicht aus ihrer Kindheit erwachsen ohne Aufklärung, nicht ohne Vorbereitung auf das neue, das »dritte Zeitalter«. Darauf folgt bei Lessing jener – oben bereits genannte – so bescheidene wie pathetische Appell an sich und seine Zeit.

In Paragraph 91 heißt es: »Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln. – Laß mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehen! – Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die Gerade ist.«

Lessing glaubt – unverdrossen – an den Fortschritt der Menschheit. Freilich gelange sie nicht auf dem geradesten, kürzesten Weg dorthin, sondern das große, langsame Rad bringe das Menschengeschlecht seiner Vollkommenheit Schritt für Schritt näher, und jeder einzelne Mensch müsse die Bahn selber zu durchlaufen haben. »Warum könnte jeder einzelne Mensch auch nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen sein?« Den Weg gehe die Menschheit und jeder einzelne Mensch mit Gott – samt allen Irrungen, Verirrungen und Irrtümern. Gott ist in allem wirksam. Im Vorbericht zum Traktat »Die Erziehung des Menschengeschlechts« schreibt Lessing: »Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unsern Irrtümern nicht?« Und in Paragraph 2: »Erziehung ist Offenbarung, … und Offenbarung ist Erziehung«. Erziehung gebe dem Menschen nichts, was der Mensch nicht auch aus sich selbst haben könnte. Auch Gott habe in seiner Offenbarung eine gewisse Ordnung, ein gewisses Maß halten müssen.

Lessing zeichnet die Geschichte des Volkes Israel nach und bettet sie in die Entwicklung des Menschengeschlechts insgesamt ein: »Während Gott sein erwähltes Volk durch alle Staffeln einer kindischen Erziehung führte, waren die andern Völker des Erdbodens bei dem Lichte der Vernunft ihren Weg fortgegangen. Die meisten derselben waren weit hinter dem erwählten Volk zurückgeblieben, nur einige waren ihm zuvorgekommen. Und auch das geschieht bei Kindern, die man für sich aufwachsen läßt; viele bleiben ganz roh; einige bilden sich zum Erstaunen selbst.« (§ 20)

Sicher hat Lessing hier die bedeutsamen Beiträge der Sumerer, Ägypter und vor allem der Griechen für die menschliche Zivilisation gewissermaßen »versteckt«.

In der Entwicklung der Menschheit hätten sich die Völker natürlicherweise zu Vielgötterei und Abgötterei hingezogen gefühlt, weil die Vorstellung von einem »einigen Gotte« keinen Bestand hatte. Gott habe das ungeschliffenste und verwildertste Volk ausgesucht (§ 8) und allmählich an den wahren Begriff des Einigen gewöhnt (§ 13). »Er erzog in ihm die künftigen Erzieher des Menschengeschlechts.« (§ 18)

Das jüdische Volk sei einerseits durch erlebte Wunder erzogen worden, andererseits durch unmittelbare sinnliche Strafen und Belohungen.

Wir würden heute sagen: Ein Volk hatte in seiner Geschichte Erfahrungen gemacht und diese Erfahrungen so gedeutet, dass ein geschichtliches Lernen daraus abgeleitet werden konnte – und weiter abgeleitet werden kann. Im Kontakt mit anderen Völkern hätten die Juden dazugelernt, ihre Begriffe erweitert, veredelt und berichtigt, auch ihre Vorstellungen erweitert, – ob nun von den Chaldäern und Persern oder von den griechischen Schulen der Philosophen in Ägypten. Dabei habe sich immer mehr ein Maßstab, ein besserer, richtigerer Maßstab herausgebildet: die Vernunft.

»Die Offenbarung hatte seine Vernunft geleitet, und nun erhält die Vernunft auf einmal seine Offenbarung.« (§ 36) Der entscheidende Verdienst des jüdischen Volkes war, dass die Juden ihren »Jehova« nicht bloß als den größten aller Nationalgötter erkannten, sondern Gott. (§ 39)

Im Elementarbuch der Juden (dem Alten Testament) sieht er Vorübungen, Anspielungen und Fingerzeige für eine positive Vollkommenheit, eingekleidet zunächst in Allegorien wie der Schöpfungserzählung, der Erzählung vom verbotenen Baum im Paradies oder vom Turmbau zu Babel. Anspielungen und Fingerzeige müsse man suchen und »mehr hineinlegen als darin liegt«. (§ 51) Dieses Elementarbuch habe sich erschöpft, und es musste »ein beßerer Pädagog kommen und dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus den Händen reißen. – Christus kam.« (§ 53)

 

Hier nun erst erschließt sich Lessings Verständnis von Erziehung. Die Erziehung besteht darin, zu wachsender Erkenntnis zu helfen, um zu einem zuverlässigen, vernunftgeleiteten, praktischen, für den Einzelnen wie für die Menschheit bedeutsamen Denken zu gelangen. Der Mensch kommt allmählich zur Ausübung seiner Vernunft. Das historische Verdienst gebührt den ersten Christen, die einer Wahrheit, »die Christus nur allein für die Juden bestimmt zu haben schien, einen allgemeinern Umlauf unter mehrern Völkern verschafft hätten«. So sind sie zu Pflegern und Wohltätern des Menschengeschlechts zu rechnen. (§ 62)

Die Lehren des zweiten Elementarbuches, die Schriften des Neuen Testaments, seien ein neuer Richtungsstoß für die menschliche Vernunft geworden. »Sie haben seit 1700 Jahre den menschlichen Verstand mehr als alle ander Bücher beschäftigt, mehr als alle anderen Bücher erleuchtet, sollte es auch nur das Licht sein, welches der menschliche Verstand selbst hineintrug.« (§ 65) Lessing bewertet das in diesem wirkungsgeschichtlichen Prozess Hineingelesene und gedankliche Hinzugetragene positiv. Die geistige Entwicklung als Menschheit schreitet in jedem eigenständig denkenden Subjekt fort.

Offenbarung und Vernunft, Verstand und Glaube, menschliches Empfangen und menschliches Tun kommen zusammen. Die Lehre von der Einheit Gottes komme aus dem Alten Testament, die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele aus dem Neuen Testament. Es könnten noch mehr Wahrheiten darin vorgespiegelt werden, »die wir nun als Offenbarungen nur so lange anstaunen sollen, bis sie die Vernunft aus ihren anderen ausgemachten Wahrheiten herleiten und mit ihnen verbinden lernen?« (§ 72)

Lessing kleidet seine gewagte theologische These in eine Frage. Für ihn ist indes klar, dass die Vernunft selber eine Erkenntnisquelle ist und mit den geoffenbarten Wahrheiten verbunden werden kann und muss: »… die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten ist schlechterdings notwendig, wenn dem menschlichen Geschlechte damit geholfen sein soll. Als sie geoffenbaret wurden, waren sie freilich noch keine Vernunftwahrheiten; aber sie wurden geoffenbaret, um es zu werden.« (§ 76)

Die Vernunft ist also eine göttliche Gabe und keine Nebenbuhlerin Gottes. Auf diese Weise findet Lessing keinen Gegensatz zwischen Offenbarung und Vernunft, Glauben und Wissen mehr. Ebenso wenig lässt er eine Entgegensetzung von Herz und Verstand zu. Wer seinen Verstand nur an dem üben wolle, was unsere körperlichen Bedürfnisse betreffe, der würde den Verstand »mehr stumpfen als wetzen«. Der Verstand wolle sich schlechterdings an geistigen Gegenständen üben und wenn er zu seiner völligen Aufklärung gelangen wolle, bringe er »diejenige Reinigkeit des Herzens hervor, … die uns die Tugend um ihrer selbst willen zu lieben fähig macht.« (§ 80)

Es geht nicht um Lohn und Strafe oder um irgendein anderes Drittes, das durch die Tugend zu gewinnen sei, sondern sie wird um ihrer selbst willen ausgeübt. Sie macht den Menschen fähig zu lieben. Das Gute wird getan, weil es das Gute ist. Das ist geradezu kantianisch gedacht.

Lessing sieht die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums gekommen. Es geht nicht mehr nur um die Erziehung eines Einzelnen, sondern um die allgemeine Erziehung des Menschengeschlechts, das im Lichte von Offenbarung und Aufklärung heranreift, einer Offenbarung, die nicht der menschlichen Vernunft entgegensteht, und einer Aufklärung, die sich darüber klar ist, wohin sie Menschen erziehen will.

Gewiss werde die Zeit der Vollendung kommen, »da der Mensch, je überzeugter sein Verstand, einer immer bessern Zukunft sich fühlet«. (§ 85)

Hinter dieser Aussage steht nicht kalte Rationalität, sondern das gute Grundgefühl, in einer sich bessernden Zeit zu leben.

Hat sich Lessing in dieser Schrift eines Tricks bedient, um in einer Zeit geistiger Beschränkungen überhaupt etwas sagen zu können? War es nur die List eines scharfsinnigen, überlebensklugen Denkers, der im Übrigen eher seiner Vernunft als Gott vertraute?

Lessings theologisches Denken ist freilich nicht weit entfernt von der Korrelations-Theologie eines Paul Tillich, der Glaube und Lebenswelt in beständige Korrelation zu bringen versuchte, in einem gegenseitig befruchtenden Erkenntnis- und Gestaltungsprozess, wo keins im anderen aufgeht.

VI.

Lessing versteht Erziehung als Aufklärung und Aufklärung als Erziehung.

So nimmt es nicht wunder, dass er bereits in seinen ersten Hamburger Jahren (1767) ein deutsches Nationaltheater schaffen wollte, ein großes Humanitätsinstitut, das die Könige belehren, die Verderbtheit der menschlichen Natur und seine Bosheit bändigen und den Wilden zum Menschenbürger, Freund und Patrioten bilden sollte.

Das Theater sollte das werden, was den Christen die Kirche ist; die Kunst sollte die Leere der von jeder positiven Religion verlassenen Herzen ausfüllen und als moralische eine aufklärerische, als aufklärerische eine moralische Institution sein. Bloß moralische Institution wäre ein glattes Missverständnis!

Lessing blieb zeitlebens an einer doppelten Front: gegen die orthodoxen Theologen wie gegen die neumodischen. Die neumodische Theologie sei gegen die Theologie der Orthodoxen wie Mistjauche gegen unreines Wasser. Die biblischen Zeugnisse müssten vor dem Forum der Vernunft bestehen können, nicht vor dem Forum von Vernünfteleien.

Die biblischen Schriften sind unverzichtbarer und wesentlicher Teil des menschlichen Erkenntnisprozesses. Dieser Prozess geht weiter. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist nicht die Religion. Lessing will den breiten Graben der Geschichte überbrücken, der ferne Vergangenheit mit jeweiliger Gegenwart verbindet. Historische Tatsachen, also Vorgänge, die in einer ferneren oder näheren Vergangenheit liegen, dürften nicht zu ...

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