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Ich, Wendepunkt

Haftungsausschluss

Auch wenn es kaum zu glauben ist: Bielefeld existiert! Die Handlungen dieses Buches sind jedoch frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Zum Geleit

Wo immer sich eine Ruine findet

ist auch Hoffnung auf einen Schatz –

Wieso suchst du Gottes Schatz nicht im

verwüsteten Herzen?

(Rumi)

1.

Glücksdorn. Klingt ein bisschen märchenhaft, fast kitschig. Passt aber ganz gut zum Leben, zumindest zu meinem. Abgesehen davon ist Glücksdorn mein Name. Tobias Glücksdorn.

Das Leben kann sehr schmerzhaft sein und manchmal piesackt einen der Stachel des Todes vor der Zeit. Man bekommt es mit der Angst zu tun, und die Sicht verengt sich, es gibt kaum noch Möglichkeiten zu handeln. Und das, was einen retten könnte vor dem Untergang, erscheint sogar ebenso bedrohlich. Das Nadelöhr. Man muss die bittere Pille schlucken, einen Pakt mit dem Teufel eingehen.

Aber dann erweitert sich der Horizont wieder, es tun sich neue Wege auf, nicht immer besonders geradlinige, eher krumme Wege, jedoch Wege, die vielleicht außergewöhnliche Einsichten in das Leben ermöglichen. Der Tod, der von Anfang an drohend über dir steht, schon bei deiner Geburt, vor deiner Geburt, einfach, zweifach, die Bedrohung, die dein Trauma ist, deine Verletzlichkeit und all deinen Kummer begründet, vielleicht stachelt er dich auch an zum Glück, weil deine Verletzlichkeit, deine Verwundbarkeit, zugleich dein Kapital und die Quelle deiner Kraft sind. Der Stachel des Todes, dein Glücksdorn.

2.

Fest steht, dass ich bisher ein ziemlich extremes Leben hatte…So viel erlebt! Und so wenig Zeit gehabt, das alles in eine Ordnung zu bringen. Es ist mir auch jetzt noch nicht ganz begreiflich. Dass ich so viel erlebt habe, liegt natürlich an meinem immer schon ziemlich ungeordneten Verhältnis zu mir selbst.

„Sie sind ein netter kleiner Chaot“, sagte Herr Feldmann, mein Lehrer für Erziehungswissenschaften in der Oberstufe, ein paar Mal zu mir. Dabei streichelte er seinen zotteligen Rauschebart und deutete einen gönnerhaften Stoß in meine Seite an. Seine kumpelhafte Art ging mir auf die Nerven. Das alternative Gehabe eines Späthippies und das leicht aufgesetzt wirkende Verständnis für Alles und Jeden, der nur irgendwie unkonventionell `rüberkam, vertrugen sich nach meinem Geschmack nicht mit seiner Funktion als auch schlechte Noten verteilender Pauker. Und er hatte keine Ahnung, wie sehr ich dieser Chaot war. Aber zum Glück eben auch nett, „Everybody’s Darling“, was an dieser Stelle, ganz selbstüberzeugt, in meine ‚Begabung zum Genie’ übersetzt werden kann. Genius im Sinne des spirituellen Senfkorns, Gen, das aufgeht und hoffentlich doch noch Frucht bringt, die Frucht der Liebe – göttlichen Liebe, Selbstliebe, Nächstenliebe, erotische Liebe – nach so vielen verlorenen Jahren in verzweifelter Flucht vor dem Wahnsinn, der Hölle und dem Tod. „Nett“ klingt dabei zwar  banal, aber vermutlich – soviel unverstelltes Wohlwollen für seine Schüler lässt sich ihm zugestehen – meinte Herr Feldmann mit seiner Äußerung durchaus die herzliche Lebendigkeit, die mir in meiner Jugend zu Eigen war. Und dem Chaos wird ohnehin die Geburt eines „tanzenden Sterns“ zugetraut.

Die folgende Geschichte ist – etwas verkürzt ausgedrückt – eine Geschichte vom verlorenen Sohn. Viel mehr als lediglich die eines verlorenen Sohnes ist dies aber eine Geschichte von der Möglichkeit einer neuen Zeit, die heran bricht, die schon begonnen haben mag in dieser Gegenwart. Für die mein Leben womöglich ein Zeichen, ein Symbol ist, bezeichnend.

Um die Tragweite dessen zu verstehen, muss man sich Gedanken machen über das, was eigentlich Kultur, Zivilisation, Menschsein bedeutet. Doch insbesondere über die Entfremdung vom Menschsein. Was es bedeutet, „aus dem Paradies vertrieben“ worden zu sein, wie es im Alten Testament heißt. Was diese Vertreibung so tragisch macht, und wie sie gewissermaßen besiegelt wird oder wurde.

Der Schlüssel zu der Antwort auf diese Fragen kam mir im Frühjahr 2000, ungefähr einen Monat vor meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, kurz vor meiner ersten stationären Behandlung in einer psychiatrischen Akutklinik und nach meiner schon vorher erfolgten Einweihung in den Kosmos der psychischen Krankheiten: Seit dem Sommer 1998 war ich drei Monate in einer psychosomatischen Klinik, daraufhin in einer psychiatrischen Tagesklinik und hinterher in diversen Werkstätten für Behinderte.

Nach dieser ersten Krankheitsphase wurden, wie üblich, die Medikamente nach etwas mehr als einem Jahr langsam ausgeschlichen. Obwohl ich insgesamt gute Erfahrungen mit Medikamenten gemacht habe, kam es mir nun so vor, als käme endlich, nach dem Absetzen, wieder Bewegung in mich. Meine Gefühlswelt belebte sich, auch die Fähigkeit, mich zu verlieben. Was dazu führte, dass mir zunehmend Erklärungen zufielen, die meinem Leid langsam auf die Spur kamen, ihm jedoch zunächst keinen umfassenden, überzeugenden Sinn, keine Bedeutung geben konnten. In meinen Depressionen hatte ich monatelang darüber gegrübelt und haltlose Theorien ersonnen, woher meine Unfähigkeit zu lieben kam, glücklich zu sein, und wie überhaupt all das Unglück in diese Welt gekommen war, davon ausgehend, dass in einem frühen Stadium der Menschheit noch alles gut und harmonisch gewesen sein müsste, paradiesisch, wie in der Vorstellung des Kommunismus von der Urkommune. Wenn doch das Glück das Geburtsrecht und der natürliche Zustand des Menschen war.

So lag ich eines Nachmittags relativ ruhig auf meinem Bett, von einem rauschenden Strom von Gedanken getrieben und dennoch nach Erklärungen suchend, als mir plötzlich, wie von einem Blitz getroffen, eine Art Eingebung kam, die aus meinem Innern, nahezu körperlich spürbar aus meinem ‚Bauch’ in meinen Kopf schoss: Romulus und Remus! Rom!

Rom, die Stadt der Zivilisation, der Gewalt und des Krieges. Ihre Gründer Romulus und Remus waren von einer Wölfin aufgefunden und gesäugt worden. Das war also mein Schicksal! Ich komme aus einer Familie, deren Vorfahren von Wölfen ernährt wurden. Oder zumindest in der Wildnis, als Kinder ausgesetzt oder sonst ohne menschliche Erziehung aufgewachsen sind, so dass ohne die unverzichtbare Liebe eines erwachsenen Menschen ihre Seele, vollkommen traumatisiert, verkümmern musste. Wilde Kinder.

Darin wird die Entfremdung begründet. Erst hier findet die endgültige Vertreibung aus dem Paradies statt, hier wird sie besiegelt. Denn das Trauma eines Wolfskindes ist zu groß, zu überwältigend, als dass es geheilt werden könnte: „Das Schicksal eines Wolfsjungen ist es, ein Wolf zu werden, auch wenn es unter den Söhnen der Menschen aufwächst“, sagt ein persisches Sprichwort.

Und das war der erste Schock nach dieser intuitiven Erkenntnis über meine ‚Herkunft’. Sollte ich, das Wolfskind meiner wölfischen Eltern, unrettbar auch Wolf werden, und wenn ich noch so sehr versuchte, mich mit Hilfe von Therapeuten und Ärzten und Gurus, „Söhnen der Menschen“, und der gesamten Weisheitsliteratur der Welt zu heilen? Ewig traumatisiert? Unheilbar krank, unwiderruflich eine verkümmerte Seele, mehr ein böses Tier als ein vollwertiger Mensch? Zudem hatte mich seit dem Beginn meiner Psychiatriekarriere zwei Jahre zuvor eine wahre Höllenangst in Beschlag genommen, was diesen Schock umso erschütternder machte. Eine verkümmerte Seele ist eine schlechte Seele und kann nur im Leben erlöst werden…stirbt der Träger einer verkümmerten Seele, muss sie ewig verdammt zu Leid und Schmerz sein!

So lag ich da, angstvoll erstarrt. Kaum hatte ich endlich die Erklärung gefunden, die nicht nur meinen Kummer begreiflich machte, sondern des Menschen Kummer schlechthin, schon hatte genau diese Erkenntnis mir alle Hoffnung genommen, von diesem Kummer jemals erlöst zu werden. Es tauchte ein dringendes Bedürfnis nach einem Bad in mir auf, das mich vielleicht etwas trösten oder beruhigen würde.

Tatsächlich kam ich Dank des Bades wieder etwas zu mir. Zu einer etwas brüchigen, sagen wir mal „aquainduzierten Simulation pränataler Geborgenheit“. Alles Leben entspringt dem Wasser.

3.

Wolfsjunge. Von Grund auf und ewig zum Wolfsein verurteilt. Unerlöst – verdammt.

Doch es musste einen Sinn haben, dass mir das bewusst geworden war, dass ich darüber nachdenken konnte. Meine Eltern konnten das anscheinend nicht. Schon zwei Jahre zuvor, als am Tiefpunkt meiner Depression die erste Hoffnung aus der mystischen Spiritualität des Taoteking keimte, wurde mir klar, dass mir ein Bewusstsein gegeben war, das ich mit meiner Familie nicht teilen konnte. Über das Thema Wolfskinder hatten wir nie geredet, zumindest nicht im Zusammenhang mit unserem eigenen Familienleben. Höchstens, wenn es um Mogli und das Dschungelbuch ging.

Nun aber diese Eingebung! Hieß das, es gäbe doch eine Chance? Sollte es mir möglich sein, dieses Trauma, dieses Urtrauma der Entfremdung zu überwinden, dieses Trauma, das den Beginn unserer schizophrenen Zivilisation bildet, in der der Mensch des Menschen Wolf ist?

Und da dämmerte mir das erste Mal der Umfang des ‚Mysteriums meines Lebens und der Menschheit’ auf. Auch wenn das Wolfskindtrauma eine von Gewalt und Misstrauen geprägte Zivilisation begründet, menschheitsgeschichtlich, ja, war es auf der anderen Seite nicht auch so, dass gerade in dieser entfremdeten Zivilisation der technische, und insbesondere der medizinische Fortschritt begründet lagen? Dass die radikale Entfremdung zwischen dem Ich und der Welt, die Trennung zwischen Subjekt und Objekt, eine der Grundlagen der Naturwissenschaften seit Newton, gerade jenen Fortschritt ermöglicht, der mir das Medikament „Mareen“ verschafft hatte?

„Das schaffen sie nicht!“ Herr Kazankakis, Psychiater griechischer Herkunft, zu dem mich meine Mutter geschickt hatte, schaute mir bestimmend in die Augen.

„Ich muss endlich von zu Hause ausziehen! Ich habe das schon mal geschafft. War doch schon in Heidelberg und habe dort studiert! Warum bin ich nur zurück zu meinen Eltern gezogen? Ich will ausziehen!“

„Das schaffen sie nicht, Herr Glücksdorn!“

„Aber… das Tao, die Erleuchtung, ich weiß jetzt, wie ich glücklich werde“.

Obwohl ich durch die Lektüre eines Buches über die taoistische Liebeskunst die spirituelle Hoffnung geschöpft hatte, dass es so etwas wie Erleuchtung und Glückseligkeit gibt, wurde ich immer verwirrter – ich fand keine Wohnung, wurde nur immer gehetzter und panischer, bis ich schließlich, mit dem letzten Funken Vernunft bei Herrn Kazankakis landete.

Er lehnte sich zurück in den Sessel hinter seinem Schreibtisch, vor dem ich ängstlich Platz genommen hatte, und faltete die Hände auf seinem runden Bauch.

„Ich verschreibe Ihnen ein Anxiolytikum. Es nennt sich „Mareen“ und ist ein angstlösendes Antidepressivum, das Sie erstmal beruhigen wird. Sie sind viel zu aufgewühlt, um jetzt eine Wohnung zu finden.“

„Psychopharmaka? Chemie? Ich weiß nicht. Darüber muss ich erst nachdenken.“

Er beugte sich wieder vor, tippte in die Tastatur seines Computers und lächelte mich freundlich an.

„Ich stelle Ihnen das Rezept aus. Sie entscheiden selbst, ob Sie das Medikament nehmen wollen. Ich zwinge Sie zu nichts. Aber ich rate Ihnen dazu.“

Ein paar Tage überlegte ich hin und her. Pillen schlucken? Darf man das, wenn man auf der Suche nach Erleuchtung ist?

Schließlich überzeugte mich ein kurzer Sufitext aus einem Buch von Idries Shah, das mir meine Schwester geschenkt hatte: „Oh närrisches Selbst! Warum willst du keine Hilfe annehmen und allein auf Gott vertrauen? Hat Gott, der den Winter schuf, nicht auch für Abhilfe gegen die Kälte gesorgt und dem Menschen die Kleidung gegeben?“ Kulturelle Errungenschaften waren sogar auf dem Weg zu Gott erlaubt. Also auch zivilisatorische Techniken, wie die Medizin sie bereithält.

In meiner vier Jahre währenden schwermütig dumpfen Melancholie beschäftigte mich immer wieder die Frage, wann diese Depression eigentlich angefangen und was sie ausgelöst hatte. Früher, zu Schulzeiten, galt ich als Frohnatur, ein Chaot zwar, doch immer sehr lebhaft und voller Ideen.

Nach ein paar Tagen Schlaf unter der Wirkung dieses Anxiolytikums und ein wenig ruhigen Nachdenkens, wurde es mir schließlich klar: Es war die Erfahrung meines ersten Mals, meines ersten Beischlafs, den ich als derart desaströs und beschämend empfunden hatte, dass ich unter unbewussten Schuldgefühlen depressiv geworden war. Nun, wo mir das klar geworden war, konnte ich endlich darüber sprechen und wusste auch, dass mir diese Einsicht erst durch das Medikament ermöglicht wurde, weil es mich in Ruhe hat nachdenken lassen. Das war mir zwei Jahre später, mit meiner Wolfsjungenerkenntnis im Kopf, in der Badewanne liegend, immer noch bewusst: Ich verdankte mein Überleben der modernen Medizin.

„Mareen 50mg Tabletten“ ist ein Mittel zur Behandlung depressiver Störungen aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva. Üblicherweise wird es als Doxepinhydrochlorid angewendet.[…] Doxepin zur Einnahme wird angewendet bei depressiven Erkrankungen, krankhaften Angstzuständen (Angst-Syndromen), leichten Entzugserscheinungen bei Alkohol-, Arzneimittel- oder Drogenabhängigkeit, Unruhe, Angst oder Schlafstörungen im Zusammenhang mit depressiven Erkrankungen oder leichten Entzugserscheinungen.

Ohne medikamentöse Behandlung wäre ich wahnsinnig geworden oder wegen des ganzen Psychostresses an Herzversagen gestorben.

Mein Fall könnte also eine Art Zeichen sein, für das Anbrechen einer neuen Zeit, in der sich ein Kreis schließen und die Menschheit gleichzeitig in eine wunderbare, friedvolle Freiheit, frei von Gewalt und Misstrauen, aufbrechen würde. Das bedeutete nämlich, dass nun, in dieser Gegenwart, die Bedingungen gegeben wären, die einen auf längere Sicht breiter gestreuten Bewusstseinswandel bei immer mehr Individuen ermöglichen könnten, so dass vielleicht nach ein paar weiteren Jahrzehnten die stete Beschleunigung der Welt nicht nur dazu geführt haben würde, dass mehr traumatisierte Menschen erkrankten, sondern dass diese erkrankten Menschen auch zunehmend geheilt würden. Die Psychotiker, die durch Neuroleptika zu ihrer Ganzheit zurückfinden, würden zum Zünglein an der Waage für das Erreichen der so genannten kritischen Masse, von der im Zusammenhang mit einem globalen Bewusstseinswandel gesprochen wird: Wenn genügend Menschen ihren Geist befreit hätten, schlägt das Bewusstsein dafür über ins Kollektivbewusstsein und ein weltumspannendes Erwachen wäre möglich. Wenn das Maß voll ist, kann das Fass der Liebe überlaufen. Viel später einmal erschien mir im Traum die Zahl 56, die die Anzahl der Psychotiker benannte, die durch Psychopharmaka Rettung erfahren hatten. Keine Ahnung wofür die 56 symbolisch steht, aber eine Freundin von mir träumte von einem Symbol, das für eine neue Ära stand: eine Sonne, umgeben von 56 Sternen, wie bei der Beschreibung von Gott unter Göttern im 82. Psalm, auf den Jesus in seiner Ankündigung des Königreichs Bezug nahm: Ihr seid Götter und allzumal Kinder des Höchsten!

Diese Vision war für mich der Hoffnungsschimmer in den darauf folgenden Jahren, bis heute. Nun bin ich fast geheilt. Immer mehr „Zufrieden mit dem Zufriedensein“, wie Laotse es propagiert, und vielleicht gelingt diese Lebenseinstellung auch irgendwann der Menschheit als Ganzes.

4.

INTERNATIONALE KLASSIFIKATION DER KRANKHEITEN (ICD9, KAPITEL V, PSYCHISCHE UND VERHALTENSSTÖRUNGEN, F 20. – SCHIZOPHRENIE: „Die schizophrenen Störungen sind im allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affekte gekennzeichnet. Die Bewusstseinsklarheit und intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regel nicht beeinträchtigt, obwohl sich im Laufe der Zeit gewisse kognitive Defizite entwickeln können. Die wichtigsten psychopathologischen Phänomene sind Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Wahnwahrnehmung, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn oder das Gefühl des Gemachten, Stimmen, die in der dritten Person den Patienten kommentieren oder über ihn sprechen, Denkstörungen und Negativsymptome.

Der Verlauf der schizophrenen Störungen kann entweder kontinuierlich episodisch mit zunehmenden oder stabilen Defiziten sein, oder es können eine oder mehrere Episoden mit vollständiger oder unvollständiger Remission auftreten.“

 

ARBEITSGEMEINSCHAFT WISSENSCHAFTLICH MEDIZINISCHER FACHGESELLSCHAFTEN – LEITLINIEN DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR PSYCHIATRIE, PSYCHOTHERAPIE UND NERVENHEILKUNDE; ALLGEMEINE BEHANDLUNGSPRINZIPIEN, GESAMTBEHANDLUNGSPLAN UND MULTIPROFESSIONELLE THERAPIE (STAND 2005): „Behandlungsziel ist der von Krankheitssymptomen weitgehend freie, zu selbstbestimmter Lebensführung fähige, therapeutische Maßnahmen in Kenntnis von Nutzen und Risiken abwägende Patient. Hierfür ist die Erstellung eines Gesamtbehandlungsplanes unter Partizipation der Betroffenen und aller am Behandlungsprozess Beteiligten, eine Zusammenarbeit mit Angehörigen, die Koordination und Kooperation der Behandlungsinstitutionen und der Einbezug des nichtprofessionellen Hilfe- und Selbsthilfesystems notwendig. Alle Behandlungsschritte sollten in diesen Gesamtbehandlungsplan integriert werden sowie individuell und phasenspezifisch im Rahmen einer multiprofessionellen und möglichst wohnortnahen Behandlung abgestimmt werden. Eine Erleichterung des Zugangs zum Hilfesystem für die Betroffenen sowie eine Ressourcenkoordination im psychiatrisch-psychotherapeutischen und allgemeinen Gesundheitswesen ist notwendig.“

PHARMAKOLOGISCHE BEHANDLUNGSVERFAHREN, ALLGEMEINES: „Die Pharmakotherapie sollte in ein Gesamtbehandlungskonzept unter Einschluss allgemeiner und spezieller psychotherapeutischer, soziotherapeutischer und ergotherapeutischer Maßnahmen und psychiatrischer Behandlungspflege in Abhängigkeit von einer differentiellen Indikation eingebettet sein.“

AUSWAHL DER MEDIKATION: (15) EMPFEHLUNGSGRAD A: „Zur Behandlung der akuten schizophrenen Episode sollten Antipsychotika als Mittel der Wahl eingesetzt werden.“

VERLAUF UND PROGNOSE: Dem Vollbild der Erkrankung geht in rund drei Viertel aller Erkrankungsfälle ein bis zu mehreren Jahre dauerndes Vorstadium (initiale Prodromalphase) voraus, welches durch uncharakteristische Störungen im Bereich von Kognition, Affekt und sozialem Verhalten gekennzeichnet ist. Nach Krankheitsbeginn kommt es unter der Behandlung meist rasch zum Abklingen der ersten psychotischen Episode. Bei etwa 20% der Erkrankten ist damit eine volle Wiederherstellung der psychischen Gesundheit verbunden. Bei den übrigen 80% kommt es zu einer Remission von unterschiedlicher Qualität, von Symptomfreiheit einerseits bis hin zu einem erheblichen Maß kognitiver und sozialer Behinderung andererseits. Prognostische Faktoren, die den Verlauf der Schizophrenie ungünstig beeinflussen, sind eine familiäre Vorbelastung, d.h. psychische Erkrankungen in der Familie, männliches Geschlecht, eine lange Prodromalphase bzw. ein verzögerter Krankheitsbeginn, kognitive Dysfunktion, niedrige prämorbide Intelligenz (IQ) und Negativsymptomatik, eine schlechte prämorbide soziale Anpassung und eine fehlende stabile Partnerschaft, psychosozialer Stress und ein belastendes familiäres Klima (High-EE), Geburtskomplikationen sowie ethnischer Minderheitenstatus oder -ursprung.

5.

Ich beschäftige mich nun schon seit mehr als zehn Jahren mit diesen symbolischen Welten, hauptsächlich auf der Suche nach Bildern, die mir mein Schicksal irgendwie erklären können, das Unfassbare anschaulich machen. Die Suche nach meinen ganz persönlichen Mythos, dem ich schon zu großen Teilen auf die Schliche gekommen bin.

Bekannt ist, dass Prometheus, der Kulturheros, nachdem er dem Menschen das Feuer gebracht hatte, vom Göttervater Zeus an einen Felsen am Schwarzen Meer gefesselt wurde, zur Strafe für seine Aufsässigkeit. Ein Adler fraß von seiner Leber, die jede Nacht wieder nachwuchs, sodass Prometheus, ein Unsterblicher, ewig Qualen zu leiden hatte. Interessant wird seine Geschichte für mich und ‚meinen’ Mythos aber erst, wenn man mit bedenkt, dass der von Zeus Verfluchte doch noch erlöst wird, allerdings erst nach 30.000 Jahren, und zwar von Chiron, dem Kentaur, der sich an Prometheus` Stelle an den Felsen ketten ließ. Chiron war der Lehrer von Asklepios, dem später zum Gott erklärten mythischen Arzt der Antike. Von Chiron hatte Asklepios all sein Wissen über die Heilkunde, deren Symbol in der westlichen Welt auch heute noch der Äskulap-Stab ist. Übrigens gleicht dieses Symbol – eine Schlange, die sich um einen Stab windet – doch sehr den biblischen Darstellungen des Baumes der Erkenntnis im Paradies, mit der Schlange, die, um einen Baum geschlungen, Eva verführt, vom Apfel zu essen. Was die Vertreibung aus eben diesem Paradies zu Folge hat. An dieser Stelle schließt sich für mich der Kreis, andersherum aber. In meinem Fall ermöglichte erst die Heilkunde (des Asklepios), das verlorene Paradies wieder zu finden. Und mir sind noch andere Menschen in meiner Zeit in der Psychiatrie begegnet, die von Neuroleptika profitieren konnten.

Das Alter des modernen Menschen wird gemeinhin auf 30-40 Tausend Jahre geschätzt. Wenn Prometheus der verdammte Kulturheros ist, wird er also gerade, in dieser Gegenwart, von Chiron, dem Heilkundigen, erlöst.

Der Vater von Asklepios ist Apoll. Er ist ein intellektueller Gott, ein wenig ambivalent, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass er sowohl der Gott der Hirten und der Schafsherde ist, als auch der Wolf ihm zugeordnet ist. Der Wolf – das muss kaum noch betont werden –  ist für mich ein besonderes Tier. Zwischen dem Wolf und dem Schaf soll eine schier unüberwindliche Feindschaft bestehen. Der böse Wolf, der die Herde reißt. Doch im Vater des Asklepios, in Apoll, sind sie vereint. Der Prophet Jesaja malt zur Beschwörung eines zukünftigen messianischen Zeitalters das Bild vom Wolf und vom Schaf, die zusammen friedlich auf der Weide grasen (Jesaja 65, 25).

Jesus am Kreuz wird übrigens auch mit dem Symbol der Heilkunst in Verbindung gebracht, ein Aspekt, der zwar interessant ist, aber doch etwas ablenkt von dem für mich viel bedeutenderem Faszinosum, dass es anscheinend nur die moderne, technisierte Welt ist, in der das Wunder einer Transformation der Menschheit geschehen kann. Insofern, könnte man sagen, ist Jesus eher etwas oldschool. Sein Projekt vom Himmelreich auf Erden ist bisher jedenfalls nicht verwirklicht worden, wenn man Kriege und Kreuzzüge subsumiert. Zu seiner Zeit hätten die Dornen meines angsterfüllt wuchernden Zweifels den Samen der Liebe erstickt, wäre ich schnell vor die Hunde gegangen, krepiert.

Wenn wir schon bei Hunden sind: es gibt eine andere Geschichte aus Ovids Metamorphosen, die Geschichte von Diana und Actaeon, der auf der Jagd die Göttin beim Bade überrascht und als Strafe dafür in einen Hirsch verwandelt wird. Dieser wird dann von seinen eigenen Jagdhunden gerissen. Genau so wäre es mir früher, zu anderen Zeiten, ergangen. Ich wäre verreckt, weil es noch kein „Mareen“ gegeben hätte. Hätte womöglich die ‚Göttin’, das höhere Selbst, erblickt, wäre aber von meinen ‚Hunden’, meiner triebhaften Natur, zerrissen und getötet worden. In was für einer wunderbaren Zeit wir leben! Manchmal erfasst mich fast der Furor, wenn ich sehe, wie einige Menschen angesichts dieser Möglichkeiten gegen den technischen Fortschritt sein können. Dieses „Zurück ins Mittelalter!“, das „Zurück zur Natur!“ all der  sentimental-romantischen Esoteriker und fortschrittsscheuen Philosophen macht mich traurig. Was haben die eigentlich verstanden?

Die Söhne von Asklepios wurden auch Ärzte. Der eine war Chirurg und der andere: Seelenarzt.  Psychiater.

6.

Finanziell unabhängig durch die Erbschaft meiner Großmutter flog ich im frühen Herbst 2000 für drei Wochen nach Spanien. Hatte darauf gehofft, noch ein wenig mediterranes Klima genießen zu können, doch in Madrid war es schon ziemlich kalt. Was mich an diesem Aufenthalt in Spanien immer noch erstaunt, ist, dass meine emotionale Verfassung dort eigentlich wenig mit einem normalen Urlaub zu tun hatte, und es mir trotzdem gelang, den Touristen zu ‚spielen‘. Man hatte mich gerade aus der Psychiatrie entlassen, ein paar Wochen vorher, aber in stark psychotischem Zustand. Alles war wie hinter einem Schleier. Wahnsinn und Traumerleben haben eine qualitative Nähe. Eigentlich total gestört und eher auf der Flucht vor meiner Paranoia, gelang es mir in Spanien, eine gewisse Normalität aufrecht zu erhalten, meine Verrücktheit vor den Leuten, die ich kennen lernte, zu verbergen und so zu tun, als wäre ich wie sie Tourist. Wie ein Verbrecher, der im Ausland untergetaucht und eine andere Identität angenommen hat: niemand kennt seine Vergangenheit, nur er weiß, was er verbrochen hat. So versuchte ich vor den Anderen das normale Leben eines gewöhnlichen Urlaubers vorzutäuschen. Es gelang mir sogar, einige kurze glückliche Momente zu erleben. Zumindest rückblickend. Ein reichlich ambivalentes, getrübtes Glück sicherlich.

Doch warum Spanien?

Einer meiner ‚Straßenpropheten’, ein Penner, dem ich während meiner Odyssee durch diverse bundesdeutsche und einige europäische Länder kurz vor meinem zweiten Psychiatrieaufenthalt in Berlin auf einer Treppe am Bahnhof Zoo begegnete, fragte mich spöttisch: „Na, wo willste denn deene Erleuchtung erfahrn? In Spanien vielleicht?“

Die Straßenpropheten: Nicht das erste Mal schien es mir, als spräche durch diese alkoholisierten, ins gesellschaftliche Abseits Geratenen eine göttliche Stimme. Dieser hier sagte beiläufig in einem Nebensatz, wobei er kurz den Blick gen Himmel richtete: „Das ist jetzt nicht von Ihm, das ist von mir: hast du noch etwas Kleingeld?“ Dann nahm er wieder einen Schluck aus seiner Pulle, wischte sich den Mund und sein stoppeliges Kinn trocken und grinste mich an.

 

So buchte ich ziemlich verzweifelt einen Hin- und Rückflug nach Madrid, mit dreiwöchigem Aufenthalt in Spanien. Es war Flucht. Irgendwie hatte ich Panik, am 12. Oktober 2000 zu sterben – oder aber erleuchtet zu sein. Keine Ahnung, woher dieses Datum kam, jedenfalls war da die Erwartung, dass dann etwas geschehen müsste. Vielleicht war es auch einfach diese unsägliche Zerrissenheit, die mich sehnsüchtig auf einen bestimmten Zeitpunkt hoffen ließ, an dem mir endlich die Erlösung widerfahren würde. Da aber der Zweifel nie weit entfernt von der Hoffnung ist, befürchtete ich für den 12. Oktober nun ebenso mein Ableben. Erleuchtung oder Tod. Und wenn schon ein solch schicksalsschwerer Moment über mich hereinbrechen sollte, dann doch wenigstens in Spanien, wie mein ‚Prophet’ mir einige Wochen vorher in Berlin vorgeschlagen hatte.

Meine Eltern, die sich sicherlich sehr viel Sorgen machten, wussten nicht, wo ihr kranker Sohn war. Es war eine Flucht vor ihnen, weil ich das Gefühl bekam, meine Seele würde sich auflösen, wenn sie weiterhin meinen Aufenthaltsort wüssten. So bin ich dann untergetaucht, als ich ein paar Tage in Hamburg mit meinem Vater verbrachte. Er war auf einem Kongress, und ich wollte mich nach einer Art ‚Supertherapeuten’ umsehen, einem Therapeuten mit ‚Guruanschluss’. Ich fand auch einen, einen Sufischüler, der mir weiterhelfen sollte. Dann aber kam das mir schon bekannte Gefühl von Auflösung, und meine Flucht begann: in die Jugendherberge am Hafen. Für einige Tage – keine Ahnung wie lange genau – streunte ich durch Hamburg, ziemlich hilflos und verzweifelt. Wohin sollte ich mit mir? Alles war anstrengend, ich orientierungslos und verwirrt.

Also gut. Dann eben Spanien.

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