Logo weiterlesen.de
Human

Über den Autor

Alan Dean Foster zählt zu den produktivsten und beliebtesten Autoren unserer Zeit. Er hat bereits zahlreiche Bücher geschrieben, darunter viele New-York-Times-Bestseller. Zu seinen Werken zählen u.a. die »Alien«-Bände, der bekannte »Bannsänger«-Zyklus, die »Katechisten«-Trilogie sowie die »Homanx«-Serie. Foster ist ein Weltenbummler und lebt in Arizona.

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Whispr wusste mit Sicherheit, dass er sich in Afrika befand, als die beiden schwarzen Leoparden im Gang des Flughafens an ihm vorbeirannten. Seine Begleiterin, vorsichtige Geschäftspartnerin, herrische wissenschaftliche Beraterin und (durfte er das überhaupt denken?) zuweilen Leibärztin, Dr. Ingrid Seastrom, keuchte laut und fiel auf die Knie, als ihr eine der Raubkatzen im Vorbeirennen das rechte Bein wegstieß. Anders als ihre jetzt in Panik geratene Beute rasten sie vollkommen lautlos durch das Terminal. Ein vergleichbares Flughafen-Immigrations- und -Sicherheitsteam in Namerika hätte an ihrer Stelle Hunde eingesetzt, dachte Whispr, während er die beiden Raubtiere voller Bewunderung dabei beobachtete, wie sie ihr Ziel zu Fall brachten. Unter lautem Schreien und Rufen zerstreuten sich die anderen ebenso erschreckten Passagiere schnell und machten den Katzen Platz.

Doch nachdem sie den Mann mit ihrem Gewicht, den Zähnen und den Klauen am Boden festgenagelt hatten, begannen sie nicht, ihn zu zerfleischen. Vor lauter Aufregung pinkelte die größere der beiden dem eingeschüchterten Gefangenen auf die Beine. Der Geruch nach Butterpopcorn erfüllte das Terminal. Wie Whispr schon von vornherein klar gewesen war, hatten beide schwarzen Raubtiere einige Veränderungen über sich ergehen lassen müssen. Die locker sitzenden leichten Westen in den bunten Farben des SAHV, die ihre muskulösen Flanken und ihre Brust bedeckten, kennzeichneten sie als Mitglieder des Sicherheitsteams des Helen Zillie International Airports. Zwischen ihren Ohren waren Stränge aus glänzendem Metall zu erkennen, die ihren Kopf entlang verliefen und für die Fähigkeiten der Biochirurgen sprachen, von denen die Steuerimplantate stammten.

Wie die Westen waren vermutlich auch die komplexen Neuroimplantate Produkte des Südafrikanischen Handelsverbunds, vermutete Whispr, während er der benommenen Ingrid mit seinen unglaublich dünnen und erstaunlich kräftigen Armen wieder auf die Beine half. Die Geheimnisse einer ganz besonderen und äußerst fortschrittlichen SAHV-Technologie, von ihnen »Saft-Technologie« genannt, waren auch der Grund dafür, dass sie den weiten Weg von Georgia und Florida auf sich genommen hatten, da sie diese zu lüften gedachten. Die quantenverschränkten Nanoimplantate unbekannter Herkunft, die Ingrid Seastrom anfänglich fasziniert und nach und nach immer mehr gefesselt hatten, waren hingegen weniger dramatisch und deutlich kleiner, aber letzten Endes auch sehr viel ausgeklügelter als diese offensichtlich manipulierten Tiere.

»Was für ein Schreck«, murmelte Ingrid und strich ihren Hosenanzug glatt.

Weder ihre vorübergehend unordentliche Kleidung noch die Tatsache, dass sie zu Boden geworfen worden war, machten ihr Sorgen. Für sie war vor allem wichtig, dass sich der winzige Silberfaden, den sie in einer verborgenen Tasche in ihrem BH versteckt hatte, in Sicherheit befand. Der Faden war von derart großer Bedeutung, weil er für eine ganze Reihe wissenschaftlicher Durchbrüche und unbekannter sozialer Möglichkeiten stand, von denen einige eher unheilvoller Natur waren. Whisprs Sorgen beschränkten sich hingegen eher darauf, dass der Faden beschädigt oder zerstört werden konnte und so einen weitaus geringeren Preis einbringen würde.

Da er wusste, dass sich Seastrom ständig Sorgen machte, fragte er sich, ob sie sich auch um ihn sorgte. Seitdem er in Florida aufgrund seiner Besessenheit von ihr dummerweise die Duft aufsaugende Zoe benutzt hatte, distanzierte sie sich noch mehr von ihm, als sie es zuvor schon getan hatte. Doch ihr offenkundiges Desinteresse stachelte sein Verlangen nach ihr nur noch mehr an. Er hatte sich jedoch geschworen, ein Gentleman zu sein, auch wenn das für jemanden wie ihn, der auf der Straße überlebte, ein eher abstraktes Konzept darstellte. Zwar verspürte er weiterhin in jeder Stunde des Tages den Drang, sie an sich zu ziehen und zu küssen, aber ihm war klar, dass es zu diesem Zeitpunkt ihrer Beziehung vom geschäftlichen Standpunkt aus gesehen ein sehr schlechter Schachzug wäre.

Er sah sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit an und nahm ihren Anblick in sich auf. Selbst in ihrer aktuellen Verkleidung, bei der sie die blonden Haare schwarz gefärbt, die Wangen mit Collagen vorübergehend aufgebläht und an Gewicht zugelegt hatte und ihre Augenfarbe außerdem alle paar Stunden mithilfe von Kontaktlinsen änderte, fand er sie unwiderstehlich und verlockend. Er mochte ihr Aussehen, wie sie ging, sogar ihre leicht gestelzte professionelle Art zu reden. Und diese Anziehungskraft hatte absolut nichts damit zu tun, dass er ein Meld und sie eine Natural war. Ihm war nur zu gut bewusst, dass sie sich darüber ärgern würde, falls er seine Bewunderung zum Ausdruck brachte, daher behielt er sie für sich. Außerdem hatten sie zu arbeiten und mussten nebenbei noch ihrem Verfolger entwischen.

Anders als der verschreckte junge Mann, der von den Leoparden zu Boden gerissen worden war und jetzt von den Begleitern der Raubkatzen verhaftet wurde, gelangten sie ruhig und ohne Schwierigkeiten an den Einreise- und Zollschaltern vorbei. Sie hatten nur Handgepäck dabei und eilten auf die nächste Transportzelle zu. Einige der anderen Passagiere, die mit ihnen zusammen ausgestiegen waren, hatten angehalten und sahen mit an, wie drei Polizisten dem unglücklichen Gesetzesbrecher Sicherheitsfesseln anlegten. Offenbar war keiner von ihnen Bürger des SAHV, für die das ein alltäglicher Anblick gewesen wäre.

»Was ihm wohl vorgeworfen wird?« Ingrid drehte sich um und bemerkte, dass der junge Mann noch immer ausgesprochen verängstigt aussah. Das konnte sie ihm auch nicht verdenken, da die beiden ausgewachsenen, manipulierten schwarzen Leoparden noch immer in seiner Nähe lauerten und von ihren Führern nur mit äußerster Mühe davon abgehalten werden konnten, an seinen Zehen herumzuknabbern.

Whispr interessierte sich mehr dafür, sofort ein Transportmittel zu finden, das sie ins Stadtzentrum bringen konnte. Er hatte schon zu viele Verhaftungen mit angesehen, um dieser hier Zeit zu opfern, auch wenn die Umstände durchaus exotisch waren.

»Wahrscheinlich hat er versucht, sich illegal ins Land zu schleichen«, vermutete er. Er wusste, dass es in früherer Zeit bei einer derart verrückten Verfolgungsjagd mit darauffolgender Verhaftung meist um Drogen gegangen war. Die Vorstellung, dass jemand wegen des Besitzes von entspannenden Pharmazeutika verhaftet werden konnte! Das Bisschen, was er über die Geschichte wusste, amüsierte ihn doch immer wieder aufs Neue.

»Soweit ich es begriffen habe, ist Afrika in drei Regionen aufgeteilt: Nord-, Mittel- und Südafrika. Der Norden ist philosophisch und spirituell verwirrt, die Mitte gleicht der Innenstadt von Old Atlanta um zwei Uhr früh, nur dass eine Viertelmilliarde Menschen dort leben, und der Süden stellt den Ort dar, an dem jeder aus der Mitte und dem Norden sein möchte. Das liegt vor allem an Saft und daran, dass im Süden das Subsist ist.« Bei diesen Worten drehte er sich um und deutete in Richtung des jetzt gefesselten und verhafteten illegalen Einwanderers.

»Zumindest hat der verrückte Natural Mut bewiesen. Anstatt durch einen Tunnel vom Norden her über die Grenze zu schleichen, hat er sich ein Ticket gekauft und versucht, wie ein gewöhnlicher Reisender per Flugzeug ins Land zu gelangen.«

Vor ihrem inneren Auge sah Ingrid noch immer den schwarzen Polizeileoparden, der an ihr vorbeigesaust war. »Was werden sie jetzt wohl mit ihm machen?«

Whispr zuckte mit den Achseln. Zwischen den zahlreichen fliegenden Werbeanzeigen, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten, befand sich eine, auf der für den Service einer Fahrzeugvermietung geworben wurde. Er steckte einen Finger in die glühende Sphäre, woraufhin ihre Funktionen aktiviert wurden. Danach schwebte sie hoffnungsvoll hinter ihnen her, während sie durch den Ankunftsbereich gingen.

»Wenn er Glück hat, wird er deportiert, wenn er Pech hat, muss er vorher eine Weile im Knast sitzen. Sollten die Bullen richtig schlechte Laune haben, könnten sie ihn auch an die Katzen verfüttern.«

Ihre Augen weiteten sich. In Bezug auf die Medizin und die Wissenschaft war Ingrid auf dem neuesten Stand, aber wenn es um das wahre Leben ging, dann konnte sie erstaunliche Wissenslücken an den Tag legen.

»War nur Spaß.« Ein Lächeln erschien auf seinem eckigen Gesicht, und sie warf ihm einen angewiderten Blick zu.

In Wirklichkeit hatte er keine Ahnung, was die Polizei hier mit illegalen Einwanderern anstellte. Wenn man bedachte, dass sie von Nilpferdpeitschen schwingenden Afrikaans-Sicherheitsleuten, Bomben bauenden ANC-Revolutionären, furchtlosen Zulu-Kriegern sowie modernen Polizei-Melds abstammten, dann hätte es ihn nicht überrascht zu erfahren, dass die Kosten für das Sichern der Grenzen, die ständig von verzweifelten Möchtegernimmigranten übertreten wurden, gelegentlich dadurch gesenkt wurden, dass Stücke besagter Einwanderer an die Leoparden verfüttert wurden, um teures Futter einzusparen. Schmeckten Illegale aus Mauretanien anders als flüchtige Somalis? Einem Natural wie Ingrid wäre ein derartiger Gedanke niemals gekommen. Für einen ultra-schlanken Meld wie Whispr war er allerdings völlig normal.

Die basketballgroße Werbeanzeige schwebte dicht neben seinem linken Arm und wehrte konkurrierende Angebote durch kaum hörbare Ausstöße statischer Elektrizität ab. Während sie sie vorwärtsdrängte, spulte sie mit leisem mechanischem Enthusiasmus diejenigen Vorteile ab, welche die Besucher hätten, wenn sie einen Roadster von der Firma, für die sie warb, mieteten. Whispr ignorierte die Präsentation. Er hatte die schwebende Anzeige vor allem aus dem Grund aktiviert, damit sie das Transportdeck schneller fanden. Whispr hatte gar nicht die Absicht, direkt nach der Ankunft im Land ein Fahrzeug zu mieten. Saft war es schon in Florida gelungen, sie aufzuspüren und ihnen einen Killer auf den Hals zu hetzen. Auch wenn Whispr überzeugt davon war, die lästige Aufmerksamkeit der Firma erst einmal in die falsche Richtung gelenkt zu haben, hatte er auf der Straße nur deshalb so lange überleben können, weil er kein Risiko einging und nichts überstürzte.

Als sie die von der Regierung finanzierte Transportzelle erreicht hatten, entließ er die Werbeanzeige, die ohne ein Anzeichen von Enttäuschung davonschwebte, um sich auf die Suche nach neuen Kunden zu begeben. Die modernen mobilen Werbemittel konnten Emotionen effektiv ausnutzen, besaßen selbst jedoch keine.

Ingrid ließ ihre Hände bereits über eines der verfügbaren Holos gleiten. Als Reaktion auf ihre Gesten leuchteten die verschiedenen verfügbaren öffentlichen Transportmittel unter ihren Fingerspitzen auf: Taxen, Busse, Eisenbahnen, Flugzeuge und sogar manipulierte Tiere, die man mieten konnte. Letztere waren allein den Touristen vorbehalten, das war dem interessierten, aber auch realistischen Whispr klar.

Schließlich senkte sie die Hände. »Ich habe herausgefunden, wie wir da hinkommen, aber wie sollen wir es anstellen? Wo sollen wir die Nacht verbringen?«

»Wir machen es genauso wie in Florida«, erwiderte er. »Ein kleines Hotel. Nicht zu schick, nicht zu billig. Dasselbe gilt für den Stadtteil. Ein Vorort ist immer unauffälliger als das Stadtzentrum.« Bei den nächsten Worten ahmte er einen früheren namerikanischen Schauspieler nach, dessen Werke er immer bewundert hatte: »Ich bin hier selbst ein Fremder.«

Wie üblich verstand sie auch diesen Witz nicht.

Stattdessen nickte sie, drehte sich um und gab die Anfrage in den Vorec der Einheit ein. Da diese mit jedem anderen Teil der großen Kapstadt-Box verbunden war, konnte sie schnell ein halbes Dutzend Vorschläge ausspucken. Rasch hatten sie sich für einen entschieden, zwei Zimmer reserviert (Whispr seufzte leise, sagte aber nichts) und über ihre auf einen anderen Namen ausgestellte Creditkarte eine Anzahlung geleistet.

Als sie an der Flughafenstation in die Transportkapsel stiegen, bemerkten sie die beiden Gestalten nicht, die lautlos aus dem Schatten der Wand herauskamen und ihre Verfolgung aufnahmen.

Simon’s Town war eine kleine Gemeinde mit historischer Bedeutung an der Westküste der False Bay und fortschrittlich genug, um ihnen die Unterkunft bieten zu können, die sie suchten, bot dabei aber auch die eigentümliche Umgebung, die zwei Touristen aus Namerika interessieren würde. Jeder, der in diesem Teil von Südafrika nach ihnen suchen würde, käme gar nicht auf den Gedanken, nicht zuerst in Kapstadt Ausschau zu halten. Simon’s Town war von der Innenstadt mit ihrem berühmten Hafen und den Touristenhotels sogar noch weiter entfernt als der internationale Flughafen.

Die wichtigsten Transportverbindungen verliefen westlich vom Flughafen in Richtung Innenstadt oder östlich nach Stellenbosch, dem Zentrum der Region, in der Wein und Marihuana angebaut wurden. Jeder einzelne der automatischen Wagen, die von der Flughafenstation abfuhren, war überfüllt mit müden, gerade eingetroffenen Passagieren – bis auf den, der mit »Muizenberg – Fish Hoek – Simon’s Town« gekennzeichnet war.

Mit ihnen stieg ein halbes Dutzend anderer Passagiere am Flughafen ein, und derjenige, der direkt neben Ingrid stand, konnte mit einem kompletten Restaurantservice-Meld aufwarten. Sie brauchte einen Moment, bis sie erkannt hatte, dass der unglaublich kleine Mann von der Taille aufwärts nichts anhatte und dass seine Fliege, das langärmelige weiße Hemd, die Perlmuttknöpfe und die glatt gebügelten Taschen nichts als ein kunstvoll angefertigtes Tattoo waren. Eine derartige dreidimensionale Ganzkörpertätowierung ließ sich leicht entfernen oder anpassen, falls der Besitzer den Beruf wechseln sollte, und war insbesondere in heißen, schwülen Gebieten sehr beliebt. Das Tattoo klebte nicht am Körper, konnte keine Schweißflecken bekommen und musste auch nie gewaschen werden.

Nachdem sie erkannt hatte, dass der kleine Mann sich auf diese Weise verändert hatte, verglich sie seine Melds mit jenen, die sie aus Savannah kannte. Neben seiner Uniformtätowierung hatte er an jeder Hand zwei zusätzliche Finger, damit er besser Tabletts, Teller, Gläser und anderes Geschirr transportieren konnte.

Sein Herkunftsland spiegelte sich in seinem Gesicht wider, das schachbrettartig schwarz-weiß gemustert war. Dieses Melanismus-Meld war hier sehr angesagt. Sowohl am Flughafen als auch im Transporter hatte sie sich ständig abwechselnde schwarz-weiße Streifen, Flecken, Ovale, Halbmonde gesehen, außerdem war ihr eine sehr große Frau aufgefallen, deren Gesicht in der Mitte geteilt war, die eine Hälfte weiß und die andere schwarz, und dieses Farbprinzip setzte sich auch auf ihren entblößten Armen fort. Andere Melds trugen hellere, weniger traditionalistische Hautfarben zur Schau. Türkis schien in diesem Jahr groß in Mode zu sein, vor allem bei einer Gruppe lauter, hier zu Besuch weilender Italiener.

Als sie es mit eigenen Augen sah, wurde ihr klar, dass die alte Regenbogennation nicht schwarz oder weiß, sondern beides auf einmal war.

Whispr hätte seine schmale Gestalt in nahezu jeden Wagen quetschen können, sei er auch noch so überfüllt, aber er war dennoch froh, dass sie ausreichend Platz für ihr Handgepäck hatten. »Warum sind die Wagen dieser Linie bloß so leer?«, wunderte er sich, woraufhin er auch sofort eine Antwort erhielt.

»Die meisten Leute fahren in die Innenstadt oder einen der anderen zentralen Stadtteile. Sie sind im Express zur Westbucht.« Der Mann mit dem Restaurantservice-Meld und der Tätowierung grinste sie an. Fasziniert stellte Ingrid fest, dass jeder zweite Zahn des Mannes einen glänzenden schwarzen Porzellanüberzug erhalten hatte. »Wenn dieser Wagen auch in den Wets halten würde, dann wäre er jetzt so voll wie jeder andere.«

»Die ›Wets‹?«, erkundigte sich Ingrid.

»Die Cape Wets. Früher wurden sie Cape Flats genannt und sahen genauso aus, wie man sie sich dem Namen nach vorstellen würde, doch seit das Wasser gestiegen ist … Sie werden es ja sehen.«

Kurz darauf machte die Transportlinie einen sanften Bogen Richtung Südwesten, und das höher gelegene Land rings um den Flughafen flachte nach und nach ab, bis sie auf einem erhöhten Streifen, der auf Pylonen montiert worden war, weiterfuhren. Die Millionen armer Menschen, die vor dem Schmelzen der Polarkappen in Grönland ihre einfachen Häuser im Flachland der Cape Wets gebaut hatten, waren nicht weggezogen. Sie konnten es nicht. Sie hatten kein Geld, und selbst wenn sie welches gehabt hätten, konnten sie nirgendwo hin. Also waren sie geblieben, und zu ihnen stießen noch mehrere Millionen aus der zentralafrikanischen Diaspora, die auf der Suche nach Arbeit und einem Neuanfang in den SAHV eingewandert waren.

»Das ist wie in Savannah«, stellte Ingrid fest und starrte aus dem Fenster des Transportwagens. Aber das stimmte nicht ganz.

»Es heißt, im Boatland von Bangkok leben mehr Leute«, erklärte der Restaurantangestellte, »aber hier wohnen mehr Menschen als in jeder anderen auf Stelzen stehenden Gemeinde, soweit ich weiß. Abgesehen vom Ganges-Floß natürlich.«

Whispr verzog das Gesicht. »Nie davon gehört.«

»Es befindet sich an der Stelle, an der sich einst ein Land namens Bangladesch befunden hat«, klärte ihn Ingrid auf.

Whispr Begleiter grunzte und sah durch die durchsichtige Wand des Transportwagens hinaus. »Schlimmer als das hier kann es nicht sein. Ich habe schon viele chaotische Wohnungen gesehen, aber das übersteigt alles.«

»Seien Sie vorsichtig, was Sie sagen, Besucher«, meinte der Angestellte. »Die Leute hier sind sehr stolz auf ihre Gemeinde, so baufällig sie auch sein mag.«

Der schmale, klimatisierte Wagen sauste durch eine Stadt, wie Ingrid sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie hatte sich einige Reiseberichte aus Südafrika angesehen, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, dass jene, in denen Kapstadt vorgekommen war, auch die Cape Wets erwähnt hätten. Als sie durch dieses Gebiet hindurchfuhr, wurde ihr der Grund dafür jedoch schnell klar. Es war fast so, als hätte jemand Eschers Geist engagiert, um eine gigantische urbane Fläche aus Blechdosen und Zahnstochern zu erschaffen.

Wie die Strecke, auf der sich ihr klimatisierter Transportwagen bewegte, erhob sich jedes einzelne der mehreren zehntausend individuellen Gebäude, ob es nun zu Wohn-, Geschäfts- oder Industriezwecken genutzt wurde, auf Pylonen, Säulen oder Stelzen, die tief in den Boden hineingetrieben worden waren, hoch über das Wasser, das alles umgab. Die Cape Wets, einst ein riesiges trockenes Flachland, waren im von der False Bay eindringenden Wasser verschwunden. Jetzt lebten mehrere Millionen Menschen direkt über der Wassergrenze in Gebäuden, die sich vier, fünf oder noch mehr Stockwerke über dem Meer erhoben.

»Ich weiß, was Sie denken«, sagte der Restaurantangestellte. »Diejenigen, die hier leben, können Gott danken, dass die Bucht so gut vor den Elementen geschützt ist und dass die Strömung stark genug ist, um den Dreck jeden Tag wegzuspülen. Ansonsten wäre das Leben hier noch härter, als es jetzt schon ist.«

»Sie leben nicht hier?«, wollte Whispr wissen.

Der Baka-Einwanderer, der gute dreißig Zentimeter kleiner war als der schlanke Namerikaner und ursprünglich aus Zentral-Gabun stammte, richtete sich auf. »Nein, Meld-Bruder! Ich wohne in der Stadt Boulders, wo ich auch arbeite. Wenn du Zeit hast, dann komm mal vorbei und sieh dir die Pinguine an! Der Strand liegt jetzt höher, aber sie kommen noch immer regelmäßig zu derselben Stelle, wie sie es seit Hunderten von Jahren tun.«

»Wir haben keine Zeit für …«, setze Ingrid an.

Whispr fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist eine super Idee. Wir werden ein paar Wochen herumreisen, bevor wir an die Küste nach Durban reisen, und wir wollen uns auf keinen Fall eine der hiesigen Sehenswürdigkeiten entgehen lassen.« Er warf Ingrid einen bedeutungsschwangeren Blick zu. »Nicht wahr, Liebling?«

»Ja, genau«, stimmte sie ihm schnell zu und verfluchte innerlich ihre Vergesslichkeit. Wir sind Touristen, rief sie sich in Erinnerung. Du bist nicht hier, um wissenschaftliche Mysterien zu lüften. Du bist im Urlaub. Dann hob sie die rechte Hand und streckte den Zeigefinger aus. »Ich hätte mir vor der Abreise noch das Kamera-Meld besorgen sollen.«

»Mach dir deswegen keine Sorgen«, entgegnete Whispr fröhlich. »So als Natural gefällst du mir noch immer am besten.«

Der klein gewachsene Arbeiter kicherte. »Du magst deine Frauen schlicht und einfach, was? So, wie die Natur sie geschaffen hat? Jedem das Seine, das ist meine Meinung. Mir gefällt allerdings, wie die Wissenschaft die Realität verbessern kann.«

Ingrid beherrschte sich und unterdrückte die aufkeimende Wut. Auch wenn sich über die Jahrzehnte die nationalen Grenzen und vieles andere in Afrika verändert hatte, so galt das offensichtlich nicht für die seit Langem bestehende Einstellung gegenüber Frauen.

Die endlose Parade behelfsmäßiger Gebäude sauste an dem Transporter vorbei und spiegelte sowohl den Erfindungsreichtum der Einheimischen wider als auch ihre Fähigkeit, trotz knapper Geldmittel etwas auf die Beine zu stellen. Da man sich aufgrund der fehlenden Landmasse nicht auf horizontaler Ebene ausbreiten konnte, bauten die erwachsenen Kinder ihr Haus auf dem ihrer Eltern, und auf diese Weise wohnten mehrere Generationen übereinander. Während sie die windschiefen, wacklig wirkenden Häuser anblickte, fragte sich Ingrid, ob ein starker Wind nicht den ganzen Bezirk zum Einsturz bringen konnte. Aber irgendwie hatten Millionen verarmter Bürger einen Weg gefunden, ihre Häuser aus Pappe, Blech und Stoffen zu stabilisieren, ebenso wie ihre zum Teil vorgefertigten Geschäfte und ihre aus Treibgut zusammengeschusterten Läden.

Die Wets mochten arm und instabil sein, langweilig waren sie jedoch keineswegs. Energie aus Sonne, Wind und Biomasse bewirkte, dass Millionen an Lichtern angingen, als die Sonne langsam hinter dem Tafelberg versank. Tausende improvisierter Gehwege verbanden ebenso viele Gebäude miteinander. Einige dieser einfachen Pfade schwammen direkt auf dem Wasser, andere hingen wie dicke Reben aus Plastik zwischen dem zweiten, dritten oder sogar vierten Stock zweier benachbarter Häuser. Der Transporter raste an mehreren ebenerdigen Strukturen vorbei, die deutlich größer waren als alle anderen. Die Wonnen, die im Inneren zu erwarten waren, wurden plakativ und in mehr als einem Dutzend Sprachen angepriesen, darunter Xhosa, San, Afrikaans, Zulu, Baka, Himba, Shona und Ndebele, jede nur vorstellbare Ableitung der Bantu-Sprachen sowie jede auf der Welt bekannte Variante von Englisch, Hindi, Tamil, Bengali, Französisch …

»Französisch?«, wunderte sich Ingrid.

»Einige der Shebeen-Besitzer finden, dass es ihrem Etablissement etwas mehr Stil verleiht.«

»Was ist ein Shebeen?«

»Ein Hurenhaus.« Whispr war weniger fasziniert von den Lichtern der Wets als von dem Leuchten, das die Ärztin immerwährend auszustrahlen schien. Er hätte viel lieber sie als ihre Umgebung angesehen. Für jemanden wie ihn, der aus einer armen Gegend stammte, sah ein Slum genauso aus wie jeder andere. Und das galt auch für einen auf der anderen Seite der Welt, selbst wenn er so gut beleuchtet war wie die Cape Wets.

»Manchmal schon.« Ihr hilfreicher Bekannter schien von der eindeutigen Erklärung des dünnen Namerikaners nicht gerade begeistert zu sein. »Oft trifft man sich aber auch nur dort, um etwas zu trinken, wie in einem zwanglosen Klub, in dem man sich mit Freunden trifft, Spiele spielt und …«

»Rumhurt.« Whispr wandte den Blick widerstrebend von der Ärztin ab und richtete ihn erneut auf die dunkle Erhebung des Berges mit platter Spitze, um dessen östlichen Hang die Transporterstrecke gen Süden einen Bogen schlug.

Begierig, das mangelnde Taktgefühl ihres Begleiters wiedergutzumachen, versuchte Ingrid, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Arbeiten Sie in einem Shebeen?«

Doch ihr Versuch hatte nicht die gewünschte Wirkung, sondern schien den kleinen Mann eher zu beleidigen, wie man an seiner Antwort erkennen konnte.

»Madame, ich bin der Souschef im Chez Sebeli in Fish Hoek.« Mit diesen Worten wandte er sich von ihr ab und ging auf die Tür zu. »Und hier muss ich aussteigen. Sie müssen noch zwei Stationen weiterfahren. Machen Sie sich keine Sorgen, weil es langsam dunkel wird. Simon’s Town ist eine Touristenstadt, in der es viele Patrouillen gibt. Hier sind Sie auch nach Anbruch der Dunkelheit sicher. Der Strand ist im Mondlicht wunderschön, aber gehen Sie lieber nicht ins Wasser.«

Ingrid blinzelte. Sie hatte gar nicht vorgehabt, nachts schwimmen zu gehen, und erst recht nicht nach dem langen Flug aus Florida. Aber ihre Neugier war geweckt. »Warum nicht?«

»Wegen der weißen Wächter der Regierung«, erklärte der freundliche Souschef. »Oder der ›Großen Weißen‹, wie Sie sie vermutlich nennen. Rundum manipuliert und auf Patrouille am Strand. Sie suchen nach illegalen Einwanderern, haben aber im Dunkeln durchaus auch mal Probleme, ehrliche Anwohner von Eindringlingen zu unterscheiden. Und wenn sie erst mal zugebissen haben, lässt sich das nicht wieder rückgängig machen.« Dann öffneten sich leise zischend die Türen und er stieg aus, eine energische kleine Gestalt aus Zentralafrika, die ihre Bestimmung gefunden und sich einen Platz im SAHV gesichert hatte.

»Weiße Haie.« Ingrid bekam das unheilvolle Bild nicht so schnell aus dem Kopf. »Irgendwie bezweifle ich, dass die Regierung viele Probleme mit illegalen Einwanderern hat, die über das Meer ins Land gelangen wollen.«

Whispr zuckte mit den Achseln. Die fast schon vertikale Masse des Tafelbergs nahm jetzt den gesamten westlichen Horizont ein, während die kalte, dunkle Fläche der False Bay die andere Seite bestimmte, sodass sich nur noch wenige Lichter vor ihnen befanden, die sich wiederum auf dem Überrest der versinkenden Halbinsel befanden, die sich in Richtung der Antarktis erstreckte.

»Woher sollen sie denn wissen, wie viele es versucht haben und gescheitert sind?«, erwiderte er. »Wer wirklich verzweifelt ist, der wird alles probieren, egal wie groß das Risiko auch sein mag.«

Daraufhin musste sie grinsen. »Sogar einen Arzt aufsuchen, um sich Polizei-Traktacs entfernen zu lassen?«

»Er würde sogar so weit gehen, den Sarkasmus dieses Arztes zu ertragen«, entgegnete er gereizt. Er begehrte Seastrom, sehnte sich mit jeder Faser seines Wesens nach ihr, aber er hätte sie noch sehr viel lieber gemocht, wenn sie nicht so verdammt klug gewesen wäre.

Sie wandte sich von ihm ab und lehnte sich an die durchsichtige Wand des Transportwagens, sodass sie die letzten aufblinkenden Lichter des entsetzlichen physikalischen und menschlichen Morastes sehen konnte, den die Cape Wets, die langsam hinter ihnen zurückblieben, darstellten. Die Nacht konnte die Abermillionen Menschen nicht verschwinden lassen. Ihre Annahme hatte sich jetzt schon als falsch herausgestellt.

Dieser Ort war ganz und gar nicht wie Savannah.

Horizontale Lichtstreifen an der Rückseite des Tafelbergs wiesen auf die Standorte der Ferienwohnungen hin, während die gefrorene Nova der Wets im Norden und Nordosten das Mondlicht erblassen ließ. Im Süden waren die Sterne am Himmel jedoch noch zu erkennen. Draußen in der salzigen Weite der False Bay machten es sich Seehunde für die Nacht bequem, die auf ihren kargen Felsinseln bis zum Morgen in Sicherheit waren und keine Angst vor nicht manipulierten Großen Weißen haben mussten. Derweil befand sich eine Handvoll der großen Raubtiere mit weitreichenden Melds auf ihrer nächtlichen Patrouille und suchte nach illegalen Einwanderern, Fischern, die ohne Lizenz angelten, und hartgesottenen Schmugglern.

Als der Meeresspiegel gestiegen war, hatte man die Altstadt von Simon’s Town einfach mit Sack und Pack, öffentlichem Verkehr und historischen Gebäuden ein Stück weiter den Berg hinauf verfrachtet. Die neueren Gebäude befanden sich nun an der Stelle, an der früher die Stadt gestanden hatte, allerdings oberhalb des Wassers. Hier fanden sich jedoch nicht die baufälligen, zusammengeschusterten Hütten, die wie Stalagmiten aus Blech, Kunststoffen und Harzen in den Cape Wets entstanden waren. Gut gestützt von robusten Stelzen hatte man Hotels, Restaurants, Souvenirgeschäfte, öffentliche Gebäude und teure Wohnhäuser errichtet, deren architektonische Vielfalt von alten Buren-Farmhäusern bis hin zu ultramodernen windsegelbetriebenen Behausungen reichte.

Auf einem der Gehwege, die ihr angenehm bescheidenes Hotel mit der Hauptstraße auf dem abfallenden Festland verband, blieb Ingrid stehen und sah auf die mondbeschienene Bucht hinaus. Sie fror ein wenig. Die Jahreszeit war um ein halbes Jahr zu derjenigen verschoben, die in Savannah vorgeherrscht hatte. An nächsten Tag musste sie sich wärmere Kleidung kaufen. Dann wandte sie sich von der Bucht ab, deren Anblick sie ebenso wie die Gerüche in ihren Bann geschlagen hatte, und deutete in Richtung Nordwesten.

»Das ist zauberhaft, aber wir dürfen nicht allzu viel Zeit hier verbringen. Wir müssen in die Innenstadt, damit wir mit den Nachforschungen beginnen können.«

»Darüber müssen wir uns sowieso noch unterhalten«, erwiderte er. »Wie genau sollen wir deiner Meinung nach denn vorgehen?«

Sie sah ihm in die Augen. »Du bist doch derjenige, der sich auf der Straße auskennt. Aus diesem Grund bist du hier.« Als er darauf nichts erwiderte, seufzte sie und fuhr fort: »Saft hat zwei Geschäftssitze: einen in Joburg und einen hier. Das habe ich mithilfe der Box im Flugzeug herausfinden können. Aber es war mir nicht möglich, mehr über die Standorte ihrer Forschungsanlagen in Erfahrung zu bringen.«

Er nickte nachdenklich. »Ist doch ganz klar: Große Unternehmen geben mit den Entdeckungen an, die sie machen, verraten aber nicht, wo das geschieht.«

»Dann müssen wir eben in ihr Hauptquartier eindringen«, stellte sie mit passender, wenngleich ziemlich naiver Fröhlichkeit fest, »um dort herauszufinden, wo sich ihre wichtigste Forschungsanlage befindet.«

Er drehte sich zu ihr um, und seine schlanke Gestalt schien in dem Licht, das den Gehweg von oben erhellte, fast zu verschwinden. Wie immer sah er so aus, als könnte ihn eine starke Brise von den falschen Holzplanken aufs Meer hinauswehen.

»Hör mir mal gut zu«, sagte er mit ernster Stimme. »Ich habe den Großteil meines Lebens auf der Straße gelebt, und ich kann mich mit den Besten anlegen und es überleben. Ich kann eine Tasche aufschlitzen oder eine Brieftasche leeren und verschwinden, bevor der Besitzer überhaupt begriffen hat, was geschehen ist.« Er griff in seine Tasche und holte die flache, biegsame, weiche Flasche hervor, aus der er immer wieder einen Schluck von der Stärkungslösung trank, die dafür sorgte, dass sein per Manipulation verdünnter Körper auch weiterhin funktionierte. Als er sie an seine fast nicht vorhandenen Lippen drückte, stellte er fest, dass der geschwungene Behälter so gut wie leer war. Er musste bald einen Laden finden, der die Spezialnahrung für besondere, maßgeschneiderte Melds wie ihn verkaufte. Dann ließ er die Flasche wieder sinken und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

»Aber ich bin kein Industriespion. Ich habe nicht das physikalische Werkzeug, um in einen Boxknoten einzudringen, und erst recht nicht in das Hauptquartier eines Unternehmens wie Saft. Und du«, er musterte sie von oben bis unten und bewunderte sie im zunehmenden Mondlicht, »du hast nicht das mentale dafür.«

Ihr Körper versteifte sich. »Ich könnte dich überraschen.«

»Stimmt. Das ist dir schon einmal gelungen, sonst würdest du nicht hier am Arsch von Afrika stehen und mit mir diese Unterhaltung führen. Ich möchte nur nicht überrascht werden, wenn so ein Sicherheits-Lod dir die Arme auf den Rücken dreht und deine Handgelenke fesselt, um dich in den Verhörraum der Firma zu schleppen, wo du eine private Unterhaltung mit Mr Volt und Mr Watt haben wirst.« Eine plötzliche Eingebung bewirkte, dass er grinsen musste. »Natürlich könntest du dir etwas Heißes, Scharfes kaufen und die Wachen ablenken, während ich mich reinschleiche.«

Das brachte sie auf die Palme. »Du gibst wohl nie auf?«

Er gab den Unschuldigen. »Was ist denn? Du willst in die Büros von Saft, und ich habe dir nur eine mögliche Vorgehensweise vorgeschlagen.«

»Lass uns das lieber auf eine andere Art probieren.« Sie zögerte. »Zumindest vorerst. Ich werde erst darüber nachdenken, wenn uns nichts Besseres mehr einfällt.«

Mir fällt definitiv nichts Besseres ein, dachte er und stellte sie sich in verführerischen Dessous vor. Äußerlich ließ er sich jedoch nicht anmerken, was gerade in seinem Kopf vorging – zumindest hoffte er das.

»Okay. Du zahlst die Rechnungen.«

»Wir werden in die Stadt fahren«, wiederholte sie ernst, »und du kannst anfangen, Fragen zu stellen. Du weißt, wen du fragen musst. Ich kenne die Adresse des Verwaltungszentrums von Saft: Die steht in der öffentlichen Box und ist für jedermann zugänglich. Wir müssen jedoch in Erfahrung bringen, wo sich die Hauptforschungsanlage befindet, ob sie auch hier in Kapstadt steht, in Joburg oder an einem ganz anderen Ort.«

»Das sind nicht gerade Informationen, die man auf dem freien Markt bekommen kann, aber ich schätze, wir werden schon jemanden finden, der jemanden kennt, der von jemandem gehört hat, der uns sagen kann, wie wir an diese Information gelangen.« Dann kam er zum entscheidenden Punkt: »Insbesondere, wenn du bereit bist, dafür zu bezahlen.«

Sie seufzte tief. »Das wird anscheinend langsam zu deinem Mantra. Wie viel wird uns das in etwa kosten? Mich«, korrigierte sie sich.

Er zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Ich kenne die hiesigen Preise für derartige Informationsquellen nicht. Aber Informationen haben nun mal ihren Preis.«

Sie streckte den Arm aus und schubste ihn. »Du hast leicht reden. Es sind ja nicht deine Ersparnisse, die wir hier auf den Kopf hauen.«

Er wandte sich von ihr ab und ging den Weg entlang auf die einzige Hauptstraße der Stadt zu. Sein Arm prickelte an der Stelle, an der sie ihn berührt hatte.

Dann schubste ihn jedoch eine andere Hand – und das mit deutlich mehr Kraft. Zwei sehr große schwarz-weiße Männer tauchten neben ihm auf, und einer drückte ihn gegen die Seitenwand eines zweistöckigen Hotels, während sich der andere vor die verblüffte Ingrid stellte. Selbst im schwachen Abendlicht hatte Whispr das Gefühl, die beiden zu kennen.

Sie waren zusammen mit ihnen vom Flughafen hergefahren.

2

Hätte Whispr die Gelegenheit dazu bekommen, dann hätte er sich verteidigt. Mit seiner Größe von eins zweiundachtzig und knapp fünfzig Kilogramm Gewicht konnte er seinen Angreifer zwar nicht überwältigen, doch sein Meld-Körper war durch die Manipulation sehr viel drahtiger und kräftiger geworden. Also trat er mit seinen erst kürzlich verlängerten Beinen zu. Doch sein Angreifer presste eine Hand auf die Kehle des dünneren Mannes und verringerte so die Sauerstoffzufuhr in sein Gehirn, was ihn gewaltig schwächte. Ingrid war von dem plötzlichen Überfall viel zu überrascht, um auch nur ans Weglaufen zu denken, und stand einfach nur wie angewurzelt da.

Die Hand, die nicht an Whisprs Kehle lag, hielt ein schweres Messer mit dicker Klinge fest, und der zweite Angreifer war mit einem Neuralisierer bewaffnet. Die elektronische Waffe sah alt, mitgenommen und schlecht gepflegt aus. Das bedeutete jedoch nicht, dass man damit keinen lähmenden Schuss mehr abgeben konnte. Während er nach Luft schnappte, hatte Whispr seine Sinne immer noch so weit beisammen, dass er sich über diese seltsame Waffenauswahl wunderte. Das ergab keinen Sinn. Zum einen, weil beide Waffen von einem hiesigen Hersteller zu stammen schienen, und zum anderen, weil sie aufgrund ihrer einfachen Art und ihres schlechten Zustands nicht zu dem passten, was er über den professionellen Attentäter wusste, der ihn und Seastrom im Süden von Florida beinahe ausgeschaltet hatte.

Ingrid entfernte sich langsam von dem vor ihr stehenden Mann, dessen Haut voller schwarzer und weißer Wirbel war, und sah begehrlich auf das Wasser hinaus. Sie war eine hervorragende Schwimmerin. Wenn sie über das Geländer springen konnte, bevor er sie erreichte, wäre sie in der Lage, ihm in dem dunklen Nass darunter zu entkommen.

Aber dann fielen ihr die patrouillierenden und nicht immer wählerischen weißen Haie wieder ein …

»Ich werde den Faden nicht herausrücken«, stammelte sie und machte noch einen Schritt nach hinten. »Nicht nach all dem, was wir deswegen durchgemacht haben. Sie müssen mich schon umbringen, wenn Sie ihn haben wollen!«

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Whispr sie an. »Bring sie … nicht auf … dumme Ideen!«

Der Gauner mit dem Neuralisierer blinzelte. »Yerhali … Faden? Was für ein ›Faden‹? Wovon reden Sie da, Natural? Geben Sie uns Ihre Karten und den Schmuck, dann lassen wir Sie gehen.«

Während helle Lichter vor seinen Augen tanzten, war Whispr auf einmal alles klar. Ingrid und er hatten sich geirrt. Dies waren keine Schergen des angeheuerten Attentäters Napun Molé. Und sie gehörten auch nicht zu den drei Meld-Frauen, die Dr. Seastroms älteren Freund und Mentor Dr. Sverdlosk verprügelt hatten. Obwohl er und seine Begleiterin gerade erst in dieser Ecke der Welt eingetroffen waren, wurden sie anscheinend schon von gewöhnlichen Straßengaunern überfallen. Hierbei handelte es sich nicht um einen auftragsmäßigen Überfall, sondern um einen stinknormalen Raub. Was die Gefahr, die von dem auf sein Gesicht gerichtetes Messer und den auf die Ärztin angelegten Neuralisierer ausging, keinesfalls schmälerte.

»Doc … Ingrid«, brachte er mühsam hervor, »die wollen nur unsere Wertsachen. Das ist alles. Die interessieren sich nicht für den Fa… für irgendwas anderes.«

»Kann schon sein.« Der stämmige Gauner, der den Weg zur Straße versperrte, war anscheinend doch nicht so begriffsstutzig, wie er aussah. »Aber jetzt habt ihr mich neugierig gemacht. Was ist dieser ›Faden‹, den ihr erwähnt habt? Ist das was Wertvolles?«

Ingrid überlegte noch immer, wie sicher das Wasser unter ihr wohl sein mochte, blieb aber noch auf dem erhöhten Weg stehen. »N… Nein, er meint damit nur … einen Faden, den ich gekauft habe. Einen Goldfaden. Um eines meiner Kleider zu flicken. Er ist nicht wirklich wertvoll.« Sie kam langsam zu der Schlussfolgerung, dass sie deutlich größere Angst vor den beiden Räubern hatte als vor irgendeinem Hai, der in den Schatten lauern mochte.

Der Mann, der sie bedrohte, bestätigte ihre Meinung hinsichtlich seiner geistigen Fähigkeiten nur noch weiter, indem er einen Schritt auf sie zumachte und dabei mit dem altertümlichen Neuralisierer herumfuchtelte.

»Wenn Sie versuchen, ins Wasser zu springen, schieße ich auf Sie. Und mit gelähmten Gliedmaßen werden Sie ertrinken.« Er musterte sie ausführlich. »Sie sehen für mich nicht aus wie eine Frau, die Kleider trägt. Sie sind hübsch, aber auch praktisch veranlagt, würde ich meinen. Und jetzt sollten Sie uns mal etwas mehr über diesen ›Faden‹ erzählen.«

Sie bezweifelte nicht, dass er seine Drohung, den Neuralisierer bei einem Fluchtversuch ihrerseits einzusetzen, in die Tat umsetzen würde, aber falls es ihr gelang, schnell über das Geländer zu springen, hätte er es im Dunkeln weitaus schwerer, ein sich bewegendes Ziel zu treffen. Eines war ihr jedenfalls klar: Sie durfte nicht minutenlang überlegen, wie sie weiter vorgehen wollte. Also spannte sie die Muskeln in ihren Beinen an und hatte sich schon halb zum Geländer umgedreht, als ein Ruf ertönte.

»Biza amapolisa

Die beiden Gauner wirbelten herum. Dann wurden dieselben Worte ein weiteres Mal gerufen, diesmal gleich von mehreren Personen. Sie taten dies in perfekter Übereinstimmung, dass es fast so klang, als kämen sie aus einer Kehle. Der Gauner, der Whispr festhielt, raunte seinem Begleiter etwas zu. Dann knurrten sie einander kurz an, und er steckte sein Messer weg, während der andere den Neuralisierer in der Tasche verbarg. Beide Männer liefen los. Als sie die Mauer des Hotels erreichten, verschwanden sie ebenso wie die Gefahr, die sie dargestellt hatten, in der Dunkelheit. Doch es war nicht so finster, dass Whispr ihren Gesichtsausdruck bei der Flucht nicht hatte sehen können. Diesen kannte er sehr gut, und er sah auf diesem Kontinent auch nicht anders aus als überall sonst.

Irgendetwas hatte ihnen Angst eingejagt.

Nachdem sich Ingrid vergewissert hatte, dass die beiden Räuber tatsächlich geflohen waren, ging sie zu Whispr hinüber. Sie stellte sich dicht neben ihn, achtete aber darauf, keinen Körperkontakt herzustellen. Der Ruf »Biza amapolisa« hallte noch immer in der Dunkelheit wider.

»Was ist das? Was ist hier los? Warum sind die beiden Männer weggerannt?«

»Ich habe absolut keine Ahnung.« Er bemühte sich, in der dunklen Nacht etwas zu erkennen. »Das zweite Wort klang fast so wie ›Polizei‹. Vielleicht hat jemand gesehen, was passiert ist, und die Polizei gerufen.« Er schwieg erneut und lauschte. »Es klang nach mehreren Leuten. Und wenn ich mich nicht irre, waren es Kinder.« Dann verzog er das Gesicht, als er versuchte, irgendetwas zu erkennen. »Es klingt beinahe so, als würden sie singen.«

»Ist doch egal. Wichtig ist nur, dass unsere Angreifer dadurch verscheucht wurden.«

»Da hast du vermutlich recht«, murmelte er. »Aber ich mag das Gesinge nicht, und Kinder mag ich erst recht nicht.«

»Wieder einmal wird mir klar, was für einen angenehmen Reisegefährten ich mir hier angelacht habe«, meinte sie mit einem schiefen Grinsen.

Doch das nahm er ihr nicht übel. »Ein angenehmer Kerl würde dich nicht in die Forschungsanlagen von Saft reinbringen.«

Schließlich hörte das Singen auf. Sie holte tief Luft und genoss die salzige Seeluft, die ihre Lungen erfüllte. »Was immer es auch gewesen ist, jetzt sind wir in Sicherheit.« Mit diesen Worten ging sie an ihm vorbei. »Wir können noch immer in die Stadt gehen, damit du endlich anfangen kannst, Fragen zu stellen.«

Widerstrebend folgte ihr Whispr. »Wir wurden beinahe ausgeraubt, wir sind gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen, und du willst mitten in der Nacht durch eine fremde Stadt laufen?«

Trotz der Dunkelheit war ihr Lächeln deutlich zu erkennen. »Ist das nicht die Tageszeit, zu der die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass jemand wie du die Art von Leuten treffen kann, von denen wir Informationen wollen?«

»Ja, aber …« Er deutete auf den sie überragenden Schatten des Tafelbergs. »Die beiden könnten hier immer noch irgendwo sein.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, die sind weg. Das kann ich spüren.«

»Ach, jetzt kannst du die Anwesenheit anderer Leute also spüren? War das Teil deiner medizinischen Ausbildung?« Sein Blick wanderte an ihr vorbei. »Falls dem so ist, wieso hast du die da nicht auch gespürt?«

Einige Gestalten standen auf der anderen Straßenseite und versperrten den Weg zur Transportzelle. Whispr verspannte sich, wurde aber gleich wieder ruhiger, als er erkannte, dass es sich dabei nur um Kinder handelte. Ein rascher Blick sagte ihm, dass sie bis auf eine Ausnahme zwischen acht und dreizehn Jahre alt waren. Diese deutlich ältere Person näherte sich Ingrid. Zuerst wollte Whispr dazwischengehen, doch er hielt inne, als er erkannte, dass der Mann keine Waffe trug. Außerdem lächelte er.

Das war Whispr auch nicht geheuer, aber er hielt sich zurück.

Sowohl die Worte als auch der Gesichtsausdruck des jungen Mannes spiegelten seine Besorgnis wider. »Geht es Ihnen beiden gut? Ich gehe doch recht in der Annahme, dass Sie Touristen sind?«

»Ich kann beide Fragen mit ›Ja‹ beantworten.« Eine vom Meer herüberwehende kühle Brise strich über Ingrids Wangen, und sie erinnerte sich daran, dass sie dringend wärmere Kleidung kaufen musste.

Der junge Mann war kleiner als sie und Whispr, schlank, gut gekleidet, und er wirkte gepflegt und adrett. Wie die etwa fünfundzwanzig Kinder hinter ihm war er ein Natural. Natürlich mussten all die jungen Menschen Naturals sein, schließlich wusste sie ja, dass man erst mit fünfzehn Jahren legal ein Meld erwerben konnte. Zumindest war das in Namerika so, und wenn sie die Gruppe so anblickte, die sie da aus neugierigen Augen anstarrte, dann schien das im SAHV ebenso zu sein.

»Haben Sie die Räuber verscheucht?«, fragte sie ihn.

»Im Allgemeinen ruft man ja die Polizei, aber das war das erste Mal, dass sie jemand singend herbeigerufen hat.« Whispr versuchte, nicht einmal zu zucken. Er fühlte sich in der Gegenwart vieler unbekannter Personen immer unwohl, selbst wenn es sich dabei um einen Haufen Schulkinder handelte.

»Ja, das waren wir.« Der jugendliche Anführer der Gruppe (er konnte Ingrids Meinung nach nicht älter als neunzehn sein) grinste sie zufrieden an. »Im Angesicht des Herrn werden solche Menschen zu Feiglingen.«

Whispr blinzelte. »Des ›Herrn‹?«

»Wir sind eine A-Capella-Gruppe«, erklärte der Mann. »Wir sehen es als unsere feierliche Pflicht an, die Stadt von derartigen Geißeln wie jenen Männern, die Sie bedroht haben, frei zu halten. Alle A-Capellas sind Freiwillige. Jeder von uns hat sich einen Bezirk ausgesucht, in dem er seine Hilfe anbietet.«

»Das ist ja großartig!«, entgegnete Ingrid.

»Ja, ganz großartig.« Whispr kaufte ihm das nicht ab. Er deutete die Straße entlang an dem Leuchten der Geschäfte von Simon’s Town vorbei, die zu dieser späten Stunde noch offen hatten. »Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen abkaufe, diese beiden beeindruckenden Lods sind weggelaufen, nur weil eine Horde Kinder nach den Bullen gerufen hat?«

»Ah, nicht nur irgendwelche Kinder.« Der Mann strahlte. »A-Capella-Kinder.« Er drehte sich zu seinen jungen Schützlingen um und hob beide Arme.

Daraufhin räusperten sich viele und streckten ihre kleinen Körper. Ingrid holte tief Luft, und Whispr machte einen Schritt nach hinten, als auf einmal völlig unerwartet fünfundzwanzig Waffen gezogen wurden und im Mondlicht glänzten. Die Jungen und Mädchen hielten ein buntes Sammelsurium ungleicher, aber zweifellos tödlicher Waffen in den Händen, die auf deren geringere Größe zugeschnitten waren, und zwar alles von selbstgebastelten Messern über einschüssige Pistolen bis hin zu absolut illegalen umgebauten Neuralisierern. Whispr glaubte sogar, einen oder zwei Injektoren zu erkennen, kleine stiftartige Geräte, die einen einzigen Giftpfeil enthielten und abfeuern konnten. Der kleinen Armee schien es nicht auf Präzision anzukommen, doch wenn diese wundersame Waffenansammlung gleichzeitig abgefeuert wurde, konnte sie schon eine beachtliche Bedrohung darstellen.

Der jugendliche Anführer der Gruppe senkte seine Hände wieder. Whispr zuckte zusammen, aber es wurde keines der zahlreichen tödlichen Geräte abgefeuert. Stattdessen begannen die Kinder zu singen. Ihre kleinen Körper bebten vor Emotionen, in ihren Gesichtern zeichnete sich eine starke Gefühlsregung ab, und ihre Stimmen klangen fast schon engelsgleich. Alle fünfundzwanzig Waffen blieben jedoch gezückt und einsatzbereit.

»Er lehrt meine Hand streiten und meinen Arm einen ehernen Bogen spannen!«, intonierten sie honigsüß, wie sie da an der Straßenseite in Simon’s Town standen.

Da er von der fast schon Hieronymus-Bosch-artigen Kombination dessen, was er sah und hörte, ziemlich verstört war, hätte Whispr die Gelegenheit am liebsten genutzt, um das Weite zu suchen. Aber Ingrid blieb, wo sie war, was ihn eigentlich nicht weiter hätte überraschen sollen, da sie offensichtlich von dem unerwarteten Straßenkonzert fasziniert war. Trotz allem, was sie durchgemacht und überlebt hatten, war es für Whispr offensichtlich, dass sie noch eine Menge zu lernen hatte.

Während die Kinder den Rest des Psalms sangen, sah er an ihnen vorbei. Er fand es bemerkenswert, dass trotz der vielen geöffneten Geschäfte und der noch frühen Stunde keine Menschenseele zu sehen war. Mit Ausnahme des Gesanges war es ruhig auf der Straße. Erfahrene Touristen und Einwohner hatten sich offenbar gleichermaßen dazu entschlossen, das improvisierte Konzert lieber zu ignorieren – oder in Deckung zu gehen, bis es vorüber war. Zweifellos war die Zurschaustellung so vieler Waffen, selbst wenn sie sich in den Händen von Kindern befanden, abschreckend genug, um auf den musikalischen Genuss zu verzichten.

Als der letzte Vers in der Nacht verklang, hielt der Anführer (Chorleiter? Drillsergeant? Whispr wusste es nicht) kurz inne, bevor er erneut die Arme hob. Ein zweites Mal erklangen die vorpubertären Stimmen der ordentlich gekleideten und schwer bewaffneten Seraphim in perfektem Einklang.

»Gepriesen sei der Herr, mein Fels, der meine Hände den Kampf gelehrt, meine Fäuste den Krieg!«

Whispr stand einfach nur da und nahm alles in sich auf. Er konnte Ingrid ja kaum hier stehen lassen, wenn er nicht wusste, was als Nächstes kommen würde. Gut, das konnte er natürlich schon tun, aber er hatte schon zu viel mit ihr durchgestanden, um jetzt abzuhauen. Außerdem wäre er ohne sie auch noch völlig mittellos.

Als der zweite Psalm zu Ende war, drehte sich der Anführer wieder zu ihnen um. Er warf Whispr nur einen kurzen Blick zu und konzentrierte sich ansonsten ganz auf Ingrid. Sein Lächeln war so anbiedernd wie zuvor.

»So haben wir jene, die Sie ausrauben wollten, in die Flucht geschlagen. Sie hatten der Macht des Herrn nichts entgegenzusetzen.«

»Oder den Mündungen dutzender Waffen«, meinte Whispr so leise, dass es der andere nicht verstehen konnte. Er wollte schließlich weder eine Zugabe noch etwas anderes riskieren.

»Wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken sollen«, sprudelte es aus Ingrid heraus. »Der Gesang der Kinder war einfach wunderschön.«

»Vielen Dank. Psalm 18,35 und 144,1. Die mögen die Kinder am liebsten, insbesondere wenn sie wissen, dass es Ärger geben könnte. Und was den Dank betrifft, so muss ich leider zugeben, dass wir nicht gerade mit vielen Mitteln ausgestattet sind. Eine Spende wäre uns daher sehr willkommen, um die Gruppe zu unterstützen und zu fördern.«

Ingrid zögerte nur einen kurzen Moment, sei es aus Vorsicht oder aus ehrlicher Nächstenliebe. »Ich spende gern etwas, aber ich habe kein Bargeld dabei, nur meine Creditkarte.«

»Das ist gar kein Problem.« Der Chorleiter griff in seine Hosentasche und zog eine kompakte, drahtlos operierende Creditkartenverarbeitungseinheit hervor. »Wenn Sie mir einfach eine Summe nennen …«

Sie hatte sich schnell von ihrer Überraschung erholt und eine Zahl genannt. Der Anführer runzelte die Stirn.

»Wir haben Sie vermutlich vor körperlichem Schaden gerettet und auch davor, ausgeraubt zu werden. Und wir haben Ihnen sogar noch etwas vorgesungen. Würden Sie vielleicht noch einmal in sich gehen und überlegen, Ihre Spende eventuell ein wenig zu erhöhen?« Hinter ihm waren Schritte zu hören. Die Kinder, die noch immer ihre verschiedenartigen Waffen in den Händen hielten, kamen näher. Und breiteten sich entlang der Straße aus.

Ingrid starrte den jungen Mann an und warf Whispr danach einen Blick zu. Er hatte ihr jedoch keinen Lösungsvorschlag anzubieten und wünschte sich langsam, er wäre wirklich weggelaufen, als er die Gelegenheit dazu gehabt hatte, ohne auf die Wünsche der Ärztin zu achten.

Daraufhin gestattete sie dem Anführer, eine deutlich höhere Summe in das Gerät einzugeben, die ihn offenbar zufriedenstellte. Vielleicht zog er es aber auch vor, nicht weiter darauf zu drängen, weil jemand tatsächlich die Polizei gerufen hatte. Ein verdächtig aussehender Scooter mit hellen roten und gelben Lichtern näherte sich ihnen rasch aus nördlicher Richtung. Schnell bestätigte der Anführer den Austausch, ließ das Gerät wieder in seine Tasche gleiten, drehte sich um und gab seiner Gruppe ein Zeichen. Die Kinder ließen ihre Waffen in ihren Taschen verschwinden und zerstreuten sich flink, indem sie zwischen den Gebäuden entlang der Straße in den Schatten verschwanden.

Der Scooter kam vor den beiden benommenen Besuchern zum Stillstand. Die beiden Polizisten, die daraus ausstiegen, waren normale Polizei-Melds, schwarz-weiß, mit Waffenhänden und einer Kommunikationsausrüstung, die direkt in die Schläfen ihrer rasierten Schädel eingelassen worden war.

»Wir haben gehört, dass es hier Ärger gegeben hat.« Der Officer, dessen Gesicht eine dauerhafte Verschmelzung aus weißer, kaffeebrauner und pechschwarzer Haut war, wandte sich direkt an Ingrid.

»Uns ist nichts passiert«, murmelte sie. »Ein paar Männer wollten uns ausrauben, aber wir wurden von einer … ›A-capella‹-Gruppe gerettet. Vielleicht sollte ich vielmehr ›befreit‹ sagen.«

Mit einem auf Zulu gemurmelten Fluch drehte sich der zweite Polizist um und untersuchte die nähere Umgebung. Langsam kamen die Passanten wieder auf die Straße zurück, die kurzzeitig zwischen den Gebäuden in der Nähe verschwunden waren. In den Geschäften und Cafés wurden die Unterhaltungen wieder aufgenommen. Der erste Polizist konzentrierte sich weiterhin auf Ingrid.

»Ich hoffe, dass Sie Ihre ›Befreiung‹ nicht allzu viel gekostet hat.«

»Die Bitte um eine Spende kam … unerwartet«, gab sie zu, »aber sie war nicht unerträglich.«

»Das mag für Sie durchaus gelten.« Der Polizist wandte sich von ihr ab und ging auf den wartenden Scooter zu, auf dem noch immer die Lichter blinkten. Sein Partner schloss sich ihm an. »Diese religiösen ›Freiwilligen‹ übernehmen ungefragt die Aufgaben der Polizei. Man sollte sie auslöschen. Aber es ist schwer, Kinder zu beseitigen, die es nur gut meinen, selbst wenn sie dazu benutzt werden, aus anderen Geld herauszupressen. Ich hoffe für Sie, dass der Rest der Nacht angenehmer verläuft. Passen Sie auf, wo Sie hingehen. Bleiben Sie auf der Hauptstraße. Und nehmen Sie sich vor Massengesängen in Acht.« Der Scooter drehte sich auf der eigenen Achse um und schoss den Weg zurück, den er gekommen war.

Whispr trat neben sie. »Willst du noch immer in die Stadt gehen?«

Gedankenverloren kaute Ingrid auf ihrer Unterlippe. »Vielleicht … Vielleicht wäre es besser, wenn wir bis morgen damit warten. Bis es wieder hell ist.« Dann drehte sie sich um und ging auf ihr Hotel zu.

Er nickte. »Gute Idee. Am Tag sieht man mehr, und die Chancen stehen schlechter, dass man von Gott ausgeraubt wird.«

3

Kapstadt hatte Glück gehabt. Anders als viele andere Hafenstädte, die unter dem großen Grönland-Erdrutsch und der Schmelze des Antarktisrandes gelitten hatten, wie New York mit seiner großen Mauer und der Hudson-Tidenbarriere oder London, das zum neuen Venedig geworden war, während das alte Venedig unterging und heute ein Paradies für Taucher darstellte, waren die hohen grünen Berge rings um die südafrikanische Metropole hoch genug gewesen, sodass der Hafen seine ursprüngliche Funktion beibehalten konnte. Die Hafenanlagen, Docks, Lagerhäuser, Hotels und Wohngebäude waren einfach ein Stück weiter die sie umgebenden Berghänge hinaufbefördert worden. Ingrid stellte fest, dass der Anblick dem aus Simon’s Town ähnelte, nur in einem anderen Maßstab, als sie zusammen mit Whispr aus dem öffentlichen Transportwagen stieg.

Sie schlenderten am »Victoria & Albert«-Ufer entlang und gaben sich die größte Mühe, wie ein typisches Touristenpaar zu wirken, doch Ingrid bemerkte, dass Whispr nicht glücklich war. Oder zumindest unglücklicher als sonst. Ihren Gefährten umwehte eine tiefe Melancholie. Er müsste sich doch gut fühlen, dachte sie. Waren sie nicht gerade erst einem potenziell gewalttätigen Überfall entronnen, selbst wenn man sie danach »überredet« hatte, einer hiesigen Kirchengruppe eine größere Summe zu spenden?

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

Seine langen, schmalen Finger deuteten auf die Lichter um sie herum, auf die zufrieden umherspazierenden Paare und die Gruppen schnatternder Touristen, auf das glatte kalte Wasser in der Hafenbucht und die angedockten Frachtschiffe, deren große computergesteuerte Carbonsegel aufgerollt waren und wie Puppen in ihren Kokons wirkten.

»Ich schätze … Ich habe geglaubt, es würde anders sein. Ich dachte, es wäre … keine Ahnung, afrikanisch.« Er schüttelte den Kopf. »Es sieht aus wie in Savannah. Könnte genauso gut Charleston oder Baltimore sein.«

Sie drehte sich zu dem riesigen, wolkenverhangenen Monolithen um, der direkt hinter ihnen aufragte: dem Tafelberg. »Erinnert dich der etwa auch an Savannah?«

»Nein«, gab er widerwillig zu. »Der erinnert mich an einen Migräneanfall, den ich mal hatte.«

»Dich kann wohl nichts zufriedenstellen, was?«, stellte sie fest und seufzte resigniert.

Helle Augen sahen aus einem schmalen Schädel auf sie herab. »Ich will, dass es afrikanisch ist. Es soll exotisch sein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Human" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen