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Ich brauche dein Lachen

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1. KAPITEL

Rio Lombardi hörte, wie die Tür zum Apartment geöffnet wurde, und sprang überrascht auf. Christabel war da!

Gekicher, Geflüster drangen vom Flur herein, und er runzelte die Stirn. Offensichtlich hatte seine Verlobte eine Freundin im Schlepptau. Das war das Problem mit Überraschungen: Man konnte nie sicher sein, ob sie einem glückten. Er hätte Christabel vorwarnen sollen, dass er möglicherweise einen Tag früher in London zurück wäre. Jetzt gab er seinen Traum auf, Christabel schnurstracks ins Bett zu tragen und leidenschaftlich zu lieben. Stattdessen durchquerte er das geräumige Wohnzimmer, um sich bemerkbar zu machen.

Aber der Flur war schon leer. Ein Paar hochhackige türkisfarbene Schuhe und ein Paar mit Glitzersteinen besetzte schwarze Seidenpantoffel lagen verlassen auf dem Teppich. Während Rio den Flur entlang zum Schlafzimmer ging, kam ihm der unangenehme Verdacht, seine Verlobte könnte wieder einmal nicht ganz nüchtern sein und er eine traute Zweisamkeit stören. Er hatte beabsichtigt, an die Tür zu klopfen. Die aber stand sperrangelweit offen, und der Anblick, der sich ihm bot, war so schockierend, so total unglaublich, dass er regelrecht erstarrte.

Christabel, halb entkleidet, küsste … eine Frau, die ebenfalls halb ausgezogen war. Wie angewurzelt stand Rio auf der Türschwelle und weigerte sich wahrzuhaben, was er mit eigenen Augen sah. Die beiden sind betrunken, sie albern herum, sagte er sich dann. Vielleicht haben sie gemerkt, dass ich in der Wohnung bin, und spielen mir jetzt einen dummen, geschmacklosen Streich. Aber sie hielten sich eng umschlungen, Brust an Brust, Hüfte an Hüfte, Christabels seidiges blondes Haar in wildem Durcheinander mit den dunklen Locken der Brünetten, während sie sich mit der unverkennbaren Begierde Liebender berührten. Diese Beobachtung widerte ihn an und machte ihn körperlich krank. Christabel, seine Frau, seine Geliebte, seine zukünftige Braut …

Christabel zog sich zurück mit einem heiseren, aufreizenden Lachen, das sagenhaft schöne Gesicht gerötet vor Erregung, und erst dann bemerkten die beiden Frauen, dass sie einen Zuschauer hatten. Rio erkannte die Brünette als eine von Christabels Freundinnen: Tammy oder so ähnlich, ebenfalls Mannequin und ebenfalls die Frau eines Mannes.

Für den Bruchteil einer Sekunde rührte sich keiner, und keiner sagte ein Wort. Entgeistert starrten Christabel und Tammy ihn an. Dann stöhnte die Brünette entsetzt auf und flüchtete sich in das angrenzende Bad, wobei sie die Tür geräuschvoll zuschlug und hinter sich verriegelte.

„Du lieber Himmel … hast du mich erschreckt …“, brachte Christabel stockend hervor. Hektisch zog sie ihr Kleid hoch, um ihre nackten Brüste zu bedecken. Ihr Gesicht war jetzt weiß und starr wie Marmor, ihre wunderschönen grünen Augen funkelten vor Angst und Besorgnis. „Bitte … versteh nicht falsch, was du gerade gesehen hast, Rio …“

„Falsch verstehen?“ Der anfängliche Schock und die Fassungslosigkeit wichen blanker Wut.

„Wir haben doch nur ein bisschen herumgespielt. Jetzt sei nicht sauer deswegen …“, bat sie eindringlich, wobei sie näher kam und mit ihren manikürten Händen eine bittende Geste machte.

Rio konnte den Blick nicht von ihr wenden. Christabel Kent, das weltberühmte Supermodel und der Liebling der Medien, die seinen Verlobungsring trug, deren nordische Schönheit und endlos langen Beine in der Modewelt zur Legende geworden waren. Die Frau mit dem perfekten Gesicht und dem perfekten Körper.

„Okay … dann sollst du die ganze Wahrheit hören“, fuhr Christabel eifrig fort. „Da ich dich schrecklich vermisst habe und hin und wieder die Abwechslung liebe …“

„Die Abwechslung? Das sagst du, als wäre nichts dabei …“

„Ist es auch nicht … es ist nur Sex!“, fiel seine Verlobte ihm ins Wort und griff nach seinen kräftigen Händen, die er, eisern um Selbstbeherrschung bemüht, zu Fäusten geballt hatte. „Nichts, worüber du dir Sorgen machen oder auch nur nachdenken müsstest. Denn wenn du es nicht willst, wird es nie wieder geschehen, das schwöre ich dir!“

Rio entzog sich ihrer Reichweite. Er hatte immer noch nur ein Bild vor Augen: Christabel halb nackt und erregt in den Armen einer Frau. Nur Sex? Er fühlte sich hintergangen. Er war fassungslos. Und er kam sich ausgesprochen dumm vor.

„Na schön … du bist schockiert und wütend, das verstehe ich, und es tut mir wirklich leid!“ Christabel wurde nervös, als er nicht reagierte. „Ich werde es wiedergutmachen …“

„Womit? Mit einem flotten Dreier?“, spottete er.

Christabel sah zu ihm auf, sichtlich erleichtert, und in ihre grünen Augen trat ein verführerischer Ausdruck. „Würde dir das gefallen, Darling?“

Zorn stieg in ihm auf. Wäre sie keine Frau gewesen, hätte er ihr jetzt einen Kinnhaken verpasst.

„Ich gebe dir Zeit, hier auszuziehen“, stieß er hervor. „Inzwischen sage ich sämtliche Hochzeitsvorbereitungen ab …“

„Das kann nicht dein Ernst sein!“, rief Christabel erschrocken aus. „Wir sind das ideale Paar!“

Rio machte auf dem Absatz kehrt und ging den Flur zurück, gefolgt von Christabel, die ihn anflehte, sich doch zu beruhigen und es sich noch einmal zu überlegen. In der Halle stellte sie sich zwischen ihn und die Haustür, um ihn am Weggehen zu hindern.

„Wenn du irgendjemandem davon erzählst, ist es aus mit meiner Karriere!“

Christabels Karriere war auf ihrem sauberen, guten Ruf begründet. Keine gewagten Aufträge für Damenunterwäsche, keine aufreißerische Berichterstattung in den Medien über Christabel als freches, selbstbewusstes Mädchen in zweifelhaften Clubs, kein Umgang mit fiesen Typen. Christabel gab gern vertrauliche Interviews, bei denen sie sich mit kuscheligen Tieren zeigte und nicht müde wurde zu erzählen, wie sehr sie Kinder liebe, wie verrückt sie doch nach dem Mann sei, den sie bald heiraten würde, und wie sehr sie sich darauf freue, ihren Job aufzugeben, um nur noch ganz Ehefrau und Mutter zu sein …

Rio streckte die Hände aus, hob Christabel hoch und stellte sie sich aus dem Weg. „Dio mio … ich werde nicht darüber reden …“

Nachdem sie diese Angst los war, rief Christabel verzweifelt: „Warum kannst du mir dann nicht verzeihen? Tammy bedeutet mir nichts. Sie ist schließlich kein Mann, und ich bin auch nicht in sie verliebt. Ich liebe dich, Rio …“

Sie liebte ihn? Hatte sie ihn jemals geliebt? Oder seinen ungeheuren Reichtum? Er presste die Lippen zusammen. Christabel hatte einen teuren Geschmack, der selbst ihre ansehnlichen Verdienstmöglichkeiten weit überstieg. Eine Woche nach seinem Heiratsantrag hatte sie ihm von einem Stapel ausstehender Rechnungen erzählt und ihm gestanden, dass sie ein hoffnungsloser Fall sei, wenn es um Geld gehe. Tief beeindruckt von ihrer Ehrlichkeit, hatte er sich ihr gegenüber äußerst fürsorglich gezeigt und ihre Schulden beglichen, ohne auch nur zu überlegen, was er eigentlich tat.

Er riss sich von ihr los, verließ das Apartment und schaffte es bis in den Lift. Dort hob er die Hand und sah, wie sie vor Aufregung zitterte. Wieder ballte er sie wütend zur Faust und schlug sie mit aller Wucht gegen die Stahlwand. Er hatte Christabel geliebt, er hatte sie wirklich geliebt und sie heiraten wollen.

Santo cielo, es hätte nicht viel gefehlt, und er hätte seinen Kindern eine Mutter gegeben, die Sex zwischen drei Leuten für eine wundervolle Sache hielt! Eine Frau, die es geschafft hatte, ihre wahre Natur so erfolgreich vor ihm zu verbergen, dass ihm die Enthüllung den Schock seines Lebens versetzt hatte.

Nur Sex? War er ihr nicht gut genug gewesen? Anscheinend nicht. Als sich unten an der Rezeption seine Bodyguards aus ihren Sesseln erhoben, offensichtlich überrascht über sein unverhofftes Wiederauftauchen, bemerkte Rio sie gar nicht. Die Züge seines hübschen Gesichts waren starr, und er war aschfahl. Draußen atmete er tief die frostige Nachtluft ein, bevor er die Straße überquerte, dorthin, wo seine Limousine stand. Hatte Christabel sich in seinem Bett zurückgelegt und dabei an Frauen gedacht? War sogar ihre Lust vorgetäuscht gewesen? War das heftige Verlangen nach dem Liebesakt mit ihm nur ein Trick gewesen, um sich einen sehr reichen Ehemann zu angeln? Wie war es möglich, dass er die Frau, mit der er fast zwei Jahre zusammen war, so wenig kannte?

„Ihre Hand blutet, Boss. Geht es Ihnen gut?“

Rio warf einen flüchtigen Blick auf seine geprellten und blutenden Fingerknöchel, dann sah er dem besorgten Ezio in die dunklen Augen. Der stämmige Alte gehörte seit Rios Studienzeit seinem Sicherheitsdienst an und kannte ihn nur zu gut.

Si …“ Doch genau in diesem Moment wusste Rio nicht, wann er sich je wieder gut fühlen würde! Wie Saverio Lombardi, milliardenschweres Oberhaupt einer der stolzesten und alteingesessensten Familien Italiens und treibende Kraft hinter Lombardi Industries, eines der größten, erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Er fühlte sich gedemütigt, hundeelend und kein bisschen als Mann – zum ersten Mal in den neunundzwanzig Jahren seiner Existenz.

Wie sollte er dieses Fiasko seiner verletzlichen Mutter hinreichend erklären? Alice Lombardi zählte ungeduldig die Tage bis zur Hochzeit ihres Sohnes und konnte es kaum erwarten, ihr erstes Enkelkind in den Armen zu wiegen. Sie war eine leidende Frau, von Arthritis geplagt und geschwächt von weiteren Krankheiten. Jede Woche, die sie überlebte, musste ein wahres Gottesgeschenk sein, und ihr schlechter Gesundheitszustand erlaubte ihr herzlich wenig wahre Vergnügen. Jetzt würde es keine Hochzeit geben, keine Aussicht auf ein Baby, mit dem Leben in das leere Kinderzimmer kam, keine frische, muntere Schwiegertochter, die ein bisschen Schwung in ihre eintönigen und schmerzerfüllten Tage brachte …

Er hatte es bis jetzt noch nie offen zugegeben, aber er brauchte eine Frau.

„Tammy bedeutet mir nichts … schließlich ist sie kein Mann.“ Heimtückisch und verlockend klang ihm das Echo von Christabels heiserer Stimme in den Ohren, und wieder ballte er grimmig die Hände zu Fäusten. Nein, er konnte, er würde ihr nicht vergeben, nicht seiner eigenen starken Libido zuliebe, nicht einmal seiner bewunderten Mutter zuliebe. Christabel, die Frau, die er so unglaublich geliebt hatte, war eine Schwindlerin. Was sagte das über sein Urteilsvermögen aus? Er hatte geglaubt, seine Verlobte durch und durch zu kennen, dabei hatte er ihr berechnendes, unmoralisches Wesen auch nicht nur ansatzweise durchschaut. Eine schlechtere Wahl hätte er selbst dann nicht treffen können, wenn er beschlossen hätte, eine völlig Fremde zu heiraten.

Genauso gut könnte er der erstbesten Frau, die ihm über den Weg lief, einen Heiratsantrag machen …

Bei dieser Vorstellung musste Rio bitter auflachen, und er schenkte sich aus der Bar im Fond der Limousine einen großen Brandy ein.

Holly fror, sie war hungrig und hatte Angst. Noch nicht einmal ein Uhr morgens, und die restlichen Stunden der Nacht lagen noch vor ihr. Wie lange war sie schon unterwegs? Ihr taten Rücken und Beine weh, und vor Erschöpfung sah sie alles verschwommen, aber wo konnte sie schon über Nacht bleiben, wo sie in Sicherheit wäre? Fast den ganzen Tag hatte sie in einem Bahnhof herumgesessen, hatte immer wieder den Platz gewechselt, um nicht die Aufmerksamkeit irgendeiner Amtsperson auf sich zu lenken, bis schließlich zwei jugendliche Rowdys sie belästigt und gezwungen hatten, sich in die Damentoilette zu flüchten. Während sie versucht hatte, sich etwas frisch zu machen, hatte man ihr die Jacke geklaut, zusammen mit der Geldbörse, die in der Innentasche steckte. Es war ihre eigene Schuld, die Jacke auszuziehen, sie achtlos über Timmies Buggy zu werfen und kurz unbeobachtet zu lassen.

Es hatte keinen Zweck, deswegen einen Polizisten anzusprechen, nicht, wenn ihr peinliche Fragen gestellt und sie um eine Adresse gebeten wurde. Ihre Geldbörse mit den letzten wenigen Scheinen darin war verschwunden, und das war’s. Wie so vieles andere, das Holly zugestoßen war, seit sie vor sieben Monaten voller naiver Hoffnungen nach London gekommen war, war es nur ein weiteres Pech, dass sie jetzt blank war, ein weiteres Stück in der Pechsträhne, die kein Ende zu nehmen schien.

Als sie stehen blieb, um nachzusehen, ob ihr acht Monate alter Sohn noch warm eingepackt und gut geschützt war gegen die kühle Luft, schauderte sie heftig und befingerte die beiden ramponierten Tragetaschen, die ihre gesamten Habseligkeiten enthielten. Ich bin der größte Pechvogel und Versager auf der ganzen Welt, dachte sie unglücklich. Zu nichts zu gebrauchen, nicht einmal dazu imstande, Timmie ein Dach über dem Kopf zu geben, und sei es noch so schäbig, und so für ihn zu sorgen, wie er es verdient. Nun ging sie durch die Straßen, obdachlos, ohne einen Cent, und stand kurz davor, zur Bettlerin zu werden …

Dabei hatte sie sich vor vierundzwanzig Stunden noch so sehr bemüht, neuen Mut zu fassen und ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Sie war zum Amt für Sozialhilfe gegangen und hatte berichtet, dass ihr Vermieter zwei Mal während der Nacht versucht hatte, in ihr Zimmer einzudringen, und dass sie sich vor ihm fürchtete.

„Wir haben bisher noch keine Klagen über ihn gehört“, hatte die Frau hinter der Absperrung gesagt, gleichgültig und unbeeindruckt. Dabei hatte sie nicht einmal versucht, ihren Verdacht zu verbergen, dass Holly nur auf eine bessere Unterkunft aus sei. „Wenn Sie nicht in Ihr möbliertes Zimmer zurückkehren, das wir Ihnen zugeteilt haben, wird man annehmen, Sie hätten sich absichtlich in diese Situation gebracht. Also überlegen Sie es sich gut, bevor Sie einen Fehler machen, schließlich müssen Sie auch an Ihr Kind denken. Ich werde Ihren Sozialarbeiter informieren, dass Sie in Schwierigkeiten stecken …“

„Nein … bitte tun Sie das nicht“, hatte Holly sie angefleht, in panischer Angst vor den Folgen, die ein solches Gespräch für Timmie möglicherweise hätte. Man könnte ihr das Baby wegnehmen und der Fürsorge übergeben. Der letzte Sozialarbeiter, mit dem sie gesprochen hatte, war anfangs ganz verständnisvoll gewesen, hatte aber die Geduld verloren, als Holly sich beharrlich weigerte, den Namen des Kindsvaters zu nennen. Doch Jeff hatte gesagt, sollte sie es wagen, irgendjemand zu erzählen, dass er Timmies Vater war, würde sie bald bedauern, jemals geboren zu sein …

Nun ja, das bedauerte sie jetzt schon, wie sie sich kläglich eingestand. Sie hatte ihre Eltern, die sie liebten, todunglücklich gemacht, indem sie ein uneheliches Kind zur Welt brachte. Als sie ihrem Vater die Schwangerschaft endlich eingestanden hatte, hatte er geweint. Niemals in ihrem ganzen Leben würde sie den Anblick ihres weinenden Vaters vergessen … oder ihre eigenen Schuld- und bitteren Schamgefühle.

Bei dieser schmerzlichen Erinnerung traten ihr Tränen in die Augen, und gedankenverloren, wie sie war, bemerkte sie nicht, dass sie sich einer Kreuzung näherte. Den leeren Blick immer geradeaus gerichtet und gewohnt an den lauten Verkehrslärm auf der Hauptstraße, den sie nur noch als Geräuschkulisse wahrnahm, bemerkte sie auch nicht die Lichter eines Autos, das von rechts auf sie zukam.

Als die Vorderräder des Buggys plötzlich über die steile Bordkante des Gehwegs auf die Straße hinunterrumpelten, schreckte sie zusammen, das überladene Gefährt ruckelte und geriet aus dem Gleichgewicht. Sie war gerade verzweifelt damit beschäftigt, es wieder aufzurichten, da hörte sie die Reifen eines scharf abbremsenden Autos quietschen, und ihr wurde schlagartig bewusst, in welcher Gefahr sie und Timmie sich befanden. In dem Sekundenbruchteil, der ihr noch blieb, schob sie Timmies Buggy mit aller Kraft weit von sich, in der verzweifelten Hoffnung, ihn damit aus der Fahrspur und in Sicherheit zu bringen. Der Schreck saß ihr tief in den Gliedern, und sie versuchte, wieder auf den Gehweg zu kommen. Dabei stieß sie mit den Fersen gegen den Randstein und verlor den Halt. Sie fiel rückwärts, spürte einen heftigen Schmerz im Hinterkopf, alles um sie her wurde schwarz, und dann wusste sie nichts mehr.

Rio Lombardi sprang aus der Limousine. „Haben wir sie angefahren?“, fragte er.

„Nein!“ Ezio, der sich, wenn nötig, mit Lichtgeschwindigkeit bewegte, holte bereits den Buggy von der anderen Straßenseite und zog ihn herüber an einen sicheren Ort.

„Ich habe sie nicht angefahren … ich habe sie gesehen. Und ich hatte bereits die Geschwindigkeit gedrosselt. Aber sie ist auf die Straße gelaufen, ohne zu schauen, und hingefallen!“, rief Rios Chauffeur über den oberen Rahmen der Fahrertür hinweg. Entsetzt blickte er auf die reglose Gestalt, die im Strahl des Scheinwerferlichts lag.

„Ruf einen Krankenwagen … von der Privatklinik. Die sind schneller“, gab Rio unwirsch Anweisung.

Er kauerte sich nieder auf den Asphalt und hob das kraftlose Armgelenk, um einen Puls zu fühlen. Als er ihn spürte, atmete er erleichtert auf. Ihre Haut fühlte sich zwar erschreckend kalt an, aber sie lebte. „Sie ist nicht tot …“ Er sprang auf die Füße, zog sein Jackett aus und beugte sich hinunter, um sie sorgfältig damit zu bedecken. Dabei betrachtete er zum ersten Mal das Gesicht dieses unschuldigen Opfers. „Dio mio … sie ist fast noch ein Kind!“

Ein sehr hübsches noch dazu, wie Rio sich eingestehen musste. Er sah die feinen Züge und die braune Lockenmähne, die ihr schmales Gesicht umrahmte, sah ihre Blässe. „Was macht sie um diese Zeit mit einem Baby hier draußen? Hast du gesehen, was sie für das Kind getan hat? Sie war bereit, ihr eigenes Leben zu opfern, um seines zu retten …“

„Wahrscheinlich ist sie die Mutter, Boss“, vermutete Ezio und ließ das Handy sinken, nachdem er den Rettungswagen dringend angefordert hatte. „Es ist deprimierend, aber heutzutage bringen Kinder Kinder zur Welt.“

Dem stimmte Rio nur ungern zu. Nach einer zweiten, etwas genaueren Betrachtung kam er zu dem Schluss, dass das Mädchen vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein mochte. Aber sie sah so unschuldig, so unberührt aus, und sie trug keinen Ring, wie er schon bemerkt hatte. Ezio bückte sich und nahm das Jackett hoch.

„Was machst du da?“, fragte Rio.

„Ich hab Ihren Mantel aus dem Wagen geholt, Boss. Der wird sie besser wärmen. Es hat keinen Zweck, dass Sie sich eine Lungenentzündung holen.“ Lautes Weinen kam plötzlich aus den Tiefen der vielen Kissen, mit denen der Buggy überhäuft war.

„Mir geht es bestens. Ich wünschte, wir könnten es riskieren, sie in den Wagen zu legen. Giovanni … Sie sind Familienvater, beruhigen Sie das Kind“, drängte Rio seinen Bodyguard. Er nahm den Mantel von Ezio entgegen, beschloss jedoch, ihn behutsam über dem Jackett auszubreiten, um dem Mädchen so eine zusätzliche Wärmeschicht zu verschaffen. „Sie ist völlig durchgefroren.“

„Timmie …?“ In ihrem Schädel pochte es, als wollte er zerspringen, als Holly wieder zu sich kam. Mit einer heroischen Anstrengung hob sie den Kopf und reagierte auf das Weinen ihres Sohnes. Er schrie nicht vor Schmerz, sondern nur aus Angst, wie sie sogleich erleichtert erkannte. „Mein Baby?“

Rio sah hinunter in große, verängstigt blickende Augen, die so blau waren wie der Himmel an einem Hochsommertag. „Ihrem Baby geht es gut. Bleiben Sie ruhig liegen. Ein Rettungswagen ist schon unterwegs …“

„Ich will nicht ins Krankenhaus … Ich muss mich um Timmie kümmern!“ Entsetzt beobachtete Holly, wie der Mann neben ihr in die Hocke ging, sie an den Schultern niederdrückte und daran hinderte, sich noch weiter aufzurichten.

Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Sie sah zu dem Fremden auf, gerade als er den dunklen Kopf abwandte und sie sein markantes Profil mit den hohen Wangenknochen betrachten konnte. Er sprach jetzt mit jemandem außerhalb ihres Sichtbereichs. „Hast du die Polizei noch nicht benachrichtigt?“

„Keine Polizei … bitte“, warf Holly unsicher ein. „Sind Sie der Typ, der in dem Wagen saß?“

Schweigend drehte er sich zu ihr um und nickte. Dabei sah er sie mit seinen bernsteinfarbenen Augen so herzergreifend an, dass es einen Stein zum Erweichen gebracht hätte.

Betroffen sagte Holly: „Wir brauchen keine Polizei und auch keine Ambulanz. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich bin gestolpert, mit dem Kopf aufgeschlagen und habe kurz das Bewusstsein verloren … das ist alles …“

„Haben Sie Familie … einen Freund, den ich in Ihrem Auftrag benachrichtigen kann?“, erwiderte er, ganz so, als hätte sie nichts gesagt.

„Niemand.“

„Aber irgendjemand muss es doch geben. Einen Freund oder einen Verwandten?“, beharrte er.

„Die haben Sie vielleicht, ich habe niemanden.“ Ihre Stimme klang zittrig, obwohl sie sich angestrengt um Beherrschung bemühte.

Rio betrachtete sie eingehend. Sie stammte nicht aus London. Sie hatte den Akzent der irischen Landbevölkerung, doch konnte er ihn nicht recht einordnen. Eins nach dem andern, ermahnte er sich. „Wie alt sind Sie?“

„Zwanzig. Ich will keine Polizei … haben Sie verstanden?“ Es klang scharf. Sie begann sich aufzurichten, trotz des Schwindelgefühls, das sie im selben Augenblick erfasste. Wäre sie im Krankenhaus, würde die Polizei die Behörden beauftragen, Timmie in ein Pflegeheim zu geben.

Als sie schwankte, legte Rio ihr einen Arm schützend um den schmalen Rücken. „Sie brauchen eine ärztliche Behandlung. Ich verspreche Ihnen, dass man Sie nicht von Ihrem Kind trennen wird.“

„Wie? Wie können Sie mir das versprechen?“, stieß sie atemlos hervor.

Der Rettungswagen traf ein mit heulender Sirene und rotierendem Blaulicht, die Sanitäter sprangen heraus und drängten Rio beiseite.

„Timmie!“, rief Holly in panischer Angst, als sie auf die Trage gelegt wurde.

Rio ging auf sie zu. „Ich folge Ihnen mit dem Kleinen ins Krankenhaus …“

Er bittet mich, ihm meinen Sohn anzuvertrauen, dachte Holly. „Ich kenne Sie doch gar nicht …“

„Aber wir kennen ihn.“ Aus irgendeinem Grund lachte der Sanitäter, der das gesagt hatte, vergnügt vor sich hin. „Keine Sorge, meine Liebe. Ihr Kind ist bei diesem Herrn in guten Händen.“

Erschöpft und zitternd von der Anstrengung, die der Zwischenfall ihr abverlangt hatte, murmelte sie ihre Zustimmung.

Als der Rettungswagen schließlich losfuhr, reichte Ezio seinem Chef das Jackett und den Mantel und sagte: „Wir haben Namen und Adresse eines Zeugen und sollten eine Aussage bei der Polizei machen, nur um sicherzugehen.“

„Per meraviglia …“ Rio trat an den Buggy heran und blickte hinein. Unter Kissen und Decken und der mit Bommeln verzierten Wollmütze waren nur zwei erschrocken blickende, große blaue Augen zu sehen, ängstlich, den Tränen nah, und eine winzige rosa Stupsnase. „Kümmere du dich um diese Aussage. Ich bringe Timmie in die Klinik … Timmie, den Ängstlichen …“

„Ich könnte mich um beides kümmern“, stellte Ezio ruhig fest. „Sie haben seit Ihrer Ankunft in New York höchstens eine Stunde geschlafen.“

Er hatte auch nicht vorgehabt, in dieser Nacht überhaupt noch zu schlafen. Rio biss die Zähne zusammen, und ein harter Zug legte sich um seinen Mund. Er hatte sie doch tatsächlich eine Weile ganz vergessen: die Folgen seines unangemeldeten Besuchs bei Christabel. Rasch verdrängte er den Gedanken und bückte sich, um das Baby aus dem Buggy zu heben. Stocksteif machte sich Timmie, als Rio ihn in den Händen hielt, und seine blauen Augen schienen jetzt noch größer, während er den großen, dunklen, kräftigen Mann musterte, der ihn erstaunlich geschickt und sanft in den Armen hielt.

„Ich bin ein leichtes Opfer für Babys, vor allem für verängstigte.“ Rio stieg in die Limousine und sah zu, wie der Rest der Babysachen in den Wagen geladen wurde, einschließlich der beiden abgenutzten Tragetaschen. Eine davon war so voll gestopft, dass ein Fläschchen herausrollte.

Timmie stieß einen Schrei aus, streckte die Hand hoffnungsvoll nach der Flasche aus und strampelte heftig.

„Du hast Hunger … na gut.“ Rio wühlte die Taschen durch und entdeckte ein Paket Kinderzwieback. Timmie war nicht wählerisch. Und Benehmen hatte er auch nicht.

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