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Ich geh jetzt in dein Karma rein

Über die Autorin

Bianca Wagner war als Kartenlegerin und »Top-Beraterin« fünf Jahre lang auf großen deutschen Internetportalen für esoterische Lebensberatung tätig. Zu ihren Kunden gehörten unter anderem neurotische Psychiater, Endzeitjünger, Prominente aus Funk und Fernsehen und selbst ernannte Hellseher.

»Und sie laufen! Naß und nässer

Wird’s im Saal und auf den Stufen.

Welch entsetzliches Gewässer!

Herr und Meister! hör’ mich rufen! –

Ach da kommt der Meister!

Herr, die Noth ist groß!

Die ich rief, die Geister,

Werd’ ich nun nicht los.«

(»Der Zauberlehrling« von Johann Wolfgang von Goethe)

Inhalt

Prolog – Frohe Weihnachten!

1. Kapitel: Der Anfang vom Ende oder: Von allen bösen Geistern verlassen

2. Kapitel: Kartenlegen für Anfänger

3. Kapitel: Nachtschicht

4. Kapitel: Das Eso-Mekka

5. Kapitel: Klingeling, hier spricht die Zukunft

6. Kapitel: Astro-Berater, die geheimnisvollen Wesen

7. Kapitel: Natürlich glaubt kein Mensch an »so was«

8. Kapitel: Andromeda allein zu Haus

9. Kapitel: Kommet, ihr Pralinenschachteln

10. Kapitel: 36 Karten für ein Halleluja

11. Kapitel: Lebst du noch, oder wünschst du schon?

12. Kapitel: Wünsche an den Weihnachtsmann, äh, an die Kartenlegerin

13. Kapitel: Mach mir meine Welt, so wie sie mir gefällt

14. Kapitel: Ist mein Wissen noch so klein, das Karma muss der Schuldige sein

15. Kapitel: Willkommen in Absurdistan

16. Kapitel: Besuch beim TV des Universums

17. Kapitel: Dagoberts Erben

18. Kapitel: Tierisch gut

19. Kapitel: Aktenzeichen Herzensmann ungelöst

20. Kapitel: Vom Umgang mit Beratern

21. Kapitel: Things I used to say

22. Kapitel: Plötzlich Hellseher

23. Kapitel: Der Selbsttest

24. Kapitel: Nachtfalken

25. Kapitel: Engel auf Erden

Epilog: Ende gut, alles gut

Nachwort: 12. Juni 2012

Anhang

Kleines Esoterik-Lexikon

Prolog

Frohe Weihnachten!

Draußen war es dunkel und kalt.

Es war der 24. Dezember.

Heiligabend.

Gegen 23 Uhr kam ich nach Hause. Natürlich hatte ich mit meiner Familie gefeiert und mir den Bauch eindeutig zu voll geschlagen. Es zwickte, als ich mich auf einen Stuhl fallen ließ und meinen Computer anschaltete. Das elektronische Startsignal erklang. Ich blinzelte, die Helligkeit des Bildschirms blendete mich. Ich gab das Passwort ein, um meine E-Mails abzurufen.

Und da warteten sie schon.

17 angeforderte Rückrufe in Abwesenheit.

Das waren meine Kunden, denen es genau vor diesem Fest gegraut hatte. Und dieses Fest erstreckte sich auch noch über drei lange Tage, dicht gefolgt von Silvester. Während dieser Zeit hatten Kartenleger und Konsorten Hochkonjunktur. Ich hätte die kommenden Tage ohne Pause durcharbeiten können. Meine Stammkunden waren wild entschlossen, jeder Wirtschaftskrise zum Trotz, sich für zwei Euro fünfzig in der Minute in die Sterne schauen zu lassen.

Im Oktober hatten mir die ersten Anrufer davon erzählt, wie schwer ihnen Weihnachten und Silvester jetzt schon im Magen lagen. Für mich waren die Feiertage damals noch meilenweit entfernt gewesen. Doch meine Kunden hatten sich bereits fest vorgenommen, dass es dieses Jahr an Weihnachten besonders schrecklich für sie werden würde, und diese Erwartungshaltung wollten sie sich unter keinen Umständen von mir ausreden lassen.

Ich klickte auf eine Nachricht.

Liebe Bianca, ich wünsche dir und deiner Familie frohe Weihnachten und alles Gute und Liebe. Ich möchte dich eigentlich gar nicht an Weihnachten behelligen, aber es wäre schön, wenn du ein paar Minuten Zeit für mich erübrigen könntest. Mein Limit bei der Line ist allerdings aufgebraucht für diesen Monat, weil ich dich doch erst letzte Woche angerufen habe. Ich könnte also nur anonym über die 0900er-Nummer anrufen. Falls du Zeit hast, dann schalte dich doch bitte dort frei. Ich gucke alle zehn Minuten, ob du da bist.

Drücke dich ganz lieb!

Rosi

Rosi war eine Stammkundin von mir. Eine ältere Dame, die sich unsere Telefonate von ihrer überschaubaren Witwenrente abknapste. Sie war stets gut gelaunt, wenn sie mich anrief, und erzählte mir Geschichten von früher. Rosi genoss unsere Gespräche, und nicht selten trank sie dabei ein Glas trockenen Weißwein. Während unserer Telefonate schaute Rosi immer mit einem Auge auf die Uhr, und wir beendeten unsere Unterhaltungen jedes Mal nach exakt zehn Minuten.

»Wird sonst zu teuer«, sagte sie stets. Und das zu Recht.

Ich mochte Rosi und konnte ihr ihren Wunsch an Heiligabend unmöglich abschlagen.

Ich holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, tippte meine Beraterdaten ein und schaltete mich online. Wenig später klingelte mein Telefon. Ein anonymer Anrufer. Erst dachte ich, das wird wohl Rosi sein. Doch auf einmal überkam mich eine ungewöhnliche innere Anspannung. Mein Finger lag unschlüssig auf dem Knopf mit dem grünen Hörer, den ich schon Tausende Male gedrückt hatte. Was ein Quatsch, beruhigte ich mich, ist doch nur Rosi. Ich schüttelte den Kopf, tippte auf die Taste und nahm das Gespräch entgegen.

Ich: »Einen schönen Heiligabend, hier ist die Bianca. Was kann ich für dich tun?«

Anruferin: »Ja … hier ist die Sigrid. Wir haben noch nicht gesprochen.« (Schweigen)

Sigrids gleichgültige Stimme war wie ein Tritt in meinen gut gefüllten Magen. Prost Mahlzeit! Ich kannte solche Anrufe zur Genüge und stellte mich auf ein schwieriges Gespräch ein. Als alter Berater-Hase ließ ich mir jedoch nichts anmerken.

Ich: »Hallo Sigrid. Ich freue mich, mit dir zu sprechen. Wie geht es dir?«

Anruferin: »Schlecht.« (Schweigen)

Ich hatte das Gefühl, ihr versteinertes Gesicht durch das Telefon sehen zu können.

Ich: »Was ist passiert? Wie kann ich dir helfen?«

Meine Stimme war betont ruhig, und ich gab mir Mühe, besonders empathisch zu sein.

Anruferin: »Ich möchte gerne wissen, wie es mit meinem Freund weitergeht.«

Die Kundin überging meine erste Frage und stellte eine Gegenfrage, ein eindeutiger Anhaltspunkt für mich, dass ich es hier mit einer routinierten Astro-Line-Ratsuchenden zu tun hatte. Die anderen Kunden wären auf meine erste Frage eingegangen.

Ich: »Gut. Ich mische nun die Karten, und du konzentrierst dich bitte ganz stark auf deinen Freund und gibst mir dann aus dem Bauch heraus ein Stopp.«

Anruferin (nach 1 Sekunde): »Stopp.«

Ich hatte die Karten kaum gemischt. Sigrid klang ungeduldig. Sie schien bereits zu oft bei anderen Kartenlegern »Stopp« gesagt zu haben. Vielleicht sogar schon mehrmals an diesem Abend.

Ich: »Danke. Ich lege aus. Einen Moment bitte.«

Ungeduldiges Schnaufen erklang am anderen Ende der Leitung. Auch ich atmete leise tief ein und aus, um mich durch ihre Stimmung nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Möge der Gott der Kartenleger mit mir gnädig sein, flehte ich innerlich. Als das Kartenbild lag, wunderte ich mich.

Ich: »So, die Karten liegen. Ich kann aber leider keinen Freund bei dir sehen.«

Anruferin: »Er hat ja auch Schluss gemacht. Im Januar.« (Schweigen)

Das war vor fast einem Jahr. Klar, dass Sigrid routiniert wirkte. Wahrscheinlich hatte sie seit letztem Januar die Astro-Lines rauf und runter telefoniert, um zu hören, dass ihr Ex schon wiederkommen würde, wenn sie nur lange genug wartete. Doch die Karten erzählten mir leider eine andere Geschichte.

Ich: »Ich weiß, dass heute Heiligabend ist und du dir bestimmt wünschst, dass er noch heute vor deiner Türe steht. Aber darf ich dich mal etwas fragen?«

Anruferin: »Ja.«

Ich: »Ich sehe bei ihm eine andere Frau und gleich daneben ein Kind …«

Anruferin: »Diese alte Schlampe soll sich gefälligst vor einen Zug werfen und mir meinen Freund wiedergeben!«

Sigrid spuckte mir die Worte förmlich entgegen. Ich ärgerte mich über mich selbst. Hätte ich bloß auf mein Bauchgefühl gehört und einfach keine Zeit gehabt. Mit Rosi hätte ich schließlich auch am darauffolgenden Tag sprechen können. Spätestens ab dem Moment wusste ich, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr heil herauskommen würde. Ich hieß nicht Potter mit Nachnamen und flog auch nicht auf einem »Nimbus 2001«-Rennbesen durch die Lüfte. Die Augen Richtung Himmel gerollt beschloss ich, nicht auf ihre wüsten Verwünschungen einzugehen, sondern mich auf die Tatsachen zu konzentrieren.

Ich: »Hat diese Frau denn ein Kind?«

Anruferin: »Nein, noch nicht. Aber sie ist schwanger. Von ihm!«

Ich: »Oh.«

Was konnte ich dazu nur sagen?

Die Frage erübrigte sich, denn Sigrid war in Fahrt.

Anruferin: »Dabei sollte ich diejenige sein, die von ihm ein Kind kriegt und die er heiratet. Das hat mir jeder Kartenleger so vorhergesagt. Und nun das! Was sollen denn die Leute von mir denken? Und was soll ich denn jetzt machen?«

Ich: »Wollen die beiden denn heiraten?«

Anruferin: »Im Januar. Und alle wissen es. Die Leute reden doch schon hinter meinem Rücken. Er wollte eigentlich ja mich heiraten und hat das überall erzählt. Aber dann hat er dieses Flittchen getroffen und sich ein Kind unterschieben lassen. Das ganze Dorf lacht jetzt über mich. Und ich stehe da wie der Ochs vorm Berg!«

Sigrid redete sich weiter in Rage, oder besser, sie schrie sich in Rage, sodass ich den Telefonhörer im Sicherheitsabstand von meinem Ohr weghalten musste. Derweil überlegte ich angestrengt, wie ich Sigrid beruhigen konnte. Wiederkommen würde ihr Ex bestimmt nicht mehr. Soviel war sicher – auch ohne Orakelkarten.

Ich: »Das tut mir leid. Das ist wirklich eine äußerst unangenehme Situation.«

Ich musste das Ruder herumreißen. Irgendwie. Es war Heiligabend! Doch was konnte ich ihr anbieten? Eine neue Liebe vielleicht? Gute Idee! Ich schaute wieder auf das Kartenbild.

Ich: »Aber weißt du was? Ich habe eine gute Nachricht für dich. Ich sehe nämlich eine neue Liebe.«

Anruferin: »Ich will keine neue Liebe! Er hat gefälligst zu mir zurückzukommen. Da brauchst du mir hier nichts von einer neuen Liebe zu erzählen!«

Sigrid war außer sich, völlig hysterisch.

Ich: »Aber …«

Anruferin: »Deine neue Liebe kannst du dir sonst wo hinstecken! Ich will das, was mir zusteht. Nämlich, dass er sein Versprechen hält und mich gefälligst heiratet. Alle meine Freundinnen sind verheiratet und haben Kinder, nur ich nicht! Wo ist denn da die Gerechtigkeit? So viel Geld habe ich schon für Kartenleger und Partnerrückführungen ausgegeben. Und er ist immer noch nicht da.«

Was sollte ich darauf erwidern? Sie klagte mich gerade stellvertretend für meine Kollegen und ihre persönliche Misere an.

Ich: »Sigrid, ich mache mir große Sorgen um dich. Ich möchte nicht, dass es dir nach unserem Gespräch schlecht geht. Hast du jemanden, an den du dich wenden kannst?«

Anruferin: »Ich habe niemanden.«

Ich: »Was ist mit deinen Eltern?«

Anruferin: »Ich bin im Heim aufgewachsen.«

Oje. Mitten ins Fettnäpfchen.

Ich: »Und die Freundinnen, von denen du vorhin erzählt hast?«

Anruferin: »Was soll ich denen denn erzählen? Die denken doch, dass ich nichts mehr von ihm will.«

Ich: »Verstehe.«

Anruferin: »Mach, dass die andere verschwindet! Verhexe sie von mir aus.«

Das war der »Point of no return«. Ich spürte starkes Herzpochen in meinem Hals. Die Situation überforderte mich. Mir war klar, dass weder ein gut gemeintes »Abrakadabra und drei Mal schwarzer Kater« noch ein beherztes »Hex, hex!« die Situation hätte verändern können. Sigrid schien das völlig anders zu sehen. Mit dem Telefonhörer am Ohr saß ich vor dem Computer und überlegte. Was konnte ich tun oder sagen, damit die Kundin sich beruhigte?

Ich: »Sigrid, ich kann niemanden verhexen …«

Anruferin: »Aber du wurdest mir ausdrücklich empfohlen!«

Ich: »Wer hat mich für was genau empfohlen?«

Anruferin: »Die Kundenbetreuung hat gesagt, dass du genau die richtige Beraterin für mein Problem bist. Und jetzt das! Du weigerst dich! Du willst mir einfach nicht helfen! Wie alle anderen Kartenleger auch!«

Sigrids Stimme hatte mittlerweile den Klang eines trotzigen Kleinkindes.

Anruferin: »Ich weiß ganz genau, dass es mit schwarzer Magie geht.«

Ich: »Aber Sigrid …«

Weiter kam ich nicht.

In der Leitung tutete es. Sigrid hatte aufgelegt.

Gespräche dieser Art häuften sich in letzter Zeit. Ich fragte mich des Öfteren, ob es das eigentlich noch war, was ich mir ursprünglich von meiner Beratertätigkeit auf einer Astro-Hotline versprochen hatte?

1. Kapitel

Der Anfang vom Ende oder:
Von allen bösen Geistern verlassen

»Lass uns doch mal wieder am Samstagabend treffen. So wie früher. Das haben wir schon ewig nicht mehr getan«, schlug meine Freundin Anke vor. Sie meinte damit einen Mädelsabend mit Pizza essen, bis einem schlecht wurde, wahlweise untermalt von Wetten dass …? oder DSDS, und sich dabei über »die drei großen Ms« unterhalten: Mode, Musik und (natürlich) Männer. Ankes Idee klang gut, und ich hatte große Lust auf so einen Abend. Ich konnte mich an unseren letzten gemeinsamen Schnack gar nicht mehr erinnern. Zu viel war in letzter Zeit passiert. Erst die Trennung von meinem langjährigen Lebensgefährten, der spontan eine »neue berufliche Herausforderung« in New York annahm, daraufhin der Umzug in eine kleine Single-Wohnung und schließlich ein Karrieresprung in meinem Bürojob, der meine Energie ebenfalls ziemlich beanspruchte, sodass ich abends meistens froh war, wenn ich alleine auf der Couch herumsitzen konnte. Selbst mein heiß geliebtes Handballtraining, wodurch ich Anke damals kennengelernt hatte, hatte ich auf Eis gelegt und damit auch unsere regelmäßigen Treffen. Umso mehr freute ich mich über Ankes Einladung und besorgte viel zu viele Leckereien, die ich am Abend mitnehmen wollte.

Als meine Freundin die Tür öffnete, schlug mir ein beißender Geruch entgegen, der sich sofort wie ein poröser Film in meiner Kehle festsetzte und für ein unangenehmes Kratzen sorgte.

»Da bist du ja endlich. Komm rein, Conny ist auch schon da.«

»Ich habe keinen Parkplatz gefunden«, krächzte ich und bekam einen Hustenanfall, der das Halskratzen aber leider auch nicht besser machte. »Was riecht bei dir so komisch? Hast du gekokelt?«

Anke lachte auf. »Unsinn! Das ist vermutlich von der Räucherung, die ich heute Mittag gemacht habe.«

»Du hast WAS gemacht?«

»Eine Räucherung«, erwiderte Anke.

Ich stellte mir vor, wie meine leicht verrückte Freundin Anke Fisch oder Fleisch in ihrer Wohnung räucherte. Doch das konnte nicht sein, schließlich war sie Vegetarierin. Ratlos reichte ich ihr eine Tasche mit meinen kulinarischen Mitbringseln und folgte ihr ins Wohnzimmer, wo Conny bereits auf dem Sofa lümmelte und mir überschwänglich um den Hals fiel.

»Was hast du denn geräuchert?«, nahm ich den Gesprächsfaden wieder auf.

Conny musste grinsen. »Anke hat die bösen Geister vertrieben.«

»Was für böse Geister? Ich verstehe nur Bahnhof.«

»Es gibt böse Geister, die sich gerne in Wohnungen einnisten«, erklärte Anke und stellte eine Schale Pralinen auf den Tisch. »Durch Räucherungen werden sie dann wieder vertrieben.« Ah, ja. Was es so alles gab.

»Und woher weißt du, dass dieser … dieser böse Geist da war und es jetzt nicht mehr ist? Hast du ihn etwa gesehen?« Ich malte mir aus, wie der Geist einen Erstickungsanfall bekam und meine Freundin mit dem bestialischen Qualm hinter ihm herrannte, bis er irgendwann die Flucht ergriff.

»Ich spüre so was einfach. Die Schwingungen in der Wohnung sind seit der Räucherung viel positiver.«

»Na dann«, bemerkte ich wenig überzeugt, und wie zur Strafe meiner Zweifel überkam mich gleich der nächste Hustenanfall. Was auch immer Anke ausgeräuchert haben mag, meine Stimme reagierte darauf äußerst empfindlich.

Nachdem wir uns (bei geöffneten Fenstern) die Mägen bis zum Anschlag vollgeschlagen hatten, die Samstagabendshow zu Ende war und wir uns ausgiebig über »die drei Ms« ausgelassen hatten, räumte Anke den Tisch ab.

»So, und jetzt kommen wir zum interessantesten Teil des Abends«, verkündete sie verschwörerisch und öffnete eine Glasvitrine, deren Inhalt mir zuvor nicht aufgefallen war. Ich entdeckte bunte Edelsteine in einer Karaffe mit Wasser, außerdem kleine Kartons voller Karten, ein silbernes Pendel und eine kleine Glaskugel. Anke nahm die Karaffe und ein Kartenspiel heraus. Dann befüllte sie drei Gläser mit dem Spezialwasser.

»Das ist Edelsteinwasser«, erklärte sie, als sie bemerkte, dass ich zögerte. »Es ist besonders gesund.«

Ich roch daran, doch es gab nichts zu riechen. Dann nippte ich vorsichtig an dem durchsichtigen Getränk. Es schmeckte wie gewöhnliches Leitungswasser, stellte ich erleichtert fest. Ich hätte meiner Freundin nur ungern mitgeteilt, dass es mir nicht schmeckte. Anke packte das Kartenspiel aus – jedenfalls dachte ich, es würde sich dabei um ein Kartenspiel handeln. Die Karten waren mit bunten Bildern bedruckt. »Was ist denn das für ein Kartenspiel? So was habe ich noch nie gesehen«, fragte ich.

»Genau genommen ist das ja auch gar kein Spiel. Es ist viel mehr als das.« Anke schaute geheimnisvoll in die Runde. »Mit diesen Karten kann man nämlich in die Zukunft schauen.«

»Echt?«, fragte ich verblüfft. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich gerade auf den Arm nahm. »Und das geht wirklich?«

»Oh ja! Und wie das geht. Frag doch mal Conny. Sie hat damit schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht.«

»Es ist zwar unglaublich, aber es funktioniert tatsächlich«, bestätigte Conny. »Anke hat mir die Karten gelegt, und dabei hat sie mir Dinge erzählt, die sie nicht wissen konnte. Dinge, worüber ich nie mit ihr gesprochen habe.«

»Und woher kannst du das, Anke?«

»Ich habe mir aus der Buchhandlung nicht nur Wahrsagekarten besorgt, sondern auch das passende Buch, in dem genau beschrieben steht, wie das Kartenlegen funktioniert. Damit habe ich dann alleine geübt. Später habe ich bei Kartenlegern im Fernsehen die Karten mitgelesen, um zu sehen, ob ich das Gleiche daraus erkenne wie sie. Irgendwann habe ich mich getraut, Conny die Zukunft damit vorherzusagen.«

»Und es ist auch tatsächlich genau so eingetroffen«, bestätigte Conny.

»Moment mal. Es gibt Kartenleger im Fernsehen?«, fragte ich verwirrt. Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.

»Na klar. Es existiert sogar ein eigener Sender, der den ganzen Tag nur Sendungen mit Hellsehern und Kartenlegern ausstrahlt.«

»Ach was!« Ich kam aus dem Bauklötzestaunen gar nicht mehr heraus und fühlte mich ein bisschen hinterwäldlerisch. Für meine Freundinnen schienen Mattscheiben-Wahrsager und ihre eigenen Zukunftsschauen-Rituale völlig normal zu sein. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal bekannt gewesen, dass sich Anke und Conny für Esoterik interessierten, geschweige denn diese auch praktizierten. Seit wann mochte das so sein? Sie wirkten doch schon sehr vertraut mit all dem Hokuspokus.

»Möchtest du mal eine Sendung mit einem Kartenleger sehen?«, riss mich Anke aus meinen Überlegungen. Sie wartete gar nicht auf meine Antwort, sondern schaltete im gleichen Atemzug den Fernseher ein. Das Fernsehbild flackerte auf.

Vor einem orangefarbenen Hintergrund hockte eine Frau mittleren Alters an einem Tisch. Vor sich hatte sie ihre Wahrsagekarten ausgebreitet und war dabei, einer Anruferin live im TV zu erzählen, dass ihr Mann sie mit ihrer eigenen Schwester betrog. Die Anruferin war fassungslos und zweifelte die Aussage der Kartenlegerin nicht im Geringsten an.

Ich stellte mir vor, wie der Mann der Anruferin und ihre Schwester vielleicht auch den Astro-Sender schauten, live und in Farbe auf frischer Tat ertappt wurden und einen Riesenschreck bekamen. Scheußlich.

»Was soll ich jetzt nur machen?«, klagte die Dame am Telefon verzweifelt.

Doch die Kartenlegerin lächelte nur milde und sagte gut gebrieft: »Tut mir leid, Margot, aber wir sind hier in der schnellen Runde. Kurze Frage, kurze Antwort. Du kannst dich gerne wieder einwählen, und mit ein bisschen Glück sucht dich der Zufallsgenerator vielleicht noch mal aus. Tschüss Margot.«

»Aber …«, wimmerte Margot noch, bevor die Leitung gekappt wurde, es wieder klingelte im Studio und ein neuer Anrufer am Apparat war. Ein Peter wollte wissen, wie es bei ihm beruflich weitergeht. Die Kartenlegerin forderte ihn auf, sich zu konzentrieren, während sie die Karten mischte, und ihr ein »Stopp« zu geben, wenn er so weit war. Mir fiel auf, dass die Frau auf dem Bildschirm völlig normal aussah. Sie trug ihr braun gelocktes schulterlanges Haar offen, war für meinen Geschmack etwas zu stark geschminkt, und um ihren Hals trug sie eine goldene Kette, an der ein leuchtender grüner Stein baumelte. Die typische Wahrsagerin stellte ich mir definitiv anders vor.

Ich erinnerte mich, wie ich als Teenager auf der Kirmes war. Dort stand auch ein blaues Wägelchen von einer Handleserin, die für zwanzig Mark einen Blick in die Zukunft anzubieten hatte. Sie war die klassische mysteriöse Zigeunerin, in weite Gewänder gehüllt und mit extrem vielen Goldketten behangen. Um ihren Kopf hatte sie ein Tuch gebunden, an dem goldene Münzen hingen. DAS entsprach meiner Vorstellung von einer Hellseherin. Aber die Frau, die gerade bei der Esoteriksendung für die Anrufer in die Zukunft blickte, hätte getrost meine Nachbarin sein können. Es umgab sie nichts Geheimnisvolles, was mich veranlassen könnte, bei ihr anzurufen.

Am unteren Bildschirmrand blendete der Sender unablässig ein Banner mit der Rufnummer der Call-in-Show ein. Nur 50 Cent kostete ein Anruf. Auf den ersten Blick ein Schnäppchen. Doch schaute man genauer hin, so wurden die 50 Cent bei jedem Anruf fällig, egal ob der Zufallsgenerator den Anrufer ins Studio durchstellte oder nicht. Ich fragte mich, ob die Zuschauer das wussten oder irrtümlich davon ausgingen, dass sie nur etwas bezahlen müssten, wenn sie live auf Sendung waren. Ich mochte gar nicht daran denken, welch böse Überraschung manchen Astro-Fans mit der nächsten Telefonrechnung ins Haus geflattert kam.

Die Kartenlegerin erklärte nun einer äußerst erfreuten Anruferin, dass sie mit ihrem Herzensmann auf jeden Fall zusammenkommen würde. (Ich fand den Begriff »Herzensmann« sehr komisch, und es poppte gleich das Bild der zwei rotwangigen Wildecker Herzbuben vor meinem geistigen Auge auf.) Definitiv! Da gab es nichts dran zu rütteln. Er wäre nämlich ihr Seelenpartner, und sie seien karmisch miteinander verbunden.

»Gut, was?«, meinte Conny zu mir. Wir hatten die ganze Zeit über kein Wort gesprochen und der Kartenfrau an den Lippen gehangen.

»Mhm … und das stimmt wirklich alles?«, zweifelte ich.

»Natürlich. Die Birgit ist eine Spitzenberaterin und hat nur die besten Bewertungen auf dem Astro-Portal im Internet.«

So, so, im Internet gab es das also auch. Das wurde ja immer besser! Die Neugier hatte mich trotz einiger Zweifel gepackt. »Und wie funktioniert das über das Internet?«

»Ganz einfach«, winkte Anke ab. »Du registrierst dich bei dem Portal als Kunde, und dann kannst du dir sofort ein Gratisgespräch abholen. Die erste Beratung ist immer umsonst.«

Das wollte ich mir später zu Hause einmal näher ansehen.

Zu guter Letzt legte mir Anke an dem Abend noch die Karten. Ich war ziemlich nervös, denn es war mein erstes Mal. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukam. Anke erzählte mir tatsächlich Dinge, die sie nicht wissen konnte. Tatsachen, über die ich nie mit ihr gesprochen hatte. Genau wie bei Conny. Ich war beeindruckt. In dieser Nacht konnte ich lange nicht einschlafen. Mein Hirn raste. Das Kartenlegen hatte mein Interesse geweckt, und ich wollte unbedingt mehr darüber wissen.

In der nächsten Woche kaufte ich mir ein Buch, das sich mit dem Thema beschäftigte, und am Abend blieb mein Fernseher aus. Stattdessen vertiefte ich mich so in die Lektüre, dass es weit nach Mitternacht war, als ich das Buch beiseitelegte.

Die Neugier hatte mich gepackt. Was steckte hinter dem Kartenlegen wirklich? Und wie funktionierte es? Wie um alles in der Welt soll man in die Zukunft schauen können – nicht nur bei sich selbst, sondern sogar bei wildfremden Menschen?

Noch in dieser Nacht fasste ich den Entschluss, das Kartenlegen professionell zu erlernen.

2. Kapitel

Kartenlegen für Anfänger

Im Internet wurde ich schnell fündig. Dort warben diverse Anbieter für Kartenlegekurse zu den unterschiedlichsten Konditionen. Da es mir besonders die bunten Motive der Lenormand-Orakelkarten angetan hatten, blieben schließlich aber nur noch eine Handvoll Angebote über. Spontan wählte ich die auf einer Seite angegebene Inforufnummer, und nach einer ausführlichen Beratung durch die Kursleiterin entschied ich mich für ein Tagesseminar zu einem erschwinglichen Preis.

Zwei Wochen später war es so weit. An einem Samstagmorgen im Sommer machte ich mich auf in eine Nachbarstadt. Die Sonne knallte schon morgens vom wolkenlosen Himmel, und ehrlich gesagt hätte ich es mir bei diesem Wetter lieber im Garten gemütlich gemacht, als ein Seminar zu besuchen.

Doch gebucht war gebucht.

Meinen Wagen parkte ich am Straßenrand eines beschaulichen Wohnviertels. Ich war 20 Minuten zu früh und fast so nervös wie vor einem Blind Date.

Ich kramte den Zettel mit der Adresse aus meiner Tasche und begab mich langsam zur notierten Hausnummer. Was wohl auf mich zukam? Würde ich heute Abend tatsächlich in der Lage sein Karten zu legen, zweifelte ich so vor mich hin. Und wie wohl die anderen Teilnehmer sein würden? Wahrscheinlich kannten sie sich viel besser mit den Lenormand-Karten aus als ich. (Keine große Kunst, denn ich hatte ja überhaupt keine Ahnung.) Hoffentlich verstand ich überhaupt irgendetwas! Wenigstens war Lydia, die Seminarleiterin, am Telefon sehr nett gewesen. Das beruhigte mich ein wenig.

Ungläubig schaute ich auf meinen Zettel, als ich an besagter Hausnummer ankam. Dann blickte ich mich noch mal nach einem Straßenschild um. Irrtum ausgeschlossen. Nicht dass ich ein modernes Schulungszentrum oder Ähnliches erwartet hätte – aber ein maroder Holzverschlag …? Neben dem kleinen Fenster an der rechten Seite war ein Glaskasten befestigt, in dem Parteiinformationen aushingen, mit dem Hinweis, dass es sich bei dem Büdchen um die Parteizentrale dieses Stadtteils handelte.

»Ach, da ist ja die erste Teilnehmerin. Guten Morgen!«

Ich schreckte zusammen. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Tür auf der linken Seite offen stand. Im Türrahmen lehnte eine kugelrunde Frau in einem wallenden Gewand, die mich freundlich angrinste. Das konnte unmöglich Lydia sein. Eine kleine zierliche Frau mit langen blonden Haaren hatte ich mir vorgestellt. Typ Ursula Karven. Und jetzt so jemand …

»Guten Morgen«, sagte ich und fühlte mich ertappt. »Ich war mir nicht sicher, ob ich hier richtig bin.«

»Absolut richtig. Ich bin die Lydia, die Kursleiterin.« Sie streckte mir ihre rechte Hand entgegen.

»Hallo, ich bin die Bianca. Wir hatten, glaub ich, telefoniert.«

Lydia nickte und drückte beherzt meine Hand, während eine leichte Brise durch ihre kurzen brauen Locken wehte, die ihr rundes ungeschminktes Gesicht umrahmten. »Komm rein, du hast freie Platzwahl.«

Der kleine Raum der Parteizentrale verströmte den Charme der 1960er-Jahre. Es roch staubig und nach altem Zigarettenrauch. Die Wände und die Decke waren vollständig mit Holz verkleidet. An den Wänden waren Regalbretter befestigt, auf denen Kegelpokale und Bierstiefel dekorativ in Reih und Glied aufgestellt waren. In einer Ecke surrte ein Kühlschrank, der wahrscheinlich schon vor meiner Geburt seinen Dienstantritt gehabt hatte. Irgendetwas sagte mir, dass in dem Büdchen nicht nur politisch diskutiert, sondern regelmäßig auch fröhlich gepichelt wurde. In dem Kühlschrank vermutete ich rund vierzig Bierflaschen sowie eine satte Auswahl hochprozentiger Getränke.

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