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Ich hab keine Macken! Das sind Special Effects

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Kleine Macken haben wir doch alle – Marotten zu haben ist überlebenswichtig
  8. Drill Sergeant 2000 – Deutsches Verhalten im Supermarkt
  9. Trattoria Schimmelino – Unsere schönsten Marotten im Restaurant
  10. Deko-Obst fürs Karma – Macken in den eigenen vier Wänden
  11. Nun sehen Sie, was Sie gleich sehen – Das Fernsehen ist voller Kuriositäten
  12. Er fuhr Ford und kam nie wieder – Kleine Macken, sogar am Auto
  13. Pool Position – Die schönsten deutschen Urlaubsmarotten
  14. Dies ist ein Garagentor, nur ein Doofer parkt davor – Die Deutschen lieben Hinweisschilder
  15. Shitstorm – Unser Tick mit dem Internet
  16. Über sieben Brücken musst du gehen – Eine Macke zu haben ist Trend
  17. Wir werden das jetzt in Ruhe analysieren – Die Eigenheiten deutscher Politiker
  18. Jetzt kommt der Eiermann – Wer ein Hobby hat, braucht keine Macke mehr
  19. Schingderassa, bumderassa! – Die schöne Seuche Karneval
  20. Flötentöne – Ho! Ho! Ho! Die lustigsten Weihnachtsmarotten
  21. Drei-sieben palatinal – Der Deutsche und sein Essen
  22. Der kommt nicht gut an – Die kleinen Macken der Bahnreisenden
  23. Es gibt immer was zu tun – Warum wir so gern in Baumärkte rennen
  24. Bitte mit Grün bestätigen – Der Wahnsinn mit den Schnäppchenjägern
  25. Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich – Der Problemfall deutscher Mann
  26. Hitzegewitter im Strafraum – Die schönsten Macken im Sommer
  27. Ich hab die Haare schön – Der Problemfall deutsche Frau
  28. Ordnung ist das halbe Leben – Die Macke mit dem Regulierungswahn
  29. Und was sagen die anderen? – Wie das Ausland uns Deutsche sieht

Über dieses Buch

Samstags glühen die Rasenmäher, im Baumarkt gibt’s ne Ladies-Night und Menschen winken entzückt von Autobahnbrücken: Die Deutschen sind schon eigenartig. Ein Volk voll komischer Ticks, ein Land mit bizarren Normen und Regeln. Warum sind wir so? Auf seinen Reisen durchs Land und in seinem Alltag findet Bestseller-Autor Kai Twilfer Antworten, die er in satirisch zugespitzten Geschichten erzählt. Er hält seinen Landsleuten den Spiegel vor und schreibt ein launisches Portrait unserer Heimat. Am Ende stellt er fest, dass ein richtiger Deutscher mehr Macken hat als ein alter VW Käfer – aber auch genauso liebenswert ist.

Über den Autor

Kai Twilfer ist seit 1976, also von Geburt an, Insasse des Ruhrgebiets. Genauer gesagt der Großraumzelle Gelsenkirchen. Seine Erlebnisse aus diesem einzigartigen Landstrich fasste er in mehreren erfolgreichen Büchern zusammen. Sein Debut Schantall, tu ma die Omma winken war das meistverkaufte Taschenbuch Sachbuch 2013. Auch die Nachfolgebände schafften den Sprung auf die Bestsellerliste und begründeten Twilfers Ruf als Verfasser von bissig witzigen Gesellschaftssatiren.

Kai Twilfer

ICH HAB
KEINE
MACKEN!
DAS SIND
SPECIAL
EFFECTS

Wer die Gesellschaft nicht entbehren kann,

soll sich ihren Gebräuchen unterwerfen,

weil sie mächtiger sind als er.

Adolf Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge

Kleine Macken haben wir doch alle

Marotten zu haben ist überlebenswichtig

Ich hab da so eine klitzekleine Marotte. Also wirklich winzig klein. Beinahe unsichtbar. Aber dennoch … nicht zu leugnen.

Jeden Morgen stehe ich vor dem Spiegelschrank im Bad, höre Roland Kaiser aus dem wasserdichten Miniradio, trinke dabei einen Kaffee und gebe mir Mühe, innerhalb der nächsten zehn Minuten irgendwie wach zu werden. Meist regungslos im Stehen, mit einem Gesichtsausdruck wie Halloween im Kanzleramt – vor diesem Albtraum deutscher Spanplattenkunst.

Spiegelschränke gehören in meinen Augen nämlich zu den brutalsten Erfindungen der Menschheit. Direkt nach der Atombombe, dem Laubbläser meines Nachbarn und der Sendung Frauentausch auf RTL2 ist der Spiegelschrank das Unglücklichste, was je von Menschenhand erschaffen wurde.

Es ist sicher kein Spleen von mir, sondern eher simple Gewohnheit, dass ich jeden Morgen vor dem Ding stehe und einen verschlafenen, nicht mehr ganz faltenfreien, leicht in die Jahre gekommenen Autor beobachte. Einen Autor, der sich die Frage stellt, warum ihm dieses Wandkästchen des Grauens so schonungslos ehrlich sein zerknittertes Antlitz offenbart. Nur um gleichzeitig die angebliche Lösung des Problems in Form von Gesichtsgels, Hautstraffern und Anti-Aging-Cremes hinter seinen furnierbespannten Türplatten bereitzuhalten.

Es ist fast so, als wollte mir diese Büchse der Pandora jeden Morgen wortlos mitteilen: »Alter, schau dich mal an! Du siehst irgendwie kacke aus. Aber ich bin für dich da. Ich bin dein Retter in der Not. Ich stecke voller Special Effects, die du dir um die Nase schmieren kannst.«

Nicht dass Sie jetzt denken, dass ein knochenhartes, gestandenes Muskelmonster wie ich Anti-Aging-Cremes und so einen Zinnober wirklich benötigte. Ich bin Onkel Twilfer, nicht Fräulein Ronaldo.

Doch meine Erste-Hilfe-Box namens Spiegelschrank beinhaltet genau dieses Zeug. Meiner lieben Frau sei Dank. Frauen haben nämlich einige Ticks auf Lager, was die tägliche Anwendung von obskuren Pflegeprodukten angeht. Sehr beliebt zum Beispiel: Hyaluronsäure für die Nase, wie es in der Werbung immer so schön heißt. Klingt, als könnte man damit auch Asbestplatten made in Tschernobyl abbeizen. Ist Frauen aber egal. Frauen stehen ganz offen zu ihren Schönheitsticks. Männer hingegen würden nie zugeben, dass sie ein Problem damit haben zu altern.

Wir regen uns zwar darüber auf, dass der Zaunfink von nebenan mit der Kniescheibe eine Beule in den Unterboden des alten Fiat Uno geschlagen hat, aber an uns selbst finden wir angeblich nix. Egal, in wie viele Spiegel wir bereits geblickt haben, und egal, wie viele Bundestrainer uns die Schmiere für die reife Haut anpreisen. Die meisten Männer behaupten daher auch, sich nach dem Duschen mit 20er-Schleifpapier trocken zu reiben und nach dem Zähneputzen mit rostigen Nägeln zu gurgeln, nur um der Außenwelt glaubhaft zu versichern, dass sie frei von Macken, Marotten und Mängeln sind.

Wir Männer sind perfekt. Das glauben wir zumindest, bis wir wieder einmal am Morgen mit dem Kaffee in der Hand vor dem Ding im Bad stehen und fragen: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die geilste Sau im ganzen Land?«

Mein Spiegelschrank antwortet dann meist: »Geh mal mit deinem dicken Bauch zur Seite, ich sehe sonst nichts.«

Vor Entsetzen über diese unverschämte Antwort hab ich neulich mit dem Hornhauthobel auf den dämlichen Kasten gekloppt. Um ihm klarzumachen, was er mir da jeden Morgen antut. Und siehe da, jetzt hat er auch eine Macke. Nun sind wir beide wieder beste Freunde, und ich konnte ihn bereits am kommenden Morgen mit den Worten trösten: »Sei nicht böse, alter Freund. Das sind keine Macken. Das sind Special Effects!«

Frauen lieben kleine Macken an uns Männern sogar. Sie nennen das Charisma. Ob Frauen aber auch über einen Freund von mir sagen, dass seine Macke charismatisch ist? Er springt immer über Gehwegfugen, da er es nicht ertragen kann, auf sie zu treten. Okay, das geht jetzt mehr in den Psychobereich, hat demnach also nichts mit Charisma, Macke oder gar Special Effect zu tun, sondern mehr mit Plemplem. Mein Freund sieht beim Fugenspringen immer aus, als wollte er mit der Aktentasche unter dem Arm Schwanensee aufführen.

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Aber sind nicht genau diese Dinge das Salz in der Alltagssuppe, das uns Menschen so sympathisch macht?

Übrigens: Die Frauen, die ich in meinen vierzig Lebensjahren beruflich und privat so kennengelernt habe, haben nicht mehr oder weniger Ticks, Rituale und Macken als wir Männer auch. Das beruhigt ja schon mal.

Wir Deutsche sind wohl insgesamt nicht frei von Marotten, die unser Leben beeinflussen. Zugegeben, ich bin auch so einer, der den alltäglichen Wunderlichkeiten in diesem Land unterworfen ist, egal, ob weiblicher oder männlicher Natur, ob freiwillig oder gezwungenermaßen. Ich begegne ihnen überall. Es ist wie eine sich ständig wiederholende Reise, mitten hinein in den Wahnsinn deutscher Spleens und Eigenheiten. Und täglich grüßt das Marottentier.

Haben Sie nicht Bock, auch mal mitzukommen? Auf eine kurzweilige Tour durch meine Welt, in der ich als schrulliger Schreibtischtäter, bunt gekleidete Rampensau, wunderlicher Privatmensch und vierzigjähriger leicht marottiger Mann täglich Dutzende Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägten Spleens treffe. Fremde, Bekannte oder sogar Prominente.

Wir alle machen uns dank unserer typischen »Besonderheiten« gern mal zur Witzfigur, immer und überall. Vermutlich bezeichnet der altfranzösische Begriff marotte nicht umsonst eine kleine Handpuppe, auf der das Konterfei eines Narren abgebildet ist. Und was meinen Sie wohl, was das folgende Sprichwort heißt: À chaque fou sa marotte? Ganz genau. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Möglicherweise verstehen Sie dann auch, warum ich jeden Tag bemüht bin, den typisch deutschen Marotten möglichst weitläufig aus dem Weg zu gehen. Gelungen ist es mir bisher … leider nie.

Na? Fühlen Sie sich angesprochen? Sie, mit dem Buch in der Hand. Mit Marotten, die irgendwie jeder kennt, da sie typisch Mann, typisch Frau und typisch deutsch sind.

Damit ist natürlich nicht gemeint, dass diese Marotten, die wir Deutschen für uns beanspruchen, ausschließlich in unserem Land vorzufinden sind oder gar hier erfunden wurden, aber in diesem Land überaus häufig beobachtet werden können. In Ihrem Alltag und in meinem sowieso.

Es sind Eigenheiten, die an jedem Deutschen haften wie ein Kaugummi am Schuh, und sei es nur in Form eines kristallbesetzten Bauchtäschchens passend zur Sandale mit weißer Boris-Becker-Gedächtnissocke. Dabei spreche ich nicht von echten Psychosen wie von der meines Fugen-Freundes oder Dingen wie Ehepartnertourette (SchatzduSau). Ich meine auch nicht die guten alten, typisch deutschen Bräuche, wie einmal im Jahr die Wiese auf dem Münchner Oktoberfest vollzureihern. Nein, es sind die kleinen Eigenheiten des Alltags, die wir alle kennen und häufig unterbewusst mitmachen. Sie beweisen, dass wir Rituale, und seien sie noch so absonderlich, wie die Luft zum Atmen brauchen, da sie Berechenbarkeit und Ordnung in das Chaos des Lebens bringen.

Marotten geben uns Sicherheit in einer Welt, in der nichts mehr sicher ist. Wenn alles durchdreht, sorgen unsere Schrulligkeiten für Konstanten. Für viele sind sie somit genauso unverzichtbar wie Frauentausch gucken oder am Sonntagmorgen Laub blasen.

Ich behaupte, Sie werden sich in diesem Buch mit einer Wahrscheinlichkeit von einhundert Prozent wiederfinden.

Und jetzt mache ich erst mal wieder die Tür meines vermackten Spiegelschranks zu. Offene Türen erzeugen bei mir nämlich immer dieses Gefühl von Durcheinander. Muss wohl ein Special Effect aus der Kindheit sein.

Drill Sergeant 2000

Deutsches Verhalten im Supermarkt

Menschen besuchen Supermärkte. Das hat oft praktische Gründe und manchmal auch emotionale. Ein praktischer Grund, warum meine Frau mich regelmäßig zum Einkaufen schickt, ist sicher der, nicht verhungern oder verdursten zu wollen. Urinstinkt, Gott ist verantwortlich – jedenfalls nicht meine Schuld!

Ich behaupte aber mal, dass das mit dem Verhungern in Deutschland gar nicht möglich ist, selbst wenn man in einen Hungerstreik tritt. Man kann bei dem Überangebot in Sachen Fresseritis in unserem Land eher in einen Mampfstreik treten und damit drohen, in aller Öffentlichkeit wie eine Bombe zu platzen, als medienwirksam zu verhungern. Trotzdem ist es einfach blöd, wenn Schalke spielt und man weder Bier noch Minisalamis im Kühlschrank hat. Da verhungert dann nicht nur die Sturmspitze. Fußballfan Twilfer muss also ab und zu schon wegen der Bundesliga in den Supermarkt.

Viel schöner sind aber die emotionalen Gründe, sich in das marottenverseuchte Abenteuer Supermarkt zu stürzen. Ich muss mich daher an dieser Stelle als sogenannter Impulskäufer outen. Schönes Wort, oder? Das sind diese armen Schweine, die von einer höheren Macht dazu verleitet werden, Kram in den Wagen zu legen, den sie eigentlich gar nicht brauchen. Eine menschliche Nervenzelle, vergleichbar mit der Fotozelle in einem Rauchmelder, registriert also ein Problem (zum Beispiel: Minisalami leer!) und macht dann ordentlich Alarm. Wir folgen diesem Impuls dann wie Lemminge, und zwar Männlein und Weiblein. Da geht es dann längst nicht mehr nur um Lebensmittel. Aldi schönen Werbeblätter bieten nämlich jede Woche allerhand Krimskrams an, den wir unbedingt haben müssen, egal, ob Dinge des täglichen Bedarfs wie Schmutzradiergummis, Bananenschneider oder Damen-Gartenscheren im Vorratsschrank noch vorhanden sind oder nicht.

Mal was ganz anderes: Hab ich Ihnen eigentlich schon von meinem größten Feind erzählt? Ne? Na, dann wird es aber Zeit. Er ist schwarz, kleinwüchsig, blind und lebt im Dreck. Eigentlich vier sehr gute Gründe, ihn nicht zu diskriminieren. Aber ich muss es einfach tun. Es ist nämlich dieser Sausack von Maulwurf, der mir jedes Jahr meinen Acker wieder auf links dreht, und zwar genau dann, wenn ich im Discounter gerade ein neues Paket Rasennachsaat gekauft habe.

Neulich habe ich sogar von ihm geträumt: Ich lag gefesselt auf meinem perfekt manikürten Wembleyrasen. Neben mir türmte sich ein Erdhügel auf, aus dem Grabowski rausguckte, einen Grubenhelm auf dem Kopf, und mich höhnisch angrinste. Tierschutz hin oder her, wir werden keine Freunde mehr. Die Bandidos? Die italienische Mafia? Die Tschetschenen? Niemand wollte mir bisher helfen, diesen Feind aus dem Untergrund in seine Schranken zu weisen.

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Doch dann kam der große Tag, an dem der Discounter meine Rettung ins Programm nahm. Ich saß auf dem Klo und blätterte im aktuellen Werbeprospektchen. Und da sah ich ihn, im Angebot der Woche: den Maulwurfschreck Drill Sergeant 2000. Das ist so ein solarbetriebener Infrarotdildo, den man in seinem Garten in den Rasen steckt und der dann alle paar Minuten vibrierend ein paar Stromstöß… Nein, stopp! Der gibt halt so Schallwellen ab, die Grabowski uncool findet, die dem Vieh aber nichts anhaben und mein Seelenleben ebenso schonen wie meinen Grasteppich. Also runter vom Klo, rein ins Auto und ab zum Supermarkt.

Wie ich bereits erwähnte, gibt es nicht viele Orte in diesem Land, die vermackter sind als deutsche Supermärkte. Das geht schon auf dem Parkplatz los. Eine Angewohnheit der Deutschen scheint nämlich zu sein, mit dem Auto am besten direkt neben der Scannerkasse im Markt parken zu wollen. Selbst wenn der übrige Parkplatz leer ist, prügeln sich am Samstagmorgen Dutzende Väter mit Weidekörbchen im Arm um die Bucht, die dem Eingang am nächsten ist.

Der Deutsche ist nämlich faul wie Bolle. Kann ja nicht jeder so sportlich und top durchtrainiert sein wie ich. Daher fahre ich die dreißig Meter zum Supermarkt ja auch mit dem Wagen. Hauptsache, man parkt mit dem Auto ganz vorn, nah an den Schiebetüren. Die Falle, die der deutsche Staat seinen Bürgern hier stellt, sind die zahlreichen und verlockenden Behindertenparkplätze, die dazu einladen, mal eben hier zu parken. Nur ein Minütchen. Wirklich ganz, ganz kurz. Ich wollte doch bloß …

Demgegenüber steht das urdeutsche Vernunftdenken, dass so was asozial ist. Macht man einfach nicht. Vor meinem Supermarkt sind zwar permanent zwanzig Behindertenparkplätze unmittelbar vor der Tür unbesetzt, aber was soll’s? Ich bin froh, gesund und munter zu sein, und laufe gern die paar zusätzlichen Meter.

Ich parkte meinen Wagen also quer auf dem großen Familienparkplatz direkt neben den Behindertenparkplätzen und suchte einen Einkaufswagen. Nicht dass ich den für nur einen Artikel unbedingt brauchte, aber man weiß ja nie. Vielleicht würde sich neben dem Drill Sergeant 2000 ja die passende Sprengstation mit ein paar Kilo TNT an Bord finden. Die wollte man ja nicht mühsam zur Kasse schleppen müssen. So viel Bequemlichkeit sei erlaubt.

Apropos Bequemlichkeit. Der Deutsche parkt also an Supermärkten vornehmlich in der ersten Reihe, läuft dann aber zweihundert Meter zurück zum Unterstand für Einkaufswagen, um sich einen Rollkorb für einen Euro zu organisieren.

Kacke, ich hatte kein Kleingeld dabei. Ich musste dringend Tempo aufnehmen. Also nicht Taschentücher, sondern Speed, damit mir nicht irgend so ein Garten-Günther den letzten Drill Sergeant 2000 vor der Nase wegschnappte. Der berühmte Spruch in deutschen Werbeblättchen lautet nämlich: »Trotz sorgfältiger Planung kann es sein, dass einzelne Artikel bereits am ersten Angebotstag ausverkauft sind.«

Sorgfältige Planung? Wer soll so was denn planen? Gibt es bei den Discountern etwa hochbezahlte Diplom-Mathematiker im Einkauf, die genau berechnen, ob sie eher zwei oder drei Exemplare in die Filiale legen? Im Plattenbaughetto-Discounter vielleicht auch mal einen mehr, wegen der zahlreichen Maulwürfe im betonierten Waschkeller? Ich glaube kaum.

Es war bereits zwei Minuten nach acht. Der Laden hatte also schon sage und schreibe zwei Minuten geöffnet. Und ich hätte mich totgeärgert, wenn Grabowski wieder als Sieger vom Rasen gegangen wäre. Oder besser gesagt: im Rasen geblieben.

Ich zog einen Fünf-Euro-Schein aus meinem Portemonnaie und quatschte die ersten Gestalten am Einkaufswagenstand an. »Habt ihr ’n Euro für mich?«

Die Jugendlichen mit roten Irokesen und Nasenring, die vor der Schule wohl noch schnell vier Paletten Red Bull brauchten, guckten mich doof an. »Ey, geh arbeiten, Alter!«

Es half nix, ich musste tatsächlich wieder zweihundert Meter in Richtung Supermarktkasse laufen, um diesen dämlichen Schein in ein Geldstück für den Einkaufswagen zu wechseln. Dann den ganzen Weg zurück und dann wieder … Es war zum Heulen. Ich hörte Grabowski hämisch lachen. Oder bildete ich mir das nur ein?

An der Kasse des Discounters angekommen, sah ich im Hintergrund bereits Rentnerdamen in den Aktionskörben wühlen. Also, ich sah die Unterbauten der Damen. Die Oberkörper waren zwischen Badematten, Akkuschraubern und Filzpantoffeln verschwunden. Und irgendwo dazwischen lag sicher auch mein Drill Sergeant 2000 und wartete auf mich. Ich musste die Sache hier schnellstens in den Griff bekommen.

Ich hielt dem Kassenonkel den Schein hin.

Seine Antwort: »Kollege, det jet nisch. Ick kann ers wechseln, wenn de Kasse offen is, wa?«

Meine Augen verfärbten sich rot. Kleine Dampfwölkchen kamen aus meiner Schädeldecke. Wie sehr ich diesen typisch deutschen Satz doch hasse. »Ich kann erst wechseln, wenn die Kasse offen ist.« Verflucht noch mal, dann mach die Scheißkasse doch offen! Da ist doch kein Eisenschloss dran. Drück irgendwo auf den Knopf, und das Ding geht auf, damit ich endlich meinen dämlichen Euro für den Einkaufswagen bekomme.

»Jeduld, der Herr. Immer schön ruhisch mit de alte Pferdschen.«

Sie kennen das sicher. Wenn man in so einem Moment wartet, dass irgendein Mensch endlich zum Bezahlen kommt, dann dauert es Jahre, bis sich einer bitten lässt. Eine ältere Dame schlich auf die Kasse zu und begann, im Schneckentempo ein paar Sachen aufs Band zu legen. Sie hatte drei Badematten, einen passenden Stoffaufsatz für die Klobrille, Bier, Minisalamis, einen Bananenschneider und fünf Maulwurfschreck in ihrem Einkaufswagen.

In mir kroch Panik hoch. Was wollte die Lady mit fünf Maulwurfschrecks? Ich hatte immer gedacht, im Alter wäre man froh, überhaupt noch Besuch von jemandem zu bekommen. Ein weiteres Wölkchen fand nun den Weg aus meinen Ohren heraus.

Der Mann an der Kasse scannte, so wie es sich für einen Kassierer oder eine Kassiererin in einem Discounter gehört, die Artikel schneller über das Band, als ich gucken konnte. Er kam mir vor wie Speedy Gonzales im Vollrausch.

Zipp, zipp, zipp, zipp, zipp, zippppp.

Faszinierend, dass es so gut wie unmöglich ist, die Kassiererinnen in Discountern in ihrer Paradedisziplin auch nur ein einziges Mal zu schlagen. Ich habe mir vor Jahren mal den Spaß erlaubt und vorher trainiert. Sie wissen schon, nur leicht rutschende Dinge gekauft, direkt nachdem die Ware auf dem Band war und in Richtung Scanner gefahren wurde, den Einkaufswagen hinter der Kasse in Position gebracht und störende Hindernisse, wie meine EC-Karte, aus dem Weg geräumt. Und dann ging die Luzie ab. Die Kassiererin scannte, und ich … wusch, wusch, wusch. Die Klamotten flogen so schnell in meinen Einkaufswagen, dass die Maus am Scanner nur staunen konnte. Erst später fiel mir auf, dass frische Eier in diesem Zweikampf nicht die beste Wahl waren. Aber ich hatte die Kassiererin besiegt und zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben schneller geräumt, als sie scannen konnte. Das anschließende Bodenwischen vor der Kassenzone zählte ja nicht mehr zum Wettbewerb.

Es geht auch noch eine Stufe spleeniger. Viele Supermarktbesucher sortieren ihre Einkäufe bereits im Einkaufswagen. Es muss schließlich alles seine Ordnung haben. Fünf-Liter-Lambruscoflasche und Joghurt? Schlechte Mischung auf dem Tisch, im Magen und auch im Einkaufswagen. Daher sauber trennen, bitte. Auch auf dem Kassenband herrscht in Deutschland Zucht und Ordnung. Flaschen werden nicht mehr auf das Band gestellt, sondern gefälligst gelegt. Nicht auszudenken, wie sehr man sich blamiert, wenn die Pulle Olivenöl umkippt und die Weintrauben erschlägt.

Doch zurück zum eiligen Verräumen der Einkäufe in den Wagen.

Die ältere Dame mit den Klomatten-Klamotten konnte natürlich nicht mit dem Kassierer mithalten. Sie war eher von der entspannten Sorte, während mir der Qualm nun auch aus der Nase dampfte. Sie verwickelte den Typen hinter der Kasse sogar in ein Gespräch, was ältere Damen an vollen Kassen am Samstagmittag scheinbar am liebsten machen. Sie sind es aus den Zeiten des Wirtschaftswunders halt gewohnt, regelmäßig mit dem Briefträger, dem Eiermann oder der Supermarktverkäuferin zu klönen. Nichts kann sie aus der Ruhe bringen. Nicht mal ein armer Autor, dem gerade die Wiese umgepflügt wird. Ach, was konnte denn auch die arme Dame dafür?

Sie quatschte den Kassierer, auf dessen Brustschild Kowalski stand, mit folgenden Worten an: »Sie! Kommt Ihr Name aus Schlesien? Meine Tante mütterlicherseits kommt nämlich aus Schlesien.«

»Ne, ick bin aus Kreuzbersch. Is aber fast dieselbe Rischtung. Macht 39,94 Euro.«

Die Dame begann in ihrem Portemonnaie zu kramen. Die Kasse mit meinem Einkaufswagen-Euro war immer noch versperrter als Fort Knox zur Winterpause.

»Wat is dieselbe Richtung?«, wollte sie wissen.

Kowalski antwortete: »39,94 Euro!«

Die Dame wurde immer verwirrter. »Wie, Sie haben Ihren Namen gekauft? In Kreuzberg? Wat für eine verkommene Ecke. Dat hätt et beim Führer nich gegeben.«

Mein Rauchwölkchen bahnte sich nun den Weg aus jeder Pore. Wie viele Drill Sergeants 2000 mochte der Diplom-Mathematiker diesem Markt wohl sorgfältig zugewiesen haben? Vielleicht acht oder zehn.

Die Dame suchte weiter in ihrer Geldbörse. Ältere Damen zeigen ja gern etwas naiv, was sie so haben. Nachdem sie also die dicken Fünfhundert-Euro-Scheine – vermutlich die gerade von der Bank geholte Jahresrente – zur Seite geschoben hatte, erkannte ich neben dem schwarzweißen Hochzeitsbild vor einem schlesischen Bauernhof 1935 auch zwei Zwanzig-Euro-Lappen. So, Madame, dachte ich mir. Nun aber fix die beiden Scheine auf die Theke, und zack, hat Twilfer endlich sein Kleingeld für den Wagen.

Im Hintergrund wurden bereits die nächsten beiden Maulwurfsdildos auf das Kassenband gelegt. Mein Herz schlug schneller.

Die alte Dame begann nun mit dem Gekrame im Kleingeld. »Sie! Ich glaube, ich hab das sogar passend. Warten Se mal.« Sie kramte und kramte, um dann zu kramen.

»Ich hab die Brille heute nicht mit. Ich bin mir aber sicher, ich hatte gestern noch ’n paar Groschen klein.«

Groschen? Ich war mir nicht sicher, ob ich die Dame küssen oder neben meinem Maulwurf verbuddeln sollte. Ich verkniff mir aber beides, als ich sah, wie sie nun den ganzen Geldbeutel dem Kassierer gab, damit er selbst schaute, ob sich neben den Geldscheinbündeln irgendwo ein Glückspfennig versteckt hatte.

Die Schlange hinter uns war inzwischen länger als eine Anakonda aus Fruchtgummi.

Nachdem Kowalski endlich vierhundert Münzen aus dem Kleingeldfach befreit hatte und anschließend feststellte, dass zwei Cent zum Passendzahlen fehlten, erbarmte sich die Dame dazu, ihre beiden Zwanziger zu opfern. Die Kasse ging endlich auf.

Als ich gerade lechzend nach dem Euro für den Einkaufswagen bitten wollte, folgte die inzwischen obligatorische Frage, die jeden deutschen Einkäufer, zugegeben: auch mich, zur Weißglut bringt: »So, dann wünsch ick Ihnen noch ein schönet Wochenende und hätt jern noch Ihre Postleitzahl.«

Der Rauch, der aus mir ausströmte, glich nun einem Dampfgarer ohne Deckel. Ich machte mir Sorgen wegen des Rauchmelders über der Kasse.

Die alte Dame ging in sich.

»Meine Postleitzahl? Also meine Tante mütterlicherseits in Schlesien hatte die 4711. Weiß nicht, warum, aber das konnte ich mir immer ganz gut merken. Warten Se mal. Wie is denn meine noch gleich?«

Die Dame holte wieder ihr Portemonnaie heraus und bat den Kassierer, darin zu suchen. »Irgendwo muss dat Bärenticket für die Bahn versteckt sein. Darauf is auch meine Postleitzahl. Ganz bestimmt.«

Der Kassierer lehnte dankend ab und gab 4711 in die Kasse ein. Dann: die nächste Frage des Grauens.

»Sammeln Se eigentlich Punkte?«

»Ne, aber Hummelfiguren. Meine Tante mütterlicherseits brachte gern mal wat aus Schlesien mit. Nicht die echten, aber auch ganz hübsch. Mit so gehäkelten Röckchen.«

Ich war mir nicht sicher, meinte aber, circa zwölf weitere Drill Sergeants in der Einkaufswagenkolonne gesehen zu haben, die inzwischen hinter der alten Dame wartete.

Sie fragen sich bestimmt, warum ich Experte nicht einfach an eine andere Kasse ging, richtig? Glauben Sie mal nicht, dass der Discounter an diesem Morgen Bock darauf hatte, bereits um zehn nach acht eine zweite Kasse aufzumachen. Obwohl eine einzige Kasse ja auch Vorteile hat. Es ist nämlich gar nicht so einfach, sich für die richtige Kasse zu entscheiden, wenn man vor der Wahl steht. Auch so eine deutsche Marotte. Sind bereits zwei Kassen oder mehr geöffnet, stellt man sich immer an der falschen an und wartet länger als alle anderen.

Und warum beobachtet der deutsche Supermarktkunde eigentlich weiterhin die Kassenschlange auf 1, wenn er selbst an Kasse 2 steht? Ganz einfach weil er der Gewinner sein möchte. Das hat nicht mal was mit Zeitnot zu tun. Nein! Es geht schlichtweg darum, aus dem Laden zu gehen und sich sicher zu sein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch wie es Murphys Gesetz so will, steht man immer in der falschen Kassenschlange. Und ich arme Sau stand diesmal ja noch nicht einmal in der Schlange, sondern davor.

Schön sind auch die Momente, wenn eine Schlange bereits hundert Meter lang und eine zweite Verkäuferin im Anmarsch ist, um eine weitere Kasse zu öffnen. Dann kann man mindestens sechs renitente Muttis mit vollgepackten Einkaufswagen dabei beobachten, wie sie sich in Startposition begeben, um beim magischen Ausruf »Kommen Sie bitte auch hier rüber!« loszusprinten wie Roadrunner. Blaue Flecken, Bänderrisse, zerstörte Überraschungseier: alles egal. Diese Befriedigung, die sich in einem breitmacht, wenn man seinen Wagen direkt entladen kann, während alle anderen noch wochenlang in der anderen Kassenschlange stehen … Schöner als Sex auf dem Mond. Für viele Deutsche auch ein Grund, in Supermärkte und nicht in Sexshops zu gehen.

Wie komme ich jetzt von Sexshop zurück zu der alten Dame vor mir? Ach ja. Der Maulwurfsdildo.

Majestätisch wie King Louie I., der Affenkönig aus dem Dschungelbuch, schob ich einige Minuten und vierhundert Meter später meinen Einkaufswagen eiligst in den Eingangsbereich des Supermarktes. Ich war mir sicher, dass mir nicht mehr viel Zeit blieb, beim Drill Sergeant 2000 zuzugreifen, um Grabowski in seine Schranken zu weisen.

Das Dumme ist nur, dass so ein Supermarkt nicht nur ein Schlaraffenland und für einen Impulskäufer wie mich eine große Herausforderung ist. Nein, ein Supermarkt ist auch immer ein fieser Hindernislauf. Ich erinnere nur an das Konzept von Ikea, in dessen Labyrinthgängen schon Millionen von Menschen verhungert sein müssen, da es dort eben keine Minisalamis, sondern nur bissfeste Furniermöbel gibt. Die Köttbullars kommen ja auch erst am Ende des Irrweges. Der Hungertod drohte mir im Supermarkt zwar nicht, aber die Hindernisse, an denen man zum Kaufen hängen bleiben soll und die die Discount-Psychologen wohl zusammen mit den Discount-Mathematikern ausgeklügelt haben, hinderten mich auf dem Weg zu meinem Ziel.

Das größte Hindernis steht in vielen Supermärkten allerdings noch vor der Startflagge. Der Pfandautomat! Immer im Eingang, immer im Weg. Welch grausame Erfindung. Harmlose Plastikflaschen werden wie von einem schwarzen Loch im Universum gnadenlos aufgesogen, um dann in einem unsichtbaren Bereich des Supermarktes kaltherzig zermalmt zu werden. Die Schreie der zerquetschten Plastikflaschen gehen allerdings häufig im noch brutaleren Schneidegeräusch des ansässigen Bäckers unter, wenn er die Brotlaibe zerteilt wie David Copperfield seine Showgäste.

Diesmal war es eine junge Familie, die vor mir mitten im Weg stand und ihr Pfandimperium wohl nur alle zwanzig Jahre zum Umtausch brachte. Drei Einkaufswagen voll mit leeren Flaschen. Voll geil! Biolimonade, die inzwischen den Weg aus der Flasche in Sohn Torben-Hendrik, Mutter Agnes und Papa Magnus gefunden hatte.

»So, Torben-Hendrik, und nun musst du die Flaschen dort oben in den Automaten stecken.«

Der Kleene kam an die viel zu hohe Öffnung nicht dran. Ich hörte Grabowski wieder lachen. Mir platzte nun endgültig der Kragen.

»Können Sie mit Ihrem Wagen nicht morgen wiederkommen? Ich bin mir sicher, dass das Kind auch später noch lernen wird, wie es sein Ding in ein Loch schiebt.«

Die Familie ignorierte mich. Eiskalt. Der Vater begann, Torben-Hendrik seelenruhig zu erläutern, dass man die Flasche mit dem Boden voran in den Automaten legen müsse, dann den Strichcode korrekt ausrichten und dann … flogen plötzlich zweihundert leere Pfandflaschen durch den ganzen Supermarkt. Auch die Flasche, die ihrem Sohn gerade hatte erklären wollen, wie man Pfand wegbrachte.

Als ich nur wenige Minuten später vor dem Discounter auf dem Bauch lag und auf den Elektroschocker des Securityfritzen schaute, den er mir ins Gesicht hielt, fragte ich mich, ob das nicht eventuell auch was für den Kampf gegen Grabowski wäre.

Die beiden jugendlichen Punks kamen an mir vorbei. »Was für ’n abgefuckter Assi.«

Kassierer Kowalski verließ in diesem Moment den Supermarkt, kramte in seiner Tasche und zog eine Zigarettenschachtel aus der Hemdtasche. Er zündete sich eine Pausenkippe an, inhalierte tief und erklärte mir dann: »Den Drill Sergeant 2000 ham wa doch erst an Donnestach inne Aktion. Wat sie da heute jesehen haben, det waren die Solar-Grableuschten. Aber die kofen doch nur alte Leute.«

10 gute Gründe, im Supermarkt zum Mörder zu werden

Kinder, die sich an der Kasse vor einem auf den Boden legen und so lange schreien, bis der Kinderriegel auf dem Kassenband liegt

Jugendliche, die angekaute Salamis und halb leergetrunkene Flaschen auf das Kassenband legen

Alte Herrschaften vor einem in der Schlange, die etwas vergessen haben und mal eben zur Wursttheke verschwinden

Einsame Einkaufswagen, die irgendjemand im schmalsten Gang geparkt hat

Muttis, die ihre fünf Tonnen Wocheneinkauf auf das Band der Kasse legen, die bereits geschlossen ist

Gestresste, die in der Eile das Obst nicht abgewogen haben: »Frau Ulla, wat sind heute 100 Gramm von die Litschis?« – »1,67 Euro, Frau Tine.«

Akribische, die den Daumen in jede Weintraube stecken, um den Härtegrad zu überprüfen

Regalkletterer, die mit 1,53 Meter Körpergröße den Joghurt wollen, der ganz oben und vor allem hinten steht – der ist meist länger haltbar

Kunden, die Olivenöl in der Sprühflasche, in Plastik verpackte Biobananen oder Spülmaschinendeo kaufen

Lebensmüde, die mir ihren Einkaufswagen in die Hacken fahren

Trattoria Schimmelino

Unsere schönsten Marotten im Restaurant

Wenn man als Autor und Comedian unterwegs ist, bleibt es nicht aus, dass man von Zeit zu Zeit auswärts isst. Nicht immer freiwillig, aber durchaus häufig. Mich haben meine zahlreichen Lesungen in den letzten Jahren kreuz und quer durch die Republik geführt. Ich habe dabei jede Art von Restaurant kennengelernt, von der Frittenbude bis zum Gourmettempel, von Fast bis Slow Food, von süßsauer bis saftig versalzen. Und ich darf verkünden: Man wird hart im Nehmen. Man lernt auf seinen kulinarischen Stippvisiten nämlich die bisweilen sehr unterhaltsamen Marotten des Deutschen kennen, die er in Restaurants im wahrsten Sinne des Wortes vollmundig ausleben kann.

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt sie noch, die typischen Gaststätten mit Frikadellenbrötchen und Gulaschsuppe, die jeder von uns kennt und vielleicht auch schon mal besucht hat. Die immer gleichen Handlungsabläufe des guten altdeutschen Speisebetriebs, ganz gleich, ob die Menükarte von einem Ost-Vietnamesen, einem West-Kongolesen oder einem Lecker-Pekinesen inspiriert wurde. Der Deutsche lässt sich gern bekochen. Ein Urinstinkt, wie mir scheint, der auf Muttis einmalige Königsberger Klopse zurückzuführen ist, die man vor Urzeiten ja auch nicht selbst warm machen musste, sondern im Restaurant Mamamia serviert bekam.

Ich war wieder einmal in Eisenach unterwegs, einer kleinen Stadt im Osten der Republik. Ich hatte hier schon einige Male aus meinen Büchern vorgelesen und war an diesem Tag ausnahmsweise mit dem Auto angereist. Normalerweise fahre ich ja mit dem Zug zu Auftritten, da mich die Deutsche Bahn Comedy-technisch mehr in Stimmung für den Abend bringt als eine monotone Autobahnfahrt über die A4.

In Zügen gibt es zum Glück auch Restaurants. Nein, stopp. Plural ade. Es gibt nur ein Restaurant, nämlich das Restaurant, das berühmteste von allen: das gnadenlose Bordrestaurant der Deutschen Bahn. Ein Ort mit einer Aura wie die Handlung in einem schlecht gemachten Hitchcock-Film. Einige wenige Leute, die sich nicht kennen, treffen auf engstem Raum aufeinander, beobachten sich lauernd hinter aufgeschlagenen Bahnmobil-Heftchen und tragen latentes Gewaltpotenzial in sich. Weil sie im Bordrestaurant zum einen ihren Laptop nicht klimpernd benutzen dürfen und zum anderen andauernd die Tageszeitung des Platznachbarn in der Erbsensuppe hängen haben. Das Bordrestaurant der Deutschen Bahn ist daher ein Spezialfall, auf den ich später noch einmal zurückkommen werde.

Ich war recht früh in Eisenach und schlenderte durch die Innenstadt auf der Suche nach einem Lokal, das meinen kleinen Hunger halbwegs problemlos in den Griff bekommen sollte. Es gab eines, da war ich mir bei Millionen Restaurantbetrieben in Deutschland sicher. Aber wo, verflucht noch mal, befand es sich in Eisenach? Wie erkenne ich eigentlich ein typisch deutsches, aber dennoch gutes Restaurant?

Endlich wurde ich fündig. Es war das Restaurant meiner Träume. Der Deutsche – zugegeben: auch ich – ist nämlich sehr feinfühlig in dieser Hinsicht und akzeptiert längst nicht alles, was ihm vorgesetzt wird. Ganz wichtig ist, dass sich das Etablissement, gleich welcher Länderkennung, bereits vor dem Haupteingang demütig offenbart. Und zwar in Form einer ausgestellten oder ausgehängten Menükarte, die von der Größe her an Plakatwände in Bahnhofsunterführungen erinnert. Häufig auf edlen Betonsockeln unmittelbar neben primelbepflanzten Plastikbottichen aufgebaut, die einem das Gefühl vermitteln sollen, dass hier nur mit frischen Zutaten gekocht wird.

Kommen gleich mehrere Restaurants in einer Fressmeile hintereinander, so buhlen die Gaststätten mit mannsgroßen Menükarten vor dem Eingang darum, die Kunden in ihren Laden zu locken. Das ist ein bisschen so wie auf der Reeperbahn, wo die sogenannten Koberer die bumsfidelen Jünglinge in ihre Peepshows locken wollen. Äh, das weiß ich aus Erzählungen. Wo war ich? Ach ja … Bei den meisten Restaurants läuft das Prozedere aber ohne Siebzigerjahre-Amateurboxer aus St. Pauli ab.

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