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Bitte nicht stören – Hush Hotel

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Für Shandi Fossey war alles möglich. Es gab keine Grenzen. Und genau das vermisste sie hier, den grenzenlosen Himmel, an dem die Sterne wie winzige weiße Lichter vor einem tiefen Tintenblau funkelten und sich die Wolken wie Zuckerwatte auftürmten. Sie vermisste den Himmel von Round-Up, Oklahoma, der bei Sonnenaufgang goldgelb und bei Sonnenuntergang knallorange glühte.

Der Himmel über Manhattan bestand dagegen aus vielen kleinen Fetzen, die zwischen den Gebäuden hervorlugten, aus Straßenlaternen und glitzernden Neonfarben, die sich in den Fensterscheiben spiegelten. So kam es ihr zumindest vor, wenn sie, so wie jetzt, im Schneidersitz im Dunkeln vor dem Panoramafenster ihrer Wohnung im sechsten Stock saß. Es war halb vier morgens.

Aber das war in Ordnung, das mit den Himmelsfetzen. Wirklich. Denn hier im “Big Apple” New York gab es andere Lichter, die viel heller und verheißungsvoller strahlten als die Lichter am Himmel über Oklahoma.

Und genau deshalb war sie ja hier, oder etwa nicht? Wegen der Lichter auf dem Broadway und abseits des Broadways. Wegen der Theater und Kleinkunstbühnen, der Filmsets und Clubs. Wegen der unzähligen Möglichkeiten und Locations, an denen sie Arbeit finden könnte.

Augenlider, Wimpern, Lippen. Augenbrauen und Wangenknochen. Die Krümmung einer Nase. Die Linie eines Kinns. Das waren die Landschaften, die sie gestaltete, die sie mit Farbe versah und neu erschuf. Mit ihren Pinseln und Schwämmchen, Tiegeln und Tuben voller Farben und Cremes verwandelte sie das Normale in etwas Fantastisches.

Sie beugte sich nach links und dehnte ihren Oberkörper, indem sie ihren rechten Arm so weit wie möglich über den Kopf zum Boden führte. Ihre Arbeit in der Bar Erotique des Hotel Hush brachte es mit sich, dass sie an mindestens fünf Tagen in der Woche, oft auch an sechs, stundenlang auf den Beinen war.

Daher hatte sie sich angewöhnt, nach der Arbeit unter ihrem Stück Himmel auszuspannen. Sie genoss die Stille, die Dunkelheit, das Gefühl, von tosendem Leben umgeben zu sein, obwohl es von hier oben völlig lautlos erschien.

Sie dachte an die Gäste in den Kneipen der Stadt, die bis weit in die Nacht zusammensaßen und über die Vorstellungen diskutierten, die sie am Abend gesehen hatten. Sie stellte sich die Platzanweiserinnen, Hostessen und das übrige Personal vor, wie es darauf wartete, dass sich die Veranstaltungsorte leerten und sie endlich ihre Schuhe und ihr eingefrorenes Lächeln abstreifen konnten.

Sie dachte an die Schauspieler, die vermutlich so schnell aus ihren Rollen schlüpften wie sie aus ihrer, wenn sie erst einmal hier oben saß. Dann ließ sie die Shandi hinter sich, die Martinis und Margaritas für die anspruchsvollen Gäste des Erotique mixte, und fand sich – widerwillig?, mit Bedauern?, ganz automatisch? – wieder in der Rolle, die sie ihr Leben lang gespielt hatte: das langbeinige, wilde Stutenfohlen aus Oklahoma.

Diese Beschreibung verdankte sie der bier- und whiskydurstigen Menge in der “Durstigen Klapperschlange”, der Kneipe ihrer Eltern in der Kleinstadt Round-Up.

Eines Tages würde sie wissen, welche der beiden Shandis sie wirklich war, ob sie sich zwischen den beiden entscheiden musste oder sie eine Kombination aus ihnen war. Es wäre ihr sicher viel leichter gefallen, sich darüber klar zu werden, hätte man ihr bei ihrem Abschied aus Oklahoma Mut gemacht. Stattdessen hatte man ihr prophezeit, sie würde nach spätestens sechs Monaten reumütig zurückkehren.

Leider konnte sie die Zweifel aber auch nicht einfach abschütteln, die ihre Eltern in ihr geweckt hatten, als sie ihnen verkündet hatte, sie werde das Leben in Round-Up gegen ein Leben in New York City eintauschen.

Seit einem Jahr studierte sie am Fashion Institute of Technology, um den Bachelor in Kosmetik und Duft-Marketing zu machen. Sie hatte sich ihr Studium durch Teilzeitjobs finanziert, zuletzt in der Rechtsanwaltskanzlei Winslow, Reynolds und Forster. Dann hatte sie von der Eröffnung eines neuen Hotels, des Hush, gehört, und dort die Stelle in der Bar ergattert.

So war sie mit ihrem Status quo zufrieden, dem Studium, dem Job und ihrem Freundeskreis. Mehr brauchte sie nicht. Zumindest war sie bisher dieser Meinung.

Und dann hatte er sich heute Abend an die Bar gesetzt.

Sie kam wieder in die Ausgangsposition und dehnte jetzt ihre linke Seite. Ihre Fingerspitzen schwebten neben ihrer rechten Hüfte über dem Fußboden. Er war der süßeste Typ, den sie je gesehen hatte.

Und er hatte sich mit ihr unterhalten wollen. Glücklicherweise war es im Erotique so unglaublich voll, dass sie ihn immer wieder alleine lassen musste. So konnte sie auch ihre Gedanken ordnen, denn ihr kleiner Flirt hatte sehr schnell eine eindeutig sexuelle Komponente angenommen.

Es fiel schwer, im Zusammenhang mit ihm nicht an ein Bett zu denken. Sie konnte sich kaum vernünftig mit diesem Mann unterhalten, wenn sie sich die ganze Zeit ausmalte, wie sie ihn ausziehen würde. Heute Abend war es ihr zumindest einigermaßen gelungen.

Er war blond – oder war es zumindest, als er noch jünger war. Jetzt hatte er eher eine Multi-Ton-Haarfarbe mit dunklen Highlights. Und seine Haare waren lang und wellig und erinnerten sie an eine Löwenmähne. Er trug es nach hinten gebunden und hatte ein Kinnbärtchen.

Sein Lächeln funkelte. Seine Augen funkelten. Und seine Persönlichkeit auch. Es hatte Spaß gemacht, kleine Sticheleien und Anzüglichkeiten mit ihm auszutauschen. Sie mochte seinen intelligenten Humor.

Sie hatte ihn gefragt, warum er in der Stadt sei und ausgerechnet in diesem Hotel. Er hatte ihr gesagt, er sei auf Geschäftsreise – sein Geschäft waren Geld, Musik und Frauen. Sie hatte ihm geantwortet, mit den ersten beiden Dingen könne sie nicht dienen, mit dem letzten allerdings schon …

Dann hatte er sie einen Moment lang angeschaut, und sie hatte sich vorgestellt, wie diese Finger, die gerade sein Glas berührten, sie streicheln würden. Ihr Körper hatte sofort reagiert, und ihr nur hauchdünner BH, den sie unter dem ärmellosen schwarzen Smokinghemd trug, ließ ihre privaten Gedanken durchaus erahnen. Er hatte es bemerkt, einen Schluck von seinem Drink genommen und ihr dabei genau in die Augen geschaut. Er schluckte und die Ader an seiner Schläfe pulsierte.

Auch ihr war das Blut wie wild durch die Adern gerauscht, genau wie jetzt, als sie an seinen Blick dachte. Er hatte sie angesehen, als wollte er sie ausziehen, auffressen, ausprobieren, wie gut ihre Körper zueinanderpassten, als wollte er sie am liebsten ganz und gar verschlingen.

Ob ihm eigentlich klar war, wie perfekt man im Hush eine heiße Affäre inszenieren konnte?

Sie musste lächeln, als sie daran dachte, wie das Hotel in den Medien beschrieben worden war. Das Hush und sein Konzept war eine Idee von Hotelerbin Piper Devon und galt als die Adresse für die Jungen, Reichen und Geilen. Shandi wusste natürlich, dass es um mehr ging. Denn wie hieß es so treffend? Sex sells – mit Sex lässt sich Geld verdienen. Doch eigentlich ging es im Hush weniger um Sex als um Sinnlichkeit.

Jedes Zimmer war mit Duftkerzen ausgestattet, besonderen Badesalzen, Duschgels und Massageölen. Private Videokameras, Filmsammlungen und Sexspielzeuge forderten zu körperlicher Annäherung auf. Ob Schwimmen bei Vollmond im Rooftop-Pool oder eine Tanzvorführung in der kuscheligen Erotik-Bar im Untergeschoss – die Gäste genossen überall Privatsphäre, Diskretion und die Freiheit des Ausprobierens.

Dazu kam die geschmackvolle künstlerische Ausstattung des Hotels. Ältere Originalkunstwerke bildeten die perfekte Ergänzung zur Einrichtung im Art-déco-Stil der Zwanzigerjahre in Schwarz, Pink, Grau und Meeresgrün. Das Hush war ein einziges Fest der Sinne.

Dieser Gedanke brachte Shandi wieder zurück zu dem Mann, den sie heute Abend kennengelernt hatte. Ja, dachte sie und seufzte, während sie die Beine nach vorn streckte und sich zu den Zehen beugte. Morgen lag wieder eine lange Schicht vor ihr. Aber sie freute sich schon darauf, denn sie würde ihn wieder sehen.

Als sie den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür hörte, verzog sie den Mund und schüttelte den Kopf. Immerhin musste sie erst morgen Mittag zur Hochschule. Ihr Mitbewohner Evan Harcourt, der am Fashion Institute of Technology mittlerweile vom Fachbereich Fotografie zu Illustration gewechselt war, musste dagegen um acht Uhr auf dem Campus antreten.

Sein Arbeits- und Privatleben war der Wahnsinn. Auch jetzt, zu Beginn des neuen Semesters im September, änderte er nichts daran. Sie wartete, bis er die Tür abgeschlossen hatte, bevor sie ihn ansprach.

“Was Männer alles aus Liebe tun.”

Evan erschrak und fluchte leise. “Ich schwör's dir, Shandi! Wenn ich deinetwegen an einem Herzinfarkt sterbe, trete ich dir in den Arsch.”

Sie hörte, wie er durchs Zimmer ging. “Das wird schwer, wenn du tot bist. Außer vielleicht, du kommst als Untoter zurück.”

“Schlaumeier”, murmelte er, während er sich hinter sie hockte und ihr die Schultern zu massieren begann. Das machte er immer, wenn sie nach der Arbeit hier saß. “Dann muss April das für mich erledigen. Rache und so.”

“Hm”, stöhnte Shandi. Sie genoss die Massage und dachte gleichzeitig über Evans Beziehung zu April nach.

April Carter war seit einem Jahr mit Evan zusammen. Sie studierte auch mit ihnen am Fashion Institute, allerdings Schmuckdesign, und konnte sich echt glücklich schätzen, einen Typen mit so begnadeten Händen geschnappt zu haben.

Bei dem Gedanken an Hände kehrten Shandis Gedanken wieder zum Erotique zurück und zu seinen Händen – wie er das Glas gehalten, es gestreichelt hatte … Sie wünschte, er würde sie so streicheln!

Sie seufzte und sagte: “Wie kommst du darauf, dass April so was tun würde, nur weil du es ihr sagst? Noch dazu als Leiche?”

Evan hörte auf, sie zu massieren. “Ach! Sind deine Schultern heute nicht so verspannt wie sonst?”

Grr. “Wie war das mit dem In-den-Hintern-Treten? Gleich erlebst du selbst, wie das ist – wenn du nicht sofort weitermassierst!”

“Na ja, wenn du mich so lieb bittest …” Evan setzte seine Massage fort, für die Shandi bei einem professionellen Masseur locker das bezahlt hätte, was sie an einem Abend an Trinkgeldern verdiente – wenn nicht sogar mehr.

Schon fiel er ihr wieder ein. Aber zum ersten Mal nicht im Zusammenhang mit Sex.

Offensichtlich hatte er genug Geld und die entsprechenden Beziehungen, um im Hush absteigen zu können. Und was bedeutete das? Wenn er herausfand, dass Shandi Fossey aus Round-Up, Oklahoma, kam, war dann das Thema für ihn erledigt? Und damit auch ihre Fantasie von einer heißen Affäre?

Warum dachte sie bloß darüber nach? Sie wollte doch nichts weiter von ihm, außer, ihn aus seinen Designerklamotten pellen und über ihn herfallen.

Man kann das Mädchen aus Oklahoma rausholen, Shandi, aber Oklahoma nicht aus dem Mädchen.

“Ja, Daddy”, murrte sie. “Ich höre dich laut und deutlich.”

“Führst du wieder Selbstgespräche?”, fragte Evan.

Sie bewegte den Kopf im Rhythmus seiner massierenden Hände, die sich jetzt den unteren Teil ihres Schädels vorgenommen hatten.

“Komisch. Ich könnte schwören, du hast gerade Daddy zu mir gesagt.”

Sie musste grinsen. “Wenn ich irgendjemanden Daddy nennen würde, dann höchstens diesen Typen, der heute Abend während meiner Schicht an der Bar saß.”

“Hm. Ein Sugar Daddy etwa, mit einem Fuß auf einer Bananenschale und dem anderen im Grab?”

Shandi drehte sich um und boxte Evan gegen die Schulter. “Haha, sehr lustig.”

Er setzte sich so hin, dass er sie ansehen konnte, das Handgelenk ums angewinkelte Bein geschlungen. “Wir beide sitzen eben im selben Boot. Wir sind arm wie die Kirchenmäuse.” Er grinste breit. “Was meinst du wohl, warum ich mit April ausgehe?”

“Wenn du jetzt sagst, weil sie Geld hat, schlag ich dich gleich wirklich!” Shandi drohte ihm mit einem mahnenden Zeigefinger in bester Lehrermanier.

“Aber meinst du, es spielt eine Rolle”, fragte Shandi, “wenn man sich für jemanden interessiert, der in einer ganz anderen Liga spielt?”

“Sprichst du jetzt von mir und April? Oder von dir und deinem Banana-Man?” Sie funkelte ihn zornig an. “Wenn man sich nur für jemanden interessiert, nein. Dafür kann man doch nichts. Außerdem kann eine Frau übrigens auch den ersten Schritt machen, wenn sie einen Mann scharf findet.”

Shandi kicherte. Sie musste an den schönen Fremden denken, an seine Augen, seinen hungrigen, brennenden Blick und daran, wie sehr es sie danach verlangte, sich für ihn auszuziehen.

Meine Güte, sie wurde wahnsinnig. “Was ist daran schlimm, auf einen Mann scharf zu sein?”

Evan seufzte laut als Zeichen dafür, dass er dieses Thema nicht unbedingt vertiefen wollte.

Er legte sich auf den Rücken neben sie. Er hatte die Beine angewinkelt und stützte den Kopf auf seine im Nacken verschränkten Hände.

“Ich warte”, sagte sie und setzte sich wieder in den Schneidersitz.

“Du weißt doch, die Doppelmoral – die Frau, mit der ein Mann ins Bett geht, und die, die er mit nach Hause nimmt.”

Das nervte wirklich. Dabei war es in diesem spezifischen Fall sogar genau umgekehrt. Eigentlich war ihr das egal, aber immerhin ging es um Evan und April, ihre besten Freunde. Und sie wollte nicht, dass die beiden sich gegenseitig verletzten.

Sie stand zwischen den beiden. Wie ätzend. “Und warum nimmt dich April dann nicht mit nach Hause? Dürfen ihre Eltern nicht wissen, dass sie einen Lover hat?”

Es dauerte lange, bis er ihr Antwort gab. Schließlich räusperte er sich. “Ich bin nicht Aprils Lover. Und wenn du ihr verrätst, dass ich dir das gesagt habe, gibt es echt einen Tritt in den Hintern.”

Wie bitte? Das war ohne Worte. Sie war völlig sprachlos. April hatte nie durchblicken lassen, dass sie nicht mit Evan ins Bett ging. Ehrlich gesagt, hatte sie genau das Gegenteil durchblicken lassen.

“Das verstehe ich nicht. Du übernachtest doch bei ihr …”

“Auf der Couch.”

Unfassbar! “Nicht in ihrem Bett?”

“Nein.”

“Nie?”

“Nie.”

“Oha.” Shandi wusste nichts zu sagen. “Und warum? Ich meine, du hast es doch bestimmt versucht?” Sie dachte kurz nach. “Und du willst doch auch, oder nicht? Oder sind wir hier wieder beim Thema Doppelmoral?”

“Müssen wir jetzt darüber reden? Ich muss in vier Stunden an der Hochschule sein.”

“Aber ich muss erst noch wissen, wie ihr Männer tickt.”

“Warum?” Er drehte den Kopf. “Willst du dir etwa den Banana-Man vornehmen?”

Sie schubste ihn gegen das Knie. “Kannst du mal aufhören, ihn so zu nennen?”

“Wie heißt er denn?”

“Quentin.”

“Und du willst mit ihm ins Bett.”

“Ich weiß nicht.” Natürlich wollte sie, aber sie scheute sich vor dem Etikett, das die männliche Doppelmoral ihr deshalb verleihen würde. “Ich finde ihn spannend. Das ist alles.”

“Alles klar”, prustete Evan. “Du bist also nicht scharf auf ihn.”

Ja, na gut. Mussten Liebe, Sex und Lust immer so kompliziert sein? Konnte man das nicht einfacher haben? Würde Quentin sie automatisch für eine Schlampe halten, nur weil sie ihm zeigte, dass sie ihn attraktiv fand?

“Na gut. Ich geb's zu. Offensichtlich bin ich eine geile Schlampe.”

“Schlampen sind super.”

Sie stöhnte frustriert, dann legte sie sich neben Evan. “Wie schön, dass ich die Schlampe bin und nicht April.”

“Shandi, ich schlafe gleich ein.”

“Also noch mal, dieser Typ aus dem Hotel, Quentin. Ich sollte also besser nicht mit ihm ins Bett gehen?”

“Kommt drauf an.”

“Worauf?”

“Ob dich mehr an ihm interessiert als nur seine Banane.”

Quentin Marks stand in seiner Suite im 16. Stockwerk und sah aus dem Fenster. Um neun Uhr hatte er ein Meeting. Er sollte ins Bett gehen. Er musste schlafen.

Aber wenn er im Bett lag, musste er an Sex denken. An Sex mit Shandi Fossey.

Noch nie hatte er eine Frau mit solchen Beinen gesehen wie die Barkeeperin vom Erotique. Und das hieß etwas, denn er hatte in seinem Leben viele Beine gesehen.

Man ist nicht Musikvideoproduzent und Grammy-Gewinner, ohne dass man von Frauen – und übrigens auch etlichen Männern – regelrecht verfolgt wird. Von Menschen, die mit allen Mitteln versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, um ins Business zu kommen. Die ihn benutzen wollen. Die alles dafür tun, alles dafür geben würden, ihm sogar Sex vom Feinsten versprachen, wenn er sich nur ihr Demoband anhören oder sie jemandem vorstellen oder ihnen das Geheimnis verraten würde, wie man den Durchbruch schaffte, so wie er. Und wenn er das nicht tat, galt er als Arschloch.

Gut, dann war er eben ein Arschloch. Aber er ließ sich eben nicht kompromittieren, dachte er, während er hinüber zum Balkon ging, von dem man einen Blick auf die Madison Avenue hatte. Er öffnete die Balkontür. Die Nachtluft war schwül, die Lichter gedämpft, und auch der Straßenlärm hielt sich in Grenzen. So konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen.

Er wusste nicht so recht, was er davon zu halten hatte, dass er in letzter Zeit fast nur noch daran dachte, nach Austin zurückzukehren. Aber erst musste er seine Geschäfte hier regeln und die nötigen Verträge abschließen, bevor er zurückfahren konnte. Er konnte noch nicht nach Hause.

Nach Hause.

Er seufzte und trank den letzten Schluck Brandy, den der Zimmerservice als kleine Aufmerksamkeit des Hauses gebracht hatte. Quentin musste zugeben, dass an den Gerüchten etwas dran war. Auch wenn er ursprünglich woanders hatte absteigen wollen: Das Hush war das angesagte Hotel.

Er hatte einen Tagungsraum des Hotels für zwei Meetings am nächsten Tag gemietet – nein, es war ja schon heute – und später in der Woche noch einmal. Bisher hatte es für ihn noch nie einen Grund gegeben, sich so oft mit den Geldgebern der Branche zu treffen.

Aber jetzt ging es um Quentin Marks' eigenes Studio, um sein eigenes Label: Markin' It Up. Es war sein Traum, sich damit in seiner Heimatstadt Austin niederzulassen, und die nötige Unterstützung zu bekommen, war kein Problem. Schwieriger war es, sich für die richtigen Partner zu entscheiden.

Doch im Moment dachte er weniger an Finanzgeschäfte als an Sex. So merkwürdig es sich anhörte und anfühlte, in den letzten Monaten war er so mit der Studioplanung beschäftigt, dass sich Sex nur noch in seinem Kopf abgespielt hatte.

Damit war jetzt Schluss. Er wollte diese Shandi.

2. KAPITEL

Quentin wartete ungeduldig darauf, dass Shandi ihre Schicht an der Bar antrat. Nach seinem zweiten Meeting hatte er sich für ein frühes Abendessen entschieden – ohne Begleitung. Er hatte die Gastgeberin im Hotelrestaurant Amuse Bouche überzeugt, ihn so zu platzieren, dass er freie Sicht aufs Erotique hatte. Endlich entdeckte er Shandi – natürlich in dem Moment, als der Kellner ihm gerade den grünen Salat mit norwegischem Rauchlachs, Gurken und Vinaigrette mit gelbem Pfeffer servierte.

Quentins erster Gedanke war, das Essen herunterzuschlingen und an die Bar zu eilen. Doch dann bemerkte er, wie toll es war, sie einfach zu beobachten, sie anzuschauen, ohne dass sie es merkte. Es kam nicht oft vor, dass er unbemerkt blieb, darum kostete er diese Möglichkeit jetzt voll aus.

Sie wirkte völlig ungezwungen, wie sie ihrem Kollegen an der Bar geschickt auswich und Seite an Seite mit ihm arbeitete, Bestellungen ausführte, Drinks mixte, einschenkte und servierte oder mit den Gästen sprach. Sie lächelte und lachte, frisch, ausdrucksstark, engagiert. Ihr machte die Arbeit Spaß, das sah man. Das gefiel ihm. Er entspannte sich beim Essen.

Er ließ sich Zeit, um seine Vorfreude zu steigern. Er probierte einen Bissen von dem Salat, rührte aber den Wein nicht an, den eine Dame ihm hatte zukommen lassen. Er wollte sich nicht wegen einem Glas Wein in eine Unterhaltung hineinziehen lassen, an der er nicht das geringste Interesse hatte.

Sein Interesse galt einzig und allein Shandi. Dabei wollte er nicht nur Sex von ihr. Er wollte, dass sie für ihn lächelte. Er wollte ihren Optimismus teilen, ihre Hoffnungen, ihr Engagement. Das Verlangen danach wurde mit einem Mal so groß, dass ihn die Distanz zwischen ihnen störte.

Er gab der Bedienung ein Zeichen, zahlte und ging hinüber ins Erotique.

“Wie sind Ihre Meetings gelaufen?”, fragte Shandi ihn, als er sich auf einen der coolen schwarzen Thekenstühle schob, die eine Rückenlehne in Form eines umgekehrten Dreiecks hatten.

Das merkwürdig kühle, rosarote Licht der Lampen, die verschachtelt an der Decke angebracht waren, ließ ihr blondes Haar beinahe weiß erscheinen. Als sie den Kopf bewegte, musste er an Zuckerwatte denken.

Er umklammerte das Highball-Glas, das sie vor ihn stellte und beobachtete, wie sie ihm einen Drink eingoss. Er dachte daran, wie viel Lust er auf sie hatte. “Ganz gut, schätze ich. Wie Meetings eben so sind.”

Sie lachte leise, es klang in seinen Ohren wie klirrende Gläser oder leises Glockengeläut. “Man könnte meinen, Meetings sind nicht gerade Ihr Ding.”

Er zuckte mit den Schultern. “Kommt aufs Thema an.”

“Und worum ging es?”, fragte sie und nickte einem anderen Gast zu, der einen Drink bestellen wollte.

“Um Geld”, sagte Quentin und ließ die Eiswürfel in seinem Glas klirren. Sie sah ihn fragend an, bevor sie dem anderen Gast einen Bourbon auf Eis servierte.

Warum musste ausgerechnet sie eine Hose tragen, wo doch das Motto des Hush Erotik war und er nichts erotischer fand als ihre langen Beine?

Er bekam nicht genug davon, sie zu beobachten, wie sie ging, wie sie die Hüften schwenkte, wie ihr Hintern auf und ab hüpfte. Jetzt saß er schon den zweiten Abend auf diesem Barhocker, nur um dieses Schauspiel zu betrachten.

Als sie zu seinem Platz zurückkehrte, setzte sie die Unterhaltung da fort, wo sie geendet hatte und fragte ihn: “Und Sie mögen Geld nicht?”

“Wenn es meins ist, schon. Wenn nicht …” Er beendete den Satz nicht und zuckte mit den Schultern. “Ich gehe einfach nicht gerne Verpflichtungen ein.” Er wollte nicht übers Geschäft reden, sondern über sie.

“Sie meinen, Sie machen nicht gerne Schulden.”

Er schüttelte den Kopf und lachte. “Leider ein notwendiges Übel.”

“Wem sagen Sie das.” Über seinen Kopf hinweg winkte sie einem Gwyneth-Paltrow-Verschnitt in der Lobby zu. Ihre Augen tanzten, wenn sie lächelte. Auf seine Frage antwortete sie: “Das ist Kit.”

“Eine Freundin?”

“Die Direktorin unserer Public-Relations-Abteilung. Wir vergleichen immer unsere Schulden, die etwa so hoch sind wie die Staatsverschuldung. Und ich werde meine nicht vor der Rente zurückzahlen können, weil ich erst so spät den Mumm hatte, diese Ausbildung anzufangen.”

Hm. “Wieso brauchten Sie Mumm dafür?”

“Wenn Sie das hören wollen, sitzen Sie den ganzen Abend hier”, antwortete sie in aufforderndem Ton. War das eine Einladung? Vielleicht sollte er darauf bestehen, ihre Geschichte hören zu wollen. Dann könnte er den ganzen Abend bei ihr bleiben.

Das wollte er auch. Aber nicht hier. Nicht mit Publikum. Nicht, wenn oben sein Zimmer wartete, das es an Komfort locker mit einem Sultanspalast aufnehmen konnte. Also hob er nur kurz die Braue und tippte mit zwei Fingern an den Rand seines Glases.

Shandi rollte die Augen. Ihr Lächeln verzauberte ihn. Ihr koketter Augenaufschlag war zu süß, um wahr zu sein. “Sie bleiben so lange da, bis Sie alles gehört haben, hab ich recht?”

“Ich muss ja heute Abend nirgends mehr hin. Darum würde ich sagen, Sie werden mich so schnell nicht mehr los.”

Sie runzelte die dunkelblonden Augenbrauen. “Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Wenn Sie vor Langeweile vom Stuhl kippen und am Hinterkopf genäht werden müssen, bin ich nicht schuld.”

“Schießen Sie los”, sagte er und grinste sie an.

Sie holte tief Luft. “Es war nicht die Ausbildung, die den Mumm erforderte, sondern der Umzug hierher. Denn meine Eltern waren dagegen, zumal ich schon einen Abschluss habe, allerdings in einem Bereich, in dem ich sowieso nicht arbeitete …”

“Wieso nicht?”

Sie betrachtete den Tresen und wischte einen Wassertropfen weg. “Weil meine Eltern behaupteten, sie bräuchten meine Hilfe.” Sie zuckte mit den Schultern, gestikulierte mit einer Hand. “Sie haben eine Bar. Also, verglichen mit dem Erotique ist die 'Klapperschlange' eher ein Saloon.”

“Klapperschlange?”

“Ja, die 'Durstige Klapperschlange'.” Jetzt lächelte sie wieder, wenn auch zögerlich.

“Ihr Akzent klingt aber nicht nach Texas …”

“Ich komme aus Oklahoma”, korrigierte sie ihn. “Round-Up, Oklahoma.”

“Dann sind wir sozusagen Nachbarn. Obwohl Oklahoma doch noch ein ganzes Stück von Austin entfernt ist.”

“Und ich nicht mehr in Oklahoma wohne.”

Er nickte und fragte sich, was sie aus Oklahoma vertrieben hatte – er war sich sicher, dass es dafür einen bestimmten Grund gab. “Ihre Eltern wollten also, dass Sie dort bleiben und in der Kneipe arbeiten. Aber Sie wollten eine Ausbildung machen und weggehen. Einer von beiden würde also auf jeden Fall unglücklich sein.”

“Das trifft es ziemlich genau.” Sie betrachtete ihre Fingernägel. “Obwohl ich nicht das Wort unglücklich benutzen würde.”

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. “Sondern?”

Darauf lachte sie. “Kommt drauf an, wessen Seite ich beschreibe.”

“Dann beschreiben Sie Ihre Seite.” Schließlich interessierte er sich für Shandi und nicht für ihre Eltern. Es machte ihn noch neugieriger auf sie, dass sie offenbar ungern über sich selber sprach. Die meisten Frauen erzählten einem doch gleich ihre ganze Lebensgeschichte, ob man sie hören wollte oder nicht.

Er wollte, dass sie weitersprach. “Und wenn Sie in Oklahoma geblieben wären, dann wären Sie jetzt … was? Verbittert und voller Groll?”

Sie nickte und fuhr sich mit der Hand über die Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. “Ja. Und ich hätte deswegen ein schlechtes Gewissen.”

“Wegen Ihrer Eltern.”

Sie lächelte, wohl mehr für sich als für ihn. “Sie sind zwar nicht unbedingt meiner Meinung, aber ich liebe sie trotzdem. Sie sind nun mal, wie sie sind.”

Und jetzt sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. Sie hatte ihren Frust wohl lange zurückgehalten. “Es geht noch nicht mal um meine Interessen. So weit denken sie gar nicht. Die Familie ist für sie eine Einheit. Die Fosseys. Wir sind keine Individuen, dürfen uns nur als Familie denken. Und die Tatsache, dass ich …”

Sie sprach nicht weiter. Quentin beugte sich näher zu ihr und legte seinen Arm auf den Tresen neben sie.

Am liebsten würde er mit ihr nach unten gehen, ins Exhibit A, die Erotik-Bar im Untergeschoss. Dort, an den kleinen Tischchen, hatte man mehr Privatsphäre als hier an der Bar im Erotique.

Sex mit Shandi wäre der absolute Knaller … In seiner Hose regte sich etwas.

Er räusperte sich und konzentrierte sich wieder auf ihre Unterhaltung. Sie warf den Kopf zurück und sah an die Decke. “Was ist das denn jetzt? Normalerweise ist es doch der Gast, der dem Barkeeper sein Herz ausschüttet, und die Person hinter dem Tresen ist es, die zuhört.”

“Sind Sie immer so hart gegen sich?”, fragte er leise. Warum wollte sie bloß nicht über sich reden?

“Nein, nur meistens.” Sie zuckte mit den Schultern und schob sich eine Haarsträhne aus der Stirn. “Ich bin eben ein Ehrgeizling.”

“Liegt das auch in der Familie?”

Sie entfernte sich vom Tresen und lachte. “Sie geben einfach nicht auf, was?”

“Das tu ich nie, wenn ich etwas haben will.”

Einen Moment lang sah sie ihn an. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Als sie ihn dann anlächelte, hatte er Angst, er könnte das Glas in seiner Hand zerbrechen.

“Quentin”, fing sie an und zögerte dann. “War das gerade eine Anmache?”

Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. “Ich gebe mein Bestes.”

“Dann ist es okay.” Sie nickte. “Ich wollte nur sichergehen.”

“Und jetzt?”

“Keine Ahnung.” Sie zeigte auf das andere Ende der Bar. “Ich schätze, ich sollte wieder an die Arbeit gehen. Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.”

Aha. “Sie erinnern mich sehr an ein Mädchen, das ich aus der Highschool kenne.” Er setzte sich bequemer hin. “Ihre Ausgangssituation war anders, ihre Familie anders als Ihre. Aber sie musste trotzdem ihren eigenen Weg gehen.”

“Und? Hat sie es geschafft?”

Er lächelte und dachte an Heidi Malone von der Johnson Highschool in Austin, das Mädchen von der falschen Seite der Stadt, das Saxofon gespielt hatte und das fünfte Mitglied in seiner Band geworden war. Heute war sie Anwältin und setzte sich für die Rechte der Frau ein. Seit sechs Jahren war sie jetzt mit seinem alten Freund Ben Tannen verheiratet.

“Oh ja.” Quentins Lächeln wurde breiter. “Sie ist schon lange nicht mehr die kleine Ausreißerin, die sie damals war.”

“Sie stehen wohl auf kleine Ausreißerinnen?”

Er lachte laut, und sein Lachen klang ihm selber fremd. Er wollte gerade etwas erwidern, als jemand auf den Stuhl neben ihm kletterte.

“Das will ich doch nicht hoffen in Anbetracht der vielen tollen Frauen, von denen Sie umgeben sind.”

Quentin drehte sich um und eine Welle von Parfum schlug ihm entgegen. Die Frau neben ihm war das typische Starlet, mit perfektem Make-up und perfekt sitzender Frisur, glänzenden Fingernägeln und Juwelen um den Hals, die so plump waren wie ihr tiefes Dekolleté.

Sie war ganz offensichtlich auf Männerjagd. Aber da war sie bei Quentin an der falschen Adresse, denn ihm stand der Sinn im Moment nach niemand anders als seiner kleinen zerzausten Barkeeperin.

“Kleines, machen Sie mir einen Cosmopolitan? Nicht so viel Himbeer”, bestellte die Frau bei Shandi. Dann drehte sie sich wieder zu ihm. “Bin ich heute Abend Ihr Gast oder hab ich mich umsonst in Schale geschmissen?”

Umsonst war genau das richtige Wort. Von seinem Körper kam nicht die geringste Reaktion.

Aber er lächelte, denn so war er nun mal, und als Shandi mit dem Drink zurückkam, sagte er: “Schreiben Sie es auf meinen Deckel.”

Sie stehen auf kleine Ausreißerinnen, was?

Hatte sie ihn das wirklich gefragt? Was war bloß los mit ihr? Was dachte sie sich eigentlich?

Man zeige ihr einen tollen Mann, und sie verlor komplett den Verstand.

Im Personalraum hinter der Bar lehnte sich Shandi an die Wand. Das Telefon klingelte und schrillte in ihr Ohr. Sie riss schnell den Hörer von der Gabel – mehr, um sich von dem Geräusch zu befreien, als ihrer Pflicht nachzukommen, die Anrufe in der Bar entgegenzunehmen. “Erotique, Shandi Fossey am Apparat.”

“Shan, bringst du mich um, wenn ich dir morgen Abend fürs Kino absage? Daddy hat angerufen und darum gebeten, dass ich zum Abendessen nach Hause komme, und dann bin ich nie im Leben vor acht Uhr zurück. Ich würde dann bei meinen Eltern übernachten und erst am Mittwochmorgen zurückkommen.”

“Oh nein! Aber du besorgst mir kein anderes Date, April. Verstanden?” Das Leben war einfach zu kurz, um es mit schlechten Blind Dates zu vergeuden.

“Das muss ich doch gar nicht”, sagte April. “Evan sagt, du hast im Hotel einen tollen Typen.”

Natürlich. Die heilige Stunde der Beichte morgens um halb vier. “Er ist toll, aber ich habe ihn noch nicht. Weißt du eigentlich schon, dass er aus Texas ist?”

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