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How Music Got Free

 

STEPHEN WITT

HOW MUSIC GOT FREE

Wie zwei Erfinder, ein Plattenboss und ein Gauner eine ganze Industrie zu Fall brachten

Aus dem Amerikanischen
von Markus Bennemann

 

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Einleitung

Ich bin ein Mitglied der Piratengeneration. Als ich 1997 mein Collegestudium antrat, hatte ich noch nie von einer mp3 gehört. Am Ende des ersten Semesters hatte ich meine zwei Gigabyte große Festplatte mit Hunderten illegal heruntergeladener Songs vollgepackt. Bis zu meinem Abschluss waren daraus sechs Festplatten mit einer Größe von jeweils 20 Gigabyte geworden, alle voll. Als ich im Jahr 2005 nach New York zog, bestand meine Sammlung aus insgesamt 1500 Gigabyte Musik, was nahezu 15 000 Alben entsprach. Es dauerte allein eine Stunde, bis sich meine Musikbibliothek im Abspielprogramm aufgebaut hatte, und waren die Titel alphabetisch nach den Namen der Interpreten geordnet, hätte man eineinhalb Jahre ununterbrochen Musik hören müssen, um von ABBA bis zu ZZ Top zu gelangen.

Ich betrieb Musikpiraterie im großen Stil, erzählte jedoch niemandem davon. Mein Geheimnis für mich zu behalten war nicht schwer. Ich hing nie in Plattenläden herum und legte auch nicht als DJ bei Partys auf. Ich beschaffte mir die Dateien über Chat-Kanäle sowie über Napster und BitTorrent; ein Album von meinem eigenen Geld gekauft habe ich mir seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Die Plattensammler früherer Zeiten hatten ganze Keller mit den staubigen Hüllen ihrer Vinylalben vollgestellt, meine digitale Sammlung hingegen passte in einen Schuhkarton.

Den größten Teil dieser Musik habe ich mir nie angehört. Im Grunde fand ich ABBA schrecklich, und obwohl ich vier Alben von ZZ Top in meiner Sammlung hatte, hätte ich von keinem einzigen den Titel nennen können. Was mag mich zu all dem getrieben haben, frage ich mich. Neugier hat sicher eine Rolle gespielt, aber heute, Jahre später, ist mir klar, dass ich mich vor allem als Teil einer kleinen erlesenen Gruppe fühlen wollte. Bewusst war mir dieses Bedürfnis damals nicht, und wäre ich von jemandem darauf angesprochen worden, ich hätte es wohl abgestritten. Doch in Wahrheit bestand genau darin der perverse Reiz der heimlichen Musikpiraterie, ihr eigentlicher Sinn, den kaum jemand begriff. Sie stellte nicht nur eine Methode dar, um an Musik zu kommen; sie bildete auch eine eigene Subkultur.

Ich mischte beim Trend zum digitalen Downloaden in vorderster Reihe mit. Wäre ich nur ein paar Jahre älter gewesen, hätte ich mich wahrscheinlich kaum so sehr ins Zeug gelegt. Die älteren meiner Freunde betrachteten das illegale Downloaden mit Skepsis und standen ihm manchmal sogar regelrecht feindselig gegenüber. Das galt selbst für die Musikfans unter ihnen – ja, gerade für sie. Auch durch das Sammeln von Schallplatten hatte man einst einer eigenen Subkultur angehört, und für die aussterbenden Vertreter dieser Gattung war das Auftreiben von Alben immer eine spannende Herausforderung gewesen, für die man Flohmärkte absuchen, Ramschkisten durchwühlen, sich in die Adresskartei von Bands eintragen und jeden Dienstag, wenn die Neuerscheinungen herauskamen, in den Plattenladen hatte gehen müssen. Für mich und alle jüngeren Musikfans dagegen war das Sammeln eine Leichtigkeit: Die Musik war einfach da. Schwierig war höchstens sich auszusuchen, was man hören wollte.

Als ich vor ein paar Jahren eines Tages mal wieder in meiner gewaltigen Sammlung von Musikalben stöberte, schoss mir plötzlich eine grundlegende Frage durch den Kopf: Wo stammte diese ganze Musik eigentlich her? Ich wusste keine Antwort darauf, und als ich ein paar Nachforschungen anstellte, merkte ich, dass die auch sonst niemand hatte. Mit dem Phänomen mp3 hatte sich die Presse natürlich bereits ausführlich beschäftigt, ebenso mit Apple, Napster und der Tauschbörse Pirate Bay. Über die Erfinder des Formats war jedoch nur wenig berichtet worden, und über diejenigen, die die Dateien tatsächlich illegal ins Netz geschleust hatten, war so gut wie gar nichts zu finden.

Mich faszinierte das Thema immer mehr, und als ich weiterrecherchierte, begann ich die erstaunlichsten Dinge zu finden. Ich fand das Manifest der ursprünglichen mp3-Piratenclique; das Dokument war so alt, dass ich einen MS-DOS-Emulator brauchte, um es mir überhaupt nur ansehen zu können. Ich fand die geknackte Shareware-Version des ursprünglichen mp3-Codierers, die selbst seine Erfinder für verschollen gehalten hatten. Ich fand eine geheime Datenbank, in der über einen Zeitraum von 30 Jahren die Leaks – Software, Musik, Filme – jeder großen Piratencrew verzeichnet waren, die es seit 1982 gegeben hatte. Ich fand geheime Websites in Mikronesien und im Kongo, registriert auf Briefkastenfirmen in Panama, deren wahre Besitzer sich nur vermuten ließen. In den Tiefen eines riesigen Bergs von Gerichtsdokumenten fand ich Abhörmitschriften, Überwachungsprotokolle des FBI und Zeugenaussagen von Mithelfern, in denen die Details heimtückischer globaler Verschwörungen offenbart wurden.

Ich hatte immer angenommen, Musikpiraterie sei ein typisches Beispiel für Crowdsourcing. Das heißt, ich glaubte, die von mir heruntergeladenen mp3-Dateien seien von über den ganzen Globus versprengten Einzelpersonen hochgeladen worden und dieses diffuse Netzwerk von Raubkopierern sei nicht in irgendeiner nennenswerten Weise organisiert gewesen. Diese Annahme stellte sich jedoch als falsch heraus. Bei manchen Dateien war es zwar in der Tat so, dass sie von irgendeinem einzelnen Nutzer ins Netz gestellt worden waren, der sich unmöglich näher bestimmen ließ. Der weitaus größere Teil der illegal verbreiteten mp3s aber stammte von nur wenigen gut organisierten Gruppen. Durch Anwendung forensischer Datenanalyse war es oft möglich, diese mp3s zu ihrem Ursprungsort zurückzuverfolgen. Als ich diesen technischen Ansatz mit den klassischen Methoden des investigativen Journalismus kombinierte, zeigte sich, dass ich meine Ergebnisse sogar noch weiter eingrenzen konnte. Oft ließ sich so nicht nur die ungefähre Herkunft einer illegal vervielfältigten Datei bestimmen, sondern diese Datei bis zu einem konkreten Zeitpunkt und einer bestimmten Person zurückverfolgen.

Das war natürlich das wahre Geheimnis: Das Internet bestand aus Menschen. Online-Piraterie war ein Phänomen, das praktisch die ganze Gesellschaft betraf, und wusste man erst mal, wo man hinschauen musste, konnte man bald einzelne Gesichter in der Menge ausmachen. Ingenieure, Manager, Angestellte, Ermittler, verurteilte Straftäter, ja sogar Typen, die sonst eigentlich überhaupt nichts auf die Reihe bekamen – sie alle haben eine Rolle gespielt.

Ich begann in Deutschland, wo eine Handvoll missachteter Erfinder bei dem unbedachten Versuch, ein bisschen Geld aus einem erfolglosen Unternehmensprojekt herauszuholen, aus Versehen fast einer gesamten globalen Branche den Todesstoß versetzt hätte. Sie selbst sind dadurch extrem reich geworden. Wenn sie zu dem Thema befragt wurden, setzten diese Männer eine Unschuldsmiene auf und versuchten sich von dem durch sie entfesselten Chaos zu distanzieren. Manchmal verhielten sie sich sogar ein wenig heuchlerisch, doch es war unmöglich, ihnen ihren Erfolg nicht zu gönnen. Nachdem sie sich jahrelang wie Mönche in ein Hörlabor zurückgezogen hatten, waren sie mit einer Technologie wieder hervorgekommen, die die Welt verändern sollte.

Dann ging es nach New York, wo ich auf einen mächtigen Manager aus der Musikindustrie traf, der bereits Anfang 70 war und in seinem Leben zweimal den weltweiten Markt für Rapmusik von hinten aufgerollt hatte. Und das war bei Weitem nicht seine einzige Leistung; als ich weiter nachforschte, wurde mir klar, dass die moderne Unterhaltungsmusik und dieser Mann praktisch ein und dasselbe waren. Von Stevie Nicks bis Taylor Swift: In den vergangenen vier Jahrzehnten hatte es kaum einen großen Star gegeben, mit dem er nicht in irgendeiner Weise etwas zu tun hatte. Die beispiellose Flut von raubkopierter Musik hatte seinen Geschäften schwer geschadet, doch er hatte tapfer gekämpft, um seine geliebte Branche und ihre Künstler gegen die Angriffe zu verteidigen. Aus meiner Sicht schien kein Zweifel zu bestehen, dass er sich dabei besser geschlagen hatte als alle seine Konkurrenten; doch als Lohn für seine Mühen war er zu einem der meistgehassten Konzernführer der jüngeren Geschichte geworden.

Von den Hochhäusern Manhattans wendete ich meinen Blick den Hauptquartieren von Scotland Yard und FBI zu, wo sich unermüdliche Ermittlungsteams mit der undankbaren Aufgabe herumquälten, die digitalen »Wanderlieder« zu ihrer Quelle zurückzuverfolgen, ein Prozess, der oft Jahre in Anspruch nahm. Als ich den Spuren der Ermittler bis zu einer Wohnung in Nordengland folgte, stieß ich auf einen High-Fidelity-Freak, der eine digitale Bibliothek von solchen Ausmaßen verwaltet hatte, dass sogar Borges beeindruckt gewesen wäre. Von dort ging es weiter ins Silicon Valley, wo ein anderer Unternehmer ebenfalls ein geniales technisches Verfahren entwickelt hatte, das er jedoch nicht mal ansatzweise in bare Münze umwandeln konnte. Ich folgte der Story nach Iowa, dann nach Los Angeles, noch mal zurück nach New York, dann nach London, Sarasota, Baltimore und Tokyo, um anschließend einer langen Reihe von Fährten hinterherzujagen, die allesamt im Sande verliefen.

Bis ich mich schließlich am seltsamsten Ort von allen wiederfand, einer Kleinstadt im Westen North Carolinas, die so weit von den modernen Innovationszentren der Musikindustrie abgelegen schien, wie man es sich nur vorstellen konnte. Das war Shelby, ein Städtchen voll holzverkleideter Baptistenkirchen und gesichtsloser Franchise-Filialen, wo ein Mann, der mehr oder weniger komplett auf sich selbst gestellt gewesen war, es über einen Zeitraum von acht Jahren immer wieder geschafft hatte, seinen Ruf als fürchterlichster digitaler Pirat von allen zu verteidigen. Viele der Dateien, die ich selbst illegal heruntergeladen hatte – ja vielleicht sogar die meisten davon –, stammten ursprünglich von ihm. Er war der Patient Null der Musikpiraterie im Internet, der Verbreitungsherd, von dem alles ausgegangen war, doch so gut wie niemand kannte seinen Namen.

Über drei Jahre hinweg versuchte ich, das Vertrauen dieses Mannes zu gewinnen. Während wir im Wohnzimmer des Ranchhauses seiner Schwester saßen, zogen sich unsere Gespräche oft über Stunden. Was er mir erzählte, brachte mich zum Staunen – manches klang sogar fast unglaublich. Doch die Details passten alle zusammen, und einmal konnte ich mir am Ende unseres Gesprächs die Frage nicht verkneifen:

»Dell, warum hast du noch nie jemandem etwas von all dem erzählt?«

»Mann, niemand hat mich je gefragt.«

 

Kopfhoerer.tif

Kapitel 1

Der Tod der mp3 wurde im Frühling des Jahres 1995 in einem Konferenzraum in Erlangen verkündet. Hier erteilte eine Gruppe angeblich unabhängiger Experten dem Format eine endgültige Abfuhr und erklärte das langjährige Konkurrenzformat, die mp2, für überlegen. Das bedeutete das Aus, und das wussten die Erfinder der mp3 auch. Ihre staatlichen Fördergelder gingen zur Neige, ihre Sponsoren aus der Wirtschaft begannen abzuspringen, und trotz einer bereits seit vier Jahren laufenden Verkaufsoffensive gab es bisher immer noch keinen einzigen langfristigen Abnehmer für ihr Verfahren.

Die Aufmerksamkeit im Konferenzraum wendete sich Karlheinz Brandenburg zu, der der entscheidende Kopf hinter der neuen Technik war und das Team der mp3-Entwickler anführte. Schon als Doktorand hatte Brandenburg mit seinen Versuchen die Grundlage für das neuartige Verfahren gelegt, und während der vergangenen acht Jahre hatte er daran gearbeitet, seine Ideen kommerziell zu verwerten. Er war ehrgeizig, intelligent und besaß eine Vision von der Zukunft der Musik, die viele Menschen überzeugte. Insgesamt 15 Ingenieure und Techniker arbeiteten unter seiner Anleitung, und er verwaltete ein millionenschweres Forschungsbudget. Doch nach diesem endgültigen Urteilsspruch schien es, als habe er sein Team in eine Sackgasse geführt.

Brandenburg war niemand, der allein durch seine Ausstrahlung überzeugen konnte. Er war sehr groß, hielt sich jedoch gebückt, und seine Körpersprache wirkte unruhig und fahrig. Er hatte die Angewohnheit, ständig auf den Fersen zu wippen, sodass sein schlaksiger Körper leicht vor und zurück wankte, und beim Sprechen nickte er in sanften Kreisbewegungen mit dem Kopf. Seine Haare waren dunkel und zu lang, und bei dem nervösen Lächeln, das permanent seine Lippen umspielte, kamen kleine, unregelmäßige Zähne zum Vorschein. Hinter seiner schlichten Drahtgestellbrille blickten dunkle, schmale Augen hervor, und sein Kinn und Oberlippe bedeckender Bart wirkte struppig und ungepflegt.

Er sprach leise, in langen, grammatikalisch perfekten Sätzen, zwischen denen er immer wieder kurz und scharf Luft holte. Er war höflich und überwältigend freundlich und gab sich immer große Mühe, damit man sich in seiner Gegenwart wohlfühlte, erreichte damit jedoch oft genau das Gegenteil. In Gesprächen neigte er dazu, sich auf praktische Fragen zu konzentrieren, würzte aber, vielleicht aus Angst, seine Zuhörer zu langweilen, seine technischen Vorträge mit schlecht erzählten, unlustigen Witzen. In seiner Persönlichkeit vereinten sich zwei starke, für ein extrem nüchternes Wesen sorgende Kräfte: die natürliche Skepsis des Ingenieurs und der spießige, nationalspezifische Konservatismus, der selbst von den Einheimischen oft als »typisch deutsch« bezeichnet wurde.

Doch er war brillant. Er verfügte über eine überragende mathematische Begabung, für die er von seinen Fachkollegen bewundert wurde. Und dabei handelte es sich um Männer, die sich selbst in schwierigen akademischen Disziplinen hervorgetan hatten und ein Leben an der Spitze hart umkämpfter Bereiche gewohnt waren. Diese Menschen neigten normalerweise nicht zu intellektueller Bescheidenheit, doch wenn sie von Brandenburg sprachen, legte sich ihre Arroganz, und sie schlugen einen leisen, beichtenden Ton an. »Er ist ein sehr guter Mathematiker«, sagte einer von ihnen. »Er ist ziemlich schlau«, sagte ein anderer. »Er hat ein Problem gelöst, bei dem ich nicht weiterkam«, sagte ein Dritter, und für einen Ingenieur bedeutete das natürlich das schmerzhafteste Geständnis von allen.

Wenn ihm jemand in irgendeinem Punkt widersprach, schwieg Brandenburg kurz, kniff dann die Augen zusammen und nahm das Gegenargument mit schneidender wissenschaftlicher Klarheit auseinander. Bei Meinungsverschiedenheiten senkte er die Stimme so sehr, dass sie kaum noch zu hören war, und achtete bei seinen Erwiderungen stets peinlich darauf, keine Behauptungen aufzustellen, die er nicht durch Daten belegen konnte. Auf diese Weise trug er nun auch im Konferenzraum dem Gremium seinen letzten Einwand vor – die mp3 verabschiedete sich mit einem Flüstern.

Niederlagen sind immer bitter, doch auf diese traf das besonders zu, da Brandenburg nach 13 Jahren Arbeit eigentlich eine der großen offenen Fragen auf dem Gebiet der digitalen Audiotechnik gelöst hatte. Die Forschungen, denen das Gremium eine Absage erteilte, reichten mehrere Jahrzehnte zurück, und Ingenieure hatten bereits seit den späten 1970ern über etwas wie die mp3 spekuliert. Nun war diesem trüben wissenschaftlichen Nebengewässer etwas Schönes entstiegen, das ausgeklügelte Produkt eines Forschungsansatzes, der drei Generationen zurückreichte. Nur war das den Schlipsträgern im Raum egal.

Brandenburgs Doktorvater, ein glatzköpfiger, stimmgewaltiger Elektrotechniker mit dem Namen Dieter Seitzer, hatte ihm den Anstoß zu seinen Forschungen gegeben. Seitzer selbst wiederum verdankte viel seinem eigenen Doktorvater, dem leidenschaftlichen Forscher Eberhard Zwicker, Vater einer obskuren Disziplin namens »Psychoakustik« – der wissenschaftlichen Untersuchung der menschlichen Hörwahrnehmung. Seitzer war Zwickers Zögling gewesen, sein akustisches Versuchskaninchen – und vor allem sein erbitterter Gegner. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang hatten die beiden sich an jedem Wochentag nach dem Mittagessen zu einer Partie Tischtennis getroffen, während der Zwicker seinen Schüler für die Dauer einer Stunde mit den Wahrnehmungsschwellen des menschlichen Gehörs vertraut machte und ihm gleichzeitig Pingpongbälle um die Ohren sausen ließ. Zwickers wichtigste Entdeckung, die auf jahrzehntelanger Forschung an unzähligen Versuchspersonen basierte, bestand in der Erkenntnis, dass das menschliche Ohr nicht wie ein Mikrofon funktionierte. Vielmehr war es ein anpassungsfähiges Organ, das durch die Evolution a) zum Hören und Verstehen von Sprache und b) als Frühwarnsystem gegen riesige Raubkatzen entwickelt worden war.

Das menschliche Ohr hörte nur so gut, wie zum Erfüllen dieser Aufgaben nötig war, und nicht besser. Deshalb litt es an einer Reihe von anatomischen »Erbkrankheiten«, und Zwicker hatte mit seinen Studien das überraschende Ausmaß dieser entwicklungsgeschichtlich bedingten Defizite aufgezeigt. Zum Beispiel konnte jeder Mensch zwei gleichzeitig erklingende Töne unterscheiden, die eine halbe Note oder mehr auseinanderlagen, doch wie Zwicker herausgefunden hatte, konnte er seine Probanden glauben machen, nur einen Ton zu hören, wenn er die Höhe der zwei Töne annäherte. Das galt besonders dann, wenn der tiefere Ton lauter war als der höhere. Auf ähnliche Weise war zwar jeder Proband in der Lage, zwei Klicktöne zu unterscheiden, die mit einer halben Sekunde Abstand erklangen, doch verringerte man diesen Abstand auf ein paar Millisekunden, machte das Ohr aus den zwei separaten Tönen einen durchgängigen. Auch hier erlag das Gehör umso leichter der Täuschung, je lauter die Töne waren. Insgesamt führten diese Effekte der »psychoakustischen Maskierung« dazu, dass die Realität, so wie wir Menschen sie wahrnahmen, oft nicht mehr als Einbildung war.

Mit der Zeit begann Seitzer, seinen Meister an die Wand zu spielen. Zwicker war Anatom, und seine Erkenntnisse waren Produkte der analogen Ära. Seitzer hingegen war Elektrotechniker und erkannte die Vorzeichen des aufziehenden Digitalzeitalters. Insbesondere vermutete er, dass sich mithilfe von Zwickers Erkenntnissen über die angeborenen Defizite des Hörvermögens Musikaufnahmen von hoher Klangtreue erzeugen lassen könnten, für die nur eine sehr kleine Datenmenge nötig war. Sein akademischer Werdegang verhalf ihm zu einer ungewöhnlichen Sicht auf die Dinge. Als 1982 die Compact Disc auf den Markt kam, wurde sie in Ingenieurskreisen als eine der wichtigsten Errungenschaften in der Geschichte der Audiotechnik gefeiert. Seitzer betrachtete sie praktisch als Einziger als eine Art akustische Kanone, mit der auf Spatzen geschossen wurde. Während die Werbebroschüren den »Perfekten Klang für die Ewigkeit« versprachen, sah Seitzer nur ein überdimensioniertes Speichermedium für irrelevante Informationen, von denen die meisten vom menschlichen Ohr ohnehin ignoriert wurden. Er wusste, dass der Großteil der auf der glänzenden Scheibe gespeicherten Daten überflüssig war – das menschliche Gehör schaffte es auch ohne sie, den perfekten Klang zu erzeugen.

Im selben Jahr stellte Seitzer einen Patentantrag für eine digitale Jukebox. Bei dieser eleganteren Distributionsmethode könnten sich die Konsumenten einfach in einen zentralen Computerserver einwählen und dann ihre Tastatur verwenden, um Musik über die neuen digitalen Telefonleitungen zu bestellen, die gerade überall in Deutschland verlegt wurden. Statt Millionen von CDs in Plastikhüllen zu verpacken und sie über den Einzelhandel zu vertreiben, wäre die gesamte Musik in einer einzigen Datenbank gespeichert und könnte nach Bedarf abgerufen werden. Bei einem solchen per Abonnement bezahlten Dienst könnten die vielen Überflüssigkeiten des physischen Vertriebs umgangen werden, indem man die Stereoanlage einfach direkt ans Telefon anschloss.

Der Patentantrag wurde abgewiesen. Die ersten digitalen Telefonleitungen waren noch nicht richtig ausgereift und für die Übertragung der enormen akustischen Datenmenge, die auf eine CD passte, viel zu leistungsschwach. Wollte man Seitzers Idee verwirklichen, hätten die Dateien auf den Discs auf ein Zwölftel ihrer ursprünglichen Größe verkleinert werden müssen, und mit keinem bekannten Verfahren der Datenkompression kam man auch nur in die Nähe dieses Werts. Seitzer stritt sich noch ein paar Jahre mit dem Patentprüfer herum und wies immer wieder auf die Bedeutung von Zwickers Erkenntnissen hin, doch ohne funktionierende Umsetzung war die Sache hoffnungslos. Schließlich zog Seitzer seinen Antrag zurück.

Trotzdem ließ ihn die Idee nicht mehr los. Wenn Zwicker die Grenzen der menschlichen Hörwahrnehmung kartiert hatte, dann mussten diese Grenzen jetzt nur noch mithilfe der Mathematik quantifiziert werden. Seitzer selbst war an dieser Aufgabe bisher immer gescheitert, ebenso wie viele andere Forscher, die sich daran versucht hatten. Doch nur zu gerne setzte er seinen eigenen Protegé auf das Problem an: Der junge Student der Elektrotechnik, Karlheinz Brandenburg, war einer der intelligentesten Menschen, den er je getroffen hatte.

Insgeheim fragte sich Brandenburg, ob sich die unzähligen Tischtennispartien mit einem exzentrischen Ohrenkundler nicht auf Seitzers Verstand ausgewirkt hatten. Im digitalen Zeitalter wurden Daten in Form von binären Einheiten gespeichert, die entweder aus einer Eins oder einer Null bestanden und sich »Bits« nannten, und das Ziel der Kompression war es, so wenige dieser Bits zu verwenden wie möglich. Auf Audio-CDs brauchte man mehr als 1,4 Millionen Bits, um eine einzige Sekunde Stereoklang zu speichern. Seitzer wollte das Gleiche mit nur 128 000 Bits erreichen.

Brandenburg hielt das Vorhaben für absurd – ebenso gut konnte man mit einem Budget von 200 D-Mark versuchen, ein Auto zu bauen. Jedoch erkannte er darin gleichzeitig ein Projekt, das seines Ehrgeizes würdig war. Drei Jahre lang widmete er sich der schwierigen Fragestellung, bis er Anfang 1986 auf einen Ansatz stieß, den noch niemand ausprobiert hatte. Er taufte die Methode »Analyse durch Synthese« und verbrachte die nächsten schlaflosen Wochen damit, eine Reihe mathematischer Anweisungen dazu zu verfassen, wie jene kostbaren Bits angeordnet werden könnten.

Er begann damit, den Schall in kleine Stücke zu hacken. Mit einem »Sampler« spaltete er ihn in Schnipsel von wenigen Sekundenbruchteilen Länge auf. Dann unterteilte er ihn mithilfe einer Filterbank noch in unterschiedliche Frequenzbereiche. (Die Frequenz ist maßgeblich für die Höhe eines Tons, und eine Filterbank fächert den Schall auf ähnliche Weise in verschiedene Frequenzbereiche auf wie ein Prisma das Licht in unterschiedliche Wellenlängen.) Das Ergebnis war ein Raster aus Zeit und Frequenz, das aus winzigen Klangschnipseln bestand, die in schmale Tonhöhenbereiche unterteilt waren – die Audioversion von Pixeln.

Dann erklärte Brandenburg dem Computer, wie er diese »Schallpixel« durch vier von Zwickers psychoakustischen Tricks vereinfachen konnte:

Erstens hatte Zwicker gezeigt, dass das menschliche Gehör am besten in bestimmten Frequenzbereichen funktionierte, die grob mit dem Tonumfang der menschlichen Stimme übereinstimmten. Außerhalb dieses Bereichs liegende Tonlagen waren schwerer zu hören, besonders wenn man sich die Tonleiter hinaufbewegte. Das bedeutete, man konnte den äußeren Enden des Spektrums weniger Bits zuordnen.

Zweitens hatte Zwicker gezeigt, dass Töne mit ähnlicher Höhe dazu neigten, einander zu überdecken. Dabei wurden besonders höhere Töne von tieferen überdeckt, sodass man beim Digitalisieren von Musik mit überlappender Instrumentierung, bei der etwa gleichzeitig eine Geige und ein Cello zu hören waren, der Geige weniger Bits zuweisen konnte.

Drittens hatte Zwicker gezeigt, dass die menschliche Hörwahrnehmung Geräusche ausblendete, die auf ein lautes Klickgeräusch folgten. Wollte man also Musik digitalisieren, bei der zum Beispiel alle paar Takte ein lauter Beckenschlag ertönte, dann konnte man den ersten paar Millisekunden, die auf den Schlag folgten, ebenfalls weniger Bits zuordnen.

Viertens – und an diesem Punkt wird es merkwürdig – hatte Zwicker gezeigt, dass das auditorische System auch Geräusche nicht wahrnahm, die vor einem lauten Klickgeräusch ertönten. Der Grund dafür war, dass das Ohr ein paar Millisekunden brauchte, um ankommende Signale zu verarbeiten, und dieser Prozess konnte durch einen plötzlichen Ansturm lauterer Geräusche gestört werden. Deshalb konnte man, um wieder auf den Beckenschlag zurückzukommen, auch den ersten paar Millisekunden vor dem Schlag weniger Bits zuweisen.

Brandenburg schöpfte aus der jahrzehntelangen empirischen Hörforschung seiner Vorgänger, um den Bits zu sagen, wo sie hinsollten. Doch das war nur der erste Schritt. Brandenburgs wirkliche Leistung bestand darin, zu erkennen, dass man diesen Prozess iterativ ablaufen lassen konnte. Das bedeutet, man konnte die Ergebnisse des Algorithmus, den er zur Zuordnung der Bits entworfen hatte, erneut in den Algorithmus einspeisen und ihn erneut ablaufen lassen. Und diesen Vorgang konnte man beliebig oft wiederholen, wodurch sich die Menge der verwendeten Bits jedes Mal weiter verringerte und sich die Audiodatei so auf jede gewünschte Größe verkleinern ließ. Natürlich hatte das Auswirkungen auf die Qualität: Wie bei der Kopie der Kopie einer schon vorher x-mal kopierten Kassettenaufnahme wurde die Klangqualität mit jedem Durchlauf des Algorithmus schlechter. Ließ man den Prozess eine Million Mal ablaufen, blieb am Ende sogar nicht mehr als ein einziges Bit übrig. Doch fand man die richtige Balance, ließ sich die Audiodatei sowohl komprimieren als auch ihre Klangqualität erhalten, weil nur diejenigen Bits dafür verwendet wurden, die das menschliche Ohr auch tatsächlich hören konnte.

Natürlich besaß nicht jedes Musikstück eine aufwendige Instrumentierung. Ein Violinkonzert mochte voller psychoakustischer Redundanzen stecken, bei einem Geigensolo war das jedoch nicht der Fall. Ohne Beckenschläge, überlagernde Celloklänge und Töne in besonders hohen Lagen, die sich zur Vereinfachung anboten, blieben nur die reinen Töne übrig, bei denen kein Schummeln half. Was Brandenburg in solchen Fällen tun konnte, war jedoch, die mit seiner Kompressionsmethode errechneten Bits in eine zweite, ganz andere Methode einzuspeisen.

Dieses als »Huffman-Codierung« bezeichnete Verfahren war in den 1950er-Jahren von dem amerikanischen Computerpionier David Huffman am MIT entwickelt worden. Noch bevor das Informationszeitalter richtig begonnen hatte, war Huffman klar geworden, dass man zur Einsparung von Bits nach Mustern suchen musste, denn Muster hatten es per definitionem an sich, dass sie sich wiederholten. Das bedeutete, statt die winzigen Informationsträger jedes Mal aufs Neue einem Muster zuzuordnen, sobald es auftauchte, konnte man es auch nur einmal tun und dann bei Bedarf wieder auf diese bereits zugeordneten Bits zurückgreifen. Und aus der Sicht der Informationstheorie war ein Geigensolo nicht mehr als genau das: eine vibrierende Saite, die vorhersagbare, sich wiederholende Klangmuster in die Luft schnitt.

Die zwei Methoden ergänzten sich perfekt: Mit Brandenburgs Algorithmus ließen sich komplizierte, einander überlappende Tonteppiche reduzieren; mit Huffmans reine, einfache Töne. Das Endergebnis vereinte jahrzehntelange Forschung auf dem Gebiet der Psychoakustik mit grundlegenden Prinzipien der Informationstheorie und komplexer höherer Mathematik. Bis zur Mitte des Jahres 1986 hatte Brandenburg sogar bereits ein rudimentäres Computerprogramm geschrieben, mit dem sich vorführen ließ, dass sein Ansatz funktionierte. Es war die entscheidende Leistung seiner Karriere: eine nachweislich funktionierende Methode zur Komprimierung von Klangdaten, bei der sich beinahe beliebig mit Bits geizen ließ. Zu diesem Zeitpunkt war er 31 Jahre alt.

Er erhielt sein erstes Patent noch vor seinem Doktortitel. Für einen Wissenschaftler zeigte Brandenburg ungewöhnlich großes Interesse am dynamischen Potenzial des Marktes. Mit einem Intellekt wie seinem war ihm eine spätere Stelle als Professor sicher, doch die akademische Welt besaß wenig Reiz für ihn. Als Kind hatte er die Biografien großer Erfinder gelesen und bereits früh verinnerlicht, wie wichtig es war, seine Theorien auch in die Praxis umzusetzen. Wie Alexander Bell oder Thomas Edison war Brandenburg an erster Stelle Erfinder.

Seine Ambitionen stießen auf Zuspruch. Nachdem er Zwicker entkommen war, hatte Dieter Seitzer den größten Teil seiner eigenen Karriere bei IBM verbracht, wo er Grundpatente gesammelt und einen scharfen Vermarktungsinstinkt entwickelt hatte. Seine Doktoranden leitete er dazu an, es ihm gleichzutun. Als er die Fortschritte sah, die Brandenburg auf dem Gebiet der psychoakustischen Forschung machte, dirigierte er ihn weg von der Universität und hin zum nicht weit entfernt liegenden Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen, dem gerade gegründeten bayerischen Brutkasten für neue Technologien, den Seitzer leitete.

Das Institut war eine Abteilung der Fraunhofer-Gesellschaft, einer riesigen, staatlich geführten Forschungsorganisation mit Dutzenden von Campussen im ganzen Land – Deutschlands Antwort auf die amerikanischen Bell Labs. Die Gesellschaft verteilte Steuergelder an vielversprechende Forschungsvorhaben aus einem weiten Spektrum akademischer Bereiche und vermittelte geschäftliche Partnerschaften mit großen Wirtschaftsfirmen, sobald diese Vorhaben eine gewisse Reife erlangt hatten. Für eine Beteiligung an den Gewinnen, die sich vielleicht irgendwann mit Brandenburgs Ideen erzielen ließen, stellte das Fraunhofer-Institut ihm hochmoderne Supercomputer, hochwertige akustische Geräte, professionelle Patentberatung sowie die Arbeitskraft erfahrener Ingenieure und Techniker zur Verfügung.

Der letzte Punkt war besonders wichtig. Brandenburgs Verfahren war kompliziert und setzte voraus, dass mehrere mathematisch aufwendige Rechenvorgänge simultan ausgeführt wurden. Die Computertechnologie der 1980er war dieser Aufgabe kaum gewachsen, deshalb war die Effizienz der Algorithmen von entscheidender Bedeutung. Brandenburg brauchte einen Virtuosen, einen koffeinsüchtigen Superstar, der die mathematischen Konzepte eines Doktoranden in lupenrein formulierten Computercode übersetzen konnte. Im Fraunhofer-Institut fand er diesen Mann: einen 26 Jahre alten Programmierer namens Bernhard Grill.

Grill war kleiner als Brandenburg und hatte eine ruhigere Ausstrahlung. Sein Gesicht war breit und sympathisch, auch er trug seine hellbraunen Haare etwas länger. Aber er sprach lauter als Brandenburg, mit mehr Emotion in der Stimme, und man konnte sich auf normale, entspannte Art mit ihm unterhalten. Auch er machte gerne Witze, und seine Witze waren – na ja, auch nicht so furchtbar komisch, aber auf jeden Fall besser als die von Brandenburg.

In der Welt der Audiotechnologie fiel Grill auf, weil man sich ihn auch als etwas anderes als einen Techniker vorstellen konnte. Wie Brandenburg kam er aus Bayern, wirkte von seiner Einstellung her aber lockerer. Er hatte die gelassene Art eines fröhlichen Tüftlers und war die Sorte Mensch, die man sich in den USA gut in Sandalen und Hawaiihemd hätte vorstellen können. Vielleicht lag das an seiner Herkunft. Während Brandenburgs Vater selbst Professor war und auch die meisten anderen Forscher am Fraunhofer-Institut aus der oberen Mittelschicht kamen, hatte Grills Vater als Fabrikarbeiter sein Geld verdient. Für Brandenburg war die Ausbildung an einer Hochschule selbstverständlich gewesen, praktisch ein Geburtsrecht, aber für Grill hatte sie echte Bedeutung.

Er hatte auf seine eigene Art gegen die »typisch deutsche« Mentalität rebelliert. Seine ursprüngliche Leidenschaft war die Musik gewesen. Grill hatte bereits als Kind angefangen, Trompete zu spielen, und als Jugendlicher regelmäßig sechs Stunden pro Tag geübt. Mit Anfang 20 war er sogar eine Zeit lang professionell mit einer neunköpfigen Swingband aufgetreten. Nachdem ihm die wirtschaftlichen Realitäten eines solchen Berufswegs klar geworden waren, hatte er sich jedoch wieder dem Studium der Elektrotechnik zugewandt, bei dem er sich schließlich viel mit Computern beschäftigt hatte. Doch die Musik hatte ihm weiterhin am Herzen gelegen, und im Laufe der Jahre hatte er eine riesige eklektische Musiksammlung aus den verschiedensten obskuren Genres zusammengetragen. Sein zweites Hobby war das Bauen von Lautsprechern.

Brandenburg und Grill wurden durch vier weitere Forscher des Fraunhofer-Instituts unterstützt. Heinz Gerhäuser leitete die Forschungsgruppe für Audiotechnik am Institut, Harald Popp war Hardwarespezialist, Ernst Eberlein war Experte für Signalverarbeitung, und Jürgen Herren schließlich war wie Brandenburg Doktorand und verfügte über eine ähnliche mathematische Begabung. In späteren Jahren würden sich diese Entwickler als »die ursprünglichen Sechs« bezeichnen.

Ab 1987 begann die Gruppe, ihre gesamte Arbeitszeit der Aufgabe zu widmen, marktfähige Produkte aus Brandenburgs Patent zu entwickeln. Zwei potenzielle Entwicklungswege schienen sich anzubieten. Zum einen ließ sich Brandenburgs Komprimierungsalgorithmus zum »Streamen« von Musik einsetzen – also dazu, sie von einem zentralen Server aus direkt zum Hörer zu schicken, genau wie Seitzer es sich seinerzeit vorgestellt hatte. Ebenso konnte man den Algorithmus zum Speichern von Musik verwenden – mit seiner Hilfe also abspielbare Musikdateien erzeugen, die der Benutzer auf seinem PC lagerte. In jedem Fall jedoch war bei der Entwicklung alles eine Frage der richtigen Größe und eine Komprimierungsrate von zwölf zu eins zu erreichen die Bedingung für den Erfolg.

Die Gruppe kam nur langsam voran. Verglichen mit heute steckte die Computertechnik damals noch in den Kinderschuhen, und die Entwickler mussten sich die meisten ihrer technischen Geräte erst mal selbst bauen. Das Labor war ein Meer aus Kabeln, Lautsprechern, Signalprozessoren, CD-Spielern, Woofern und Konvertern. Brandenburgs Algorithmus musste per Hand in programmierbare Chips eingegeben werden, ein Prozess, der Tage dauern konnte. War ein Chip fertig, verwendete ihn das Team zur Komprimierung eines zehn Sekunden langen, auf CD vorliegenden Probestücks und verglich die verkleinerte Version dann mit dem Original. Konnte man einen Unterschied hören – was in der Anfangszeit fast immer der Fall war –, feilten die Männer weiter an dem Algorithmus und versuchten es erneut.

Sie setzten ganz oben an der Tonleiter an, bei der Piccoloflöte, und arbeiteten sich von dort abwärts. Grill, der sich seit der Kindheit mit der Qualität von Tönen und Klängen beschäftigte, erkannte sofort, dass das Kompressionsverfahren noch lange nicht markttauglich war. Brandenburgs Algorithmus verursachte eine Reihe von scheinbar willkürlich auftretenden Fehlern und diese manchmal sogar in solcher Häufung, dass man kaum noch den Überblick behalten konnte. Mal klang die neue Version dumpf, als würde die Musik unter Wasser gespielt. Mal zischte und rauschte sie wie bei einem schlecht empfangenen Radiosender. Dann kam es wieder zu eigenartigen Echoeffekten, als sei die Aufnahme doppelt eingespielt worden. Das Schlimmste jedoch war ein geisterhaftes »Vorecho«, bei dem Bruchstücke musikalischer Phrasen mehrere Millisekunden zu früh erklangen.

Brandenburgs mathematische Formeln waren elegant, sogar schön, doch den unordentlichen Realitäten der Wahrnehmung wurden sie nicht ganz gerecht. Um die menschliche Hörwahrnehmung wirklich digital nachbilden zu können, brauchten sie menschliche Probanden. Und diese Probanden mussten geschult werden, damit sie das Vokabular des Scheiterns genauso gut verstanden wie Grill. Und hatten sie diese Kenntnisse erst einmal erworben, mussten sie Abertausende von randomisierten Doppelblindversuchen unter kontrollierten Bedingungen über sich ergehen lassen.

Grill machte sich mit Begeisterung an dieses zeitaufwendige Unternehmen. Er besaß, was unter Klangtechnikern als »goldenes Ohr« bezeichnet wurde: Er konnte zwischen Mikrotönen unterscheiden und war in der Lage, Frequenzen wahrzunehmen, die sonst nur Kinder und Hunde hörten. Er kultivierte seinen Hörsinn auf die gleiche Weise wie ein Parfümeur seinen Geruchssinn, und diese geschärfte Wahrnehmung erlaubte ihm das Benennen und Einordnen bestimmter sensorischer Phänomene – bestimmter Aspekte der Realität eigentlich –, die andere nie erkennen könnten.

Mit der Auswahl des Probematerials betraut, durchforstete Grill seine riesige CD-Sammlung nach jeder denkbaren Art von Musik: Funk, Jazz, Rock, R&B, Metal, Klassik – jedes Genre außer Rap, den er nicht mochte. Um sicherzugehen, dass Brandenburgs Algorithmus jeder Aufgabe gewachsen wäre, wollte er ihn unter allen denkbaren Umständen ausprobieren. Mit den großzügigen Forschungsgeldern des Fraunhofer-Instituts im Rücken dehnte Grill seine Suche über den rein musikalischen Bereich hinaus aus und wurde zum Sammler ungewöhnlicher Geräusche und Klänge. Er beschaffte sich Aufnahmen von schnell sprechenden Menschen mit schwierig zu verstehenden Akzenten. Er beschaffte sich Aufnahmen von Vogelrufen und lärmenden Menschenmengen. Er beschaffte sich Aufnahmen von klappernden Kastagnetten und verstimmten Harfen. Seine persönliche Lieblingsaufnahme fand er bei einem Besuch des Boeing-Werks in Seattle, wo er im Souvenirshop auf eine Sammlung von Mitschnitten der dröhnenden Jetturbinen stieß.

Auf Grills Wunsch hin wurden auch mehrere sündhaft teure Kopfhörer der Firma Stax bestellt. Diese in Japan gefertigten »elektrostatischen Kopfhörer« hatten die Form und Größe von Ziegelsteinen und konnten nur mit den dazugehörigen Verstärkern verwendet werden. Sie waren unpraktisch und kostspielig, doch für Grill stellten die Kopfhörer den Gipfelpunkt moderner Klangtechnik dar. Sie gaben jeden akustischen Makel mit kompromissloser Klarheit wieder, und nur durch das Aufspüren solcher digitalen Misstöne war eine ständige Verbesserung möglich.

Wie bei einer Verkleinerungsmaschine aus einem Science-Fiction-Film ließ sich die Datenmenge mithilfe des Algorithmus auf verschiedene Größen schrumpfen. Halbierte man die Zahl der Bits, klangen die Dateien gut. Auch bei einem Viertel der Größe war der Klang noch ganz passabel. Im März 1988 nahm sich Brandenburg die Einspielung eines Klaviersolos vor und stellte die Komprimierungsrate so niedrig ein, wie er sich traute – bis ganz hinab zu Seitzers verrückter Zielvorgabe von einem Zwölftel der auf der CD vorhandenen Größe. Das Ergebnis strotzte vor Fehlern. Wie Brandenburg es später formulierte, klang der Klavierspieler »besoffen«. Trotzdem machte ihm das kleine Stück digitaler Katzenmusik Mut, und er begann zum ersten Mal vor sich zu sehen, wie Seitzers Vision tatsächlich in die Realität umgesetzt werden könnte.

Zunehmende Rechengeschwindigkeiten brachten weitere Fortschritte. Binnen eines Jahres waren die Entwickler so weit, dass sie mit Brandenburgs Algorithmus ein breites Spektrum von Musikaufnahmen zufriedenstellend komprimieren konnten. Einen wichtigen Meilenstein erreichte das Team mit der Komprimierung der Ouvertüre 1812 von Tschaikowsky, einen weiteren mit Tracy Chapman, einen dritten mit einem Song von Gloria Estefan (Grill stand zu dem Zeitpunkt gerade auf Latinomusik). Ende 1988 brachte das Team sein Produkt zum ersten Mal an den Mann und verschickte einen handgebauten Decodierer an den ersten Endnutzer der mp3-Technologie überhaupt: einen winzigen, von Missionaren betriebenen Radiosender auf der entlegenen mikronesischen Insel Saipan.

Eine Klangquelle jedoch erwies sich als widerspenstig, und zwar was Grill mit seinem nicht ganz fehlerfreien Englisch als »the lonely voice«, also »die einsame Stimme« bezeichnete. (Er meinte »the lone voice« – die einzelne Stimme.) Für sich allein genommen ließen sich menschliche Sprachäußerungen psychoakustisch nicht maskieren. Auch Huffmans Methode der Mustererkennung griff hier nicht – denn ein wesentliches Merkmal menschlicher Sprache bestand in ihrer Dynamik, also in ihren schwer zu berechnenden Knall-, Knack- und Zischlauten. Brandenburgs Schrumpfungsalgorithmus kam mit Symphonien, Gitarrensolos, Kanongesängen und sogar mit Oye Mi Canto zurecht, versagte aber immer noch bei einer Nachrichtenansage.

Auf der Suche nach einer Lösung isolierte Brandenburg einzelne Beispiele für »einsame« Stimmen. Das erste war die Aufnahme eines schwierigen deutschen Dialekts, an dem sich Toningenieure schon seit Jahren die Zähne ausbissen. Das zweite war ein kurzes Stück von Suzanne Vegas Gesang am Anfang von Tom’s Diner, ihrem großen Hit aus dem Jahr 1987. Vielleicht erinnern Sie sich an das a cappella gesungene Intro. Es geht so:

Da da da da

Da da da da

Da da da da

Da da da da

Vega hatte eine wunderschöne Stimme, aber auf den ersten Stereokomprimierungen hörte es sich an, als würden Ratten am Band kratzen.

Im Jahr 1989 verteidigte Brandenburg seine Dissertation und bekam seinen Doktortitel verliehen. Dann nahm er die Stimmaufnahmen zu seiner Postdoc-Stelle bei den Bell Laboratories in den USA mit, einem großen Entwicklungszentrum für Telekommunikation im Bundesstaat New Jersey, das damals noch zum amerikanischen Telefongiganten AT&T gehörte. Dort arbeitete Brandenburg mit James Johnston zusammen, einem Experten auf dem Gebiet der Sprachcodierung. Wie Leibniz und Newton bei der Infinitesimalrechnung hatten Brandenburg und Johnston unabhängig voneinander dasselbe Ziel erreicht: Fast genau zur selben Zeit wie der Deutsche hatte auch der amerikanische Forscher ein mathematisches Verfahren zur psychoakustischen Modellierung entwickelt. Nach einer kurzen Phase, in der die zwei Entwickler zunächst ihr Revier absteckten, entschieden sie sich zur Zusammenarbeit. Im Laufe des Jahres 1989 wurden die Hörtests parallel in Erlangen und in Murray Hill, dem Standort der Bell Labs, durchgeführt, allerdings bewiesen die amerikanischen Probanden weniger Durchhaltevermögen als ihre deutschen Leidensgenossen. Nachdem sie sich mehrere Hundert Mal den gleichen rattenzerfressenen Schnipsel von Tom’s Diner angehört hatten, rebellierten die Freiwilligen bei den Bell Labs, sodass Brandenburg sein Experiment ohne ihre Hilfe beenden musste. Während in Berlin die Mauer fiel, saß er weit weg in New Jersey und hörte Musik.

Johnston war von Brandenburg beeindruckt. Er hatte sein Leben in Gesellschaft von Uniforschern verbracht und war an brillante Geister gewöhnt, aber er hatte noch nie jemanden dermaßen hart arbeiten sehen. Als Brandenburg 1990 nach Deutschland zurückkehrte, hatte er ein nahezu fertiges Produkt im Gepäck. Viele der komprimierten Beispielstücke hatten jetzt einen Zustand vollendeter »Transparenz« erreicht: Selbst für einen anspruchsvollen Hörer wie Grill und bei Verwendung des besten Equipments waren sie nicht von den Aufnahmen auf den CDs zu unterscheiden.

Die beeindruckten Entscheider von AT&T adelten die Technologie mit ihrem offiziellen Vermarktungssegen und einem gewissen Mindestmaß an finanzieller Unterstützung. Der französische Elektronikkonzern Thomson begann ebenfalls, Geld und technische Unterstützung zuzuschießen. Beide Firmen versuchten sich einen Vorsprung im Bereich der Psychoakustik zu verschaffen, denn diese so lange unbeachtet gebliebene akademische Disziplin galt mit einem Mal als brandaktuell. Andere Forschungsteams aus Europa, Japan und den USA hatten sich mit derselben Fragestellung beschäftigt, und auch andere große Firmen brachten sich bei dem Thema bereits in Stellung. Viele hatten ihr Geld auf die besser etablierten Konkurrenten des Fraunhofer-Instituts gesetzt. Als vermittelnde Instanz schaltete sich die Moving Pictures Experts Group (MPEG) ein – eine internationale Expertengruppe für Kompressionsstandards, die selbst heute noch entscheidet, welche Technologie letztendlich auf dem Markt landet. Im Juni 1990 veranstaltete die Gruppe einen Wettbewerb in Stockholm, bei dem die rivalisierenden Methoden vereinheitlichten Hörtests unterzogen werden sollten.

Mit Beginn der 1990er-Jahre stand der MPEG ein von Umbrüchen geprägtes Jahrzehnt bevor, in dem die technischen Standards für nicht mehr weit in der Zukunft liegende Technologien wie hochauflösendes Fernsehen und die DVD festgelegt werden mussten. Da es sich um eine Expertengruppe für bewegte Bilder handelte, hatte sich der Ausschuss zunächst ausschließlich mit Fragen der visuellen Qualität beschäftigt. Mögliche Probleme bei der Audiocodierung wurden als Nebensache behandelt, bis Brandenburg darauf hinwies, dass es keinen großen Markt mehr für Stummfilme gebe. (Das war die Art von Witzen, die er gerne machte.)

Die Unterstützung der MPEG konnte ein Vermögen an Lizenzgebühren einbringen, doch Brandenburg wusste, dass sie schwer zu bekommen sein würde. Bei dem Wettbewerb in Stockholm sollten Noten für die Komprimierung von zehn Hörbeispielen vergeben werden: ein Saxofonsolo des amerikanischen Jazzmusikers Ornette Coleman, Tracy Chapmans Hit Fast Car, ein Trompetensolo, die Klänge eines Glockenspiels, die Explosionen eines Feuerwerks, zwei verschiedene Basssoli, ein zehnsekündiges Klangbeispiel mit Kastagnetten, ein kurzes Stück aus einer Nachrichtensendung sowie eine Aufnahme von Suzanne Vegas Tom’s Diner. (Das letzte Beispiel war vom Fraunhofer-Institut vorgeschlagen worden.) Als Jury sollte eine Auswahl an unparteiischen schwedischen Studenten herhalten. Und da die MPEG unbeschädigte Ohren brauchte, die immer noch für hohe Frequenzen empfänglich waren, wurden junge Testkandidaten bevorzugt.

14 verschiedene Gruppen nahmen an der Ausscheidung teil, die ein bisschen einem »Jugend forscht«-Wettbewerb glich, nur dass wesentlich mehr Geld auf dem Spiel stand. Am Vorabend des Wettkampfes führten die Gruppen ihre Verfahren im informellen Rahmen vor. Brandenburg war zuversichtlich, dass seine Gruppe siegen würde. Seiner Einschätzung nach hatte ihm der Zugang zu Zwickers Grundlagenforschung, die noch nicht in andere Sprachen übersetzt worden war, einen unschlagbaren Vorteil verschafft.

Am nächsten Tag verbrachte eine Gruppe blonder schwedischer Studenten mit jungfräulichem Gehör den Morgen damit, sich 14 auf unterschiedliche Weise »gerippte« Versionen von Fast Car anzuhören. Die Hörer benoteten die Klangqualität nach einer Fünf-Punkte-Skala. Nachdem die MPEG sämtliche Bewertungen zusammengerechnet hatte, wurde das Ergebnis verkündet – es war ein Unentschieden! Das Fraunhofer-Team hatte den Spitzenplatz belegt, eine rivalisierende Gruppe namens MUSICAM jedoch genauso viele gute Bewertungen eingeheimst. Alle anderen Teilnehmer waren weit abgeschlagen.

Niemand hatte mit einem so guten Abschneiden der Fraunhofer-Entwickler gerechnet. Sie hatten als Außenseiterkandidaten aus dem Forschungsbereich gegolten, als eine Handvoll Studenten, die sich mit erfahrenen Profis aus der Industrie messen wollten. MUSICAM entsprach da viel mehr dem Bild eines typischen Gewinners solcher Wettbewerbe – ein gut finanziertes Konsortium aus Erfindern, die von vier verschiedenen europäischen Universitäten stammten und eng mit der niederländischen Firma Philips verbunden waren, bei der die Patente für die Compact Disc lagen. Bei MUSICAM gehörten auch mehrere deutsche Entwickler zum Team, und Brandenburg vermutete, dass das der Grund für den Erfolg der Gruppe war: Auch sie hatte Zugang zu Zwickers unübersetzter Forschungsliteratur gehabt.

Die MPEG hatte kein Unentschieden erwartet und keinerlei Vorbereitungen für ein Stechen getroffen. Beim Fraunhofer-Verfahren brauchte man weniger Daten für eine gute Klangqualität, doch das von MUSICAM erforderte weniger Rechenleistung. Brandenburgs Ansicht nach war das ein Unterschied zu seinen Gunsten, schließlich verbesserte sich die Rechengeschwindigkeit von Computern mit jeder neuen Chipgeneration und verdoppelte sich etwa alle 24 Monate. Fortschritte im Bereich der Datenübertragungsrate waren hingegen schwieriger zu erreichen, da man dafür Straßen aufgraben und unzählige neue Leitungen verlegen musste. Daher war Brandenburg der Meinung, eine Komprimierungsmethode, bei der die Menge der zu übertragenden Daten möglichst gering gehalten wurde, sei zukunftsträchtiger, und trug dieses Argument auch dem Ausschuss der MPEG vor. Doch er hatte das Gefühl, ignoriert zu werden.

Nach Stockholm wartete das Team mehrere Monate auf die Entscheidung der MPEG. Im Oktober 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt, und Grill vertrieb sich die Zeit damit, Brandenburgs Algorithmus an seinem neuen Lieblingslied auszuprobieren: Wind of Change von den Scorpions. Im November verstarb im Alter von 66 Jahren der Hörforscher und begeisterte Tischtennisspieler Eberhard Zwicker. Im Januar 1991 brachte das Fraunhofer-Team sein erstes Produkt auf den Markt: einen zwölf Kilo schweren Hardware-Einschub, mit dem Rundfunksender ihre Daten über Telefonleitungen übertragen konnten. Auch eine Firma im frisch vereinigten Berlin verwendete die Technik für digitale Ansagen in Bussen und Straßenbahnen.

Schließlich schlug die MPEG dem Fraunhofer-Team einen Kompromiss vor. Der Ausschuss wollte mehreren Teilnehmern des Wettbewerbs seine Unterstützung aussprechen. Brandenburg und seine Helfer wären dabei, aber nur, wenn sie sich an bestimmte Auflagen hielten, die von MUSICAM diktiert wurden. Vor allem müssten sie von nun an ein fauliges Stück proprietäre Technologie namens »Polyphasische Quadratur-Filterbank« verwenden. Ein hässlicheres Wort konnte man sich kaum ausdenken. Irgendeine Art von Filterbank mussten die Fraunhofer-Entwickler verwenden – genauso wie Licht mit einem Prisma wurde damit Schall in seine einzelnen Frequenzen zerlegt. Doch sie hatten bereits ihre eigene Filterbank, die wunderbar funktionierte. Eine weitere hinzuzufügen würde die Komplexität des Algorithmus verdoppeln, ohne dass sich die Klangqualität dadurch verbesserte. Schlimmer noch, die Firma Philips hatte ein Patent auf das zugehörige Programm, sodass man dadurch den ärgsten Konkurrenten wirtschaftlich am eigenen Projekt beteiligen würde. Nach einer langen und hitzigen internen Debatte ließ sich Brandenburg schließlich auf den Deal ein; er wusste nicht, wie sie ohne die Unterstützung der MPEG weiter vorankommen sollten. Andere Mitarbeiter an dem Projekt hatten jedoch den Eindruck, man sei über den Tisch gezogen worden.

Im April 1991 machte die MPEG ihre Unterstützung öffentlich. Von den 14 ursprünglich konkurrierenden Verfahren erhielten drei den offiziellen Segen. Das erste nannte sich »Moving Picture Experts Group, Audio Layer I« und war ein für Digitalkassetten optimiertes Kompressionsverfahren, das quasi bereits in dem Moment überholt war, als die Pressemitteilung rausging. Unter Verwendung eines Namensschemas, das nur von einem Ausschuss voller Techniker stammen konnte, verkündete die MPEG dann die zwei weiteren Verfahren: zum einen die von MUSICAM entwickelte Methode, die von nun an unter dem Namen »Moving Picture Experts Group, Audio Layer II« firmieren sollte und heute besser unter der Bezeichnung mp2 bekannt ist, sowie Brandenburgs Verfahren, in der Mitteilung unter dem Namen »Moving Pictures Experts Group, Audio Layer III« aufgeführt und inzwischen sämtlichen Musikhörern der Welt als mp3 vertraut.

Bei dem Versuch, einen einheitlichen Rahmen für die Zusammenarbeit zu schaffen, hatte die MPEG einen Formatkrieg ausgelöst. Die mp3 hatte einen technischen Vorsprung, doch die mp2 besaß den (bisher) bekannteren Namen und konnte auf mehr Rückhalt in der Industrie zählen. Hinter der MUSICAM-Gruppe stand Philips, und Philips galt als visionär. Das Unternehmen verdiente mit der Lizenzvergabe für die Compact Disc ein Vermögen, doch bereits im Jahr 1990, als die Absatzzahlen von CDs gerade erst die von Schallplatten zu übertreffen begannen, versuchte die Firma, sich als führende Kraft bei der Entwicklung des möglichen Nachfolgeformats zu etablieren.

Diese unternehmerische Weitsicht wurde durch ein gewisses Talent für schäbige Winkelzüge ergänzt. Inzwischen nährten sowohl Brandenburg als auch Grill den Verdacht, dass die Schlipsträger des Elektronikkonzerns durch gezielte Lobbyarbeit hinter den Kulissen Einfluss auf die Entscheidungen der MPEG-Experten nahmen. Der Amerikaner Johnston teilte diesen Verdacht und machte sich über die alberne Einteilung in drei »Layer« lustig, eine in letzter Minute erfolgte Regeländerung, die sich die MPEG erst hatte einfallen lassen, als das von der Organisation favorisierte Team zu verlieren drohte. Brandenburg, Grill und Johnston verwendeten alle den gleichen Ausdruck, um diese durchschimmernden Machenschaften zu beschreiben: »Politik« – ein verabscheuungswürdiges Gebaren, bei dem persönliche Beziehungen und wirtschaftliche Überlegungen mehr zählten als neutrale wissenschaftliche Daten.

Der Standardisierungsausschuss verteidigte seine Entscheidung und widersprach allen Vorwürfen der Parteilichkeit. Die Forscher der MUSICAM-Gruppe zeigten sich empört über die Andeutungen. Dennoch: Angefangen mit dem amerikanischen »Stromkrieg« um Wechsel- und Gleichspannung im späten 19. Jahrhundert bis hin zum Kampf zwischen VHS und Betamax in den 1980ern hatte es in der Geschichte immer wieder Beispiele dafür gegeben, dass der Sieg bei solchen Auseinandersetzungen um technische Standards und Formate nicht unbedingt an den Besten ging, sondern an den Bösartigsten. Von Thomas Edison bis Sony war die Beute immer wieder der Seite zugefallen, die nicht nur für den eigenen Standard geworben hatte, sondern auch auf listige Weise die Konkurrenz zu untergraben verstand. Es hatte schon seinen Grund, warum derartige Konflikte als »Formatkriege« bezeichnet wurden.

Das Fraunhofer-Team, das sich aus jungen, naiven Akademikern zusammensetzte, war auf einen solchen Kampf nicht vorbereitet. Im Laufe der nächsten fünf Jahre traten die Forscher in fünf weiteren Wettbewerben unmittelbar gegen den Konkurrenten an und unterlagen auf ganzer Linie. Die Standardisierungsgremien wählten die mp2 als Format für das digitale Radio, für interaktive CD-ROMs, für die Video-CD (den Vorgänger der DVD), für digitale Audiokassetten (DAT) sowie für die Tonspur bei HDTV-Sendungen aus. Die mp3 wählten sie als Format für überhaupt nichts aus.

In Gesprächen mit anderen Technikern bekam das Team immer wieder dieselbe Kritik zu hören: Die mp3 sei »zu kompliziert«. Mit anderen Worten: Für das, was hinten rauskam, fraß sie zu viel Rechenleistung. Das Problem ließ sich auf die unheilvolle Filterbank zurückführen, die Philips den Forschern untergejubelt hatte. Die Hälfte der »Arbeit«, die die mp3 verrichten musste, bestand allein darin, diese fragwürdige Bereicherung zu umgehen. Wurden die der mp3 zugrunde liegenden Programmabläufe grafisch dargestellt, war auf dem Flussdiagram deutlich zu erkennen, wie Brandenburgs Algorithmus einen großen Bogen um die Filterbank machte – als handelte es sich um einen Autounfall, um den der Verkehr herumgeleitet werden musste.

Das Fraunhofer-Team begann zu begreifen, dass es ausgetrickst worden war. Philips hatte den Konkurrenten dazu gebracht, das eigene ineffiziente Verfahren zu übernehmen, und dann diese Ineffizienz dazu genutzt, um ihn vor den Gremien schlecht dastehen zu lassen. Schlimmer noch: Die Techniker dort schienen eine Rufmordkampagne in Gang gebracht zu haben, mit deren Hilfe die gesamte Branche über die Mängel in Kenntnis gesetzt werden sollte. Es war ein Meisterstück subtiler Wirtschaftssabotage. Man hatte die Fraunhofer-Forscher dazu überredet, ein hässliches Kleid zum Schönheitswettbewerb anzuziehen, und sich dann hinter ihrem Rücken über sie lustig gemacht.

Doch Brandenburg war niemand, der sich in die Ecke setzte und schmollte – hässliches Kleid hin oder her, er war zum Sieg entschlossen. Im Juni 1993 wurde er am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen zum Abteilungsleiter ernannt. Zwar hatte er keinerlei Geschäftserfahrung und kämpfte auf verlorenem Posten, doch dafür trieb er sein Team zum Dauereinsatz an. Etwa zu dieser Zeit brachen nachts Diebe in das Institut ein und machten sich mit jeder Menge teurer Computerausrüstung davon. Jede Abteilung war betroffen, nur die Etage, in der die Audioforschung untergebracht war, blieb verschont. Denn zu nachtschlafender Stunde, lange nachdem alle anderen Mitarbeiter das Institut verlassen hatten, saßen hier noch zwei Mitglieder des mp3-Teams im Hörlabor, hatten ihre teuren japanischen Kopfhörer auf und bekamen von der Außenwelt nichts mit.

Bei so viel Hingabe blieben die Ergebnisse nicht aus. Zwar dauerte bis zum Jahr 1994 der Codierungsvorgang bei der mp3 immer noch etwas länger als bei der mp2, doch in puncto Klangqualität konnte sie im Vergleich zum Konkurrenzformat mit deutlichen Verbesserungen aufwarten. Selbst bei der hohen Komprimierungsrate von zwölf zu eins lieferte die mp3 einen anständigen Klang, wenn auch noch nicht in der gleichen Qualität wie eine Stereoanlage. Zwölf Jahre nachdem der Patentprüfer Seitzer gesagt hatte, es sei nicht machbar, war die technische Möglichkeit, Musik über digitale Telefonleitungen zu streamen, zum Greifen nahe. Gleichzeitig gab es eine wachsende Nachfrage nach Heimcomputern und damit die Chance, Medienanwendungen für das mp3-Format vielleicht auch irgendwann lokal zu speichern.

Sie mussten nur noch bis dahin durchhalten. Anfang 1995 schlug die mp2 die mp3 erneut bei einem Wettbewerb im Standardtanz, bei dem es diesmal um die Technik für einen gewaltigen Markt ging: das Tonformat, das bei DVD-Playern zur Anwendung kommen sollte. Nach der sechsten Niederlage in Folge begannen die Etatherren des Fraunhofer-Instituts schließlich unangenehme Fragen zu stellen. Wie etwa: Warum habt ihr bisher noch keinen Wettbewerb um einen Standard für euch entscheiden können? Und: Wieso habt ihr immer noch weniger als hundert Kunden? Und: Könnten wir vielleicht ein paar eurer Techniker für andere Projekte ausborgen? Und: Was war noch mal der Grund, warum der deutsche Steuerzahler Millionen von Mark in eure Idee gepumpt hat?

Als die Entwickler im Frühjahr 1995 bei ihrem letzten Wettbewerb antraten, bei dem es um eine Untergruppe von mehrfach belegbaren Frequenzen im europäischen Rundfunkspektrum ging, hing alles von einem Sieg ab. Sicher, der betreffende Markt war nicht gerade riesig, doch er würde genug Geld abwerfen, um das Team zusammenzuhalten. Und ausnahmsweise gab es auch einen Grund zum Optimismus: Die Treffen der für die Frequenzen zuständigen Internationalen Fernmeldeunion fanden im Rotationsverfahren bei den beteiligten Organisationen statt, und diesmal war das Fraunhofer-Institut als Gastgeber dran. Die Entwickler hatten den Heimvorteil auf ihrer Seite, die endgültige Entscheidung über die mp3 würde in einem Konferenzraum ausdiskutiert werden, der nur einen Gang von dem Labor entfernt lag, in dem sieben Jahre zuvor die Arbeit an den hohen Klängen der Piccoloflöte begonnen hatte.

In den vorangegangenen Monaten hatten die Rundfunkleute dem Fraunhofer-Team immer wieder Hoffnungen gemacht. Sie hatten versprochen, die Entscheidungen der Vergangenheit noch einmal zu überdenken, und die Forscher ermutigt, mit der Entwicklung der mp3 fortzufahren. Sie hatten Brandenburgs Teilnahme an Ausschusssitzungen begrüßt und ihm gesagt, sie seien sich der Finanzierungsschwierigkeiten bewusst, mit denen das Team zu kämpfen hatte. Sie hatten ihn gebeten, nur noch etwas länger Geduld zu haben. Im Vorfeld des Treffens hatte der für Audiotechnik zuständige Unterausschuss sogar offiziell die Verwendung des mp3-Formats empfohlen.

Trotzdem wollte Brandenburg nichts dem Zufall überlassen. Er stellte ein technisches Dokument zusammen, in dem er den Komplexitätsmythos umfassend entlarvte. Die fünfzig Seiten enthielten unter anderem eine Grafik, die zeigte, dass in den vorangegangenen fünf Jahren die Rechengeschwindigkeit schneller gewachsen war als die Datenübertragungsrate – genau wie er vorausgesagt hatte.

Das Treffen begann am späten Vormittag. Der Konferenzraum in Erlangen war klein und die Arbeitsgruppe groß, sodass Grill und andere Teammitglieder ohne Redebeitrag vor der Tür warten mussten. Brandenburg war zuversichtlich, als er sich an seinen Platz setzte. Er verteilte gebundene Exemplare seiner Präsentation und legte dann mit ruhiger Präzision seine Argumente dar. Mit der mp3 könne man Klang von höherer Qualität mit weniger Daten codieren, sagte er. Bei der Festlegung von technischen Standards sei es wichtig, die Zukunft im Blick zu haben, sagte er. Die Rechengeschwindigkeit der Computer würde zu dem Algorithmus aufschließen, sagte er. Das Komplexitätsargument sei ein Mythos, sagte er. Während seines Vortrags nahm er immer wieder Bezug auf die Präsentation.

Als er fertig war, waren die Vertreter von MUSICAM an der Reihe. Auch sie verteilten eine Präsentation. Sie war zwei Seiten lang. Ihre Verkaufsansprache war genauso kurz: eine raffinierte Erinnerung an die elegante Schlichtheit der mp2. Dann begann das Gremium mit seinen Beratungen.

Brandenburg wurde schnell klar, dass die Sache trotz der offiziellen Empfehlung des Unterausschusses keineswegs entschieden war. Die Beratungen zogen sich über die nächsten fünf Stunden. Der Ton wurde zunehmend schärfer, und einmal mehr spürte Brandenburg, dass es hinter den Kulissen zu Machenschaften politischer Natur gekommen war. Grill, der immer unruhiger wurde, warf mehrmals einen Blick in den Konferenzraum und fuhr dann wieder fort, mit seinen Kollegen im Gang auf und ab zu gehen. Schließlich ergriff ein Vertreter des Philips-Konzerns das Wort. Seine Argumentation fiel knapp aus: Zwei unterschiedliche Rundfunkstandards würden zu Angst, Unsicherheit und Zweifeln führen. Der ganze Sinn von Standards war, dass man nur einen brauchte. Nach einem subtilen Seitenhieb auf die hohen Ansprüche der mp3 in puncto Rechenkapazität schloss er mit einem offenen Appell an die wahlberechtigten Mitglieder der Arbeitsgruppe: »Destabilisieren Sie nicht das System.« Dann votierte der Lenkungsausschuss dafür – im Namen der Stabilität vermutlich –, der mp3 den Todesstoß zu versetzen.

Das war das Ende. Nun gab es nichts, worauf man noch hoffen konnte. Die Experten der MPEG hatten sie aus dem Geschäft mit der Video Disc ausgeschlossen, und die Rundfunkausschüsse hatten sie aus dem Äther gekickt. Im direkten Wettkampf gegen die mp2 stand es aus Fraunhofer-Sicht jetzt null zu sieben. Die mp3 war die neue Betamax-Kassette.

Bernhard Grill war am Boden zerstört. Nahezu ein Jahrzehnt hatte er nun an dieser Technologie gearbeitet. Während er mit dem Rücken zur Wand in dem überfüllten Konferenzraum stand, überlegte er, ob er die Entscheidung kritisieren sollte. Er war aufgewühlt und wusste, wenn er erst einmal zu sprechen begonnen hatte, dann könnte er leicht die Kontrolle verlieren und sich zu einer wütenden Tirade hinreißen lassen, angefeuert von dem angestauten Frust, den er beim Anblick dieser ahnungslosen Firmenmanager spürte, die ihn seit Jahren immer wieder vertröstet hatten. Stattdessen blieb er still.

Also doch »typisch deutsch«. Dass er in diesem Moment nicht den Mund aufgemacht hatte, würde Grill noch jahrelang beschäftigen. Die Budgetgeier hatten Blut gerochen, und er wusste, dass jetzt auch die Geldgeber aus der Wirtschaft die Reißleine ziehen würden. Der deutsche Staat war gerne bereit, eine Technologie zu fördern, die noch eine Überlebenschance hatte, aber jetzt war das Format offensichtlich dem Tode geweiht. Grill war stur und entschlossen, bis zuletzt zu kämpfen, doch er sah schwierige Gespräche auf sich zukommen: der Abbruch eines fehlgeschlagenen Projekts, das Auseinanderbrechen des Teams, das gönnerhafte Mitleid angesichts der vielen verschwendeten Jahre.

Auch Karlheinz Brandenburg war in keinem guten Zustand. Den vorigen Niederlagen war er mit Gleichmut begegnet, doch diesmal hatte man dafür gesorgt, dass er sich Hoffnungen gemacht hatte. Der Abgesandte des Philips-Konzerns hatte noch nicht einmal echte Argumente vorgebracht. Er hatte einfach nur sein politisches Gewicht in die Waagschale geworfen, das war alles. Die ganze Episode wirkte sadistisch, wie ein bewusster Versuch, ihn zu demoralisieren. Wenn er über dieses Treffen sprach, würde noch über Jahre hinweg sein nervöses Lächeln verschwinden, sein Mund schmal werden und sein Gesicht einen abwesenden Ausdruck annehmen.

Trotzdem: Sie arbeiteten auf dem Gebiet der Technik, wo nachweisbare Resultate irgendwann zwangsläufig über menschliche Meinungen triumphieren mussten. Nach dem Treffen sammelte Brandenburg seine Kollegen um sich, um ihnen ein paar aufmunternde Worte zu sagen, und erklärte ihnen – das gezwungene Lächeln wieder an seinem Platz –, die für die Standards zuständigen Leute hätten schlichtweg einen Fehler gemacht. Wieder einmal. Das Team war über seine optimistische Haltung erstaunt, doch Brandenburg hatte einen ganzen Ordner voll technischer Daten und Doppelblindversuchen, der eindeutig bewies, dass sein Verfahren das bessere war. Politisches Geschacher hin oder her, das war alles, worauf es ankam. Auf irgendeine Weise musste die mp3 letztendlich den Sieg davontragen. Sie mussten nur jemanden finden, der zum Zuhören bereit war.

 

Kopfhoerer.tif

Kapitel 2

An einem Samstagmorgen später im selben Jahr, also 1995, waren zwei Männer gemeinsam auf dem Weg zu ihrer Arbeit im PolyGram-CD-Werk in Kings Mountain, North Carolina. Sie saßen in einem schwarzen Jeep Grand Cherokee mit Vierradantrieb und tiefdunkel getönten Scheiben. Die Männer arbeiteten beide nur als Teilzeitkräfte in dem Werk und stockten mit ihren Wochenendschichten das Einkommen aus ihren Jobs als Möbelpacker beziehungsweise als Mitarbeiter eines Schnellrestaurants auf. Der Name des Beifahrers lautete James Anthony Dockery, doch jeder nannte ihn »Tony«. Der Name des Fahrers lautete Bennie Lydell Glover, doch jeder nannte ihn »Dell«.

Die Männer hatten sich ein paar Monate zuvor in der Werkshalle kennengelernt, wo Dockery, der gerne redete, den geduldigen Zuhörer Glover davon überzeugt hatte, ihm als regelmäßige Mitfahrgelegenheit zu dienen. Glover war 21 Jahre alt. Dockery war 25. Keiner der beiden Männer hatte einen Collegeabschluss. Beide waren praktizierende Baptisten. Keiner hatte je mehr als ein paar Meilen von dem Ort entfernt gelebt, an dem er geboren wurde.

Glover war schwarz, trug einen Kinnbart sowie eine akkurat geschnittene »Fade«-Frisur, bei der die kurzen Haare sanft in ausrasierte Seiten übergingen, und lief meistens in T-Shirt und Jeans herum. Er war drahtig und muskulös, und seine Mundwinkel waren stets grimassenartig nach unten gezogen. Seine schweren Lider verliehen seinem Gesicht einen Ausdruck permanenter Gleichgültigkeit, seine Bewegungen waren langsam und bedächtig, und er strahlte eine Ruhe aus, die beinahe schon etwas Apathisches hatte. Wenn er sprach, was nicht oft vorkam, nahm er sich immer erst einen Moment Zeit, um seine Gedanken zu sammeln. Dann drang seine Stimme hervor, die extrem tief war und vor den sirupartigen Klängen des kleinstädtischen Südens triefte, um einen knappen, prägnanten Satz abzulassen, vielleicht auch weniger.

Dockery war weiß, hatte kurzgeschorene sandfarbene Haare und hervortretende glasige Augen. Er war kleiner als Glover, und sein Gewicht schwankte regelmäßig zwischen nur ein bisschen pummelig und eindeutig fett. Er war ein schnell sprechender Witzbold, emotional und temperamentvoll, und obwohl er leicht in Wut geraten konnte, neigte er selbst inmitten wüster Beschimpfungen dazu, in Gelächter auszubrechen. Er legte jedem seine Ansichten dar, der gerne zuhören wollte, und sogar vielen, die lieber darauf verzichtet hätten.

Als sie das Werksgelände erreichten, bogen Glover und Dockery in die Mitarbeiterzufahrt ein. Das Presswerk selbst war von der Straße aus nicht zu sehen – es lag versteckt in einem »holler«, wie in der Region eine schmale Erdfalte genannt wurde. Sie überquerten mit dem Jeep einen Kamm, hinter dem sich ein weitläufiger, überraschender Anblick eröffnete: eine Fabrik von der Größe eines kleinen Flughafens. Die Gebäude des PolyGram-Werks verfügten über eine Grundfläche von knapp 30 000 Quadratmetern, und der Mitarbeiterparkplatz war für 300 Fahrzeuge ausgelegt. Ankommende Trucks wurden auf die Rückseite dirigiert, wo sie mit frisch gepressten Discs für den Vertrieb entlang der Ostküste der USA beladen wurden. Nachts wurden die Parkplätze mit Flutlicht beleuchtet, und rund um die Uhr drang das Summen elektrischer Maschinen aus dem Hauptgebäude. Trotzdem haftete dem Werk ein Rest des ländlichen Charakters seiner Umgebung an. Das Werksgelände grenzte an den Wald, und der Parkplatz wurde sogar gelegentlich von Schwärmen wilder Truthähne heimgesucht.

Geduldig suchten sich die Männer in dem regen Verkehr, der jetzt zum Schichtwechsel auf dem Gelände herrschte, eine freie Bucht und betraten über die Kantine das Werk. Drinnen gingen sie weiter zu einem Checkpoint, an dem die Mitarbeiter ihre Ausweise vorzeigen und ihre Taschen abgeben mussten.

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