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Hund, Katze, Graus

Über die Autorin

Bettina Peters (M.A.) ist ausgebildete Tierarzthelferin und Tierphysiotherapeutin. Zwölf Jahre lang arbeitete sie in einer großen Tierklinik in Ostwestfalen-Lippe. Nach einem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaften ist sie heute als Texterin und freischaffende Autorin tätig. Hund, Katze, Graus ist ihre erste Buchveröffentlichung.

Inhalt

Vorwort

Der Traumjob

oder: Aller Anfang ist schwer

Erste Schritte

oder: Wie alles begann

»Und dafür kriegt man auch noch Geld?«

oder: Praktikum auf Wolke

Zurück im Glück

oder: Der Ernst des Lebens

Seelenverwandte

oder: Wie treibe ich meinen Hund in den Wahnsinn?

CSI: Tierarztpraxis

oder: Den Tätern auf der Spur

Das Missverständnis

oder: Wie kommt die Medizin ins Tier?

Willkommen im Wahnsinn

oder: Ein Tag im Leben einer Tierarzthelferin

Rudi und der Rumtopf

oder: Alleine trinken macht doch keinen Spaß!

Neulich im Wartezimmer

oder: Leichen im Keller

Herr Thompson

oder: Die Sache mit den Flöhen

Wissen ist Macht

oder: Von H-Milch und der I-Kuh

Vom Regen in die Traufe

oder: Ein Tag im Leben eines Pechvogels

Populäre Irrtümer

oder: Die Zeckenplage

Nomen est omen

oder: Die Presswurst

Aus die Maus

oder: Ordnung ist das halbe Leben

Neulich im Wartezimmer

oder: Kindermund tut Wahrheit kund

Das Geschäft mit dem Tod

oder: Wer nicht fragt, bleibt dumm!

Populäre Irrtümer

oder: Der wahre Alltag einer Tierarzthelferin

Unlösbare Aufgaben

oder: Die Vogel-Fahndung

Der Feinschmecker

oder: Ein Meister der Schikane

Ekel to go

oder: »Ich hab da mal was mitgebracht!«

Neulich im Wartezimmer

oder: Stille Post

Tierfreundschaften

oder: Irren ist menschlich

Populäre Irrtümer

oder: Die Leiden einer Katze

Undank ist der Welten Lohn

oder: Den Nettesten beißen die Hunde

Sehr witzig!

oder: Zehn Sätze, die eine Tierarzthelferin nicht mehr hören kann

Willi, der Wellensittich

oder: Die Spontanheilung

Neulich im Wartezimmer

oder: Voll ins Fettnäpfchen!

Von Notfällen und anderen Lappalien

oder: Eine Frage der Definition

Hundum gesund

oder: Ein anspruchsvoller Patient

Das starke Geschlecht

oder: Warum der Tierarztbesuch Frauensache ist

Populäre Irrtümer

oder: So schlau ist keine Sau!

Die Knoblauch-Kur

oder: Natürlich gut

Schnapsideen und Geistesblitze

oder: Ein schmaler Grat

Wie der Herr, so ’s Gescherr

oder: Wie viel Mensch verträgt ein Tier?

Neulich im Wartezimmer

oder: Wer ist schon frei von Vorurteilen?

Warnung vor dem Hunde

oder: Gut geklebt ist halb gepunktet

Selbst ist die Frau!

oder: Die Heilkraft alter Hausmittel

Nix wie weg!

oder: Folgenschwere Fluchtversuche

Die zehn Todsünden einer Tierarzthelferin

oder: Eine Anleitung für Berufseinsteiger

Gefährliche Reflexe

oder: Wie ein Hamster fliegen lernte

Populäre Irrtümer

oder: Zum Kotzen mit den Menschen!

Kundenservice de luxe

oder: Wie man’s macht, macht man’s verkehrt

Der große Häuptling

oder: Allein unter Frauen

Mysterien der Medizin

oder: Ursache und Wirkung

Jagdfieber

oder: Der Ausreißer

Neulich im Wartezimmer

oder: Umsonst ist nur der Tod

Ei oder Henne?

oder: Tierärzte unter sich

Fortsetzung folgt?

Vorwort

»Darüber müsste man eigentlich ein Buch schreiben.«

Wenn es einen Satz gibt, der mich in meinen zwölf Jahren als Tierarzthelferin begleitet hat, dann war es dieser; gleich nach den alltäglichen Standardverkündungen wie »Ich geh mal grad das Pipi wegwischen« oder »Nein, Ihr Kaninchen kann auf keinen Fall Ihr Meerschweinchen geschwängert haben«.

Im Nachhinein betrachtet ist das Faszinierendste an der Arbeit als Tierarzthelferin die bloße Tatsache, dass sie riesigen Spaß macht. Das nämlich ist nach objektiven Gesichtspunkten eigentlich gar nicht möglich. Denn warum sollte irgendjemand Freude an einem Job haben, bei dem er zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten die ekeligsten Aufgaben bewältigen muss, möglichst ohne sich von wilden Tieren zerfleischen zu lassen, und das Ganze auch noch für ein eher sparsames Gehalt? Nur wem es gelingt, gelassen zu bleiben, wenn mal wieder jemand verkündet, was man für einen wunderschönen Beruf ausübt, hat als Tierarzthelferin wirklich seinen Traumjob gefunden.

Je länger ich darüber nachdenke, desto verwunderter bin ich also, dass dieses Buch nicht schon längst geschrieben wurde. Ob nun von mir oder von sonst irgendjemandem. Kuriose Geschichten ereignen sich in Tierarztpraxen schließlich zur Genüge – sei es die vom alkoholkranken Mischlingsrüden, das bewegende Schicksal eines fliegenden Hamsters oder der dramatische Leidensweg eines Bonsai-Suppenhuhns. Und wenn es mal wirklich gar nichts zu lachen gibt, kann man sich darauf verlassen, dass diese Pause nicht von Dauer ist. Schnell sorgen die erstaunlichsten Anfragen und die bizarrsten Persönlichkeiten wieder für gute Stimmung. Denn Tierbesitzer, so viel ist klar, sind eine Klasse für sich. Der Fairness halber sei an dieser Stelle verraten, dass auch ich dieser Spezies angehöre.

Jetzt ist das besagte Buch also endlich geschrieben worden. Und wenn Ihnen das Lesen nur halb so viel Freude macht wie mir das Schreiben, dann hat es sich gelohnt.

Übrigens:

Alle Geschichten in diesem Buch wurden von wahren Begebenheiten inspiriert. Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Patienten und unter Befolgung der tierärztlichen Schweigepflicht habe ich die Erlebnisse aber abgewandelt. Darüber hinaus sind sämtliche Namen, Orte und weitere konkrete Angaben verändert. Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden oder toten Personen sowie realen Handlungen sind deshalb rein zufällig!

Der Traumjob

oder: Aller Anfang ist schwer

Eigentlich wollte ich ja Fleischerin werden. Wenn es einen Beruf gibt, der zu mir passt wie die Faust auf das berühmte Auge, dann dieser! In der Gegenwart von Tieren fühlte ich mich seit jeher glücklich. Was lag da näher, als in der Metzgerei um die Ecke zu arbeiten? Fleischerin war der Job meiner Träume – davon war zumindest der Computer im Berufsinformationszentrum felsenfest überzeugt.

Es muss etwa in der neunten Klasse gewesen sein, als wir einen Ausflug in jenes BiZ unternahmen, um uns für unsere berufliche Zukunft inspirieren zu lassen. Ich ging aufs Gymnasium, hatte noch mehr als vier Jahre Schule vor mir und bislang entsprechend wenig Gedanken an das Thema Berufswahl vergeudet. In erster Linie wusste ich nur, was ich in meinem zukünftigen Job nicht wollte: den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen. Irgendwas mit Menschen wollte ich machen. Und vor allem – da war ich mir ganz sicher – etwas mit Tieren.

Ich besaß ein Kaninchen und ein Pflegepferd, das ich abgöttisch liebte und das wahrscheinlich als das Tier mit den albernsten Kosenamen in die Geschichte eingehen wird. »Schneckenpups« und »Süßgranate« waren nur einige meiner persönlichen Highlights. Den Verlust meines Wellensittichs, den rund acht Jahre zuvor die Altersschwäche dahingerafft hatte, hatte ich noch immer nicht komplett überwunden. Etwas Trost spendete mir immerhin mein Freund Sammy, der mich oft zu dem mit einem Herz aus Kieselsteinen geschmückten Vogelgrab in unserem kleinen Wald begleitete. Sammy war ein verfilzter und verflohter Mischlingshund, der auf dem benachbarten Bauernhof lebte und das fragwürdige Talent besaß, bei der halben Nachbarschaft durch seine bloße Anwesenheit Lippenherpes hervorzurufen. Zumindest behauptete das meine Oma, die eine gewisse Abneigung gegen meinen ständigen Begleiter hegte. Ich dagegen liebte ihn und unsere gemeinsamen Ausflüge. Dass Sammy etwas … na ja … unfrisch roch und verdächtig oft auf seinem Hintern umherrutschte, störte mich nicht.

Als ich mich an jenem Tag in der neunten Klasse nun also gänzlich unvorbereitet in das Abenteuer Berufsorientierung stürzte, war zumindest eines klar: Meine geliebten Tiere sollten in meinem Leben immer einen besonderen Stellenwert haben.

Im BiZ angekommen, ergatterte ich mit viel Glück einen der heißbegehrten Computerplätze. Von der sagenhaften Berufswahl-Software hatte ich schon viel Gutes gehört. Man gab seine Interessen und besonderen Talente ein, und schon spuckte der Computer eine individuelle Liste mit den Jobs aus, die dem Probanden lebenslanges Glück und eine beeindruckende Karriere versprachen. Aufgeregt fütterte ich den Rechner mit den gewünschten Informationen und arbeitete mich durch einen dicken Fragenkatalog, mit dem das hochmoderne Programm meine verborgensten Fähigkeiten und Bedürfnisse erforschen würde. Die Zielstrebigkeit, mit der die Software vorging, hatte mich bereits tief in ihren Bann gezogen: Ob ich Tiere mochte, wollte sie wissen. Jaaaaa! Und wie! Tiere forever!

Mit dem ganzen Elan meiner jugendlichen Leidenschaft hämmerte ich das Häkchen in das dazugehörige Kästchen. Fertig! Jetzt hieß es Nägel kauen und auf das Ergebnis warten, das das Programm für die gespannte Neuntklässlerin ausarbeiten würde.

Hier und heute beginnt für dich der Weg in die Zukunft!, dachte ich, und der Gedanke an die Tragweite des Augenblicks raubte mir schier den Atem. Mit zitternden Händen nahm ich meine Auswertung aus dem Drucker, noch bevor das Gerät das letzte Tröpfchen Tinte auf das Blatt gespuckt hatte. In diesem denkwürdigen Moment erfuhr ich also, mit welcher Tätigkeit ich mein Lebensglück finden würde: als Fleischerin. Weil ich doch Tiere so mochte!

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Der Rest des Tages floss unbemerkt an mir vorüber. Ich war schockiert, desillusioniert, fühlte mich von dem so hochgelobten Computerprogramm aufs Schäbigste betrogen. Die Tiere in meinen wenigen, rudimentären Zukunftsfantasien hatten plüschiges Fell gehabt und niedliche Knopfaugen. Lebendige Knopfaugen, die mich fröhlich anblinzelten. Steaks, Wurst und Rippchen waren da nicht vorgekommen! Was auch immer ich mir vorgestellt hatte: Als Fleischerin hatte ich mich in meinen Wenn-ich-mal-groß-bin-Träumen ganz sicher nicht gesehen. Aber schon toll, so eine Berufe-Software. Die bringt dir echt Klarheit!

Die nächsten Jahre verbrachte ich damit, möglichst wenig Energie auf das leidige Thema Berufswahl zu verschwenden. Das BiZ-Trauma, das ich gerne als Entschuldigung für meine Untätigkeit in Sachen Zukunftsplanung vorschob, nahm mir allerdings niemand so richtig ab. Aber was sollten sie machen? Ich weigerte mich schlicht, mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

»Ich werde Fleischerin – weil ich Tiere so liebe!«, war meine Standardantwort, wenn mich jemand nach meinen Plänen fragte. Das sorgte für viel Unmut, aber auch für wunderbar schockierte Gesichter. Und ich war ja fein raus: Schließlich hatte das ein bahnbrechendes Computerprogramm für mich so entschieden. DER Star unter den Berufsberatern sozusagen. Was konnte man gegen so ein Expertenurteil schon einwenden?

Erst viel später fragte ich mich, ob dieser bizarre erste Kontakt mit der Berufswelt vielleicht ein Omen war.

Erste Schritte

oder: Wie alles begann

Erst in der elften Klasse gelangte ich an den mit Schrecken erwarteten Punkt, an dem ich mit meiner Blockadehaltung nicht mehr weiterkam: Das dreiwöchige Berufspraktikum stand an. Ich hatte kurz überlegt, mich in der nahegelegenen Fleischerei zu bewerben und meine Eltern damit endgültig zur Verzweiflung zu treiben. Eine höchst ungehalten klingende innere Stimme hatte mich aber davon abgehalten. Sie hatte mich regelrecht zur Schnecke gemacht, und es waren Wörter gefallen, die ich hier nicht wiederholen möchte! Letztendlich brachte sie mich dazu, mir einzugestehen, was ich längst wusste: Der Computer hatte unrecht gehabt. Vielleicht war meine Tierliebe nicht ausgeprägt genug, um von so einem technischen Kasten bemerkt und gebührend gewürdigt zu werden. Auf jeden Fall würde aus mir keine Fleischerin werden.

Ein neuer Traumjob musste her. Und so trennte ich mich von der in den letzten Jahren so oft heraufbeschworenen Vorstellung von rohen Fleischbergen und machte mich frei für neue Zukunftsvisionen. In Ermangelung kreativerer Einfälle besann ich mich auf das Naheliegendste: eine Bewerbung beim Tierarzt. Viel Auswahl hatte ich dabei nicht. Ich wohnte in einer ländlichen Gegend im tiefsten Ostwestfalen, wo es in erster Linie kleinere Praxen gab, in denen die Tierarztfrauen den Part der Helferin übernahmen und die Schwiegermütter die Buchhaltung erledigten. Das konnte meinen hohen Ansprüchen nicht genügen. Und so fiel meine Wahl auf die große Tierklinik in der Gegend, in der man neben Kleintieren auch Pferde und andere Großtiere behandelte, modernste Geräte besaß, von denen andere Praxen nur träumten, und Operationen durchführte, an die sich nur wenige Tierärzte herantrauten.

Ich schrieb nur diese eine Bewerbung – einen Plan B gab es nicht. Das musste einfach klappen! Und es klappte. Ich erfuhr nie, was meinen Erfolg begründet hatte. War es mein aussagekräftiges Anschreiben, meine beeindruckenden Vorkenntnisse, die aus jeder Menge Tierestreicheln und Käfigesäubern bestanden, oder verdankte ich die Zusage doch eher meiner Reiterhoffreundin, die zufällig in eben dieser Klinik ihre Ausbildung machte? Ich wusste es nicht. Fest stand jedenfalls, dass ich mich wie Bolle freute und meine ersten Schritte in die Arbeitswelt plötzlich gar nicht mehr abwarten konnte.

Als mein erster Tag in der Tierklinik bevorstand, stieg meine Nervosität ins Unermessliche. In der Nacht hatte ich schlimme Alpträume: Ich bin Praktikantin in der modernsten, größten und beliebtesten Tierklinik des Landes und schlittere in jedes Fettnäpfchen und jede Katastrophe hinein, die man sich nur vorstellen kann. Die Kollegen hassen mich, die Tiere verfallen in Panik, wann immer ich den Raum betrete, und der Chef wirft mich gleich am ersten Tag aus dem OP, weil ich ihm mitten auf die sterilen OP-Bestecke gekotzt habe.

Das konnte ja heiter werden! Als ich an meinen nächtlichen Angstschweiß zurückdachte, wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie wichtig mir dieses Praktikum war. Ich wollte diesen Job lieben, und ich wollte um jeden Preis gut darin sein. Und sei es nur, um einer traurigen Zukunft zwischen Fleischwolf und Wursttheke zu entgehen! Am Morgen meines ersten Arbeitstages war ich daher so aufgeregt, dass ich nicht einmal frühstücken konnte.

Ein paar geradelte Kilometer später betrat ich mit wild klopfendem Herzen zum ersten Mal die Klinik, die für die nächsten drei Wochen mein Arbeitsplatz sein sollte. Es roch leicht nach Desinfektionsmittel – und sonst nach nichts. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte: beißenden Tiergeruch wie in einem Raubtiergehege? Wohl eher nicht. Und trotzdem war es dieser unerwartete, unspezifische Geruch, der mir als Erstes auffiel und der mich bis heute an jenen ersten Tag in der Tierklinik erinnert.

Es war früh am Morgen, die Sprechstunde hatte noch nicht begonnen. Verloren stand ich im menschenleeren Empfangsbereich, in dem ich Jahre später mehr Zeit verbringen sollte als in meinem eigenen Wohnzimmer. Noch fühlte ich mich hier fremd und furchtbar unbedeutend. Offenbar war meine Anwesenheit noch nicht bemerkt worden.

»Hallo?!«, piepste ich und sah förmlich, wie die schüchternen Schallwellen ungehört in den Untiefen der Praxis verschwanden. Egal. Früher oder später hört bestimmt jemand mein hysterisches Herzklopfen, dachte ich, während ich meine Blicke durch den hellen Raum wandern ließ. Die schwere Eingangstür der Klinik öffnete sich direkt in das weitläufige Wartezimmer, das mit großen Grünpflanzen in mehrere gemütliche Nischen unterteilt war. In jeder Nische standen sechs bis acht schwarze Kunststoffstühle, die weniger bequem aussahen.

Davon kann man aber bestimmt gut das Pipi abwischen!, dachte ich und freute mich über meine Scharfsinnigkeit. Einen kleinen Moment lang fühlte ich mich fast schon wie eine echte Tierarzthelferin!

Auf diversen Beistelltischchen tummelten sich Zeitschriften und Flyer, die den Wartenden die Zeit vertreiben sollten. Im hintersten Winkel des Raums entdeckte ich eine Kinderspielecke mit den obligatorischen Malbüchern, einem winzigen Schaukelpferd und Holzbauklötzen, die selbst für die riesigste Doggenkehle zu groß und somit garantiert auch für Kleinkinder ungefährlich waren.

Noch immer hatte mich niemand bemerkt. Ich war froh über die unerwartete Galgenfrist und nutzte die Zeit, um mich weiter umzusehen. Direkt an das offen angelegte Wartezimmer schloss sich die Anmeldung an, die zu dieser frühen Stunde unbesetzt war. Ein langer, geschwungener Empfangstresen wand sich durch die Längsseite des Raumes, dahinter fand sich die typische Ausstattung von Computer und Telefon bis hin zu Stempeln, Stiften und anderem Bürobedarf. An der Wand hinter der Anmeldung hing ein kleiner Kasten, der wie eine Sprechanlage aussah. Rechts und links des Tresens präsentierten liebevoll dekorierte Glasvitrinen ausgesuchte Produkte des praxiseigenen Pet-Shops. Zwei halb geöffnete Türen hinter dem Empfangstresen führten in dnen Bereich, der den Angestellten vorbehalten war. Verstohlen spähte ich durch den Schlitz der ersten Tür und entdeckte deckenhohe Regale, die mit allerlei Säcken, Schachteln und Kartons vollgestopft waren: die Hausapotheke, in der Futter, Medikamente und Verbrauchsmaterialien für den direkten Verkauf lagerten. Die zweite Tür gab den Blick frei auf ein kleines Labor, in dem kompliziert aussehende Geräte gurrende Geräusche ausstießen und mit bunt blinkenden Lichtern um meine Aufmerksamkeit buhlten.

Eine weitere Tür in der gegenüberliegenden Ecke des Eingangsbereichs führte zur Toilette. Direkt neben der Klotür – ich fand das ganz passend und amüsierte mich über die durchdachte Anordnung – hing eine Art Briefkasten, der in aufdringlich roten Lettern nach »Kundenmeinungen« lechzte.

Das ist also der Bereich für Leute, die was loszuwerden haben, dachte ich mit einem albernen Kichern. Just in diesem Moment hörte ich, wie jemand schnellen Schrittes den weitläufigen Flur herunterkam, der von Wartezimmer und Anmeldung zu den Behandlungsräumen, OPs und Krankenstationen führte. Verlegen unterdrückte ich mein hysterisches Gekicher, drehte mich hektisch herum, als hätte ich etwas ausgefressen, und stand direkt vor einer riesigen Tierarzthelferin, die mich mit strengem Gesichtsausdruck von Kopf bis Fuß musterte. Na toll! Da hatte ich mit meinem irren Kichern und meinem unbefugten Eindringen ja sicher gleich einen umwerfenden Eindruck hinterlassen!

»Ich bin Bettina«, erklärte ich schnell und viel zu laut, »die neue Praktikantin.«

Die furchterregende Tierarzthelferin fixierte mich noch immer und sagte kein Wort.

Die ist wohl zu viel mit ihren Tieren zusammen!, dachte ich verärgert. Warum spricht die denn nicht mit mir?

»Du bist zu früh! Hast du keine Uhr?«, sagte sie schließlich mit Grabesstimme. Mit aller Kraft kämpfte ich gegen einen übermächtigen Fluchtreflex an.

Wenn du jetzt wegläufst, bleibt dir nur noch die Fleischerei!, mahnte meine innere Stimme. Also blieb ich, wo ich war – und merkte, dass mich die große Frau weiterhin anstarrte. Irgendetwas sollte ich jetzt wohl sagen.

»Tut mir leid. Ich wollte auf keinen Fall zu spät kommen«, stotterte ich mit hochrotem Kopf.

»Macht ja nichts!« Plötzlich strahlte die Tierarzthelferin übers ganze Gesicht. »Schön, dass du da bist. Ich bin Ruth.«

Die furchteinflößende Ruth, die nun gar nicht mehr so einschüchternd wirkte, schüttelte mir herzlich die Hand und lachte entschuldigend: »Du sahst so ängstlich aus, da konnte ich einfach nicht widerstehen! War nicht böse gemeint!«

Sehr witzig!, dachte ich beleidigt. Weil ich ja auch noch nicht nervös genug bin! Da ich aber kein Spielverderber sein wollte, erwiderte ich ihr Lächeln und folgte ihr zu einem Praxisrundgang.

Zunächst zeigte sie mir die fünf Behandlungsräume, die sich den weitläufigen Flur entlang reihten. Neben einem Eingang in den Korridor verfügten alle Zimmer zusätzlich über eine weitere, innenliegende Tür, die die Räume miteinander verband. Die Innenausstattung war überall identisch: eine Küchenzeile, in der alle benötigten Medikamente, Geräte und Verbrauchsmaterialien aufbewahrt wurden, ein höhenverstellbarer Behandlungstisch, der elektrisch bis auf den Boden abgesenkt werden konnte, eine schwenkbare Untersuchungslampe, ein Röntgenbildbetrachter sowie ein Sammelsurium aus Flyern, Leckerli-Dosen und Anschauungsmaterialien vom Kniemodell bis hin zum Plastikherzen. Darüber hinaus beherbergte jedes Behandlungszimmer eine eigene Besonderheit: In einem Raum wurde geröntgt, im nächsten stand das fahrbare Ultraschallgerät, im übernächsten war das ebenfalls transportable EKG-Gerät zu Hause.

Ruth führte mich im Laufschritt durch die verwinkelten Praxisräume und fütterte mich dabei mit den wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten. Ob sie das wohl nachher alles abfragen würde? Mir rauchte schon jetzt der Kopf. Acht Tierärzte gab es, dazu zehn Tierarzthelferinnen, eine Büroangestellte und eine Reinigungskraft. Krampfhaft versuchte ich, mir wenigstens das zu merken. Mehr war einfach nicht drin! In meiner Verzweiflung beschränkte ich mich darauf, zumindest angemessen interessiert zu wirken. Ein paar halbwegs kluge Kommentare und hin und wieder ein beeindrucktes Raunen waren alles, was ich zu bieten hatte.

Wir ließen die Behandlungsräume hinter uns und betraten durch eine gläserne Schiebetür den Bereich, zu dem die Kunden keinen Zutritt hatten. Voller Stolz folgte ich Ruth in die OP-Vorbereitung. Hier wurden in separaten Räumen Mensch und Tier für bevorstehende Operationen fertiggemacht: Während der Patient in Narkose gelegt und an der betreffenden Stelle rasiert sowie schon einmal gründlich desinfiziert wurde, schlüpfte das OP-Team nebenan in sterile Kittel und Handschuhe und vermummte sich bis zur Unkenntlichkeit mit Häubchen und Mundschutz.

Die Zugangstüren in die drei OPs öffneten sich automatisch. Ehrfürchtig bestaunte ich Narkose- und Beatmungsgeräte, OP-Tische, deren Vorrichtungen zum Fixieren der schlafenden Tiere mich entfernt an mittelalterliche Folterwerkzeuge erinnerten, und allerlei weitere Geräte, deren Verwendungszweck sich mir vorerst nicht erschloss. An den OP-Bereich grenzte die erste von zwei großen Krankenstationen, in denen Aufwachboxen für die narkotisierten Tiere sowie weitere Boxen für stationäre Patienten untergebracht waren.

Noch bevor ich genügend Zeit für ein geistreiches »Aha!« oder ähnliche Kommentare gehabt hatte, ließen wir auch diese Abteilung hinter uns.

Hoffentlich denkt sie jetzt nicht, ich wär unmotiviert!, dachte ich panisch. Den Außenbereich mit dem massiven Zwangsstand für die gefahrlose Untersuchung von Pferden, dem imposanten Großtier-OP samt Kran zum Anheben der Schwergewichte und den Ställen zur Unterbringung der stationären Patienten handelten wir ebenfalls im Laufschritt ab. Hier würde ich ohnehin nur wenig Zeit verbringen: In erster Linie war ich für die Kleintierpraxis eingeteilt, in die mich Ruth nun zurückführte.

Über ein offenes Treppenhaus, vorbei an dem Schild »Zutritt nur für Praxisangestellte«, gelangten wir in die obere Etage. Hier befanden sich Bad und Büros, ein Umkleideraum, ein zusätzliches Lager, die Waschküche, eine weitere Krankenstation inklusive des Isolierbereichs für Patienten mit ansteckenden Erkrankungen sowie die Teeküche – der Aufenthaltsbereich des Praxisteams. Ruth öffnete schwungvoll die Tür und schob mich vor sich her in den nach frischem Kaffee duftenden Raum.

Völlig unerwartet stand ich vor dem versammelten Praxisteam, das sich zur morgendlichen Lagebesprechung an einem großen Esstisch eingefunden hatte. Reflexartig machte ich einen Schritt rückwärts und prallte mit Ruth zusammen, die immer noch hinter mir stand. Schon wieder so ein peinlicher Auftritt!

Vergiss deine Praxiskarriere, hörte ich mein Alter Ego verächtlich sagen. Du solltest lieber Kurse anbieten: Wie mache ich mich zum Affen in drei Schritten? Wie gelähmt stand ich da und fühlte mich den Blicken des Teams schutzlos ausgeliefert.

Was hast du denn erwartet?, rügte ich mich selbst. War doch wohl klar, dass du nicht mit Ruth alleine bleiben würdest! Ich räusperte mich geräuschvoll und öffnete endlich den Mund. Mehr als ein zittriges »Hallo« brachte ich jedoch nicht zustande. Ruth, die scheinbar Mitleid mit der kleinen, völlig überforderten Praktikantin hatte, schob sich an mir vorbei und ergriff das Wort.

»Das ist Bettina, unsere neue Praktikantin«, klärte sie ihre Kollegen auf.

»Hallo«, wiederholte ich, dieses Mal zum Glück mit etwas festerer Stimme, und lächelte tapfer in die Runde.

Ein junges Team, das fast ausschließlich aus Frauen bestand, lächelte zurück. Nur der einzige Mann der Runde, der mir als einer der beiden Chefs vorgestellt wurde, verzog keine Miene.

»Bettina?«, wiederholte er. »So hieß meine erste Frau. Ist übel ausgegangen, hat mich bei der Scheidung ausgezogen bis auf die Unterhose!«

Ohne ein weiteres Wort schlüpfte er an mir vorbei und verließ den Raum. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Der Chef hasste mich jetzt schon. Dabei hatte ich ihm noch gar nicht aufs OP-Besteck gekotzt!

»Und dafür kriegt man auch noch Geld?«

oder: Praktikum auf Wolke 7

Die unerfreuliche erste Begegnung mit dem schlecht gelaunten Chef sollte für lange Zeit mein einziges negatives Erlebnis in der Tierarztpraxis sein. Und doch war sie gleichzeitig der Auftakt einer ganzen Reihe von absurden Begegnungen, die meinen zukünftigen beruflichen Werdegang säumen würden. Nun lag aber erst mal das dreiwöchige Praktikum vor mir, das mich überhaupt erst in die Klinik verschlagen hatte.

Sonja, die Reiterhoffreundin, die hier ihre Ausbildung absolvierte, nahm mich unter ihre Fittiche. Meine erste Amtshandlung bestand im morgendlichen Ausmisten der Pferdeboxen.

»Tut mir leid!«, sagte Sonja zerknirscht. »Aber das gehört halt auch dazu.«

»Klar«, erwiderte ich fröhlich. »Mach dir keine Sorgen!«

Ich für meinen Teil war höchst zufrieden mit meinem ersten Arbeitsauftrag: Boxen ausmisten konnte ich in Perfektion!

Und dass dabei meine einzige Gesellschaft aus den noch schläfrigen Pferden bestand, kam mir sehr gelegen: keine furchteinflößenden Tierarzthelferinnen, keine verbitterten Ex-Ehemänner, nur die sanften Tiere, die mich leise schnaubend begrüßten und sich die ersten Streicheleinheiten des Tages abholten. Ich war ganz in meinem Element. Routiniert arbeitete ich mich von Box zu Box und machte Bekanntschaft mit den Patienten, die auf ihre unnachahmliche Art die riesigen Mäuler aufrissen, um mich mit einem herzhaften Gähnen zu unterhalten. Welch wunderbarer Start in den Tag! Doch auch der größte Äppelhaufen ist irgendwann Geschichte – und so machte ich mich auf den Weg zurück in die Kleintierpraxis, um weitere Anweisungen entgegenzunehmen.

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Drinnen hatte mittlerweile die Sprechstunde begonnen. Das Wartezimmer, das vor gut einer Stunde noch leer und verlassen gewesen war, beherbergte nun eine Vielzahl an Kunden, die mit den verschiedensten Haustieren auf ihren Aufruf warteten. Einige rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her, manche unterhielten sich angeregt mit ihren Sitznachbarn, wieder andere waren damit beschäftigt, ihre aufgeregten Hunde unter Kontrolle zu halten. In der Kinderspielecke bemalte ein etwa fünfjähriger Junge das helle Fell seines Golden Retrievers mit einem grünen Filzstift, bis seine in die Zeitung vertiefte Mutter aufblickte und ihm unter lautem Gezeter den Stift entriss.

Ruth hatte den Posten hinter der Anmeldung eingenommen und offenkundig alle Hände voll zu tun. Fasziniert beobachtete ich, wie sie die Neuankömmlinge begrüßte, sie in den Computer eintrug, mitgebrachte Proben entgegennahm, Medikamente zum Mitgeben zusammenpackte, Rechnungen abkassierte, Termine vergab, Fragen beantwortete und nebenbei auch noch das ständig klingelnde Telefon bediente. Sie wirkte nicht einmal gestresst, sondern lächelte strahlend in die Runde, hatte für jeden ein nettes Wort parat und behielt scheinbar mühelos den Überblick in all dem Chaos. Das war Multitasking der Extraklasse! Ich war schon vom Zusehen überfordert und schlich mich beeindruckt davon. Im Flur traf ich auf Sonja.

»Ich hab dich schon gesucht«, verkündete sie. »Du kannst Thorsten im OP helfen.«

Thorsten war einer der angestellten Tierärzte und wegen einer Autopanne bei der morgendlichen Besprechung nicht dabei gewesen. Mit zitternden Beinen folgte ich Sonja in den OP.

Das ist die Feuerprobe!, schoss es mir durch den Kopf. Die wollen gleich mal sehen, was du aushältst!

Was immer auch passieren würde: Ich nahm mir fest vor, mich nicht zu blamieren.

Du wirst nicht ohnmächtig werden! Du wirst auch nicht in Tränen ausbrechen, niemanden mit dem Skalpell verletzen und nicht auf das OP-Besteck kotzen! DU WIRST DICH NICHT BLAMIEREN! Heute nicht, morgen nicht, nie wieder! Ausrufezeichen! Meine innere Stimme erinnerte mich an einen Coach, der seinen sichtlich angeschlagenen Schützling im Boxring auf die nächste Runde vorbereitet. Du kannst bluten, wie du willst, aber umfallen is’ nich’! Das war also geklärt …

Im OP angekommen, stellte Sonja mich dem Tierarzt vor. Thorsten war etwa Ende zwanzig und hatte ein offenes, ansteckendes Lachen, das meine Nervosität augenblicklich auf ein erträgliches Maß reduzierte. Erleichtert wusch und desinfizierte ich meine Hände nach Sonjas Anweisungen und ließ mir von ihr in einen sterilen OP-Kittel und in die OP-Handschuhe helfen. Dann rauschte sie davon und ließ mich mit Thorsten und einer weiteren Helferin allein, die in der Zwischenzeit bereits mit der Operation begonnen hatten. Folgsam ließ ich mich auf den mir zugewiesenen Rollhocker sinken – und blickte in den ersten Hundebauch meines Lebens.

Auf dem Tisch lag eine Hündin, die kastriert werden sollte. Das narkotisierte Tier lag auf dem Rücken, die Beine nach außen ausgebunden, der rasierte und mit grünen Tüchern abgedeckte Bauch hell erleuchtet vom gleißenden Licht der OP-Lampen. Mein erster Eindruck von dem Innenleben der Hundedame war überraschend: ziemlich vollgestopft und erstaunlich wenig Blut!

Thorsten entpuppte sich als perfekter Lehrmeister. Geduldig erklärte er mir jeden einzelnen Arbeitsschritt und die Lage der Organe. Fasziniert lauschte ich seinen Ausführungen. Die Angst vor der Ohnmacht und weiteren Blamagen war vergessen. Ich starrte in die glitschigen Eingeweide – und liebte es! Als ich dann noch beim Zunähen die Fäden abschneiden durfte, war es endgültig um mich geschehen. Da war er, der Traumjob! Wer hätte das gedacht? Weit und breit kein einziges Nackensteak, und trotzdem war ich glücklich!

Die folgenden drei Wochen bestanden für mich aus einer schier endlosen Aneinanderreihung solch freudiger Momente. Am liebsten pendelte ich zwischen OP und Krankenstation. Ich assistierte bei den verschiedensten Eingriffen, hielt den operierten Tieren beim Aufwachen das Pfötchen und aß mittags mit dem tollsten Praxisteam der Welt die Kuchen, mit denen uns die Tierbesitzer in ihrer Dankbarkeit beglückten. Ich lernte alles Wissenswerte über Impfungen und Wurmkuren, die wichtigsten Infektionskrankheiten sowie Funktion und Erkrankungen der Organe. Im Labor entdeckte ich überraschenderweise meine »Vorliebe« für Körperausscheidungen – die vielen Tests und Untersuchungsverfahren sowie der Umgang mit den imposanten Laborgeräten hatten auf mich eine geradezu meditative Wirkung. Dass die Angestellten für so viel Spaß und Zufriedenheit auch noch Geld bekamen, erschien mir fast unanständig. Aber ich hatte natürlich Verständnis dafür, dass auch sie ihre Miete zahlen und neben all dem Kuchen ...

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