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Ich bin Profiler

ÜBER DIE AUTORIN

Pat Brown hat in Boston Kriminologie studiert und gehört zu den wenigen weiblichen Profilern der USA. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von »The Sexual Homicide Exchange«, einer ehrenamtlichen Beratung für Mordermittler und die Angehörigen der Opfer, sowie Inhaberin einer Profilingagentur. Die Autorin lebt in Minnesota und Maryland.

Pat Brown
mit Bob Andelman
ICH BIN PROFILER
Eine Frau auf der Jagd nach
Serienkillern und Psychopathen
Aus dem amerikanischen Englisch von
Irene Anders
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INHALTSVERZEICHNIS

Danksagungen

An den Leser

Vorwort

Einführung

TEIL 1: DIE GRENZE

Kapitel 1: Anne – Der Mord

Kapitel 2: Ein verändertes Leben

Kapitel 3: Walt – Der Verdächtige

Kapitel 4: Ein neuer Beruf

TEIL 2: FÄLLE

Kapitel 5: Sarah – Der Mord hinter der Schranke

Kapitel 6: Vicki – Ein Klopfen in der Nacht

Kapitel 7: Mary Beth – Eine Vorgehensweise

Kapitel 8: Doris – Das unwahrscheinliche Opfer

Kapitel 9: Misy – Der Albtraum eines Kindes

Kapitel 10: Jimmy – Mit Freunden wie diesen

Kapitel 11: Donnell – Eine Frage des Motivs

Kapitel 12: Sabrina – Die Gedankenwelt eines jungen Mädchens

Kapitel 13: Brian – Wer drückte auf den Abzug?

Kapitel 14: Bob und Christine – Doppelmord

Schlusswort

DANKSAGUNGEN

Ich möchte all jenen danken, die an mich, meine Botschaft und meine Mission geglaubt haben, insbesondere:

meiner Schwester Joyce, die immer für mich da war und meine Entscheidungen nie in Frage stellte;

meinen Eltern, die mich stillschweigend unterstützten;

meinen Kindern Jennifer, David und Jeremy, die sich nie darüber beklagten, dass ich so viel Zeit ohne sie verbringe, um dieser Arbeit nachzugehen;

meiner besten Freundin Terry Pazmino, die jahraus, jahrein ein offenes Ohr für mich hat;

all meinen Freunden in Maryland und Minnesota, die mich bei Verstand hielten;

meiner Assistentin Donna Weaver, deren unermüdliche, unentgeltliche Arbeit für die Sexual Homicide Exchange diese Organisation am Leben hielt;

den Ermittlern, die mich zu ihren Fällen hinzuzogen und bereit waren, dem kriminalistischen Profiling eine Chance zu geben;

den Fernsehsendern, Nachrichtensendungen und Moderatoren, die mich häufig einladen, um ihre Zuschauer über drängende Fragen rund um das Verbrechen aufzuklären und mir Gelegenheit zu geben, bemerkenswerte Fälle des Tages aus meiner Sicht darzustellen: Nancy Grace, Jane Velez-Mitchell, Larry King, der Sendung Today, The Early Show, Fox and Friends, Montel Williams und zahlreichen anderen Sendungen im CNN, MSNBC, Fox, Discovery Channel und Court TV, die mich wieder und wieder vor die Kamera bitten;

meinem Co-Autor Bob Andelman, der mir half, all diese Fälle in schlüssiger Form zusammenzustellen;

meinen Agentinnen Jane Dystel und Miriam Goderich sowie meinem Agenten Michael Bourret, die der Überzeugung waren, dass diese Geschichte erzählt werden sollte;

und natürlich Barbara Jones und Elizabeth Sabo, den Lektorinnen beim Verlag Hyperion Voice, die meine Geschichte einkauften und diesem Buch ans Licht der Öffentlichkeit verhalfen.

Meinen innigsten Dank ihnen allen.

Pat Brown

Die Zusammenarbeit mit der kriminalistischen Profilerin Pat Brown stellte für mich auf beruflicher Ebene eine einzigartige, bereichernde Erfahrung dar. Zugleich möchte ich ihr für ihre Geduld und Unterstützung vor allem zu Beginn der Arbeit an Profiler danken. Danke, dass du mit mir durchgehalten hast, Pat.

Ebenfalls gebührt meinen Agentinnen und Agenten von Dystel & Goderich Literary Management Dank, namentlich Jane Dystel, Miriam Goderich und Michael Bourret, die mich Pat empfahlen, sowie Barbara Jones und Elizabeth Sabo, denen ich eine der besten, professionellsten Erfahrungen meiner Laufbahn verdanke.

Danken möchte ich außerdem Becky James für viele Stunden harter Arbeit – seit beinahe zwanzig Jahren erstellt sie die Reinschriften meiner Bücher und Zeitschrifteninterviews.

Zuletzt danke ich meiner Frau Mimi und meiner Tochter Rachel, die bereit waren, »noch eine Minute« länger darauf zu warten, dass ich endlich Feierabend machte.

Bob Andelman

AN DEN LESER

Meine Darstellung der Ereignisse, die sich in jedem dieser Kriminalfälle zutrugen, basieren auf meinen persönlichen Gesprächen mit Familienangehörigen der Opfer, ihren Freunden und Bekannten sowie zuweilen auf Diskussionen mit Polizeibeamten und – soweit möglich – auf Einsicht in verfügbare Akten. Meine Schlussfolgerungen sollten ausschließlich als Hypothesen über den Hergang des jeweiligen Verbrechens und den oder die möglichen Täter betrachtet werden, zu denen ich aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Informationen, meiner Ausbildung und meinen Erfahrungen in der Fallanalyse gekommen bin. Wenn ich eine bestimmte Person als potentiellen Täter benenne, so will ich damit sagen, dass die Polizei dieser Person einen zweiten Blick (und in manchen Fällen einen ersten Blick) widmen sollte. Ich habe immer betont, dass Profiling sich als äußerst nützliches Ermittlungswerkzeug erweisen kann, aber ich bin weder der Staatsanwalt, noch gehöre ich zu den Geschworenen. Profiling ist keine exakte Wissenschaft. In Anbetracht der unvollständigen Informationen und der Zeit, die verstrichen ist, kann ich Ihnen in jedem dieser Fälle nicht mehr als meine Hypothese anbieten.

VORWORT

Kriminalistisches Profiling – was ist das eigentlich?

Es ist eine Kombination aus verschiedenen Schritten: der Analyse physischer Beweise und Verhaltensstudien, der Rekonstruktion eines Verbrechens von Anfang bis Ende und dem Versuch, auf der Grundlage vorhandener Informationen zu einer möglichst wissenschaftlich fundierten Schlussfolgerung zu gelangen.

Für einen Großteil dessen bedarf es lediglich des gesunden Menschenverstandes – oder zumindest erscheint es uns so, nachdem ein Fall gelöst ist. Um jedoch die richtigen Antworten zu finden, ist mehr als Instinkt oder Geschick beim Raten erforderlich. Es ist dazu notwendig, den Tatort und die Beweise wissenschaftlich, emotionslos und frei von Vorurteilen zu untersuchen.

Profiling ist eine Art angewandte Logik, die auf einer Kombination aus angeborenen Talenten, gründlicher Ausbildung und jahrelanger Praxis beruht. Dabei lernt man nie aus. Lernen kann man durch Übung, von anderen und sogar aus seinen eigenen Fehlern.

Zum Profiler wird man im Zuge einer Entwicklung – nicht von einem Augenblick zum anderen. Studium, Erfahrung und Praxis ermöglichen es dem kriminalistischen Profiler, sich zu einem Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts zu mausern und mit jedem neuen Fall, jedem neuen Mord seine Fähigkeiten zu verbessern. Egal, ob man seine Ausbildung beim FBI, in den Polizeiabteilungen, auf dem College oder für sich allein erwirbt, in jedem Fall ist der Lernprozess eine Reise. Erst mit der Zeit schärfen sich unsere Kenntnisse, und wir werden zu kriminalistischen Profilern, die diese Bezeichnung verdienen.

Bevor ich Sie nun hinter die Kulissen des Profilings entführe, möchte ich den Ermittlern, die mit diesen komplexen Fällen befasst sind, und den Vollzugsbeamten, die darum kämpfen, Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen, meine Anerkennung aussprechen. Die Fälle, die ich Ihnen in diesem Buch präsentiere, sind mir übertragen worden, weil ihre Analysen sich als ungewöhnlich schwierig erwiesen, weil sie einem Ermittler mit mangelnder Ausbildung oder Erfahrung unterstanden oder weil der Ermittlungserfolg aus politischen Gründen vereitelt worden war. Die großartigen Kriminalbeamten, die mich hinzuzogen, taten dies, weil ihnen bewusst war, dass zuweilen ein zusätzlicher Experte darüber entscheiden kann, ob ein Fall gelöst wird oder ein Mörder einfach davonkommt. Viele der Fälle, an deren Aufklärung ich beteiligt war, sind in diesem Buch nicht enthalten, weil ich mich den polizeilichen Ermittlern gegenüber verpflichtet habe, keinerlei Informationen weiterzugeben, oder weil ich der Ansicht war, eine Veröffentlichung könne dem Fall schaden.

Ich hoffe, dieses Buch hilft Ihnen, die enormen Herausforderungen, denen Ermittler, Profiler und Verbrechensopfer sich stellen müssen, besser zu verstehen. Es soll Sie ermutigen, sich innerhalb Ihres Wohnbezirks zu engagieren und all jene zu unterstützen, die dafür kämpfen, unser Leben sicherer zu machen.

EINFÜHRUNG

Der einzige Zeuge des Verbrechens sprach kein Wort.

Als ich endlich dazu kam, mit der Mutter des Opfers zu sprechen, war der Fall bereits Schnee von gestern. Drei Jahre lag der Mord an der attraktiven jungen Frau zurück; sie war in ihrer Wohnung erdrosselt worden, wo sie allein mit ihrem afrikanischen Graupapagei lebte. Als die Polizei eintraf, fand sie den Tatort geradezu friedlich vor. In der Wohnung war nichts angerührt worden – mit Ausnahme der Bewohnerin. Sie lag im Wohnzimmer tot auf dem Boden.

Es gab vier potentielle Verdächtige in diesem Mordfall: zwei Männer, mit denen sie Beziehungen unterhielt, einen geschiedenen Ehemann, der außerhalb der Stadt lebte, und eine bis dato noch nicht identifizierte Person, möglicherweise ein Handwerker oder jemand aus der Nachbarschaft. Den Schlüssel, der die Identität des Mörders enthüllte, besaß einzig der schweigende Zeuge: der afrikanische Graupapagei.

Sobald die Polizei den Tatort freigegeben hatte, verpackte die am Boden zerstörte Mutter die Besitztümer ihrer toten Tochter in Kisten und trug diese zusammen mit dem Papagei nach Hause. Sie lagerte die Kisten in der Garage ein und stellte sich den Käfig mit dem Papagei ins Schlafzimmer. Sie war gerade dabei, in den Schlaf hinüberzugleiten, als eine entsetzte Stimme sie mit einem Schlag ins Bewusstsein zurückriss. »Was machst du hier? Was machst du hier? Auuuu!«, schrie die Stimme. Außer ihr und dem Papagei war niemand im Raum.

Die Mutter berichtete der Polizei von dem Vorfall, stieß aber mit ihrer Behauptung, der Papagei ahme ihre Tochter und den Angriff auf sie nach, auf Skepsis. Sie sage die Wahrheit, beharrte die Mutter, der Papagei wiederhole dieselben Worte wieder und wieder. Niemand schenkte ihr Glauben, und mit der Zeit sprach der Papagei die Frage immer seltener aus, bis er sie schließlich vergaß.

Die Geschichte war merkwürdig, sie klang, als habe ein Drehbuchautor aus Hollywood sie sich ausgedacht. Mich aber interessierte sie, also befragte ich einen Ornithologen nach der Glaubwürdigkeit des Vogels. Es stellte sich heraus, dass afrikanische Graupapageien begabt darin sind, Worte und Laute aufzuschnappen, vor allem ältere, erfahrene Vögel wie das Exemplar, um das es sich hier handelte. Ein solcher Papagei neigt dazu, Sätze, die mit emotionalem Aufwand vorgetragen werden, und ungewöhnliche Laute zu wiederholen. Der Experte hielt es durchaus für möglich, dass der Papagei das letzte Ereignis im Leben der jungen Frau wiedergegeben hatte.

Wenn man dem Papagei trauen konnte, so handelte es sich bei dem Täter höchstwahrscheinlich um den Exmann. Das Opfer wäre wohl kaum derartig überrascht oder erschrocken gewesen, einen der Männer zu sehen, mit denen sie Beziehungen unterhielt, und sie hätte auch auf keinen Nachbarn oder Handwerker in so dramatischer Weise reagiert. Einzig der geschiedene Ehemann hätte ihr eine derartige Reaktion entlocken können.

Es war zu spät, den Papagei zu vernehmen. Der Mörder würde nie einen Gerichtssaal von innen sehen. Schon sehr früh in meiner Laufbahn als Profiler begann ich zu begreifen, dass wir zwar am Ende des Fernsehkrimis mit einem Gefühl der Genugtuung das Gerät ausschalten, dass aber im wirklichen Leben Gerechtigkeit ein seltener Luxus ist. Etwas muss geschehen, um diese Wirklichkeit zu ändern, und ein Teil dieses »Etwas« ist das kriminalistische Profiling.

TEIL 1
DIE GRENZE

Fingerabdruck.tif

KAPITEL 1

Anne
Der Mord

Noch nie war in meiner Stadt jemand ermordet worden.

Das erste Haus der Gemeinde – mein Haus – war im achtzehnten Jahrhundert auf dem endlosen Ackerland Marylands errichtet worden. Zahllose interessante Dinge hatten sich im Laufe der Jahrhunderte hier ereignet, aber die gewaltsame Ermordung eines Menschen hatte die Stadt noch nie erlebt.

Ich war bis zum Sonntag unterwegs gewesen. An jenem Morgen kehrte ich in die Stadt zurück und war kaum ein paar Minuten zu Hause, als die grauenvolle Nachricht mich erreichte. Das Telefon klingelte. Am Apparat war meine beste Freundin Terry, die nur zwei Häuser weiter wohnte.

»Hast du schon gehört?«, fragte sie fassungslos. In ihrer Stimme schwang Bestürzung mit.

»Was denn gehört?« Als ich in die Sixtieth Street eingebogen war, hatte ich nichts Ungewöhnliches bemerkt. Keine Feuerwehrzüge oder Krankenwagen säumten die Straße. Die Stadt wirkte heiter. Die einzige Bewegung verursachte der leichte Wind, der jedoch auf die drückende Hitze jenes schwülen Frühsommertages, des dritten Juni, so gut wie keine Wirkung hatte.

»In dem Bach beim Softball-Feld ist eine junge Frau gefunden worden – ermordet.«

»Was?«

»Ach, es ist einfach entsetzlich. Einer der Männer, die heute früh für die Softball-Liga spielten, hat einen Ball gesucht, der ins Wasser gefallen war, und dabei hat er die nackte Leiche einer Frau gefunden. Sie wurde direkt ans Ufer geschwemmt.«

Mir wurde übel. Ich könnte sie gekannt haben, war mein erster Gedanke, sie könnte eine Nachbarin gewesen sein, eine Freundin oder die Mutter eines der Kinder aus dem Ort.

Ich holte tief Luft. »Wissen sie schon, wer sie ist?«

»Nein, noch nicht. Ich habe nur gehört, dass sie jung sein soll, Anfang zwanzig oder jünger. Man hat ihre Kleidung und einen Walkman gefunden, offenbar hatte sie gejoggt. Die Polizei nimmt an, dass sie gestern getötet wurde, vermutlich in der Abenddämmerung, denn bei Tageslicht hat sie kein Mensch gesehen. Sie scheint nicht aus dem Ort zu stammen.«

Die Hoffnung, dass ich sie nicht gekannt hatte, verschaffte mir ein wenig Erleichterung.

Mit dem nagenden, beklemmenden Gefühl, in irgendeiner Weise stärker mit dieser Sache verbunden zu sein, als ich sollte, legte ich den Hörer auf. Eine Minute lang beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass mir die Nachricht von einer solchen Tragödie einen Schock versetzt hatte und ich deshalb so empfand. Oder vielleicht lag es daran, dass der grausame Mord ausgerechnet in der Nähe des Spielfelds geschehen war, wo ich so viele fröhliche Stunden damit verbracht hatte, meinen Sohn und sein Baseball-Team anzufeuern. Aber das Gefühl, das ich hatte, war anders. Unheimlicher. Irgendetwas war im Haus nicht in Ordnung. Ein böser Geist war bei uns eingezogen, und der hatte mit dem Gespenst, den frühere Bewohner auf dem Treppenabsatz gesehen haben wollten, nicht das Geringste zu tun. Ich machte meinen Kindern etwas zum Mittagessen und versuchte, mich abzulenken. Die Kinder aßen ihre Sandwichs und gingen zum Spielen nach draußen. Während ich das Geschirr ins Spülbecken räumte, kam Walt Williams, unser neuester Untermieter, aus seinem Zimmer die Treppe hinunter und zur Küchentür herein. Das Gefühl der Beklommenheit schwoll an.

Walt. Es hatte etwas mit Walt zu tun.

Jahre später sollte ich das Bild von Walt Williams, das ich damals der Polizei gezeigt hatte, wieder ausgraben und es anstarren. Es war das Foto, das ich während eines Kirchenausflugs zum Freizeitpark Six Flags in einer der Vorstädte Marylands, kurz vor Washington, D. C., gemacht hatte. Walt, ein vierundzwanzigjähriger Afro-Amerikaner, trug blaukarierte Shorts und ein weißes T-Shirt mit kurzen Ärmeln. Er hielt die Hand eines hingerissenen, kichernden Mädchens in der Vorpubertät, das sich allem Anschein nach in ihn verguckt hatte. Er grinste selbstgefällig, sah von dem Mädchen weg und reckte das Kinn in die Höhe. Mit seinem jungenhaften Gesicht und dem leicht pummeligen Körper wirkte er entweder arrogant oder unbeholfen, je nachdem, wie man das Foto deutete.

Meine Kinder waren auch auf dem Bild zu sehen, was mich etwas schaudern ließ; meine achtjährige Tochter Jennifer mit ihrem fransigen fliegenden Haar, das sie der Genmischung ihrer blonden Mutter und ihres jamaikanischen Vaters verdankt, und mein Sohn David, sechs Jahre alt, der eher hispanisch wirkt, was Lateinamerikaner grundsätzlich zu der Feststellung veranlasst: »Oh, Ihr Mann stammt aus Mexiko!«

Walt, der seit einer Woche unser Mieter war, hatte sich diesem Ausflug in den Freizeitpark eher widerstrebend angeschlossen. Obwohl er zunächst Begeisterung bekundet hatte, als wir ihn fragten, ob er helfen wolle, die Teenager der Gemeinde zu beaufsichtigen, ließ er sich an dem Morgen, als mein Mann Tony und ich schon zum Aufbruch bereit waren, nicht blicken. Er war nicht zum Frühstück heruntergekommen und auch nicht im Flur erschienen.

»Walt?«, rief ich hinauf zu seinem Zimmer über der Küche. »Kommst du?«

»Oh«, vernahm ich eine gedämpfte Stimme durch die Tür. »Ich habe noch geschlafen.«

»Dann beeil dich. Wir wollen in zehn Minuten los. Wir warten auf dich.«

Mein Mann verdrehte die Augen. Er war von Walts Einzug nicht gerade begeistert gewesen, aber ohne diesen hätte er einen zweiten Job annehmen müssen, um die Rechnungen bezahlen zu können. Ihm hatte die Vorstellung, jemanden im Haus zu haben, der nicht zur Familie gehörte, nie gefallen, aber unsere Studenten, die aus aller Herren Länder stammten und bar bezahlten, tolerierte er. Dass Walt bei uns wohnte, bereitete ihm mehr Unbehagen, denn seiner Meinung nach hätte ein werktätiger Mann dieses Alters nicht in einem möblierten Zimmer wohnen sollen. Auch war er der Ansicht, Walt sei zu alt, um verrückt nach Dungeons & Dragons und Comic-Heften zu sein.

»Na ja, er ist eben ein bisschen unreif«, hatte ich den neuen Mieter in Schutz genommen, der damals mit meiner Freundin Kim liiert war. Ein paar Wochen zuvor hatte Walt sich in ihrer Firma um einen Job in der Poststelle beworben, und sie war die Zuständige in der Personalabteilung, die seine Bewerbung prüfte und ihn einstellte. Jetzt waren die beiden ein Paar, und sie fragte uns, ob wir ihm nicht ein Zimmer vermieten könnten. Walt suchte nach einer neuen Unterkunft. Er wollte den Gottesdienst in unserer Kirche besuchen und in Kims Nähe wohnen. Kim war eine Seele von Mensch, die Art von Frau, die ständig Leuten dabei half, ihr Leben zu verbessern. Sie versicherte uns, er nähme keine Drogen, trinke keinen Alkohol und rauche nicht. Aus der Air Force war er in Ehren entlassen worden, und seine berufliche Laufbahn war ordentlich. Wir brauchten die Miete für das Zimmer wirklich dringend, da ich als Mutter nicht berufstätig war, also ließ ich mich auf den Versuch ein und vereinbarte ein Vorstellungsgespräch. Er wirkte wie ein netter Kerl auf mich, und da mein Mann und ich gerade dabei waren, Jeremy, einen sechsjährigen Jungen aus der Pflegevermittlung von Delaware, zu adoptieren, baten wir Walt außerdem, sich auf dem örtlichen Polizeirevier die Fingerabdrücke abnehmen zu lassen. Ohne Zögern erklärte er sich dazu bereit, und wir beschlossen, ihm das Zimmer zu geben.

»Er ist sonderbar«, sagte Tony ein paar Tage später. »Er spricht nicht mit Männern, wie Männer sonst untereinander reden. Ehrlich gesagt, ich glaube, er weicht mir aus.« Ich musste Tony recht geben: Walt war kein typischer Mann, keiner von denen, die sich in Gruppen von Männern wohlfühlen, Bier trinken, über Sport fachsimpeln und zusammen zum Golf oder zum Fischen gehen. Er interessierte sich mehr für Computerspiele. Walt war anders als andere Männer, aber gerade aus diesem Grund war ich bereit, ihm eine Chance zu geben. Statt sich auf Partys, in Bars und Abenteuer zu stürzen, machte Walt einen eher religiösen Eindruck und hatte strikte moralische Ansichten – so eine Art Pfadfinder. Es gab noch einen anderen Grund, der mich dazu brachte, nicht allzu streng über ihn zu urteilen: Seit wir von jedem neuen Mieter die Abnahme der Fingerabdrücke verlangten, waren die Bewerbungen unserer chinesischen Studenten ausgeblieben – sie fanden den Gang aufs Polizeirevier wohl allzu merkwürdig. Das Zimmer stand leer, und wir konnten es uns nicht leisten, wählerisch zu sein. Außerdem erinnerte ich mich daran, dass eine Menge Leute ein bisschen »anders« waren, was sie schließlich nicht zu schlechten Menschen machte. Meine Freundin Kim mochte ihn, und sie war eine vernünftige Frau.

Der Tag im Six-Flags-Park machte den Teenagern eine Menge Spaß, aber als ich mich umsah, stellte ich fest, dass uns ein Betreuer fehlte. Walt war verschwunden.

»Hast du Walt gesehen?«, fragte ich Tony.

»Nein.«

Wir beschlossen, rasch den Park abzusuchen, aber er war nirgends zu finden. Auch von den anderen Betreuern der Gemeinde hatte ihn niemand gesehen.

Zwanzig Minuten vor unserem geplanten Aufbruch tauchte Walt plötzlich beim Ausgang auf. Sprachlos starrten Tony und ich die Erscheinung vor unseren Augen an.

Walt trug jetzt eine lange schwarze Hose, ein durchsichtiges schwarzes Netzhemd und ein schwarzes Stirnband. Seine Hände steckten in fingerlosen schwarzen Handschuhen. Für einen Kirchenausflug mit Teenagern war er völlig unangemessen gekleidet, und die Tatsache, dass er verschwunden war und sich umgezogen hatte, brachte uns außer Fassung.

Damals hatte ich nicht den Mut, Walt intensiv zu befragen und seinem seltsamen Verhalten auf den Grund zu gehen. Stattdessen fragte ich lediglich: »Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen?« Er lächelte nur, warf sich seinen Rucksack über die Schultern und ignorierte die Frage, da zwei kichernde Mädchen aus der Gemeinde auf ihn zustürmten und ihn an den Armen packten.

Tony und ich tauschten einen Blick, der »Was stimmt nicht mit diesem Burschen?« bedeutete, dann schüttelten wir die Köpfe, sammelten die Kinder ein und machten uns auf den Weg zum Wagen. Während wir aus der Parklücke fuhren, klappte ich auf der Beifahrerseite den Sonnenschutz herunter, als wollte ich meine Frisur überprüfen, und beobachtete dabei Walts Spiegelbild. Er saß reglos, mit verschränkten Armen zwischen Jennifer und David auf der Rückbank und schenkte ihrem Gespräch über die Fahrgeschäfte keine Beachtung. Von den übrigen Insassen des Wagens schien er weit entfernt, und seine Augen versteckten sich hinter einer dunklen Sonnenbrille. Irgendetwas stimmte definitiv nicht mit diesem Kerl.

Leider wohnte er aber inzwischen in meinem Haus und besaß gewisse Rechte. Das Gesetz gestattet Hausbesitzern nicht, ihre Familien zu schützen, indem sie ihre Mieter hinauswerfen, nur weil sie den Eindruck haben, diese seien ein bisschen merkwürdig. Ich konnte niemanden ohne Grund an die Luft setzen, und Walt hatte keine Regel der Hausordnung verletzt. Ich sagte mir, dass ich mich zu sehr auf seine Marotten statt auf seine Qualitäten konzentrierte. Walt war freundlich, oft gesprächig, und er war keiner, der sich beklagte. Wir hatten sogar ein paar Dinge gemeinsam: Wir konnten beide Karate, wir schrieben beide Erzählungen, und wir gingen beide gern ins Kino. Wir hatten einige angenehme Gespräche geführt, und Walt war zu keinem Mitglied der Familie je unfreundlich. Den Kindern gegenüber hatte er sich nie unangemessen verhalten, und sie waren sowieso nie mit ihm allein, das war also kein Problem. Ich beschloss, ihn einfach im Auge zu behalten. Sollten sich irgendwelche echten Alarmzeichen zeigen, so würden wir ihn bitten, auszuziehen und dabei die Kündigungsfrist einhalten, die der Gesetzgeber vorschrieb.

Ich machte aus der Analyse von Walts Verhaltensweisen und Denkmustern kein besonderes Projekt. Das war nicht nötig.

In den zwei Wochen, die dem Kirchenausflug folgten, kamen mehr und mehr negative Aspekte seiner Persönlichkeit ans Licht. Später sollte ich erfahren, dass diese Eigenschaften oft Hinweise auf psychopathische Wesenszüge sind. Wäre Walt für sich allein geblieben, hätte ich womöglich nie genug mit ihm zu tun gehabt, um mir eine Meinung über seinen Charakter zu bilden. Weil er aber ein geselliger Typ war, redete er gern und fing fast jedes Mal, wenn er mich sah, ein Gespräch an. So kamen besorgniserregende Angewohnheiten und Verhaltensweisen allmählich zu Tage.

Walt erzählte gern Geschichten über unglaubliche Dinge, die ihm widerfahren waren.

»Ehrlich gesagt habe ich die Armee vorzeitig verlassen«, berichtete er mir eines Tages, während er sich eine Schüssel mit Cornflakes füllte.

»Wirklich? Warum denn? Was ist passiert?«

»Nun, ich war in Grenada, als die USA dort ihren Einsatz durchführten.« Er goss sich Milch über seine Frühstücksflocken.

Grenada? Ich konnte mich an den Konflikt kaum erinnern.

»Es war falsch, dass wir dort einmarschiert sind. Also bat ich die Air Force um meine Entlassung, und sie ließen mich gehen.« Bei ihm hörte es sich an, als wäre ein solches Entgegenkommen bei der Armee gang und gäbe. Walt sah an mir vorbei, als erwarte er keine Antwort.

»Sie haben dich einfach gehen lassen?«, fragte ich. »Ich hätte nicht gedacht, dass sie jemanden entlassen, nur weil sich herausstellt, dass der Militärdienst kein Spaziergang ist.«

Walt benahm sich, als hätte ich keinen Kommentar abgegeben, und wechselte das Thema. »Auf unserer Poststelle haben sie ein neues Mädchen eingestellt. Sie ist ziemlich niedlich.«

Am nächsten Tag betrat er die Küche, als ich dabei war, das Abendessen vorzubereiten, und bot mir eine neue Erklärung für seinen Abschied von der Air Force an.

»Um genau zu sein, habe ich die Armee verlassen, weil ich einen Haufen Grenadier erschießen musste. Davon bin ich wirklich depressiv geworden. Ich mag keine Gewalt.« Ich hob eine Augenbraue, aber er drehte sich abrupt um und ging, bevor ich noch eine Frage stellen konnte. Ich betrachtete seine erklärte Abneigung gegen Gewalt mit einiger Ironie, da er von Arnold-Schwarzenegger-Filmen geradezu besessen war. Während der kurzen Zeit, die er in meinem Haus verbrachte, sah er sich wieder und wieder Running Man an. Außerdem spielte er mit Vergnügen selbst den Arnold.

»Ich komme wieder!«, verkündete er zum Beispiel, stellte sich in Pose, stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf auf die Seite.

Eine Woche später präsentierte er mir ein neues Ende für seine Geschichte.

»Ich bekam einen Schuss ins Bein, deshalb hat die Air Force mich entlassen«, erzählte er mir. Er schien nach einer Erklärung zu suchen, die ich ihm wirklich glauben würde.

»Aha«, sagte ich und fragte nicht nach weiteren Informationen. Damit, dass ich diese Version akzeptierte, schien sein Bedürfnis, mit mir über seine kurze militärische Laufbahn zu sprechen, beendet zu sein.

Obwohl Walt angeblich den Wunsch verspürte, Gewalt zu vermeiden, schien diese ihn immer wieder heimzusuchen. Eines Abends erzählte er mir, dass er auf dem Heimweg von einem messerschwingenden Fremden angegriffen worden sei, der ihn in den Oberschenkel gestochen habe. Er behauptete, er sei überfallen worden, während er zwei Meilen am Fahrradweg entlanglief, die von Kims Haus bis zu meinem führten. Er fuhr von der Arbeit in einer Fahrgemeinschaft mit ihr bis zu ihrem Haus und ging den Rest des Weges immer zu Fuß. Walt erzählte mir, er habe die Wunde bereits selbst genäht. Ich senkte den Blick auf seinen Oberschenkel, aber die Jeans, die er trug, bedeckten den »verletzten« Bereich. Ich sah keinen Riss im Stoff und fragte mich nach dem Wahrheitsgehalt seiner Geschichte, die sich keineswegs überzeugend anhörte.

»Warum hat er dich überfallen?«, erkundigte ich mich skeptisch.

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.« Damit ging er zurück in sein Zimmer.

Ein paar Tage später behauptete Walt, er sei schon wieder angegriffen worden, diesmal von einem Obdachlosen an einer Bushaltestelle. Er erzählte, er sei gezwungen gewesen, den Mann zu boxen. Am Ende der Woche eine weitere Geschichte: Er hatte einen Mann niedergekämpft, der in einer Bar Streit mit ihm hatte anfangen wollen. Ziemlich trocken bemerkte ich, dass mein Mann noch nie solche kriminellen Übergriffe erlebt habe. Dabei bot sich Walt, der fast 1,80 m groß war und 110 kg wog, weit weniger als Angriffsziel an als Tony, der den zierlicheren Körperbau eines westindischen Fußballspielers aufwies.

Es gab noch mehr merkwürdige Geschichten. Bei meinem einzigen Besuch in Walts Zimmer, seit er bei uns eingezogen war, entdeckte ich das gerahmte Foto eines hübschen jungen Mädchens, das auf seinem Nachttisch stand. Sie trug einen schwarzen Doktorhut und um den Hals eine Goldkette mit einem Kreuz. Bei dem Bild handelte es sich eindeutig um ein Jahrbuch-Foto von der Highschool.

»Wer ist denn das hübsche Mädchen?«

Walt seufzte. »Auf der Highschool war sie meine große Liebe. Tiffany. Wir wollten heiraten, aber am Abend des Abschlussballs, während ich darauf wartete, dass sie im Tanzsaal erschien, hatte sie einen Verkehrsunfall. Ein Lastwagen fuhr ihr ins Auto. Sie wurde enthauptet.«

Traurig sah er mich an; dann fügte er hinzu: »Deshalb habe ich seither keinen Sex mehr gehabt.«

Flüchtig sah ich vor meinem geistigen Auge das Bild des kopflosen Mädchens. Mein nächster Gedanke galt der Tatsache, dass dieser Mann keinen Sex gehabt hatte, seit er siebzehn war. Ich zählte die Jahre, sieben an der Zahl. Und er war in der Armee gewesen, wenn auch nur für kurze Zeit. Es fiel mir schwer, an die Wahrscheinlichkeit dieses selbst auferlegten Zölibats zu glauben, zumal ich bemerkt hatte, dass er keinesfalls besonders religiös war (obwohl er seit kurzem den Gottesdienst besuchte). Häufig sprach er davon, dass Frauen ihm Avancen machten, wobei er sie als »Schlampen«, »dreckige Weiber« und »Huren« bezeichnete. Er hatte sogar behauptet, ein paar Frauen, mit denen er sich getroffen hatte, wären am Sex mit ihm nicht interessiert gewesen, weil sie klammheimlich lesbischen Neigungen nachgingen.

Es gab noch andere Merkwürdigkeiten. Das schwarze Outfit, das Walt während des Besuchs im Vergnügungspark angezogen hatte, war inzwischen zu seiner ständigen Uniform geworden. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam, schlüpfte er in sein »Kostüm«, verließ das Haus und verschwand für Stunden. Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit kam er zurück. Er genoss es, in der Nacht herumzuschleichen und den Ninja-Krieger zu spielen.

»Ich bin der Rächer«, informierte er mich. Eindeutig sah er sich selbst als eine Art von unbesiegbarem Kämpfer, einen Superhelden, den Seiten der Comic-Hefte, die er so liebte, entsprungen. Schon bald sollte ich außerdem herausfinden, dass er von Karate überhaupt nichts verstand. Er konnte lediglich »Ha«-Laute von sich geben und mit gebeugten Knien, Faust und Messerhand in Stellung gehen. Er war wie ein Kind, das nie erwachsen wurde.

Während der dritten Woche, die Walt bei uns verbrachte, gestand mir Kim, dass sie daran dachte, die Liebesbeziehung mit ihm zu beenden.

»Er fängt wirklich an, mich zu gruseln«, vertraute sie mir an. »Den Leuten auf der Arbeit ist sein bizarres Verhalten unheimlich – genau wie seine lächerlichen Geschichten, die keiner von uns für wahr hält. Er meidet die Arbeit, und wenn er seine Aufgaben nicht erledigt hat, erfindet er Ausreden. Normalerweise schiebt er die Schuld für seine schlechten Ergebnisse anderen in die Schuhe. Und ein paar von den Frauen haben das Gefühl, er stellt ihnen nach.« Sie griff in ihre Handtasche, zog einen Ring mit einer Art von Juwel heraus und zeigte ihn mir. »Mir hat er erzählt, er habe ihn gekauft, um das einmonatige Jubiläum unserer Beziehung zu feiern, und er habe ihn über tausend Dollar gekostet! Angeblich muss er jetzt für die nächsten sechs Monate Raten für den Ring abzahlen.« Sie zog eine Grimasse. »Ich war erschüttert, dass er so viel Geld für ein Geschenk für mich ausgab, obwohl wir erst seit ein paar Wochen zusammen sind. Ich habe versucht, es abzulehnen, aber Walt spielte den Beleidigten und bestand darauf, dass ich es annahm. Er war kaum gegangen, da kam mir die Gedanke, ob er über die Kosten des Rings vielleicht gelogen hat und es sich um Modeschmuck handeln könnte.«

Ich betrachtete den Ring, aber ich war keine Expertin. In jenen Tagen trug ich überhaupt keinen Schmuck.

Kim fuhr fort: »Ich brachte den Ring zu einem Schmuckhändler, um ihn schätzen zu lassen. Der Juwelier erklärte mir, er sei definitiv nicht echt und höchstens fünfzig Dollar wert.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich muss ihn unbedingt loswerden. Wenn ich ihn am Samstag sehe, werde ich ihm sagen, dass ich nicht länger mit ihm zusammen sein will.«

Als sie das Haus verließ, drehte sie sich noch einmal um und entschuldigte sich bei mir: »Es tut mir leid, dass ich dich überredet habe, ihn als Mieter zu nehmen.«

Ich sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen. Es würde schon alles in Ordnung kommen.

Wie hätte ich ahnen können, wie sehr sich mein Leben verändern würde?

In dieser Nacht, nachdem ich die Kinder zugedeckt hatte, lag ich neben Tony im Bett und starrte im Dunkeln an die Decke. Ich fühlte mich mehr oder weniger wie Kim und ihre Arbeitskollegen.

»Tony«, sagte ich, »wir müssen Walt am 1. Juli kündigen. Ich glaube, ich will diesen Kerl nicht länger als unbedingt nötig in unserem Haus haben.«

Zu meiner Verblüffung sprach Tony sich dagegen aus. »Warum? Was hat er denn getan? Wir verlieren die Miete, wenn wir ihn rausschmeißen, und wahrscheinlich finden wir sonst niemanden, der das Zimmer nimmt.« Obwohl Tony Walt nicht gerade Sympathien entgegenbrachte, schmerzte es ihn jetzt anscheinend mehr, das Geld zu verlieren, als sich mit seinem seltsamen Benehmen abzufinden.

Ich hatte Mühe mit einer Erklärung. »Ich glaube, irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Ich denke nicht, dass es klug ist, ihn hierzubehalten.«

»Und ich denke, dass du die Sache übertreibst«, brummte Tony. Damit drehte er sich um und schlief ein.

Vielleicht hatte er ja recht. Schließlich war ich keine Psychologin. Um psychische Störungen zu diagnostizieren, fehlte mir die Ausbildung. Walt hatte nichts Bedrohliches oder Furchteinflößendes gesagt oder getan. Ich hatte seine exzentrischen Marotten vermutlich überbewertet. Also würde ich mich bemühen, seine positiven Seiten zu sehen und ihn nicht so hart zu beurteilen.

Die nächsten paar Tage verstrichen ohne einen weiteren Vorfall, und ich fühlte mich besser. Offenbar war alles in Ordnung, es gab keinen Grund zur Sorge.

Am Donnerstagabend kam Walt nach unten und übergab mir einen Stapel Papiere, die er an einer Ecke zusammengeklammert hatte.

»Meine neue Kurzgeschichte«, verkündete er stolz. »Ich will versuchen, sie zu veröffentlichen. Vielleicht kannst du mir ja raten, wo ich sie hinschicken soll.« Von mir war schon etwas veröffentlicht worden, wenn auch nur ein einziges Mal. Hundert Dollar hatte ich für meinen Beitrag in der Zeitschrift Humor erhalten, einer leider nur kurzlebigen Publikation.

Ich senkte den Blick auf die mit einzeiligem Abstand vollgetippten Bögen. Oben auf der ersten Seite stand der Titel »Mein stiller Feind« und darunter: »von Walt Williams«.

Walt kehrte in sein Zimmer zurück, und ich setzte mich auf die Couch und begann zu lesen. Sein Werk verursachte mir Gänsehaut. Die Geschichte handelte von einem Mann mit zwei Persönlichkeiten. In der einen war er der Rächer, der im örtlichen Park, den er sein »Schlachtfeld« nannte, »Schmutz und Ungeziefer« jagte. Die zweite gehörte einem furchtsamen Mann, der allein in der Dunkelheit durch denselben Park ging und hinter sich Schritte vernahm, die sich näherten. Als er herumfuhr, um zu sehen, wer ihm folgte, konnte er niemanden entdecken. Und dann stand dort geschrieben: »Der Tod hatte mein Gesicht. Der Tod benutzte meinen Namen. Er war mein stiller Feind.«

Während ich die Geschichte durchlas, stiegen mit einem Schlag sämtliche Ahnungen, mit Walt könne etwas nicht stimmen, von neuem in mir auf. Ich habe nie mit ihm darüber gesprochen. Ich hob die Geschichte auf, und eine Kopie landete später in den Beweisakten der Polizei. Damals war mir nicht klar, dass diese Geschichte ein Vorbote für die Ereignisse war, die sich nur wenige Tage später abspielen sollten.

Walt wohnte inzwischen seit fast drei Wochen in meinem Haus. Am Samstag, dem Tag, an dem Kim ihre Aussprache mit ihm geplant hatte, fuhr ich mit den Kindern nach Virginia und verbrachte den Tag und die Nacht bei einer Freundin, die Kinder im selben Alter hatte. Nach meiner Rückkehr am nächsten Tag wollte ich Kim anrufen, um zu hören, wie ihr Gespräch mit Walt verlaufen war.

Am Sonntagmorgen jedoch erreichte mich der Anruf mit der Mordnachricht.

Während die Nachricht von dem Mord mir noch immer im Kopf hallte, starrte ich Walt an, der vor mir stand.

»Hey, hey!« Er grinste. »Ich gehe auf eine Wanderung mit der Gemeinde.«

Ich betrachtete seine Kleidung. Er trug nicht wie sonst tagsüber Shorts und Sommerhemd, sondern Blue Jeans und ein langärmeliges Frackhemd, das an diesem heißen Junitag völlig deplatziert wirkte. Vielleicht will er sich damit ja vor Dornen und Zweigen schützen, überlegte ich mir.

Ich sah ihm in die Augen. »Sag mal, hast du von dem Mord auf dem Fahrradweg gehört, der gestern Abend begangen worden ist?«

»Ja, ich habe davon gehört.«

»Ist es nicht furchtbar? Das arme Mädchen!«

Walt enthielt sich jeden Kommentars.

»Warst du gestern auf dem Weg unterwegs?« Ich versuchte, es klingen zu lassen, als wolle ich ihn ein bisschen necken.

Walt sah zur Seite, verschränkte die Arme, dann sah er mich mit kaltem Blick wieder an. »Ja, aber ich bin hinter der Bowlingbahn in der Kenilworth Avenue durch den Bach gegangen und habe mir die Füße nass gemacht.«

Damit wandte er sich abrupt ab und verließ den Raum.

Ich versuchte, das gerade Gehörte zu verarbeiten. Hatte er zugegeben, dass er gestern diesen Weg benutzt hatte? Hatte er wahrhaftig behauptet, er habe den Weg verlassen und sei durchs Wasser gewatet, um hinüber zu einer Straße zu gelangen, die für ihn einen Umweg darstellte? Hatte er wirklich gesagt, er sei in demselben Bach gewesen, in dem die Leiche gefunden worden war? Entlockte ihm der grauenhafte Mord tatsächlich keine Reaktion, zeigte er kein Mitleid mit dem Opfer, graute es ihn nicht einmal davor, dass die Frau auf einem Weg, den er täglich entlangging, ermordet worden war? Hatte er keine Angst, verdächtigt zu werden oder selbst dem Mörder in die Hände zu fallen? Nein, er schien völlig unbeeindruckt von dem Ereignis und der unmittelbaren Nähe, in der es geschehen war.

Ein langer Tag voller brodelnder, nagender Zweifel verging. War es möglich?

Ach was, es kann doch nicht sein. Okay, er ist komisch, sogar sehr komisch, und er hat Probleme. Aber das macht ihn doch nicht zum Mörder. Natürlich, da war diese Geschichte über das »Schlachtfeld«. Hatte er vielleicht »Schmutz und Ungeziefer« gejagt, »Schlampen und Huren«, hatte er seine Rächer-Persönlichkeit ausgelebt? Jetzt reagierst du aber völlig über! Hör damit auf.

Am Abend kehrte Walt ins Haus zurück und ging nach oben in sein Zimmer. Eine Stunde später rief Kim an.

»Kannst du für mich mal nach Walt sehen?«, fragte sie.

»Warum denn? Was ist los?«

Sie fasste das Gespräch, das sie während seines samstäglichen Besuchs mit ihm geführt hatte, kurz für mich zusammen. »Ich habe ihm erklärt, dass ich mich für eine feste Beziehung noch nicht bereit fühle und eine Freundschaft vorziehen würde. Ich habe versucht, ihm den Ring zurückzugeben, und er geriet außer sich. Beleidigt ist er aus dem Haus gestampft.«

Ich hielt den Atem an und fragte sie, wann er gegangen sei.

»Irgendwann am frühen Abend, so um sieben.«

Einen Moment lang war ich erleichtert, weil er nicht später gegangen war, nicht kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Wenn er danach direkt nach Hause gegangen war, musste er schon im Haus gewesen sein, als der Mord verübt wurde. Dann allerdings durchfuhr mich leider der Gedanke, dass er womöglich gar nicht sofort nach Hause gegangen war. Vielleicht hatte er an einem Geschäft Halt gemacht oder sich noch bei Kims Haus herumgetrieben und überlegt, ob er hineingehen und sie überreden sollte, ihm noch eine Chance zu geben.

»So oder so«, fuhr Kim fort, »ich dachte, ich sollte so nett sein und ihn anrufen, nachfragen, wie es ihm geht, aber als ich eben mit ihm gesprochen habe, kam er mir wirklich verstört vor. Ich habe ihn gefragt, ob alles in Ordnung ist, aber er hat mir keine Antwort gegeben. Ich dachte, vielleicht ist er selbstmordgefährdet, denn er hat mir erzählt, dass er schon einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Also habe ich ihn gefragt, ob er vorhat, irgendetwas Schlimmes zu tun, und er hat gesagt: ›Du ahnst ja nicht, was ich bereits getan habe.‹«

Ein wenig hatte ich den Eindruck, der Raum beginne sich um mich zu drehen. Mit hammerartiger Wucht kehrte das Gefühl der Beklommenheit zurück. Um Himmels willen, das durfte doch nicht wahr sein!

»Kannst du mal nach ihm sehen?«

Ich zwang meine Stimme zur Ruhe. »Aber sicher.«

Ich klopfte an die Tür und rief Walts Namen. »Hey, ist da drinnen alles in Ordnung? Kim macht sich ein bisschen Sorgen um dich.«

Er antwortete mit gebrochener Stimme: »Klar, mir geht’s gut.«

Ich kehrte zu Kim ans Telefon zurück. »Ihm geht’s gut.« Ich bemerkte, dass ich ein wenig sarkastisch klang – mit meiner Einstellung zu Walt ging es definitiv bergab.

Erleichtert seufzte Kim auf. »Ach, ein Glück. Nicht auszudenken, wenn ich ihn zu solchem Schritt getrieben hätte. Also nochmal danke, ich melde mich später.«

Ich konnte ihr unmöglich sagen, was ich vermutete. Ich wollte sie in dem Moment nicht belasten, und schon gar nicht wollte ich klingen, als hätte ich den Verstand verloren. Zum Teufel, ich wusste ja gar nicht, was ich wirklich dachte, geschweige denn, was ich tun sollte. Was, wenn Walt wirklich ein Psychopath war, ein Vergewaltiger, ein Serienkiller? Ich wollte glauben, dass ich unrecht hatte, und ich redete es mir ein.

Ich brachte die Kinder ins Bett und legte mich dann ebenfalls hin. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Unaufhörlich kam mir das arme Mädchen in den Sinn, wie es nackt und reglos im Wasser lag. Ich fühlte mich krank und schuldig. Ich musste irgendetwas tun. Was, wenn sie mein Kind gewesen wäre? Wie würde ich reagieren, wenn ich wüsste, dass ein Mitbürger Informationen über ihren möglichen Mörder für sich behielt? Um Gottes willen, ich würde schreien: »Geh zur Polizei!« Ich dachte an meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Kinder. Ich fragte mich, was wohl geschehen würde, wenn er herausfände, dass ich ihn verdächtigte. Würde er uns angreifen und uns alle töten? Ich fragte mich, was andere Leute tun würden. Würden sie zu dem Schluss kommen, dass sie eigentlich gar nichts wussten, und sich einreden, dass sie nicht zur Polizei gehen müssten?

»Tony!«

Ich boxte meinen Mann gegen den rechten Arm. »Wach auf!«

Er drehte sich zu mir um.

»Was ist denn los?«

»Ich glaube, Walt könnte dieses Mädchen getötet haben.«

Tony stöhnte. »Jetzt hör aber mal auf. Mach dich nicht lächerlich.«

»Nein, ich meine es ernst. Du magst ihn nicht, du hast selbst gesagt, er ist komisch. Nun, du hattest recht. Er ist komisch«, beharrte ich. »Kim hat sich am Samstag von ihm getrennt, und er ist von ihrem Haus den Weg entlang nach Hause gegangen.«

»Na und?«

»Tony, glaubst du nicht, er könnte es gewesen sein?«

»Viele Leute benutzen diesen Weg. Ich gehe auf diesem Weg joggen. Ja, Walt ist ein bisschen bizarr, und ich mag ihn nicht, aber dass der Kerl ein Mörder ist, kann ich nicht glauben.« Er drehte sich wieder um, von mir weg. »Leg dich schlafen«, murmelte er.

Toll. Vielen Dank. Du machst es dir leicht.

Jemand hatte dieses Mädchen ermordet. Vielleicht waren meine Verdächtigungen gegen Walt wirklich völlig aus der Luft gegriffen, aber andererseits, wenn ich nun recht hatte, war dann nicht Vorsicht besser als Nachsicht? Lieber brächte ich mich ein bisschen in Verlegenheit, wenn sich ein ganz anderer als Killer entpuppte, als mich schuldig zu fühlen, weil ein Mörder entkam, ohne dass die ermittelnde Behörde auch nur auf ihn aufmerksam wurde. Wenn er der Täter war und wenn er noch einmal tötete – wie sollte ich damit weiterleben?

Den Rest der Nacht verbrachte ich damit, mir zu überlegen, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Konnte ich einfach zur Polizei gehen und den Beamten mitteilen, dass es sich bei Walt um eine Art Geisteskranken handelte? Sollte ich lieber versuchen, mehr herauszufinden, bevor ich das tat? Sollte ich nach Beweisen suchen? Dies war kein Hollywoodfilm, und kein Drehbuchautor händigte mir einen Bogen mit Regieanweisungen für die nächste Szene aus. Ich musste mich auf meinen Instinkt verlassen, und ich beschloss, während Walt arbeiten war, alles, was ich wusste, noch einmal zu überdenken. Vielleicht konnte ich mich über die Psychologie und das Verhalten von Serienkillern informieren und prüfen, ob er überhaupt auf die Beschreibung passte. Außerdem konnte ich sein Zimmer nach Beweisen für meine Theorie durchsuchen und nachsehen, ob welche existierten. Wenn ich nach alledem zumindest halbwegs überzeugt war, dass ich recht hatte, wollte ich zur Polizei gehen.

Am nächsten Morgen, einem Montag, stand Walt zur üblichen Zeit auf und ging aus dem Haus. Er ging an seinem Auto mit den abgelaufenen Steuerplaketten vorbei und bog um die Ecke. Ich fragte mich, ob er wohl wieder den Weg einschlagen würde, auf dem der Mord verübt worden war, und unangemeldet bei Kim auftauchen würde. Ja, das hörte sich nach etwas an, das ihm ähnlich sah. Und Kim würde vermutlich nachgeben und mit ihm zur Arbeit fahren.

Der Tag schleppte sich dahin. Ich sah mir die Nachrichten an und erfuhr den Namen der ermordeten Frau: Anne Kelley. Sie hatte gerade ein medizinisches Praktikum absolviert, war aufgrund ihrer Intelligenz ausgewählt worden, hatte ihr Studium als Jahrgangsbeste abgeschlossen und war wegen einem Stellenangebot in den Osten gekommen, um das sie viele beneiden mochten. Sie war extrem klug gewesen, begeisterungsfähig, freundlich, und natürlich hatte jeder sie geliebt. Zweiundzwanzig Jahre alt war sie geworden, war zierlich gewesen, und das feine Haar, das ihr Gesicht umrahmte, hatte ihr einen Ausdruck kindlicher Unschuld verliehen. Fast wünschte ich, ich hätte ihr Bild nie gesehen, denn nun wurde sie ein wirklicher Mensch für mich. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, würde ihr Gesicht vor mir auftauchen. Die Frage drängte sich mir auf: Wie viele Sekunden hatte es wohl nach dem Angriff gedauert, bis sie begriff, dass sich all ihre Träume nie verwirklichen würden? Dass dies schon das Ende war?

Und wer hatte es für sie zu Ende gebracht? Wer konnte diesem liebenswerten Mädchen so etwas antun? Ich dachte über Walts Verhalten in der letzten Zeit nach, ging im Kopf wieder und wieder alle Einzelheiten durch. War er ein Mörder?

Als der Nachmittag kam, brauchte ich dringend ein paar handfeste Antworten. Ich lud die Kinder ins Auto und fuhr zur Bücherei. In jenen Tagen hatten die meisten Leute – darunter auch ich – noch keinen Zugang zum Internet. Ich würde meinen Recherchen auf altmodische Weise nachgehen müssen – indem ich Karteikarten durchblätterte und Titel zu den Themen, über die ich mehr wissen wollte, fand: Bücher über Vergewaltiger und Serienkiller.

Während der folgenden zwei Stunden vergnügten sich meine Kinder mit fantasievollen Geschichten und lustigen Tierabenteuern, während ich las, wie Frauen in Stücke gehackt und andere unvorstellbar schreckliche Verbrechen begangen wurden. Ich erfuhr, dass nahezu alle Männer, die anderen gegenüber sexuell gewalttätig werden, Psychopathen sind, Menschen, die kein Mitgefühl für andere und keine Reue über die entsetzlichen Verbrechen, die sie begehen, empfinden. Zwar sind nicht alle Psychopathen Serienkiller, wohl aber sind alle Serienkiller Psychopathen. Bei meiner Lektüre stieß ich auf Robert Hares Checkliste für Psychopathie, eine schnelle Methode, um die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, mit der jemand an dieser zerstörerischen Persönlichkeitsstörung leidet. Die Liste war mit einer Warnung versehen, weder sich selbst noch andere auf diese Weise zu analysieren. Eine solche Einschätzung sollte einzig und allein von einem Fachmann vorgenommen werden. Mir schien, dass Hares Rat genauso in den Wind gesprochen war wie die Hinweise in sämtlichen Fitness-Ratgebern, man solle unbedingt seinen Arzt aufsuchen, bevor man mit den Übungen anfing. Also ignorierte ich den Rat.

Basierend auf den dünnen Informationen, die ich in diesen drei Wochen meines Lebens über Walt gesammelt hatte, begann ich, die Punkte auf der Liste abzuhaken:

  • Zungenfertigkeit/oberflächlicher Charme – Ja, er war unterhaltsam, gesellig, und es mangelte ihm an Tiefe.
  • Übersteigertes Selbstwertgefühl – Er prahlte mit einer Menge Dinge, die höchstwahrscheinlich nicht der Wahrheit entsprachen oder von denen ich sicher wusste, dass sie nicht wahr waren.
  • Pathologisches Lügen – Darüber bestand kein Zweifel.
  • Hinterhältige/manipulative Züge – Kim hatte mir erzählt, sie und ihre Kollegen fänden ihn manipulativ bei der Arbeit. Geschickt drückte er sich vor gewissen Aufgaben.
  • Fehlende Reue/Schuldgefühl – Er schien sich immer im Recht zu fühlen, alle anderen waren im Unrecht, und nie verursachte ihm etwas, das er tat oder nicht tat, ein schlechtes Gewissen.
  • Emotionale Oberflächlichkeit – Ich konnte keine tiefergehenden Gefühle bei ihm erkennen, abgesehen von gelegentlich aufflammendem Zorn, wenn er seinen Willen nicht durchsetzen konnte. Er schien sich aus niemandem viel zu machen, Kim eingeschlossen. Die meiste Zeit schien er eine Rolle zu spielen.
  • Kälte/Mangel an Mitgefühl – Der entsetzliche Mord an der Joggerin ließ ihn allem Anschein nach kalt.
  • Unfähigkeit, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen – Nie entschuldigte er sich für Dinge, die er falsch gemacht hatte, oder übernahm die Verantwortung dafür. Für so gut wie alles, was in seinem Leben schieflief, gab er anderen die Schuld.
  • Promiskuitives Sexualverhalten – Gut, wenn man ihm Glauben schenkte, hatte er seit sieben Jahren keinen Sex gehabt. An diesen Punkt konnte ich also keinen Haken setzen.

Beinahe alle Punkte auf der Liste trafen auf Walt zu, und dabei kannte ich ihn kaum. Aber vielleicht war er nur ein Psychopath, versuchte ich mir weiszumachen, nicht auch noch ein Serienkiller. Er konnte genauso gut zu der Sorte gehören, die nur lästig, aber nicht gewalttätig war – ein Drogensüchtiger, ein Betrüger, jemand, der Diebstähle oder Unterschlagungen beging.

Ich sah mir die tatsächlichen Beschreibungen von Serienkillern an. Dabei las ich, dass es sich zumeist um männliche Psychopathen handelte, die im Leben nur wenig erreicht hatten (Walt war ein vierundzwanzigjähriger Mann, der in einer Poststelle arbeitete und in einem möblierten Zimmer in meinem Haus wohnte), Probleme in ihren Beziehungen zu Frauen hatten (Kim brauchte nicht lange, ehe sie ihm den Laufpass gab) und eine Neigung zu gewalttätigem Gedankengut aufwiesen. Häufig gab es ein auslösendes Ereignis, bei dem sie sich als Versager fühlten. Dies führte zu dem Wunsch, eine Gewalttat zu begehen, um das Gefühl von Macht und Kontrolle zurückzuerlangen. Kurz vor dem Mord war Walt von einer Frau verlassen worden …

Ich klappte die Bücher, in denen ich gelesen hatte, zu. Eilig sammelte ich die Kinder ein, half ihnen, die Bücher, die sie lesen wollten, auszuleihen, und fuhr nach Hause. Dort sagte ich ihnen, sie sollten spielen gehen, stieg die Treppe hinauf und öffnete die Tür zu Walts Zimmer. Bei mir trug ich ein Paar Küchenhandschuhe. Ich musste herausfinden, ob es in dem Zimmer irgendwelche echten Beweise für das gab, was ich nun mit ziemlicher Sicherheit für die Wahrheit hielt. Ich brauchte mehr als nur eine Theorie, was ich der Polizei vorlegen könnte. Wenn ich ihnen lediglich von Walts Benehmen und meinen Schlussfolgerungen erzählte, würden sie mir nicht glauben, fürchtete ich. Mir fehlte etwas Handfestes.

Walt neigte ein wenig zur Schlamperei und besaß nicht gerade viel. Ich zog die Handschuhe über und arbeitete mich durch das Zimmer. Viel Interessantes fand ich nicht. Dann aber stieß ich auf die Mülltüte, die auf dem Treppenabsatz stand. Obenauf lagen zwei Pizzaschachteln. Ich merkte mir, wie die beiden ineinandergestapelt waren, sodass ich sie genau so wieder zurücklegen konnte, wenn ich mit meiner Suche fertig war.

Inzwischen fing ich an, nervös zu werden. Es war schon spät, und Walt konnte jeden Augenblick hereinkommen. Ich rannte die Treppe hinunter und warf einen Blick in die Auffahrt. Er war nicht zu sehen. Also eilte ich wieder nach oben und begann, die Mülltüte zu durchsuchen. Vorsichtig stellte ich die Pizzaschachteln auf den Boden. Darunter befand sich ein Stapel Zeitschriften, mindestens zwei Dutzend Stück. Als ich sie herauszog, stellte ich fest, dass sie samt und sonders pornographischen Inhalts waren. Ich stapelte sie auf den Boden.

Dann sah ich wieder in die Mülltüte und entdeckte diesmal ein Hemd, das ich herauszog. Es war feucht, und das Rückenteil war zerrissen, als hätte es sich in den Zweigen von Bruyere-Sträuchern verfangen, wie sie am Ufer des Baches wuchsen, in dem die Leiche des Mädchens gefunden worden war. Mit angehaltenem Atem griff ich noch einmal in die Tüte. Als Nächstes förderte ich ein Paar Jeans zutage, die zwar nass, ansonsten aber in gutem Zustand waren. Warum sollte jemand seine Jeans wegschmeißen? Und warum waren sie so nass? Schmutzig waren sie nicht, eher hatte es den Eindruck, als seien sie gewaschen, jedoch nicht getrocknet worden. Selbst wenn Walt wirklich aus einer Laune heraus, die mit dem Mord nichts zu tun hatte, durchs Wasser gewatet war – weshalb hätte er völlig unbeschädigte Jeans in den Müll werfen sollen?

Ich fand auch noch ein Paar Tennisschuhe, ebenfalls nass, aber in tadellosem Zustand. Wieder musste ich an seine Geschichte über seine Wanderung durch den Bach denken. Wie viele Leute würden wohl ihre Tennisschuhe wegwerfen, nur weil sie in den Regen geraten oder in eine Pfütze getreten waren? Bei der weiteren Suche stieß ich auf ein paar merkwürdige Dinge: Das erste sah mehr oder weniger aus wie ein Messer oder wie ein Brieföffner mit äußerst scharf gefeilter Spitze. Mit Waffen kannte ich mich nicht aus, aber ich sah sofort, dass diese gefährlich war, wenn man sie gegen einen Menschen einsetzte. Des Weiteren fand ich ein Päckchen Kondome – zwei davon waren noch eingeschweißt, aber das dritte war benutzt und anschließend in die Verpackung zurückgeschoben worden. Mir kam das eigenartig vor. Ich wusste, dass Kim keinen Sex mit Walt gehabt hatte. Und er hatte behauptet, er hätte seit dem Verlust seiner geliebten Schulfreundin überhaupt keinen Sex gehabt. Davon abgesehen, wenn er wirklich mit jemandem geschlafen hatte – wer kam denn auf die Idee, das benutzte Kondom zurück in die Packung zu stopfen, statt es einfach wegzuwerfen? Und warum warf er zwei brandneue Kondome gleich mit weg?

Schließlich fand ich das, was ich für das geheimnisvollste mögliche Beweisstück von allen hielt: einen in Plastikfolie eingewickelten Klumpen Lehm. Einen Klumpen Lehm? In Folie eingewickelt? Ich versuchte, mir irgendeine harmlose Situation vorzustellen, in der man sich veranlasst sah, Lehm in Plastik einzuwickeln. Eine vernünftige Antwort fiel mir nicht ein, doch dafür war ich mir ziemlich sicher, dass der Lehm vom Ufer des Baches stammte.

Jetzt war ich am Bodensatz der Mülltüte angelangt. Ich erspähte ein pinkfarbenes Stück Papier und holte es heraus. Es war die Quittung für einen Ring. Ich musste lachen. Vierzig Dollar – dieser verlogene Hund. Dann wurde mir der Ernst der Lage wieder bewusst. Von neuem rannte ich die Treppe hinunter und warf einen Blick aus der Haustür. Keine Spur von Walt, aber mir lief die Zeit davon. Ich stürmte in die Waschküche, wo ich eine leere Kiste fand. Diese nahm ich mit nach oben und verstaute darin sämtliche »Beweisstücke«: die Hose, das Hemd, die Schuhe, das Messer, die Schachtel Kondome und den in Plastik eingewickelten Lehm. Ein paar von den Zeitschriften und die Quittung für den Ring legte ich noch dazu. Dann rannte ich wieder hinunter und schnappte mir ein paar Zeitungen, um den Müllsack damit auszustopfen. Da ich so viele Dinge herausgenommen hatte, wirkte er ein wenig zusammengesunken. Als ich die Tüte zu meiner Zufriedenheit aufgefüllt hatte, legte ich die Pizzaschachteln wieder obenauf. Ich betrachtete mein Kunstwerk. Inzwischen hatte ich die Position, die ich mir zu merken versucht hatte, längst vergessen, und konnte nur hoffen, dass ich die Schachteln korrekt zurückgelegt hatte.

Wieder lief ich die Treppe hinunter, schleuderte die Handschuhe unter das Spülbecken und trug die Kiste hinaus, um sie im Kofferraum meines Wagens zu verstauen. Noch einmal ging ich ins Haus und holte Walts Geschichte und das Foto, das ich von ihm hatte. Dann wartete ich und zählte dabei die Minuten, bis mein Mann nach Hause kam. Endlich fuhr er die Auffahrt herauf.

»Ich muss zur Polizei gehen. Ich habe in seinem Zimmer Beweise gefunden, echte Beweise.«

Tony musterte mich skeptisch.

»Ich erkläre es dir, wenn ich zurückkomme.« Ich fühlte mich nicht in der Lage, ihn zu überzeugen, ehe ich mit der Polizei gesprochen hatte. »Tu mir einen Gefallen, und setz Walt an die Luft. Sag ihm, er ist mit der Miete im Rückstand, und lass nicht mit dir reden. Ich bitte dich, ich will ihn einfach nur draußen haben, und er soll nicht ahnen, dass ich ihn des Mordes verdächtige.«

Wieder sandte Tony mir seinen Blick.

»Tu es doch bitte einfach für mich!« Ich hatte keine Zeit, mit ihm zu diskutieren. »Ich muss gehen.«

Nie zuvor war ich auf einem Polizeirevier gewesen. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwartete, und fühlte mich fürchterlich unwohl in meiner Haut. Als ich mich endlich durchrang und darum bat, den zuständigen Ermittler zu sprechen, stammelte ich wie eine Idiotin auf den Beamten hinter der Glasscheibe ein und hielt meine Kiste in den Armen. Mit versteinertem Gesichtsausdruck hörte er mir zu, dann wies er auf eine Reihe Plastikstühle auf der anderen Seite des Raumes. »Nehmen Sie Platz«, sagte er. »Einer der Ermittler wird gleich mit Ihnen sprechen.« Etwa zehn Minuten verstrichen, dann kam ein hochgewachsener, muskulöser Beamter heraus und fragte, ob ich ihm etwas zu sagen hätte. Er bat mich nicht in einen Vernehmungsraum. Stattdessen musste ich ihn fragen, ob wir in sein Büro gehen könnten, da ich mit ihm über den kürzlich in der Stadt verübten Mord sprechen müsse. Er ging mir voraus durch den Gang, und ich folgte ihm in eines der Zimmer. Dort trat er hinter den Schreibtisch, machte es sich in seinem Stuhl bequem und wies mich durch eine Geste an, mich auf der anderen Seite ebenfalls zu setzen. Ich nahm Platz und stellte die Kiste auf den Tisch.

»Also dann«, sagte er und verschränkte die Arme auf dem Schreibtisch, »Sie haben Informationen über den Kelley-Mord?«

»Ja, ich habe einen neuen Mieter im Haus, der sich merkwürdig benimmt. Ich habe Ihnen ein paar Sachen mitgebracht, die ich in seinem Müll gefunden habe. Ich glaube, sie haben etwas mit dem Mord zu tun.«

Er warf einen Blick in die Kiste, dann lehnte er sich wieder im Stuhl zurück.

»Was bringt Sie dazu, zu vermuten, er habe etwas Unrechtes getan?«

»Nun, also zunächst bezeichnet er Frauen als Schlampen, Drecksweiber, Huren und so weiter. Er hält sich für einen Ninja, und er hat diese Geschichte über einen Mann geschrieben, der im Park Leute umbringt.« Ich erzählte ihm alles über Walts unheimliches Betragen, über die Trennung von Kim an dem Tag, an dem der Mord geschehen war, und darüber, dass der Mord auf dem Weg zwischen unseren beiden Häusern begangen worden war.

Dann trug ich meinen wichtigsten Punkt vor:

»Walt hat zugegeben, an diesem Abend den Weg benutzt zu haben.«

Er schien wenig beeindruckt. Verzweifelt sprach ich weiter, erklärte ihm, was ich in seinem Müll gefunden hatte, und fügte immer mehr Einzelheiten über seine Gewohnheiten und seine Vergangenheit hinzu, aber der Ermittler schien an Walt als Verdächtigem nicht das geringste Interesse zu haben. Er kritzelte lediglich ein paar Notizen auf den Block, den er vor sich liegen hatte. Die Befragung, die ich mir wie den großen Befreiungsschlag vorgestellt hatte, verlief einfach im Sande. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht lehnte der Ermittler sich in seinem Stuhl zurück.

Endlich stellte er mir eine Frage. »War Ihre Freundin weiß?«

»Nein, sie ist schwarz. Warum?«

Er zuckte mit den Schultern. »Nun, das Opfer war weiß.«

Ich starrte ihn an. Wollte er mir ernsthaft erzählen, dass Serienkiller sich nur Opfer auswählten, die dieselbe Hautfarbe wie ihre Freundinnen hatten? Hatte ich nicht gerade in einem der Bücher aus der Bücherei gelesen, dass das ein Trugschluss war?

»Vielleicht missdeuten Sie ja das Verhalten dieses Burschen, weil er Schwarzer ist.«

Ich stand kurz davor, die Fassung zu verlieren. »Mein Mann ist Schwarzer. Meine Schwiegereltern sind Schwarze. Viele meiner Freunde sind Schwarze. Ich glaube also nicht, zu den hysterischen weißen Damen zu gehören, die jeden schwarzen Mann für einen Mörder halten.«

Beinahe kicherte er. »Nun ja, vielleicht bilden Sie sich die Sache ja auch nur ein.«

Jetzt war ich außer mir. Ich stand auf und schnappte mir meine Tasche. »Ich bin keine gelangweilte Hausfrau, die nichts Besseres zu tun hat, als ihren Nachbarn hinterherzuspionieren und sich alle möglichen Gräuelgeschichten über sie auszudenken. Ich bin lediglich eine Bürgerin, die Verstand genug hat, um zu erkennen, wenn jemand sich bizarr verhält und ziemlich besorgniserregende Beweise in seinem Zimmer hat.«

In einem Zustand des Schocks und der Verwirrung stürmte ich aus dem Polizeirevier. Ich hatte geglaubt, ich würde das Richtige tun. Ich hatte gedacht, die Beamten würden froh sein, dass ein Bürger auf Informationen gestoßen war, die zur Aufklärung des Verbrechens führen konnten. Ich dachte, sie würden dankbar sein, so kurz, nachdem die Tat begangen worden war, schon Beweise in die Hand zu bekommen, statt monate- oder gar jahrelang ohne etwas Brauchbares im Dunkeln zu tappen. Und auch wenn die Polizei nicht sofort davon überzeugt wäre, dass es sich bei Walt um den Mörder handelte, so hielt ich meine Beweise doch für stark genug, um ihn zumindest zu einem Verdächtigen zu machen, den man überprüfen oder wenigstens als Täter ausschließen musste.

Was sollte ich jetzt machen? Nie hätte ich damit gerechnet, nach Hause zurückzufahren, ohne etwas erreicht zu haben – abgesehen von der Tatsache, dass Walt womöglich herausfand, dass ich in seinem Zimmer gewesen war. Ich hatte keine Polizei, die mich oder meine Familie beschützen konnte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich völlig danebenlag oder im Gegenteil völlig recht hatte. Fuhr ich nach Hause zurück, um die Nacht unter einem Dach mit einem heimtückischen Mörder zu verbringen, oder hatte ich einfach komplett den Verstand verloren?

Daheim angekommen, konnte ich über meinem Kopf die Schritte von Walt hören, der in seinem Zimmer umherging. Mir wurde kalt, wenn ich an den Müllsack dachte. Ich wollte meine Kinder nehmen und über Nacht in ein Hotel gehen, aber war es wirklich sinnvoll, zu so drastischen Mitteln zu greifen, wenn der polizeiliche Ermittler nicht einmal einen Grund sah, Walt zu verdächtigen? Ich fühlte mich wie betäubt, in einer surrealen Welt gefangen. So verließ ich die Küche, durchquerte das Esszimmer und stieg die Treppe hinauf zum zweiten Stock, zum Zimmer meiner Kinder. Als ich hineinspähte, sah ich sie beide schlafen. Friedlich wirkten sie unter ihren Decken, geborgen im festen Glauben, dass ihre Welt heil und sicher war. Ich ging in unser Schlafzimmer, schloss die Tür hinter mir und erzählte meinem Mann, was auf dem Polizeirevier vorgefallen war.

Tony schien sich über mich zu ärgern.

»Siehst du? Du hast dich lächerlich gemacht. Die Polizei weiß schon, wie sie ihre Arbeit zu tun hat, und wenn sie irgendeinen Grund hätten, Walt zu verdächtigen, hätten sie sich längst auf ihn gestürzt. Apropos, ich habe Walt gesagt, dass er ausziehen muss, und er hat versprochen, morgen früh zu gehen.« Abrupt wandte er sich von mir ab. »Weg ist die Miete für Juni«, murmelte er ziemlich verärgert. Dann schlief er unverzüglich ein.

Ich dagegen verbrachte die Nacht auf meiner Betthälfte mit weit geöffneten Augen und einem Schlachtermesser, dessen Griff ich mit den Händen fest umklammerte. Tief in meinem Inneren war ich noch immer überzeugt, richtig zu liegen.

Am nächsten Tag stopfte Walt all seine Besitztümer in zwei Müllbeutel und fuhr in seinem nicht zugelassenen Auto die Ausfahrt hinab. Den Müllsack, den die beiden Pizzaschachteln krönten, ließ er unberührt stehen.

Fünf Jahre sollten vergehen, ehe ich begann, Nachforschungen über ihn anzustellen, und sechs Jahre, bis die Polizei ihn endlich zur Vernehmung einbestellte. Auch wenn meine Laufbahn als Profiler hier ihren Anfang nahm, hätte ich mir, während ich das Auto verschwinden sah, nie träumen lassen, dass mein Leben in diese Richtung gehen würde.

KAPITEL 2

Ein verändertes Leben

Manchmal fragt sich wohl jeder von uns: Wie bin ich dort, wo ich im Leben stehe, hingeraten?

Ich verbrachte die erste Hälfte meiner Kindheit in Ridgewood, New Jersey, einer jener perfekten Kleinstädte, wie man sie in Bilderbüchern findet. Das im Kolonialstil erbaute Haus meiner Familie stand mit seinen dicken Säulen auf einem von Mauern umgebenen Hügel und hatte in der Mitte eine Wendeltreppe – geradezu perfekt für drei kleine Mädchen, die einander hinauf- und hinunterjagten, bis ihre Mutter Migräne bekam.

Mein Vater Harry arbeitete als Zivilist im Verteidigungsministerium. Er war an allen möglichen großen Regierungsprojekten beteiligt, und ich wusste, während ich aufwuchs, nie so genau, was er eigentlich tat. Aber er kam jeden Abend nach Hause, verdiente gut und war ein wundervoller Vater.

Meine Mutter Shirley blieb zu Hause, malte Landschaftsaquarelle und buk fantastische Schokoladenkekse. Wir waren wahrhaftig eine traditionelle Familie – Mutter, Vater, meine beiden älteren Schwestern und ich. Meine Eltern stritten sich nie, und sogar unter uns Mädchen gab es nicht mehr als ab und zu ein bisschen Gezänk oder beleidigtes Schweigen. Mit Alkohol, Drogen oder Gewalt bin ich nie in Berührung gekommen.

Manche Leute behaupten, um jemanden zu verstehen, müsse man so denken wie er. Mir fällt nicht viel aus meinem Leben ein, das mich auf die Psychopathie vorbereitet hätte. Meine Familie schien heil und glücklich zu sein. Niemand log und niemand betrog.

Ich war neun, als wir in den Süden, nach Virginia zogen. Von der Gegend war ich zwar nicht gerade hingerissen, aber ich hatte auch nicht viel zu beklagen. Wir wohnten in einem wohlhabenden Viertel, und ich besuchte eine erstklassige Schule. Von jemandem, der Drogen nahm oder schwanger wurde, hatte ich nie gehört. Ich hörte auch niemals von Verbrechen, die begangen wurden, mit Ausnahme des einen, das an mir begangen wurde.

Als ich zwölf Jahre alt war, besuchte ich in einem Vergnügungspark eins dieser verdunkelten Häuser, durch die man sich einen Weg bahnen muss. Hinter meiner Freundin Sheri kämpfte ich mich durch die Gänge, als mich plötzlich jemand von hinten packte. Ich riss mich los, geriet in Panik, rannte, lief gegen eine Mauer, rannte weiter, lief gegen eine weitere Mauer, und dann packte er mich von neuem. Ich spürte, wie seine Hände sich unter meine Kleider schoben und mich im Intimbereich berührten, dann riss ich mich erneut los. Dieses Mal schaffte ich es bis zum Ausgang.

»Was ist denn mit dir los?«, fragte Sheri. »Du siehst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

Ich war bleich und zitterte. Aber ich versicherte ihr, es sei alles in Ordnung, ging nach Hause und vergaß die Sache. Manche Leute würden sagen, jedes Mädchen müsse davon ein Trauma behalten haben, aber ich hakte den Vorfall einfach ab: Ich war eben zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, das Mädchen, das zufällig vor einem Perversen herging. Anzeige erstattete ich nicht, weil es so peinlich war, darüber zu reden, aber ich nahm es auch nicht persönlich. Ich schüttelte es einfach ab. Ich stamme aus einer logisch denkenden Familie, die mich lehrte, aus keiner der Mücken, die einem im Leben begegnen, einen Elefanten zu machen. Also lebte ich weiter, als sei nichts geschehen.

Ich wuchs mit Musicals auf. Mein Vater liebte die leichte Muse, und ich wurde ein Fan von Brigadoon. Ich kaufte mir alle Alben der Broadway Musicals. Vermutlich war ich der einzige Teenager, der für den Schnulzensänger Robert Goulet schwärmte. Alle anderen standen auf die Beatles und die Monkees, aber ich liebte meinen Robert Goulet.

Ich war nicht gerade umwerfend beliebt, was vielleicht erklärt, warum ich so gar keine Ahnung von der dunkleren Seite des Teenager-Lebens hatte. Den Sommer über arbeitete ich im Columbia Lighthouse for the Blind mit Kindern, von denen manche blind und andere sowohl blind als auch taub waren. Ich lernte, die Braille-Schrift zu lesen und einen Blinden am Arm zu führen. Eines meiner liebsten Weihnachtsgeschenke war ein Perkins-Brailler, eine Punktschriftmaschine, die jeden Buchstaben mit sechs klickenden Anschlägen tippte. Ich las Bücher über Helen Keller. In einem von ihnen stand hinten eine Liste von Buchstaben, die man mit seinen Fingern formen konnte. Ich begann damit, unter meinem Schultisch Worte mit meinen Händen zu formen, während die Lehrer ihre Stunden abhielten.

Ich fing an, Sherlock Holmes und die Serie The Saint zu lesen. Ich liebte diesen Robin Hood des modernen Verbrechens. Immer übertrumpfte er die Übeltäter – und die Polizei – durch seinen Verstand, und ich stellte mir vor, er sei eine wildere Ausgabe von meinem Robert Goulet. Diese Bücher stellten vermutlich während meiner Kindheit die einzigen Beweise für die Faszination dar, die Kriminelle und kriminelles Verhalten auf mich ausübten, und dabei denke ich nicht einmal, dass ich an selbigem so interessiert war wie an den Rätseln, die mir diese Geschichten aufgaben. Mir gefiel die Herausforderung, nach einer Lösung zu suchen. Den Großteil meiner Zeit verbrachte ich mit Kreuzworträtseln, Puzzlen und Kryptogrammen. Und ich las Romane von James Michener, weil ich die Welt kennenlernen wollte.

Immer behauptete ich, ich wolle nach Übersee reisen, sobald ich alt genug dazu wäre. Im Alter von fünf Jahren weigerte ich mich, nach draußen zu gehen und im Schnee zu spielen, weil ich mich im warmen, gemütlichen Haus daran freute, Tarzan durch den Dschungel schwingen zu sehen.

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