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Indem sie Schweigen, Reden sie

ÜBER DIE AUTORIN

Christin Kindt, geboren 1993 in Rostock, ist Angestellte der Stadtverwaltung der Hanse- und Universitätsstadt Rostock und Fernstudentin an der Internationalen Hochschule Bad Honnef. Nach ihrem Abschluss am Gymnasium in Sanitz im Jahre 2012 begann sie die Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, die sie 2015 erfolgreich beendete. 2016 entschied sie sich Wirtschaftsrecht zu studieren und steht mittlerweile kurz vor dem Abschluss. Die Faszination für Thriller und Krimis jeder Art bewegte sie dazu, im Januar 2019 ihr erstes eigenes Buch mit dem Titel "Indem sie schweigen, reden sie - Rostocks Peiniger" zu schreiben, das Ende Februar fertiggestellt wurde und Teil einer Reihe sein soll.

"Die meisten und gruseligsten Verbrechen werden von
psychisch gesunden Menschen begangen. Es braucht
keine Krankheit, damit das Böse in die Welt kommt."

Adelheid Kastner

KAPITEL 1

»Kommissarin Küster! Es ist schon wieder passiert! «

Ich hob den Blick von meinem Bildschirm und sah Johannes Kleining an. Er war vielleicht Anfang dreißig, schmächtig gebaut und hatte kurzes, dunkles Haar. Das markante Kinn blieb stets unrasiert. Kleining war einer der Polizisten aus Berlin, die nach Rostock abgestellt wurden, um bei der Aufklärung eines Falls zu helfen, der mit höchster Priorität eingestuft wurde. Doch bisher gab es abgesehen von den Rändern und dem Grund meiner Kaffeetassen keine heißen Spuren.

»Wo?«, fragte ich und zückte mein Handy. Es war mittlerweile zur Gewohnheit geworden, dass ich sämtliche Adressen googlen musste, ehe ich mich auf den Weg zum Tatort machen konnte. Tja, das war eben nicht mein Viertel, wie es so schön hieß. In Berlin kannte ich jede Gasse, jeden Winkel, doch hier in Rostock sah es anders aus. Obwohl ich bereits seit einem Monat in der Hanse- und Universitätsstadt wohnte, hatte ich nach wie vor den Orientierungssinn eines Papierfliegers im Orkan.

»Ehm-Welk-Straße 9.«

Kaum, dass ich die Adresse in meine Navigationsapp eingetippt hatte, griff ich nach der dunklen Jacke mit dem kaputten Reißverschluss und stürmte an Kleining vorbei.

»Viel Glück, Elena!«, flüsterte mir Markus im Vorbeigehen zu, während er meinen Weg nach draußen auf dem Flur kreuzte. Auch sein Platz war eigentlich in Berlin. Damals hatten wir zusammen an dem ein oder anderen Fall gearbeitet und waren uns sogar nähergekommen. Es war wie ein Märchen gewesen. Durch einen Zufall kamen wir in das gleiche Team, sollten einen Kleinkriminellen auf frischer Tat ertappen. Wir waren das perfekte Duo! Ich hatte den Scharfsinn und er die Athletik, um diesen Idioten über Haus und Hof zu jagen. Doch wie das Leben so spielte, zog es ihn ans Meer, wo seine Eltern ihn brauchten und ich blieb allein in Berlin zurück. Mein Herz war gebrochen, aber wie sagt man? Blut ist dicker als Wasser. Das war vor drei Jahren. Und nun waren wir wieder mehr oder weniger vereint, wenn auch unfreiwillig. Ich erinnerte mich noch genau an den Tag meiner Umsetzung. Donnerstag der 14. Juni 2018. Mein damaliger Chef Herr Rügge bat mich in sein sehr modern eingerichtetes Büro und auf den mit schwarzem Polster überzogenen Stuhl. Er selbst thronte in einem pompösen Ledersessel, der zu gelegentlichen Nickerchen einlud.

»Frau Küster, Sie hatten einen Antrag auf Umsetzung gestellt. Ich weiß, es hat etwas gedauert, aber nun ist es soweit. Ich werde Sie an die Kollegen in Rostock übermitteln. Nicht das, was Sie sich vorgestellt haben. Gewiss. Aber das passt schon.«

»Nun, ich dachte eigentlich eher an eine größere Stadt. Düsseldorf oder vielleicht München?«

»Nur werden in Rostock Leute benötigt. Ich denke, eine erfahrene Kommissarin wie Sie ist da mehr als notwendig. Ich gebe Ihnen noch etwas Zeit, aber spätestens im Juli sollten Sie dort sein.«

»Das ist nicht mal ein halber Monat!«

»Es konnte Ihnen doch nicht schnell genug gehen. Wochenlang liegen Sie mir damit schon in den Ohren. Sie packen das schon.« Danach hatte er mir die Hand entgegengestreckt, sich für die Zusammenarbeit bedankt und mir viel Erfolg gewünscht. Tja. So schnell konnte es gehen. Es war ein Neubeginn, wie er im Buche stand. Ich kannte absolut niemanden in Rostock. Keine Freunde, alte Klassenkameraden oder anderweitige Bekanntschaften. Nur Markus.

Den Weg die Treppe hinunter und hinaus auf den Parkplatz fühlten sich meine Füße schwer wie Blei an. Jeder Schritt, den ich tat, fiel mir schwer. Dieser Fall war anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Und wer hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass er persönlich werden würde?

Während mein silberner VW Golf mit Berliner Kennzeichen über die Stadtautobahn in Richtung Evershagen fuhr, liefen im Radio die Nachrichten.

Ein Brand in einem Mehrfamilienhaus, zwei Verkehrsunfälle mit mehreren Verletzten, Konflikte im Nahen Osten, ein aufgebrachter nordkoreanischer Diktator. Also alles wie immer.

»Die Presse hat noch nichts mitbekommen. Gott sei Dank.«, dachte ich und atmete erleichtert auf. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Aasgeier von Reportern den Braten riechen und irgendwelche spektakulären Meldungen verkünden würden. Erstaunlicherweise schien die Rostock-er Bevölkerung besonderen Wert darauf zu legen, Nachrichten so schnell es ging zu verbreiten. Sobald irgendetwas geschehen war, konnte man es sofort im Internet nachlesen oder im Radio hören. Als würden die auf der Fensterbank mit Kissen unter dem Arm lauernden Rentner sofort zum Hörer greifen und irgendeine Pressestelle anrufen, die sich das mal angucken solle. Fast wie in einem Dorf. Weiß es einer, wissen es alle.

Andererseits konnte man es wohl als Los der Technik werten. Mit einem Smartphone war heutzutage einfach alles möglich. Ich war doch das beste Beispiel! Eine App für jeden Schnickschnack auf dem Handy. In meinem Fall für die Navigation.

Ich bog in die Ehm-Welk-Straße ein und schlich fast schon über den Asphalt. Hinter mir gab ein ungeduldiger BMW-Fahrer mit Lichthupe immer wieder zu verstehen, dass ich endlich Gas geben sollte, doch ich war viel zu angespannt, als dass ich mich auf eine solche Lappalie konzentrieren konnte. Innerlich sträubte sich alles. Als ich die Polizeiautos und den Krankenwagen erspähte, lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinab. Meine Nackenhaare stellten sich auf und die Kehle wurde trocken. Je näher mein Wagen den anderen kam, desto sicherer war ich mir: Ich wollte das nicht sehen. Doch welche Wahl hatte ich denn schon? Als Kommissarin in diesem Fall gehörte es zu meinem Job, auch die unliebsamen Dinge zu ertragen.

Torben Reis, einer der Rostocker Polizisten und mir zugeteilter Mitarbeiter, nickte mit einem traurigen Gesicht grüßend, als ich einige Meter entfernt vor ihm zum Stehen kam. Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, Dreiundzwanzig. Der Motor verstummte, ebenso wie der derzeit bekannteste Sommerhit des Jahres. Bevor ich ausstieg, schloss ich noch einmal kurz die Augen. Egal, wie oft man es sah, es wurde niemals leichter. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

»Komm schon! Du packst das!«, rief die Stimme in meinem Kopf mit übertriebenem Ehrgeiz. Als meine Finger den Griff der Autotür berührten, rutschte ich kurz ab. Meine Hände waren schweißnass.

»Reiß dich zusammen Elena!«, ermahnte ich mich selbst und stieß die Tür entschlossen auf. Eine laue Sommerbrise umspielte mein gerötetes Gesicht und wehte eine Strähne aus dem so streng zum Zopf gebundenen, blonden Haar.

»Hallo Frau Küster, wie geht es Ihnen?« Torben sprach mit nüchterner, bedrückter Stimme. Das konnte nichts Gutes bedeuten, wo er doch sonst so ein Strahlemann war.

»Wieder ein Mädchen?«, fragte ich, ohne auf seinen wohl sowieso nicht ernst gemeinten Versuch Smalltalk zu halten einzugehen und strich die wirbelnde blonde Strähne zurück hinters Ohr.

»Ja, leider. Wollen wir?« Er deutete auf eine Gruppe von Gerichtsmedizinern und weiteren Polizisten, die etwas entfernt von uns im Kreis standen. Um ein Absperrband herum waren Schaulustige zu erkennen, die wild untereinander tuschelten und die Hälse reckten, um einen Blick erhaschen zu können.

»Was für eine Frage. Wir haben wohl keine andere Wahl. Von nichts kommt nichts.«, entgegnete ich schroff und versuchte die nun lästig werdenden Haare in den Zopf zu stecken. Torben sah mich betroffen an.

»Entschuldigen Sie bitte. Das war nicht so gemeint.« Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Verstehe schon. Ist für uns alle nicht leicht.«

Er zuckte mit den Achseln und ging dann wieder zum Tatort. Ich atmete erneut tief durch, ehe ich ihm folgte. Als die Kollegen uns bemerkten, wichen sie beiseite und gaben die Sicht auf die Leiche frei. Mein Blick wanderte zunächst über die ausdruckslosen Gesichter der Männer und Frauen, ehe ich mich dem Grund meiner Anwesenheit zuwandte. Natürlich hatten einige von ihnen schon wesentlich Schlimmeres gesehen, doch einmal mehr schwor ich mir, dass ich hoffentlich niemals so abgebrüht werden würde.

»Name: Sophia Wilken«, Torben begann die Personalien des Opfers aus seinem Notizbuch abzulesen.

»Alter: Sechszehn Jahre.« Autsch! Ein erster Stich ins Herz. Sechszehn! Dieses Mädchen hatte noch alles vor sich! Die erste Liebe! Das Ende der Pubertät! Selbst den Schulabschluss!

»Todesursache: Sturz vom Dach dieses Mehrfamilienhauses.

« Er sagte zwar Sturz, doch wir wussten beide, dass es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Sprung aus freien Stücken war. Genauso, wie bei den anderen. Zu viele Dinge sprachen dafür. Nicht zuletzt die markanten Narben an den Unterarmen.

»Eine Anwohnerin hat das Mädchen gefunden und sofort die Polizei und Rettungskräfte gerufen, doch leider kam jede Hilfe zu spät. Die Eltern sind bereits informiert.«

Er sagte noch irgendetwas, aber ich hörte nicht mehr zu. Mein Blick ruhte auf dem Mädchen. Ihr Gesicht war blass, sämtliche Farbe aus den Wangen gewichten. Die Lippen schimmerten in einem kühlen Blau. Das dicke braune Haar hing zottelig in ihr Gesicht. Ich hockte mich hin und betrachtete sie genauer. Unter den Augen und dem zerlaufenen Makeup zeichneten sich tiefe dunkle Ringe ab. Bisher war alles genau, wie bei den anderen, abgesehen von zwei Dingen. Ihre rechte Wange schien geschwollen zu sein und am Hals zeichnete sich ein kleines Tattoo ab. Ich zog ein Taschentuch aus der Jacke und strich einige Haare beiseite, um einen freien Blick zu erhaschen. Dort stand in schnörkeliger Schrift geschrieben God.

»Fotografieren Sie das mal bitte.«, sagte ich über die Schulter hinweg, woraufhin einer der Kollegen mit seiner Kamera herbeieilte und ein Bild vom Hals schoss.

»Um Himmelswillen! Ist das das Kind von Frau Wilken?«, ertönte plötzlich eine quietschige, erschrockene Stimme aus dem Hintergrund. Ich stand auf und wandte mich ihr zu. Es war eine betagte Frau, vielleicht in den Siebzigern, mit kurzem, weißen Haar und einer Brille mit runden Gläsern. Sie trug einen dünnen blauen Mantel, darunter einen bordeuxfarbenen Rock.

»Sollten Sie irgendwelche Informationen haben, teilen Sie diese der Kollegin dort vorne mit. Ansonsten gehen Sie bitte weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.«, sagte ich mit ruhiger Stimme und verwies mit ausgestrecktem Arm auf die Kollegin Sandra Rüter.

»Nichts zu sehen? Und weswegen weinen Sie dann?!« Etwas entrüstet trat ich einen Schritt zurück. Mit dem Handrücken fuhr ich mir über die Wange und tatsächlich: Eine Träne befeuchtete meine Haut.

»Kennen Sie das Mädchen?«, schaltete sich Sandra dazwischen, ehe es noch zu weiteren unangenehmen Fragen kommen konnte.

»Also ist es die Sophia? Oh Gott, wie schrecklich!«

»Wären Sie bereit uns zu erzählen, was sie von dem Kind wissen?«, hakte sie erneut nach und griff nach ihrem Stift.

»Viel weiß ich nicht. Sie war einfach ein Kind aus der Nachbarschaft.«

Sandra Rüter notierte, was die Frau ihr sagte, während ich meine Wange mit dem Ärmel meiner Jacke trocknete. Dann wandte ich mich wieder dem Mädchen zu. Genau wie bei den anderen Opfern wirkten die Narben am Arm nicht willkürlich gesetzt. Sie schienen ein weiteres Wort darzustellen.

»Ca… Ce… Co…«, murmelte ich vor mich her.

»Bemühen Sie sich nicht. Wir haben Fotos davon gemacht und werden sie später noch analysieren lassen.«, unterbrach mich ein Kollege, dessen Name mir nicht bekannt war.

»Irgendetwas entdeckt?«, fragte Torben, als er mir über die Schulter sah.

»Nein. Leider nicht.« Ich verbarg mein Gesicht, als sich eine weitere Träne aus meinem Auge die Wange hinunterschob.

»Ist alles in Ordnung? Sie schienen eben etwas …«

»Wo ist überhaupt Klingenberg?«, schnitt ich seine Frage ab und sah mich um.

»Keine Ahnung. Vielleicht an einem anderen Tatort?«

»An einem anderen Tatort? Er weiß genau, dass dieser Fall oberste Priorität hat!« In meinem Bauch sammelte sich Wut, die langsam den Körper erklomm und Hitze in mein Gesicht trieb. Torben hob nur unwissend die Achseln.

Wo war dieser arrogante Schnösel, wenn man ihn mal brauchte? Rasch zückte ich mein Handy und wählte seine Nummer. Der Ruf ging raus, dann tutete es mehrmals.

»Dieses… Er hat mich einfach weggedrückt!«

»Vielleicht ist er gerade in einem Gespräch oder fährt Auto?«

Ich warf Torben Reis einen bitterbösen Blick zu. Er verstand meine Geste.

»Ich fahre zurück aufs Revier. Sorgen Sie bitte dafür, dass die Bilder schnellstmöglich in die Verwaltung geschickt und anschließend entwickelt werden. Und die Eltern sollen für eine Aussage kommen.«

»Sind Sie sicher? Die beiden werden ziemlich unter Schock stehen.«

»Es waren jetzt schon so viele Opfer in so kurzer Zeit. Wir dürfen keine Sekunde verlieren, bis wir nicht wissen, was dahintersteckt.« Mit diesen Worten wandte ich mich ab und stieg ins Auto.

KAPITEL 2

»Klingenberg! Wo waren Sie?!«, keifte ich durch das Büro und zog schlagartig sämtliche Blicke auf mich, außer den einer einzelnen Person. Caius Klingenberg war der wahrscheinlich arroganteste Polizist, den ich je in meinem Leben getroffen hatte. Sein stets perfekt gestyltes Haar, die blauen Augen und der gute Körperbau hatten seinem Ego vermutlich einen Schuss Selbstbewusstsein zu viel verpasst. Zugegeben: Für seine 27 Jahre hatte er bereits beachtliche Fälle bei der Polizei in Rostock klären können. Doch wenn ich sah, wie die Frauen in seiner Gegenwart zu sabbern begannen und die Genugtuung, die er dabei verspürte, widerte es mich an.

»Geht es vielleicht noch lauter? Das ist wohl das Naturell von euch Berlinern. Immer laut und gerade heraus, wa?«

Wut machte sich in mir breit. Wie er so dasaß, die Füße auf dem Tisch, in den Händen das Smartphone und dazu die Art und Weise, wie er mit mir sprach. Am liebsten hätte ich meine Manieren vergessen und ihm eine Ohrfeige verpasst.

»Das beantwortet nicht meine Frage.«, zischte ich und unterdrückte den Impuls.

»Natürlich nicht. Sie wollen wissen, wo ich war? Nun ja… anderweitig beschäftigt.«

»Anderweitig? Sie wissen genau, was bei diesem Fall auf dem Spiel steht! Und warum weisen Sie meinen Anruf ab?«

»Ich sagte doch, ich war beschäftigt. Wenn der Fall so wichtig ist, wieso vergeuden Sie dann Ihre Zeit damit, mich auszufragen, anstelle der Eltern des Mädchens und nahestehende Personen?«

Ich ertappte mich selbst dabei, wie ich kurz zusammenzuckte. Er hatte recht. Doch woher wusste er, dass wir ein Mädchen gefunden und die Eltern benachrichtigt hatten? Ich war die Erste, die vom Tatort zurückkam und es ihm hätte persönlich sagen können. Oder hatte einer der Kollegen ihm eine SMS geschickt?

»Woher…«

»Kommissarin Küster! Herr und Frau Wilken sind da.«, sagte ein herbeieilender Kollege etwas lauter und deutete hinter sich. Ich kannte ihn, aber wie hieß er noch gleich? Verdammtes Namensgedächtnis!

»Danke ähm… Ja, ist gut. Ich komme sofort.« Ich wandte mich wieder Klingenberg zu.

»Wir reden noch.« Ich hielt ihm drohend den Zeigefinder vor die Nase und funkelte ihn an. Er hob nur erstaunt die Augenbrauen.

»Herr und Frau Wilken, zunächst möchte ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Wir hätten Ihnen dieses Gespräch gern erspart, doch es gibt Grund zur Annahme, dass Sophias Tod mit weiteren in Verbindung steht.«

Die Eltern des Mädchens waren wie zu erwarten aufgelöst und in tiefer Trauer. Nur mühsam hoben sie ihre Blicke und unterbrachen das Schluchzen. Während die Mutter ein Taschentuch nach dem nächsten verbrauchte, riss sich der Vater so gut es ging zusammen. Er war unser Hauptgesprächspartner. Chris Schreiner, der neben mir saß und Protokoll führte, warf mir einen verunsicherten Blick zu. Ich wusste was er dachte. Hatte das hier überhaupt einen Sinn?

»Was meinen Sie damit, dass ihr…«, der Vater des Mädchens kämpfte mit sich und brachte das Wort nur schwer über die Lippen.

»Tod mit anderen in Verbindung steht?«, half ich ihm, öffnete die mittlerweile dicke Mappe zu dem Fall und nahm einige Bilder heraus.

»Dies sind Aufnahmen anderer Verstorbener. Genau wie Ihre Tochter haben sie sich scheinbar selbst verletzt.«

»Sophia hat sich nicht geritzt! Sie war ein glückliches Kind!« Er war aufgebracht und schrie mich an. Aber das war nichts Neues. Alle reagierten so, wenn ein geliebter Mensch als nicht ganz so perfekt dargestellt wurde, wie er in ihrer Fantasie war.

»So leid es mir tut. Aber die Wunden an ihren Unterarmen deuten auf etwas Anderes hin.« Ich behielt meinen ruhigen Ton bei und hoffte, ihn so ebenfalls leiser werden zu lassen. Doch es brachte nichts.

»Hören Sie auf so einen Quatsch zu erzählen!«

Es klopfte an der Tür und der Polizist von vorhin betrat den Raum. Er reichte mir eine weitere Mappe und verschwand anschließend wieder. Ich öffnete sie und warf einen Blick auf den Inhalt. Eigentlich war es zu früh, doch nun zeigte ich dem Vater die frisch entwickelten Bilder von Sophias eigenem Unterarm.

Er schluckte, riss schlagartig die Hand vor den Mund und wandte die Augen ab.

»Diese Aufnahmen wurden am Tatort gemacht. War Sophia Rechtshänderin?«

Er nickte stumm.

»Umso wahrscheinlicher ist es, dass sie selbst diese Narben am linken Unterarm verursacht hat. Mit hundertprozentiger Sicherheit ist natürlich nichts, doch im derzeitigen Ermittlungsstand müssen wir davon ausgehen.«

»Wieso ist uns das nie aufgefallen?« Seine Stimme war leise, fast schon ein Flüstern.

»Vermutlich trug sie immer Oberteile mit längeren Ärmeln oder Armstulpen. Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe. Viele Eltern wissen nicht, dass die eigenen Kinder sich selbst verletzen.«

Ich verstaute das Foto wieder, als mir plötzlich ein Zettel ins Auge sprang. Es war die Kopie eines Briefes, der mir zuvor nicht gezeigt wurde. Vermutlich hatte die Spurensicherung diesen bereits beschlagnahmt, ehe ich angekommen war. Mein Blick wanderte kurz über die Gesichter der Eltern, die in sich zusammengesackt vor mir saßen und weinten. Chris riss das Wort nun an sich und versuchte den Eltern die Schuldgefühle zu nehmen, während ich mir das Stück Papier durchlas.

Diese Welt ist ein schrecklicher Ort.
Nur weil ich an Gott glaube, heißt es noch lange nicht, dass er auch an mich glaubt. Jeden Tag spüre ich es. Die Blicke der Anderen. Seit diese Gerüchte in der Schule die Runde machen, schauen sie mich wie ein Monster an. Aber ich wollte es nicht! Gott wird mir vergeben. Ich werde Buße tun und dann wird alles wieder gut. Er hat das auch gesagt. Man wird mir vergeben und vergessen, was ich getan habe. Doch zuvor muss ich ein Engel werden
.

Ein Abschiedsbrief der alles und doch so wenig preisgab.

»Zwei weitere Opfer wurden in den letzten drei Wochen mit den gleichen Verletzungen gefunden.«, sprach mein Kollege weiter.

»Aber nur, weil sich alle so etwas antun, muss doch noch lange kein Zusammenhang bestehen!«

»Da haben Sie Recht. Doch auch die Todesursache ist dieselbe. Alle haben Suizid begangen und sind von einem Hochhaus gesprungen.«, sprudelte es aus Schreiner heraus. Scheinbar hatte er keinerlei Sinn für Empathie.

Die Mutter heulte auf und auch der Vater mühte sich um Fassung. Mein Herz weinte mit ihnen, doch ich durfte nicht schwach werden.

»Suizid…«, flüsterte er kaum hörbar.

»Wissen Sie vielleicht, ob sich etwas in Sophias Umgebung verändert hat? Hatte sie Streit mit ihrem Freund oder jemand anderem?«, schaltete ich mich wieder in das Gespräch ein, ehe Chris noch mehr Schaden anrichten konnte.

»Sophia hatte keinen Freund.«, sagte Herr Wilken und wischte die Tränen von seiner Wange.

Aus irgendeinem Grund hatte ich mit seiner Reaktion und Aussage gerechnet. Zu häufig trat dieses Phänomen in der heutigen Zeit auf.

»Und wer ist dann mit er gemeint?«

»Er?« Ungläubig sah Herr Wilken mich an.

Ich nahm den Brief und drehte ihn so, dass die Eltern ihn lesen konnten. Ein weiterer Damm drohte zu brechen.

»Sie schreibt hier eindeutig von einem Jungen. Vermutlich wird es ein Mitschüler sein. Hatte sie Schwierigkeiten in der Schule?«

Wieder verneinte er und schüttelte fast schon geistesabwesend den Kopf, während seine Augen das Blatt Papier fixierten.

»Verdammte Axt! Wieso schreibt sie dann von Mobbing?!«, schrie meine innere Stimme, doch ich sprach es nicht aus.

»Sie war immer ein liebes, aufgeschlossenes Mädchen. Das was hier steht, ist für mich unerklärlich.«

Natürlich. Genau das hatten die anderen Eltern auch gesagt. Jeder dachte so über sein Kind. Alle Opfer waren beliebt und freundlich. Wenke, Tabea und nun auch Sophia.

»Was kann Sophia damit gemeint haben, dass ihr alle vergeben werden? Was hat sie getan?«

Wieder nur ein hilfloses Schulterzucken. Ich ahnte, dass eine Fortsetzung des Gespräches zu keinen aufschlussreichen Erkenntnissen führen würde und stellte daher eine letzte Frage.

»Wäre es für Sie in Ordnung, wenn wir uns in Sophias Zimmer umsehen und einige Gegenstände für die weiteren Ermittlungen entwenden?«

»Was für Gegenstände?«, fragte die Mutter zwischen zwei Taschentüchern. Es war das erste Mal, dass sie etwas sagte, seit sie das Revier betreten hatte.

»Das kann alles Mögliche sein. Fotos, Laptop, Notizblöcke. Alles was uns wichtig oder relevant erscheint.«

Die Frau nickte und stand dann auf.

»Dürfen wir gehen?«, fragte sie erst, als sie bereits unmittelbar vor der Tür stand. Es schien fast schon wie eine rhetorische Frage. Hätte ein Kollege nicht davorgestanden, wäre sie wahrscheinlich schon draußen gewesen.

»Ja, natürlich. Danke für Ihre Zeit und entschuldigen Sie bitte die Umstände.«

Kaum, dass die beiden den Raum verlassen hatten, kam Markus zu mir. Er lehnte sich gegen die mittlerweile weniger weiße, als graue Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei trat sein Bizeps etwas hervor und zog schlagartig meine Aufmerksamkeit auf sich. Trieb er mehr Sport als damals?

»Wollen wir das Gespräch noch durchgehen?« Seine vertraute Stimme riss mich aus den Gedanken und zurück in die Situation.

»Kann das bis morgen warten? Ich bin total erledigt.«

»Du wirkst abgelenkt.«

Ich zuckte nur mit den Achseln. Was sollte ich schon dazu sagen? Mein Kopf war voll von Wirrwarr.

»Naja, ist auch schon spät. Dann einen schönen Feierabend! Pass auf dich auf! Tschüss, Chris!«, er legte mir die Hände auf die Schultern und zwinkerte mir zu, ehe er dem Kollegen Schreiner zuwinkte.

»Danke, dir auch. Bis morgen.«

Ich schob mich an ihm vorbei, ging in mein Büro und setzte mich an den alten Schreibtisch. Seufzend schloss ich die Schublade auf, legte die Akte hinein und holte meine Handtasche hervor. Schlüssel, Handy, Portmonee, Kaugummis. Alles Lebenswichtige war beisammen. Ich drehte den Schlüssel im Türschloss um und wollte gehen, als mir ein Schreck durch die Knochen fuhr.

»Oh Gott!«, ich fuhr zusammen und schnappte nach Luft.

»Gott? Caius reicht. Oder Klingenberg, wie Sie mich immer nennen.«

»Verdammt, was wollen Sie noch von mir?« Als ob ich ihn einen Gott nennen würde…

»Ich von Ihnen? Sie sagten doch, wir würden noch reden.« Es machte ihm sichtlich Spaß mich zu ärgern, doch mein Nervenkostüm war an diesem Tag nicht dafür geschaffen, mir seine Albernheiten anzuhören.

»Das klären wir morgen. Ich habe jetzt Feierabend.«

»Aber Frau Küster, der Fall ist doch soooo wichtig! Wie können Sie da einfach gehen?« Der Sarkasmus war deutlich hörbar, doch das war einfach zu viel. Die Pferde gingen mit mir durch. Ich packte Klingenberg am Kragen und zog ihn an mich heran.

»Jetzt pass mal auf Arschloch! Im Gegensatz zu dir, habe ich eine Familie, die auf mich wartet. Mein Leben dreht sich nicht nur um mich oder die Arbeit. Die Familie kommt bei mir an erster Stelle, erst dann der Beruf. Und um dir eine Vorstellung davon zu geben, wann du in meinem Leben auftauchst: Du bist der Dreck, der unter meinen Fußsohlen zwischen Steinchen und Hundescheiße klebt!« Ich schnaubte vor Wut. Klingenberg hob unschuldig die Hände.

»Diese Fäkalsprache kenne ich ja gar nicht von Ihnen. Heiß!« Angewidert stieß ich ihn zurück, griff meine Tasche und ging.

»Bis Morgen, Frau Küster!«, säuselte er mir in gespielt süßer Stimme hinterher. Ich schüttelte mich, als könnte ich seine Worte so an mir abprallen lassen, doch diese eindringliche Stimme hallte durch meinen Kopf.

KAPITEL 3

Zu Hause angekommen warf ich meinen Schlüssel in die Schale auf der Kommode und hing die Jacke flüchtig auf den Bügel. Aus dem Wohnzimmer drangen Stimmen, die Pferde nachahmten. Allein der Klang zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht.

»Mama!« Mia stürmte mir entgegen, als sie mich im Türrahmen erblickte und umschlang mich mit ihren kurzen Armen so gut es eben ging.

»Na mein Schatz? Wie war dein Tag?« Ich drückte ihr einen Kuss auf die Wange und sah sie erwartungsvoll an.

»Ganz toll! Heute haben wir im Kindergarten Bilder gemalt und danach waren wir in einem Wald spazieren! Da gab es gaaaaanz viele Käfer und einer wollte mich sogar beißen!«

»Ein Käfer wollte dich beißen?«

»Ja! Er ist auf meine Füße gekrabbelt, aber dann hat Rico ihn schnell tot gemacht!«

»Dann hat Rico dich gerettet?«

»Ja! Rico ist ein Held! Wenn ich groß bin, dann heirate ich ihn!«

Ich lächelte nur. So unbeschwert und von sämtlichen negativen Gedanken befreit wie Mia, wäre ich auch gern wieder.

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