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Hundstage, Wolfsnächte

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. I. Kapitel - Knockout für eine ungesicherte Existenz
  8. II. Kapitel - Damenwahl
  9. III. Kapitel - »Bullenklatschen«
  10. IV. Kapitel - Der Reiz des Südens
  11. V. Kapitel - »Sie waren zu dritt«
  12. VI. Kapitel - Wulfsgruben
  13. VII. Kapitel - Komasaufen
  14. VIII. Kapitel - In der Pit
  15. IX.Kapitel - Der Mann im Wald
  16. X. Kapitel - Bauernsterben
  17. XI. Kapitel - Die Frau in Weiß
  18. XII. Kapitel - Am Hebel der »Eintracht«
  19. XIII. Kapitel - »Töten Sie ihn!«
  20. XIV. Kapitel - Die Überzeugungskraft einer Doppelläufigen
  21. XV. Kapitel - Die Nacht der Gladiatoren
  22. XVI. Kapitel - Hetzjagd
  23. XVII. Kapitel - Ein Leben wie im Roman

Über den Autor

Walter Wolter, 1950 im Saarland geboren, arbeitete als Journalist, bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte. Seinen Abenteuerbüchern über Steinzeitmenschen und Kopfjägern folgten mehrere Kriminalromane.

Beißt dich ein Hund und du beißt nicht zurück,

glaubt er, du hättest keine Zähne.

Zigeunersprichwort

I. Kapitel

Knockout für eine ungesicherte Existenz

Auf dem Richtertisch lagen, eingewickelt in Klarsichtfolie, zwei Schneidezähne. Hinten im Saal saß Porsche-Günni mit seinen Kiezkollegen. Minuten zuvor, im Zeugenstand, hatte er hinter vorgehaltener Hand dermaßen genuschelt, dass man raten musste, ob er »Überfall« oder »Rübezahl« gesagt hatte.

Dem Angeklagten fehlte es sichtlich an Schuldbewusstsein. Er war ein mittelgroßer, mittelblonder Mann in mittleren Jahren, der äußerlich weder der Zuhälterszene noch dem grundsoliden Bürgertum zuzuordnen war, da sein beiger Sommer-Sakko, seine Bluejeans und seine braunen Slipper für einen Stenz aus dem Milieu eindeutig zu billig, andererseits seine Brauen zu vernarbt, seine Nase zu zerbrochen und sein Nacken zu stark waren, als dass man ihn sich hätte vorstellen können, wie er zu Hause hinterm Jägerzaun den Rasen mit dem Kantentrimmer bearbeitete.

Die offensichtliche Gleichgültigkeit des Angeklagten reizte den Richter, der es gewohnt war, reuige Sünder unter sich zu sehen, wenigstens scheinbar zerknirschte Gestalten, die ihr letztes bisschen Würde aufgaben, um dem strengen Herrn mit der Lizenz zum Strafen eine Spur Erbarmen abzuwinseln. Schon am Vormittag des Verhandlungstages, gleich zu Beginn, als zur Person gefragt wurde, hatte der Vorsitzende Richter, ein schwach gebauter, dünnstimmiger, schütter behaarter Brillenträger, dessen Anwesenheit ohne seine schwarze Robe und seinen erhöhten Sitz nicht weiter aufgefallen wäre, eine unverkennbare Abneigung gegen den Angeklagten gezeigt.

»Was denn nun?«, hatte er gefragt und seiner hohen Stimme eine metallische Schärfe aufgesetzt. »Welcher Beruf soll denn nun ins Protokoll? Boxer, Bodyguard, Gastronom oder Privatdetektiv? Oder weist Ihre … na ja … Ihre Erwerbsbiografie noch weitere Exotika auf?«

»Schreiben Sie ein Ex vor alles, was Sie da aufgezählt haben«, hatte der Angeklagte gesagt, und die Schöffen zur Rechten und zur Linken des Richters, ein biederer Stuckateurmeister und eine leichenblasse Ernährungsberaterin, hatten ob der saloppen Antwort pikiert zum Vorsitzenden geblickt. Auch für sie stand im Grunde genommen der Schuldige bereits fest. Erst recht, nachdem der Vorsitzende mit einem Auszug aus dem Strafregister herumgefuchtelt – »… zweimal verurteilt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, einmal wegen Beamtenbeleidigung, einmal wegen Trunkenheit im Straßenverkehr …« – und mit den computergedruckten Schandmalen aus dem Leben von Bruno Schmidt einen Anflug von Abscheu in die Mittelstandsgesichter der beiden Laienrichter gewedelt hatte.

Die Mittagspause hatte Bruno allein im Café Meineid gegenüber dem Gerichtsgebäude verbracht. Sein Verteidiger hatte nicht mitgehen wollen in diese Kaschemme, die den Vertretern der Jurisprudenz schon vom Namen her ein Dorn im Auge war. Bruno hatte eine lasche Gulaschsuppe gelöffelt und auf den schon bestellten Kaffee verzichtet, weil ein angetrunkener Stammgast – »Mensch, Hammer, alter Kämpfer!« – ihn erkannt hatte.

Die Zeugenbefragung hatte sich bis weit in den Nachmittag hingezogen. Aufgeboten waren ein halbes Dutzend Rolex- und Goldkettchenträger, außerdem eine junge Nutte, die, um ihren Schinder und Schröpfer zu decken, sich schüchtern als Verlobte von Herrn Günther Kaczmarek ausgab. Nun schlug die Stunde des Staatsanwalts.

»Zu Ungunsten des Angeklagten, der permanentes Grinsen als Ausdruck von Gelassenheit zu verstehen scheint, ist ferner festzuhalten, dass er« – und da schwoll seine Stimme zur Kraft einer Tuba –, »ich möchte das betonen, keinerlei Reue zeigt, keinerlei Einsicht in sein Fehlverhalten. Nein, ganz im Gegenteil. Selbst im Angesicht seines schwer gezeichneten Opfers hält er – ich möchte fast sagen zynisch – an einer Tatversion fest, die dem tatsächlichen Verlauf Hohn spricht. Nach glaubwürdiger Darstellung des Opfers …«

Unter dem dünnen Sakko des Angeklagten spannten sich die Muskeln, seine Faust schnellte vor und knuffte auf die Kunststoffplatte des Tisches, an dem er mit seinem Verteidiger saß.

»Opfer! Das ist ja zum Totlachen! Der Kerl ist ein Lude. Und zwar einer von der übelsten Sorte! Sie glauben doch nicht …«

»Halten Sie gefälligst den Mund!«, falsettierte der Richter. »Wenn Sie noch einmal dazwischenreden, verhänge ich eine Ordnungsstrafe. Und schlagen Sie hier gefälligst nicht auf den Tisch!«

»Danke, Herr Vorsitzender«, sagte der Staatsanwalt. »Diese Unbeherrschtheit in Verbindung mit einem unerhörten Maß an Selbstgerechtigkeit ist signifikant für das Persönlichkeitsprofil des Angeklagten. Dazu kommt eine unkontrollierte Gewaltbereitschaft. Wenn ein Profiboxer seine Fäuste gebraucht, kommt das dem Einsatz einer Waffe gleich. Werfen wir einen Blick auf die Beweisstücke! Grauenhaft! Da, an einem der ausgeschlagenen Zähne – da, sehen Sie! – hängt sogar ein Stück Kieferknochen! Mit der skrupellos eingesetzten Schlagtechnik eines berufsmäßigen Faustkämpfers …«

»Quatsch«, warf der Angeklagte ein, »ich war vor sechs Jahren zum letzten Mal im Ring. Ich bin jetzt 43, zum Kuckuck.«

»Na bitte!« Mit galligem Lächeln wandte sich der Richter an die Protokollführerin: »Wegen ungebührlichen Verhaltens des Angeklagten verhänge ich eine Ordnungsstrafe in Höhe von zweihundert Euro. Haben Sie’s?«

»Zweihundert«, wiederholte die Protokollführerin teilnahmslos.

»Das haben Sie nun davon«, raunte der Verteidiger, der mit seinen schmalen, hochgezogenen Schultern in der schwarzen Verhüllung an eine Krähe gemahnte.

»Na und?« Der Angeklagte betastete einen Rasierklingenkratzer an seinem Kinn. »Auf die Kohle kann dieser Giftzwerg lange warten. Ich bin doch völlig parterre.«

»Wie bitte? Was gibt’s da noch zu mosern?«, fragte der Richter spitz.

»Mein Mandant … ähm …«, druckste der Verteidiger, »hat gefragt, ähm, ob er den Betrag in Raten zahlen kann.«

»Darüber befinden wir später«, sagte der Richter. »Würden Sie bitte fortfahren, Herr Staatsanwalt?«

Bruno Schmidt, der bis zu seiner letzten fürchterlichen Niederlage Mitte der Neunzigerjahre eher unter seinem Kampfnamen Hammer bekannt war, achtete nicht mehr konzentriert darauf, was der Staatsanwalt ihm noch Verwerfliches vorhielt. Von Riss- und Quetschwunden im Schläfenbereich des Opfers war die Rede, auch von einer angebrochenen Rippe. Ein halbes Jahr Freiheitsstrafe, möglichst ohne Bewährung, hielt der Staatsanwalt für angemessen.

Der Vertreter der Nebenklage, ein redegewandter, vom Zuhältersyndikat bezahlter Schmierseifenjurist mit Prinz-Eisenherz-Frisur, rückte den Angeklagten in die Position eines ausgerasteten Neandertalers, der aus nichtigem Anlass einen Gutmenschen vermöbelt hatte. Aus einem ordinären Zuhälter wurde dank der Sprach-Pirouetten des Advokaten ein ehrenwerter Geschäftsmann mit Außendienstmitarbeiterinnen. Von imageschädigendem Aussehen des Opfers war die Rede und von einer bevorstehenden Operation, bei welcher Herrn Günther Kaczmarek ein Stück Rippe entnommen werden müsse, um seinen Kiefer wieder in den ursprünglichen Zustand zu bringen. Die Kosten, so schob die flinke Zunge genüsslich nach, werde man zivilrechtlich von Herrn Bruno Schmidt erstreiten, ebenso ein dem Martyrium seines Mandanten entsprechendes Schmerzensgeld.

Brunos Verteidiger – er war der Preisgünstigste seiner Gilde und wurde in Kollegenkreisen »die Pfeife« genannt – war sein kleines Honorar nicht wert. Sein Plädoyer wirkte wie eine Schlaftablette.

»… und so möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass Herr Schmidt, ähm, im guten Glauben und im Auftrag eines Vaters, eines, ähm, besorgten Vaters, in seiner Rolle als Privatdetektiv versucht hat, dessen Tochter, die hier als Zeugin, ähm, erschienen ist, aus dem Milieu herauszuholen, um sie, ähm, rückzuführen in ihre Familie, was, wie sich im Verlauf der Aktion, ähm, herausgestellt hat, nicht das Verständnis aller Beteiligten gefunden hat, weswegen es zu einer Auseinandersetzung gekommen ist, in deren Verlauf …«

Bruno Schmidt wusste, dass er ruiniert war. Egal, wie das Urteil ausfiele: Ob sechs Monate Freiheitsstrafe, wie der Staatsanwalt gefordert hatte, oder eine Geldstrafe – in jedem Fall würde sich das Gericht im noch ausstehenden zivilrechtlichen Verfahren am Urteil der strafrechtlichen Verhandlung orientieren. Und das bedeutete: zahlen, zahlen, zahlen. Arztkosten, Krankenhauskosten, Prozesskosten, Schmerzensgeld.

»Angeklagter, Sie haben das Schlusswort«, sagte der Richter.

»Es war Notwehr«, sagte Bruno. »Ich hatte den Auftrag, dieses … dieses Mädchen, na ja, die Verlobte von Porsche-Günni …«

»Von Herrn Kaczmarek, wollen Sie sagen«, unterbrach der Richter.

»Meinetwegen. Also die Verlobte von Herrn Kaczmarek.« Dann packte ihn der Zorn. »Verdammt noch mal, Sie wissen doch, um was es hier geht! Seit Stunden werden Ihnen Grimms Märchen aufgetischt. Zugegeben, ich habe einem Zuhälter zwei Zähne ausgeschlagen. Und warum? Weil er mich angegriffen hat. Weil er sich vor seinen Kollegen an mir profilieren wollte. Da spielt es doch keine Rolle, dass meine Zeit als Boxer längst vorbei ist, dass ich keine Kondition mehr habe und mehr nehmen muss, als ich geben kann. Da hätte einer noch jahrelang geprahlt: ›Ich habe dem deutschen Meister die Fresse poliert, aber hundertprozentig, ich glaube, der war sogar mal Europameister, mindestens, wenn nicht noch mehr, dem habe ich die Fresse poliert, so und so und so, mit dieser Faust hier, wenn ihr’s nicht glaubt, dann fragt den und den.‹ Was hätte ich also tun sollen? Ich hatte doch keine andere Wahl, als dem Kerl eine zu verpassen. Und dass diese ganze Kiez-Korona unter einer Decke steckt und Ihnen die Hucke vollgelogen hat, wissen Sie so gut wie ich.«

»Sind Sie fertig?« Die Stimme des Richters verriet die spöttische Verachtung, die er für Brunos leidenschaftlich-dilettantische Verteidigungsrede empfand. »Vor Gericht geht es um das Glaubhaftmachen von Tatbeständen. Als mehrfach Vorbestrafter sollten Sie die forensischen Gepflogenheiten kennen, oder muss ich mich einfacher ausdrücken?«

Die beiden Schöffen schauten Bruno feindselig an. Nur ganz und gar untadelige Bürger werden zu Laienrichtern berufen.

»Schöner Rechtsstaat«, murmelte Bruno, »wenn du gelinkt wirst.«

»Das Urteil wird in einer halben Stunde verkündet«, sagte der Richter, der die Bemerkung zu Brunos Glück überhört hatte, erhob sich und brachte damit, so verlangte es die Würde des Gerichts, den ganzen Saal auf die Beine.

»Ich muss eine rauchen«, sagte der Verteidiger in einem Tonfall, als habe er alles gegeben, und hängte seine schwarze Kutte über die Stuhllehne, »kommen Sie, wir gehn auf den Flur.«

Nach und nach versammelten sich alle in dem hohen, weiß getünchten Korridor, unter dessen abgetretenem Linoleum ein wilhelminischer Dielenboden knarzte: ein knappes Dutzend Prozessbeobachter, größtenteils Rentner, ein käsiger Gerichtsreporter sowie die Zeugen, die allesamt so aussahen, als ob sie viel Zeit in der Sonne verbrächten und danach im Fitness-Studio allerhand Eisen bewegten. Diese gestylten Gestalten mit den um zwei Löcher mehr als schicklich geöffneten Hemden scharten sich solidarisch um den nuschelnden Günni und seinen wichtigtüchtigtuerischen Anwalt und nahmen atavistische Drohposen mit aufgeblasenem Brustkasten und vorgerecktem Kinn ein, als sie für Bruno und seinen Verteidiger eine Gasse bilden mussten.

»Ihr macht zu viel Krafttraining«, sagte Bruno im Vorbeigehen, »deshalb seid ihr so langsam.«

»Bitte lassen Sie das doch!«, murmelte der Verteidiger beschwörend.

»Ruhe bewahren, meine Herren! Lassen Sie sich keinesfalls provozieren!«, tönte der Paragrafenexperte der Gegenseite und lockerte den Knoten seiner weißen Juristenkrawatte. »Leute wie den da kriegt man mit anderen Methoden klein.«

Bruno sagte nichts mehr, aber es wurmte ihn, dass diese parasitären Raubexistenzen aus dem Rotlichtmilieu sich nicht nur schnellere Autos leisten konnten als kleine Gewerbetreibende wie er, sondern auch bessere Anwälte. Und es empörte ihn, dass es zwischen Recht haben und Recht bekommen diesen gewissen Unterschied gab, der ganz von der Qualität des Advokaten abhing, den man sich leisten konnte. Aus Brunos Sicht war die Rechtsprechung ein undurchsichtiger Vorgang und der Gerichtssaal ein Zeremonienplatz der Wortklauberei. Wieso traute sich kein einfacher Bürger, mochte er auch so unschuldig sein wie ein Neugeborenes, ohne Begleitung eines Anwalts ins Gericht?

»Wissen Sie, wie ich mir hier vorkomme?«, sagte er zu seinem Verteidiger, während dieser sich hastig eine Zigarette anzündete. »Wie ein Huhn im Fuchsstall. Verstehen Sie das?«

»Sie sollten ein bisschen diplomatischer sein, Herr Schmidt.« Der Verteidiger blies Rauch durch die Nase.

»Ich sehe keinen Anlass«, sagte Bruno. »Wissen Sie übrigens, woher die Anwaltsrobe kommt?«

»Vermutlich aus der Tuchfabrik.«

»So kommen Sie mir nicht davon.« Bruno grinste. »Ein Preußenkönig im achtzehnten Jahrhundert hatte verlangt, dass die Advokaten ›ein kurz’ schwarz’ Mäntelchen‹ zu tragen hätten, ›damit man die Schelme von Weitem erkennt‹. Eine nützliche Idee, nicht wahr?«

»Es handelte sich um einen Erlass von Friedrich Wilhelm I.«, sagte der Verteidiger, ohne eine Miene zu verziehen, »Sie erzählen mir da nichts Neues, Herr Schmidt.«

»Nehmen Sie’s nicht persönlich«, sagte Bruno. »Das trifft ja mehr auf den aufgeblasenen Arsch zu, den die Zuhälter engagiert haben.«

Sein Blick blieb an einer Frau hängen. Sie trug ein helles, klassisch geschnittenes Kostüm und schaute durch das offene Fenster am Ende des Korridors auf die Straße hinunter. Vor dem sonnenhellen Hintergrund zeichnete sich ihr Profil deutlich ab. Welch ein Gesicht! Diese Frau verkörperte Brunos elementare Vorstellung von Schönheit. Er glaubte Flamencoklänge zu hören. Sie hatte ihr schwarzes Haar streng zurückgekämmt und im Nacken zu einem Chignon geschlungen.

Da Bruno sie nicht anstarren konnte bis zum Jüngsten Gericht, speicherte er alles, was in zehn Sekunden zu schaffen ist: die hohen Wangenknochen, den schwarzen Strich ihrer Brauen, den weich geschwungenen Mund mit seinem violettroten Schimmer, das zarte Braun ihrer Haut, die trotz der Sommerschwüle nur wenig entblößt war. Das Top unter der Kostümjacke gewährte kaum die Andeutung eines Dekolletés. Der enge Rock endete in Kniehöhe. Sein Blick glitt über die glatte Haut ihrer Unterschenkel zu eleganten Pumps aus hellem Leder mit mittlerem Absatz und einer spärlichen Öffnung an der Spitze.

Bruno wünschte, sie würde einmal den Kopf drehen, damit er ihre Augen sehen könnte. Aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Wozu auch? Während der Verhandlung hatte sie genügend Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten, falls sie daran überhaupt interessiert gewesen sein sollte. In diesem Moment wurde ihm schmerzlich bewusst, wie schlecht seine Chancen standen – nicht nur vor Justitia, jener Dame mit der Augenbinde, an deren Erkenntnisfähigkeit er grundlegende Zweifel hegte, sondern auch vor allen anderen Vertreterinnen dieses im Großen und Ganzen verehrungswürdigen Geschlechts. Er war unten, abgrundtief unten, er, der Angeklagte, ein angejahrter Champion der vertanen Chancen, der in Erwartung einer Strafe auf dem Korridor eines muffigen Gerichtsgebäudes herumstand, ein innerlich und äußerlich ramponierter Versager, dem man das Gemüt eines Pitbulls unterstellte, ein Habenichts, der seinen letzten Sakko auftrug und dessen Fahrzeugbrief seit zwei Monaten bei der Bank lag.

»Kennen Sie die Dame?«, fragte der Verteidiger.

Bruno schüttelte den Kopf.

»Ein Jil-Sander-Typ«, sagte der Verteidiger. »Die ist mir heute Morgen schon aufgefallen.«

Sollte der Paragrafenreiter einen Blick fürs Besondere haben? Es erstaunte Bruno und es ärgerte ihn sogar ein bisschen, dass dieser gescheitelte Langweiler sich Gedanken machte über dieselbe Frau. Seit er als pickeliger Bube einen Abenteuerfilm mit einer rassigen Südseeschönheit gesehen hatte, regten Frauen mit langen, schwarzen Haaren ihn zum Träumen an.

Der Gerichtsreporter pirschte sich auf Kreppsohlen heran. Er hatte einen karottenroten Haarkranz um den blanken Schädel und war bleich wie ein Grottenolm.

»Tach. Ich schreibe über den Prozess.« Wie zum Beweis hielt er sein ledernes Schreibmäppchen hoch.

»Wir haben uns schon öfter gesehen«, beeilte sich der Verteidiger, »Kloppstock mein Name, Friedrich Kloppstock, wie der große Dichter, nur dass ich mit Doppel-P geschrieben werde, haha. Leicht zu merken, nicht wahr?«

Seit es Kanzleien gab wie Sand am Meer, waren die Rechtsanwälte sehr darauf erpicht, namentlich in der Zeitung genannt zu werden.

»Wie wird das Urteil ausfallen? Mit was rechnen Sie?«

»Sie haben doch gehört, auf was ich plädiert habe«, sagte der Verteidiger und blies Rauch durch die Nase, »Freispruch, was sonst!«

»Sind Sie auch der Meinung?« Die Frage war an Bruno gerichtet.

»Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand«, sagte Bruno, »aber um sich damit zu trösten, müsste man an Gott glauben.«

»Was wird denn nun aus Ihrem Detektivbüro? Machen Sie weiter?«

»Ich glaube nicht.«

»Sie waren doch mal ein guter Boxer. Wir könnten eine Humantouchstory machen.«

»Eine was?«

»Eine Humantouchstory, sozusagen einen Bericht über Ihr Leben, über Ihr Schicksal.«

»So eine Art Abgesang, meinen Sie?«

»Aber keineswegs.« Der Reporter lächelte wie ein Haifisch. »Der eine oder andere Leser wird sich noch an Ihre Boxkämpfe erinnern.«

»Das ist lange her«, sagte Bruno.

»Im Fernsehen habe ich damals Ihren Kampf gegen den Russen gesehen, diesen Boris …, na, wie hieß er noch, na, Sie wissen schon …«

»Jelzin«, sagte Bruno.

»Was? Ha! Sie wollen mich wohl veräppeln! Ha!« Sein Lachen klang humorlos.

»Dann muss es Boris Spasskij gewesen sein. Wissen Sie, ich habe in meiner Laufbahn so viel an den Kopf gekriegt, dass ich die wichtigsten Sachen durcheinanderbringe. Manchmal glaube ich sogar, dass ich Gaby Hauptmann geschlagen habe, obwohl die doch in einer ganz anderen Gewichtsklasse boxt. Und da kommen Sie und wollen eine Story machen!«

Die Frau am Fenster drehte sich um. Ein Blick aus dunklen Augen war auf Bruno gerichtet, ganz kurz nur, doch Bruno fing ihn auf. Er wollte ihn festhalten, aber die schwarze Dame wandte sich ab und ging langsam auf die offene Flügeltür des Gerichtssaals zu.

»Sie wollen mich veräppeln, nicht wahr?« Der Reporter ließ sich nicht abschütteln.

»Lassen Sie mich in Ruhe«, sagte Bruno.

»Urteilsverkündung. Bitte die Plätze einnehmen!«, rief eine Justizangestelltenstimme von irgendwoher.

Brunos Augen folgten der Frau, die am Pulk der Zuhälter vorbeiging, ohne auch nur einen Einzigen eines Blickes zu würdigen, und als Erste den Saal betrat. Er hörte den Reporter flüstern – »Ist der noch ganz normal, oder?« – und den Verteidiger etwas von fünfundvierzig Profikämpfen sagen.

Das Urteil im Namen des Volkes hatte nach Brunos Auffassung ungefähr den Gerechtigkeitsgrad der Dreyfusaffäre, doch es hätte durchaus noch schlimmer kommen können. Der Angeklagte wurde der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gesprochen und hatte, wenn man die Tagessätze zusammenrechnete, mehr als dreitausend Euro zu bezahlen, außerdem die Kosten des Verfahrens. Für Bruno Schmidt sei nun Matthäi am Letzten, warnte der Richter genüsslich, und nur um Rasierklingenbreite und mit enorm viel gutem Willen seitens des Gerichts sei er in diesem Verfahren an einer Freiheitsstrafe vorbeigeschrammt.

»Das Einzige, was positiv bei Ihnen zu Buche schlägt, ist die Tatsache, dass Ihre letzte Verurteilung fünf Jahre zurückliegt«, resümierte der Inhaber des Rechts und leierte eine mit Ermahnungen durchsetzte viertelstündige Urteilsbegründung zusammen, an deren Ende der Verteidiger ohne zu zögern den Verzicht auf Rechtsmittel bekundete, nachdem er Bruno über den Rand seiner Plusbrille angeschaut und »Das ist wohl besser so« gemurmelt hatte.

Der Gerichtssaal leerte sich. Die Loddels waren laut und bester Laune, die Juristen stiegen von den Podesten, entledigten sich ihrer Roben und verwandelten sich in normale Menschen zurück. Bruno zerknüllte in seiner Jackentasche die Einzahlungsvordrucke, die ihm die Protokollführerin in die Hand gedrückt hatte. Er wusste, dass er schon die erste Rate schuldig bleiben würde.

»Tja dann«, sagte der Verteidiger, »alles Gute.«

Alles Gute! Bruno ging die von Tätern, Opfern und Juristen abgenutzten Sandsteinstufen hinunter und dachte daran, dass ein kosmischer Rausch das einzig Gute sein konnte, was für ihn noch infrage kam. So viel Geld hatte er gerade noch. Mit 43 ganz unten zu sein war deprimierender als mit 33 oder 23. Im versifften Café Meineid, wo nur Arbeits- und Villenlose verkehrten, wollte er noch einmal die zerstobenen Hoffnungen seines Lebens vorbeiparadieren lassen und sich zielstrebig in den Taumel des Untergangs hineinsaufen, um anschließend die Stadt zu verlassen. Wohin? Er wusste es nicht. Er hatte kein Ziel mehr und keine Zukunft. Für die Fremdenlegion war er zu alt, fürs Sozialamt zu stolz und für den Friedhof zu jung.

Da geschah etwas Unglaubliches.

»Sie können sicher einen Drink vertragen«, sagte eine Frauenstimme.

II. Kapitel

Damenwahl

Bruno, schon am Fuß der Treppe, drehte sich um und blickte zu der Frau hoch, die drei Stufen über ihm stand. Ihre Augen waren dunkel wie Moorseen.

»Kommen Sie, Monsieur, wir wollen kein Ziel unnötiger Betrachtung sein.«

Bruno folgte ihr ohne zu fragen. Rasch überquerten sie die Straße, gingen, als wären sie vertraut miteinander, Seite an Seite am Café Meineid und den getrübten Blicken der Desperados hinter dem Fenster vorbei, schnellen Schrittes an der hohen Mauer der Haftanstalt entlang, bogen um die Ecke und standen vor einer Fußgängerampel.

»Ist Ihnen das Café dort drüben recht?«, fragte sie.

Bruno stand nahe bei ihr, nahm ihren Duft wahr und dachte, das ist sie, die bessere Welt, das ist der Duft von Schönheit und Geld.

»Ist mir recht«, sagte er.

Er fürchtete, aus einem Traum zu erwachen. Wer war diese Frau? Was wollte sie von ihm? Wie eine jener penetrant guten Seelen, die sich auf gestrauchelte Mitbürger stürzten, um sie mit Rosenkranz und warmer Suppe auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, sah sie jedenfalls nicht aus. Ein abwegiger Gedanke nistete sich bei ihm ein. War die dunkle Schönheit vielleicht die Ehefrau eines schwachschwänzigen Millionärs, die sich einen sexuellen Kick verschaffte, indem sie böse Buben von der Anklagebank weg ins Lotterbett einer Absteige schleppte, um anschließend diskret und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden? Nichts war unmöglich.

Das Café war eine altbackene, plüschige Ruhestätte für ältere Damen, in das Bruno von sich aus nie einen Fuß gesetzt hätte. In einer Ecke nahmen die beiden Platz.

»Was darf ich Ihnen bestellen?«, fragte sie.

»Ich mache das schon«, sagte Bruno.

Sie lächelte.

Bruno verzichtete auf das Feuerwasser, mit dem er den Frust über das Urteil hinunterzuspülen beabsichtigt hatte. Sie tranken Kaffee.

»Sie sind zu Unrecht verurteilt worden«, sagte sie mit einem leichten französischen Akzent. Ihre Stimme hatte einen dunklen Hauch.

»Ich weiß«, sagte Bruno, »das passiert mir jedes Mal.«

Er wunderte sich darüber, dass sie kaum Schmuck trug. Südländische Schönheiten liebten, soweit ihm bekannt war, Gold auf ihrer Haut. Sie aber trug, abgesehen von kleinen Ohrsteckern, einer Cartier-Uhr und einem schmalen Halskettchen mit einem schwarzen Stein, nur einen einzigen Ring – einen Ehering. Bruno schätzte ihr Alter auf Anfang bis Mitte dreißig.

»Warum haben Sie nicht mehr aus Ihrem Leben gemacht? Sie sind doch nicht dumm.«

»Danke«, sagte Bruno. »Ich habe ein schwaches Abitur und einen Angelschein.«

»Aber keinen vernünftigen Beruf.«

»Was ist ein vernünftiger Beruf? Etwa Sachbearbeiter beim Finanzamt, Buchstabe P bis Z?«

Sie lächelte nachsichtig.

»Am liebsten wäre ich Trüffelsucher in der Toskana geworden«, sagte Bruno. »Leider konnte ich zu gut boxen. Und beim Boxen winkte das schnelle Geld. War anfangs auch so. Aber zum Schluss wurde ich verheizt. Für Under-table-money.«

»Und weshalb wurden Sie Detektiv?«

»Weil alle anderen Stricke gerissen waren. Detektiv kann jeder werden.«

»Was werden Sie jetzt tun?«

»Mal sehen«, sagte Bruno.

»Haben Sie Aufträge? Haben Sie Geld?«

»Weder noch.«

»Gut«, sagte sie und legte ein vollendet geformtes Bein über das andere. »Ich reise seit Wochen von Stadt zu Stadt und beobachte Prozesse, in denen vorsätzliche Körperverletzung eine Rolle spielt.«

»Schreiben Sie eine Doktorarbeit?«

»Nein, ich suche einen Mann, der in der Lage ist, einen Auftrag auszuführen. Einen sehr speziellen Auftrag.«

Bruno, der nun davon ausgehen konnte, dass das Interesse der rätselhaften Fremden an ihm ausschließlich geschäftlicher Natur war, reagierte nicht sonderlich erfreut. Mit seiner Laufbahn als Privatdetektiv hatte er eigentlich abgeschlossen.

»Meinen letzten Auftrag hab ich vermasselt, das wissen Sie ja. Sie waren ja in der Verhandlung.«

»Nichts haben Sie vermasselt. Im Gegenteil. Sie haben gut gearbeitet. Der Zuhälter hat seine Lektion erhalten. Dass das Mädchen nicht zu seinem Vater zurückwollte, mag andere Gründe haben.«

»Ich bitte Sie, Madame, so war das alles nicht geplant. Ich sollte lediglich den Aufenthaltsort der Kleinen ermitteln und sie möglichst diskret nach Hause bringen. Die Sache ist mir aus dem Ruder gelaufen, als dieser Straßenpascha im falschen Moment auftauchte.«

»Ich glaube, dass Sie der richtige Mann sind für den Job, den ich anzubieten habe«, sagte sie und betrachtete Bruno, als wolle sie letzte Zweifel beseitigen.

Bruno wurde verlegen. Er hatte den Eindruck, die Frau suchte nach etwas in seinen Augen. Dieser hypnotische Blick machte ihn nervös. Er genierte sich wegen seiner verformten Nase, seiner billig reparierten Schneidezähne und der Cut-Narben an seinen Brauen. Wenn er nicht gar so lange sein Geld im Boxring verdient hätte, würde er vielleicht ganz gut aussehen. So aber musste er gute Miene zu einem Gesicht machen, das nicht nur genetisch, sondern auch von den Fäusten erbarmungsloser Gegner modelliert worden war. Sie schien sein Unbehagen zu fühlen. Ihr Blick glitt über seine Schultern, seine Arme, verharrte eine Weile auf seinen Händen und kehrte zu seinen eisblauen Augen zurück.

»Ja«, sagte sie, »ich bin sicher.«

»Sie müssen es wissen.«

»Glauben Sie nicht, dass ich so naiv bin, eine Katze im Sack zu kaufen.« Sie schaute Bruno irritierend lange an. »Immerhin ist Ihre Biografie im Gericht erschöpfend behandelt worden.« Ihre Mundwinkel bogen sich zu einem Lächeln, von dem schwer zu sagen war, ob es mitleidig oder aufmunternd gemeint war. »Wenn Sie jünger wären, könnte man von einem Enfant terrible sprechen.«

»Möglich, Madame. Was hätte ich denn zu tun?«

»Erst die verbindliche Zusage, ob Sie für mich arbeiten!«

Im Hagakure, dem Ehrenkodex der Samurai, hatte Bruno gelesen, dass es nicht länger als sieben Atemzüge dauern solle, bis man seine Entscheidung getroffen habe. Bruno brauchte nur einen.

»Also gut. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.«

»D’accord«, sagte sie in einem Ton, als habe sie nichts anderes erwartet. »Sie tun genau das, wofür Sie soeben vor Gericht gestanden haben. Nur werden Sie diesmal nicht dafür bestraft, sondern bezahlt. Gut bezahlt.«

Bruno war an Niederlagen, Enttäuschungen und Fehleinschätzungen so gewöhnt, dass ihm auch in dieser Situation keine Regung anzumerken war. Er trank den Rest seines lauwarmen Kaffees und blickte auf seine Hände, deren Knöchel von kleinen Narbenwülsten verunziert waren. Kam nach den Bruchlandungen nun der Sündenfall? Seine Auftraggeberin suchte keinen Beschützer, auch keinen handverlesenen Partner für eine schwierige Aufgabe, bei der ein Funke Grips erforderlich gewesen wäre, nein, sie wollte einen hundsgewöhnlichen Schläger anheuern. Das Einzige, was sie ihm zutraute, war die Fähigkeit, anderer Leute Gesundheit zu schädigen.

Was zum Teufel hatte sie so zuversichtlich gemacht, dass er zu ködern sein würde? Hielt sie ihn für einen gewissenlosen Vollstrecker nach Mafia-Art? Oder hatte sie einen Blick für den unaufhaltsamen Abstieg eines Mannes, der sich keine Ethik mehr leisten konnte?

»Eins vorweg«, sagte er. »Ich tue das nur, weil …, also weil …«

»Ich gebe Ihnen Name und Adresse eines Mannes. Sie knöpfen sich ihn vor, so gut Sie es können! Damit wir uns richtig verstehen« – ihre Augen hatten plötzlich einen harten Glanz –, »keine Zurückhaltung, keine Kompromisse!«

Bruno sah sie überrascht an. Wie eine Katze, schoss es ihm durch den Kopf, wie eine bis aufs Blut gereizte, schwarze Katze. Unter dem Firnis ihrer kühlen Damenhaftigkeit loderte ein Feuer.

»Sie werden Ihre Gründe haben«, sagte er.

Er erwartete nicht, dass sie auf diese Bemerkung einging, aber er hätte verdammt gerne gewusst, was vorgefallen war, dass eine so betörend schöne Frau einen derart brachialen Akt der Vergeltung in Auftrag gab. Kränkung? Eifersucht? Es musste ein schillernder Typ sein, schön, mächtig, reich oder alles miteinander, der diese Hasslawine losgetreten hatte.

»Ich brauche Informationen über den Mann. Beruf, Gewohnheiten, Hobbys.«

»Sein Name ist Uwe Brutscher. Er ist Polizist. Ende dreißig. Niedere Charge. Fährt Streife. Verheiratet, zwei Kinder, wohnt in einem Mietsblock in Saarbrücken.«

Bruno schluckte. »Sie gestatten, dass ich mich wundere?«

»Das ist nicht nötig. Das Einzige, was von Ihnen verlangt wird, ist die gründliche Erledigung Ihres Auftrags.«

»Okay. Haben Sie ein Foto von dem Mann?«

»Leider nein. Ich will ihn beschreiben: Er ist klein, bullig, hat eine Vollglatze, ein breites Gesicht mit vorspringendem Kinn und trägt so eine Art Schnauzbart. Zur Zeit fährt er einen roten Ford Escort Kombi, das Kennzeichen steht auf diesem Zettel. Ebenso sein Name, seine Anschrift und seine Dienststelle. Prägen Sie sich alles ein und vergessen Sie nicht, den Zettel zu vernichten.«

Sie legte ein gefaltetes Stück Papier neben Brunos Tasse.

»Gewohnheiten? Hobbys?«

»Sein Hobby sind asiatische Kampfsportarten. Zweimal die Woche bildet er Polizisten in Jujutsu aus.«

»Na prima«, sagte Bruno, »das wird ja ein Spaziergang.«

»Er ist kleiner als Sie.«

»Das will absolut nichts heißen.«

»Was ist? Trauen Sie sich den Auftrag nicht zu?«

»Das habe ich nicht gesagt. Wie viel ist Ihnen das Bullenklatschen denn wert?«

»Zehntausend.«

»Zehntausend?« Bruno musste an sich halten, nicht durch die Zähne zu pfeifen. Für weitaus geringere Summen hatte er früher acht, manchmal zehn Runden im Ring stehen müssen. »Zehntausend Euro, das ist ordentlich.«

»Fünftausend sofort. Den Rest, sobald ich eine Zeitung in Händen halte, die über den Überfall eines Unbekannten auf einen Streifenpolizisten berichtet. Wie gut Sie Ihren Auftrag erfüllt haben, wird nachzulesen sein. Wenn Sie zu lässig vorgehen, wird Ihr Honorar gekürzt. Wie gesagt, als Maßstab gilt die Lektion, die Sie diesem Zuhälter erteilt haben. Comme il faut! Haben wir uns verstanden?«

»Ich glaube schon. Wie sieht’s aus, wenn die Sache schiefgeht?«

Sie hob die Brauen. »Ich denke, Sie waren Profiboxer?«

»Das sagt nichts aus über meine Qualität als Wegelagerer. Wenn’s nicht hinhaut, könnte ich Ihnen die Anzahlung wahrscheinlich nicht mehr zurückgeben. Ich habe Schulden.«

»Dann wäre das Geld à fonds perdu.«

»Wann kriege ich die Anzahlung?«

»Wenn ich gehe, lasse ich einen Umschlag auf dem Tisch liegen. Sie bleiben dann bitte noch zehn Minuten an Ihrem Platz.«

»Haben Sie Angst, dass ich Ihnen folge? Ich denke, wir sind jetzt … na, wie soll ich sagen … Geschäftspartner.«

»Nennen Sie es bitte anders.«

»Pardon, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, Madame. Ich wollte damit bloß sagen, dass wir ab jetzt einander vertrauen müssen. Sehen Sie, ich weiß gar nichts über Sie, nicht einmal Ihren Namen. Wie kann ich im Bedarfsfall Verbindung zu Ihnen aufnehmen.«

»Auf dem Zettel steht eine Handynummer. Lernen Sie sie auswendig.«

»Gut«, sagte Bruno, »in vier Wochen werde ich Vollzug melden.«

»Warum nicht früher?«

»Ich muss mich noch ein bisschen in Form bringen. Ein paar Kilo abnehmen. Schneller werden. Je mehr man im Frieden schwitzt, desto weniger blutet man im Krieg.«

»D’accord. Ich sehe, dass Sie den Auftrag ernst nehmen.«

Sie zupfte einen Briefumschlag aus ihrer Handtasche und legte ihn auf den Tisch. Ihre Fingernägel waren farblos lackiert. Ein starkes Rot, dachte Bruno, würde wunderbar zu ihr passen.

»Da wäre noch etwas«, sagte sie. »Wenn Sie den Mann zusammengeschlagen haben, wird er bewusstlos sein. Ist das richtig?«

»Nicht unbedingt. Aber das ließe sich einrichten.«

»Dann richten Sie es ein! Es ist nämlich erforderlich, dass Sie dem Mann eine kleine Menge Blut entnehmen.«

»Was?« Auf einmal erschien Bruno das Honorar von zehntausend Euro nicht mehr wie ein kleiner Lottogewinn. »Einem k.o.-geschlagenen Polizisten Blut abzapfen? Das ist aber eine heiße Kiste, Madame! Roulette mit sechs Kugeln in der Trommel, würd ich sagen. Wenn das rauskommt, gehöre ich für ein paar Jahre zur geschlossenen Gesellschaft.«

»Zwanzigtausend. Achttausend sofort.«

Bruno stützte seinen Kopf auf die rechte Faust. Die Frage, die ihm auf den Lippen brannte, wollte er nicht stellen. Wenn Gräfin Dracula nicht von sich aus preisgeben wollte, wozu sie den Lebenssaft eines Polizeibeamten benötigte, würde sie es auch auf seine Nachfrage hin nicht tun.

»Wie stellen Sie sich das vor … die Blutentnahme?«

»Sie benutzen eine gewöhnliche Einwegspritze. Wissen Sie, wie es gemacht wird?«

Bruno schüttelte den Kopf.

»Voilà!« Sie zog ihre Kostümjacke aus und streckte Bruno einen bloßen Arm entgegen. »Da oben stauen Sie. Und zwar so, dass die Venen in der Armbeuge sichtbar werden. Seien Sie vorsichtig beim Hineinstechen der Kanüle. Nicht zu steil, sonst durchstechen Sie die Ader. Also in einem spitzen Winkel. Dann ziehen Sie den Kolben zurück. Die Spritze füllt sich mit Blut.« Sie entnahm ihrer Handtasche ein Glasröhrchen, das winzige Kügelchen enthielt. »Anschließend spritzen Sie das Blut da hinein und verschließen es gut.«

»Was sind das für Kügelchen?«

»Das sind Gerinnungshemmer. Ist Ihnen sonst noch etwas unklar?«

»Es kann sein, dass ich einen Riesenfehler mache«, sagte er, »aber es bleibt dabei: Ich erledige den Auftrag. Genau so, wie Sie es wollen.«

»Merci.« Ihr Gesicht entspannte sich, das Katzenhafte verschwand und sie zeigte lächelnd eine Reihe schimmernd weißer Zähne.

»Ich muss mal kurz raus«, sagte Bruno, »Sie können währenddessen das Kuvert neu bestücken. Achttausend, das haben Sie doch gesagt, ja?«

Außer Sichtweite, bat Bruno das teigige Mädchen hinter der Kuchentheke leise ums Telefon.

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