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Ich habe auf dich gewartet, Darling

1. KAPITEL

Damien Trent wurden zwei Dinge klar, als er Gabrielle Kane aus dem Aufzug steigen und den Flur zu ihrem Büro entlangeilen sah.

Sie war noch hübscher als in seiner Erinnerung, und er war ein Narr, dass er sie hatte gehen lassen.

„Hallo, Gabrielle!“, rief er und ging auf sie zu. Er ließ seinen Blick über ihren raffiniert geschnittenen Hosenanzug schweifen. Der feine hellgraue Stoff umschmeichelte ihren Busen und schmiegte sich an ihre schlanken Hüften. Dazu trug sie hochhackige Sandaletten in einem dazu passenden Farbton. Damien war von Gabrielles Anblick überwältigt. Sie strahlte so viel Eleganz und Sinnlichkeit wie nie zuvor aus.

Nachdem sie in ihrer Handtasche gekramt hatte, hob sie den Kopf, und eine blonde Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Sie blieb stehen und wurde blass. „Mein Gott! Bist du es, Damien?“

Fragend zog er die Brauen hoch. „Du erinnerst dich?“

Als sie ihn mit ihren strahlend blauen Augen ansah, bekam er Herzklopfen. Für einige Sekunden fühlte er sich in die Zeit fünf Jahre zuvor zurückversetzt. Damals war Gabrielle Kane mit ihrem Vater in einen Konferenzsaal gekommen. Damien hatte sie von Weitem gesehen, und es hatte sofort zwischen ihnen gefunkt. Schon auf den ersten Blick hatte ihn diese Frau fasziniert.

Heute erging es ihm ebenso.

Sie straffte die Schultern. „Wie könnte ich dich vergessen?“

„Dann geht es dir nicht anders als mir.“ Er trat näher zu ihr. Auf ihren Wangen zeigte sich jetzt eine leichte Röte, stellte er mit Genugtuung fest. „Du bist noch hübscher geworden, Gabrielle.“

Sie legte den Kopf schief. „Was willst du von mir, Damien? Das ist doch kein Höflichkeitsbesuch. Dafür ist der Weg viel zu weit.“

Er versuchte sein spontanes erotisches Interesse an ihr zu ignorieren. Schließlich war er aus einem bestimmten Grund hier. „Wir müssen miteinander reden.“

„Nach fünf Jahren?“

Verärgert presste er die Lippen aufeinander. Schließlich war sie es gewesen, die ihn damals aus heiterem Himmel verlassen hatte, ging es ihm durch den Kopf. „Es ist sehr wichtig, Gabrielle.“

Einen Moment lang leuchteten ihre Augen alarmiert auf. Gleich danach machte sie wieder einen gefassten Eindruck. „Es geht um meinen Vater, nicht wahr?“ Ihre Stimme klang erstaunlich ruhig, aber Damien war Gabrielles erste spontane Reaktion nicht entgangen. Sie schien immer noch viel für ihren Vater zu empfinden, obwohl er den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, nachdem sie fortgegangen war.

Damien fasste ihren Arm. „Lass uns in dein Büro gehen.“ Sogleich wurde ihm bewusst, wie sehr er diesen wenn auch nur flüchtigen Körperkontakt mit ihr genoss.

Als sie die Tür aufschloss, bemerkte er, wie ihre Hand zitterte.

Sie kamen in einen Bürotrakt, der mit dem Firmenschild Events by Eileen – Organisation von Festen und Veranstaltungen gekennzeichnet war. Durch den Empfang hindurch folgte er Gabrielle in ihr Büro. Es war mit dickem Teppichboden und geschmackvollen modernen Möbeln ausgestattet.

„Du scheinst sehr gut ohne mich ausgekommen zu sein“, erklärte Gabrielle, während sie die Tür hinter ihnen schloss. Sie ging um ihren Schreibtisch herum zu dem großen Fenster, das einen atemberaubenden Ausblick auf die Harbor Bridge und das berühmte Opernhaus von Sydney bot.

„Tun wir doch nicht so, als ob du nicht schon alles über mich wüsstest, Damien“, fuhr sie fort. „Wen du auch beauftragt hast, mich zu finden, du wirst bereits wissen, was ich hier mache und für wen ich arbeite.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn reserviert an. „Sei ehrlich und sag mir lieber gleich, was du zu sagen hast.“

Aha, dachte Damien, sie bleibt ganz cool. Das erstaunte ihn eigentlich nicht besonders. Gabrielle war ihm immer wie eine Mischung aus Feuer und Eis vorgekommen. Gerade diese Eigenschaft mochte er an ihr. Unter ihrer kühlen Hülle verbarg sich heiße Leidenschaft.

Er deutete mit dem Kopf auf den Bürosessel hinter dem Schreibtisch. „Willst du dich nicht setzen?“

„Nein, ich bleibe lieber stehen.“

Damien fiel es nicht leicht, ihr die schlechten Neuigkeiten zu überbringen. „Dein Vater hatte einen Schlaganfall, Gabrielle.“ Es musste ein Schock für sie sein, denn er hörte, wie sie nach Luft rang. Dennoch fuhr er fort: „Der Schlag hat ein Hirnbluten bei deinem Vater verursacht, und sie mussten ihn sofort operieren.“

Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals und musste heftig schlucken. „Ist er …“

„Nein, er ist am Leben. Die Ärzte hoffen, dass sie ihn durchbringen und er wieder ganz gesund wird.“

„Gott sei Dank.“ Gabrielle bemühte sich nicht länger, Haltung zu bewahren. Zitternd ließ sie sich in ihren Schreibtischsessel fallen.

Als Damien sah, wie leichenblass sie vor Schreck geworden war und wie sie sich nervös auf die Unterlippe biss, wusste er, dass er das einzig Richtige getan hatte, zu ihr nach Sydney zu fliegen. „Wir können jederzeit zurückfliegen. Meine Privatmaschine steht bereit.“

Verwirrt sah sie ihn an. „Wie bitte?“

„Du wirst mit mir nach Darwin zurückfliegen, um deinen Vater zu sehen.“

Gabrielle schüttelte jedoch den Kopf. „Nein … ich kann nicht.“

Verächtlich verzog er das Gesicht. „Er ist dein Vater, Gabrielle.“

Sie seufzte. „Offensichtlich hat ihn das die letzten fünf Jahre aber nicht gekümmert.“

Damien konnte sie in gewisser Weise verstehen. Aber es war eine Sache, dass sie ihren Vater mied, solange er gesund war. Eine andere Sache war es, ihn jetzt nicht zu besuchen, da er sehr krank und gerade noch dem Tode entronnen war. Es wurde Zeit, dass die beiden sich endlich aussprachen. Damien hatte es Russell, Gabrielles Vater, schon vor einiger Zeit gesagt, als dieser sich bei ihm beklagt hatte, dass er seine Tochter vermisste. Vielleicht hatte Russell da bereits geahnt, was ihm passieren würde.

„Vergiss nicht, Gabrielle, dass du damals von zu Hause weggegangen bist“, gab Damien zu bedenken. „Das hat deinen Vater sehr gekränkt.“

„Sein Verhalten hat mich auch sehr gekränkt.“

Ihre Bemerkung machte Damien betroffen. „Was hat er getan?“, fragte er leise.

Sie starrte aus dem Fenster. „Das ist jetzt nicht mehr wichtig.“

„Das glaube ich aber doch, sonst hättest du es nicht erwähnt.“

Gabrielle wandte sich wieder zu ihm um. „Was geschehen ist, ist geschehen. Niemand kann die Vergangenheit ändern. Ich will es mal so sagen: Seit ich vor fünf Jahren von zu Hause fortgegangen bin, habe ich nicht mehr zurückgeblickt.“

Zweifelnd hob er die rechte Braue. „Niemals? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“

Aber Gabrielle zuckte nur die Schultern und lehnte sich zurück. „Das ist dein Problem, Damien, nicht meins.“

„Du bist auch von mir so einfach fortgegangen“, warf er ihr vor.

Trotzig reckte sie das Kinn. „Du hast es doch verwunden, nicht wahr?“

„Dein Brief war ja eindeutig“, antwortete er gekränkt.

„Ich bin froh, dass du es so einfach akzeptieren konntest“, bemerkte sie mit einem Anflug von Sarkasmus.

Sein Blick verfinsterte sich. „Du schriebst, dass du unsere Affäre beenden wolltest“, erinnerte er sie. „Und du hast mich ausdrücklich gebeten, nicht zu versuchen, dich umzustimmen.“

„Damit war die Sache für dich erledigt. Du warst froh, dass du nichts mehr unternehmen musstest, nicht wahr?“

„Willst du etwa sagen, dass du es nicht so gemeint hast?“, fragte er sie empört.

Nervös senkte sie den Blick, unsicher, was sie auf diese Frage erwidern sollte. Aber dann stieß sie einen tiefen Seufzer aus. „Nein, nein, es stimmte schon. Es war aus zwischen uns.“

Während er sie aufmerksam ansah, fühlte er wieder diesen Schmerz in seiner Brust, weil er sie verloren hatte. Weder damals noch heute war es aus zwischen ihnen. Einige Minuten zuvor, als er sie wiedergesehen hatte, hatte er es klar erkannt. Gabrielle war ihm wie eine himmlische Erscheinung vorgekommen, als sie aus dem Aufzug gestiegen und auf ihn zugekommen war.

„Nein, ich denke nicht, dass es aus war zwischen uns“, erklärte er sehr bestimmt.

Gabrielle verspannte sich. „Tatsächlich? Aber damals hast du das offensichtlich nicht so gesehen.“

„Das mag stimmen. Es gab auch so viele andere Sachen, um die wir uns kümmern mussten.“

„Ja, wir hatten beide eine Menge zu tun und wollten vorankommen in unserem Leben.“

„Und dadurch hatte ich leider den Blick für das Wichtigste verloren.“ Damien machte eine Pause und fügte hinzu: „Aber die Situation hat sich geändert.“

Sie wusste nicht, was er damit meinte, und fragte ihn verwundert: „Wieso geändert?“

Er hatte insgeheim einen Entschluss gefasst. Er wollte Gabrielle jetzt, da er sie wiedergesehen hatte, endgültig vergessen. Sie sollte ein für alle Mal aus seinen Träumen verschwinden. Und das wollte er auf möglichst angenehme Art erreichen.

„Es ist Zeit, dass du heimkommst, Gabrielle. Dein Vater braucht dich.“ Und ich in gewissem Sinne auch, fügte Damien im Stillen hinzu.

Sie schlug die Augen nieder und begann, das Revers ihrer Jacke glatt zu streichen. Dann schaute sie entschlossen wieder auf. „Es tut mir leid. Bitte sag meinem Vater, dass ich ihm alles Gute wünsche, aber ich werde nicht zurückkommen.“

Das konnte er unmöglich akzeptieren. „Und wenn er sterben wird?“

Sie zuckte zusammen. „Sag so etwas nicht“, flüsterte sie.

Aber Damien ließ sich nicht davon beeindrucken. Er musste hart bleiben, denn er hatte sich fest vorgenommen, Gabrielle zurückzuholen. Was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, das erreichte er meistens auch. So schnell wollte er jetzt nicht aufgeben. „Sieh den Tatsachen ins Auge, Gabrielle. Dein Vater ist sterbenskrank. Du musst ihn einfach besuchen.“

„Damien, ich kann doch nicht …“

„Dann tu es für deine Mutter.“

Erstaunt riss sie die Augen auf. „Wieso erwähnst du meine Mutter? Wann hast du mit ihr gesprochen?“

„Caroline ist vor ein paar Tagen zurückgekommen, als sie vom Schlaganfall deines Vaters hörte.“

Gabrielle presste vor Aufregung die Handflächen aufeinander. „Nein, das kann nicht sein, sie würde ihm niemals verzeihen.“ Es war für sie undenkbar, dass ihre Mutter zu ihrem Vater zurückkehren würde. Caroline hatte geschworen, das Haus in Darwin niemals wieder zu betreten.

„Oh doch, deine Mutter ist zurückgekommen, und du solltest es auch tun“, beharrte Damien.

„Du lügst. Das ist sicher nur ein Trick, um …“

„Es ist kein Trick, Gabrielle, das schwöre ich dir. Deine Mutter hat mich geschickt, damit ich dich nach Darwin zurückhole. Sie braucht dich in dieser schwierigen Situation ebenfalls.“

„Aber das ist nicht fair!“, protestierte Gabrielle.

„Das habe ich auch nicht behauptet.“

Bei diesem Gespräch kam Damien noch ein anderer bitterer Gedanke. Gabrielle hatte trotz allem Eltern, die sie liebten. Ihre Tochter war ihnen nicht vollkommen gleichgültig, so wie er es für seine Eltern gewesen war.

Gabrielle hatte eine Chance, sich mit ihrem Vater und ihrer Mutter zu versöhnen, wenn sie jetzt mit zurück nach Darwin käme. Seine Eltern wären gar nicht daran interessiert gewesen, ihm so eine Chance zu geben. Sie waren immer ausschließlich mit sich selbst beschäftigt gewesen. Es war ihnen niemals in den Sinn gekommen, dass ihr Sohn vielleicht auch ein wenig Aufmerksamkeit verdiente.

Wenn Damien daran dachte, schmerzte es ihn noch immer. Aber er ließ sich nichts anmerken. „Hör mal, Gabrielle, wenn du es nicht für deinen Vater tun willst, dann tu es für deine Mutter.“

Entrüstet schüttelte Gabrielle den Kopf. „Wie stellst du dir das vor? Ich kann hier nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Wir sind ein aufstrebendes junges Unternehmen. Ich habe einige wichtige Aufträge, um die ich mich kümmern muss.“

„Die Firma wird auch ohne dich weitermachen können, Gabrielle.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum geht es sonst?“ Es war offensichtlich, dass Gabrielle nur nach einer Entschuldigung suchte.

Damien schaute sie fest an, und sie hielt seinem Blick eine Weile stand. Dann senkte sie die Augenlider und ergab sich seufzend. „Okay, ich werde mit nach Hause kommen. Aber ich bleibe nur so lange, bis mein Vater außer Gefahr ist.“

„Abgemacht.“ Insgeheim rechnete Damien damit, dass er sie bis dahin in seinem Bett hätte. Und dann, wenn sein Verlangen nach ihr gestillt war, würde er sie endlich vergessen können. Für immer.

Diese Vorstellung erfüllte ihn mit größter Zufriedenheit.

Auf dem langen Flug nach Darwin in den nördlichsten Teil von Australien hatte Gabrielle die Zeit zunächst zum Telefonieren genutzt. Sie hatte ihren wichtigsten Kunden erklärt, dass sie aus familiären Gründen für ein paar Tage verreisen musste.

Danach versuchte sie, sich ein wenig zu entspannen. Es war eine Menge geschehen. In Gedanken ließ sie die letzten Stunden noch einmal Revue passieren.

Bevor sie in Sydney in Damiens Privatjet gestiegen war, hatte sie mit ihrer Chefin gesprochen. Eileen hatte zum Glück größtes Verständnis dafür gezeigt, dass Gabrielle ihren kranken Vater besuchen wollte, und sie nur darum gebeten, gleich anzurufen und zu berichten, wie es dem alten Herrn ging.

Eileen war so lieb und verständnisvoll wie immer, dachte Gabrielle lächelnd. Die ältere Frau behandelte sie, als wäre sie eine von ihren Töchtern. Ohne Eileen hätte ich das alles nicht so gut überstanden, ging es Gabrielle durch den Kopf, sie hat mir durch eine furchtbar schwere Zeit geholfen.

Das galt auch für Lara und Kayla, Eileens Töchter. Die drei Frauen hatten Gabrielle ausgesprochen herzlich aufgenommen, als sie in Sydney ankam und kein Dach über dem Kopf hatte. Wären sie nicht gewesen, hätte Gabrielle nach ihrem Unfall ihren Stolz überwinden und ihren Vater um Hilfe bitten müssen.

Wie immer, wenn sie an den Unfall mit seinen schrecklichen Folgen dachte, wurde ihr das Herz schwer. Sie ließ ihren Blick zu Damien wandern, der ihr gegenübersaß und in einer Finanzzeitschrift las. Wenn er nur wüsste … Oh Gott.

Aber dann riss sie sich zusammen. Nein, daran wollte sie jetzt nicht denken. Lieber betrachtete sie Damien. Das würde sie ablenken.

Damien Trent war Anfang dreißig und hatte sich überhaupt nicht verändert. Er wirkte topfit und sehr dynamisch. Sein tiefschwarzes Haar und die lebhaften moosgrünen Augen gefielen ihr noch genauso gut wie früher. Ja, sie fand seine ganze Erscheinung immer noch ungemein attraktiv und aufregend männlich.

Mein Damien.

Fünf Jahre zuvor hatte sie sich unsterblich in ihn verliebt. Er war ihr erster Liebhaber gewesen, der Mann, dem sie gestattet hatte, in ihre Seele zu blicken, der Mann, für den sie alles getan hätte. Wie konnte ich es nur fertigbringen, ihn zu verlassen, obwohl ich wusste, dass ich sein Kind unter dem Herzen trug?

Das hatte Gabrielle sich unzählige Male gefragt und stets die gleiche Antwort gefunden. Ich konnte nicht bei ihm bleiben, weil er mich nicht wirklich liebte. Sie waren beide noch so jung gewesen und voller Leidenschaft. Aber darüber hinaus war ihre Beziehung nie besonders innig gewesen. Irgendwie hatte Gabrielle geglaubt, etwas zu vermissen.

Sie hatte jedoch nie daran gezweifelt, dass Damien sie geheiratet hätte, wenn er gewusst hätte, dass sie schwanger war. Aber darauf hatte sie keinen Wert gelegt.

Als sie sich dann auch noch mit ihrem Vater gestritten und er sie im betrunkenen Zustand des Hauses verwiesen hatte, hatte sie die Gelegenheit genutzt, um aus Darwin fortzugehen. Lieber wollte sie ihr Kind ohne Vater allein großziehen, als eine ungeliebte Ehefrau zu werden. Ihr Kind sollte nicht in einer Familie aufwachsen, in der sich die Eltern gegenseitig verachteten. Denn Gabrielle war selbst so ein Kind gewesen. Sie hatte jahrelang die endlosen Streitereien zwischen ihren Eltern mitbekommen.

So hatte sie es für die beste Lösung gehalten, alle Brücken hinter sich abzubrechen, und sich dazu entschlossen, sich zukünftig nur noch auf sich selbst zu verlassen. Ihre Seele würde sie niemandem mehr öffnen, schon gar keinem Mann. Denn Liebe, so hatte sie erfahren, brachte nur Schmerz. Also wollte sie sich nicht mehr verlieben, und Männer waren bis zum heutigen Tag uninteressant für sie gewesen.

Bis zum heutigen Tag.

Bis Damien wieder in ihr Leben getreten war.

Plötzlich schaute er von seiner Zeitschrift auf. „Ist alles in Ordnung?“ Es klang nicht wie eine reine Höflichkeitsfloskel, sondern er schien sich tatsächlich dafür zu interessieren, wie Gabrielle sich fühlte und was sie gerade dachte. Das machte sie wiederum unsicher.

Sie nickte hastig und wandte den Blick von ihm ab. Durch das kleine Fenster betrachtete sie den blauen Himmel und die unermessliche Weite, die sich tief unter ihnen ausdehnte. Seit einiger Zeit hatten sie die rote staubige Erde des zentralen australischen Outbacks hinter sich gelassen. Der Boden war von einem zarten Hellgrün überzogen. Und Meile für Meile, je näher sie der Küste kamen, wurde das Land waldreicher und grüner.

Endlich konnte Gabrielle von Weitem das Meer erkennen, das die einsame Nordspitze Australiens umspülte. Gabrielle hatte jedes Zeitgefühl verloren und genoss diesen Anblick.

Hier, im äußersten tropischen Norden, am Top End, war sie geboren und aufgewachsen, hatte heitere und traurige Tage durchlebt, Liebe und Leid erfahren.

„Du bist wieder zu Hause“, erklärte Damien fast feierlich, als das Flugzeug über dem Meer wendete und zum Rollfeld einschwenkte. Unter ihnen lag die Stadt Darwin.

Gabrielle fühlte einen dicken Kloß im Hals und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Damien hatte recht. Wie sehr sie auch versucht hatte, es all die Jahre zu verdrängen, hier im Norden war sie zu Hause. Ihr Herz schlug immer noch für die Heimat.

Das würde sich niemals ändern.

2. KAPITEL

Als der Privatjet gelandet war, stiegen Gabrielle und Damien aus. Wie ein unsichtbarer Vorhang schlug ihnen die feuchtheiße Tropenluft entgegen.

Es waren nur ein paar Schritte zu der wartenden Limousine, die sofort losfuhr, als sie eingestiegen waren. Sie passierten die Vororte von Darwin, und keine Viertelstunde später hatten sie die Privatklinik erreicht.

Sosehr sich Gabrielle auch dagegen wehrte, spürte sie doch eine ängstliche Erwartung. Immerzu musste sie an ihren Vater denken. In den letzten Jahren hatte sie schon öfter versucht, sich gedanklich auf eine solche Situation vorzubereiten. Nun wurde ihr klar, dass so etwas gar nicht möglich war.

Während ihrer Zeit in Sydney hatte sie auch daran gearbeitet, sich gefühlsmäßig von ihren Eltern zu distanzieren. Aber das war jetzt vergessen. Was immer zwischen ihr und ihrem Vater geschehen war, es zählte nicht mehr. Er blieb ihr Vater, und sie liebte ihn trotz allem. Schon der Gedanke, dass er sterben könnte, ließ sie verzweifeln.

Was ihre Mutter betraf, so konnte Gabrielle es kaum glauben, dass sie zurückgekehrt war. Caroline Kane hatte immer im Schatten ihres reichen Ehemannes gestanden. Er hatte sich ihr gegenüber oft so benommen, als wäre sie nicht mehr als eine gut bezahlte Hausangestellte. Aber alles hatte sie dann doch nicht toleriert. Als sie entdeckte, dass ihr Mann sie mit seiner Sekretärin betrog, verließ sie ihn.

Dabei hatte sie jedoch sehr gelitten. Sie hatte keine Kraft mehr gehabt, ihre Tochter mitzunehmen, obwohl Gabrielle sie damals angefleht hatte, sie nicht zurückzulassen.

Immer wieder.

Allmählich bekam Gabrielle Angst vor der eigenen Courage. Will ich meine Eltern heute wirklich wiedersehen? fragte sie sich im Stillen. Im Grunde wusste sie gar nicht mehr viel von ihnen. Sie waren ihr fremd geworden, obwohl sie ihre Gene in sich trug. Sie hatten ihr das Leben geschenkt, aber sie hatten sie auch sehr verletzt. Wie sollte sie sich verhalten? Sollte sie ihnen wie Fremden begegnen oder ihnen Vertrauen entgegenbringen?

Mein Gott, ist das jetzt eigentlich wichtig? überlegte sie, als sie mit Damien im Aufzug in die dritte Etage fuhr. Keiner von beiden sagte ein Wort. Aber sie war sich Damiens Gegenwart sehr bewusst. Der Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase. Er benutzte immer noch das gleiche wie damals. Und dann erinnerte sie sich daran, wie es sich angefühlt hatte, in seinen starken Armen zu liegen.

Aber bald darauf wurde Gabrielle von einem noch stärkeren Gefühl überwältigt. In der dritten Etage auf dem Weg zum Zimmer ihres Vaters kam ihnen eine attraktive Frau mittleren Alters entgegen.

Gabrielle stutzte und erschrak. „Mum?“

Die Frau blieb ebenfalls stehen. Sie schaute Gabrielle mit weit aufgerissenen Augen an und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte jedoch keinen Ton heraus.

Auch Gabrielle war sprachlos vor Erstaunen. Sie hatte ihre Mutter so anders in Erinnerung, zwar mit hübschem Gesicht, aber sehr bieder gekleidet, und ihr aschblondes Haar war stets zu einem Dutt aufgesteckt. Jetzt stand eine dynamisch wirkende blonde Frau mit einem schicken Bob in sportlich-eleganter Kleidung vor ihr.

Im nächsten Augenblick lief Caroline schon auf sie zu.

„Gabrielle!“ Sie schlang beide Arme fest um ihre Tochter.

Gabrielle stockte der Atem. Hin- und hergerissen zwischen ihren widersprüchlichen Gefühlen, blieb sie stocksteif stehen. Auf der einen Seite hätte sie sich gern in die Arme ihrer Mutter gekuschelt und ihr gestanden, wie sehr sie sie vermisst hatte. Es war schließlich ihre Mutter, und die gab es nur einmal.

Auf der anderen Seite war es die Frau, die Gabrielle als Teenager bei ihrem unberechenbaren Vater zurückgelassen hatte. Das konnte Gabrielle ihr so leicht nicht verzeihen.

Caroline hatte Tränen in den Augen, als sie ihre Tochter wieder losließ. „Oh Gott, ich kann es gar nicht fassen, dass du es bist, Darling.“ Sie lächelte gerührt und schien Gabrielles Reserviertheit gar nicht bemerkt zu haben. „Lass dich ansehen. Wie hübsch du bist, meine Kleine!“ Dann schaute Caroline zu Damien herüber. „Ist sie nicht reizend, Damien?“

Gabrielle beobachtete gespannt seine Reaktion. Er warf ihr einen bewundernden, aber auch herausfordernden Blick zu, bevor er sich lächelnd an ihre Mutter wandte. „Ja, Caroline, das ist sie. Gabrielle ist reizend und sehr, sehr hübsch.“

Selbst in dieser Situation lief ihr bei seinem Kompliment ein warmer Schauer über den Rücken. Es war ihr gar nicht recht, wie sehr sie sich darüber freute. Sie wusste ja von damals, dass Damien sie attraktiv fand. Aber dass er ihr jetzt, nach all den Jahren, wieder so ein charmantes Kompliment machte, ließ sie erröten.

„Oh, warte nur, bis dein Vater merkt, dass du hier bist!“, rief Caroline entzückt. „Das wird die beste Medizin für ihn sein.“

Als ihr Vater erwähnt wurde, bekam es Gabrielle gleich wieder mit der Angst zu tun. „Wie geht es ihm, Mum? Was sagen die Ärzte?“

Caroline drückte ihr zur Beruhigung die Hand. „Reg dich nicht so auf, Darling. Es geht ihm besser als erwartet.“

„Gott sei Dank.“

„Ja, ich danke Gott sehr dafür“, bekannte Caroline. Ihre Stimme zitterte.

Danach reckte sie sich und küsste Damien auf die Wange. „Und dir danke ich, dass du unsere Tochter zurück nach Hause gebracht hast. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir und Russell das bedeutet.“

„Sie ist doch gern mitgekommen.“ Damien drehte sich zu Gabrielle und zwinkerte ihr zu. „Nicht wahr, Gabrielle?“

Sie verzog jedoch keine Miene. „Ja“, log sie.

Zum ersten Mal schien Caroline zu bemerken, wie distanziert ihre Tochter war. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. „Darling, ich weiß, dass wir eine Menge zu bereden haben. Aber lass uns damit bitte noch warten. Der Besuch bei deinem Vater ist jetzt wichtiger. Du solltest es hinter dich bringen.“

Gabrielle nickte nur. Dennoch war sie ihrer Mutter für ihre Worte sehr dankbar. Die Vergangenheit stand zwischen ihnen, auch wenn Russell Kane sehr krank war und dies nicht die Stunde, um alte Rechnungen zu begleichen.

Caroline machte wieder ein optimistisches Gesicht. „Nun gut, dann komm, und wirf einen Blick auf deinen Vater.“ Sie schlug die Richtung zu seinem Zimmer ein. „Eigentlich darf außer mir kein Besuch zu ihm.

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