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Indem Sie Töten, Leben Sie

ÜBER DIE AUTORIN

Christin Kindt, geboren 1993 in Rostock, ist Angestellte der Stadtverwaltung der Hanse- und Universitätsstadt Rostock und Fernstudentin an der Internationalen Hochschule Bad Honnef. Nach ihrem Abschluss am Gymnasium in Sanitz im Jahre 2012 begann sie die Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, die sie 2015 erfolgreich beendete. 2016 entschied sie sich Wirtschaftsrecht zu studieren und steht mittlerweile kurz vor dem Abschluss. Die Faszination für Thriller und Krimis jeder Art bewog sie dazu, im Januar 2019 ihr erstes eigenes Buch mit dem Titel "Indem sie schweigen, reden sie - Rostocks Peiniger" zu schreiben, das Ende Februar fertiggestellt wurde und Teil einer Reihe ist. Mit "Indem sie töten, leben sie – Rostocks Richter" veröffentlichte sie ihr bislang zweites Buch und schließt ihre erste Reihe ab.

"Ich beschäftige mich nicht mit dem,

was getan worden ist.

Mich interessiert, was getan werden muss."

Molière

KAPITEL 1

Rostock, 10. Juli 2018

Ich saß, wie so oft, in meinem Büro und wartete geduldig auf meinen nächsten Patienten. Das Fachgebiet der Psychologie war breitgefächert und wurde niemals langweilig. Glücklicherweise traf das auch auf meine Besucher zu. Jeder hatte seine individuellen Eigenarten und Vorlieben. Doch auf den jungen Mann, der mir an diesem Tag begegnen sollte, war ich nicht gefasst.

Ein vorsichtiges Klopfen ertönte und ich erhob mich aus dem ledernen Drehstuhl. Noch einmal meinen Anzug richtend, kontrollierte ich mein Aussehen, ehe ich öffnete.

»Guten Tag. Mein Name ist Dr. Leptin. Sie haben einen Termin?« Die unbekannte Frau mir gegenüber nickte vorsichtig. »Dann müssen Sie Frau Hayden sein! Bitte, treten Sie ein und nehmen Sie Platz.« Die dünne Frau mit den dunklen Locken schaute sich kurz um und murmelte etwas. Verwirrt sah ich sie an.

»Silas! Wir hatten das doch besprochen! Nun komm schon!«, fauchte sie über ihre Schulter hinweg und zog die Stirn verärgert in Falten. Ein junger Mann, der sich hinter ihrer hageren Gestalt versteckt gehalten hatte, trat vor und schlich an mir vorbei. Dabei wagte er es nicht, den Blick zu heben. Die beiden ließen sich in die Sessel sinken, während ich meinen Drehstuhl heranzog. Das Büro war nur für Einzelgespräche ausgelegt, doch wo ein Wille war, war auch ein Weg.

»Worum geht es denn? Sie hielten sich am Telefon recht bedeckt, Frau Hayden.« Der Stift in meiner Hand schwebte erwartungsvoll über dem Notizblock, bereit das Krankheitsbild zu erfassen.

»Silas braucht eine Therapie! Er hat unglaubliche Angststörungen!« Sie gestikulierte wild mit den Händen, deutete immer wieder auf ihren Sohn.

»Angststörungen also. Ich verstehe. Das sollte kein Problem sein«, sagte ich leise und begann zu schreiben. Bereits während des Studiums hatte man mir gesagt, dass meine ruhige Stimme häufig eine besänftigende Wirkung auf Patienten hatte und ich hoffte, auch Frau Hayden würde sich ein wenig entspannen. Doch bei dieser hysterischen Frau schien ich gar nichts auszulösen.

»Manchmal kommt er tagelang nicht aus seinem Zimmer! Wie soll das weitergehen? Junge! Du brauchst soziale Kontakte! Du brauchst Freunde! Wieso kannst du nicht normal sein?!« Frau Hayden schrie ihren Sohn fast schon an, der nur mit hängendem Kopf dasaß.

Mein Blick glitt zwischen den beiden hin und her. Sie beschimpfte ihr Kind weiter, während er stumm blieb.

»Du bist ein Nichtsnutz! Wie konntest du nur so werden?« Der junge Mann ballte die Hand zur Faust, zeigte sonst jedoch keine Reaktion.

»Silas! Hörst du mir überhaupt zu?« Die Frau erhob sich und packte den jungen Mann bei den Schultern. Sie schüttelte ihn, dass ich glaubte, sein Kopf würde gleich abfallen. Plötzlich stoppte sie ihr Tun und wich erschrocken einige Schritte zurück. »Lass das! Hör auf! Nicht schon wieder!«

Silas bewegte die Lippen, ohne einen Ton herauszubekommen. Dabei funkelte er Frau Hayden immer wieder an, bevor er das Gesicht ruckartig abwandte. Was hatte er? War es seine Mutter, die etwas in ihm auslöste?

»Würden Sie uns vielleicht allein lassen? Damit wir ungestört reden können? Ich denke, das wäre besser.« Ich war aufgestanden und hatte der Frau, die meiner Bitte folgte, eine Hand auf den Rücken gelegt. Langsam schob ich sie in Richtung Tür.

»Passen Sie auf! Der ist nicht normal!«, flüsterte sie mir noch zu, als wir fast schon draußen waren.

»Keine Sorge, Frau Hayden. Das ist hier niemand.« Ich lächelte und schloss die Tür hinter ihr. Als ich Silas ansah, war er wieder die trostlose Gestalt, die vor wenigen Minuten mein Büro betreten hatte.

»Nun, jetzt sind wir ungestört. Du kannst ganz offen mit mir reden. Ich werde deiner Mutter nichts sagen. Hast du verstanden?«, vergewisserte ich mich, als ich zurück zu den Sesseln ging. Er nickte nur, sah mich nicht an.

»Sie wird oft wütend, richtig? Das ist sicherlich sehr anstrengend für dich. Wie geht es dir, wenn sie dich anschreit?« Er zuckte nur mit den Achseln.

»Ist es dir egal, dass sie so mit dir spricht? Sicherlich nicht. Du wirst dann wütend, oder? Ich habe gesehen, wie du die Hand zur Faust geballt hast.« Der Junge zuckte kurz zusammen und spielte nervös mit den Fingern. Ich hatte in dem Sessel ihm gegenüber Platz genommen und beobachtete jede seiner Bewegungen. Der Schweiß stand ihm sichtbar auf der Stirn und die Augen wanderten unruhig über den Boden.

»Ich werde nicht wütend. Er wird es«, sagte er schließlich leise, fast schon flüsternd. Ich beugte mich ein wenig aus dem Sessel nach vorn. Nun wurde es interessant.

»Er?«, fragte ich und setzte die Spitze meines Stiftes bereits auf das Papier. Silas zuckte wieder zusammen und wandte den Kopf von links nach rechts.

»Ich soll nicht über ihn reden, sagt er. Sie sind böse. Sie dürfen es nicht wissen.« Die zittrige Stimme hatte einen flehenden Unterton. Der Junge wollte nicht, dass ich weiter Fragen stellte. Ich betrachtete ihn, der mit zusammengekniffenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf hin und her drehte. Bereits nachdem er die ersten Worte gesagt hatte, war der Fall für mich klar. Ich brauchte keine fünf Minuten für die Diagnose. Seine Mutter hatte unrecht. Ihr Sohn hatte keine Angstattacken, er litt an einer dissoziativen Identitätsstörung.

»Ich verstehe. Du sollst nicht über ihn reden und hast deswegen Angst, er könnte dir etwas antun, wenn du es trotzdem machst, richtig? Darf ich vielleicht mit ihm reden?« Entsetzt sah der Junge mich an. Sein Gesicht wurde kreidebleich und das kurze, braune Haar klebte bereits an der schweißnassen Haut.

»Worüber wollen Sie mit ihm reden?«

»Wäre es denn für euch in Ordnung?«, umging ich seine Frage und sah ihm direkt in die blauen Augen. Mein Gegenüber schluckte. Er kaute auf der Unterlippe, rieb sich den Hinterkopf und willigte schließlich ein.

»Sie müssen aufpassen! Er wird schnell sauer! Bitte verärgern Sie ihn nicht!«

Ich schüttelte den Kopf und beteuerte, dass ich keinerlei Absicht hegte, seine andere Identität zu verstimmen. Silas nickte kurz und wandte dann wieder das Gesicht ab. Ich konnte nur vermuten, was sich gerade in seinem Kopf abspielte. Geduldig wartete ich, bis er soweit war, machte mir nebenbei einige Notizen. Ich hörte einige undefinierbare Geräusche, hob den Blick jedoch nicht vom Papier. Was auch immer gerade vor sich ging, konnte man als eine Art Verwandlung verstehen.

»Du hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast«, sagte plötzlich eine Stimme. Mein Blick glitt von dem Papier hinüber zu meinem Gesprächspartner. Er schlug die Beine übereinander, hob das Kinn und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Fast schon arrogant sah er mir entgegen.

»Guten Tag. Leptin mein Name. Und du bist?«

»Silas passt schon«, antwortete er knapp, ohne den Blick von mir abzuwenden. Nun war er es, der beobachtete.

»Silas? Ihr tragt denselben Namen?« Erstaunt sah ich ihn an. Mein Gegenüber zuckte mit den Achseln.

»Nicht in meiner Welt. Gabriel ist der schwächere von uns. Er hört nur außerhalb auf meinen Namen. Aber ich verlange nicht, dass du das verstehst. Also nenn uns, wie du willst.«

»Das bedeutet, Gabriel hat diesen Raum betreten und du bist derjenige, den man Silas nennt. Interessant. Aber was meinst du mit in deiner Welt? Inwiefern unterscheidet sie sich von dieser?« Ich notierte mir den Namen des schüchternen Jungen und den seines Alter Egos. Tatsächlich war er mein erster Patient mit mehreren Persönlichkeiten. Die Neugierde brachte meinen Körper innerlich zum Beben.

»Du stellst andere Fragen als die Docs vor dir. Lustig. Wie es in meiner Welt so ist? Da springen Einhörner über die Wiese und Engel singen. Nein, Spaß. Es ist dunkel. Eigentlich ist da nichts. Vollkommene Leere. Nur Gabriels Stimme, seine Gedanken. Dieser Schwachkopf kommt drüben nicht klar. Er wird immer fast verrückt, fürchtet sich vor der Dunkelheit. Deswegen bleibe ich nicht allzu lange hier. Zu laut sind seine Schreie.« Er machte eine Fingerbewegung, als wollte er andeuten, dass Gabriel verrückt sei.

»Und wann wechselt ihr? Verfolgt ihr ein Muster? Wann übernimmst du die Kontrolle?«

»Die Kontrolle übernehme ich, wann immer ich will. Sein Geist ist zu schwach. Er kann mich nicht beherrschen. Gehorcht mir wie ein Hund. Aber wir haben einen Deal. An den muss ich mich halten, wenn ich leben will.«

Aufmerksam beugte ich mich vor. Was meinte er damit?

»Wenn du leben willst? Kann er dich einfach vernichten?«

Silas schüttelte den Kopf. »Nicht mich. Aber uns. So bescheuert es ist, aber ich kontrolliere ihn mit Worten. Manipuliere ihn. Doch wenn der Idiot sich in den Kopf setzt, von einer Klippe zu springen und ich nicht rechtzeitig reagiere, kann das für uns nach hinten losgehen. Deswegen muss ich mich zusammenreißen und darf meinen Gelüsten nicht nachgehen, wenn ich draußen bin.«

»Deinen Gelüsten? Was sind das für welche?«

Silas grinste breit. Dabei offenbarte er eine Reihe blendend weißer Zähne.

»Blut.«

Auf meinen Armen breitete sich eine Gänsehaut aus und meine Nackenhaare stellten sich auf. Doch nicht aus Furcht. Es war Faszination.

Silas war genau die Art Patient, die ich immer wollte. Diese animalische Seite, die im Zaum gehalten werden musste, um Menschenleben zu wahren. Schon während des Studiums hatten mich Serienmörder am meisten angezogen. Ihre Psyche war von unfassbarer Komplexität, fast undurchdringlich.

»Hm. Du hast keine Angst vor mir?« Er legte den Kopf schief, wartete scheinbar auf eine Antwort. »Das erstaunt mich. Ein so weichgespülter Snob wie du wird in seinem ganzen Leben niemals eine Leiche gesehen haben.«

»Du irrst dich«, entgegnete ich ruhig.

»Was?«

»Ich sagte deiner Mutter doch: Niemand in diesem Raum ist normal« Mein Herz raste vor Aufregung

Silas lachte und lehnte sich aus dem Sessel vor.

»So, so. Hat die Alte mich etwa wieder beleidigt? Na ja, eines Tages wird sie sehen, was sie davon hat. Und du bist also auch nicht normal? Dieses Wort ist schon sehr verwunderlich. Da hat doch jeder seine eigene Definition, nicht wahr?«

Ich mochte seine Denkweise. Sie ähnelte der meinen sehr.

»Sagen wir, der Tod fasziniert mich, ebenso seine Schöpfer«, sagte ich ruhig und lächelte leicht.

Erstaunt hob er die Augenbrauen und spannte seinen Körper an, sodass die Glieder sichtbar zitterten.

»Seine … Schöpfer? Gefällt mir.« Er grinste breit, während ich mir eine ganz entscheidende Frage stellte.

»Silas, wie alt ist Gabriel?«

»Neunzehn.«

»Und wie alt bist du?« Für einen Moment hatte ich meinen Patienten aus der Fassung gebracht. »Euer Körper und Gabriels Geist mögen das gleiche Alter haben, doch die Art und Weise, wie du auftrittst und dich verhältst, ähnelt eher einer reiferen Person. Seit wann bist du in Gabriels Kopf? Wie waren die Anfänge?« Mir war klar, dass er die Aufmerksamkeit mehr als genoss. Vermutlich würde Gabriel hinter seiner Stirn rasend werden, doch Silas war es, der mich interessierte.

»Nicht schlecht. Interessante Frage. Hm … Als wir geboren wurden, war ich geistig bereits viel weiter als der Schwachkopf. Wie viel weiter, kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass ich schon als Kind die Kontrolle übernahm und Gabriel in seine Schranken wies. Während er sich vor allem ängstigte, begann sich mein Hass immer weiter zu entwickeln. Und dann kam die Pubertät.«

»Du warst in der Pubertät?«

Silas schüttelte den Kopf.

»Nein, aber Gabriel. Du kennst das. Die erste große Liebe, Schwarm hier, Weiber da, bla, bla, bla.« Er gab sich keine Mühe, die Abneigung vor mir zu verstecken. »Das Problem war, dass er eine Abfuhr nach der nächsten kassierte. Aber das werden diese Zicken noch bereuen.«

Ich sah, wie in Silas’ Augen etwas aufblitzte. Es war nicht notwendig zu fragen, was er dachte. Die Mordlust stand ihm fast schon ins Gesicht geschrieben. Plötzlich kam mir ein Gedanke. Ohne unnötig darüber zu sinnieren, sprach ich es aus.

»Es mag etwas unorthodox sein, doch lass uns doch das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.« Ich hatte seine Aufmerksamkeit. »Du möchtest Rache nehmen und ich dich studieren. Dein Verhalten, deine Denkweise, deine Beziehung zu Gabriel und dem Rest der Welt. Wie wäre es mit einem Abkommen? Einem Deal?«

»Was für ein Deal?«

Ich grinste, er hatte angebissen.

»Du hast freie Hand in deinem Rachefeldzug, mit wenigen Einschränkungen. Ich helfe dir bei der Umsetzung, sofern es notwendig ist. Selbst Gabriel bekomme ich für dich in den Griff. Im Gegenzug hilfst du mir bei meinen Studien.«

»Hm. Interessant.« Er rieb sich das rasierte Kinn. »Welche Einschränkungen?«

»Du folgst meinen Anweisungen und weihst mich in deine Pläne ein, bevor du sie in die Tat umsetzt.«

»Ich soll deinen Anweisungen folgen? Denen eines gewöhnlichen Menschen? Ich lasse mir keine Befehle geben!« Plötzlich griff Silas an seinen Stiefel und zog ein Messer hervor. Ehe ich reagieren konnte, hatte er sich auf mich gestürzt, mich in den Sessel gedrückt und hielt mir das Messer an die Kehle.

»Hast du kapiert, Leptin? Niemand kommandiert mich herum. Niemand!«

Ich atmete unter seinem Gewicht schwer, blieb jedoch vollkommen ruhig. Eine derartige Aktion konnte mich nicht aus der Fassung bringen. Ich hielt sein Handgelenk mit dem Messer von mir weg. Mit dem Knie drückte ich gegen seinen Brustkorb, wandte alle Kraft auf und stieß ihn zurück. Silas torkelte rückwärts, ehe er sich sammelte und mit dem Messer erneut auf mich zustürmte. Ohne nachzudenken packte ich die Klinge und stoppte ihn. Wie erstarrt blieb der Angreifer stehen, riss die Augen weit auf und blickte auf das Messer. Es schnitt direkt in meine linke Handfläche.

»Du wirst mir gehorchen, Silas. Hast du das verstanden?« Meine Stimme war ruhig, aber bestimmt. »Wenn du dich mir widersetzt, werde ich es sein, der sich vergisst.« Ich schloss die Hand noch fester um die Klinge und drückte zu. Das Blut rann mittlerweile meinen Unterarm hinunter. Ich spürte einen stechenden Schmerz, doch darum konnte ich mich später kümmern. »Silas?!«, schrie ich den jungen Mann an.

Erschrocken zuckte er zusammen, ließ das Messer los und senkte den Kopf.

»Sehr schön. Dann haben wir einen Deal.«

KAPITEL 2

»In Ordnung, Silas. Dann bis zum nächsten Mal.« Ich legte ihm eine Hand auf den Rücken, als ich die Tür zum Warteraum öffnete und ihn seiner Mutter übergab. Tatsächlich hatte Gabriel wieder die Kontrolle und war ebenso unterwürfig, wie vor einer halben Stunde. Mit hängendem Kopf trat er aus dem Büro. Als Frau Hayden auf mich zukam, versteckte ich die dürftig verbundene Hand in meiner Hosentasche.

»Und? Haben Sie Erfolge erzielt? Ihm diesen Teufel ausgetrieben?« Erstaunt sah ich sie an. Wusste sie also doch von seiner gespaltenen Persönlichkeit?

»Frau Hayden, Sie brachten ihn mit Angststörungen zu mir«, erinnerte ich die Frau an ihre eigenen Worte und versuchte mehr in Erfahrung zu bringen.

»Genau! Er sagt immer, er sieht den Teufel! Hat er Ihnen das nicht erzählt? Soll er noch einmal reinkommen?«

Ich schüttelte ruhig den Kopf. Gabriel stand hinter ihr, sah sich die Bilder an der Wand an und beachtete uns gar nicht.

»Nein, für heute war es genug. Machen Sie mit meiner Sekretärin bitte einen Termin aus. Im Idealfall regelmäßige Sitzungen. Wenn Sie es ihm zutrauen, kann er auch gern allein kommen. Eine Therapie macht nur Sinn, wenn wir ungestört reden können.«

Frau Hayden nickte und sah zu meiner Sekretärin Frau Fink. Die Dame war seit einigen Jahren für die Terminkoordinierung meiner Patienten zuständig und beantwortete sämtliche Telefonate. Eigentlich eine fähige Arbeitskraft, wenn da nur nicht der fehlende Anstand wäre. Fast schon regelmäßig platzte sie unangekündigt in meine Gespräche und das zumeist wegen unwichtiger Dinge. Schon seit Längerem hatte ich geplant, sie zu entlassen, doch wer hatte schon Zeit für Vorstellungsgespräche? Sie bemerkte meinen Blick und lächelte mir zuckersüß zu. Ich erwiderte ihr Lächeln anstandsweise, war jedoch froh, als Frau Hayden erneut meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Denken Sie, dass Sie das hinbekommen? Wir waren bereits bei diversen Psychiatern, aber jedes Mal haben die spätestens nach der dritten Sitzung das Handtuch geworfen.« Mein Blick ging zu Gabriel, der nun scheinbar doch mitgehört hatte und mich ansah.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe alles im Griff.«

Die Frau nickte, verabschiedete sich, und ging dann zum Tresen, um weitere Termine zu vereinbaren. Ich hingegen verschwand wieder in meinem Sprechzimmer und schloss die Tür. Das Blut durchdrang bereits den Verband. Es war dumm gewesen, die Klinge zu umschließen und zuzudrücken. Doch es war notwendig, um Silas’ Respekt zu erlangen.

Ich öffnete die Schublade meines Schreibtisches und holte erneut das Verbandszeug hervor. Den verbrauchten Verband entsorgte ich im Mülleimer.

»Das wird eine schöne Narbe abgeben. Aber immerhin ein glatter Schnitt.« Ich wickelte die Mullbinde gerade um die Handfläche, als meine Sekretärin hereinplatzte.

»Herr Gott, Frau Fink! Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass Sie anklopfen sollen!«

»Ihr nächster Termin ist da. Soll ich das Mädchen hereinschicken?«, fragte sie emotionslos und schien den Raum zu begutachten. Ich versteckte die Hand so gut es ging vor ihren neugierigen Blicken, ehe ich antwortete.

»Geben Sie mir noch einen Moment.« Die ältere Frau nickte und verschwand wieder. Memo an mich: Sobald es geht, eine neue Sekretärin suchen.

Sorgfältig befestigte ich das Ende der Mullbinde mit einem Stück Fixierpflaster am Rest des Verbandes, damit dieser nicht verrutschte und verstaute die nicht verbrauchten Materialien wieder in der Schublade.

Gerade, als ich zur Tür gehen wollte, fiel mein Blick auf den dunklen Hemdärmel. Zwar trug ich Weinrot, doch bei genauerem Hinsehen erkannte man die Verfärbung durch das Blut. Glücklicherweise war ich auf Flecken jeglicher Art vorbereitet. Ich holte mein Ersatzhemd aus der kleinen Garderobe und entkleidete mich. Als ich das weiße Hemd anziehen wollte, streifte mein Blick im Spiegel, der an der Wand neben der Garderobe hing, die lange Narbe an meiner rechten Rippe. Geistesabwesend strich ich über die Erhebung und erinnerte mich an den dunklen Gürtel mit seiner goldenen Schnalle. Bei dem Gedanken an das Geräusch peitschenden Leders schloss ich die Augen und verzog das Gesicht. So sehr ich diesen Teil meiner Kindheit zu verdrängen versuchte, gehörte er einfach zu mir. Es hatte keinen Sinn, die Misshandlungen zu leugnen. Ohne sie wäre ich heute nicht der erfolgreiche Psychiater, der für seine Patienten da war und immer sein Möglichstes tat.

Und genau als dieser knöpfte ich das Hemd zu, streifte die Weste über und zog die Akte meiner nächsten Patientin hervor. Es war ein sechzehnjähriges Mädchen, sehr hübsch und ausgesprochen schüchtern. Sie war seit einigen Monaten in meiner Behandlung, litt unter furchtbaren Albträumen und zusätzlichem Phantomschmerz. Es war grausam, doch das Schicksal war nicht jedem wohlgesonnen. Niemand konnte wissen, ob sie jemals in der Lage sein würde, einen Mann zu lieben. Ihre Panik vor Berührungen würde es nahezu unmöglich machen, sich anderen zu nähern. Selbst ein einfaches Händeschütteln war zu viel. Doch glücklicherweise war dies auch gar nicht notwendig. Bei ihr musste ich nur eines tun: Zuhören.

Ich drückte die Türklinke hinunter, öffnete die Tür und grüßte meine nächste Patientin.

»Guten Tag, Wenke.«

KAPITEL 3

Der Abend brach an und nachdem auch mein letzter Patient, ein dickbäuchiger Mann mit Brille und einer Zwangsneurose, gegangen war, saß ich eine Zeit lang stumm in meinem Drehstuhl und starrte auf den kleinen Terminkalender.

Frau Fink hatte mir mitgeteilt, dass Silas jeden Dienstag um zehn Uhr zu mir kommen würde. Eine äußerst ungewöhnliche Zeit, wenn man bedachte, dass er Schüler war.

Ich nahm die Notizen unseres Gespräches und las sie erneut durch. Vor meinem geistigen Auge sah ich die beiden Persönlichkeiten und wie unterschiedlich sie waren. Der verstörte Junge und der narzisstische Psychopath. Streng genommen war das Krankheitsbild der dissoziativen Identitätsstörung kein Neuland. Viele Menschen litten unter dieser psychischen Krankheit. Aber Silas unterschied sich von dem herkömmlichen Krankheitsbild durch einen entscheidenden Faktor. Gabriel und er kannten sich. Normalerweise existierten die Persönlichkeiten nebeneinander und wussten nichts von der anderen. Silas jedoch war sich über den schwachen Jungen durchaus im Klaren, mit dem er sich ein Herz teilte. Mehr noch, er unterwarf ihn!

Mein Handy meldete sich. Ich warf einen Blick auf die Nummer und ging ran.

»Sophie, was gibt es?«

»Hi, David. Was machst du gerade?« Ihre süßliche Stimme durchdrang sofort Mark und Knochen.

»Ich bin noch im Büro.«

»Verstehe.« Sie machte eine kurze Pause, ehe sie weitersprach. »Wollen wir uns treffen? Vielleicht bei mir? Ich könnte Gesellschaft gebrauchen.« Sophie Grune war eine angesehene Ärztin des Südstadtklinikums. Für ihre 35 Jahre hatte sie bereits eine beachtliche Laufbahn mit diversen Einsätzen als Ärztin ohne Grenzen vorzuweisen, mit Veröffentlichungen zahlreicher fachärztlicher Abhandlungen und einer Reihe von Auszeichnungen. Nur menschlich war sie ein wenig schwierig. Das war aber für das, was sie vorhatte, kein Problem.

»In Ordnung. Gib mir eine Viertelstunde.«

Sie lachte kurz am anderen Ende der Leitung, ehe ich auflegte. Sophie wohnte in der Kröpeliner Tor Vorstadt. Ich brauchte also nicht einmal das Auto aus dem Parkhaus zu holen, um von meiner Praxis in der Deutschen Med zu ihr zu gelangen.

Ohne Umschweife verstaute ich meine Notizen im Schreibtisch, schloss die Praxis ab und fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Ein Obdachloser hockte im Foyer des Gebäudes und murmelte undeutliche Worte vor sich hin. Die zerrissene Kleidung und der muffige Geruch bestätigten meine Vermutung seines Standes. Ich zog das Portemonnaie aus meinem Jackett und gab ihm einen Zehneuroschein. Mein Vater war ein grausamer Mann gewesen, doch wenn er mich eines gelehrt hatte, dann war es, dass einige Menschen einfach Pech im Leben hatten. Sie bemühten sich, alles richtig zu machen und scheiterten immer wieder. Vermutlich war der arme Kerl vor mir einer von ihnen. Dankbar nahm er das Geld an sich. Ich verschwand durch die Drehtür nach draußen und ging in Richtung Doberaner Platz.

Es war Donnerstag und der Marktplatz von zahlreichen Wagen zugestellt. Allerdings waren die Händler längst dabei die Reste zu verstauen und einige Stände sogar gänzlich verlassen. Unweit von ihnen saßen einige junge Männer, vermutlich Studenten, die sich über ihren Döner freuten, während eine Frau damit kämpfte, ihre englische Bulldogge zu einem Spaziergang zu bewegen. Das Tier saß auf seinem Hinterteil und schaute völlig unbeeindruckt, während die Rothaarige sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Leine legte.

So sehr mich das Schauspiel innerlich amüsierte, hatte ich doch keine Zeit. Sophie war äußerst launisch und im Gegensatz zu mir sehr ungeduldig. Mit großen Schritten näherte ich mich der Budapester Straße, verweilte kurz vor dem angesteuerten Wohngebäude und sah die Fassade hinauf. Sophie wartete bereits am Fenster, winkte mir, als sie mich erblickte.

Oben brannte kaltes Licht. Ich hatte nie verstanden, wie man freiwillig für eine derart kühle Atmosphäre in seiner Wohnung sorgen konnte. Doch Sophie schien es zu mögen.

»Starr nicht wieder auf die Lampen. Du hast sie doch nun schon zigmal gesehen«, meckerte sie, als ich den Blick nicht von der Deckenbeleuchtung abwenden konnte.

»Tut mir leid. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen.«

»Na wie gut, dass wir sie gleich nicht brauchen werden.« Wie immer fackelte sie nicht lange und schlang ihre dünnen Arme und meinen Hals. Ihr Kuss war wild, ungezähmt. Als sie sich wieder löste, nahm sie mein Handgelenk und zog mich ins Schlafzimmer.

Nachdenklich starrte ich an die Decke. Sophie rekelte sich neben mir, während meine Gedanken Bahnen zogen.

»Woran denkst du?«, fragte sie schläfrig und legte ihre Hand auf meine Brust.

»Arbeit.«

»Dein Ernst? Wir machen das hier, um loszulassen und mal nicht an unsere Jobs zu denken!« Sie klang verärgert.

»Entschuldige bitte. Mir geht ein junger Mann einfach nicht aus dem Kopf. Jemanden wie ihn habe ich mir sehnlichst erhofft.« Ich bemerkte ihren schiefen Blick. Sie setzte sich auf mich und starrte zu mir herunter.

»David ernsthaft. Lass mich mit deinen Patienten in Ruhe. Ich will Sex. Dreckigen, hemmungslosen Sex. Wenn mir der Sinn nach einer Fachtagung über Psychologie stünde, dann wäre ich jetzt in einem Hotel in München und würde mit Kollegen fachsimpeln, anstatt nackt in meinem Schlafzimmer auf einem alten Mann zu hocken.«

»Autsch. Alt? Da hat mein Ego einen leichten Riss bekommen. Aber dein Glück, dass es groß genug ist, um diese unangebrachte Bemerkung zu verkraften.« Ich zwinkerte ihr verschmitzt zu. »Außerdem hast du dir diesen reiferen Mann ausgesucht und angebaggert« Als Reaktion auf meine Aussage, zuckte sie nur mit den Schultern.

»Tja, es heißt doch immer, auf alten Schiffen lernt man segeln?« Sie grinste frech und tippte auf meine Brust. Ich setzte mich auf, packte sie und warf Sophie auf den Rücken.

»Ganz genau. Und jetzt zeige ich dir wie«, flüsterte ich ihr ins Ohr und verschwand mit dem Kopf unter der Bettdecke.

KAPITEL 4

Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich Sophies Wohnung verlassen hatte und in meine eigene zurückgekehrt war. Wir übernachteten niemals beieinander. Das war eine eiserne Regel, die mir sehr gelegen kam. Eine unnötig belastende Beziehung mit einer störrischen Frau wie ihr passte mir gar nicht.

Als der Morgen dann anbrach und ich ausgiebig geduscht hatte, setzte ich mich an den Laptop und checkte die eingegangenen Mails. Mein Postfach war stets aufgeräumt. Keine einzige Werbemail erreichte mich, sofern ich es nicht wollte. Jede unwichtige Nachricht wurde sofort gelöscht. Unordnung war eine Schwäche und eindeutig wider meine Natur. Das spiegelten nicht nur die aufgeräumte Wohnung und Praxis, sondern auch meine Notizbücher.

Es befanden sich insgesamt acht neue Nachrichten in meinem Webordner. Zu meiner Überraschung war mir einer der Absender unbekannt. Ich öffnete diese zuerst und riss die Augen auf. Ein Schock fuhr mir durch Mark und Knochen, als ich die Botschaft las.

>Hey Doc! Der Deal gilt, richtig? Halte Gabriel im Zaum. Es kann sein, dass er bei der nächsten Sitzung etwas verstört ist. Also … mehr als sonst. Ich werde jagen gehen, meine Gier stillen, Bedürfnisse befriedigen und so.

Bis dann! S<

Es war nicht notwendig zu hinterfragen, woher er meine Mailadresse hatte. Sie war über das Internet frei zugänglich und wurde häufig von potenziellen Patienten genutzt, um den ersten Kontakt aufzunehmen. Viel mehr wunderte ich mich über die Eile, die Silas zu haben schien. Unser Gespräch war nicht einmal 24 Stunden her und er ließ seinen Worten bereits Taten folgen. Oder deutete es zumindest an. Kurz packten mich Zweifel. War es zu früh? Ich hatte noch kein Gespräch mit seiner schwächeren Hälfte führen können, um ihn auf das Kommende vorzubereiten. Sagte er deswegen, ich solle auf Gabriel achten?

Tausende Fragen schwirrten durch meinen Kopf.

»Dieser Idiot!« Fluchend schlug ich mit der Faust auf den Tisch. Ein unachtsamer Moment konnte alles kaputtmachen. Ich hatte mich auf die bevorstehende Zeit gefreut und er gab sich einfach seinen Launen hin! Das ging so nicht! Ich musste etwas tun, ehe er alles zerstörte, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Ich griff nach meinem Mobiltelefon und wählte die Nummer meiner Arztpraxis.

»Frau Fink? Guten Morgen, Dr. Leptin hier. Können Sie mir bitte die Adresse von Frau Hayden geben?«

»Oh, schon wach? Sie schlafen doch sonst immer so lange? Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte sie mit besorgter Stimme.

Ich ärgerte mich wie so oft über die alte Frau. Sie hatte keine Ahnung von meinen Gewohnheiten und schien fast schon absichtlich meiner Frage auszuweichen.

»Die Adresse, Frau Fink.«

»Ja, ja. Moment doch. Also sie wohnt im Kurt-Schumacher-Ring. Ist etwas passiert? Sie machen doch sonst keine Hausbesuche?«

»Ihr Sohn hat gestern sein Handy in meinem Büro vergessen. Ich bringe es ihm vorbei, ehe ich in die Praxis komme. Lassen Sie Frau Ruwolt bitte im Warteraum Platz nehmen, sollte ich es nicht rechtzeitig schaffen.«

Ich legte auf und stürmte aus der Wohnung. Ich trat das Gaspedal meines Autos durch und fuhr die Hauptstraße, vorbei am Speicher, entlang. Die Straße, in welcher Silas und seine Mutter lebten, war mir bekannt, sodass ich keine Navigation benötigte und mir wildes Suchen ersparen konnte. Doch der Verkehr spielte gegen mich. Gefühlt jede Ampel schaltete auf Rot, als ich mich ihr näherte. Nervös trommelte ich mit den Fingern auf dem Lenkrad, bis die Bahn wieder freigegeben wurde. Jede Sekunde zählte! Würde Silas überhaupt noch zu Hause sein? Was war sein Beuteschema? Würde er die Alten und Schwachen bevorzugen, um sich aufzuwärmen? Oder gar Kinder?

Ich parkte den Wagen am Straßenrand, stellte den Warnblinker ein und lief zur Haustür. Hamann, Rössel, Dost, Schmidt, Hayden! Mein Finger drückte den Knopf bis zum Anschlag und löste sich dann wieder. Ungeduldig trat ich einige Schritte zurück und spähte hinauf. An den Fenstern war niemand zu sehen. Erneut betätigte ich die Klingel, ließ es diesmal sekundenlang läuten. Ein Surren ertönte und die Tür wurde geöffnet. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte ich die Treppe hinauf und suchte die Namensschilder nach meinem Patienten ab. In der zweiten Etage stand eine Tür einen Spalt breit offen. Meine Füße taten unvermittelt keinen weiteren Schritt. Was würde mich erwarten?

Ich atmete tief durch und ging dann in die Wohnung hinein. Ein spärlich eingerichteter Flur, bestehend aus einer billigen Kommode und einem schmalen Spiegelschrank luden mich wenig dazu ein, weiter durch die Wohnung zu ziehen.

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