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Hydra

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Vorspann
  8. Einleitung
  9. CAPUT I
  10. CAPUT II
  11. CAPUT III
  12. CAPUT IV
  13. CAPUT V
  14. CAPUT VI
  15. CAPUT VII
  16. CAPUT VIII
  17. CAPUT IX
  18. CAPUT X
  19. CAPUT XI
  20. Dank

Über dieses Buch

Wie ein geschmackloser Scherz. So wirken die mysteriösen E-Mails, die Beate seit einigen Wochen erhält. Bis sie die erste Mail mit Anhang öffnet. Der Inhalt: ein Video, das grauenvoller nicht sein könnte. Sie wird Zeugin einer brutalen Hinrichtung. Um ihre Familie zu schützen, lässt sie sich auf das perfide Spiel eines Serienmörders ein, der ihr eine ganz besondere Rolle zugedacht hat ...

Über die Autoren

Nach vielen Jahren treffen sich eine Lehrerin und ihr ehemaliger Schüler zufällig wieder und schreiben unter dem Pseudonym Chris Marten einen Roman. Afrika, Orient, Kriminalität, Himmel und Hölle, die Themen ihrer bisherigen Bücher, haben sich in »Hydra« spannend vereint. Wenn nicht gerade neue Reisen zu afrikanischen Völkern, zu Orten dunkler Verbrechen oder in immer andere Wüsten anstehen, leben die beiden Autoren im Ruhrgebiet und am Niederrhein.

Man kann nichts mehr bewegen

außer sich selbst.

Gabriele Klein

Dieser Roman ist Fiktion, natürlich.

Jedwede Ähnlichkeit mit lebenden Personen –

alles zufällig, klar. Dennoch – der Ort ist wirklich,

das Land ist wirklich, die Zeit real.

Wozu etwas erfinden? Diese Geschichte

gehört zu der Geschichte aller, die in diesem Land leben.

Sie ist gewidmet den Tänzern dieser Welt.

Messieursdames, faites votre jeu …

1

Drüben am Wegesrand

sitzen drei Raben …

Werd’ ich der Erste sein,

den sie begraben?

Deutsches Volkslied

Die Bilder waren wieder da: zerschossene Taxis, Panzerfahrzeuge, Jeeps, Lastwagen. Kinder suchten in von Bomben zerstörten Gemäuern nach Resten irgendeiner Habe. Der schwedische Kameramann ging auf die Kinder zu, filmte sie und stolperte über ein rostiges Rohr. Seine Kollegin, die für einen großen Stockholmer Nachrichtensender berichtete, lachte auf und machte eine spöttische Bemerkung. Weiter entfernt, hinter Wällen aus Sandsäcken, standen Soldaten mit aufgepflanztem MG und rauchten. Ein Auto rollte langsam auf die Straßensperre zu. Ein Posten wies dem Fahrer mit dem an der Schulter herabhängenden Gewehr lässig, aber konzentriert den Platz zu, an dem der Wagen stehen bleiben musste. Weitere Bewaffnete lösten sich aus dem Schutz der Sandsäcke, um das Auto zu kontrollieren. Irgendwo war eine amerikanische Flagge angebracht, die im Dunstkreis von Staub, Trümmern, Sand und Schweiß unpassend frisch und sauber wirkte. Die Kinder auf dem Trümmergrundstück hatten irgendetwas gefunden und freuten sich. Ein kleines Mädchen hielt eine zerrupfte Puppe in der Hand und ging auf die Soldaten zu, offenbar, um sie ihnen zu zeigen und die Freude mit ihnen zu teilen.

In diesem Moment beschloss sie, ihre Irak-Reportage mit dieser Szene enden zu lassen.

Die Sonne stand tief im Westen hinter einem Schleier aus Rauch und Sand, sodass sie das Kind und den Kameramann nur schlecht erkennen konnte. Sie kniff die Augen zusammen. Das Mädchen schien die Puppe zu schwenken, um die Soldaten auf sich aufmerksam zu machen, andere Kinder tänzelten aus allen Richtungen hinzu. Die Wachtposten ignorierten die Ablenkung, weil sie ihre Aufgabe ernst nahmen; sie durchsuchten das Auto. Ein zweites, wie das erste nahezu schrottreif, hielt dahinter an. Der Fahrer wartete darauf, ebenfalls kontrolliert zu werden. Vor seinem Wagen hatte sich ein Posten mit Maschinenpistole aufgebaut und beobachtete jede seiner Bewegungen. Die schwedische Reporterin rief ihrem Kollegen zu, die Gruppe der Kinder und Soldaten auch noch aus einer anderen Perspektive aufzunehmen. Von irgendwoher kam anschwellender Lärm. Irgendetwas stimmte nicht.

Sie wandte sich um, schaute die lange Einfallstraße nach Osten hinunter, wo links und rechts, so weit das Auge reichte, die Folgen der punktgenauen chirurgischen Kriegsführung zu erkennen waren. In der Ferne deuteten Türme mit Radarschirmen den Flughafen von Bagdad an. Ein Jeep näherte sich. Dessen Fahrer wollte offenbar den Motor hochpeitschen. Doch dann bremste er ab und bog zweihundert Meter vor der Straßensperre ab. Erleichtert machte sie sich auf den Weg zu ihrem Fahrer, der in einiger Entfernung auf sie wartete, passierte den Kontrollpunkt, winkte freundlich den Soldaten zu, die nicht beschäftigt waren, dann auch der schwedischen Reporterin und deren Kameramann, die kurz die Hände zum Gruß hoben und lächelten. Sie wusste: Auch diese Kollegen hatten ihre Irak-Zeit hinter sich. Als der dienstbeflissene Fahrer ihr die Wagentür öffnete, spürte sie etwas und drehte sich um. Der Knall und der Rauch und die Splitter kamen gleichzeitig. Etwas stieß sie in den Staub. Der zweite Wagen, dachte sie noch …

Sie hatte den Mund voller Sand. Sie war nass, hatte ihren Schließmuskel nicht mehr unter Kontrolle. Sie hörte noch Schreie. Sie wälzte sich herum und stieß das schwere, leblose Bündel von sich weg, wusste nicht, ob sie aufstehen konnte und durfte und wo sie war. Irgendwann öffnete sie die Augen und sah auf eine kahle weiße Wand.

Ihr erster Gedanke: Wo waren die Zwillinge, wo waren Madeleine und Melanie?

Heftig stieß sie die Bettdecke von sich, richtete sich auf und vergrub ihr Gesicht in beide Hände.

So viele Tote. Sie lebte.

2

Die gelbe Katz’ hat dreimal miaut.

Shakespeare, »Macbeth«

Von: Beate Rehbein

An: thomas.todzeck@netmail.de

Cc:

Betreff: Fw: Klassentreffen

Essen, 05. August 2004

Sehr geehrter Herr Todzeck,

vielen Dank für Ihre E-Mail-Adresse. Im Auftrage meines Mannes, der zurzeit sehr beschäftigt ist, leite ich Ihnen die alte Adressenliste von Susanne Bembennek weiter, die ein Klassentreffen Ihres Jahrgangs im nächsten Jahr angeregt hat. Sie bittet darum, die Liste im Schneeballverfahren an alle ehemaligen Kollegiaten weiterzuleiten, um auf diesem Wege eine aktuelle Adressenliste zu erhalten. Neue Adressen zwecks Ergänzung der Liste oder andere Antworten wegen des Klassentreffens etc. bitte direkt an Susanne Bembennek schicken.

Noch einen schönen Gruß von meinem Mann. Ich soll Ihnen ausrichten, dass er Sie gerne wieder einmal treffen würde, wie Sie es auf der Beerdigung Ihrer Frau Anfang des Jahres besprochen hatten. Machen Sie doch einfach einen Vorschlag. Meinem Mann passt es an Freitagabenden immer am besten.

Herzlichst

Beate Rehbein

Anlage

Siegfried Zickler, Schützenhaus 4c, 1000 Berlin

Ines Dassler-Schlunz, Tiroler Weg 10, 8000 München

Norbert Irmscher, Komödienstraße 50, 4000 Düsseldorf (unbekannt verzogen)

Doris Nonnenkamp-Greve, Am Schacht 3, 4390 Gladbeck

Annegret Mischinski (ehemals Klopottek), Ludwig-Thoma-Str. 80a, 4000 Düsseldorf

Rudolf Zeitler, Rastenburger Straße 21, 1000 Berlin-Schöneberg

Elisabeth Dietrich-Naumann (ehemals Kleve, aktuelle Adresse nicht bekannt)

Ernst Schmidt, Bergbachpfad 1, 5068 Odenthal (Oberbergisches Land)

Ingo Nußbaum, Drostenkamp 5b, 4600 Dortmund

Rainer Rehbein, Seerandweg 32, 4300 Essen-Bredeney

Thomas Todzeck, Philosophenweg 27, 4300 Essen

Susanne Bembennek, neue Adresse seit 2003: Quellenpfad 1, 45280 Essen

Lothar Triebel, Bismarckstraße 89, 4320 Hattingen

Otto Versteegen (einstmals Moers, später Hamburg, von dort unbekannt verzogen)

Elisabeth Draschkowski (Lilienthalstraße 1, Appartement 50, 4300 Essen; Hauptwohnsitz auf Mallorca; Adresse unbekannt)

Elke Unger, ehemals Grafenhof 19, 5760 Arnsberg
(jetzt Meck-Pomm?)

Franz Cristofzyk, Straße d. Freiheit 1, O-8000 Dresden

Armin Hundt, Am Hafengrund 169, 4100 Duisburg

Udo Lehwald, Verbindungsstraße 20, 4330 Mülheim
an der Ruhr (Post kam zurück)

Ludger Bethke, Im Holz 1, 5250 Bickenbach (Engelskirchen)

3

Wir weben hinein

den dreifachen Fluch …

Heine, »Die schlesischen Weber«

Die Liste hier mit all diesen Namen, was für ein ungeheuerlicher Zufall! Sie treibt mich an, endlich den Weg zu gehen, den ich gehen will. Wenn ich noch sein möchte, muss ich ihn wählen. Ich entscheide mich für ihn, weil die Alternative der Strick ist, an dem du hängst. Ich aber habe noch etwas vor. Ich habe noch eine Aufgabe. Jemand muss ihnen vor Augen führen, was geschehen ist, was tagtäglich mit ihnen und uns angerichtet wird.

Ich weine, aber ich weine nicht über dich.

Da hängst du, jetzt, wo ich dich endlich gefunden habe. So lange war ich auf der Suche nach dir, auf der Suche nach mir selbst, nach dem Ort meiner Mitte. Was hättest du mir alles geben können.

Du hast auf die wenigen Tage, die du noch hattest, freiwillig verzichtet. Du bist in das Haus zurückgekehrt. Das war dein Ein und Alles, hier hast du deinen Tod gesucht. Du hast eine letzte Wahl getroffen. Das war die einzige, die du noch hattest. Gut zu wissen, dass es diese Möglichkeit noch gibt.

Warum geschah es gerade uns?

Zuletzt hat man dir dein Haus gestohlen, das du so geliebt hast. Es steht leer. Es wartet auf die Versteigerung. Aber es ist dein Haus, deshalb bist du hier. Alles ist dir, ist uns genommen worden. Alles. Und dann bist du mit deiner Not in meine Not gekommen. Hoffentlich werde ich jetzt nicht wieder so wütend.

Wir haben doch alles getan. Wir haben immer mehr getan, als verlangt wurde. Wir waren die Besten auf unserem Gebiet. Wenn ich jetzt einem von denen begegnen würde – ich würde ihn töten. Aber wer sind die? Es gibt so viele von ihnen. Hättest du mir einen von ihnen nennen können? Nein, das hättest du nicht gekonnt.

Du hast ja gesprochen, hast nach deinem Tod mit deinen Worten die Welt bewegen wollen. Nichts wirst du bewirken, wenn man dich denn jemals findet, gar nichts, sage ich dir.

Aber ich habe einen Weg gefunden. Diese Liste hier ist ein Zeichen.

Der Zufall hat uns geschlagen, hat unser Leben zerstört, der Zufall hat sie mir jetzt in die Hand gespielt – nun gibt die Liste den Plan vor.

Zwei Dinge interessieren die Welt noch beiläufig: der unbändige Spaß und die großen Katastrophen. Was aber wahre Beachtung weckt, das macht mein Handeln stark: das Böse – gepaart mit dem Zufall.

Wenn man das Böse will, wird man mächtig. So hast du es mir erklärt: Schlägt man der Hydra einen Kopf ab, so wachsen zwei nach.

Merkwürdig, Angst habe ich nicht mehr. Ich bin jetzt frei. Warum sollte ich da Angst haben. Ich bin traurig, ja. Was hätten wir alles erreichen können. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher weiß ich es: Ich will mich rächen. Ich muss uns rächen. Alles war immer so verworren – aber jetzt habe ich einen Plan.

Ich muss meine Wut zügeln und kalt werden. Ja, ich werde Böses tun, um ein Schicksal zu verdienen, mein Schicksal. Ja, du hast recht, die Welt muss erfahren, was geschehen ist und was weiter geschehen wird.

Aber auf meine Art.

Ich werde etwas bewegen – mit einem Werk, meinem erhabenen Werk!

Hoppeditz’ Erwachen – die Leute wissen gar nicht, welche Zeit mit dem heutigen Tag angefangen hat. Sie stecken sich in Kostüme, als wollten sie ein Leben nachholen, saufen sich da draußen voll und hoffen, endlich einmal jemand anderes zu sein als der, der sie zu sein glauben – wenigstens einmal im Jahr.

Ich wusste eigentlich immer, wer ich war, auch wenn andere das nicht gesehen haben. Und ich habe Freude am Leben gehabt. Nun bin ich krank an meiner Seele. Wie du krank wurdest an deiner Seele.

Rache. Und Zeichen setzen, Zeichen setzen. Das sind jetzt meine Aufgaben. Die Zeitrechnung meiner Taten fängt mit dem Tage an, an dem das Liebste ging, was ich noch hatte. Nur das nackte Böse, das zufällige Böse, das intelligente Böse – nur das fasziniert.

Ich weine nicht über dich.

Im Gegenteil, ich freue mich für dich. Weil du deine Würde bewahrt hast.

Ich gehe einen anderen Weg, einen ganz anderen. Keine Kompromisse mehr, keine Kostümierung, keine betrügerische Schminke! Ich habe eine andere Entscheidung getroffen.

Ich weine, weil dieser Weg keine Umkehr erlaubt.

Nicht nur ich muss kalt werden – auch du, damit ich tun kann, was getan werden muss.

Fühlst du dir Stärke genug, der Kämpfe schwersten zu kämpfen,

Wenn sich Verstand und Herz, Sinn und Gedanken entzwein?

Mut genug, mit des Zweifels unsterblicher Hydra zu ringen,

Und dem Feind in dir selbst männlich entgegen zu gehn?

Mit des Auges Gesundheit, des Herzens heiliger Unschuld

Zu entlarven den Trug, der dich als Wahrheit versucht?

Fliehe, bist du des Führers im eigenen Busen nicht sicher,

Fliehe den lockenden Rand, ehe der Schlund dich verschlingt!

Manche gingen nach Licht und stürzten in tiefere Nacht nur …

Friedrich Schiller,
»Einem jungen Freund«

Caput I

Aber das Ungeheure auch

Lerne erwarten im irdischen Leben!

Friedrich Schiller, »Die Braut von Messina«

Sonntag, 28. November, 1. Advent, vormittags
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Beate saß auf der Bettkante. Wieder hatte sie von der Bombe, den toten Soldaten, den Kindern und ihrem toten Fahrer im Irak geträumt. Und wieder war sie in Angst um Madeleine und Melanie aufgewacht. Seit Monaten ging das jetzt so.

Nur langsam kehrte die Wirklichkeit zurück. Die Zwillinge waren nicht hier, sie waren auch nicht in Bagdad. Sie waren in der Kirche, in Sicherheit. Anschließend wollte Rainer mit ihnen nach Münster fahren, um über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Der alte Pastor und Maria, seine Eltern, waren auch dabei. Beate sollte den Tag für sich haben, sie sollte sich erholen. Sie war so schrecklich müde.

Sie schüttelte sich und rezitierte laut – wie immer, wenn sie die Bilder in ihrem Kopf verjagen wollte – ihren Lieblingspoeten, ihren reimenden Trostspender, ihren hilfreichen Hafis: Rastlos kreist das Schicksalsrad, lässt kein Aug’ in Ruh’ sich schließen; schenke eine Schale Weins, dass ich mög’ der Ruh’ genießen!

Elf Menschen waren damals, vor vier Monaten, beim Bombenanschlag am letzten Tag ihres Irak-Aufenthalts ums Leben gekommen, darunter fünf der spielenden Kinder, dazu die schwedische Reporterin, ihr Kameramann. Nein, mit Schicksal hatte dieses Attentat nichts zu tun.

Ihr Fahrer hatte sie zu Boden gestoßen und sich über sie geworfen. Die Bombensplitter hatten sich in seinen Rücken gebohrt.

Beate gab sich einen Ruck, zerrte sich das nasse T-Shirt über den Kopf, riss sich den Slip herunter und lief unter die Dusche. Das heiße Wasser tat ihr gut.

Im Wohnzimmer öffnete sie einen Wein. Die Uhr zeigte halb zwölf. Sie lächelte. Es war wohl ein wenig früh, den Rat ihres Poeten anzunehmen. Sollte der Gallo Nero doch erst einmal durchatmen. Stattdessen machte sie sich ein einfaches Frühstück.

Sollte sie nicht vielleicht doch Olaf anrufen, ihren Hausarzt und guten Freund? Olaf hatte ihr wiederholt geraten, professionelle Hilfe anzunehmen. Sie träumte nicht nur von dem Anschlag in Bagdad.

Sie träumte von der Ölpest in Spanien, regelmäßig spülten ihr schwarze Wellen tote Vögel als verklebte Klumpen vor die Augen. In ihrem Kopf blitzten vor den Trümmern der Twin Towers die weinenden Gesichter der Hinterbliebenen auf. Immer wieder tauchte das Gesicht eines Mannes auf, der, von den Elbfluten umspült, auf dem Dach seines Hauses hockte und verzweifelt versuchte, das Kleinkind in seinen Armen in einen aus einem Rettungshubschrauber heruntergelassenen Korb zu legen. Als es ihm endlich gelungen war, rissen die Wellen das Haus und den Mann mit sich. Ihre Reportage über die Jahrtausendflut 2002 in Tschechien und Sachsen hatten selbst internationale Magazine abgedruckt.

Es geht nicht um diese Bilder, hatte Olaf gesagt. Er hatte stets versucht, ihr eine andere Sichtweise nahezulegen: deine vielen Reisen, die vielen Termine, dein unruhiger Lebensstil.

War da ein Vorwurf zu spüren gewesen?

Unterschätze den Burn-out nicht. Ausgebrannt ist ausgebrannt.

Beate schaute durch die breite Fensterfront hinaus. Die Bäume an den Hügeln des Sees bogen sich im anschwellenden Wind. Sie ahnte driftenden Regen in der grauen Ferne. Kein guter Tag für einen Adventsausflug.

Sie wanderte durchs Haus, schaute nach diesem und jenem. Auch Bewegung konnte ihre Unruhe nicht dämpfen. Nachdem sie im September ihre große Irak-Reportage abgeliefert hatte, hatte sie nicht eine Zeile mehr geschrieben, nichts recherchiert. Nichts tat sich, nichts bewegte sich in ihrem Kopf, nichts um sie herum. Nur da draußen, auf dem See, in den Bäumen, da tobte der Wind von Minute zu Minute stärker.

Mit dem Bild des Mannes, dessen Arme auch noch nach hundert Metern aus dem Wasser der Elbe ragten wie dünne treibende Äste, mit diesem Bild, das nicht aus ihrem Kopf wollte, hatte alles begonnen. Was war passiert? Warum kam alles so nah an sie heran? Warum fühlte sie sich plötzlich verantwortlich für alle Schicksale dieser Welt?

Was würde Seydou dazu sagen, ihr schwarzer Freund aus Burkina Faso? Wie oft hatten sie nachts am Feuer gesessen und über die typisch europäische, mitunter in Hysterie ausartende Haltung diskutiert, alle Probleme allein lösen zu wollen. Dafür brachte er wenig Verständnis auf. Sie hörte ihn noch: Bleibt ein Mensch in der Mitte unter den anderen Menschen und kann sich bescheiden mit dem, was ihm zugewiesen ist, so ist ihm geholfen.

Ach, Seydou, so einfach und doch so schwierig.

Nachdenklich betrachtete sie die afrikanische Holzfigur auf dem Bücherbord neben ihrem Schreibtisch, ihren stummen Vertrauten, der sie verstand wie niemand sonst auf der Welt. Seydou hatte ihr den Fetisch geschenkt, nachdem sein Vater ihm in einer geweihten Zeremonie Macht verliehen hatte. Dieser blinden schwarzen Gestalt mit den Pflöcken in Ohren und Mund konnte man sich vorbehaltlos öffnen. Sie würde das Grauen hinter der eingeschnürten Brust bannen.

Eine Bö schlug heftig auf das Erkerfenster. Der Sturm peitschte das restliche Laub über die Auffahrt vor die Eingangstür.

Sie könnte sich auf den Hometrainer setzen, sie könnte die Haussauna anwerfen oder schon einmal ihre Unterlagen für die Steuererklärung zusammenkramen. Sie könnte sich die Briefe ansehen, die der Verlag an sie weiterleitete, Leser-Mails mit Zustimmung und Kritik zu ihren Veröffentlichungen, Schreiben, die sie in der Regel alle beantwortete. Entspannung und Muße, reinen Zeitvertreib ließ das Arbeitsethos ihrer calvinistischen Erziehung nicht zu. Sie schaltete den Fernseher ein, fand aber nichts, was sie fesselte. Nur die Normalität der alltäglichen Katastrophen.

In ihrem Arbeitszimmer bootete Beate den Laptop hoch. Lustlos stocherte sie in Ordnern herum, startete schließlich ihr Outlook-Programm. Nur wenige Mails machten überhaupt Sinn, die anderen löschte sie sofort. Renate, ihre alte Freundin aus Potsdamer Zeiten, erkundigte sich nach ihrem Befinden. Der Leiter eines süddeutschen Literaturhauses klagte sein Leid über weitere Kürzungen öffentlicher Mittel und teilte ihr gleichzeitig die Adresse des Hotels mit, in dem sie übernächste Woche untergebracht sein würde.

Ach ja, ihre kleine Lesereise, die hatte sie verdrängt. Sie musste unbedingt mit Rainer reden. Die fünf Tage ihrer Abwesenheit mussten organisiert werden.

Ihre Lektorin bat sie, die beiliegende Einladung zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung im Mai nächsten Jahres im Literarischen Kolloquium in Berlin über das Thema Literatur in Afrika anzunehmen. Vielleicht könnte sie die Veranstaltung mit einem Besuch bei ihren Eltern koppeln? Vom Wannsee, dem Ort der Veranstaltung, bis nach Potsdam war es nur ein Katzensprung. Aber im Mai, war da nicht schon etwas in Weimar? Sicher, da hatte sie bereits im Frühjahr zugesagt. Grobe Vorgabe: Schiller und die Weltliteratur. Was für eine Aufgabe! Für diesen Vortrag hatte sie noch nicht eine Zeile geschrieben.

Draußen prasselte Hagel auf den See, auf die Uferböschung und die Wiese, auf die Büsche und Rabatten neben ihrer Auffahrt. Unten, jenseits der Straße, auf dem Seeweg, bemerkte sie eine Gestalt, die sich mit einem Schirm gegen die wechselnden Winde zu schützen suchte.

Vielleicht sollte sie doch in die Sauna gehen. Sie solle sich entspannen, hatte Rainer gesagt. Er bemühte sich …

Es war ja nicht so, dass er nichts zu tun hatte. Rainer war als Leiter des größten kirchlichen Kinderheims in Essen beauftragt worden, gleich drei Heime in eine GmbH zu überführen. Die Fusionspläne belasteten ihn jetzt schon seit mehr als einem halben Jahr. Viele Arbeitsplätze waren in Gefahr. Er kam jeden Abend spät nach Hause, auch am Wochenende wälzte er Akten.

Der Hagel ging in Regen über.

Bis zur Einschulung der Zwillinge hatte Beate die Hauptlast getragen. Jetzt war Rainer dran, sie hatte lange genug verzichtet.

Sie drehte den Ton des Fernsehgeräts wieder lauter.

Irgendwo in Israel hatte sich wieder ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Der amerikanische Präsident verkündete in seiner Rede zur Lage der Nation die Botschaft, dass der Einsatz von Kernwaffen auch gegenüber Staaten möglich werde, die selbst keine besäßen. Alles verpackt in billige Worthülsen. Irgendwo in Japan war ein weiterer großer Durchbruch in der Genforschung gelungen.

Eine neue Mail mit einem merkwürdigen Absender war eingegangen: Die-elf-Haeupter-des-Zufalls@netmail.de.

Sie gab ihre Mailadresse nur an Freunde und Bekannte. Die Redaktionen, ihre Lektorin und die Pressefrau vom Verlag hatten strengste Anweisung, ihre sämtlichen Kommunikationsadressen geheim zu halten.

Die elf Häupter des Zufalls. – Was für ein obskurer Name. Und dazu ein seltsamer Betreff: Kalt werden! – Kalt werden! Was für ein Unsinn!

Sie löschte die Mail und begab sich nach unten ins Wohnzimmer. Der Wein hatte genug geatmet. Jetzt wollte sie teilhaben an seiner Ruhe. Sie griff blind in das CD-Regal.

Ach, ich habe sie verloren, all mein Glück ist nun dahin …

Glucks herzzerreißende Arie des Orpheus, der der Auflage der Götter auf dem Wege aus dem Schattenreich nicht standhalten konnte und sich nach seiner Eurydike umgesehen hatte – heute traf sie Beate ins Mark. Sie würde mit Rainer reden. Ihre Probleme waren auch seine. Sie hatten damals ihre Lebensplanung genau besprochen, ihre Aufgaben festgelegt. Natürlich, sie gaben einander große Freiheiten, aber er konnte doch nicht stillschweigend und schleichend die Bedingungen ändern.

Freitag, 10. Dezember, abends
München, Literaturhaus, Großer Saal

Bea Furrer sprach leise, aber bestimmt. Er hatte sich in die letzte Reihe gesetzt; selbst hier war sie gut zu verstehen. Sein Blick schweifte durch den großen, eher nüchternen Saal. Im Münchner Literaturhaus hatten sich gut zweihundert Zuhörer versammelt, wenige Wochen vor Weihnachten eine beachtliche Zahl, fand er. Die Furrer zog trotz ihrer nicht einfachen Sprache überall reichlich Publikum an, vielleicht auch deshalb, weil sie so selten in Deutschland auftrat.

Beifall brandete auf, er klatschte mit. Die Moderatorin mit dem aufdringlich feuerroten Kleid bedankte sich bei Bea Furrer und bat sie, doch noch einige Gedichte zu lesen: »Sicherlich auch im Namen Ihrer Fans heute hier in München.« Sie blickte Zustimmung heischend ins Publikum, das sofort wieder anfing zu klatschen.

Sein Blick traf den Büchertisch der Buchhandlung an der Tür, die zum großen Foyer hinausführte. Warum lagen nicht auch seine Bücher dort, warum saß er nicht auf der Bühne da oben? Was hatte er falsch gemacht? Gut, er war Laie, das Schreiben war sein Hobby, aber er hatte sich in zahlreichen Kursen weitergebildet, einige Lyrik-Zeitschriften hatten sogar Gedichte von ihm gedruckt. Es gab durchaus Menschen, die Hoffnungen in sein literarisches Talent gesetzt hatten. Warum hatte er nicht das studiert, was er wirklich studieren wollte? Damals hatte er sich gefügt, zumal er sich damit getröstet hatte, dass Gottfried Benn Arzt gewesen war und Franz Kafka Angestellter einer Versicherungsgesellschaft. Hatte nicht Robert Musil auch Maschinenbau studiert?

Bea Furrer beendete ihre Lesung. Als der Applaus abgeebbt war, füllte sie das mittlerweile leere Wasserglas und trank einen tiefen Schluck. Sie hatte jetzt kaum etwas zu tun, die Moderatorin hatte das Wort, da fielen Begriffe wie Globalisierung und Poesie.

Im Sommer hatte er seinen großen Essay an einige bedeutende Wochenzeitungen und Magazine geschickt, doch der Art der Absagen, wenn denn überhaupt welche kamen, hatte er ansehen können, dass niemand seinen Beitrag ernsthaft geprüft hatte.

Er brauchte die Schriftstellerin. Unbedingt. Bea Furrer, das war ein großer Name. So ein Zufall, dass gerade sie die Mail mit der Liste verschickt hatte …

Jetzt unterbrach Bea Furrer die Moderatorin: »Globalisierte Poesie, dieser Ausdruck ist eine Tautologie. Genauso wie der oft von Kritikern benutzte Ausdruck zeitlose Poesie eine Tautologie ist, denn wahre Poesie ist rund um den Globus immer zeitlos.«

Wie recht sie hatte.

Jetzt durfte sich das Publikum in die Diskussion einmischen. Nur wenige Beiträge schienen ihm gehaltvoll. Er hielt sich zurück, er durfte nicht auffallen. Nicht weit von ihm saß Rainer Rehbein. Sie hatte tatsächlich ihren Mann mitgebracht. Damit hatte er nicht gerechnet. Vorgestern, in der Nürnberger Bibliothek, war er noch nicht dabei gewesen, auch gestern nicht in der Freiburger Universität. Was machte er hier? Rainers Anwesenheit könnte sein Vorspiel gefährden.

Er wollte Beate Rehbein, wie Bea Furrer mit bürgerlichem Namen hieß, nach der Lesung berauben. Keinesfalls, um seine Kasse aufzustocken. Es war eher ein Testen seiner Fähigkeiten und – seines Glücks. Ein weiterer Probelauf sozusagen.

Sein Projekt war kostspielig. Allein die elektronischen Geräte, die er benötigte, die Wagen, die Auftragsarbeiten … Raubzüge waren mit Risiken verbunden, mit erheblichen Risiken sogar. Kleinere Läden auf dem Lande, Tankstellen, Sparkassen- und Postfilialen – Knochenarbeit! Aber jeder Überfall war eine gute Übung und machte ihn stärker für das, was da noch kommen sollte.

Er lächelte. Alles lief gut. Und er war gut.

In der nächsten Woche würde er sich um die Waffen kümmern. Maschinengewehr, Pumpgun, Pistole, Munition … Über einige Kanäle hatte er einen Tipp erhalten. In Belgien würde er alles bekommen, selbst Sprengstoff wie Semtex bot man dort an.

Bea Furrer mahnte ein Umdenken an. In der Öffentlichkeit scheine es ein Tabu zu geben, differenziert über den Begriff der Arbeit zu reden. Sie selbst stamme aus einem Elternhaus mit calvinistischen Traditionen. In der DDR sei das problematisch gewesen, was die Ausübung der Religion betraf. In Bezug auf den Begriff der Arbeit hätten sich Sozialismus und Calvinismus dagegen trefflich ergänzt: Arbeit, Arbeit, Arbeit – das war das Lebensziel. Daneben hatte nichts wirklich Bestand. Auch in der heutigen neoliberalen Gesellschaft sehe man immer nur eine Seite des calvinistischen Arbeitsbegriffes, nämlich die gewinnbringende Tätigkeit, die ihren Antrieb ursprünglich aus dem Glauben gewonnen hatte, dass sich an seinem Erfolg auf Erden zeige, ob ein Mensch für Himmel oder Hölle vorherbestimmt sei … Heute gehe es oft nur darum, sich einen Platz in den Himmels-Hitlisten der Aktiengewinne zu verschaffen. Alles sei nur ein großes Spiel, ein Tun um des Tuns willen, ohne Rücksicht auf die Folgen für die Menschen, in vielen Ländern Afrikas etwa.

Bea Furrer redete sich in Rage.

Ja, weiter, weiter so! Sie würde sein Werk ans Licht bringen.

Die andere Seite des Calvinismus, fuhr sie fort, die werde immer unterschlagen, nämlich, dass derjenige, der Erfolg habe, seinen Mitmenschen verpflichtet sei und geben müsse. Geben! Arbeit haben – nein, mit einem Besitz assoziierenden Hilfsverb könnten der Mensch und sein Glück nicht bestimmt werden … Was sei mit dem antiken Ideal der Muße, also der Zeit zum Nachdenken, was mit den zahlreichen irdischen Genüssen, die wir allesamt anstreben sollten? Verstünden wir doch Arbeit wieder – wie die alten Griechen – als Mühsal und Plage … Schiller habe einmal gesagt: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Und das bedeute eben etwas völlig anderes als ein Spiel um des Spiels willen, als ein Gewinn um des Gewinns willen …

Die Leute klatschten wieder.

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Was für ein schöner Gedanke!

»Reisen Sie rund um den Erdball«, wandte sich Bea Furrer jetzt direkt ans Publikum, »Sie werden zahlreiche Kulturen entdecken, in denen Arbeit nur eine untergeordnete Rolle im kulturellen Selbstverständnis spielt. Wir müssen damit aufhören, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir meinen, einen Tag lang nichts geleistet und nur – herumgelungert zu haben. Ich schließe mich da selbst ein.«

Nochmals rauschte starker Applaus durch den Saal.

Die Veranstaltung war beendet.

Die Schriftstellerin setzte sich an den Büchertisch der Buchhandlung, um zu signieren. Sofort bildete sich eine Schlange. Er stellte sich etwas abseits, sodass er alles gut beobachten konnte, ohne selbst von ihr gesehen zu werden. Rainer Rehbein hatte den Saal bereits verlassen.

»Soll ich etwas hineinschreiben?«, fragte Bea Furrer höflich einen ihrer Bewunderer.

»Ja, bitte, schreiben Sie: Der Mensch ist nur da ganz … Sie wissen schon, diesen Satz, das Zitat … von Schiller …«

»Und für wen? Irgendein Name?«

»Ja, bitte, schreiben Sie: Für Angela.«

Er suchte sich im Foyer einen geeigneten Platz, von dem aus er durch die offene Tür den Eingang des Saals mit dem Büchertisch beobachten konnte. Nach einer guten halben Stunde, als das letzte Buch signiert war und Bea Furrer sich von der gesprächigen Buchhändlerin verabschiedet hatte, wurde sie von einem jungen Mann in ein Büro geführt. Dort würden sie jetzt das Finanzielle abwickeln, da war er sicher.

Das Dezemberwetter kam ihm zugute. Er trug einen langen, gefütterten Trenchcoat und hatte den Kragen hochgeschlagen. Seinen Kopf bedeckte eine dunkle Wollmütze, die er in die Stirn gezogen hatte. Als er Beate aus dem Zimmer kommen und sich von dem Mann verabschieden sah, zog er die Mütze ein wenig tiefer.

Sie kam direkt auf ihn zu. Ihr Ehemann war noch nicht bei ihr.

Er trat zur Seite, damit er ihr die Handtasche im Lauf entreißen und direkt durch den Haupteingang verschwinden konnte.

Jetzt. Er rannte los.

Sonntag, 26. Dezember, 2. Weihnachtstag, nachmittags
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Die Dämmerung senkte sich bereits, der Wind schäumte den See auf, bisweilen schlugen Schauer an ihr Fenster – ein Wetter, das in alten Papieren kramen ließ, verlegte Fotos hervorlockte, Liegengebliebenes nach oben spülte. Dieses Turmzimmer war ihr Reich, das sie von Anfang an stürmisch für sich beansprucht hatte, ein wenig abseits vom familiären Trubel, ein Erker an der großen Villa mit freiem Blick auf den See und die gegenüberliegende bewaldete Hügelkette, auf der im Winter, tagsüber und bei gutem Wetter, zwischen den mächtigen Ästen der alten Buchen das alles beherrschende Dach der berühmten Krupp’schen Villa sichtbar wurde.

Rainer hatte sich in der Vorweihnachtszeit geradezu vorbildlich verhalten, gerade so, als ob er etwas gutmachen wollte. Bei dem einen Ausflug mit den Kindern nach Münster war es nicht geblieben. Er war ihr sogar zu ihrer Lesereise in Süddeutschland nachgereist und hatte sie mit seinem Besuch überrascht. Trotz des ärgerlichen Raubüberfalls hatten sie das Adventswochenende in München mehr als genossen. Seitdem kamen die Albträume seltener.

Beate öffnete den Ordner Gedichte in ihrem Notebook. So vieles war angefangen und wartete auf den Moment, in dem lose Fäden geknüpft, Bilder verbunden werden konnten; einzelne Silben, Worte, plötzliche Fügungen leuchteten wie Farbtupfer auf einer Leinwand … das Gefieder deines Blicks … Sie spürte ihn über ihre Wange hinter das Ohr schweben. Sie liebte Rainer für diesen Blick, der über sie strich wie der Hauch seines Atems. Oder doch besser … das Gefieder deines Atems …

Wie schwierig Liebesgedichte doch waren.

Es war so still, leer blieben die Augen des Fetischs im Regal. Nein, kein Stachel bohrte in ihr. Sie legte die Arme auf die Lehnen des alten Ohrensessels, schmiegte ihren Kopf an eine seiner Wangen und hielt inne. Den Ohrensessel hatte ihr der Schwiegervater überlassen.

Der alte Pastor. Auch wenn Rainer seine Geschichten mit ihm hatte, sie war immer mit ihm klargekommen. Vater und Sohn, Militärpfarrer und aufmüpfiger Nach-Achtundsechziger: Konfliktpotenziale bis zum Lebensende. Beate konnte mit ihm reden. Er war wie sein Ohrensessel, stets ein Ruhepol. Ihr eigener Vater verweigerte das Reden – seit damals, seit sie auf die andere Seite gewechselt war.

Von irgendwoher hörte sie Stimmen.

Nein, nein. Beate schloss die Augen, niemand sollte jetzt kommen, nicht hierher. Die Dämmerung wanderte über ihre Hände. Stille jetzt, sodass die Härchen ihrer Arme sich aufrichteten.

… das Gefieder deiner Hände …

… der Gesang deines Schweigens an meinem Ohr …

Nein, vielleicht doch:

Das Gefieder der Hände

An meinem Ohr

Der Gesang deines Schweigens.

Von unten schmetterten plötzlich Trompeten bis zu ihr hoch: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude … Natürlich, der Pastor hatte die Musik für den zweiten Weihnachtsfeiertag ausgesucht und wie immer den zweiten Teil des Bach’schen Weihnachtsoratoriums gewählt. Bass- und Tenorarien wurden nur von den Mädchen übertönt, die immer lauter nach ihr riefen.

Der Laptop piepte. Eine neue Mail war eingegangen. Beate schaltete auf das Outlook-Programm um. Wieder dieser merkwürdige Absender: Die-elf-Haeupter-des-Zufalls@netmail.de. Und wieder dieser seltsame Betreff: Kalt werden! Seit Wochen bekam sie in unregelmäßigen Abständen diese Mails. Bisher hatte sie sie sofort gelöscht. Das Programm verschob diese Mails nicht in den Spamordner, sondern legte sie regulär in ihrem Posteingang ab. Ihr Virenschutzprogramm war auf dem absolut neuesten Stand. Die Mail hatte keinen Anhang. Was konnte groß passieren? Sie öffnete die Nachricht.

Frohe Weihnachten, Beate. Ich darf Sie doch Beate nennen? Genießen Sie die Feiertage. Die elf Häupter des Zufalls. Das ist mein Programm. Und kalt werden, kalt sein – mein Auftrag. Weil nur das zufällige Böse noch etwas bewirken kann. Nur noch ein paar Tage, am 1.1. schlägt der Zufall das erste Mal zu. Und nach und nach werden Sie, werdet Ihr alle verstehen. Frohe Weihnachten.

Nichts weiter. Kein Gruß, kein Name, keine Adresse.

Madeleine und Melanie stampften die Treppe hoch, rissen die Tür auf, die eine zerrte an ihren Armen, die andere brüllte ganz unweihnachtlich in ihr empfindsames Ohr: »Komm doch jetzt endlich!«

Beate schaute noch einmal auf die Nachricht, löschte sie mit einem Kopfschütteln und fuhr das Notebook herunter, bevor sie die Mädchen unterhakte und mit ihnen nach unten ging.

Die Zwillinge wollten ein neues Spiel ausprobieren. Am Tisch schenkte Maria Kaffee ein. Dann spielten sie. Beate hatte kein Glück, immer gewannen die anderen. Sie genoss trotzdem jede Sekunde. Madeleine und Melanie lachten, sie waren glücklich. Dass sie alle beisammen waren und spielten, das war selten genug. Leider. Doch heute war keine Zeit für ein schlechtes Gewissen. Beate forderte die Mädchen zu einer Revanche auf.

Irgendwo klingelte das Telefon. Es war Herbert, der Chefredakteur einer der größten Zeitungen Deutschlands. »Hast du schon die Nachrichten gesehen? Unglaublich! Mach schnell, ich rufe gleich wieder an. Könnte eine Riesengeschichte werden!«

Beate nahm die Fernbedienung, wählte eins der Nachrichtenprogramme: »Tsunami im südostasiatischen Raum nach schwerem Seebeben … Epizentrum im Indischen Ozean … Überschwemmungen in Sri Lanka … Thailand … weite Teile der beliebten Urlaubsgebiete betroffen … Stärke 9,3 auf der …« Die Bilder zeigten eine Wasserwüste mit Bruchstücken von Häusern, entwurzelten Bäumen, demolierten Autos, die Richtung Meer trieben, sie zeigten reißende, von Treibgut schäumende Flüsse in Ortschaften. »Seebeben … Warnung kam zu spät … Hunderte Dörfer der Provinz Aceh unter Wasser … bis an die afrikanische Küste … mit bis zu 3000 Toten …«

Das Telefon schrillte erneut, Beate griff zum Hörer, lauschte, schwieg.

»Da musst du hin, Beate, ich schicke dir Tenten als Fotografen mit … Ihr trefft euch morgen in Frankfurt, ich lasse dir den Buchungscode faxen. Am besten fliegst du nach Phuket …«

»Ja, Herbert, ich kann … Herbert, ich muss, schau …«

»Da sind auch viele deutsche Urlauber … Die Themen liegen da im Wasser.«

Rainer wich ihrem Blick aus. Beate schaute hilflos zu dem hohen Tannenbaum mit den Silberkugeln hinüber, die im flackernden Schein der Kerzen schimmerten. Der Pastor hatte einen Ausdruck im Gesicht, der sagte: Das musst allein du entscheiden.

Herbert redete unaufhörlich auf sie ein: »Beate, mach es. Ich spüre, das ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange. Eine der größten Naturkatastrophen der Menschheit … Ich ahne es, glaub mir. Lange hat die Welt auf so einen Tsunami gewartet. Irgendwann wird auch ein Komet einschlagen. Aber das kann dauern. Dass wir diese Welle erleben dürfen! Du kannst schreiben, was du willst. Nur flieg, flieg …«

Beate schaute nur noch zu den Mädchen. »Nein, nein«, murmelte sie irgendwann. Dann sagte sie bestimmt: »Herbert, ich mache es nicht, aktuelle Berichterstattung ist nicht meine Sache, das weißt du … Katastrophenfledderei schon gar nicht.«

»Dein letztes Wort?«

»Mein letztes Wort.«

Freitag, 31. Dezember, gegen 22 Uhr
Frankfurt am Main, Wohnviertel am Stadtrand

Er schloss die Tür, die zum Garten führte, sah sich vorsichtig in den Kellerräumen um, begann dann das ganze Haus zu inspizieren. Als er wusste, dass er allein war und nur darauf warten musste, dass sie nach Hause kam, richtete er sich in ihrem Ohrensessel vor dem Fernseher im Wohnzimmer ein.

Bis zwei Uhr früh, hatte er sich vorgenommen, würde er auf ihre Rückkehr warten. Die Zeit des vorgesehenen Interviews eingerechnet, würde er ihre Tötung spätestens um vier Uhr vollziehen. Das Risiko des Lärms konnte er in Kauf nehmen: In der ersten Nacht des neuen Jahres würden die Menschen jeden Lärm auf das besondere Datum schieben.

Er hatte sie bereits vor Wochen ausgespäht. Sie war alleinstehend, wohnte zurückgezogen und ging kaum aus. Er hatte gehofft, dass dies auch heute, zu Silvester und in der Neujahrsnacht, so sein würde. Der 1.1. Wie eine symbolische Fanfare war ihm dieses Datum erschienen, Auftakt seines großen Werks: am ersten Tag des neuen Jahres die erste von elf Tötungen! Rache allein war zu billig.

Seit Mittag hatte er ihr Haus noch einmal beobachtet, wie schon in den Wochen zuvor. Um 21 Uhr hatte er über den Garten und die unzureichend gesicherte Kellertür ins Haus eindringen und sie überraschen wollen. Bis zu diesem Zeitpunkt wären eventuelle Gäste, die ihn hätten stören können, eingetroffen, und er hätte seine Aktion abgebrochen.

Gegen 19 Uhr hatte Annegret Mischinski das Haus plötzlich verlassen. Er war ihr eine Weile durch die Siedlung zu einer Mietshausadresse gefolgt. Auf den Türschildern stand kein Name, der ihm etwas sagte. Da sie nur eine Plastiktasche, darin vermutlich eine Sekt- oder Weinflasche, und kein weiteres Gepäck dabeihatte, war er davon ausgegangen, dass sie bei den Unbekannten nicht über Nacht bleiben würde. Er hatte den Rückweg zu ihrem Haus eingeschlagen, um dort auf sie zu warten.

Ein Geräusch schreckte ihn auf. Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen. Er schaute auf seine Uhr. Es war kurz nach 22 Uhr.

Die Tür schlug zu, er hörte Schlüsselgeräusche, dann hantierte Annegret Mischinski eine Zeit lang in der Küche. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand kam sie schließlich in den Wohnraum, knipste einen Teil des Deckenlichtes an, ging zum Fernseher, stellte die Tasse darauf ab, schaltete ihn ein, nahm die Fernbedienung, zappte herum und landete schließlich bei einem Sender, auf dem Karl Moik mit seiner Volksmusik Spenden für die Tsunami-Opfer sammelte.

Als er aufstand, entdeckte sie ihn. Tasse und Untertasse zerschellten auf dem Boden, Kaffee verspritzte. Sie schrie nicht.

Ihr Blick zeigte ihm, dass sie nicht wusste, für wen sie ihn halten sollte. Als sie langsam rückwärtsgehend den Raum verlassen wollte, zog er die Beretta hervor. Er bat sie mit ruhiger Stimme, stehen zu bleiben, den Ton des Fernsehers leise zu stellen. Kurz darauf wusste er, dass sie aus keinem besonderen Grund, sondern wegen starker Kopfschmerzen nach Hause gekommen war. Nein, sie erwarte keinen Besuch mehr.

Er legte ihr eindringlich die Gründe auseinander, warum sie als Erste von elf Menschen noch heute Nacht sterben müsse. Er nahm sich Zeit, ihr mit allen Details ruhig und bestimmt zu erläutern, dass sie ihm persönlich gleichgültig sei, dass ihr Tod allein dem höheren Ziel diene, von dem er ihr erzählt habe.

Hatte sie eben noch größte Angst davor gehabt, vergewaltigt zu werden, wollte sie sich ihm jetzt, als sie wusste, was ihr bestimmt war, freiwillig hingeben …

Er bemerkte, wie etwas heiß in ihm hochstieg. Um die aufkommende Wut zu beherrschen, fügte er seinen Ausführungen klare Worte hinzu: Dass sie, Annegret Mischinski, geboren 1956, doch nicht allen Ernstes glauben könne, dass er das Risiko, in ihr Haus einzubrechen, eingegangen sei, um mit ihr, einer gut fünfzigjährigen Frau, zu vögeln, die in ihrem Leben im Grunde nichts anderes gemacht habe, als zu ficken, um die gesellschaftliche Leiter so weit wie möglich hinaufzuklettern, und die man mit gutem Recht auch als Nutte mit Trauschein bezeichnen könne. Und, was habe es ihr gebracht? Nichts. Ihr Mathe-Professor sei weg. Nichts habe sie mehr. Auch ihre Tochter sei weg. In den siebziger Jahren, in den achtziger Jahren, da hätten den Menschen die Türen offen gestanden. Aber was habe sie, Annegret Mischinski, aus ihrem Leben gemacht? Wo seien ihre Träume geblieben? Habe sie nicht einst die Welt verbessern wollen? Sie sei doch in der Anti-Atomkraft-Bewegung gewesen, oder? Sei auf Demos gewesen, habe Gorleben besetzt. Habe sich an Schienen anketten lassen. Und jetzt? Jetzt bekomme sie an Silvester Migräne und würde das neue Jahr mit diesem singenden Spaßhansl begrüßen. Ob das wirklich ein Leben sei, fragte er, und sie sah ihn an, als ob er aus einer anderen Welt käme.

Er müsse sie verwechseln, sagte sie und begann zu weinen. Sie sei das nicht. Er verwechsle sie. Er solle sie doch bitte erklären lassen, wer sie sei.

Annegret Mischinski leugnete, Annegret Mischinski zu sein, die Hure, die sich den schönsten Professor des Campus gekrallt hatte.

Sie wollte nie diejenige sein, die sie war.

Sie wollte immer jemand anders sein.

Sie war nie sie selbst gewesen, sondern immer nur ihr Entwurf.

Er nahm die Karteikarten in die Hand und erklärte es der Mischinski anhand seiner Notizen.

Das war es ja gerade, darum ging es doch. Es ging längst nicht mehr um Identität und Nichtidentität, nicht mehr um Schuld und Nichtschuld, um Verantwortung oder Nichtverantwortung. Natürlich war die Annegret Mischinski, die da vor ihm stand, nicht die Annegret Mischinski, deren Biografie er so genau kannte. Aber darauf kam es nicht an, das war es ja gerade! Das war Teil des Werks, dessen Fundament er gerade legte.

Was machte sie da jetzt?

Obwohl er es ihr verboten hatte, stand sie binnen weniger Sekunden nackt vor ihm und bot sich schamlos feil. Auf solch eine Situation war er nicht vorbereitet. Als sie noch näher kam, ihn anfasste und streichelte und sich auf seinen Schoß setzen wollte, schrie er sie an und stieß sie weg.

Was hatte er erwartet? Die Wut war wieder da.

Zwei Schüsse lösten sich. Der erste streifte ihre Schläfe, das Holz der Kirschbaumwand hinter ihr splitterte. Die zweite Kugel traf sie. Als sie auf den Berberteppich sank, schrie sie.

Im Fernsehen sang das Publikum einen Refrain mit von einem Holzmichl, der tatsächlich immer noch leben sollte.

Er holte von der Couch Kissen und eine Decke und legte sie ihr um. Die Kugel hatte nur ihr Wadenbein durchschlagen.

Er riss einen der beiden luftigen, in Frühlingsfarben gehaltenen Seitenschals von den Fenstervorhängen ab und band, obwohl keine wichtige Ader getroffen schien, zur Sicherheit das Bein in der Höhe des Knies ab.

Er schaltete die neben dem Sessel auf ein kleines Stativ montierte Videokamera ein und ließ Annegret Mischinski ihr Leben berichten.

Dann schaltete er die Kamera ab.

Ihr Blick war leer.

Die letzten Sekunden des alten Jahres verrannen. Die Menschen auf dem Bildschirm waren immer noch lustig, fast alle im großen Saal machten eine Polonaise mit, vorneweg marschierte dieser Spaßhansl. Alle anderen klatschten im Rhythmus mit. Und es schien ihm, als ob die Hände der Klatschmaschinen eigentlich Dampfhämmer seien, und ihm fiel Kafkas schöne weiße und rote Dame ein, die Enkelin des Zirkusdirektors aus Auf der Galerie, diese Zirkusreiterin, die bei ihren Kunststücken so wunderbar die Balance halten konnte. Aber die Haltung des Galeriebesuchers, der nicht wusste, dass er weinte, als er sie beobachtete, die konnte er sich nicht erlauben. Er musste immer wissen, was mit ihm vorging, er musste kalt bleiben.

Annegret Mischinski blickte wie gebannt auf die digitale Uhr auf dem Bildschirm, als ob sie ihren Tod Punkt null Uhr erwartete.

Als das neue Jahr begann, brach draußen die Hölle los. Kracher und Böller gingen hoch. Durch die Terrassentür waren bunte Raketen am Himmel zu sehen, Goldregen und farbige Tropfen rieselten herab. Er wies die Mischinski an, die Rollläden herunterzulassen. Sie drückte einen Knopf an der Wand neben dem Fenster.

Ein Handy klingelte. Annegret Mischinski zuckte zusammen. Ihr Sohn, aus Hamburg, ob sie abnehmen dürfe, fragte sie leise, sie wolle sich wenigstens verabschieden.

Er schaute auf die Uhr, überlegte kurz und nickte dann.

Während Annegret Mischinski versuchte, das Telefon zu erreichen, schoss er ihr mit der Beretta in den Rücken. Sie fiel zu Boden, mit dem Gesicht nach unten. Sie war jetzt wieder nackt, die Decke, in die sie eingewickelt war, hatte sich gelöst. Sie schien sich drehen zu wollen, konnte sich aber kaum bewegen. Er nahm die Kalaschnikow aus der Sporttasche, entsicherte sie und schoss ihr mehrere Salven durch Kopf und Leib.

Er drehte die Tote auf den Rücken und drückte ihr die Augen zu. Erst nach mehreren weiteren Salven war er mit seiner Arbeit zufrieden.

Noch war nicht alles getan. Er legte die Mischinski in die von ihm gewünschte Position, spreizte ihre Beine, holte den mitgebrachten Pinsel aus der Tasche, tauchte ihn in ihr Blut und zog einen dicken Strich über ihren Unterbauch.

Er ging in die Küche, fand, was er suchte, und vollendete, was noch getan werden musste.

Er sah sein Werk an und war stolz auf sich.

Das erste Haupt hatte sein Opfer gefunden.

Diese Tötung würde ihnen ein Rätsel aufgeben.

Ein erstes Rätsel.

Sonntag, 9. Januar, mittags
Mallorca, nahe Palma de Mallorca,
Finca Tomarse tiempo

Elisabeth Draschkowski schlug die Augen auf und war einfach da. Pünktlich, zur geplanten Zeit, ohne Wecker. Wer konnte von sich schon sagen, dass er eine so präzise innere Uhr hatte? Das war Training, jahrzehntelanges Einhalten einer festen Ordnung, auch jetzt noch. Ein Anflug von Stolz wärmte sie. Es funktionierte, auch sonntags. Sie räkelte sich, richtete sich ein wenig auf und sah in den Spiegel, der einen großen Teil der gegenüberliegenden Wand einnahm. Eine fahle Wintersonne vor den hauchzarten Gardinen streute ein schwaches Spektrum über die geschliffenen Kristallränder des Spiegels. Wie in einem schimmernden Rahmen sah sie sich liegen.

Sie zog ihr seidenes Sleepshirt ein wenig höher. Was sie sah, gefiel ihr. Gerade sie als ehemalige Physiotherapeutin konnte das beurteilen. Keine Cellulitis, keinerlei Bindegewebsschwäche, und das in ihrem Alter. Mit ihren einundfünfzig Jahren fühlte sie sich knackig wie Mitte dreißig. Oft. Heute. Denn Juan würde nachher kommen. Hoffentlich. Er machte sich rar in letzter Zeit.

Sie tat viel für ihre Fitness und Ausgeglichenheit. Keine Schinderei mehr, das ewige Gehetze, um die Zeit optimal zu nutzen. Sie hatte nichts zu verschenken gehabt und, als sie noch selbst massierte, auch ohne Sanduhr gewusst, wann zwanzig Minuten für eine Massage vorbei waren. Als sie vor einigen Jahren genug Geld hatte, sich in einer der besten Wohnlagen Mallorcas, mit Nachbarn aus Sport und Politik, dieses Grundstück zu kaufen und aus Natursteinen ihre Finca bauen zu lassen, da hatte auch sie ihre Entdeckung der Langsamkeit gehabt. Ein Erweckungserlebnis. Tomarse tiempo hatte sie ihre Finca genannt. Tomarse tiempo – sich Zeit nehmen, sich Zeit lassen. Zeit für sich selbst ein Programm, das ewige Tempo! Tempo! dieser Gesellschaft zu entschleunigen. Ein wundervolles Programm.

Sie erhob sich von ihrem Futon, ging zum Geländer des Mezzanins, das ihren Schlafraum bildete, und sah hinab auf den großzügigen Wohnbereich mit dem offenen Kamin und den mit inseleigenem Rindsleder bezogenen Sitzmöbeln. Sie hatte ein Recht auf all das hier, auf dieses Leben.

Heute war Sonntag, ein leicht verhangener, aber doch herbstlich milder Januartag. Sie würde sich gleich ein duftendes Bad einlassen und dann in ihrer Küchenbar ein Frühstück mit frisch gepresstem Saft, mit Knäckebrot, Quark, Honig und Müsli zubereiten, das sie auf der Veranda unter sanfter UV-Strahlung einnehmen würde, um die herrliche Aussicht auf die Zwergpalmen, die Erdbeer- und Mandelbäume bis hin zu den Kakteen und Wacholderbüschen, dem Rosmarin und den Aleppokiefern auf den Anhöhen gegenüber zu genießen. Tomarse tiempo. Nicht mehr ständig auf den Timer gucken. Es genügte, das Datum zu kennen: 9. Januar, der zweite Sonntag des neuen Jahres.

Ihr Blick fiel auf die kleinen Holzengel, den Schwibbogen und auf die vertrockneten Tannenzweige mit den heruntergebrannten Kerzen. Sie musste das Zeug endlich abräumen und entsorgen. Hatte ihr Vater die Weihnachtsdekoration nicht bis weit nach Heilige Drei Könige stehen lassen, gegen die ewigen Proteste ihrer Mutter? Sie spürte einen Stich. Wie gern hatten sie früher zusammen im dunklen kleinen Wohnzimmer um den Baum mit den leuchtenden Kerzen gesessen. Vater hatte Gitarre gespielt, Mutter hatte von früher erzählt, und sie hatten wirklich gesungen.

Hatte sie deswegen nie einen Mann fürs Leben gewollt? Zu viel gearbeitet, um hochzukommen? Zu viel ans Geld gedacht, zu viel Zeit verbracht, um es zu vermehren, zu viel Zeit verbraucht, noch am Adventssonntag die Buchhaltung? Natürlich hatte es zwischendurch Männer gegeben, irgendwelche. Einmal …

Nein, kein Selbstmitleid jetzt. Sie hatte gewählt. Und doch blieb da ein bitterer Geschmack im Mund. Einmal, ganz früher, da war etwas geschehen, da hatte sie sich verliebt – und gleich mehrere Fehler begangen. War sie selbst schuld daran gewesen, dass da etwas unwiderruflich verloren gegangen war? War das jetzt Angst, was ihr wie ein Kribbeln im Rücken hochstieg? Angst, eines Tages mit so viel Zeit an diesem Ort allein zu sein?

Schluck das runter, Elisabeth, heute ist Sonntag, und nachher kommt Juan. Ich weiß leider gar nichts über Sex, weil ich immer verheiratet war. Dieser in ihrem Freundinnenkreis oft kolportierte Spruch von Zsa Zsa Gabor hatte mit ihrem Leben nun wirklich nichts zu tun.

11 Uhr 30, die sonntägliche Pflicht einer zuverlässigen Tochter rief. Elisabeth Draschkowski griff zum Telefonhörer und wählte die gespeicherte Nummer. Ihr Vater wartete um diese Zeit auf ihren Anruf – wenn er denn heute einen hellsichtigen Tag hatte. Ob er überhaupt noch etwas mitkriegte? Seine Demenz sei rapide fortgeschritten, hatte man ihr kürzlich zu verstehen gegeben. Am anderen Ende der Leitung nahm eine Pflegerin ihren Anruf entgegen und gab den Hörer an ihren Vater weiter. Zehn Minuten später trat Elisabeth wieder auf die angenehm warme Veranda. Hier ließ es sich zu jeder Jahreszeit aushalten.

Deutschland reizte sie nicht mehr. Ein-, zweimal im Jahr flog sie hin und besuchte ihren Vater, ansonsten nur dann, wenn unaufschiebbare Bankgeschäfte zu erledigen waren. Sie hatte sich bis zum Ende der achtziger Jahre ein Gesundheitszentrum mit etlichen Filialen aufgebaut und Wellness angeboten, als der Begriff in Deutschland selbst Insidern kaum bekannt war. Als dann die Wende kam, hatte sie Kapital genug, auch in den neuen Bundesländern zu investieren, hatte ein glückliches Händchen gehabt und ausgesorgt.

Mittlerweile hatte sie praktisch alles verkauft. Deutschland war für sie Dunkeldeutschland, und sie meinte damit keineswegs nur die neuen Bundesländer. Deutschland war das Land der ewigen Klagen, der Lähmung in Trübseligkeit, in dem das Wort Aufbruch oft nur den lukrativen Auszug ganzer Wirtschaftszweige ins lohnkosten- und steuergünstigere Ausland meinte, nicht aber den Mut zum Risiko, den Aufbruch aus lieb gewordenen Gewohnheiten und Pfründen. Sie besaß in dem Land ihrer Herkunft nur noch wenige Immobilien, die sie aus Sicherheitsgründen nicht veräußern wollte. Man wusste ja nie, wozu es einmal gut sein könnte.

Vor einiger Zeit hatte sie eine Einladung zu einem Klassentreffen ihres Jahrgangs erhalten. 25 Jahre Abitur! Sie hatte abgesagt, obwohl er sie bei seinem letzten Telefonat inständig gebeten hatte zuzusagen.

Oh nein. Elisabeth hatte abgewinkt. Warum war ihm das so wichtig? Für sie gab es nichts Schlimmeres, als die Zeit zurückdrehen zu wollen und sentimentales Theater zu spielen. War es nicht genau das, wenn sich ein Haufen ehemaliger Schüler nach Jahrzehnten wiedertraf und alle sich bereits nach wenigen Minuten mit billigen Masken einen mühsam errungenen gesellschaftlichen Status vorgaukelten, als habe bei jedem Einzelnen eine ganz persönliche Entwicklung stattgefunden? Irrtum. Menschen entwickeln sich nicht. Bestenfalls machen sie etwas aus sich, aus den ihnen mitgegebenen Anlagen.

Das Treffen zum Zehnjährigen hatte sie noch besucht. Eine deprimierende Zusammenkunft damals, 1990. Schon nach zehn Jahren waren eigentlich alle mit ihrem Leben irgendwo angekommen. Nichts als Stagnation, trotz der Aufbruchsstimmung der Wiedervereinigung. Elisabeth konnte sich nicht vorstellen, dass es mittlerweile anders sein sollte. An die Stelle der Stagnation war vermutlich Agonie getreten.

Warum meldete er sich nicht mehr? Bestimmt waren vier oder fünf Monate seit seinem letzten Anruf vergangen oder gar mehr? Dabei war ihm doch die Sache, von der er erzählt hatte, so wichtig gewesen. Sie hatte brüsk abgeraten, kein Interesse gezeigt. Warum alte Wunden aufreißen? Nein, nein! Rief er deshalb nicht mehr an? Er konnte so stur sein. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, dass er ihr etwas verschwiegen hatte.

Elisabeth ging zurück ins Haus und kramte in einer Schublade ihres Sekretärs. Vor Weihnachten hatte sie das letzte Mal versucht, ihn zu erreichen. Irgendwo hatte sie seine Nummer notiert. Die Türglocke ging.

Das konnte nur Juan sein, der schöne Juan, mit dem sie gleich Sauna und Gymnastikraum teilen würde, dieser wunderbare Juan, der sie stets so zauberhaft massierte, der herrliche Juan, mit dem sie einen himmlischen Nachmittag am Pool verbringen würde, der feurige Mallorquiner, der seit acht Wochen ihr Jungbrunnen war.

Die Glocke schlug erneut an.

Eigentlich konnte es nicht später sein als 11 Uhr 45. Sie waren für 12 Uhr verabredet, aber Juan hatte sich noch nie an genaue Zeiten gehalten. Ein Südländer eben. Sie lächelte, und ohne die Videoüberwachung über der Eingangstür eines Blickes zu würdigen, öffnete sie die Tür und schloss die Augen in Erwartung einer leidenschaftlichen Begrüßung.

Montag, 10. Januar, vormittags
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Das Tageslicht bahnte sich nur unter größten Anstrengungen den Weg durch die tief hängenden Wolken. Es war ein frostiger Januartag, eine dünne Schneedecke verbarg seit dem frühen Morgen die Wiesen, Felder und Sträucher. Die kurze Auffahrt zu Pastors Villa, wie sie seit Urzeiten genannt wurde, wirkte wie frisch gepudert. Der See war nur an den Rändern zugefroren, denn durch den See floss die Ruhr, die der Region ihren Namen gab.

Über dem Wasser stand der Nebel, und das Weiß darum herum ließ alles verschwimmen, sodass kein Baum, kein Strauch, kein Ding sich mehr vom anderen klar unterschied. Er fand, dass eine mond- und sternenlose Nacht in einem finsteren Wald nicht bedrohlicher sein konnte als ein Zwielicht am Tag, das Dinge und Menschen auflöste, sie austauschbar, ihre Eigenart und ihren Ort unbestimmbar machte. Das wirklich Böse war die Unschärfe, und sie war es, die ihm in seinem Leben stets Angst gemacht hatte. Er war überzeugt: Er lebte in einer Welt, die nur noch Unschärfen kannte.

Heute allerdings wirkte das Wetter wie bestellt. Er hatte nichts zu befürchten. Der Hausherr war üblicherweise im Dienst, die Kinder waren in der Schule, Beate Rehbein alias Bea Furrer irgendwo in Südostasien. Einzig die Eltern waren im Haus, aber dieses Risiko musste er eingehen. Es war an der Zeit, das Umfeld der Schriftstellerin genau zu erkunden.

Erst gestern hatte er ein Interview mit Bea Furrer im Fernsehen gesehen. Sie hatte am Strand von Phuket gestanden, man hatte sie dekorativ vor zerstörte Hotelanlagen und ein im Hotelpool gestrandetes Fischerboot postiert. Sie wollten den O-Ton einer Intellektuellen. Auf die blödsinnige Frage, ob sie je mit einer solchen Katastrophe gerechnet habe, antwortete sie mit dem persischen Poeten Dschalal ad-Din Rumi, ganz leise, ganz langsam: Das Erdbeben ist in der Tiefe des Meeres …

Sie würde es tun.

Er hatte Zeit. Er würde sie zwingen. Er konnte warten.

Das Haus lag am Hang und war, so schätzte er, gut fünfzig Meter entfernt und fünfzehn Meter höher gelegen als sein Standort. Vom Haus aus konnte man mit Sicherheit über die alten Bäume und über den See hinweg auf die Uferpromenade und den kleinen Segelhafen sehen, bis drüben auf die andere Seite, wo sich nicht nur der exklusive Golfplatz befand, sondern auch das Gelände des Hockeyclubs und, neben den Hallen des Ruderclubs, die große Tennisanlage, auf der schon Boris Becker gespielt hatte.

Konzentriert atmete er die frische Schneeluft ein.

Alles lief nach Plan. Ab jetzt gab es kein Zurück mehr. Angst hatte er nicht. Warum auch? Wenn man nicht weiß, woher man kommt, wohin man gehen kann – so etwas machte ihm Angst. Er hatte klare Ziele. Aus seinen Vorstellungen war Wirklichkeit geworden, und er hatte die erste Tötung vollzogen. Wochenlang hatte er sich darauf vorbereitet. Er war alle Eventualitäten durchgegangen, hatte in einer Art Meditation jedes mögliche Gefühl durchgespielt, das ihn von der geplanten Tat abhalten könnte, hatte selbst die Überwindung eines vielleicht doch aufkommenden Mitleids geprobt, sich sogar in eine künstliche Erstarrung versetzt, um zu trainieren, diese Starre zu überwinden. Ebenfalls zu Übungszwecken hatte er sich große Puppen mit realistischen Gesichtern besorgt, hatte lange mit ihnen gesprochen, um sie dann zu töten.

Kalt werden muss ich, kalt werden.

Jetzt wusste er: Jede Art von Vorstellung kommt nicht an den tatsächlichen Akt heran, wenn es ums Töten geht.

Andere, so hatte er gelesen, hatten einen Machtrausch erfahren und von einer wundersamen Leichtigkeit gesprochen. Unsinn!

Er hatte es noch in der Nacht geschafft, am Rande von Frankfurt einen Geldautomaten ausfindig zu machen. Annegret Mischinski hatte ihm für ihre Cards tatsächlich die richtigen PIN-Nummern genannt. Die Karten hatte er anschließend in einen Gully entsorgt. Dann hatte er nur noch fürchterlich gezittert, an Händen und Beinen, am ganzen Körper. Die Angst, entdeckt und gefasst zu werden, hatte in dem Maß abgenommen, in dem er sich vom Ort der Tötung entfernt hatte. Da er sich zuvor informiert hatte, hatte er gewusst, dass sich nach einer solchen Tat unvermeidlich Panik einstellen würde. Diese Attacken zu verhindern war nicht möglich, auch künftig nicht, selbst wenn er bei weiteren Tötungen besser damit umzugehen lernte.

Er redete vom Töten, von Tötungen. Andere würden von Mord und von ihm als einem Mörder sprechen, das war ihm klar.

Ein alter Mercedes rollte die steile Auffahrt hinunter und bog in die Straße ein, die zum Seeufer führte. Am Steuer saß ein alter Herr, neben ihm eine Frau mit Hut, unter dem weiße Strähnen zu sehen waren. Das konnten nur der alte Militärpfarrer und seine Frau Maria sein. Alles passte. Es würde noch einfacher sein als gedacht. Er wechselte die Straßenseite.

Schon von hier unten aus konnte er gut sehen, dass das verwinkelte Haus mit seinen Schnörkeln und Ornamenten, seinen ausladenden Balkonen und seinem angedeuteten Fachwerk geschickt in den Hang hineingebaut worden war. Das von ihm aus gesehen zweite, von der Hangseite aus erste Stockwerk hatte auf der rechten Seite einen separaten Eingang mit einer breiten, geschwungenen Treppe. Sie führte in den Vorgarten, wo die beiden Garagen standen, sodass die Alten sowohl über einen kurzen eigenen Zugang zu ihrer Wohnung als auch einen getrennten Zugang zu den Garagen verfügten. Die linke Seite des Hauses zierte ein Erker mit geschnitzten Holzarbeiten, der wie eine große Nase in den Garten hineinragte.

Er trat einen Schritt aus seiner Deckung hervor. Man sah dem alten Pfarrershaus seine prachtvolle Herkunft aus der Zeit um 1900 noch deutlich an, wenngleich es vor einigen Jahren im Zuge eines Ausbaus generalüberholt worden war. Moderner Anbau und Restaurierung waren so geschickt ausgeführt, dass die Villa souverän mit dem Charme gründerzeitlicher Zitate zu spielen schien.

Das nächste Haus war mindestens achtzig Meter entfernt. Den Platz zwischen den Häusern beanspruchten die leicht geschwungenen Auffahrten und die Gärten neben und hinter den Villen, wo man offenbar einige Terrassen angelegt hatte, um der Hanglage wenigstens ein paar Quadratmeter für Sonnen- oder Grillplätze, Blumen- und Gemüsebeete abzutrotzen. Irgendwo oberhalb des Hauses der Rehbeins vermutete er eine weitere Straße, denn etwa einhundert Meter höher, auf dem Hügelkamm, zeichneten sich die Dächer von einigen Häusern ab.

Die Entfernung passte, die Bäume würden nicht stören. Den Kleinbus könnte er vielleicht da oben auf der zweiten Verbindungsstraße unauffällig parken. Er würde es sich ansehen müssen. Die einfachsten Maßnahmen waren oft die besten. Wer erwartete schon, dass er aus dem Van einer Firma ausspioniert wurde, die die Werbeaufschrift C I A trug – Elektronik GmbH: Communication Information AltmeyerWir beschaffen Ihnen jede Nachricht!

Sitze und überflüssiges Zeug hatte er bereits aus dem Kombi entsorgt. Er hatte einen detaillierten Plan gezeichnet, wo Schreibtisch, Stuhl, Kabel, Schüssel, Laptop und weitere technische Hilfsmittel im Wagen platziert werden mussten. Das war einfach gewesen. In den nächsten Tagen würde er die Technik einbauen. Selbst eine zusammenklappbare Matratze, Kissen und Decken hatte er vorgesehen. So konnte er im Wagen zur Not auch einmal übernachten. Ihn schauderte, wenn er an seine Bude dachte, an den Geruch von abgestandenem Bier und kaltem Rauch, der unausrottbar aus der darunterliegenden Spielhalle drang.

Er blickte sich um. Bei diesem Wetter war niemand unterwegs. So ging er zügig am Rand der Auffahrt entlang zu dem kleinen Anwesen hinauf. Hier hinterließ er keine Spuren, doch oben, um das Haus herum, musste er vorsichtig sein. Er hatte von den Sträuchern am Straßenrand Zweige abgeknickt, mit denen er die Fußabdrücke im Schnee beseitigte.

Innerhalb weniger Minuten war das Areal der Rehbeins erkundet. Die Fenster der Villa waren nur unzureichend gesichert. Die schlichte, aber äußerst stabile Eichenholztür mit dem sehr guten Schloss war da schon von anderem Kaliber. Ansonsten war das Haupthaus der jungen Rehbeins zwar mit Lichtmeldern und einer einfachen Sicherungsanlage versehen, aber von wirksamem Schutz konnte man kaum reden. Die Überwachungskamera war sogar nur eine Attrappe. Er musste lächeln. Da hatte wohl bei der Anschaffung Gottvertrauen eine größere Rolle gespielt als die Kosten. Im Grunde täuschte diese Anlage nur vor, was sie sein wollte. Wie so vieles in dieser Welt.

Während er Spezialhandschuhe überzog, schaute er sich mehrfach um. Als er sich sicher fühlte, hantierte er mit einem kleinen Werkzeug an einem der hinteren Fenster. Schnell sprang es auf. Kein Alarm, wie erwartet. Er stieg ins Haus ein und sah sich um. Er war offenbar in der Wohnung der Alten. Keine Bewegungsmelder zu sehen. Ein paar Schritte weiter hinter einer Tür erreichte er den breiten Absatz einer offenbar älteren Holztreppe. Auch hier entdeckte er nichts, was auf spezielle Sicherungen hinwies.

Viel Zeit hatte er nicht. Wo könnte sein, was er suchte? Er wandte sich nach rechts. Das Schlafzimmer. Links vielleicht. Nein, das war das Kinderzimmer. Er wollte die Tür schon wieder schließen, als ihn ein Geräusch aufmerksam machte.

Vorsichtig trat er ins Zimmer der Mädchen, sah sich um, musste wieder lächeln. Auf einem Wandbord stand ein Käfig, in dem sich zwei Hamster unbeirrbar in ihren Laufrädern bewegten. Er beobachtete sie lange. Er hatte auch einmal solche Tiere besessen. Man hatte sie ihm zu einer Zeit geschenkt, als die Welt noch in Ordnung war und er geglaubt hatte zu wissen, wohin er gehörte. Wie früher faszinierte ihn dieses ewige Gerenne der kleinen Nager. Nicht sentimental werden, sagte er sich und öffnete den Käfig. Wenig später stand er wieder auf dem Treppenabsatz.

Jetzt blieben nur noch zwei Möglichkeiten.

Die eine Tür führte ins Bad, die andere führte in ihre Welt.

Hier arbeitete sie also. Das Zimmer war schlicht möbliert und wirkte einfach: ein Holztisch, ein einfacher Stuhl, ein zerschlissener Ohrensessel, ein einfaches Bett. Ein Perserteppich auf dem Bett als eine Art Tagesdecke mit vielen Tier- und Jagdmotiven fiel aus dem Rahmen. Auf den Regalen und an den Wänden standen und hingen Mitbringsel aus Afrika: Kauri-Ketten, Masken, kleine Figuren, Fetische – das Afrika-Kabinett der Bea Furrer.

Er suchte eine Stelle aus, die ihm geeignet erschien.

Augenblicke später stand er wieder im Garten. Von hier oben hatte man einen wunderschönen Panoramablick über die Landschaft.

Er wollte gerade den Rückweg antreten, als er ein Geräusch hörte. Ein Wagen kam die kurze Auffahrt herauf. Er drückte sich hinter die Windfangmauer des oberen Eingangs. Aus einem dunkelgrünen Van sprang ein Mann heraus, schlug die Autotür heftig zu, schloss sie aber nicht ab. Hektisch schaltete er die Sicherungsanlage aus und öffnete die Haustür. Rainer Rehbein, unverkennbar.

Er sah sich um. Sollte er durch den Garten hinaufklettern und versuchen, durch den verwilderten Teil und über die obere Grundstücksgrenze das Gelände zu verlassen?

Er ließ den Hauseingang nicht aus den Augen, wagte es aber, seinen Blick über den See, die Hügel der Umgebung und die schönen Wohnanlagen schweifen zu lassen, soweit der sich langsam auflösende Nebel es zuließ.

Wie kam ein Mensch zu dem, was er war und was er hatte? Was fiel den Menschen zu, was hatten sie sich durch eigene Leistung verdient? Er spürte, wie sich seine Brust einzuschnüren begann. Er wollte gar nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt, sonst würde er nur wieder so unheimlich wütend werden.

Er schloss die Augen, atmete tief ein. Er spannte das Zwerchfell, presste alle Luft aus den Lungen und füllte sie langsam wieder, atmete einige Male durch. Befriedigt stellte er fest, dass die erlernte Atemtechnik wirkte. Er würde die Übungen aus dem Kurs noch intensiver fortführen.

Auf der anderen Seite des Sees, oben auf dem Hügel, erhob sich die Krupp’sche Villa. Trotz entlaubter Bäume erahnte er sie mehr, als dass er sie wirklich sah. Aber das machte nichts. Wie ihn schon als Kind ihre Dimensionen, ihre kostbare Ausstattung, ihre Geheimnisse fasziniert hatten! Und als er von seiner Lehrerin im vierten Schuljahr all die historischen und kunstgeschichtlichen Erklärungen zu den 269 Zimmern für eine einzige Familie gehört hatte, da hatte er zum ersten Mal wirklich begriffen.

Er zuckte zusammen, als er den Knall hörte. Rainer Rehbein hatte die Tür zugeschlagen, schloss sie gerade ab. Dann setzte er sich mit zwei Aktenordnern unter dem Arm in seinen Wagen. Langsam rollte das Auto den Hang hinab.

Er wartete noch ein, zwei Minuten, verließ dann seine Deckung und schlich, beide Hände schützend gegen die Winterjacke gedrückt, an den Garagen vorbei die Auffahrt hinunter. Als er auf den See schaute, schmerzten seine Augen. Immer noch herrschte dieses diffuse Licht.

Mittwoch, 12. Januar, später Nachmittag
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

O finstre Nacht und Wogenbraus … Manchmal versetzte es ihr regelrecht einen Stich, in welchem Ausmaß Hafis, ihr seelenverwandter Dichter, sie durchschaute und bis ins Mark zu treffen vermochte: … und Wasserwirbel schreckensvoll – Wie kennte unsern Zustand, wer mit leichter Last am Ufer geht?

Beate drückte sich in den weichen Rücksitz des Taxis und versuchte, todmüde nach dem langen Rückflug von Phuket, dieses vollkommen andere Licht, diese nebelverhangene Landschaft zu durchdringen, die im Dämmer vor ihren Augen verschwamm.

Herbert, dem Chefredakteur, hatte sie am zweiten Weihnachtsfeiertag noch abgesagt, als sich jedoch der berühmt-berüchtigte Herausgeber des renommierten und seriösen MAGAZIN in Hamburg, Jens Anders, drei Tage später persönlich gemeldet und sie gebeten hatte, nach Südostasien zu fliegen, um über die größte Naturkatastrophe der Neuzeit zu schreiben, hatte sie nicht Nein sagen können. Aktuelle Berichterstattung, das war nicht ihre Sache, aber eine Reportage, eine kleine Serie, mit allen Freiheiten – für das MAGAZIN!

Rainer hatte das überhaupt nicht gefallen. Es hatte Streit gegeben.

Sie hatte nicht anders gekonnt.

Wie soll ich heimkehren von solch einer Reise? Sie brauchte Ruhe, Zeit, Abstand, um die Geister von Phuket in vernünftige Bahnen lenken zu können. Vielleicht einfach Rainers Hemden bügeln, einen Lichtschalter betätigen, den Wasserhahn aufdrehen, selbstverständlich, das Wasser ist keimfrei, Licht kommt von allein in diese Finsternis. Und den Streit der Kinder schlichten.

Kategorisch wies Beate den Gedanken zurück, das Schicksal der umherirrenden Kinder, die Klageschreie der Mütter, die Ohnmacht der Väter könnten je ihre eigene Familie treffen, sie müsse jemals die Starre in den Augen ihrer Kinder lesen, die nicht verstanden, was mit ihrer Welt geschah.

Da war schon die vertraute Abfahrt von der A 52, die vierspurige Straße Richtung Baldeneysee. Beate richtete ihren Blick voraus, auf die Brücke zu, erkannte den bewaldeten Hang, das grüne Dach der berühmten Villa auf dem gegenüberliegenden Hügel. Eine bunte kleine Kindergruppe hüpfte in Zweierreihen Hand in Hand das Seeufer entlang. Ein Junge warf lachend den Kopf nach hinten, als ein Schneeball ihn mitten auf der Brust traf. Das Taxi bog in die kleine Hangstraße ein.

Als sie bezahlte, sah sie, wie die Haustür aufgerissen wurde. Die Mädchen hingen wie Bleigewichte an ihr, Beate konnte ihren Trolley kaum greifen. Wo war Rainer? Da trat auch er, groß den Rahmen ausfüllend, das Gesicht noch im Dunkeln, langsam hervor, ihr Fluchtpunkt, ihr Pol.

Madeleine und Melanie zogen sie zum Haus, riefen durcheinander: »Mama, Mama, unsere Hamster sind weg! Mama, kaufst du uns neue, Papa hat geschimpft, dass wir den Käfig offen gelassen haben, haben wir aber gar nicht!«

»Später, später«, sagte Rainer.

»Mama, bei uns ist eingebrochen worden!«

»Lasst Mama doch erst einmal ankommen.«

»Mama, Mama, hast du uns was Schönes mitgebracht?«

Beate hatte Berge von Leichen mitgebracht von den Sammelstellen, an denen die Toten aufeinandergehäuft wurden, sie hatte das Gewirr der Trümmer mitgebracht, die Schreie der Mütter, die gemurmelten Gebete der Alten, den verlorenen Blick der Kinder, die Verwirrung der Fischer am Strand, die ungläubigen Blicke der Hilfskräfte – das alles hatte sie mitgebracht. Sie hatte Bänder mit den Interviews deutscher Touristen mitgebracht, die verzweifelt versuchten, Angehörige wiederzufinden, Flüge nach Hause zu bekommen, die hatte sie im Koffer, auch das Gezeter empörter, unzufriedener Touristen, die in den Überresten der Hotels Rechte einklagen wollten, sogar Bilder von Urlaubern, die trotzig ihre gebräunte Haut im knappen Badeanzug zum neu geformten Strand trugen – all die deutschen Schicksale hatte sie mitgebracht, die zu recherchieren sie plötzlich den Auftrag hatte und die ihr so unbedeutend schienen angesichts des Elends, das der grauenvolle Zufall eines gewaltigen Tsunamis an gerade diese Küste geschwemmt hatte.

Hilflos lächelte Beate die Kinder an.

Rainer trug ihr Gepäck ins Haus. Ihre zwei Kletten erzählten in einem chaotischen Durcheinander, was sie in den Ferien alles unternommen hatten. Aber immer wieder kamen sie auf das aufgebrochene Fenster zu sprechen. Schließlich berichtete Rainer von diesem Vorfall bei den Großeltern, aber es sei nichts gestohlen worden: Und er glaube nicht daran, dass das Verschwinden der Hamster etwas mit dem Fenster zu tun habe.

»Wir wollen ein Aquarium!«, riefen Melanie und Madeleine im Chor. »Fische, Fische, Fische ….«

»Vorläufig«, sagte Rainer, »kommen keine Tiere mehr ins Haus, so lange nicht, bis ihr zeigt, dass ihr Verantwortung übernehmen könnt. Was meinst du, Beate?«

Beate zuckte mit den Schultern und seufzte innerlich: Rainer, der Pädagoge. Er hatte ja recht, aber … Sie versprach den Mädchen, mit ihnen morgen nach der Schule in die Tierhandlung zu fahren.

Rainers Empörung ging im Jubel von Madeleine und Melanie unter.

Der Alltag hatte sie wieder.

Sie war so furchtbar müde.

Freitag, 14. Januar, nachmittags
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Beate föhnte ihre Haare nur an, streifte sich ein Sweatshirt über und band sich mit dem Handtuch einen Turban. Das musste reichen. Sie wollte die Zeit nutzen und arbeiten, bis die Kinder aus der Schule zurück waren. Sie ging ins Erkerzimmer, startete ihr Notebook, öffnete ein neues Dokument, schrieb den Arbeitstitel ihrer Reportage hinein und speicherte die Datei ab: Deutsche Schicksale in der Tsunami-Katastrophe – Sichten und Ansichten.

Jens Anders hatte das Thema persönlich vorgeschlagen; er hatte sie während ihres Thailand-Aufenthaltes noch einmal angerufen und gebeten, auch mit Deutschen dort unten zu reden und das, was ihnen geschehen war, in die Reportage einzubauen. Zurzeit würden alle aktuell über das Elend als solches berichten, doch wenn er, das MAGAZIN, später, Ende Januar, Mitte Februar, Beates Beobachtungen, Erfahrungen und Reflexionen abdrucke, abseits des aktuellen Eindrucks, mit Distanz, dann erwarte der deutsche Leser den anderen Blick, sie wisse, was er meine. Er erwarte von einer Bea Furrer mehr.

Deutsche Schicksale.

Zehn Tage lang war Beate in den betroffenen Küstenregionen Thailands und in Indonesien gewesen. Sie hatte Schreckliches gesehen. Deutsche Schicksale waren ihr nicht über den Weg gelaufen. Menschen, ja, Deutsche, ja, Schicksale auch, sicherlich, aber deutsche Schicksale?

Sie knipste das Licht der Schreibtischlampe an und aus. Ab und zu blieb sie still im Dunkeln sitzen und dachte nach.

Deutsche Schicksale.

Es war ein Arbeitstitel, nicht mehr, sicherlich, doch Jens Anders hatte sie in gewisser Weise reingelegt, ohne Frage, denn als sie flog, damals, drei Tage nach Weihnachten, war von deutschen Schicksalen keine Rede gewesen. Ihr hatte geschmeichelt, dass Jens Anders sie persönlich um ihre erste Reportage für das MAGAZIN gebeten hatte.

Nein, das war es doch eigentlich gar nicht. Sie hatte wieder reisen, hatte Neues erfahren wollen. Sie hatte endlich weggewollt von den Albträumen, weg von den leeren Stunden; der Zwang zu schreiben war übermächtig geworden.

Vielleicht wäre sie nicht gefahren, wenn Rainer sie nicht so gedrängt hätte zu bleiben: Wir wollten doch gemeinsam Silvester bei Freunden …

Entgegen ihrer Art hatte sie die Bedingungen mit Anders nur am Rande besprochen. Das war ein Fehler gewesen. Sie hatte sich naiv verhalten.

Der Gedanke, der sie angesichts der verheerenden Katastrophe seltsamerweise am tiefsten beunruhigte, war diese irrwitzige Verschiebung des Nordpols um mehrere Zentimeter. Dass sich eine Kontinentalplatte unter eine andere drängen, dadurch ein Beben auslösen konnte, das die Burma-Platte über eine Strecke von tausend Kilometern um zehn Meter anhob, was wiederum die Bildung einer Welle zur Folge hatte, die sich vor den ansteigenden Stränden bis zu dreißig Metern aufzutürmen und wie Echsenzungen in die Straßen der Ortschaften zu schießen vermochte, dabei Korallenblöcke von zehn Tonnen Gewicht an Land schleuderte – all das war erklärbar, geophysikalisch berechenbar. Kilometerweit waren mit dem reißenden Strom ganze Schiffe, Autos, Bäume, gesprengte Häuserwände, Motorräder und Menschen, Tausende von Menschen und all die Liegestühle, Sonnenschirme, Luftmatratzen, der ganze touristische Wohlstand ins Inland geschwemmt worden. Die Faust Gottes, wie die Nonnen diese Eruption genannt hatten, hatte eine ganze Inselgruppe um mehrere Meter nach Westen gedrückt, einige Inseln blieben verschwunden, nachdem der Meeresboden abgesunken war. Hobbytaucher hatten ihr erzählt: Als die Welle über sie hinwegrollte, waren sie unter Wasser an derselben Stelle geblieben, ihr Tiefenmesser hatte jedoch plötzlich angezeigt, dass sie sich fünf Meter tiefer befanden.

Eine solche Verlagerung ihres Pols, das war Beate unheimlich, eine so plötzliche, durch einen unberechenbaren Zufall ausgelöste Wendung ihrer Welt, das Verschwimmen der vertrauten Mitte, an der sich doch alles ausrichten musste …

Oh mein Gott, wie werde ich wieder ruhig?

Sie konnte hinschauen, wohin sie wollte, konnte die Augen schließen, überall sah sie wieder die schwammigen, aufgedunsenen Leichen an den Sammelstellen.

Wie würde sie je einen Satz darüber schreiben können?

Hilfe suchend sah sie auf den Fetisch im Regal und dachte sich Seydou herbei, ihren großen schwarzen Freund, ihren Tröster in der Not, sah ihn vor sich, den Arzt, der nach Burkina Faso gegangen war, um in Bobo-Dioulasso zu praktizieren, und sein Bild vertrieb für eine Weile die Toten im Wasser. Die kleine hölzerne Gestalt mit den leeren Augenhöhlen im gleichmütigen Gesicht hatte einst Seydous Vater gehört, dem alten Vodun-Priester aus Ouidah in Benin. Er hatte in der Lehmhütte mit der auf die Mauer gemalten großen Python und der weißen Fahne auf dem Dach die Geister der Ahnen beschworen und aus Vogelkrallen, Krokodilhäuten, Fellresten, geweihten Holzstücken, Raubtierzähnen und getrockneten Pflanzenteilen Heilmittel hergestellt, die bei Jung und Alt sehr begehrt waren. Seit seiner Kindheit war Seydou vertraut mit den Zeremonien der Naturheiler – was lag näher, als dass er als Stipendiat in Frankreich Medizin studierte und in sein Land zurückkehrte, um den Völkern Afrikas zu helfen, ohne den Kosmos ihrer Naturreligionen zu verletzen, ohne die Geister der Toten auszuschließen aus den Seelen der Lebenden …

Sprich mit ihm, und ich bin dir nah!

Wie angezogen von der Kraft der Geister ging Beate auch jetzt auf ihn zu, hockte sich vor das Regal, nahm die schwarze Gestalt in beide Hände. Im bläulichen Licht der beginnenden Winternacht leuchteten seine Augenhöhlen dunkel wie Tore der Erinnerung. Wieder sah sie die Hochzeit in dem Gehöft in Ouidah, den Tanz der Frauen, die bis zur Erschöpfung im Kreise sprangen, Münzen als Lohn auf der schweißigen Stirn, die Muscheln klirrten auf den Kalebassen …

Wenn du besetzt bist von den Geistern, den bösen, die den Schlaf rauben, so sprich mit ihm in der Nacht, hatte Seydou ihr erklärt. Vor die Türen der Hütten wird er gestellt, den Blick auf den Feind gerichtet, er verschlingt alles, verschließt es in sich, lässt ein Eindringen in die Seele nicht zu, fest verschnürt ist die Brust mit einem Seil, ein Nagel gebohrt ins Herz, der Fetisch ist gewappnet. Sprich zu ihm, wenn du deine Seele retten willst, dann verschließe seine Ohren wieder, seinen Mund, nichts dringt nach außen, verschlungen sind die Geister der Vergangenheit, du wirst geheilt … Beate setzte den Fetisch auf ihren Schreibtisch, beugte sich zu ihm, versuchte den Grund der leeren Augen zu finden. Es überwältigte sie, sie riss den Fetisch an sich, entfernte die hölzernen Stöpsel aus Ohren und Mund und schluchzte in dieses schwarze Gesicht, ertrug es nicht mehr.

Ich habe mir immer vorstellen können, wie die Sklaven sich den langen heißen Weg zur Küste geschleppt haben, singend, kniend vor den Statuen der alten Götter – nun aber habe ich sie selbst gesehen, die Opfer, aufgedunsene Körper der Ertrunkenen unter entwurzelten Palmen, die im Schlamm zurückgelassenen Kinder, und habe die Schreie der Mütter auf der Suche nach ihnen gehört … habe nicht gewusst, wie ich mich hätte lösen können, wie ich hätte zurückkehren können auf der Suche unter den Tausenden Opfern nach deutschen Schicksalen …

Blind vor Tränen stammelte sie der Figur ihren Schmerz, ihre Empörung entgegen, ertrug es nicht, diesen Weg gegangen zu sein. Durch ihre Tränen hindurch glitzerte es in den Augen ihres Fetischs, das fest gespannte Band um seine Brust, es atmete. Beate verschloss die Ohren mit den hölzernen Zapfen, versperrte den Mund. Das alte Holz, es schien zu ächzen, als drohe die Figur sich zu spalten. Mit seinem blicklosen Gleichmut bestand er diesen Kampf, ihr guter Geist. Beate wusste, er hielt es in sich, das Unerhörte, trug gelassen die Katastrophen dieser Welt, das Band hielt die berstende Brust.

Erschöpft löste sie die verkrampften Hände und setzte den Fetisch ab, atmete tief ein, wandte sich dem Schreibtisch zu, nahm ihre Reiseaufzeichnungen zur Hand und begann zu schreiben.

CAPUT II

Wehe dem Menschen,

durch welchen Ärgernis kommt.

Matthäus-Evangelium 18,7

Samstag, 22. Januar, nachmittags
Essen, U2/K12

Er wandte sich der Treppe zu, die zu den Kellerräumen, dem Heizkeller, den Werkstätten und ihren Nebenräumen führte. Niemand hatte ihn beachtet oder aufgehalten mit seinem Werkzeugkasten. Die Besucher hatten den Blick auf die ungewöhnliche Ausstattung der Halle gerichtet, der Aufsicht in der Pförtnerloge hatte er wie immer von weitem den Schlüsselbund mit den Werkstattschlüsseln entgegengehalten. Das Emblem auf seiner Weste wies ihn als einen der Hausmeister aus. Der Leiter der Aufsicht führenden Schicht hatte aus der Ferne mit dem Finger an die imaginäre Hutkrempe getippt. Es funktionierte immer noch. Man kannte sein Gesicht, niemand schaute sich den Dienstausweis, den er um den Hals gehängt hatte, näher an. Er hatte sogar die Wahl zwischen mehreren Zugängen in den Komplex. Heute hatte er den Haupteingang gewählt. Es war wichtig, sich bisweilen offiziell zu zeigen.

Vor ihm lag ein langer, breiter Gang, von dem zahlreiche Flure abzweigten. Er bog in einen dieser Korridore ein, öffnete die Tür ganz am Ende des Flurs. Eine Treppe führte in ein weiteres Untergeschoss hinab. Hierher verirrte sich heutzutage auch das Personal kaum mehr. Seit Licht- und Heizungsanlagen elektronisch gesteuert wurden, Gastanks statt der Kohlebrenner installiert worden waren, benötigte man die ehemaligen Holz-, Kohle- und Ersatzteillager nicht mehr. Wahrscheinlich besaß kaum noch jemand Schlüssel zu diesen Räumen hier. Außer ihm.

Ja, er musste seinem Vater dankbar sein. Der war noch vom alten Schlag gewesen, als Hausmeister fit in allen Gewerken. Zahlreiche Umbauten hatten die Gebäude verwirrend verändert, aber sein Vater kannte die Geschichte der Anlage, war geradezu verwachsen gewesen mit dem Bau hier. Wann immer er als Kind aus der Schule nach Hause gestürmt war, hatte der Vater ihn, manches Mal auch Mark, den gleichaltrigen Cousin, mitgenommen in all seine Arbeitsbereiche, auch in diese Katakomben, hatte ihnen beiden den Umgang mit den Werkzeugen erklärt. Wie oft hatte er dem Vater bei der Reparatur von Rohren und Leitungen helfen dürfen, hatten Mark und er aus Ersatzteilen neue Geräte zusammengebaut! Schön war das gewesen. Daher rührte sicherlich sein Interesse an Elektronik und Maschinen. Ja, auch er kannte sich hier unten aus, jeder Winkel war ihm vertraut. Je tiefer es hinabging, desto stärker war damals seine Fantasie beflügelt worden. Viele schaurige Wesen geisterten durch diese Unterwelt, geflügelte Schlangen, gefräßige Spinnen, vielköpfige Drachen, und manches Mal hatte er als Kind nach der Hand des Vaters gegriffen, wenn aus der Ecke eines düsteren Raums Wasserdampf aus einem defekten Rohr wie ein Gespenst auf ihn zuschoss.

Er hatte U2/K12 erreicht. Am Ende eines letzten, nun enger zulaufenden Flurs schloss er eine massive Holztür auf und verschloss sie sofort wieder hinter sich. Mattes Licht erhellte einen großen, fensterlosen Werkraum. Er aktivierte den Sensor, der den Flur überwachte. Ruhig brannte die kleine grüne Kontrolllampe über der Tür. Mit Schwung zog er die Weste mit dem Emblem des Hauses aus und warf sie auf den Boden. Er streckte sich in seinem schwarzen T-Shirt und den dunklen Jeans, lächelte. Das hier, das war er selbst, er allein.

War der Vater jemals der Mensch gewesen, der er hatte sein wollen? So festgefahren in seinen kleinbürgerlichen Gewohnheiten, nie da angelangt, wohin er eigentlich unterwegs war? Kaltgestellt in seiner Rolle und daher immer auf dem Rückzug in seine Klause. Ach, sagte die Maus, die Welt wird enger mit jedem Tag. Der Flur da draußen drängte ihm Kafkas Kleine Fabel auf, die ihm seit seinem zehnten Schuljahr nicht mehr aus dem Kopf gegangen war. Diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin … Er schob mit dem Fuß einen Karton mit rostigen Vorhängeschlössern zur Seite.

Nicht wahr, Vater, du musstest doch nur die Laufrichtung ändern? Rechtzeitig, Vater! Als du noch die Wahl hattest …

Linker Hand befand sich in der Wand eine schmale Tür, die mit einem Riegel verschlossen war. Er löste ihn, öffnete, kippte einen Lichtschalter an der Innenseite und warf einen Blick in U2/K12a, einen kleinen Nebenraum. Unter einem emaillierten Waschbecken stand ein mit einem Feudel bedeckter Eimer, daneben lagen Handfeger und Schaufel. Unter einem kleinen alten Holztisch waren Kartons mit Materialien abgestellt. Auf dem Tisch lag ein schmales Buch, gebunden, schlicht, aber elegant in Form und Farbe. Ein Gedichtband. Bea Furrer – Fingerspiele, Tonspuren. Ein Lesezeichen steckte in dem Bändchen. Alles in Ordnung. Er schaltete das Licht aus, verriegelte den Raum wieder und wandte sich um.

Mit einem Blick fuhr er die Bilder an den Wänden ab: Hexen, Höllenhunde, Schlangen, Ziegenböcke, die Zeichnungen, dazwischen die Fotos – seine ganz eigene Galerie. Er atmete tief durch. Da war sie, die Gestalt, die alle anderen in sich enthielt, die vielen Hälse in alle Richtungen reckend, die Häupter bereit, die Zähne gebleckt: Hydra, ein Sternbild am Horizont der Träume, eine Verheißung unzähmbarer Stärke, Sinnbild der Willkür des Bösen …

Er ging einige Schritte auf die hölzerne Arbeitsfläche zu, die sich entlang der ganzen gegenüberliegenden Wand erstreckte. Er nahm das Jabot auf, das neben der weißen Gipsbüste Friedrich Schillers auf der linken Seite der Platte lag und einige Bücher halb verdeckte. Er legte sich das filigrane Rüschengewebe um, bewegte sich zur rechten Seite der Arbeitsfläche hinüber. Über mehrere große Karteikästen, vor denen auf einer ledernen Unterlage ein Stapel Karteikarten, ein Tintenfass und ein langer Gänsekiel lagen, war ein braun-beige kariertes Jackett geworfen. Er zog es über und zupfte die Spitzen des Jabots zurecht. Mit beiden Händen griff er einen marokkanischen Lederhocker von der rechten Wandseite und stellte ihn vor der Schiller-Büste auf den Boden.

Er setzte sich auf den Hocker, nahm eins der Bücher in die Hand, blätterte, hielt inne, blätterte erneut vor und zurück, hatte gefunden, was er suchte, und erhob seine Stimme: Mein Sohn! Nichts in der Welt ist unbedeutend. Seni, der Astrologe, er weiß es, und ich weiß es: Eilf! Eine böse Zahl. … Eilf ist die Sünde. Eilfe überschreitet die Zehn Gebote.

Er wandte sich nach links zu einem Wandregal, auf dem verschiedene gläserne Apparaturen, ein CD-Recorder und ein Stapel CDs untergebracht waren. Er nahm zwei, drei Scheiben auf, wendete sie hin und her, zögerte, legte sie zurück. Er drehte sich zur Schiller-Büste um, ließ den Blick schweifen über das Poster darüber, ein Wappen mit einem Schwan, der Hals und Schnabel nach oben reckte und zu singen schien, sah rechts von der Schiller-Büste auf eine Art Papiertheater hinab – ein Spielzeug vergangener Epochen, eine Bühne für Dichterfantasien, Bildungsbürgern bekannt aus dem Goethe-Haus in Weimar, Raum für den Gesang der Schwäne. Hier konnte man Leben simulieren, planen, ändern.

Er riss drei Seiten von einem bereitliegenden unlinierten Schreibblock, faltete schmale Streifen und hängte sie über die kleinen Bühnenwände. Er nahm ein weiteres Blatt, knickte es zu einem dicken länglichen Block und platzierte das Päckchen mitten in den kahlen Bühnenraum. Aus einer Stange gräulicher Knete formte er einen schmalen Körper und legte ihn auf das Päckchen. Er rollte ein Stück schwarzer Knete zu einer kleinen Kugel, bohrte ein Hölzchen als Ständer hinein, probte verschiedene Positionen des Ständers auf der Bühne, entschied sich, ihn neben die in die hintere Bühnenwand eingeschnittene Papiertür zu stellen. Er trat einen Schritt zurück, begutachtete die Inszenierung. Dann hob er den Lederhocker hoch, trug ihn vor die Karteikästen und ließ sich im Schneidersitz darauf nieder. Man musste alles festhalten, alles. Er nahm den Gänsekiel, tauchte ihn in das Tintenfass und machte Notizen auf die bereitliegenden Karteikarten. Als er fertig war, hauchte er die beschriebenen Karten trocken, öffnete einen der Karteikästen und steckte sie in das zweite Fach.

Neben ihm, in der Ecke, lehnte ein Speer. Er war ganz sicher, die Zeit würde ihm recht geben. Sein Speer, mit dem er früher Schulmeisterschaften gewonnen hatte, war ihm Verheißung von Triumph.

Über ihm hing, mit Reißzwecken befestigt, ein Stück Tapetenbahn, auf die er mit großen Buchstaben einen Satz geschrieben hatte. Nicht einfach einen Satz – den Satz, seinen Schiller:

Da die Natur dem Menschen zwar die Bestimmung gibt, aber die Erfüllung derselben in seinen Willen stellt, so kann das gegenwärtige Verhältnis seines Zustandes zu seiner Bestimmung nicht Werk der Natur, sondern muss sein eigenes Werk sein.

Entschlossen ging er zu seiner Werkzeugtasche hinüber, entnahm ihr ein langes Messer und ging zur Arbeitsfläche zurück. Auch das war Natur, und was er daraus zu machen gedachte, das war sein Recht. In der Mitte stand eine dicke Kerze, die er nun anzündete. Neben der Kerze lagen ein Küchensieb und eine DVD-Hülle. Das Messer richtete er so aus, dass die Spitze zur Kerze wies.

In der rechten Ecke der Arbeitsfläche stand ein Computerbildschirm, der Prozessor war unter der Arbeitsplatte auf dem Boden verstaut. Er griff nach dem Camcorder, der vor dem Bildschirm lag, bezog Stellung vor der Anordnung um die Kerze herum. Er hielt die Kamera vor das rechte Auge, wählte den Bildausschnitt und filmte das Arrangement.

Und, Vater, was hat es dir genützt, die ganze Arbeit, dein ganzer Einsatz?

Tot war er, der Vater, tot tot tot sein Erzeuger, alle waren sie tot oder fortgegangen. Er krümmte sich, sank auf den Lederhocker.

Er drückte die Handballen auf die Augen, drängte aufsteigende Tränen zurück. Seine trostlose Wohnung über der elenden Spielhölle kotzte ihn an. Dies hier, U2/K12, dies war sein Himmel, Zufluchtsort seit Kindertagen. Dieser Keller war sein Paradies. Hier war er stark, sehr stark. Kein Grund zu heulen.

Montag, 24. Januar, früher Nachmittag
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Beate schaute den Mädchen bei ihren Schularbeiten nur kurz über die Schultern, sie konnte sich auf sie verlassen. Als sie fertig waren, blieb noch etwas Zeit, und sie holten ihre geliebten Puppen hervor. Beate machte gern mit beim kindlichen Rollenspiel und vergaß die Zeit, bis Rainer kam und die Zwillinge drängte, sich für den Kindergeburtstag fertig zu machen, zu dem er sie fahren sollte. Beate hatte sich vorgenommen, den freien Nachmittag für die Arbeit an der Serie zu nutzen. Auf der Treppe zum Erkerzimmer hörte sie das Telefon klingeln. Als sie sich gesetzt und den Laptop gestartet hatte, spürte sie Durst. Sie ging noch einmal hinunter, um sich ein Glas Wasser zu holen.

Rainer legte gerade den Hörer auf. Sie sah, wie er bleich geworden war. Er sagte nichts, erst als er sich seinen Mantel griff und sie ihn daraufhin fragend ansah, stammelte er nervös ein paar Worte: »Ich muss weg. Kreiskirchenamt. Eine spontane Sitzung, wichtige Entscheidungen, sofort, ich kann die Mädchen nicht fahren. Machst du das bitte?«

Sie protestierte. Es sei doch alles abgesprochen gewesen!

Der Pastor war unterwegs, er konnte die Kinder nicht fahren. Die Alternative war, sie in ein Taxi zu setzen. Dass Rainer das jetzt tatsächlich vorschlug! Das war nicht ihr Mann, der das sagte, schon den rechten Arm im Mantel, durch die offene Haustür pfiff der Wind.

Madeleine und Melanie sprangen die Treppe herunter.

»Mama fährt euch, ich muss weg. Leider.«

»Moment, Rainer, warte, bitte, so geht das nicht!« Sie wandte sich an die Mädchen. »Wo ist das Geschenk für Miriam? Ist es eingepackt?« Die Mädchen trollten sich.

Als Rainer die Tür jetzt doch hinter sich zuziehen wollte, wurde sie wütend: »Du gehst einfach? Du weißt doch, wie wichtig mir dieser freie Schreibnachmittag ist.«

Rainer schluckte. »Ich habe auch Probleme, und es sind nicht einmal meine allein. Es ist so furchtbar schwer zu ertragen, es hängen so viele Schicksale daran.«

»Rainer, wir hatten eine Absprache!«

»Beate, es gibt nicht nur dich. Die Entwicklung im Irak ist wichtig, ja, deine Erlebnisse und Albträume auch, sie sind schrecklich, aber warum fährst du immer dorthin, wo nur Grauen und Schrecken zu berichten sind? Warum?« Er wurde lauter und lauter. »Ich habe nicht mit Naturgewalten wie Erdbeben oder Seebeben zu tun, meine Kinder in den Essener Heimen werden nicht von Sechs-Meter-Wellen überrollt, dennoch brauchen sie dringend Hilfe.«

»Rainer, bitte!«

»Wer kümmert sich denn um die wachsende soziale und psychische Verelendung in den Familien und darum, dass jetzt schon die sogenannten Mittelschichten ihre Kinder nicht mehr erziehen können, und – was an Alkoholismus, an Gewalt … Aber wen interessiert das schon! In zehn, zwanzig Jahren werden wir soziale Tsunamis in Deutschland erleben, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen, was sage ich da, davonschwemmen werden, und die Politiker werden wieder nur sagen, das haben wir nicht vorhersehen können …«

»Rainer, Rainer, hör auf, bitte, bitte!«

Rainer schrie immer weiter. »Weißt du was, mir ist das alles gleich, alles, und ich werfe gern meine Arbeit hin, kümmere mich nur noch um die Zwillinge, aber dann tritt du doch vor meine Mitarbeiter und erkläre ihnen, warum sie demnächst stempeln gehen dürfen.« Hochrot und schwer atmend starrte er Beate an.

»Rainer … Was ist los mit dir, mit uns?«

»Ich weiß, ich bin ungerecht, aber – ach …«

Er schlug die Tür hinter sich zu. Die Zwillinge, die plötzlich mit einem kleinen, bunt eingeschnürten Bündel vor Beate standen, schauten sie mit großen Augen an.

»Papa ist eine Laus über die Leber gelaufen«, sagte Beate und unterdrückte ihre Tränen: »Aber eine Laus hat ein kurzes Leben. Zumindest eine Blattlaus.«

Montag, 24. Januar, später Nachmittag
Issum-Sevelen (Niederrhein)

Er rückte das Stativ der Kamera ein wenig nach links und schaute auf das Display. Er suchte nach der richtigen Perspektive, um den Mann angemessen ins Bild zu setzen, der da ausgestreckt auf der Werkbank vor ihm lag, nackt und bewegungslos. Die Plastikschnüre schnitten hart in Beine, Bauch, Arme, Hals und Kopfhaut, das konnte er gut sehen. Er zoomte ihn ein wenig heran und beobachtete, wie der Mann zitterte.

Hier unten waren höchstens acht Grad. Sie heizten den Keller kaum, hatte der Mann ihm erklärt, als er noch geglaubt hatte, er habe es mit einem Einbrecher zu tun. Schließlich hatte er ihm den kleinen Haustresor öffnen und ihm Bargeld, Schmuck und Kreditkarten aushändigen müssen. Vor gut zwei Stunden war er in das Haus der Zeitlers eingedrungen. Der Überraschungseffekt hatte es einfach gemacht. Auf seine Anweisung hin hatte der Mann seiner Frau mit einem Spezialband den Mund verkleben, Arme und Füße zusammenbinden und sie in die Toilette sperren müssen.

Danach hatte er ihn mit der Beretta im Rücken durch das Haus getrieben und nach einem geeigneten Platz gesucht. Sie waren schließlich in den Keller gelangt, wo der Mann vor Jahren seine Bar zur lang ersehnten Heimwerkstatt umgestaltet hatte: Dort baute er seine Schiffe. Seit die Söhne aus dem Haus waren, hatte er stockend erzählt, sei der Partyraum kaum mehr genutzt worden. Überhaupt sei das Haus mittlerweile viel zu groß für sie beide, ihn und seine Frau. Aber ihr Herz hänge daran; die Arbeit eines halben Lebens stecke darin.

Der Mann lag jetzt so, dass die Kamera seinen ganzen Körper im Fokus hatte. Er schaute ihn lange an, holte dann die handlich kleinen blauen Pappkarten hervor und prüfte, ob sie noch in der richtigen Reihenfolge lagen. Er schaute einen Moment auf die erste Karte, schob sie hinter die anderen, warf einen Blick auf die zweite, die dritte, holte tief Luft:

»Herr Zeitler, Rudolf Zeitler, ich will Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der genauso heißt wie Sie, aber das ist wohl auch das einzig Gemeinsame. Oder haben Ihre Eltern Sie auch Rudi genannt? Diese Eltern hatten Großes vor mit ihm. Sie wollten Rudi zu einem Erfolgsprodukt der Bundesrepublik Deutschland mit ihrem Wirtschaftswunder machen. Medizin sollte er studieren, zwischen Schallplatten, Büchern und Nachhilfelehrern wurde er groß, nicht einmal Fußball spielen durfte er, die Straße war nichts für ihn. Klavier, ja, eine musische Ausbildung war opportun. Können Sie sich den Druck einer solchen Anforderung vorstellen? Rudolf wurde aufsässig, mehr und mehr, sabotierte das Klavier, beschaffte sich heimlich eine Gitarre, übte bei seinem Opa, wann immer er konnte. Klar, mit seinen schulischen Leistungen ging es bergab, die zehnte Klasse bestand er nur, weil die Lehrer ihm einen guten Abgang verschaffen wollten. Über Beziehungen seines Vaters bekam er eine Lehrstelle bei der Deutschen Bank, was für eine Chance! Drei Jahre Ausbildung, die hat er geschafft, er wurde sogar übernommen, aber nach knapp einem Jahr Arbeit hat er die Brocken hingeschmissen. Warum wirft ein Mensch seine Arbeit hin? Können Sie mir das sagen? Rudolf sang und spielte Gitarre in einer Band, sie konnte eine erste Platte produzieren. Er hat seine Arbeit geschmissen, weil er eine Platte produzieren konnte.«

Als er sah, dass der Rudolf Zeitler auf der Werkbank den Kopf schüttelte, etwas zu sagen versuchte und nur kläglich zu krächzen begann, fuhr er schnell fort:

»Sie wollen mir erzählen, dass das gar nicht Ihr Leben war? Dass Sie damit gar nichts zu tun haben? Dass das hier alles ein Irrtum ist? Ich frage Sie: Warum verlaufen manche Leben so und andere anders? Hören Sie nur, jetzt geht es erst richtig los: Zeitler wurde ein wirklich guter Gitarrist. Seit 1978 engagierte er sich mit seiner Band in der Anti-Atom-Bewegung und produzierte Friedenslieder, aber wie das so ist: Die Band verkrachte sich und ging auseinander, Rudi hatte keine Arbeit, zur Bank wollte er nicht zurück, also nahm er seinen Rucksack und lief eine Weile um die halbe Welt. Sie staunen, Herr Zeitler? So etwas hätten Sie nie gemacht? Vielleicht können Sie sich nicht recht vorstellen, wie so etwas einen Menschen verändern kann. Als Rudolf zurückkam, ging er auf ein Kolleg, holte das Abitur nach, begann ein Studium, Musik und Philosophie, na ja … Aber jetzt wird es interessant: Nebenbei verdiente er sich bei einer Brokerfirma in Essen ein bisschen Geld, davon verstand er schließlich etwas, und damals boomte das Brokergeschäft. Noch heute ist mit Tagesgeschäften ein Heidengeld zu verdienen. Man wird unermesslich reich – oder geht pleite. Rudi hatte viel Glück, wurde reich in dieser Grauzone, oft nahe am Betrug, aber Ermittlungen gegen ihn wurden immer wieder eingestellt. Geld: ein Erfolgsrezept bei den Frauen, nicht wahr? Geld und Frauen, das waren Rudis Themen. Schon auf dem Kolleg war er berüchtigt, da hatte er einen tollen Spruch drauf: Ein Tag ohne Schnitt und Stich ist ein verlorener Tag … Sie schütteln den Kopf? Nicht Ihr Ding, Zeitler, was? Hätten Sie nie getan? Niemals ein solches Risiko? Tja, dann eben auch keine Höhenflüge. Hören Sie weiter: Frankfurt am Main, New Economy, IT-Markt – Rudolf Zeitler ist ganz groß eingestiegen, wie ein Fetisch wurden die neuen Technologien in den neunziger Jahren gehandelt. Nach ein paar Jahren war alles vorbei, Rudolf hatte fast all sein Geld verloren. Mit dem Rest vermarktete seine Firma ein einfaches, aber geniales Computerspiel, das in jedem Haus und jedem Büro nebenbei gespielt werden konnte. Der Erfolg war überwältigend. Man gründete eine Aktiengesellschaft und stockte das Kapital immer mehr auf, obwohl es dafür kaum eine Grundlage gab. Zeitler und sein Partner zogen viel Geld aus der Firma, und so betrogen sie andere. Rudolf Zeitler hat stets auf die nächste Gelegenheit gewartet, schnelles Geld zu machen. Zurzeit setzt er auf eine neue Boom-Sparte: Info-Broker. In einer komplett vernetzten Welt, in der die Informationen scheinbar auf der Straße liegen, gibt es eine Ebene, die hinter der sichtbaren Welt der Daten und Fakten liegt. Mit Informationen, die zur rechten Zeit bekannt und genutzt werden, kann man eine Unmenge Geld verdienen. Firmen haben geheime Fonds. Sie zahlen Geld und erhalten dafür saubere Infos. Das Bestechungspotenzial ist vielfältig: Regierungsmitglieder auf der ganzen Welt, Spitzen der Verwaltung, Entwicklungsingenieure in Produktionsfirmen, die sagen, ob und wann mit einem neuen Auto zu rechnen ist oder auch nicht, hochrangige Manager geben gezielt Nachricht, ob etwas schiefläuft im Konzern. Mitunter wird auch dafür bezahlt, dass Falschinformationen auf bestimmten Märkten platziert werden. Börsianer leben von Informationen, ob sie nun falsch sind oder richtig. Die Aktien steigen oder fallen, Sie gewinnen oder verlieren dabei. Verstehen Sie diese Welt, Rudolf Zeitler? Verstehen Sie diese Welt?«

Er blickte von den Karteikarten auf.

Ja, die Welt war aus den Fugen geraten. Als ob sich ihre Pole verschoben hätten.

Der Mann dort auf der Werkbank, der auch Rudolf Zeitler hieß, zitterte noch immer, jetzt aber offensichtlich vor Angst. Unsinnig. Wer für wen starb, darauf kam es nicht an. Darauf war es bei der Mischinski nicht angekommen, darauf kam es auch bei Zeitler nicht an. Das gehörte zum Spiel. Vorläufig wenigstens.

Zeitler unternahm einen neuen Versuch, sein Leben zu retten: Das müsse ein Missverständnis sein, er habe den falschen Mann vor sich, das sei nicht das Leben, das ihm gehöre.

Er konnte sich das nicht anhören, er verschloss ihm mit einem Knebel den Mund.

Er spürte ein Gefühl der Verachtung für den Mann. Kann einem ein Leben gehören?

Diese Frage verursachte ihm Schwindel: Wie oft hatte er sich das selbst schon gefragt. Es war ein Irrtum zu glauben, es gebe Leben, die denjenigen gehörten, die sie lebten.

»Alle unsere Schicksale sind miteinander verbunden«, flüsterte er.

Montag, 24. Januar, später Nachmittag
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Beate saß in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch, starrte auf den Bildschirm, hielt die rechte Hand auf dem Knipser der Schreibtischlampe und schaltete das Licht ein und aus. Ein und aus, aus und ein. Ganz gleich, ob sie im Zwielicht saß oder im Dämmer des schwindenden Tages, sie fand kein Verhältnis zu dem, was heute Mittag geschehen war. Sie hatte schließlich die Mädchen gefahren. Was hätte es für eine Alternative gegeben? Für sie war der Nachmittag hin, die Aufmerksamkeit wie weggeblasen. Dabei musste sie bald liefern.

Deutsche Schicksale.

Sie mochte das Wort Schicksal nicht. Es kam aus einer Welt herüber, die nie die ihre gewesen war. Das Wort war so beladen, so romantisch beschwert, mit dunkler Geschichte besetzt. Mit Irrtümern. Mit Ohnmachten. Mit Irrationalität. Naturkatastrophen wie Tsunamis hatten mit allem Möglichen zu tun, nur waren sie nicht national auszuschlachten. Beate hätte jetzt gerne mit Rainer geredet. Was er denn bei dem Titel Deutsche Schicksale empfinde?

So impulsiv, so wütend hatte sie Rainer noch nie erlebt.

Beate konnte sich einfach nicht konzentrieren. Sie musste sich ablenken, etwas anderes tun. Ob wieder eine dieser seltsamen Mails gekommen war? Seit Weihnachten wurde sie damit belästigt. Sie hatte alle gelöscht, nicht eine einzige mehr geöffnet. Im Schnitt kamen jede Woche ein bis zwei Mails. Und im Betreff standen merkwürdige Sätze, eine Art von Zitaten, Ausschnitte aus einem größeren Ganzen: Ich muss kalt werden. Im Anfang war das Wort, der Sinn, die Kraft – die Tat. Ich will Böses tun. Eilf ist die Sünde. Ich will mein Schicksal verdienen. Eilfe überschreitet die Zehn Gebote. Zeichen setzen – das ist jetzt meine Aufgabe. An meinen Taten liegt mir unendlich mehr als an meinen Gedanken. Nur das zufällige Böse fasziniert. Ich muss kalt werden … Ich bin jetzt kalt …

Einiges war Beate bekannt vorgekommen.

Im Anfang war das Wort, der Sinn, die Kraft – die Tat.

Das war aus Goethes Faust, wenn auch in geraffter Form. Noch vor Weihnachten hatte sie den Rat eines technisch versierten Freundes eingeholt, der ihr bestätigt hatte, das Öffnen der Mails dürfte im Grunde keine Probleme verursachen, weil sie keinerlei Anhänge hatten, die Trojaner oder Viren transportieren könnten. Die Mails wären sauber, sonst würden sie nicht durch ihre ständig aktualisierten, doppelt gesicherten Firewalls hindurchkommen. Sie hatte den Absender damals sogar gesperrt, doch er hatte immer neue Namen gewählt. Und sie hatte weder Lust noch Zeit, jeden Tag neue Sperraktionen durchzuführen. Alles Technische war ihr eine fremde Welt; für die neuen Kommunikationssysteme war sie dankbar, sie nutzte sie, aber wie sie eigentlich funktionierten, das interessierte sie nicht.

Ein flüchtiger Blick auf die heruntergeladenen Mails zeigte ihr, dass heute keine Post von dem besonderen Absender gekommen war. Fast war sie enttäuscht. Aber eine andere Mail sprach sie an. Im Betreff war vom Klassentreffen die Rede. Der Absender war Thomas Todzeck. Hatte ihr Rainer nicht gesagt, dass das geplante Klassentreffen nun doch nicht stattfinden würde? Sie hatte damals, im letzten August, ihn und vor allem Susanne Bembennek ein wenig bei der Recherche von Adressen unterstützt und auch die eine oder andere Post wegen des geplanten Treffens versandt, unter anderem an einen alten Schulfreund von Rainer; daran konnte sie sich noch erinnern, weil der Freund vor etwa einem Jahr seine Frau durch Krebs verloren hatte. Rainer war damals zu der Beerdigung gegangen.

Aus dem geplanten Klassentreffen sollte wohl nichts werden. Rainer, sie und die Mädchen hatten kurz vor Weihnachten in der City während der Lichtwochen Susanne Bembennek getroffen; sie hatte sich enttäuscht gezeigt, dass bis auf zwei, drei Ehemalige niemand Interesse am Jubiläum geäußert hatte.

Das bringt nichts, hatte sie resigniert gemeint. Offenbar haben sich alle im Leben eingerichtet, niemand will mehr mit den Träumen seiner Jugend konfrontiert werden. Sollen sich andere um das Treffen kümmern, wenn sie es wirklich wollen. Ich genieße jetzt mein Sabbatjahr und werde demnächst auf Weltreise gehen.

Eine Mail also von Thomas Todzeck, den Rainer seit Monaten vergeblich anrief, weil er sich mit ihm treffen wollte. Er schien wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Erst vor wenigen Tagen hatte er ihm noch einmal eine Mail geschickt. Aber warum war diese Antwort an sie gerichtet, warum nicht an Rainer?

Als sie las, was da geschrieben stand, glaubte sie es nicht.

Montag, 24. Januar, früher Abend
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Rainer war zum Abendessen immer noch nicht zurück. Obwohl Beate nicht wirklich Appetit hatte, zwang sie sich, zwei Brote mit Mozzarella und Tomaten zu essen. Um halb acht musste sie die Kinder abholen.

Sie saß da in der Küche und konnte es immer noch nicht glauben. Was meinte der Absender mit der Liste? Meinte er wirklich die Liste, die Susanne Bembennek damals zusammengestellt und dem Mailtext angehängt hatte? Und an welchen Wort- oder Buchstabenspielen sollte sie sich da versuchen? Was meinte er bloß mit ursprünglich? Was wollte dieser Absender überhaupt von ihr? Es war alles so unklar und sinnlos … Oder? Sie nahm sich den Ausdruck der Mail noch einmal vor und las den Text zum vierten oder fünften Mal:

Von: Thomas Todzeck

Datum: Montag, 24. Januar, 14:38

An: Beate Rehbein

Betreff: Klassentreffen

----- Original Message -----

From: Beate Rehbein

To: Thomas Todzeck

Sent: Thursday, August 05, 2004 15:30 PM

Subject: Klassentreffen

Sehr geehrte Frau Rehbein,

liebe Bea Furrer,

schön, dass wir endlich näher miteinander bekannt werden.
Die Liste – sie fiel mir damals zur rechten Zeit in die Hand. Was der Zufall nicht alles bewirkt! Ein unglaublicher Zufall. Das große Spiel hat begonnen. Am Ende werden Sie das Werk zur Vollendung bringen. Annegret Mischinski ist bereits tot. Rudolf Zeitler stirbt heute Abend. Vielleicht hilft es Ihnen.

Elf Menschen werden sterben – das Drum und Dran bleibt leben.

Ich betrachte mich als den Märtyrer des natürlichen Rechts und als ein Schlachtopfer der Gesetze.

Wenn Sie elf Namen auf der Liste in die ursprüngliche Reihenfolge bringen, werden Sie als Einzige wissen, wer als Nächster stirbt. Bilden Sie ein Anagramm aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen. Mein Programm heißt: Die elf Häupter des Zufalls.

Der Zufall spielt die wichtigste Rolle in unser aller Leben. Das Anagramm hat mir gezeigt, was ich zu tun habe. Vollziehen Sie es nach. Die Lösung ist einfach – das Bild sagt alles. Finden Sie heraus, warum gerade diejenigen, die sich hinter bestimmten Namen verbergen, sterben müssen und die anderen nicht. Lesen Sie alles sorgfältig, alles!

Bedenken Sie: Der Held muss kalt werden wie der Leser, oder, was hier ebenso viel sagt, wir müssen mit ihm bekannt werden, eh er handelt, wir müssen ihn seine Handlung nicht nur vollbringen, sondern auch wollen sehen. An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten, und noch weit mehr an den Quellen
seiner Gedanken als an den Folgen jener Taten.

Ach, kennen Sie übrigens Charles? Aber sicher kennen Sie ihn!

Viel Glück. Ich bin auf Ihre Antwort gespannt.

Thomas Todzeck

PS

Keine Polizei! Ich habe Ihren Mann von der Liste gestrichen, ein kleines Entgegenkommen. Er fällt sowieso aus dem Rahmen. Vorläufig!

Susanne Bembennek

Ludger Bethke

Franz Cristofzyk

Ines Dassler

Elisabeth Dietrich

Elisabeth Draschkowski

Armin Hundt

Norbert Irmscher

Udo Lehwald

Annegret Mischinski

Doris Nonnenkamp

Ingo Nußbaum

Ernst Schmidt

Thomas Todzeck

Lothar Triebel

Elke Unger

Otto Versteegen

Rudolf Zeitler

Siegfried Zickler

Dubiose Andeutungen über den Zufall, zwei angebliche Tote, eine Namensliste, eine Aufgabe, die sie nicht verstand. Und eine Drohung. Und schon wieder Worte, Sätze, Formulierungen, die ihr irgendwie bekannt vorkamen: Ich betrachte mich als den Märtyrer des natürlichen Rechts und als ein Schlachtopfer der Gesetze. Und was sollte das wieder mit dem kalt werden?

Die Liste kam ihr bekannt vor, klar. Es waren eindeutig die Leute, mit denen Rainer auf dem Zweiten Bildungsweg Abitur gemacht hatte, 1980 in Oberhausen auf dem Kolleg. Das waren doch die Adressen, die sie damals selbst versandt hatte … Rainer hatte sie im letzten Jahr, im Hochsommer, um einen Gefallen gebeten. Er komme einfach nicht dazu, ob sie für ihn kurz eine Mail beantworten könne. Ganz kurz nur, der Absender sei eine ehemalige Klassenkameradin, die ein Klassentreffen arrangieren wolle und ihn gebeten habe, ihr bei der Recherche der Namen und der neuen Adressen zu helfen.

Warum sollten die Menschen auf der Liste sterben? War der Absender wirklich der Thomas Todzeck, Rainers Freund, von dem sie wusste, dass er Historiker und Archivar war, und von dem Rainer erzählt hatte, dass ihn der Tod seiner Frau so tief getroffen habe? Oder erlaubte sich da jemand einen makabren Scherz?

Beate ging ins Arbeitszimmer und schaute im Laptop nach, ob die Mails noch gespeichert waren, die sie damals versandt hatte. Sie überflog ihre Unterordner: 2005, 2004 … Redaktion, Verlag, Lesungen, Irak, Donau, 9/11 … Manchmal hatte ihre digitale Sammelsucht auch etwas Gutes. Bloß nichts wegwerfen … Reisen, Freunde … Klassentreffen …

Tatsächlich. Eine Mail war an Thomas Todzeck gerichtet. Und der Absender der Drohung war identisch mit der Adresse, an die sie damals die Liste geschickt hatte. Sonst hatte sie damals nur mit Susanne Bembennek einen kurzen Mailwechsel gehabt, mehr war da nicht gewesen.

Sie druckte alle Mails von damals aus. Während der Drucker arbeitete, erstellte sie einen neuen Unterordner in Outlook, überlegte kurz, wie sie ihn nennen könnte, und schrieb dann: kalt werden. Anschließend kopierte sie die seltsame Mail in den neuen Ordner hinein.

Als sie die Ausdrucke in der Hand hielt, suchte sie sofort nach der Namensliste mit den Adressen. Schon bald war ihr Finger am Namen von Annegret Mischinski hängen geblieben. Die Adresse stand dabei, aber keine Telefonnummer. Egal, sie rief die Auskunft an und wurde direkt weitergeleitet. Es meldete sich eine frische Frauenstimme: »Ja, bitte?«

Minuten später wusste Beate, dass nicht nur Annegret Mischinski lebte, sondern auch Rudolf Zeitler.

Also doch ein Scherz, ein ganz mieser.

Sie zerknüllte die Ausdrucke und warf sie in den Papierkorb. Sofort fischte sie die letzte Mail mit der Liste wieder heraus, suchte die entsprechende Seite, glättete sie und kringelte die Anfangsbuchstaben der Vornamen ein. Dann versuchte sie, sinnvolle Wörter damit zu bilden.

Montag, 24. Januar, früher Abend
Issum-Sevelen (Niederrhein)

Er nahm Rudolf Zeitler den Knebel ab und forderte ihn auf, nunmehr sein Leben zu erzählen. Schon nach kurzer Zeit begann er zu schnaufen, seine Kräfte ließen rapide nach. »Ich weiß nicht«, sagte er, »bitte geben Sie mir Zeit, ich muss nachdenken.« Er verstummte und weinte still vor sich hin. Dennoch durfte er ihn nicht bedauern.

Aber er musste ihm Zeit lassen. Die Geschichte eines Lebens fällt einem nicht so auf Kommando ein.

Jetzt, da Zeitler gefesselt und mit verbundenen Augen vor ihm lag, nicht wusste, was mit ihm geschah, und krampfhaft sein Leben erinnerte, roch der junge Rudolf vermutlich als Erstes den Geruch von Motorenöl aus der Autowerkstatt, über der er in den ersten zwölf Jahren seines Lebens gewohnt hatte. Dazwischen schob sich möglicherweise der ätzende Gestank von abgestandenem Tabakrauch, der sich langsam in der Wohnung breitgemacht hatte, wenn Zeitlers Vater zur Arbeit ins Stahlwerk gegangen war und der Zigarettenqualm Zeit hatte, sich acht, neun Stunden lang in jede der vielen kleinen Ritzen zu setzen. Er roch auch die Ausdünstungen des Vaters – Qualm, Schweiß, Kohle, Gase –, wenn dieser zu ihm ins Bett gekrochen war. Er hatte sich mit ihm eine Doppelbetthälfte geteilt; bei der Mutter hatte der jüngere Bruder gelegen. So oder so ähnlich musste wohl nach den wenigen zuvor gemachten Andeutungen seine Kindheit verlaufen sein.

Er holte das Skalpell hervor und begann vorsichtig Zeitlers Bauchhaut einzuritzen. Die kleinen Schnitte durften nicht zu tief sein, doch tief genug, um zu erreichen, was sie bezwecken sollten. Blut trat aus. Mit einem Tuch tupfte er es auf.

Der Mann vor ihm hatte Schiffe gebaut, urzeitliche, altertümliche, mittelalterliche, moderne, die in den Regalen und Vitrinen im Keller standen und im Wohnzimmer und überall im Haus, wo auch immer Platz war. Teile der spanischen Armada hatte er in monatelanger Arbeit erstehen lassen, detailgetreu wie alle anderen auch, die Santa Maria des Columbus, die Titanic natürlich, die Kon-Tiki, die Exxon Valdez … Sein Traum sei gewesen, hatte Zeitler mit traurigem Blick auf die Schiffe gesagt, irgendwann einmal, wenn er in Rente wäre, mit seiner Frau die ganze Welt zu umfahren.

Er ritzte Zeitlers Haut erneut ein, arbeitete sich weiter vor, der Halbkreis um den Bauch herum war bald geschafft. Er sah es Zeitlers Gesicht an, die Schnitte begannen zu brennen.

Der Mann nahm die Prozedur ohne Protest hin. Jetzt, da er auf seiner nackten Haut nur das kalte Metall der Werkbank spürte und immer müder wurde, mischten sich vermutlich Bilder ewiger Sehnsüchte in die Gerüche der Kindheit.

Er stellte sich vor, wie in Zeitlers Kopf Ansichten auftauchten, Ansichten der fernen Länder, wie er sie aus seinen dicken Bildbänden kannte. Alle wollte er sie einmal auf seiner Weltreise mit dem Schiff ansteuern: Kanada, Malaysia, Panama, Malta, Saudi-Arabien, Vietnam, Mexiko, Ägypten, Südafrika, Mikronesien, Brasilien, China, Argentinien, die Färöer, Dominikanische Republik, Chile, die Karibik, Neuseeland, Mauritius, Ozeanien, Indien, Indonesien, Australien, das Nordkap … Ja, die Menschen hatten Träume, Zeitler durchschiffte Dutzende von Ländern, zuerst den Rhein entlang, plötzlich war er schon im Mittelmeer, fuhr den Nil aufwärts, die Pyramiden tauchten auf, dann entschied er sich für den Blauen Nil, unvermittelt passierte er das unwirtliche Feuerland, und in einem Einbaum fuhr er in einer geisterhaft ruhigen See um Kap Hoorn herum, in Rio landete er an und stieg auf den Zuckerhut, saß plötzlich in einer Dschunke und schipperte durch das Mekong-Delta direkt den Yukon hinauf, der in den Golf von Mexiko mündete, und von dort ging es auf einem Raddampfer nach New Orleans und den Mississippi hinauf, der plötzlich aussah wie der
Rhein …

Er forderte Zeitler erneut auf zu berichten, was er aus seinem Leben gemacht hatte. Er bemühte sich, freundlich zu wirken.

Der Mann war steif wie ein Brett. Alles, was er flüstern konnte, war: »Warum quälen Sie mich? Was ist an meinem Leben so besonders?«

»Jedes Leben ist wichtig. Erzählen Sie mir Ihr Leben! Was haben Sie aus Ihrem Leben gemacht? Sind Sie damit zufrieden, wie Ihre Leistungen belohnt wurden?«

Er machte ihn so weit los, dass er sich wenigstens setzen konnte, holte ihm gegen die Kälte eine Decke aus dem Wohnzimmer und legte sie ihm um. Rudolf Zeitler sammelte seine Kräfte und erzählte langsam, aber ohne Pausen: »Meine Kindheit ist eine dunkle, enge 56-Quadratmeter-Wohnung gewesen. Fünf Menschen haben in zwei Zimmern und einer kleinen Wohnküche zehn Jahre lang aufeinandergehockt, und in den Tapeten setzten sich die Dünste von Zigaretten, Kohl, Kartoffeln und Graupensuppe ab. Sehen Sie sich um. Das habe ich aus meinem Leben gemacht. Ich habe Elektriker gelernt, habe später meinen Meister gemacht, und damit bin ich immer zufrieden gewesen. Ich habe nie etwas anderes werden wollen. Etwas aus seinem Leben machen, das geht doch nur, wenn man genügend eigene Möglichkeiten hat und wenn die wirtschaftliche oder politische Lage das zulässt. Geträumt habe ich immer. Träumen darf man. Von einer Weltreise mit dem Schiff zum Beispiel. Aber man muss wissen, dass man träumt. Andere würden vielleicht sagen, mein Leben ist einfach, aber mir reicht es, wenn ich im Karnevalsverein den Zeremonienmeister machen darf. Ich führe die Büttenredner, die Tanzmariechen und andere Hobbykarnevalisten auf die Bühne. Und wenn wir dann nachts um drei Uhr in irgendeiner Küche Eier braten und Bier trinken und erzählen … Ist das kein Leben? Ich habe kein Abitur machen können. Nicht eins meiner Geschwister hat es machen können. Ich habe mich einfach auf all das gefreut, was vor mir lag. Ich war finanziell unabhängig, hatte ein eigenes Haus, eine liebe Frau, zwei intelligente Kinder, und ich konnte mein Schicksal mehr oder weniger selbst bestimmen. Ich bin immer guten Willens gewesen, das Beste daraus zu machen. Damals hat sich doch niemand in diesem Land vorstellen können, dass es auch einmal anders als aufwärtsging. Es war doch nach dem Krieg immer nur aufwärtsgegangen. Warum sollte es jemals anders sein? Ich habe oft mit meiner Frau darüber gesprochen, dass alles in der Welt jetzt so kompliziert geworden
ist.«

Zeitler schwieg.

Er fesselte und knebelte ihn wieder.

Nur das feine Summen der Kamera erfüllte noch den Raum.

Montag, 24. Januar, später Abend
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Sie war zum Glück nicht die einzige Mutter gewesen, die zu spät gekommen war. Den Tumult der Geburtstagsgesellschaft, die Kinder, die nicht nach Hause wollten, und die anderen Mütter, die schnell noch Neuigkeiten austauschten, hatte Beate beinahe stoisch hingenommen. Im Auto hatten die Zwillinge vom Geburtstag erzählt. Beate hatte sich gerne ablenken lassen und ihnen ihre beiden Ohren geschenkt, ihren Mund und, wenn es der Straßenverkehr zuließ, auch ihre Augen. Zu Hause hatte sie die beiden dann ins Bett geschickt.

Als sie sich jetzt im Bad etwas frisch machte, hörte sie, wie die Haustür aufgeschlossen und kurz darauf im Wohnzimmer der Fernseher eingeschaltet wurde. Sie ließ sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, um ihre Müdigkeit zu vertreiben. Anschließend bürstete sie in aller Ruhe ihr Haar durch und frischte ihr Make-up auf. Sie schaute noch einmal nach den Zwillingen, dann ging sie hinunter.

Das Wohnzimmer war leer. Eine halb volle Flasche Bier stand auf dem Tisch. Der Fernseher lief. Sie wartete, aber Rainer kam nicht. Rainer war ins Bett gegangen und hatte alles stehen und liegen lassen.

Dass er so früh ins Bett ging, war seltsam. Und dass er ihr aus dem Weg ging, auch. So kannte sie ihn nicht. Rainer war eher derjenige, der immer über alles reden musste, der Konflikte kaum aushalten konnte. Zumindest private. Sie nahm sich einen Wein, ließ ihn aber stehen, weil sie sich plötzlich nach Rainers Nähe sehnte.

Rainer lag ganz still auf dem Bett, nicht einmal halb ausgezogen, nur den Gürtel offen, das Hemd aus der Hose, die Socken auf dem Stuhl, als ob er beim Ausziehen todmüde hintenüber gefallen und sofort eingeschlafen wäre. Er lag so still, sie hörte ihn nicht atmen, nur die ruhigen Bewegungen seines Brustkorbs verrieten ihr, dass er lebte. So hatte sie ihn lange nicht mehr betrachtet. Es war merkwürdig, dass sein Gesicht nach dem, was nachmittags geschehen war, so friedlich ausschaute. Er sah aus wie der junge Mann, mit dem sie vor über zwanzig Jahren in der Leipziger Nikolaikirche während einer Friedenswache ins Gespräch gekommen war.

Wenn ich dein Traumbild sehe, wird klar und licht die Nacht. Doch wenn der Tag dann kommet, hat Unruh‘ er gebracht.

Ach Rumi …

Rainer konnte engagiert, leidenschaftlich und mitunter auch wütend sein wie kaum ein anderer – doch er konnte immer schlafen. Eine Gabe, um die Beate ihn beneidete.

Wütend war Rainer bisher immer auf andere gewesen, niemals auf Beate. Das war es, was sie irritierte.

»Verstehst du nicht«, flüsterte sie vor sich hin, »wie ich mich fühlen muss, wenn du mich reduzierst auf die schreibende Mutter und Hausfrau? Überzogen, ich weiß. Aber trotzdem fühle ich mich so, lässt du mich so fühlen: Immer habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht da bin. Ich bin in gewisser Weise berühmt geworden. Du weißt, dass mir das nicht viel bedeutet. Meine Arbeit, die bedeutet mir sehr viel. Dass ich mit Sprache vielleicht noch etwas bewegen kann. Dass noch etwas ankommt bei den Menschen, die mich und andere lesen, die Licht ins Dunkel bringen wollen. Es war mir immer wichtig, was du über meine Arbeit denkst, dass du bei mir bist. Das weißt du. Wie oft haben wir stundenlang über ein Wort gestritten. Das war schön … Wie wütend müsste ich werden, dass du alles von mir und kaum etwas von dir erwartest. Bin ich wirklich ungerecht, wenn ich sage: Du kennst nur dich und deine Arbeit? Dein Verhalten mir gegenüber scheint mittlerweile nur noch gelegentlich angewandte Großherzigkeit zu sein? Kann Arbeit wirklich so wichtig sein, dass sie Beziehungen zerstört? Ich weiß, meine Arbeit ist mir auch wichtig. Hilf
mir.«

Beate streckte die Hand aus und streichelte das so unschuldig anmutende Gesicht des Schlafenden.

»Lieben wir uns noch? Was wird aus uns, wenn wir so weitermachen?«

Rainer bewegte sich, und es schien ihr, als ob er sich wegdrehen wollte, weg von ihrem Schmerz und von ihrer Anklage, aber er richtete sich auf und wollte etwas sagen, sagte aber nichts, sondern zuckte hilflos mit den Schultern, und dann öffnete er doch den Mund.

»Ich habe heute die Nachricht erhalten, dass die Frist bis zur Gesellschaftsgründung verkürzt worden ist. Die öffentlichen Mittel werden schneller gekürzt als angekündigt. Zudem droht eine Haushaltssperre. Wenn ich in den nächsten drei Monaten nicht sämtliche Presbyterien und Verantwortlichen von der neuen Gesellschaftsform überzeugt habe, werden zwei Heime geschlossen, und 95 Mitarbeiter stehen auf der Straße.«

Beate spürte einen Krampf in der Brust.

»Das ist schlimm.«

Rainer zuckte wieder mit den Schultern. »Ändert das etwas an unserer Situation? Ich will meine Lage nicht als Druckmittel einsetzen dafür, dass du nicht das machen kannst, was du willst.«

»Du tust es aber.«

»Soll ich aussteigen und meinen Leuten sagen: Ich kann mich nur dreißig Stunden die Woche um eure Arbeitsplätze kümmern, weil meine Frau auf Reisen ist und wichtige Reportagen schreibt und unsere Kinder auch versorgt sein wollen?«

»Das ist gemein.«

»Ja, das ist gemein, du hast recht.«

»Du setzt mich unter Druck.«

»Ich habe mir meine Lage nicht ausgesucht. Ich muss auf Bedingungen reagieren, für die ich nicht persönlich verantwortlich bin. Aber ich muss verantworten, wie ich auf diese Bedingungen reagiere. Und das will ich auch. Sag mir, dass ich es nicht tun soll, nenn mir einen guten Grund. Nur einen.«

Beate schwieg.

»Mein Leben ist auch nicht mehr das, was ich mir vorgestellt hatte. Mit Pädagogik hat das längst nichts mehr zu tun, was wir unter diesem immensen Spardruck tun. Wir sagen das nur nicht öffentlich. Wir tun so, als ob immer noch alles funktionieren würde, und passen die Konzepte an die Ökonomie, an die fehlenden Finanzmittel an. Das macht mich krank. Ich weiß das alles zu analysieren, aber was nutzt es, wenn ich dir jetzt großartige Vorträge über die Folgen der neuen Wirtschaftspolitik in diesem Lande halte? Ich leide darunter. Ich wäre der Erste, der alles hinschmeißen würde. Aber darf ich das?«

Beate war vernünftig. Sie hatte gelernt, immer alles vernünftig zu betrachten. Ja, sie sah das: In der derzeitigen Situation konnte Rainer kurzfristig durch niemanden ersetzt werden. Irgendeine neue Kraft müsste sich erst über Monate einarbeiten. Dann wäre es zu spät.

»Was machen wir jetzt?«, fragte sie zaghaft.

Er wollte etwas sagen, hielt aber inne und zuckte erneut mit den Schultern. »Manchmal«, kam es leise und stockend heraus, »manchmal möchte ich zwischen alles eine Bombe werfen.«

Beate zuckte zusammen. Wenn er so etwas sagte, musste sie sofort an seine Vergangenheit denken.

»Entschuldigung«, sagte er. »Ich sollte so etwas nicht sagen. Aber irgendein Zeichen setzen. Ich weiß nur nicht, wie und was.«

Beate schlang ihre Arme um Rainer. »Können wir einander trösten?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht«, sagte er und streifte ihre Arme ab. »Vielleicht ein andermal.«

Beate meinte, sie hätten schon eine Ewigkeit so stumm und still nebeneinander gesessen, als sie spürte, wie nun doch in seinen Arm und seine Hand Bewegung kam. Und sie entzog sich den vorsichtigen Berührungen nicht, weil sie selbst das Bedürfnis fühlte, Rainer zu streicheln.

Dann stand sie auf. Abrupt.

Sie würde gern mit Rainer schlafen. Sie sehnte sich danach. Doch nicht heute. Nicht in dieser Lage.

Montag, 24. Januar, 23 Uhr 25
Issum-Sevelen (Niederrhein)

Mittlerweile schwitzte Rudolf Zeitler. Seine Haare waren klatschnass, und die stark pulsierenden Arterien traten gut sichtbar hervor. Der Mann stöhnte jetzt, er musste schon starke Schmerzen haben.

Ein letztes Mal überprüfte er die Kamera und wechselte die Kassette aus. Die neue Kassette hatte genügend Speicherplatz.

Er setzte die restlichen kleinen Schnitte so in Zeitlers Oberkörper, dass die Blutlinie quer über den Brustkorb zum Schlüsselbein verlief. Dann löste er die Fesseln und half seinem Opfer, sich in Bauchlage zu drehen. Er zurrte das Plastikband wieder unter der Werkbank fest. Er stellte sich vor, wie es dem Mann erging. Sein Körper war jetzt ein Feuerball, sein Kopf war ans Metall gepresst, die Schmerzen waren in den Nacken und den Hinterkopf geschossen, der Kopf drohte ihm zu
platzen.

Er zwang sich, diese Gedanken zu verdrängen.

Er schloss die Augen und spürte, wie er wieder vollkommen kalt wurde.

Er legte sich die mitgebrachten Werkzeuge zurecht und konzentrierte sich, er durfte sich nicht verzählen.

Als er das erste Mal zustach, krümmte sich Zeitler würgend, aus seiner Nase floss Blut. Wieder hieb er in seinen Rücken, dieses Mal mit einem Schraubendreher. Zeitler rüttelte und zerrte, er hatte keine Chance. Er wurde müde, bekam keine Luft mehr, und vielleicht waren seine Gedanken jetzt bei dem ägyptischen Schiff, das einst vor den Pyramiden bei Gizeh ausgegraben worden war und das dort, ihm gegenüber, als Nachbau auf dem Regal stand, fast in Griffweite. Die Ägypter hatten die Vorstellung, auf einem Schiff ins Jenseits zu gleiten. Eine schöne Vorstellung! Ob Rudolf Zeitler das Schiff nutzen würde auf seiner Fahrt zu den Sternen? Ob er seine Tochter treffen würde, die, wie er erzählt hatte, mit kaum sechs Monaten den plötzlichen Kindstod gestorben war? Ob es ein schöner Stern war, auf dem sie gemeinsam leben würden?

Er blickte zum Regal. Das Schiffsmodell war noch nicht ganz fertig. Konnte ein Schiff ohne Kiel jemanden bis zu den Sternen tragen?

Wieder und wieder nahm er ein neues Werkzeug, stach hart zu. Der Mann unter ihm spürte wohl keine Schmerzen mehr, empfand wohl eher die angenehme Wärme des Blutes, das aus den vielen tiefen Wunden trat. Er konnte es sich gut vorstellen, auf welche Reise sich Rudolf Zeitler begeben hatte: Als das Schiff die Erdatmosphäre verließ, den Mond passierte und in die Weite der Milchstraße hinausschoss, um ferne Galaxien zu suchen, und auf ein schwarzes Loch zusteuerte, da zuckte Rudolf Zeitler auch nicht mehr.

Er packte alles ein, besah sein Werk ein letztes Mal und ging.

Das zweite Haupt des Zufalls hatte sein Opfer gefunden.

Ein weiteres Rätsel. Sie würden es nicht verstehen.

Nur sie, sie würde irgendwann begreifen.

Er würde schon dafür sorgen.

Dienstag, 25. Januar, 3 Uhr 20
Essen, Baldeneysee, Pastors Villa

Irgendetwas ließ sie nicht schlafen. Vermutlich diese geschmacklose Mailnachricht. Sie ließ ihr keine Ruhe. Beate schaute vorsichtshalber nach den Kindern. Sie schliefen fest und friedlich. Maria würde sagen: So können sie kein Wässerchen trüben. Seydou hatte gesagt: Für die Kinder musst du alles geben, für sie musst du immer da sein, sie sind die Hoffnung deiner Träume, unser aller Hoffnung, sie werden alles verändern können …

Ja, Seydou, ja doch …

Sie ging ins Zimmer, zog bei Madeleine die Bettdecke zurecht, die weit auf den Boden hing, wandte sich dann ab und zog die Tür zu. Auf dem Flur blieb sie plötzlich stehen. Sie musste das noch erledigen. Im Arbeitszimmer fuhr sie den Laptop hoch und schrieb eine Mail:

25. Januar 2005

Sehr geehrter Herr Todzeck

oder wie immer Sie heißen mögen,

ich habe nicht verstanden, was Sie mit Ihrer Mail sagen wollten.
Ich finde das nicht komisch, mit dem Tod zu spaßen und Menschen Angst einzujagen. Ich habe es überprüft: Annegret Mischinski und Rudolf Zeitler leben.

Warum tun Sie so etwas?

Das war eine rhetorische Frage. Antworten Sie mir nicht.

Ich bitte Sie darum, mich nicht weiter zu belästigen.

Beate Rehbein

Mittwoch, 26. Januar, mittags
Mallorca, nahe Palma de Mallorca,
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Autsch! Was sollte das? Er tat ihr ja schon fast weh! Juan, ihr wundervoller Masseur, schien abwesend, völlig unkonzentriert. Erst war er eine halbe Stunde zu spät gekommen, und nun drückte er unsensibel auf ihrer schmerzenden Stelle an der linken Schulter herum.

Er war in letzter Zeit immer seltener bei ihr gewesen. Schon Weihnachten hatte er familiäre Verpflichtungen vorgeschoben. Silvester und Neujahr sowieso, Dreikönige ebenfalls. Sie hatte das akzeptieren müssen, natürlich, aber sie war doch enttäuscht gewesen.

Da hatte sie dann allein vor ihrem selbst gebastelten Gesteck aus Wacholderzweigen und Pinienzapfen aus dem Garten gesessen, hatte beim Schein einer dicken Altarkerze in die sternklare Nacht geschaut, die Weihnachtslieder der Kinderzeit erinnert und auch danach immer wieder an ihn denken müssen, der fortgegangen war, an die Wiese im Park, an ihre wenigen gemeinsamen Tage und Nächte und was daraus geworden war. Sie hatte an die alten Geschichten gedacht, die er über den Himmel kannte und so schön erzählen konnte. Wie traurig war sie gewesen, dass der Himmel zu Silvester mit dichten Wolken verhangen war. Nur in ihrer Vorstellung hatte sie den Großen und den Kleinen Bär, die Nördliche Krone, den Raben, die Wasserschlange und den Löwen sehen können. Es hatte wehgetan.

Hatte sie sich selbst ein Geschenk machen wollen mit diesen Erinnerungen und kam nun nicht mehr los davon? Ein Danaergeschenk.

Auch nach den Feiertagen waren Juans Besuche spärlicher geworden. Hatte er genug von ihr? Sein Gesicht hatte Bedauern über seine Verspätung ausgedrückt, als er eben in der Tür gestanden hatte, aber sein Begrüßungskuss war nur flüchtig gewesen. Elisabeth Draschkowski machte sich keinerlei Illusionen über die Art ihrer Beziehung zu jüngeren Männern. Juans Massagetechnik war erstklassig, seine Behandlung quasi umfassend, sie bezahlte seine Dienste gut. Liebe? Nein.

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