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Ich glaub, mein Puma pfeift

INHALT

 

 Prolog

2005Ameisenbärenpremiere in Nordbrasilien

2007Zurück zu meinen nordbrasilianischen Gesichtsbananen

2010Ab zu den Sumpfameisenbären im Pantanal

2011Heimweh ins Pantanal

2012Rumsumpfen für Fortgeschrittene

2013Kratzbäume, krawallige Büffel und ignorante Forschungsobjekte

2014Das Finale der Ameisenbärenforschungsweltmeisterschaft

2015Epilog – und jetzt?

 Bildteil

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PROLOG

 

»Hat es was mit Säugetieren zu tun?«

»Ja.«

»Mit Haaren?«

»Äh … komische Frage, aber irgendwie ja.«

»FRISEUSE.«

»Das heißt heute politisch korrekt FriseuRIN.«

»Nee, Hairstylistin.«

»Wie auch immer: nein. Das war dein letzter Bierdeckel, geht noch ein Kölsch an mich.«

Ich liebe dieses Spiel. Beruferaten am Tresen. Ja-Nein-Fragen, für jedes Nein geht ein Bierdeckel flöten, zehn verlorene Deckel heißen ein Kölsch für mich. Bei meinem Beruf ein Garant für rauschende Nächte mit überschaubaren Kosten.

Ich bin Ameisenbärenforscherin und mag schon allein das Wort wegen seiner enormen Länge. Unsere Sprache ist lustig – man hängt so viele Wörter aneinander, bis der angestrebte Sinn rauskommt. An Bären forschen, die Ameisen fressen. Wobei Ameisenbären gar keine Bären sind und die Blaue Elise vom Rosaroten Panther übrigens auch kein Ameisenbär ist, sondern ein Übersetzungsfehler. Der Cartoon heißt im Original »The ant and the aardvark«, also »Die Ameise und das Erdferkel«. Erdferkel fressen zwar auch Ameisen, leben aber ausschließlich in Afrika und sind weder verwandt noch verschwägert mit unserem südamerikanischen Freund, dem Ameisenbären. Das muss gleich zu Anfang so eines Buches geklärt werden, damit die Produktenttäuschung nicht erst auf Seite 200 kommt. Bärenfans und Comicfreunde können dieses Buch hier also getrost zurück ins Bücherregal stellen.

Ameisenbären sind mit Faultieren und Gürteltieren verwandt und gehören damit zur ziemlich illustren Säugetierfauna Südamerikas. Einer komischer als der andere, am merkwürdigsten vermutlich der Große Ameisenbär, wenn man als Parameter Exzentrik in Charakter und Optik ansetzt. Das Wort »Großer« vor »Ameisenbär« schreibe ich übrigens nicht aus übersteigertem Geltungsdrang ständig dazu, das gehört zu seinem vollständigen Artnamen. Außerdem stimmt das schon: Von den vier Ameisenbärenarten ist der Große Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla) die körperlich größte. Seine Rumpfgröße entspricht der eines Schäferhundes, dazu kommen die lange Schnauze und der buschige Schwanz. Insgesamt immerhin zwei Meter. Den haarigen Schwanz hat er, um sich damit beim Schlafen zuzudecken. Kein Witz. Die restliche Körperform erinnert etwas an einen zweidimensionalen Pappaufsteller. Das deshalb leicht komplexbehaftete Tier zeigt sich daher bei Bedrohung immer von der Seite. So denkt jeder erst mal: »Ui, ist der groß«, und es entsteht nicht der Eindruck, dass der Ameisenbär beim nächsten Windstoß umkippt. Die lang gestreckte Kopfform des Großen Ameisenbären lässt es bereits vermuten: In so einer behaarten Gesichtsbanane ist nicht viel Platz für ein anständiges Gehirn. Tatsächlich ist der Ameisenbär mit seinem kleinen Erbsenhirn nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte. Anders gesagt: Er kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Monotasking Deluxe, die männlichen Leser wissen schon, was ich meine …

Vor genau einem Jahrzehnt bin ich beruflich an diesen weltfremden Zauseln hängen geblieben. Da war ich gerade nach Würzburg gezogen, um Tropenökologie und Verhaltensbiologie zu studieren. Säugetierforschung, pfff. Da zeigt einem schon im Grundstudium jeder den Vogel: »Wenn du Tiere kuscheln willst, bist du hier falsch! Am Ende landen alle im Labor oder der Frittenbude.« Und dann tut man tapfer so, als hätte man das eh nie vorgehabt.

Umso mehr geriet mein Herz in Aufruhr, als ich an der neuen Uni einen Aushang am schwarzen Brett sah: »Wer kann sofort nach Brasilien … blabla … irgendeine Studie mit Großen Ameisenbären … blabla.« Dazu ein Foto von einem komischen Säugetier (mit Fell, juchhu!), das mit wehendem Schweif und hochmütig erhobener, bananenförmiger Schnauze aus einer Baumplantage gestapft kommt. »PÖH«, denkt es. Glaubte ich.

Ameisenbären? Nie gehört. Brasilien? Nie gewesen. Würzburg ging mir aber mächtig auf den Keks, und dieses irgendwie anarchistische Tier auf dem Foto war mir sofort sympathisch. Also los, man ist ja spontan. Eine Woche später stand ich mit Impfstoff vollgepumpt bei 50 °C auf dem Äquator in der Savanne. Vor mir hampelte mein erster Großer Ameisenbär herum, und das war ausgerechnet eine Ameisenbären-Mama! Das kleine, flaschenkürbisförmige Baby lag schlafend auf ihrem Rücken, während sie den Boden auf der Suche nach Ameisen und Termiten durchpflügte. Von mir, die ich im fassungslosen Glückstaumel zwei Meter neben ihr stand, bekam sie nichts mit, vollkommen konzentriert auf die Nahrungssuche. Von so einem Flow-Erlebnis träumt jede Montessori-Lehreinrichtung. Zu diesem Zeitpunkt war ich vermutlich schon verloren und diesen Geschöpfen, die sich geistig in einem Paralleluniversum aufzuhalten scheinen, hoffnungslos verfallen.

Jetzt sitze ich zehn Jahre später im Forscherhaus einer Rinderfarm im nächtlichen brasilianischen Nirgendwo. Draußen das übliche akustische Frosch/Grillen/Whatever-Spektakel, drinnen kreisen die Fledermäuse um die Lampe. Mein Haar sturmgepeitscht, denn der Ventilator versucht Hitze und Mosquitos wegzublasen – vergeblich, wohlgemerkt. Hier sammle ich Daten für meine Doktorarbeit zum Verhalten des Großen Ameisenbären. Also nicht direkt im nächtlichen Forscherhaus, sondern am Tag und um das Haus rum im wunderschönen Pantanal, einem großen Feuchtgebiet, an der Grenze zu Paraguay und Bolivien. Jetzt ist Montag und ich trinke TROTZDEM Bier. Eigentlich habe ich seit einigen Wochen den Bierstopp eingeführt. Man wird ja vernünftig und so. Ausnahmen sind Wochenenden und Tage, an denen man fast gestorben ist. Heute trifft Letzteres zu.

Überhaupt war der heutige Tag mal wieder ein Wechselbad der Gefühle, irgendwie typisch für die Ameisenbärenforscherin oder die Ameisenbärenforschung überhaupt. Allerdings bin ich mir gar nicht so sicher, was hier typisch ist, man kann es ja nicht überprüfen, denn ich bin hier die Einzige, die diese Viecher erforscht. Stichprobengröße n = 1. Fragt jemand, wie der übliche Alltag einer Ameisenbärenforscherin aussieht, kann ich also guten Gewissens erzählen, was heute los war:

Morgens: Gefühlsduselei und Zeckenalarm

Winter im brasilianischen Pantanal bedeutet gemeinhin: kalte Nächte und warme Tage. Wenn die Sonne am Morgen über den Horizont lugt, fangen Seen und Wiesen an zu dampfen. Über allem liegt dichter Bodennebel, in dem sich die noch roten Sonnenstrahlen fangen. Ich laufe fürs Frühstück vom Forscherhaus zur Küche. Einen Kilometer, durch ein Wäldchen, um einen Teich, quer über die Flugzeuglandebahn und dann noch die Sandstraße hinunter zur kleinen Holzbrücke. Der MP3-Player spielt U2, meine Beine verschwinden in rosa Wolken, die Pferde nur als Schemen vor dem dampfenden See erkennbar … So viel Schönheit, und ich breche prompt mal in Tränen aus. Also ich muss wirklich daran arbeiten, wenigstens ein bisschen das Klischee des deutschen Kühlschranks zu erfüllen. So geht das ja nicht weiter!

Nach dem Frühstück fahr ich mit dem Jeep raus, Bäume mit Kratzspuren von Ameisenbären vermessen. Die kratzen möglicherweise zu Kommunikationszwecken und reiben die Duftdrüsen der Brust an der Rinde. Eventuell geht es um Hierarchien, die Markierung sagt also z.B.: »Ich bin stark. Darum klettere ich am Weitesten und bin somit der Chef im Viertel.« Langsam wird es heiß, und meine Datenbögen schlagen wegen des ganzen Schweißes, der von meinem Gesicht drauftropft, langsam Wellen … Mittagszeit. Ab nach Hause, auf meiner Hose krabbelt alles, wir haben Zeckensaison. Eine Dusche vorm Mittagessen wäre nett … denke ich, und schon steht ein Ameisenbär mit trantütigem Blick auf dem Weg. Typisch. Wenn man EINMAL früher nach Hause möchte, echt ey. Kleine Wanderung über die große Ebene für ein Bild vom doofen Bären für mein Fotoregister – immerhin, die Zecken auf der Hose freuen sich über Gesellschaft. Na gut. Jetzt aber wirklich schnell nach Hause. Wird schon knapp mit der Dusche … Und dann: der nächste Ameisenbär am Seeufer … Murphys Law. Wie immer. Danke auch.

Mittags: ein Königreich für ein Erbsenhirn-Paralleluniversum

Während die restlichen Farmbewohner vier Kilometer weiter anfangen, ans Mittagessen zu denken, hampelt also Ameisenbär Lucas am Seeufer entlang. In Zeitlupe, bloß kein Stress. Überall Wildschweine, aber gut, ich bin ja kein Schisshase, die sind weit genug weg. Während ich mich wegen des lahmarschigen Ameisenbären im Blumengestrüpp langweile, kommt mir die Geschichte von einem der Cowboys hier in den Sinn: Der wollte mal ein Schwein erschießen und hat nicht richtig getroffen, woraufhin ihm das Schwein mit seinen riesigen Zähnen so den Bauch aufgeschlitzt hat, dass die Gedärme rausgequollen sind. Als das Schwein dann einen Hauer neben der Hauptschlagader in den Oberschenkel gerammt hat, konnte der Cowboy ihm im letzten Moment mit seinem Messer den Hals durchschneiden und hat tatsächlich überlebt. Also der Cowboy, nicht das Schwein. So was erzählt man sich hier während des Frühstücks bei Kaffee und Honigbrot. Inklusive umfassender Demonstration der zugehörigen Narben.

Das Schlammloch links hatte ich gleich zu Beginn bemerkt. Vielleicht läuft der Ameisenbär ja dahin und badet? Ich würde sooo gerne endlich mal gute Fotos und Filmaufnahmen von badenden Ameisenbären machen. Das ist immer unfassbar süß!

Und, tatsächlich, ein Schnaufen, ein energischer Sprung und der Bär kuschelt sich genüsslich in die Schlammmulde (hihi, neue Rechtschreibung). Puh, erst mal ausruhen, ein bisschen die Augen zu (zu Hause sind sie jetzt wohl schon beim Nachtisch, aber nönö, ist gut, bloß keine Eile …). Mit den Krallen das Fell durchkämmen, ein Schwein kommt mal gucken, der Ameisenbär bekommt nix davon mit. Zwischendrin immer ein genießerisches Schnauben und dann gaaanz lang in den Matsch drücken. Augen zu. Jenseits der erfrischenden Pfütze befinde ich mich trotz brütender Hitze und Hunger im gigantischen Freudentaumel. So coole Filmaufnahmen!

Nebenan habe ich die ganze Zeit schon eher unterbewusst Schweine kämpfen gehört. Langsam wird auch meinem freudenumwölkten Schädel klar, dass die mittlerweile ganz schön nahe sind! Vorsichtiger Blick nach links: SCHEISSE! Zwei große Eber kämpfen circa zehn Meter neben mir mit viel Gesabber und Getöse. Das ist nah. Zu nah, als dass Wegrennen noch irgendeinen Sinn hätte, vermutlich eher kontraproduktiv. Ich bleibe also einfach stehen, filme weiter und zittere am ganzen Körper. Zu meiner unschönen Begegnung mit dem Hengst sowie der Verfolgungsjagd mit den dämlichen Wasserbüffeln (erzähl ich später: Cliffhanger!) kann ich also diesen Moment zu den Begebenheiten mit Todesangst hinzufügen.

Ein kleiner Anflug von Pessimismus stellt mir meine Optionen wie folgt dar:

  1. Die bemerken mich und sind eh schon so in Fahrt, dass sie mich quasi im Vorbeigehen umbringen.
  2. Die bemerken mich nicht und walzen mich im Kampfesrausch einfach über den Haufen. Ich halte erstarrt weiter die Kamera auf den Ameisenbären. Der sitzt in seinem Mini-Gehirn-Paralleluniversum noch immer friedvoll im Schlammloch und sortiert in dem ganzen Tohuwabohu gewissenhaft sein Schwanzhaar.

So gezittert hab ich noch nie. Funfact zum Thema Zittern wie Espenlaub: Die Espe, oder auch Zitterpappel genannt, ist ein Baum mit Blättern, die immer lustig im Wind wackeln. Und auf Latein heißt sie Populus tremula. »Das Volk zittert.« Hihi. Am Ende tritt übrigens die von mir zuvor nicht berücksichtigte Option C ein: Die Schweine rennen einfach weg. Gut, jetzt komm ich mir im Nachhinein doch etwas hysterisch vor.

Nachmittags: die Heino-Show

Beim verspäteten Mittagessen erzählen alle ihre morgendlichen Erlebnisse aus dem Feld. Heute gewinne ich in der Kategorie »Abenteuer«. Mir zittern beim Safteinschenken immer noch die Hände. Gerade ist eine lustige Gruppe holländischer Botaniker da, die in Bolivien arbeiten. Wir fahren nachmittags zusammen durch die Natur, Tiere suchen, und haben NOCHMAL gigantisches Ameisenbärenglück: Ameisenbär Heino ganz nah – Holländerin im Glück, sie hatte schon ein Foto mit dem echten, deutschen Heino, jetzt kommt also noch ein Foto mit ihr und dem dunkelhaarigen, brasilianischen Pendant dazu. Aber dem nicht genug: Heino kratzt an einem Baum, und zum ersten Mal gelingen mir Filmaufnahmen von diesem Verhalten! So ein Glück! Jetzt werde ich reich und berühmt – oder so …

Abends: Subtext

Was für ein Tag. Ich bin fix und fertig. Schnell noch mein Überlebensausnahmebier und dann schlafen. Immerhin bereits 20:30 Uhr …

Schon komisch, wie wenig von solchen bemerkenswerten Tagen am Ende wirklich in einer Doktorarbeit steht: nur die nackten Daten, die fachbezogenen Informationen. Nichts von den leuchtenden Zeiten in all den Jahren, von der Verzweiflung im Dornenwald, von Freundschaft, von Schweiß, von persönlichem Wachstum, von kaputten Reifen, dem Finden von Glück und kostbaren Menschen, vom Steckenbleiben im Sand, von neuen Horizonten, von Kämpfen mit der Natur, vom Gefühl beim ersten Jaguar. Man wird lesen können, dass ein Ameisenbär um 11:55 Uhr an der und der Position gebadet hat. Wie niedlich er dabei aussah, wie heiß es war, die große Angst vor den nebenan kämpfenden Wildschweinen – und in der gleichen Sekunde das Glück über die tolle Beobachtung: Davon taucht in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts auf.

Manchmal kann man in einer Publikation aus dem peruanischen Bergregenwald voller Zahlen und Fakten mit ganz genauem Blick zwischen die Zeilen ein wenig vom Blut, Schweiß, von der Hitze, von Nächten unter Planen in durchnässten Büschen und den nie trocknenden Kleidern erahnen. Gerne würde ich an einigen Stellen meiner Arbeit neben der faktischen Info zumindest ein paar persönliche Anmerkungen einfügen: »Bei Regen zeigen Große Ameisenbären keine Aktivität in offenen Habitaten.« (p. A.: Ich bin wie ein Idiot tagelang im Regen rumgefahren, ohne auch nur einen einzigen Ameisenbären zu sehen.)

So liegt unter allen wissenschaftlichen Studien eine Art persönlicher Subtext, der vermutlich in den meisten Fällen verloren geht. Ich bin ja so eine alte Nostalgie-Tante. Meine minikleine Wohnung in Köln ist vollgestopft mit irgendwelchem Klimbim, der mich an große Momente erinnert. Aus der gleichen Motivation heraus habe ich möglicherweise angefangen, den persönlichen Subtext meiner wissenschaftlichen Forschung aufzuschreiben. Kein Fachbuch, sondern eine Schnipselsammlung von Gedanken und Geschichten. Und sieh an? Jetzt ist ein Buch draus geworden! Juchhu!

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2005

AMEISENBÄRENPREMIERE IN NORDBRASILIEN

Würzburg

Habe einen der knappen Praktikumsplätze in der Tropenökologie abgegriffen. Juchhu: Nächste Woche fliege ich ziemlich spontan für zwei Monate nach Nordbrasilien, um Große Ameisenbären, die in Akazienplantagen an Bäumen kratzen, zu erforschen … mal was Naheliegendes. Werde dort in Boa Vista wohnen, der nördlichsten Stadt Brasiliens nahe der Grenze nach Venezuela, oberhalb vom Amazonas Regenwald. In der natürlichen Savanne werden rund um die Stadt Baumplantagen zur Wertholz- und Zelluloseproduktion angepflanzt. In diesem künstlichen Wald hampeln massenweise Ameisenbären rum. Biologen (wie ich) sollen rausfinden, warum das so ist, also was die Ameisenbären so toll an den Plantagen finden. Die Plantagenfirma bucht uns dafür, denn sie will ein Ökosiegel für ihr Holz. Um das zu bekommen, muss sie nachweisen, dass Wissenschaftler die Möglichkeit haben, bedrohte Tierarten auf der Fläche zu erforschen. Und Große Ameisenbären stehen auf der Liste der gefährdeten Arten ziemlich weit oben. »Es besteht ein hohes Risiko des Aussterbens in der Natur in unmittelbarer Zukunft«, heißt es da.

Kolja, ein anderer Tropenökologiestudent aus Würzburg, ist schon seit einigen Wochen dort. Bei der Arbeit in den Plantagen hat er sich über Bäume mit Kratzspuren gewundert, die eigentlich nur von Ameisenbären stammen können. Ameisenbären, die an Bäumen kratzen? So ein Verhalten ist noch gar nicht bekannt. Ein Praktikant muss her, der rausfinden soll, warum, wie und wo die Ameisenbären an den Stämmen der Plantagenbäume kratzen, denn Kolja hat genug mit seinem eigenen Kram zu tun. Der Praktikant bin dann also ich. Ehrlich gesagt hatte ich noch nie einen Ameisenbären gesehen, aber egal. Laut Fotos rübenschnäuzige Besen, sehen komisch, aber sympathisch aus. In Brasilien war ich auch noch nie. Portugiesisch spreche ich schon dreimal nicht. Bin aber verrückterweise die Einzige, die sich auf den tollen Praktikumsplatz gemeldet hat. Komisch. Eventuell weil das Ganze über Weihnachten und Neujahr geht? Müssen die eben mit mir Pappnase vorliebnehmen.

Alles schwer aufregend. Die Familie ist auch nur so mittelbegeistert, dass ich an Weihnachten, statt mit ihnen um die Gans zu sitzen, mit einigen Bären eine mit Lichterkette illuminierte Palme in trauter Gemeinsamkeit bekratze …

Abgesehen davon habe ich mich in Würzburg noch nicht eingelebt und gebe mir, weil ich da jetzt eh erst mal wieder weg bin, auch keine Mühe. Wegen des ganzen Impfstoffs, den ich mir reinballern musste, bin ich sowieso ziemlich schräg drauf und pausenlos müde. Gestern in der Uni-Bib eingeschlafen … so findet man keine Freunde.

Jetzt also Boa Vista

Boa Vista

Die Zweifel, ob der Trip nach Brasilien eine etwas zu spontane Dummheit ist, fallen schlagartig von mir ab, als ich in Rio aus dem Flugzeug steige, und es nach weit weg duftet. Ich glaube ja, dass die andere Seite des Äquators anders riecht, und ich glaube auch, dass man, wenn man diesen Geruch einmal in die Nase bekommen hat, den Fernreisevirus im Blutkreislauf hat, der immer mal wieder ausbricht und im Herz zu jucken beginnt. Auf der Taxifahrt staune ich aus dem Fenster und genieße die warme Luft. Der Taxifahrer zeigt mir das Sambadrom, oben auf einem Berg, die berühmte Jesusstatue – verrückt, ich bin echt hier! Mein Hostel liegt genau an einer großen Treppe, die von einem Künstler mit bunten Kacheln verziert worden war. Als ich sie fotografiere, fällt mir gleich mal unbemerkt die Kreditkarte aus der Tasche auf die Straße, und ich laufe ohne sie weiter. Jemand fährt mir mit dem Fahrrad hinterher, um sie mir zu bringen. Hieß es nicht, Rio sei ultragefährlich?? Auf den Schreck hin gehe ich erst mal in irgendein Restaurant und deute da lost in translation auf irgendwas auf der Karte – und kriege ein Schnitzel mit Pommes … Huch? Haben die mir jetzt einfach eins gebracht, weil ich so deutsch aussehe, oder habe ich tatsächlich in traumwandlerischer Zielstrebigkeit das einzige Wiener Schnitzel auf der Karte bestellt?

Neue Erkenntnis auf dem Flug von Rio nach Boa Vista: Die befeuchten im Flugzeug die Luft mit Wasserdampf, der oben aus den Wänden strömt – hab ich noch nie gesehen, komme mir vor wie im Gemüseregal im Supermarkt … Bringt bestimmt auch Leute mit Flugangst gut in Schwung, wenn’s beim Besteigen des Flugzeugs schon qualmt. In Brasilia muss ich umsteigen. Bleibt Zeit für das Flughafenrestaurant. Ein Alleinunterhalter klimpert eine Schnulze auf einem Keyboard. Eine brasilianische Großfamilie am Nachbartisch verabschiedet sich tränenreich, und ich alte Empathieschleuder fange prompt mit an zu heulen, weil das alles so ergreifend ist. Die gucken etwas irritiert – kennen mich ja überhaupt nicht. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse, außer dass einer beim Weiterflug auf die Brille des einzigen Klos gekackt hat und dieses daraufhin zwei Stunden lang unbenutzbar ist. Die Stewardess weigert sich, das wegzuputzen. Dramen spielen sich ab. Äußerst unterhaltsam …

Rahmenbedingungen

In Boa Vista wohne ich mit vier anderen Studenten aus Deutschland in einem blauen kleinen Haus ein bisschen außerhalb der Stadt. Mein Zimmer teile ich mit einigen Skorpionen, Kakerlaken und Ivo, einem Holzwirtschaftler, der aber eh immer draußen in der Hängematte schläft. Die Plantagenfirma ist in Schweizer Hand und kooperiert mit europäischen Universitäten, vor allem der Holz- und Forstwissenschaftsabteilung der Uni Hamburg. Darum forschen und wohnen hier im brasilianischen Nirgendwo absurderweise lauter deutsche Studenten. Die Biologenfraktion bilden Kolja und ich. Kolja studiert zwar wie ich in Würzburg, kommt aber lustigerweise auch aus Köln. Kann man den anderen im Haus mit kölscher Musik auf den Wecker gehen.

Kolja untersucht den Einfluss vom Plantagenmanagement auf die Ameisenbären, während ich also herausfinden soll, warum die Viecher an Bäumen kratzen und ob dadurch das Holz in der Plantage beschädigt wird. Werde dafür Hunderte Bäume vermessen. Das wird spaßig …

Landschaft

Die Savanne rund um Boa Vista heißt Lavrado und ist atemberaubend schön: gelb-grünes, weiches Gras unter einem riesigen Himmel. Ab und an durchzogen von kleinen Bächen, die von Buriti-Palmen umstanden werden. Alles platt und weit, etwas weiter nördlich Richtung Venezuela gehen dann die Tafelberge los. Abseits von Stadt und Straße hört man nur den Wind, der in den Palmwedeln raschelt. Mittendrin sind die Plantagen in exakten Pflanzquadraten. Bäume in langen, schnurgeraden Reihen, darunter Schatten, kaum Büsche, nur die trockenen Blätter der Akazien.

Waldarbeitercamp

Kolja und ich arbeiten immer mehrere Tage am Stück in den Plantagen und schlafen dort in einem Waldarbeitercamp. Zwei kleine Häuschen, zwanzig Waldarbeiter und ein aufgestauter Bachlauf mit einem Teich, in dem man nach der Arbeit baden kann – sieht aus wie im Dschungelcamp. (Ich warte auf die nächste Dschungelprüfung.) Im Vorfeld stellt man sich dann abendliche Feldforscherromantik vor: zum Ausklingen des Tages beim Zirpen der Grillen ums Lagerfeuer sitzen oder so. Haha … brasilianische Realität: Bevor alle schlafen gehen, wird der Generator angeschmissen, um taiwanesische Martial-Arts-Filme aus den Siebzigern auf Video zu gucken. Der Sturm der Shaolin-Hölle plärrt ohrenbetäubend gegen den knatternden Generator an. Uah, jetzt rächen sich gerade ein armloser und ein beinloser Krieger an ihrem blinden Widersacher … Ich geh ins Bett oder eher in die Hängematte. Betten gibt es hier nämlich nicht, stattdessen bringt jeder seine eigene Hängematte mit und sucht sich zwei Haken. Meine ist leuchtend türkis mit pinken Seilen, als einzige Frau im Lager muss man ja ein Statement setzen. Hängematte wirkt bei mir wie ansonsten nur motorisierte Fortbewegungsmittel: Ich setze mich rein und werde schlagartig todmüde. Und das, obwohl die ganze Hütte rammelvoll ist mit Waldarbeitern, die ALLE schnarchen und ab und an mal saftig und laut furzen, und obwohl die Hunde die Pferdeherde unter lautem Hufgetrappel um die Hütte jagen. Alles egal. Ich schlafe wie ein Stein.

Meinen Hut lege ich über Nacht immer auf den Boden unter die Hängematte, den hat sich nämlich Thekla zur Schlafhöhle auserkoren. Sie ist eine »kleine« Vogelspinne mit dem Charme und der Größe eines Goldhamsters. Pelzig, rund und dick, schwarz mit kleinen roten Füßchen, die aussehen, als trüge sie Stöckelschühchen. Morgens, wenn ich meinen Hut aufhebe, blinzelt sie in die Sonne und streckt ihre zahlreichen Beinchen. Vielleicht war es ein Fehler, meine neue Freundin begeistert einem der Waldarbeiter zu zeigen, denn als ich vorhin um die Hausecke ging, hörte ich hinter mir nur ein saftiges KLATSCH, und das war’s dann wohl mit meinem achtbeinigen Haustier.

AMEISENBÄREN

Das Wichtigste: AMEISENBÄREN! Die sind so lustig! Stehen einen Meter von dir entfernt und fummeln auf der Suche nach Ameisen und Termiten mit der Kralle in den trockenen Blättern auf dem Plantagenboden rum. In die Gänge der Insektennester stecken sie dann ihre praktische Zunge. Die ist einen halben Meter lang und so klebrig, dass alle kleinen Beutetiere wie auf einem Klebeband daran pappen bleiben. Im Optimalfall 30000 pro Tag, denn so viele Ameisen und Termiten braucht ein Ameisenbär, um wirklich satt zu werden. Ganz schön viel Arbeit. Kein Wunder, dass die im Prinzip nicht viel anderes machen. Nur manchmal schauen sie mit ihren misstrauischen kleinen Augen auf, scannen die Umgebung, sehen nix (obwohl wir direkt daneben stehen) und fressen weiter – die müssen so gut wie blind sein!

Ein Waldarbeiter erzählte, dass Ameisenbären ganz hoch auf Bäume klettern können. Wir waren echt baff – das haben wir ja noch nie gehört! Der Arbeiter meinte nur: doch, doch! Wenn sie nicht weglaufen können, klettern sie auf Bäume.

»Äh, aber in freier Wildbahn können die doch eigentlich immer wegrennen?!«

»Ja, wir haben ihn halt am Schwanz festgehalten!«

Och, maunz. Da haben die schon die zweitlängsten Krallen im Tierreich, doch statt sich damit zu verteidigen, klettern sie auf einen blöden Baum. Pappnasen.

Ich habe jetzt einen Arbeiter für mein Projekt zugeteilt bekommen. Schön! Mir ist nur schleierhaft, wie ich ihm mit meinem nicht existenten Portugiesisch mein Projekt beschreiben, geschweige denn ihm seine Aufgabe erklären soll …

Essen

Als Vegetarier könnte man in Brasilien und noch weniger im Waldarbeitercamp nicht überleben. Schon zum Frühstück gibt es Trockenfleisch mit Farofa, das sind bröckelharte Maniok-Flocken. Nicht so mein Ding, auch weil das Fleisch auf dem Wellblechdach der Camphütte getrocknet wird und sich dabei immer Tausende von Fliegen drauf niederlassen. Ich habe also extra wenig Fleisch und lieber den mittelleckeren Maniok genommen. Als das der liebe alte Mann sieht, der das Camp leitet, kommt er mir zu Hilfe: »Du hast ja gar kein Fleisch!!!!« Klotsch. Ganze Kelle Fleisch-Extraration, nur für die kleine Lydia. »Ah … danke …«

Abgesehen von diesem Frühstücksfleisch bin ich ja bekanntermaßen schwer karnivor veranlagt, mein persönlicher Himmel sind daher die Churrascarias (Grillhäuser), Fleisch-all-you-can-eat! Die Bedienungen kommen mit langen Spießen an den Tisch, auf denen gigantische, saftig, knusprige Fleischklumpen aller Sorten sitzen, und schneiden einem die gewünschten Stücke runter. Andere kulinarische Sensation in Brasilien: Die Saftbars für frische Säfte. Der Hit in Tüten, im wahrsten Sinne des Wortes, die Säfte to go kommen nämlich verrückterweise in einer transparenten Plastiktüte daher.

Mangelnde Weihnachtsstimmung im galoppierenden Lichterwahnsinn

Kurz vor Weihnachten. Ich sitze im Trägertop im glutheißen Büro. Habe die heilige Lebkuchenpackung angebrochen, die ich extra aus Deutschland mitgenommen habe. Bei 35 °C hilft das aber auch nicht, um mich in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Besagter Schokolebkuchen verteilt sich bei den Temperaturen rasend schnell auf der Tastatur und im gesamten Büro. Die Definitionen von »weihnachtlich« gehen in Deutschland und Brasilien auch eher auseinander – in Deutschland ja quasi ein Synonym für »Besinnlichkeit«, in Brasilien eher für »galoppierenden Lichterwahnsinn«. Fröhlich bunte, arrhythmisch blinkende Weihnachtsbeleuchtung überzieht die gesamte Stadt, und eine rasante Sambaversion von Stille Nacht schmettert in unfassbarer Lautstärke übersteuert aus allen Geschäften – viel hilft ja bekanntlich viel …

Letzte Woche war die Weihnachtsfeier der Plantagenfirma. Auf der Fahrt dahin fragte Kolja, ob ich denn passende Kleidung eingepackt hätte. Oh Gott. Kleidung? Ich denke schon an ein schickes Abendkleid oder so, das hab ich natürlich nicht dabei. »Neenee«, meint Kolja, »Bikini!« Ach so.

Die Feier ist echt nett, wenn auch nicht das, was man sich als Deutscher unter einer Weihnachtsfeier vorstellt: ein kleiner Bach, an dessen Ufer die neugierigen Totenkopfäffchen in den Palmen sitzen, ein vier Quadratmeter großer Grill (kein Witz), Beachvolleyball, baden, Bier trinken und eine Geschenktombola, die bei den teilnehmenden Losbesitzern gigantische, für meinen Geschmack etwas unverhältnismäßige Emotionen hervorruft. Tränen der Rührung beim Gewinn eines Brotkastens.

Abgesehen davon vermesse ich gerade alle, ich wiederhole ALLE! Kratzbäume in einem Plantagenabschnitt. Dabei hilft mir mein lustiger Brasilero, hoch motiviert und nett, und mit der Kommunikation klappt es auch – zumindest so weit, dass wir arbeiten und uns dabei über das Bier in Brasilien und Deutschland unterhalten können … Mein Wortschatz ist darüber hinaus allerdings immer noch äußerst lückenhaft – ich kann unfassbar viele, unglaublich unwichtige Wörter wie Specht (picapau), Ameise (formiga), Holz (madeira), Baum (arvore), Bienenstock (casa abelia) … ein Getränk bestellen, kann ich aber immer noch nicht … na ja, Hauptsache wissen, was Specht heißt!

Casa abelia ist dabei aber noch das wichtigste Wort. In einer Akazienplantage gibt es viele Bienennester, und die aggressiven südamerikanischen Bienen fahren nicht den Kuschelkurs unserer europäischen Version. Kommt man in aller Unschuld beim Bäumevermessen einem der Nester zu nahe, wird man in der Regel von mindestens einer Biene gestochen. Die stirbt dann nicht sofort, sondern findet zuvor noch ausreichend Zeit, um nach Hause zu fliegen und den Rest der reizenden Verwandtschaft zu rekrutieren. Die schwärmt im Mega-Blutrausch aus, und hat man zu diesem Zeitpunkt nicht schon das Weite gesucht, hat man ein echtes Problem. Immerhin gibt es bergeweise Honig – letzte Woche hat uns ein Arbeiter gefragt, ob wir welchen wollen. Klar! Wir dachten da an ein kleines Glas, nö, der kommt mit einer 1,5 l Pepsiflasche voller Honig an, in dem noch größere Mengen toter Bienen schwimmen. Na dann.

Neben meinen Freunden, den Bienen, werden wir bei der Arbeit im Wald vor allem von Ameisen gebissen, gestochen und mit Säure bespritzt. Offenbar finden die es uncool, wenn wir mit dem Maßband an ihrem Wohnbaum rumfummeln. Wenn ich also in der Tropensonne schon faltig werde, Rheuma werde ich bei diesen Mengen an Ameisensäure immerhin niemals im Leben kriegen. Großartig auch die Zecken: nicht solche Weichspüler-Zecken wie in Deutschland, sondern riesengroß und tut-weh-wie-Sau, wenn die zustechen … Immerhin gibt’s keine Borreliose.

Dann und wann läuft ein Ameisenbär vorbei: wackelt genau auf mich zu. Ich hocke mich hin, bewegungslos und gegen den Wind, damit er mich nicht riecht. Drei Meter entfernt merkt er, dass irgendwas nicht stimmt, schnuppert, sein misstrauisches, kleines Auge konzentriert verkniffen. Entscheidet, dass er sich wohl geirrt haben muss (bescheuert), und läuft weiter auf mich zu. Toll, sich so ein Tier mal genau anzugucken – die Haare und Tatzen, die glänzende, schwarze Schnauze. Irgendwann steht er wirklich unmittelbar vor mir, und jetzt beginne ich doch, mir Sorgen zu machen – die großen Krallen will ich nicht unbedingt näher kennenlernen. Ich stelle mich hin, gehe einen Schritt zurück und stampfe auf, damit auch das kleinste Erbsenhirn mitbekommt, dass da jemand ist. Gigantische Überraschung für Herrn Ameisenbär, er erstarrt vor Schreck: »Wie kann das denn jetzt sein, ich hab doch extra aufgepasst!?« Dann kopflose Flucht mit wehendem Schweif. Diese Viecher sind sooo süss, aber auch wirklich irgendwie fehlkonstruiert.

Bei mir am Arbeitsplatz mittlerweile alles mit Schokolade verschmiert. Weihnachten … Ein bisschen Sehnsucht habe ich ja schon …

In unserem Auto läuft eine CD mit deutschen Weihnachtsliedern, gesungen vom Neumünsteraner Knabenchor. Auf Repeat. Die Brasilianer auf der Straße schauen vollkommen verstört, das Geträller deckt sich wohl nicht so ganz mit ihrer Vorstellung von Musik … Irgendwann fährt einer neben uns, winkt und versucht, uns zum Anhalten zu bewegen … »Jaja, wir wissen, dass die Musik schräg ist!«

»Das auch, vor allem habt ihr aber einen Platten.«

»Oh.«

Abends trinken wir Wein (W-E-I-N! Echt was Besonderes hier im hohen Norden Brasiliens!) und essen die Weihnachtsknabbersachen, die ich eimerweise rund um den Erdball geschleppt habe. Weihnachten ist in Brasilien DIE Partynacht des Jahres. Alle Partyschuppen sind brechend voll. Wer wegen Überfüllung nicht mehr reinkommt, flaniert in Glitzeroutfits davor auf und ab, gesehen und gesehen werden, jeder kennt jeden. Wir haben uns an der Tankstelle Bier gekauft und beobachten das Spektakel. Kolja wundert sich über einen Haufen Kinder, die nachts um 4 Uhr auf der Straße Fußball spielen. Verständnisloser Blick von brasilianischer Seite: »Wieso ist das komisch? Es ist doch Weihnachten!« Ach so.

Ein Freund kotzt – zu viel Alkohol denken wir und amüsieren uns schadenfroh. Im Nachhinein ist es aber gar nicht mehr so lustig, denn es lag nicht am Alkohol, sondern an einer Hepatitis, an der seine Mutter bereits gestorben war. Krass. Mittlerweile ist er Gott sei Dank über den Berg. Momente, in denen einem bewusst wird, dass Brasilien auf einigen Ebenen dann doch ganz schön rückständig ist, zum Beispiel beim Gesundheitssystem. Das vergisst man ganz gerne, denn die Kultur selbst ist unserer sehr ähnlich.

Für Kolja und mich dann noch ein leicht absurdes Ende des Weihnachtsabends: Auf dem Weg nach Hause, morgens um 6 Uhr, läuft uns mitten auf der drei Kilometer langen Brücke über den Rio Branco auf einmal ein kleiner Baumameisenbär vors Auto, Gott sei Dank nicht untendrunter. Baumameisenbär? Andere Art als der Große Ameisenbär, an dem wir forschen. Baumameisenbären, oder auch Tamanduas, sind so groß wie eine Katze und unfassbar niedlich. Und hier rennt so einer aufgeregt und orientierungslos auf der Straße herum, in beide Richtungen 1,5 Kilometer Brücke, auf der Autos rasen. Wenn man nichts tut, wird der kleine Kerl auf jeden Fall überfahren. Gut, also Rettungsversuch. Ich nähere mich dem süßen Zuckerbären mit einem Handtuch. Kann ja nicht so schwer sein, so ein kleines Vieh einzufangen. Weit gefehlt. Als ich ihn packen will, schmeißt er sich auf den Rücken, faucht und schlägt wild mit den doch recht beeindruckenden Krallen um sich. Transformation vom Zuckerbären zum Terrorbären. Äh … Kolja? Könntest du vielleicht …? Kolja schnappt ihn sich, springt ins Auto und schreit mit heiserer Stimme: »Fahr!!! Er ist in meinem Arm!« Ich sehe die Kralle in Koljas Arm versenkt, Blut fließt, das Tier gibt einen komischen Gestank von sich und tobt. Ich trete aufs Gas, brettere die Brücke entlang und bremse in der Böschung. Ein entrüsteter Ameisenbär entspringt dem Auto und klettert auf den erstbesten Baum. Die Kralle drang bis auf den Knochen, wir beide zittern vor Schreck und freuen uns zu Hause über den 7-Kräuter-Schnaps, den Koljas Mutter ihm mitgegeben hat, und der jetzt als Desinfektionsmittel von außen und vor allem innen einen guten Dienst leistet. Surrealer Abschluss eines surrealen Weihnachtsabends. Später am Morgen pausenloses Hupen vor dem Haus – einer der Studenten ist gegen 9 Uhr morgens nach Hause gekommen und aus ungeklärten Gründen ins Auto gestiegen, um dort mit dem Kopf auf der Hupe einzuschlafen.

Feliz Ano Novo

Bin mit dem Bäumevermessen tatsächlich durch. 246 Kratzbäume und 246 Vergleichsbäume sind fertig vermessen. Wie’s aussieht, sind Ameisenbären sehr wählerisch und suchen sich eine ganz bestimmte Baumform zum Kratzen raus. Warum? Keine Ahnung. Die größte Frage, die sich diesbezüglich stellt, ist aber wohl, wie die Ameisenbären, diese alten Blindfische, überhaupt die Form der Bäume wahrnehmen können. Selektive Wahrnehmung? Jetzt werde ich hauptsächlich noch Verhaltensbeobachtungen machen – das ist um einiges netter als die ätzende Baumvermesserei, mit Stech- und Beißinsektenfasching.

Aber erst mal fahren wir über Silvester mit einem deutsch-brasilianischen Haufen nach Venezuela. Die Grenze liegt circa 260 Kilometer nördlich von Boa Vista. Die Fahrt ist wunderschön. Mein geliebtes Lavrado, diese weite, schöne Savannenlandschaft, wandelt sich beinahe unmerklich: Immer mehr riesige, runde Felsen liegen im Gras, die Bäume und Sträucher werden größer und dichter, bis der pralle, grüne und wilde Regenwald die Straße säumt. An der Grenze scheitert die ziemlich spontane Reise um ein Haar an einer fehlenden Gelbfieberimpfung. Die braucht man, um einzureisen, und die Hälfte der Brasilianerinnen hat keine. Unsere verwegene und zugegebenermaßen nicht total kreative Strategie: Bestechung und/oder Frauen. Das erste Auto, in dem alle geimpft sind, fährt rüber, wie zu erwarten ohne Probleme bei der Kontrolle. Dann sind wir dran und fahren mit 20 R$s als Bestechungsgeld in der Hand und klopfendem Herzen hinterher. Der Beamte prüft erst die Pässe, will dann zu den Impfpässen übergehen, da kommen die zwei scharfen Brasilianerinnen aus unserem ersten Auto auf Stilettos angestöckelt. Sie verwickeln den Beamten mit großen Augen in eine Unterhaltung, spielen mit den Fingern in den Haaren, der Beamte reicht uns, ohne die Augen von den Mädels zu lösen, unsere Dokumente durchs Fenster und winkt uns beiläufig weiter. Haha, die einfachsten Strategien sind doch immer die besten …

Als Erstes begegnet einem in Venezuela die Stadt Santa Elena, die als Ausgangspunkt für Ökotourismus gilt, weil sie direkt am Rand eines Nationalparks mit Tafelbergen liegt. Die Landschaft erinnert mich an die schottischen Highlands: grasbewachsene Hügel, manchmal schroff, manchmal ganz sanft. Wir sitzen hinten auf der Ladefläche des Pick-ups eines Freundes, der durch den Schlamm und über die Berge fetzt. Wanderung zu einem kleinen Wasserfall mitten im Wald, der in ein eisklares, rundes Wasserloch fällt, in dem man baden kann. Sooo schön, bei der nahezu unerträglichen Hitze in dieses kalte Wasser zu tauchen! Danach folgen wir dem Bachlauf. Gar nicht so einfach, ich stürze über die dicken, runden, glitschigen Findlinge. Die zerstörten Schienbeine lohnen sich aber: Irgendwann kommen wir um eine Biegung, und der Bach wird unvermittelt zu einem riesigen, 60 Meter tiefen Wasserfall. Unter uns breitet sich der Regenwald aus, und am Horizont dann die Savanne mit ihren palmengesäumten Bachläufen. Einer der traumhaftesten Orte, an denen ich bisher war! Ein bisschen wie der Fels bei König der Löwen, fehlt nur die Babykatze zum In-die-Luft-Halten.

Den Silvesterabend verbringen wir ziemlich feuchtfröhlich in dubiosen Locations, in denen man Alkohol trinken muss, um sich entspannen zu können, denn sonst macht man sich die ganze Zeit Sorgen, wann wohl das Gebäude, oder zumindest die Decke, einstürzt. Um 0 Uhr stehen wir mit dem Pick-up am Dorfplatz und drehen, genau wie die restlichen 25 Autobesitzer, die hier mit Freunden und Familie feiern, mal ganz doll unsere Stereoanlage auf. Das gibt dann eine ziemliche Kakophonie der verschiedensten Musikrichtungen, macht aber nix, von 23 Uhr bis 3 Uhr wird eh so laut geböllert, dass man ansonsten kaum was hört.

Am nächsten Tag gibt’s fettige Empanadas zum Frühstück, die bei Rosana prompt retour kommen. Die Rückfahrt über die Schlaglochpiste nach Boa Vista verbessert ihren Zustand nicht unbedingt. Meine Zeit geht schon langsam zu Ende, und ich werde gut was zu tun haben. Will noch möglichst viele Verhaltensaufnahmen machen und muss noch etwa 57629381938465739 Bäume in Excel-Tabellen tippen … na dann.

Brasilianerin im Herzen

Der Abschied in Boa Vista war traurig. Sehr früh morgens fahren wir ein letztes Mal in die Plantagen zum Arbeiten. Die Ameisenbärchen liefern eine super Abschiedsshow ab, kratzen an Bäumen und geben sich auch sonst echt Mühe. Der letzte Bär, den wir sehen, ist sogar Ulf, mein Lieblingsameisenbär. Er hat einen ganz charakteristischen schwarzen Fleck auf dem Bein. Wie nett, dass er noch mal vorbeikommt. Am letzten Abend dann noch beim Familienfest von meiner Freundin Rosana vorbeigeschaut – fast das gleiche Theater wie in Deutschland: Alte Tanten versuchen einem ein schööönes Likörchen anzudrehen, während die Jüngeren streiten, welcher schnulzige Sambasong als Nächstes gespielt werden sollte. Rosana weint und sagt: »Lydia, du musst hierbleiben! Du kannst nicht gehen! Du bist doch Brasilianerin!« Eine Brasilianerin sollte meiner Meinung nach wohl mehr als 20 Worte Portugiesisch sprechen, aber sie meint nur: »Das ist nicht wichtig – du bist Brasilianerin im Herzen!« Hach ja …

Danach noch ein Konzert am Fluss, alle noch mal gesehen, wild getanzt, SEHR Caipi-beduselt morgens ins Flugzeug gestiegen. Tschö, schönes Brasilien. Ich komme zurück. Ganz bestimmt …

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2007

ZURÜCK ZU MEINEN NORDBRASILIANISCHEN GESICHTSBANANEN

Rio de Janeiro

Über den Verlust von großen Teilen meines Gepäcks am Flughafen (11 Kilo Übergewicht stießen dann doch auf keine Kulanz beim Check-in in Frankfurt …) trösten mich während des Fluges Sergey und Dimitri, zwei schwergewichtige Russen auf den Flugzeugsitzen neben mir hinweg. Die beiden verarbeiten während des Fluges unglaubliche Mengen an Alkohol, große Teile davon landen im Überschwang auf meiner Hose, und ich finde mich nach einigen Stunden in einer überaus beruhigenden Whiskey-Dunstglocke ans Fenster gepresst, während mir Dimitri pausenlos die Hand küsst.

Vor dem Flugzeugfenster mittlerweile dichte, schwere Wolken in vielen Schichten. Flugzeug wird ganz schön durchgeschüttelt. Gut zum Schlafen. Regenschlieren am Fenster. Fremder Regen vom Meer oder dem Atlantischen Regenwald. Beides ein schöner Gedanke.

Als ich aufwache, glitzert und funkelt unter uns bis zum Horizont das nächtliche Rio. Orange Straßenlaternen spiegeln sich im Meer, eine hell erleuchtete Ölbohrinsel vor der Küste. Dann noch mal Wolken und Luftlöcher, und mit einem Mal schlägt das Flugzeug etwas rau und schlingernd auf der Landebahn auf. Gut gelaunter Kommentar des Piloten: »Verzeihen Sie die harte Landung, da sprang uns wohl die Landebahn entgegen.« Sehr witzig. Raus aus dem Flugzeug. Feuchtwarme Luft und der Geruch nach Pflanzen, Erde und Putzmittel. Finnische Großraumsauna. Hallo, Brasilien! Da bin ich wieder!

In Rio besuche ich ein paar Tage lang einen Sprachkurs, bevor ich mich für die Datenaufnahme meiner Diplomarbeit wieder in die nordbrasilianische Diaspora stürze. Zurück nach Boa Vista, zurück zu den Plantagen und vor allem zurück zu meinen Ameisenbären, deren sorgfältige Einfalt mir in den letzten zwei Jahren sehr gefehlt hat. Kolja konnte damals zeigen, DASS Ameisenbären die Plantage als Lebensraum der umliegenden Savanne vorziehen und dass sie in den Plantagen in unfassbaren Mengen vorkommen. Warum das so ist und was es für einen Effekt auf die soziale Organisation der eigentlich einzelgängerischen Ameisenbären hat, wenn plötzlich an jeder Ecke ein Artgenosse rumhampelt – das will ich jetzt rausfinden. Die Kratzbäume, die ich letztes Mal untersucht habe, könnten vielleicht eine Rolle dabei spielen, sich aus dem Weg zu gehen oder sich zumindest nicht jedes Mal aufs Maul zu hauen, wenn man sich trifft. Also eine Art indirekte Kommunikation. Bisher bleibt’s allerdings beim ›vielleicht‹, denn ich konnte noch nicht wirklich klären, warum genau sie an den Bäumen kratzen.

Nur wie und wo – und das hat mich vermutlich für den Rest meiner wissenschaftlichen Karriere versaut: Die suchen nämlich Bäume aus, die dicker und schiefer sind als die anderen in der Plantage. Die statistischen Ergebnisse meines damaligen Praktikums waren durchweg hoch signifikant. Signifikant heißt, sie unterscheiden sich deutlich von anderen Bäumen, hoch signifikant heißt so was wie »Crazy shit!« und ist in einer chaotischen Wissenschaft wie der Ökologie total selten. Seit meiner Kratzbaumstudie bin ich daher bei Analysen immer enttäuscht, wenn mir die Statistik nur ein gutes Ergebnis anstelle von »Crazy shit« ausspuckt. Also eigentlich immer.

Bobbisponscho und sein rosa, schwuler Freund

Es regnet Bindfäden und wir sitzen wegen Überschwemmungen in der Sprachschule fest. Auf der Straße vor den Glastüren schwappt das grüne Wasser einen halben Meter hoch. Wie ein Aquarium. Anstelle eines Goldfisches ist allerdings gerade eine Mülltonne vorbeigeschwommen. Im Fernseher an der Wand berichten sie von Erdrutschen. Die Stadt ist ein einziges Chaos.

Man bekommt von der Sprachschule eine Gastfamilie zugeteilt, bei der man wohnt. Meine Gastfamilie besteht aus einer alten Frau. Als Gastgeschenke habe ich treffsicher einer zuckerkranken Antialkoholikerin Haribo und Schnaps mitgebracht. Da gehört auch was dazu.

Meine Gastmutter hat derweil Käse gekauft – so gelben in Scheiben. Sie hat ihn nur für mich gekauft, sie mag nämlich keinen. Ich leider auch nicht. Abgesehen von Käse bin ich Allesfresser. Vielleicht ihre intuitive Retourkutsche wegen der vermasselten Gastgeschenken.

Der Käse war teuer, und ich fühle mich gezwungen, jeden Morgen ein Käsebrot zu essen. Das ist schlimmer als gedacht. Ständig muss ich würgen. Gott sei Dank guckt meine Gastmutter Fernsehen und hat es bisher nicht bemerkt. Sie guckt Spongebob. Ich hab ziemlich lange gebraucht zu verstehen, welche Serie sie meint, als sie mich fragte, ob ich die Comicserie mit diesem gelben, schwulen Blabla kenne (das letzte Wort kannte ich nicht, was sie versuchte, mit einer pantomimischen Dusche aufzufangen, bis ich vollends verwirrt war). »Und sein rosa, schwuler Freund!!!«

»Äh …«

Wir lernen: In den Augen der Brasilianer sind Spongebob und Patrick Star ein Paar. Spongebob heißt auf Portugiesisch (in Lautschrift): Bobbiesponscho. Sweet!

Mittlerweile ist das Wasser in der Straße so weit abgelaufen, dass man zumindest das Restaurant im Nebenhaus wieder erreichen kann. Und wie heißt es? Achtung: »Casa do Pão de Queso« – Haus des Käsebrotes!

Das ist dann wohl Schicksal.

Viva Manguera!!!

Drei Tage später: Regenschirm gegen Sonnenmilch eingetauscht und die Sonnenbrille rausgekramt. Die Temperaturen sind in die Höhe geschossen, mein Kreislauf in die Tiefe, der Sommer ist zurück. Wir haben 36 °C und die Sonne brutzelt einem aufs Hirn. Vertrödele den letzten Tag am Strand in Ipanema in Rio, bevor ich wieder bei den Ameisenbären untertauche. Wunderschön! Ein Klappstuhl, ein Bier, ein Krimi, Wellenrauschen, Palmen, Popos in Tangas – Sommer. Beobachten, wie die Sonne hinter den Bergen untergeht und die Fregattvögel dort in den nebligen Schluchten verschwinden.

Umzug für die finale Nacht von meiner Gast-Oma zurück ins Hostel. Acht Personen im Schlafsaal, und es riecht merkwürdig – eher nach Ofenkäse als nach Schweißfüßen, aber auf jeden Fall nicht toll. Schon wieder Käse. Dafür gibt’s Maracuja-Caipirinha auf der Dachterrasse, und ich gehe mit einigen Bekannten zu einer Sambaschule und stelle mir so eine Tanzschule wie in Deutschland vor, nur Samba statt Discofox. Weit gefehlt:

Die Sambaschule in der Favela Manguera ist eine große Halle, komplett und ziemlich schmerzbefreit in den dezenten Vereinsfarben rosa-grün gestrichen und mit rosa-grünen Neonröhren ausgeleuchtet. An der Stirnseite ein großer, noch leerer Balkon. Die Halle ist voll mit Menschen zwischen 17 und 99 Jahren, zumeist in den ansprechenden Vereinsfarben gekleidet. Caipirinha hilft, das Farbkonzept etwas gelassener hinzunehmen. Um Mitternacht hält der Präsident eine rührselige Rede. Währenddessen füllt sich der Balkon und ist irgendwann brechend voll mit circa 100 Trommlern. Mitten in der getragenen Rede brüllt der Präsident mit einem Mal: »VIVA MANGUEIRA!«, die Trommeln setzen mit unglaublichem Getöse ein, die Leute jubeln und reißen die Arme hoch, und das Dach der Halle geht automatisch auf. Alle fangen an zu singen und zu tanzen. Ein Sänger schmettert in ein übersteuertes Mikrofon. Ein unglaublicher Lärm. Großartig!

Das tanzende Publikum wird von rosagekleideten Opas mit Trillerpfeifen im Kreis getrieben. Immer in der Halle rum. Im Auge dieses Tanz-Hurricans tanzen unglaublich alte Omas und Opas unglaublich schnell Samba: die ehemaligen Sambaköniginnen und -könige, bringt mir jemand bei. Hin und wieder kommt das amtierende Sambakönigspaar in glitzernden Showkleidern mit Federn und kleinen Glitzerschirmchen in der Hand, alles rosa-grün, klar, und tanzt so schnell, dass man keine Füße mehr sieht. Trotz offenem Dach dampft die Halle irgendwann vor Schweiß und Spaß. Eine dieser Live-Time-Memories … Wahnsinn.

Am nächsten Tag Flug von Rio nach Boa Vista: Freue mich nach der letzten durchfeierten Nacht auf ein bisschen Schlaf und Ruhe im Flugzeug. Wir holpern zur Startbahn, die Düsen werden angeschmissen, der Flieger fährt an, da gibt es einen Aufstand weiter vorne im Flugzeug, und ein Passagier kotzt einmal quer. Die Stewardess ruft panisch im Cockpit an, Start wird abgebrochen, und nach längerem Hin und Her eiert das Flugzeug zurück zum Gate. Einstündige Rettungs- und Reinigungsaktion. Fantastisch. Immerhin – ich schlafe nach gestillter Neugier wie ein Baby.

War ich je weg?

Boa Vista

Mein erster Tag in Boa Vista ist brüllend heiß! Stress, Schweiß, Dreck und staubige Straßen, Leute wiedersehen (war ich eigentlich je weg?). Jetzt geduscht, ein frisches Hemdchen angezogen und ab in die Hängematte. Binnen Minuten ist es dunkel geworden. Der Computer spielt Toquinho – sommerlich leichten, melancholischen Bossa Nova. Eine eiskalte Dose Bier in der Hand, die Hängematte schaukelt. Es riecht nach Blumen und dampfendem Regen auf heißem Beton – ein Sommergewitter ist vorbeigezogen, hat den Regen wieder mitgenommen, dafür einen leichten, kühlen Wind hiergelassen. Trotzdem ist es heiß. Eigentlich sollte ich meinen Koffer auspacken … na ja, lieber den Moment der Schwerelosigkeit genießen, wenn die schaukelnde Hängematte die Richtung wechselt.

Zwei Jahre ist es her, seit ich zum ersten Mal hier war. Mein gesamtes Hauptstudium liegt dazwischen – damals ein Praktikum, jetzt die Diplomarbeit. Fühlt sich gerade surreal an, als wäre diese Zeit in Deutschland ein Traum gewesen, und in Wirklichkeit habe ich Boa Vista nie verlassen. Und immer noch die Ameisenbären. Wir haben ein neues Haus, in dem es anders als in unserer Butze vom letzten Mal keine Skorpione und nur wenige Moskitos oder Kakerlaken gibt. Die glänzenden Augen der zahlreichen Kakerlaken, die einem im alten Haus immer erwartungsfroh vom Spülbecken in der Küche entgegenblickten, stießen bei mir nur auf mäßige Gegenliebe. Jetzt also alles etwas feudaler – schön! Ich teile das Haus mit Steffi und Henrik, zwei Studenten aus Hamburg, die hier Holz- und Bodenuntersuchungen machen. Es ist gerade Maracuja-Saison, und ich habe mich schon am ersten Tag dumm und dämlich daran gegessen: Maracuja einfach so, Maracuja-Saft, Maracuja-Eis, Maracuja-Pudding … mal gucken, wie lange die Begeisterung anhält.

Das Zellstoffproblem

Ein kurzer Exkurs zum Zellstoffproblem hier in Brasilien. Es ist so paradox und beschäftigt mich daher sehr: Obwohl Brasilien zu den führenden Nationen in der Zellstoffproduktion gehört, haben die Brasilianer ein Problem mit der Herstellung und dem Gebrauch praktikabler Zellstoffprodukte. Und zwar auf allen Ebenen:

  1. Das Klopapier löst sich in seine Einzelteile auf, wenn man sich damit den Hintern abwischt. Dennoch darf man es AUF KEINEN FALL ins Klo werfen, sondern in einen Papierkorb, da es sonst das Klo verstopfen könnte. Wie kann Papier, das sich sowieso binnen Sekunden von selbst dematerialisiert, ein Klo verstopfen?
  2. Auch die Tempotaschentücher zerfallen bei Berührung, bevor man die Nase geputzt hat, oder einfach, wenn man sie schräg anguckt. Vielleicht wird diese Spontandekomposition auch durch Sonnenlicht oder Luftsauerstoff verursacht. Dementsprechend viele Taschentücher braucht man für eine einmalige Nasenreinigung. Dennoch kann man Taschentuchpäckchen nur einzeln kaufen. Keine großen Pakete. Das soll mal einer verstehen.

Zumindest freut es den Mann, der an der Kasse im Supermarkt die Tüten packt, wenn er zehn identische Päckchen Tempos in einen Beutel stecken darf. Hier muss nämlich alles, was in einer Tüte landet, auch optimal zueinander passen. Also nicht irgendwie das verpackte Brot mit dem verpackten Waschmittel in einen Sack, um Himmels willen! Lieber läuft der Kunde am Ende mit zwölf Plastiktüten aus dem Laden, in denen jeweils ein oder zwei Produkte sind. Aber alles passt, und der Brasilianer an sich ist glücklich.

Steffi nimmt jetzt immer eine Jutetasche zum Einkaufen mit, um die Plastiktütenflut einzudämmen. Führt zu tollen Situationen an der Kasse: Der Tütenmann stellt begeistert fest, dass man mehr als drei Produkte in solch eine Tasche packen kann, ohne dass die Henkel reißen. Außerdem wird bewundernd angemerkt, dass so was ja viel umweltschonender ist, natürlich nicht, ohne anschließend die gekaufte Ware in eine Plastiktüte zu stecken und diese wiederum in den Jutesack. Aber immerhin – vor zwei Jahren wurde man noch mit großen Augen verständnislos angestarrt, wenn man mit einer eigens mitgebrachten Tasche ankam. Stürzte den Tütenpackmann in große Hektik, denn alles musste in Plastik verpackt sein, bevor man seine Argumentation für den Jutesack abschließen konnte.

Ameisenbären? Wo seid ihr???

Seit Tagen kein Ameisenbär in Sicht. Heute wieder draußen in den Plantagen gewesen, um nach den Tieren zu suchen und ein Studiengebiet auszuwählen. Während sich Kolja vor zwei Jahren einen Gesamtüberblick verschafft und die Dichte von Ameisenbären in allen Plantagengebieten erhoben hat (bis zu zehn!!! Tiere pro Quadratkilometer! Wo sind die, verdammt???), möchte ich mich auf ein kleines Gebiet konzentrieren, das alle Lebensräume umfasst, um dort die soziale Organisation und Bewegungsmuster der Tiere zu analysieren. Im Internet habe ich eine (Profi-Sport-)Zwille bestellt, also eine Art Schleuder, um die Ameisenbären mit kleinen Farbbeutelchen zu markieren und sie einfacher voneinander unterscheiden zu können. Aufregend!

Bin mir nicht ganz sicher, ob ich ein optimales Gebiet gefunden habe. Ein circa hundert Hektar großer Abschnitt mit Plantage, Savanne und ein Bach mit umstehender Ufervegetation. Im Prinzip also alles da. Auch Kratzspuren an den Bäumen, EIGENTLICH sollte es da auch Ameisenbären geben. Gesehen habe ich aber immer noch keine. Endloses Kurven zwischen Akazien und Palmen, aufmerksam muss man trotzdem sein, um den Bären am Ende nicht zu verpassen. Gegen Nachmittag fällt es mir schwer, die Augen offen zu halten. Oh Mann. Langsam tue ich Julio, auf den ich als Fahrer angewiesen bin, bis die portugiesische Übersetzung meines Führerscheins aus Manaus gekommen ist, leid.

Auf der Fahrt nach Hause träumen wir von besserem Wetter – wenn’s nur mal 30 °C hätte, wär’s schon toll. Endlich mal ’ne kleine Abkühlung. Hier ist es nach wie vor megaheiß und trocken.

Das unsichtbare Etwas aus dem Ameisenbärenparalleluniversum

Endlich: Seit gestern habe ich ein Auto, meine Führerscheinübersetzung und das perfekte Studiengebiet. Es kann losgehen, wird ja auch Zeit. Das müssen jetzt nur noch die versteckten Ameisenbären mitbekommen. Idioten. Gestern wieder den ganzen Tag erfolglos im Feld rumgegurkt.

Das Studiengebiet ist eine Stunde von der Stadt entfernt, Mittagessen gibt’s daher im nahegelegenen guten, alten Waldarbeitercamp, in dem ich vor zwei Jahren schon viel Zeit verbracht habe. Zwei Häuschen, ein kleiner Badeteich und der alte, liebe Mann, der mir schon damals immer die nur mittelwillkommenen Extraportionen Trockenfleisch auf den Teller geklatscht hat. Mittags kommen alle Arbeiter aus dieser Region zusammen und warten hungrig auf das Mofa aus der Stadt. Das bringt für jeden eine Aluschale mit mehr oder minder unterschiedlichen Variationen von Fleisch, Reis und Bohnen. Würze bekommt das Ganze von den Chilischoten, die man sich am Busch nebenan pflückt. Lecker. Danach macht jeder Siesta in der Hängematte – bei 50 °C bis 60 °C Mittagshitze in der Savannensonne will keiner arbeiten. Heute gibt’s als Bonus noch eine Comedy-Einlage: Im Camp wurden neuerdings Tonnen zur Müllsortierung eingerichtet: »Recyclebar« und »Nicht Recyclebar«. Der alte Campchef erklärt seinem Waldarbeiter-Publikum noch mal, wie das geht. Heiteres Unverständnis. Einer nach dem anderen geht zur Mülltonne und sortiert die Überreste seines Mittagessens mit Grimassen und theatralischen Gesten in die Tonne. Bei jeder Darbietung herrscht johlendes Gelächter, als würde gerade ein Standup-Comedian die Nummer seines Lebens aufführen. Der Witz bleibt mir bis zuletzt verborgen, aber das Fazit ist wohl: Mülltrennung kann auch Spaß machen, liebe Kinder. Es kommt immer drauf an, was man draus macht …

Nachmittags allgemeine Überraschung: Zwei Rehe stehen in der Plantage und starren unser Auto an. Vielleicht starren sie aber auch den Ameisenbären an, der zwischen uns und den Rehen steht und ebenfalls überrascht guckt, während wir überrascht auf die Rehe und meinen ersten Ameisenbären in diesem Jahr starren. Dieser guckt allerdings angestrengt in eine vollkommen andere Richtung, etwas rechts von mir und den Rehen, in der, zumindest in unserem Universum, nichts Überraschendes zu erkennen ist. Wackelt dann auf die Rehe zu. Die springen zur Seite, der Ameisenbär erschreckt sich natürlich – huch? Was war denn das??? Rennt auf mich zu, erschreckt sich wegen mir natürlich noch mal. Oh je! Steht etwas ratlos rum … Auf das für alle anderen unsichtbare Etwas, das sich in seinem Paralleluniversum rechts von mir und den Rehen ...

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