Logo weiterlesen.de
Humanitäre Hilfe Schweiz – Eine Zwischenbilanz

Humanitäre
Hilfe Schweiz

Eine Zwischenbilanz

Walter Rüegg, Christoph Wehrli (Hrsg.)

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Inhalt

 

 

Zum Geleit

Didier Burkhalter, Bundesrat

 

Vorwort

 

«Die unstrukturierten Konflikte verlangen neuartige Flexibilität»

Interview mit Peter Maurer, Präsident des IKRK

 

 

I. Wahrnehmung und Reaktionen

 

«Die Glückskette ist auch ein Instrument gegen die Abstumpfung»

Interview mit Roger de Weck, Generaldirektor der SRG SSR

 

Gratwanderungen

Katastrophen und Medien – Erfahrungen eines Korrespondenten während der Ebola-Krise in Liberia 2014

Patrik Wülser

 

Humanitäre Wirksamkeit unter erschwerten Bedingungen

Faktoren der Spendenbereitschaft – eine persönliche Einschätzung

Tony Burgener

 

Vitalität in einer Sisyphusarbeit

Die Entwicklung von Organisationen der humanitären Hilfe in der Schweiz

Christoph Wehrli

 

 

II. Die Praxis heute

 

«Die Schweiz leistet viel Vorbildliches»

Interview mit Toni Frisch, Chef der Humanitären Hilfe des Bundes von 2000 bis 2011

 

Ein breites und innovatives Instrumentarium

Wie die Schweiz den Herausforderungen der internationalen humanitären Hilfe begegnet

Manuel Bessler

 

Richtige Hilfe am richtigen Ort?

Projektbeurteilungen und Lehren

Göpf Berweger

 

Hilfe in fragilen Kontexten

Der Fall Haiti

Edita Vokral

 

Der dauerhaften Wirkung auf der Spur

Evaluation des Wiederaufbaus nach dem Tsunami von 2004

Adriaan Ferf und Paola Fabbri

 

 

III. Trends und künftige Herausforderungen

 

«Die ‹Lieferkette› der Hilfe ist länger geworden»

Interview mit Gilles Carbonnier, Professor am Institut für internationale und Entwicklungsstudien in Genf 

 

Neue Tendenzen in der humanitären Hilfe

Schweizerische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) vor mehrfachen Herausforderungen

Ruth Daellenbach

 

«Hidden agenda» oder humanitäres Handeln?

Religiös motivierte und kirchennahe Organisationen in der Katastrophenhilfe

Odilo Noti

 

Humanitäre Hilfe in einer vernetzten Welt

Lernprozesse aus der Sicht von Terre des hommes Kinderhilfe

Vito Angelillo und Marc Kempe

 

 

IV. Not und soziale Werke in der Schweiz

 

«Hilfswerke greifen neue soziale Probemlagen auf»

Interview mit Carlo Knöpfel, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit, FHNW, Basel

 

Menschliche Solidarität

Die Entwicklung eines gesellschaftspolitischen Prinzips

Jürg Krummenacher

 

Private Katastrophenhilfe im Inland

Erfahrungen – Einsichten – Perspektiven

Christian Gut

 

 

V. Spenden und Kommunikation

 

«Der Köder muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken»

Neue Trends in der Kommunikation von Hilfswerken

Interview mit Lorenz Spinas, Leiter der Agentur Spinas Civil Voices in Zürich

 

Transparenz und Qualität

Rechenschaftslegung im Schweizerischen Roten Kreuz

Lilian Iselin, Beat von Däniken und Thomas Gass

 

Grosszügigkeit und ihre Bedingungen

Spenden, Fundraising und Selbstregulierung

Martina Ziegerer

 

Spenden in der Schweiz

Ein Überblick des Spendenmonitors von 1997 bis 2014

Walter Rüegg

 

 

VI. Anhang

 

Kurzporträts der Hilfswerke

 

Tabellen: Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe 1980  2014

 

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

 

Bildnachweis

 

Personen- und Sachverzeichnis

Zum Geleit

Die Schweiz, der Frieden und die Sicherheit

 

 

Fast täglich nehmen wir wahr, was es bedeutet, auf humanitäre Hilfe angewiesen zu sein. Bilder von Menschen, die unter Kriegen leiden, die aus ihrer Heimat vertrieben worden sind oder die vor Erleichterung weinen, weil sie nach einer Fahrt voller Gefahren übers Meer das rettende Ufer erreicht haben, machen uns betroffen. Und sie machen deutlich, dass wir uns engagieren müssen, um diesen Menschen zu helfen. Das gebieten die Menschlichkeit und unsere solidarische Grundhaltung, das ergibt sich auch aus der Verantwortung, welche die Schweiz übernimmt. Zudem liegt das Engagement für stabile Verhältnisse in den Regionen der Welt, auch wenn sie noch so entfernt sein mögen, im Interesse der Schweiz.

Was aber ist unter dem Begriff «humanitäre Hilfe» genau zu verstehen? Wie wird humanitäre Hilfe definiert?

Was sind ihre grundlegenden Merkmale und leitenden Prinzipien? Wann geht sie in Entwicklungszusammenarbeit über, und wie geht die Schweiz die aktuellen humanitären Herausforderungen an?

Diese Fragen gewinnen in der heutigen Welt, die von zahlreichen Naturkatastrophen und Konflikten geprägt ist, zunehmend an Bedeutung. Die Schweiz kann und will nicht abseits stehen, wenn es darum geht, die Folgen der Krisen zu bewältigen.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, zu dem die humanitäre Hilfe der Deza gehört, sowie die Schweizer Nichtregierungsorganisationen sind im humanitären Bereich heute schon sehr engagiert. So setzen wir uns für die Flüchtlinge und Vertriebenen des Syrienkonflikts ein, wir leisten Soforthilfe nach Naturkatastrophen wie 2015 beim Erdbeben in Nepal, Wiederaufbauhilfe und Katastrophenvorsorge. Verschiedene Facetten dieser humanitären Hilfe werden im vorliegenden Buch dargestellt. Dabei wird deutlich, dass wir in unserem Engagement nicht nachlassen dürfen. Denn in vielen Regionen der Welt sind Stabilität und Frieden gefährdet, und darunter leiden in erster Linie die Menschen.

Instabilität betrifft aber nicht nur ferne Länder. Auch in der südlichen und östlichen Nachbarschaft Europas prägen vermehrt Kriege, geopolitische Friktionen und Staatszerfall das Bild. Die Folgen dieser Konflikte und der fehlenden Perspektiven vieler Menschen werden innerhalb Europas immer sichtbarer.

Wir müssen und wollen deshalb noch mehr tun. Die Schweiz wird sich weiterhin aktiv und intensiv einsetzen, um langfristig einen Beitrag zur Bekämpfung von Konfliktursachen, zur Stärkung der Zivilgesellschaft, zur Achtung der Menschenrechte und zur Förderung von verantwortungsvoller Regierungsführung auf nationaler und lokaler Ebene zu leisten. Auch die Konflikt- und Katastrophenprävention wird zu einer immer wichtigeren Aufgabe der Schweiz, deren Effizienz und Unparteilichkeit ausgewiesen und anerkannt sind.

Unsere Diplomatie sowie unsere internationale Zusammenarbeit sind stärker gefordert denn je. Das Ausmass und die Komplexität der Krisen verlangen kombinierte Lösungen. Im Syrienkonflikt kann humanitäre Hilfe zwar Leiden lindern; um das Leid jedoch zu beenden, muss eine politische Lösung erzielt werden. Ihre langjährige Erfahrung bei der Friedensförderung sowie bei Menschenrechtsfragen hilft der Schweiz, den internationalen Dialog zu politischen Fragen mitzugestalten und die menschliche Sicherheit vor Ort nachhaltig zu verbessern. Mit ihrem Engagement für wirksame multilaterale Normen sowie für die Stärkung des humanitären Völkerrechts leistet die Schweiz einen weiteren Beitrag zu Frieden und Sicherheit.

 

Bundesrat Didier Burkhalter

Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA

Vorwort

 

 

Humanitäre Hilfe ist die Reaktion auf humanitäre Notlagen, die durch Naturkatastrophen, Epidemien oder Gewaltkonflikte verursacht sein können. Diese Definition des Handbuchs Humanitäre Hilfe schliesst Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe ein, nicht jedoch Entwicklungshilfe, auch wenn die Grenzen zwischen Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe in einzelnen Fällen schwer zu ziehen sind. Ziel der humanitären Hilfe ist es, während und nach Naturkatastrophen und von Menschen verursachten Krisen Leben zu retten, Leid zu lindern und die Würde des Menschen zu wahren, aber auch Vorsorge und Prävention im Hinblick auf künftige Katastrophen zu leisten. Sie ist geleitet von den humanitären Prinzipien der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit und basiert auf internationalen Rechtsgrundlagen. Sie umfasst sowohl die Bereitstellung von lebenswichtigen Gütern (Nahrung, Wasser, sanitäre Anlagen, Unterkunft, Kleidung, Gesundheitsdienst und psychosoziale Hilfen) als auch Schutz vor Gewalt und Verfolgung sowie die Unterstützung von Bewältigungsstrategien.1

Die Definition macht klar, dass all jene, die humanitäre Hilfe leisten, sich in einem höchst schwierigen Gebiet bewegen und sich enorm anspruchsvollen Zielen verschrieben haben. Der umfassende und wertverpflichtete Begriff «humanitär» umfasst so hohe Anforderungen, dass keine Organisation und kein Hilfswerk ihnen vollumfänglich genügen kann. Das hat weniger mit den Leistungen der humanitären Organisationen zu tun als mit Bedingungen und Restriktionen, welche die Hilfe vor Ort prägen und oft behindern. Helfen ist vor allem in Bürgerkriegen, angesichts von grossen Flüchtlingsströmen und bei der Katastrophenbewältigung in «failed states» riskant und schwieriger geworden.

«Heute ist es vor allem und fast ausschliesslich die Zivilbevölkerung, die unter den Folgen von Gewaltkonflikten und Kriegen zu leiden hat. Das humanitäre Völkerrecht, das unter anderem noch auf der Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilpersonen beruht, hat in den sogenannt neuen Kriegen seine Wirkkraft eingebüsst; es wird von Gewaltakteuren nicht respektiert. (…) Für die Hilfsorganisationen und ihre Mitarbeiter ergeben sich daraus hohe Sicherheitsgefährdungen.»2 Dazu kommt, dass humanitäre Organisationen oft vor Ort nicht mehr zugelassen werden. Kooperationen mit lokalen Hilfswerken sind zwingend. Können sie angesichts dieser Erschwernisse noch wirksame Hilfe leisten – in den Augen der Betroffenen und der Geldspender?

Die humanitäre Hilfe wird von der Öffentlichkeit und den Medien mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgt. Zahlreiche Hilfsorganisationen haben sich diesem Geschäft verschrieben, das rund 1 Milliarde Schweizer Franken pro Jahr umsetzt. Die Frage, nach welchen Gesichtspunkten diese Mittel eingesetzt werden und ob sie etwas bewirken, ist legitim, besonders in einem Land, das die humanitäre Bewegung mitbegründet hat und sich ihren Anliegen gegenüber seit Jahren grosszügig zeigt.

Das vorliegende Buch versammelt als Bestandesaufnahme Beiträge zu den Entwicklungen und Fragestellungen, denen sich Hilfswerke heute gegenübersehen. Es konzentriert sich auf die grösseren schweizerischen Hilfswerke und lässt aus Platzgründen zahlreiche kleinere Initiativen aus, die oft von Idealisten geführt werden und auf grosse Leistungen im Kleinen stolz sein können. Die weltweiten Veränderungen der Hilfswerksszene, der Einfluss der Medien auf die Wahrnehmung von Katastrophen, die komplexen Fragen der Projektbeurteilung und -kontrolle und das Fundraising stehen im Vordergrund. Kurzporträts der wichtigsten privaten Werke schliessen den Band ab.

Dass das Buch in kurzer Zeit zustande gekommen ist, verdanken wir dem Zuspruch, den Ratschlägen und dem Engagement vieler. Besonders zu nennen sind Tony Burgener, Direktor der Glückskette, Genf, und Botschafter Toni Frisch, ehemals Chef Humanitäre Hilfe der Deza, Bern. Lorenz Spinas (Spinas Civil Voices) hat uns einen Entwurf des Bucheinbands zur Verfügung gestellt und Carla Storz die Auswahl bekannter Plakatkampagnen schweizerischer Hilfswerke. Martina Stoffel hat die englischsprachigen Beiträge gekonnt übersetzt. Zahlreiche Hilfswerke haben durch ihre Textbeiträge und Fotos konkrete Einblicke in ihre Tätigkeit ermöglicht. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt! Den Autoren und Autorinnen sowie den Interviewpartnern danken wir für ihre qualifizierten Beiträge und die zahlreichen Anstösse, die sie uns gegeben haben; dem Historiker Severin Rüegg für die statistischen Übersichten, welche die Entwicklung der Ausgaben für humanitäre Hilfe aufzeigen, und Nadja Lützel, die das Verzeichnis der grösseren schweizerischen Hilfswerke erstellt hat.

Da ein Buchprojekt immer auch Sponsoren benötigt, schulden wir der Glückskette und der Deza (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) grossen Dank – ohne ihre substanziellen Beiträge hätte dieser Band nicht erscheinen können! Wir hoffen, dass das Buch dazu beiträgt, das Verständnis für die Anliegen der humanitären Hilfe und die Arbeitsweise der schweizerischen Hilfswerke zu fördern.

 

Zürich, Januar 2016

 

Die Herausgeber

Walter Rüegg, Christoph Wehrli

 

1  Lieser, Jürgen und Dijekzeul, Dennis: Handbuch Humanitäre Hilfe, Springer Verlag: Berlin 2013, S. 11 und S. 13.

2  Ebd., S. 411.

«Die unstrukturierten Konflikte verlangen neuartige Flexibilität»

Interview mit Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz

 

 

Die zahlreichen Naturkatastrophen und das wachsende Flüchtlingselend wecken den Eindruck, dass wir in einer Welt immer häufigerer Katastrophen leben. Trifft das zu?

Die einschlägige Forschung ergibt, dass die Intensität und die Häufigkeit von Naturkatastrophen höchstwahrscheinlich zunehmen, und wir haben viele Hinweise, die dies bestätigen. Mit Bezug auf Konflikte, von Menschen verursachte Katastrophen, haben wir keinen wissenschaftlichen Gradmesser, sondern nur subjektive Eindrücke. Was wir aus unserer Erfahrung kennen, ist eine Veränderung der Konflikte. Sie sind zunehmend unstrukturiert. Statt zwischen zwei oder mehreren Staaten spielen sie sich öfter zwischen schwierig definierbaren Gruppierungen ab. Zugleich hat sich das Bild gegenüber den Schlachtfeldern, die wir noch von den Weltkriegen her vor Augen haben, verändert. Wir können zum Teil auch gar nicht mehr so klar unterscheiden, was Gewalt in einem politisch-ideologischen Konflikt ist und was ganz einfach Verbrechen, urbane Gewalt oder interethnische und religiös motivierte Konflikte zwischen Gruppen sind. Wir haben Anzeichen, dass das internationale System aus den Fugen geraten ist und immer mehr Mühe hat, ordnend in Konflikte einzugreifen. Das zeigt sich deutlich an den landesintern Vertriebenen und den Flüchtlingen, bei denen wir es mit Zahlen zu tun haben wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wie geht das IKRK mit solchen unstrukturierten Konflikten um? Wie verhält es sich beispielsweise, wenn auch schlicht kriminelle Banden an der Gewalt beteiligt sind?

Unsere oberste Devise ist es, zu sehen, welches die humanitären Auswirkungen von Gewalt sind und wie wir Opfer besser schützen und ihnen helfen können. Wir handeln in unterschiedlichen Rechtsräumen. Gewisse Formen von Gewalt finden in Kontexten statt, in denen wir noch starke Hinweise auf einen rechtlichen Rahmen gemäss den Genfer Konventionen haben. In internen bewaffneten Konflikten gilt deren Artikel 3, der erstens allen Parteien bestimmte Verpflichtungen auferlegt und zweitens dem IKRK eine Legitimation gibt, sich mit diesen Konfliktparteien im Rahmen seines Mandats zu engagieren. In Syrien besteht ein solcher interner bewaffneter Konflikt. Die Parteien haben Verpflichtungen, und wir pochen auch darauf, dass wir für unser Engagement den Spielraum gemäss den Genfer Konventionen erhalten. Dann gibt es aber auch Situationen, in denen wir diese Legitimation nicht haben. Dort müssen wir uns arrangieren. Es gibt zwei Verhaltensweisen. Erstens kann uns eine Regierung trotz allem sagen, wir sollten mit einer Gruppierung in Kontakt treten, um gegen die Auswirkungen von Gewalt anzugehen. Selbst eine Regierung, die eine kriminelle Bande oder eine terroristische Organisation im Rahmen der Rechtsordnung bekämpft, kann ein solches Interesse haben. Wenn wir – im zweiten Fall – keinen solchen Hinweis eines souveränen Staats haben und uns ausserhalb der Genfer Konventionen bewegen, konzentrieren wir uns darauf, so gut wie wir es eben können, die Auswirkungen der Gewalt für die Zivilbevölkerung einzudämmen. Allerdings gibt es keine rechtsfreien Räume. Auch wenn die Genfer Konventionen nicht anwendbar sind, ist nicht alles erlaubt. Wenn es nötig ist, bezieht sich das IKRK auf die Menschenrechtsverpflichtungen, um in einen Dialog mit der betreffenden Partei zu kommen. Wir sind also in einer komplexen Situation und versuchen, flexibel zu sein.

Kann das IKRK also immer weniger darauf vertrauen, dass seine Rolle von den Konfliktparteien anerkannt wird?

Vertrauen kann man nie. Auch in der Vergangenheit konnten wir uns nie blind auf die Akzeptanz der Genfer Konventionen verlassen; wir mussten uns in jeder Konfliktlage wieder neu versichern, dass die geltenden Normen und das IKRK in seiner Tätigkeit respektiert werden. Aber um sich dieses Respekts bei den Kriegsparteien zu versichern, braucht es heute viel mehr Zeit und Energie. In den Weltkriegen und in der Nachkriegszeit, als die Genfer Konventionen in Kraft traten, kam es nicht unbedingt zu fundamentalen Infragestellungen, auch wenn es nicht einfach eine «licence to operate» gab, die wir jetzt verloren hätten.

Wirkt sich nicht gerade im Nahen und Mittleren Osten die europäische Prägung des Roten Kreuzes negativ auf die Akzeptanz des IKRK aus?

Es gibt Regionen, wo wir Zielscheibe und Opfer von Stigmatisierungen rund um das Emblem geworden sind. Aber es gibt auch hier keine festen Muster mehr, weder im positiven noch im negativen Sinn. Es gibt Situationen, in denen das IKRK als Ausdruck der christlich-abendländischen Kultur wahrgenommen wird. Aber es gibt ebenso viele Situationen, in denen wir problemlos in muslimischen, buddhistischen oder anderen Kulturräumen unsere Arbeit machen können. In der Regel haben wir, je länger wir irgendwo tätig sind und erklären können, was wir machen, auch entsprechende Unterstützung und Legitimität.

Das IKRK wendet einen grossen Teil seiner Mittel für «Unterstützung» auf, auch für Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Ähnliches. Wie passt das zu seiner ganz spezifischen Mission?

Mit seinem Profil bleibt das IKRK eine ziemlich einzigartige Erscheinung in der Landschaft humanitärer Organisationen. Wir haben ein Mandat durch die Genfer Konventionen und sind ein schweizerischer Verein, wir haben eine Aufgabe bezüglich der Weiterentwicklung des humanitären Völkerrechts, und über die Rotkreuzkonferenzen sind wir verbunden mit den Vertragsstaaten der Genfer Konventionen und ihren Politiken zur Umsetzung der Konventionen. Wir sind also in Recht und humanitärer Politik tätig, und wir unterhalten eine ganze Serie von Hilfs- und Schutzaufgaben, von Operationen also, die Zivilisten vor den Auswirkungen der Gewalt schützen. Die operationelle Tätigkeit fällt budgetmässig am meisten ins Gewicht, aber das bedeutet nicht, dass es die wichtigste Tätigkeit des IKRK wäre. Es geht nicht einfach nur darum, Bedürftigen zu helfen. Es geht auch darum, Verhaltensweisen von Kriegführenden zu ändern und eine Situation zu schaffen, in der Menschen besser geschützt sind. Zentral dafür ist der Auftrag aus jedem der Genfer Abkommen, dieses «unter allen Umständen einzuhalten und seine Einhaltung durchzusetzen». Die Verpflichtung liegt bei den Staaten, aber das IKRK hat das Mandat, die Staaten bei der Umsetzung ihrer Verpflichtungen zu unterstützen. Einen grossen Teil unseres Budgets macht denn auch der Lohn aller Spezialisten aus, die wir für dieses Engagement anstellen.

Manchmal engagiert sich das IKRK längere Zeit in Bereichen wie Gesundheitsdienste oder Trinkwasserversorgung, um sich, wie es scheint, Akzeptanz zu «erkaufen». Werden solche Einsätze nicht zur Dauereinrichtung?

Das Ineinandergreifen von kurz- und längerfristiger Hilfe, von Not- und Strukturhilfe beschäftigt die humanitäre Gemeinschaft schon sehr lange und stellt auch uns von verschiedenen Ecken und Enden her vor grosse Herausforderungen. Es erfüllt auch uns mit Sorge, dass Konflikte immer länger andauern und dass wir in den letzten 15, 20 Jahren nur an wenigen Orten einen wirklichen Ausstieg geschafft haben. Immerhin: Im Balkan hatten wir während der 1990er-Jahre eine der grössten Konzentrationen von IKRK-Aktivitäten, und heute ist dort noch eine Handvoll von Delegierten, die sich mit den immer noch vermissten Personen beschäftigen. Auch im Kaukasus, wo es ja immer noch Spannungen gibt, haben wir unsere Aktivitäten erheblich reduziert. Eine der Stärken dieser Organisation ist es immer noch, dass wir Ausstiege und Einstiege schneller als andere bewerkstelligen. Wir beobachten immer sorgfältig, ob es uns wirklich braucht. Wir versuchen nicht, uns durch Entwicklungshilfe etwas zu erkaufen. Wenn es uns nicht mehr braucht, ziehen wir unsere Ressourcen noch so gerne ab, weil wir wissen, dass sie übermorgen in zentraleren Konflikten gebraucht werden.

Dennoch: Übernimmt das IKRK zum Beispiel in Afghanistan oder in Zentralafrika nicht Aufgaben von Entwicklungsorganisationen oder des Staats?

Das erleben wir ein bisschen anders. Wir erleben eher Situationen, in denen wir mit unseren Kollegen von Médecins Sans Frontières fragen müssen: «Where is anybody?» Ich wäre noch so froh, wenn an Orten, wo ein gewisser Grad von Stabilität erreicht worden ist, eine Übergabe an andere Operateure für längerfristige Strukturhilfe möglich wäre. Das ist aber ausserordentlich schwierig, denn oft sind Entwicklungsagenturen in noch immer schwierigen Kontexten ganz einfach abwesend. Häufig ist auch das Vertrauen, das über längere Zeit entsteht, ausschlaggebend für gute Arbeit. Wir haben uns im Rückblick grosse Vorwürfe gemacht, dass wir unsere Präsenz in Westafrika zu schnell abgebaut hatten. In der Folge fehlten uns die Kapazitäten, um schnell auf Ebola zu reagieren. Die Epidemie war letztlich eine Langzeitfolge von Krieg, weil dieser die Gesundheitssysteme zerstört hat. Wir haben trotzdem einiges geleistet. Aber Sie sehen das Dilemma.

Soll längerfristige Präsenz also auch der Vorbereitung für den Fall einer (weiteren) Krise dienen?

2002, zur Zeit meines Vorgängers, lautete die Analyse dieses Hauses, dass der Sahel vor möglichen grösseren Konflikten stehe. Aufgrund dieser Erkenntnis hat das IKRK an vielen Orten kleine Vertretungen eröffnet, um wenigstens präsent und für einen stärkeren Gewaltausbruch gewappnet zu sein. Das war kein ganz leichter Entscheid; denn es wurde nicht geschossen, es schien ruhig zu sein, doch wir wussten, dass es nicht ruhig war. Weil wir dieses Netzwerk aufgebaut hatten, waren wir 2012 fähig, innert kürzester Zeit im Norden von Mali und in den Nachbarländern eine riesige Operation zu starten. Wir konnten innert weniger Wochen 500 000 Leute versorgen und halbe Viehherden durchfüttern und bauten zehn medizinische Zentren auf.

Wo ist, umgekehrt, der Platz anderer Hilfsorganisationen?

Wir stehen alle vor den gleichen Herausforderungen. Wir haben alle unser Mandat, unsere «Politik» und wurden unter bestimmten Rahmenbedingungen geschaffen, und wir stellen fest, dass die Probleme nicht mehr in diese Rahmen fallen. Zwischen dem, was wir uns unter humanitärer Hilfe vorgestellt haben, und dem, was wir uns unter Entwicklungszusammenarbeit vorgestellt haben, wächst ein riesiger Raum von Bedürfnissen, der nicht klinisch sauber in den einen oder den anderen Bereich gehört. In diesem Raum versuchen wir uns möglichst kreativ und innovativ zu bewegen. Für Entwicklungsorganisationen bedeutet dies, dass sie zunehmend in unsicheren, fragilen Kontexten tätig sein müssen. Und für das IKRK bedeutet es, dass es sich immer mehr gezwungen sieht, auch in nicht offenen Konflikten tätig zu sein. Beide haben eine Verantwortung, die Kompetenzen des einen allenfalls besser mit denen des anderen zu verbinden und die ursprünglichen Spezifitäten besser zum Tragen zu bringen. Beide erhalten auch interessante Signale von den Geldgebern. Die Diskussionen in den Ministerien von Geberländern verlaufen analog zu denen unter humanitären und Entwicklungsorganisationen. Viele Staaten schaffen neue Finanzgefässe und leiten Mittel für Entwicklungs- und humanitäre Hilfe zum Beispiel in einen Fragilitätsfonds. Die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank haben ebenfalls entsprechende Fazilitäten geschaffen. Was ich also für das IKRK suche, ist weniger eine Fokussierung auf einen abgeschlossenen humanitären Bereich. Vielmehr sehen wir uns in Räumen und müssen klären, wer in einem bestimmten Raum welchen Aspekt der Probleme gut und wirksam angehen kann. Wenn es bei Auswirkungen von Gewalt darum geht, Recht, Politik und operationelle Unterstützung intelligent miteinander zu verbinden, dann sind es Bereiche, in denen das IKRK in seiner Tradition Mehrwert schafft. Es gibt anderes, wo andere den Lead übernehmen.

Wie sieht unter diesen Umständen die Arbeitsteilung zwischen dem IKRK und den nationalen Rotkreuzgesellschaften aus?

In der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung finden wir zunehmend Möglichkeiten, wie wir das internationale Mandat des IKRK und die Kompetenzen der nationalen Gesellschaften intelligent aufeinander abstimmen können. An der Konferenz über die Verminderung von Katastrophenrisiken in Sendai zum Beispiel haben die Föderation und die nationalen Gesellschaften die Federführung übernommen und die Rotkreuzbewegung bezüglich dieser Thematik positioniert. Das IKRK war nur ganz bescheiden bei einem oder zwei für uns relevanten Themen und mit einer kleinen Delegation beteiligt. In Kuwait, an der Geberkonferenz für Syrien, habe ich die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung repräsentiert, und in Jemen kommt dem IKRK die entscheidende Koordinationsrolle zu. Nach dem Erdbeben in Nepal koordinierte die Föderation der nationalen Gesellschaften die Antwort, aber das IKRK leistete Beiträge zur Suche der Vermissten und beim Umgang mit den Leichen, weil wir aus naheliegenden Gründen die Spezialisten dafür haben.

Welche Organisationen ausserhalb der Rotkreuzbewegung kommen für eine Zusammenarbeit infrage?

Wir arbeiten sehr gern mit allen zusammen, die dort sind, wo wir sind. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann sind es immer Médecins Sans Frontières. Wir haben inzwischen gut eingespielte Kooperationsmodelle, weil wir an Orten sind, wo sehr wenige andere sind, und zusammen eine kritische Masse von internationaler humanitärer Aktion erreichen. Wir arbeiten grundsätzlich mit allen zusammen, mit denen wir uns im Feld koordinieren können. Einen grossen inneren Vorbehalt habe ich gegen die vielen Koordinationssitzungen in Vier- und Fünfsternehotels von Hauptstädten, die weit weg sind von den wirklichen Problemen vor Ort und wo über Kooperation in einer ausserordentlich verdinglichten Art gesprochen wird.

Gibt es trotz Vermehrung der Akteure weisse Flecken auf der humanitären Landkarte?

Ohne Zweifel. Wir haben nicht überall Zugang, und es gelingt uns nicht überall, Zugang auszuhandeln. Es gibt ganze Bereiche, wo wir humanitäre Bedürfnisse vermuten und nicht einmal eine solide Abklärung dieser Bedürfnisse vornehmen, geschweige denn eine humanitäre Aktion in grösserem Stil aufbauen können. Wir haben heute beispielsweise keinen stabilen Zugang zu Territorien, die von Gruppen des Islamischen Staats kontrolliert sind, und zu Gebieten von Boko Haram in Nigeria. Wir leben immer noch in einem internationalen humanitären System, in dem die nationale Souveränität entscheidend ist dafür, ob internationale – und nationale – humanitäre Organisationen an einem bestimmten Ort Hilfe leisten dürfen. Die betreffenden Uno-Resolutionen und auch die Genfer Konventionen sind letztlich unter dem Vorbehalt der nationalen Souveränität abgefasst worden; es gibt nur ganz wenige Elemente, die diese nationale Souveränität durchbrechen und für internationale humanitäre Operateure Rechtsansprüche schaffen. Meistens sind wir also auf unsere Insistenz angewiesen und auf unsere Fähigkeit, immer wieder – allenfalls täglich – Zugang zu diesen weissen Flecken auszuhandeln. Dies ist schwierig, weil im Umfeld Gewalt herrscht, aber auch wegen der nationalen Souveränität und wegen der Sicherheitsüberlegungen, die diese nationalen Instanzen anstellen.

Bedauern Sie manchmal, dass das IKRK auf militärischen Schutz seiner Aktionen verzichtet?

Wir haben uns natürlich in den letzten Jahren und Monaten, auch veranlasst durch Gewaltereignisse an unseren Delegierten, immer und immer wieder auseinandergesetzt mit der Frage nach der bestmöglichen Sicherheitsdoktrin für eine humanitäre Organisation. Wir sind immer und immer wieder zum Schluss gekommen, dass es für uns keine Lösung ist, bewaffneten Schutz zu verlangen oder unsere Sicherheitsphilosophie in dieser Richtung zu ändern. Wir sind nach wie vor fest der Meinung: Humanitäre Arbeit muss auf dem Konsens der Beteiligten beruhen. Bereits der Gründung des IKRK lag letztlich die Prämisse zugrunde, dass es etwas gibt, zu dem sich alle Kriegsparteien bekennen: dass unparteiliche, unabhängige, neutrale humanitäre Hilfe geleistet werden muss. Unsere Sicherheitsphilosophie ist viel mehr als eine Sicherheitsphilosophie, sie gehört zu unserer Identität. Dabei haben wir nie gesagt, dass es nicht auch robuste internationale Sicherheitsaktivitäten geben soll. Aber wir haben immer gesagt: Es muss eine klare Trennlinie und Trennwand geben zwischen humanitärer Arbeit, die auf der Einsicht und dem Einverständnis der Kriegsparteien beruht, und nicht auf Konsens gestützten Zwangsmassnahmen der Staatengemeinschaft, handle es sich jetzt um Beschlüsse des Sicherheitsrats oder eines anderen Gremiums. Auch sind wir durchaus der Meinung, dass es unsere Pflicht ist, die Vertragsstaaten der Genfer Konventionen und die internationalen Institutionen auf ausserordentliche Verletzungen des humanitären Völkerrechts aufmerksam zu machen, damit diese politischen Gremien die notwendigen Entscheide fällen können.

Mit welchen Entwicklungen und Herausforderungen rechnen Sie in Zukunft?

Was uns stark beschäftigt, ist das Faktum, dass es die typische humanitäre Situation nicht mehr gibt. Wir haben es immer wieder mit völlig anderen Gemengelagen von Problemen zu tun, die uns kein Standardvorgehen mehr erlauben. Ein Beispiel: Wir sind heute in Regionen tätig, in denen es praktisch nichts gibt und humanitäre Arbeit Substitution ist, also für fehlende Strukturen einspringt, wie in der Zentralafrikanischen Republik oder im Südsudan. Und dann sind wir in Ländern wie Syrien, Libanon, Jordanien, Nigeria oder der Ukraine tätig, in Volkswirtschaften mit mittlerem Durchschnittseinkommen, wo wegen Gewalt und Fragilität plötzlich ein internationaler Akteur nötig ist, die Voraussetzungen für humanitäre Arbeit aber völlig anders sind. Es gibt dort privatwirtschaftliche Unternehmen und einen Markt in der Nähe, es gibt viele lokale Kapazitäten, und es braucht nicht immer unbedingt einen Delegierten aus Genf. Oder wir haben es mit Auswirkungen von Gewalt in Städten Lateinamerikas zu tun, wo wir nicht gleich wie in einem offensichtlichen Konflikt reagieren können. Wir müssen mit den Behörden zusammenarbeiten, mit der Polizei, den Sozialdiensten und dem nationalen Roten Kreuz. Wir haben also eine neue Bandbreite von humanitärer Aktivität und müssen viel agiler, flexibler sein; wir müssen auch bereit sein, mit den lokalen Kräften zusammenzuarbeiten und neue Partnerschaften mit der Wirtschaft aufzubauen.

Inwiefern ist das IKRK mit seinem international gewordenen Personal (noch) eine schweizerische Institution, und inwiefern wird eine solche Besonderheit auch heute gepflegt?

Wir sind eine schweizerische Organisation, weil wir ein schweizerischer Verein sind und unseren Sitz in der Schweiz haben, also schweizerischem Recht unterstehen. Wir erhalten grosszügige Unterstützung von der Schweiz wie auch von vielen anderen Ländern, und diese Unterstützung erlaubt uns, nach unserem Mandat und unseren Grundsätzen tätig zu sein, weil die Schweiz und andere Geberländer die Unabhängigkeit des IKRK respektieren. Wir fühlen uns insofern von der Schweiz so unabhängig wie von den USA oder Schweden oder den Niederlanden oder einem anderen Land. Es gibt allerdings noch eine «Software». Ich finde, das IKRK ist auf eine ausserordentlich interessante Art schweizerisch, und zwar in der Art und Weise, wie die Organisation funktioniert, darin, wie stark sie konsensual, nahe bei den Problemen, prinzipienorientiert und doch sehr pragmatisch arbeitet. Das tönt nach Floskeln, aber es sind Ingredienzien der schweizerischen politischen Kultur, die für das IKRK eine grössere Bedeutung haben, als es die Zusammensetzung der Mitarbeitenden oder die Struktur der Geldmittel vermuten liessen. Ich kenne keine vergleichbare Organisation, die so stark von unten nach oben strukturiert ist. Um auf die Sicherheitsfrage zurückzukommen: Der Delegationschef entscheidet, ob er diese oder jene Operation am Tag X durchführt und ob das Risiko vertretbar ist, während im ganzen Uno-System das Department for Security in New York bestimmt, ob die Mitarbeiter aufs Feld können oder nicht. Eine der organisatorisch-kulturellen Leistungen des IKRK in den letzten 20 Jahren ist, wie ich finde, dass es sich bei den Mitarbeitern so stark multinationalisiert hat und doch so stark mit den Kernelementen schweizerischer politischer Kultur ausgestattet ist. Die Generation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die aus anderen Ländern zum IKRK gekommen sind, hat sich ganz stark in diese humanitäre, pragmatische, prinzipienorientierte Bottom-up-Organisation eingefügt und sich deren Betriebskultur zu eigen gemacht. Wenn ich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei mir im Büro habe, kommt es mir manchmal vor wie eine schweizerische Gemeindeversammlung, auch wenn ein Mitarbeiter aus Mali, Argentinien, Libanon oder Afghanistan stammt. Das ist das Faszinierende an dieser Organisation.

I. Wahrnehmung und Reaktionen

«Die Glückskette ist auch ein Instrument gegen die Abstumpfung»

Interview mit Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR

 

 

Katastrophen sind für uns in der Regel nur dann Katastrophen, wenn uns die Medien darüber informieren. Für diese ist es unumgänglich, eine Auswahl zu treffen. Nach welchen Kriterien berichten die SRG-Medien über Katastrophen?

Vorweg: Derzeit sind sämtliche Medien überfordert, denn ein Drittel der Welt ist eine einzige Katastrophe. Wir haben einen Bogen des Chaos von der Ukraine über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Pakistan, beinahe dem ersten atomaren «failing state». Und einen zweiten Chaos-Bogen von Jemen über Somalia, den Sudan, Libyen, wo ein Staat nach dem anderen scheitert, bis hin zu Boko Haram. Katastrophe ist allgegenwärtig. Katastrophe wird – ich sage es nicht zynisch, sondern berührt – gewöhnlich.

Wie gehen Medien damit um? Wir alle sind auf der Suche. Die SRG-Medien versuchen wie jedes Medium, die Ereignisse zu ordnen, wenn denn das zu bewältigen und sittlich ist. Jede Katastrophe nämlich bringt jenes Mass an Leid, das sich journalistischem Einordnen verweigert. Im Journalismus ist wie immer die Aktualität ein Kriterium. Eine neue Katastrophe findet mehr Aufmerksamkeit, als wenn es sich um die jahre- oder jahrzehntelange Fortsetzung einer Katastrophe handelt. Ein Gesichtspunkt ist auch die weltpolitische Brisanz: Werden weitere Regionen destabilisiert? Und selbstverständlich ist das Leiden der Menschen massgebend. Lauter Kriterien zwar, aber trotz aller Professionalität stehen wir vor Katastrophen etwas hilflos da.

Manche Katastrophen dringen also kaum ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit, weil sie sozusagen Dauerkatastrophen sind?

So sehe ich das nicht. Die Dauerkatastrophe im Nahen Osten ist ein Dauerthema, jene im Mittleren Osten ebenfalls, desgleichen die Katastrophe in Nigeria, Mali, Tschad, Kamerun. Die Ukraine ist wenn nicht täglich, so doch wöchentlich präsent. Andere Katastrophen fallen weniger auf – auch deshalb, weil niemand in die Länder reisen und frei berichten kann. In Eritrea ist der Handlungsspielraum für Journalisten eng. Zudem können wir nicht immer Journalistinnen und Journalisten in Krisengebiete entsenden, weil wir in der Pflicht stehen, Mitarbeitende zu schützen. Im deutschen Sprachraum wird diese Schutzpflicht noch ernster genommen als in Frankreich, wo Redaktionen ihre Reporter selbst in die gefährlichsten Lagen schicken oder ziehen lassen. Ich stehe zur Schutzpflicht. Ein Korrektiv zur «Unterberichterstattung» gibt es. Manche Katastrophe, die mangels journalistischer Zeugen in den Massenmedien kaum vorkommt, ist präsent in sozialen Medien: dank den Opfern, die sich zu Wort melden, soweit sie Internetzugang haben. Das zeigt sich im Fall von Syrien.

Es gibt auch das Umgekehrte: Katastrophen-Hypes. Die Ebola-Epidemie beispielsweise, die für die betroffenen westafrikanischen Länder unbestritten verheerend war, wurde bezüglich der Gefährlichkeit für Europa eine Zeit lang hochgespielt. Oder man erinnert sich an den Tsunami von 2004. Die Bilder lösten eine Welle von Spenden aus, die von den Hilfswerken fast nicht zu bewältigen war. Sind die Medien nicht der Gefahr ausgesetzt, sich in etwas hineinzusteigern?

Sie sprechen eine grundsätzliche Schwäche des Medienbetriebs an. Insgesamt ist er auf Ereignisse fixiert, obwohl Entwicklungen relevanter sind. Die Aktualität ist das Grundgesetz des Journalismus. In einer Zeit, in der sich nur noch der kleinste Teil der Medien ein Auslandkorrespondentennetz leisten kann, verstärkt sich diese Fixierung aufs Einzelereignis. Man berichtet über Begebenheiten im Ausland aus zweiter Hand, vielleicht entsendet man einen Sonderkorrespondenten. Aber wo bleibt das Verfolgen langfristiger Entwicklungen durch Fachleute vor Ort, durch Korrespondentinnen und Korrespondenten?

Im Weiteren berühren Naturkatastrophen die Öffentlichkeit stärker als die von Menschenhand gemachten Katastrophen – wobei Naturkatastrophen durchaus von Menschen gemacht sein können. Bei herkömmlichen menschengemachten Katastrophen – Kriegen oder anderen Konflikten – wird es im Lauf der Jahre immer schwieriger, zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden. Die Täter sind ein Stück weit Opfer, die Opfer können Täter sein. Das schafft Distanz, und in einem Teil des Publikums wirkt das Gedankenmuster: Alle am Konflikt Beteiligten sind selbst schuld, sie sollten aufeinander zugehen und sich verständigen! Ein Tsunami hingegen bricht herein, es gibt nur Opfer, das weckt mehr Mitleid. Es ist unsere Aufgabe, dem entgegenzuwirken.

Wie lässt sich dies bewerkstelligen?

Das digitale Zeitalter eröffnet neue Möglichkeiten. Wenn die Tagesschau nicht jeden Tag über jede Katastrophe berichten kann, helfen regelmässig aktualisierte Onlinedossiers, um sich auf dem Laufenden zu halten. Solche Dossiers mit Bildmaterial, Infografiken, datenjournalistischen Übersichten usw. sind wertvoll und sorgsam zu pflegen. Selbstverständlich werden sie weniger besucht als Nachrichtensendungen. Aber es ist ein Mittel, Katastrophen präsent zu halten und Prozesse und Entwicklungen zu verfolgen.

Vor bald 70 Jahren begann mit einer Sendung am Westschweizer Radio die Geschichte der Glückskette. Als Trägerschaft wurde später eine Stiftung gegründet. Würde die SRG heute ein solches Engagement ebenfalls eingehen?

Gerade auf dem Hintergrund Ihrer vorherigen Frage bekräftige ich: ja. Die Glückskette ist nicht nur eine wertvolle karitative Institution, sie ist auch ein Instrument gegen die mediale und menschliche Abstumpfung in einer Epoche überhandnehmender Katastrophen. Das Mass an Katastrophen, das wir verkraften, ist beschränkt. So wird das Thema Syrien immer wieder verdrängt. Die Glückskette bringt diese Katastrophe regelmässig zur Sprache. Sie lädt zum erneuten Mitgefühl, zum erneuten Spenden ein. Aktionen der Glückskette sind auch kleine Beiträge zur Bewusstseinsbildung.

Auch wenn die Glückskette viel Gutes bewirkt, kann man sich fragen, ob sich unabhängiger Journalismus und Sammelkampagnen eigentlich vertragen.

Zur Glückskette steht die SRG SSR 100-prozentig. Es wäre verantwortungslos, wenn die grosse Reichweite der Radio- und Fernsehkanäle der SRG und ihrer Webseiten nicht auch dem guten Zweck diente, Leid zu lindern. Die Redaktionen arbeiten allerdings unabhängig. Wo nötig, kritisieren sie die Arbeit von Hilfswerken. Sie berichten nach professionellen Regeln über die Glückskette, mit ihren Stärken und Schwächen. Das eine ist der Spendenaufruf, das andere ist die journalistische Arbeit. Ich bin im fünften Jahr bei der SRG, nirgends ist mir eine journalistische Gefälligkeit aufgefallen. Es sind zwei Paar Schuhe, getrennt zu halten.

Die journalistische Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit gingen verloren, würde die SRG selbst ein Hilfswerk betreiben. Die Glückskette sammelt Geld mithilfe der SRG-Medien, betraut aber andere Organisationen mit deren Verwendung – unter strenger Qualitätskontrolle; so lassen sich, sollte einmal etwas schieflaufen, Konsequenzen ziehen.

Gibt es – wie man innerhalb der Glückskette meint – manchmal fast einen Reflex der Art, als ob die Berichterstattung über die Glückskette besonders kritisch sein müsste?

In Einzelfällen mag es vorkommen, dass eine Redaktion überkritisch berichtet, sobald die leiseste Verbindung zum eigenen Haus besteht. Das ist vielleicht bedauerlich, weil die Berichterstattung nicht ganz so souverän ist. Aber es ist immerhin ein Beleg für ein stolzes Beharren auf journalistischer Unabhängigkeit.

Bei Spendenaufrufen wird die Hilfsbedürftigkeit der Betroffenen in den Vordergrund gestellt. Verstärkt man dadurch nicht unwillkürlich das Bild der Hilflosigkeit der Menschen in armen Ländern, wo doch auch deren Vitalität und Kraft zur Selbsthilfe aufzuzeigen wären?

Die Glückskette leistet Nothilfe und nicht Entwicklungshilfe im eigentlichen Sinn, wobei der langfristige Wiederaufbau bei der Vergabe von Projektgeldern – im Sinn der Nachhaltigkeit – eine wichtige Rolle spielt. Es handelt sich aber klar um Projekte, die direkt mit einer Katastrophe in Verbindung stehen.

Mit ihrem abgestuften Instrumentarium von Appellen und Aktionen wird die Glückskette tätig, wenn dringliche Not an der Frau, am Kind und am Mann ist. Nothilfe ist eine elementare Pflicht des Menschen und einer seiner Reflexe. Liegt ein Mensch am Boden, helfen wir ihm, sich aufzurichten, auch wenn es ihn vielleicht demütigt. Der Unterschied zwischen Not- und Entwicklungshilfe darf nicht verwischen: Wir sind uns einig, dass Entwicklungshilfe durchwegs Hilfe zur Selbstständigkeit sein sollte.

Mit einem Aufruf setzt die Glückskette eine Art Marketingmaschinerie in Gang, die für die akkreditierten Hilfswerke viel Geld wert ist. Andere Organisationen profitieren davon aber nicht. Besteht da keine Ungerechtigkeit?

Streng sind die Kriterien, nach denen ein Hilfswerk akkreditiert wird: Wer sammelt, muss dafür sorgen, dass das Geld wirklich seinem Zweck zugeführt wird. Die Prüfung, ob die Kriterien erfüllt sind, nehmen Fachleute vor, ihre Auslese scheint mir solid zu sein.

Dennoch kann man sich fragen, wieso keine Organisationen akkreditiert werden, die ausserhalb von Katastrophen im Ausland oder in der Schweiz Solidarität praktizieren.

In der Schweiz, erst recht in der Politik, ist es ja verdammt schwierig, Prioritäten zu setzen. Wo immer in unserem Land des Interessenausgleichs eine Priorität gesetzt wird, fordert jemand eine andere Prioritätensetzung. Deshalb überwiegt das Giesskannenprinzip. Es ist gut, dass die Glückskette bei ihrer angestammten Aufgabe bleibt. Es gibt ja viele Hilfswerke, die sich mit beachtlichem Fundraising-Erfolg für Entwicklungsprojekte engagieren. Entwicklungszusammenarbeit erfordert ohnehin eine längerfristige Bindung zwischen dem Geldgeber und der umsetzenden Organisation. Das ist bei der Glückskette und dem Publikum von Massenmedien nicht der Fall.

Wer im Rahmen einer Sammelaktion einen Beitrag leistet, möchte wahrscheinlich später darüber orientiert werden, wie das Geld eingesetzt worden ist. Sieht die SRG eine solche Pflicht zur Information?

Wir informieren regelmässig über die Verwendung der Gelder. Vieles ist auf der Webseite der Glückskette nachzulesen. Ähnliches gilt für «Denk an mich». Auch da wird über Erfolge und Misserfolge berichtet.

Sie denken wohl an die wöchentliche kurze Radiosendung Glückskette aktuell. Gibt es ein Pendant beim Fernsehen? Es wäre ja vom Thema her hochinteressant.

Am Fernsehen gibt es wöchentlich Mitenand – Ensemble – Insieme: Hier stehen Projekte verschiedener Hilfswerke im Brennpunkt; viermal jährlich sind es Projekte der Glückskette. Die Informations- und Rechenschaftspflicht liegt bei der Glückskette, und sie nimmt diese selbstständig wahr, auch wenn die Sender immer wieder berichten.

Die Glückskette entstand zur Zeit des SRG-Monopols. Diese Stellung ist längst relativiert, und zudem sind neuartige Medien hinzugekommen, die von den Hilfswerken auch direkt genutzt werden. Wie reagiert das System SRG-Glückskette auf diese Entwicklungen?

Würde die Glückskette heute gegründet, hiesse sie «Glücksnetz». Noch wird der weitaus grösste Teil des Spendenaufkommens über die Fernseh- und Radiokanäle aufgebracht. Aber mehr und mehr lernt die Glückskette, ihr Publikum online zu erreichen. Kein Zufall, dass die Präsidentin der Stiftung, Ladina Heimgartner, eine «digital native» ist. Wer jüngere Menschen gewinnen möchte, kommt nicht umhin, neue Formen auszuprobieren. Ein Beispiel – kein Projekt der Glückskette, aber mit ihr koordiniert – ist die Aktion «Jeder Rappen zählt». Sie überzeugt viele Jugendliche, die sonst kaum spenden würden. Auch empfehle ich, die Spenden-App herunterzuladen, welche die Glückskette entwickelt hat.

Kommt beim Einsatz solcher Mittel die Information, wie sie die herkömmlichen Medien bieten, nicht zu kurz?

Auf neuen Medien wird genauso intensiv informiert wie auf herkömmlichen, bloss auf andere Weise. Vieles, was unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle der Massenmedien liegt, kommt in digitalen Medien zur Geltung. Wie jedes neue Medium ist aber auch das Internet ambivalent. Es ist einerseits ein Forum, das Öffentlichkeit schafft, zumal wenn das Thema den herkömmlichen Medien unwichtig oder nicht attraktiv genug vorkommt. Anderseits ist das Internet ein Mittel der umfassenden Überwachung und weiterer Exzesse: Der Stammtisch wird weltöffentlich. Den recht komplexen Hilfswerken kommt das nicht unbedingt zugute.

Was ergibt sich für die Zukunft der Verbindung von Information und Solidarität?

Wer Nothilfe sagt, muss immer auch politisch denken. Es ist evident, dass die heutige Weltordnung beziehungsweise Weltunordnung menschengemachte Katastrophen begünstigt. Die Nothilfe dispensiert nicht davon, zur Neuordnung von Weltgegenden und der Globalisierung beizutragen – eine Jahrhundertaufgabe. Diese urpolitische, ureigene Aufgabe der Medien, über politische Ordnungen und Ordnungsmuster nachzudenken, ist vielleicht noch wichtiger als die Nothilfe. Aus meiner Sicht liegt darin eine elementare Aufgabe des Journalismus, wenn er sich nach wie vor als Kind der Aufklärung versteht.

Gratwanderungen

Katastrophen und Medien – Erfahrungen eines Korrespondenten während der Ebola-Krise in Liberia 2014

Von Patrik Wülser

 

 

Aus der Luft ist die Hauptstadt Monrovia leicht zu erkennen. Links der kobaltblaue Atlantik, rechts die rostigen Hütten von West Point, dem grössten Slum von Liberia. 40 000 Menschen leben hier auf engstem Raum. Es gibt keine Wasseranschlüsse, keine Toiletten. Der ideale Ort zur Ausbreitung von Krankheiten wie Typhus, Cholera oder eben Ebola.

Es war im Frühling 2014, als in Europa die ersten Bilder von Männern in Masken und Schutzanzügen auftauchten, die in Liberia Leichensäcke abtransportieren. Afrika stand vor einer neuen Krise. Zeit für einen Korrespondenten, aufzubrechen.

Angst

Auf dem Kontinent ist die Zahl der fest angestellten Journalisten internationaler Medien übersichtlich, sie bewegen sich ziemlich allein auf weiter Flur.1 Man kennt und trifft sich immer, wenn es auf dem Kontinent irgendwo brennt. Doch dieses Mal war es anders. Ebola verbreitete in den Medienhäusern Angst. Offenbar die atavistische Angst vor der unbeherrschbaren Gewalt der Natur, die grösser war als die Angst vor Kriegen, in die man Reporter jederzeit bedenkenlos hinschickt. Vielen Korrespondenten wurde eine Reise nach Westafrika untersagt. Rational betrachtet, waren diese Ängste nur teilweise nachvollziehbar. Das hochansteckende Ebola-Virus wird beim Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen. Die Krankheit ist tödlich, aber das Ansteckungsrisiko kalkulierbar, wenn man im Feld strikt den Verhaltensregeln der WHO folgt. Ein nervöser Rebell mit glasigen Augen an einer Strassensperre in Ostkongo mit dem Finger am Abzug einer AK-47 ist deutlich weniger berechenbar. Vorerst siegte die Angst, und die Berichterstattung blieb entsprechend dürftig.

Angst war auch die erste Reaktion von Liberias Regierung. Sie liess West Point, die Siedlung am Rand der Hauptstadt, kurzerhand abriegeln. Am Dienstag, dem 29. August 2014, um Mitternacht ertönte am Radio die Nationalhymne, und Staatspräsidentin Ellen Johnson Sirleaf verhängte die Quarantäne über West Point. Um 6 Uhr in der Früh wurde der Slum von Soldaten umzingelt. Alle Geschäfte blieben geschlossen. Es gab nichts mehr zu essen. Der Preis für Reis verdreifachte sich innerhalb von Tagen, und die Leute wussten nicht, wie sie überleben sollten. «Wer in dieser Nacht nicht zu Hause war, konnte nicht mehr zu seiner Familie zurückkehren», erzählte später ein Bewohner.

Genützt hat die Zwangsmassnahme wenig bis nichts. Gegen 5000 Menschen sind in Liberia bis Mitte 2015 an Ebola gestorben. Die Regierung habe falsch und nur zögerlich reagiert, sagt Fatu Oseko, der in Monrovia als Sozialarbeiter tätig ist: «Viele wollten nicht glauben, dass es diese Krankheit überhaupt gibt. Sie haben an ihren Beerdigungsritualen festgehalten, die Toten gewaschen und geküsst und so die Krankheit weiterverbreitet.»

Der Ebola-Ausbruch wurde anfänglich nicht nur zögerlich, sondern auch mit den falschen Mitteln bekämpft. Ein Prediger habe noch Wochen nach dem Ausbruch der Epidemie versucht, eine Ebola-Kranke mit einer Teufelsaustreibung zu heilen, erzählte der katholische Priester Charles Johnson. Der Prediger habe der Gemeinde erklärt, die Frau sei von Dämonen besessen, und man bete nun für sie. Während des Gebets sei die Frau auf die Knie gefallen und habe plötzlich Blut erbrochen. Das sei der Teufel, der die Frau nun verlasse, habe der Prediger erklärt. Die Frau sei jetzt geheilt. «Er umarmte die Frau und forderte die Gemeinde auf, das Gleiche zu tun.»

Eine fatale Aufforderung. Die Frau und einige der Gläubigen sind heute tot. Später verbot die Mehrheit der Glaubensgemeinschaften solche Rituale. Innerhalb von Wochen gelang es den muslimischen und christlichen Religionsführern, die Bevölkerung von der Wichtigkeit der Feuerbestattung zu überzeugen. «Aussergewöhnliche Zeiten erfordern aussergewöhnliche Schritte – das ist durchaus im Einklang mit dem Koran», erklärte Sheik Omoru Eigmara von der Muslimischen Liga Liberias im Oktober 2014. Bei der Deutung der Katastrophe vertraute man jedoch der traditionellen Auslegung des Korans. «Für uns als Muslime ist klar, dieses Übel wurde uns von Gott gesandt. Menschliches Fehlverhalten wie Lügen, Homosexualität und Korruption machen Gott zornig. Ebola ist eine Strafe Gottes.» Priester Johnson konnte seinem muslimischen Kollegen aus christlicher Sicht nur beipflichten. Ebola sei ein Zeichen für das nahende Jüngste Gericht. Jetzt würden nur noch Busse und Gebet helfen.

Schauplatz Republik Zentralafrika: als Chirurg im Einsatz

Wie jeden Morgen werden wir – eine italienische Anästhesieärztin, meine Frau, OP-Pflegefachfrau, und ich – von unserer ummauerten und rund um die Uhr beaufsichtigten Basis in einem Geländewagen ins nahe gelegene Hôpital Régional Universitaire gefahren. Ordnungsgemäss haben wir kurz nach Abfahrt über Funk der Radiozentrale gemeldet, welche Personen sich im Auto befinden. Aus Sicherheitsgründen – in der Region herrschen Bürgerkriegszustände – dürfen wir uns nicht zu Fuss fortbewegen.

In unserem heutigen Operationsprogramm sind sechs Eingriffe vorgesehen. Unser erster Patient ist ein Knabe mit bereits einmal behandelten Granatsplitterverletzungen an beiden Beinen. In Narkose werden die Verbände entfernt, die Wunden soweit nötig nachdebridiert und neu verbunden. Der kleine Patient kommt nach der Operation in den Aufwachraum, von wo er später durch unsere Träger auf einer Bahre in die Chirurgiestation zurückverlegt wird. Der zweite Fall ist ein junger Mann mit Oberschenkelschussfraktur, bei dem zehn Tage nach der Erstbehandlung bei noch offenen, nicht infizierten Schusswunden die Fraktur mit einem äusseren Spanner («fixateur externe») stabilisiert wird. Ein Röntgenbild steht uns weder für diese noch für alle anderen Knochenbruchbehandlungen zur Verfügung!

In der Zwischenzeit sind notfallmässig eine junge Frau zur Geburt mit einem Kaiserschnitt, zwei Kinder mit Abszessen und eines mit grossflächiger Verbrennung sowie ein Patient mit einem eingeklemmten Leistenbruch angemeldet worden. Wir schalten auf Notfallprogramm um und sind in der Folge bis in die Abendstunden mit diesem beschäftigt. Den vier ursprünglich noch angemeldeten Patienten und Patientinnen müssen wir klarmachen, dass sie heute nicht mehr operiert werden können. Sie werden für den kommenden Tag erneut ins Programm aufgenommen, doch es besteht keine Gewähr, dass sie dann tatsächlich auch drankommen werden! Eine für einen leidenden Patienten und auch für uns nahezu unerträgliche Situation.

Ein Einsatz in einer humanitären Katastrophensituation, wie wir sie im Spital von Berbérati angetroffen haben, ist eine riesige Herausforderung. Unabdingbar dafür sind eine langjährige und fundierte Berufserfahrung, Improvisationsfähigkeit, sichere Entscheidungskompetenz, Gelassenheit, Selbstkritik und Respekt vor den Patienten und den Mitarbeitenden mit ihren soziokulturellen Eigenheiten. Die grösste psychische Belastung war der nie endende Zustrom schwer kranker und verletzter Menschen. Trotz Herausforderung und Belastung können humanitäre Einsätze auch sehr bereichernd sein, kann man doch an Demut gewinnen und positive Impulse für die persönliche Lebensphilosophie mitnehmen.

Dr. med. Rudolf Baudenbacher, Chirurg, Médecins Sans Frontières.

Missverhältnisse

Ab Oktober 2014 setzte Liberias Regierung auf die internationale Hilfe und Disziplin, um Neuansteckungen zu vermeiden und die Seuche einzudämmen. Die Schulen wurden geschlossen, es gab eine Ausgangssperre, vor jedem Haus stand ein Kessel mit chloriertem Wasser, in dem sich Besucher die Hände desinfizierten. Am Radio wurde allen Leuten mit Symptomen empfohlen, sofort ein Lazarett aufzusuchen, um nicht zu Hause ihre Familie anzustecken. Das Problem war, dass es nicht genügend Lazarette gab. «Es gibt zurzeit weit mehr Kranke als Behandlungsplätze in Lazaretten», klagte Barbara Hide, die liberianische Gesundheitsministerin, mitten in der Krise am Rand einer Sitzung in einem Hotel in Monrovia. Während des Gesprächs mit der Ministerin lief im Hintergrund ein Fernseher. Der amerikanische Nachrichtensender CNN berichte live über die Ebola-Krise, deren Ausläufer mittlerweile auch Europa erreicht hatten. Eine Krankenschwester hatte sich bei der Pflege eines infizierten Priesters angesteckt. Die spanischen Behörden hatten verfügt, dass der Hund der erkrankten Krankenschwester getötet werden sollte. Eine Massnahme, die zu Strassenprotesten von Tierschützern führte. Die Gesundheitsministerin schüttelte dabei nur den Kopf. «Hier in Afrika brennt das Haus, und Europa macht sich Sorgen um einen Hund.»

Wie heftig das Feuer im Herbst 2014 in Liberia brannte, illustrierten die Zahlen auf ihrem Notizblock. In wenigen Wochen waren in Liberia allein 150 Pflegerinnen, Pfleger und Ärzte an Ebola gestorben.

Auf der Fahrt durch die Hauptstadt sah man Lastwagen mit weissen Leichensäcken auf der Ladebrücke. Ebola-Tote, die unter Polizeischutz zu improvisierten Krematorien gefahren wurden. Am Autoradio beschwor derweil Liberias Innenminister die Bevölkerung wie ein Erweckungsprediger, Ruhe zu bewahren. «So traurig die Situation ist, alles kommt gut, die Regierung tut alles, dass kein einziger Liberianer mehr stirbt, alle nötigen Massnahmen sind bereits getroffen.» Am Strassenrand war eine Ambulanz ohne Räder zu sehen, und das staatliche Radio dankte in den Nachrichten wortreich einem Bürger, der dem Sender 1000 Liter Diesel geschenkt hatte. Der Stromgenerator und damit der Sendebetrieb könne damit mindestens für weitere 14 Tage aufrechterhalten werden.

Vor zehn Jahren war in Liberia ein Bürgerkrieg zu Ende gegangen, der 200 000 Menschenleben gefordert hatte. Schlimm sei der Krieg gewesen, aber berechenbarer als Ebola, sagten viele Liberianer, vor Kugeln könne man in Deckung gehen. Angst und Panik haben das Land für viele Monate gelähmt. Kinder fragten ihre Eltern, weshalb Ebola ausgerechnet nach Liberia gekommen sei. Und weshalb sie von ihren Eltern nicht mehr berührt würden. Sie waren verwirrt und erschüttert wie die Erwachsenen. Aus Angst vor dem Virus besuchten die Menschen ihre Verwandten und Freunde nicht mehr. Überlebende wurden ausgestossen, ganze Quartiere gemieden. Die Seuche machte die Liberianer zu einem Volk der Unberührbaren. Auf einer Mauer in West Point steht noch heute in grossen Buchstaben: «Wir sind keine Viren, sondern Menschen.»

Heikle Zusammenarbeit mit Hilfswerken

Sich auf den Weg zu machen, gehört zum Alltag eines Afrikakorrespondenten. Von seinem Schreibtisch aus in Nairobi berichtet er über 47 Länder2 mit 800 Millionen Einwohnern, 1000 Sprachen und mindestens so vielen Realitäten und Wahrheiten. Ein Journalist ist deshalb ziemlich häufig unterwegs zu Schauplätzen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die wahren Geschichten spielen nicht in den Fünfsternehotels der Hauptstädte. Sie finden in den Regenwäldern der Zentralafrikanischen Republik statt, in den Halbwüsten Somalias oder eben in den Slums von Monrovia. Dorthin kommt man nicht ohne Unterstützung. Um ein Visum zu bekommen, braucht es häufig eine Einladung einer lokalen Organisation. Mitten im Chaos gibt es weder öffentliche Verkehrsmittel noch Hotels. Man ist auf Fahrzeuge, Fahrer, Gefahrenanalysen und Kontakte von Diplomaten, UN-Organisationen oder eben Hilfswerken angewiesen.

Im Fall von Liberia schloss die Regierung die Grenzen. Abgesehen von der erschwerten Einreise war aus der Ferne nicht abschätzbar, wie man sich im Land bewegen kann und wie gross die Gefahr einer Ansteckung durch Ebola war. Der Autor wandte sich deshalb an das Kinderhilfswerk Unicef, das in Monrovia verschiedene Hilfsprojekte leitet. Die Organisation half dem Korrespondenten bei der Bewältigung der administrativen Hürden, öffnete Türen und vermittelte Kontakte zu Opfern, Helfern, Geistlichen, Politikern und Ministerien. Als Gegenleistung kam in einem der Beiträge ein Unicef-Experte vor Ort zu Wort. Wie und was berichtet wurde, lag im publizistischen Ermessen des Journalisten.

Nicht alle Hilfswerke respektieren die journalistische Unabhängigkeit so problemlos wie Unicef. Wenn die Berichterstattung kritisch ausfällt, kann das Enttäuschungen auslösen. «Jetzt haben wir so viel für Sie getan – und nun diese kritische Berichterstattung!» Man verbringt gemeinsam – oftmals unter erschwerten Bedingungen – mehrere Tage zusammen. Kritische Distanz zu seinen Gastgebern zu wahren, ist dabei nicht immer einfach. Das schlimmste «Vergehen»: die Helfer am Ende einer Reise gar nicht zu erwähnen oder gar auf eine Berichterstattung zu verzichten. Wenn ein Hilfsprojekt gar nicht funktioniert oder nicht überzeugt, ist es zwar gelegentlich der richtige Entscheid, nicht darüber zu berichten, doch nur wenige Medien können sich einen fest angestellten Afrikakorrespondenten leisten, der schlimmstenfalls am Ende einer Reise nichts abliefert.

Reportagen aus Afrika sind immer mit kostspieligen Reisen verbunden. Gerade freie Journalisten, die oft schlecht bezahlt sind, sind auf den guten Willen von Hilfswerken angewiesen. Bereitwillig stellen diese nicht selten auch Übersetzer und Fahrzeuge zur Verfügung und helfen beim Beschaffen von Bewilligungen bei den lokalen Behörden. Dass diese netten Gesten an Bedingungen geknüpft sind, erlebte auch Kurt Pelda, der frühere Afrikakorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, immer wieder. «Wer sich nicht an die ungeschriebenen Abmachungen hält oder es gar wagt, Negatives zu erwähnen, bekommt das schnell zu spüren. Kritik können sich deshalb oft nur noch die finanziell abgesicherten und damit unabhängigen Korrespondenten der Leitmedien leisten. Doch auch dies kann seinen Preis haben: Der Ehefrau des NZZ-Korrespondenten in Nairobi wurde von ihrem ehemaligen Arbeitgeber – einem Schweizer Hilfswerk – einmal mit Konsequenzen gedroht, falls der Journalist ein bestimmtes Projekt der Organisation in ein schlechtes Licht stellen sollte.»3

Es lohnt sich deshalb, genau zu prüfen, auf wen man sich einlässt. Es ist ratsam, Reise- und Übernachtungskosten konsequent selbst zu übernehmen (für SRF-Journalisten ist das zwingend) und im Voraus klare Abmachungen zu treffen, um sich so seine publizistische Unabhängigkeit zu wahren (inklusive der Möglichkeit, sich einige Tage vom offiziellen Programm absetzen zu können). Je grösser die Institution ist, desto professioneller ist oft der Umgang mit Journalisten. Aber selbst mit einer UN-Organisation ist eine solche Zusammenarbeit eine Gratwanderung. Man gibt einen Teil seiner Bewegungsfreiheit auf. Plötzlich sitzt man eingebettet mit Unicef-Funktionären in einem Geländefahrzeug irgendwo im Regenwald Liberias und folgt fremden Regeln. Man spricht mit Protagonisten, die ausgesucht wurden. Man bekommt einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit vermittelt. Der Reporter muss sich dessen bewusst sein. Aber ganz ohne solche Hilfe wären wichtige Begegnungen oft nicht möglich. Im Fall des Joint Venture mit Unicef in Liberia führte die Fahrt nach Kakatka.

Esther

Kakatka ist ein kleines Dorf ausserhalb der Hauptstadt Monrovia. Unter einem Mangobaum sitzt ein Mädchen. Die Vögel auf den Ästen machen einen Heidenlärm. Nur das Mädchen ist still. Es schaut ins Leere. Auf seinem hellblauen T-Shirt steht: «Superman rettet alle Mädchen der Welt.» Eines Nachts sind Männer gekommen. Sie packten seine Eltern in weissen Plastic und transportierten sie weg. Esthers Eltern waren an Ebola gestorben. Seit jener Nacht spricht Esther kein Wort mehr. Im Waisenhaus von Kakatka wird sie von der Sozialarbeiterin Femata Mduno betreut. «Die erste Nacht bei uns hat Esther nur geschrien. Sie wollte wissen, wo ihre Mutter und ihr Vater sind. Ich versprach Esther, dass wir neue Eltern finden werden.» Aber Esther will keine neuen Eltern, sie will zurück zu ihrer Mutter und ihrem Vater. Pflegeeltern zu finden, ist nicht einfach in einem Land voller Waisen. Später dankte Esther dem lieben Gott, dass sie nicht in den weissen Plasticsäcken landete, und verstummte.

Die weissen Plasticsäcke wurden zur Chiffre des Schreckens für eine ganze Gesellschaft. Wenn jemand gestorben war, wählte man die Nummer 4455. Dann kamen die Männer in den Schutzanzügen und entsorgten die hochansteckenden Leichen. Die Sozialarbeiterin bekommt jedes Mal Angst, wenn sie auftauchen. «Sie holen unsere Brüder, Schwestern und Freunde. Sie verpacken sie und werfen sie auf einen Lastwagen. Und immer wenn ich die Männer sehe, denke ich: Eines Tages werden die auch mich abholen.» Gegen 5000-mal sind die «Bestatter» in Liberia ausgerückt und haben Verwandte, Freunde und Nachbarn geholt. Zurück bleiben verzweifelte Familien und Waisen wie Esther. Auf offenen Lastwagen werden die Leichen zu Verbrennungsstellen gefahren.

«Ebola hat unsere Traditionen völlig verändert. Wir geben einander nicht mehr die Hand. Wir umarmen einander nicht mehr. In der Kirche hält jeder Abstand zu anderen aus Angst vor einer Ansteckung. Eltern berühren ihre Kinder nicht mehr. Aber wie können sie ein Kind, das hingefallen ist, trösten, ohne es zu berühren», erzählt Femata Mduno. Die 52-jährige Sozialarbeiterin ist Mutter von fünf Kindern und sieht aus wie 70. Sie hat bereits den Bürgerkrieg in Liberia überlebt. Ebola sei schlimmer, sagt sie, eines Morgens sei man todkrank und wisse nicht weshalb. «Wenn wir während des Kriegs Schüsse hörten, war klar, wir mussten das Dorf verlassen und fliehen. Während des Bürgerkriegs floh ich in die Wälder und kehrte nach dem Krieg zurück. Aber heute getraut man sich ja nicht, einen Bus zu besteigen.» Ebola war schlimmer als Krieg. Eine Seuche hört man nicht, man ist verdammt zu bleiben, bis sie da ist.

Was aus Esther nach unserem Besuch wurde, ist unklar. Ein Jahr nach der Krise hat das Unicef-Büro in Monrovia ihre Spur verloren.4

Die Begegnung mit Esther bewegte nicht nur den Autor, sondern auch viele Hörerinnen und Hörer. Nach der Ausstrahlung des Beitrags5 füllte sich sein Postfach in Nairobi. Viele Leute erkundigten sich, wie man Esther helfen könnte. Einige schickten sogar Geld. Einzelschicksale rühren die Herzen, das wissen auch die Hilfsorganisationen. Das Kinderhilfswerk setzt den Effekt bewusst ein, sei sich der Zwiespältigkeit aber durchaus bewusst, meint Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von Unicef Schweiz. «Wir wollen nachhaltige und systemische Hilfe für alle Kinder unterstützen und nicht einem Einzelschicksal nachjagen.» Nur sind solche systemischen Zusammenhänge oft komplex und entsprechend schwierig zu vermitteln. Und so balancieren eben auch Hilfswerke oft zwischen Information und Emotionalität. Denn ohne Betroffenheit, ohne ein Gefühl der Solidarität seien kaum Spenden zu sammeln, sagt Elsbeth Müller. Die Situation in Syrien und den benachbarten Ländern sei ein Beispiel dafür, erklärt sie. «Ein Konflikt, der ins fünfte Jahr geht. Eine traumatisierte Gesellschaft, ein Bildungssystem, das kaum mehr funktioniert. Hunderttausende von Flüchtlingen, aufgenommen von den Nachbarländern, sind dringend auf Hilfe angewiesen. Die Spendenbereitschaft in der Schweiz ist jedoch verglichen mit anderen Krisen gering. Denn politische Krisen haben es schwer, obwohl die Bevölkerung genauso leidet.»

Schauplatz Kongo: eine vergessene Katastrophe?

Es fährt schon lange kein Zug mehr durch den Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Einzig die von Pflanzen überwucherten Geleise erinnern noch an eine andere Zeit. Per Motorrad folgen wir der Eisenbahnlinie durch den Dschungel. Der holprige Weg führt vorbei an riesigen Bambusgebilden, die aussehen wie ineinander verworrene Mikadostäbchen. Unterwegs zeigt sich meinem vierköpfigen Team immer wieder dasselbe Bild: kleine Lehmsiedlungen, Frauen mit Körben auf den Köpfen und Babys am Rücken, Männer mit schwer beladenen Fahrrädern, auf dem Weg ins Nirgendwo. Das Leben spielt sich draussen ab: Es werden Körbe geflochten, Getreide gestampft, Kleider gewaschen. Halbnackte Kinder winken uns zu, Schweine grunzen im Schlamm, und die Hühner entfliehen gackernd unseren Reifen.

Es ist Regenzeit, die Vegetation ist üppig, die Luft feuchtheiss. Immer wieder müssen wir absteigen, um überflutete Wegstrecken zu umgehen und Flüsse auf niedergelegten Baumstämmen zu überqueren. Nach zwei Stunden erreichen wir das Gesundheitszentrum von Koteli. Eine Menschenschlange wartet vor dem kleinen Lehmgebäude. Frauen mit Kindern warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Im Schatten eines Mangobaums haben wir eine Wasserstation eingerichtet, um die wartenden Patienten vor einer Austrocknung zu bewahren. Bis zu 10 Kilometer haben sie zu Fuss zurückgelegt. Die Diagnose lautet immer gleich: Masern.

Die Lage hat sich verschärft, erklärt mir der verantwortliche Krankenpfleger. Über 100 neue Patienten kommen täglich ins Zentrum, sie kommen von weit her, die Epidemie hat nun auch die benachbarte Region erfasst. Während ich ihm die Kartons mit Medikamenten für die einfachen Masernfälle übergebe, triagieren meine kongolesischen Begleiter draussen die wartenden Patienten. Drei von ihnen brauchen intensive medizinische Betreuung, sie haben Atemnot und sind stark mangelernährt. Wir packen sie mit ihren Müttern auf unsere Motorrad-Ambulanzen und fahren sie in unser Zeltspital.

Jede Woche besuchen wir die 18 Gesundheitszentren von Buta. Nebst der Medikamentenlieferung führen wir Schulungen fürs Gesundheitspersonal durch und sensibilisieren die Bevölkerung für die Masernepidemie. Tausende Kinder sind schon daran gestorben. Tausenden konnten wir bereits helfen. Der Nordosten der Demokratischen Republik Kongo gehört zu den isoliertesten Regionen der Welt. Selbst die Medien berichten kaum über diesen desolaten Teil von Afrika. Doch die Menschen sind uns unendlich dankbar, dass wir sie nicht vergessen haben.

Irene Mazza, Pflegefachfrau und Gesundheitspromotorin,

Médecins Sans Frontières.

Unbeachtete Krisen – unbeachtete Erfolge

Die Zentralafrikanische Republik ist nach dem Bürgerkrieg Ende 2013 bald wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Ein fragiler Staat, keine politische Führung, verschiedene Rebellengruppen, unterschiedliche Interessenlagen, Versäumnisse der Weltgemeinschaft, Verrohung, Gewalt und Diskriminierung. Die Frauen und Mädchen sind die grossen Leidtragenden. Darüber wird nicht in der gleichen Intensität berichtet. Als weiteres Beispiel einer vergessenen Krise nennt Elsbeth Müller Äthiopien. «Ein Land der grossen Hungerkrisen in den vergangenen Jahrzehnten. 2012 konnte die Krise rechtzeitig antizipiert werden, die Hungerbilder blieben aus – ein grosser Erfolg gemeinsamer Anstrengungen der Regierung, der Weltgemeinschaft und der Hilfswerke. Die dringend nötigen Mittel zur Sicherstellung dieses Erfolgs fliessen spärlich, weil dieser Erfolg nicht von den Medien aufgenommen wurde und weil Erfolg keine Solidarität verlangt.»

Trotz Globalisierung und unzähliger Medienkanäle bleiben viele Krisen in Afrika abstrakt. Dürren, Cholera-Epidemien, Rebellenkriege – wir haben uns an solche Meldungen gewöhnt. Es sind Bilder und Reportagen von leidenden Frauen und Kindern, die Aufmerksamkeit wecken. Begleitet durch entsprechende Massnahmen, könnten solche Berichterstattungen den Spendenfluss erleichtern, meint die Unicef-Geschäftsführerin. Jedoch nur, wenn das Thema eine Aktualität besitze. «Esther ermöglichte es uns, die Kinder ins Zentrum zu rücken. Esther wurde zum Inbegriff einer enormen gesellschaftlichen Belastung, die auf den Schultern der Kinder abgeladen wurde, denen man aber keinen Platz in der Ebola-Krise einräumte. Mit der Berichterstattung über Esther wurde nachvollziehbar, was es heisst, 21 Tage in Quarantäne zu leben, ausgestossen zu werden, isoliert zu sein. Es ist, als wäre die Ebola-Krise in Esthers Kinderkosmos verständlich geworden. Dies hat, verbunden mit unseren Massnahmen, den Spendenfluss erhöht. Wir konnten die Spenderinnen und Spender auf den Bericht aufmerksam machen. Dieser schuf eine Unabhängigkeit, aber auch eine Emotionalität, die sich in eine Handlung umsetzte – eben in Spenden. Dank diesem Beitrag konnten wir unsere Finanzierung für die Betreuung von Ebola-betroffenen Kindern verstärken.»

Ohne Schlagzeilen keine Spenden

Helfen ist längst nicht mehr eine diskrete philanthropische Beschäftigung von Missionsgesellschaften und Wohltätigkeitsvereinen. In Afrika entwickelte sich in den vergangenen 30 Jahren eine regelrechte Hilfsindustrie. Allein in Kenia sind laut dem nationalen NGO Coordination Board in Nairobi 5000 Nichtregierungsorganisationen (NGO) registriert. Schätzungen gehen dahin, dass auf dem Kontinent eine halbe Million Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von staatlichen und privaten Organisationen Hilfe organisieren, verwalten und verteilen.6 Dies wird anschaulich, wenn man in Krisengebieten wie im Südsudan ankommt.

Auf dem Rollfeld in Juba fallen einem als Erstes die riesigen Transportflugzeuge des Uno-Welternährungsprogramms, des Roten Kreuzes, von USAID und Médecins Sans Frontières auf. Juba wurde 2011 die jüngste Hauptstadt der Welt. Mittlerweile hat sich Juba zur Welthauptstadt der Hilfsindustrie verwandelt. 200 staatliche, kirchliche und private Entwicklungsorganisationen halten das jüngste Kind der globalen Staatengemeinschaft am Leben. Das Land ist immer noch eine Kriegszone. Die Wirtschaft liegt am Boden. Tausende von intern Vertriebenen leben einige Kilometer westlich vom Ufer des Nils entfernt in Zeltbauten des Uno-Flüchtlingslagers.

An den Schauplätzen des Elends stehen sich in Afrika Hilfsorganisationen oft auf den Füssen herum und konkurrieren sich entsprechend. Gutes tun und darüber reden reicht nicht mehr, um auf dem Markt überleben zu können. Man muss sich ins mediale Scheinwerferlicht rücken, wenn die karitative Tätigkeit im Rest der Welt Beachtung finden soll. Journalisten werden deshalb von Hilfsorganisationen immer wieder zu Projektbesuchen ins Feld eingeladen. «We are always keen to communicate the good work we do in Africa and to broaden people’s understanding of African problems, therefore I thought it might be worth making contact with you for mutual benefit.» Dies schreibt eine humanitäre Organisation aus den USA dem Korrespondenten. Regelmässig werden dabei regelrechte Pauschalangebote unterbreitet: «Die Reise wird Ihnen ermöglichen, ausgewogene und unabhängige Informationen aus erster Hand zu recherchieren. Der Flug nach Dar es Salaam und Reise- und Unterkunftskosten können durch uns übernommen werden.» Das offeriert die Schweizer Stiftung Biovision, die sich in Afrika für nachhaltige Landwirtschaft engagiert.

Eine lobende Erwähnung während einer Krise bietet die Chance, die Bilanz für die nächsten Monate oder gar Jahre auszugleichen.

Im Kampf um Geld und Imagegewinn zählt jede Sendeminute. Es ist deshalb kein Zufall, dass viele Hilfsorganisationen mit Medienhäusern kooperieren. Andere wiederum engagieren Berühmtheiten aus der Unterhaltungsbranche, die gut aussehen und nebenbei einer guten Sache dienen, um die Resonanz in den Medien zu steigern. «Wenn Sie einmal vergleichen, wie viel Zeit die Leute für Nachrichten aus dem Ausland im Verhältnis zu Unterhaltung aufbringen, verstehen Sie rasch, dass es viel mehr Aufmerksamkeit bringt, wenn sich ein prominenter Sänger oder eine Schauspielerin für mangelernährte Kinder in Afrika engagiert, als wenn ein Journalist komplizierte Berichte schreibt», erklärte kürzlich ein Kampagnenleiter einer Hilfsorganisation dem Autor in Nairobi.

Längst sind es nicht nur internationale Stars wie Angelina Jolie, Brad Pitt oder Madonna, die sich als Sonderbotschafter für Kinder und Klima, gegen Kriege und Krankheiten engagieren. Der Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher ist seit einigen Jahren «Botschafter der Unicef Schweiz» und DJ Bobo «UN-Botschafter gegen den Hunger». Wenn sie zu den Ärmsten nach Afrika reisen, wird daraus automatisch ein Medienereignis. 2012 hat beispielsweise die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) zu einer humanitären Visite von DJ Bobo nach Äthiopien eingeladen. Zusammen mit dem damaligen Deza-Direktor Martin Dahinden und ausgewählten Journalisten besuchte der Sänger eine Schule im Süden des Landes, wo laut Welternährungsprogramm (WFP) gegen vier Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind.7 Der mitgereiste Fotograf machte Bilder davon, wie der Sänger aus der Schweiz übrig gebliebene T-Shirts seiner letzten «Fantasy»-Tournee verteilte, mit den Kindern Fussball spielte und den täglichen Hirsebrei degustierte. Nach zwei Stunden war der Auftritt genügend dokumentiert. Die Reisegesellschaft stieg wieder in die Geländewagen und reiste zum Debriefing ins Fünfsternehotel der nächsten Grossstadt. «Ich habe genügend Glück, um es zu teilen. Und mache das am liebsten da, wo es an allem fehlt», zitierte die Schweizer Illustrierte eine Woche später den «DJ der Herzen».8

Der Feldbesuch hat das Publikum sicher gerührt und vielleicht sogar seine Geldbeutel geöffnet, trotzdem bleiben Fragen. Abseits der schlagzeilenträchtigen Normalrouten des Elends sind diese Sonderbotschafter nämlich in Afrika selten anzutreffen. Untersuchungen stellen den Wert solchen Engagements infrage. Eine britische Studie kommt zum Ergebnis, dass die Popularität der Stars der vertretenen Sache meist nur wenig hilft. «Die Fähigkeit von Berühmtheiten, Menschen zu erreichen», sei insbesondere bei internationalen Anliegen «generell wenig effektiv». Umgekehrt diene der Einsatz aber eindeutig der eigenen Imagepflege.9

Diese Mechanismen hat man in Afrika übrigens längst durchschaut. Seit einiger Zeit nimmt eine kenianische Comedy-Serie private Hilfsorganisationen aufs Korn. Sie spielt im wuchernden Biotop sogenannter Nichtregierungsorganisationen. Im Zentrum der Handlung steht das kenianische Büro einer ausländischen NGO, die sich «Aid for Aid» nennt und gemäss dem Werbemotto der Serie «nichts tut».10

Der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina publizierte bereits vor Jahren eine satirische Anleitung für weisse Journalisten, «how to write about Africa». Kalaschnikows, Kinder mit abstehenden Rippen, die von Fliegen übersät sind, und eine hungernde Afrikanerin, die halbnackt durchs Flüchtlingslager irrt und auf die Güte des Westens wartet, dürften in einer guten Reportage über Afrika nie, wirklich nie, fehlen, schreibt Wainaina: «These characters should buzz around your main hero, making him look good. Your hero can teach them, bathe them, feed them; he carries lots of babies and has seen Death. Your hero is you (if reportage), or a beautiful, tragic international celebrity/aristocrat who now cares for animals (if fiction). And remember, any work you submit in which people look filthy and miserable will be referred to as the ‹real Africa›, and you want that on your dust jacket. Do not feel queasy about this: you are trying to help them to get aid from the West.» 11

Schauplatz Sierra Leone: Ebola

Mitte August 2014 erreichte den Nothilfepool des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) die dringende Anfrage, für Sierra Leone ein Spital für Ebola-Patienten aufzubauen und zu betreiben. Die Epidemie in Westafrika drohte ausser Kontrolle zu geraten, es fehlte an allem. Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften hatte noch nie ein solches Spital aufgebaut, und wir konnten auf keine erfahrenen Helfer zurückgreifen. In dieser frühen Phase war ich die einzige Pflegefachfrau des SRK-Nothilfepools, die zu einem vierwöchigen Einsatz in einem Ebola-Spital bereit war. Mein Mann und meine vier Kinder sahen die Notlage und vertrauten darauf, dass ich jede erdenkliche Schutzmassnahme treffen würde. Zum Beispiel schnitt ich mir die Haare kurz, um die Gefahr eines Hitzestaus im Schutzanzug zu verringern.

Vor Ort hatten wir anfänglich viele Schwierigkeiten zu bewältigen. Zwingend benötigtes Material konnte nicht geliefert werden, weil die Flugbewegungen nach Sierra Leone stark eingeschränkt waren. Es waren nicht genügend Schutzbrillen vorhanden. Die richtige Qualität der Handschuhe fehlte. Aus Angst vor der Ansteckung mit Ebola duldete die Bevölkerung von Kenema kein Zeltspital neben dem öffentlichen Spital. Alle ausländischen Helferinnen und Helfer hatten zwar ein technisches Training absolviert, aber niemand hatte je zuvor Ebola-Patienten gepflegt.

Nach rund zwei Wochen war es so weit, und wir konnten im September 2014 das Ebola-Behandlungszentrum in Kenema eröffnen. Nie werde ich den Stolz, die Erleichterung und gleichzeitig die Aufregung vergessen, als wir endlich unsere allerersten Ebola-Patienten aufnehmen und pflegen konnten. Ein junger Mann Mitte 20 und ein elfjähriges Mädchen waren meine ersten Patienten. Das Mädchen konnten wir auf wackeligen Beinen zu seinem Bett führen. Der junge Mann war nicht mehr ansprechbar. Wir kümmerten uns um ihn, kühlten seine heisse Stirne und benetzten seine Lippen. Das war alles, was wir für ihn tun konnten. Er erwachte nicht mehr und starb noch in der Nacht. Wir kannten weder seinen Namen noch seine Angehörigen.

Meine sierra-leonischen Kolleginnen und Kollegen haben mich am meisten beeindruckt. Einige von ihnen arbeiteten ohne Einverständnis ihrer Familien im Spital, und es wurde ihnen sogar verboten, nach Hause zurückzukehren. Doch sie waren überzeugt, dass ihr Land ohne ihren Einsatz gegen diese Epidemie chancenlos wäre. Sie waren grossen Ängsten und der Gefahr der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt. Sie vertrauten auf uns, die fremden Helfer, dass sie und wir bei korrekter Arbeitstechnik nicht erkranken würden. Die Verfolgung der gleichen Ziele und unsere Rotkreuz-Grundsätze verbanden uns. Gemeinsam konnten wir die schwierige Herausforderung meistern. Übrigens: Das elfjährige Mädchen, meine erste Patientin, konnte das Spital später geheilt verlassen.

Sabine Hediger, Pflegefachfrau und Hebamme, Schweizerisches Rotes Kreuz. Sie wurde für ihren Einsatz mit dem Swiss Award 2014, Kategorie Gesellschaft, ausgezeichnet.

Der mediale Wanderzirkus

Die Marktmechanismen im Mediengeschäft sind hinlänglich bekannt: Mit Katastrophen und der Not der Menschen lassen sich Schlagzeilen machen und damit Auflagen, Einschaltquoten und «click quotes» von Onlinemedien steigern. Deshalb muss ein Korrespondent in Afrika vor allem eines gut können: über Krisen berichten. Ob Flüchtlingsströme, Hungersnöte, Terroranschläge oder Massenvergewaltigungen – wenn die Zahl der Opfer und der Schrecken gross genug sind, scheuen viele Medienunternehmen keinen Aufwand, um einen Reporter loszuschicken. Der Entschluss dazu folgt oft niederen Reflexen: Man geht, weil es alle anderen auch tun. Die Blattmacher und Senderedaktoren in der Zentrale werden nervös, wenn am Fernsehen Bilder einer aktuellen Krise zu sehen sind und der Korrespondent die Nachrichtenlage in seinem Büro in Addis Abeba, Nairobi oder Johannesburg verfolgt.

Viele Medienhäuser schicken während Krisen «Fallschirmjournalisten» los. Sie fliegen direkt aus der Heimat ein. Sie lesen im Flugzeug ein Landesprofil und sind wenige Minuten nach der Landung bereits auf Sendung. Nicht Zusammenhänge sind gefragt, sondern das pralle Elend. Das lässt sich am besten anhand von Einzelschicksalen tun, deren ganzes Elend exemplarisch aufgezeigt werden kann. Was von einem Reporter an einem Krisenschauplatz dann erwartet wird, schilderte der erfahrene Afrikakorrespondent des Tages-Anzeigers, Johannes Dietrich, vor einigen Jahren drastisch am Beispiel der Dürrekatastrophe in Ostafrika im Sommer 2011. Hunderttausende von somalischen Flüchtlingen waren damals auf strapaziösen Wegen nach Kenia geflohen. «Als Protagonistin dieses Elends wäre eine Mutter ideal, deren Ehemann von den islamistischen Al-Shabaab-Milizen enthauptet wurde, die auf ihrem siebentägigen Fussmarsch eines ihrer erschöpften Kinder am Wegrand liegen lassen musste, kurz vor der Kenianischen Grenze von Banditen vergewaltigt wurde und nun mit ihren verbliebenen, bis auf die Knochen abgemagerten Kindern im Staub vor dem Aufnahmelager sitzt und weint. Das klingt zynisch, ist es aber nicht. Denn natürlich wird ein an drastischen Elementen möglichst reicher Text nicht nur dem Verfasser mehr Ruhm einbringen: Er wird auch mehr Betroffenheit bei den Lesern erzeugen und damit mehr Spenden für die im Sand sitzende Witwe generieren.»12

Der Autor war im Sommer 2011 während der grossen Dürre in Ostafrika ebenfalls im weltgrössten Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias. In einem Zelt lagen gegen 50 Frauen mit ihren ausgehungerten Kindern. Die meisten waren bereits zu schwach, um überhaupt noch schreien oder weinen zu können. Ein Arzt meinte, dass nur ein Teil von ihnen die Nacht überleben werde. Mitten in dieser Tragödie berichtete ein Kollege von CNN seinem Publikum live die Neuigkeit, dass er hier mitten zwischen sterbenden Kindern stehe. Für Gespräche mit den Menschen blieb keine Zeit. Der Kollege war in Eile. Sein Flugzeug wartete bereits auf dem nahen «airstrip». Die Zentrale hatte ihm per Satellitentelefon bereits eine neue Order erteilt. Er musste weiter, nach Kongo.

Gestern im belagerten Timbuktu, heute bei den somalischen Flüchtlingen in Dadaab, morgen bei einem Grubenunglück in Kongo. Immer mitten im Elend und voll im Scheinwerferlicht. Das Resultat ist meistens wenig erhellend, aber das dürfe einen auch nicht wundern, bilanziert Horand Knaup, der für den Spiegel viele Jahre aus Afrika berichtet hat. «Fundierte Beiträge sind bei solchen Berichterstattern nicht die Regel, werden von ihren Arbeitgebern auch nicht erwartet. Entsandt werden sie nicht, um Zusammenhänge und Hintergründe zu erläutern, sondern in erster Linie, um die zutiefst menschliche Neugier des Publikums zu befriedigen. Dieser Aufgabe allerdings, man muss es konstatieren, werden sie zumeist gerecht.»13

Auf der Strecke bleiben bei dieser Art von Berichterstattung die Zusammenhänge. Journalisten werden dabei nicht nur zu Lieferanten der Voyeure, sondern ebenso zu Propagandisten der Hilfswerke und distanzlosen Bewirtschaftern der öffentlichen Betroffenheit. Auf der Strecke bleiben oft der Anstand und gelegentlich auch die Wahrheit. Wer Afrika nur noch als «Herz der Finsternis» wahrnimmt, wird dem Kontinent nicht gerecht. Es würde uns befremden, wenn ein afrikanischer Korrespondent in Europa nur über ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer, Neonazis in Deutschland, Mafiamorde auf Sizilien und versteckte Schwarzgelder auf Schweizer Banken berichten würde.

Diese Art von Berichterstattung hinterlässt auch Spuren bei deren Machern. Man trifft sich regelmässig auf Flughäfen von Krisengebieten, die gerade Schlagzeilen machen. Man kennt sich. Viele geben sich abgebrüht. Die meisten sind aber längst nicht mehr cool, sondern nur noch kalt.

Nach gut einer Woche läuft die Foreign Press Accreditation des Ministry of Information, Cultural Affairs and Tourism für einen Korrespondenten üblicherweise ab. Noch während der Ebola-Krise geriet im November 2014 Burkina Faso in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Zeit für einen Korrespondenten, aufzubrechen. «Bon voyage» steht auf der gelben Sammelbüchse für die Blinden auf dem Weg zum Flugfeld in Liberia.

Die Katastrophe ist vorbei – nicht aber die Krise

Zurück nach Westafrika. Die Ebola-Epidemie scheint heute vorüber zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Médecins Sans Frontières (MSF) ziehen öffentlich Bilanz: Wie konnte das passieren? Wie lassen sich neue Katastrophen verhindern? Rückblickend wird klar, dass die Welt Liberia, Guinea und Sierra Leone mit der anschwellenden Gesundheitskatastrophe lange alleine gelassen hat. Bereits im Juni 2014 hatte die Ärzteorganisation gewarnt, dass die Lage in Westafrika ausser Kontrolle sei, im August bestätigte die WHO diesen Befund, im September kamen dann endlich erste Absichtserklärungen zur Hilfe von verschiedenen europäischen Regierungen. «Bei jeder dieser Stationen hatte sich die Zahl der Infizierten wieder verdreifacht», sagte Tankred Stöbe, Arzt und Präsident der deutschen Sektion von MSF, im April 2015 an einer Pressekonferenz in Berlin. Ebola sei ein Beweis dafür, wie schlecht wir trotz aller Globalisierung aufgestellt seien und wie spät die Weltgemeinschaft auf solche Katastrophen reagiere. Besonders peinlich für die reichen Industrieländer: Von dort aus lief die Hilfe erst richtig an, als vereinzelte Ebola-Fälle in Europa die Angst schürten, die tödliche Krankheit könnte sich auch jenseits von Afrika ausbreiten.

Gegen 12 000 Tote hat die Ebola-Epidemie in Westafrika vermutlich gefordert. Kaum jemand erkannte die Gefahr frühzeitig. Niemand war ihr gewachsen, und niemand wollte ihr zu nahe kommen. Die Katastrophe kam jedoch nicht überraschend. Es war nicht der erste Ebola-Ausbruch, und der Erreger verhielt sich wie im Lehrbuch: Er war nicht ansteckender als früher, aber in Afrika fällt er auf fruchtbaren Boden. Nämlich in Staaten, die von Bürgerkriegen und Korruption so geschwächt sind, dass ihre Gesundheitssysteme längst kollabiert seien, erklärte Walter Nawengale in einem Gespräch mit dem Schweizer Radio.14 Er ist Chirurg und seit dem Ende des Bürgerkriegs Gesundheitsminister von Liberia: «Nach dem Bürgerkrieg in Liberia waren alle Spitäler im Land entweder komplett zerstört oder vollständig geplündert. Es gab keinen Ort mehr, wo Patienten überhaupt behandelt oder gar operiert werden konnten. Im ganzen Land gab es noch 50 Ärzte. Vor dem Ebola-Ausbruch waren es etwa 170. Es gab praktisch keine Krankenschwestern mehr, und die wenigen, die es gab, arbeiteten in den grossen Städten, ausserhalb der Hauptstadt Monrovia war das Gesundheitswesen total zusammengebrochen.»

Die Schweiz ist halb so gross wie Liberia, verfügt aber über 100-mal so viele Ärzte wie das westafrikanische Land. Nebst Personal fehlt es Liberia an Geld: 2 Millionen Franken betrug das Jahresbudget des liberianischen Gesundheitswesens 2012.15 In vielen Dörfern im Osten des Landes ist das nächste Buschspital zwei bis drei Tagesmärsche entfernt. Dort treffen die Patienten oftmals nicht auf einen Arzt, sondern auf eine angelernte Krankenschwester. Schnelle Labordiagnosen gebe es in afrikanischen Buschspitälern nicht, sagt der kenianische Arzt und Gesundheitsökonom Nelson Gitonga. «Mit solchen kann rasch erkannt werden, ob jemand krank ist oder nicht. Unsere Labors sind das schwächste Glied im Gesundheitssystem. Es gibt zu wenig Labors, und wenn es sie gibt, sind sie schlecht ausgerüstet. Kommunikationsmittel wie Telefon oder Internet gibt es im Busch praktisch nicht. Bis die Behörden vom Ausbruch einer Krankheit hören, vergehen Tage und Wochen. Strassen, um Kranke ins Spital zu bringen, gibt es häufig keine und eine Ambulanz schon gar nicht.»16

Solche Verhältnisse finden sich nicht nur in Liberia. Die meisten Länder des Kontinents wären mit einem Ebola-Ausbruch überfordert, meint Gitonga, der mehrere Jahre als Chefarzt im Nairobi Hospital gearbeitet hat. «Die meisten Länder in Afrika haben zu wenige Ärzte, in vielen Spitälern auf diesem Kontinent teilen sich drei Patienten ein Bett. Wie will man da Leute isolieren? Wie will man sie richtig behandeln, wenn die elementaren Instrumente dazu fehlen? Eine erfolgreiche Ebola-Behandlung muss den Herz-Kreislauf stützen, den Wasser- und Elektrolythaushalt stabilisieren, aber viele Spitäler verfügen über keine Infusionen und schon gar nicht über Möglichkeiten, beispielsweise die Nierenfunktion zu überprüfen.»

Während die Weltöffentlichkeit Ebola längst vergessen hat und eine nächste Katastrophe für kurze Zeit im medialen Scheinwerferlicht steht, hat Afrika weiter ein marodes Gesundheitssystem. Ebola ist nicht die einzige tödliche Krankheit, unter der Afrikanerinnen und Afrikaner leiden. Im Tropengürtel schwächen tückische Infektionskrankheiten wie Bilharziose, Malaria oder Gelbfieber die Leute. Afrika, die Wiege der Menschheit, ist heute der Ort mit den härtesten Existenzbedingungen. Und der Gesundheitszustand vieler Afrikanerinnen und Afrikaner könnte sich weiter verschlechtern. Degenerative Krankheiten wie Krebs oder Herz- und Kreislauferkrankungen seien mittlerweile auch auf diesem Kontinent angekommen, «ganz einfach, weil wir zunehmend den europäischen Alltag nachahmen», sagt der kenianische Mediziner. «Fast Food, Stress, Zusammenbruch sozialer Netze, schwere Verkehrsunfälle, Drogenmissbrauch, wir haben mittlerweile zwei Probleme: einerseits die typischen afrikanischen Infektionskrankheiten, andererseits neue, degenerative, chronische Leiden, die sehr pflegeaufwendig sind. Wenn selbst europäische Länder die Folgekosten nicht bewältigen können, wie soll es denn Afrika können?»

Afrika braucht Infrastrukturen, Ärzte und Pflegepersonal. Aber die teuersten Medikamente und Apparate nützten nichts, wenn die Aufklärung fehlt. Prävention sei die beste Medizin, aber daran sei niemand interessiert, meint Nelson Gitonga. Dafür gebe es einen Grund. Mit Beratung und Aufklärung können Pharmaunternehmen, Spitäler und Ärzte kein Geld verdienen, mit der aufwendigen Heilung und Pflege von Kranken dagegen schon. Eine Präventionskampagne wird auch keine Medien anlocken und deshalb auch keine Hilfswerke.

Ein fataler Mechanismus. Denn mittlerweile wissen wir, dass die Ursache für den Ausbruch von Ebola in erster Linie ein Mangel an medizinischen Informationen ist. Die Folgerung von Nelson Gitonga: «Wenn die Leute alle wüssten, dass Flughunde und Affen Überträger des Virus sind, dass man diese Tiere nicht mehr essen sollte, wenn man bestimmte Beerdigungs-Rituale unterliesse oder sofort zum Arzt ginge, wenn bestimmte Symptome auftreten, wäre das die wichtigste Medizin gegen Ebola.»

Mit Militärmaschinen Schutzanzüge, Handschuhe und Medikamente einzufliegen, war also die richtige Symptombekämpfung gewesen – aber die falsche Langzeittherapie. Denn wenn am Ende alle einfach wieder nach Hause gehen, wird Liberia wieder nur 170 Ärzte haben und ein Gesundheitssystem, das den Namen nicht verdient – und Ebola kann jederzeit zurückkehren.17

 

1  Verlässliche Angaben, wie viele fest angestellte Afrikakorrespondenten auf dem Kontinent arbeiten, sind nicht erhältlich. In der Schweiz sind es noch zwei Medienhäuser, die sich in Afrika einen fest angestellten Korrespondenten leisten: die NZZ und das Schweizer Radio SRF.

2  Der Autor bezieht sich hier auf die Staaten von Subsahara-Afrika.

3  Afrikas Mühen mit der Demokratie und das Versagen des Westens. Auf dem Schwarzen Kontinent mehren sich wieder autoritäre Tendenzen. In: NZZ, 15. 8. 2009, S. 7.

4  Nach Angaben der britischen Hilfsorganisation Street Child hat Ebola 12 023 Minderjährige zu Waisen gemacht, die Mehrheit von ihnen lebt in ländlichen Gegenden.

5  Esther in Liberia spricht nicht mehr. In: Rendez-vous, Schweizer Radio SRF, 14. 10. 2014.

6  Zeyer, René: Armut ist Diebstahl, Campus Verlag: Frankfurt, New York 2014, S. 127.

7  Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) arbeitet seit Jahrzehnten weltweit mit dem WFP zusammen. Es ist eine der wichtigsten Partnerorganisationen der Deza. 45 bis 50 Millionen CHF stellt der Bund dem WFP jährlich zur Verfügung, davon 1 Million für Äthiopien.

8  DJ der Herzen. Seit fünf Jahren hilft er den Ärmsten. In: Schweizer Illustrierte, 10. 12. 2012, S. 38.

9  Brockington, Dan: Signifying the public, Celebrity advocacy and post-democratic politics, University of Manchester, England, 2014.

10  «The Samaritans» sind zu sehen unter www.aidforaid.org

11  Wainaina, Binyavanga: How to write about Africa. In: Granta Magazin No 92, The View from Africa Essays & Memoir, 10th December 2008.

12  Dietrich, Johannes: Auf der Jagd nach dem Leid. In: Der Bund, 30. 9. 2011, S. 5.

13  Knaup, Horand: Hilfe, die Helfer kommen. Karitative Organisationen im Wettbewerb um Spenden und Katastrophen, Beck’sche Verlagsbuchhandlung: München 1996, S. 152.

14  Ebola kommt einfach in dein Haus und bringt alle um. Die Gesundheitssysteme der von Ebola betroffenen Länder sind fragil und anfällig. In: Echo der Zeit, Schweizer Radio SRF, 24. 11. 2014.

15  Zum Vergleich: Im Jahr 2012 betrugen die Kosten des Gesundheitswesens in der Schweiz 67 Milliarden CHF (Quelle: Bundesamt für Statistik).

16  Wie Anm. 14.

17  Am 9. Mai 2015 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Liberia als frei von Ebola (die WHO erachtet ein Land als Ebola-frei, wenn innerhalb von 42 Tagen keine neuen Fälle mehr auftauchen – das entspricht der doppelten Inkubationszeit der Krankheit). Mehr als 4700 Tote hat die Epidemie in Liberia gefordert. In den Nachbarländern Guinea und Sierra Leone forderte Ebola bis zu diesem Tag über 6000 Tote.
Die internationale Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières (MSF) mahnte gleichentags in einer Medienmitteilung trotz des offiziellen Endes der Ebola-Epidemie in Liberia zu Wachsamkeit. «Dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Liberia heute nach 42 Tagen ohne neue Infektionsfälle für Ebola-frei erklärt hat, ist eine gute Nachricht. Doch in den Nachbarländern Guinea und Sierra Leone gibt es noch immer Neuinfektionen. Um erneute Ebola-Fälle in Liberia zu verhindern, muss die grenzüberschreitende Beobachtung verbessert werden. Der Ebola-Ausbruch in Westafrika ist erst vorüber, wenn alle drei Länder 42 T

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Humanitäre Hilfe Schweiz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen