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Hüterin im Himmelsee

© 2018 Lisa Schamschula

Umschlag, Illustration, Satz: Lisa Schamschula

lisaschamschula.com

Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

978-3-7469-2774-9 (Paperback)

978-3-7469-2775-6 (Hardcover)

978-3-7469-2776-3 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALT

Phaoba erinnert sich: Der Ruf

Der Stein

Phaoba erinnert sich: Die verfestigung

Die Pflanze

Phaoba erinnert sich: Die Entscheidung

Das Tier

Phaoba erinnert sich: Die Suche

Der Mensch

Die Engel

Die Liebe

Phaoba erinnert sich: Die Rückkehr

Der Frieden

PHAOBA ERINNERT SICH:

DER RUF

Ein Ruf hallte in den Räumen. Er brachte mein strahlendes Kleid sanft in Schwingung, zog an mir vorüber und verlor sich dann in den Weiten des Alls. Zuerst tat ich ein bisschen taub, wohlig eingebettet in eine kleine Sternengemeinschaft, die ich seit Äonen meine Heimat nennen durfte. Ich war umgeben von geliebten Wesen, mit denen ich meine Aufgaben in Harmonie und Ordnung verrichtete. In einvernehmlicher Gemeinschaft lenkten wir die Geschicke der in unserer Obhut stehenden Planeten und Völker und mein Dasein hätte gerne einfach so weitergehen können. Aber da war dieser Ruf und alles wurde anders.

Der Ruf war eine Bitte um Hilfe und Unterstützung eines kleinen, jungen Planeten in einem fernen Sonnensystem. Ein Planet, der Heimat für Pflanze, Tier und Mensch werden sollte. Ein paar erfahrene Geister wurden benötigt.

Irgendetwas in der Stimme dieses Planeten hatte einen Eindruck hinterlassen. Es rührte mich zutiefst, war so vertraut und liebenswert, dass ein fast mütterliches Gefühl in mir erwachte. Also gab ich mir einen Ruck und blinzelte zu meinem lieben Nachbarn hinüber. Djatil blickte mich bereits aufmerksam an. Offensichtlich hatte auch er das Gefühl, dass es wohl an der Zeit wäre, etwas zu unternehmen. Nun wurde man rundherum aufmerksam und es fand sich am Ende ein ganzes Grüppchen hilfsbereiter Geister zusammen. Wir beschlossen den Aufbruch, wissend, dass mit einem Dimensionswechsel einige unangenehme Dinge und Prüfungen auf uns zukommen könnten. Manche meldeten Bedenken an und mahnten zu äußerster Vorsicht, die meisten aber waren der Meinung, dass es für uns mit Sicherheit kein Problem würde, die Herausforderungen niederer Dimensionen zu handhaben. Auch ich war der festen Überzeugung, diese Aufgabe leichtfüßig erledigen zu können. Wir regelten unsere Geschäfte, bestimmten Vertreter und Nachfolger, und nur wenig später traten wir unsere Reise an.

Als wir unsere Sternenkörper verließen, muss es ausgesehen haben, als hätte ein mächtiger Engel sein funkelndes Kleid geschüttelt. Am Himmel löste sich ein Funkenregen, formierte sich und glitzerte, einer unsichtbaren Bahn folgend, auf einen großen, feurigen Planeten nieder.

Aufmerksam hatte die große Drachenmutter auf dem Feuerplaneten das Schauspiel am Himmel beobachtet. Sie erwartete uns Sternengeister schon lange, denn der kleine Planet am anderen Ende der Galaxie lag ihr sehr am Herzen.

Mit Bedacht hatte die Mutter der Planetenfeuer eine angemessene Menge Dracheneier ausgewählt. Sie wusste, dass nicht jedes aufgehen würde, und nicht jedes ein reines Herz in sich barg. Sie muss wohl auch geahnt haben, dass nicht jeder von uns die Reinheit hatte, die kommenden Prüfungen zu bestehen.

Wir würden unsere Kräfte bis auf ein fast unerträgliches Maß zügeln müssen, um dem jungen Planetenkörper nicht zu schaden. Unser Auftrag war es, ihn zu unterstützen, seine Feuer zu beherrschen und in geordnete Bahnen zu leiten. Dann sollten wir die Drachen zu den Kraftzentren des Planeten führen, damit diese unerschrockenen Geister dessen feurige Nervenbahnen bewachen könnten. Das stabile Netz würde allen Naturreichen, denen dieser Planet Heimat werden sollte, Kraft und Orientierung geben.

In ihrer Jugend sollten wir die Drachen noch beschützen und anleiten. Sobald sie erwachsen wären und die Feuer der Erde selbstständig beschützen und hüten könnten, wäre unsere Mission beendet und wir würden wieder die Heimreise antreten.

Als ich das für mich bestimmte Ei entgegennahm, blickte mich die Drachenmutter liebevoll an und für einen kurzen Moment hatte ich den Eindruck, eine Träne in ihren Augen glänzen zu sehen. Ehrfürchtig nahm ich das kostbare Ei an mich. In diesem Augenblick wurde ich zur Drachenmutter. In diesem Augenblick schien es mir unmöglich, dass irgendetwas mich und das kleine Wesen trennen könnte. In diesem Augenblick war unser beider Schicksal verbunden.

DER STEIN

Majestätisch leuchtet der riesige, rote Felsen in der Nachmittagssonne eines heißen Junitages. Nur ein einziges, kleines Wölkchen wagt es, den makellosen Himmel über dem noch schneegeschmückten Rosenjoch zu zieren. Unten im Tal schlagen vertraut die Glocken der Kühe, die gemächlich würzige Almkräuter in ihren Mäulern zermalmen.

Vik steht still an den warmen Felsen gelehnt und saugt die klare Bergluft auf. Ihr Blick haftet an einem kleinen Punkt weit über ihr. Hoch in der Luft schraubt ein Adler sich mühelos, Runde um Runde, in die Höhe. Als sie ihn entdeckte, war er noch weit unter ihr im Tal. Jetzt, nur Minuten später, kreist er Hunderte von Metern über ihr, ohne ein einziges Mal mit den Flügeln geschlagen zu haben.

Und sie? Vier Stunden hat sie für die Überwindung dieser Höhe gebraucht. Vom Parkplatz des kleinen Bergdorfes am Talausgang war sie mit dem Mountainbike das Waldsträßchen hoch gestrampelt, hatte es hinter einer alten Lärche und einem Felsblock im Almgebüsch versteckt, um dann den schmalen Steig durch Latschenkiefern und über Geröllfelder hinauf zu steigen, bis nur noch niedrige Gräser, Kräuter und Flechten die Steinfelder durchzogen. Sie ist oft in den Bergen. Immer wenn Zeit und Wetter es irgendwie zulassen, sucht sie die Stille dieser großen, vertrauten Steinriesen. Auch dieses Tal kennt sie schon. Heute aber ist etwas anders. Sie hat sich nicht getraut, jemandem davon zu erzählen.

Vor ein paar Tagen hatte sie das Gefühl, dass ein Tal sie ruft oder „Jemand“ in diesem Tal. So genau konnte sie das nicht sagen. Vik machte gerade eine Pause von der Arbeit, stand am Fenster in ihrer Stadtwohnung und betrachtete den Hausberg mit seinem imposanten Sendemasten, als sie etwas hörte, oder vielmehr sah, oder besser gesagt vernahm? … Sie wusste bei Gott nicht, wie man das nennt. Es war wie ein Ruf oder eine Einladung. Sie stellte ihre Teetasse ab, ging zum Computer und sah nach, wie das Tal hinter dem Hausberg heißt. Vor einigen Jahren war sie dort schon einmal im Abstieg vom Rosenjoch hinuntergegangen. Es ist ein kleines, eher stilles Tal. Unterhalb der Baumgrenze steht ein Gasthaus, zu dem eine Privatstraße durch den Wald führt. Der Parkplatz für Gäste liegt einen zweistündigen Fußmarsch entfernt an der Talmündung und fasst höchstens zehn Autos. Das ist wohl auch der Grund, warum in diesem schönen Tal nicht so viel los ist wie in den Berggasthäusern und Almen rund um die Stadt. Sie hatte sich in diesem Moment eigenartig feierlich gefühlt, als hätte sie eine Einladung zur Audienz bei einem Regenten erhalten. Diesen Gedanken fand sie so romantisch, dass sie, ohne lange zu überlegen, beschloss, dieser „Einladung“ zu folgen und bei nächster Gelegenheit in dieses Tal zu fahren. Und das ist heute, Pfingstsonntag, nur ein paar Tage nach dieser eigenartigen Einladung.

Der Ruf war so stark in ihr geworden, dass sie sich auch nicht davon hatte beirren lassen, dass unten kein Parkplatz mehr frei gewesen war. Nachdem sie auf den überfüllten Parkplatz eingebogen war, hörte sie sich selbst verwundert und mit ungewohnt fester Stimme, sagen: „Das akzeptiere ich so nicht. Ich soll da hinauf. Ich bin verabredet und da gibt es ja wohl einen Platz für mich.“ Es gab aber keinen. Einige Minuten stand sie so, mit laufendem Motor auf dem Parkplatz. Unschlüssig. In einem Moment überlegte sie alternative Ausflugsziele und hielt das Ganze für eine fixe Idee, im nächsten Moment war sie erfüllt von der Gewissheit, eine dringende und wichtige Verabredung zu haben. Dann war eine klare Kraft in ihr, die diese Situation so nicht annehmen wollte.

Während sie in innerem Dialog mit sich rang, beobachtete sie, wie ein älterer Mann aus dem einzigen Haus am Waldrand trat und auf seinen Carport zuging. Plötzlich wusste Vik, was zu tun war. Sie schaltete den Motor ab, stieg aus dem Wagen, ging ein paar Schritte auf den Mann zu und fragte ihn, ob sie sich auf einen seiner beiden Parkplätze stellen dürfe. „Ja, freilich“, meinte dieser hilfsbereit. „Mein Sohn kommt erst am Dienstag wieder. Stell dich nur auf seinen Platz.“ Sie wäre ihm beinahe um den Hals gefallen. Einen kurzen Moment standen sie sich gegenüber und sahen sich freundlich lächelnd an. In diesem Augenblick war sie sich nicht einmal sicher, ob es nicht sogar er gewesen war, der sie gerufen hatte. Sekundenlang gab es keine Zeit und keinen Raum. Dann lösten sie einvernehmlich den Blick voneinander, wünschten sich höflich einen schönen Tag, er fuhr aus dem Carport heraus und sie parkte ein.

Der Adler ist mittlerweile hinter der vollkommen gleichmäßigen Gipfelpyramide der Karspitze ins Nachbartal abgetaucht. Vik wendet sich dem warmen Felsen zu und legt beide Hände darauf, als wolle sie mit ihm sprechen, als könne dieser eine Antwort auf alle Fragen geben, als wisse er das tiefste Geheimnis. Der Stein aber schweigt. Sie ist ein bisschen unschlüssig, was sie hier soll, dann jedoch wendet sie sich plötzlich entschieden dem schmalen Pfad zu, der an der Seite des Felsens in die Höhe führt, und steigt hinauf. Oben angekommen, setzt sie sich auf den vom Gletscher rundgeschliffenen Fels und lässt ihren Blick über das Tal schweifen. Alles in ihr kommt zur Ruhe. Stille. Innen, wie außen.

„Lange kann ich hier nicht bleiben“, denkt sie dann wieder, „der Abstieg wird mich ungefähr zwei Stunden kosten.“

„Das weiß ich“, sagt eine Stimme. Vik fährt herum. Nichts zu sehen. „Nicht erschrecken. Bitte“, sagt die zarte, weibliche Stimme. Vik schaut sich immer noch um. Ihr Puls hämmert in den Ohren. „Beruhige dich, Viktoria“, besänftigt die Stimme.

Augenblicklich fährt der Puls wieder auf sein normales Tempo zurück. „So ist es gut. Es ist noch ungewohnt für dich und noch kannst du mich nicht sehen, aber das wird sich bald ändern. Schön, dass du gekommen bist“, sagt die sanfte und doch ein bisschen kecke Stimme.

„Wer bist du?“, fragt Vik.

„Du musst nicht laut sprechen. Ich höre dich auch, wenn du denkst.“

Vik erschrickt. „Wenn ich denke? Ja, dann weißt du ja alles, was ich denke?“

„Mich interessiert nicht alles, was du denkst. Wenn du es an mich richtest, dann interessiert es mich auch … na ja … und manche anderen Gedanken.“

„Was meinst du damit?“

„Du hast dich die ganze Zeit gefragt, ob der Pfurtscheller Hannes nicht derjenige war, der dich gerufen hat. Stimmt’s?“ Vik schießt die Hitze in den Kopf. Die Stimme kichert ausgelassen, verstummt dann aber plötzlich.

„Oh, Entschuldigung. Ich bin ja vielleicht unhöflich. Du hast unseren Ruf gehört, das tut nun wirklich nicht jeder, bist dem auch gefolgt, und das können noch weniger Menschen, und dann hast du auch noch so einen beschwerlichen Weg auf dich genommen. Sogar ein Hindernis hast du aus dem Weg geräumt. Und ich stelle mich dir nicht einmal vor. Liebe Viktoria, ich bin Arahal, die Tochter von Legorn, dem Fürsten dieses Tals. Wir sind Bergelben.“ Vik weiß zuerst nicht, was sie sagen soll, sie hört diese Stimme zwar deutlich, doch in ihr ringen die Kräfte des Verstandes. Wie würde das wohl ein Psychiater nennen, wenn sie ihm das beschriebe? Hat sie noch alle Tassen im Schrank? Sie sitzt hier nach einer recht anstrengenden Bergtour bei sommerlicher Hitze in 2400 Metern Höhe auf heißem Felsgestein. Da meinen vielleicht einige, mit einer Elbenfürstentochter zu plaudern. Oder hat sie doch zu viel „Herr der Ringe“ gesehen?

„Nein, nein, nicht zweifeln, das macht alles kaputt, Viktoria. Es gibt mich wirklich und wir haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen.“ Arahal schweigt einen Moment, dann fährt sie langsamer fort. „Und du unsere, wie ich annehme.“ Diese Worte ziehen Vik wieder ganz in ihren Bann und alle Zweifel sind vorerst beiseite geschoben. Die Neugier überwiegt. „Wie? Wie soll ich euch denn helfen und wie könnt ihr mir helfen? Brauche ich denn Hilfe? Ich bin mir dessen nicht bewusst. Und wer ist überhaupt ‚wir‘?“

„Ach, ja, ja, ich muss das anders angehen, Viktoria. So viele Fragen, so viele Dinge, die du wissen musst. Und wir haben nicht viel Zeit, denn du solltest bald wieder absteigen, um nicht in die Dunkelheit zu geraten. Hier kannst du ja nicht bleiben. Du schläfst zu gerne lange. Es wäre besser, wenn du nächstes Mal ein bisschen früher aufstehst.“ Dem leicht belustigten Tonfall in Arahals Stimme ist so viel Liebenswürdigkeit beigemischt, dass Vik sich völlig entwaffnet fühlt. Sie muss über sich selbst schmunzeln.

Arahal lacht. „Und? Wirst du nächstes Mal früher kommen?“

„Nächstes Mal? Wann soll ich denn wieder kommen?“ „Wenn du Zeit hast.“

„Ach so. Ihr habt hier wahrscheinlich keine Zeit, oder?“ „Doch“, sagt Arahal ernst, „aber anders.“

„Hm. Gut. Arahal wie kann ich euch nun helfen? Und wie wollt ihr mir helfen? Ich meine … ihr seid nicht mal sichtbar.“

„Na ja, Parkplatzbeschaffung geht schon, oder?“, deutet Arahal keck an.

„Wie? Das wart Ihr? Das glaube ich jetzt aber nicht. Wenn Ihr wolltet, dass ich hierherkomme und ihr einen Parkplatz beschaffen könnt, warum habt ihr mir dann nicht einfach einen freigehalten? Das wäre doch viel einfacher gewesen.“

„Einfacher schon … aber, weißt du, der Mensch, der uns helfen kann, braucht eine besondere Willenskraft, und verzeihe, aber die mussten wir prüfen. Die Minuten, die du auf dem Parkplatz standest und die Gedanken in dir kämpften, haben wir hier in größter Spannung verbracht und gehofft und gebangt, ob du es schaffst, ob du der Mensch bist, der uns helfen kann. Dem Hannes einen Gedanken zu geben fällt uns leicht. Er kann zwar nicht richtig mit uns sprechen, aber er fühlt uns und ist ein guter Freund. So kam ihm dann halt plötzlich der Gedanke, dass er seine Schwester besuchen sollte.“

Vik hat das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihr ganzes Weltbild passt nicht. Das begann zwar schon in dem Moment zu wanken, als sie da am Fenster stand und „den Ruf“ empfangen hatte. Dies jedoch konnte man noch unter „Einbildung“ einsortieren, aber das hier? Sie weiß nicht, was sie mehr irritieren soll: Die Dinge, die diese Arahal ihr erzählt, oder die Tatsache, dass ihr das, was sie sagt, eigentlich gar nicht komisch vorkommt, sondern, im Gegenteil, ganz vertraut klingt.

„Ja, natürlich kennst du das, was ich dir erzähle. Das ist dir gar nicht neu und du kennst uns auch. Nicht uns speziell, aber uns Naturgeister. Du wirst dich erinnern Viktoria. Bald. Es hat etwas gegeben. Das hat dich von uns getrennt, das hat dich von dir getrennt und von dem, der uns alle erschaffen hat.“

Vik ist irritiert. „Was meinst du damit?“, protestiert sie. „Ich fühle mich nicht von mir getrennt und wenn du Gott meinst, auch von ihm fühle ich mich nicht getrennt. Gut. Ich gehe vielleicht nicht in die Kirche, aber ich fühle mich ihm in den Bergen halt näher als in einer Kirche. Und von euch getrennt? Na ja, wir sprechen doch miteinander. Also können wir doch nicht ganz getrennt sein, oder?“

„Ja …“, sagt Arahal und schweigt.

Dann fährt sie unternehmungslustig fort: „Weißt du, wir sollten mit dem Unterricht beginnen.“

„Welchem Unterricht?“ Vik hat das Gefühl, auf der Leitung zu stehen und so langsam wird sie auch unwillig. Was will Arahal? Was für ein Unterricht? Sie wollte doch ihre, Viks, Hilfe und nun soll sie irgendetwas lernen.

„Viktoria, du kannst uns nur helfen, wenn du verstehst, wenn du alles verstehst. Es gibt etwas, was die Ordnung hier stört. Nein, besser, was sie schon gestört hat. Nein …“, Arahals Stimme klingt niedergeschlagen, „… eigentlich ist sie ganz durcheinander. Es geht darum, diesen Ort hier zu retten. Einen Ort zu heilen, heißt viele zu heilen, denn alle Orte sind miteinander verbunden. Die vorgegebene Ordnung ist heilig. Darum will ich dir von der Ordnung erzählen. Bitte, Viktoria, wirst du wiederkommen?“

Vik ist überwältigt von der Woge der Gefühle, die Arahals Worte in ihr ausgelöst haben. Ordnung. Heilig. Unordnung? Etwas in ihr schwingt mit diesen Worten. Ein noch unbekannter Schmerz bemächtigt sich ihrer. Tränen füllen ihre Augen. Sie will mehr wissen. Ja, sicher wird sie wiederkommen. Sicher will sie wissen. Sicher will sie lernen.

„Fein!“, sagt Arahal sachlich, „dann beginnen wir!“, und sie fährt in süßestem Grundschullehrerinnen-Tonfall fort: „Schau dich einmal um. Hier auf dem Felsen liegen viele kleine Steine. Suche dir einen aus, der dir gefällt.“ Vik schaut neben sich auf den Felsen. Überall in den Furchen, die das Gletscherwasser über Jahrtausende in den Stein gegraben hat, die Eis und Sonne gesprengt haben, wachsen jetzt kleine Kräuter und Blümchen auf spärlichem, steindurchsetztem Sand. Ein größerer Stein scheint ihr regelrecht zuzuzwinkern. Es ist ein Stück Glimmerschiefer, der wohl von etwas weiter oben stammt. Vik prüft die Hänge der umgebenden Berggipfel, kommt aber zu keinem befriedigenden Ergebnis und greift nach ihm. Er steckt noch halb in der Erde. Die Unterseite ist ein bisschen feucht und sandig. Mit viel Fantasie könnte er ein etwas eckiges Herz sein.

„Du hast ihn gefunden! Jetzt schließe die Augen und fühle ihn. Was er wohl schon erlebt hat? Millionen Jahre ist er auf dieser Erde, wurde von Feuer, Hitze und Druck geformt, und von Eis, Wasser und Wind geprägt. Große Meere und kleine Bäche hat er gesehen. Er weiß dir viel zu erzählen.“

„Ein Stein soll mir also etwas erzählen. Ah ja …“, denkt Vik. „Aber was hat das denn nun mit Ordnung zu tun?“

„Es ist ein Stein. Ein Vertreter des ersten Naturreichs. Und von den Naturreichen will ich dir berichten“, sagt Arahal munter.

„Ach so“, meint Vik trocken. „Welche Reiche meinst du? Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen?“

„Ja, genau, Viktoria. Und wir beginnen mit dem ersten Reich, dem Mineralreich. Aber nicht alles heute denn du musst bald absteigen. Nimm deinen Stein mit. Du wirst einiges verstehen, wenn du ihn bei dir hast. Ein paar Dinge gebe ich dir jedoch noch mit auf den Weg:

Das erste Naturreich liegt mir ganz besonders am Herzen. Nicht nur, weil mich der Anblick der funkelnden Steine und des Goldes auf der Krone meines geliebten Vaters immer wieder aufs Neue begeistert, nein, weil dieses Reich alles in sich birgt, was in anderen Reichen dann erst in Erscheinung treten kann und die wundersamen Wandlungen der Fortentwicklung nimmt. Denn so gilt die Regel: Jedes Naturreich hängt von der Existenz des vorangegangenen ab und gibt ein Opfer an das darauffolgende Reich. Die Pflanzen ernähren sich von Licht, Wasser und dem Mineralreich. Die Tiere ernähren sich von Licht, Wasser, Mineral und Pflanze. Der Mensch ernährt sich von Licht, Wasser und allen darunter liegenden Reichen, also Mineral, Pflanze und Tier, wenn er nicht auf Letzteres freiwillig verzichtet. Was der Mensch hier erlebt und an Erfahrungen sammelt, ist wiederum die Nahrung für das nächste Reich. Das Reich, das man am ehesten als das Reich der Geister und Engel bezeichnen kann. Mineralien gehören also dem untersten Naturreich an, aber dies ist für mich nicht als das Niederste zu verstehen. In ihm ist, wie in einem immensen Computer, alles gespeichert, was sich dann in den nächsten Reichen auf das Wunderbarste entfaltet. Dein Stein birgt also das ganze Potenzial an Ordnung, Weisheit, Schönheit, Intelligenz, Kraft und Liebe der gesamten Schöpfung in sich. In etwa so, wie in einem Samen schon der ganze Baum enthalten ist. Wenn du dem Stein in deiner Hand für dies alles Respekt und Dank zeigen willst, dann drücke ihn jetzt einmal kurz ganz fest. Ich bin mir sicher, dass er sich freut und dir ein großes Geschenk bereitet.“

Vik fühlt ein Pulsieren in der Hand, in der ihr Stein liegt, und ein wohliges Gefühl der Verbundenheit mit allem was ist, erfüllt sie. Aller Unmut, Misstrauen und Zweifel sind nicht mal mehr eine Erinnerung. Und obwohl der Abend sich bereits in das Tal senkt und kühle Böen über ihre Haut streichen, fühlt sie eine wonnige Wärme um sich herum. Dennoch ist es Zeit aufzubrechen.

Die Sonne ist schon seit einiger Zeit hinter dem Hausberg verschwunden und das Tal liegt bereits dunkel unter ihr. Geschickt wickelt Vik den Stein in ein Taschentuch und schiebt ihn liebevoll in das kleine Seitenfach ihres Rucksacks. Sie nimmt noch einen Schluck aus ihrer Wasserflasche, schwingt sich auf und springt ein paar Schritte über die Felsrinnen auf den schmalen Pfad an der Seite des Felsens.

„Arahal?“, fragt sie.

„Ja?“

„Wie weit geht denn das Reich deines Vaters?“

Nach einer kleinen Pause vernimmt sie Arahals traurige Stimme „Es ist bedeutend kleiner geworden, als es mal war.“ Nach einer weiteren Pause meint Arahal wieder munterer: „Du triffst mich hier – jederzeit. Du musst dich nicht anmelden.“

Und sie lacht ein ganz feines, silbriges Lachen.

„Ja“, meint Vik, „aber hoch steigen“.

„Das schon. Freie Parkplätze dürfte es in Zukunft jedoch wieder geben.“

Nun muss Vik lachen. „Ich komme bald!“, ruft sie jetzt laut. „Auf Wiedersehen!“ Schon springt sie den Steig hinunter. Es wird deutlich kühler und sie muss sich wirklich beeilen. In ihrem Herzen erreicht sie Arahals Abschiedsgruß als eine Woge warmer Glückseligkeit.

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„Ich glaube, sie hat mich gut verstanden“, wendet sich Arahal an Ihren Vater, als Vik außer Hörweite ist. „Meinst du, sie kann es schaffen, uns zu helfen?“

„Sie ist guten Willens, sie ist unerschrocken und folgt ihrer Intuition, so gut es geht“, meint Legorn nachdenklich zu seiner Tochter, als er Vik hinterherschaut. „Sie hat gute Eigenschaften.“

„Aber … ich weiß es nicht, Arahal“, meint er und Arahal hört einen besorgten Klang in seiner Stimme mitschwingen.

„Ja, sie ist guten Willens“, wiederholt er, „aber sie glaubt nicht an ihre Fähigkeiten. Sie neigt zum Zweifel und das nimmt ihr die Kraft.“ Er schaut Arahal direkt an: „Ich fürchte, sie braucht Unterstützung.“

„Meinst du, Hannes kann helfen?“, schlägt Arahal vor.

„Vielleicht ein bisschen, Arahal … aber wahrscheinlich reicht das nicht aus“, meint Legorn nachdenklich und schaut Hilfe suchend zur Karspitze hinüber. „Wir sind ja hier im Tal nicht die Einzigen, die Viktorias Hilfe benötigen.“ Laut und mit Nachdruck ergänzt er: „Oder?“

„Es gibt eine Lösung, Vater!“, meint Arahal mit besänftigender Stimme. „Ich bin sicher, es gibt eine Lösung, wir sehen Sie nur noch nicht.“

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Die Fahrt durch den Bergwald kostet Vik alle Konzentration, denn obwohl es eigentlich noch nicht richtig dunkel ist, reicht das Licht an manchen Stellen im Wald kaum mehr, um die nächsten Streckenmeter zu beurteilen, und sie muss äußerst vorsichtig und langsam ihr Rad über die Rinnen durchsetzte Fahrstraße lenken. Froh, dass alles gut gegangen ist, kommt sie am Auto an. Hannes Pfurtschellers Auto steht schon neben ihrem. Nach dem ihr Rad im Kofferraum verstaut ist, schaut sie zu seinem Haus hinüber. Ein Fenster ist hell erleuchtet. „Wahrscheinlich die Küche“, denkt sie, steigt in ihr Auto und rollt aus dem Carport. Plötzlich bleibt sie stehen. Sie stellt den Motor wieder ab und schaut auf das Fenster. Dann betrachtet sie das ganze Haus. Es ist das einzige Gebäude hier am Ortsrand. Die nächsten Häuser stehen weiter unten, wo der Weg in die Passstraße mündet. Das dunkel gestrichene schlichte Holzhaus mit weißen Fensterrahmen und blauen Läden ist sicher schon 80, 90 Jahre alt.

„So wird heute nicht mehr gebaut“, denkt sie und fühlt sich an das Haus ihrer Großeltern erinnert. Es dürfte aus derselben Zeit stammen. Der Carport jedoch ist sicher nicht älter als ein paar Jahre. Das Holz ist viel heller, er passt aber eigenartigerweise trotzdem gut zu diesem Haus. Zumindest stört er gar nicht. Die Dämmerung, dieses Haus, der Mann …

Auf einmal ist sie nicht mehr hier, sondern Hunderte Kilometer weiter im Norden. Sie sieht sich wieder unter dem alten Apfelbaum im Garten ihrer Kindheit, dem Besitz Ihrer Großeltern, stehen. Aufgewühlt und ängstlich schaut sie zu dem dunkelbraun gestrichenen Holzhaus mit weißen Fensterrahmen und blauen Läden. Ein tiefer Schmerz durchfährt sie und sie hört wieder die Stimmen ihrer Eltern und Großeltern, wie sie sich hilflos anschreien. Es ist ein großer Streit und es geht um das Haus, um das Erbe, um Geld. Irgendetwas muss sich über viele Jahre und vielleicht Generationen in dieser Flüchtlingsfamilie angestaut haben. Jetzt kommt alles heraus: das Trauma des Krieges, die Erinnerung an den Verlust der Habe und der Heimat. Ängste, Vorwürfe, Schuldzuweisungen, bittere Enttäuschung. Es sind Hilferufe enttäuschter Liebe. Schreie, die die Luft zerreißen. Schreie, die Viks Kindheit beendet haben.

Die Bilder jagen durch Viks Kopf: Der Garten. Der Wald. Der Berg. Laue Juninächte wie die heutige, erfüllt vom Duft des Jasminbuschs, der über und über mit leuchtend weißen Blüten geschmückt war. Ganze Wolken blass zarter Glühwürmchen am Waldrand. Elfen, Faune und der Gnomenfürst. Ihre Freunde. Ihre Freude. Sie hatte das alles vergessen. Wie konnte sie das alles vergessen haben? Plötzlich sieht sie vor sich all diese Wesen wieder. Die geliebten Begleiter ihrer Kindheit, wie sie in den Büschen unter den Blättern wohnen. Stundenlang hat sie oft so dagesessen und nichts getan. So wie heute auf dem großen Stein. Vertieft in liebe Gespräche, die nirgendwo anders stattfanden als im Herzen. Alles war belebt, beseelt, alles liebte sie und sie liebte alles. Dann zerreißen wieder die Schreie das schöne Bild und es ist nur mehr eines zu sehen: ein Riss.

Die Entscheidung ihrer Eltern war unumstößlich: Wir gehen! Es war wie eine Flucht. Das hatten sie ja schon einmal erlebt und wussten damit umzugehen. Sie nahmen nichts mit. Von nun an lebten sie nur noch in der Stadt. In der verhassten Stadt. Irgendwann verwandelte sich dann der Hass in Gleichgültigkeit. Es war halt so. Heimatlos, was denn sonst? Wie man damit umgeht, haben die Eltern ja vorgelebt. Versteinerung. Lieber nichts fühlen, als diesen Schmerz.

Nun sitzt sie im Auto und weint, weint, weint. Sie krümmt sich vor Schmerz, als müsse sie nun alles durchleben, vor dem sie sich doch so erfolgreich geschützt hatte. Die Worte Arahals, die sie vorhin überhaupt nicht verstehen konnte, ja, die großen Widerstand wachgerufen hatten, klingen jetzt in ihrem Herzen. „Du wirst dich erinnern, Viktoria. Bald. Es hat etwas gegeben. Das hat dich von uns getrennt, das hat dich von dir getrennt und von dem, der uns alle erschaffen hat.“

Was war es denn gewesen, das sie aus ihrem Paradies gestoßen hatte? War es der Streit? War es die Flucht? War es die Stadt? Sie hat das Gefühl, vor einem Trümmerhaufen zu stehen, nichts zu begreifen. Es scheint alles so unlösbar.

Gerade kramt sie in ihrem Rucksack, um den Stein herauszuholen, in der Hoffnung, diese pulsierende Kraft und Glückseligkeit, die er ihr vorhin geschenkt hatte, wieder zurückzuerlangen, da sieht sie den Hausbesitzer auf ihr Auto zukommen. Sie hat vollkommen vergessen, dass sie immer noch auf seinem Grundstück steht und beginnt sich bereits Ausreden zu überlegen. Wichtiges Telefonat, etwas gesucht … Sie steigt aus und stützt sich ein bisschen zu lässig auf die Autotür, um ihn zu empfangen. „Guten Abend, wie war es bei Ihrer Schwester?“

„Sie war gar nicht da, aber woher weißt du, dass ich zu meiner Schwester fahren wollte?“ Er sieht sie prüfend an.

Vik erschrickt. Du liebe Güte, dass weiß sie ja von Arahal! „Oh!“, stottert sie, „hatten Sie das nicht gesagt?“

„Hatte ich nicht, nein.“ Und nach einer unangenehmen Pause fügt er nachdenklich hinzu: „Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern.“

Seine klugen, fast schwarzen Augen ruhen sanft auf ihr. Vik wird es ganz heiß.

„Hattest du eine schöne Bergtour?“, rettet der alte Mann die Situation.

„Ja, ich war oben bei den roten Felsen.“

„Ah, das ist ein schönes Platzl. Da bin ich gern. Ich wollte eigentlich nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Weil du schon eine ganze Weile hier stehst, dachte ich, es geht dir vielleicht nicht gut.“ Er schaut ihr tief in die Augen, dann sagt er nachdenklich: „Ja, der rote Felsen. In ihm ist eine Kraft. Dort sind Geister, die vieles wieder heilen und in eine gute Ordnung bringen können. Aber weißt, wenn man aufräumt, dann gibt es halt erst noch ein bissl mehr Unordnung. Alles wird aus den Schubladen und Kästen herausgekramt, es liegt noch mehr auf dem Boden als zuvor und man kann sich gar nicht vorstellen, wie das wieder geordnet werden soll. Lass es einfach einmal so liegen oder Schmeiß den ganzen Müll dort unten in den Bach, wenn du vorbeifährst. Der nimmt dir geduldig den Scherbenhaufen ab. Die Ordnung, die der Fels dir schenkt, ist eine Ordnung, die du nur geschehen lassen kannst. Warte. Das wird schon. Alles sortiert sich ganz von selbst ins rechte Fach. Es ist nur jetzt erst einmal nicht so schön. Aber, freu dich, das geht schnell vorbei. Und du wirst sehen, wenn du den Müll in unserem Mühlbachl abgeladen hast, wird es dir gleich viel besser gehen!“ Aus seinen Augen spricht so viel Mitgefühl, dass Vik mit einem Mal ganz ruhig wird. Die Stürme von eben klingen bereits ab und in ihr wachsen Frieden und Zuversicht.

Sie bedankt sich bei ihm mit leiser Stimme, dann verabschieden sie sich und Vik spürt, dass es kein Abschied, sondern vielmehr der Beginn von etwas ist. Jetzt ist sie aber viel zu müde, um diesem Gedanken nachzugehen. Sie startet den Motor, macht tatsächlich noch Halt am Bach, kippt ihr Gedankengewurschtel dort hinein und fährt nun mit einem Gefühl, als wäre heute ein ganz normaler Ausflugstag gewesen, wieder hinunter in die Stadt.

Sie hat den Stein in ihrem Rucksack völlig vergessen. Als sie abends nach Hause gekommen war, fiel sie einfach nur noch ins Bett. Am Tag darauf war sie mit Freundinnen zu einem Ausflug verabredet. Es wurde viel geredet und gelacht und eigentlich nichts gedacht. Eine sonnige und angenehme Ablenkung. Am nächsten Tag hatte der Entwurf für eine Arztpraxis sie wieder völlig vereinnahmt. Seit sie vor zwei Wochen damit begonnen hatte, rief fast täglich einer der Ärzte der Gemeinschaftspraxis an und hatte wieder Änderungswünsche. Obwohl es eigentlich immer nur Kleinigkeiten waren, wurde der Entwurf dadurch nun schon zwei Mal völlig umgeworfen. Und zu allem Überfluss stagnierte die Baustelle in einem Privathaus, weil Alois, ihr Haus- und Hoftischler, anscheinend in Terminschwierigkeiten steckte. Er erklärte ihr, sein Geselle sei auf Hochzeitsreise. „Es sei dem Gesellen ja gegönnt“, denkt sie, „aber dass sein Chef deshalb kaum ans Telefon zu bringen ist, brauche ich jetzt eigentlich nicht.“ Genervt steht sie vom Schreibtisch auf, holt sich einen Apfel aus der Küche und geht ans Fenster.

Wolken verdecken heute den Gipfel des Hausbergs. Nur der Sendemast spitzt oben ein Stück aus den weiß

strahlenden, wattigen Wolken. Der Himmel darüber ist makellos blau. Sie schaut auf die Wolkenformen, die ganz langsam an den Rändern immer wieder kleine Grüppchen bilden, durchscheinender werden, sich auflösen. Einmal sieht es so aus, als ob dort ein Drachenkopf aus den Wolken schaut. Eine lange Flamme züngelt aus der weit aufgerissenen Schnauze. Dann bricht ein kleines Loch im Kopf auf und das Urzeittier schaut sie direkt an. Als eine Wolke sich von oben über das Auge schiebt, hat Vik das Gefühl, er zwinkere ihr zu. Darauf löst sich die Flamme vom Maul, wird immer transparenter, steigt auf, teilt sich in kleine Wölkchen und verschwindet. Das Auge des Drachen ist mittlerweile bedrohlich groß geworden, dann bricht der Kopf darüber auf und der Drache hat sich in eine Krone verwandelt. Oben auf den wolkigen Zacken kann sie sich sogar Edelsteine vorstellen. Edelsteine auf einer Krone! Arahal! Der Stein! Wie konnte sie das vergessen?

Schnell legt sie den angebissenen Apfel zur Seite und geht zum Rucksack, der immer noch genauso wie sie ihn am Sonntag abgelegt hatte, an der Garderobe lehnt.

Mittlerweile ist der Stein ganz trocken. Der Sand auf der Unterseite ist zum Teil im Taschentuch gelandet, um nun auf ihren Fußboden zu rieseln.

„Ach, Viktoria!“, entfährt es ihr streng. So nennt sie sich eigentlich immer nur, wenn sie sich über sich selbst ärgert. Genau so wie ihre Eltern es getan hatten. Ansonsten ist sie für alle Vik. Sie schnappt sich einen Lappen von der Armatur und wischt über die Kacheln.

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