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Ich bin ... das Ende

Danksagung

Dieses Buch möchte ich meinen Eltern und Stephanie Fischer widmen.

Danke, dass Ihr immer da wart,

als ich Euch gebraucht habe!

Vielen Dank auch meinem Mann, der mich mit den Büchern teilt.

Ein großes Dankeschön geht ebenfalls an Euch, liebe Domino, Ann-Kathrin und Paul samt family – ohne Euch wäre dieses Buch nie mit dieser Sorgfalt und Tiefe entstanden.

Prolog

Schlagartig öffnete sie ihre Augen und setzte sich auf. Ein Schwindelgefühl durchfuhr sie und strahlte von ihrem schmerzenden Schädel aus. Sie griff an ihren Hinterkopf, wo sich eine Beule mit verkrusteter Oberfläche befand. Sie war sich nicht sicher, ob ihre Lider wirklich offen waren, bis ihre empfindlichen Augen die Sterne wahrnahmen. Sterne? Sterne! Das war kein gutes Zeichen, sie war draußen, an der Oberfläche! Weit weg von dem Ort, an den sie eigentlich hingehörte. Panisch fasste sie sich an den Hals und nahm über ihre Fingerkuppen den beruhigenden Puls ihres Herzschlags wahr. Zum Glück war sie noch am Leben und offenbar sie selbst. Sie blickte um sich und wurde kurz vom Mond geblendet, dessen graue Schattierungen kaum genug Schutz für ihren Sehnerv darstellten. So sah er also tatsächlich aus. Sie beschrieben ihn immer als eine unsagbar große, leuchtende Scheibe – er war atemberaubend schön. Dank ihm konnte sie nun leichte Wölbungen am Horizont wahrnehmen, die auf einen Gebirgszug hindeuteten. Kein Zweifel, dort musste sie hin.

Vorsichtig stieß sie sich vom Untergrund ab, der unter ihr verdächtig nachgab. Diese Wirkung kannte sie bereits – das konnte nur Sand sein. Aber warum befand sie sich in der Wüste? Draußen? Und alleine? Bruchstücke ihrer Erinnerung wollten sich melden, doch in diesem Augenblick durchfuhr sie ein höllischer Schmerz, der instinktiv ihre Hände zu den Schläfen schnellen ließ. Das Gefühl glich metallenen Krallen, die sich von ihrer Stirn ihren Weg über ihren Schädel bis in ihre Halswirbelsäule bahnten. Dies in einem Bruchteil von Sekunden, immer und immer wieder … das musste aufhören! Als sie sich hochgehievt und der Schmerz nachgelassen hatte, verspürte sie eine kühle Brise, die über ihren Nacken strich. Angst kroch in ihr hoch und verursachte eine Gänsehaut. Wie konnte sie nur annehmen, dass sie alleine war? Sie rannte los, so schnell sie ihre Beine trugen, doch der instabile Sandboden ließ sie immer wieder versinken und bremste ihre Geschwindigkeit erheblich ab. Nicht, dass sie eine geübte Sprinterin war … Ihr eigener Atem peitschte ihr um die Ohren, ihre schulterlangen Haare fegten hinter ihr her, und ihr Puls raste. Sie wusste, dass etwas ihr folgte, wagte aber nicht, sich umzudrehen. Die Chancen, gegen ihren Verfolger anzukommen, standen gleich null. Sie war schutzlos, unbewaffnet, und ihre Panik trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Jetzt konnte sie doch nicht mehr widerstehen und wandte sich im Laufen um. Ein einziger Blick müsste doch reichen, um zu erkennen, wer oder was hinter ihr herlief und wie groß der Vorsprung noch war. Der Wind blies ihr ins Gesicht, und kurz musste sie ihre Augen zusammenkneifen. Diese frische Luft war sie nicht gewohnt, und doch schien ihr Geruchssinn ihr nur eine Information zu reichen: Gefahr! Aber sie konnte einfach nichts sehen. Keine Kontur, kein Schatten, der sie verfolgte … nur der unsagbar große Mond, der ihr an den Fersen hing. Kurz zögerte sie. Etwas streifte ihre Schulter. Verdammt, nein! Sie rannte bereits um ihr Leben, so schnell sie konnte, doch diese kurze Berührung reichte aus, um ihre letzten Reserven zu mobilisieren und ihr Energie für Höchstleistungen zu verleihen. Mit dem Blick wieder nach vorne, lediglich auf die Silhouette der Gebirgskette gerichtet, vernahm sie das Pochen ihres Herzens in ihren Ohren. Doch egal, wie schnell sie lief, es fühlte sich an, als bewege sie sich in Zeitlupe, da die Berge einfach nicht näher kamen. Schlichtweg aussichtslos! Eine Stimme in ihr verlieh ihr die Gewissheit, dass es kein Entkommen gab – nicht vor ihm. Die ersten Tränen der Verzweiflung bahnten sich den Weg über ihre Wangen, als ihre Beine immer schwerer wurden, weil der Sand seinen Tribut forderte. Das darf einfach nicht sein! Sie war gerade einmal vierundzwanzig! Doch ihr Gedankengang wurde abrupt unterbrochen, als sie ein gekonnter Tritt in ihr Kreuz traf, ihre Füße den Befehl, zu laufen, nicht mehr umsetzen konnten und sie unsanft direkt im warmen Sand landete. Den ersten, geschockten Atemzug bereute sie sogleich, da sie die feinen Körner mit inhalierte. Ein Würgen und Husten rollte über sie hinweg, als ob die Aussicht des nahen Todes selbst nicht schon bitter genug gewesen wäre. Grob drehte ihr Verfolger sie mit einem Fußtritt auf den Rücken. Noch mehr Sand fand seinen Weg in ihre Luftröhre, und sie wagte es kaum, durch ihre Wimpern zu spähen, als ob diese das Böse von ihr fernhalten könnten. Das Wesen, das sie niedergestreckt hatte, präsentierte sich als riesiger, schwarzer Umriss vor dem blendenden, weißen Mond. Eine lange Haarpracht wogte im Wind, und die Statur wirkte sehr groß und kräftig – männlich? Doch ihre Aufmerksamkeit richtete sich sogleich auf die blauen, leuchtenden Kreise, die wohl in Höhe der Augen platziert waren. Sie zogen sie in ihren Bann, und selbst als sie ihre Lider schloss, hatten sie sich fest in ihre Netzhaut gebrannt, diese glühenden Augen, die für ein Lebewesen standen, das sie nicht kannte. Ehe ein Wort über ihre Lippen kommen konnte, packte er oder es sie an ihrer Gurgel, hob sie mit eisernem Griff über den Erdboden und ließ ihren Beinen nur noch Platz, unkontrolliert zu zappeln. Sie krallte sich an dem Arm fest, um den Druck von ihrem Kiefer zu nehmen und nach dem bisschen Luft zu röcheln, die er ihr gestattete. Seine harten Muskeln, die mit glatter, kühler Haut überzogen waren, stellten die einzige Verbindung zu ihrem Peiniger dar, als sie ihm ihre letzten Worte entgegenspuckte: „W… wage es nicht … mich an-zu-fassen!“ Ein dunkles Grollen bahnte sich seinen Weg aus seiner Kehle und entwickelte sich zu einem tiefen Lachen. Schon allein dieses Geräusch ließ sie erneut erschauern, und ihr Herz setzte für einen kurzen Moment aus.

„Ich vergehe mich nicht … an meiner Mahlzeit!“

1 | Stratus

Edrian sah sich um. Wie penibel und sauber Magnus’ Büro doch war. Genau so, wie er sich kleidete, lebte er auch. Alles in sterilem Weiß gehalten, hier und da ein paar schwarze und silberne Akzente. Einerseits strahlte die Einrichtung Kälte, andererseits auch modernes Flair aus. Dabei war es ja nicht wirklich seine Wohnung. Eher konnte man Magnus als das Arbeitstier schlechthin bezeichnen, der zwischen Arbeit und Freizeit keine Grenze zog. Edrian rutschte nervös auf dem glatten Stuhl gegenüber dem weißen Schreibtisch umher. Sonst ließ er doch auch nicht so lange auf sich warten. Beim Betrachten der schwarzsilbernen Bilder, die Kontraste zu den hellen Möbelstücken darstellten, blieb sein Blick an den gerahmten Auszeichnungen hängen. Magnus hatte es wahrlich weit gebracht. Nicht nur, dass er die Fabrik wieder aufgebaut hatte, nein, er hatte ihr sogar durch seine eigenen Labels, die Forschungserfolge und Produktions­steigerungen nicht nur in ihrer, sondern auch in anderen Kolonien einen Namen verschafft. Edrian konnte sich eigentlich glücklich schätzen, mit jemandem Kontakt zu haben, der auch auf politischer Ebene Einfluss besaß und bei dem er Einblicke in aktuelle Ereignisse gewinnen konnte. In Gedanken versunken merkte er erst jetzt, dass Magnus den Raum betreten hatte, als er es sich bereits mit einem breiten Lächeln in seinem Bürostuhl direkt vor ihm bequem machte. Seine dunkelbraunen Haare waren streng nach hinten gegelt, und sein athletischer Körper steckte in einem edlen, leicht schillernden Anzug.

„Hallo, mein Freund! Ich muss sagen, es ist mir immer wieder eine Freude, wenn du vorbeischaust. Sobald mir zu Ohren kommt, dass du mit einer neuen Lieferung angerauscht bist, lasse ich immer alles stehen und liegen. Denn um ehrlich zu sein …“, Magnus lehnte sich über den Schreibtisch und warf ihm einen vertrauensvollen Blick zu, „… ich weiß nicht, wie du es in der heutigen Zeit überhaupt noch schaffst, sie unter den Steinen hervorzugraben, aber deine Ware ist immer die beste. Verdammt, wie machst du das? Was ist dein Geheimnis?“ Freudestrahlend sah Magnus ihn an, als wieder das nervöse Zucken seiner rechten Augenbraue die innere Unruhe verriet.

„Tja, Magnus. Wenn ich dir das erzählen würde, wäre ich wohl nicht mehr der am besten bezahlte Headhunter in Stratus, nicht wahr?“ Edrians mit einem Zwinkern begleitete Antwort auf diese Frage lautete wie immer. Selbst wenn er wusste, dass Magnus seine eigenen Männer regelmäßig persönlich briefte und ihm des Öfteren Beobachter hinterherschickte. Wenn Edrian es wollte, war er unsichtbar, wie eine Brise im Wind, und immerhin machte er den Job nun schon seit hundert Jahren. Damals hatte Magnus gerade einmal zehn Jahre die Fabrik geleitet. Außerdem war diese Berufung das Einzige, womit Edrian Profit machen konnte. Er war der geborene Jäger, Späher und Kämpfer, und nach dem elfjährigen Krieg der Kolonien, die er begleitet hatte, konnte er für sich sagen, dass er unter keiner Befehlsgewalt mehr dienen wollte. Er hegte die Absicht, nur noch sein eigener Herr zu sein. Als Einzelgänger und Einzelkämpfer fühlte er sich eindeutig am wohlsten.

„Du bist schwer zu knacken, mein Freund. Aber was soll’s.“ Triumphierend hob Magnus seine Hände über den Kopf und strahlte ihn wieder mit leuchtenden Augen an. „Solange ich die einzige Blutfabrik und Brutstätte hier in Stratus führe und du in dieser kleinen, feinen Kolonie bleibst, gehen mir deine Appetithäppchen wenigstens nicht verloren.“ Sein Zeigefinger richtete sich dabei direkt auf Edrian.

„Da wir schon dabei sind … wenn du so mit meinem Service zufrieden bist, wie wäre es dann mit der Bezahlung? Ich möchte aus diesen Klamotten raus, die vom Gestank des Packs geradezu triefen. Noch dazu hätte ich nichts gegen eine kleine Kostprobe deines Schatzes einzuwenden.“ Dabei lehnte sich Edrian über den Tisch und zwinkerte ihm zu. Es war bemerkenswert, wie Magnus‘ Mimik erstarrte, seine Augenbraue ein Eigenleben entwickelte und er nervös sein weißes Hemd zurechtzupfte. Edrian wusste, dass sein Gegenüber weit davon entfernt war, ihm einfach so einen Teil seines Privatvorrats zu reichen. Mit Mühe zog dieser seine Mundwinkel in die Höhe, was seinem Gesicht einen künstlichen Touch verlieh.

„Mein lieber Edrian, natürlich soll dein Fleiß belohnt werden. Immerhin kommen deine Lieferungen immer seltener, und wie ich meine, wird dir finanziell auch bald die Luft ausgehen.“

Das hatte gesessen, doch Edrian würde es sich nicht anmerken lassen, dass er im Grunde genommen recht hatte. Die Jagd auf Menschen war immer seltener mit Erfolg gekrönt, doch nun verneinend eine Diskussion zu beginnen, würde Magnus’ Vermutung sogar noch mehr Kraft verleihen. Er schwieg deshalb und beobachtete seinen vermeintlichen Freund, der zur zweiten Tür schritt, die an den Raum angrenzte. Diese wurde durch einen Zahlencode geschützt und stellte den Eingang zu einem begehbaren Safe dar. Misstrauisch blickte Magnus kurz über seine Schulter, bevor er sich direkt vor dem Schloss stehend dem Code widmete und in sein Heiligtum eintrat. Dabei war Edrian zu stolz, um auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, seinem Geschäftspartner etwas zu entwenden. Selbst wenn er am Verhungern wäre, würde er ihn niemals um Blut oder Geld anbetteln und schon gar nicht stehlen – niemals!

An den Schreibtisch zurückgekehrt, legte er Edrian einen Bund blauer Scheine hin, die fein säuberlich mit einem glänzenden Band zusammengehalten wurden. Doch noch bevor dieser danach greifen konnte, platzierte Magnus rasch noch seine Hand darüber. Einen Augenblick lang sahen sie sich intensiv an, als ob sie wie beim Schachspiel ihr Gegenüber studieren und den nächsten Zug vorhersehen würden.

„Warte, das soll nicht alles sein … zur Feier des Tages schenke ich dir noch einen kleinen Bonus aus meiner privaten Sammlung.“ Wie von Zauberhand legte Magnus noch einen Blutbeutel auf den Stapel. Edrian griff nach seinem eigenen Ermessen zu schnell danach, was darauf hindeutete, dass er wohl hungriger war, als er sein sollte.

Das transparente, gekühlte Paket war unverkennbar eine Rarität. Magnus’ Label zierte die Front, darunter befand sich ein Etikett, worauf der Wirt, sein Alter und Geschlecht sowie das Abschöpfdatum festgehalten waren. Das verschnörkelte Schriftbild Essences seines Firmenlogos war in goldenen Lettern gehalten, und der blaue Punkt an der oberen Ecke zeigte den Rang der Ware an. Es gab fünf Farben: Weiß, Gelb, Rot, Grün und Blau. Und genau diese Reihenfolge kennzeichnete die Seltenheit und Preislage der Beutel, denn es hatte sich in den letzten dreihundert Jahren herausgestellt, dass menschliches Blut nicht identisch schmeckte. Es zeichnete sich durch verschiedene süße Noten aus – manches Blut mundete derber oder sogar abgestanden, was sich durch die Gene, die Lebenshaltung und die Nahrung ergab. Die Einführung der Labels war Magnus‘ Credo. So konnte jeder Vampir seinen Lieblingswirt nach Wunsch und der richtigen Bezahlung erstehen. Blau war eine Seltenheit und wurde nur für die wirklich wohlhabenden Kunden zur Seite gelegt. Diese Wirte lebten ein anderes Leben als die Ware in der Blutfarm. Sie bekamen herausragendes Essen – zumindest wurde das behauptet –, eine sichere, annehmbare Behausung, Medikation, erlesene Vitamine, Kleidung und Schutz. Sie wurden auch nur einmal pro Woche geschöpft, während die Objekte in der Fabrik jeden zweiten Tag Blut lassen mussten.

Edrian war sprachlos, denn er konnte sich meistens nur weiße Label leisten, nach so einem erfolgreichen Tag wie heute auch Gelb. Ein einziges Mal durfte er bei Magnus Rot kosten … aber Blau? Kurz überlegte er, ob etwas daran faul war. Ein Blick zu seinem Geschäftspartner, in dessen Gesicht er keine verräterischen Anzeichen für einen Streich erkennen konnte, ließ ihn jedoch das kostbare Gut in seine innere Jackentasche verschwinden, während er das Geldbündel in seine Hosentasche steckte.

„Ich muss ehrlich gestehen, dass ich sprachlos bin. Ich hätte nicht gedacht, dass du von deinem Heiligtum etwas abgeben würdest.“ Kurz musste Edrian den Kopf schütteln und fuhr sich mit beiden Händen durch seine schwarze Mähne.

„Tja, mein Lieber! Nicht ohne Grund, nicht ohne Grund!“ Magnus platzte fast vor Begeisterung. „Es gibt Neuigkeiten, die mich einfach in Feierlaune bringen. Und du kommst gerade recht, du darfst der Erste sein, der es erfährt!“ Es sprudelte nur so aus ihm heraus, und Edrian richtete sich auf einen längeren Monolog ein. Doch das angenehme Gefühl in seiner Jackentasche, ein kurzer verstohlener Blick auf die Wölbung in seiner schwarzen Ledertracht, erleichterte ihm die nächsten Minuten oder Stunden, die er nun ertragen müsste.

„Ich habe die Produktionsgrenze geknackt! Mein Labor hat es geschafft, die Menschen nun so fruchtbar zu machen, dass spätestens die zweite Paarung ein Kind hervorbringt. Stell dir vor, Edrian! Sie können auch mehr als eines in sich tragen! Ist das nicht fantastisch?“ Seine Euphorie schwappte sogar ein wenig auf ihn über.

„Du meinst, eine Geburt mit zwei Nachkommen? Wenn das der Rat erfährt, wird er dich von diesem Posten abziehen und dich anhalten, diese Forschung für unsere Rasse durchzuführen, wo unsere Fertilität doch so im Abklingen ist. Das ist wirklich beachtlich, Magnus! Ich gratuliere!“

„Ich habe es gestern mit eigenen Augen gesehen. Eine Mehrlingsgeburt … kannst du dir vorstellen, was das für die Zukunft der Vampire bedeutet? Der Ausrottung der Menschheit kann so entgegengewirkt werden, und wir müssen niemals verhungern!“ Er sprang regelrecht aus seinem Sessel und führte seine Ansprache nun im Marsch fort. Edrian drehte seinen Stuhl, um ihm bei seinem nervösen Treiben zu folgen. Magnus’ anthrazitfarbener Anzug glänzte bei jeder Bewegung, und die maßgeschneiderten, weißen Hemden waren unverkennbar sein Markenzeichen geworden.

„Und was hast du nun vor?“, versuchte Edrian Interesse zu heucheln und runzelte dabei die Stirn.

„Ich werde meine neuen Statistiken dem Rat vorlegen. Ich habe in ein paar Tagen Audienz, und dann wird niemand mehr davon sprechen, dass Stratus gegen Kolonien wie Toa und Maset keine Chance hat. Wenn sie sich schon ein System ausgesucht haben, das die Höhe an produziertem Blut als Indikator für die Entscheidungsmacht einer Kolonie sieht, dann wird sich unsere verkommene Stadt nun erheben und endlich ein Mitspracherecht erhalten!“ Er führte seine Ansprache mit theatralischen Handbewegungen aus, und sein Blick hing am Fenster, wo er sein Imperium selbst in der Dunkelheit erfassen konnte. Die Blutfabrik war ein riesiges, beleuchtetes Areal, mit einer Ausgabestelle, zwei Kühllagern, einem Forschungslabor, einer Brutstätte mit verschiedenen Stockwerken – getrennt nach Alter, Geschlecht und Status –, zwei Schöpfstätten sowie der Ausschöpfungs- und Verpackungsanlage. Es war nicht zu übersehen, wie stolz er auf sein Werk war, doch in manchen Situationen hatte Edrian fast den Eindruck, dass er in eine Welt abdriftete, die schon nicht mehr gesund schien.

Um ihn daran zu erinnern, dass er noch immer anwesend war, räusperte Edrian sich kurz: „Das wäre tatsächlich die Rettung für Stratus, und es könnte sich hier so einiges ändern, mein Freund. Ich muss zugeben, dass das ein Grund zum Feiern ist!“ Magnus wandte sich ihm zu, und seine Worte schienen ihm wirklich zu schmeicheln. Nichtsdestotrotz juckte es Edrian, ihn von seinem hohen Ross herunterzustoßen: „Und wie sieht es mit den Sympathisanten aus? Gehe ich recht in der Annahme, dass diese die Neuigkeit nicht so gut aufnehmen werden? Wie willst du sie dir vom Leib halten?“ Magnus‘ weiße Augen starrten ihn nun an, als ob er ihn in einem Happen verschlingen wollte. Nur noch die schwarze Umrandung der Iris und eine stecknadelgroße Pupille hoben sich von seinem blassen Antlitz ab. Seine Antwort ertönte eher gepresst, als er hastig seine zuckende Augenbraue mit einem Zeigefinger maßregelte: „Sie und ihre Idee des synthetischen Blutes, meinst du? Sie sind nicht einmal der Rede wert.“

Plötzlich meldete sich eine Frauenstimme über den Controller auf seinem Tisch. Magnus betätigte einen Button, der in dessen Oberfläche eingebaut war: „Was gibt es Marin? Ich habe einen wichtigen Geschäftspartner hier, das weißt du doch!“, zischte er mürrisch.

„Direktor, wir haben die ersten Analysen der Ware … Sie wollen sie doch immer prüfen, bevor der Hunter gegangen ist.“ Missbilligend sah er zu Edrian auf.

„Schick ihn mir rüber … und, Marin?“

„Ja, Direktor?“

„Danke … für … die gute Arbeit.“

Edrian musste kurz einen Mundwinkel hochziehen. Magnus versuchte wirklich, mit seinem Personal höflich umzugehen, und er tat sich mit Wertschätzung und Entschuldigungen sichtlich schwer. Diese Worte brachte er nur stockend heraus. Sein Perfektionismus trieb ihn selbst in die Enge.

„Gut, was haben wir da? Weiblich, 1,74 m groß, blond, ockerfarbene Augen … interessant. So ein Exemplar habe ich noch nie gesehen.“ Magnus lugte über seinen im Schreibtisch eingelassenen Bildschirm.

„Sieh mich nicht so an, im Dunkeln kann ich solche Dinge nicht erkennen. Vor allem: macht das einen Unterschied?“ Irgendwie war Edrian die Übergabe mittlerweile schon etwas mühsam und zu lange geworden. Noch dazu wollte er seinen Schatz rasch in gekühlte Sphären bewegen. Diese Quatscherei und die Fragen waren nicht seine Welt. Edrian rollte mit den Augen und fasste sich dann wieder.

„Nein, nein, wo denkst du hin, aber es ist einfach bemerkenswert, da wir in der gesamten Fabrik zweihundertachtundsiebzig Wirte haben …“, begann Magnus und zog das Thema unnötig in die Länge.

„Und weiter?“, gab er leicht genervt zurück. Er hatte das Geld, das Blut, er wollte schlichtweg nur noch gehen.

„Alle sind dunkelhaarig und haben grüne, blaue oder dunkelbraune Augen. Wie ist es dann möglich, dass so eine Kreuzung entsteht?“ Magnus lehnte immer dichter über dem elektronischen Bericht.

„Sag du es mir, du hast dich doch so eingehend mit der Vererbungslehre und Züchtung dieser minderen Spezies beschäftigt!“ Edrian rief sich selbst zur Ordnung, aber er ging bei dem Thema „Menschen“ einfach nicht so auf. Für ihn waren sie Parasiten, Waren, einfältig, stinkend und in der Gruppe nicht zu unterschätzen. Es war eine Sache, sie zu jagen, aber sich intensiver mit ihnen auseinanderzusetzen, war seines Erachtens nach nicht der Mühe wert.

Magnus blickte ihn an und schien sein Unbehagen zu spüren: „Sie ist zwar nicht mehr die Jüngste mit ihren vierundzwanzig Jahren, aber sobald ihr Blut getestet ist, werde ich sie wohl eher in der Brutstätte einquartieren. Mal schauen, ob sie für die Zucht geeignet ist.“ Er beendete mit einem gekonnten Klick die Darstellung und wandte sich ihm erneut zu: „Ich würde sagen, die Zahlung war adäquat, und der Deal ist erfolgreich abgeschlossen. Wir können die Plauderei somit für heute beenden. Aber wir sehen uns ja vielleicht bei der nächsten Ausgabe? Du weißt, für einen Geschäftspartner wie dich habe ich jederzeit eine offene Tür und ein geduldiges Ohr.“ Schwang da ein Hauch Sarkasmus mit? Doch Edrian war es mittlerweile egal, er wollte nur noch gehen.

„Aber immer doch gerne, Magnus, mein Freund.“ Er stand auf und lief schnellen Schrittes auf die Tür zu, als er nochmals die Stimme des Direktors hinter sich vernahm: „Und lass dir den edlen Tropfen schmecken.“

Instinktiv streifte Edrian über seine Jackentasche und musste ein Grinsen loswerden. „Das werde ich bestimmt, danke.“

2 | Edrian

Edrian lag auf seiner Matratze und wälzte sich hin und her. Obwohl ihn die Jagd während der letzten Tage ausgelaugt hatte, konnte er keinen Schlaf finden. Eine unverständliche innere Unruhe ließ sich nicht bezwingen, bis er dem Drang nachgab und aufstand. Bereits zum vierten Mal ging er zu seinem Heiligtum – seinem Kühlfach – und stellte sicher, dass der für ihn unbezahlbare Blutbeutel noch da war. Der Wirt hieß Tacon 4, war siebzehn Jahre jung und männlich. Wie lange sollte er den edlen Tropfen aufbewahren? Würde er nicht schlecht werden, wenn er ihn zu lange lagerte? Sollte er seiner Mutter eine Freude bereiten und ihn mit ihr teilen? Teilte man so etwas? Einfach so? Ein Verkauf kam auf keinen Fall infrage, selbst in seiner Lage. Edrian war eindeutig zu erschöpft von seinen Überlegungen. Da aber an Schlafen nicht zu denken war, zog er seine schwarze Jeans an, ein dunkelblaues, eng anliegendes Shirt und seine Lederjacke. Bei dem Gedanken, erneut in seine hohen, abgewetzten Lederstiefel zu steigen, wurde ihm unwohl, doch so viel Auswahl bot ihm seine Garderobe nicht. Durch den gelungenen Deal ließ er sich aber dazu hinreißen, ein neues Paar aus seinem Spind zu holen. Das Leder roch frisch, und die glatte Oberfläche glänzte unter dem künstlichen Licht. Er strich über das edle Material – sein letztes Paar. Für die Jagd brauchte er neue Ausrüstung, da gab es kein Entrinnen, und ein Großteil des Geldes würde dafür wohl oder übel draufgehen. Doch am heutigen Abend war ihm eher nach Feiern zumute.

Edrian verließ seine heruntergekommene Einzimmer­wohnung, die mehr praktisch als gemütlich war, und sprang vor dem Gebäude auf sein Wavebike. Mit einem Fingerabdruck erweckte er es zum Leben, und blaue Magnetwellen kamen unter dem Gefährt zum Vorschein. Die große Frontleuchte schaltete sich ein, und das leise Surren der Maschine signalisierte ihm Bereitschaft für den Einsatz. Edrian beschleunigte und trieb ‚Monster’, wie er es liebevoll getauft hatte, über die Straßen von Stratus. Der abnehmende Mond erstrahlte in einem zarten Orangeton und war durch ein paar Wolken verdeckt, als er zwischen den einsamen Gassen der Stadt hindurchfegte. Erst Minuten später wurde es belebter, und die kalten, hohen Gebäude zeigten vereinzelt leuchtende Anzeichen für bezogene Wohnungen. Obwohl es tagsüber mit zweiunddreißig Grad recht heiß war, konnte man in den Abendstunden nicht mehr von der Hitze zehren. Trotz der gemauerten Behausungen flüchtete die Wärme aus jedem Korn, so wie auch kein anderes Lebewesen sich in den Ecken und Ritzen der Stadt wohlfühlte. Die Gemeinde der Vampire blieb lieber unter sich. So war es immer schon und würde es wohl auch bleiben.

Wie gerne Edrian auch alleine war, so sehr genoss er es zeitweise, unter seinesgleichen zu wandeln. Er stellte sein Bike an einer geschützten Stelle ab und schlenderte an den Bars und Freudenhäusern vorbei. Er sog den Lärm, die Laute der Gäste und Passanten in sich auf. Es handelte sich nicht um den noblen Teil von Stratus, was an den verschmutzten Straßen und der Klientel erkennbar war, aber hier fühlte er sich eindeutig wohler als in der sterilen Umgebung, die Magnus frequentierte. Edrian betrat die ‚Liquid Bar’ und kämpfte sich durch die Masse an seinen Stammplatz. Wie vorhergesehen, lehnte auch schon sein wohl einziger Freund am Stuhl direkt neben seinem gewohnten Platz. Gewiss hatte er die letzten zwei Stunden damit verbracht, jeglichen potenziellen Sitznachbarn zu vergraulen, um den Hocker für ihn freizuhalten.

„Hi, Link. War niemand dabei, der gut genug war, dir Gesellschaft zu leisten?“ Edrian schlug ihm kräftig auf die Schulter, sodass sein Kumpel wohl kurz überlegte, ob er gerade angegriffen wurde. Er drehte sich skeptisch zu ihm um, bis seine strahlenden Augen preisgaben, dass er ihn erkannt hatte.

„Edrian! Endlich, was hat dich so lange aufgehalten?“ Freudestrahlend musterte er ihn von oben bis unten. „Was sehe ich denn da? Gibt es was zu feiern, oder warum hast du die alten Latschen zu guter Letzt entsorgt?“, ergänzte er neckisch.

Edrian konnte nur den Kopf schütteln und versuchen, sein Grinsen im Zaum zu halten. Er selbst war wenigstens normal gekleidet, denn im Gegensatz zu ihm war Link wieder in die Flickenkisten gefallen. Seine Hose und Jacke waren aus verschiedenen dunklen Stoffen und andersartigen Materialien gefertigt. Quadrate, Rechtecke und Dreiecke pflasterten sein Outfit, und während es früher immer eine Macke von ihm war, solche Klamotten zu tragen, konnte Link wohl heutzutage nicht mehr so viel für ‚normale’ Kleidung hinblättern. Doch er würde dies niemals zugeben. Sein blonder Kollege sah ihn noch immer mit einem schiefen Lächeln an und wartete auf eine patzige Rückmeldung.

„Weißt du, Link, ich dachte mir, ich hebe die alten Stiefel für einen besonderen Anlass auf. Du hast doch bald Geburtstag, und ich schätze, sie würden zu deinem Outfit heute Abend passen.“ Links Mund formte ein ‚O’, begleitet von einem kurz geschockten Gesichtsausdruck, bis er sich wieder fing und ihn mit einer winkenden Geste zur Bar einlud.

„Also erzähl schon. Du hast erneut was gefangen, und diesmal hat sich der Aufwand wirklich gelohnt, oder?“ Link hatte ihn nun mit einer Hand an seiner Schulter näher an sich herangezogen und ging auf Flüstermodus: „Wie viel ist dabei rausgesprungen? Und hat dich Magnus wieder höchstpersönlich in Empfang genommen?“ Er ließ von ihm ab und strich sich über seine Stehfrisur, die am Hinterkopf hinab immer kürzer wurde.

Edrian konnte sich sein breites Grinsen einfach nicht aus dem Gesicht wischen und gab sich geheimnisvoll: „Tja, so wie es aussieht, dürfte ich diesmal nicht nur die richtige Ware geliefert, sondern auch den optimalen Moment bei ihm erwischt haben. Er war mehr als großzügig.“

Link wandte seinen Blick ab und winkte den Barmann heran: „Bring meinem Hunter-Kollegen doch bitte ein White Label, vielleicht eines, das noch warm ist?“ Dabei zwinkerte er ihm wissend zu.

Dieser konterte jedoch gelangweilt: „Klar doch, ich hol euch gleich einen Wirt aus dem Kühlraum, kann sich nur um ein paar Minuten handeln“, und hob leicht herablassend seine Mundwinkel. Dabei wischte er eines seiner Blutgefäße mit einem dreckigen Fetzen aus. Link schien die Bemerkung nicht kaltzulassen, doch genau in dem Moment, als er sich von seinem Hocker erheben wollte, legte Edrian beschwichtigend seine Hand auf dessen Schulter und zwang ihn, sitzen zu bleiben.

„Komm schon, Frank, eure Zankereien in allen Ehren, aber es wird bereits ermüdend. Warum bringst du uns beiden nicht ein Yellow Label? Hast du vielleicht einen ‚Winslow 8’ übrig?“ Der kahlköpfige Barmann prustete kurz und gab ein Nicken zurück.

Edrian erblickte auf einmal seine Spiegelung auf der polierten Oberfläche hinter dem Schankraum und bemerkte einen merkwürdigen Schimmer in seinen Augen. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die lange Narbe quer über seinem halben Gesicht, die er sich im elfjährigen Kolonialkrieg zugezogen hatte. Sie begann auf seiner Stirn und zog sich längs seiner rechten Augenbraue bis zu seiner Nasenwurzel. Irgendetwas war anders, er wusste nur nicht, was es war. Doch er wurde aus seiner Erstarrung gerissen, als Link ihm an der Schulter packte und kräftig schüttelte: „Verdammt, DU lädst mich auf ein Yellow ein? Das hast du ja noch nie gemacht? Ha! Ich wünschte, die Jagd würde bei mir ebenfalls so gut laufen. Ich meine, wenn ich überhaupt mal einen Menschen zwischen die Finger bekomme, dann reicht dessen Qualität nie und nimmer, um auch nur an der Türschwelle von Magnus zu riechen. Es ist zum Verzweifeln, dabei machen wir das beide nun schon – wie lange? Hundert Jahre? Ich schätze, ich habe wohl damals das falsche Territorium zur Jagd gewählt.“

„Ich würde eher behaupten, dass ich den besseren Riecher habe, wobei ich zugeben muss, dass ich noch immer nicht weiß, was sie dort draußen verloren hatte.“ Edrian fuhr wieder in Gedanken versunken durch sein leicht gewelltes Haar.

„Wen meinst du?“ Link wandte sich sogleich ab, als der mies gelaunte Frank ihnen die Yellows hinstellte. Diese Ablenkung war einfach zu verführerisch.

„Das Weibchen. Sie war mitten in der Wüste und völlig desorientiert. Sie war eigentlich ein Schnäppchen, wenn ich bedenke, wie lange ich oft lauere und suche.“ Edrian dachte an seine üblichen Plätze, wo er Stellung bezog. Manchmal lauerte er neben den Lagerräumen der Blutfabrik, da diese immer wieder von Menschen betreten und wahllos geleert wurden. Dann die Gebirgszüge von Goritha, in welchen er Höhlensysteme vermutete, in denen sie hausten. Doch wo diese Rasse sich heimlich verkroch, war ein ungeklärtes Mysterium, selbst nach dreihundert Jahren. Denn so primitiv sie auch waren, hatten sie eine Technologie entwickelt, die ihnen das Ausplaudern ihrer Herkunft unmöglich machte. Die Freiläufer unter ihnen hatten eine Substanz im Blut, die ungenießbar und erst nach Tagen im lebenden Organismus ausgespült wurde. Wenn sie im atmenden Zustand gefasst wurden, schluckten sie ein Gift, das sie sofort verenden ließ. Die kostbare Lebensessenz wie auch der Mensch konnten in diesem Fall nur noch entsorgt werden. Alle gewöhnlichen Volksmitglieder trugen Chips in ihrem Nacken, und Magnus hatte ihm erzählt, dass dieser gezielt alle Daten und Informationen im Gehirn schädigte, die das Zurückfinden zum Wohnort zulassen würden. Edrian war seiner Meinung, dass diese Technologie der Spezies von den Sympathisanten gereicht wurde. Niemals wären sie selbst imstande gewesen, solch ein Wissen zu entwickeln und zu fördern.

Er presste seine Lippen fest aufeinander. Er hatte wirklich nur reines Glück gehabt, sie einfach so zu finden. Zum Blutgefäß fassend, wandte er sich wieder an Link: „Gut, mein alter Freund! Auf die ewige Jagd!“

Gierig griff dieser ebenfalls nach seinem Yellow und stieß mit ihm an.

***

Orelia öffnete vorsichtig die Tür. Aber als sie das breite Lächeln ihres Sohnes durch den schmalen Spalt erkannte, riss sie diese förmlich auf, um sich sodann in seine Arme zu schmiegen: „Edrian! Was für eine Freude, dass du deine alte Mutter besuchen kommst!“ Der zweite Blick, als er ihre Türschwelle durchschritt, ließ sie wie gewohnt ihren Kopf schütteln. „Warum besorgst du dir nicht endlich mal anständige Kleidung? Dieses blaue Shirt trägst du schon ewig, und diese Lederjacke … ist das Blut? Warst du mit dieser Jacke draußen, um diese Kreaturen zu jagen? Und damit kommst du schon wieder in mein Haus?“ Sie merkte, wie ihre Stimme schrill und hysterisch wurde. Was hatte dieser Krieg nur aus ihrem geliebten Sohn gemacht?

„Soll das deine Begrüßung sein? Möchtest du, dass ich wieder gehe?“ Edrian hielt seinen Kopf schief, und einzelne Haarsträhnen hingen in sein Gesicht. Seine Stirn war trotz Narbe in Falten gelegt, und seine Augen hatten diesen vorwurfsvollen Blick. Er war so ein bildschöner Vampir, Orelia konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass er sich so gehenließ.

„Nein, nein, mein Sohn, verzeih. Komm doch rein und setz dich. Ich freue mich immer über deinen Besuch. Wie du weißt, habe ich ja selten Gesellschaft, daher vergiss die Nörgeleien einer älteren Frau. Ich kann halt auch nicht aus meiner Haut“, beschwichtigte sie ihn und lud ihn ein, ihr in ihr Wohnreich zu folgen.

„Erzähl mir, was gibt es Neues da draußen?“ Neugierig machte sie es sich in ihrem weichen Sessel bequem. Er hatte einen bordeauxfarbenen Bezug und war mit goldenen Verzierungen bestickt, die ihm ein edles Aussehen verliehen. Durch die gedämpfte Beleuchtung, die sie grundlegend bevorzugte, kam ein schimmernder Effekt zustande. Gespannt über den Klatsch und Tratsch, den ihr Edrian ab und zu lieferte, zupfte sie eine ihrer verirrten Haarsträhnen zurecht und fügte sie in ihre Hochsteckfrisur ein. Edrian saß gegenüber von ihr, mit nach vorne gelagerten Schultern, seine Ellbogen auf seinen Oberschenkeln geparkt und zusammengefalteten Handflächen. Wieder blickte er sie durch seinen schwarz glänzenden Haarvorhang an. Diese Denkerpose war typisch für ihn.

„Ich war wieder bei Magnus, eine Lieferung abgeben, und so wie es scheint, dürfte er einen Weg gefunden haben, die Stellung von Stratus zu stärken“, begann er, als sie gleich nachdenklich zurückgab: „Ich wusste es … hätte dein Vater nur noch etwas abgewartet, bevor er uns für Toa verlassen hat.“ Sie spürte ihre Augen brennen und die Trauer in sich aufsteigen.

„Mutter, fang nicht wieder damit an. Warum kannst du nicht endlich mit ihm abschließen? Er hat uns vor über hundertfünfzig Jahren zurückgelassen. Und das nicht wegen Toa! Du weißt so gut wie ich, dass er der Meinung war, er hätte ein Leben in die Welt gesetzt, mich groß gezogen und damit seine Aufgabe bravourös gemeistert. Er wollte dieses Zusammenleben nicht mehr. Ihr habt immerhin über ein Jahrhundert zusammen …“

„Wir waren NUR achtundneunzig Jahre miteinander liiert, und du warst noch jung und unerfahren …“, platzte es aus ihr heraus. Dabei hatte sie sich selbst geschworen, diese Diskussion nicht wieder mit ihm zu führen, denn es brachen erneut alte Wunden auf.

„Mutter, ich war fünfundfünfzig Jahre alt, also bei Weitem kein Kind mehr, also bitte mach kein Drama draus.“ Sie sah ihn schockiert an, und er hob beschwichtigend die Arme: „Tut mir leid, das wollte ich so nicht sagen. Es ist nur, ich ertrage es nicht, dass du an dieser Trennung so zerbrichst. Du hättest mit ihm gehen sollen.“

„Aber er war dagegen“, brachte sie kaum hörbar über ihre Lippen. Nachdenklich wandte Edrian seinen Blick von ihr ab. „Ich weiß, Mutter, ich weiß. Aber du verschanzt dich immer mehr in diesem Haus, gehst kaum raus und verfällst zusehends in diesen … Zustand. Ich kann das wirklich nicht weiter mit ansehen.“ Noch immer konnte er ihr nicht in die Augen blicken.

Mit bebenden Lippen stellte sie die Frage, für die sie sich erneut verfluchte, da genau diese Frage wohl der Grund war, warum Edrian so lebte, wie er lebte: „Wirst du mich nun verlassen und auch in eine größere, zukunftsreichere Kolonie ziehen?“

Er fuhr sich mit beiden Händen durch seine Haare und seufzte lautstark.

„Nein, das hatte ich nie vor. Wie oft fragst du mich das noch? Stratus ist meine Heimat, und ich bin gerne hier.“ Er stand auf, überwand die Distanz zu ihrem Sessel in nur einem Augenaufschlag und hockte sich vor sie hin.

Orelia sah in seine traumhaft schönen Augen. Sie waren zwar wie bei allen Vampiren in Weiß gehalten, aber deren Umrandungen, die bei Tageslicht schwarz wirkten, leuchteten bei diesem gedimmten Licht besonders intensiv blau. Er umfasste ihre Hände, die sie locker in ihren Schoß gelegt hatte, und sah sie direkt an: „Ich werde nicht gehen, aber nicht, weil ich den Zwang verspüre, es deinetwegen zu tun, sondern weil ich mich hier wohlfühle. Und ich weiß genau, was für ein Teil der Diskussion nun von dir gestartet wird. Nein, ich habe nicht vor, den Hunter-Job an den Nagel zu hängen, nein, ich habe keine Frau gefunden und bin auch nicht auf der Suche danach, und vor allem, NEIN, ich brauche kein Geld von euren Ersparnissen. Es geht mir gut, und ich bin glücklich, so, wie alles ist. Du musst dich nur endlich damit abfinden, dass ich ein anderes Leben gewählt habe, als du es für mich vorgesehen hast.“ Er blickte ihr abwechselnd ins linke und dann ins rechte Auge und drückte leicht ihre Hände.

Orelia konnte nicht anders, als ihn anzulächeln. Er hatte denselben Ausdruck wie sein Vater. Er war unnachgiebig und stur, aber was immer er anpackte, machte er mit Leidenschaft und Überzeugung. Sie liebte ihn, und obwohl er offenbar wie nur wenige bereit war, sich mit den primitiven Menschen abzurackern, statt ein gutes Leben mit Frau und zumindest dem Versuch, Kinder in die Welt zu setzen, zu führen, war sie stolz auf ihn. Sie zog die rechte Hand aus seinem Griff und streichelte ihm über seine Wange.

„Ist schon gut, Edrian. Du bist perfekt, wie du bist, und irgendwann werde ich es akzeptieren. Ich brauche scheinbar einfach nur länger“, hauchte sie ihm zu und schenkte ihm ein Lächeln.

Edrian setzte sich wieder seiner Mutter gegenüber und nahm seine Chance wahr, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Er blickte in ihr gütiges Gesicht, welches bereits durch die Zeit gezeichnet war. Hauchzarte Linien schmiegten sich um ihre hochgezogenen Mundwinkel, und zu den ersten silbern glänzenden Haarsträhnen zwischen der brünetten Pracht gesellten sich langsam immer mehr hinzu. Trotz allem strahlte sie Anmut und Eleganz aus, als trotze sie dem Alter in jeder Lebenslage.

Orelia war eine der wenigen Vampire, die Edrian persönlich kannte, die der Entstehung ihrer Zivilisation selbst beigewohnt hatte. Es war zwar erst dreihundertsieben Jahre her, doch es gab so viele Lücken, und bei jedem Besuch nutzte er die Gelegenheit, ihr weitere Antworten zu entlocken. Er fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt, als sie ihm immer von den Wesen und Pflanzen erzählt hatte, die es früher gab, und dass zu Anbeginn der Zeit sogar kurz ein Zusammenleben von Menschen und Vampiren funktioniert hatte. Eine Tatsache, die noch heute für ihn unvorstellbar war. Er lehnte sich zurück und ließ ihre Erzählungen mit bildlichen Untermalungen auf sich niederprasseln. Eine bessere Entspannung, um später in seiner Wohnung endlich in einen tiefen Schlaf zu finden, gab es für ihn nicht.

 

Als Edrian sein Heim betrat, zwang es ihn erneut zu seinem Kühlfach. Er fasste nach dem eisernen Griff und zog die Entriegelung des halben Meter hohen Gerätes zur Seite, was ihm den Zugang zu seinem Schatz ermöglichte. Er lag da, einsam und verlassen … der Blutbeutel mit blauem Label. Edrian war hundemüde, aber er wollte nicht länger warten. Obwohl er reichlich getrunken hatte, musste er vor der vergönnten Ruhe wenigstens einmal auf seiner Zunge spüren, wie sich so eine Qualität auf den Geschmacks­knospen bemerkbar machte. War es wirklich so ein Sprung zwischen White Label und Blue Label? Konnte ein einziger Beutel so viel kosten, dass man damit eine vierköpfige Familie über Monate ernähren könnte? Es musste einfach einen Unterschied geben, denn sonst würden die Kunden Magnus dieses Label nicht regelrecht aus den Krallen reißen. Zumindest eine Kostprobe wollte er sich zugestehen. Er öffnete die Versieglung und schraubte anschließend an dem Verschluss. Als der Beutel nun unter seiner Nase sein Aroma offenbarte, schloss er seine Augen und inhalierte das Bouquet. Es roch wahrlich unübertroffen gut. Dabei war er bis zu diesem Zeitpunkt noch der Meinung gewesen, dass noch immer ein direkter Biss das Nonplusultra war. Denn exakt an der pochenden Ader das warme Blut zu entnehmen, war so viel besser, dass es regelrecht süchtig machte. Schon alleine die zarte, bebende Haut im Mund zu ertasten, die Angst und Verzweiflung, die sein Opfer durch die Poren ausdünstete, und das Flehen und Wimmern turnten ihn regelrecht an. Aber dieser Duft … obwohl … schlagartig wurde ihm bewusst, dass er zuvor eine exquisitere Note gerochen hatte. Doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Noch immer durch die Neugierde angestachelt, kippte er das Paket vorsichtig zu seinen Lippen und ließ vereinzelt Tropfen der Köstlichkeit in seinen Mund laufen. Er schloss die Augen und gestattete der Flüssigkeit, Herr über seinen Rachen zu werden. Edrian wartete und wartete, was ihm sein Geschmackssinn für Informationen reichen würde. Kurze Zeit später riss er schlagartig die Augen auf und die Erkenntnis raubte ihm den Atem. Die Erkenntnis … dass er nichts schmeckte! Er könnte literweise des teuren Gesöffs verschlingen und müsste elendig daran verdursten. Die Textur lief ihm die Speiseröhre entlang, aber es schien, als ob sie pure Brühe war, die ihn nicht nährte, geschweige denn sättigte. Schockiert über diese Erkenntnis, schraubte er die Verpackung fein säuberlich zu, legte den Blutbeutel zurück, wo er herkam, und lehnte sich rasch an das geschlossene Kühlfach, als ob er diese furchtbare Erfahrung darin einschließen könnte. Er atmete schwer und beschloss abrupt, sich hinzulegen. Er halluzinierte wahrscheinlich und vermochte somit den Wert der Ware nicht richtig zu schätzen. So breitete sich Edrian auf seiner simplen Matratze aus und versuchte, das eben Erlebte mittels eines tiefen Schlafes zu verdrängen.

3 | Tag 3 bis 5

Nebelschwaden durchzogen die Nacht und legten eine Art Schallschutzmauer um ihn. Er drehte sich um seine eigene Achse, strich durch die rauchige Textur und zerriss sie mit seinen Fingern. Was war das nur? Wo war er? Und diese Totenstille, die nahezu bedrohlich auf ihn wirkte. Das erste Mal in seinem Leben fühlte sich Edrian unwohl und unsicher in seiner Haut. Doch plötzlich hörte er etwas, nur ganz leise und zaghaft. Er wandte sich zum Ursprung der Geräuschquelle, wo ein Lichtkegel zart aufleuchtete, nur um im nächsten Augenblick wieder zu erlöschen. Ein Pulsieren wie ein Herzschlag, das sich in der Dunkelheit freikämpfte. Edrian ging darauf zu, denn die Laute schienen direkt aus dieser Richtung zu kommen. Sie wurden intensiver. War dies denn die Möglichkeit? Rief da jemand um Hilfe? Er beschleunigte seine Schritte.

„Bitte … lass mich … nicht hier …“ Edrian war sicher, dass es sich um eine Frauenstimme handelte. Eigentlich konnte es ihm egal sein, doch allein bei dem Klang der Stimme stellte es ihm die Nackenhaare auf. Sie löste Unruhe und Nervosität in ihm aus, als ob ihm sein Körper den Befehl gab, zu handeln. Doch was wurde von ihm verlangt?

„Hilf … mir … bitte …“, hallten die Worte in der Dunkelheit, oder tönten sie nur in seinem Kopf? Seine Schritte gingen in ein Laufen über. Je näher er dem pulsierenden Licht kam, desto undurchdringlicher wirkte der Nebel, und die Rufe wurden immer verzweifelter. Es ließ aus unerfindlichen Gründen Schwermut in ihm aufkeimen, er rannte noch schneller und drückte die Nebelschlieren von sich, als ob diese robuste Hindernisse darstellten. Er wurde panisch und sein Atem unkontrollierbar: „Aaaahhh!!!“

Edrian fuhr hoch und war noch immer dabei, die Nebelbänke von sich zu stoßen, als er sich aufrecht sitzend auf seiner Matratze wiederfand. Sein Shirt war von Schweiß getränkt, und er fühlte sich, als ob er über eine längere Strecke einen Menschen gejagt hätte. Er legte eine Hand auf seine Brust, die sich heftig hob und senkte. Um sich blickend, erkannte er seine Wohnung wieder, und von der nächtlichen Szene im Dunkeln war nichts mehr zu sehen. Er hatte geträumt, zumindest wurde es so genannt. Doch … Vampire träumten nicht.

 

 

Edrian befand sich vor dem Spiegel seiner Wascheinheit und rieb mit beiden Händen sein Gesicht. Er blickte in eine ausgelaugte, ruhelose Hülle, seine Haare standen zu Berge, und auf seinem nackten Körper glänzten Schweißperlen von der unliebsamen Ruhe. Er lehnte sich auf das metallene Becken und sah sich sein Ebenbild nun von Nahem an. Da stimmte etwas nicht … Knapp an die glatte Oberfläche geneigt, stieß seine Nasenspitze beinahe an. Seine Augen schillerten in einem leicht goldenen Ton. Dies wurde durch den Fakt hervorgerufen, dass sich feine, kaum sichtbare gelbe Linien von seiner Pupille aus über seine Iris legten. Sie glichen zarten, gewellten Tentakeln, die sich in seinen Augen breitmachten und beabsichtigten, sich mehr und mehr auszuweiten. Edrian betrachtete diese Absonderlichkeit mit Entsetzen. Was war nur los mit ihm? Er sah furchtbar aus, und selbst nach der gut durchzechten Nacht hatte er unbändigen Hunger. Er wagte es jedoch nicht, noch einen Schluck vom lagernden Blutbeutel zu riskieren. Die Erinnerung an die letzten Tropfen reichte ihm vollends aus. Daher beschloss er, sich ausgiebig zu duschen, dann angezogen seine Ausrüstung aufzustocken und einen neuen Blutvorrat in der Ausgabestelle zu besorgen. Vielleicht sollte er anschließend seiner Mutter einen Besuch abstatten.

 

 

Orelia war gerade dabei, ihre Blutlieferung in die Lagerung zu bringen, als sie erneut Besuch von ihrem Sohn erhielt: „Edrian? Was verschafft mir die Ehre? Normalerweise kommst du nicht so oft hintereinander“, doch bevor er es sich anders überlegen konnte, zog sie ihn durch die Tür hinein und führte ihn in ihren Wohnbereich. „Mach es dir bequem. Ach … übrigens, ich hab gerade eine neue Zustellung von Yellow Labels bekommen … du siehst hungrig aus. Willst du etwas?“ Er war so merkwürdig still und sah aus, als ob er kein Auge zugetan hätte. Daher übernahm sie die Antwort für ihn, richtete zwei Gefäße mit Blut auf einem Tablett an und schlenderte zu ihrem Sohn. Er war tief in Gedanken versunken, und nun machte sich Angst in ihr breit. Orelia stieß vorsichtig mit dem Tablett an seine Sitzlehne, sodass sie seine Aufmerksamkeit erhielt. Er sah zu ihr auf und … irgendetwas war anders.

„Danke, eigentlich brauche ich nichts. Einem Yellow kann ich aber trotzdem nicht widerstehen“, versicherte er ihr und schenkte ihr ein halbes Schmunzeln. Doch sie würde niemals vergessen, wie er langsam und mit leicht zitternden Händen zum Gefäß fasste, als ob er … Respekt davor hatte. Oder … Angst? Unmöglich, Edrian und Angst kamen nicht in derselben Existenz vor. Sie schüttelte den Gedanken ab und nahm gegenüber von ihm Platz.

„Was ist los, Edrian? Du weißt, dass du mir alles sagen kannst, nicht wahr?“ Ihre Mutterinstinkte jedoch konnte sie nicht zurückrufen.

„Weißt du …“, er schien zu überlegen, ob er etwas erwidern sollte oder nicht, und spielte nervös mit seinen bunten Lederbändern an seinem linken Handgelenk, „… eigentlich bin ich nur erschöpft. Ich schlafe nicht allzu gut in letzter Zeit.“ Mit Bedacht nippte er an seinem Trank, verzog kurz das Gesicht und stellte es auf dem kleinen Beistelltisch neben sich ab. Sein Verhalten ergab keinen Sinn, doch er würde sich nie ausquetschen lassen. Wenn er nicht selbst damit rausrückte, gab es keine Möglichkeit, da er zu stolz war und mit seinen Problemen bisher immer alleine fertiggeworden war. Daher wollte sie ihn nicht drängen, und Orelia versuchte, ihre innere Unruhe durch das Glattstreichen ihres bodenlangen Kleides zu kaschieren.

„Ich habe gehofft, du erzählst mir vielleicht wieder ein bisschen von der Entstehungszeit der Kolonien. Ich finde es faszinierend, und … es bringt mich auf andere Gedanken“, seufzte Edrian. Es war in sich ein Widerspruch. Sein Bein wippte nervös – eine Angewohnheit, die sie bei ihm noch nie vernommen hatte, gleichzeitig versuchte er, kontrolliert und ruhig zu sprechen. Und dann war da etwas mit seinen Augen. Orelia wollte für ihn da sein, folglich bemühte sie sich, seinem Wunsch zu entsprechen, auch wenn er ihr Rätsel aufgab. Jedoch schon allein die alten Zeiten vor ihrem geistigen Auge wieder aufleben zu lassen, verursachte ihr stets elende Kopfschmerzen. Noch dazu erzählte sie ihm die alten Geschichten nun bereits so oft, dass er sie besser kennen musste als sie selbst.

 

Das Blutgefäß neben ihm lachte ihn höhnisch an. Am liebsten hätte Edrian es genommen und in eine Ecke manövriert. Es war genauso ungenießbar und leer wie das Blut, das er am Vortag genossen hatte. Nach seinen Einkäufen und Erledigungen hatte er sich nicht getraut, ein neues White Label anzubrechen, und brachte alles nur rasch in seine Wohnung, um direkt zu seiner Mutter zu fahren. Und ihr Blick, der nun auf ihm ruhte, sprach Bände. Sie wusste, dass ihn etwas beschäftigte. Zum Glück aber verschonte sie ihn diesmal mit bohrenden Fragen und begann von ihrer Vergangenheit zu erzählen.

„Es war die verstörendste Situation meines Lebens. Wobei ich glaube, dass es uns damals allen so ergangen ist. Ich wurde im Dschungel munter, trug Kleidung, wusste meinen Namen … Bruchstücke von Erinnerungen, mit denen ich jedoch nichts anfangen konnte. Noch dazu war ich alleine, und es hatte den Anschein, als ob etwas Furchtbares geschehen war.“ Seine Mutter driftete ab in ihre Vergangenheit: „Ich sehe noch immer die dichte Pflanzenwelt vor mir, wie ich laufe, barfuß und verzweifelt, ohne überhaupt einen Plan zu haben, wo ich hinwollte oder was ich suchte. Ich stieß auf weitere wie mich, bis wir eine Gruppe von elf Personen waren. Damals wussten wir nicht, dass auch Menschen unter uns waren. Sie rochen nur anders. In erster Linie war es dunkel, furchtbar kalt. Wir merkten, dass wir über die gleiche Sprache und Ausdrucksweise verfügten und wollten nun auch herausfinden, auf welchem Wissensstand sich der jeweils andere befand. Erst als die frühen Sonnenstrahlen uns weckten, mussten wir feststellen, wie unterschiedlich wir waren. Zwei Vampire verglühten in der grellen Pracht, während die menschlichen Kreaturen sich frei bewegen konnten. Doch wir hielten zusammen und wanderten des Nachts weiter, auf der Suche nach Antworten. Noch mehr Personen schlossen sich uns an.“

Edrian lauschte andächtig, aber wie immer an dieser Stelle platzte es aus ihm heraus: „Ich versteh das nicht, ihr müsst doch durch ihren Geruch, die Wärmefelder, die ihre Körper ausstrahlten, in ihrer Gegenwart schon völlig hungrig gewesen sein. Wie ist das möglich?“

„Tja, mein Sohn. Wenn du meinst, wir konnten unsere Instinkte nicht gut deuten, dann hast du recht. Wir hielten uns zurück, versuchten wie alle anderen, Pflanzen und Knollen zu kosten, haben Tiere gejagt und sie verzehrt … doch wir mussten sehr bald feststellen, dass uns diese Nahrung nicht sättigte. Als mich der Hunger überkam, lief mir eine Menschenfrau unserer Gruppe in die Arme. Sie war so hysterisch, aufgeregt, und ihr pochendes Herz erklang so laut in meinen Ohren, dass ich Kopfschmerzen bekam. Sie musste aufhören, still sein … und bevor ich wusste wie mir geschah, lag ihr Körper in meinen Händen. Die letzten zuckenden Bewegungen entwichen ihrer Gestalt, als sie mich mit diesen leeren, toten Augen ansah. Damals war ich völlig überfordert mit der Situation, fühlte mich schuldig und beschmutzt. Ich konnte selbst nicht verstehen, was gerade in mir vorgegangen war, das mich befähigte, so brutal zu reagieren. Doch der unbändige Hunger war durch ihr Blut vorüber, und alles, was blieb, war das Wissen, dass alle Spuren beseitigt werden mussten. Und so entledigte ich mich ihres Körpers. Da ich nicht die Einzige mit dieser Erfahrung war und aus der Suche nach der Antwort eine unerbittliche Jagd wurde, trennten sich unsere Wege.“ Edrian konnte seinen eigenen Atem hören, so still wurde es in dem Raum. Obwohl er nicht der Typ Vampir war, der sich gerne unterhielt, sich mit Fragen konfrontierte und stundenlang über ein und dasselbe Thema philosophierte, war ihre Herkunft für ihn auch nach so vielen Jahren noch fesselnd.

„Erzähl mir bitte noch mal von den Wesen, die ihr gesehen habt“, fragte er und hing neugierig an ihren Lippen.

Seine Mutter atmete tief aus, bevor sie fortfuhr: „Die Menschen waren die Einzigen, die von ihrem äußeren Erscheinungsbild her unserer Rasse ähnelten. Aber ich könnte schwören, in den Wäldern, in denen ich wach geworden bin, auch Laute von Wesen vernommen zu haben, die wir nach Tagen nicht mehr hörten, dass wir Kadaver von Kreaturen gefunden haben, deren Erscheinung wir kein einziges Mal lebend vorfinden sollten. Es klingt nun merkwürdig, doch noch heute glaube ich, dass dies alles eine Prüfung war, und ich bin mir nicht sicher, ob wir sie bestanden haben.“

Als er sah, wie sie sich an ihre Schläfen griff und diese zu massieren begann, wusste er, dass ihre Erzählungen wieder ein jähes Ende nehmen würden. Sie bekam bei dem Thema rasch Kopfschmerzen. „Wie sahen diese Wesen aus?“, versuchte er ihr noch zu entlocken.

Schlagartig sah sie ihn an und zögerte: „Sie waren von sonderbarer Gestalt, hatten mehrere Gliedmaßen, und teilweise konnte nur erahnt werden, wo sich ihr Kopf befand. Andere Kreaturen hatten langes Fell und grelle Farben …“, wieder fasste sie sich an die Stirn, „… manche waren in den Trümmern verbrannt.“ Sie stockte, als ob ihr etwas rausgerutscht wäre, was sie nicht hatte erzählen wollen. Vor allem war Edrian dieser Teil der Geschichte neu.

„Wie meinst du das? Welche Trümmer?“ Doch nun presste sie ihre Augen zusammen, und die Adern an ihren Schläfen traten sichtlich hervor. Er sprang auf und eilte zu ihr: „Mutter? Was ist los?“

Sie legte nur eine Hand beschwichtigend auf seine Schulter: „Nichts, Edrian, nur diese Stimmen sind wieder so eindringlich und laut.“ Sie riss die Augen auf und blickte ihn schockiert an. Er traute seinen Ohren nicht: „Wie lange geht das schon so?“ Er ließ von ihr ab und wich zurück, während sie ihn flehend ansah und verzweifelt den Kopf schüttelte: „Nein, Edrian …“

„Du hast U.Z.I! Warum hast du mir nichts gesagt? Du musst das ansehen lassen, Mutter!“ Sie stand auf und wollte auf ihn zugehen, doch er hielt sie mit einer warnenden Geste von sich fern.

„Edrian, lass es mich erklären …“

„Wie lange, will ich wissen!“, schrie er sie an. Dabei hatte er sich bei ihr noch nie im Ton vergriffen. Er zügelte sich, denn sein Hunger ließ ihn offensichtlich rascher die Kontrolle verlieren.

„Schon sehr, sehr lange. An die zweihundertfünfzig Jahre bereits … um ehrlich zu sein.“ Sie versuchte, wieder einen Schritt auf ihn zuzugehen. Zögerlich fixierte sie ihn mit ihrem traurigen Blick.

„Du hast seit zweihundertfünfzig Jahren die Unidentifizierbare Zerebrale Infektion? Wie konntest du das verstecken? Vor allem vor Vater und vor mir?“ Sie legte ihre Arme um sich, als ob sie sich selbst darin wiegen wollte, und starrte zu Boden. „Du willst mir doch nicht etwa sagen, du hast regelmäßig Stimmen gehört und bist nicht wie ein Großteil der Bevölkerung dadurch in den Freitod gegangen – und Vater hat es gewusst?“ Nun hielt er die Stille nicht mehr aus und packte sie an den Schultern, um sie zu einer Reaktion zu bewegen. Noch immer konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. „Muss ich mir nun Sorgen machen, oder nicht, Mutter?“ Edrian konnte es nicht fassen. Die letzten Tage schienen eine Neuigkeit nach der anderen für ihn bereitzuhalten.

„Nein, Edrian, du musst dich nicht um mich sorgen. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich kann die Stimmen unterdrücken, und die letzten Jahre sind sie immer seltener gekommen.“

Edrians Wut wich nun seiner Neugierde. Keiner wusste genau, wie sich diese Krankheit übertrug.

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