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Ich bin's, Alice!

Über die Autorin

Penelope Bush lebt mit ihrer Familie in West Sussex. Zum Schreiben zieht sie sich in einen alten Wohnwagen zurück, wo sie nur hin und wieder von einem Fasan gestört wird, der draußen vorbeispaziert.

Ich bin’s, Alice! ist das erste Buch der Autorin, weitere werden folgen.

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel Eins

»Das zieh ich nicht an.«

»Tust du wohl.«

»Tu ich nicht.«

Wiederholt die letzten beiden Sätze ungefähr fünfzig Mal und ihr habt eine Ahnung davon, womit ich mich hier rumschlagen muss. Ich versuche, meinen kleinen Bruder in sein Blumenjungenoutfit zu stecken, damit wir nicht zu spät zu Daddys Hochzeit kommen. Aber das versuche ich nun schon eine geschlagene Stunde lang ohne Erfolg.

Ich mache Rory nicht mal einen Vorwurf, dass er sich weigert, den Anzug zu tragen, aber das werde ich ihm nicht auf die Nase binden. Und wie soll ich ihn dazu kriegen, auch noch den rosa Kummerbund anzuziehen? Ich weiß nicht, wie Trish auf die Idee gekommen ist, dass ein siebenjähriger Junge so etwas mitmachen würde. Andererseits musste alles sehr schnell gehen.

Trish und ich haben einen ganzen Nachmittag im Stoffladen verbracht, um das Material für mein Kleid auszusuchen. Schließlich wählten wir eine wunderschöne kornblumenblaue Seide, passend zu meinen blauen Augen. Ich konnte es kaum erwarten, dass mein Kleid endlich kommen würde, und als ich an dem Wochenende, an dem es geliefert werden sollte, zu Dad ging, war ich richtig aufgeregt. Doch als Trish es dann auspackte und hochhielt, damit ich es in Augenschein nehmen konnte, verschlug es mir die Sprache.

»Was hältst du davon?«, fragte Trish mich.

Anstelle der wunderschönen blauen Seide leuchtete mir ein scheußliches Rosa entgegen, und ich glaube, es war auch keine Seide, sondern irgend so ein billiges Nylonimitat. Es war nicht mal ein schönes Rosa, falls so etwas überhaupt existiert. Das einzige Wort, das mir einfällt, um es zu beschreiben, ist schweinchenrosa. Hatten sie das falsche Kleid geliefert? Offenbar nein, denn warum hätte Trish es sonst hochhalten und mich fragen sollen, wie es mir gefiel? Da Trish vor mir stand, und nicht meine Mutter, konnte ich ihr leider nicht offen die Meinung sagen. Es kam nicht infrage, dass ich in die Luft ging. Und ich konnte ihr auch nicht entgegenschleudern, dass nichts auf der Welt mich dazu bringen würde, diesen Fetzen zu tragen. Mir gelang es so gerade, nicht loszuheulen, und ich fragte bloß: »Was ist aus der blauen Seide geworden, die wir zusammen ausgesucht haben?«

»Oh, die war am Ende doch zu teuer und dieses entzückende Rosa war gerade im Angebot. Gefällt es dir nicht?«

»Es ist hübsch«, log ich. Ich versuchte, Trish mit meinem erwachsenen Verhalten zu beeindrucken.

Heute ist der Tag der Hochzeit endlich da, und ich möchte ja aufgeregt und hibbelig sein, aber stattdessen bin ich völlig fertig, weil ich meinen nervigen kleinen Bruder am Hals habe. Das ist einfach nicht fair.

»Ich will das hier anziehen!«, sagt Rory und hält mir sein Spidermankostüm hin. Ich könnte ihn niederringen und ihn mit Gewalt in den Anzug stecken, aber dann würde er losbrüllen und kreischen und den ganzen Tag unausstehlich sein. Ich könnte auch Mum holen gehen und darauf bestehen, dass sie ihn zur Vernunft bringt, aber im Moment rede ich mal wieder nicht mit ihr, also könnte sich das etwas schwierig gestalten. Oder ich gebe einfach auf und lasse ihn im Spidermankostüm zur Hochzeit gehen. Ich entscheide mich für Option Nummer Vier: Bestechung.

»Wenn du den Anzug anziehst, kaufe ich dir den Pokémon-Comic, den du unbedingt haben wolltest.«

»Meinst du den hier?«, fragt Rory und hebt ihn vom Boden neben seinem Bett auf. »Mum hat ihn mir gestern besorgt.«

Das war ja mal wieder klar. Sie verwöhnt Rory total und darum ist er auch so ein Biest. Ich nehme ihm den Comic weg und wedle damit hoch über meinem Kopf.

»Okay. Zieh den Anzug an, dann gebe ich ihn dir zurück.«

Er sieht nicht besonders beeindruckt aus, daher packe ich das Heftchen am Rücken und reiße es ein kleines bisschen ein. »Und ich zerreiße es nicht in zwei Teile.«

Er weiß, dass ich nicht bluffe, und hebt die Hose vom Boden auf. Aber er wird sich nicht kampflos geschlagen geben.

»Ich zieh die hier an, wenn du mir heute Abend eine Geschichte vorliest.«

Wie man sieht, ist Bestechung für meinen Bruder kein Fremdwort.

»Okay.« Ich hasse es, Rory vorzulesen, aber im Moment will ich nur, dass er fertig angezogen ist, wenn unser Taxi kommt.

»Versprich mir, dass du mir eine Geschichte vorliest.«

»Ich habe doch schon okay gesagt, oder?«

Er lächelt triumphierend und beeilt sich, die Hose überzustreifen. Ihr Anblick lässt mich seufzen. Sie ist vom Rumliegen auf dem Boden total verknittert. Außerdem ist sie zu kurz. Er muss gewachsen sein, seit Trish sie für ihn bestellt hat. Typisch. Jetzt werden wir beide bescheuert aussehen.

In diesem Moment steckt Mum den Kopf ins Zimmer. »Ihr zwei seht umwerfend aus.«

Ja, klar!

»Rory, beeil dich und zieh deine Jacke und deine Schuhe an. Ich muss jetzt los zur Arbeit. Ich sehe euch dann nachher – viel Spaß euch zweien!«

In meinen Ohren klingt ihre Fröhlichkeit etwas aufgesetzt. Ich glaube nicht, dass ihr die Vorstellung gefällt, dass Dad wieder heiratet. Nun, darüber hätte sie nachdenken sollen, bevor sie ihn sitzengelassen hat. Ich habe kein Fünkchen Mitleid mit ihr. Glücklicherweise scheint sie keine Antwort zu erwarten, was mir nur recht ist.

Ich bin so erleichtert, als Rory endlich fertig ist, dass ich den rosa Kummerbund aus Seide komplett vergesse, den ich ihm um die Taille binden sollte. Es hilft auch nicht, dass er ihn unter das Bett gekickt hat. Er erzählt mir das erst, als wir bereits im Taxi sitzen und es zu spät ist, etwas daran zu ändern. Falls Trish es bemerkt, werde ich einfach Mum die Schuld geben. Ich weiß, das klingt nicht besonders nett, aber im Moment ist es wichtig, dass ich vor Trish und Dad gut dastehe. Es ist nämlich so: Als sie plötzlich beschlossen haben zu heiraten und aus ihrer Winzwohnung in ein Haus mit zwei Schlafzimmern zu ziehen, kam mir eine geniale Idee. Ich muss nur den richtigen Moment abwarten, um sie ihnen zu präsentieren.

Das Taxi setzt uns in der Stadt neben dem Standesamt ab. Als Dad und Trish uns erzählt haben, dass sie heiraten würden und ich Brautjungfer sein dürfte, wurde die Hochzeit auf einmal zu meinem liebsten Tagtraum.

Ich stellte mir vor, den Gang einer wunderschönen alten Kirche auf dem Land hinunterzuschreiten. Eine große Orgel spielte den Hochzeitsmarsch und alles war mit weißen und rosa Blüten übersät. Die Sonne schien durch die Buntglasfenster hinein. In diesem Traum haben meine langweiligen glatten Haare (die Mum karamellfarben nennt und mich nicht färben lässt, obwohl sie eindeutig beige sind) sich in einen blonden Traum verwandelt, der als dichter Vorhang meine Schultern umspielt. Ich bin außerdem gertenschlank und pickelfrei. Die Hochzeitsgäste schnappen nach Luft, während ich den Gang entlangschreite. Eine alte Dame fällt beinah in Ohnmacht und muss nach draußen gebracht werden, um sich von dem Schock zu erholen. Als wir beim Altar ankommen, errötet der Vikar, der sehr jung ist und extrem gut aussieht, als unsere Blicke sich treffen. Beim Empfang, der in einem sehr eleganten Landhaus stattfindet, stehen die süßen Jungs Schlange, um mit mir zu tanzen. Die Fotografen vom Hello!-Magazin können ebenfalls nicht genug von mir kriegen.

Dieser Tagtraum hat mich unzählige Mathestunden durchstehen lassen. Aber natürlich hätte die Realität nicht weiter davon entfernt sein können. Als Trish mir erzählte, dass die Hochzeit auf dem Standesamt stattfinden würde und sie den Empfang im Pub abhalten würden, weil ihre Wohnung zu klein dafür sei, lösten meine Träume sich auf wie nass gewordenes Brausepulver.

Selbstverständlich versuchte ich, Trish von ihren grotesken Hochzeitsplänen abzubringen. Ich bot ihr sogar an, alles für sie zu organisieren, weil sie einen sehr spannenden und zeitfressenden Job hat. Ich dachte, das wäre vielleicht der Grund, warum sie sich nicht genug darum bemühte, die Hochzeit des Jahres zu feiern. Wie sich herausstellte, lag es daran, dass sie so rasch wie möglich heiraten wollten und den Termin beim Standesamt nur ergattert hatten, weil jemand anders abgesagt hatte. Und mit dem Umzug und allem konnten sie sich sowieso nichts Größeres leisten.

Ich versuchte trotzdem weiter von der Hochzeit zu träumen, aber es war nicht mehr dasselbe. In der Schule machte sich Mr Greens Stimme immer wieder in meinem Kopf breit, schwafelte von Brüchen und irgendwelchem Zeugs und übertönte die Orgelmusik, bis ich schließlich kapitulierte.

Und jetzt wird alles noch viel schlimmer, als ich befürchtet habe. Als wir aus dem Taxi steigen, beginnt es zu regnen. Ich schnappe mir Rory und renne los, um im nächstbesten Ladeneingang Schutz zu suchen, aber trotzdem kann ich nicht verhindern, dass meine Frisur ernsthaft Schaden nimmt. Ich habe heute Morgen Stunden damit verbracht, meine Haare dazu zu bringen, dass sie sich locken. Jetzt hängen sie in dünnen feuchten Strähnen herunter und passend dazu sind meine neuen Seidenpumps völlig durchnässt. Zu allem Überfluss heult Rory jetzt auch noch los.

»Wo ist Dad? Ich dachte, er wollte uns hier treffen.«

Insgeheim muss ich ihm zustimmen. Wo zum Teufel ist Dad? Er hat versprochen, hier zu sein. Er konnte uns nicht selbst abholen, also hat er ein Taxi bezahlt, uns einzusammeln und vor dem Standesamt abzusetzen. Er hat gesagt, dort würde er auf uns warten. Ich suche die Straße ab, auf der wegen des Regens nicht allzu viele Menschen unterwegs sind, aber ich kann Dad nirgends entdecken.

Nach ungefähr zehn Minuten mache ich mir ernsthaft Sorgen und bin es leid, jedes Mal in den Regen auszuweichen, wenn jemand den Laden betritt oder verlässt. Da wir uns im Eingang eines Zeitungsladens untergestellt haben, ist das mehr oder weniger ständig der Fall. Inzwischen hat sich Rorys Geheule in Rumgemaule verwandelt und ich bin nah dran einzustimmen. Die Leute starren uns an, was nicht wirklich überraschend ist, wenn man bedenkt, was wir anhaben. Ich habe keinen Mantel mitgenommen, also gibt es nichts, um den Schweincheneffekt abzuschwächen.

Plötzlich wird mir klar, dass ich in einem ziemlich heruntergekommenen Teil der Stadt gestrandet bin und nicht mal Geld dabei habe. Alles, was ich habe, ist ein Siebenjähriger, der jetzt ernsthaft weint und sich darauf verlässt, dass ich etwas unternehme. Vielleicht sollte ich Mum anrufen, nur dass ich a) nicht mit ihr rede und b) kein Handy besitze. Ironischerweise ist genau das der Hauptgrund, warum ich nicht mehr mit ihr rede. Ich habe ihr bis zum Umfallen erklärt, dass ich die einzige Vierzehnjährige auf der Welt ohne Handy bin, aber alles, was sie dazu gesagt hat, war: »Hat Imogen eins?«, worauf ich zähneknirschend erwidern musste »Nein«, denn sie hat keins.

Es hat keinen Sinn, ihr zu erklären, dass Imogen, die übrigens meine beste Freundin ist, ein Ausnahmefall ist, weil es hoffnungslos ist, Mum irgendwas erklären zu wollen. Sie hört nie zu und beendet jedes Gespräch mit dem unfassbar ätzenden Satz: »Es ist an der Zeit, dass du erkennst, dass die Welt sich nicht allein um dich dreht, Alice.« Was total unfair ist, weil sich in ihren Augen rein gar nichts um mich dreht, nicht ein winziges kleines Fitzelchen.

Aber zurück zum aktuellen Drama und der Frage, was nun zu tun ist, doch blöderweise kann ich nicht klar denken, weil Rory schon wieder losheult: »Ich will nach Hause. Warum können wir nicht nach Hause gehen?«

Ich versuche, ihm zu erklären, dass es zu weit ist, um nach Hause zu laufen, und davon abgesehen könnte mich nichts dazu bringen, in diesem Aufzug durch die Stadt zu marschieren. Inzwischen bin ich zum Eisblock mutiert. Welcher Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, heiratet auch im Februar? Also gehe ich in den Laden, um mich aufzuwärmen, obwohl ich nicht mal für einen Penny Kaugummi kaufen kann. Hier drin ist es herrlich warm, wenn auch ein wenig muffig. Es ist einer dieser alten Zeitungsläden, die nach nassen Hunden und Druckerschwärze riechen, was kaum überraschend ist, da genau diese Dinge sich im Laden befinden. Der Hund, von dem ich annehme, dass er dem Ladenbesitzer gehört, legt sich richtig ins Zeug, um Rory aufzumuntern. Es ist ein großer Golden Retriever und er trottet zu ihm, wedelt mit dem Schwanz und schleckt ihn von oben bis unten ab.

Hinter dem Tresen steht eine dicke Frau. Sie unterhält sich mit einem Kunden, einem alten verhutzelten Männchen. Beide drehen sich um und sehen uns an.

»Sieh an, sieh an, was hat das Hündchen da für uns?« Das Lachen des alten Mannes ist ein rasselndes Pfeifen, das in den Ohren wehtut. Er hält sich für unglaublich witzig, weil Rory von dem Hund durch den Laden gezerrt wird, der munter auf seinem Sakkoärmel rumkaut. Doch das scheint Rory zum Glück nicht zu stören und er lacht jetzt sogar, also lasse ich den beiden ihren Spaß.

»Was kann ich für dich tun?« Die Frau klingt sehr freundlich und warmherzig, aber ich werde dennoch knallrot und weiß nicht, was ich sagen soll.

Rory hat keins dieser Probleme. Er ist nie schüchtern und kann mit jedem reden. Jetzt schüttelt er den Hund ab, sieht die Frau mit großen runden Augen an und sagt mit seiner wohlerzogensten Stimme: »Wir sind gerade Waisen geworden und haben niemanden mehr auf der Welt. Wir sind ganz allein und wissen nicht wohin und haben uns gedacht, Sie nehmen uns vielleicht bei sich auf und sorgen für uns. Ich wollte schon immer in einem Süßwarenladen leben.«

Rory macht ständig solche Sachen. Ich glaube, er tut es nur, weil er weiß, dass es mir peinlich ist, denn wenn Mum dabei ist, macht er es nie. Das Seltsame ist, während ich sein Benehmen unmöglich finde und kotzen könnte, finden die meisten Erwachsenen es ungemein süß. Sie kriegen ganz feuchte Augen und sagen: »Oh, ich würde dich so gerne bei mir aufnehmen, aber …« Das ist der Punkt, an dem ich jedes Mal einschreite und ihnen die Peinlichkeit erspare, sich eine Ausrede einfallen lassen zu müssen. Genau das passiert gerade mit der Ladenbesitzerin, also mische ich mich ein und sage: »Wir suchen das Standesamt.«

»Was ihr nicht sagt! Ihr zwei heiratet?«, sagt der alte Mann und verabschiedet sich wieder ins Rassel- und Pfeifuniversum. »Und ich hatte schon gedacht, du wärst der neue Kaugummivertreter.« Er zeigt auf meinen Albtraum von einem Kleid und ist von seinem ach so witzigen Spruch so begeistert, dass er einen Lachkrampf bekommt und ich mir ernsthaft Sorgen mache, dass er tot umfallen könnte.

Ich ignoriere ihn, aber Rory, der den Witz endlich verstanden hat, tanzt jetzt um mich rum und schreit wieder und wieder: »Kaugummi, Kaugummi!« Das ist das Problem mit Siebenjährigen: Sie wissen nie, wann es Zeit ist aufzuhören.

»Lasst mich mal überlegen«, sagt die Ladenbesitzerin. »Zwei Türen weiter war mal ein Standesamt, aber sie sind umgezogen, oder Stan?« Sie sieht den alten Mann fragend an, der sich gerade so weit erholt hat, dass er wieder Luft bekommt.

»Jawohl, es ist jetzt ein Reisebüro. Ihr könntet eure Flitterwochen dort buchen.« Und wieder wird er von Lachkrämpfen geschüttelt, Schachmatt gesetzt von seinem eigenen Witz.

»Und wo ist es hin?«, frage ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Wir verpassen die Hochzeit von unserem Dad.« Ich bin den Tränen nahe, weil mir gerade klar geworden ist, dass sie alle auf uns warten werden und keinen Schimmer haben, wo wir abgeblieben sind.

»Ich glaube sie sind ins Rathaus gezogen«, sagt Stan fröhlich und will gerade wieder in sein pfeifendes Lachen ausbrechen, als die Ladenbesitzerin ihm einen warnenden Blick zuwirft, weil sie die Träne bemerkt hat, die sich von meinen Wimpern gelöst hat und sich mit dem Regen auf meiner Wange vermischt.

»Hier, ich male euch eine Karte. Ihr solltet nicht länger als eine Viertelstunde brauchen, wenn ihr schnell geht.« Sie kritzelt hastig ein paar Striche auf eine Papiertüte und hält sie mir aufmunternd lächelnd hin. Ich schnappe sie mir mit einer Hand, Rory mit der anderen, wir rufen »Danke sehr!« und rennen los.

Aus der Rennerei wird erst ein schneller Trott und dann ein zügiges Gehen. Obwohl es nicht mehr stark regnet, nieselt es – diese Mischung zwischen tröpfeln und Sprühnebel, durch die man geht, ohne dass einem auffällt, wie nass man dabei im Grunde wird. Natürlich jammert Rory schon wieder rum. »Warum können wir nicht wieder ein Taxi nehmen?« Seine Heulsusenstimme geht mir so was von auf die Nerven.

»Ja, genau«, erwidere ich. »Und Gott allein weiß, wo wir dann landen werden. Bei unserem Glück bekommen wir denselben Taxifahrer wie vorhin und er schmeißt uns wahrscheinlich beim Zoo raus.«

»Der Zoo, der Zoo! Ich will in den Zoo. Lass uns in den Zoo gehen, Alice. Das ist viel besser als eine langweilige blöde Hochzeit.«

Ahhhh! Manchmal würde ich meinem kleinen Bruder zu gerne eine runterhauen. Also eigentlich ständig. Das Blöde ist nur, wenn ich es mache, kreischt er sofort los, und wir kommen gerade ins Stadtzentrum, wo die ganzen Läden sind, und ich versuche verzweifelt, nicht aufzufallen. Falls mich jemand aus der Schule in diesem Kleid sieht, bin ich erledigt. Oh Gott! Was ist, wenn ich zufällig Sasha und ihren Freundinnen begegne?

Und natürlich passiert genau das, weil es schließlich mein Leben ist, über das wir hier reden. Ich sehe Sasha mit einem Pulk ihrer schrecklichen Freundinnen aus dem Accessorize kommen und erstarre. Mir wird erst heiß und dann kalt. Sie hat mich noch nicht entdeckt, weil sie mit einem Paar neuer Ohrringe rumprotzen muss. Obwohl sie alle zu weit entfernt sind, als dass ich sie verstehen könnte, male ich mir aus, wie ihre Freundinnen säuseln: »Oh, Sasha. Die stehen dir so was von fantastisch.« Das wäre Chelsea. Und Clara wird sagen: »Oh, Sasha, wirst du die auf deiner Party anziehen?« Sasha spricht seit Wochen von nichts anderem als der Geburtstagsparty zu ihrem Fünfzehnten und wie toll sie werden wird.

Sie bewundert sich noch immer im Schaufenster, also hechte ich in den nächstbesten Laden und gehe in Deckung.

»Sind wir da? Ist es hier? Wo ist Dad?«

Himmel! Warum ist mein Bruder bloß so dämlich? Es ist nicht zu übersehen, dass das hier eine Buchhandlung ist. Rory ist ein hoffnungsloser Fall, wenn es ums Lesen geht, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass er ständig versucht, mich zu überreden, ihm vorzulesen.

Ich werfe einen Blick auf die Karte. Das Rathaus liegt am Ende dieser Straße. Ich spähe aus dem Eingang und sehe, wie Sasha und Co. in den Starbucks gehen. Das ist so typisch für sie. Wenn ich mit Imogen zum Shoppen in die Stadt komme, gehen wir immer in das Café am Bahnhof, weil es da ungefähr viermal so billig ist. Und aus demselben Grund gehen wir zu Claire’s anstatt zu Accessorize. Nicht, dass wir oft einkaufen gehen würden, denn ich habe nie Geld und Imogen findet es langweilig. Und das ist es natürlich, wenn man null Kohle hat.

Irgendwann sind Rory und ich endlich am Rathaus und Wunder über Wunder, da steht Dad im Säulengang und guckt besorgt die Straße hoch und runter.

»Wo zum Teufel seid ihr gewesen?« Er sieht ernsthaft gestresst aus. Tja, da ist er nicht der Einzige. Ich will gerade zu einer Erklärung über den hoffnungslosen Taxifahrer und den Regen und den Zeitungsladen und unseren Marsch quer durch die Stadt ansetzen, als Trish auftaucht.

»Gott sei Dank!«, sagt sie. »Da seid ihr ja. Kommt schon, los geht’s.« Anstatt ins Gebäude zu gehen, machen sie sich auf den Weg die Straße hoch. Mich und Rory zerren sie wie zwei Gepäckstücke hinter sich her. In dem Moment fällt mir auf, dass Trish nicht ihr traumhaftes langes weißes Brautkleid trägt. Stattdessen hat sie ein sehr schickes – aber seien wir ehrlich – sehr langweiliges cremefarbenes Kostüm an. Ich beeile mich, zu ihr aufzuschließen.

»Warum trägst du nicht dein Kleid? Was ist mit der Hochzeit?« Ich weiß, dass ich unangenehm nach Rory mit seiner endlosen Quengelei klinge, aber ich kann nicht anders.

»Ihr habt die Hochzeit verpasst. Wir konnten nicht ewig auf euch warten. Wir hatten eh Glück, dass wir den Termin bekommen haben, und dann musste der Standesbeamte die Zeremonie im Schnelldurchgang abhandeln, weil die nächsten bereits draußen warteten.«

»Aber dein wunderschönes Kleid, warum trägst du es nicht?« Meine Stimme kommt ein bisschen kieksend heraus.

»Ich hatte nicht die Zeit, es fertig zu nähen.« Trishs Stimme klingt gepresst und mir wird klar, dass auch sie ernsthaft gestresst ist. Was ist nur los mit allen? Ich hatte gedacht, Hochzeiten wären freudige Ereignisse. »Und außerdem«, fährt sie fort, während wir uns einem äußerst schmierig aussehenden Pub nähern, »kam es mir sinnlos vor, als ich rausfand, dass dein Dad sich keinen anständigen Anzug leihen würde.«

Ich mustere Dad, der tatsächlich so aussieht wie immer und einen seiner armseligen Arbeitsanzüge trägt.

Trish ist noch nicht fertig. »Ich fand, dass ich nur hoffnungslos overdressed sein würde, also habe ich stattdessen mein bestes Kostüm angezogen.«

Na toll. Danke, dass du’s mir gesagt hast!, möchte ich am liebsten fauchen, aber ich bin nicht sicher, ob ich es rausbekomme, ohne loszuflennen.

Kapitel 2

Ich fasse es nicht. Da habe ich mich den ganzen Morgen abgemüht, Rory in seinen Anzug zu stecken, dabei wäre er in seinem Spidermankostüm viel besser dran gewesen. Zumindest wäre ich dann nicht die Einzige auf der Feier, die aus dem Rahmen fällt. Ich mache mich in diesem Schweinchenhängerchen nicht nur zum Affen, ich hatte nicht mal Gelegenheit, Brautjungfer zu sein, weil wir die verdammte Hochzeit verpasst haben! Ich weiß genau, dass mein Gesicht von all der aufgestauten Wut, der Ungerechtigkeit, der Enttäuschung, der Beschämung und einem Dutzend weiterer Gefühle, die in diesem Augenblick durch meine Adern pulsieren, knallrot angelaufen ist. Ohne Zweifel beißt es sich fürchterlich mit dem Schweinchenrosa.

Dad steht an der Bar und bestellt eine Runde Getränke. Ich gehe zu ihm, stelle mich neben ihn und begehe dummerweise den Fehler, mich auf die Theke zu stützen. Da kleben Bierreste aus mindestens hundert Jahren, die ich für Patina gehalten habe, und ich beeile mich, meinen Arm wieder zu lösen. Weit und breit entdecke ich nichts, womit ich ihn abwischen könnte. Der Mann, der neben meinem Vater steht, grinst mich auf eine Art an, die ein bisschen unheimlich ist, und ich denke gerade, dass ich ihn besser ignoriere, als er mir ein großes weißes Taschentuch reicht. Ich lächle erleichtert und wische meinen Arm sauber.

»Hallo. Ich bin Terry.«

Ich rücke unauffällig näher zu Dad, damit er mich vor diesem seltsamen Kauz rettet, aber Dads Blick ist auf den Fernseher über der Bar fixiert. Das Nachmittagsrennen läuft gerade und die Art, wie er dasteht – irgendwie völlig verkrampft – verrät mir, dass er eine Wette laufen hat. Als das Rennen vorbei ist, sacken seine Schultern runter, er stößt die Hände in die Hosentaschen und ich weiß, dass er nicht gewonnen hat.

Trish glaubt, mein Vater hätte das Spielen aufgegeben, und eine Weile hatte er sogar mich überzeugt. Aber ich kenne meinen Dad. Welchen anderen Grund sollte er haben, so eine Absteige für seinen Hochzeitsempfang auszuwählen, außer dass sie neben einem Wettbüro liegt und die Rennen im Fernsehen gezeigt werden? Trish muss von vorgestern sein.

Ich drücke meinen Dad kurz, um ihn aufzumuntern. Hoffentlich hat er nicht allzu viel verloren.

»Amüsierst du dich, Prinzessin?«, fragt er und drückt mich zurück.

Ich weiß, ich bin zu alt für Kosenamen, aber ich liebe es trotzdem, wenn er mich so nennt. Mir wird dann immer ganz warm innen drin. Trotzdem wünschte ich, er hätte sich mehr Mühe gegeben und einen Anzug besorgt, der etwas hermacht. Aber was soll’s? Er sieht so gut aus, dass er auch in einem Kartoffelsack und Gummistiefeln rumlaufen könnte.

Terry lauert immer noch und grinst mich an. Ich kann schlecht zu meinem Dad sagen: Da ist ein alter Perversling, der versucht mich anzubaggern, wenn besagter Perversling direkt neben mir steht. Also stehe ich einfach da, laufe wie üblich rot an und zupfe an Dads Ärmel, weil sein Blick immer noch am Fernsehbildschirm klebt. Endlich dreht Dad sich um und entdeckt den alten Mann.

»Alice, das ist Terry.« Na toll, jetzt stellt er mir den Spinner auch noch vor. »Er ist Trishas Vater. Dein neuer Stiefgroßvater, schätze ich«, sagt er gut gelaunt.

Der Gedanke, dass ich Großeltern haben könnte, selbst wenn es nur Stiefgroßeltern sind, fühlt sich komisch an. Ich habe nämlich keine Großeltern mehr, müsst ihr wissen. Dads Mum und Dad sind beide tot. Ich hatte früher eine Großmutter, die Mutter von meiner Mum, aber sie ist vor ein paar Jahren gestorben.

»Wir haben uns schon bekannt gemacht«, sagt Terry und steckt sein nun klebriges Taschentuch in die Hosentasche. »Ich werde die junge Dame zum Tisch begleiten.« Und damit nimmt er meinen Arm und führt mich zu den Tischen in einer Ecke des Pubs. Sie sind zusammengeschoben worden – ein wenig unbeholfen, da sie alle rund sind – und es stehen handgeschriebene Reserviert-Schildchen darauf.

»Bevor wir uns setzen und ein wenig plaudern, stelle ich dich besser Trishas Mutter vor und egal, was du tust, nenn sie ja nicht Granny«, sagt er lachend.

Als Terry seine Frau endlich in einer Schar schnatternder Frauen entdeckt, die sich alle um Trish drängen – ohne Zweifel ihre Arbeitskolleginnen –, kann ich sehen, warum er so gelacht hat. Sie ist sogar noch glamouröser als Trish und sieht eher wie ihre Schwester und nicht wie ihre Mutter aus.

»Joan, das ist Alice«, sagt Terry und ich warte auf den Teil mit der Info, dass ich die neue Stiefenkelin sei, und darauf, dass sie mich vielleicht umarmt. Aber er sagt nichts weiter, weshalb ich nur ein schwaches Lächeln zustande bringe. Joan starrt mich an und plötzlich wird mir bewusst, wie durchweicht und aufgelöst ich aussehen muss.

»Du weißt schon, Garys Tochter«, hilft Terry ihr auf die Sprünge. Diese Information lockt noch immer kein Lächeln bei ihr hervor, also fügt Terry ein bisschen zu offensichtlich hinzu: »Sie ist Trishas Brautjungfer.«

»Patricia hatte keine Brautjungfer«, sagt Trishs Mutter anklagend und funkelt uns beide wütend an. Am liebsten würde ich erwidern: Glauben Sie etwa, ich bin so angezogen, weil es mir Spaß macht? Doch dann denke ich, es wäre vielleicht besser, ihr von dem orientierungslosen Taxifahrer zu erzählen und wie wir wie verrückt durch die Stadt gehetzt sind, aber dazu bekomme ich keine Gelegenheit, weil Joan ihre Aufmerksamkeit inzwischen ihrem Mann zugewandt hat.

»Ehrlich, Terry, dich kann man nirgendwohin mitnehmen. Was ist mit deinem Einstecktuch passiert?« Sie deutet auf die Brusttasche seines Anzugs.

»Ach, das«, sagt Terry unschuldig. »Ich bin froh, dass du es da reingesteckt hast, ich konnte es gerade gut gebrauchen.« Und er dreht sich um und zwinkert mir zu.

»Dieses Tuch war nur Dekoration, Terence. Es war nicht zum Benutzen gedacht.« Sie schnalzt hörbar mit der Zunge und wendet sich wieder Trish zu.

Wenn ich so nachdenke, hat Dad unser gemeinsames Wochenende mehr als einmal abgesagt, weil sie Trishs Eltern besuchen mussten. Ich war immer sauer deswegen und habe mich gefragt, warum sie uns nicht mitnehmen konnten. Jetzt sehe ich, dass Dad uns nicht ausschließen, sondern uns etwas ersparen wollte.

»Tut mir leid«, sagt Terry, als wir losziehen, um uns einen Platz zu suchen. »Sie ist aufgebracht. Das ist nicht gerade die Hochzeit, die sie sich für ihre einzige Tochter erträumt hat.«

Nein, und ich schätze, Dad ist auch nicht der Mann, den sie sich als Schwiegersohn gewünscht hat. Sie findet wahrscheinlich, dass Dad zu alt für ihre Tochter ist. Außerdem ist er geschieden und hat schon zwei Kinder. Nicht gerade der Fang des Jahres. Ich glaube, Terry weiß, was ich denke, denn er nimmt einen Schluck von seinem Bier und nickt Richtung Dad, der an der Bar steht und einen Witz erzählt. Alle um ihn herum lachen und hauen ihm auf die Schulter.

»Großartiger Kerl, dein Dad. Trisha ist ein glückliches Mädchen.« Terry grinst.

Ich bin ihm so dankbar, dass ich ihn küssen könnte.

Es ist zwar noch ein bisschen komisch, sich mit Terry zu unterhalten, aber ich bin echt froh, dass er neben mir sitzt, weil ich sonst niemanden hier kenne und ohne meinen neuen Stiefgroßvater ganz allein wäre. Dad zeigt Rory gerade, wie man den Spielautomaten bedient, obwohl ein riesiges Schild darauf pappt, auf dem steht: Um diesen Automaten zu bedienen, müssen Sie über 18 sein. Manchmal habe ich den Verdacht, dass mein Dad vielleicht ein wenig verantwortungslos ist.

Ich lasse mich dazu hinreißen, Terry alles über meinen Katastrophentag zu erzählen, und er findet es zum Schießen und schüttet sich aus vor Lachen, aber auf die nette Art, daher macht es mir nichts aus, und irgendwann fange ich sogar an, die lustige Seite zu sehen.

»Tja«, sagt er, als ich zu Ende erzählt habe, »ich finde, du siehst in diesem Kleid zauberhaft aus.« Er übertreibt es ein wenig, aber das lasse ich ihm durchgehen. »Und gar nicht wie ein Stück Kaugummi. Mehr wie ein mit Zuckerguss überzogenes Törtchen«, fügt er augenzwinkernd hinzu und ich verpasse ihm einen Schlag auf den Arm.

»Aber mal im Ernst«, sagt er und guckt auch total ernst, »ich finde es sehr reif und erwachsen von dir, wie du auf deinen kleinen Bruder aufgepasst und herausgefunden hast, wo ihr hinmüsst.« Ich laufe prompt wieder knallrot an, aber Gott sei Dank kommen in diesem Moment alle, um sich zum Essen zu setzen.

Ich war davon ausgegangen, dass es eine spezielle Menüfolge geben würde, aber Dad reicht die Karten rum, die er sich an der Bar geholt hat.

»Bestellt, worauf ihr Lust habt!«, ruft er fröhlich. »Ihr seid alle eingeladen.« Joan macht den Eindruck, als würde sie Dad am liebsten an die Gurgel springen, und ich kann sehen, dass Trish den Tränen nahe ist. Selbst Terry scheint das Ganze etwas peinlich zu sein und ich habe plötzlich das Gefühl, Dad verteidigen zu müssen. Ich weiß, er tut sein Bestes, und wenn das für Trish nicht gut genug ist, dann hätte sie es eben besser organisieren müssen. Mensch, sogar ich hätte eine bessere Hochzeit hinbekommen als das hier. Und überhaupt, warum musste alles dermaßen schnell gehen? Sie leben jetzt seit über sieben Jahren zusammen, da ist es schließlich nicht so, als hätten sie unbedingt heiraten müssen.

Natürlich dauert es Ewigkeiten, bis das Essen endlich kommt, und es kommt auch nicht alles auf einmal, sodass manche Leute schon fertig sind, bevor andere überhaupt angefangen haben. Meine Scampi und Pommes frites kommen fast als Letztes, und im Moment unterhält sich Terry mit Dad, daher versinke ich in dem Tagtraum, der zurzeit meine persönliche Hitliste anführt. Er ist umso spannender, weil die Chance besteht, dass dieser hier tatsächlich in Erfüllung gehen wird.

Er geht so: Als Dad und Trish aus ihrer Winzwohnung aus- und in ihr neues Haus einziehen, das zwei Schlafzimmer hat, fragen sie mich, ob ich gerne bei ihnen wohnen würde. Natürlich kann Rory nicht mitkommen, weil er noch zu klein ist und bei Mum bleiben muss. Das Häuschen liegt in der Nähe meiner Schule, sodass ich jeden Morgen zu Fuß dorthin gehen kann und nicht mehr den Bus nehmen muss. Es hat ein großes Zimmer unter dem Dach mit einem eigenen Bad, in dem es eine Whirlpool-Badewanne und eine Dusche gibt und von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den Park hat. Okay, damit strapaziere ich die Wahrheit ein wenig, weil Trish und Dad nie im Leben dieses Zimmer an mich abtreten würden – wahrscheinlich bekäme ich die Abstellkammer – und in der Nähe unserer Schule gibt es keinen Park, aber wen interessiert das schon, es ist schließlich ein Traum. Bevor ich einziehe, nimmt Dad mich zu IKEA mit und sagt, dass ich mir aussuchen darf, was ich will. Also schlendere ich durch all die hübschen Zimmer, die sie in der Ausstellung aufgebaut haben, und entscheide mich für etwas, das gleichermaßen lässig und geschmackvoll ist. Ich wähle die Vorhänge und die Tagesdecke passend zu den Handtüchern für das Badezimmer aus. Während ich damit beschäftigt bin, zieht Dad los und kauft mir einen Computer für den Schreibtisch, der eine ganze Wand einnimmt. Als er zurückkommt, hat er furchtbar gute Laune und erzählt, dass sie ihm im Geschäft einen richtig guten Deal angeboten haben und er mir auch einen Flachbildfernseher und eine Playstation mitgebracht hat.

Nachdem mein Zimmer fertig eingerichtet ist, kommt Trish herein, öffnet den Kleiderschrank und sagt: »Ach du liebes bisschen, ich schätze, wir müssen dir ein paar neue Klamotten kaufen.«

Und dann fährt Trish mit mir in die City, anstatt mit mir in die ganzen langweiligen Läden bei uns im Ort zu gehen, und wir verbringen Stunden mit Shoppen und müssen dreimal hin und her gehen, um sämtliche Tüten zum Auto zu bringen, weil Trish mir alles gekauft hat, was ich haben wollte. Dann trinken wir Kaffee in einem dieser Coffeshops, wo sie Sofas anstelle von Stühlen haben.

Mein Tagtraum kommt so richtig in Fahrt und ich überlege gerade, ob mein Zimmer vielleicht eine Treppe hat, die vom Garten auf meinen eigenen Balkon führt, als ich von Dad, der aufsteht und mit dem Messer an sein Bierglas klopft, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werde.

»Ich möchte euch allen danken, dass ihr gekommen seid«, sagt er. »Ich werde keine langen Reden schwingen.« Zum Glück, denke ich, denn ich sehe, dass er leicht angetrunken ist. »Ich möchte nur loswerden, dass Trish mich heute zum glücklichsten Mann der Welt gemacht hat.« Trish schafft so eben, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. »Aber bevor ich mich wieder setze, muss ich mich bei meiner Brautjungfer und meinem Blumenjungen bedanken«, er grinst mich und Rory an, »und ich hoffe, dass meine Tochter sich bei ihrer eigenen Hochzeit nicht so verspätet wie bei meiner.«

Verspätet! Wovon redet er da? Ich habe sie verpasst! Alle kichern höflich und natürlich laufe ich wieder knallrot an. »Jedenfalls«, fährt Dad fort, »ist das hier ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit.« Er holt zwei in Geschenkpapier verpackte Päckchen unter dem Tisch hervor, ein riesiges für Rory und ein winziges für mich.

Rory zerreißt sofort das Papier von seinem Geschenk. Es ist ein ferngesteuerter Monstertruck, den er natürlich auf der Stelle ausprobieren will, was aber nicht geht, weil keine Batterien drin sind. Terry wendet den unausweichlichen Tobsuchtsanfall ab, indem er mit ihm zum nächsten Laden geht, um welche zu kaufen, und ihm verspricht, dass er damit ihm Garten des Pubs spielen darf. Ich stoße einen erleichterten Seufzer aus. Das wäre normalerweise mein Job gewesen.

Ich hasse es, Geschenke auszupacken, während andere dabei sind, insbesondere weil ich gelernt habe, mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen. Also warte ich ab, bis alle wieder ins Gespräch vertieft sind, bevor ich meins öffne.

Ich streiche über das glänzende Papier, in das mein Geschenk eingepackt ist. Ich weiß, es ist Brauch, dass der Bräutigam den Brautjungfern zur Hochzeit irgendein Schmuckstück schenkt, ein Medaillon oder so, und ich hoffe, Dad hat es Trish aussuchen lassen, denn er ist ein hoffnungsloser Fall, was das angeht.

Ich werfe einen Blick zu ihr rüber, um herauszufinden, ob sie auch guckt, damit ich ihr ein Lächeln zuwerfen kann, wenn ich es öffne. Sie starrt mich quer durch den Raum an und ihr Blick schockiert mich. Er ist furchtbar fies, ganz gehässig und gemein. Dann wendet sie sich ab, um sich mit ihrer Mutter zu unterhalten, und ich sage mir, dass ich mir das bloß eingebildet habe. Ich öffne das Päckchen, hebe das Seidenpapier an – und darunter verborgen liegt ein Handy!

Mir gelingt es, zu ignorieren, dass es rosa ist. Warum glauben die Leute, dass Mädchen alles in Rosa wollen? Ich hasse Rosa, besonders nach dem heutigen Tag. Aber wen kümmert schon, welche Farbe es hat? Das Entscheidende ist, dass ich endlich ein Handy habe!

Dad sitzt neben mir. »Danke, Dad. Es ist genial«, sage ich und gebe ihm einen dicken Kuss.

»Nur das Beste für mein Mädchen.« Er freut sich fast so wie ich.

Aber ich kann nicht anders, als mir Sorgen zu machen, wie viel es ihn gekostet hat. Und Rorys Monstertruck kann auch nicht gerade billig gewesen sein.

»Es ist jede Menge Guthaben drauf. Lass mich einfach wissen, wenn es alle ist, dann stocke ich es wieder auf.«

Ich umarme ihn noch mal. Er ist wirklich der beste Dad der Welt.

Kapitel 3

Dad ruft ein Taxi, das uns nach Hause bringt, denn er hat getrunken und kann uns nicht selbst fahren. Das Licht im Flur ist an, als ich die Tür öffne, aber ich weiß, dass Mum nicht da ist, weil das Haus sich leer anfühlt. An der Kühlschranktür klebt ein Zettel.

Liebe Alice,

ich muss noch mal auf die Arbeit, tut mir leid. Ich werde nicht lange weg sein, aber wenn ich bis 19.30 Uhr nicht zurück bin, sorge bitte dafür, dass Rory ins Bett geht.

Hab dich lieb, Mum

Ich gucke auf die Uhr über dem Herd. Es ist halb neun. Das passiert ständig. Sie muss immer auf einen Sprung bei der Arbeit reinschauen.

Während ich den Zettel gelesen habe, hat Rory alle Lampen und den Fernseher im Erdgeschoss angemacht und jagt jetzt seinen Truck den Flur hoch und runter. Er hat das mit der Steuerung noch nicht ganz raus und knallt immer wieder gegen die Fußleisten, an denen er dicke, fette Katschen hinterlässt. Das stört mich nicht besonders, weil unser Haus praktisch abrissreif ist. Der Fußboden im Flur ist aus Holz, aber es sind nur einfache Dielen, ganz verstaubt und mit Farbspritzern übersät. Nicht gerade die Sorte Holzfußboden, den man in Zeitschriften sieht, ordentlich verlegt, flach, auf Hochglanz poliert und elegant. Mum hat vor Jahren das Linoleum angehoben und gesagt: »Seht euch diese wunderschönen Dielen an. Sie werden herrlich aussehen, wenn sie erstmal abgezogen und neu gewachst sind.« Nur dass es dazu nie gekommen ist.

Früher haben wir in einem wunderschönen Haus gelebt. Mit wir meine ich Mum und Dad und mich. Dann, als Rory geboren wurde, hat Mum Dad rausgeworfen und wir mussten das Haus verkaufen und Mum, Rory und ich mussten umziehen. Wir konnten es uns nicht leisten, ein anderes Haus zu kaufen, deswegen hat Mum dieses hier gemietet – und das ist echt abartig. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat, als sie beschloss, hier leben zu wollen. Es gehört einer alten Dame, Miss Maybrooke. Sie ist eine Freundin von Mum und wohnt jetzt im Altenheim am Ende der Straße. Mum hat gesagt, wir hätten zuschlagen müssen, weil die Miete so billig sei. Selbstverständlich ist sie das – das Haus ist eine Bruchbude.

Mum meinte, wir müssten einfach das Beste draus machen und wenn sie es erstmal hergerichtet hätte, würde es ein schönes Zuhause sein. Das einzige Problem ist, dass sie es nie hergerichtet hat, weil sie weder das Geld noch die Zeit dazu hat, wie sie sagt. Das Resultat ist, dass die meisten Sachen im Haus total altmodisch sind und vielleicht ganz nett aussehen, wenn man neunzig ist und sehr schlechte Augen hat. Das vordere Zimmer hat einen Gaskamin, der sogar stinkt, wenn er nicht an ist. Die Wände sind mit einer unsäglichen Tapete in Grün- und Brauntönen bedeckt. Das sähe viktorianisch aus, meint Mum, und sei womöglich noch original. Sie haucht das mit ehrfürchtiger Stimme, als würde es bedeuten, dass wir nicht drübermalen dürfen oder so. Dann ist die Tapete vielleicht viktorianisch, und wenn schon! Davon wird sie auch nicht schöner.

Miss Maybrooke hat einige ihrer Möbel hier gelassen und Mum sagt, wir müssen sie behalten, weil wir nicht einfach etwas entsorgen können, das uns nicht gehört und das nirgendwo sonst hinkann. Sie sind alle wuchtig und schwer und aus dunklem Holz geschreinert. Als ich noch jünger war, haben sie mir Angst gemacht, weil sie so drohend über mir aufragten. Jetzt nerven sie mich nur noch, weil die Zimmer düster und vollgestopft wirken.

Der einzige Raum, den ich nicht total grässlich finde, ist die Küche. Mum hat ein bisschen Geld bekommen, als sie das alte Haus verkauft haben, und sie hat es in eine neue Küche investiert. Wenn Mum sich mal die Mühe macht zu putzen, sieht sie ganz nett aus. Im Moment stapelt sich das Frühstücksgeschirr in der Spüle und auf dem Tisch ist eine Milchpfütze (an Rorys Platz natürlich).

Dummerweise war nicht genug Geld übrig, um auch das Badezimmer zu modernisieren. Mum sagt, dass Miss Maybrooke sehr stolz auf ihr Bad war, weil sie es hat neu machen lassen. Aber das war in den Siebzigern, als Avocado der letzte Schrei war. Jetzt müssen wir uns mit einer Wanne, einem Waschbecken und einem Klo in Schleimgrün rumschlagen.

Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Museum zu leben, aber meistens kommt es mir nur so vor, als würde ich im Haus von jemand anderem wohnen, und deswegen fühle ich mich nie richtig zuhause.

Ich sterbe, wenn ich nicht augenblicklich mit meinem neuen Telefon allein sein kann, also gehe ich damit nach oben in mein Zimmer.

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