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Ich habe dich immer geliebt

Informationen zum Buch

Die eine Liebe, die uns ein Leben lang begleitet

Eine junge Frau erwacht eines Morgens in einer Klinik. Sie weiß weder, wer sie ist, noch wo sie sich befindet. Nur langsam setzt sich das Bild der vergangenen Monate zusammen, und sie beginnt zu begreifen, dass ihr etwas Schreckliches zugestoßen ist.

Ein junger Mann erfährt nach dem Tod seines Vaters von einem dunklen Geheimnis, das seine Familie über Jahrzehnte gehütet hat. Er muss sich mit den Schatten seiner Vergangenheit auseinandersetzen, denn diese drohen sein eigenes Familienglück zu zerstören.

Ein hochemotionaler Roman über die Suche nach der eigenen Identität.

Für Francis.

Und im Gedenken an meine liebe,
inspirierende Freundin
Winifred Annie Wright
(1915–2011).

PROLOG

Februar 2009

Die Vorhänge sind zugezogen, doch am Rauschen der Autos, die auf der Küstenstraße vorüberfahren, erkennt sie, dass es immer noch regnet. In der Nacht hatte es einen leichten Schneeschauer gegeben, den der Regen jedoch Gott sei Dank verdrängt zu haben scheint. Sie hasst Schnee; ihr schaudert schon beim Gedanken daran.

Da die Glühbirne der Deckenlampe nur ein mattes Licht abgibt, schaltet sie die Stehlampe an, wobei sich ihre Finger in den Fransen des Lampenschirms verfangen. Sie wirft erneut einen Blick auf den Brief, ein einzelnes Blatt Papier mit zwei gedruckten und von Hand unterschriebenen Absätzen. Irgendwie gelingt es ihr, das Zittern ihrer Hände so weit in den Griff zu bekommen, dass sie den Brief zurück in seinen Umschlag und diesen in die Tasche ihres Morgenmantels stecken kann. Auf einmal wird ihr bewusst, dass sich ihre Sinne schärfen. Sie darf jetzt nicht in Panik geraten. Sie muss einfach nur nachdenken. Der Augenblick kristallisiert, und sie nimmt gleichzeitig das leise Tellerklappern aus der Küche, den Geruch von angebranntem Toast, das Ticken der Küchenuhr, die sich zur nächsten Minute vorarbeitet, und den bittersüßen Geschmack von Orangenmarmelade auf ihrer Zunge wahr. Eilig verlässt sie das Wohnzimmer und geht durch den Flur ins Schlafzimmer, wo sie anscheinend das Radio angelassen hat. Sie lässt sich auf ihre Seite des Bettes sinken und fühlt sich kurz versucht, zurück unter die Laken zu kriechen, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als wäre noch Nacht.

Schwerer Schneefall in Teilen Südenglands löst größere Behinderungen in Londons Verkehrsnetz aus, verkündet John Humphrys gerade. Nach den Nachrichten werde er die Vorsitzende der Local Government Association befragen, ob sich Städte und Gemeinden besser hätten vorbereiten müssen. Es piept sechsmal zur vollen Stunde, acht Uhr. Sie versucht, sich auf die Nachrichten zu konzentrieren: Schnee; Schulen bleiben geschlossen; Finanzmarktkrise spitzt sich zu; Nick Clegg verspricht kleinere Schulklassen; starke Zunahme der Masern-Erkrankungen ›sehr besorgniserregend‹. Sie schaltet das Radio aus und sieht sich im Zimmer um, als wüsste sie nicht genau, wo sie ist. Sie braucht dringend frische Luft, frische Seeluft. Über der Stuhllehne hängt der Rock, den sie immer zum Gärtnern trägt, und auf dem Fußboden liegt ein Pullover. Sie benötigt natürlich auch Unterwäsche und ein Paar Socken. Doch während sie die Kleidungsstücke zusammensucht, fühlt sie sich allein von der Vorstellung, all das anziehen zu müssen, vollkommen überfordert. Entmutigt lässt sie sich erneut aufs Bett sinken, die Kleidungsstücke gleiten aus ihren Händen zu Boden. Sie muss nach draußen. Sofort. Wenn sie erst den Regen auf ihrer Kopfhaut und die salzige Luft auf ihrem Gesicht spürt, wird sie wieder klarer denken können.

Sie merkt erst, wie heftig es regnet, als sie die steile Betontreppe zur Straße hinaufsteigt. Die Bürgersteige sind überflutet, das Wasser strömt rauschend aus den Dachrinnen und stürzt aus den Regenrohren zu Boden. Vom Meer weht ein starker Wind, und sogar bis hier kann man die Wellen gegen die Ufermauer schlagen hören. Sie streicht sich die ergrauten Haare aus dem Gesicht, lässt den Regen auf sie niederprasseln und den Wind um den Saum ihres Morgenmantels peitschen. Der Umschlag knistert in ihrer Tasche; sie spürt ihn an der Hüfte.

Sogar für Hastings im Februar ist es kalt. Sie spürt das Stechen der Kälte in ihren Ohren, und der Regen fühlt sich eisig an. Sie weiß nicht, ob es am Wind liegt oder daran, dass wieder Februar ist, aber irgendetwas lässt die Erinnerung scharf umrissen und eiskalt zurückkehren und sich in ihrem Bewusstsein festsetzen.

Es ist 1962; die Nacht ist kalt und dunkel, und der Wind raubt ihr den Atem. »Pass auf!«, ruft er und zieht sie an sich, als ein Dachschindel auf den Boden kracht und sie nur knapp verfehlt. Mit einem noch viel lauteren Schlag fällt etwas, das wie der Teil eines Schornsteins aussieht, hinter ihnen auf ein Autodach. »Verdammt, wir werden hierbei noch draufgehen.« Er zieht sie am Arm in den Durchgang zwischen zwei Häusern. »Komm mit hier runter, raus aus dem Wind.«

War ihr in diesem Augenblick etwas auf den Kopf gefallen? Oder war das erst später passiert? An manchen Stellen leuchtet die Erinnerung klar auf, an anderen ist sie verschwommen.

Sie schwankt leicht und muss sich am Metallzaun festhalten. Durch den Lärm von Wind und Regen hindurch hört sie das Geräusch ihres eigenen Atems, genau wie in jener Nacht im Jahr 1962, als sie den Hügel hinunterrannte …

… hört sie das Klatschen ihrer eiligen Schritte auf dem Gehsteig. Der Sturm kommt von hinten, scheint ihr bei der Flucht zu helfen, also lässt sie sich von ihm tragen. Überall knallt und kracht es, Glas zerspringt, und irgendwo bellt ein Hund. Auf der Straße liegen so viele Trümmer, dass sie ständig über irgendetwas hinüberspringen muss. Es sieht aus, als wäre die Stadt bombardiert worden, doch der Krieg ist seit Jahren vorbei. Sie weiß, dass sie in Gefahr ist. Ein Stück Holz landet vor ihren Füßen, sie stolpert und stürzt zu Boden. Ihre Handflächen brennen beim Aufprall auf die kalten Steine, und sie schürft sich beide Knie auf; das allerdings bemerkt sie erst viel später.

Sie schüttelt die Erinnerung ab. Für einen Moment weiß sie nicht mehr, weshalb sie an einem derart ungemütlichen Tagesbeginn im Morgenmantel draußen steht, doch dann fällt es ihr wieder ein. Sie steckt die Hand in die Tasche und fühlt nach dem Brief. Er ist immer noch da, ganz real und nicht etwa nur ihrer Vorstellungskraft entsprungen.

Der gespenstische, durch den Wind verzerrte und abgehackte ferne Schrei einer Möwe lässt in ihr eine Woge der Traurigkeit aufsteigen, die so mächtig ist, dass sie ihr beinahe den Atem raubt. Sie nimmt den Brief aus dem Umschlag, entfaltet ihn und versucht, ihn im Wind ruhig zu halten, während sie die Worte noch einmal liest. Genau diesen Augenblick hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vorgestellt, und wie befürchtet hat er eine Falltür zu ihrer Vergangenheit geöffnet. Nun muss sie durch die Leere hindurchblicken, tief, tief hinein in die Dunkelheit.

Kapitel 1

November 2008

Der Nachmittag ist kalt und feucht, aber zumindest hat sich der Morgennebel aufgelöst. Während Jonathan Robson über den mit Kaugummis übersäten Schulhof läuft, spulen seine Gedanken zum Abend vor. Er möchte für ihren Hochzeitstag etwas Besonderes kochen – Enten-Confit mit pikantem Rotkraut und Kartoffelgratin; es ist ihm sogar gelungen, einen halbwegs vernünftigen alkoholfreien Wein aufzutreiben. Auf dem Weg zum Parkplatz bemerkt er eine neue Kritzelei an der mit Graffiti übersäten Wand des Naturwissenschaftsgebäudes: Mein Arsch riecht nach Äpfeln. Er muss grinsen; immerhin ist es originell und hat im Vergleich zu den anderen einen gewissen drolligen Charme. Er biegt um die Ecke und stößt mit Jerome Wilson aus der neunten Klasse zusammen, der einem hin und wieder auf die Nerven geht, aber doch insgesamt ein recht netter Junge ist. Jonathan hat ihn einmal erwischt, als er heimlich im Unterricht las, und sich schon auf das Schlimmste gefasst gemacht, als er ihn aufforderte, ihm seine Lektüre zu übergeben; von all den Sachen, die er im Klassenraum schon konfiszierte, ließ einiges selbst einen erwachsenen Mann erröten. Doch Jeromes Lektüre stellte sich als Buch über Dinosaurier heraus, und seitdem liegt der Junge ihm am Herzen.

Jerome sieht einen Moment lang erschrocken aus. »Alles in Ordnung, Sir?«, fragt er.

»Hallo Jerome. Sei so nett und mach die Zigarette aus.«

Jerome scheint zuerst leugnen zu wollen, doch Jonathan starrt demonstrativ auf die blassgrauen Rauchkringel, die hinter dem Rücken des Jungen in die Luft steigen. Er versucht, den köstlichen Zigarettengeruch nicht zu genießen. Jerome grinst kleinlaut, sieht nach rechts und links, nimmt noch einen hastigen Zug und drückt die Zigarette an der Mauer aus. »Tut mir leid, Sir.«

»Nun geh schon nach Hause, Jerome, dann werde ich so tun, als hätte ich nichts gesehen.«

»Danke, Sir. Wiedersehen.«

Er will gerade in den Wagen steigen, als sein Handy piept. Eine SMS von Fiona.

Sorry wegen heute Morgen. Wollte nicht direkt vor der Arbeit so auf dich losgehen. Die Hormone machen mich total launisch. Bis später, Kuss. Er antwortet sofort: Mir tut’s auch leid. Bin bald zu Hause. Kuss.

Fiona war in den letzten Wochen tatsächlich bissiger als sonst, aber auch er ist nicht gerade ein Sonnenschein gewesen. Er gähnt; die Müdigkeit macht ihn reizbar. Er muss diese Nacht unbedingt besser schlafen, denn viele weitere Nächte, in denen er nur daliegt und auf die Uhr starrt, während das Geplapper in seinem Kopf kein Ende nehmen will, wird er nicht mehr aushalten. Wenn er sich in den letzten paar Jahren erlaubt hat, sich diese Phase ihres Lebens vorzustellen, dann ist die Schwangerschaft in seiner Phantasie stets eine Zeit der Intimität und der freudigen Erwartung gewesen, doch bislang scheint es sich ganz und gar nicht in diese Richtung zu entwickeln. Die Verbindung zwischen ihnen beiden scheint sogar eher schwächer als stärker zu werden.

Der Verkehr auf der Shooter’s Hill Road im Süden Londons ist ein Albtraum. Die Autokette kriecht langsam durch Blackheath und kommt zwischendurch sogar ganz zum Stehen, so dass er es irgendwann aufgibt, sich darüber zu ärgern, und einfach hinaus auf die filigranen Silhouetten der Bäume blickt, die sich vor dem dunkler werdenden Himmel abheben. Es wird ein schöner Abend werden, es muss einfach – Jonathan will sich gar nicht ausmalen, dass sie sich an ihrem Hochzeitstag streiten könnten. Es ist ihr letzter Hochzeitstag als Paar, nächstes Jahr werden sie schon eine Familie sein. Die altbekannte Furcht schleicht sich in seine Gedanken. Sie bekommen ein Baby, und er wird das Gefühl nicht los, dass er mehr dafür tun sollte, auch wenn er nicht weiß, was. Er ist sich noch nicht einmal sicher, was er sagen soll. Es ist zwar für sie beide das erste Kind, doch er hat das Gefühl, dass Fiona in dieser Sache eindeutig die Expertin ist. Er wünschte, er hätte damals besser aufgepasst, als Malcolm und Cass ihre Tochter Poppy erwarteten. Wenn er ein so guter Vater wie Malcolm werden könnte, dann würde er nicht viel falsch machen.

*

Der Abend verläuft gut, sogar so gut, dass sie auf den Nachtisch verzichten und den Wein mit ins Bett nehmen, was sie früher recht oft getan haben, bevor ihre Versuche, ein Baby zu zeugen, mit so viel Sorge befrachtet und zu einer »Aufgabe« wurden, der sie sich mit Temperaturtabellen, Fruchtbarkeitskalendern und spezieller Ernährung näherten.

»Alles Gute zum Hochzeitstag«, flüstert sie, drückt ihn auf den Rücken und setzt sich auf ihn. »Ich hatte keine Zeit mehr, dir ein Geschenk zu besorgen. Aber vielleicht tut es das hier ja auch?«

Er grinst. Es ist das erste Mal seit Wochen, dass sie ihn zum Sex auffordert. »Na gut, dann mach halt. Ich denke, es dürfte ausreichen.«

Sie lieben sich kurz, aber lustvoll, fast so wie früher, als sie sich noch einfach so im Bett herumwälzten, ohne dabei zu versuchen, schwanger zu werden. Hinterher liegen sie händchenhaltend nebeneinander, Hüfte an Hüfte, Schenkel an Schenkel, und genießen die von der Haut des anderen aufsteigende Hitze. Keiner von ihnen will zwischen ihnen Platz für Luft schaffen, um ihre Verbindung nicht zu zerstören. Jonathan schläft ausnahmsweise schnell ein, wahrscheinlich, weil er von Essen, Wein und Sex gesättigt ist, und hat ein paar Stunden lang Ruhe, bis schließlich der Traum wiederkehrt, der ihn seit ein paar Wochen verfolgt: Er steckt bis zu den Knien im Schnee und baut einen Schneemann. Blendendes Sonnenlicht glänzt auf dem Weiß, und überall um ihn herum sind tiefe Verwehungen. Er spürt den Schnee zwischen seinen Fingern, und auf einmal ist die Kälte erschreckend, unerträglich intensiv. Dann versinkt er bis zur Taille, versucht sich freizukämpfen, bis er auf einmal das kleine Mädchen entdeckt, kaum älter als ein Baby, das neben ihm im Schnee verschwindet. Er will es herausziehen, doch es ist hoffnungslos; der Schnee hat es bereits verschlungen.

Schweißgebadet wacht er auf, dennoch klappern seine Zähne, und er hat wie im Traum das Gefühl, bis auf die Knochen durchgefroren zu sein und Eiswasser im Magen zu haben. Die grünen Leuchtziffern des Weckers zeigen fünf Uhr achtundfünfzig an. Er wird sicher nicht noch einmal einschlafen können. Ein Streifen orangefarbenen Lichts der Straßenlaterne fällt durch den Spalt zwischen den Vorhängen und verleiht Fionas dunkelblondem Haar ein goldenes Glänzen. Er betrachtet sie einen Moment lang, wie sie mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken liegt; ihre Gesichtszüge wirken im Schlaf weich und fast kindlich; ihre Wimpern zucken leicht, und wenn er genau hinsieht, erkennt er, wie sich ihre Augen unter den feingeäderten Lidern rasend schnell hin und her bewegen. Er schlägt die Decke zurück und erhebt sich leise, um sie nicht aufzuwecken. Der Teppich unter seinen Füßen fühlt sich warm an; sie müssen die Heizung angelassen haben. Der Schweiß, der langsam auf seiner Haut abkühlt, lässt ihn trotz der Wärme zittern. Der Traum erscheint oft ein wenig abgewandelt, aber der Schnee und das Kind tauchen jedes Mal auf. Manchmal weiß er, dass er selbst das Kind ist, aber das ist nicht immer so. Er nimmt an, dass sich darin wohl seine Angst um ihr ungeborenes Kind ausdrückt, zumal auch Fiona ein paar erschreckende Babyträume hatte. Vor ein paar Tagen etwa träumte sie, sie würde eine tote Krähe zur Welt bringen. Sie wachte schreiend auf, mit tränenüberströmtem Gesicht und keuchendem Atem. Er hielt sie im Arm und ließ sie alles erzählen, und ihre Stimme wurde bei den schrecklichen Einzelheiten ganz zittrig. Dann machte sie einen Witz, als wollte sie damit die Erinnerung endgültig aus dem Kopf bekommen. Doch noch lange, nachdem sie eingeschlafen war, vernahm er eine leichte Unregelmäßigkeit in ihrem Atem, als ob ein Teil von ihr immer noch weinte. Er wollte sie gern trösten, aber sie hatte ihn ausgesperrt und befand sich außerhalb seiner Reichweite. Ihn überkommt erneut ein Schauder. Bislang ist ihm die Temperatur in seinen Träumen noch nie bewusst gewesen, auch wenn er oft in Farbe träumt und auch weiß, dass man Gerüche träumen kann. Aus den Träumen, in denen sein Vater ihn kopfüber in die Kloschüssel taucht, lässt ihn der Gestank nach abgestandenem Urin und WC-Reiniger jedes Mal würgend erwachen.

Im Erdgeschoss summt und brummt die Küche, und ihre Laute sind sonderbar beruhigend. Auf dem Tisch stehen immer noch die heruntergebrannten Kerzen ihres Festmahls, umgeben von interessanten Wachsformationen. Ohne das Licht anzuschalten, läuft er über die Bodenfliesen zum Fenster und sieht hinaus. Der Himmel ist nicht mehr schwarz, sondern hat eine trübe, schiefergraue Färbung angenommen, die vom Frühnebel verwischt wird. Er hat etwa fünf Stunden geschlafen, es könnte schlimmer sein. Und es ist Samstag. Er muss zwar ein paar Arbeiten korrigieren, aber zumindest braucht er sich nicht vor eine Klasse zu stellen und so zu tun, als wäre er hellwach. Er füllt den Wasserkocher und greift nach einem Teebeutel, überlegt es sich dann jedoch anders. Er braucht erst einmal eine Tasse guten, starken Kaffee, der ihn mit einem Schlag wach macht und ihn von dem eisigen Traum fortzerrt, der sich noch nicht ganz in den hinteren Teil seines Bewusstseins hat abdrängen lassen.

Er genießt das kräftige, rauchige Aroma des Kaffees und überlegt gerade, wie sehr eine Zigarette dieses noch unterstützen würde, als er ihre Anwesenheit in seinem Rücken spürt.

»Hey.« Eine warme Hand auf seiner Schulter, ein Kuss auf seinen Hinterkopf. Fiona gähnt und zieht einen Stuhl unter der anderen Tischseite hervor. Ihre eine Gesichtshälfte ist zerknittert und voller roter Linien, und ihre Augen sind noch halb geschlossen. »Was ist los? Kannst du wieder nicht einschlafen? Oder hattest du noch einen Albtraum?«

Er nickt. »Kriege ihn einfach nicht aus meinem Kopf.«

»Was kam darin vor?«

»Du brauchst ihn nicht auch noch im Kopf zu haben.« Er hat ihr von einigen seiner Schneeträume berichtet, in denen er dachte, er selbst sei das Kind, doch er hält es für keine gute Idee, ihr von Babys zu erzählen, die im Schnee versinken. »Ich weiß nicht, was schlimmer ist«, fügt er hinzu. »Die Träume oder die Schlaflosigkeit.«

Fiona schweigt eine Minute lang, dann greift sie nach seiner Tasse und trinkt langsam einen Schluck Kaffee. Er bemerkt, dass sie wieder mit dem Nägelkauen angefangen hat.

»Jonno«, setzt sie behutsam an. »Diese Schlaflosigkeit, die schlechten Träume und so weiter – denkst du …« Sie zögert. »Hat das etwas mit dem Baby zu tun?«

»Mit dem Baby? Wie meinst du das?«

»Na ja, das war es, was ich dich gestern Morgen fragen wollte – ich weiß, dass es ein blöder Augenblick war, aber es gibt einfach keinen passenden, und …« Sie starrt auf ihre Hände. »Ich muss es einmal ansprechen. Der Abend gestern war wunderschön, aber abgesehen davon wirkst du zurzeit ehrlich gesagt nicht besonders glücklich. Du bist gestresst, du schläfst kaum. Und das alles hat begonnen, als ich schwanger wurde.«

»Ich bin müde, das ist alles; das hat nichts mit dem Baby zu tun.« Er sieht sie an. Das Haar ist ihr übers Gesicht gefallen, so dass er ihre Augen nicht sehen kann. »Hör zu.« Er greift nach ihrer Hand. »Wir beide wollten das hier.«

»Aber es hat so lange gedauert, bis ich endlich schwanger wurde, du könntest in der Zwischenzeit deine Meinung geändert haben.« Sie streicht sich das Haar aus dem Gesicht, sieht ihm aber noch immer nicht in die Augen. »Du hast mir selbst gesagt, dass du dich damals von Wie-heißt-sie-noch-gleich getrennt hast, weil sie Kinder wollte …«

»Das war etwas ganz anderes.«

»Und du sträubst dich so dagegen … ich meine, du hast es noch nicht einmal deinen Eltern erzählt.« Nun treffen sich ihre Blicke. »Was soll ich denn denken?« Ihre Augen werden feucht.

»Fi, ich bin nicht unglücklich«, erwidert er sanft. »Und natürlich will ich dieses Baby. Ich schätze, ich habe auch ein bisschen Angst, aber das ist doch normal, oder? Angst davor, es zu vermasseln, Angst davor, mich in meinen Vater zu verwandeln, Angst davor, dass Philip Larkin am Ende recht hatte – dass wir nicht anders können, als das Leben unserer Kinder zu ruinieren, auch wenn wir es gar nicht wollen.« Er hält kurz inne. »Hast du denn keine Angst? Nicht einmal ein bisschen?«

Sie denkt einen Moment lang nach. »Wahrscheinlich schon. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum du es deinen Eltern noch nicht erzählt hast.«

»Ich werde es ihnen bald sagen. Ich muss nur …«

»Jonathan, wieso erzählst du es ihnen nicht einfach?«

Er seufzt. Allein der Gedanke an seinen Vater lässt ihn in Angstschweiß ausbrechen. »Ich glaube … es liegt wohl vor allem an ihm. Du weißt doch, wie er ist.« Er weiß mit sicherer Gewissheit, dass sein Vater unbeeindruckt, unberührt und überzeugt davon sein würde, dass Elternschaft etwas sei, worin Jonathan garantiert versagen werde. Und was, wenn er recht hat? Was, wenn Jonathan es einfach nicht hinbekommt, trotz seiner besten Absichten, trotz all seiner Erklärungen, das Kind immer zu unterstützen, jede seiner Leistungen zu loben, nie unnötig die Stimme zu erheben?

Fionas Gesichtszüge werden weich. »Oh, Jonno. Ich weiß, dass er schwierig ist, aber er wird bestimmt …« Doch dann scheint sie das Vertrauen in ihre eigenen Worte zu verlieren. Sie steht auf, geht um den Tisch herum und stellt sich hinter ihn, lässt ihre Hände über seine Brust gleiten und berührt sanft seinen Nacken. Sie verströmt den Geruch ihres Bettes, und er verspürt ein Zucken zwischen seinen Schenkeln. Dann fällt ihm jedoch der Traum wieder ein, und er schüttelt sie unbewusst ab. »Nein, bitte geh nicht.« Er bekommt ihren Arm zu fassen und vergräbt sein Gesicht in der Wärme ihres Bauches.

Kapitel 2

Juni 1964

Sie befindet sich unter einem hohen Kuppeldach in einem Raum, der durch seine weiß getünchten Backsteinwände karg wirkt. Irgendwo in der Nähe ist ein Radio eingeschaltet; die klare Stimme des Nachrichtensprechers wirkt vertraut: … gab bekannt, dass Senator McNamara nächste Woche nach Südvietnam fliegen wird, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Hier in der Heimat bestätigte der Beatles-Manager Brian Epstein, dass die Band ihre Tournee im Sommer durchführen wird. Es hatte Zweifel darüber gegeben, nachdem der Schlagzeuger Ringo während eines Fotoshootings zusammengebrochen war …

Brian Epstein, Ringo – sie kennt diese Namen. Sie hört eine Frau hastig rufen: »Schnell! Die Schwester kommt.« … der vierundzwanzigjährige Beatle leidet unter einer Mandelentzündung … Dann klickt es, und Stille kehrt ein. Etwas Schweres liegt auf ihr; als sie den Kopf hebt, erkennt sie, dass es eine grobe, schlammfarbene Wolldecke mit rotem Saum ist, über der eine Tagesdecke mit Blumenmuster liegt. Da ihr heiß ist, strampelt sie sich aus den Decken frei, liegt einen Moment lang einfach nur still da und starrt auf den kunstvollen Deckenstuck hoch über ihrem Kopf. Diese Decke ist wunderschön, wie der Zuckerguss auf einer Hochzeitstorte. Entlang der Seitenwand rankt sich ein Schwertlilienmuster, und in der Mitte, wo das Licht sein sollte, kann sie gerade so die Umrisse von geflügelten Putten mit Weintrauben in den Händen erkennen. Sie wendet den Blick ab. Sie kann sich nicht daran erinnern, die Putten schon einmal gesehen zu haben, und doch weiß sie, dass sie bereits seit einer Weile an diesem Ort sein muss, da sie deutlich spürt, dass Zeit verstrichen ist, auch wenn sie es nicht bewusst mitbekommen hat. Es ist ein bisschen so wie nach einer Narkose beim Zahnarzt. Sie dreht den Kopf nach links. Am Ende des Raumes befinden sich große Flügeltüren, sie kann sich jedoch nicht daran erinnern, was auf der anderen Seite liegt. Sie sollte aufstehen und nachsehen, aber sie ist zu müde; so müde, dass sogar Denken eine zu große Anstrengung bedeutet. Und da ist etwas, das sie tun muss, bevor … bevor was? Sie hat dreizehn … Tage? Stunden? Die Zeit geht falsch.

Sie sinkt erneut unter die Oberfläche und träumt von zwei kleinen Babys, die im Schnee spielen. Als sie die Augen wieder öffnet, zerspringt der Traum in tausend Stücke. Oh, warum ist es nur so heiß? Der Schweiß prickelt entlang ihrem Haaransatz und sammelt sich in den Vertiefungen ihres Schlüsselbeins. Wie kann sie in dieser Hitze bloß von Schnee träumen? Selbst in ihrem Kopf ist es heiß und knallrot und diesig. Sie bemüht sich um klare Gedanken und spürt, wie sich etwas bewegt, ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen will, doch wenn sie versucht, sich darauf zu konzentrieren, trippelt es schnell in eine Ecke und verkriecht sich dort außerhalb ihrer Reichweite. Diesmal gleitet sie jedoch nicht wieder in den Schlaf hinüber. Stattdessen liegt sie ganz still da und lässt ihren Blick durch den Raum schweifen: In ihm befinden sich weitere Betten, und am Fenster steht eine Frau, die etwas auf einem Klemmbrett notiert. Eine Erinnerung huscht ihr durch den Kopf: Sie sieht sich selbst mit einem Stift in der Hand, unterschreiben Sie ein Mal hier und hier. Gutes Mädchen. Dreizehn … dreizehn was? Doch es entgleitet ihr. Goldene Abendsonne fällt auf das Gesicht der Frau. Sie hat dicke, rußschwarze Wimpern, und unter ihrer weißen Haube schaut dichtes, blondes Haar hervor. Sie trägt eine Uniform, die aus einem blauen Kleid und einer weißen Schürze besteht. Das Wort ›Krankenschwester‹ dringt in ihr Bewusstsein; ja, die Frau ist eine Krankenschwester.

»Ist das hier ein …«, setzt sie an, doch ihre Stimme, die sie so lange nicht gebraucht hat, ist trocken und brüchig, und ihr entweicht kaum ein Ton. Sie versucht es noch einmal, wobei sie sich darauf konzentriert, alle ihr noch verbliebene Kraft aufzubringen: »Bin ich in einem Krankenhaus?«

Der Kopf der Frau schnellt nach oben. »Was?«

Man sagt nicht ›was‹, sondern ›wie bitte‹, denkt sie und fragt sich, wo dieser Gedanke herkam.

Die Krankenschwester entfernt sich und ruft nach irgendjemandem, und innerhalb einer Minute stehen zwei weitere Personen um ihr Bett herum. »Na los«, drängt die Krankenschwester sie. »Sagen Sie etwas.«

Alle blicken sie an. Es sind nun zwei Krankenschwestern; die neue hat ein Gesicht, das so glatt und glänzend ist wie geschmolzene Schokolade. Der Mann neben ihnen trägt ein Tweedjackett über einem safrangelben Pullover und einem weißen Hemd mit schwarzer Fliege. Sie fragt sich, ob er unter all diesen Kleidungsstücken nicht vor Hitze eingeht. Er ist älter als die Krankenschwestern, ein großer Mann mit dichtem, rotbraunem Haar und einem wuchernden kupferfarbenen Bart, der seine gesamte untere Gesichtshälfte bedeckt und es noch größer erscheinen lässt.

»Margaret«, sagt er mit leiser, sanfter Stimme, als befürchte er, sie zu verschrecken. »Wissen Sie, wo Sie sind?«

Sie sieht von einem der auf sie herunterblickenden Gesichter zum anderen. Margaret; ist das also ihr Name? Er scheint nicht recht zu passen. Die erste Krankenschwester beugt sich zu ihr herab und lächelt. »Machen Sie schon, Liebes. Sagen Sie etwas. So wie gerade eben.«

Maggie beschließt, es zu riskieren. Sie öffnet den Mund und bringt mühsam einen Laut hervor. »Hatte ich … hatte ich einen Unfall?«

Alle beginnen gleichzeitig zu reden, und sie spürt bei ihnen deutlich nicht direkt Erleichterung, eher eine Art Entspannung, das Wegfallen eines Drucks. Sie weiß nicht genau, wie sie es ausgelöst hat, doch sie scheinen zufrieden mit ihr zu sein.

»Keinen Unfall; nein, nein; keinen Unfall«, antwortet der Bärtige und zieht eine Brille mit Goldrand und ein weißes Taschentuch aus seiner Brusttasche. »Aber es ging Ihnen sehr schlecht.« Er wischt über die runden Gläser, bevor er die Brille aufsetzt, deren winziger Rahmen in seinem großen, bärenähnlichen Gesicht beinahe verschwindet. »Oh ja.« Er sieht sie durch die Gläser hindurch an. »Wirklich sehr schlecht; und zwar schon eine ganze Weile. Nun möchte ich, dass Sie es langsam angehen, einen Schritt nach dem anderen. Ruhen Sie sich noch ein wenig aus, und ich werde zu gegebener Zeit wieder nach Ihnen sehen.«

*

Nach gefühlten Stunden wird sie vom Sonnenlicht geweckt. Sie versucht, sich aufzurichten, stützt sich dabei aber versehentlich mit dem Ellbogen auf ihr Haar, das ihr irgendjemand geflochten haben muss. Der Zopf hat sich jedoch bereits so gut wie aufgelöst. Wie ist ihr Haar bloß so lang geworden? Sie sieht sich um und kann den Raum nun klar erkennen. Ihr Bett steht in einer Reihe anderer Betten, die alle ein schwarzes Gestell und Überdecken mit rosagelbem Blumenmuster haben, und die meisten davon sind leer. Die Wände sind in einem hellen, bräunlichen Ton gehalten, der an dünnen Tee erinnert. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befinden sich hohe, längs unterteilte Fenster mit hölzernen Läden. Trotz der Hitze sind sie oben und unten jeweils nur ein paar Zentimeter weit geöffnet. Staubpartikel tanzen im stechenden Sonnenlicht, das durch die Scheiben fällt; eine fette, schwarze Schmeißfliege surrt wirr vor Hitze hin und her. An einem Ende des Raums befinden sich Flügeltüren mit Glasscheiben darüber, am anderen ein gewaltiger Kamin, um den herum bequeme Sessel platziert sind. Sie will gerade aufstehen, da eilt eine Krankenschwester an ihr Bett. »Noch nicht, Liebes«, ermahnt sie sie. »Warten Sie, bis der Doktor bei Ihnen war.«

Sie sieht, wie der Herr im Tweedsakko durch den Saal auf sie zugeht. Er zieht sich einen Stuhl heran, setzt sich an ihr Bett und schenkt ihr ein Lächeln. Sie lässt sich aufs Kissen zurückfallen, erschöpft von dem Versuch, sich zu erheben. »Das hier ist doch ein Krankenhaus, oder?«, fragt sie.

»Sehr gut! Ja, das ist ein Krankenhaus.« Er zieht ein Notizbuch aus der Innentasche seines Jacketts, schlägt es auf und kritzelt etwas hinein.

Sie blickt auf ihr langes, graues Nachthemd hinunter, das ihr nicht bekannt vorkommt. Am Fußende ihres Bettes liegt ein bräunlicher Morgenmantel, und ein plötzlicher Erinnerungsblitz sagt ihr, dass sie dieses Kleidungsstück einmal getragen hat. Ihr fällt ein, wie sie die Enden zusammenhält, weil der Mantel weder einen Gürtel noch Knöpfe hat, und langsam einen Flur entlang zur Toilette geht, während sie auf jeder Seite von einer Krankenschwester gestützt wird. Sechs Toiletten stehen in einer Reihe hintereinander, aber es gibt keine Türen. Sie würde doch sicher nicht auf eine Toilette gehen, die keine Tür hat? Doch dann überkommt sie die lebhafte Erinnerung daran, wie sie in der Morgendämmerung auf dem kalten Porzellan sitzt und zu der Reihe von Badezimmerfenstern hinaufsieht, deren Scheiben von innen gefroren sind. Und an Möwen erinnert sie sich; draußen kreischten Möwen.

»Sind wir am Meer?«

»Nicht weit davon entfernt. Nach Brighton sind es etwa zwölf Meilen. Warum fragen Sie?« Er sieht sie aufmerksam an.

»Ich habe Möwen gehört …«

»Ach! Ja, ja, aber sicher. Sie fliegen manchmal weit ins Landesinnere. Sagen Sie mir, woran Sie gedacht haben, als Sie die Möwen hörten.«

»Ich habe an gar nichts gedacht, außer …« Doch in ihrer Erinnerung zuckt es. Das Meer; kaltes, kaltes Wasser. Bilder blitzen links und rechts von ihr auf, manche gefroren, andere vor Bewegung schimmernd, sie verschwinden wieder, bevor sie ihren Sinn begreifen kann. »Wie lange bin ich schon hier?«

»Oh, nun wohl schon seit einer ganzen Weile. Aber doch nicht zu lange, wissen Sie, ähm …« Er wendet sich der Krankenschwester zu, die sich zu ihm hinunterbeugt und ihm etwas ins Ohr flüstert. »Ach ja, richtig.« Er nickt. »Dezember, nicht wahr? Ja, ja. Kurz vor Weihnachten.« Er richtet seine Worte immer noch an die Krankenschwester.

»Sie meinen …« Sie sieht die Krankenschwester an. »Ich bin seit …« Sie schüttelt den Kopf. Nein, das kann nicht stimmen. Weshalb erinnert sie sich nicht?

»Nun, Margaret«, wendet der Mann sich wieder an sie. »Können Sie mir Ihren vollen Namen nennen?«

Die Frage verdrängt ihre vorherigen Gedanken mit einem Schlag. »Margaret Letitia Harrison.« Es sprudelt wie von selbst aus ihr heraus. »Maggie«, fügt sie hinzu, als ihr das auch noch einfällt. Und dann blitzt ein anderer Name in ihrem Kopf auf, und noch ein weiterer; die beiden Namen sind miteinander verknüpft, und auf einmal funkelt und schreit alles; etwas kehrt zu ihr zurück, es gibt etwas, das sie tun muss, und sie hat nicht mehr viel Zeit. Sie versucht, den Gedanken festzuhalten, um ihn lesen zu können, doch er schrumpft in sich zusammen und erlischt wie eine Kerze.

Der Mann lächelt, nickt und notiert sich etwas in seinem Büchlein. »Gut«, murmelt er. »Oh ja. Sehr gut.«

Maggie überkommt plötzlich Ärger. »Sind Sie ein Arzt?«

Er ignoriert sie. »Wissen Sie, in welchem Jahr wir uns gerade befinden?«

»Welches Jahr?«, fragt sie, überrascht darüber, dass es ihr nicht sofort einfällt. Ihre Gedanken sind lose und wackelig und wollen einfach nicht zusammenbleiben. Der Mann wartet auf eine Antwort; die Krankenschwester ebenfalls. Vielleicht halten sie sie für debil.

»Neunzehnhundert…« Sie hält inne, dann kommt es ihr mit einem Mal wieder in den Sinn. »Neunzehnhundertdreiundsechzig.«

Er nickt und schreibt es auf. »Vierundsechzig, aber Sie waren nah dran. Und können Sie mir sagen, wer Premierminister ist?«

»Mr Macmillan.« Sie ist sich sicher, dass das stimmt. »Harold Macmillan.«

»Hmm.« Er notiert auch diese Antwort. »Fast richtig, aber nein.« Er runzelt die Stirn. »Wissen Sie, Macmillan ist zurückgetreten, kurz bevor Sie zu uns kamen.« Die Krankenschwester beugt sich erneut hinunter und flüstert ihm etwas zu. Er nickt und antwortet ihr leise. Maggie versteht nur die Worte: »… nicht bewusst Umstände Trauma …«

»Was?« Sie weiß, dass die beiden über sie sprechen, aber es ergibt für sie keinen Sinn. »Was sagen Sie …«

»Alles zu seiner Zeit.« Er klappt das Notizbuch zu und sieht sie erneut lächelnd an, wobei seine Augen sich zu kleinen Schlitzen zusammenziehen. »Nun, es ist großartig, Sie wieder sprechen zu hören, das muss ich schon sagen. Ich habe keinen Zweifel, dass Sie sich dieses Mal auf dem Weg der Besserung befinden. Nicht den geringsten.«

»Bitte, sagen Sie mir, sind Sie ein richtiger Arzt?«, erwidert Maggie.

Der Mann kichert über die Frage. »Ich schätze, das hängt davon ab, was Sie unter ›richtig‹ verstehen. Einige meiner Kollegen mögen diese Tatsache zwar bestreiten, aber ja, ich bin ein richtiger Arzt.« Er streckt seine Hand aus, und sie schüttelt sie automatisch. »Ich bin Dr. Carver, Psychiater.« Er legt eine Pause ein. »Hätte mit einem solchen Namen, der einen sofort an scharfe Messer denken lässt, wohl kaum Chirurg werden können, nicht wahr?« Er dreht sich um und grinst die Krankenschwester an, die gehorsam lächelt.

»Sie glauben also, dass ich verrückt bin.« Er gibt keine Antwort. Sie sieht sich im Raum um. »Ist das hier … eine … eine von diesen …«

»Eine Nervenheilanstalt, das ist richtig. Machen Sie sich darüber aber keine Sorgen. Wenn Sie sich ein Bein gebrochen hätten, würden Sie ja auch ein normales Krankenhaus aufsuchen, oder etwa nicht? Wissen Sie, wir verfolgen hier einen sehr modernen Ansatz. Ganz anders als in alten Tagen.«

»Ich bin nicht verrückt«, wendet Maggie ein. »Ich kann mich nur nicht erinnern …« Sie gerät ins Stocken, versucht es erneut und konzentriert sich, so gut sie kann, auf die verschwommenen Bilder, die am Rand ihres Bewusstseins entlanggleiten. Es ist, als würde eine Erinnerung gegen eine Grenze stoßen und nach einem Weg hinein suchen.

Dr. Carver beobachtet sie aufmerksam und fragt: »Sagen Sie mir, wissen Sie, weshalb Sie hier sind?« Sein Tonfall ist wieder ganz sanft geworden, und sie spürt, dass er behutsam vorgeht. »Können Sie sich an irgendetwas aus der Zeit erinnern, als Sie hier eingeliefert wurden? Oder bevor Sie zu uns kamen?«

Wieder ziehen flüchtige Bilder vorbei, während sie ihr Gehirn so angestrengt zur Arbeit antreibt, dass es beinahe wehtut. Sie schüttelt den Kopf. »Ich kann mich an gar nichts erinnern.«

»Das ist ganz normal.« Dr. Carver springt auf die Füße und baut sich vor ihr auf. »Das passiert ab und zu, aber es wird wieder vorübergehen. Ich stelle mir dann vor, dass das Gehirn uns auf diese Weise zu schützen versucht. Wie auch immer, es ist noch früh, wirklich noch sehr früh. Strengen Sie Ihren Verstand nicht zu sehr an.« Er tippt sich zweimal mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. »Man kann die grauen Zellen zu nichts zwingen, wozu sie noch nicht bereit sind. Das bringt nämlich gar nichts. Überhaupt nichts.« Er entfernt sich von ihrem Bett. »Ich komme in ein bis zwei Tagen wieder bei Ihnen vorbei. Dann unterhalten wir uns weiter.«

Maggie sieht zu, wie er Richtung Tür geht, während die Krankenschwester ihr die Bettdecke richtet. »Wissen Sie, ich bin nicht verrückt«, erklärt sie. Doch von irgendwo her kommt ihr der Ausdruck »nicht richtig im Kopf« in den Sinn, und sie weiß, dass es stimmt, irgendetwas ist in ihrem Kopf nicht ganz richtig. Es gibt zu viele leere Stellen, die sie nur zu gerne ausfüllen würde.

Kapitel 3

Jonathan spürt, wie sich sein Magen zusammenzieht, als er am späten Nachmittag durch Blackheath zum Haus seiner Eltern fährt. Auch wenn sein Vater nicht außer sich vor Freude sein würde, müsste er doch zumindest halbwegs zufrieden mit ihm sein, oder etwa nicht? Der Verkehr stockt. Es wird bereits dunkel, und der Novemberhimmel macht sich bereit, die Decke vollständig über den Tag zu ziehen. Auf der weiten Grünfläche verstecken sich Spaziergänger vor dem Wind tief in ihren Mänteln; Hunde jagen Bällen und Stöcken hinterher; ein paar Kinder schauen rennend hoch zu ihren Drachen, ziehen an deren Leinen und kosten den Nachmittag verbissen bis zum letzten Moment aus. Am Ufer des Teiches, an dem er und Alan Harper immer nach Elritzen und Stichlingen fischten, kreischen sich ein paar überdimensionale Krähen an, während sie sich über einen weggeworfenen Hamburger hermachen.

Blackheath: Als Kinder waren er und Alan betört von dem Gedanken gewesen, der Stadtteil heiße so, weil sich unter seiner Erde ein riesiger Friedhof für die Opfer des Schwarzen Todes befand, und sie waren am Boden zerstört gewesen, als sie herausfanden, dass die Pest-Geschichte nur ein Großstadtmythos war – der Name bedeutete tatsächlich einfach »schwarze Heide«. Und wenn man das schüttere, sumpfige Gras, die rußige, düstere Skyline und den dichten Verkehr, der sich in die dreckige Luft von Lewisham und Deptford hinunterschiebt, betrachtet, dann wirkt er absolut angemessen.

Die freie Fläche beim Greenwich Park ist überfüllt mit Autos, Lastwagen und Anhängern, auf denen die Worte Zippo’s Circus prangen. Ein paar Jungen laufen auf dem Gelände herum, genau wie er und Alan vor all den Jahren; damals war es Billy Smarts Zirkus gewesen. In einem Jahr hatte er seinen Vater gefragt, ob er als Geburtstagsgeschenk in den Zirkus gehen dürfe. »Ganz gewiss nicht«, hatte Gerald geantwortet. »Und im Übrigen zeugt es von extrem schlechten Manieren, um ein Geschenk zu bitten.«

Einen Tag vor seinem Geburtstag stiegen er und Alan jedoch nach der Schule auf das Heideland hinauf, um in der Dämmerung bei den Wohnwagen herumzulungern und vielleicht einen Blick auf einen Clown, einen Akrobaten oder gar auf Magnificent Marco, die menschliche Kanonenkugel, zu erhaschen. Es hieß, Magnificent Marco habe sich schon so oft verletzt, dass er im Krankenhaus sein eigenes Bett hatte.

In jener Nacht durfte Jonathan bei Alan schlafen, und er konnte es kaum erwarten, im Haus seines Freundes anzukommen, da Mrs Harper ihm eine Überraschung versprochen hatte und weil es bei ihr Dinge zum Abendessen gab, die er zu Hause nie bekam. Fischstäbchen mit Pommes und zum Nachtisch Karamellcreme mit einer Kirsche in der Mitte und bestreut mit dem von ihr so genannten »Schoko-Mäusedreck«. Während sie von Wohnwagen zu Wohnwagen schlichen und sich abwechselnd auf die Schultern des anderen stellten, um durch vorhanglose Fenster zu spähen, dachte er an die unterkühlten, schweigsamen Mahlzeiten bei sich zu Hause und an den ständigen Geruch nach gekochten Kartoffeln. Konnte es bei ihnen nicht wenigstens ein Mal Pommes geben?

»Oh, verdammt!«, rief Alan. »Mum hat spätestens fünf gesagt, und jetzt ist es schon zehn vor. Lass uns gehen.« Sie rannten über das Gras, vorbei an der Kirche und Lewisham Hill hinunter bis zu Alans Wohnung; ihre Füße hämmerten auf dem Asphalt, und ihr Atem stieg in weißen Wölkchen in die kühle Novemberluft auf. Als sie die nach Urin stinkende Treppe hinauftrampelten, fragte Jonathan sich, was für eine Überraschung er wohl bekommen mochte.

Die Eintrittskarten standen gegen eine Ketchupflasche gelehnt auf dem Küchentisch. Alans Mutter lächelte den beiden zu. Esst auf, hopp, hopp, sonst kommen wir zu spät und müssen noch da sitzen, wo die Elefanten ihr Geschäft erledigen. Jonathan wurde ganz schwach vor Dankbarkeit, und er war so aufgeregt, dass er kaum einen Bissen herunterbekam. Mr Harper zwinkerte ihm zu und zerzauste ihm das Haar. Keinen Hunger, Tiger? Na schön. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Und damit stopfte er sich immer drei Pommes auf einmal in den Mund, und alle lachten. Jonathan stellte sich seinen Vater vor, wie dieser sich Hackfleisch, Kohlrüben und Kartoffeln zu gleichen Teilen auf die Gabel schob. Manchmal wünschte er sich, Mr Harper wäre sein Dad. Mr Harper mochte den Zirkus; Gerald meinte, dieser sei ein ›vulgäres, kitschiges Spektakel voller Zwerge, Sonderlinge und Rumtreiber‹, Alan sei ein Straßenjunge und Mr Harper ein Einfaltspinsel und Taugenichts. Jonathan wusste nicht, was ein Einfaltspinsel war, doch er wollte es auch ganz sicher nicht nachschlagen.

Im Zirkus sahen sie, wie eine Dame im Ballettanzug stehend auf einem Pferd ritt, wie vier Männer auf Händen eine imaginäre Treppe hinuntergingen und wie Clowns mit orangefarbenem Haar und riesigen Fliegen Purzelbäume schlugen. Als ein paar der Clowns nach einem Freiwilligen suchten, der den Schlauch halten und ihnen dabei helfen sollte, die anderen Clowns nasszuspritzen, streckte Jonathan seine Hand hoch in die Luft, damit sie ihn sehen konnten. Er konnte es kaum glauben, als sie ihn tatsächlich auswählten.

Später, nachdem Alans Mum ihnen einen Gutenachtkuss gegeben hatte, spielte er alles in Gedanken noch einmal durch. Das Beste daran, entschied er, war gar nicht die Sache mit dem Schlauch gewesen, sondern der Moment, als die Clowns ihm eine riesige Tüte mit Süßigkeiten überreicht und ihn gefragt hatten, wo seine Mum und sein Dad säßen, und Mr und Mrs. Harper laut »Hier drüben!« gerufen und gewunken hatten. Die Clowns trugen ihn hoch über ihren Schultern zurück an seinen Platz, und das gesamte Publikum klatschte. Als sie ihn absetzten, lächelten ihm alle stolz zu. Es war der schönste Tag seines ganzen Lebens gewesen.

*

»Ich habe dich früher erwartet«, begrüßt ihn seine Mutter an der Tür, während die Standuhr hinter ihr fünf Uhr schlägt. Er hatte sich für den späten Nachmittag angekündigt und ist kurz davor, diesen Einwand zu äußern, als er bemerkt, wie müde sie aussieht. »Tut mir leid.« Er küsst die ihm hingehaltene Wange. »Der Verkehr war fürchterlich.« Sie ist wie immer geschminkt, ihr Lippenstift und ihr Gesichtspuder sind jedoch plötzlich ungewohnt auffällig und wirken wie ungeschickt aufgetragen.

»Vater ist im Wohnzimmer«, erklärt sie. »Ich komme nach, wenn der Tee fertig ist.«

Es ist schon fast dunkel, doch Gerald hat das Licht noch nicht angeschaltet. Das verbliebene Tageslicht genüge ihm vollkommen, behauptet er, und nur weil Jonathan sich einmal zu einem Besuch herablasse, werde er noch lange nicht verschwenderisch mit dem Strom umgehen. »Ach, gottverdammt noch mal«, schimpft Jonathan und knipst den Schalter an.

»Nun wirst du also auch noch gotteslästerlich?« Gerald schirmt seine Augen mit theatralischer Geste ab. Jonathan bemerkt, dass seine Hand dabei leicht zittert. Das wenige Haar, das ihm geblieben ist, scheint noch gelber geworden zu sein, und er hat dunkle, bräunliche Augenringe. Er wirkt an diesem Tag besonders gebrechlich; dünner als noch vor drei Wochen. »Also«, beginnt Jonathan und setzt sich auf den Sessel seinem Vater gegenüber; sein Blick wandert zu den vier verschiedenen Pillendöschen auf dem Beistelltisch. Er ist sich sicher, dass es beim letzten Mal noch weniger waren. »Wie geht es dir?«

»Das ist der Platz deiner Mutter.« Gerald greift nach seiner Pfeife, klopft sie am Rand des Aschenbechers aus und füllt den Kopf nach und nach mit Tabak.

»Sie kocht gerade Tee. Ich werde mich umsetzen, wenn sie kommt. Ich habe dich gefragt, wie es dir geht; du siehst müde aus.«

»Verdammt!« Sein Vater dreht sich in seinem Sessel um. »Wo zum Teufel hat deine Mutter mein Feuerzeug hingelegt?« Mit der Bewegung rutscht ihm die aktuelle Ausgabe der Times von der Armlehne. Sie ist auf der Seite mit den Kreuzworträtseln aufgeschlagen, und als Jonathan sie aufhebt, bemerkt er, dass Gerald nur ein paar der gesuchten Begriffe eingetragen hat, was ungewöhnlich ist; normalerweise hat er bis zum Mittagessen alle Kästchen ausgefüllt.

»Warte mal, hier ist es doch«, sagt Jonathan. Er hat das silberne Feuerzeug unter Geralds Sessel entdeckt. Er bückt sich, um es aufzuheben, und reicht es dann seinem Vater.

»Ach, ja.« Gerald streckt die Hand aus. »Besten Dank.« Er steckt sich das Mundstück der Pfeife mit einem Klacken zwischen die Zähne, hält die Flamme an den Kopf und saugt und pafft, bis der Raum von blaugrauen Rauchschwaden erfüllt ist. Dann wendet er sich an Jonathan, das Feuerzeug immer noch in der Hand. »Und? Rauchst du etwa keine Zigarette?«, fragt er.

Jonathan schüttelt den Kopf. »Nein, das habe ich dir doch letztes Mal schon erzählt. Ich habe aufgehört.«

Gerald nimmt die Pfeife aus dem Mund und hält sie ein paar Zentimeter vor sich, während sich blauer Rauch aus dem Mundstück kringelt. »Aufgehört? Red keinen Unsinn. Du bist genauso schlimm wie deine Mutter.«

»Ich habe es dir doch gesagt.«

»Ja, aber du hast schon oft aufgehört, und du hast es nie durchgehalten, oder? Warum sollte es diesmal anders sein?«

Das ist sie, denkt er; die perfekte Gelegenheit, ihm von dem Baby zu erzählen. Aber er kann jetzt nicht damit herausrücken, nicht während seine Mutter noch in der Küche ist. »Ich fange wohl einfach an, mir mehr Gedanken über die Gesundheitsrisiken zu machen.«

Gerald schüttelt verärgert den Kopf. »Ich sag dir, du wirst eher vor Sorge darüber, was dich umbringen könnte, sterben als von der ein oder anderen Zigarette.« Er saugt erneut an seiner Pfeife, dreht sich zur Seite und sucht etwas im Bücherregal neben ihm. »Ah ja.« Er greift nach einer schmalen, roten Schachtel, die auf einem Papierstapel über den Büchern liegt. »Da haben wir’s.« Er wirft die Packung – Henri Winterman’s Slim Panatellas – auf den Wohnzimmertisch. »Aber eine Zigarre nimmst du doch.«

Jonathan blickt auf die Packung. Es ist so verlockend. Aber er hat früher auch schon Zigarren geraucht und sich dabei eingeredet, sie würden nicht zählen, bis er irgendwann bei fünfzehn am Tag angelangt war. »Nein.« Er schüttelt den Kopf. »Vielen Dank, aber lieber nicht.«

»Ach, komm schon«, drängt Gerald und blickt ihn dabei unverwandt an. Als Jonathan keine Antwort gibt, seufzt er tief, nimmt die Packung und wirft sie zurück auf die Bücher.

Jonathan muss ebenfalls seufzen. Sie haben immer zusammen geraucht; es war nie besonders freundschaftlich, aber es war das eine Ritual, das sie miteinander teilen konnten. Ihm ist bislang nicht in den Sinn gekommen, dass Gerald es tatsächlich vermissen könnte. Vielleicht würde eine Zigarre mit seinem Vater ja auch nicht gleich das Ende der Welt bedeuten, doch bevor er den Mund aufmachen kann, hat Geralds Gesicht seinen Standardausdruck angenommen, wie Jonathan ihn insgeheim nennt, eine Mischung aus Verärgerung, Geringschätzung und Ungeduld.

»Also.« Geralds Tonfall ist nun hart. »Wie läuft es in deiner Wirtschafts- und Handelsakademie oder wie auch immer die örtliche Gesamtschule heutzutage genannt wird?«

»In der Schule ist alles in Ordnung.« Jonathan hört die Anspannung in seiner eigenen Stimme. Na schön, seine Schule ist nicht gerade das berühmte Eton College, aber selbst wenn sie es wäre, würde sich sein Vater wahrscheinlich immer noch unbeeindruckt zeigen. Er war wütend gewesen, als Jonathan nicht direkt nach dem Studium angefangen hatte, als Lehrer zu arbeiten. Doch dieser wollte unbedingt seinen eigenen Weg gehen und hatte so getan, als würde ihm die Missbilligung seines Vaters nichts ausmachen. Erst viel später begann er zu akzeptieren, dass sie ihm doch zu schaffen machte, und zwar gewaltig. Als er mit fünfunddreißig schließlich doch noch beschloss, Lehrer zu werden, erwartete er zwar keine Jubelrufe, doch er rechnete auch nicht damit, dass Gerald einfach nur eine Seite seiner Zeitung umblättern und Jonathan durch das Papier hindurch fragen würde, ob er denn überhaupt sicher sei, dass die Schule ihn nehmen werde.

»Keinerlei schlechtes Benehmen?«

Er schüttelt nach kurzem Zögern den Kopf. »Nichts Ernsthaftes.« In Wahrheit ist es ein andauernder Kampf, das Verhalten der Schüler an seiner Schule in den Griff zu bekommen, aber Gerald würde jedes Versagen, seine Klasse unter Kontrolle zu bekommen, mit Verachtung quittieren.

»Ich habe letztens ein paar deiner Schüler in Lewisham gesehen. Fast alles Wilde. Die Schule scheint es mit der Disziplin nicht allzu genau zu nehmen.«

Disziplin. Für einen Augenblick wird Jonathan in der Zeit zurückgeworfen; er sieht, wie sein Vater sich drohend über ihm aufbaut, wie sein sorgfältig eingefettetes Haar nach vorn fällt, während er den Stock auf Jonathans ausgestreckte Handfläche niedersausen lässt. Jonathan schwört sich, dass er niemals, unter keinen Umständen, Hand an sein eigenes Kind anlegen wird.

Seine Mutter betritt den Raum mit einem Tablett, das Jonathan ihr abnimmt und auf den Wohnzimmertisch stellt. In der endlosen Zeitspanne, die Gerald benötigt, um Zucker in seinen Tee zu löffeln, umzurühren, einen Schluck zu nehmen und die Tasse zurück auf die Untertasse zu stellen, fühlt sich Jonathan wie so oft in diesem Haus – als ob er wieder zehn Jahre alt wäre. Nur wenig hat sich seitdem verändert. Die Wände sind heller gestrichen, doch von der Bilderschiene hängen dieselben Gemälde; die Vorhänge haben ein anderes Muster, sind jedoch genauso dunkel und schwer wie damals; auf der Kaminuhr, den Wandtellern, Vasen und Nippsachen sammelt sich der Staub wie eh und je. Sonntagnachmittage voller Anspannung, in denen er das Zimmer mit dem Tee für seinen Vater in der Hand durchquert, die Untertasse dabei fest im Griff hat und betet, die Tasse möge nicht klappern. Geralds prüfender Blick über seine Brille hinweg. Und die Geräusche: der zischende und knallende Gasofen, das Ticken der alten Uhr, das furchterregende Geräusch von Geralds Lauschen.

Er stellt Tasse und Untertasse auf dem Tisch ab. Ich muss euch etwas sagen. Oder ganz direkt: Fiona und ich bekommen ein Kind. Er wünschte, Fiona wäre mitgekommen. Vielleicht wird das Baby sie einander ja wirklich näherbringen. Sein Vater sieht ihn an. Sag es einfach. Er räuspert sich, blickt zuerst seiner Mutter, dann Gerald ins Gesicht. »Nun, da ihr beide da seid, möchte ich – «

Gerald schnalzt verärgert mit der Zunge. »Sind dir die Rasierklingen ausgegangen?« Sein Tonfall ist gereizt. »Oder ist es heutzutage akzeptabel, wenn ein Lehrer wie ein Landstreicher aussieht?«

Jonathan steht auf. »Ach, Herrgott noch mal, ist das wirklich – «

»Gerald, bitte«, unterbricht seine Mutter die beiden. »Es ist immerhin Wochenende. Sei nicht so ungnädig.«

»Irgendwas ist immer falsch, oder?«, fragt Jonathan. »Wir können nie einfach einen normalen, netten Nachmittag miteinander verbringen, ohne dass du irgendetwas findest, worüber du dich beschweren kannst.«

»Ich sehe, ich habe dein Zartgefühl verletzt.« Gerald tastet hinter seinem Stuhl nach seinem Stock. »Wenn du mich nun entschuldigst.« Er kämpft sich mühsam auf die Beine und wehrt die Versuche seiner Frau ab, ihm zu helfen.

Kapitel 4

Maggie spürt, wie jemand sie sanft rüttelt, doch es fällt ihr schwer, die Augen zu öffnen. Sie erkennt die Krankenschwester wieder. »Betty?«

»Hetty«, korrigiert die Frau mit einem Lächeln. »Aber gar nicht schlecht. Vor einer Woche konnten Sie sich nicht einmal an Ihren eigenen Namen erinnern, von den Namen anderer Menschen ganz zu schweigen. Also, aufgestanden. Sie haben seit dem Frühstück geschlafen, und nach dem Mittagessen will seine Gnaden Sie allem Anschein nach sehen.«

»Wer ist – 

»Dr. Carver, Herr und Gebieter. Er meint, Sie können sich heute etwas Richtiges anziehen.«

Maggie denkt kurz nach. »Dr. Carver«, murmelt sie. Der Name kommt ihr bekannt vor. Sie sieht die Krankenschwester an. »Ich erinnere mich nicht – «

»Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Liebchen. Das kommt wieder, wissen Sie, Stück für Stück.« Sie bringt die Überdecke in Ordnung. »Ich für meinen Teil glaube ja auch nicht, dass die Tabletten helfen.« Sie steckt mit flinken Bewegungen das Laken fest. »Aber was weiß ich schon? Ich bin bloß eine Krankenschwester.«

Maggie zieht die Kleidungsstücke an, die Hetty ihr gebracht hat. Sie kann sich zwar dunkel an sie erinnern – eine marineblaue Hose aus schwerem Polyesterstoff, eine weiße Bluse und eine rosafarbene Acryl-Strickjacke –, doch der Prozess des Anziehens fühlt sich sonderbar und ungewohnt an, und die Nähte sind rau auf ihrer Haut.

»Nun kommen Sie mit und unterhalten sich mit den anderen Damen, so ist es gut.« Maggie könnte sich bevormundet fühlen, doch sie tut es nicht, weil ihr nun einfällt, an wen Hetty sie erinnert: an ihre Mutter. Traurigkeit überkommt sie wie ein stechender Schmerz, da ihr im selben Augenblick einfällt, dass ihre Eltern beide tot sind.

Sie folgt Hetty den Krankensaal hinunter, durch die Flügeltüren und einen dunklen Flur mit gekachelten Wänden und einem glänzenden Parkettfußboden entlang, der nach Johnson’s Möbelpolitur riecht. Der Aufenthaltsraum hat ein genauso hohes Deckengewölbe und genauso große Fenster wie der Krankensaal. Im Sonnenlicht wirbelt Zigarettenrauch herum, und Maggie erinnert sich daran, dass sie ebenfalls raucht. Sie fühlt sich, als wäre sie wieder vier Jahre alt und durchlebte ihren ersten Tag in der Schule, an dem sie weder wusste, wo sie ihren Mantel hinhängen, noch, neben wen sie sich setzen sollte. Ein paar der Frauen an den Tischen spielen Karten oder legen Puzzle; die eine oder andere sieht auf, als sie und Hetty vorbeigehen, aber die meisten scheinen sie nicht zu bemerken. In einer Ecke steht ein Fernsehapparat, auf dessen poliertem Holzgehäuse unten das Wort »Rediffusion« in weißen Buchstaben steht. Direkt vor dem Fernseher kniet eine bis aufs Skelett abgemagerte Frau mit schütterem Haar, die einen türkisfarbenen Morgenmantel trägt und mit dem Gesicht nur wenige Zentimeter vor dem Bildschirm das Testbild betrachtet. Auf den Sesseln an den Wänden sitzen noch mehr Frauen, einige von ihnen wiegen sich vor und zurück, andere weinen stumm vor sich hin oder starren einfach nur in die Vergangenheit.

Auf dem Weg durch den Raum hüpft eine ältere Dame mit dilettantisch gefärbten blauschwarzen Zöpfen auf sie zu. »Cha Cha Cha«, ruft sie fröhlich mit hoher Kinderstimme und strahlt sie an. »Was ist hier los, was findet statt?« Sie wirbelt herum und hält dabei den Saum ihres schlechtsitzenden Kleides in die Luft, dann macht sie einen überschwänglichen Knicks. »Ich bin heute ein kleines bisschen aufgedreht«, erklärt sie Maggie. »Besser als runtergedreht, aber Dr. Carver sagt, ich soll in der Mitte bleiben. Cha Cha Cha.«

Hetty legt der Frau eine Hand auf den Arm. »Norma, Liebes, nun beruhigen Sie sich ein wenig.«

Norma grinst, knickst noch einmal und tanzt mit einem letzten klimpernden »Cha Cha Cha« davon, um sich neue Gesprächspartner zu suchen.

Maggies Herz schlägt dumpf in ihrer Brust. Sie drängt sich noch etwas näher an Hetty.

»Pauline!«, ruft diese einer jungen Frau zu, die soeben den Raum betreten hat. »Dornröschen hier ist endlich aufgewacht. Würden Sie für mich auf sie aufpassen?« Sie klopft Maggie auf die Schulter und nickt ihr ermutigend zu, bevor sie zu irgendeiner anderen Aufgabe davoneilt.

Pauline ist ungefähr in Maggies Alter und sieht in ihrem bonbonrosafarbenen Sommerkleid und der weißen, locker um die Schultern geworfenen Strickjacke wie ein Fotomodell aus. Ihr Haar ist zu einer üppigen Hochfrisur toupiert, und sie trägt frisch aufgetragenes Make-up; Maggie erkennt Puder auf ihren Wangen.

»Hallo, Maggie«, begrüßt sie sie mit unerwartet tiefer, ruhiger Stimme. »Geht es Ihnen besser? Schön, dass Sie wieder auf den Beinen sind.«

»Wieder?« Maggie ist sich sicher, dass sie wie eine vollkommene Idiotin klingt. Aber sie kennt diese glamouröse Frau nicht. Vielleicht ist sie eine der Krankenschwestern und hat eigentlich schon Feierabend. »Ich glaube nicht, dass wir – «

»Machen Sie sich keine Sorgen. Das ist die Behandlung, die bringt Ihr Gedächtnis völlig durcheinander. Aber vielleicht bekommen Sie sie jetzt, wo es Ihnen bessergeht, nicht mehr ganz so oft. Schockierend, was diese Schocks mit einem anstellen, oder?« Sie lacht herzhaft über ihren eigenen Scherz.

»Schocks?« Wieder merkt Maggie, wie sie einfältig das Gesagte wiederholt. »Elektroschocktherapie?« Sie muss es laut aussprechen, um es zu verarbeiten. »Haben sie mich damit behandelt?« In diesem Augenblick knipst sich in ihrem Kopf eine Erinnerung an: Sie sieht einen schwarzen Kasten mit Drähten; ein kaltes Gel wird auf ihren Schläfen verteilt, und sie spürt, wie ihr etwas Gummiartiges zwischen die Zähne geschoben wird. Jemand hält ihre Arme fest. Ein heißer, silberner Schmerz blitzt in ihrem Schädel auf und nimmt ihr den Atem. Sie hat das Gefühl, herumgeschleudert zu werden, und ihre Knochen und Zähne rütteln und klappern, als könnten sie nie wieder damit aufhören, und dann stürzt sie hinunter, tiefer, tiefer, tiefer …

Sie erschaudert, und ihr wird von der Erinnerung ein wenig schlecht.

»Die meisten von uns bekommen es irgendwann«, erläutert Pauline. »Lässt einen vergessen, weshalb man den Verstand verloren hat, und hilft einem dabei, ihn wiederzufinden, nur um einen dann gleich wieder vergessen zu lassen, wo man ihn hingetan hat!«

»Sie haben es auch bekommen?«

Paulines Miene verfinstert sich. »Am Anfang vier- bis fünfmal pro Woche.« Sie sieht nach links und rechts. »Sie sind besser vorsichtig; unterhalten Sie sich mit den anderen, auch wenn Ihnen nicht danach ist, besonders vor den Krankenschwestern – wenn Sie zu still sind, heißt es, Sie seien ›mürrisch und verschlossen‹. Und lassen Sie sich auf keinen Fall dabei erwischen, wie Sie vor sich hin träumen oder aus dem Fenster sehen – das gilt nämlich als ›müßig und gedankenverloren‹.«

Maggie lässt ihren Blick über die Frauen in den Sesseln an der Wand schweifen; die meisten von ihnen sehen müßig und gedankenverloren aus.

»Die Hälfte der Zeit wusste ich nicht, welcher verdammte Tag gerade ist«, fährt Pauline fort. »Oder ob ich nun das Frühstück, Mittag- oder Abendessen zu mir nehmen sollte. Aber normalerweise kommt die Erinnerung irgendwann zurück.«

»Normalerweise?«

»Na ja, das sagen sie zumindest. Bei Ihnen wird es schon gutgehen; Sie sind kein chronischer Fall, und es sind hauptsächlich die chronischen Fälle, die Probleme haben.« Sie beugt sich zu Maggie herüber. »Sehen Sie die da, drüben am Fenster?«

Maggie schätzt die Frau auf über sechzig. Sie sieht aus dem Fenster und bürstet sich dabei das lange, seehundgraue Haar.

»Sie wartet darauf, dass ihr Mann sie abholen kommt. Er ist bereits seit zwölf Jahren tot, aber das vergisst sie. Eine Zeitlang haben sie es ihr immer wieder erzählt, in der Hoffnung, sie möge es irgendwann einmal behalten, aber am Ende haben sie damit aufgehört, weil sie nur jeden Tag wieder und wieder dasselbe Entsetzen durchmachen musste.«

Maggie versucht, all das zu verarbeiten, doch es ist zu viel, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Pauline zieht ein Päckchen Kensitas hervor, zündet eine an und reicht sie ihr. Maggie macht einen tiefen Zug und fühlt sich in dem Augenblick beruhigt, als der Rauch ihre Kehle erreicht. Dann wird ihr plötzlich schwindelig, und sie gerät leicht ins Wanken.

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