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Ich bin der eselhafteste Mensch, den ich je gekannt habe

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Mark Twain, Tuxedo Park, New York, 1907

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Mark Twain, seine Tochter Clara und ihre Freundin Marie Nichols, 1908

MARK TWAIN

ICH BIN DER
ESELHAFTESTE MENSCH,
DEN ICH JE GEKANNT HABE

NEUE GEHEIMNISSE MEINER
AUTOBIOGRAPHIE

Gesamtedition

Herausgegeben von
Benjamin Griffin und Harriet Elinor Smith

unter Mitarbeit von
Victor Fischer, Michael B. Frank, Sharon K. Goetz und Leslie Diane Myrick

Aus dem amerikanischen Englisch
von Hans-Christian Oeser, Anemone Bauer, Barbara Grabski, Petra Hucke, Eliot Jones, Stephanie von der Mark, Christa Ostermaier-Stütz, Birgit Pfaffinger, Stefanie Schlatt, Annegret Scholz, Viola Siegemund und Christiane Wiegand

Betreuung der deutschen Ausgabe durch Andreas Mahler und Gloria Buschor unter Mitarbeit von Franziska Blum, Susanne Doerry, Jens Elze, Katharina Fabian, Ilka Hallmann, Yulian Ide, Julia Krautstengel, Eleonora Pauli, Antonia Rupnow, Judith Säger und Romina Wörz

Vorbemerkung

Zu Mark Twains Bewunderern gehören so unterschiedliche Literaten wie Ernest Hemingway und Stephen King, Jonathan Franzen und J. K. Rowling – durchaus bemerkenswert für einen Autor, dessen erste Erfolge bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Twain ist nicht »nur« ein Schriftsteller für bürgerlich-bildungsbeflissene Klassikfreunde, sondern der bis heute populäre Urheber oft leicht daherkommender, immer gewichtig nachwirkender Texte, der scheinbar mühe- wie endlos neue Leser aller Altersgruppen für sich einnehmen kann.

Dank Tom Sawyer und vor allem Huckleberry Finn gilt Mark Twain schlicht als Begründer der amerikanischen Literatur. Er war der Erste, der über die einfachen Leute schrieb und den Südstaatensound in der (Hoch-)Literatur erklingen ließ. Seine Figuren sprachen auf einmal wie die buntgemischten echten Menschen Amerikas. Und heute, fast ebenso erstaunlich, unerhört und ungekannt, spricht dieser Mark Twain plötzlich direkt zu uns: modern, persönlich und ganz so, wie man sich sonst nur im engsten Kreis seiner Freunde äußern mag. Der Leser, der sich nach der Lektüre des vorliegenden Bandes nicht zu diesen engen Freunden zählt, muss erst noch gefunden werden.

Denn pünktlich zu seinem hundertsten Todestag liefert uns Mark Twain auch im 21. Jahrhundert, dem 3. Jahrhundert in Folge, ein in die Zeit passendes neues Hauptwerk, einen neuen Bestseller. Wie das? Er hatte verfügt, dass seine Autobiographie hundert Jahre unter Verschluss gehalten werde (nur für wenige, von ihm eigens dafür zensierte Textpassagen ließ er eine Ausnahme gelten), damit er sich »so frank und frei und schamlos wie ein Liebesbrief« äußern könne. Der Plan, auf den er damals verfiel, diese geheime Autobiographie nämlich zu diktieren, statt sie mit der Feder zu schreiben, und sie nicht chronologisch zu erzählen, sondern einzig dem aktuellen Erzählinteresse folgend, geht in grandioser Weise auf. Ganz nebenbei nimmt Twain damit auch noch Textformen vorweg, die erst im Internet allgemein üblich werden sollten und die moderne Kommunikation revolutionierten.

Beeindruckend modern also spricht er zu uns, dieser Mark Twain, äußert Gedanken, über die wir mit ihm in einen aktiven Dialog treten, ja, über die er uns zum Freund wird. Diese unglaubliche Erfahrung durften wir erstmals machen, als wir vor zwei Jahren den ersten Teil dieses Mammutwerks lasen, Meine geheime Autobiographie. Damals öffnete Mark Twain dem erstaunten Leser seine Haustür und gewährte ihm Einlass in seine privatesten (Gedanken-)Räume.

Jetzt, mit dem vorliegenden neuen Band, zeigt sich dieser uns liebgewordene Freund noch empfindsamer und unverstellter. Längst sitzen wir in trauter Einigkeit bei ihm auf der herrlichen Terrasse von Upton House in New Hampshire (vgl. Abb. S. 329–335), und noch immer hat er uns Neues und Gewichtiges zu erzählen, überrascht uns, erstaunt uns, bringt uns zum Lachen und zum Nachdenken mit Texten, die hier zu mehr als zwei Dritteln erstmals zugänglich gemacht werden können (in der von ihm für seine Autobiographie intendierten, genau festgelegten Weise gilt das sogar für das gesamte Konvolut). Inzwischen hat der autobiographisch anfangs noch tastende Autor die letzten Unsicherheiten bezüglich seines Diktier- und Erzählprinzips abgelegt, denn davon, dass seine Methode funktioniert, nach der er über 30 Jahre suchen musste, hatte er sich längst überzeugt.

Als engagierter Zeitgenosse spricht er auf seine unvergleichliche Art schonungslos wie weitgefächert über gesellschaftliche Themen, die uns heute noch genauso bewegen wie ihn damals: über Steuerhinterzieher und korrupte Politiker; über die Frage nach dem Wert geistigen Eigentums im Zeitalter neuer Technologien; über die Einsamkeit, das Erinnern, das Altern. Aber er zeigt sich auch verspielt, privat und gefühlvoll wie nie zuvor – etwa wenn er hinreißend vom Leben mit seinen Kindern erzählt (was war er nur für ein fortschrittlicher Vater), berührend vom Tod seiner Frau (eine große, lebenslange Liebe), selbstkritisch und erheiternd von seinem unfehlbaren Talent, die falschen Investitionen zu tätigen und die wirklich guten Chancen ungenutzt zu lassen (nicht ohne Grund sagt er von sich, er sei der eselhafteste Mensch, den er je gekannt habe, und er weiß, »immer wenn ein Esel Gelegenheit hat, sein Talent zu erproben, ist er zur Stelle«). Er verrät uns, was er von Mesmerismus und Hypnose, von Phrenologen, Handlesern oder Selbstmördern hält, und vergleicht die Wirkung von Literatur, Wagner-Opern und »Nigger-Shows« – und zeichnet damit ganz nebenbei eine Kulturgeschichte, ein Psychogramm seines Amerikas. Zunehmend nimmt er Alltägliches wie seine drei Babykatzen, seine Meinung über Männermode und das Billardspiel in den Erzählstrom auf: Sujets, die eine Lebensgeschichte bunt und vergnüglich machen und uns diesen Ausnahmemenschen besonders nahebringen – und die ihm stets Anlass bieten für weitere kleine oder auch größere Wahrheiten und Lebensgeständnisse.

Nicht nur können wir hier einem bezaubernd eselhaften Menschen zuhören, beipflichten und widersprechen, mit ihm lachen, unserem eigenen Ärger über die Ungerechtigkeiten des Lebens und unserer Mitmenschen Luft machen, sondern vor allem mit einem der klügsten, hellsichtigsten, warmherzigsten Zeitgenossen (ja, zum Zeitgenossen wird er durch seine Art des Dialogs mit uns) echte, tiefe Gedanken austauschen, unsere eigenen Überlegungen in den seinen spiegeln oder sie, von ihm angeregt, weiterspinnen. Kaum einer hat das Herz so deutlich am rechten Fleck wie dieser große Freund und Kenner der Menschen. Dank dieses späten Hauptwerks trifft hier und jetzt immer noch zu, was der damals 61-jährige Twain bereits 1896 hinsichtlich einer Falschmeldung in der Presse über seinen angeblich kritischen Gesundheitszustand verlauten ließ: »Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben.« Wie recht er bis heute damit hat.

Nele Holdack

Inhaltsübersicht

Impressum

Mark Twains Autobiographie

[Autobiographische Diktate April 1906 – Februar 1907]

Bildteil

Anhang

Verzeichnis der behandelten Gegenstände

Personenregister

Register der Länder und Orte

Werkregister

Bildnachweis

Hintergründe und Zusätze

Anmerkungen

Zusatzmaterialien

Mark Twain. Kurzbiographie

Die Familie. Kurzbiographien

Editorische Notiz

Zur amerikanischen Ausgabe

Zur deutschen Ausgabe

Verzeichnisse

Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

Dank

Informationen zum Buch

Über Mark Twain

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Mark Twains
Autobiographie

Montag, 2. April 1906

Regierung des neuen Territoriums Nevada – Gouverneur Nye und die Witzbolde  Mr. Clemens beginnt Leben als Journalist beim Virginia City Enterprise  Berichtet über Sitzungsperiode der Legislative – Er und Orion leben im Wohlstand – Orion baut Zwölftausend-Dollar-Haus – Gouverneur Nye verwandelt das Territorium Nevada in einen Staat

BEFÖRDERUNG FÜR BARNES,
DER VON TILLMAN SCHELTE EINGESTECKT HATTE


Ließ Frau aus Weißem Haus hinauswerfen; soll Postmeister werden


MERRITT ERHÄLT NEUE POSITION


Jetziger Postmeister von Washington wird Zolleinnehmer in Niagara – Platt nicht zu Rate gezogen

Sonderbericht der NEW YORK TIMES

WASHINGTON, 31. März – Präsident Roosevelt überraschte die Hauptstadt heute Nachmittag mit der Bekanntgabe, er werde Benjamin F. Barnes zum Postmeister von Washington ernennen, in der Nachfolge des New Yorkers John A. Merritt. Mr. Merritt, der hier mehrere Jahre als Postmeister gedient hat, ist als Zolleinnehmer für den Hafen von Niagara vorgesehen, wo er dem verstorbenen Major James Low nachfolgt.

Mr. Barnes ist derzeit stellvertretender Sekretär des Präsidenten. Erst kürzlich hatten die Zeitungen ausführlich über ihn berichtet, weil er die gewaltsame Entfernung von Mrs. Minor Morris aus dem Weißen Haus angeordnet hatte, einer Frau aus Washington, die ihre Aufwartung machte, um den Präsidenten zu sprechen. Was an dem Fall für Aufmerksamkeit sorgte, war nicht so sehr der Hinauswurf an sich als vielmehr die Gewaltsamkeit, mit der er ausgeführt wurde.

Mrs. Morris, die sich, soweit Zeugen beobachten konnten, mit Barnes in gewöhnlichem Plauderton und ohne Anzeichen von Erregung unterhalten hatte, wurde von zwei Polizisten gepackt und an den Armen aus dem Gebäude und über den Asphaltweg vor dem Weißen Haus geschleift, eine Entfernung, die zwei gewöhnlichen Häuserblocks entspricht. Einen Teil der Strecke trug ein Neger sie an den Füßen. Ihr Kleid wurde zerrissen und zertrampelt.

Wegen ordnungswidrigen Verhaltens sperrte man sie ein, und als verlautbarte, dass sie bei solcherart Anschuldigung wieder auf freien Fuß gesetzt würde, wurde ein Polizeibeamter, ein Verwandter von Barnes, ins Untersuchungsgefängnis geschickt, der den Vorwurf geistiger Unzurechnungsfähigkeit gegen sie erhob, damit sie weiter festgehalten werden könne. Folglich wurde sie weiter festgehalten, bis zwei Ärzte sie untersucht und für zurechnungsfähig erklärt hatten. Barnes wurde dafür von Mrs. Morris, von verschiedenen Zeitungen und im Senat von Mr. Tillman angeprangert.

Die Ernennung von Barnes zum Postmeister so bald nach diesem Zwischenfall hat hier für endlosen Geprächsstoff gesorgt. Sie wird dem Präsidenten als Geste ausgelegt, mit der er Barnes sein Vertrauen ausspricht und ihn für die Unbill entschädigt, die er im Zuge der öffentlichen Kritik an seinem Vorgehen zu erdulden hatte.

Wieder Orion Clemens. Um fortzufahren.

Die Regierung des neuen Territoriums Nevada stellte eine interessante Menagerie dar. Gouverneur Nye war ein alter und erfahrener Politiker aus New York – ein Politiker, kein Staatsmann. Er hatte weißes Haar; er war in guter körperlicher Verfassung; er hatte ein einnehmend freundliches Gesicht und tiefglänzende braune Augen, die den Ausdruck jeder Empfindung, jeder Erregung, jeder Gefühlsbewegung wie eine Muttersprache beherrschten. Seine Augen konnten seine Zunge in Grund und Boden reden, und das will was heißen, denn er war ein äußerst bemerkenswerter Redner, sowohl im Privatleben als auch beim öffentlichen Werben um Unterstützer. Er war ein scharfsinniger Mann; für gewöhnlich schaute er hinter die Dinge und nahm wahr, was unter der Oberfläche vor sich ging, ohne sich anmerken zu lassen, dass er diese Vorgänge auch nur ins Auge gefasst hatte.

Wenn Erwachsene Schabernack treiben, sagt dieser Umstand einiges über sie aus. Sie haben ein beschränktes, unbedeutendes und ignorantes Leben geführt, und noch im besten Mannesalter halten sie an einem Restposten übriggebliebener Normen und Ideale fest, die sie, wären sie in die Welt und in ein erfüllteres Leben hinausgezogen, bereits in der Jugend aufgegeben hätten. In dem neuen Territorium gab es viele derartige Witzbolde. Ich finde kein Vergnügen daran, diesen Umstand aufzudecken, denn ich konnte diese Leute gut leiden; aber was ich sage, ist wahr. Ich wünschte, ich könnte stattdessen etwas Freundlicheres über sie sagen – dass sie Einbrecher waren oder Garderobendiebe oder etwas, was nicht völlig unschmeichelhaft wäre. Ich würde es vorziehen, kann diese Dinge aber nicht sagen, sie wären nicht wahr. Diese Leute waren Witzbolde, und ich werde nicht versuchen, das zu maskieren. In anderer Hinsicht waren sie reichlich anständige Leute; ehrliche Leute; achtbar und liebenswert. Erfolgreich spielten sie einander Streiche und zogen die Bewunderung, den Beifall und auch den Neid der übrigen Gemeinschaft auf sich. Natürlich waren sie begierig, ihre Kniffe auch an Großwild auszuprobieren, und genau das war der Gouverneur für sie. Aber sie konnten keinen Erfolg für sich verbuchen. Sie unternahmen wiederholt Anstrengungen, doch der Gouverneur machte diese mühelos zunichte und fuhr fort, sein freundliches Lächeln zu lächeln, so als wäre nichts geschehen. Schließlich taten sich die obersten Witzbolde von Carson City und Virginia City zusammen, um herauszufinden, ob sie nicht mit vereintem Talent einen Sieg erringen könnten, denn allmählich gerieten die Witzbolde in eine höchst unangenehme Lage. Statt über das vorgesehene Opfer zu lachen, lachten die Leute über sie. Zu zehnt rotteten sie sich zusammen und luden den Gouverneur zu etwas ein, was damals einer ganz besonderen Aufmerksamkeit gleichkam – zu Champagner und eingelegten Austern, Luxusartikeln, die man in dieser Gegend nur sehr selten zu Gesicht bekam und die eher als Phantasmen denn als Tatsachen existierten.

Der Gouverneur nahm mich mit. Abschätzig sagte er:

»Das ist ein armseliger Versuch. Ich lasse mich nicht täuschen. Ihre Absicht ist es, mich unter den Tisch zu trinken und dort liegen zu lassen, und von ihrem Standpunkt aus wird es sehr lustig sein. Aber sie haben die Rechnung ohne mich gemacht. Ich bin mit Champagner vertraut und hege gegen ihn keinerlei Vorurteile.«

Das Schicksal des Streichs entschied sich erst um zwei Uhr morgens. Zu dieser Stunde war der Gouverneur gelassen, freundlich, sorgenfrei, zufrieden, glücklich – und nüchtern, obwohl er so abgefüllt war, dass er nicht lachen konnte, ohne Champagnertränen zu vergießen. In ebendieser Stunde gesellte sich der letzte, in höchster Vollkommenheit berauschte Witzbold zu seinen Kameraden unter den Tisch. Der Gouverneur äußerte:

»Hier sitzen wir auf dem Trockenen, Sam, gehen wir uns was zu trinken besorgen und dann ins Bett.«

Die offizielle Menagerie des Gouverneurs hatte sich aus den niedrigsten Rängen seiner heimischen Anhängerschaft zusammengesetzt – harmlosen, guten Kerlen, die ihn bei seinen Wahlkampagnen unterstützt hatten, und nun bezogen sie ihren Lohn in Form von schmalen Gehältern, die ihnen in nahezu wertlosen Dollar-Scheinen ausgezahlt wurden. Diesen Jungs fiel es schwer, mit ihren Einkünften auszukommen. Orions Gehalt betrug achtzehnhundert Dollar im Jahr, und damit konnte er nicht einmal sein Wörterbuch unterhalten. Doch die Irin, die im Mitarbeiterstab des Gouverneurs hierhergekommen war, berechnete der Menagerie nur zehn Dollar pro Kopf und Woche für Kost und Logis. Orion und ich gehörten zu ihren Kostgängern; und zu diesen günstigen Bedingungen hielt das Silber, das ich von zu Hause mitgebracht hatte, sehr lange vor.

Zunächst streifte ich auf der Suche nach Silber durchs Land, doch Ende 62 oder Anfang 63, als ich aus Aurora heraufkam, um ein Leben als Journalist beim Virginia City Enterprise zu beginnen, wurde ich unverzüglich nach Carson City geschickt, um über die Sitzungsperiode der Legislative zu berichten. Schon bald war Orion bei den Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaft ausgesprochen beliebt, denn sie stellten fest, dass sie, während sie normalerweise weder einander noch sonst jemandem trauten, ihm trauen konnten. In diesem Landstrich war er unstrittiger Träger des Ehrlichkeitsgürtels, doch in pekuniärer Hinsicht nützte ihm das herzlich wenig, denn dafür, Gesetzgeber umzustimmen oder einzuschüchtern, besaß er kein Talent. Ich hingegen befand mich in einer anderen Lage. Ich saß jeden Tag in der Legislative, um mit ausgewogener Gerechtigkeit Lob und Tadel zu verteilen und selbige jeden Morgen auf einer halben Seite des Enterprise auszubreiten, folglich war ich ein Mann von Einfluss. Ich brachte die Legislative dazu, ein kluges und absolut notwendiges Gesetz zu verabschieden, dem zufolge jedes Unternehmen, das im Territorium Geschäfte machte, seine Satzung vollständig, ohne auch nur ein Wort auszulassen, in ein Register eintragen lassen musste, das der Sekretär des Territoriums verwalten sollte – mein Bruder. Alle diese Satzungen waren in exakt demselben Wortlaut abgefasst. Für diese Dienstleistung durfte er Gebühren von vierzig Cent pro Blatt à hundert Wörter erheben; außerdem fünf Dollar für die Ausstellung einer Bescheinigung über den Eintrag und so weiter. Jeder hatte eine Konzession für eine Mautstraße, aber keine Mautstraße. Doch die Konzession musste eingetragen und bezahlt werden. Jeder war eine Minengesellschaft und musste sich eintragen lassen und dafür bezahlen. Gut und schön, wir lebten im Wohlstand. Die Registerverwaltung warf durchschnittlich tausend Dollar im Monat ab, in Gold.

Gouverneur Nye hielt sich oft außerhalb des Territoriums auf. Dann und wann fuhr er nach San Francisco, um sich ein Päuschen von der territorialen Zivilisation zu gönnen. Niemand beschwerte sich darüber, denn er war ungemein beliebt. In seinen Anfängen in New York oder Neuengland war er Postkutscher gewesen und hatte die Gewohnheit angenommen, sich Namen und Gesichter einzuprägen und mit seinen Fahrgästen gut Freund zu sein. Als Politiker war ihm das nützlich gewesen, und durch Übung erhielt er seine Künste weiterhin lebendig. Nach einem Jahr als Gouverneur hatte er jedem im Territorium Nevada die Hand geschüttelt, und danach erkannte er diese Leute auf den ersten Blick wieder und konnte sie mit Namen anreden. Die gesamte Bevölkerung, alle zwanzigtausend Seelen waren seine persönlichen Freunde, und er konnte tun und lassen, was er wollte, und sicher sein, dass sie damit zufrieden waren. Wann immer er sich außerhalb des Territoriums aufhielt – was meistens der Fall war –, versah Orion das Amt an seiner statt als kommissarischer Gouverneur, ein Titel, der bald und leichthin zu »Gouverneur« verkürzt wurde. Mrs. Gouverneur Clemens genoss es, Gattin eines Gouverneurs zu sein. Noch nie hat jemand auf diesem Planeten einen hohen Rang mehr genossen als sie. Ihre Freude, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen, war so unverhohlen, dass sie jede Kritik und sogar allen Neid verstummen ließ. Da sie des Gouverneurs Gattin war und an der Spitze der Gesellschaft stand, sah sie sich nach einem geeigneten Haus um, in dem sie nun leben könnten – einem Haus, das solchen Würden angemessen wäre –, und vermochte Orion unschwer zu überreden, ein solches zu bauen. Orion konnte zu allem überredet werden. Unbesonnen baute und möblierte er ein Haus im Wert von zwölftausend Dollar, und in der Wüstensalbei-Hauptstadt gab es kein anderes, das in Stil und Aufwendungen an diese Immobilie herangereicht hätte.

Als sich Gouverneur Nyes vierjährige Amtsperiode dem Ende näherte, lüftete sich das Geheimnis, weshalb er sich jemals dazu bereitgefunden hatte, den großen Staat New York zu verlassen, und diese Eselhasenwüste besiedeln half: Er war hierher gezogen, um US-Senator zu werden. Jetzt musste er nur noch das Territorium in einen Staat verwandeln, was er ohne jede Schwierigkeit bewerkstelligte. Der Flecken Sand und die spärliche Bevölkerung waren nicht sonderlich geeignet für die schwere Bürde einer Staatsregierung, aber was soll’s, die Menschen spielten mit bei der Umwandlung, und so ging der Plan des Gouverneurs auf.

Es sah zumindest so aus, als ob auch Orions Pläne aufgingen, denn dank seiner Ehrlichkeit war er ebenso beliebt, wie es der Gouverneur aus stichhaltigeren Gründen war; im entscheidenden Moment jedoch machte sich ohne Vorwarnung die angeborene Launenhaftigkeit seines Charakters bemerkbar, und das Unheil folgte auf dem Fuße.

Dienstag, 3. April 1906

Noch einmal der Barnes-Zwischenfall – Barnes zum Postmeister von Washington ernannt – Mr. Clemens bereitet Rede über König Leopold von Belgien vor, zieht sie jedoch zurück, nachdem er erfährt, dass unsere Regierung in dieser Angelegenheit nichts zu unternehmen gedenkt – Beabsichtigt, im Majestic Theatre über den »amerikanischen Gentleman« zu sprechen, gibt sich angesichts der Länge des ersten Programmteils aber geschlagen – Theodore Roosevelt, der amerikanische Gentleman – Mark-Twain-Brief bei Nast-Auktion für dreiundvierzig Dollar verkauft – Telegraphischer Bericht, dass Mr. Clemens in London im Sterben liege – Reporter interviewen ihn für amerikanische Zeitungen

BARNES’ BERUFUNG VERÄRGERT WASHINGTON


»Weißes Haus wendet Holzhammermethoden an«, titelt eine Lokalzeitung


SENAT KÖNNTE BERUFUNG AUFHALTEN


Neuer Postmeister als schmarotzender »Carpetbagger« bezeichnet – Bürger empfinden Berufung als Beleidigung

Sonderbericht der NEW YORK TIMES

WASHINGTON, 2. April – Die Entscheidung des Präsidenten, seinen stellvertretenden Sekretär Benjamin F. Barnes zum Postmeister von Washington zu berufen, hat einen Sturm ausgelöst. Sie wird als Berufung eines »Carpetbagger« kritisiert, kommt Barnes doch aus New Jersey. Mitglieder des Repräsentantenhauses und des Senats sind erzürnt, und angeblich wird man den Versuch unternehmen, die Bestätigung zu vereiteln.

Die Entrüstung, die das Thema hervorruft, zeigt sich heute Abend an der Aufmachung des Evening Star, des treuesten Regierungsanhängers unter den Zeitungen der Stadt. Der Fall Barnes schlägt Wellen auf allen Seiten des Blattes. Da ist zunächst eine Karikatur, die den Präsidenten zeigt, wie er dem District of Columbia eine Aprilscherz-Zigarre überreicht, die explodiert, und im Rauch ist Barnes’ Gesicht zu erkennen, während der Präsident ruft: »April, April!« Es folgen drei Spalten Interviews mit prominenten Bürgern des Bundesdistrikts und Kongressmitgliedern, die die Berufung allesamt verurteilen.

Auch der Leitartikel befasst sich mit dem Thema, und darin heißt es, der Präsident habe »seinen taktlosen und allzu energischen Rausschmeißer« belohnt, indem er ihm für das Doppelte seines gegenwärtigen Salärs das Washingtoner Postamt anvertraute. Der Star schreibt:

»Logisch betrachtet, bleibt nur noch, auch die Polizisten, die sich die Ehre des Morris-Rauswurfs mit Mr. Barnes teilen, auf Kosten des Bundesdistrikts zu belohnen. Was werden sie ernten – eine Position als Polizeirichter, als Polizeidirektor oder gar als Polizeipräsident?«

Der Star druckt eine Reihe von Auszügen aus anderen Zeitungen ab, die die Berufung ins Lächerliche ziehen. Zudem sind auf der Seite des Leitartikels einzelne Absätze wie diese verstreut:

Die Holzhammermethoden des Weißen Hauses in Bezug auf das örtliche Postwesen könnten die Kunden vielleicht auch der Notwendigkeit entheben, ihre eigenen Briefmarken anzulecken.

Sosehr die Oyster Bay den Präsidenten auch unterstützt, sie würde vor Entrüstung aufbegehren, sollte er seinen Einfluss geltend machen, um hiesige Männer aus hiesigen Ämtern zu verdrängen.

Der Kasper, der sich den Aprilscherz ausgedacht hat, verliert von Jahr zu Jahr an Schmiss. Sein Sinn für Humor tritt nur noch selten in erschütterndem Ausmaß in Erscheinung. Die kürzlich erfolgte Berufung eines Postmeisters für Washington bietet ein Gegenbeispiel, ist aber nur eine jener Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Wenn Ihre Briefe zukünftig den Anschein erwecken, von einem Wirbelsturm erfasst, durch ein Eisenbahnwrack gejagt und durch den Fleischwolf gedreht worden zu sein, wissen Sie, dass sie aus dem Washingtoner Postamt stammen. Aber bemühen Sie sich gar nicht erst aufs Postamt, um Beschwerde einzulegen, es sei denn, Sie suchen körperliche Ertüchtigung. Damen sollten in dieser Hinsicht äußerste Vorsicht walten lassen.

Einige lokale Schützlinge des Präsidenten begeistern sich für Mr. Barnes ungefähr so, wie sie es vor nicht allzu langer Zeit für den Schandpfahl taten.

Es herrscht der starke Eindruck vor, dass Niagara Falls in der Frage der Berufungen bei weitem das bessere Los gezogen hat.

Der letzte Satz bezieht sich auf die Versetzung von Postmeister Merritt nach Niagara Falls, mit der Platz für Mr. Barnes gemacht wurde. Schließlich druckt der Star Leserbriefe von Bürgern ab, die sich gegen die Berufung verwahren.

Unter den Interviews mit prominenten Bürgern findet sich eines mit R. Ross Perry, einem führenden Anwalt, der sagt: »Anscheinend glaubt der Präsident, der Bundesdistrikt sollte regiert werden, wie die Römer eine eroberte Provinz regiert haben.« D. William Oyster nennt das Ganze »eine Beleidigung für unsere Gemeinde«. Mason W. Richardson sagt: »Wir scheinen keine Rechte zu besitzen, die Respekt verdienen.« John Ridout sagt: »Angesichts des Temperaments von Mr. Barnes, wie es sich im Morris-Zwischenfall offenbart hat, sind die Aussichten auf befriedigende Unterredungen zwischen ihm und den Bürgern, die ihr Recht ausüben, die Handhabung seines Amtes zu kritisieren, nicht eben ermutigend.«

Soweit ich mich erinnere, habe ich den Barnes-Zwischenfall im Auge behalten, indem ich hier gelegentlich einen informativen Zeitungsausschnitt habe einfließen lassen. Wenn bei dieser Prozession von Signaltafeln überhaupt etwas fehlt, dann ist es der vor einigen Wochen geschriebene Brief des Präsidenten. Vielleicht habe ich ihn eingefügt. Möglicherweise nicht. Aber es kommt nicht darauf an. Es läuft aufs Gleiche hinaus. Er war herrlich brutal, freiheraus herzlos. Er enthielt nicht ein Wort des Mitgefühls für die misshandelte Dame; und ein ebenso auffallendes Merkmal des Briefes war, dass er nicht ein Wort des Mitgefühls für den Präsidenten enthielt. Bestimmt hatte jeder andere Mitleid mit ihm und schämte sich für ihn. Er enthielt nicht ein Wort der Zurechtweisung oder auch nur des Tadels an Barnes’ Verhalten, vielmehr war dessen Billigung so überdeutlich, dass es an Lob grenzte.

Und jetzt hat der Präsident diesen schamlosen Sklaven zum Postmeister von Washington ernannt. Die Dreistigkeit – die verblendete Dummheit – dieser Angelegenheit ist erstaunlich. Sie wäre geradezu unglaubwürdig, wenn sie von einem anderen Menschen der Vereinigten Staaten ausginge als von unserem unglaublichen Präsidenten.

Als Choate und ich einwilligten, am 22. Januar in der Carnegie Hall zu sprechen, zusammen mit Booker Washington und zugunsten seines Tuskegee Institute, wollte ich zunächst jenen Dieb und Mörder, Leopold II., König der Belgier, zum Gegenstand nehmen und bereitete sorgfältig eine Rede vor – schrieb sie sogar mehrere Wochen vorher vollständig nieder. Als der festgesetzte Termin jedoch näher rückte, begann ich der Haltung unserer Regierung gegenüber Leopold und seinen teuflischen Bosheiten zu misstrauen. Zweimal fuhr ich nach Washington und hielt Rücksprache mit dem Außenministerium. Mir kam der Verdacht, dass die Überzeugung der Congo Reform Association, in der Kongo-Frage stehe die verpfändete Ehre unserer Regierung auf dem Spiel, eine Übertreibung sei; dass die Association gewissen öffentlichen Dokumenten, die mit dem Kongo zusammenhängen, eine Bedeutung beimesse, die vom Wortlaut der Dokumente nicht gestützt wird. Mit einem letzten Besuch im Außenministerium war der Fall erledigt. Das Ministerium hatte sein dem Präsidenten und mir zuvor gegebenes Versprechen, die Angelegenheit erschöpfend zu prüfen und herauszufinden, wie unsere Regierung dazu stehe, gehalten. Es stellte sich heraus, dass unsere Regierung nicht zu den vierzehn christlichen Regierungen gehörte, die sich verpflichtet hatten, Leopold zu überwachen und ihn in die Schranken des Vertrages zu verweisen. Unsere Regierung war nur gefühlsmäßig betroffen, nicht offiziell, nicht praktisch, nicht in Form einer festen Zusicherung oder eines Versprechens. Unsere Regierung war in der Lage, sich in Form von Gebeten oder Protesten einzumischen, aber das hätte auch eine Sonntagsschule gekonnt. Ich wusste, die Administration würde von angemessen diplomatischer Höflichkeit sein und sich aus dem Schlamassel heraushalten; daher zog ich mich persönlich von der Aufgabe, in den Vereinigten Staaten die Kongo-Frage zu erörtern, zurück und schrieb der Bostoner Zweigstelle, dass es mir leidtue, unserer Nation weiterhin mit den Gräueltaten, die Leopold an den hilflosen schwarzen Eingeborenen des Kongo begehe, das Herz erweichen zu wollen, da die Gefühle der Nation völlig umsonst aufgewühlt würden – denn die Nation könne nichts ausrichten außer über ihre Regierung und die Regierung selbst werde natürlich nichts unternehmen.

So unterdrückte ich die Rede und hielt an ihrer Stelle eine über ein anderes Thema. Aber bevor ich dieses Thema wählte, prüfte ich ein anderes und bereitete eine Rede darüber vor. Hätte diese Rede einen Titel gehabt, hätte er vermutlich gelautet: »Was ist ein amerikanischer Gentleman?«, oder vielleicht auch: »Amerika, Land der Freien und Heimat der Tapferen und der Ungehobelten« – oder vielleicht hätte er gelautet: »Die unhöfliche Nation«. Ich warf die Rede nicht weg, sondern bewahrte sie auf in der Hoffnung auf eine günstige Gelegenheit.

Diese günstige Gelegenheit bot sich vor ein paar Wochen, als ich an einem Sonntagnachmittag im Majestic Theatre vor zweitausend Christlichen Jungen Männern sprechen sollte, die sich womöglich für die Ansichten eines Experten über die Eigenschaften, die einen amerikanischen Gentleman ausmachen, interessierten. Aber wieder musste ich mich geschlagen geben. Das Programm war von der üblichen Art, bei der zahlreiche Personen einer großen Sache ohne Honorar viel Zeit und Mühe widmen, und zum Lohn musste einer jeden gestattet sein, vorzutreten und vor dem Publikum herumzutänzeln. Ein Mann, der nicht reden konnte, redete. Und eine Frau, die nicht singen konnte, sang. Ein weiterer Mann, der nicht reden konnte, redete. Eine Band mit Streichinstrumenten und Klavier machte ein paar Geräusche, und als sich der Saal schon freute, dass das Elend ein Ende finde, verstand das die Kapelle als Rufe nach Zugabe und begann von neuem mit den Geräuschen. Daraufhin las ein Mann, der nicht lesen konnte, ein Kapitel aus der Bibel – und so nahm das Chaos seinen Lauf. Von Zeit zu Zeit ließ Gott in seiner unerforschlichen Weisheit die Sängerin abermals auf uns los. Ich dachte schon, ich würde nie an die Reihe kommen. Als es endlich doch so weit war, merkte ich, dass ich meinen Part um die Hälfte kürzen musste; dass ich mich statt mit einer Stunde mit 50 Prozent davon zufriedengeben musste. Folglich sprach ich über einen Text – einen guten Text –, den einer der Redner, die nicht reden konnten, hatte fallenlassen, der nicht wusste, dass er ihn hatte fallenlassen, und ihn nicht vermisste. Und so musste ich meine Ausführungen darüber, was der amerikanische Gentleman sein sollte, abermals unterdrücken.

Nun, alles wendete sich zum Guten. Nach wie vor kommt zu dem, der warten kann, alles mit der Zeit. Ich habe gewartet, weil mir nichts anderes übrigblieb, aber mein Lohn stellte sich trotzdem ein. Ich brauche nicht länger zu erläutern, was ein amerikanischer Gentleman zu sein habe – das ganze Feld lässt sich mit einem Halbsatz abdecken, und man erspart sich eine mühsame einstündige Rede, indem man einfach sagt, was der amerikanische Gentleman ist. Er ist Theodore Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten.

Ich scherze nicht, vielmehr ist es mein völliger Ernst, wenn ich die Ansicht vertrete, dass unser Präsident der repräsentative amerikanische Gentleman ist – der von heute. Ich glaube, er ist so eindeutig und definitiv der repräsentative amerikanische Gentleman von heute, wie Washington der repräsentative amerikanische Gentleman seiner Zeit war. Roosevelt stellt das ganze Argument dafür und dagegen dar, in seiner Person. Er repräsentiert, was der amerikanische Gentleman nicht sein sollte, und zwar klar, verständlich und erschöpfend, genauso wie er repräsentiert, was der amerikanische Gentleman ist. Wir sind die mit Abstand ungehobelste aller Nationen, ob zivilisiert oder primitiv, die heute den Planeten bevölkern, und unser Präsident steht für uns wie ein Kolossaldenkmal, das von allen Enden der Erde sichtbar ist. Er ist furchtbar hartherzig und grob, wo ein anderer Gentleman Freundlichkeit und Zartgefühl an den Tag legen würde. Als seine widerliche Kreatur, dieser falsch eingesetzte Arzt, dieser entehrte Gouverneur von Kuba, dieser Taschenspieler von einem Generalmajor Leonard Wood, kürzlich sechshundert hilflose Wilde in ein Loch pferchte, jeden Einzelnen von ihnen abschlachten und nicht einmal eine Frau oder ein Kind entkommen ließ, legte Präsident Roosevelt – repräsentativer amerikanischer Gentleman, erster amerikanischer Gentleman – Herz und Seele unserer gesamten Nation von Kavalieren in den Entzückensruf, den er an Wood telegraphierte, um ihn zu dieser »großartigen Heldentat« zu beglückwünschen und ihn dafür zu loben, dass er »die Ehre der amerikanischen Flagge hochgehalten« habe.

Roosevelt ist der mit Abstand schlechteste Präsident, den wir je gehabt haben, und zugleich der am meisten bewunderte und am meisten zufriedenstellende. Die Bewunderung und Verehrung der Nation für ihn und ihr Stolz auf ihn sind weit herzlicher, umfassender und verbreiteter als alles, was bisher an einen Präsidenten verschwendet worden ist, einschließlich McKinley, Jackson und Grant.

Hat sich der Morris-Barnes-Zwischenfall erledigt? Möglicherweise ja; möglicherweise nein. Wir werden ihn im Auge behalten und abwarten. Fürs Erste scheint es dort in Washington so etwas wie eine Revolte eines Halbdutzends anständiger Leute und einer Zeitung zu geben, aber allzu sehr dürfen wir nicht darauf bauen. Es ist nur eine begrenzte Revolte und kann jederzeit zum Schweigen gebracht werden durch Schmähungen vonseiten der riesigen patriotischen Bande ergebener Leibeigener, der Herausgeber amerikanischer Zeitungen.

Dies stand heute in der Morgenzeitung:

MARK-TWAIN-BRIEF VERKAUFT


Geschrieben an Thomas Nast, schlägt eine gemeinsame Tournee vor

Ein handgeschriebener Brief von Mark Twain erbrachte bei der gestern durch die Merwin-Clayton Company abgehaltenen Versteigerung von Bibliothek und Korrespondenz des verstorbenen Karikaturisten Thomas Nast $ 43. Der Brief umfasst neun Seiten, ist mit Hartford, 12. Nov. 1877, datiert und an Nast gerichtet. In Auszügen lautet er wie folgt:

Hartford, 12. Nov.

Mein lieber Nast: Ich hätte nicht gedacht, dass ich, bis die Zeit für mich gekommen ist, zu sagen: »Ich sterbe unschuldig«, je wieder auf einem Podium stehen würde. Aber es treffen weiterhin die gleichen alten Angebote ein, die jedes Jahr eingetroffen und jedes Jahr abgelehnt worden sind – $ 500 für Louisville, $ 500 für St. Louis, $ 1000 in Gold für zwei Nächte in Toronto, die Hälfte der Bruttoeinnahmen in New York, Boston, Brooklyn &c. Wie gewöhnlich habe ich sie alle abgelehnt, obwohl ich wie gewöhnlich stark versucht war, sie zu akzeptieren.

Nun, ich lehne nicht ab, weil ich etwas dagegen hätte, zu einem Publikum zu sprechen, sondern weil es (1) so herzzerreißend trostlos ist, allein zu reisen, und weil es (2) eine so stimmungstötende Verantwortung ist, die ganze Show allein zu schultern.

Deswegen schlage ich Ihnen jetzt vor, was Sie mir im November 1867 – vor zehn Jahren (als ich noch unbekannt war) – vorgeschlagen haben, nämlich: dass Sie auf dem Podium stehen und Bilder zeichnen, während ich neben Ihnen stehe und das Publikum beschimpfe. Es würde mir ungeheuren Spaß machen, in Ihrer Gesellschaft durchs Land zu mäandern (in große Städte – in kleine will ich nicht).

Der Brief enthält eine Liste mit Städten und die Anzahl der jeweils geplanten Auftritte.

So sollte es sein. Es ist äußerst lobenswert. Ich spreche es selbst aus, damit nicht andere verständige Personen vergessen, es zu tun. Offenbar sind vier meiner alten Briefe versteigert worden, drei davon für siebenundzwanzig Dollar, achtundzwanzig Dollar respektive neunundzwanzig Dollar und der oben erwähnte für dreiundvierzig Dollar. Damit verbunden ist der sehr erfreuliche Umstand, dass sich der Geldwert meiner Literatur im Zeitraum von sechsunddreißig Jahren mehr als behauptet hat. Ich schätze, dass der Dreiundvierzig-Dollar-Brief für etwa zehn Cent pro Wort versteigert worden sein muss, während sein Marktwert, hätte ich ihn heute geschrieben, dreißig Cent betragen würde – demnach habe ich zwei- oder dreihundert Prozent an Wert gewonnen. Ich hebe einen weiteren erfreulichen Umstand hervor – dass sich ein Brief von General Grant für etwas weniger als achtzehn Dollar verkauft hat. Ich werde niemals die Höhe General Grants in der Achtung dieser Nation erreichen, aber zu wissen, dass er, wenn es um Briefliteratur geht, nicht mit mir in der vordersten Reihe sitzt, erfüllt mich mit tief empfundener Freude.

Da fällt mir ein – vor neun Jahren, als wir am Tedworth Square, London, wohnten, wurde den amerikanischen Zeitschriften die Meldung telegraphiert, ich läge im Sterben. Das war nicht ich. Es war ein anderer Clemens, ein Cousin von mir – Dr. J. Ross Clemens, jetzt in St. Louis ansässig –, der dem Tod geweiht war, ihm aber bald mittels irgendeines Winkelzuges oder einer anderen Eigenheit des Clemens-Clans noch einmal von der Schippe sprang. Amerikanische Telegramme in der Hand, begannen die Londoner Vertreter amerikanischer Zeitungen in Scharen herbeizuströmen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Mir fehlte rein gar nichts, und einer nach dem anderen war erstaunt und enttäuscht, mich lesender- und rauchenderweise in meinem Arbeitszimmer und als Gegenstand transatlantischer Nachrichten nahezu wertlos vorzufinden. Einer dieser Männer war ein sanfter, freundlicher, ernster und mitfühlender Ire, der seinen Kummer, so gut er konnte, verbarg, sich Mühe gab, erfreut dreinzublicken, und mir sagte, seine Zeitung, die Evening Sun, habe ihm telegraphiert, in New York werde berichtet, dass ich tot sei. Was er denn zurücktelegraphieren solle? Ich sagte:

»Schreiben Sie, die Nachricht sei stark übertrieben.«

Er lächelte nicht, sondern ging mit feierlicher Miene davon und gab das Telegramm mit diesem Wortlaut auf. Die Welt war von der Bemerkung angenehm überrascht, und bis auf den heutigen Tag taucht sie, wenn Leute Anlass haben, Übertreibungen zu dementieren, hin und wieder in den Zeitungen auf.

Der nächste Mann war ebenfalls Ire. Er hatte sein New Yorker Überseetelegramm – von der New York World – in der Hand und versuchte dessen Inhalt so offenkundig mit sanften Ausreden und Beschönigungen herunterzuspielen, dass meine Neugier geweckt war und ich sehen wollte, was tatsächlich darin stand. So nahm ich es ihm bei passender Gelegenheit aus der Hand. Es lautete:

»Falls Mark Twain im Sterben liegt, fünfhundert Wörter schicken. Falls tot, tausend.«

Nun wurde dieser alte Brief von mir gestern für dreiundvierzig Dollar verkauft. Wenn ich tot bin, wird er sechsundachtzig wert sein.

Mittwoch, 4. April 1906

Noch einmal der Morris-Fall – Was diese Autobiographie leisten möchte: ein Spiegel sein – Mehr über die Nast-Auktion; Lorbeeren für Mr. Clemens – Zeitungsausschnitte über den Empfang des Women’s University Club; Mr. Clemens kommentiert sie – Vassar-Benefizveranstaltung im Hudson Theatre; Mr. Clemens trifft viele alte Freundinnen

DER FALL MRS. MORRIS IM SENAT


Barnes’ Nominierung macht Weg frei für Untersuchung

Sonderbericht der NEW YORK TIMES

WASHINGTON, 3. April – Die Kritik an der Ernennung von Mr. Roosevelts stellvertretendem Sekretär B. F. Barnes zum Postmeister von Washington hält an. Inzwischen hat es den Anschein, als werde es schwierig, die Ernennung durch den Senat zu bringen. Hauptgrund für den Widerstand ist, dass Barnes Mrs. Minor Morris aus dem Weißen Haus werfen ließ. Der Senatsausschuss für Postämter und Postwege hat beschlossen, Barnes’ Vorgehen im Morris-Fall zu untersuchen, und für morgen sind Augenzeugen des Vorfalls geladen, um vor dem Ausschuss zu erscheinen und auszusagen. Dies ist genau die Art Untersuchung, die Mr. Tillman beantragt und die der Senat verweigert hatte. Infolge der Entscheidung des Präsidenten, Barnes zum Postmeister zu berufen, wird sie nun doch durchgeführt. Die Zeugen, die vor dem Ausschuss erscheinen sollen, waren nicht gebeten worden, bei der Untersuchung auszusagen, die der Präsident durchführte, als er befand, dass Barnes’ Vorgehensweise gerechtfertigt war.

Heute wurde wild darüber spekuliert, wer Mr. Barnes’ Nachfolger als stellvertretender Sekretär wird. In der heutigen Ausgabe des Evening Star sind den einschlägigen Mutmaßungen anderthalb Spalten gewidmet, und es heißt, Spitzenkandidaten seien John L. McGrew, ein Mitarbeiter im Büro des Weißen Hauses; Warren Young, Bürovorsteher; M. C. Latta, persönlicher Stenograph des Präsidenten; James J. Corbett aus New York sowie Robert Fitzsimmons, Augustus Ruhlin und James J. Jeffries.

Der Artikel ist mit zwei Fotos von Corbett und Fitzsimmons versehen.

Das ist formidabel und ruft bei mir sanftes Entzücken hervor. Die Pointe der ganzen Angelegenheit liegt in den letzten vier Namen, die in dem Bericht erwähnt werden. Diese vier Männer sind Berufsboxer – die gefeiertsten unter den heute lebenden.

Hat sich der Vorfall damit erledigt? Wieder können wir es nicht sagen. Womöglich bleibt sein Gestank noch tausend Jahre in der amerikanischen Geschichte hängen.

Meine Autobiographie unterscheidet sich von anderen Autobiographien – unterscheidet sich von allen anderen Autobiographien, vielleicht mit Ausnahme der von Benvenuto. Die herkömmliche Biographie aller Zeitalter ist ein offenes Fenster. Der Autobiograph sitzt da und mustert und bespricht die Leute, die vorübergehen – nicht alle, aber doch die berüchtigten, die berühmten; die, die schöne Uniformen tragen und, wenn’s nicht regnet, Kronen; und hochbedeutsame Dichter und bedeutsame Staatsmänner – glanzvolle Persönlichkeiten, mit denen in Berührung zu kommen er das besondere Privileg hatte. Gern winkt er denen, die da vorübergehen, einen anerkennenden Gruß zu, und gern stellt er fest, dass die anderen ihm dabei voller Bewunderung zusehen. Gern tut er so, als wäre er an den vereinzelten Persönlichkeiten, die die guten Kleider tragen, nur interessiert, um seine Leser zu interessieren, und sich dabei seiner selbst gewissermaßen gar nicht bewusst.

Aber meine Autobiographie ist keine solche Autobiographie. Meine Autobiographie ist ein Spiegel, in dem ich die ganze Zeit mich selbst betrachte. Zufällig bemerke ich auch die Leute, die hinter mir vorübergehen – ich erhasche ihren flüchtigen Anblick im Spiegel –, und wann immer sie etwas sagen oder tun, was dazu beiträgt, mich zu preisen, mir zu schmeicheln und mich in meiner eigenen Achtung steigen zu lassen, halte ich diese Dinge in meiner Autobiographie fest. Ich freue mich, wenn mir ein König oder Herzog über den Weg läuft und sich in dieser Autobiographie nützlich macht, doch das sind seltene Gäste, die Abstände zwischen ihnen groß. Auf meinem Weg kann ich sie effektvoll als Leuchttürme und Denkmäler einsetzen, aber was das Eigentliche betrifft, bin ich auf das gemeine Volk angewiesen.

Hier noch etwas mehr über die Nast-Auktion:

30 CENT FÜR McCURDY-GEDICHT


Weitere literarische Kuriositäten aus der Nast-Sammlung versteigert

Der Verkauf von handschriftlichen Briefen, Tuschzeichnungen, Bleistift- und Federskizzen, Eigentum des verstorbenen Karikaturisten Thomas Nast, wurde gestern von der Merwin-Clayton Company fortgesetzt.

Fünf Briefe von Theodore Roosevelt als Polizeichef, Oberst der Rough Riders, Gouverneur und Präsident an Mr. Nast, in denen er sich für Skizzen bedankt und seiner innigen Freundschaft zu dem Karikaturisten Ausdruck verleiht, erzielten Preise zwischen $ 1,50 und $ 2,25.

Ein handgeschriebener Brief und ein Gedichtautograph von Richard A. McCurdy, adressiert an Nast, brachten zusammen mit einer maschinengeschriebenen Abschrift des Gedichts 30 Cent ein.

Der folgende Brief, von General Philip H. Sheridan an Nast geschrieben, wurde für $ 12,25 von J. H. Manning, einem Sohn des verstorbenen Daniel Manning, ersteigert:

12. Mai 1875

Lieber Nast:

Es stimmt. Am kommenden 30. Juni werde ich ein verheirateter Mann sein, es sei denn, zwischen Glas und Lippe gibt’s doch noch manche Klippe, was kaum der Fall sein dürfte. Aus vielerlei Gründen, darunter der kürzliche Tod meines Vaters, werde ich kein Hochzeitsfest ausrichten.

Ich bin sehr glücklich, wünschte aber, die verd-e Sache wäre endlich vorbei. Ihr ergebener

SHERIDAN

PS und M. I. – Das Beigefügte ist für Ihren Ältesten. Bitte schicken Sie mir Ihres, damit ich es für meinen aufbewahren kann.

P. H. S.

Ein von Lincoln verfasster Brief, der auf ein Stück weiße Seide mit verblasstem rotem Fleck gelegt war, wurde für $ 38 verkauft. Das beigefügte Zertifikat erläuterte, die Seide sei von dem Kleid, das Laura Keene an dem Abend der Ermordung Lincolns getragen habe, und der Fleck stamme von seinem Blut.

General W. T. Shermans Brief an Nast, datiert 9. März 1879, der ein Zeugnis über die Verdienste des Karikaturisten um Armee und Marine bestätigt, wurde für $ 6 verkauft.

Eine Mappe mit Skizzen von Lincoln, Sumner, Greeley, Walt Whitman sowie vielen Aquarellskizzen erbrachte $ 75.

Eine Skizze von William M. Tweed und seinem Gefährten Hunt im Arrest erbrachte $ 21. Zwei zusammengehörige Weihnachtsskizzen aus Nasts Feder, die ein Kind darstellen, das mit Santa Claus telefoniert, je $ 43. Eine Skizze von General Grant wurde für $ 36 ersteigert. Eine Skizze des »G. O. P.«-Elefanten1 erbrachte $ 28. Eine Skizze des Heilands en face mit Heiligenschein $ 65.

Ein signiertes Foto von Theodore Roosevelt aus dem Jahr 1884 wurde für $ 5 ersteigert.

Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, dass ich noch immer allen voraus bin – Roosevelt, Sherman, Sheridan, selbst Lincoln. Das sind schöne Lorbeeren, aber sie werden keinen Bestand haben. Es wird eine Zeit kommen, da einige verwelken. Es wird ein Tag kommen, da ein bloßer Kratzer von Mr. Lincolns Feder einen höheren Preis erzielt als ein ganzer Korb mit meinen Briefen. Es wird eine Zeit kommen, da ein Kratzer von der Feder jener unsterblichen Soldaten Sherman und Sheridan einen höheren Preis erzielt als tausend meiner Kratzer, und so werde ich meine Vorrangstellung auskosten, solange es mir vergönnt ist. Ich werde mir diesen Zeitungsausschnitt, solange er neu und wahr ist, vierzig-, fünfzigmal durchlesen und die verheerende Zukunft sich selbst überlassen.

Ich übergehe die aufwühlenden Nachrichten, die heute Morgen aus Russland kamen, um Platz für diesen Zeitungsausschnitt von einer halben Kolumne zu schaffen, denn dieser Zeitungsausschnitt handelt von mir.

MARK TWAIN SPRICHT MIT COLLEGE-FRAUEN


Sagt, von nun an wird er nur noch mit Alumnae sprechen


ERZÄHLT DIESE GESCHICHTE ÜBER TWICHELL


Fünfhundert Frauen schütteln ihm die Hand und überschütten ihn mit hübschen Sätzen


Der Women’s University Club und Mark Twain verschafften sich gestern gegenseitig Unterhaltung. Der Club gab einen Empfang mit dem Autor als Ehrengast, und sämtliche Mitglieder sowie zahlreiche ihrer Anverwandten und Freundinnen fanden sich ein, um ihn zu treffen. Es waren mindestens 500 gekommen, und eine jede hatte Mr. Clemens etwas zu sagen, als sie ihm die Hand schüttelte.

Jemand, der alles verfolgt hatte, sagte, ziemlich viele seien »Wiederholungstäterinnen« gewesen und zweimal vorgetreten, um ihm die Hand zu schütteln.

Im Laufe eines langen Lebens hat Mr. Clemens andere Erfahrungen gesammelt, bei denen College-Mädchen eine Rolle spielten, und an sie erinnerte er sich nun. Einige der Mädchen, mit denen er gestern sprach, waren die Enkelinnen von Mädchen, denen er früher einmal begegnet war.

»Ich muss doch nichts sagen, oder?«, fragte ein Mädchen, dem noch keine interessante Bemerkung eingefallen war, als sie dem Ehrengast die Hand schüttelte.

»Nein, gewiss nicht«, sagte Mr. Clemens, »in der Hinsicht bin ich selber schüchtern.«

»Seit ich drei war, warte ich auf diese Gelegenheit«, sagte ein anderes Mädchen. »So lange ist es her, dass mir mein Vater die Bilder in Die Arglosen im Ausland gezeigt hat.«

»Ich überbringe eine Botschaft von zwei kleinen Mädchen«, sagte eine ältere Frau. »Sie möchten, dass Sie noch so eine hübsche Geschichte wie Der Prinz und der Bettelknabe schreiben und ihnen das erste Exemplar schicken«, und Mark Twain versprach es fröhlich.

Mr. Clemens hatte zugesagt, im Club eine Rede zu halten, da er jedoch erkältet war, entschuldigte er sich. Allerdings ließ er sich dazu überreden, »sein Garn zu spinnen«.

Man brachte ein kleines Podest herein, das für die Ansprache vorbereitet worden war, aber damit gab er sich nicht zufrieden.

»Ich glaube, es ist nicht hoch genug«, sagte er, »denn nur wenn ich die Gesichter der Leute sehen kann, weiß ich, was sie denken.« Dann trug man auf seinen Wunsch einen Stuhl herbei, der auf das Podest gestellt wurde, und den bestieg er. Vor einem dankbareren Publikum hat der alte Hase von Autor nie gesprochen.

»Ich bin nicht hier, junge Damen, um eine Rede zu halten«, sagte er, »sondern höchstens etwas, was sich aus der Ferne wie eine solche ausnimmt. Ich wage nicht, eine Rede zu halten, denn ich habe keinerlei Vorbereitungen getroffen, und wenn ich es auf leeren Magen versuche – ich meine, auf leeren Verstand –, bin ich mir unsicher, welchen Frevel ich begehen könnte.

Was Auftritte gegen Bezahlung betrifft und vor Leuten, die Eintrittsgeld entrichten müssen, werde ich mich am 19. dieses Monats in der Carnegie Hall in aller Form für immer vom Podium verabschieden, doch andere Anlässe habe ich noch nicht aufgegeben.

Von nun an werde ich das Podium nur noch zu Bedingungen heimsuchen, die mir gefallen – wenn ich nicht bezahlt werde, um zu erscheinen, und wenn niemand bezahlen muss, um Einlass zu erhalten, und ich werde nur vor Zuhörerschaften aus College-Mädchen sprechen. Viele Jahre lang habe ich mich für das öffentliche Wohl abgerackert, jetzt aber werde ich nur noch zu meiner eigenen Befriedigung reden.«

Dann »spann« Mr. Clemens »sein Garn«.

Es war eine Geschichte über eine Wanderung mit Reverend Joseph Twichell, die das Publikum unterhaltsam fand. Jedenfalls schien sie die College-Frauen zu unterhalten.

MARK TWAIN IM WOMEN’S UNIVERSITY CLUB VON COLLEGE-MÄDCHEN ANGEBETET

MARK TWAIN SUHLT SICH IN MÄDCHEN

Fünfhundert umlagern im Women’s University Club ihrer aller Sweetheart


DA ER NICHT ALLE SEHEN KANN, BESTEIGT ER EINEN STUHL


Wird mit Eiscreme gefüttert, um seine schwindenden Kräfte zwischen Delegationen von »Wiederholungstäterinnen« neu zu beleben


Mark Twain ist süchtig nach College-Mädchen!

Dabei macht er zwischen den Colleges keinen Unterschied. Er liebt sie alle! Das gestand er gestern vor rund fünfhundert von ihnen im Women’s University Club. Falls er sich zu vorübergehender Zärtlichkeit für Barnard hat hinreißen lassen, so entschuldigte er dies damit, dass Barnard zwar nicht seine größte, wohl aber seine letzte Liebe sei.

Von 4 bis 6 suhlte sich Mr. Clemens in den Mädchen und war glücklich wie ein König. Er schaute ihnen mit neugierigen Blicken ins Gesicht und legte eine freundschaftliche Hand auf diese oder jene Schulter, während er sich eine Geschichte ausdachte, um ein Lächeln auf ein Paar hübsche Lippen zu zaubern. Und als er sie nicht in ausreichender Zahl sehen konnte, bestieg er einen Stuhl, so dass er bis zum Horizont nichts als Mädchen erblickte – Mädchen mit Osterhüten und bezaubernden Kleidern; Mädchen, die in Gegenwart ihres gemeinsamen Sweetheart vor Entzücken erröteten.

Sein Herz ist wahrhaftig

»Am 19. dieses Monats«, sagte Mark, »werde ich in der Carnegie Hall für immer und in aller Form Abschied vom Podium nehmen. Das heißt, soweit es um Auftritte gegen Bezahlung geht. Aber eigentlich habe ich das Podium überhaupt nicht wirklich hinter mir gelassen. Ich werde fortfahren, es zu besteigen, sooft ich will und solange die Bedingungen meinen Wünschen entsprechen. Ich meine, wenn niemand, der zahlt, Zutritt erlangt und niemand außer jungen College-Damen sich im Saal befindet.«

Jubel unterbrach ihn.

»Fünfunddreißig oder vierzig Jahre lang«, fuhr Mr. Clemens fort und schüttelte ausgiebig seine Löwenmähne, »habe ich mich für das öffentliche Wohl abgerackert. Für den Rest meiner Zeit beabsichtige ich, nur noch zu meiner persönlichen Befriedigung zu arbeiten.« Sein Lächeln schloss sie alle ein. Mr. Clemens hatte nicht vorgehabt, sich an seine Mädchen als Gruppe zu wenden. Wie er erklärte, mochte er es gar nicht, »eine unvorbereitete Rede zu halten, da sich unmöglich vorhersagen ließ, welche Art Frevel ihm auf leeren Magen unterlaufen mochte – will sagen, auf leeren Verstand«. Aber der Druck war zu viel für ihn. Er war gekommen, um als Ehrengast das Privileg zu haben, sich mit all den College-Frauen einzeln zu unterhalten.

So stand er nun an einem Ende des langgestreckten Salons im Clubhaus am Madison Square North, zu seiner Rechten Miss Maida Castelhun, die Präsidentin, eine Erscheinung in kohlrabenschwarzer Spitze auf blauer Seide, die ihn unterstützte – ja ihn zuweilen buchstäblich stützte. Zu seiner Linken, ganz in Weiß, Miss Cutting von Vassar, die ihm die Mädchen vorstellte, während Miss Hervy vom Organisationskomitee Mr. Clemens’ schwindende Kräfte mit gelegentlichen Leckerbissen aus dem Erfrischungsraum neu belebte und die »Wiederholungstäterinnen« unter denen, die ihn begrüßten, wachsam im Auge behielt.

Füttert ihn mit Charlotten

Miss Hervys hochgewachsene Gestalt bot einen herrlichen Anblick, wie sie immer wieder, den Zipfel ihres hellgrauen Talars über den Arm geworfen, gleich einem Schiff unter vollen Segeln durch die Menge pflügte und mit weißbehandschuhter Hand eine Charlotte russe emporhielt.

»Bevor Mr. Clemens ein weiteres Wort sagt, braucht er das hier«, rief sie dann, und die Schlange kam zum Stillstand, während der Humorist das Dargebotene gehorsam verschlang. Wiederholungstäterinnen ermutigte er ungeniert.

»Ich traf eine Dame, die ich erst kurz zuvor am Vassar College gesehen hatte«, sagte er, als er eine Vassar-Hand hielt, »und stellte fest, dass ich die Dinge völlig neu sortieren musste, denn inzwischen ist sie Großmutter. Vielleicht treffe ich gerade einige ihrer Enkelinnen. Es ist ein furchtbares Durcheinander, wissen Sie.«

Einige von ihnen erklärten, ihr ganzes Leben auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Eine flüsterte im Vorübergehen:

»Ich muss doch nichts sagen, oder?«

»Nein«, erwiderte Mr. Clemens, »in diesen Dingen bin ich selber schüchtern.«

»Wollen Sie nicht die Geschichte vom Blauhäher erzählen?«

»Ich bin mit Tom Sawyer aufgewachsen.«

»Wollen Sie nicht noch ein Buch wie Der Prinz und der Bettelknabe für uns schreiben?« Das waren einige der Sätze, die auf ihn einprasselten.

Ein Hauch Natur

Doch das Beste war die kleine Studienanfängerin, die mit tanzenden Augen auf ihn zustürzte, ihm einen festen Händedruck gab und fragte:

»Sagen Sie, war da Eiscreme drin? – Die schmecken vorzüglich.«

Als Mark Twain ihnen ein »Garn« zu spinnen versprach, wurde ein kleines Podest herbeigeschafft.

»Aber ich brauche einen Stuhl«, sagte er. »Ich kann ja gar nicht sehen, was Sie da draußen treiben.«

Ein Dutzend Hände streckten sich ihm entgegen, um ihm hinaufzuhelfen, und er erzählte die Geschichte von Twichell und ihm, als er dreieinhalb Stunden lang nach einer verlorenen Socke suchte – in der Wüste eines deutschen Schlafzimmers, »einer modernen Sahara gleich«.

Dann setzte er sich auf seinen Stuhl, und die Mädchen gruppierten sich zu seinen Füßen.

Es ist offenkundig, dass dieser Reporter dabei war. Er sah nicht alles, und er hörte nicht alles, aber er sah und hörte den Großteil der Veranstaltung und sah und hörte mit beträchtlicher Genauigkeit. Er hat recht, wenn er schreibt, ich sei süchtig nach College-Mädchen. Es war nie anders. Übrigens beweist Susys Biographie, dass es schon vor mehr als zwanzig Jahren so war. Sogar noch früher, wie das Smith College bezeugen kann. Die Vassar-Episode wurde von dem alten Ziegenbock beeinträchtigt, der damals dort Präsident war, doch den lieblichen Anblick der Vassar-Mädchen an jenem ebenso reizenden wie teuflischen Tag wird nichts je beeinträchtigen können. Es war ein lieblicher Anblick, und die Erinnerung daran wird nicht schwinden.

Vorgestern drängte sich ganz Vassar, alt und neu, im Hudson Theatre, und ich war dabei. Anlass war eine von Vassar und dessen Freunden ausgerichtete Benefizveranstaltung zugunsten armer Studentinnen, die dabei unterstützt werden sollten, die Collegekurse zu durchlaufen. Mir war nicht bewusst, dass ich Bestandteil der Veranstaltung sein sollte, und als ich es herausfand, trat mir in meiner Verzweiflung eine höchst unangenehme Schamröte ins Gesicht. In Wahrheit waren Verzweiflung und Schamröte künstlich hergestellt, denn im Grunde genommen freute ich mich. Als mich die Damen, nachdem die Darbietung vorüber war, durch den Saal zur Bühne geleiteten, war ich so verlegen, dass mich alle bewunderten, und das rührte mich. Ich tue derlei Dinge mit einer Kunstfertigkeit, die selbst erfahrene und abgebrühte Zyniker hinters Licht führt. Es hat lange gedauert und mir viel Übung abverlangt, mich in dieser Kunstfertigkeit zu vervollkommnen, aber es war der Mühe wert. Sie macht mich zu dem einnehmendsten alten Ding, das sich je unter vertrauensselige Mädchen begeben hat. Auf der Bühne hielt ich einen ein- bis zweistündigen Empfang ab, und ganz Vassar, alt und neu, schüttelte mir die Hand. Einige der Neuen waren zu schön für Worte, und zu ihnen war ich sehr freundlich. Ich hoffte so sehr, jemand würde mir einen Kuss für meine Mutter geben, wagte aber nicht, es selbst vorzuschlagen. Sobald es jedoch geschah, gab ich mein Bestes, damit es ansteckend wirkte, was mir auch gelang. Es erforderte Kunstfertigkeit, aber die hatte ich vorrätig. Ich schien die Alten und die Neuen so zu nehmen, wie es sich gerade ergab, ohne Unterschied, doch ich wendete das prozentuale Verhältnis zu meinen Gunsten und, wie ich meine, ohne dass jemand Verdacht schöpfte.

In diesem Schwarm begegnete ich mindestens einem halben Dutzend hübscher alter Mädchen wieder, denen ich bereits in ihrer Blüte in Vassar begegnet war, damals, vor so langer Zeit, als Susy und ich dem College einen Besuch abstatteten. Gestern im University Club waren fast alle fünfhundert jung und reizend, unberührt von Sorgen, nicht verblasst vom Alter. Es waren Mädchen von Smith, Wellesley, Radcliffe, Vassar und Barnard zusammen mit etlichen College-Mädchen aus dem Süden, dem Mittleren Westen und der Pazifikküste.

Vor ein paar Wochen hielt ich den Barnard-Mädchen an der Columbia University eine Moralpredigt, und jetzt war es, als befände ich mich unter alten Freundinnen. Es waren Dutzende, viele Dutzende von Barnard-Mädchen, und ich hatte ihnen bereits in Barnard die Hand geschüttelt. Wie schon gesagt, hörte der Reporter gestern viele Dinge, aber es gab etliche, die er nicht hörte. Ein süßes Geschöpf wollte mir etwas ins Ohr flüstern, und ich war durchaus nicht abgeneigt. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, hob ihre zierliche Gestalt, indem sie mir ihre samtenen Hände auf die Schultern legte, zu mir herauf und fragte mit ihren Lippen an meinem Ohr: »Wie gefällt es Ihnen, die Schönheit von New York zu sein?« Es war so zutreffend und wohltuend, dass sich mein Gesicht hochrot verfärbte und ich nicht antworten konnte. Das war dem Reporter entgangen.

Zwei Mädchen, eines aus Maine, das andere aus Ohio, waren Enkelinnen von Mitreisenden, die bei der Expedition der »Arglosen im Ausland« vor neununddreißig Jahren mit mir an Bord der Quaker City gewesen waren. Natürlich plauderten wir angenehm. Dann schüttelte mir eine Dame mittleren Alters die Hand und sagte:

»Auf ähnliche Weise, Mr. Clemens, bin auch ich eine alte Freundin von Ihnen, denn eine meiner ältesten und engsten Freundinnen war ebenfalls mit Ihnen an Bord der Quaker City – Mrs. Faulkner.«

Voller Erwartung hatte mein Gesicht zu leuchten begonnen. Der Name blies es aus, als wäre es eine Kerze gewesen. Wie schade, dass die Dame nicht genug Einfühlungsvermögen besaß, um zu erkennen, dass es an der Zeit war, das Thema fallenzulassen und ein anderes zu wählen. Aber nein, sie legte nicht mehr Geistesgegenwart an den Tag, als ich es an ihrer Stelle getan hätte. Damit waren wir schon zwei. Sie war nicht geistesgegenwärtig, und ich konnte ihr nicht beispringen, denn ich war es ebenso wenig. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also sagte sie das Verkehrte. Sie sagte:

»Erinnern Sie sich denn gar nicht an Mrs. Faulkner?«

Und auch ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also sagte ich das Verkehrte. Ich gab preis, dass ich mich an diesen Namen nicht erinnern konnte. Sie geriet ins Wanken. Ich geriet ins Wanken. Keiner von uns wusste noch irgendetwas zu sagen, und die Tatsache, dass wir von einem Gewimmel und Gewusel ungeduldiger junger Zuschauerinnen und Zuhörerinnen umgeben waren, verstärkte unser Dilemma nur noch mehr. Sie tauchte in der Menge unter und verschwand, wobei sie mich ziemlich unbehaglich zurückließ – und wenn mich die Anzeichen nicht völlig trogen, war auch ihr unbehaglich zumute. Ständig kreuzen Leute auf, die mich aus fernster Vergangenheit kennen, und manchmal verhält es sich tatsächlich so, gewöhnlich aber nicht. Dies jedoch ist das erste Mal, dass ich von einem Fahrgast der Quaker City hörte, der das Schiff nie gesehen hatte. Unter den Passagieren der Quaker City gab es keine Mrs. Faulkner.

Donnerstag, 5. April 1906

Miss Mary Lawton die aufgehende Sonne, Ellen Terry die untergehende Sonne  Ellen Terrys Abschiedsbankett zu ihrem fünfzigsten Bühnenjubiläum – Mr. Clemens’ Überseetelegramm – Mr. Clemens hat eine ausgezeichnete neue Idee für ein Theaterstück; Mr. Hammond Trumbull erstickt sie im Keim – Orion Clemens wird nicht zum Sekretär des Staates gewählt – Nach einer Empfehlung von Mr. Camps verspekuliert sich Mr. Clemens – Mr. Camp bietet an, die Ländereien in Tennessee für zweihunderttausend Dollar zu kaufen. Orion lehnt ab – Soeben entdeckt Mr. Clemens, dass ihm von den Ländereien in Tennessee noch tausend Morgen gehören – Orion kommt an die Ostküste, erhält eine Stelle bei der Hartford Evening Post – Nach verschiedenen Geschäftsvorhaben kehrt er nach Keokuk zurück und versucht es mit der Hühnerhaltung

Stehe ich auf dem Rücken der Welt und schaue gen Osten zur aufgehenden Sonne und gen Westen zur untergehenden Sonne? Ist das ein hübsches Bild! Ich frage mich, ob es schon einmal verwendet worden ist. Vermutlich ja. Das meiste, was gesagt wird, ist schon einmal gesagt worden. Eigentlich ist alles, was gesagt wird, schon einmal gesagt worden. Mehr noch, es ist viele Millionen Male gesagt worden. Eine traurige Nachricht für die Menschheit, die neun Nächte in der Woche aufbleibt, um ihre eigene Originalität zu bestaunen. Bislang hat es die Menschheit noch stets vermocht, große Stücke auf sich zu halten, und sie kann Leute, die ihre naive Selbstbeweihräucherung mit Ziegelsteinen bewerfen, gar nicht leiden. In dieser Hinsicht ist sie sehr empfindlich. Neulich formulierte ich als Antwort auf die Anfrage eines Mannes den folgenden Gedanken:

»Das edelste Werk Gottes?« Der Mensch.

»Wer hat’s herausgefunden?« Der Mensch.

Ich fand das sehr treffend und klug, mein Gegenüber allerdings weniger.

Aber ich muss auf den Rücken der Welt zurückkommen und wieder gen Osten und gen Westen schauen, zu diesen Sonnen. Eine von ihnen ist Miss Mary Lawton, eine junge Amerikanerin, die sich die Schauspielkunst selbst beigebracht hat; und wir hoffen und glauben, endlich ihren Durchbruch zu erleben. Wir glauben fest daran, dass sie sich eines Tages einen großen Namen machen wird. Fay Davis, eine berühmte und beliebte Schauspielerin, die gerade in einem anspruchsvollen und beeindruckenden Drama namens – der Name tut nichts zur Sache, ich habe ihn vergessen – die Hauptrolle spielt, möchte sich von dem Stück zurückziehen, sobald eine kompetente Nachfolgerin gefunden ist; auf Daniel Frohmans Anregung hin drahtete ich vor zwei, drei Tagen nach London und fragte Charles Frohman, ob er Miss Lawton erlauben würde, sich an dem Part zu versuchen. Dies ist die Sonne, die offenbar im Begriff steht aufzugehen; die Sonne, die im Begriff steht unterzugehen, ist Ellen Terry, die fünfzig Jahre lang eine Königin der englischen Bühne gewesen ist und am 28. dieses Monats, ihrem fünfzigsten Bühnenjubiläum, von ihr abtreten wird. Sie wird in aller Form abtreten, mit einem großen Festbankett in London, und auf die Bankettteilnehmer wird es diesem Anlass angemessene Überseetelegramme regnen, von ihren alten Freunden in Amerika und aus anderen einstmals fernen Weltgegenden – es gibt keine fernen Weltgegenden mehr. Die amerikanischen Überseetelegramme werden von einem Komitee in New York gesammelt, auf dessen Wunsch hin auch ich das meine zur Verfügung gestellt habe. Diese Dinge per Telegramm zu erledigen, für fünfundzwanzig Cent pro Wort, ist die zeitgemäße Methode und die einzige Methode. Man könnte sie ohne große Unkosten per Post verschicken, aber das hätte keinen Stil. [Im Vertrauen will ich anmerken, dass sie doch per Post verschickt werden – vordatiert, um den Anforderungen zu genügen.]

Das Alter konnte sie nicht welk und die Gewohnheit sie nicht stumpf machen, die Bewunderung und Zuneigung, die ich seit Jahr und Tag für Sie empfinde. In ihrer unverminderten jugendlichen Kraft und Frische lege ich sie Ihnen ehrenvoll zu Füßen.

Sie ist eine reizende Persönlichkeit, genau wie Sir Henry Irving, der kürzlich aus dem Leben schied. Ich lernte die beiden vor vierunddreißig Jahren in London kennen, und von da an standen sie hoch in meiner Achtung und Gunst.

Als ich vorhin das starke Bild über den Rücken der Welt und die aufgehende und die untergehende Sonne einführte und zaghafte Zweifel an der Frische dieses großartigen Bildes äußerte, war meine Zaghaftigkeit das Ergebnis einer Erfahrung, die ich vor einem Vierteljahrhundert machte. Eines Tages explodierte in meinem Kopf ein glänzender Einfall und verstreute mein Hirn auf der ganzen Farm – in jenem Jahr verbrachten wir den Sommer auf der Quarry Farm. Die Explosion düngte die Farm, so dass sie sieben Jahre lang den doppelten Ernteertrag einbrachte. Dieser wunderbare Einfall schien mir die originellste, bemerkenswerteste und elementarste Idee für ein Theaterstück zu sein, die je entwickelt worden war. Ich wollte das Stück sofort niederschreiben und die Welt damit in Erstaunen versetzen; und tatsächlich machte ich mich unverzüglich an die Arbeit. Dann kam mir der Gedanke, dass ich, bevor ich fortfuhr, gut daran täte, mich zu vergewissern, dass mein Einfall wirklich so neuartig war, denn mit der Geschichte des Dramas war ich nicht sonderlich vertraut. Also schrieb ich an Hammond Trumbull in Hartford und fragte ihn, ob der Einfall schon einmal auf die Bühne gebracht worden sei. Hammond Trumbull war damals der gelehrteste Mann in Amerika und in beiden Hemisphären seit Jahren als solcher anerkannt. Ich wusste, dass er alles darüber wissen würde. Ich wartete eine Woche, dann traf seine Antwort ein. Sie bestand aus mehreren großen Seiten Kanzleipapier, die mit Trumbulls kleiner, schöner Handschrift gefüllt waren und nichts weiter enthielten als eine Liste von Titeln der Stücke, in denen mein neuer Einfall Verwendung gefunden hatte, ungefähr in siebenundsechzig Ländern. Ich weiß nicht mehr, wie viele tausend Stücke die Liste umfasste. Ich weiß nur noch, dass Trumbull nicht alle Titel notiert, sondern mir nur einige Kostproben gegeben hatte. Und ich weiß noch, dass das früheste Stück der Aufzählung ein chinesisches war und mehr als zweitausendfünfhundert Jahre alt.

Dieses Bild – auf dem Rücken der Welt zu stehen und der aufgehenden und untergehenden Sonne zuzusehen – ist wirklich imposant, ist wirklich vorzüglich, aber ich verliere das Vertrauen in meine Formulierung. Hammond Trumbull ist tot. Weilte er heute noch unter uns, könnte er mir vermutlich ein paar Ries Papier mit weiteren Kostproben zur Verfügung stellen.

Orion Clemens wird fortgesetzt

Für alle Ämter, die der neue Staat Nevada zu verleihen hatte, gab es mehrere Kandidaten, nur für zwei nicht – US-Senator und Sekretär des Staates. Nye konnte gewiss sein, mit einem Senatorenposten bedacht zu werden, und Orion war der Sekretärsposten so sicher, dass niemand außer ihm für dieses Amt vorgeschlagen wurde. Doch genau an dem Tag, als die Versammlung der Republikanischen Partei ihre Kandidaten nominieren sollte, erlitt er einen seiner Anfälle von Tugendhaftigkeit und lehnte es ab, sich auch nur in die Nähe der Versammlung zu begeben. Man drang in ihn, doch alle Überredungsversuche scheiterten. Er sagte, seine Anwesenheit dort käme einer unlauteren und unstatthaften Einflussnahme gleich, und sollte er nominiert werden, wolle er dieses Kompliment als freiwilliges und unbeflecktes Geschenk überreicht bekommen. Diese Haltung hätte der Sache auch ohne sein weiteres Zutun ein Ende bereitet, doch am selben Tag hatte er noch eine Anwandlung von Tugendhaftigkeit, die das Aus endgültig besiegelte. Seit vielen Jahren besaß er die Angewohnheit, die Religion mit dem Hemd zu wechseln und zugleich seine Ansichten zur Temperenz. Eine Weile war er Abstinenzler und größter Verfechter der Abstinenz, um dann eine Zeitlang die Seiten zu wechseln. Am Tag der Kandidatenaufstellung wechselte er plötzlich von einer freundlichen Haltung dem Whisky gegenüber – was die populäre Haltung war – zum kompromisslosen Abstinenzlertum und versagte sich jeden Tropfen Alkohol. Seine Freunde bettelten und flehten ihn an, doch vergebens. Er konnte nicht dazu überredet werden, über die Schwelle eines Saloons zu treten. Am nächsten Morgen druckte die Zeitung die Liste der nominierten Kandidaten. Sein Name war nicht darunter. Er hatte nicht eine Stimme erhalten.

Sein üppiges Einkommen versiegte, als die Staatsregierung ihre Arbeit aufnahm. Er war ohne Beschäftigung. Etwas musste geschehen. Er stellte sein Rechtsanwaltsschild auf, aber Klienten kamen keine. Es war seltsam. Es war schwer zu erklären. Ich kann es nicht erklären – aber wenn ich des Rätsels Lösung erraten sollte, würde ich mutmaßen, dass er, seiner Veranlagung folgend, beide Seiten eines Falles so sorgfältig und so pflichtbewusst prüfte, dass nach der Mühsal seines Plädoyers weder er noch eine Jury zu sagen gewusst hätten, auf welcher Seite er stand. Ich glaube, ein Klient durchschaute seine Veranlagung, sobald er ihm einen Fall vortrug, beachtete den Warnhinweis und zog seinen Fall rechtzeitig zurück, um sich vor der drohenden Katastrophe zu schützen.

Etwa ein Jahr vor dem Zeitpunkt, von dem ich eben sprach, hatte ich meinen Wohnsitz nach San Francisco verlegt. Eines Tages erhielt ich einen Tipp von Mr. Camp, einem wagemutigen Mann, der dank raffinierter Spekulationen unentwegt große Vermögen machte und sie im Laufe von sechs Monaten dank spekulativer Raffinesse wieder verlor. Camp riet mir, Aktien der Hale & Norcross zu erwerben. Ich kaufte fünfzig Aktien zu dreihundert Dollar das Stück. Ich kaufte auf Kredit und brachte 20 Prozent selbst auf. Damit waren meine Mittel erschöpft. Ich schrieb Orion, bot ihm die Hälfte an und bat ihn, mir seinen Anteil an der Kaufsumme zu schicken. Ich wartete und wartete. Er schrieb und versprach mir, sich darum zu kümmern. Der Kurs stieg ziemlich rasch an. Er kletterte höher und höher. Er erreichte tausend Dollar pro Aktie. Er kletterte auf zweitausend, dann auf dreitausend; dann auf das Zweifache dieses Betrags. Das Geld traf nicht ein, aber ich war nicht beunruhigt. Bald nahm der Kurs eine Wendung und begann nach unten zu galoppieren. Ich schrieb mit Nachdruck. Orion erwiderte, er habe das Geld längst geschickt – er habe es ans Occidental Hotel geschickt. Ich erkundigte mich dort. Man beschied mir, es sei nicht da. Um es kurz zu machen, der Aktienkurs sank immer weiter, bis er unter den Preis fiel, den ich dafür gezahlt hatte. Dann begann er den Kredit aufzufressen, und als ich endlich ausstieg, war ich finanziell ruiniert.

Als es zu spät war, fand ich heraus, was mit Orions Geld passiert war. Jeder andere Mensch hätte einen Scheck geschickt, er aber schickte Gold. Der Hotelangestellte schloss es in den Safe ein und fuhr in Urlaub, und die ganze Zeit über ruhte es in diesem Safe und genoss zweifellos seine verhängnisvolle Arbeit. Ein anderer als Orion hätte vielleicht daran gedacht, mir mitzuteilen, dass das Geld nicht in einem Briefumschlag stecke, sondern in einem Expresspaket, ihm aber kam das nicht in den Sinn.

Später gab mir Mr. Camp eine zweite Chance. Er erklärte sich bereit, unsere Ländereien in Tennessee für zweihunderttausend Dollar zu kaufen, einen Teil der Summe in bar zu bezahlen und den Rest in langfristigen Schuldscheinen. Sein Plan war, aus traubenzüchtenden und weinanbauenden Gegenden Europas Ausländer zu importieren, sie auf den Ländereien anzusiedeln und diese in ein Weinbaugebiet zu verwandeln. Er wusste, was Mr. Longworth von Tennessee-Trauben hielt, und das genügte ihm. Da Orion einer von drei Erben war, schickte ich ihm die Verträge und andere Dokumente zur Unterschrift. Aber sie trafen zu einem schlechten Zeitpunkt ein – sogar zu einem in doppelter Hinsicht schlechten Zeitpunkt. Die Tugendhaftigkeit des Temperenzlers hatte ihn vorübergehend fest im Griff, und er schrieb und teilte mir mit, dass er sich nicht daran beteiligen werde, die Nation mit Wein zu korrumpieren. Außerdem fragte er, woher er denn wissen solle, ob Mr. Camp diese armen Leute aus Europa auch anständig und ehrlich behandeln werde – und so machte er, ohne abzuwarten und es herauszufinden, den ganzen Handel zunichte, und der Plan zerschlug sich, um nie wieder zum Leben erweckt zu werden. Das Land, das plötzlich zweihunderttausend Dollar wert gewesen war, war ebenso plötzlich wieder so viel wert wie zuvor – nichts, und dazu waren noch Steuern zu entrichten. Einige Jahre hatte ich die Steuern entrichtet und andere Unkosten getragen, damals aber ließ ich die Finger von den Ländereien in Tennessee, und seitdem habe ich mich, weder pekuniär noch anderweitig, je wieder für sie interessiert – bis gestern.

Bis gestern nahm ich an, dass Orion noch den letzten Morgen verschleudert hatte, und das entsprach auch seinem eigenen Eindruck. Gestern jedoch traf ein Gentleman aus Tennessee ein und brachte eine Landkarte mit, die zeigte, dass uns von den hunderttausend Morgen, die uns mein Vater, als er 1847 starb, vermacht hatte, nach einer Korrektur der alten Feldvermessungen noch tausend Morgen von einem Kohlenabbaugebiet gehörten. Der Gentleman brachte einen Vorschlag mit, außerdem einen achtbaren und vermögenden Bürger New Yorks. Der Vorschlag bestand darin, dass der Gentleman aus Tennessee das Land verkaufen würde; dass der Gentleman aus New York sämtliche Unkosten übernehmen und sämtliche Prozesse abwehren würde, sollte es zu welchen kommen, und dass von den sich daraus ergebenden Erlösen der Gentleman aus Tennessee ein Drittel, der Gentleman aus New York ein Drittel und Sam Moffett, seine Schwester (Mrs. Charles L. Webster) und ich – die überlebenden Erben – das verbleibende Drittel erhalten würden.

Diesmal hoffe ich, dass wir die Ländereien in Tennessee ein für alle Mal loswerden und nie wieder etwas davon hören.

Im Januar 1867 kam ich an die Ostküste. Orion blieb noch ungefähr ein Jahr in Carson City. Dann verkaufte er sein Zwölftausend-Dollar-Haus und sein Mobiliar mit etwa 60 Prozent Preisnachlass für dreitausendfünfhundert in Dollar-Scheinen. Er und seine Frau schifften sich erster Klasse nach New York ein. In New York stiegen sie in einem teuren Hotel ab; erkundeten auf kostspielige Weise die Stadt; dann flohen sie nach Keokuk und trafen dort fast genauso mittellos ein, wie sie im Juli 61 von da fortgezogen waren. 1871 oder 72 kamen sie nach New York. Irgendwo mussten sie schließlich hin. Seit er von der Pazifikküste eingetroffen war, hatte Orion versucht, sich seinen Lebensunterhalt mit Rechtsgeschäften zu verdienen, hatte aber nur zwei Fälle an Land ziehen können. Diese wollte er zunächst gebührenfrei übernehmen – und den möglichen Ausgang werden wir nie erfahren, da sich die Parteien in beiden Fällen außergerichtlich einigten, ohne seine Hilfe.

Ich hatte meiner Mutter ein Haus in Keokuk gekauft. Jeden Monat gab ich ihr eine festgesetzte Summe und Orion eine weitere festgesetzte Summe. Sie alle wohnten gemeinsam in dem Haus. In der Setzerei der Gate City (einer Tageszeitung) hätte Orion so viel Arbeit haben können, wie er wollte, und zu gutem Lohn, aber seine Frau war Gattin eines Gouverneurs gewesen und konnte eine solche Degradierung nicht zulassen. In ihren Augen war es besser, von Almosen zu leben.

Aber wie gesagt, sie kamen an die Ostküste, und Orion fand für zehn Dollar die Woche eine Stelle als Korrektor der New York Evening Post. Sie bezogen ein einziges kleines Zimmer, in dem sie kochten und von selbigem Geld lebten. Wenig später kam Orion nach Hartford und wollte, dass ich ihm eine Stelle als Reporter einer Hartforder Zeitung verschaffte. So bot sich die Chance, wieder einmal meine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme auszuprobieren, und das tat ich denn auch. Ich schickte ihn ohne Empfehlungsschreiben zur Hartford Evening Post, wo er sich anbieten sollte, zu putzen und zu fegen und unentgeltlich alles Mögliche zu erledigen, unter dem Vorwand, kein Geld, sondern lediglich Arbeit zu brauchen, nur danach sehne er sich. Binnen sechs Wochen war er für zwanzig Dollar die Woche in der Redaktion dieser Zeitung angestellt und das Geld allemal wert. Bald wollte ihn eine andere Zeitung für einen höheren Lohn abwerben, ich aber sorgte dafür, dass er zu den Leuten von der Post ging und ihnen davon erzählte. Sie boten ihm dieselbe Gehaltserhöhung und konnten ihn halten. Es war der sicherste Hafen, in den er je in seinem Leben eingelaufen war. Es war ein ruhiger, in jeder Hinsicht komfortabler Ankerplatz. Aber das Unheil nahm seinen Lauf. Es musste böse enden.

In Rutland, Vermont, wollte eine Aktiengesellschaft wohlhabender Politiker eine neue republikanische Tageszeitung gründen und trug ihm für dreitausend im Jahr den Chefredakteursposten an. Er war erpicht darauf, zu akzeptieren. Seine Frau war ebenso erpicht darauf – nein, zweimal so erpicht, dreimal so erpicht. All mein Flehen und Argumentieren war vergeblich. Ich sagte:

»Du bist nachgiebig wie Wasser. Diese Leute werden dich sofort durchschauen. Sie werden mühelos erkennen, dass du kein Rückgrat hast; dass sie mit dir umspringen können wie mit einem Sklaven. Vielleicht hältst du’s sechs Monate durch, länger aber nicht. Sie werden dich nicht entlassen, wie sie einen Gentleman entlassen würden; sie werden dich hinauswerfen, wie sie einen dahergelaufenen Landstreicher hinauswerfen würden.«

Genau so kam es. Er und seine Frau zogen einmal mehr in jenes immer wieder behelligte gutmütige Keokuk. Von dort schrieb Orion, er werde seine Rechtsgeschäfte nicht wiederaufnehmen; er sei der Meinung, seine Gesundheit brauche frische Luft, eine Tätigkeit unter freiem Himmel; sein alter Schwiegervater besitze einen Streifen Land an der Flussgrenze, eine Meile oberhalb von Keokuk, mit einer Art Haus darauf, und er habe den Plan, das Grundstück zu erwerben, eine Hühnerfarm zu gründen und Keokuk mit Hühnern und Eiern zu versorgen, vielleicht auch mit Butter – aber ich weiß nicht recht, ob man auf einer Hühnerfarm Butter züchten kann. Er sagte, für dreitausend Dollar in bar wäre das Grundstück seines, und ich schickte ihm das Geld. Er fing an, Hühner zu halten, und schrieb mir jeden Monat detaillierte Berichte, aus denen hervorging, dass er in Keokuk zwei Hühner für eineinviertel Dollar an den Mann bringen konnte. Ebenso ging daraus hervor, dass es einen Dollar und sechzig Cent kostete, die beiden heranzuziehen. Orion schien das nicht zu entmutigen, und so ließ ich es dabei bewenden. Unterdessen lieh er sich von mir regelmäßig hundert Dollar im Monat, Monat für Monat, was sein unnachgiebiges und unbeugsames Geschäftsgebaren demonstrierte – und auf seine ausgeprägte Geschäftstüchtigkeit war er mächtig stolz: Sobald er zu Beginn des Monats das Darlehen von hundert Dollar erhalten hatte, schickte er mir jedes Mal einen Schuldschein über diesen Betrag sowie über, zusätzlich aus diesem Geld, drei Monate Zinsen auf selbige hundert Dollar zu 6 Prozent per annum, und alle drei Monate gab es diese Schuldscheine. Natürlich bewahrte ich sie nicht auf. Sie waren für niemanden von Wert.

Wie gesagt, er schickte mir stets eine detaillierte Schilderung der monatlichen Gewinne und Verluste, die ihm die Hühner eingebracht hatten – oder zumindest der monatlichen Verluste, die ihm die Hühner eingebracht hatten –, und in dieser detaillierten Schilderung tauchten auch die verschiedenen Ausgabenposten auf – Getreide für die Hühner, ein Hütchen für die Frau, Stiefel für sich selbst und so weiter; sogar Fahrtkosten und ein wöchentlicher Beitrag in Höhe von zehn Cent zur Unterstützung der Missionare, die versuchten, die Chinesen in die Hölle zu verdammen nach Maßgabe eines Plans, der diesem Volk nicht behagte. Erst als ich unter all diesen Details schließlich auf fünfundzwanzig Dollar Miete für eine Kirchenbank stieß, griff ich durch. Ich riet ihm, die Religion zu wechseln und die Kirchenbank abzustoßen.

Freitag, 6. April 1906

Mr. Clemens’ derzeitiges Haus wegen Abwesenheit von Sonnenschein unzulänglich – Mr. Clemens begegnet Etta am Washington Square – Erinnert sich an den Ballsaal in Virginia City vor vierundvierzig Jahren – Orion wird fortgesetzt; erfindet Holzsägemaschine; erfindet Dampfkanalboot; sein lustiges Erlebnis in der Badewanne – Bill Nyes Geschichte – Orions Autobiographie – Sein Tod

Dieses Haus ist die Nr. 21 Fifth Avenue und steht Ecke 9. Straße, nur wenige hundert Meter vom Washington Square entfernt. Es wurde vor fünfzig oder sechzig Jahren von Renwick, dem Architekten der römisch-katholischen Kathedrale, erbaut. Es ist groß, und jedes Stockwerk verfügt über angenehm geräumige Zimmer. Vor etwas mehr als einem Jahr nahmen Clara und Katy (die Haushälterin) es in Augenschein, und es gefiel ihnen ausgesprochen gut. Sie nahmen es nicht oberflächlich in Augenschein, sondern sie nahmen jedes Detail in Augenschein, und je genauer sie es unter die Lupe nahmen, desto besser gefiel es ihnen. Nun war es an mir, zu handeln, und statt das Haus für ein Jahr zu mieten, mit der Option auf ein, zwei weitere Jahre, mietete ich es für drei und unterschrieb den Vertrag. Wir brachten die Möbel her, dann zogen wir selbst ein und machten alsbald eine Entdeckung. Es gab im ganzen Haus nicht ein Fenster, weder auf der Stirnseite zur Fifth Avenue noch auf der Längsseite zur 9. Straße, das je erfahren hätte, was ein Sonnenstrahl ist. Es war eine böse Sache, und es war zu spät, um den Fehler zu beheben. Das gesamte Haus liegt zu jeder Jahreszeit im Schatten, außer im Hochsommer. Dann scheint zwar die Sonne hinein, da sich um diese Zeit des Jahres aber nie jemand im Hause aufhält, ist das kein Vorzug.

In diesem Haus kann niemand gedeihen. Unser Verweilen hier nützt niemandem außer den Ärzten. Sie scheinen ununterbrochen anwesend zu sein. Wir müssen ausziehen und ein Haus mit etwas Sonnenschein finden.

Gestern ging ich zum Washington Square und wandte mich nach links, um mir ein Haus anzusehen, das an der Ecke Washington Square und University Place steht. Ich trat an den Rand des Square, um einen Blick auf die Vorderfront des Hauses zu werfen. Als ich die Straße überquerte, begegnete ich einer Frau und merkte, dass sie mich erkannte, und auch mir kam etwas in ihrem Gesicht bekannt vor. Ich hatte das instinktive Gefühl, sie würde kehrtmachen, mir folgen und mich ansprechen, und mein Gefühl trog mich nicht. Es war eine dicke kleine Frau mit einem gütigen, freundlichen, aber alten und reizlosen Gesicht, und sie hatte weißes Haar und war ordentlich, aber ärmlich gekleidet. Sie fragte:

»Sind Sie nicht Mr. Clemens?«

»Jawohl«, antwortete ich, »der bin ich.«

Sie fragte: »Wo ist Ihr Bruder Orion?«

»Tot«, antwortete ich.

»Wo ist seine Frau?«

»Tot«, antwortete ich und fügte hinzu: »Ich glaube, ich kenne Sie, komme aber nicht darauf, woher.«

Sie fragte: »Erinnern Sie sich noch an Etta Booth?«

Ich hatte in meinem Leben nur eine Etta Booth gekannt, und diese eine stieg im Nu in aller Deutlichkeit vor mir auf. Es war fast so, als stünde sie direkt neben diesem dicken kleinen, antiquierten Madamchen, in der Blüte, Schüchternheit und Lieblichkeit ihrer dreizehn Jahre, das Haar lag ihr in geflochtenen Zöpfen auf dem Rücken, und ihr feuerrotes Kleid endete knapp über den Knien. Tatsächlich konnte ich mich an Etta sehr gut erinnern. Und sogleich stieg eine andere Vision vor mir auf, im Mittelpunkt jenes Kind, das die nüchterne Farbe meiner Vision mit seinem roten Kleid wie eine Fackel erhellte. Aber es war keine ruhige Vision; keine besänftigende. Die Szenerie war ein großer Ballsaal in einem morschen Gebäude in Gold Hill oder Virginia City, Nevada. Anwesend waren zwei-, dreihundert stramme Männer, die nach Herzenslust tanzten. Und inmitten dieses Getümmels wirbelte und blitzte Ettas karmesinrotes Kleid; sie war auf dem Parkett die einzige Tänzerin unter all den Tänzern. Ihre Mutter, groß, korpulent, aber angenehm, saß in einsamer und ehrwürdiger Feierlichkeit lächelnd auf einer Bank an der Wand und betrachtete die Festivität mit abgeklärter Genugtuung. Sie und Etta waren im Saal die einzigen Vertreterinnen ihres Geschlechts. Die Hälfte der Männer repräsentierten Damen, und um den linken Arm hatten sie ein Taschentuch gebunden, damit sie von den Männern unterschieden werden konnten. Ich tanzte nicht mit Etta, denn ich war selbst eine Dame. Ich trug einen Revolver am Gürtel, genau wie all die anderen Damen auch – und die Herren ohnehin. Es war ein düsterer alter Schuppen von einem Saal, erhellt von einem Ende bis zum anderen durch Talgkerzen auf Leuchtern aus Fassreifen, die von der Decke baumelten, und auf uns alle tropfte das Fett herab. Das war zu Beginn des Winters 1862. Vierundvierzig Jahre hat es gedauert, bis Etta wieder meine Umlaufbahn kreuzte.

Ich erkundigte mich nach ihrem Vater.

»Tot«, antwortete sie.

Ich erkundigte mich nach ihrer Mutter.

»Tot«, antwortete sie.

Eine weitere Frage förderte zutage, dass sie seit langem verheiratet war, aber keine Kinder hatte. Wir reichten uns die Hand und trennten uns. Sie ging drei, vier Schritte, dann kehrte sie um und kam zurück, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie sagte:

»Ich bin fremd hier und weit weg von meinen Freunden – eigentlich habe ich kaum noch Freunde. Fast alle sind tot. Ich muss Ihnen meine Neuigkeit anvertrauen. Ich muss sie jemandem anvertrauen. Ich kann sie nicht allein ertragen, solange sie so frisch ist. Soeben hat mir der Arzt mitgeteilt, dass mein Mann nur noch kurze Zeit zu leben hat, und mir wäre nicht im Traum eingefallen, dass es so schlimm um ihn steht.«

Orion wird fortgesetzt

Ich glaube, das Geflügelexperiment dauerte etwa ein Jahr, möglicherweise zwei Jahre. Inzwischen hatte es mich sechstausend Dollar gekostet. Ich habe den Eindruck, dass Orion die Farm nicht selbst weggeben konnte, sondern sein Schwiegervater sie in einem freundlichen Akt der Selbstaufopferung zurücknahm.

Orion wandte sich abermals den Rechtsgeschäften zu, und ich denke, in dieser Tretmühle blieb er, mit Unterbrechungen, das nächste Vierteljahrhundert, aber soweit meine Kenntnisse reichen, war er nur dem Namen nach Anwalt und hatte keine Klienten.

Im Sommer 1890, in ihrem achtundachtzigsten Jahr, starb meine Mutter. Sie hatte etwas Geld gespart, das sie mir vererbte, da es von mir gekommen war. Ich gab es Orion, und er sagte voller Dankbarkeit, ich hätte ihm lange genug unter die Arme gegriffen, jetzt werde er mich von dieser Last entbinden, mehr noch, er hoffe, mir einige meiner Auslagen zurückzahlen zu können, vielleicht sogar alle. Folglich schickte er sich an, das Geld für den Bau einer beträchtlichen Erweiterung des Hauses zu verwenden in der Absicht, zahlende Gäste aufzunehmen und reich zu werden. Wir brauchen auf dieses Unterfangen nicht näher einzugehen. Es misslang ihm wie so viele andere. Seine Frau tat ihr Bestes, den Plan zum Erfolg zu führen, und wenn ihn überhaupt jemand hätte zum Erfolg führen konnen, dann sie. Sie war eine gute Frau und sehr beliebt. Ihre Eitelkeit war ziemlich ausgeprägt und lästig, doch besaß sie auch eine praktische Seite, und so hätte sie die Pension durchaus einträglich gemacht, hätten sich nicht die Umstände gegen sie verschworen.

Orion verfolgte noch andere Projekte, um mich zu entschädigen, doch da sie stets Kapital erforderten, hielt ich mich heraus, und sie fanden keine Verwirklichung. Einmal wollte er eine Zeitung gründen. Es war eine grauenvolle Idee, und mit fast ungehobelter Promptheit machte ich ihr den Garaus. Dann erfand er eine Holzsägemaschine, die er selbst zusammenbastelte, und tatsächlich konnte er Holz damit sägen. Sie war raffiniert; sie war leistungsstark; und sie hätte ihm ein hübsches kleines Vermögen eingebracht; doch wieder einmal funkte die Vorsehung genau zum falschen Zeitpunkt dazwischen. Als Orion ein Patent beantragen wollte, fand er heraus, dass die gleiche Maschine bereits patentiert worden und erfolgreich in Produktion gegangen war.

Bald darauf lobte der Staat New York einen mit fünfzigtausend Dollar dotierten Preis für eine praktikable Methode aus, den Eriekanal mit dampfbetriebenen Kanalbooten zu befahren. Orion arbeitete zwei oder drei Jahre an diesem Projekt, ersann und vervollkommnete eine Methode und war wieder einmal bereit, die Hand auszustrecken und sich des zum Greifen nahen Reichtums zu bemächtigen, als jemand auf einen Mangel aufmerksam machte: Im Winter konnte sein dampfbetriebenes Kanalboot nicht genutzt werden, und im Sommer würde die von seinen Rädern aufgewühlte Gischt den Staat New York zu beiden Seiten fortschwemmen.

Zahllos waren Orions Projekte zur Beschaffung von Geldmitteln, um seine Schulden bei mir zu begleichen. Diese Projekte erstreckten sich über die nachfolgenden dreißig Jahre, schlugen aber jedes Mal fehl. Im Laufe dieser dreißig Jahre bekleidete er dank seiner bewährten Ehrlichkeit Vertrauensposten, wo es darum ging, das Geld anderer zu verwahren, ohne dass ihm ein Gehalt gezahlt wurde. Er wurde Schatzmeister sämtlicher Wohltätigkeitseinrichtungen; er verwahrte das Geld und anderes Vermögen von Witwen und Waisen; nie verlor er einen fremden Cent, und nie verdiente er einen eigenen. Jedes Mal, wenn er die Religion wechselte, freute sich die Kirche seines neuen Glaubens, dass sie ihn zu den ihren zählen durfte; auf der Stelle ernannte sie ihn zum Schatzmeister, und auf der Stelle bereitete er dem Amtsmissbrauch und den undichten Stellen in dieser Kirche ein Ende. Er legte eine Fähigkeit an den Tag, seine politische Couleur zu wechseln, die die gesamte Gemeinde in Erstaunen versetzte. Einmal trug sich die folgende kuriose Begebenheit zu, und er selbst war es, der mir davon schrieb.

Eines Morgens erwachte er als Republikaner, und er nahm die Einladung an, noch am selben Abend auf einer republikanischen Massenversammlung eine Wahlrede zu halten. Er bereitete die Rede vor. Nach dem Mittagessen wurde er Demokrat und willigte ein, sich unzählige aufregende Parolen auszudenken, die auf die Transparente gemalt werden sollten, die die Demokraten bei ihrem Fackelumzug am selben Abend tragen würden. Des Nachmittags formulierte er diese jauchzenden demokratischen Parolen, und sie nahmen seine Zeit derart in Anspruch, dass es Abend wurde, bevor er Gelegenheit hatte, seine politischen Anschauungen abermals zu wechseln; so hielt er unter freiem Himmel tatsächlich eine aufrüttelnde republikanische Wahlrede, während zur Freude aller anwesenden Zeugen seine demokratischen Transparente an ihm vorüberzogen.

Er war ein höchst seltsames Geschöpf – aber trotz seiner Verschrobenheit war er sein ganzes Leben lang beliebt, in welcher Gemeinde auch immer er lebte. Und er genoss hohes Ansehen, denn im Grunde war er ein Pfundskerl.

Wann immer er Gelegenheit hatte, sich in eine lächerliche Lage zu bringen, erwies er sich dafür als ungemein kompetent. Als er und seine Frau in Hartford lebten und er in der Redaktion der Evening Post arbeitete, waren sie Kostgänger in einem Haus, das von netten, nicht eben bemittelten Männern und Frauen wimmelte. Es gab dort ein Badezimmer, das sich die ganze Sippschaft teilte, und eines Sonntagnachmittags, als die übrigen Hausbewohner in friedlichen Schlaf versunken waren, wollte Orion ein Bad nehmen, und diese Idee brachte er mehr oder weniger erfolgreich zur Ausführung. Nur die Tür schloss er nicht ab. Er hatte die Angewohnheit, bei sommerlichem Wetter die langgestreckte Badewanne fast bis zum Rand mit kaltem Wasser volllaufen zu lassen, dann hineinzusteigen und kniend die Nase auf den Wannenboden zu drücken und ein paar Minuten in dieser angenehmen Stellung zu verharren. Ein Zimmermädchen kam herein, um gleich wieder hinauszustürzen und kreischend durchs Haus zu laufen:

»Mr. Clemens ist ertrunken!«

Alles kam aus den Türen geflogen, und Mrs. Clemens hastete herbei und rief in höchster Pein:

»Woher wissen Sie, dass es Mr. Clemens ist?«

Und das Zimmermädchen antwortete: »Ich weiß es ja gar nicht.«

Das erinnert mich an Bill Nye, den armen Kerl – diesen echten Humoristen, diese sanfte, gute Seele. Nun, er ist tot. Friede seiner Asche. Er war der kahlste Mensch, den ich je gesehen habe. Sein ganzer Schädel glänzte hell. Wie eine Kuppel, auf die die Sonne blitzt. Nye besaß nicht eine einzige Haarfranse. Einmal bekundete jemand seine Verwunderung über diese außergewöhnliche Kahlköpfigkeit.

»Oh«, sagte er, »das ist noch gar nichts. Sie sollten mal meinen Bruder sehen. Eines Tages ging er auf einem Fährschiff über Bord, und als er wieder auftauchte, wurde der Tumult erschrockener und besorgter Schreie von einer hohen Frauenstimme übertönt, die rief: ›Sie schamloser Kerl! Und das in Gegenwart von Damen! Hinab mit Ihnen, und kommen Sie andersherum wieder hoch.‹«

Vor rund fünfundzwanzig Jahren – so in etwa – schlug ich Orion vor, eine Autobiographie zu verfassen. Ich forderte ihn zu dem Versuch auf, die unverhüllte Wahrheit zu schreiben; davon abzusehen, sich ausschließlich in rühmlichen Posen zu präsentieren, und sämtliche Vorkommnisse seines Lebens, die er interessant gefunden hatte, ehrlich aufzuzeichnen, einschließlich jener, die in sein Gedächtnis eingebrannt waren, weil er sich ihrer schämte. Ich sagte, das sei noch nie bewerkstelligt worden, und falls er es zuwege brächte, wäre seine Autobiographie ein höchst wertvolles Stück Literatur. Ich sagte, ich trüge ihm eine Aufgabe an, der ich in meinem Fall nicht nachkommen könne, aber ich hätte die Hoffnung, dass sie ihm glücken würde. Inzwischen erkenne ich, dass ich versucht habe, ihm ein Ding der Unmöglichkeit aufzubürden. Seit drei Monaten diktiere ich täglich diese meine Autobiographie; mir sind fünfzehnhundert oder zweitausend Vorkommnisse in meinem Leben eingefallen, deren ich mich schäme, doch nicht einem davon habe ich das Einverständnis abringen können, sich zu Papier bringen zu lassen. Ich denke, der Vorrat wird selbst dann noch unangetastet und ungeschmälert sein, wenn ich diese Memoiren abgeschlossen habe, falls ich sie jemals abschließen werde. Ich glaube, selbst wenn ich alle oder auch nur eines dieser Vorkommnisse festhielte, würde ich sie ganz sicher wieder streichen, wenn ich darangehe, dieses Buch zu überarbeiten.

Orion schrieb seine Autobiographie und schickte sie mir zu. Aber meine Enttäuschung war groß; und meine Verärgerung ebenso. Unablässig machte er einen Helden aus sich, genau wie ich es getan hätte, und wie ich es jetzt tue, und unablässig vergaß er, jene Episoden einzufügen, die ihn in einem unheroischen Licht hätten erscheinen lassen. Mir waren etliche Vorkommnisse aus seinem Leben bekannt, die entschieden und schmerzhaft unheroisch waren, doch wenn ich in seiner Autobiographie auf sie stieß, hatten sie die Farbe geändert. Sie waren auf den Kopf gestellt und zu Dingen geworden, auf die man maßlos stolz sein konnte. In meiner Unzufriedenheit vernichtete ich einen beträchtlichen Teil der Autobiographie. Allerdings hat Miss Lyon in den Überbleibseln Passagen entdeckt, die sie interessant findet, und im weiteren Fortgang werde ich hier und da und dann und wann daraus zitieren.

Als wir 1898 in Wien lebten, traf ein Überseetelegramm aus Keokuk ein, das uns Orions Tod anzeigte. Er war zweiundsiebzig Jahre alt. In den frühen Morgenstunden eines bitterkalten Dezembertags war er in die Küche hinuntergegangen; er hatte Feuer gemacht und sich an den Tisch gesetzt, um etwas aufzuschreiben, und so war er gestorben, in der Hand den Bleistift, der mitten in einem angefangenen Wort auf dem Papier ruhte – ein Hinweis darauf, dass seine Entlassung aus der Gefangenschaft eines langen, sorgenreichen, kläglichen, unergiebigen Lebens gnädigerweise schnell und schmerzlos erfolgt war.

Montag, 9. April 1906

Brief eines französischen Mädchens einschließlich einer Depesche über Huckleberry Finn Der Juggernaut Club – Brief eines Bibliothekars der Brooklyn Public Library zu Huckleberry Finn und Tom Sawyer – Mr. Clemens’ Antwort – Eine Unmenge von Reportern versucht den Inhalt des Briefes zu erfahren

Aus Frankreich bringt mir die Morgenpost den Brief einer französischen Freundin, dem die folgende New Yorker Depesche beiliegt.

MARK TWAIN INTERDIT

NEW-YORK, 27 mars. (Par dépêche de notre correspondant particulier.) – Les directeurs de la bibliothèque de Brooklyn ont mis les deux derniers livres de Mark Twain à l’index pour les enfants au-dessous de quinze ans, les considérant comme malsains.

Le célèbre humoriste a écrit à des fonctionnaires une lettre pleine d’esprit et de sarcasme. Ces messieurs se refusent à la publier, sous le prétexte qu’ils n’ont pas l’autorisation de l’auteur de le faire.

Der Brief stammt von einem französischen Mädchen, das in St. Dié lebt, in der Heimatregion Jeanne d’Arcs. Ich habe dieses französische Mädchen nie gesehen, aber vor etwa fünf Jahren schrieb sie mir zum ersten Mal, und seitdem wechseln wir drei-, viermal im Jahr freundliche Briefe. Sie unterschreibt mit Hélène Picard, französisches Mitglied. »Französisches Mitglied« wird besser zu verstehen sein, wenn ich den Ausdruck erklärt habe. Er bezieht sich auf den Juggernaut Club. Den Juggernaut Club habe ich erfunden. Ich bin das einzige männliche Mitglied. Kein anderer Angehöriger meines Geschlechts ist zur Mitgliedschaft berechtigt. Mein bescheidener Titel ist Oberdiener des Juggernaut Club – aber das ist ziemlich irreführend. Ich bin der eigentliche Chef. Ich bin die Macht hinter dem Thron, auf dem Thron und vor dem Thron, und kein Bündnis kommt gegen mein Votum an. Ohnehin ist die Wahl geheim. Niemand außer mir weiß, wer für wen stimmt. Es macht einen Heidenspaß. Irgendwo habe ich die Satzung, aber im Moment kann ich das Dokument nicht finden. Es gibt mehrere Mitglieder, und diese mehreren Mitglieder mache ich glauben, dass der Club mindestens zwei Dutzend Mitglieder umfasst. Eine der strengsten Regeln lautet, dass es in jedem Land nur ein Mitglied geben darf, niemals zwei. Dieses Mitglied repräsentiert das betreffende Land bis zu seinem Tod. Es kann nicht austreten, und es kann nicht ausgeschlossen werden. Das französische Mädchen hält sich auf seine bedeutende, ja exklusive Position als Repräsentantin Frankreichs ungemein viel zugute, und meist unterschreibt sie nicht mit »Mitglied für Frankreich«, überhaupt mit keinem Namen, sondern zeichnet nur mit »Frankreich«. Unter den Mitgliedern befindet sich eine regierende Königin, eine Königin, die noch dazu hochangesehen ist, andernfalls dürfte sie nicht in diesem Club bleiben. Ich bin die einzige Person, die mit dem Club zu tun hat, die den Namen oder den Wohnort aller anderen Clubmitglieder kennt. Meine Frau kannte die Namen und die Länder der Mitglieder, aber das lag daran, dass sie und ich in Wahrheit eine Person waren und es keine Geheimnisse zwischen uns gab. Manchmal war ich diese Person, manchmal war sie diese Person. Manchmal brauchte es uns alle beide, um diese Person zu konstituieren. Als ich das amerikanische Mitglied ernennen wollte, fragte ich meine Frau um Rat, und wiewohl sie kein Mitglied war und über keinerlei Weisungsbefugnis im Club verfügte, legte sie eigenmächtig Einspruch gegen jenes Mädchen ein und ernannte an seiner Stelle ein anderes. Das war Meuterei. Das war Ungehorsam. Das war Usurpation, aber ich musste es dabei bewenden lassen, und so ließ ich es dabei bewenden.

Ich hatte den Club nach Jagannatha benannt, weil ich die aufrichtigste Bewunderung und Verehrung für diesen Gott hegte und ihm meinen Respekt zollen wollte. In christlichen Ländern ist er stets falsch dargestellt worden. Als ich noch ein Junge in der Sonntagsschule war, lehrte man uns, ihn als eine Art heimtückisches und blutrünstiges Monster zu verabscheuen, gleichwohl habe ich, falls es irgendwo einen besseren Gott als Jagannatha geben sollte, noch nicht von ihm gehört. Jede Regung seines Geistes ist gütig, sanft, barmherzig, wunderbar, liebenswert. Pilger aus allen Schichten, von einem Ende Indiens bis zum anderen, suchen seinen Tempel auf, und wenn sie über die Schwelle seines Tempels treten, hören alle Kasten, aller Adel, alles Königliche, alle Ungleichheit, Rang, Stellung, Reichtum vorübergehend auf zu existieren – verschwinden ganz und gar und führen kein Dasein mehr. Der Straßenfeger und der souveräne Fürst, der Ausgestoßene, der Bettelmönch und der Millionär stehen alle auf ein und derselben Stufe und dürfen einander berühren und von demselben Teller essen und aus derselben Tasse trinken, ohne einander zu beflecken. Vorübergehend bilden diese Pilger eine vollkommene Demokratie, die einzige vollkommene Demokratie, die auf Erden jemals existiert hat oder jemals existieren wird. Die anderen Götter würden sich vervollkommnen, wenn sie bei Jagannatha in die Lehre gingen. Nie habe ich ein unterwürfiges Clubmitglied erlebt, mit Ausnahme des amerikanischen.

»Frankreich« schreibt gutes Englisch. Sie beschließt ihren Brief mit diesem Absatz:

Etwas in einer Zeitung, die ich heute Morgen gelesen habe, hat mich sehr überrascht. Ich habe es ausgeschnitten, weil derlei Informationen oft gefälscht sind, und sollte dies der Fall sein, wird mir dieses Stück Papier zur Entschuldigung dienen. Bitte erlauben Sie mir zu lächeln, mein lieber ungesehener FREUND! Ich habe nicht die leiseste Sorge, dass Sie darüber sehr betrübt gewesen sind. – In Frankreich hätte eine solche Maßnahme zur sofortigen Folge, dass jeder im Land diese Bücher kaufen würde, ich – zum Beispiel – werde sie mir besorgen, sobald ich nach Paris komme, in der festen Überzeugung, dass ich sie so zuträglich finden werde wie alles, was Sie geschrieben haben. Ich kenne Ihre Feder gut. Ich weiß, dass sie nie in etwas anderes als saubere, klare Tinte getaucht worden ist.

Ich muss auf die französische Depesche zurückkommen. Der Sachverhalt ist zwar nicht ganz korrekt wiedergegeben, aber doch annähernd. Huck Finn und Tom Sawyer sind keine jüngst entstandenen Bücher. Tom ist über dreißig Jahre alt. Das andere Buch existiert seit nunmehr einundzwanzig Jahren. Als Huck auf der Bildfläche erschien, vor einundzwanzig Jahren, warf ihn die öffentliche Bücherei in Concord, Massachusetts, empört hinaus, teils weil er ein Lügner war, teils weil er nach gründlichem Nachdenken und sorgfältiger Überlegung in einer schwierigen Frage zu dem Entschluss gekommen war, dass er, vor die Alternative gestellt, Jim zu verraten oder zur Hölle zu fahren, lieber zur Hölle fahren wolle – was einer Gotteslästerung gleichkam, die die Puristen von Concord nicht dulden konnten.

Nach diesem Unglück ließ man Huck sechzehn oder siebzehn Jahre in Frieden. Dann warf ihn die öffentliche Bibliothek von Denver hinaus. Seitdem bekam er keine vergleichbaren Scherereien mehr – bis vor vier oder fünf Monaten, will sagen, bis zum vergangenen November. Damals erhielt ich den folgenden Brief.

ZWEIGSTELLE SHEEPSHEAD BAY

BROOKLYN PUBLIC LIBRARY

1657 SHORE ROAD

BROOKLYN-NEW YORK, 19. Nov. 05

Sehr geehrter Herr,

kürzlich nahm ich zufällig an einer Besprechung der für Kinderliteratur zuständigen Bibliothekare der Brooklyn Public Library teil. Im Laufe der Besprechung wurde vorgebracht, in einigen der Lesesäle für Kinder seien Exemplare von Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu finden. Die Leit. der Kinderbuchabt. – eine gewissenhafte und enthusiastische junge Frau – war sehr entrüstet, das zu hören, und ordnete an, sie sofort in die Erwachsenenabteilung zu schaffen. Daraufhin bekannte ich verschämt, Huckleberry Finn meinen wehrlosen Blinden vorgelesen zu haben, ohne Rücksicht auf Alter, Hautfarbe oder früheren Stand als Sklave. Ich erinnerte sie auch an Brander Matthews’ Ansichten über das Buch und erwähnte den Umstand, dass ich es fast auswendig kann, da es mir mehr Vergnügen bereitet hat als jedes andere Buch, das ich gelesen habe, und Lesen ist das größte Vergnügen in meinem Leben. Meine glühende Verteidigung führte zu weiteren Diskussionen und kritischen Beurteilungen, aus denen ich schloss, dass die herrschende Meinung über Huck die ist, dass er ein hinterlistiger Junge sei, der »schwitzen« sagt, wo er »transpirieren« sagen sollte. Letzten Endes lief alles darauf hinaus, dass es Anfang Januar bei einer Besprechung, an der teilzunehmen ich ausdrücklich eingeladen bin, eine weitere Erörterung dieser Bücher stattfinden soll. Als ich Sie neulich bei der Aufführung von Peter Pan sah, kam mir der Gedanke, dass Sie (der Huck so gut kennt wie ich – besser kennen oder inniger lieben können Sie ihn gar nicht) vielleicht gewillt wären, mir mit ein, zwei Worten, die seinen guten Charakter bestätigen, zu Hilfe zu kommen, »trotzdem er selbst nicht von vornehmerem Stand war als ’n Straßenköter«.

Ich möchte Sie um den Gefallen bitten, diese Mitteilung vertraulich zu behandeln, ob Sie nun Zeit finden, zu antworten, oder nicht; denn aus naheliegenden Gründen gebe ich die Einrichtung, von der ich mein Gehalt beziehe, nur ungern der Lächerlichkeit, der Verachtung oder der Anklage preis.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Asa Don Dickinson

(Leiter der Abteilung für Blinde

und der Zweigstelle Sheepshead Bay, Brooklyn Public Library)

Dies war ein sehr privater Brief. Ich kannte seinen Verfasser nicht, glaubte aber, ihn für einen zuverlässigen Mann halten zu dürfen und es wagen zu können, einen recht privaten Antwortbrief abzufassen, darauf vertrauend, dass er den scheußlichen Inhalt nicht durchsickern und in die Zeitungen gelangen lassen würde. Am 21. schrieb ich ihm.

21 Fifth Ave.

21. Nov. 1905

Sehr geehrter Herr:

Über Ihr Schreiben bin ich äußerst beunruhigt. Ich habe Tom Sawyer und Huckleberry Finn ausschließlich für Erwachsene geschrieben, und es quält mich immer, wenn ich feststelle, dass man Jungen und Mädchen Zugang zu ihnen gewährt. Der Geist, der in der Jugend besudelt wird, kann nie wieder reingewaschen werden; das weiß ich aus eigener Erfahrung, und bis auf den heutigen Tag hege ich eine nicht zu besänftigende Bitterkeit gegen die treulosen Hüter meines jungen Lebens, die mir, noch bevor ich 15 Jahre alt war, nicht nur erlaubten, sondern mich dazu nötigten, eine unzensierte Bibel ganz zu lesen. Das vermag keiner, der diesseits des Grabes je wieder einen sauberen, süßen Atemzug tun soll. Fragen Sie die junge Dame – sie wird es Ihnen bestätigen.

Ich wünschte aufrichtig, ich könnte ein, zwei Worte zur Verteidigung von Hucks Charakter anführen, da Sie mich darum baten, doch nach meinem Dafürhalten ist er keinen Deut besser als Salomon, David, Satan und der Rest der heiligen Bruderschaft.

Falls es in der Kinderbuchabteilung eine nicht zensierte Bibel geben sollte, würden Sie der jungen Frau bitte dabei helfen, Huck und Tom aus dieser fragwürdigen Gesellschaft zu befreien?

Mit freundlichen Grüßen

(gezeichnet) S. L. Clemens

Ich werde Ihren Brief niemandem zeigen – er ist bei mir in sicheren Händen.

Zwei Tage später erhielt ich diese noble Erwiderung.

ZWEIGSTELLE SHEEPSHEAD BAY

BROOKLYN PUBLIC LIBRARY

1657 SHORE ROAD

BROOKLYN-NEW YORK, 23. Nov. 05

Sehr geehrter Herr,

habe Ihren Brief erhalten. Ich bin überrascht, zu hören, dass Sie der Meinung sind, dass Huck und Tom eine unzuträgliche Wirkung auf Jungen und Mädchen ausüben. Aber erleichtert, dass Sie sie nicht in dieselbe Kategorie wie die vielen Gottverworfenen aus der Bibel einordnen. Ich weiß von einem Jungen, der 1884 im Alter von acht Jahren mit Huck Bekanntschaft schloss und ihm seither inniglich verbunden ist, und ich kann Ihnen versichern, dass er dieser zwanzigjährigen Gesellschaft wegen nicht ein Fünkchen verdorbener ist. Im Gegenteil, er wird Hucks Vater – ich meine nicht Pap – stets dankbar sein für die vielen Stunden, die er mit ihm und Jim verbracht hat und die ihn Krankheit und Kummer vergessen machten.

Huckleberry Finn war das erste Buch, das ich auswählte, um es meinen Blinden vorzulesen (aus eigennützigen Gründen, wie ich fürchte), und nichts, was ich seither vorgelesen habe, reicht an den unschuldigen Genuss heran, den sie dadurch erfahren haben.

Für die fast unerwartete Liebenswürdigkeit Ihrer Antwort dankend, bin ich

mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr Asa Don Dickinson

Vier friedliche Monate verstrichen. Dann erklang die Musik! Eine Flut von Zeitungsreportern rollte heran, und sie belagerten die arme Miss Lyon den ganzen Tag. Ich lag natürlich im Bett. Ich liege immer im Bett. Sie verstellte ihnen die Treppe. Sie wollten mich unbedingt sprechen, und sei es nur für einen Augenblick, aber keinem gelang es, sich an meiner Wächterin vorbeizustehlen. Sie sagten, es sei das Gerücht aufgekommen, ich hätte der Brooklyn Public Library einige Monate zuvor einen Brief geschrieben; dem Gerücht zufolge sei der Brief von glänzender beißender Ironie, und sie wollten eine Abschrift haben. Sie sagten, die leitenden Angestellten der Brooklyn Library hätten behauptet, den Brief nie gesehen, ja nicht einmal davon gehört zu haben, bis die Reporter gekommen seien, um danach zu fragen. Ich urteilte, dass mein Mann – der nicht in der Haupt-, sondern in einer Zweigstelle der Bücherei tätig war – sein Geheimnis tatsächlich bewahrt hatte, und glaubte, darauf vertrauen zu können, dass er das Geheimnis auch weiterhin hüte, um seinetwillen wie um meinetwillen. Sollte der Brief öffentlich werden, würde er wie eine Bombe unter mir explodieren – aber auch ihn in die Luft jagen. Daher war ich durchaus zuversichtlich, dass er mich schützen würde, wenn schon keinem anderen zuliebe, dann immerhin um seiner selbst willen.

Miss Lyon hatte einen schweren Tag, ich dagegen einen höchst vergnüglichen. Sie ließ nicht zu, dass einer der Reporter auch nur eine dunkle Ahnung von der Wesensart des Briefes erhielt; auf ihre taktvolle, einnehmende und diplomatische Art besänftigte sie all diese jungen Burschen und schickte sie hochzufrieden mit ihr, aber mit leeren Händen fort. Jedes Mal, wenn sie einen Feind abgewehrt hatte, kam sie nach oben und erzählte mir alles, was der Feind gesagt und wie geistreich er seine Sache vertreten habe, und wir amüsierten uns königlich. Einmal hatte sie gleich drei dieser zungenfertigen Abgesandten am Hals – aber gleichwohl. Sie vernichtete die ganze Batterie, und sie ergatterten nichts.

Am folgenden Tag führten sie ihren Angriff fort, ich aber riet ihr, sich nicht daran zu stören – die menschliche Natur werde den Sieg für uns erringen. Irgendwo werde es ein Erdbeben geben oder einen Umsturz hier in der Stadtverwaltung oder einen drohenden Krieg in Europa – irgendetwas, was große Aufregung hervorrufen und die Zeitungsfritzen für vierundzwanzig Stunden von der Nr. 21 Fifth Avenue weglocken wird, werde sich bestimmt ereignen und unseren Zwecken dienen; sie würden den Brief dauerhaft vergessen und wir unsere Ruhe haben.

Ich wusste, dass die Reporter bald die richtige Fährte aufnehmen würden, daher schrieb ich an Mr. Dickinson und ermahnte ihn, seine Lippen hermetisch verschlossen zu halten. Ich bat ihn, so weise wie wachsam zu sein. Seine Antwort trägt das Datum 28. März.

ZWEIGSTELLE BAY RIDGE

BROOKLYN PUBLIC LIBRARY

73. STRASSE, ECKE SECOND AVENUE

TELEFON-NR. 338 BAY RIDGE

BROOKLYN-NEW YORK, 28. März 06

Sehr geehrter Mr. Clemens,

soeben Ihren Brief vom 26. d. M. erhalten. Da ich mittlerweile in die obige Zweigstelle versetzt worden bin, hat es lange gedauert, bis er mich erreicht hat.

Ich habe versucht, so wachsam wie weise zu sein, und bin Ihnen für Ihre Verschwiegenheit sehr dankbar. Die arme alte B. P. L. hat einiges an trauriger Berühmtheit erlangt. Als ich vorgestern Abend meinen Vorgesetzten am Telefon hatte, dachte ich, er werde mich einen Kopf kürzer machen. Aber ich glaube, gestern begann der Sturm im Wasserglas ihm Spaß zu machen.

Als ich gestern Nacht halb zwölf nach Hause kam, saß ein Mann vom Herald auf der Treppe, den Kopf gegen den Türpfosten gelehnt. Er war seit halb acht dort und sagte, wenn ich ihm nur den leisesten Hinweis auf den Inhalt des Briefes verspräche, würde er quietschvergnügt bis zum Morgen sitzen bleiben. Aber ich war so weise wie wachsam.

Bei der Besprechung im Januar wurde beschlossen, Huck und Tom nicht zusammen mit Nellys Silbermine und Dotty Grübchen daheim in die Lesesäle für Kinder zu stellen. Aber der Zugang zu den Büchern ist in keinster Weise eingeschränkt worden. Sie sind in allgemein zugängliche Regale bei der Erwachsenenliteratur gestellt worden, und jedem Kind steht es frei, Erwachsenenliteratur zu lesen, sofern es denn möchte.

Mit großer Ungeduld freue ich mich darauf, Sie morgen Abend im Waldorf zu sehen und zu hören. Da ich einen wilden Plan für eine Nationalbibliothek für Blinde entwickelt habe, war man so großzügig, mir zwei Logen zur Verfügung zu stellen. Ich hoffe, die »junge Dame«, die Sie in Ihrem Brief erwähnen – die Leit. der Kinderbuchabt. –, und mehrere andere Mitarbeiter der B. P. L. werden anwesend sein.

Es tut mir sehr leid, Ihnen seitens der Reporter so viel Ärger eingebrockt zu haben, aber seien Sie versichert, dass ich ihnen über den Inhalt des Briefes nichts verraten habe noch verraten werde. Und bitte verraten auch Sie mich nicht!

Mit vorzüglicher Hochachtung

Asa Don Dickinson

Am folgenden Abend sah ich ihn im Waldorf, wo Choate und ich unseren öffentlichen Aufruf zugunsten der Blinden verlasen, und fand, dass er ein äußerst angenehmer, zuverlässiger und zufriedenstellender Mann war.

Nun, da ich aus Frankreich gehört habe, halte ich den Vorfall für erledigt – denn vor zwei, drei Wochen hatte er seinen kurzen Auftritt in England und auch in Deutschland. Wenn die Leute Huck Finn in Ruhe lassen, geht er friedlich seiner Wege, schadet vielleicht da und dort und andernorts ein paar Kindern, aber auch ohne diese wird’s im Himmel jede Menge Kinder geben, also kommt es auf die paar nicht an. Nur wenn wohlmeinende Leute ihn exponieren, erhält er Gelegenheit, wirkliches Unheil anzurichten. Zeitweise verbreitet er dann Angst und Schrecken in den Kindergärten und stiftet zweifellos, solange er die Gelegenheit dazu hat, gewaltiges Unheil. Hoffen wir, dass die Menschen, denen tatsächlich die besten Interessen der heranwachsenden Generation am Herzen liegen, demnächst weise werden und Huck nicht reizen.

Dienstag, 10. April 1906

Brief eines Kindes über den Hinauswurf von Huckleberry Finn aus der Concord Library – Botschafter Whites Autobiographie – Mr. Clemens’ Version der Fiske-Cornell-Episode – Ein weiteres Beispiel seiner erfolgreichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Erwerbslose – Jener Klient gewinnt den Fiske-Prozess

Als Huckleberry Finn vor einundzwanzig Jahren aus der Concord Public Library hinausgeworfen wurde, erreichte mich eine Reihe Briefe des Mitgefühls und der Entrüstung – vor allem von Kindern, wie ich eingestehen sollte –, von denen ich einige aufbewahrt habe, um sie hin und wieder lesen und als Balsam für meine Wunden verwenden zu können. Heute Morgen habe ich diese alten Briefe noch einmal durchgesehen und stieß dabei auf einen von einem kleinen Mädchen, das sich darüber ärgert, wie die Bücherei mit Huck umgesprungen ist, dann aber fortfährt und mir in aller Unschuld sogar einen noch gröberen Hieb versetzt, als es die Bücherei getan hatte. Sie schreibt:

Ich bin elf Jahre alt und wohne auf einer Farm bei Rockville, Maryland. Diesen Winter hatten wir einmal einen Jungen namens John, der für uns gearbeitet hat. Wir gaben ihm Huckleberry Finn zu lesen, und eines Nachts warf er seine Kleider zum Fenster hinaus und machte sich mitten in der Nacht davon. Als wir das letzte Mal von ihm hörten, war er in Ohio; und Vater sagt, hätten wir ihm Tom Sawyer zu lesen gegeben, hätte er nicht diesseits vom Ozean haltgemacht.

Gott segne ihr sanftes Herz; sie hat versucht, mich aufzuheitern; und ihre Mühe verdient dasselbe Lob, welches ein Provinzreporter der Essex Band zuteilwerden ließ, nachdem er die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag ausführlich gepriesen und seinen Vorrat an Komplimenten erschöpft hatte. Aber er fühlte sich verpflichtet, so etwas wie ein schmeichelhaftes Ei zu legen, und mit einer letzten heroischen Anstrengung presste er das hier heraus:

»Die Essex Band gab ihr Möglichstes.«

Ich habe ein, zwei weitere Kapitel in Botschafter Whites Autobiographie gelesen, und ich finde das Buch bezaubernd, besonders die Stellen, die von mir handeln. Ich finde jedes Buch bezaubernd, das von mir handelt. Ich erwarte, dass diese meine Autobiographie nach ähnlichen Grundsätzen verfährt, und habe die Absicht, sie ihren Gegenstand nicht allzu lange aus den Augen verlieren zu lassen. Mr. White war der erste Präsident der Cornell University, und er stellt den Ärger mit Willard Fiske aus Sicht der Universität dar. An diesem Punkt unterbrach ich meine Lektüre. Ich habe seine Version nicht gelesen, denn zunächst möchte ich eine andere Version wiedergeben, und da diese Version zu der seinigen im Widerspruch stehen könnte, werde ich sie jetzt darlegen, bevor sie die Möglichkeit hat, ihr Aussehen zu verändern, indem sie mit seiner Version in Berührung kommt.

All das weckt in mir Erinnerungen an ein weiteres Beispiel meiner erfolgreichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Erwerbslose. Die berühmte Fiske-Cornell-Episode vor einem Vierteljahrhundert erwuchs aus Folgendem. Vor rund fünfzig Jahren, als Willard Fiske noch ein armer, unwissender dreizehnjähriger Junge ohne Freunde war, buchten er und Bayard Taylor eine Überfahrt auf dem Zwischendeck eines Segelschiffes und überquerten den Ozean. Sie gelangten nach Island, und Willard Fiske blieb ein, zwei Jahre dort. Er erlernte die altnordischen Sprachen und vervollkommnete sich darin. Darüber hinaus wurde er Experte für die Literatur dieser Sprachen. Irgendwann kehrte er nach Amerika zurück, und obwohl er noch immer sehr jung und kaum volljährig war, erhielt er von der noch in den Kinderschuhen steckenden Cornell University eine Anstellung als Dozent für diese Fächer. Stätte der Gelehrsamkeit war Ithaca, New York, und Mr. McGraw war Bürger jener kleinen Stadt. Mit dem elektrischen Telegraphen hatte er ein Vermögen gemacht, und er beabsichtigte, einen Großteil dessen der Universität zu vererben. Er hatte eine reizende junge Tochter, und sie und der junge Fiske verliebten sich ineinander. Die beiden waren sich darüber im Klaren; die Eltern des Mädchens waren sich darüber im Klaren; die Universität war sich darüber im Klaren; Ithaca war sich darüber im Klaren. Alle diese Parteien erwarteten, dass Fiske um ihre Hand anhalten werde, was er aber nicht tat. Sein Verhalten ließ sich durch nichts erklären, und so lebten all diese Parteien einschließlich des Mädchens von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr in einem Zustand unterdrückter Verwunderung und warteten darauf, dass sich das Rätsel von allein löste. Was es nicht tat. Schließlich starb Mr. McGraw, und es stellte sich heraus, dass er kein Testament hinterlassen hatte. Folglich war die Tochter die einzige Erbin. Sie wusste jedoch um die Absichten ihres Vaters, und so übertrug sie der Universität einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens und setzte auf diese Weise seine Absichten ins Werk.

Die Jahre zogen ins Land, und das Verhältnis zwischen Fiske und Miss McGraw blieb unverändert. Doch zu einem Heiratsantrag kam es nicht. Fiske hatte einen ziemlich einleuchtenden Grund, ihr keinen Antrag zu machen: Es war so, dass er sehr arm und das Mädchen sehr reich war, und er wollte nicht den Anschein erwecken, sie nur des Geldes wegen zu heiraten. Das zeugt von guter Moral, gutem Grundsatz, guter Gesinnung – aber es handelt sich nicht um ein Geschäft. Viele Jahre blieb alles beim Alten, und die gegenseitige Hingabe des Pärchens währte fort, unbeeinträchtigt von der Zeit. Schließlich, als beide hochbetagt waren und Miss McGraw an Lungenschwindsucht litt, lud sie Fiske, Charles Dudley Warner und dessen Frau ein, mit ihr auf einer altmodischen Dahabieh eine Nilfahrt zu unternehmen, die auf drei Monate angelegt war. Miss McGraw hatte bereits etliche Monate auf der anderen Seite des Ozeans verbracht und vielerlei schöne Gegenstände erworben; Gemälde, Skulpturen, kostbare Teppiche und so weiter, mit denen sie einen kleinen Palast auszustatten gedachte, den sie sich in Ithaca erbauen ließ.

Zuletzt begann an Bord der Dahabieh eine traurige Zeit – Miss McGraws Krankheit schritt schnell voran, und es war offenkundig, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte. Da legte sie alle Zurückhaltung ab und sagte unumwunden, sie wolle Fiske heiraten, um ihm ihr Vermögen hinterlassen zu können. Fiske wollte sie heiraten, aber die Prinzipien, die er in Herz und Hirn hegte, blieben davon unberührt, und er war nicht gewillt, das Vermögen zu akzeptieren. Die Warners drangen in ihn. Sie setzten ihre besten Überredungskünste ein. Er war ebenso begierig auf die Heirat wie Miss McGraw, wollte jedoch das Vermögen nicht akzeptieren. Zuletzt ließ er sich zu veränderten Bedingungen überreden. Er war bereit, den kleinen Palast mitsamt Mobiliar sowie dreihunderttausend Dollar zu akzeptieren; mehr wollte er nicht akzeptieren. Die Hochzeit fand statt. Mrs. Fiske setzte ein Testament auf, und in diesem Testament hinterließ sie den Palast mitsamt Mobiliar sowie dreihunderttausend Dollar ihrem Gatten Willard Fiske. Den Restnachlass vermachte sie der Cornell University.

Nach und nach begriff Fiske, dass er nicht klug gehandelt hatte. Das Kapital von dreihunderttausend Dollar war völlig unzureichend, davon konnte er das Haus in Ithaca nicht unterhalten. Er versuchte gar nicht erst, darin zu leben. Da stand es nun mit all den schönen Gegenständen, die Miss McGraw auf ihren Reisen in Europa gesammelt hatte, und Fiske lebte anderswo – lebte höchst komfortabel anderswo –, lebte an einem Ort, an dem dreihunderttausend Dollar tatsächlich ein Vermögen darstellten, und war vollkommen zufrieden. Er lebte in Italien. Er war die liebenswerteste und freundlichste Seele, die ich je gekannt habe. Er hatte einen Charakter, der ihm Freunde gewann, und wer einmal sein Freund war, der blieb es für immer.

Nun aber folgte der kuriose Umstand. Dank Mrs. Fiskes Testament war die finanzielle Ausstattung Cornells um eine großzügige Summe vermehrt worden – zwei Millionen Dollar, wenn ich mich richtig entsinne. Ohne Zweifel war die Cornell University zufriedengestellt. Doch die Anwälte der Universität, die Mrs. Fiskes Testament auf Herz und Nieren prüften, stießen auf einen Fehler, der weder Mrs. Fiske noch Charley Warner, der das Testament aufgesetzt hatte, aufgefallen war. Es hatte etwas mit dem »Restnachlass« zu tun. Nach Auffassung der Anwälte konnte die Universität Anspruch auf den kleinen Palast und seine üppige Ausstattung erheben und diesen Anspruch vor Gericht geltend machen.

Die Forderung wurde erhoben. Fiske und Warner waren empört über diese Unverschämtheit, diese Gier. Beide wussten, es war der Wunsch der sterbenden Frau gewesen, dass ihr Mann in diesem Haus wohnen sollte, umgeben von den Dingen, die ihr heilig waren und die sie zu dessen Verschönerung eigenhändig ausgewählt hatte. Beide wussten, dass, hätte Fiske nicht so hartnäckigen Widerstand geleistet, nicht nur das Haus, sondern überdies eine beträchtliche Geldsumme in seinen Besitz übergegangen wäre, und jetzt, wo die Universität beabsichtigte, Fiske das Haus zu nehmen – nun, es wurde Zeit, dass der getretene Wurm sich krümmte. Der getretene Wurm krümmte sich. Der getretene Wurm war Fiske. Fiske widersetzte sich der Forderung der Universität, und die Universität reichte Klage ein.

Nun denn, ich muss zu einem Zeitpunkt zurückgehen, der drei oder vier Jahre vor Einreichen der Klage liegt. Eines Tages schaute ein junger Bursche in Hartford vorbei und wollte mich sprechen. Ich glaube, er sagte, er komme aus Kanada. Er sagte, er habe das starke Verlangen, das unwiderstehliche Verlangen, Anwalt zu werden, und er glaube, wenn er Arbeit fände, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, könne er unterdessen seine freien Stunden, sofern er welche habe, dazu nutzen, den Blackstone zu studieren. Er glaubte, zum Journalisten zu taugen. Er glaubte, zumindest einen guten Reporter abzugeben, und er hatte den Einfall, mich dazu zu bringen, meinen Einfluss bei den Zeitungsleuten von Hartford geltend zu machen, ihm die Chance zu verschaffen, auf die er erpicht war.

Ich sagte: »Gewiss, ich werde Sie bei jeder Zeitung der Stadt unterbringen. Treffen Sie Ihre Wahl.«

Er war sehr dankbar. Das sind meine Klienten immer, bis sie meine Bedingungen hören. Auf die bewährte Art machte ich ihn mit meinen Bedingungen bekannt. Er dachte einen Augenblick lang nach und sagte dann:

»Wie einfach das ist; wie sicher das ist; wie zuverlässig das ist; ja, wie unfehlbar das ist, da die menschliche Natur nun einmal beschaffen ist, wie sie ist – wie kommt es, dass noch nie jemand darauf verfallen ist?« Dann, als er zur Tür hinausging, fügte er hinzu: »Ich will zum Courant, und noch heute Abend habe ich die Stelle.«

Etwa drei Monate später kam er vorbei, um von den Fortschritten zu berichten. Er war so rasch befördert worden, von der Reinigungskraft über die verschiedenen Stufen, dass er jetzt der Redaktion angehörte und dabei sehr glücklich war, zumal ihm die Redaktionsarbeit ein ordentliches Stück Freizeit für das Studium der Rechtswissenschaft ließ, die nun einmal Ziel seiner hohen Ambitionen war.

Ich komme wieder auf den Fiske-Prozess zu sprechen. Eines Sommers waren wir wie gewöhnlich nach Elmira gefahren, um die Sommermonate auf der Quarry Farm zu verbringen, und für einige Zeit besuchten wir Mrs. Clemens’ Familie unten in der Stadt. Ein junger Mann schaute vorbei und sagte, er würde mich gern sprechen. Ich ging in die Bibliothek, wo ich ihn empfing. Es war der junge Mann, von dem ich eben erzählt habe, da ich ihn aber drei oder vier Jahre lang nicht gesehen hatte, erinnerte ich mich nicht sofort an ihn. Er sagte, während der Zeit beim Courant habe er so viel Geld wie möglich gespart und in seinen freien Stunden gewissenhaft Rechtswissenschaft studiert – so dass er vor kurzem den Journalismus aufgegeben habe und versuchen werde, in der Juristerei Fuß zu fassen; dass er sich das Umfeld angeschaut und beschlossen habe, Bürogehilfe bei David B. Hill in Elmira, New York, zu werden – will sagen, er hatte diesen Entschluss offenbar gefasst, ohne Mr. Hill zu fragen, ob er damit einverstanden sei oder nicht. Hill war ein ausgezeichneter Anwalt und ein bedeutender Politiker, ein Mann von ungeheurem Einfluss und Gewicht – und das ist er auch heute noch, im hohen Alter. Die Bewerbung wurde eingereicht, und Hill antwortete umgehend, er benötige niemandes Unterstützung. Der junge Bacon jedoch entgegnete, er wolle keine Bezahlung, er wolle nur die Chance bekommen, zu arbeiten; er könne selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Er werde alles tun, was Mr. Hill dienlich sei, und sei es nur, das Büro auszufegen; er wolle arbeiten, und zwar in der Nähe eines Mannes wie Hill, denn er sei fest entschlossen, Anwalt zu werden. Nun, da er nicht teuer war und eine Entschlossenheit an den Tag legte, die Hill gefiel, stellte ihm dieser Büroraum zur Verfügung. Gut und schön, das Übliche geschah, das, was immer geschieht. Nach und nach verleitete Bacon ihn dazu, ihm Arbeiten anzuvertrauen, und bald schon vertraute Hill ihm Arbeiten an, ohne eigens dazu verleitet werden zu müssen.

»Nun denn«, sagte Bacon, »Mr. Clemens, das ist meine Chance – meine Chance.«

Professor Willard Fiske trug seine Sache zu Mr. Hill. Mr. Hill prüfte sie sorgfältig und lehnte es ab, den Fall zu übernehmen. Er sagte, Fiskes Fall sei aussichtslos und er wolle keinen Fall übernehmen, nur um ihn zu verlieren. Fiske insistierte, und daraufhin sagte Hill: »Nun, es gibt hier diesen jungen Burschen in meinem Büro. Wenn er Ihren Fall übernehmen möchte, meinetwegen; ich werde ihn beraten und ihm nach besten Kräften helfen, ohne es in Rechnung zu stellen«; und er fragte Fiske, ob er bereit sei, Bacon den Fall anzuvertrauen. Fiske stimmte zu.

Daraufhin hatte der junge Bacon einen glücklichen Einfall. Da allem Anschein nach unter den gegebenen Umständen nichts für Fiske sprach, zog er die Gründungsurkunde der Universität zu Rate, um zu sehen, ob sich darin etwas finden ließe. Er fand sogar etwas sehr Erfreuliches; um eine damals gängige Wendung zu gebrauchen, er stieß in dieser Gründungsurkunde auf Öl. Er trug die Gründungsurkunde zu Mr. Hill und machte ihn auf einen unabweisbaren Tatbestand aufmerksam: dass der Cornell University nicht gestattet war, gleich welches Vermögen zu akzeptieren oder zu erwerben, wenn sie zu dem betreffenden Zeitpunkt bereits über ein Vermögen im Wert von drei Millionen Dollar verfügte. Zu dem Zeitpunkt, da Mrs. Fiske ihr Testament aufsetzte, verfügte Cornell über ein größeres Vermögen und verfügte noch immer über diese Summe.

Hill sagte: »Nun, Bacon, die Sache steht günstig für Sie – will sagen, nun, Bacon, die Sache steht günstig für Fiske. Jetzt ist es die Universität, die nichts mehr zu melden hat.«

Bacon gewann den Fall. Es war sein erster Fall. Er berechnete Fiske hunderttausend Dollar für seine Dienste. Fiske überreichte ihm den Scheck, verbunden mit seinem Dank.

Einige Jahre – ich weiß nicht, wie viele – sah ich Bacon nicht wieder, und dann erzählte er mir, dass sein erster Prozess auch sein letzter gewesen sei; dass sein erstes Honorar das einzige gewesen sei, das er je empfangen habe; dass er, den Scheck kaum in der Tasche, einer höchst charmanten jungen Witwe im Besitz eines großen Vermögens über den Weg gelaufen sei und er beide bei sich aufgenommen habe.

Ich glaube, ich brauche über meine großartige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Erwerbslose kein Wort mehr zu verlieren. Ich glaube hinreichend bewiesen zu haben, dass es sich um eine geeignete und wirksame Maßnahme handelt.

Mittwoch, 11. April 1906

Mr. Frank Fuller und die Begeisterung, mit der er Mr. Clemens’ ersten New Yorker Vortrag lancierte – Beschert ihm keinen Reichtum, aber Ruhm – Führt zu einer Vortragsreise unter der Leitung Redpaths – Zeitungsausschnitt bezüglich Frank Fuller sowie Mr. Clemens’ Kommentare – Zeitungsausschnitt über Olive Logan sowie Mr. Clemens’ Kommentare – Mr. Clemens’ Ansichten über Selbstmörder

Ich pflege keinen Blick in meine Bücher zu werfen, um herauszufinden, was ich darin geschrieben habe. Aus zwei Gründen unterlasse ich es, einen Blick in diese Bücher zu werfen; erstens – und dieser Grund steht in allen Angelegenheiten, die mit meinem Leben zu tun haben, an erster Stelle – aus Trägheit. Ich bin zu träge, nachzuschauen. Der andere Grund ist – nun, lassen wir das. Ich hatte einen weiteren Grund, aber der ist mir entfallen, während ich mir den ersten zurechtlegte. Ich halte es für wahrscheinlich, dass ich Frank Fuller in einem Buch namens Durch dick und dünn erwähnt habe. Aber ich weiß es nicht, und es spielt auch keine Rolle.

Als Orion und ich im Sommer 1861 mit der Überlandpostkutsche den Kontinent durchquerten, machten wir in Great Salt Lake City zwei, drei Tage Station. Ich weiß nicht mehr, wer damals Gouverneur des Territoriums Utah war, aber ich weiß noch, dass selbiger abwesend war – eine verbreitete Gewohnheit bei Territorialgouverneuren, die nichts weiter sind als Politiker, die sich in die Randgebiete von Ländern begeben und die dortigen Entbehrungen auf sich nehmen, nur um Staaten zu gründen und als US-Senatoren zurückzukehren. Der Mann aber, der anstelle des Gouverneurs amtierte, war der Sekretär des Territoriums, Frank Fuller – natürlich Gouverneur genannt, genau wie Orion in jenen großartigen Tagen, als in Gouverneur Nyes Abwesenheit auch ihm dieser verunfallte Titel zufiel. Ehren- und Würdentitel, in einer Demokratie erst einmal erworben, und sei es nur zufällig oder genau genommen nur für achtundvierzig Stunden, sind auf Erden so ausdauernd wie die Ewigkeit im Himmel. Man kann derartige Titel nicht mehr aberkennen. Einmal für eine Woche Friedensrichter, immer »Richter«. Einmal Major der Miliz bei einem Feldzug am Unabhängigkeitstag, immer Major. Als Oberst bezeichnet zu werden, und sei es aus Versehen und ohne Absicht, verleiht einem Mann diese Würde für den Rest seines Lebens. Wir bewundern Titel und Herkunft in unserem Herzen und verspotten sie mit unserem Mund. Das ist unser demokratisches Vorrecht.

Nun gut, Fuller war amtierender Gouverneur, und während der zwei, drei Tage, die wir uns in Great Salt Lake City ausruhten, bescherte er uns eine ausgesprochen angenehme Zeit. Er war ein forscher, energischer Mann; ein Draufgänger; ein Mann, der sich für alles interessierte, was sich ereignete – und nicht nur das, vielmehr interessierte er sich fünfmal mehr dafür, als es die Sache wert war, und zehnmal mehr als jeder andere – ein äußerst rühriger Mann.

Danach hielt ich mich fünf oder sechs Jahre an der Pazifikküste auf und kehrte im Januar 67 über den Isthmus in die Staaten zurück. Im Vorjahr hatte ich im Auftrag der Sacramento Union mehrere Monate auf den Sandwichinseln verbracht und war zwar mit leeren Taschen, aber mit einer Fülle von Informationen nach San Francisco zurückgekehrt – Informationen, die sich für das Vortragspodium eigneten. Meine Briefe von den Inseln hatten mir zu großer Bekanntheit verholfen – zu lokaler Bekanntheit. Nach Osten erstreckte sie sich nicht weiter als hundert Meilen oder so, doch reichte diese Bekanntheit aus, um darüber Vorträge zu halten, und auf dem Podium in San Francisco machte ich von ihr Gebrauch und häufte mit den wenigen Abenden, an denen ich mich zur Belehrung und Unterhaltung meines Publikums abmühte, zwölf- oder fünfzehnhundert Dollar an. Fünfzehnhundert Dollar waren etwa die Hälfte – der Türsteher erhielt den Rest. Er war ein alter Zirkusmann und kannte sich aus mit dem Türstehergewerbe.

Als ich in New York eintraf, fand ich Fuller vor, der irgendwelchen Geschäften nachging. Er war sehr herzlich, sehr erfreut, mich zu sehen, und wollte mir seine Frau vorstellen. Von einer Frau hatte ich bis dahin nichts gehört; hatte nicht gewusst, dass er eine hatte. Nun, er stellte mir seine Frau vor, eine liebliche und sanfte Person von sehr gastlicher, freundlicher und gewinnender Art. Dann erstaunte er mich, indem er mir seine Töchter vorstellte. Auf mein Wort, diese waren beleibt, von matronenhafter Erscheinung und verheiratet – er sagte nicht, wie lange schon. Oh, Fuller steckte voller Überraschungen. Hätte er mir ein paar kleine Kinder vorgestellt, wäre das noch angegangen, wäre verständlich gewesen. Aber er sah zu jung aus, um erwachsene Kinder zu haben. Nun, ich konnte das Rätsel nicht lösen und ließ es auf sich beruhen. Offenbar handelte es sich um einen Fall, da ein Mann fortgeschrittenen Alters über das hübsche Talent verfügt, seine Jahre nicht zu zeigen.

Gouverneur Fuller – natürlich nannten ihn jetzt alle seine New Yorker Freunde so – befand sich im vollen Sturm eines seiner Begeisterungsanfälle. Er hatte einen Begeisterungsanfall pro Tag, und immer war es ein Sturm. Er sagte, ich müsse den größten Saal New Yorks mieten und meinen Vortrag über die Sandwichinseln halten – sagte, die Leute seien wild darauf, mich zu hören. Die ungeheure Energie dieses Mannes hatte etwas Ansteckendes. Einen Moment lang hätte er mich fast davon überzeugt, dass New York wild darauf war, mich zu hören. Ich wusste es besser. Ich wusste sehr wohl, dass New York noch nie von mir gehört hatte, weder erwartete, von mir zu hören, noch wünschte, von mir zu hören – und doch hätte dieser Mann mich fast überzeugt. Ich erhob Einspruch, sobald das Feuer, das er in mir entzündet hatte, ein wenig abgeklungen war, und erhob immer wieder Einspruch. Es nützte nichts. Fuller war sich sicher, dass ich auf der Stelle und ohne jede Anstrengung Ruhm und Reichtum erlangen würde. Er sagte, ich solle die Sache ihm überlassen – solle einfach alles ihm überlassen –, solle ins Hotel gehen, mich hinsetzen und es mir bequem machen – in zehn Tagen werde er mir Ruhm und Reichtum zu Füßen legen.

Ich war hilflos. Ich war leicht zu überreden, verlor aber nicht ganz den Verstand und flehte ihn an, einen ausgesprochen kleinen Saal zu mieten und die Eintrittspreise auf Schaubudenniveau herabzusetzen. Aber nein, davon wollte er nichts wissen – sagte, er werde den größten Saal New Yorks mieten. Er werde den Saal im Untergeschoss des Cooper Institute mieten, der Sitzplätze für dreitausend Personen biete und Stehplätze für noch einmal die Hälfte davon; und er sagte, für einen Dollar pro Nase werde er den Saal so voll bekommen, dass die Leute ersticken würden und er von jedem zwei Dollar verlangen könne, um wieder hinausgelassen zu werden. Oh, er war Feuer und Flamme für sein Projekt. Er machte Ernst damit. Er sagte, es werde mich nichts kosten. Ich sagte, es werde mir nichts einbringen. Er sagte:

»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein. Verzeichnen wir keinen Gewinn, ist das meine Sache. Verzeichnen wir einen Gewinn, ist das Ihre Sache. Verzeichnen wir einen Verlust, werde ich den Verlust selbst tragen, und Sie werden nie etwas davon erfahren.«

Er mietete das Cooper Institute und begann den Vortrag auf die übliche Weise anzukündigen – mit einem kleinen Absatz im Anzeigenteil der Zeitungen. Nachdem das etwa drei Tage so gegangen war, hatte ich niemanden etwas über den Vortrag sagen hören, auch keine Zeitung, und wurde nervös.

»Ach«, sagte er, »es spricht sich untergründig herum. Auf der Oberfläche sieht man es nicht.« Er sagte: »Halten Sie sich da heraus, lassen Sie es seine Wirkung tun.«

Nun gut, ich ließ es seine Wirkung tun – bis etwa zum sechsten oder siebten Tag. Der Vortrag sollte in drei oder vier Tagen stattfinden – und noch immer war ich nicht in der Lage, hinabzusteigen ins Untergründige, wo es seine Wirkung tat, und insofern von Zweifel und Sorge erfüllt. Ich ging zu Fuller und forderte ihn auf, mit mehr Nachdruck zu werben.

Er versprach es. Nunmehr ließ er tonnenweise kleine Zettel drucken, die man an eine Kordel hängt – fünfzig Stück pro Bündel. Die waren für die Omnibusse bestimmt. Man konnte sie in jedem Omnibus hin und her baumeln sehen. Meine Besorgnis zwang mich, diese Omnibusse heimzusuchen. Ein, zwei Tage lange tat ich nichts anderes, als in Bussen zu sitzen, von einem Ende New Yorks zum anderen zu fahren, diese Dinger baumeln zu sehen und zu warten, bis ich jemanden ertappte, wie er einen Zettel abriss, um ihn zu lesen. Es passierte nie – zumindest passierte es nur ein Mal. Ein Mann griff danach und riss eines der Dinger ab, dann sagte er zu seinem Freund:

»Vortrag über die Sandwichinseln von Mark Twain. Frage mich, wer das wohl sein mag?« – und er warf es weg und wechselte das Thema.

Ich konnte nicht länger mit Omnibusssen fahren. Mir war übel. Ich ging zu Fuller und sagte:

»Fuller, an dem Abend wird außer Ihnen und mir niemand im Cooper Institute sein. Es wird ein Totalausfall, denn wir beide haben Freikarten. Etwas muss geschehen. Ich stehe kurz vor dem Selbstmord. Ich würde Selbstmord begehen, hätte ich den Schneid und das nötige Zubehör.« Ich sagte: »Sie müssen den Saal mit Freikarten pflastern, Fuller. Sie müssen Tausende von Freikarten verteilen. Sie müssen es tun. Ich werde sterben, wenn ich vor einen leeren Saal treten soll mit Leuten, die mich nicht kennen, die noch nie von mir gehört haben und die noch nie mit dem Bus gefahren sind und diese Dinger haben hin und her baumeln sehen.«

»Nun«, entgegnete er mit gewohnter Begeisterung, »ich werde mich der Sache annehmen. Es wird erledigt. Ich werde den Saal mit Freikarten pflastern, und wenn Sie die Bühne betreten, werden Sie sich in Gegenwart des erlesensten, des intelligentesten Publikums wiederfinden, vor dem je ein Mann in dieser Welt gestanden hat.«

Und er war ein Mann von Wort. Körbeweise verschickte er Freikarten an jeden Schullehrer im Radius von dreißig Meilen um New York – er überschwemmte diese Leute geradezu mit Freikarten –, und am festgesetzten Abend kamen sie alle. Das Cooper Institute bot nicht einem Drittel von ihnen Platz. Der Vortrag sollte halb acht beginnen. Ich war so aufgeregt, dass ich schon um sieben hingehen musste. Ich konnte mich nicht fernhalten. Ich wollte diese riesige leere Mammuthöhle sehen und sterben. Doch als ich mich dem Gebäude näherte, stellte ich fest, dass sämtliche Straßen im Umkreis einer Viertelmeile von Menschen verstopft waren und der Verkehr zum Erliegen gekommen war. Ich konnte nicht glauben, dass diese Leute versuchten, ins Cooper Institute zu gelangen, doch genau das war der Fall. Ich bahnte mir einen Weg zur Rückseite des Gebäudes und betrat es durch den Bühneneingang. Und tatsächlich, die Sitzplätze, die Gänge, sogar die große Bühne waren bis zum Bersten voll mit gescheit wirkenden Menschen, die man aus den Intelligenzzentren – den Schulen – zusammengetrommelt hatte. Ich hatte ziemliche Mühe, mich durch das Gewusel auf der Bühne zu drängen, und als es mir gelungen war und ich endlich vor dem Publikum stand, war die Bühne proppenvoll. Nicht einmal für ein Kind war mehr Platz.

Ich war glücklich und unsagbar aufgeregt. Ich überschüttete diese Leute freigebig mit den Sandwichinseln, und zu meiner großen Befriedigung lachten und johlten sie. Eine Stunde und fünfzehn Minuten war ich im Paradies. Aus jeder Pore verströmte ich göttliches Entzücken – und als wir die Einnahmen zusammenrechneten, kamen wir auf insgesamt fünfunddreißig Dollar.

Fuller frohlockte gerade so, als hätte er seine Prophezeiung von Ruhm und Reichtum wahr gemacht. Er war vollkommen entzückt, vollkommen verzaubert. Mehrere Tage lang bekam er den Mund nicht mehr zu.

»Oooh«, sagte er, »der Reichtum ist noch nicht da – das nicht –, aber das ist in Ordnung. Das kommt später. Der Ruhm ist schon da, Mark. Ja doch, in einer Woche werden Sie der bekannteste Mann der Vereinigten Staaten sein. Das ist kein Fehlschlag. Das nenne ich einen gewaltigen Erfolg.«

Die Angelegenheit musste ihn vier- oder fünfhundert Dollar gekostet haben, aber er verlor kein Sterbenswörtchen darüber. Er war so glücklich, so zufrieden, so stolz, so entzückt, als hätte er das legendäre goldene Ei gelegt und ausgebrütet.

Was den Ruhm betrifft, so hatte er recht. Zweifellos verschaffte mir der Vortrag ein Quantum an Ruhm, mit dem sich arbeiten ließ. Die New Yorker Zeitungen lobten ihn. Die Regionalzeitungen druckten das Lob nach. Allmählich verlangten die Vortragssäle des Landes nach mir – es war mitten in der Blütezeit des alten Vortragssaalsystems. Ich begab mich in Redpaths Hände und sprang eben noch auf den fahrenden Zug der Vortragssaison. Ich reiste nach Westen und hielt sechs oder acht Wochen jeden Abend Vorträge für hundert Dollar pro Abend – und inzwischen fand ich, dass die gesamte Prophezeiung in Erfüllung gegangen war. Ich hatte Ruhm erworben und Reichtum. Zwar glaube ich nicht, dass die Einzelheiten stimmen, aber das ist mir völlig egal. Sie taugen ebenso viel wie die Tatsachen. Was ich sagen will, ist, dass ich nicht mehr weiß, ob ich die Vortragsreise in jenem Jahr oder erst im darauffolgenden Jahr unternommen habe. Aber die Hauptsache ist, dass ich sie unternommen habe und dass die Gelegenheit, sie zu unternehmen, von jenem wilden Frank Fuller und seinem unvergesslichen verrückten Projekt geschaffen wurde.

All das trug sich vor achtunddreißig oder neununddreißig Jahren zu. Seitdem bin ich Frank Fuller zwei-, dreimal im Abstand von mehreren Jahren über den Weg gelaufen – für einen Augenblick, nur für einen Augenblick und nicht länger. Aber er war stets jung. Nicht ein graues Haar; nicht die leiseste Spur von Alter an ihm; stets begeistert; stets glücklich und froh, am Leben zu sein. Vergangenen Herbst wurde der Bruder seiner Frau auf grauenhafte Weise ermordet. Offenbar hatte sich ein Einbrecher in Mr. Thompsons Zimmer versteckt und ihn in der Nacht mit einem Knüppel erschlagen. Vor zwei Monaten traf ich Fuller zufällig auf der Straße, und er sah so, so furchtbar alt, so verhutzelt, so verschimmelt aus, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Er sagte, seine Frau gehe an der seelischen Erschütterung, die der Mord an ihrem Bruder hervorgerufen habe, zugrunde; die Nervenzerrüttung raffe sie dahin und sie habe nur noch wenige Tage zu leben – so begleitete ich ihn denn, um sie zu besuchen.

Sie saß aufrecht auf einem Sofa, von allen Seiten mit Kissen gestützt. Hin und wieder lehnte sie den Kopf für eine kleine Weile auf eine dieser Stützen. Das Atmen fiel ihr schwer. Das rührte mich, denn dieses Bild hatte ich schon so endlos viele Male gesehen. Zwei oder drei Monate lang hatte Mrs. Clemens Tag und Nacht so dagesessen und um Atem gerungen. Wenn die Opiate und die Erschöpfung sie schläfrig machten, legte sie genau wie Mrs. Fuller den Kopf für eine kleine Weile auf eines der Kissen und konnte für zwei oder drei Minuten einnicken.

Ich sah Mrs. Fuller nicht mehr lebend wieder. Etwa drei Tage später fand sie die ewige Ruhe.

Was mir Frank Fuller ins Gedächtnis zurückgerufen hat, ist die halbe Kolumne, die ich aus der heutigen Morgenzeitung ausgeschnitten habe. Nie finde ich Gelegenheit, in meinen alten Notizbüchern nach Anregungen für meine Autobiographie zu stöbern, aus dem einfachen Grund, weil mir die Zeitung jeden Tag zwei Dutzend davon liefert, und bei dieser Menge werde ich nie dazu kommen.

SELTSAMES NACHSPIEL ZU EINER ERPRESSUNG


Louis R. Fuller erfährt erstmals, dass er nicht der Sohn des reichen Dr. Fuller ist


Als Louis R. Fuller, Yale-Absolvent und Liebling der New Yorker und Bostoner Gesellschaft, als Kläger gegen Homer Hawkins, Nr. 101 West 88th Street, den er der versuchten Erpressung und der tätlichen Beleidigung beschuldigte, gestern im Polizeigericht in der Centre Street erschien, erfuhr er erstmals, dass er nur der Adoptivsohn von Dr. Frank Fuller sei, dem Millionär und Präsidenten der Health Food Company, Nr. 61 Fifth Avenue.

Hawkins hatte Louis R. Fuller einen Brief geschickt, in dem er $ 500 von ihm forderte, andernfalls er einem gewissen Mr. Rowbotham, dessen Tochter mit Fuller verlobt ist, vertrauliche Informationen enthüllen werde. Hawkins’ Festnahme folgte auf dem Fuße. Als er gestern vor Gericht gestellt wurde, setzte Friedensrichter Whitman eine Kaution von $ 2500 wegen Erpressung und eine zusätzliche von $ 500 wegen Mitführens einer versteckten Waffe fest. Mrs. Ellen Faxon, Homer Hawkins’ Mutter, war im Gericht anwesend, um ihrem Sohn beizustehen. Es war das erste Mal, dass sie auf Louis R. Fuller, ihren Adoptivbruder, stieß. Sie flehte ihn an, die Klage zurückzuziehen.

»Wissen Sie denn nicht, dass er Dr. Fullers eigen Fleisch und Blut ist«, rief sie aus, »und dass Sie nur sein Adoptivonkel sind?«

Zunächst wusste Louis R. Fuller nicht, was er sagen sollte. Es war die erste Andeutung, die er je gehört hatte, dass er nicht Dr. Fullers leiblicher Sohn sei. Dann sah er der Frau direkt ins Gesicht und sagte:

»Ihr Sohn hatte kein Recht, zu tun, was er getan hat; ich werde die Klage nicht zurückziehen.«

Mrs. Faxons Geschichte

Als Mrs. Faxon nach einem vergeblichen Versuch, die Kaution für ihren Sohn aufzubringen, bei sich zu Hause von einem Reporter der World interviewt wurde, sagte sie:

»Obwohl ich das Vorgehen meines Jungen nicht billige, werden nur wenige Menschen ihn für das, was er getan hat, verurteilen, wenn die wahren Umstände ans Licht kommen. 1868 haben sich meine Eltern getrennt. Zwei Jahre später starb meine Mutter. Ich heiratete und zog mit meinem Mann und meiner einzigen Schwester nach Kalifornien. Dort wurde Homer geboren. Kurz nach seiner Geburt starb sein Vater. Ein paar Jahre später heiratete ich meinen jetzigen Mann, Frank Faxon, der zurzeit in Südkalifornien weilt.

Vor zwanzig Jahren erfuhr ich, dass mein Vater Miss Anna Thompson aus Portsmouth, N. H., geheiratet hatte. Sie war die Schwester des verstorbenen Jacob H. Thompson, der in seinem Zimmer im St. James Hotel ermordet aufgefunden worden war. Ihnen wurde ein Kind geboren. Dieses Kind starb, und ein Jahr später wurde ein Knabe adoptiert, heute bekannt unter dem Namen Louis R. Fuller. Wer er war oder woher er kam, weiß ich nicht.

Als mein Junge zum Mann heranwuchs, begann er nach seinen Großeltern zu fragen. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Vor drei Jahren kam Homer nach New York und suchte seinen Großvater auf. Dort erfuhr er, dass sein Adoptivonkel in Yale studierte. Über Nacht war er ein anderer Junge geworden. Sein Großvater schickte ihn zurück nach Kalifornien, um zu verhindern, dass er sich mit Louis traf.

Trifft Vater nach dreißig Jahren wieder

Als ich vor zwei Jahren nahezu mittellos war, fuhr ich zum Sommerhaus meines Vaters in Madison, N. J., und traf ihn dort nach dreißig Jahren zum ersten Mal wieder. Meine Stiefmutter sagte mir, New York sei nicht groß genug für uns beide. Seither habe ich mir meinen Lebensunterhalt als Näherin verdient.

Der Gedanke, dass sich ein anderer des Komforts und der Liebe bemächtigte, die uns gebührten, ließ Homer das Herz bluten.«

Dr. Fuller und sein Adoptivsohn bewohnen schöne Apartments im Allston-Haus, Nr. 17 East 38th Street. Gestern Abend waren sie nicht zu Hause. Mrs. Fuller starb vergangenen Februar an Nervenzerrüttung, von der seelischen Erschütterung, die dem Tod ihres Bruders gefolgt war, hatte sie sich nicht mehr erholt.

New York World

Dieser Zeitungsausschnitt ist mir äußerst rätselhaft. Die Dame sagt: »1868 haben sich meine Eltern getrennt.« Im Vorjahr stellte mir Fuller seine Frau vor – die, die neulich starb – und versetzte mich mit seinen beleibten und matronenhaften Töchtern in Erstaunen. Inzwischen scheine ich zu begreifen, dass es eine frühere Mrs. Fuller gab und dass die unerklärlichen Töchter jener Verbindung entstammten. Fuller erzählte mir nicht, dass er jemals eine andere Frau gehabt hatte. Ich glaube, die Dame muss sich in ihren Daten irren. Ich glaube, die Trennung muss vor 1867 erfolgt sein, nicht 1868. Die Dame sagt, »getrennt«. Sie sagt nicht, geschieden. Nun, belassen wir’s dabei. Ich kann’s nicht entwirren. Wie immer ich diesen Bericht deute, Louis Fuller lässt sich nicht vollständig entschlüsseln. Aber belassen wir’s dabei. Es ist einerlei. Falls er von Fuller oder sonst wem adoptiert wurde, muss das in seiner Kindheit geschehen sein – denn hätte der Adoptierende länger gewartet, hätte er den ausgewachsenen Louis nicht mehr für eine ganz so gute Investition gehalten und das Feld einem anderen Spekulanten überlassen. Aber vergessen wir das. Lassen wir’s dabei bewenden. Es fängt an, mir den Kopf zu verwirren. Eigentlich kann ich der Sache nur entnehmen, dass das Leben Fullers, wie jedes andere Leben, das ins hohe Alter oder in dessen Nähe klettert, eine Tragödie ist. Es ist ein Jammer, alt zu werden, weil man weiß, dass die Tragödie stets über einem hängt, und wenn man nicht durch einen glücklichen Unfall aus dem Leben scheidet, wird sie mit ziemlicher Gewissheit auf einen niedergehen. Ich frage mich, wie alt Fuller wohl ist. Ich denke, über achtzig – und doch wirkte er bis vor kurzem nie alt.

Ich werde von diesem bedrückenden Thema ablassen und zusehen, ob ich nicht unter den Zeitungsausschnitten von heute Morgen ein fröhlicheres finden kann.

Nein, Fehlanzeige. An dem, den ich in Händen halte, ist nichts sehr Fröhliches. Er ist überschrieben: »Olive Logan lässt Ehemann verhaften.« Ich bezweifle, dass ich in den letzten gut dreißig Jahren oder noch länger jemals an Olive Logan gedacht habe oder ihrem Namen begegnet bin. Sie gehört in die tiefste Vergangenheit, in jene kurze Blütezeit des »Vortragssaals«, als ein neuer Schlag von vortragsreisenden Frauen das Podium eroberte. Der alte Schlag waren die Anna Dickinsons gewesen, Frauen, die etwas zu sagen hatten und es gut sagen konnten; Frauen, die voller Talent waren; Frauen, die aus dem Herzen sprachen und die Zuhörer mit ihrer Beredsamkeit stark berührten. Dann kamen Frauen vom Schlage einer Olive Logan: Frauen, die nichts zu sagen hatten und, wäre ihnen etwas in den Sinn gekommen, es nicht hätten sagen können; Frauen, die das Podium eroberten, um ihre Kleider vorzuführen. Sie waren lebende Werbetafeln. Im ganzen Land strömten die Frauen in die Vortragssäle, um diese Kleider zu betrachten, und sie brachten ihre Männer mit. Die Männer wollten nicht, aber sie mussten.

Eine Frau musste bekannt sein, bevor Redpath sie aufs Vortragspodium stellte. Olive Logan war gewillt, sich eine Reputation zurechtzuzimmern. Eine Saison oder zwei schrieb sie albernes, affektiertes und wertloses Zeug für unbekannte Zeitschriften. Als Methode zur Ruhmesbegründung erwies sich das als völliger Fehlschag. Dann begann sie das absonderlichste – das absonderlichste – nun, mir fällt das Wort nicht ein, nach dem ich suche –, belassen wir’s dabei. Was sie begann, war das: Sie heiratete einen Zeilenschinder (dessen Namen ich vergessen habe), und der reichte kleine Zweizeiler ein, die tatsächlich in die Zeitungen gelangten – etwa dieserart:

»Olive Logan hat für den Sommer die Villa Hunter in Cohasset bezogen.«

Weshalb nur sollte das für irgendjemanden von Interesse sein? Aber das war es. Die Meldung enthielt nicht ein Körnchen Wahrheit, aber das konnte der Leser ja nicht wissen. Er hatte noch nie von Olive Logan gehört, aber da Olive Logan so selbstverständlich erwähnt wurde, war sie bestimmt eine Berühmtheit, und daher fand sich der Leser in der unbefriedigenden Lage wieder, etwas ignoriert zu haben, was er hätte wissen sollen. Du meine Güte, Olive Logan hätte keine Villa Hunter oder sonst eine Villa beziehen können. Sie hätte nicht einmal eine Hütte beziehen und die Miete bezahlen können.

Bald darauf erschien eine weitere Notiz:

»Olive Logan hat immerhin ihren eigenen Kopf. Unerschrocken hat sie dem weltberühmten Pariser Putzmacher Worth den Rücken gekehrt und ihre Kleider für die nächste Saison bei seinem neuen, aber florierenden Rivalen Savarin geordert.«

In den gesamten Vereinigten Staaten flatterte diese Notiz von Zeitung zu Zeitung. Jeder, der sie las, hielt es für selbstverständlich, dass Olive Logan eine berühmte und bedeutende Persönlichkeit war, obwohl er sich, soweit er sich erinnern konnte, dessen vorher nicht bewusst gewesen war. Und wenn der Leser eine Frau war, beeindruckte ihn die Notiz, und zwar in jedem einzelnen Fall. Jemand, der Worth unerschrocken den Rücken kehrte, konnte kaum weniger als eine Herzogin sein.

Diese Notizen folgten in dichter Prozession aufeinander, Woche für Woche, das ganze Jahr hindurch. Nie gab es auch nur ein Wort der Erklärung, wer Olive Logan sein mochte oder was sie getan hatte, um diesen Ruhm zu verdienen. Nie waren die Notizen für irgendjemanden von Bedeutung, da sie lediglich auf Olive Logans Kleider verwiesen und auf die Sommerresidenzen, die sie angeblich bezog, hin und wieder versehen mit einer ihrer Ansichten zu einem beliebigen Thema, mit dem sie nicht vertraut war. Diese Ansichten wurden auf dieselbe selbstverständliche Art und Weise lanciert, die auch die Notizen über die Kleider auszeichnete:

»Olive Logan hat die Meinung geäußert, dass der Transzendentalismus, selbst als Interesse der Bostoner, ausgedient hat.«

Nun geschah tatsächlich etwas Seltsames – und ich bin am Leben, um es zu beschwören –, denn am Ende dieser dreisten Art, mit Hilfe von derlei Notizen eine unbekannte Abenteurerin zum Thema zu machen, konnte Redpath sie für hundert Dollar pro Abend aufs Podium stellen und durchs ganze Land schicken. Sie war keine zehn Cent pro Woche wert, aber drei, vier oder fünf Jahre lang schwebte sie in den gesamten Vereinigten Staaten für ein reguläres Vortragshonorar von hundert Dollar pro Abend von Stadt zu Stadt. Sie war tatsächlich berühmt. Daran besteht kein Zweifel. Ihr Name war allen vertraut. Jeder Mann war mit Olive Logans Namen vertraut; jede Frau war mit ihm vertraut – und in den gesamten Vereinigten Staaten gab es nicht einen Menschen, der eine Antwort parat gehabt hätte auf die Frage: »Worauf gründet sich ihr Ruhm? Was hat sie geleistet?« Man würde ihn geradezu paralysieren, wenn man ihm diese Frage stellte. Für einen Augenblick glaubte er, mühelos Auskunft geben zu können, worauf ihr Ruhm beruhte, aber schon eine einzige Sekunde des Nachdenkens genügte, um ihm vor Augen zu führen, dass er, auch wenn er noch nie darüber nachgedacht hatte, nicht die leiseste Ahnung hatte, wer Olive Logan war oder was sie geleistet hatte. Sie hatte sich einen großen, einen kommerziell wertvollen Namen erworben, aus absoluter Leere; aus bloßen Bemerkungen über ihre Kleider und darüber, wo sie den Sommer verbringen würde, aus ihren Meinungen zu Angelegenheiten, zu denen sich zu äußern niemand sie gebeten hatte. Es war die hohlste Reputation, die je in dieser Welt ersonnen worden ist. Natürlich konnte sie kein drittes Mal in dieselbe Stadt reisen. Das erste Mal wäre der Saal gefüllt. Die Zuhörer würden in dem Bewusstsein nach Hause gehen, für ihr Geld nichts bekommen zu haben. Das zweite Mal wäre der Saal mit den übrigen Leuten gefüllt, die sie noch nicht gehört hatten, aber damit wäre die Stadt erschöpft. Es wären keine Idioten mehr übrig. Das Vortragskomitee der Stadt wüsste inzwischen, dass Olive Logan aufgehört hatte, als Zugpferd zu dienen. Man würde sie nicht wieder einladen. Und, wie gesagt, ich habe von Olive Logan mein ganzes Leben lang nicht mehr gehört. Und jetzt taucht sie in der heutigen Morgenzeitung unter der Überschrift auf: »Olive Logan lässt Ehemann verhaften.«

OLIVE LOGAN LÄSST EHEMANN VERHAFTEN


Berühmte Vortragsreisende, Autorin und Schauspielerin erklärt, dass er trinke und sie vernachlässige


Olive Logan, Vortragsreisende, Autorin, Schauspielerin, Bühnenschönheit von vor dreißig Jahren, erschien gestern Nachmittag als Bittstellerin beim Polizeigericht von Harlem. Sie ist siebenundsechzig Jahre alt, weißhaarig, wacklig auf den Beinen und nahezu stocktaub. Friedensrichter Cornell verstand ihren Namen nicht, aber ihre bezaubernde Stimme und ihr exquisiter Gebrauch der englischen Sprache erregten seine Aufmerksamkeit. Er schickte sie in einen angrenzenden Korridor mit einem Polizisten, der in ihr Hörrohr brüllte, um ihr ihre Geschichte zu entlocken.

»Ich will einen Haftbefehl«, sagte die betagte Frau, »für meinen Mann James O’Neill Logan. Wir wohnen in Nr. 2568 Seventh Avenue. Er trinkt die ganze Zeit.«

Der Friedensrichter verschickte eine Vorladung, und als der Mann am Nachmittag vor Gericht gebracht wurde, war er in einem so schlechten Zustand, dass er bis heute in Gewahrsam genommen wurde.

»Wir sind furchtbar verschuldet«, sagte Mrs. Logan den Reportern. »Mein Mann ist auf Ellis Island beschäftigt, aber er lässt sein Geld in den Saloons, und oft kommt er ohne einen Cent nach Hause. Wir laufen Gefahr, unser Hab und Gut zu verlieren. Wir haben kein Geld, um Lebensmitel zu kaufen. Ich bin von den Gebrechen des Alters so gezeichnet, dass ich nicht länger schreiben kann. Mich ans Gericht zu wenden ist meine letzte Hoffnung.«

Friedensrichter Cornell wird in dem Fall heute einen Beschluss ergehen lassen.

Olive Logan wurde am 22. April 1839 in Elmira, N. Y., geboren. Sie erlangte Ruhm als Schrifstellerin und Vortragsreisende, und 1872 heiratete sie William Wirt Sikes, durch Präsident Grant zum Konsul in Cardiff, Wales, ernannt. Er starb 1883 in London. Mrs. Sikes hat stets an ihrem Mädchennamen festgehalten. Sie war ein Protegé des verstorbenen Augustin Daly, der sie für die Bühne ausbildete. Sie schrieb Brandung oder Leben in Long Branch, dramatisierte Wilkie Collins’ Der rote Schal und verfertigte eine metrische Übertragung von François Coppées Le Passant (Der Wanderer).

Mrs. Logan sagte, James O’Neill sei vor fünfundzwanzig Jahren in London ihr Laufbursche gewesen. Später wurde er ihr Sekretär.

»Er kam mit mir nach Amerika«, sagte sie, »und wir beschlossen zu heiraten, obwohl ich zweiundwanzig Jahre älter war als er. Die ersten zehn Jahre unseres Ehelebens waren ein Glückstaumel. Er ist ein feiner Kerl, und ich liebe ihn noch immer. Seine Trunksucht hat uns ruiniert.«

Du meine Güte, allem Anschein nach wurde sie in Elmira, New York, geboren – der Stadt, in der meine Frau geboren wurde und in der wir sechzehn Jahre lang unsere Sommer verlebten. Der Stadt, in der auch das erste, eindeutig ausgelassen-humoristische Buch geboren wurde, das in Amerika je aus der Feder einer Frau floss, Die Witwe Bedott. Dieses Buch wurde von einem achtzehnjährigen Mädchen verfasst. Inzwischen ist es vergessen, aber bei seinem Erscheinen fegte es in einem Orkan von Gelächter über diesen Kontinent hinweg.

Und hier stoße ich also auf den Namen ihres Mannes, dieses Zeilenschinders ohne Gehalt oder Wohnsitz oder Ruf, der Olive Logan zum Thema machte und ihren Ruhm begründete. Jetzt ist mir sein Name wieder ganz präsent, William Wirt Sikes. Und natürlich wurde er in einer fernen Gegend dieses Planeten zum Konsul ernannt, weil man in diesem Land seiner nicht bedurfte. Zweifellos haben wir die Welt mit ganzen Regimentern, Bataillonen und Divisionen ignoranter, charakterloser und hohlköpfiger Konsuln ausgestattet, die einem staunenden ausländischen Publikum die Vereinigten Staaten vorführten, wofür sie kein Gehalt hätten beziehen dürfen. Und kein Honorar. Eintrittsgelder wären angebracht gewesen – sagen wir einen Shilling für Ausländer, die unser politisches Produkt zu studieren wünschen. Olive Logans derzeitiger Mann heißt offenbar James O’Neill und war vor einem Vierteljahrhundert in London ihr Laufbursche. Sie ist zweiundzwanzig Jahre älter als er. Die ersten zehn Jahre ihres Ehelebens waren »ein Glückstaumel«. Er hat sich aufs Saufen verlegt.

Sehen Sie, schon wieder so eine Tragödie. Sie brauchen nur lange genug zu leben, und Ihre eigene Tragödie wird eintreten. Vor fünfunddreißig Jahren hätte ich nicht gedacht, dass je der Tag kommen würde, da Olive Logan mein Herz erweichen und ich mir, wenn sie am Ertrinken wäre, die Augen zuhalten würde, um es nicht mit ansehen zu müssen; jetzt aber bemitleide ich sie – ja, ich bemitleide sie. Ihre Tragödie ist eingetreten, und ich muss sie bedauern, und ich bedauere sie. Wäre sie am Ertrinken, würde ich nicht hinsehen – aber herausziehen würde ich sie auch nicht. Ich würde mich nicht an jener letzten und gemeinsten Lieblosigkeit beteiligen, dem Verrat an einer Selbstmörderin. Seit vielen, vielen Jahren genießen Selbstmörder meine Sympathie. Wann immer einem Selbstmörder sein Vorhaben gelingt, freue ich mich. Stets empfinde ich in meinem Herzen aufrichtigen Schmerz, aufrichtigen Kummer, aufrichtiges Mitleid, wenn irgendeiner dieser Schurken die Tat eines Selbstmörders vereitelt und ihn nötigt, sein Leben fortzusetzen.

Heute Morgen in der Zeitung: Eine Frau, die in Kalifornien lebt – ihr Mann, ein Regierungsangestellter, lebt in Washington –, nimmt ihrem Sohn, vierzehn Jahre alt, mit Gas das Leben; versucht, mit ihm zu sterben; wird, neben seinem Bett kniend, bewusstlos, fast schon tot aufgefunden. Statt hinauszugehen und die Tür zu schließen, wie ich es getan hätte, wird sie von den Leuten, die sie in dieser Position auffinden, aus dem Zimmer an die frische Luft gezerrt, ein Arzt wird herbeigerufen, und der Arzt begeht das Verbrechen, sie wieder ins Leben zurückzubefördern mit allem, was das für sie bedeutet. Ihr Mann, abhandengekommen durch die Faszination für eine Ministerialangestellte in Washington; ihr Junge, aus dieser Welt gegangen und glücklich; nichts ist ihr in dieser Welt verblieben, was auch nur einen Penny wert wäre – von der Tragödie ihres Lebens ereilt, als sie das Tragödienalter noch gar nicht erreicht hat. Und man höre den Kommentar des Arztes! Er sagt, er hege »die Hoffnung auf ihre baldige Genesung«. Er gehört erschossen. Ich hege die Hoffnung, dass in der morgigen Morgenzeitung die Nachricht steht, sie sei auf dem Weg zum Friedhof, dorthin, wo sie ihren Frieden findet.

Dublin, New Hampshire, Montag, 21. Mai 1906

Frühe Erfahrungen als Autor – Veröffentlichung des »Springfroschs« in einem Band mit Skizzen – Begegnung mit Carleton in Luzern – Seine Entschuldigung für die Weigerung, Mr. Clemens’ Buch mit Skizzen zu veröffentlichen – Schwierigkeiten, die das Erscheinen der Arglosen im Ausland begleiten

Für die nächsten fünf Monate wollen wir hier in der grünen Abgeschiedenheit der Wälder und Hügel verweilen.

Meine Erfahrungen als Autor reichen zurück bis Anfang 1867. Im ersten Monat jenes Jahres kam ich von San Francisco nach New York, und bald darauf machte mir Charles H. Webb, den ich von San Francisco als Reporter des Bulletin und danach als Herausgeber des Californian kannte, den Vorschlag, einen Band mit Skizzen zu veröffentlichen. Ich genoss nur wenig Renommee, auf das ich mich hätte stützen können, war von dem Vorschlag aber begeistert und entzückt und durchaus willens, ihn aufzugreifen, sofern mir eine tüchtige Person die Mühe ersparte, die Skizzen eigenhändig zusammenzutragen. Ich war nicht geneigt, diese Aufgabe selbst zu übernehmen, denn seit Beginn meines Aufenthalts in dieser Welt herrscht bei mir dort, wo der Fleiß seinen Sitz haben sollte, gähnende Leere. (Wo der Fleiß seinen Sitz »hätte haben sollen«, ist vielleicht besser, obwohl sich die Autoritäten darüber nicht einig werden.)

Webb meinte, an der Atlantikküste genösse ich ein gewisses Renommee, aber ich wusste sehr wohl, dass es sich um keines von nennenswertem Ausmaß handelte. Was davon vorhanden war, beruhte auf der Erzählung des »Berühmten Springfroschs«. Als Artemus Ward 1865 oder 66 auf einer Vortragstournee durch Kalifornien reiste, erzählte ich ihm in San Francisco die »Springfrosch«-Geschichte, und er bat mich, sie aufzuschreiben und seinem Verleger Carleton in New York zu schicken, der sie dafür verwenden sollte, ein kleines Buch auszupolstern, das Artemus für den Druck vorbereitet hatte und das noch etwas mehr Füllmaterial gebrauchen konnte, damit es für den geforderten Preis auch dick genug wäre.

Die Geschichte erreichte Carleton rechtzeitig, aber er hielt nicht viel davon und war nicht gewillt, die Satzkosten für ihre Aufnahme in das Buch zu tragen. Er warf sie auch nicht in den Papierkorb, sondern machte sie Henry Clapp zum Geschenk, und Clapp verwendete sie, um das Begräbnis seiner sterbenden Literaturzeitschrift The Saturday Press auszugestalten. Der »Springfrosch« erschien in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift, war der fröhlichste Bestandteil der Trauerfeierlichkeiten und wurde sofort von den Zeitungen Amerikas und Englands nachgedruckt. Jedenfalls erlangte er große Berühmtheit, die er auch noch zu dem Zeitpunkt genoss, von dem ich spreche – aber ich war mir bewusst, dass nur der Frosch berühmt war. Nicht etwa ich. Ich war noch immer unbekannt.

Webb übernahm es, die Skizzen zusammenzustellen. Er führte die Aufgabe durch, dann überreichte er mir das Resultat, und ich ging damit zu Carletons Verlagsanstalt. Ich sprach einen Angestellten an, und dieser beugte sich wissbegierig über die Theke, um sich nach meinen Wünschen zu erkundigen; als er aber feststellte, dass ich gekommen war, um ein Buch zu verkaufen, und nicht etwa, um eines zu kaufen, sank seine Temperatur um fünfzehn Grad, und die Altgoldverankerungen in meinem Oberkiefer zogen sich um ein paar Zentimeter zusammen, und meine Zähne fielen heraus. Kleinlaut bat ich um die Gunst, kurz bei Mr. Carleton vorsprechen zu dürfen, und wurde kühl unterrichtet, er halte sich in seinem Privatbüro auf. Weitere Entmutigungen und Schwierigkeiten folgten, aber nach einer Weile überschritt ich das Grenzgebiet und drang ins Allerheiligste vor. Ah, jetzt fällt mir wieder ein, wie es mir gelang! Webb hatte für mich einen Termin bei Carleton vereinbart; andernfalls hätte ich diese Grenze niemals passiert. Carleton erhob sich und fragte brüsk und aggressiv:

»Nun, was kann ich für Sie tun?«

Ich erinnerte ihn daran, dass ich angemeldet sei, um ihm mein Buch zur Veröffentlichung anzubieten. Er begann anzuschwellen und fuhr fort, anzuschwellen und immer weiter anzuschwellen, bis er die Ausmaße eines Gottes zweiten oder dritten Grades erreicht hatte. Dann schossen aus seinen dunklen Tiefen die Fontänen empor, und zwei oder drei Minuten lang konnte ich ihn vor lauter Regen nicht sehen. Es waren Worte, nichts als Worte, aber die fielen so dicht, dass sie die Atmosphäre verdüsterten. Schließlich machte er mit der rechten Hand eine achtunggebietende schwungvolle Bewegung, die das ganze Zimmer umfasste, und sagte:

»Bücher – schauen Sie sich diese Regale an! Jedes einzelne ist mit Büchern beladen, die der Veröffentlichung harren. Will ich noch mehr davon? Entschuldigen Sie, will ich nicht. Guten Tag.«

Einundzwanzig Jahre verstrichen, bis ich Carleton wiedersah. Zu der Zeit weilte ich mit meiner Familie im Hotel Schweizerhof in Luzern. Er sprach bei mir vor, schüttelte mir herzlich die Hand und kam ohne Umschweife gleich zur Sache:

»Im Grunde bin ich ein unbekannter Mensch, doch ich zeichne mich zumindest durch einen Vorzug von so kolossalem Ausmaß aus, dass er mich zur Unsterblichkeit berechtigt – ich habe eines Ihrer Bücher abgelehnt, und dafür stehe ich konkurrenzlos als Preisesel des neunzehnten Jahrhunderts da.«

Es war eine höchst elegante Entschuldigung, was ich ihm auch sagte, und ich meinte, die Rache habe lange auf sich warten lassen, sei für mich aber süßer als jede andere, die man ersinnen könne; in den vergangenen einundzwanzig Jahren hätte ich ihm in meiner Phantasie jedes Jahr mehrmals das Leben genommen und stets auf neue, zusehends grausamere und inhumanere Weise, nun aber sei ich besänftigt, beschwichtigt, glücklich, ja voller Frohlocken; und fortan würde ich ihn für meinen wahren hochgeschätzten Freund halten und ihn nie wieder umbringen.

Ich berichtete Webb von meinem Abenteuer, und er sagte tapfer, nicht einmal sämtliche Carletons des Universums würden dieses Buch vereiteln können; er werde es selbst veröffentlichen, gegen 10 Prozent Tantiemen.

Und das tat er denn auch. Er machte ein sehr hübsches, in Blau und Gold gestaltetes kleines Büchlein daraus. Ich glaube, er nannte es Der berühmte Springfrosch von Calaveras und andere Skizzen, Preis: $ 1,25. Satz, Druck und Bindung ließ er durch eine Akzidenzdruckerei ausführen und veröffentlichte den Band in der American News Company.

In Juni nahm ich an der Expedition der Quaker City teil. Im November kehrte ich zurück und fand in Washington einen Brief von Elisha Bliss von der Hartforder American Publishing Company vor, in dem er mir für ein Buch, das die Abenteuer der Expedition schildert, 5 Prozent Tantiemen anbot. Als Alternative zu den Tantiemen trug er mir zehntausend Dollar in bar bei Abgabe des Manuskripts an. Ich zog A. D. Richardson zu Rate, und er sagte: »Nehmen Sie die Tantiemen.« Ich befolgte seinen Rat und schloss mit Bliss ab. Laut Vertrag sollte ich das Manuskript im Juli 1868 abliefern. Ich schrieb das Buch in San Francisco und reichte das Manuskript innerhalb der Vertragsfrist ein. Bliss beschaffte eine Vielzahl von Illustrationen für das Buch, dann stellte er die Arbeit daran ein. Das vertraglich vereinbarte Erscheinungsdatum verstrich, und keine Erklärung erfolgte. Die Zeit floss dahin, und noch immer keine Erklärung. Ich hielt landauf, landab Vorträge; und durchschnittlich rund dreißigmal pro Tag versuchte ich die folgende Rätselfrage zu beantworten:

»Wann erscheint Ihr Buch?«

Ich wurde es müde, mir immer neue Antworten auf diese Frage auszudenken, und irgendwann wurde ich der Frage selbst fürchterlich überdrüssig. Wer immer sie stellte, wurde mein sofortiger Feind, und gewöhnlich war ich sehr darauf bedacht, das auch kundzutun.

Sobald ich von meinen Vortragsverpflichtungen befreit war, eilte ich nach Hartford, um Erkundigungen einzuziehen. Bliss sagte, der Fehler liege nicht bei ihm, er wolle das Buch publizieren, aber die Direktoren seiner Firma seien philisterhafte alte Fossilien und hätten Angst davor. Sie hätten das Buch geprüft, und die Mehrheit sei der Auffassung, es gebe darin Stellen humorvoller Natur. Bliss sagte, der Verlag habe noch nie ein Buch veröffentlicht, dem ein solcher Verdacht anhänge, und die Direktoren befürchteten, mit einem Richtungswechsel dieser Art das Ansehen des Verlages ernstlich zu beschädigen; ihm seien Hände und Füße gebunden und er dürfe den Vertrag nicht erfüllen. Einer der Direktoren, ein gewisser Mr. Drake – oder zumindest stellte er die Überreste dar von etwas, was einmal ein gewisser Mr. Drake gewesen war –, lud mich zu einer Fahrt in seinem Einspänner ein, und ich nahm an. Mr. Drake war ein bemitleidenswertes altes Relikt, und auch seine Manieren und seine Redeweise waren bemitleidenswert. Er verfolgte eine heikle Absicht und brauchte einige Zeit, bis er genügend Mut gefasst hatte, um sie auszuführen, doch am Ende brachte er es zuwege. Er erläuterte mir die Schwierigkeiten und die Not des Verlages, wie sie mir Bliss auch schon erläutert hatte. Dann lieferte er mir den Verlag und sich selbst auf Gedeih und Verderb aus und flehte mich unumwunden an, Die Arglosen im Ausland zurückzuziehen und das Unternehmen von dem Vertrag zu entbinden. Ich lehnte es ab – und damit endeten die Unterredung und der Ausflug mit dem Einspänner. Anschließend warnte ich Bliss, er müsse ans Werk gehen oder ich würde Scherereien machen. Er beherzigte die Warnung, ließ das Buch setzen, und ich las Korrektur. Wieder folgte eine lange Wartezeit und keine Erklärung. Schließlich verlor ich gegen Ende Juli (1869, glaube ich) die Geduld und telegraphierte Bliss, sollte das Buch nicht binnen vierundzwanzig Stunden ausgeliefert werden, würde ich auf Schadenersatz klagen.

Damit waren die Scherereien beendet. Ein halbes Dutzend Exemplare wurde gebunden und innerhalb der geforderten Frist zum Verkauf angeboten. Dann begann man mit Werbemaßnahmen und setzte sie entschlossen fort. Binnen neun Monaten befreite das Buch den Verlag von seinen Schulden, erhöhte seine Aktien von fünfundzwanzig auf zweihundert und erwirtschaftete einen Überschuss von siebzigtausend Dollar. Es war Bliss, der mir das erzählte – sollte es zutreffen, wäre es das erste Mal in fünfundsechzig Jahren, dass er die Wahrheit gesagt hatte. Geboren wurde er 1804.

Mittwoch, 23. Mai 1906

Webb behauptet, dass der Springfrosch zwar positiv aufgenommen worden sei, er selbst aber aufgrund der Unredlichkeit der American News Company keinen Cent daran verdient habe – Mr. Clemens schließt Vertrag mit der American Publishing Company für Die Arglosen im Ausland und untersagt Veröffentlichung des Springfroschs durch Webb – Findet hinterher von der American News Company heraus, dass Webb ihn betrogen hat – Bedingungen des Vertrages mit Bliss für Durch dick und dünn und Bummel durch Europa

Aber ich muss auf Webb zurückkommen. Als ich im November 1867 von der Expedition der Quaker City zurückgekehrt war, teilte mir Webb mit, das Springfroschbuch sei von der Presse positiv aufgenommen worden und er glaube auch, dass es sich recht gut verkauft habe, es sei ihm allerdings nicht möglich gewesen, von der American News Company eine Abrechnung zu erhalten. Er führte aus, dass das Buch eine regelrechte Katastrophe für ihn gewesen sei, da er es aus eigenen Mitteln finanziert habe und aufgrund der unredlichen und hinhaltenden Vorgehensweise der News Company nicht in der Lage sei, auch nur einen Cent seines Geldes zurückzubekommen.

Webb tat mir aufrichtig leid; es tat mir leid, dass er, weil er mir hatte behilflich sein wollen, Geld verlor; und in gewissem Maße tat es mir auch leid, dass er nicht in der Lage war, mir meine Tantiemen auszuzahlen.

Den Vertrag für Die Arglosen im Ausland schloss ich mit der American Publishing Company. Als zwei oder drei Monate verstrichen waren, kam mir der Gedanke, dass ich womöglich gegen den Vertrag verstieß, enthielt er doch eine Klausel, die mir untersagte, innerhalb eines Jahres oder so Bücher bei einem anderen Verlag zu veröffentlichen. Natürlich konnte sich diese Klausel nicht auf ein Buch beziehen, das vor Abschluss des Vertrages veröffentlicht worden war; jedem anderen wäre das klar gewesen. Ich aber wusste es nicht, denn ich hatte nicht die Angewohnheit, irgendetwas Nützliches zu wissen; und ich hatte auch nicht die Angewohnheit, andere um Auskunft zu bitten. Es war meine ignorante Meinung, dass ich gegen den Vertrag mit Bliss verstieß und moralisch verpflichtet war, das Springfroschbuch zurückzuziehen und es endgültig vom Markt zu nehmen. So suchte ich Webb in der Angelegenheit auf. Er war bereit, mir unter den folgenden Bedingungen entgegenzukommen: dass ich ihm alle mir möglicherweise zustehenden Tantiemen abtrete; dass ich ihm zudem, frei von Tantiemen, alle gebundenen und ungebundenen Exemplare abtrete, die sich im Besitz der News Company befinden; dass ich ihm darüber hinaus achthundert Dollar in bar überreiche; dass er außerdem die Zerstörung der Druckplatten des Buches überwachen darf und für diesen Dienst die Prämie erhält, die die Schriftgießer für die alten Metalltypen der zerstörten Druckplatten zahlen würden. Schriftmetall war neun Cent das Pfund wert, und das Gewicht der Druckplatten betrug etwa vierzig Pfund. Diesen Details kann man entnehmen, dass Webb als Händler einiges Talent besaß.

Hiernach verschwand Webb für lange Zeit aus meinem Gesichtsfeld. In der Zwischenzeit jedoch lief ich zufällig dem Geschäftsführer der American News Company über den Weg, und ich fragte ihn nach Webbs Schwierigkeiten mit dem Unternehmen und wie es dazu hatte kommen können. Er sagte, er wisse von keinerlei Schwierigkeiten. Da erklärte ich ihm, dass Webb nie auch nur einen Cent von der Firma bezogen habe. Er wiederum erklärte mir, dass meine Erklärung jeder Grundlage entbehre. Er sagte, die Company habe Webb in den üblichen Abständen Abrechnungen zukommen lassen und den jeweils fälligen Scheck der Firma beigefügt. Auf seine Einladung hin begleitete ich ihn in sein Büro, und anhand der Bücher und Abrechnungen bewies er mir, dass seine Ausführungen zutrafen. Webb hatte von Anfang an regelmäßig seine und meine Anteile eingestrichen und das Geld in die eigene Tasche gesteckt. Zu dem Zeitpunkt, als Webb und ich uns geeinigt hatten, schuldete er mir sechshundert Dollar an Tantiemen. Die gebundenen und ungebundenenen Springfrösche, die er damals von mir geerbt hatte, waren seitdem verkauft worden und die Erlöse in seine Tasche gewandert – darunter weitere sechshundert an Tantiemen, die mir zugestanden hätten.

Um es zusammenzufassen: Ich war inzwischen ein Autor; ich war ein Autor mit einem klein bisschen Renommee; ich war ein Autor, der ein Buch veröffentlicht hatte; ich war ein Autor, der durch diese Veröffentlichung nicht reich geworden war; ich war ein Autor, dessen erstes Buch ihn zwölfhundert Dollar an nicht erhaltenen Tantiemen gekostet hatte, achthundert Dollar an Blutgeld und drei Dollar und sechzig Cent, die aus altem Schriftmetall zusammengeklaubt waren. Von jenem Moment an war ich entschlossen, nie wieder bei Webb zu veröffentlichen – es sei denn, ich könnte mir genug Geld leihen, um mir den Luxus zu leisten.

Bald darauf, als ich dank der Veröffentlichung der Arglosen im Ausland berühmt-berüchtigt geworden war, konnte Webb die Öffentlichkeit zunächst davon überzeugen, dass er mich entdeckt habe; später, dass er mich erschaffen habe. Allseits wurde eingeräumt, dass ich eine wertvolle Bereicherung für die amerikanische Nation und die hohen Ränge der Literatur sei; und dass die Nation und die Ränge für die Errungenschaft dieser Bereicherung wem gegenüber ihre große Dankesschuld abzutragen hätten? Gegenüber Webb.

Irgendwann waren Webb und seine großartigen Dienste vergessen. Da meldeten sich Bliss und die American Publishing Company zu Wort und begründeten die Tatsache, dass sie mich entdeckt hätten; später, dass sie mich erschaffen hätten; dass daher weiterer Dank fällig wäre. Im Laufe der Zeit gab es noch andere, die diese großartigen Dienste für sich beanspruchten. Sie schossen nur so aus dem Boden, in Kalifornien, in Nevada und andernorts, und zuletzt gelangte ich zu der Überzeugung, ich sei häufiger entdeckt und erschaffen worden als jedes andere Tier, das irgendwann aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen ist.

Webb hielt sich für einen literarischen Menschen. Vielleicht hätte die Welt diesen Aberglauben akzeptiert, hätte er ihn nicht durch die Veröffentlichung seiner eigenen Werke null und nichtig gemacht. Sie verrieten ihn. Seine Prosa war bezaubernd kindlich, seine Poesie um keinen Deut besser; dennoch hielt er daran fest, in regelmäßigen Abständen seine Gemeinplätze zu produzieren, bis er vor zwei Jahren an übergroßer Hirntätigkeit starb. Er war ein armes Geschöpf und von Natur aus wie durch Übung ein Betrüger. Als Lügner war er ziemlich gut und konnte einige Erfolge, wenn auch kein Ansehen für sich verbuchen, denn er war ein Zeitgenosse von Elisha Bliss, und wenn es darum ging, zu lügen, konnte Bliss, wie bei einer totalen Sonnenfinsternis, einen ganzen Kontinent von Webbs überschatten und auslöschen.

Etwa 1872 schrieb ich ein weiteres Buch, Durch dick und dünn. Die Arglosen hatte ich gegen 5 Prozent Tantiemen veröffentlicht, was auf etwa zweiundzwanzig Cent pro Band hinauslief. Jetzt trafen Angebote verschiedener angesehener Verlagshäuser ein. Eins bot 15 Prozent Tantiemen; ein anderes schlug vor, mir sämtliche Gewinne an dem Buch abzutreten und sich mit dem Werbeeffekt zufriedenzugeben, der dem Haus zufallen würde. Ich bat Bliss zu mir, und er kam nach Elmira. Hätte ich damals über das Verlagswesen so gut Bescheid gewusst wie heute, so hätte ich von Bliss 75 oder 80 Prozent des Verlagserlöses nach Abzug der Herstellkosten verlangt, und das wäre nur recht und billig gewesen. Aber ich verstand nichts von dem Geschäft und war zu träge, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Ich sagte Bliss, ich wolle sein Unternehmen nicht verlassen und auch keine übertriebenen Bedingungen stellen. Ich sagte, meiner Meinung nach sollte ich die Hälfte des Verlagserlöses nach Abzug der Herstellkosten erhalten, und voller Begeisterung erwiderte er, das sei gerade recht, gerade recht. Er ging in sein Hotel, setzte den Vertrag auf und brachte ihn mir am Nachmittag ins Haus. Ich stieß auf ein Problem. In dem Vertrag stand nicht »Hälfte des Verlagserlöses«, sondern stattdessen 7½ Prozent Tantiemen. Ich bat ihn, sich zu erklären. Ich sagte, das entspreche nicht unserer Abmachung. Er antwortete: »Nein, tut es nicht«, aber er habe die Tantiemen hineinschreiben müssen, um die Sache zu vereinfachen – dass 7½ Prozent Tantiemen bis zum Verkauf von hunderttausend Exemplaren genau die Hälfte des Verlagserlöses, ja etwas mehr darstellten; dass danach die Hälfte des Verlages meiner Hälfte einen Hauch überlegen sein werde.

Ich war ein wenig skeptisch, ein wenig argwöhnisch und fragte ihn, ob er das beschwören könne. Sogleich hob er die Hand und legte einen Schwur ab, wobei er genau dieselben Worte wiederholte, die er zuvor gesprochen hatte.

Ich brauchte neun oder zehn Jahre, um herauszufinden, dass es sich um einen Meineid handelte und 7½ Prozent nicht einmal ein Viertel des Verlagserlöses darstellten. Doch in der Zwischenzeit hatte ich bereits mehrere Bücher gegen 7½ und 10 Prozent Tantiemen bei Bliss veröffentlicht und war natürlich bei allen erheblich betrogen worden.

1879 kam ich mit einem druckfertigen Buch aus Europa nach Hause – Bummel durch Europa. Ich bat Bliss zu mir, und er kam, damit wir darüber sprechen. Ich sagte, ich sei mit den Tantiemen nicht zufrieden und glaubte nicht an den vermeintlichen »halben Verlagserlös«; diesmal müsse er den »halben Verlagserlös« in den Vertrag schreiben und dürfe die Tantiemen nicht einmal erwähnen – andernfalls würde ich das Buch woanders hintragen. Er sagte, damit sei er völlig einverstanden, denn es sei nur recht und billig, und wenn seine Direktoren sich dagegenstellten und etwas daran auszusetzen hätten, würde er sich aus der Firma zurückziehen und das Buch selbst herausbringen – das war hübsch dahergeredet, aber ich wusste, dass er in dieser Firma den Hut aufhatte und sie jeden von ihm unterschriebenen Vertrag akzeptieren mussten. Dieser Vertrag lag, mit seiner Unterschrift versehen, auf dem Billardtisch. Seit den Tagen der Arglosen im Ausland war Bliss über seine Direktoren rücksichtslos hinweggegangen, und mehr als einmal hatte er mir erzählt, er habe selbige zu Schritten veranlasst, die sie nicht hatten tun wollen, mit der Drohung, dass er, sollten sie sich nicht fügen, aus den Diensten der Firma ausscheiden und mich mitnehmen würde.

Ich weiß nicht, wie ein erwachsener Mensch so einfältig und unschuldig sein konnte wie ich damals. Es hätte mir auffallen sollen, dass ein Mann, der so zu reden verstand, entweder selbst ein Narr sein musste oder davon überzeugt, dass ich einer war. Aber der Narr war ich. Und so fanden nicht einmal einfache und rudimentäre Weisheiten den Weg in meinen Kopf.

Ich erinnerte ihn daran, dass seine Firma wegen eines Vertrages, den er unterzeichnet habe, gewiss keine Schwierigkeiten machen werde. Da verwies er mit dem für ihn typischen zahnlosen Lächeln auf ein Detail, das ich übersehen hatte: Der Vertrag war mit Elisha Bliss als Privatperson abgeschlossen, die American Publishing Company hingegen wurde gar nicht erwähnt.

Hinterher erzählte er mir, dass er den Vertrag den Direktoren vorgelegt und angeboten habe, ihn der Firma für ein Viertel der Gewinne am Buch zusammen mit einer Gehaltserhöhung für sich und Frank, seinen Sohn, abzutreten, und dass, sollten diese Bedingungen keine Zustimmung finden, er die Firma verlassen und das Buch selbst herausbringen werde – woraufhin die Direktoren seinen Forderungen stattgaben und den Vertrag übernahmen. Dass ich diese Dinge aus seinem eigenen Mund erfuhr, ist ein unanfechtbarer Beweis dafür, dass sie nicht zutrafen. Sechs Wochen bevor das Buch aus der Druckerpresse kam, sagte Bliss ein einziges Mal die Wahrheit, nur um zu sehen, wie sie schmeckte, aber das überanstrengte ihn, und er starb.

Drei Monate nach Erscheinen des Buches fand die Jahreshauptversammlung der Firmenaktionäre statt, und als Halb-Partner des Buches war ich anwesend. Die Versammlung wurde im Haus eines Nachbarn von mir abgehalten, Newton Case, der seit den Anfängen der Firma einer ihrer Direktoren war. Der Geschäftsbericht wurde verlesen, und für mich war er eine Offenbarung. Vierundsechzigtausend Exemplare des Buches waren verkauft worden, und meine Hälfte des Verlagserlöses betrug zweiunddreißigtausend Dollar. 1872 hatte Bliss mir gegenüber behauptet, 7½ Prozent Tantiemen – etwas mehr als zwanzig Cent pro Exemplar – stellten die Hälfte des Vertragserlöses dar, dabei stellten sie kaum ein Sechstel des Vertragserlöses dar. Mittlerweile waren die Zeiten nicht mehr so gut, und doch brauchte es volle fünfzig Cent pro Exemplar, um auf die Hälfte zu kommen.

Nun, Bliss war tot, und für seine zehn Jahre währenden Betrügereien konnte ich ihn nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Inzwischen ist er seit einem Vierteljahrhundert tot. Meine Bitterkeit gegen ihn ist verblasst und verflogen. Ich empfinde nur noch Mitleid mit ihm, und wenn ich ihm einen Fächer schicken könnte, würde ich es tun.

Als mir die Jahresbilanz die Schurkereien offenlegte, die ich durch die American Publishing Company erlitten hatte, stand ich auf und hielt Newton Case und den anderen Verschwörern eine Standpauke –

Donnerstag, 24. Mai 1906

Mr. Clemens versucht, der American Publishing Company seine Verträge abzukaufen, und bietet sein nächstes Buch Alte Zeiten auf dem Mississippi schließlich James R. Osgood an, der es per Subskription veröffentlicht und Schiffbruch erleidet – Als Nächstes veröffentlicht Osgood Der Prinz und der Bettelknabe – Mr. Clemens kauft zahllose Patente, verliert an allen Geld; außerdem Aktien der Accident Insurance Company in Hartford – Beschreibung des Senators Jones – Mr. Clemens weigert sich, Telefonaktien zu kaufen

– mit den anderen Verschwörern meine ich die anderen Direktoren.

Jetzt war meine Chance gekommen, mich aufzurichten und mit der Publishing Company einig zu werden, aber natürlich sah ich sie nicht. Ich war nur selten imstande, eine Chance zu erkennen, bevor sie aufgehört hatte, eine solche zu sein. Inzwischen wusste ich alles über das Verlagshaus und hätte ihm treu bleiben sollen. Ich hätte auf die Erlöse eine Abgabe zu meinen Gunsten erheben sollen, und zwar so lange, bis die Differenz zwischen den Tantiemen und der Hälfte des Verlagserlöses mit der Zeit aus den Taschen der Firma in meine geflossen und der Raub, den die Firma an mir begangen hatte, ungeschehen gemacht worden wäre. Aber etwas so Vernünftiges konnte mir natürlich gar nicht einfallen, also fiel es mir nicht ein. Mir fielen nur Mittel und Wege ein, meine Ehrbarkeit aus dieser verpesteten Atmosphäre zu retten. Ich wollte der Firma meine Bücher aus den Händen nehmen und sie woanders hintragen. Nach einer gewissen Zeit ging ich zu Newton Case – wie zuvor in sein Haus – und schlug ihm vor, die Firma solle die Verträge lösen, mir meine Bücher unentgeltlich und unbelastet zurückgeben und als Gegenleistung das Geld behalten, um das sie mich bei Durch dick und dünn, Das vergoldete Zeitalter, Skizzen alt und neu und Tom Sawyer geprellt habe.

Mr. Case sträubte sich gegen meine Sprache, aber ich sagte ihm, ich könne sie nicht ändern; ich sei vollkommen davon überzeugt, dass er und der Rest der Bibelklasse von dem Betrug, den Bliss 1872 an mir begangen habe, gewusst hätten – gewusst hätten, dass er geschah, und ihm stillschweigend zugestimmt hätten. Er verwahrte sich dagegen, dass ich den Vorstand als Bibelklasse bezeichnete. Und ich entgegnete, dann solle der Vorstand aufhören, seine Sitzungen mit einem Gebet zu eröffnen – zumal wenn er sich anschicke, einen Autor zu betrügen. Ich erwartete, dass Mr. Case den Vorwurf des Vorsatzes zurückweisen und mir verübeln würde, aber das tat er nicht. Was mich davon überzeugte, dass mein Vorwurf wohlbegründet war; daher wiederholte ich ihn und fuhr fort, unfreundliche Dinge über sein theologisches Seminar zu sagen. Ich sagte:

»Sie haben fünfundsiebzigtausend Dollar in diese Fabrik gesteckt und erhalten viel Lob dafür, wohingegen mein Anteil an dieser Wohltat unerwähnt bleibt – dabei habe ich einen Anteil daran, denn ein Teil von jedem Dollar, den Sie hineingesteckt haben, wurde mir aus der Tasche gestohlen.«

Er wusste mir keinen Dank für diese Komplimente. Er war ein geistloser Mann und unempfänglich.

Schließlich versuchte ich, meine Verträge zurückzukaufen, aber er sagte, es sei dem Vorstand unmöglich, ein solches Kaufangebot zu erwägen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Firma neun Zehntel ihrer Existenzgrundlage aus meinen Büchern beziehe und ihr Geschäft, wenn ihr diese genommen würden, nichts mehr wert sei. Später erzählte mir Richter Soundso, einer der Direktoren, ich hätte recht; schon damals habe der Vorstand über den Betrug, den Bliss an mir beging, genauestens Bescheid gewusst.

Wie bereits angemerkt, hätte ich bei der Firma bleiben und das Konto ausgleichen sollen. Aber ich tat es nicht. Ich rettete meine Lauterkeit aus dieser verpesteten Atmosphäre und trug mein nächstes Buch nach Boston zu James R. Osgood, vormals Firma Fields, Osgood & Company. Bei dem Buch handelte es sich um Alte Zeiten auf dem Mississippi. Osgood sollte es auf meine Kosten herstellen; es auf Subskriptionsbasis veröffentlichen und mir für seine Dienste Tantiemen berechnen. Osgood war einer der reizendsten und sanftesten und liebenswertesten Menschen, die auf diesem Planeten wandeln, aber vom Subskriptionsgeschäft verstand er nichts und setzte die Sache gründlich in den Sand. Er war ein geselliges Geschöpf, und wir spielten oft Billard und amüsierten uns Tag und Nacht. Unterdessen erledigten seine Angestellten unsere Geschäfte, und ich glaube, keiner von uns beiden erkundigte sich je nach ihren Methoden oder wusste, was sie trieben. An dem Buch wurde lange herumgezimmert; und nachdem man mich meinen Geldbeutel schließlich das letzte Mal hatte zücken lassen, merkte ich, dass ich für das Bauwerk sechsundfünfzigtausend Dollar bezahlt hatte. Für das Geld hätte Bliss eine ganze Bibliothek erbauen können. Es dauerte ein Jahr, bis die sechsundfünfzigtausend wieder in meiner Tasche landeten, worauf nicht sehr viel mehr folgte. Mithin war mein erster Versuch, ein solches Geschäft auf eigene Faust zu unternehmen, ein Fehlschlag.

Osgood versuchte es erneut. Er veröffentlichte Der Prinz und der Bettelknabe. Er machte ein wunderschönes Buch daraus, doch der Erlös, den ich damit erzielte, betrug gerade einmal siebzehntausend Dollar.

Als Nächstes glaubte Osgood, ein Buch erfolgreich im stationären Buchhandel durchsetzen zu können. Schließlich war er ausgebildeter Verleger. Über seine Subskriptionsbemühungen war er leicht verärgert und wollte es auf diese Weise versuchen. Ich gab ihm Der gestohlene weiße Elefant, eine Sammlung meist minderwertiger Skizzen. Ich trug ihm die Wette an, dass er in sechs Monaten keine zehntausend Exemplare verkaufen könne, und er nahm an – Einsatz fünf Dollar. Er gewann das Geld, aber nur knapp. Allerdings habe ich das Gefühl, mich zu irren, wenn ich dieses Buch als Letztes aufführe. Ich glaube, es war Osgoods erster Versuch, nicht sein dritter. Nach seinem Scheitern mit Der Prinz und der Bettelknabe hätte ich bei Osgood bleiben sollen, da ich ihn so gern mochte, aber er scheiterte, und ich musste woanders hingehen.

Währenddessen hatte ich ein Abenteuer am Rande. Ein alter, besonders guter Freund von mir lud ein Patent auf mich ab, für fünfzehntausend Dollar. Es war wertlos, und er hatte ein, zwei Jahre lang Geld damit verloren, aber diese Einzelheiten waren mir nicht bekannt, denn er versäumte es, sie zu erwähnen. Er sagte, wenn ich das Patent kaufen würde, werde er Herstellung und Vertrieb für mich übernehmen. Ich akzeptierte. Dann flossen monatlich fünfhundert Dollar aus meiner Tasche. Dieser Rabe flog regelmäßig alle dreißig Tage aus der Arche, kehrte jedoch stets mit leeren Krallen zurück, und die Taube meldete sich nicht zum Dienst. Nach einer Zeit, nach einer halben Zeit und noch mehr Zeit erlöste ich meinen Freund und legte das Patent in die Hände von Charles L. Webster, der eine Nichte von mir geheiratet hatte und der mir ein fähiger und tatkräftiger junger Bursche zu sein schien. Für ein Gehalt von fünfzehnhundert im Jahr sandte er den Raben weiterhin allmonatlich in die Welt, mit auf den Cent genau demselben Ergebnis.

Als ich schließlich zweiundvierzigtausend Dollar an diesem Patent verloren hatte, schenkte ich es einem Mann, den ich schon lange verabscheute und dessen Familie ich ruinieren wollte. Dann hielt ich nach anderen Abenteuern Ausschau. Der nämliche Freund hatte ein weiteres Patent für mich in petto. In acht Monaten gab ich zehntausend Dollar dafür aus. Dann versuchte ich, das Patent dem Mann anzudrehen, auf dessen Familie ich es abgesehen hatte. Er war sehr dankbar, mittlerweile aber auch durch Erfahrung gewitzigt und argwöhnisch gegen Wohltäter. Er wollte es nicht annehmen, und ich musste es verfallen lassen.

Unterdessen traf ein weiterer alter Freund mit einer wunderbaren Erfindung ein. Es handelte sich um einen Motor oder einen Hochofen oder etwas Derartiges, was 99 Prozent des Dampfes, der in einem Pfund Kohle steckt, nutzen konnte. Ich suchte Mr. Richards von der Colt Arms Factory auf und erzählte ihm davon. Er war vom Fach und wusste alles über Kohle und Dampf. Er schien seine Zweifel an der Maschine zu haben, und ich fragte ihn nach dem Grund. Er sagte, weil die Menge an Dampf, die sich in einem Pfund Kohle verbirgt, bis auf die Kommastelle genau bekannt sei und sich mein Erfinder hinsichtlich der 99 Prozent im Irrtum befinde. Er zeigte mir ein Buch mit randvoll bedruckten Seiten voller Zahlen; Zahlen, die mich betrunken und benommen machten. Er zeigte mir, dass die Maschine meines Gewährsmannes nicht einmal 90 Prozent dessen leisten könnte, was versprochen wurde. Leicht entmutigt ging ich davon. Aber ich glaubte, dass das Buch womöglich irrte, und so stellte ich den Erfinder an, für ein Gehalt von fünfunddreißig Dollar pro Woche die Maschine zu bauen, sämtliche Kosten würde ich übernehmen. Er benötigte ziemlich viele Wochen, um sie zu bauen. Alle paar Tage suchte er mich auf, um über die Fortschritte zu berichten, und an seinem Atem und seinem Gang merkte ich bald, dass er sechsunddreißig Dollar die Woche für Whisky ausgab, und ich konnte nie herausfinden, von wo er den anderen Dollar bezog.

Als ich für die Unternehmung fünftausend ausgegeben hatte, war die Maschine zwar fertiggestellt, funktionierte aber nicht. Sie konnte 1 Prozent des Dampfes verwerten, der in einem Pfund Kohle steckt, aber das war so gut wie nichts. Das ließ sich auch mit einem Teekessel bewerkstelligen. Ich bot die Maschine dem Mann an, dessen Familie ich nachstellte, aber ohne Erfolg. Da warf ich das Ding weg und sah mich nach etwas Neuem um. Trotz allem war ich ein begeisterter Freund des Dampfes geworden und erwarb einige Aktien an einer Gesellschaft in Hartford, die beabsichtigte, mit Hilfe einer neuen Art von dampfbetriebenem Flaschenzug einfach alles anzufertigen und zu verkaufen und zu revolutionieren. Der dampfbetriebene Flaschenzug zog mir in sechzehn Monaten zweiunddreißigtausend Dollar aus der Tasche, dann ging er zu Bruch, und ich war wieder allein in der Welt und ohne Beschäftigung.

Aber ich suchte mir eine neue. Ich erfand ein Sammelalbum – und auch wenn ich selbst es bin, der das behauptet, es war das einzige vernünftige Sammelalbum, das die Welt je gesehen hat. Ich ließ es patentieren und vertraute es den Händen jenes alten, besonders guten Freundes an, der ursprünglich mein Interesse an Patenten geweckt hatte und ziemlich viel Geld damit verdiente. Bald aber, gerade als ich selbst begann, einen Anteil von dem Geld zu erhalten, fallierte seine Firma. Ich wusste nicht, dass seine Firma vor dem Bankrott stand – er sagte mir nichts davon. Eines Tages bat er mich, der Firma fünftausend Dollar zu leihen, und sagte, er sei bereit, 7 Prozent Zinsen zu zahlen. Als Sicherheit bot er mir die Schuldverschreibung der Firma. Ich fragte nach einem Indossanten. Er war sehr überrascht und sagte, wenn Indossanten so ohne weiteres zu haben wären, käme er wegen des Geldes nicht zu mir, sondern würde es sich anderswo beschaffen. Das leuchtete mir ein, und so gab ich ihm die fünftausend Dollar. Sie gingen binnen drei Tagen bankrott – und nach Ablauf von zwei, drei Jahren bekam ich von dem Geld zweitausend Dollar zurück.

Jene fünftausend Dollar hatten eine Vorgeschichte. Anfang 1872 schrieb mir Joe Goodman aus Kalifornien, sein Freund, Senator John P. Jones in Hartford, werde eine Konkurrenzfirma zur Travelers Accident Insurance Company gründen und wünsche, dass Joe zwölftausend Aktien übernehme, er werde im Gegenzug dafür sorgen, dass Joe kein Geld dabei verliere. Joe wiederum schlug vor, die Chance mir zu überlassen, und sagte, wenn ich das Wagnis einginge, werde Jones mich gewiss vor Verlusten schützen. Also kaufte ich die Aktien und wurde einer der Direktoren. Jones’ Schwager Lester war lange Zeit Aktuar bei der Travelers Company gewesen. Nun wechselte er zu unserer Firma, und wir nahmen die Geschäfte auf. Es gab fünf Direktoren. Drei von uns besuchten anderthalb Jahre lang sämtliche Vorstandssitzungen. Nach achtzehn Monaten brach die Firma zusammen, und ich hatte dreiundzwanzigtausend Dollar verloren. Jones war in New York, wo er sich eine Weile in einem Hotel aufhielt, das er gekauft hatte (das St. James), und ich schickte Lester, der versuchen sollte, die dreiundzwanzigtausend Dollar wiederzubekommen. Doch als er zurückkehrte, berichtete er, Jones habe in so viele Dinge Geld gesteckt, dass er sich in ziemlicher Verlegenheit befinde und froh wäre, wenn ich eine Weile warten könnte. Ich ahnte nicht, dass Lester seine Phantasie spielen ließ, doch genau so war es. Er hatte bei Jones über all das kein Wort verloren. Aber seine Geschichte erschien mir einleuchtend, zumal ich wusste, dass Jones eine über die Südstaaten verteilte Kette von Kunsteisfabriken gebaut hatte – diesseits der Chinesischen Mauer gab es nichts dergleichen. Ich wusste, dass ihn die Fabriken eine Million Dollar oder so gekostet hatten und die Menschen dort unten nicht dazu erzogen worden waren, Eis zu bewundern, weshalb sie keins wollten und keins kauften – insofern war die Chinesische Mauer ein einziger Verlust und Fehlschlag. Ich wusste auch, dass Jones’ St. James Hotel aufgehört hatte, profitabel zu sein, weil Jones – der ein großherziger Mann und zu neunundneunzig Prozent aus ungetrübter Großzügigkeit zusammengesetzt war, was bis auf den heutigen Tag der Fall ist – sein Hotel vom Dachboden bis zum Keller mit armen, von den vier Enden der Erde zusammengekehrten Verwandten vollgestopft hatte: mit Klempnern, Maurern, erfolglosen Geistlichen und eigentlich allen möglichen Leuten, die von der Hotelbranche nichts verstanden. Mir war außerdem bewusst, dass es in dem Hotel keinen Platz für die Allgemeinheit gab, da sämtliche Zimmer von Scharen anderer armer Verwandter okkupiert wurden, die auf Jones’ Einladung von den vier Enden der Erde zusammengekehrt worden waren und darauf warteten, dass Jones eine einträgliche Beschäftigung für sie fand. Mir war außerdem bewusst, dass Jones ein Stück des Staates Kalifornien gekauft hatte, mit einigen weitläufigen Stadtgrundstücken samt Platz für Eisenbahnen und einem sehr schönen, großräumigen und profitablen Hafen am Eingang der Stadt, und dass Jones wegen dieses Grundbesitzes verschuldet war. Daher war ich es zufrieden, eine Weile zu warten. Unter anderem wusste ich auch dies: Während Jones versprochen hatte, Joe Goodman vor Verlusten zu schützen, hatte er mir gegenüber kein solches Versprechen gegeben.

Als die Monate verstrichen, erbot sich Lester hin und wieder, Jones auf eigene Faust aufzusuchen. Seine Besuche ergaben nichts. Tatsache ist, dass Lester Angst vor Jones hatte und sich scheute, ihn mit meiner Angelegenheit zu behelligen, solange er so viele Lasten zu schultern hatte. Er zog es vor, mir gegenüber so zu tun, als habe er Jones gesprochen und meine Angelegenheit vorgebracht, während er sie in Wahrheit keineswegs vorgebracht hatte. Nach zwei, drei Jahren schlug mir Mr. Slee von unserer Kohlenfirma in Elmira vor, mit Jones zu sprechen, und ich willigte ein. Slee suchte Jones auf, und auf seine taktvolle und diplomatische Art begann er das Gespräch auf meine Angelegenheit zu lenken, doch noch bevor er ausholen konnte, blickte Jones auf und fragte:

»Wollen Sie damit etwa sagen, dass Clemens das Geld niemals ausgezahlt worden ist?«

Er stellte sofort einen Scheck über dreiundzwanzigtausend aus; sagte, dieser hätte längst überreicht werden müssen und wäre auch bei Fälligkeit sofort überreicht worden, wenn er die Umstände gekannt hätte. Es gibt nicht viele John P. Jones auf der Welt.

Das war im Frühjahr 1877. Mit dem Scheck in der Tasche war ich bereit, abermals das schnelle Glück zu suchen. Der Leser, getäuscht von meinen Ausführungen über meine Abenteuer, wird den voreiligen Schluss ziehen, dass ich sofort nach einer günstigen Gelegenheit Ausschau hielt. Nichts dergleichen tat ich. Ich war ein gebranntes Kind. Mit Spekulationen wollte ich nichts mehr zu tun haben. General Hawley ließ mich ins Büro des Courant kommen. Mit meinem Scheck in der Tasche ging ich hin. Dort war ein junger Bursche, der sagte, er sei Reporter für eine Zeitung in Providence gewesen, jetzt aber in einer anderen Branche tätig: er arbeite für Graham Bell und sei Vertreter für eine neue Erfindung namens Telefon. Er glaubte, damit könne man ein großes Vermögen machen, und wollte, dass ich einige Aktien kaufte. Ich lehnte ab. Ich sagte, mit fragwürdigen Spekulationen wolle ich nichts mehr zu tun haben. Da bot er mir die Aktien für fünfundzwanzig an. Ich sagte, ich wolle sie um keinen Preis. Sein Eifer war geweckt – er bestand darauf, dass ich wenigstens ein paar kaufte – im Wert von fünfhundert Dollar. Er sagte, für fünfhundert Dollar werde er mir so viele geben, wie ich wollte – bot mir an, sie mit den Händen zusammenzuklauben und in einen Bowler zu stopfen –, sagte, für fünfhundert Dollar könne ich einen ganzen Hutvoll davon haben. Aber ich war ein gebranntes Kind und widerstand allen Versuchungen – widerstand ihnen mühelos –, ging mit meinem unangetasteten Scheck fort, und tags darauf lieh ich fünftausend davon gegen eine nicht indossierte Schuldverschreibung meinem Freund, der, wie bereits dargelegt, drei Tage später bankrottgehen sollte.

Gegen Ende des Jahres (vielleicht auch Anfang 1878) ließ ich ein Telefonkabel von meinem Haus zum Büro des Courant legen, das einzige Telefonkabel in der Stadt und praktisch das erste, das auf der Welt je in einem Privathaus genutzt wurde.

Mir konnte dieser junge Mann keine Aktien verkaufen, aber einem alten Kurzwarenhändler in Hartford verkaufte er ein paar Hutvoll davon für fünftausend Dollar. Diese fünftausend stellten das gesamte Vermögen des Händlers dar. Ein halbes Leben lang hatte er sie zusammengespart. Sonderbar, wie töricht Menschen sein können und was für ruinöse Risiken sie eingehen, wenn sie schnell reich werden wollen. Der Mann tat mir leid, als ich davon hörte. Ich bildete mir ein, ich hätte ihn vielleicht retten können, wenn mir nur die Gelegenheit gegeben worden wäre, ihm von meinen Erfahrungen zu berichten.

Am 10. April 1878 schifften wir uns nach Europa ein. Wir waren vierzehn Monate fort, und als wir zurückkehrten, war fast mit das Erste, was wir sahen, der Kurzwarenhändler, wie er in einem prächtigen Landauer mit einem Haufen livrierter Lakaien umherfuhr – und wie seine Telefonaktien mit einer Geschwindigkeit Dollarscheine in seine Geschäftsräume spülten, dass er ihrer nur mit einer Schaufel Herr werden konnte. Sonderbar, dass die Unwissenden und Unerfahrenen so oft und so unverdient Erfolg haben, während die Sachkundigen und Verdienstvollen scheitern.

Um auf meine Abenteuer im Verlagswesen zurückzukommen.

Samstag, 26. Mai 1906

Mr. Clemens wird sein eigener Verleger und macht Webster zum Generalagenten in der Firma Webster & Company, Publishers – Webster veröffentlicht erfolgreich Huckleberry Finn – Whitford von der Firma Alexander & Green setzt den Vertrag auf – Vortragsreise mit George Cable – Abschiedsrede am 19. April

Wie bereits angemerkt, hatte ich aus dem Dorf Dunkirk, New York, meinen angeheirateten Neffen Webster importiert, der für ein Gehalt von fünfzehnhundert Dollar das allererste Patentrechtgeschäft für mich abwickeln sollte. Mit diesem Unternehmen hatte ich zweiundvierzigtausend Dollar eingebüßt, daher hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, die Sache zu beenden. Nunmehr beabsichtigte ich, mein eigener Verleger zu werden und den jungen Webster die Arbeit tun zu lassen. Er meinte, solange er das Handwerk erlerne, gebührten ihm zweitausendfünfhundert Dollar pro Jahr. Ich brauchte ein oder zwei Tage, um die Angelegenheit zu überdenken und eingehend zu prüfen. Soweit ich sehen konnte, war das eine neue Idee. Ich erinnerte mich, dass Druckerlehrlinge kein Gehalt bekamen. Ich holte Erkundigungen ein und fand heraus, dass es sich bei Steinmetzen, Maurern, Klempnern und allen Übrigen ebenso verhielt. Ich fand heraus, dass nicht einmal in Ausbildung befindliche Anwälte oder Ärzte dafür, dass sie ihren Beruf erlernten, ein Gehalt bezogen. Ich erinnerte mich, dass ein Flusslotsenlehrling nicht nur kein wie auch immer geartetes Gehalt bezog, sondern einem Lotsen eine Summe, die er nicht besaß, in bar auf den Tisch legen musste – eine beträchtliche Summe. Genau das hatte ich selbst getan. Ich hatte Bixby hundert Dollar gezahlt, und zwar geborgtes Geld. Jemand, der angab, das geistliche Amt zu studieren, sagte mir, sogar Noah habe während der ersten sechs Monate kein Gehalt bezogen – teils des Wetters wegen, teils weil er die Grundregeln der Nautik erst noch erlernen musste.

Letzten Endes liefen meine Überlegungen und Nachforschungen darauf hinaus, dass ich zu der Überzeugung kam, mir mit Webster etwas in der Geschichte vollkommen Neues gesichert zu haben. Außerdem glaubte ich, dass ein junger Hinterwäldler, der sein Leben in New York ohne Ausstattung jedweder Art, ohne nachweislichen Wert jedweder Art, ohne voraussichtlichen Wert jedweder Art antrat, dabei aber, ohne mit der Wimper zu zucken, vorschlagen konnte, ein Handwerk auf Kosten eines anderen Mannes zu erlernen und für diese Wohltätigkeit eine jährliche Summe zu veranschlagen, die höher war, als sie ein Präsident der Vereinigten Staaten sich jemals von seiner Besoldung für die Lenkung des nach Irland schwierigsten Landes auf dem Planeten hat zusammensparen können, es bestimmt wert war, an mich gebunden zu werden – und zwar augenblicklich –, damit er mir nur ja nicht entwischte. Ich glaubte, dass, wenn sich etwas von seinem riesigen Interesse an Nr. 1 auf den Schutz von Nr. 2 umleiten ließe, das Resultat ein hinlänglicher Glücksfall für mich wäre.

Ich baute Webster zu einer Firma auf – einer Firma namens Webster & Company, Publishers – und installierte ihn zu einer bescheidenen Miete in zwei Büroräumen im ersten Geschoss eines Gebäudes irgendwo unterhalb des Union Square, ich weiß nicht mehr wo. Unterstützt wurde er von einem Mädchen und einem männlichen Angestellten, der vielleicht achthundert Dollar erhielt. Eine Zeitlang hatte Webster noch einen weiteren Helfer, einen Mann, der lange mit dem Subskriptionsgeschäft von Büchern zu tun gehabt hatte, alles darüber wusste und in der Lage war, Webster zu unterweisen – was er auch tat –, wobei ich es war, der die Kosten übernahm. Ich rede jetzt vom Beginn des Jahres 1884. Ich überließ Webster ein passables Kapital, zugleich überließ ich ihm das Manuskript von Huckleberry Finn. Websters Stellung war die eines Generalagenten. Seine Aufgabe bestand darin, im ganzen Land Subagenten einzusetzen. Damals gab es sechzehn solcher Subagenturen. Diese beschäftigten Vertreter, die auf Kundenwerbung gingen. In New York City war Webster sein eigener Subagent.

Noch ehe irgendeine dieser Nebensächlichkeiten, von denen ich spreche, vereinbart war, hatte der umsichtige Webster vorgeschlagen, dass vor den ersten Schritten, die zu tun waren, ein Vertrag aufzusetzen, zu unterschreiben und zu besiegeln sei. Das schien mir vernünftig, obwohl ich nicht selbst daran gedacht hatte – ich meine, es war vernünftig, weil ich nicht selbst daran gedacht hatte. Also veranlasste Webster seinen Freund Whitford, den Vertrag zu entwerfen. Ich lernte Webster wirklich schätzen, und an diesem Punkt des Verfahrens überkam meinen Organismus einer dieser Anfälle von überschwänglicher Großmut; und noch bevor ich nachdenken konnte, versuchte ich, Webster zusätzlich zu seinem Gehalt einen Anteil von zehn Prozent an dem Geschäft zu übertragen, unentgeltlich. Webster lehnte postwendend ab – natürlich mit bestem Dank, auf die übliche Art. Das ließ ihn wieder ein paar Sprossen in meiner Bewunderung steigen. Ich wusste sehr wohl, dass ich ihm einen Gesellschafteranteil anbot, der ihm innerhalb der nächsten neun Monate das Doppelte oder Dreifache seines Gehaltes einbringen würde, nur er wusste es nicht. Alle meine Weissagungen über den hohen kommerziellen Wert von Huckleberry Finn wehrte er kühl und klug ab. Und das war ein neuerlicher Beweis dafür, dass ich in Webster ein Juwel gefunden hatte, einen Mann, der sich nicht ereifern würde; einen Mann, der nicht den Kopf verlieren würde; einen vorsichtigen Mann; einen Mann, der auf ihm unbekannten Gebieten keinerlei Risiko eingehen würde. Es sei denn auf Kosten eines anderen, meine ich.

Wie gesagt, den Vertrag entwarf Whitford. Dunkirk, New York, brachte nicht nur Webster, sondern auch Whitford hervor und hat sich von dieser Anstrengung noch nicht wieder erholt. Whitford war privilegiert, mit dem Zusatz »von der Firma Alexander & Green« zu unterfertigen. Alexander & Green besaßen ein bedeutendes lukratives Geschäft und nicht genug Ethos, um es zu schädigen – ein Umstand, der vergangenes Jahr ziemlich augenscheinlich wurde, als sich jenes Erdbeben ereignete, bei dem den drei großen Lebensversicherungsgesellschaften die Eingeweide aus dem Leib gerissen wurden. Die Firma Alexander & Green hatte ihre Büroräume im Mutual Building und beschäftigte fünfundzwanzig fest angestellte Anwälte. Whitford war einer von ihnen. Er war gutmütig, zuvorkommend und ungeheuer unwissend, ausgestattet mit einer Dummheit, die sich problemlos viermal um den Erdball spannen und dann verknoten ließe.

Der erste Vertrag war in Ordnung. Es gab nichts gegen ihn einzuwenden. Verpflichtungen und Auslagen, Haftung und Verantwortung übertrug er sämtlich auf mich, wo sie hingehörten.

Sie waren ein gutes Gespann, Webster und Whitford. Die Menge dessen, was beide zusammen nicht wussten, war mir ein weit schrecklicheres und lähmenderes Schauspiel, als wenn ich hätte zusehen müssen, wie die Milchstraße zerspringt und in Scherben und Splittern am Himmel treibt. Was Mut betrifft, moralischen oder körperlichen – sie hatten keinen. Webster wagte es nicht, auch nur einen geschäftlichen Schritt zu tun, ohne vorab die Versicherung eines Anwalts einzuholen, dass nichts davon ihn ins Gefängnis bringen würde. Whitford wurde pausenlos konsultiert, so dass er fast genauso zum Personal gehörte wie das Mädchen und der Subskriptionsexperte. Da jedoch weder Webster noch Whitford auch nur über die geringsten Gelderfahrungen verfügten, war Whitford kein teurer Stelleninhaber, auch wenn er sich vermutlich dafür hielt.

Zu Beginn des Herbstes ging ich mit George W. Cable auf einen viermonatigen Lesefeldzug an der Ost- und Westküste – die letzte Podiumsarbeit, die ich in diesem Leben und in meinem eigenen Land zu tun gedachte. Damals beschloss ich, nie wieder ein Publikum vom Podium her auszurauben, es sei denn, ich wäre aus finanzieller Notlage dazu gezwungen. Nach elf Jahren stellte sich die finanzielle Notlage ein, und ich hielt Vorträge auf dem ganzen Erdball.

Seitdem sind zehn Jahre vergangen, in denen ich nur honorarfreie Vorträge für gemeinnützige Vereine hielt. Am 19. des vergangenen Monats nahm ich mit einem Vortrag über Robert Fulton zugunsten des Robert Fulton Memorial Fund in aller Form und öffentlich Abschied vom Podium – etwas, was ich zuvor nicht getan hatte.

Ich scheine mich ziemlich weit von Webster und Whitford zu entfernen, aber das macht nichts. Es handelt sich um einen jener Fälle, bei denen Entfernung dem Blick zusätzlichen Reiz verleiht. Webster hatte mit Huckleberry Finn Erfolg, und ein Jahr später überreichte er mir einen Scheck über vierundfünfzigtausendfünfhundert Dollar, darin enthalten die fünfzehntausend Dollar Kapital, die ich ihm zu Beginn überlassen hatte.

Wieder einmal erlebte ich eine Neugeburt. Ich nehme an, ich bin öfter geboren als jeder andere, ausgenommen Krishna.

Montag, 28. Mai 1906

Mr. Clemens sucht General Grant auf, als dieser gerade im Begriff ist, einen Vertrag mit der Century Company über die Veröffentlichung seiner Memoiren gegen 10 Prozent Tantiemen zu unterzeichnen – Mr. Clemens bringt ihn davon ab und entscheidet schließlich, sie selbst zu veröffentlichen – Bedingungen, zu denen sie veröffentlicht wurden

Webster entwickelte die Vorstellung, er habe mich für die Welt entdeckt, führte sich aber halbwegs bescheiden auf. Er gackerte viel weniger über sein gelegtes Ei, als Webb und Bliss es getan hatten.

Es war nie meine Absicht gewesen, andere als meine eigenen Bücher zu veröffentlichen. Ein Zufall brachte mich von diesem weisen Vorsatz ab. Das war General Grants denkwürdiges Buch. Eines Abends in der ersten Novemberwoche 1884 hatte ich in der Chickering Hall einen Vortrag gehalten und ging zu Fuß nach Hause. Es war eine regnerische Nacht, und kaum ein Mensch war unterwegs. Mitten aus der schwarzen Kluft zwischen zwei Laternen lösten sich zwei düstere Gestalten aus einem Hauseingang und gingen vor mir her. Ich hörte eine von ihnen sagen:

»Wissen Sie, dass General Grant tatsächlich beschlossen hat, seine Memoiren zu schreiben und sie zu veröffentlichen? Heute hat er sich unmissverständlich dazu geäußert.«

Mehr hörte ich nicht – nur diese Worte –, und ich hielt es für ein großes Glück, dass es mir vergönnt war, sie aufzuschnappen.

Am Morgen trat ich aus dem Haus und suchte General Grant auf. Ich traf ihn in seiner Bibliothek an, zusammen mit Colonel Fred Grant, seinem Sohn. Der General sagte der Sache nach Folgendes:

»Setzen Sie sich doch und gedulden Sie sich, bis ich diesen Vertrag unterschrieben habe« – und er fügte hinzu, es gehe um ein Buch, das er schreiben wolle.

Offenbar unterzog Fred Grant den Vertrag gerade höchstpersönlich einer letzten Lektüre und Prüfung. Er fand ihn zufriedenstellend und sagte das auch, und sein Vater trat an den Tisch und nahm die Feder zur Hand. Vielleicht wäre es besser für mich gewesen, wenn ich mich herausgehalten hätte, aber das tat ich nicht. Ich sagte:

»Unterschreiben Sie ihn nicht. Gestatten Sie, dass Colonel Fred ihn mir zuerst vorliest.«

Colonel Fred las ihn vor, und ich sagte, ich sei froh, dass ich rechtzeitig gekommen sei, um einzugreifen. Die Century Company war die »zweitgenannte Vertragspartei«. Sie schlug vor, dem General 10 Prozent Tantiemen zu zahlen. Das war natürlich Unfug – aber der Vorschlag entsprang der Unwissenheit, nicht der Unredlichkeit. Über das Verlegen von Zeitschriften wusste die große Century Company alles; in diesem Fach konnte ihr niemand etwas beibringen; bei Buchsubskriptionen jedoch verfügte sie damals über keinerlei Erfahrungen und hatte vermutlich nichts weiter im Sinn als den Vertrieb über den Buchhandel. Und nicht einmal dafür hatte die Firma nennenswerte Erfahrungen vorzuweisen, sonst hätte sie General Grant nicht gebeten, ein Buch gegen Tantiemen vorzulegen, die gewöhnlich Autoren ohne Namen oder Ruf eingeräumt werden.

Ich erklärte, diese Bedingungen seien völlig inakzeptabel; seien ganz und gar verkehrt, unfair, ungerecht. Ich sagte:

»Streichen Sie die 10 Prozent und fügen Sie stattdessen 20 Prozent ein. Noch besser, schreiben Sie stattdessen 75 Prozent des Nettoerlöses.«

Dagegen sträubte sich der General, ziemlich heftig sogar. Er meinte, eine solche Beteiligung würde die Firma niemals zahlen.

Ich erwiderte, das sei unerheblich, da es in Amerika keinen seriösen Verleger gebe, der sie nicht mit Freuden zahlen würde.

Der General schüttelte noch immer den Kopf. Er war noch immer willens, den Vertrag, so wie er war, zu unterschreiben.

Ich wies ihn darauf hin, dass der Vertrag, so wie er war, ein anstößiges Detail enthielt, von dem ich noch nie gehört hatte, nicht einmal im 10-Prozent-Vertrag des unbekanntesten Autors – dass dieser Vertrag nämlich nicht nur magere 10 Prozent Tantiemen für einen Koloss wie General Grant vorsah, sondern zudem zur Bedingung machte, dass von diesen 10 Prozent ein dem Buch entsprechender Anteil am Lohn der Angestellten, an der Büromiete und -reinigung oder ähnlichem Unfug zu entrichten sei. Ich sagte, der General müsse drei Viertel des Gesamterlöses erhalten und den Verleger die laufenden Kosten aus dem ihm verbleibenden Viertel zahlen lassen.

Die Vorstellung peinigte General Grant. Er war der Meinung, dass sie ihn zu einem Räuber mache – einem Räuber, der einen Verleger ausraube. Ich sagte, wenn er das für ein Verbrechen halte, so liege es daran, dass seine Erziehung vernachlässigt worden sei. Ich sagte, es sei kein Verbrechen und werde im Himmel stets mit zwei Heiligenscheinen belohnt. Oder würde es jedenfalls, sollte es je welche geben.

Der General ließ sich nicht umstimmen und forderte mich auf, ihm einen Verleger zu nennen, der bereit wäre, sich diese edle Tat aufdrücken zu lassen. Ich nannte ihm die American Publishing Company in Hartford. Er fragte, ob ich meine Aussage beweisen könne. Ich sagte, den Beweis könnte ich ihm binnen sechs Stunden telegraphisch vorlegen – drei Stunden für meine Depesche nach Hartford, drei Stunden für Bliss’ Übermittlung frohlockender Zustimmung mit Hilfe desselben elektrischen Güterzuges; falls er die Antwort schneller benötige, würde ich zu Fuß nach Hartford gehen und sie selbst einholen.

Der General war noch immer nicht umzustimmen. Fred Grant hingegen ließ sich allmählich überzeugen. Er schlug vor, den Vertrag mit Century für vierundzwanzig Stunden auf dem Tisch ruhen zu lassen und in der Zwischenzeit die Lage zu prüfen und zu erörtern. Er sagte, die Angelegenheit sei keine Gefühlssache; sie sei reine Geschäftssache und dürfe nur unter diesem Gesichtspunkt geprüft werden. Seine Bemerkung über Gefühle war wichtig. Der Grund war folgender. Die Maklerfirma Grant & Ward – bestehend aus General Grant, Mr. Ward (der eine Zeitlang als »kleiner Napoleon der Finanzwelt« bekannt war) und Wards Komplizen Fish – hatte General Grant um jeden Penny geprellt, den er in der Welt besaß. Und zu einem Zeitpunkt, da er nicht wusste, wohin er sich wenden sollte, um sein Brot zu verdienen, hatte ihm Roswell Smith, Leiter der Century Company, für vier Zeitschriftenartikel über gewisse große Schlachten des Bürgerkrieges fünfhundert Dollar pro Artikel geboten. Das Angebot war für den verzweifelten alten Helden, was der sprichwörtliche Strohhalm für den Ertrinkenden ist. Voller Dankbarkeit nahm er es an, schrieb die Artikel und reichte sie ein. Sie waren locker zehntausend Dollar pro Artikel wert, aber das wusste er nicht. Fünfhundert Dollar pro Artikel erschienen ihm ein fabelhaftes Honorar für diese Belanglosigkeit einer angenehmen und mühelosen Kritzelei.

Jetzt widerstrebte es ihm, seinen Wohltätern abtrünnig zu werden. Mit seinem militärischen Verstand und seiner militärischen Ausbildung kam ihm das wie Verrat vor. Wenn ich mich richtig erinnere, ließ sein erster Artikel die Subskriptionsliste der Century Company von hunderttausend Exemplaren auf zweihundertzwanzigtausend hochschnellen. Folglich waren die Anzeigenseiten der Century Company in jenem Monat mehr als das Doppelte dessen wert, was sie in allen früheren Monaten eingebracht hatten. Ich würde sagen, dass die Vermehrung der Kundschaft in jenem Monat, grob geschätzt, achttausend Dollar wert war. Das ist eine vorsichtige, eine zurückhaltende Schätzung. Der aufs Doppelte angewachsenen Subskriptionsliste, die in jenem Monat zustande kam, war eine jahrelange Fortdauer beschieden. Ihr war es beschieden, das Anzeigeneinkommen der Zeitschrift im Laufe von sechs Jahren um acht- oder zehntausend Dollar pro Monat zu erhöhen. Ich habe gesagt, dass jeder der Artikel von General Grant zehntausend statt fünfhundert Dollar wert gewesen wäre. Ich könnte sagen, dass jeder der vier Artikel fünfundzwanzigtausend Dollar wert war, und würde nicht übertreiben.

Ich begann Reklame für die American Publishing Company zu machen. Ich argumentierte, dass die Firma die erste unter den Mitbewerbern für einen Band der Memoiren Grants gewesen war und vielleicht noch vor der Century Company die Chance erhalten sollte, ein Angebot zu unterbreiten. Das schien General Grant neu zu sein. Aber ich erinnerte ihn daran, dass ich ihn in dieser anscheinend so wunderbar erfolgreichen Zeit der Firma Grant & Ward in seinem Privatbüro aufgesucht und ihn, während ich ihm half, sein Mittagessen zu verspeisen, angefleht hatte, seine Memoiren zu verfassen und sie der American Publishing Company zu überlassen. Damals lehnte er ganz entschieden ab, er brauche weder Geld, noch sei er ein literarischer Mensch, der seine Memoiren schreiben könne.

Ich glaube, wir legten die Vertragsangelegenheit einstweilen auf Eis und griffen sie erst am nächsten Morgen wieder auf. In der Zwischenzeit dachte ich gehörig nach. Ich wusste ziemlich genau, dass die American Publishing Company froh wäre, General Grants Memoiren auf der Grundlage von drei Vierteln des Erlöses für ihn und einem Viertel für sich selbst zu bekommen. Ja, ich wusste ziemlich genau, dass es nicht einen Verleger im Land gab – ich meine einen Verleger, der Erfahrungen mit der Buchsubskription hatte –, der nicht froh wäre, den Zuschlag für das Buch zu diesen Bedingungen zu bekommen. Ich rechnete fest damit, das Buch in Kürze Frank Bliss und der American Publishing Company zu überlassen und diese Reptilienhöhle reich zu machen – doch dann kam mir nach gründlicher Überlegung ein nüchterner Gedanke. Ich überlegte, dass mich diese Firma seit Jahren ausnahm und von den Einnahmen theologische Fabriken erbaute und sich mir jetzt die Chance bot, meinem alten Grolle gütlich zu tun.

Bei der zweiten Unterredung mit dem General und Fred legte der General etwas von jener Bescheidenheit an den Tag, die ein so hervorstechendes Merkmal seines Charakters war. General Sherman hatte seine Memoiren in zwei großen Bänden bei Scribner’s veröffentlicht, und ihre Veröffentlichung war zu einem bemerkenswerten Ereignis geworden. General Grant sagte:

»Sherman hat mir erzählt, dass sich sein Gewinn an diesem Buch auf fünfundzwanzigtausend Dollar beläuft. Glauben Sie, ich könnte aus meinem Buch ebenso viel herausholen?«

Ich sagte, ich glaubte nicht nur, sondern ich wisse, dass er einen weitaus größeren Gewinn erzielen würde – dass Shermans Buch über den Buchhandel vertrieben worden sei; dass es ein für die Subskription geeignetes Buch gewesen wäre und auf diese Weise veröffentlicht hätte werden müssen; dass sich nicht viele Bücher für dieses Veröffentlichungsverfahren eigneten, die Memoiren so glanzvoller Persönlichkeiten wie Sherman und Grant jedoch dafür wie geschaffen seien; dass ein Buch, das das richtige Material für selbiges Verfahren bereithalte, auf Subskriptionsbasis acht- bis zehnmal so viel Gewinn abwerfe wie ein über den Buchhandel vertriebenes Buch.

Der General bezweifelte, ob er mit seinen Memoiren tatsächlich fünfundzwanzigtausend Dollar Gewinn erzielen könne. Ich erkundigte mich nach dem Grund. Er sagte, er habe den Test bereits durchgeführt, den Nachweis erbracht und das Urteil gefällt. Ich wollte wissen, wie er zu solchem Nachweis und solchem Urteil gelangt sei, und er erklärte es mir. Er sagte, er habe angeboten, seine Memoiren für eine Pauschale von fünfundzwanzigtausend Dollar an Roswell Smith zu verkaufen, und der Vorschlag habe Smith derart in Schrecken versetzt, dass ihm kaum noch genug Puste in den Kleidern blieb, um abzulehnen.

Da verfiel ich auf eine Idee. Plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich ja selbst Verleger war. Daran hatte ich bisher noch gar nicht gedacht. Ich sagte:

»Verkaufen Sie mir die Memoiren, General. Ich bin Verleger. Ich werde die doppelte Summe zahlen. Ich habe ein Scheckheft in der Tasche; nehmen Sie schon jetzt einen Scheck über fünfzigtausend Dollar entgegen, und lassen Sie uns den Vertrag aufsetzen.«

Das lehnte General Grant genauso unvermittelt ab, wie Roswell Smith das andere Angebot abgelehnt hatte. Er sagte, davon wolle er nichts wissen. Er sagte, wir seien Freunde, und wenn es mir nicht gelänge, das Geld aus seinem Buch wieder herauszuholen … An dieser Stelle brach er ab und sagte, er sehe keinen Grund, weiter ins Detail zu gehen, er werde schlichtweg nicht einwilligen, einen Freund zu ermutigen, ein solches Risiko einzugehen.

Da sagte ich:

»Überlassen Sie mir das Buch zu den Bedingungen, die ich Ihnen bereits für einen Abschluss mit den Leuten von Century vorgeschlagen habe – 20 Prozent Tantiemen oder 75 Prozent des Nettoerlöses gehen an Sie, und ich begleiche mit meinem Viertel sämtliche laufenden Kosten wie Gehälter etc.«

Das amüsierte ihn, und er fragte mich, wie hoch mein Gewinn aus dem verbleibenden Viertel sein würde.

Ich antwortete, in sechs Monaten hunderttausend Dollar.

Er hatte es mit einem literarischen Menschen zu tun. Dank der Autorität der Tradition wusste er, dass literarische Menschen flatterhaft, romantisch und unpraktisch veranlagt sind und nicht genug von geschäftlichen Dingen verstehen, um ins Haus zu gehen, wenn es regnet oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt. Er sprach nicht aus, dass er meinen geistigen Höhenflügen keinerlei Wert beimaß, denn er war zu gütig, um Kränkendes zu äußern, aber vielleicht hätte er es tun sollen, denn sein Gesicht sprach Bände und meinte das ganze Unterfangen. Offenkundig um Konversation bemüht, fragte er mich, worauf dieser Traum basiere – falls er überhaupt eine Basis habe.

Ich sagte:

»Er basiert auf der Differenz zwischen Ihrem kommerziellen literarischen Wert und dem meinen. Von meinen ersten beiden Büchern sind je hundertfünfzigtausend Exemplare verkauft worden – dreieinhalb Dollar für einen Leinenband, kostspieligere Bände je nach Bindung zu einem höheren Preis – zu einem durchschnittlichen Stückpreis von vier Dollar. Ich weiß, dass Ihr kommerzieller Wert gut viermal so hoch ist wie meiner; darum lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich annehme, dass sich von Ihrem Buch sechshunderttausend Einzelbände verkaufen werden und folglich Ihr Nettoerlös eine halbe Million Dollar und meiner hunderttausend beträgt.«

Über diese ganze Angelegenheit hatten wir eine lange Diskussion. Schließlich telegraphierte General Grant seinem guten Freund George W. Childs vom Philadelphia Ledger, er möge nach New York kommen und eine Einschätzung abgeben. Childs kam. Ich überzeugte ihn, dass Websters Verlagsmaschinerie alles umfasste, was man brauchte, und in einem guten Zustand war. Dann sprach Childs das Urteil: »Geben Sie das Buch Clemens.« Colonel Fred Grant unterstützte und bekräftigte das Urteil: »Gib das Buch Clemens.« So wurde der Vertrag aufgesetzt und unterzeichnet, und Webster widmete sich unverzüglich seiner neuen Aufgabe.

Laut meinem Vertrag mit Webster bezog dieser lediglich ein Gehalt von zweitausendfünfhundert Dollar pro Jahr. Einen Anteil am Geschäft, gratis obendrauf, hatte er abgelehnt, denn er war ein vorsichtiger und risikoscheuer Mensch. Jetzt bot ich ihm, gratis obendrauf, einen Anteil von 10 Prozent an dem Geschäft – was die sonstigen Details betraf, sollte der Vertrag unverändert bleiben. Da bot er mir, als bescheidenen Gegenvorschlag, Folgendes an: dass sein Gehalt auf dreitausendfünfhundert Dollar pro Jahr erhöht werde; dass er 10 Prozent der mit Grants Buch erzielten Gewinne erhalte und ich für 7 Prozent das erforderliche Kapital zur Verfügung stelle.

Ich sagte, ich sei mit dieser Vereinbarung zufrieden.

Daraufhin rief er seinen Compagnon Whitford herein, der den Vertrag aufsetzte. Ich verstand den Vertrag nicht – ich habe noch nie einen Vertrag verstanden – und bat meinen Schwager General Langdon, einen erfahrenen Geschäftsmann, ihn für mich zu verstehen. Er las ihn durch und sagte, er sei in Ordnung. Und so unterschrieben und besiegelten wir ihn. Später fand ich heraus, dass der Vertrag Webster 10 Prozent der Gewinne aus Grants Buch und 10 Prozent der Gewinne der Firma zusprach – aber keinen Anteil an etwaigen Verlusten.

Die Neuigkeit, dass General Grant an seinen Memoiren schrieb und die Firma Charles L. Webster & Company sie veröffentlichte, sprach sich herum. Die Ankündigung löste im ganzen Land eine ungeheure Sensation aus. Die Nation freute sich, und dieses Gefühl schlug in sämtlichen Zeitungen hohe Wellen. An einem Tag noch unbekannt wie ein ungeborenes Baby, war der junge Webster am nächsten Tag eine Berühmtheit. Sein Name stand in jeder Zeitung der Vereinigten Staaten. Er war jung, er war menschlich, und natürlich verwechselte er diese vorübergehende Berühmtheit mit Ruhm; folglich musste er sich seinen Hut weiten lassen. Seine kindische Freude über seine neue Hutgröße bot ein hübsches und gefälliges Schauspiel. Als Erstes zog er aus seinem bescheidenen Quartier aus und besorgte sich eines, das seiner neuen Bedeutung als hervorragendster Verleger des Landes angemessener wäre.

Dienstag, 29. Mai 1906

Websters feines neues Quartier – Mr. Clemens stattet General Grant einen Besuch ab, als er hört, dass dessen Halsschmerzen als Krebs diagnostiziert worden sind – General Grant erzählt ihm, auf welche Weise Ward ihn betrogen hat

Sein neues Quartier befand sich im ersten oder zweiten Stock eines hohen Gebäudes am Union Square, in einer in kommerzieller Hinsicht aristokratischen Gegend. Schon sein ehemaliges Quartier hatte aus zwei recht großen Räumen bestanden. Sein neues nahm das gesamte Stockwerk ein. Was Webster eigentlich benötigte, war ein Kämmerlein in irgendeiner Hintergasse mit gerade so viel Platz, dass man eine Katze – eine langgestreckte Katze – umherschleudern konnte, in diesem Kämmerlein für Büroarbeiten. Er brauchte keine Abstellräume, keinen Keller. Die Buchdrucker und -binder der großartigen Memoiren kümmerten sich um die Bogen und die gebundenen Bände und berechneten uns Lagerung und Versicherung. Ein prestigeträchtiges Quartier war für dieses gewaltige Buch einfach nicht vonnöten. Man hätte General Grants Verleger nirgendwo verstecken können, wo ihn Agenten und Vertreter nicht gefunden hätten. Das Kämmerlein hätte allen unseren Erfordernissen Genüge getan. Nahezu sämtliche Geschäftsvorgänge würden per Korrespondenz erledigt. Diese Korrespondenz würde mit den sechzehn Subagenten geführt, nicht mit deren zehntausend Vertretern.

Was jedoch Weiträumigkeit und Aussicht anging, trugen wir ganz schön dick auf. Sie waren eindrucksvoll – das heißt so eindrucksvoll, wie reichlich in die Länge gezogene Kahlheit es sein konnte. Mir schien, die Beschaffenheit dieser Räumlichkeiten würde Leute vom Lande irreführen und das Weite suchen lassen, und so schlug ich vor, gleich hinter dem Eingang ein Warnschild aufzustellen: »Treten Sie ein. Es ist keine Gratwanderung.«

Es war ein Fehler, Webster mit Sarkasmen zu begegnen. Sie schnitten tief in seine Eitelkeit. Er hatte nicht eine intellektuelle Waffe in seinem Arsenal und konnte sich nicht wehren. Es war unritterlich von mir, diesen geistig waffenlosen Mann mit geistigen Waffen anzugreifen, und ich versuchte, es zu unterlassen, aber es gelang mir nicht. Ich hätte großmütig genug sein müssen, seine Eitelkeiten zu ertragen, war es aber nicht. Ich bin ja nicht einmal großmütig genug, immer meine eigenen zu ertragen. Er hatte einen Fehler, der mich besonders zur Verzweiflung brachte, weil ich ihn selber nicht hatte. Wenn eine Angelegenheit zur Sprache kam, von der er nichts verstand, versäumte er es nicht nur, sich aus der Schusslinie zu nehmen, indem er zugab, mit der Materie nicht vertraut zu sein, sondern er verfügte nicht einmal über genügend Umsicht, seine Zunge im Zaum zu halten. Vielmehr sagte er etwas mit dem Ziel, den Zuhörern weiszumachen, er wäre mit dem Thema vertraut – ein höchst unwahrscheinlicher Umstand, da seine Unwissenheit die ganze Erde wie eine Decke überzog und es kaum ein Loch darin gab. Einmal kam in einem Salon das Gespräch auf George Evans und ihre Literatur. Ich sah, dass Webster Anstalten machte, etwas zu der Unterhaltung beizutragen. Es gab keine Möglichkeit, ihn mit einem Ziegelstein, einer Bibel oder dergleichen niederzustrecken und ihn in Ohnmacht zu versetzen und zu retten, denn das hätte Aufmerksamkeit erregt – und deshalb wartete ich, bis sein Berg eine Maus gebar, was er auch tat, sobald sich zwischen den Gesprächsbeiträgen eine Lücke auftat. Webster füllte diese Lücke mit der folgenden Bemerkung, die er mit stiller Selbstgefälligkeit vortrug:

»Aufgrund meiner Voreingenommenheit habe ich keines seiner Bücher gelesen.«

Bevor wir uns in dem neuen Quartier eingerichtet hatten, hatte Webster vorgeschlagen, den bestehenden Vertrag aufzuheben und einen neuen abzuschließen. Nun denn, so geschah es. Wahrscheinlich habe ich ihn nie gelesen und auch sonst niemanden gebeten, ihn zu lesen. Wahrscheinlich habe ich ihn einfach unterschrieben und keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. Den früheren Verträgen zufolge war Webster mein bezahlter Diener gewesen; dem neuen zufolge war ich sein Sklave, sein absoluter Sklave, ohne Gehalt. Mir gehörten neun Zehntel der Firma; ich stellte sämtliches Kapital zur Verfügung; ich schulterte sämtliche Verluste; ich war für alles verantwortlich – aber das alleinige Sagen hatte Webster. Dieser neue Umstand und meine Sarkasmen veränderten die Atmosphäre. Ich konnte nicht länger Befehle erteilen wie früher. Ich konnte nicht einmal mehr einen Vorschlag machen, der auch nur die geringste Chance hatte, angenommen zu werden.

General Grant war ein kranker Mann, an seinen Memoiren aber arbeitete er wie ein Gesunder und machte unaufhaltsame Fortschritte.

Webster inthronisierte sich auf dem Grat und verschickte an die sechzehn Subagenten eine Aufforderung, aus den sechzehn Vertretergebieten der Vereinigten Staaten herbeizukommen und die Verträge zu unterschreiben. Sie kamen. Sie versammelten sich. Webster verlas ihnen das Gesetz wie vom Berg Sinai. Wunderbarer-, erstaunlicherweise bewahrten sie Ruhe. Sie hinterlegten die erforderlichen Sicherheiten. Sie unterschrieben die Verträge und reisten wieder ab. Normalerweise hätten sie die Überheblichkeiten des jungen Mannes übelgenommen, aber es war kein normaler Fall. Die Verträge waren für jeden Subagenten viele Tausende Dollar wert. Das wussten sie, und dieses Wissen half ihnen, ihre Feindseligkeit zu beschwichtigen.

Whitford war zur Stelle. Er war stets an Websters Seite. Webster hatte Angst, irgendetwas ohne Rechtsberatung zu unternehmen. Er konnte so viel Rechtsberatung einholen, wie er wollte, denn inzwischen hatte er Whitford jahresweise angeheuert. Er zahlte ihm zehntausend Dollar pro Jahr, aus meiner Tasche. Und tatsächlich war Whitford einen Teil davon wert – den zweihundertsten Teil. Zum ersten Mal in seinem Leben verdiente er etwas, was der Rede wert war, und er war zufrieden. Die Wendung »was der Rede wert war« ist überflüssig. Whitford hatte noch nie etwas verdient. Whitford war nicht dazu bestimmt, jemals etwas zu verdienen. Er verdiente weder die zehntausend Dollar noch einen Teil davon. In zwei Fällen entstand der Firma durch seine Dienste finanzieller Schaden. Seine anderen Dienste waren belanglos und unnötig. Ein Buchhalter hätte sie ausführen können.

Im Winter 1884/85 stürzte General Grant auf dem Eis und verletzte sich, was Rheuma zur Folge hatte. Den Winter über standen Cable und ich im Westen auf dem Podium. Irgendwann führte uns unser Programm für ein, zwei Tage nach New York, wo ich in der Zeitung las, dass sich die Halsschmerzen, unter denen General Grant seit geraumer Zeit litt, als Krebs herausgestellt hatten – bösartig und unheilbar. Ich suchte sein Haus auf, wo ich ihn, eingewickelt in einen dicken Morgenmantel und in einem Lehnstuhl sitzend, antraf. Er sah elend aus. Einer seiner Spezialisten war zugegen, Shrady oder Douglas; ich glaube, Douglas – ja, ich bin sicher, Douglas. Die Zeitungen hatten den Krebs auf das exzessive Rauchen geschoben. Ich sagte:

»General, das ist uns allen eine Warnung.«

Er schüttelte den Kopf, und Douglas sagte:

»Nein, das ist niemandem eine Warnung und keine Folge des Rauchens. Das Rauchen hat General Grant nie geschadet, und es wird auch Ihnen nicht schaden. Niemand weiß, wie lange sich dieses Krebsgift schon in General Grants System verborgen hielt – vielleicht schon seit vielen, vielen Jahren. Es bedurfte nur einer passenden Gelegenheit, um auszubrechen, und der Ausbruch nahm seinen Lauf. Ohne eine passende Gelegenheit hätte er hundert werden und sterben können, ohne zu wissen, dass sich so etwas wie Krebsgift in seinem Körper verborgen hielt.«

Was diese Gelegenheit schuf, waren die Beschämung, die Demütigung und der Seelenkummer, die die von Fish und Ward an vertrauensseligen Klienten der Firma Grant & Ward verübten Räubereien General Grant zugefügt hatten. Gerade die unantastbare Glaubwürdigkeit und Ehrbarkeit seines Namens wie Charakters hatten sie in die Lage versetzt, die Öffentlichkeit zu betrügen. Ihr eigenes Ansehen hätte dafür nicht ausgereicht. General Grants Seelenkummer war es, was dem Krebsgift die passende Gelegenheit verschaffte. Der Tabak war es nicht.

Zu jener Zeit und eine Weile danach hatte General Grant seine Stimme noch nicht verloren, und so begann er mir etwas über Wards Tricksereien zu erzählen. Es war offensichtlich, dass er glaubte, sich dafür schämen zu müssen, von einem Mann wie Ward getäuscht und übertölpelt worden zu sein, und dass er nach einer Rechtfertigung oder Beschönigung seines Vertrauens suchte, das er fälschlicherweise in Ward gesetzt hatte. Es war geradezu jämmerlich, zu hören, wie dieser alte Löwe, den eine Hyäne so erniedrigt hatte, zu erklären versuchte, weshalb es nur natürlich sei, einer Hyäne zu vertrauen, seine arglose Ahnungslosigkeit bezüglich der Verhaltensweisen eines solchen Tieres offenbarend. Der Sache nach sagte er:

»Sie hätten das Gleiche getan wie ich, Clemens. Er hätte Sie genauso leicht hintergangen wie mich. Er hätte jeden hintergangen, dem die Kniffe finanzieller und kommerzieller Mittel und Methoden fremd sind. Ja, er hätte auch Männer hintergangen, die mit diesen Kniffen und Methoden vertraut sind, und das hat er ja auch getan. Beweis dafür sind die Zeugenaussagen, die vor Gericht gemacht wurden. Beweis ist die Aussage wenigstens eines solchen Mannes, der gar nicht erst vor Gericht erschien. Dieser Mann war so beschämt, weil er sich von einer armseligen Kreatur wie Ward hatte betrügen lassen, dass er einen Verlust von dreihunderttausend Dollar hinnahm – um ebendiese Summe hatte ihn Ward geprellt –, dass er diesen Verlust lieber hinnahm und stillhielt und den Zeugenstand umging. Nun denn, wenn sich ebenjener Mann von Ward hat täuschen lassen, ist es da ein Wunder, dass er auch mich täuschen konnte? Bedenken Sie Wards Vorgehensweise, und sehen Sie, wie geschickt er zu Werke ging. Lassen Sie mich für einen Moment in die Einzelheiten gehen. Er saß stets in seinem Privatbüro und akzeptierte Investitionen von Leuten, verschleuderte das Geld, warf es weg, verlor es – und wenn eine Abrechnung fällig war, ließ er sie dem Investor prompt zukommen, zusammen mit einem ansehnlichen Investitionsgewinn. Diese Investition und der Gewinn und alles, was damit zusammenhing, wiederum wurden von einem anderen Investor abgezweigt, der gerade vorgesprochen und sein Geld zu Spekulationszwecken dagelassen hatte. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Als unsere Firma, wie ich annahm und wie jeder andere annahm, auf der Welle höchster Prosperität ritt (obwohl sie nicht einen Cent machte, sondern Geld verlor), eilte eines Tages einer der gerissensten und erfolgreichsten Makler dieser Stadt geschäftig in unser Büro und sagte:

›Ward, ich nehme das Dampfschiff nach Europa und zurück, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Hier sind zehntausend Dollar. Glauben Sie, Sie können in so kurzer Zeit etwas damit anfangen?‹

Ward sagte lässig: ›Ach, vielleicht. Wenn Sie es dalassen, werde ich sehen, was wir tun können.‹

Der Mann hinterließ seinen Scheck und eilte geschäftig wieder hinaus. Ward verwendete den Scheck, um einem anderen Kunden eine Dividende auf eine Investition zu zahlen, die nicht einen Penny eingebracht hatte. Dreißig Tage später eilte der Makler wieder geschäftig herein und fragte:

›Und, haben Sie was erreicht?‹

Ward antwortete lässig wie immer:

›Nun ja, nicht viel, aber ein bisschen was‹ – stellte achtlos einen Scheck aus und reichte ihn dem Mann.

Der Mann sagte: ›Grundgütiger! Hundert Prozent Gewinn in dreißig Tagen!‹ Er gab Ward den Scheck zurück und sagte: ›Das Pferd ist mir gut genug. Setzen Sie noch einmal auf den Gaul.‹«

General Grant sagte, dass Ward ihn und seine Verwandtschaft noch um den allerletzten Penny gebracht hatte. Er sagte:

»Ich hatte vierhunderttausend Dollar zurückgelegt. Ward hat alles bekommen. Er horchte mich nach meiner entfernten Verwandtschaft aus, und wo immer er ein Familienmitglied ausmachen konnte, bei dem etwas im Sparstrumpf klimperte, ging er dem Geld nach und bekam es. In einem Fall hatte eine arme alte Verwandte von mir geknausert und gespart, bis sie für die dürren Zeiten im Alter vielleicht tausend Dollar beisammenhatte. Ward hat sie sich, ohne mit der Wimper zu zucken, genommen.«

Bald darauf nahte der denkwürdige 4. März 1885 – mir für immer unvergesslich wegen eines Bildes, das er hervorbrachte.

Donnerstag, 31. Mai 1906

Der herrliche Morgen und der majestätische Mount Monadnock – Mr. Clemens spricht in dieser Autobiographie freimütig, weil er aus dem Grab spricht – Glaubt nicht an die Unsterblichkeit – Webster ein Jude – Am letzten Tag von Arthurs Amtszeit wird im Kongress ein Gesetzentwurf eingebracht, mit dem Grant wieder zum General ernannt wird – Grants Gleichgültigkeit gegenüber Elogen

Heute ist ein wunderschöner Morgen. Die schattige vordere Veranda ist genau der richtige Ort, um hier zu diktieren. Es gibt auf Erden keine sanftere, keine friedvollere Aussicht. Es gibt keinen blaueren Himmel, nicht einmal über Schweden. An keinem Himmel diesseits von Australien gibt es eine bezauberndere Verteilung weißer Wölkchen. In der göttlichen Atmosphäre des heutigen Morgens ist Monadnock so nahe, dass es mir fast so vorkommt, als könnte ich mich ausstrecken und meinen Ellbogen auf die Gabelung seiner Zwillingsgipfel stützen wie auf eine Krücke.

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