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Hotel zur Höhle

Alfred J. Schindler

 

 

Hotel zur Höhle

 

Psychothriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

VORWORT

 

 

Schon seit sehr, sehr langer Zeit rumort es ganz elend in meinem Kopf herum. Ich konnte mich aber bisher noch nicht dazu überwinden, diese überaus abstrakte Idee in die Tat umzusetzen. Sehr hoch ist das Risiko, bei diesem Vorhaben letztendlich erwischt zu werden, um für den Rest meines Lebens hinter Gitter zu wandern. Wenn ich mit dieser Aktion beginne, dann gibt es für mich, nein, für uns, wohl kein Zurück mehr...

 

xxx

 

Das darf doch alles nicht wahr sein! Ja, denken sie denn, dass wir total verblödet sind? Glauben diese Herrschaften denn wirklich, dass wir ihnen ewig zusehen, wie sie sich an uns so rigoros und absolut schamlos bereichern? Uns systematisch ausbeuten?

Uns dabei völlig ruinieren? Rücksichtslos, brutal und ohne Ende!

 

Wir Alle sind betroffen!

Wir - das niedere Volk!

Wer sonst?

 

Gestatten: Gabriel Stark ist mein Name.

Sowie Egon Müller. Er ist mein bester und einziger Freund.

 

 

26.12.

 

 

Die Weihnachtsbescherung fiel bei uns auch in diesem Jahr wieder einmal sehr dürftig aus. Man schämt sich fast, zu erzählen, was man seinen Liebsten geschenkt hat...

 

„Was machst du heute Abend, Gabriel?“

„Ich werde mit Egon ein Bierchen trinken gehen.“

„Ist gut, dann bleibe ich mit Susanne bei meiner Mutter.“

„Sicher, Mathilde, mach das mal.“

 

Es ist tiefster Winter bei uns hier in der herrlichen Rhön in der kleinen, etwas verträumten Ortschaft Rattenbach. Ein wunderschönes Dörfchen haben wir ja schon! Das kann man wohl behaupten! Gut, Schnee liegt ja momentan noch keiner, aber auch dieser würde mich persönlich nicht stören. Egal, wie das Wetter ist: Ich bin mit meinem Postfahrrad immer unterwegs. Mein Freund Egon ist da schon etwas zimperlicher. Er geht viel lieber zu Fuß. Ein Auto besitzen wir nicht, denn ein solcher Luxus ist für uns leider unerschwinglich...

 

Woran das wohl liegt?

Sind etwa unsere fixen Kosten zu hoch?

 

xxx

 

Egon arbeitet als Kassierer bei unserer ansässigen Kreissparkasse im Zentrum von Rattenbach. Meine Freundin Mathilde Surbein lebt mit ihrer kleinen Tochter Susanne, die sie aus erster Ehe mitgebracht hatte, bei ihrer bettlägerigen und pflegebedürftigen Mutter Gabriele Surbein - direkt neben dem Zweifamilienhaus, in dem ich zur Miete wohne.

 

Zurück zu unseren finanziellen Situationen. Man könnte mit ruhigem Gewissen sagen: Unsere Einkommen sind doch sehr eingeschränkt. Aber zum Glück sind sie geregelt. Jedoch darf von uns keiner arbeitslos werden!

 

Das wäre eine Katastrophe.

 

 

 

 

Egon und ich sind ein absolut eingeschworenes Team. EIN DUETT.

 

DAS DUETT!

 

Nichts - aber schon gar nichts - könnte uns auseinander bringen. Als wir noch klein waren, so in etwa sechs, sieben Jahre verteidigte ich ihn des Öfteren gegen andere Jungs, die ihn wegen seiner Hühnerbrust und seiner körperlichen Schwäche gerne hänselten und auch immer wieder piesackten. Der ein oder andere handelte sich dann von mir gelegentlich schon mal ein blaues Auge ein. Meine körperliche Kraft und meine Schnelligkeit war unter meinesgleichen gefürchtet, und Egon hatte hinterher meist seine Ruhe. Dafür durfte ich dann bei ihm in Mathematik sowie in einigen anderen Lernfächern abschreiben. Mein Boxtraining machte sich bezahlt.

 

Und die Waage hielt sich.

Sie hält sich heute noch.

 

 

am Abend - 19 Uhr

 

 

Ich öffne die Türe unseres urigen und auch sehr gemütlichen Gasthauses zum Schwarzen Bären. Das gesamte Haus ist aus dunklem Kiefernholz erbaut und wirkt auf den Betrachter äußerst stabil. Wunderschöne Verzierungen sind an der äußeren, hohen Fassade angebracht oder auch per Hand eingearbeitet. Auf einem Messingschild, genau in der Mitte des Hauses, prangern die silbernen Buchstaben:

 

SCHWARZER BÄR.

 

Hier treffen wir uns also meistens freitags oder samstags (manchmal auch unter der Woche) auf ein paar Bierchen zu einem kleinen, harmlosen Pläuschchen.

 

Früher, also noch vor ein paar Jahren, hatten wir hier das Bier für 2,20 DM, dann für 2,50 DM bekommen, jedoch die Zeiten änderten sich ja leider gänzlich. Drei Euro verlangt dieser gierige, aufgeschwemmte Kerl hinter der frisch polierten Theke nun für ein läppisches Weizenbier, und er zieht auch noch die Nase hoch, wenn man ihm beim Bezahlen kein dickes Trinkgeld zusteckt.

 

Wir Beide sitzen gerade an unserem kleinen, runden Tischchen, an dem wir immer sitzen, und unterhalten uns recht angeregt:

 

„Sag mal ehrlich, Egon, das darf doch alles nicht wahr sein.“

„Was denn, Gabriel?“

„Nun, jetzt hat dieser Drecksack doch tatsächlich die Bierpreise um vierzig Cent pro Halbe erhöht. Von 2,60 € auf 3,00 €.“

„Er nutzt sein Monopol eben schamlos aus, der alte Gierschlund. Wir haben ja leider keine zweite Kneipe hier bei uns in diesem verschlafenen Kuhnest! Aber wenn wir doch eine weitere hätten, dann würden sich die Herren Wirte sicherlich mit den Preisen absprechen.“

„Ja, das ist es. Aber einmal pro Woche muss man doch in die Kneipe gehen, oder?“

„Das würde ich auch sagen, Gabriel.“

„Wir könnten ja unser Bier auch zu Hause trinken - abwechselnd bei dir und dann wieder bei mir - aber da fehlt eben diese ganz bestimmte Atmosphäre.“

„Wir haben es doch schon mal probiert. Weißt du nicht mehr? Was war das Ergebnis? Hildegard hat uns dabei gestört. Beim nächsten Mal war es dann Mathilde, die in unsere kleine Runde hineingeplatzt ist.“

 

„Geht in den Schwarzen Bären zum Saufen, ihr beiden!“, hatte sie lauthals gekeift, obwohl es sie ja gar nichts anging, wo wir unsere Bierchen verkonsumierten.

„Ja, ja, diese Weiber. Man kann ihnen eben nichts recht machen.“

„Prost, Egon!“

„Prost, Gabriel.“

 

xxx

 

Seit etwa zehn Monaten, also seit März 2002, diskutieren Egon und ich nun jetzt schon über dieses ganz bestimmte Thema: Über die Preise im Allgemeinen. Über diese gottverdammte Euro-Einführung. Natürlich auch über die ungeheuerlichen, vollkom­men überzogenen Reaktionen der Geschäftsleute. Also, über den daraus resultierenden Preiswucher...

 

Es hatte unserer Meinung nach für niemanden auch nur den geringsten Grund gegeben, die Preise dermaßen hochzuschrauben. Welchen auch? Das Schlimmste daran ist doch, dass es schon bei den einfachsten Dingen, die man zum Leben unbedingt benötigt, los geht: Fleisch, Wurst und Käse können wir uns nur noch in sehr rationierten Mengen leisten. Früher, also vor fünf Jahren, sag­te man beim Metzger:

 

„Bitte ein Pfund Aufschnitt!“

„Darf es etwas mehr sein?“

„Aber sicher!“

 

Man machte sich darüber überhaupt keine Gedan­ken. Der Preis war erschwinglich, ja - akzeptabel. Heute sagt man:

 

„Geben Sie mir zweihundert Gramm Aufschnitt!“

„Darf es etwas mehr sein?“

„Nein!“

 

Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt nicht mehr. Es hängt jetzt völlig schief, eben wie eine kaputte Waage. Dieses so überaus wichtige Verhältnis, das uns alle am Leben erhält, wurde rigoros zerstört. Ja, und wer hat das geschafft? Nein - nicht nur diese sonderbare, völlig unberechenbare Regierung! Gewisse, selbstherrliche und gnadenlose Leute hatten das Ruder an sich gerissen, unterstützt von dieser maroden Regierung, die dagegen in keiner Weise eingeschritten ist. Eben gegen diesen absoluten Wucher, diese ungeheuerliche Ausbeutung des einfachen, deutschen Volkes. - Krankmeldung bei 40 C Fieber? Aber, aber. Ich bitte Sie! Heraus aus den vollkommen verschwitzten Federn, das leicht brodelnde Thermometer unter den Arm geklemmt und dann ab - zur Arbeit! Inmitten unserer Gesellschaft leben Tausende von rigorosen Einzelhändlern und kleinen Geschäftsleuten, die überall - vergleichbar mit der Pest in früheren Jahrhunderten - ihr gänzlich hemmungsloses Unwesen treiben. Dagegen muss nun endlich etwas getan werden! Jedoch: Keiner getraut sich! Keiner hat die nötige Courage!

 

Aber halt! - Wie gesagt: DAS DUETT erklärt sich bereit. Nach dem Motto: Zwei für alle! (Insofern Egon überhaupt mitzieht!)

 

AKTION - REAKTION.

Es ist genug.

 

Diese äußerst gefährliche Aktion beginnt also hier, genau hier im kleinen RATTENBACH! Sicherlich wird es in die Geschichte einge­hen, dieses kleine Nest! Mit ziemlicher Sicherheit sogar...

 

xxx

 

Egon und ich spielten als kleine Jungs immer an unserem kleinen Flüsschen Rodach. Hier war unser eigentliches Zuhause. An einer steilen Böschung befand sich unsere geliebte, alte Holzhütte. Sie befindet sich etwa zwei Kilometer von Rattenbach entfernt, in östlicher Richtung. Nur ein schmaler, hundsmiserabler Waldweg, den eigentlich keiner mehr kennt, führt dorthin. Diese grandiose Böschung ist übrigens aus blankem Gestein, ein riesiges Felsstück, das genau an der Rodach liegt, etwa fünfzehn Meter über dem Wasserspiegel des kleinen Flüsschens. Ringsumher befindet sich dichter, struppiger Wald und man konnte gelegentlich - ja, auch heute noch – gelegentlich ein Reh oder einen Hirschen erblicken, wenn man etwas Glück hatte. Oder auch einmal einen kleinen Hasen! Diese Hütte lag also so versteckt, so dass sie außer Egons Großvater und uns beiden niemand kannte. Als der gute Mann plötzlich verstarb, war diese Hütte unsere ganz persönliche Bleibe. Unser Versteck, in das wir uns leidenschaftlich gerne zurückzogen.

 

Es war unser Erbe.

Egon und meines.

Wir liebten es sehr.

 

Eines Tages zwängten wir uns recht mühevoll durch ein dichtes Dornengestrüpp. Und was sahen wir? Eine kleine, enge Öffnung im Stein machte uns natürlich ungemein neugierig! Und was fanden wir hinter dieser Öffnung?

 

Eine Höhle!

 

Wir drängten uns in das kleine Loch, und wir erblickten eine phantastische Höhle. Sie war etwa zweieinhalb Meter hoch. Es sah fast so aus, als ob sie mit groben Werkzeugen bearbeitet worden wäre, so gleichmäßig verlief zumindest die Decke. Der Boden war etwas wellenartig. Der Raum an sich war fast rechteckig, in den Ecken leicht abgerundet, so in etwa acht mal zwölf Meter. Die Wände waren nass und kalt, ja, glitschig, könnte man wohl sagen, also eher ungemütlich und beängstigend. Aber genau diese etwas gruselige Atmosphäre beflügelte unsere Phantasie.

 

Wir waren begeistert.

Ja, geradezu überwältigt!

 

Diese tief im Fels liegende Höhle kannten also nur wir Zwei. Nicht einmal Egons Großvater hatte sie je erblickt, so versteckt, wie sie lag. Wenn wir uns nicht die Mühe gemacht hätten, uns in den Dornenstrauch vorzuarbeiten (so etwas machen ja wirklich nur kleine Jungen), so hätten wir diese Höhle - unsere Höhle - wohl niemals entdeckt!

 

Unter großem Aufwand und unter Aufbietung aller Kräfte vergrößerten wir später die Höhlenöffnung mit Pickel und Hammer, denn wir wurden im Laufe der Zeit körperlich immer kräftiger und das Loch dadurch immer enger. Wochenlang flogen die klitzekleinen Steinsplitter, bis uns die Luftöffnung endlich als groß genug erschien. Einige Jahre spielten wir zwei dort, an diesem geheimen, etwas unheimlichen, dunklen Ort, und niemand kannte unser beider Geheimnis. Wir wussten, dass die Decke unserer Höhle etwa zwei Meter unterhalb unserer Hütte lag. Deshalb schlugen wir auch noch in mühevoller Arbeit ein etwa eineinhalb Quadratmeter großes Loch in den harten Hüttenboden. Ich holte mir einige Blasen an den Händen, und Egons dünne Beinchen waren vom Knien völlig aufgescheuert. Das gesamte Werk dauerte etwa sechs Wochen, dann war es endlich geschafft. Der restliche Boden des Loches, die letzte, dünne Schicht, brach endlich durch. Ein denkwürdiger Moment war das für uns! Das konnte man wohl sagen!

 

Wir besorgten uns bei einer Schreinerei noch ein dickes, stabiles Holzbrett, das wir genauestens zurecht sägten, damit es auch passte, befestigten stabile Scharniere und einen Hebelzug daran, und fertig war das geheime Verlies. Ein alter Teppich, den ich damals bei einem alten Bauern klaute, vervollständigte die absolute Tarnung. Wir konnten also nun direkt von der Hütte aus in die Höhle hinunter gelangen. Eine kleine, stabile Strickleiter vereinfachte unsere täglichen Ab- und Aufstiege. Das ehemals kleine Loch hinter dem Dornengestrüpp jedoch verschlossen wir fachmännisch mit Lehm und kleineren Steinen.

 

Wir erzählten niemand von unserer Hütte und unserem Loch, das in diese geheime Höhle führte.

 

Bis heute nicht!

Ja, das war gut so.

Als ob wir es geahnt hätten...

 

xxx

 

„Ich kann versuchen, zu sparen, soviel ich will, Gabriel: Mein Gehalt reicht weder hinten, noch vorne!“, jammert Egon.

„Ja, uns geht es genauso, mein Freund. So gesehen, gibt es für uns eben nur eines, Egon: Wir rau­ben eine Sparkasse aus!“

„Das ist doch viel zu gefährlich, Gabriel. Du machst dir von den Sicherheitsvorkehrungen keine Vorstellung, die jetzt die meisten Sparkassen und Banken installiert haben! Wir kämen wahrscheinlich gar nicht mehr aus dem Laden heraus, verstehst du? Sie würden uns in dem betreffenden Gebäude einfach einsperren! So schnell würden wir gar nicht schauen!“

„Nun, in meinem Kopf schwelt es ja schon lange, Egon, wie du weißt. Schon sehr lange. Meine Wut auf diese Regierung und auf unsere marode Gesellschaftsform nimmt immer mehr zu.“

„Meine auch.“

„Auch auf die vielen Blutsauger, die uns den letzten Cent aus der Tasche ziehen!“

„Richtig.“

„Gut. Dann sind wir ja einer Meinung!“ Ich grinse ihn an.

„Was hast du vor?“

„Möchtest du weiterhin so vor dich hin darben, Egon, oder willst du nicht etwas verändern, bevor du irgendwann total verarmt und frustriert in die Grube fährst?“

„Ich würde gerne etwas verändern, aber wie, bit­te?“

 

Er schaut mich fragend und auch zweifelnd an.

 

„Wir werden diese Gesellschaft etwas aufrütteln.“

„Terrorismus?“, will er wissen.

„Ja. Nichts anderes.“ - Ich bin überrascht, dass er mich sofort durchschaut.

„Bist du dabei?“, fahre ich aufgeregt fort.

 

Er sieht mich mit seinen wasserblauen, schlauen Augen verwundert an und ich frage mich, was jetzt wohl hinter seiner Denkerstirn vor sich geht.

 

„Egon, ich sage dir eins: Ich habe einen festen Plan. Aber er ist gefährlich.“

„Gefährlich?“

„Ja, sehr gefährlich, mein Freund. Wenn er schief geht, heißt es für uns beide: ADIEU...“

„Wie: ADIEU?“

„Na, eben ADIEU - Ade, du schöne Welt! Ab in den Knast!“

„Aber wir haben doch sowieso keine schöne Welt mehr, oder?“

„Eben. Darum. Bist du dabei?“

 

Hinter seiner Stirn arbeitet es weiter auf Hochtouren, wie es mir scheint:

 

Ich bin dabei, Gabriel. Ja, das bin ich.“

 

Er spricht diese Worte wie ein Gebet, langsam und bedächtig - wie ein heiliges Gelübde, und mir stellen sich leicht die Haare im Nacken auf, ob der Ernsthaftigkeit unseres so entscheidenden und unumstößlichen Vorhabens.

 

„Erzähl doch mal, Gabriel!“

 

Ich lege ihm meine grandiose Idee auf den Tisch:

 

„An die ganz Großen kommen wir beide nicht heran. Das dürfte wohl klar sein. Sie sind von ihren Bodyguards viel zu gut abgeschottet. Außerdem wäre es für uns eine Nummer, wenn nicht zwei, zu groß, wenn wir z. B. irgendeinen Minister entführen würden. Wir werden uns zuerst einmal einen kleinen Einzelhändler schnappen. Also, für den Anfang. Verstehst du? Die Presse wird zwar sein Verschwinden bemerken, sich jedoch nicht weiter darum kümmern. Danach wird der zweite Händler entführt. Die Presse - und noch ein paar andere Leute - werden sich nun schon etwas wundern. Nun kommt der Dritte dran: Du verstehst. Man wird sich sehr wundern...

 

„... und sich schließlich immer mehr wundern...“, sagt er grinsend.

 

Ich lege eine kleine Kunstpause ein, damit mein Plan auf Egon besser einwirken kann...

 

„Man wird sich immer mehr wundern! Wir werden diese Leute in unserer Höhle gefangen halten. Dazu sind jedoch noch einige Dinge zu tun: Wir brauchen ein großes, geräumiges Fahrzeug, Gitterboxen, einen Tisch, Stühle und, und, und...“

„Wahnsinn.“ Egon schluckt. Sein Gesicht ist feuerrot.

„Ja, Wahnsinn. Aber gut.“

Nun ergreift er die Initiative: „Wir brauchen einen kleinen, aber zuverlässigen Stromgenerator, etliche Heizstrahler, chemische Toiletten, Lampen, einen großen Kühlschrank, viele Decken, Trainingsanzüge, warme, gefütterte Schuhe, Medikamente, Zahnbürsten, Handtücher, Lebensmittel, Getränke, Vitamintabletten, und so fort...“

„Vitamintabletten?“

„Ja logisch, Mann! Damit sich dort unten keiner eine Erkältung oder eine Lungenentzündung holt!“

„Richtig, Egon. Wir benötigen natürlich ein gewisses Startkapital.“

„Darum werde ich mich kümmern, Gabriel. Ich werde in unserer Sparkasse einen Betrag in Höhe von, sagen wir mal 50.000- € so verbuchen, dass die Spürhunde erst bei der Prüfung im nächsten Jahr dahinter kommen.“

„Das ist zu unsicher, Egon. Wer weiß, ob die Herrschaften nicht eine Zwischenkontrolle einlegen. Wir beide müssen unbedingt die völlig unbeschol­tenen Bürger bleiben - ebenso wie bisher.“

„Wie willst du dann an das Geld herankommen?“

„Ich werde einen Kredit aufnehmen!“

„Bei uns in der Kreissparkasse?“

„Ja, sicher. Gegen einen Kredit ist doch nichts einzuwenden, oder?“

„Nein. Natürlich nicht. Du brauchst aber gewisse Sicherheiten, wie du sicherlich weißt. Ohne diese geht nichts! Aber schon gar nichts!“

„Ich habe doch eine dynamische Lebensversicherungspolice - vierzehn Jahre alt - in Höhe von 70.000- €. Das ist dir doch bekannt, oder? Diese Police dürfte als Sicherheit wohl genügen?“

„Du meinst hinsichtlich Abtretungserklärungen etc.?“

„Ja.“

„Was sagst du, wenn sie dich fragen werden, wofür du das Geld willst?“

„Lass das meine Sorge sein, Egon. Vielleicht werde ich ihnen dann etwas von einem kleinen, imaginären Baugrundstück, das ich in Aussicht habe, erzählen. Ich werde behaupten, dass ich mich jedoch definitiv noch nicht entschieden habe...“

„Klingt gut.“

„Ist gut.“

 

Unsere Köpfe rauchen.

Unsere Gesichter glühen.

 

AKTION - REAKTION.

 

Nur darum geht es.

Um Rache und Genugtuung.

Auge um Auge - Zahn um Zahn.

 

Wir werden ein kleines Exempel statuieren!

Jawohl!

 

xxx

 

„Du warst aber heute lange im Bären, Gabriel!“

„Ja, mein Schatz, wir haben uns wilde Geschichten aus der Kindheit erzählt.“

„Worum ging es denn?“

„Ach, ums Boxen, um die Schulzeit und du weißt schon...“

„Mutti hat uns von ihren Ersparnissen einhundert Euro geschenkt, Gabriel.“

„Ein Tropfen auf den heißen Stein.“

„Aber besser als nichts, oder?“ Sie schaut mich wegen meiner Undankbarkeit erzürnt von der Seite an.

„Sicher. Hundert Euro sind hundert Euro.“

„Freust du dich denn nicht darüber?“

Langsam schwillt mir aber der Kamm: „Soll ich jetzt zu ihr ans Bett gehen und vor Dankbarkeit auf die Knie fallen?“

 

Sie fängt an, zu heulen. Schon tut sie mir wieder leid.

 

„Du weißt doch, dass ich es nicht so gemeint habe, Mathilde. Nur diese ewige Geldknappheit macht mich noch gänzlich verrückt.“

„Ja, wir sitzen in einer furchtbaren Geldfalle. Aber nicht nur uns ergeht es so. Meine Freundin­nen im Dorf jammern auch dermaßen, dass man es kaum glauben kann. Das Volk sollte einen gemeinsamen Hungerstreik durchführen!“

 

Hallo! Ich denke, ich höre wohl nicht recht! Meine kleine Mathilde - die unscheinbare Revoluzzerin! Sie würde ja ganz hervorragend zu uns beiden passen, die niedliche Zuckermaus!

 

Ja, würde...

 

Exakt in diesem Moment wird mir klar, dass ich sie ab heute nur noch belügen werde. Ich werde ein Doppelleben führen, das seinesgleichen sucht! Mein einziger Trost ist der, dass es auch meinem Freund Egon nicht besser ergehen wird. Denn auch seine allseits bereite Hildegard will immer allzu gerne wissen, was er so alles treibt - also im pri­vaten Bereich. Jedoch sind wir Beide natürlich unseren Freundinnen gegenüber - unserem großen Glück, wie wir immer sagen - keinerlei Rechenschaft schuldig.

 

Schon baue ich vor: „Du, Mathilde, Egon und ich möchten wieder mit dem Fischen beginnen!“

„Jetzt im Winter? Ihr seid doch verrückt!“

„Aber, aber! Um diese kalte Jahreszeit ist es doch am lukrativsten.“

„Na, wenn ihr meint.“

 

Uff! Viele, viele Stunden für unser gemeinsames, zukünftiges Vorhaben sind somit bereits im Vornherein erklärt. Ich rufe natürlich sogleich Egon an:

 

„Erzähle bitte auch du deiner geliebten Hildegard, dass wir Zwei wieder fischen werden!“

„Gute Idee. Fischen - eine sehr zeitraubende Angelegenheit!“

 

Er hat sofort kapiert, was ich damit meinte. Ein schlauer Kopf, mein Egon. Das muss ich schon sagen!

 

 

27.12.

 

 

An diesem Freitagmorgen (es ist heute wieder äußerst frisch!) spaziere ich - meine Lebensversicherungspolice unter den linken Arm geklemmt - in unsere kleine Kreissparkasse in Rattenbach. Egon steht in seiner kugelsicheren Kassenanlage und sortiert gerade fleißig Geldscheine, die ihm nicht gehören. Wie ärgerlich. Er hat mich bei meinem Eintreten sofort erblickt und zwinkert mir unauffällig zu. Ich verlange den zuständigen Kreditsachbearbeiter zu sprechen, einen gewissen Herrn Theo Mangold, und erzähle ihm meine frei erfundene Story:

 

„Ein wirklich sehr schön gelegenes Grundstück, Herr Mangold - und in einer solch ruhigen Lage!“

„Freut mich für Sie, Herr Stark.“

„Wann kann ich die 50.000- € haben?“

„Wenn alles abgeklärt ist, wird das Geld übermorgen auf Ihrem Konto sein. Sollen wir es auf Ihr Giro-Konto legen?“

 

Leg es hin, wo du willst, denke ich bei mir. Am besten gib es mir gleich mit, du geschniegelter Lackaffe.

 

„Ja, auf mein Giro-Konto. Das wäre wohl das Beste!“, erwidere ich freundlich.

 

Wir verabschieden uns höflichst voneinander. Wir kennen uns zwar schon seit etwa fünfundzwanzig Jahren, aber man muss sich eben an die übliche Form der Höflichkeit halten. Sogar hier im kleinen Rattenbach. Die gierige Sparkasse hat natürlich sofort sowohl meine Police, als auch meine Unterschriften auf den Abtretungserklärungen inklusive Restschuldversicherung geschluckt. Nun haben sie also sozusagen mein persönliches Testament in ihren Händen. Eigenhändig unterzeichnet und datiert.

 

Aber, was soll es?

Es ging ja lockerer, als ich dachte!

 

Meine einzige Sorge ist die, dass es weder meine Freundin noch ihre allseits bekannte Mutter erfährt, die doch recht oft von anderen Frauen vom Dorf Krankenbesuch bekommt. Hier kennt natürlich jeder jeden! Selbstverständlich gilt auch hier, in dieser Sparkasse, die allseits bekannte Schweigepflicht, aber man weiß in solch einem Kuhnest ja nie so genau, wer sich an diese Dinge hält und wer nicht.

 

Gnade dir Gott, Mangold.

Nur ein einziges Wörtchen.

 

 

30.12.

 

 

Heute fahre ich anstatt zum Fischen mit der Deutschen Bundesbahn nach Frankfurt am Main. Zweiter Klasse. Versteht sich. 20.000- € befinden sich in meiner rechten, inneren Brusttasche. Das Geld war heute erwartungsgemäß auf meinem Kon­to. Den Rest von knapp 30.000- € ließ ich auf dem Giro-Konto stehen. Was für ein herrlicher Batzen Geld! Was man damit so alles anstellen könnte! Man könnte endlich wieder ausreichend Fleisch, Wurst und Käse kaufen, eine neue Winterjacke, eine gefütterte Hose, stabile Stiefel, schöne Kinderkleidung für Susanne, für Mathilde ein wunderbares Kleid, auch neue Schlittschuhe und, und, und...

 

Ach ja, das wäre schön.

 

Ich träume gerade so vor mich hin, als der leicht ergraute Fahrkartenschaffner plötzlich unser Abteil betritt. Sicherlich hat auch er eine Familie zu versorgen, er, der arme Schlucker, mit seinem geringen Gehalt! Beinahe hätte ich aus meiner dicken Jacke anstatt der Fahrkarte das dicke Geldbündel herausgezogen, so tief war ich in Gedanken versunken. Nein. Ich werde von diesem Geld für uns nichts ausgeben! Unser Plan steht. Wer weiß, was wir hierfür noch alles benötigen werden! Ja, dieses Geld ist für unsere „lieben Freunde“ gedacht.

 

Für die ungekrönten Aasgeier der Nation.

Jeder einzelne Euro.

Jeder Cent.

Wir werden euch schon zeigen, was hier los ist!

Wir werden euch euren eigenen Spiegel vor Au­gen halten!

Damit hattet ihr wohl nicht gerechnet?

Ihr verdammten Bastarde, ihr!

 

Im Grunde genommen bin ich ja selbst immer wieder über meine eigene, hoch kriminelle Energie überrascht. Normalerweise bin ich ja ein sehr zurückhaltender und auch recht friedliebender Zeitgenosse (das kann jeder im Dorf bestätigen!), aber da sieht man wieder einmal, welch schlimme Rachegedanken in einem geknechteten Gehirn entstehen können!

 

Am Frankfurter Hauptbahnhof steige ich direkt in ein bereitstehendes Taxi und lasse mich zu einem Volkswagenhändler im westlichen Teil dieser riesigen Stadt fahren. Dort hatte ich bereits am letzten Freitag angerufen und mich nach einem weißen, gut erhaltenen VW Multivan erkundigt. Der Händler hatte mir bestätigt, dass er einen sehr gut erhaltenen Wagen für mich hätte.

 

Ich bezahle mein Taxi und marschiere über den mit Fahrzeugen übervollen Verkaufsplatz. Gerade hier sieht man es wieder: Die Leute können sich nicht einmal mehr gebrauchte Autos kaufen!

 

Ha! Dort steht er ja - der Wagen aller Wagen! Genau, der ist es! Er wird uns all unsere bisherigen Wünsche erfüllen! Ladefläche ohne Ende - und für den Notfall auch ein Siebensitzer.

 

Der Händler und ich werden uns sehr schnell einig: 9.500- € lege ich ihm nach kurzer Verhandlung bar auf den Tisch. Er überreicht mir den Kfz-Schein, den Brief, das Scheckheft (aha! Der Wagen ist sogar scheckheftgepflegt) sowie die Schlüssel in zweifacher Ausfertigung und ich steige ein. Danach rufe ich kurz Egon an:

 

„Hallo, hörst du? Ich habe den Wagen. Allererste Sahne, sage ich dir! Er sieht sehr zuverlässig aus. Das hoffe ich zumindest.“

„Wie ist die Farbe? Weiß?“

„Ja, sicher. Ich weiß doch, dass du diese Farbe liebst.“

„Weiß wie die Unschuld“, lacht er laut.

„Treffen wir uns also um fünf Uhr bei der Hütte?“

„Gemacht. Bye.“

 

Ich tanke den Wagen in der Nähe des Händlers voll und fahre dann direkt auf die Autobahn Richtung Rhön. Meine Gedanken schweifen umher...

 

xxx

 

Punkt fünf Uhr nachmittags (es ist bereits stockdunkel) sehe ich Egon auf unsere Hütte zumarschieren. Er bleibt bei unserem VW TDi kurz stehen und kommt dann in die Hütte hinein. Die Türe war nur angelehnt.

 

„Hallo!“

„Hallo, Egon! Gefällt dir der Wagen?“

„Sieht gut aus. Sehr kompakt und wie neu.“

„Er hat läppische 65.000 km auf dem Tacho. Der Preis war gut.“

„Kann ich auch einen Schlüssel haben?“

„Aber selbstverständlich, Egon. Übrigens: Die Herfahrt war wirklich super. Der Wagen läuft wie ein Schweizer Uhrwerk. 180 km/h und mehr!“

„Ich werde morgen einmal damit fahren. Ach ja: Ich habe mich vorhin bei unserem Hausarzt Dr. Maier für die nächste Woche krankschreiben lassen, weil du ja nicht alles alleine erledigen kannst.“

„Das ist eine gute Idee, Egon. Ich habe zwar nächste Woche noch alten Urlaub, aber ab dem siebten Januar sieht es dann schon wieder etwas anders aus.“

„Wir müssen so einiges einkaufen, was?“

„Ich habe heute in fünf verschiedenen Baumärkten die Gitterboxen, die zusammenklappbaren Stühle, einen Tisch für uns, die Luftmatratzen und Pum­pen, all die warmen Decken und noch ein paar Kleinigkeiten eingekauft. Ich sage dir: Das geht vielleicht ins Geld!“

„Ja, aber was sein muss, muss nun mal sein. Unse­r HOTEL muss ja komplett eingerichtet sein,

 

...wenn es losgeht.“

 

„Was denkst du, wann wir effektiv loslegen können?“

„Meinst du, mit der ersten Entführung?“

„Ja.“

„Ich schätze, Anfang nächster Woche, Gabriel. Da können wir ja dann gemeinsam losschlagen.“

„Hast du die Scheiben am Wagen verdunkelt?“

„Nein, Egon, das war schon so. Wann hätte ich das denn machen sollen? Nur die Frontscheibe ist einsehbar.“

„Das ist ja super! Dadurch kann keiner in den Wagen hinein glotzen.“

„Ja, das ist ja auch wohl der Sinn der Sache.“

„Stellen wir den Wagen versteckt ab, also hier irgendwo an der Hütte, oder fahren wir offiziell damit herum?“

„Ich würde sagen, wir haben nichts zu befürchten, Egon. Es geht keinen Menschen etwas an, wenn wir jetzt einen kleinen Bus fahren.“

„Richtig. Etwaige Neugierige wimmeln wir einfach ab.“

 

Wir beginnen, den übervollen Wagen auszuräumen. Die Gitterboxen mit den Maßen 100x200x200 bereiten uns die größten Schwierigkeiten. Ich stehe oben inmitten der Hütte, direkt am noch dunklen Loch, und reiche Egon die einzelnen Boxen hinunter. Es geht äußerst knapp her, und wir sind heilfroh, dass wir damals als Jungen diese Öffnung in die Höhle so groß gemacht hatten.

 

Nach einer guten Stunde ist das ganze Zeug unten in unserer geliebten Höhle. Vier große, starke Taschenlampen, die wir ringsum provisorisch befestigt haben, leuchten uns den Weg.

 

Nun stellen wir die elf Boxen auf. Zwei Meter hoch - zwei Meter lang - und ein Meter breit. Das dürfte als „Einzelzimmer“ wohl genügen! Zehn Stück stehen nun direkt in einer Linie nebeneinander. Wir haben sie mit stabilen Vorhängeschlössern verbunden! Und die elfte Box bauen wir im rechten Winkel zu all den anderen auf.

 

Sie wird eine besondere Aufgabe bekommen!

 

In jede Box legen wir eine wunderschöne, farbige Luftmatratze mit Dreifachkammer mit entsprechender Pumpe, die warmen Wolldecken, die Stühle, Zahnbürsten, Pasta, Kämme, Bürsten, Papiertaschentücher und einen kleinen, rechteckigen Spiegel. Nicht zuletzt erhält jeder Gast selbstverständlich eine Rolle mit Multivitamin-Brausetabletten, die man in Wasser hervorragend auflösen kann.

 

Es werden noch die chemischen Toiletten, der Stromgenerator, diverse Lampen - also Glühbirnen - und eben, was uns sonst noch so alles einfällt, folgen. Hinzu kommen die Trainingsanzüge, warme Turnschuhe, die Heizstrahler und noch einiges mehr. Auch einen großen Stapel Zeitschriften werden wir noch kaufen, um den Herrschaften ihren Aufenthalt im HOTEL ZUR HÖHLE ein wenig angenehmer zu gestalten. Man will ja schließlich keine Reklamationen! Außerdem kann man sich das als renommiertes Hotel auch gar nicht leisten!

 

Abends um elf Uhr schütteln wir uns dann die Hände. Wir stehen in der Mitte unserer Höhle und betrachten unser grandioses Werk.

 

„Du, Gabriel, was mir gerade noch einfällt: Schreib dir mal auf: Starkes, breites Klebeband, Ohropax und Augenbinden. Das brauchen wir noch unbedingt.“

„Richtig.“

„Schau dir doch mal unser neues Hotel an: Sieht es nicht furchteinflößend aus? Diese Boxen erinnern mich sehr stark an gewisse Tierkäfige im Zoo.“

„Wieso? Tun dir etwa unsere zukünftigen Gäste jetzt schon leid?“

„Aber wirklich nicht, Gabriel. Da kennst du mich aber schlecht! Mitleid ist in diesem Fall für mich ein Fremdwort.“

„Ja, für mich auch, Egon. Wir dürfen uns nur nicht weich klopfen lassen, wenn jemand zu jammern beginnt, verstehst du?“

„Ja, gerade bei den Frauen wird es sicherlich problematisch werden!“

„Sollen wir auch Frauen einladen, Egon?“

„Aber natürlich! Warum denn nicht? Die sind doch genau so schlimm! Wenn nicht noch schlimmer!“

„Da hast du auch wieder Recht, mein Freund.“

„Lassen wir uns überraschen, Gabriel.“

 

Eine kleine Pause entsteht. Die nahezu dunkle, finstere und kalte Höhle wirkt auf uns ein.

 

„Wir sollten die Hütte etwas gemütlicher einrichten, Egon.“

„Unbedingt. Schließlich werden wir hier ja auch genügend Zeit verbringen.“

„Lass uns morgen auch - am besten bei dir, da sind wir wenigstens ungestört - eine kleine Begrüßungsrede für unsere Gäste zusammenstellen.“

„Au ja, das werde ich übernehmen!“

„Gut, Egon. Im Schreiben bist du ja wohl der Bessere!“

 

Spät nachts fahren wir mit unserem schneeweißen Bully zurück zu unseren Wohnungen. Egon parkt den Wagen im Garten seines Hauses und ich gehe das kurze Stück zu Fuß nach Hause.

 

Auf meinem Wohnzimmertisch liegt ein kleiner Zettel: „Wo bist du denn immer? Komm morgen bitte zu uns herüber. Kuss Mathilde.“

 

In dieser Nacht schlafe ich sehr schlecht. Zu viel schwirrt in meinem Kopf herum: Wir dürfen Nichts vergessen, denn ein Fünf-Sterne-Hotel muss schließlich alles bieten! Ich brauche noch eine ganze Anzahl von Sicherheitsschlössern für die Boxen und unsere Hüttentüre. Ja, daran muss ich auch unbedingt denken! Dorthin, also zur Hütte, verirrt sich zwar niemals jemand, eben, weil es dort nichts Interessantes zu sehen gibt, aber man kann ja trotzdem nicht wissen!

 

Sicher ist sicher!

 

 

Silvester

 

 

Was habe ich heute Morgen wieder im Teletext gelesen? „Die Preise waren noch nie so niedrig wie heute!“ Erklärt ein bestimmter Finanzminister. Ist er denn völlig wahnsinnig? Ja Kruzifix noch mal, was erlauben die sich denn mit uns noch alles? Denken sie denn wirklich, dass wir alle - wir Millionen dumme Schafe - durch die Bank total verblödet sind? Zuerst zocken sie uns das gesamte Jahr über ab, dass es nur so raucht, kündigen uns für das neue Jahr ganz frech weitere Zigarettenpreiserhöhungen an, schicken unverschämter Weise vierteljährlich Lohn- bzw. Einkommenssteuer-Vorauszahlungs-Forderungen, und dann setzen sie auch noch solche Scheißsätze in den Teletext! Unverschämter geht es ja wohl wirklich nicht!

 

Na wartet, Freunde...

 

Exakt um halb zehn Uhr vormittags läute ich bei Egon. Der Lümmel schläft doch tatsächlich noch! Nach langem Klingeln öffnet er mir endlich die Türe, und ich trete bei ihm ein. Gemütlich hat er es hier, der kleine Egon! Die meisten Dinge und Möbelstücke hat er ja preisgünstig auf diversen Flohmärkten zusammengetragen! Geld für neue Möbel war eben nicht drin!

 

„Entschuldige bitte, dass ich verschlafen habe. Du kennst mich ja. Normalerweise passiert mir so etwas nicht, aber ich habe gestern Abend noch fünf Halbe Weizenbier getrunken und deswegen wie ein Bär geschlafen.“

„Wieso? Konntest du nicht einschlafen?“

„Eben nicht. Ich war so wahnsinnig aufgedreht und aufgeregt. Unser Plan ist so endgültig.“

„Soll das heißen, dass du aussteigen möchtest?“

„Aber ich bitte dich, Gabriel. Ich - und aussteigen. Dass ich nicht lache!“

„Na, na, so überzeugend klingt das aber nicht, mein Freund. Sage es mir ganz ehrlich: Machst du nun mit, oder machst du nicht mit?“

Ich fixiere ihn wie eine Schlange ein Kaninchen, jedoch sein Blick ist fest und direkt: „Gabriel, wie lange kennen wir uns jetzt schon? Knapp drei Jahrzehnte, oder etwa nicht? Wenn ich JA sage, dann meine ich auch JA!“

„Ist ja gut, Egon. Beruhige dich nur wieder. Ich wollte es nur ganz genau wissen. Du verstehst. Dies war kein Misstrauensbeweis meinerseits.“

„Du hast ja recht. Es hängt einfach viel zu viel davon ab. Lass uns jetzt die Begrüßungsrede schreiben: Die so genannte PRÄAMBEL.“

„Hast du einen kleinen Schluck Kaffee für mich da?“

„Bitte. Dort ist die Kanne. Wo die Tassen stehen, weißt du ja. Bediene dich!“

 

Während ich lauwarmen Kaffee einschenke, beginnt Egon schon zu kritzeln:

 

DAS DUETT - DIE PRÄAMBEL:

 

Ich befinde mich hier im HOTEL ZUR HÖHLE. Die Hoteliers hoffen, dass ich mich hier auch wohl fühlen werde. Man freut sich, dass gerade ich mich für dieses Haus entschieden habe. Man wird sich bemühen, aus mir wieder einen wirklich anständigen Bundesbürger bzw. Mitbürger zu machen, der nicht nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Ich werde neue Züge an mir erkennen wie z. B. Angst, Unsicherheit, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht bzw. zwischen Demut und Überheblichkeit. Mir dürfte wohl bekannt sein, dass Habgier eine der sieben Todsünden ist. Genau diese grenzenlose Habgier machte mich zu dem, was ich heute bin:

 

ABSCHAUM.

Abstoßend und ekelerregend.

 

Ich soll mich hier so wohl fühlen wie bei mir zu Hause. Es wird mir garantiert an Nichts fehlen. Dabei denkt man natürlich nicht an irgendwelche luxuriösen Annehmlichkeiten - nein, nein, - man meint damit vielmehr das Erlernen der eigenen, persönlichen Einsicht, der Reue, der Sühne und der Scham, ja, sogar der eventuellen persönlichen Wiedergutmachung.

 

Ich kann jedenfalls sicher sein, dass ich das HOTEL ZUR HÖHLE - falls überhaupt - als ein ganz anderer Mensch verlassen werde.

 

Falls überhaupt!“

 

Zitat-Ende.

 

Ich lese den Wisch kurz durch und bin absolut überwältigt.

 

xxx

 

Gegen Mittag kommen unsere beiden Frauen in mein Appartement. Egon befindet sich bereits seit kurzem hier bei mir. Wir frühstücken gemütlich zusammen und diskutieren wie üblich über diese wahnsinnigen Wucherpreise. Die Damen sind von dem wunderschönen VW-Bus hellauf begeistert, wie sie sagen. Wir erzählen ihnen ganz locker, dass wir uns die Kosten geteilt hätten und es uns dadurch möglich war, den Wagen mit einer kleinen Anzahlung auf Finanzierung zu kaufen. Denn wer kann so viel Geld denn schon in bar hinblättern?

 

Wir beschließen, Silvester gemeinsam in einem wunderschönen Tanzlokal in Coburg zu verbringen. Die beiden Frauen verstehen sich prima - eben wie immer. Ja, das muss man ihnen schon lassen! Für unsere kleine Susanne bestellen wir ausnahmsweise für den Abend ab sechs Uhr eine junge Schülerin aus Rattenbach, die auf sie aufpassen wird. Sie wird auch nebenbei gleich ein Auge auf Mathildes Mutter werfen. Wir geben dem jungen Mädchen vorsichtshalber meine Handynummer - eben für alle Fälle.

 

Wenn die beiden Frauen wüssten, überlege ich.

 

Es wird ein herrlicher Abend, und ausnahmsweise leisten wir uns ein sehr gutes Essen. Die Damen sind heute sehr ausgelassen. Als wir Männer später etwas zu viel von dem herrlichen Gerstensaft erwischt haben, flüstert mir Egon die gesamte Begrüßungsrede des HÖHLEN-HOTELS ins rechte Ohr. Offensichtlich hat er sie auswendig gelernt, der kindische Schnösel. Ich lache Tränen und dabei wird mir klar, wie ernst diese Sache nun doch langsam wird...

 

Unaufhaltsam rückt der Tag X näher heran... Der Tag, an dem wir unser erstes Opfer ins Hotelleben einführen werden. Diese Angelegenheit wird un­ser beider Leben nicht nur etwas verändern, son­dern völlig umkrempeln. Das ist uns klar. Wir dürfen uns keinen einzigen Fehler erlauben...

 

Morgen werde ich mit Egon noch einmal alles durchgehen: Den Plan an sich, die noch erforderlichen Dinge, wie z. B. der schwere, sicherlich sperrige Kühlschrank, die Bestimmung bzw. Festlegung der Orte, in denen wir die Lebensmittel besorgen werden (diese können wir ja unmöglich in unserem winzigen Nest kaufen, wo uns jeder kennt!), wo wir zuschlagen werden, die Art, wie wir zuschlagen werden (im wahrsten Sinn des Wortes) und, und, und...

 

Die gesamte Angelegenheit muss möglichst so professionell ablaufen, dass nicht der geringste Verdacht auf uns fallen wird. Wir werden uns hierzu noch so einiges einfallen lassen müssen...

 

 

Neujahr

 

 

Das Neue Jahr ist geboren. Es wird so manchem Mitmenschen nicht das große Glück bringen, das er sich erhofft. Damit sind unsere zukünftigen Gäste, die uns im HOTEL ZUR HÖHLE schon sehr bald beehren werden, gemeint...

 

Abends bespreche ich mit Egon im Schwarzen Bären (in der Stimme etwas gedämpft) noch einmal alle Details. Auch erkläre ich ihm, wie ich mir die erste Entführung vorstelle:

 

„Am besten, Egon, wird es sein, wenn wir zwischen dem Tatort und Rattenbach eine Entfernung von mindestens 100 km bringen. Wir werden auch niemals in ein- und derselben Stadt oder Ortschaft zweimal zuschlagen. Unsere Auswahl an Örtlichkeiten ist ja geradezu unerschöpflich.“ Ich grinse dabei über beide Ohren.

„Ich werde fahren, und du schlägst zu.“

„Wir werden systematisch vorgehen.“

 

Ich erkläre ihm sehr ausführlich, wie ich mir das Ganze vorstelle...

 

 

02.01. - 07.00 Uhr

 

 

Egon steht mit seiner warmen, braunen Winterjacke und seinen schwarzen Jeans (die ihm meiner Meinung nach viel zu weit sind) an meiner Wohnungstüre und klingelt Sturm. Mathilde liegt in meinem Doppelbett und schläft noch tief. Sie verbrachte die letzte Nacht mal wieder bei mir. Auch Susanne ist bei uns.

 

„Auf geht’s, mein Freund!“

 

Wir fahren bis nach Fulda, um dort in einem großen Baumarkt einige Dinge einzukaufen, die wir noch benötigen. In einem anderen Spezialgeschäft erhalten wir den dringendst benötigten Stromgenerator. Fünfzig Kilometer weiter kaufen wir - wiederum in einem großen Bauhaus - weitere Gegenstände, die noch nötig sind, wie z. B. den schweren, einsachtzig, hohen Kühlschrank (er sieht sehr amerikanisch aus!)

 

Nach dem fünften Laden ist unser Wagen randvoll, und ich bin fast fünftausend Euro los. Jedoch: Die Sache ist es wert!

 

Man kann uns Beide gerne für verrückt halten, aber unserer Meinung nach sind doch eher diejenigen wahnsinnig, die sich all die grandiosen Unverschämtheiten von der Regierung, von der Industrie und von deren Handlangern fortwährend, andauernd und obendrein auch noch widerspruchs­los gefallen lassen.

 

Oder liegen wir da etwa falsch?

 

Es ist bereits stockdunkel, als wir endlich um sechs Uhr abends an unserer bescheidenen Hütte ankommen. Wir befördern unter Aufbietung aller vorhandenen Kräfte (Egon jammert ganz schön!) all das Zeug in die Hütte hinein. Er kümmert sich um die technischen Belange, wie um die Installierung des Generators, der vielen Glühbirnen und des monumentalen Kühlschrankes im unteren Bereich und ich trage verschiedene Dinge hinunter, um es unseren zukünftigen Gästen etwas gemütlicher zu machen.

 

Zwei Stunden später sind wir dann fertig (im wahrsten Sinn des Wortes) und ich lade Egon zu einem Bierchen und zu einer kleinen Brotzeit in den Schwarzen Bären ein. Wir trinken frisches Weizenbier und dazu gibt es schwarzen und weißen Presssack in Essig und Öl, mit ofenfrischen Semmeln.

 

„Ein gelungener Tag, Egon.“

„Aber ehrlich. Wegen mir kann es jetzt losgehen.“

„Ein Prosit auf unser neues Hotel!“

 

Auf das HOTEL ZUR HÖHLE!“

 

Seine listigen Augen funkeln wie zwei kleine Bernsteine. Gut, dass ich ihn als Freund habe, überlege ich. Ohne ihn hätte ich diese umfangreiche Aktion wohl niemals starten können!

 

„Was hältst du von morgen?“ Ich schaue ihn dabei durchdringend an.

„Morgen ist genau der richtige Tag, Gabriel. Ich freue mich schon darauf - besser gesagt, auf unseren ersten Hotelgast!“

 

Wir müssen beide schallend lachen. Hotelgast - wie sich das anhört!

 

„Es genügt, wenn wir mittags losfahren, oder?“

„Ja, das würde ich auch sagen. So kann ich wenigstens ausschlafen.“

„Genehmigt. Schließlich bist du ja krankgeschrieben.“

 

Wir trinken noch ein paar Bierchen zusammen und machen uns schließlich mit unserem weißen Bully auf den Heimweg. Um unsere Führerscheine müssen wir in Rattenbach nicht gerade bangen, weil es hier weit und breit keine Polizei gibt, die uns kontrollieren könnte. Außerdem sind es von hier aus nur etwa eineinhalb Kilometer bis zu unseren Wohnungen. Falls alle Stricke reißen sollten, so könnte immer noch der Andere fahren, falls einer von uns seinen Führerschein abgeben müsste.

 

Mathilde erwartet mich zu Hause mit einem eng anliegenden, dunkelroten Negligee, und der Rest ist Schweigen...

 

 

03.01.

 

 

Heute werden wir einem dieser gierigen Hunde das Wochenende verderben. Aber ganz gewaltig! Das wird ein innerer Vorbeimarsch, auf den ich schon seit langer Zeit gewartet habe! Egon ist im Grunde genommen derselben Meinung wie ich. Gut, er ist nicht ganz so extrem wie ich es nun mal bin, aber auch ihn kotzt diese gesamte Scheiße bei uns, hier in unserem geliebten, deutschen Vaterland, schon lange an. Deswegen war er ja auch gleich einverstanden, als ich ihm meinen Plan vorgelegt hatte...

 

Was auch von großem Vorteil ist, ist die Tatsache, dass wir Zwei uns in- und auswendig kennen. Einer geht auf den Anderen ein, und wenn der Eine et­was Gutes tut, dann eben für den Anderen. Ja, genau so läuft dies bei uns schon seit knapp drei­ßig Jahren ab. Genau deswegen können wir diesen ganzen Mist hier auch gemeinsam - und gänzlich alleine - durchziehen. Wir können uns aufeinander zu hundertzehn Prozent verlassen. Ja, und genau dies ist die notwendige Basis für...

 

DAS DUETT.

 

xxx

 

Unser erstes Ziel heißt Nürnberg. Die Entfernung ist groß, aber si­cher ist sicher. Es dürfen, wie gesagt, keinerlei Zusammenhänge zwischen den Tatorten und unse­rem heißgeliebten Rattenbach in der Rhön entste­hen. Deswegen also die kleine Spazierfahrt. In einer mickrigen Ortschaft, an der wir vorbeikom­men, besorgen wir uns von einem etwas abseits stehenden Wagen dessen Nummernschilder. Blitz­schnell montiere ich sie ab und bei uns wieder an, nachdem ich vorher unsere abgeschraubt habe. Das Ganze dauert nicht länger als eine gute Minu­te, da wir hervorragendes Werkzeug besitzen.

 

„Bist du aufgeregt, Egon?“

„Ja, etwas, Gabriel.“

„Ich auch. Mein lieber Herr Gesangsver­ein!“

„Mir fällt gerade etwas sehr Wichtiges ein, Ga­briel, und zwar hinsichtlich unserer Entlüftung in der Höhle. Wir müssen das Loch, das wir damals verschlossen hatten, wieder unbedingt öffnen. Ich würde vorschlagen: Etwa zwanzig mal dreißig Zen­timeter. Das dürfte wohl genügen.“

„Richtig. Wir müssen täglich gut durchlüften, da­mit uns unsere Gäste dort unten nicht eingehen. Falls einmal einer von uns Beiden an einem Tag wirklich nicht in der Hütte sein sollte, dann muss dies der Andere unbedingt mit erledigen.“

„Gemacht.“

 

Unsere Fahrt geht hurtig weiter. Etwa um halb vier nachmittags parken wir in Nürnberg am Stadt­rand in einer gutbelebten Hauptstraße unseren Wagen. Danach gehen wir ein wenig spazieren und besuchen Geschäft für Geschäft: Einen Lebensmittel-Discoun-ter, eine Bäckerei, einen Metzgerladen (in ihm kaufe ich zwei warme Leber­kässemmeln - Egon wartet inzwischen draußen und ich merke mir gleich einmal vorsichtshalber die Uhrzeit, wann der Laden schließt), einen Telefon­laden, ein Cafe und schließlich ein kleines Kauf­haus, in dem wir zusammen frisch duftenden Kaf­fee trinken. Dazu gibt es herrliche Sahnetorte, die ich natürlich auch von meinem Kredit finanziere. Zuvor war zwischen uns folgender Dialog entstan­den:

 

„Was hast du denn für die zwei Semmeln bezahlt?“

„4,80 €, Egon.“

„Was - 4,80 €?“

„2,40 € pro Stück.“

„Dieser Metzger spinnt doch, oder?“

 

Wir hatten uns dabei nur kurz angeschaut und uns war eines klar: Dieser gierige Hammel wird unser erster Gast werden! Die wahnsinnig teuren Le­berkässemmeln werden ihm sein feistes Metzger­genick brechen!

 

„Sicherlich sehnt er sich bereits nach dem HÖHLEN-HOTEL, was Gabriel?“

 

Ich nicke, und das genügt. Ich bin so richtig auf­geregt. Egon auch, wie mir scheint.

 

Nach etwa einer guten Stunde - geht es wieder zu Fuß denselben Weg zurück.

 

Der Name des Metzgermeisters ist übrigens Anton Schlamm. Obergierschlund in Vollendung. Punkt. Er lebt nicht in diesem Haus, in dem er seinen Laden hat, denn Egon findet hinten im Hof an der Haustüre kein entsprechendes Namensschild. Also muss er logischerweise woanders wohnen. Höchstwahr-scheinlich, so hoffen wir zumin­dest!

 

Um sechs Uhr abends schließt dann endlich unser Laden. Wir sind schon sehr ungeduldig und sitzen etwa fünfzig, sechzig Meter von der Metzgerei ent­fernt in unserem Bully (mit Standheizung!) und warten, bis der sympathische, äußerst bescheide­ne Herr endlich seine Geldstapel sortiert hat. Das Personal verlässt inzwischen den leicht überteuer­ten Laden. Eine nach der Anderen.

 

Schon sehr bald kommt der Herr Metzgermeister höchstpersönlich aus seinem pompösen Geschäft heraus. Wir sehen, wie er langsam in seinen di­cken, schweren Mercedes 420 einsteigt, der direkt neben seinem Geschäft steht. Zum Glück fährt er alleine. Sicherlich handelt es sich bei diesem Fahrzeug um seinen Zweitwagen, überlege ich.

 

Seine Heimfahrt beginnt. Wahrscheinlich ist es vorerst seine letzte. Wir folgen ihm in einem großen Abstand.

 

Die gemeinsame Fahrt geht auf einer gut ausge­bauten, breiten Straße Richtung Osten weiter. Wir versteifen uns natürlich nicht auf ihn, den Herrn Metzgerschlund, und überlassen alles Weitere dem Schicksal. Seinem Schicksal. Vielleicht wird er auch Glück haben! Jedoch nur ein großer Zufall kann ihn vor uns ret­ten.

 

Wer weiß?

 

„Wenn es nicht klappen sollte, Egon, dann eben nicht. Dann suchen wir uns morgen einen anderen geeigneten Kandidaten.“

„Spielt doch überhaupt keine Rolle, Gabriel, wer es ist!“

 

Wir lachen angestrengt, da wir, wie gesagt, doch recht nervös sind und unter großer Anspannung stehen. Man entführt ja nicht täglich einen Men­schen! Die Fahrt geht jedoch ohne irgendwelche Zwischenfälle weiter. Mein Handy klingelt:

 

„Ga­briel, wo bist du denn?“

„Wir sind unterwegs, Mathilde. Ich melde mich später wieder!“ Gesprächende.

„Verdammt noch mal, diese ewigen Kontrollen!“, schimpfe ich laut.

„Deswegen habe ich ja auch kein Handy, Gabriel.“

 

Er, der Herr Oberfleischkopf, fährt zügig, aber wir können ihm in einem großen Abstand problemlos folgen. Er düst gezielt nach Langwasser. In einem sehr ruhigen Wohngebiet, in dem in äußerst ge­pflegten Anlagen nur teure und exklusive Ein- und Zweifamilienhäuser stehen, parkt er endlich seinen netten Kleinwagen vor einer prachtvollen Villa.

 

„Was wird die Hütte wohl wert sein, Gabriel?“

„Ich schätze, eine Million. - Euro! Versteht sich!“

 

Der Schlächter steigt behände aus. Es handelt sich bei ihm um einen äußerst kräftigen und auch schweren Burschen, was mich aber nicht im ge­ringsten beeindrucken kann.

 

Die Straße ist zum Glück nur sehr spärlich be­leuchtet und außerdem vollkommen menschenleer. Wir halten knapp fünf Meter hinter seinem Merce­des an, und Egon legt den Leerlauf ein. Ich steige flott auf der Beifahrerseite aus. In der Hand halte ich einen Stadtplan von Nürnberg. Sonst nichts. Mehr brauche ich ja auch nicht.

 

„Hallo! Hallo! Können Sie mir bitte weiterhelfen?“

 

Er dreht sich um - den Autoschlüssel in der Hand - und kommt mit weit ausholenden Schritten direkt auf mich zu.

 

„Was gibt es?“

„Wir suchen die Halfterstraße hier in Langwasser!“

„Ist mir nicht bekannt. Geben Sie mir mal die Kar­te.“ Er greift nach ihr, ohne mich zu fragen.

 

Die rechte Schiebetüre des Busses steht natürlich halb offen. Ich hatte sie beim Ausrollen des Wa­gens vom Beifahrersitz aus leicht geöffnet, jedoch nahezu unmerklich, rein optisch gesehen. Unser Prachtwagen lädt sehr zum Mitfah­ren ein, finde ich.

 

Jetzt geht alles blitzschnell: Ich versetze ihm ei­nen kurzen, wuchtigen Aufwärtshaken - genau aufs Kinn. Wie vom Blitz getroffen bricht er bewusstlos zusammen, jedoch halte ich ihn fest, bevor er fällt. Er ist - wie gesagt - sehr schwer und ich schiebe ihn auf die leere, mittlere Rückbank unse­res Wagens, setze mich direkt neben ihn und schließe schnell die Türe. Ich verriegele sie von innen und die Entführung ist beendet. Vorerst we­nigstens.

 

„Fahr los, Egon!“

„So schnell geht das“, bemerkt er trocken.

 

Egon fährt ganz normal, also nicht zu schnell oder gar auffällig, an. Ruhig und beherrscht macht er das! Richtig professionell, könnte man fast sagen!

 

„Jetzt können wir nur hoffen, Egon, dass uns nie­mand beobachtet hat.“

„Ich glaube nicht, dass es irgendjemand mitge­kriegt hat, Gabriel.“

„Ich habe vorhin einen kleinen Parkplatz gesehen. Auf diesem halten wir kurz mal an.“

 

Ich zeige ihm den genauen Weg dorthin. Schlamm ist zum Glück immer noch bewusstlos. Der Schlag hatte geses­sen!

 

An besagtem Parkplatz, der - umgeben von dich­ten Bäumen - sehr verdeckt liegt und nur sehr schlecht von der Bundesstraße her einzusehen ist, fixiere ich Schlamms Hände auf seinem breiten Rücken mit schwarzem, breitem und unüberwind­barem Klebeband. Auch bekommt er eine wunderschöne, schwarze Augenbinde. Jetzt sieht er aus wie ein korpulenter, vollständig blinder Hochseepirat! Als Krönung verabreiche ich ihm noch zwei Stück Ohropax. Flupp - und drin sind sie! Er soll später nicht nachvoll­ziehen können, wohin seine Urlaubsreise gegangen war: Weder akustisch noch optisch. Wir wissen, dass man sowohl die Orientierung, als auch die Dauer des Geschehens vollkommen verliert, wenn man nichts hören und nichts sehen kann.

 

„Hast du eigentlich unsere Nummernschilder?“

„Natürlich. Sie liegen hinter der zweiten Rückbank in der Schachtel.“

„Prima, Gabriel.“

„Es lief problemloser ab, als ich dachte.“

„Ja, aber das nächste Mal müssen wir noch um­sichtiger vorgehen“, meint er besorgt.

„Du hast recht, diese rigorose Entführung auf of­fener Straße war schon sehr gefährlich!“

„Wenn von den anliegenden Häusern auch nur eine einzige Person die Straße beobachtete, dann ken­nen sie jetzt unser Fahrzeug.“

„Gut, dass wir wenigstens die gestohlenen Num­mernschilder aufgeschraubt hatten.“

„Lass uns zurückfahren, mein Freund.“

 

Er gibt leicht Gas und wir verlassen den dunklen Park­platz.

 

„Wir werden uns noch zwei Perücken besorgen müssen.“

„O. k. Machen wir.“

„Eine blonde und eine dunkle.“

 

Wir setzen unsere weitere Fahrt gemütlich fort. Nichts eilt. Schließlich darf ja auch nichts passieren! Egon ist, soweit ich das beurteilen kann, ein hervorragender Fahrer, und ich entschließe mich, ihn nun immer chauffieren zu lassen, wenn wir auf Gästefang gehen...

 

Nach etwa zehn Minuten regt sich etwas neben mir:

 

„Verflucht! Was soll das?“

„Halte deinen Mund, oder ich knebele dich“, sage ich zu ihm überaus freundlich.

 

Ruhe.

 

Leise und herrlich gleichmäßig schnurrt der Motor unseres Busses. Die Landstraße, die nun zur Auto­bahn führt, ist nicht beleuchtet.

 

„Haben Sie mich entführt?“

„Das erfährst du später. Sei jetzt ruhig.“

„Ich kann nichts sehen!“

„Mit einer beidseitigen Augenklappe würde ich auch nichts sehen“, antworte ich ihm so laut, dass er mich trotz seiner Ohropax verstehen kann.

„Was habt ihr mir in die Ohren gestopft?“

„Bratwürstl!“, schreit Egon zu ihm hinter.

 

Der Herr Oberpirat hält doch tatsächlich seine lose Klappe. Natürlich bin ich darauf gefasst, dass er gegen mich irgendetwas unternehmen wird, je­doch habe ich ihn gut im Blickwinkel.

 

Nach etwa gut zwei Stunden sind wir endlich an unserer kleinen Hütte angelangt. Die Fahrt war völlig reibungslos und auch flott verlaufen. Nur beim Tanken hatte ich unseren ersten, hoch ver­ehrten Gast ermahnt, sich doch bitte ruhig zu ver­halten.

 

Er tat es.

Sein Glück.

 

Es ist stockdunkel hier draußen. Obendrein pfeift ein eisig kalter Ostwind, und ich möchte jetzt, ehrlich gesagt, nicht in der Haut dieses Herrn Supermetzgers stecken. Die bisherige, und auch die weitere Ungewissheit wird ihm mit Sicherheit am meisten zu schaffen machen...

 

Ich entriegele die hintere Schiebetüre und helfe unserem Ehrengast beim Aussteigen, da seine Bei­ne offensichtlich etwas steif geworden sind. Da­nach tausche ich umgehend die zwei Nummern­schilder und lege die geklauten in eine extra dafür vorgesehene Kiste, die sich in der hintersten Ecke der Hütte befindet. Später werde ich diese Kiste noch nach unten bringen, überlege ich, denn dies halte ich für besser und auch für sicherer!

 

Wir bugsieren unseren hocherfreuten Gast, dessen Beine, wie gesagt, etwas wackelig sind, in die Hütte hinein. Er versucht keinen Angriff, was ich ihm auch raten möchte.

 

„Setz dich, Anton.“

 

Egon bietet ihm überaus höf­lich einen der drei Holzstühle an, die sich in der Hütte befinden, und unser erster Gast setzt sich. Stumm und verwirrt glotzt er uns an, nachdem wir ihm die Augenbinde abgenommen haben, ebenso wie die zwei Stück Ohropax.

 

„Was glotzt du denn so?“, möchte Egon wissen.

„Was haben Sie mit mir vor?“

„Wieso? Was denkst du denn?“

„Wo bin ich denn hier?“

„Im HOTEL ZUR HÖHLE, Anton. Noch nie davon gehört?“

„Ihr seid ja verrückt.“

„Meinst du? Dann nimm dich aber in Acht! Verrück­te sind brandgefährlich und völlig unbe­rechenbar!“

 

Seine Hände sind immer noch auf dem Rücken ge­fesselt.

 

„Sie zeigen mir Ihre Gesichter?“

„Ja, wieso nicht?“

„Heißt das, dass...“

„Denke, was du willst.“

 

Egon holt seine Präambel aus der Hosenta­sche, stellt sich direkt vor ihn hin und liest sie ihm laut und deutlich vor:

 

DAS DUETT - DIE PRÄAMBEL

 

Ich befinde mich hier im HOTEL ZUR HÖHLE. Die Hoteliers hoffen, dass ich mich auch wohlfühlen werde. Man freut sich, dass gerade ich mich für unser Haus entschieden habe. Man wird sich bemü­hen, aus mir wieder einen wirklich anständigen Bundesbürger bzw. Mitbürger zu machen, der nicht nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Ich werde neue Züge an mir erkennen wie z. B. Angst, Unsicherheit, den Unterschied zwischen Recht und Unrecht bzw. zwischen Demut und Überheblichkeit. Mir dürfte wohl bekannt sein, dass Habgier eine der sieben Todsünden ist. Genau diese grenzenlo­se Habgier machte mich zu dem, was ich heute bin:

 

ABSCHAUM.

Abstoßend und ekelerregend.

 

Ich werde mich hier so wohl fühlen wie bei mir zu Hause. Es wird mir garantiert an nichts fehlen. Dabei denkt man natürlich nicht an irgendwelche luxuriösen Annehmlichkeiten - nein, nein - man meint damit vielmehr das Erlernen der eigenen, persönlichen Einsicht, der Reue, der Sühne und der Scham, ja, sogar der eventuellen persönlichen Wiedergutmachung.

 

Ich kann jedenfalls sicher sein, dass ich das HOTEL ZUR HÖHLE - falls überhaupt - als ein ganz anderer Mensch verlassen werde.

 

Falls überhaupt!“

 

Zitat-Ende.

 

Sein überraschtes Gesicht drückt Vieles aus: Entsetzen, Ungläubigkeit, Verwirrung, Wut, Ratlosigkeit und nicht zuletzt auch tierische Angst.

 

„Ein solch großer Junge wie du wird doch nicht etwa Angst haben?“, fragt Egon ihn zynisch.

„Leck mich am Arsch.“

„Noch solch ein Spruch - Kieferbruch!“ Ich halte ihm meine rechte Faust direkt unter die Nase.

„Ist ja gut, ist ja gut. Bin ich hier in einer Sek­te, oder was?“

Egon ist entsetzt: „Eine Sekte! Zum Schreien! Ei­ne Sekte!“ Laut ist sein Gelächter.

 

Er steckt mich mit seinem unkontrollierten Ge­lächter an und nun brüllen wir Beide, was das Zeug hält. Er wird uns mit Bestimmtheit für total verrückt halten, überlege ich. Nachdem wir uns etwas später wieder etwas beruhigt haben, sagt Egon zu ihm:

 

„Mal ein ganz anderes Thema, Anton. Wir haben noch gar nicht über den Preis gesprochen!“

„Meinen Sie das Lösegeld?“

„Aber, aber, wer spricht denn von Lösegeld? Wer bezahlt denn schon für solch einen Typen wie dich ein Lösegeld! Da müssten wir ja noch etwas drauf­legen! Oder kannst du dir nicht vorstellen, dass deine Frau vielleicht sogar froh sein wird, wenn du endlich verschwunden bist?“

 

Er schaut uns an, als ob wir von einem anderen Stern wären.

 

„Ihr wollt für mich kein Lösegeld?“

„Das heißt nicht „wollt ihr“, sondern vielmehr „wollen Sie!“ - Verstanden?“ Egon greift nun end­gültig durch.

„Wenn ihr - wenn Sie meinen - dann eben Sie.“

„Richtig. Meinen wir. Also: Ab sofort gibt es bei jedem „du“ eine gesalzene Ohrfeige, ja?“ - Ich schaue ihn prüfend von der Seite an.

„Ja, ja, ist ja gut. - Sie. Sie. Sie.“

„Also, noch einmal: Es geht um das Geld, das du uns für deinen Aufenthalt in unserem Hotel bezah­len wirst.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na, du bezahlst doch auch in jedem anderen, gu­ten Hotel deinen Obolus, oder etwa nicht?“

„Äh...“

„Sagen wir 100- € pro Nacht. Speisen und Geträn­ke inklusive. Das ist doch ein Angebot, oder?“, schlägt Egon vor.

„Ja, wie lange bleibe ich denn hier?“

„Das kommt ganz auf dich an. Denk an unsere Prä­ambel. Du bekommst morgen von uns eine Kopie dieser Niederschrift, damit du sie zu jeder Zeit lesen kannst. Wenn wir PRÄAMBEL rufen, wirst du sie laut und deutlich vorlesen. Aber fehlerfrei! Dabei wirst du aufstehen! Klar?“ Ich schaue ihn dabei sehr ernsthaft an.

„Ja, geht klar.“

„Das heißt nicht: „Geht klar“, sondern: „Es ist mir ein Vergnügen!“

 

Sein Gesicht drückt unterdrückten, tödlichen Hass aus.

 

„Los! Wiederhole es!“ Egon lässt nicht locker.

„Es ist mir ein Vergnügen!“

„Diesen Satz darfst du nie vergessen. Präge ihn dir ein: Es ist mir ein Vergnügen. Es ist mir ein Vergnügen. Oder kannst du dir das nicht merken, Anton? In diesem Fall schreibe ich es dir gerne auf!“, frotzelt Egon.

 

Ich nehme ihm seine Handfesseln ab. Mit einer kleinen Schere schneide ich das schwarze, stabile Klebeband durch. Ich bin auf alles gefasst.

 

Richtig!

 

Er probiert es tatsächlich: Sein wüster Schwinger geht jedoch voll ins Leere. Mein linker Haken trifft. Er stöhnt und geht in die Knie.

 

„Steh auf!“, herrsche ich ihn an. Er erhebt sich mühsam. Ich bin auf alles gefasst. Angeschlagene Gegner sind immer noch die Gefährlichsten!

„Um noch einmal auf deine Hotelkosten zurück­zukommen: Hast du zufällig etwas Kleingeld da­bei?“

„Ja, so an die zweieinhalbtausend Euro.“

„Na siehst du, es geht doch. Ist ja prima. Die nächsten fünfundzwanzig Tage bzw. Nächte sind also bezahlt.“

„Fünfundzwanzig???“

„Ja, Anton. Brauchst du eine Quittung?“

„Eine Quittung???“

„Jetzt stell dich nicht so an. Du weißt schon: Fürs Finanzamt.“

 

Er greift widerwillig in seine innere Brusttasche und zieht ein Bündel Geldscheine heraus. Wahr­scheinlich sind es seine Tageseinnahmen!

 

„Ich brauche wenigstens Zigaretten. Marlboro.“

„Tut uns leid. Wir sind ein Nichtraucherhotel. Wir müssen auch auf die anderen Gäste Rücksicht neh­men. Du verstehst.“

„Ohne Zigaretten sterbe ich.“

„Du meinst wohl: Mit Zigaretten sterbe ich! Oder sehen wir das falsch?“

„Bitte...“

 

Wir bleiben natürlich hart.

 

„Nein, nein, Anton. Keine Glimmstängel.“

 

xxx

 

Jede Zelle enthält, zusätzlich zum Heizstrah­ler, eine chemische Toilette, dazu ein kleines Stühlchen, Supermatratze mit Pumpe, Wasch- und Putzzeug, auch Shampoo und eine kleine Schüssel mit Wasser, zudem noch einige diverse Kleinig­keiten, um den Aufenthalt der Gäste in unserem Hotel etwas angenehmer zu gestalten. Natürlich erhält jeder Gast so viele Wolldecken, wie er gerne möchte. Jedoch zwei Stück für jeden Gast dürften wohl genügen, zumal die Leute von uns ja warme Einheitskleidung (eine sogenannte HOTELTRACHT, wie Egon es nennt) bekommen.

 

Egon öffnet das fast rechteckige Verlies. Der schwere Holzdeckel schwingt leicht knarrend nach hinten und bleibt im 70-Winkel leicht schief ste­hen.

 

„Halte dich an der Strickleiter fest, oder du fällst hinunter!“, sage ich zu Schlamm.

 

Mit etwas Mühe gelingt es ihm, sich an dem dic­ken, jedoch schon sehr abgegriffenen Seil hin­unter-zuhangeln, das zum Teil auch etwas schmie­rig ist. Ich sofort hinterher. Man weiß ja nie! Unser erster Gast ist jedoch viel zu fertig, um sich noch einmal gegen mich aufzubäumen. Entsetzt blickt er sich in unserem wunderschönen Hotel um:

 

„Wollen Sie mich etwa hier einsperren? Ganz alleine?“

„Warum? Was hast du denn am HOTEL ZUR HÖHLE auszusetzen?“, frage ich ihn gespielt entrüstet.

„Wo wir uns doch solche Mühe gegeben haben!“, ergänzt Egon fast beleidigt.

 

Unser Gast weiß darauf offensichtlich keine ver­nünftige Antwort. Er glotzt und stiert wild um sich.

Ich fahre fort:

 

„Du wirst schon sehr bald Gesell­schaft bekommen. Möchtest du eine Frau oder einen Mann als Nachbarn?“

 

Sein völlig verstörter Blick sagt uns deutlich, dass er uns für absolut wahnsinnig hält.

 

„Keine voreiligen Schlüsse, Anton. Wir Beide sind völlig normal, genau wie du.“, sage ich zu ihm.

„Zumindest wenigstens“, erklärt Egon in freundli­chem, absolut zynischem Ton.

„Du brauchst also vor uns keine Angst zu haben!“, sage ich zu ihm in überzeugter Manier.

„Angst, Angst, dass ich nicht lache!“

„Na also. Dann ist es ja gut“, stichelt Egon.

„Du hast die freie Auswahl, Anton. Welches Zim­mer möchtest du denn jetzt gerne?“

„Zimmer?“

„Ja, schau doch! Wir haben noch alle elf Zimmer frei. Noch!“ Mit einer weitausholenden Geste zeige ich ihm die einzelnen, vergitterten Käfige.

„Vielleicht hier vorne? Oder ganz hinten? Du hast die freie Auswahl!“ Egon kann ganz schön gemein werden. So kenne ich ihn ja noch gar nicht!

„Ist mir egal.“ Er marschiert auf die zweite Git­terbox zu.

„Moment, Anton. Du wirst dich jetzt noch umzie­hen.“

 

Er überreicht ihm freundlichst einen schwarzen Trainingsanzug, dicke, gefütterte Unterwäsche, warme Strümpfe, sowie bequeme, weiße Turnschu­he mit gefütterter Sohle.

 

„Ist Größe 43 o. k.?“

„Ja.“

„Ausziehen!“, blaffe ich ihn an.

„Ihr spinnt wohl völlig, was?“

 

Eine saftige Ohrfeige ist meine Antwort. Er wollte es ja schließlich nicht anders, der alte Bauernlüm­mel!

 

Anton legt seine eigene Kleidung ab, die Egon umgehend in einer großen Holzkiste, die wir extra für diesen Zweck hierher gebracht hatten, ver­staut. Es ist die sogenannte GÄSTEKISTE. An jedes Kleidungsstück hängt er einen kleinen Zettel mit dem Namen des Hotelgastes.

 

„Bitte, mach es dir bequem. Der Zimmerservice steht übrigens täglich von fünf bis sieben Uhr abends für dich bereit. Im Normalfall!“, erklärt Egon süffisant. Er fährt fort: „Dieser bringt dann die entsprechenden Speisen und Getränke. Für Ordnung musst du jedoch in deinem Zimmer schon selbst sorgen.“ Egon lässt es ziemlich kra­chen.

„Du wirst zwar schon sehr bald nicht mehr wissen, ob es fünf Uhr abends oder aber fünf Uhr morgens ist, aber das spielt ja in diesem speziellen Fall überhaupt keine Rolle, Anton.“ Ich schaue ihn da­bei freundlich an.

 

Keine Antwort.

 

Ich sehe nun, welche bestialische Freude es Egon doch bereitet, unseren ersten Gast in die Gepflo­genheiten unseres Hotels einzuweihen. Egon ist ja ein richtiger, kleiner Sadist, so wie ich das sehe! Aber ich stehe ihm - so glaube ich - in dieser Be­ziehung wirklich nicht viel nach. Zu lange wurden wir von diesen Leuten bis auf den letzten Blut­stropfen ausgesaugt. Vollkommen hemmungslos hatten sie uns die letzte Kröten aus der Tasche gezogen, diese verdammten Mistkerle! Ja! Gerade diese Metzgerburschen! Das sind doch die Allerschlimmsten!

 

Ich spreche weiter: „Die erste Woche gibt es keine Lektüre. Sie dient zur Erholung und zur geistigen Regenerierung, Anton. Ja, und noch etwas: Be­schwerden jeglicher Art werden umgehend abge­wiesen!“

 

Antons Gesicht ist eine einzige Maske. Er scheint um zehn Jahre gealtert, insofern wir dies hier un­ten überhaupt beurteilen können. Jedenfalls hatte er, bevor er in unseren Wagen einstiegen war, noch wesentlich besser und auch etwas frischer ausgesehen!

 

Nun ja...

 

„Ach, und bevor ich es vergesse, Anton: Deine Uhr werden wir natürlich auch für dich aufheben.“

„Hier unten verliert man doch völlig das Gefühl für die Zeit!“

„Ja, sicher! Warum? Hast du vielleicht irgend­welche Termine?“, frage ich ihn interessiert.

 

Wortlos legt er seine 10.000-€-Rolex-Armband­uhr auf den Boden. Er verschwindet in seinem ur­gemütlichen Zimmerchen und beginnt sofort, die bunte Luftmatratze aufzublasen. Ich erkläre ihm noch kurz, wie der Heizstrahler und die chemische Toilette funktionieren und danach erklärt Egon ihm, dass wir das Licht (in der Höhle hängen nun an die zwanzig 40-Watt-Birnen - quer im gesamten Raum verteilt) immer eingeschaltet lassen.

 

„Wir möchten nicht, dass du dich hier in unserem Fünf-Sterne-Hotel fürchten musst, Anton. Angenehme Nachtruhe! - Ach ja, noch was: Hast du zufällig Hunger?“

„Ja, wie ein Wolf!“

„Durst?“

„Ja. Sehr.“

„Er hat sehr Durst, Egon - und sehr Hunger!“

 

Ich gehe hinüber zum Kühlschrank, der auf der rech­ten Seite beim Tisch und bei den Stühlen steht, und hole drei frische Wurstsemmeln, die wir schon fertig gekauft hatten, eine große Flasche Cola und eine Flasche Mineralwasser heraus.

 

„Das dürfte bis morgen Nachmittag wohl genügen, oder?“

 

Sein Blick drückt alles aus: Hass, Verachtung und blanke Wut.

 

„Also, dann, Gute Nacht!“, werfe ich ihm hin.

„Träum was Schönes!“, stichelt Egon lautstark.

„Denke nicht allzu intensiv an deinen Umsatzver­lust!“, äffe ich bösartig hinterher.

 

Keine Antwort.

Verständlich.

Ich würde auch nicht antworten.

 

Wir verlassen unsere geliebte Höhle, schlie­ßen die kleine Hütte mit dem neuen, äußerst sta­bilen Spezialschloss ab und fahren Richtung Rat­tenbach, jedoch sicherheitshalber mit einem gro­ßen Umweg. Es ist schon kurz vor Mitternacht und wir beschließen, bei Egon noch ein paar Bierchen zu trinken.

 

„Wir haben ihm einen Nachbarn versprochen, Ga­briel.“

„Das erledigen wir morgen, Egon. Aber halt! Mor­gen ist ja Samstag!“

„Nun, dann müssen wir eben ausnahmsweise schon tagsüber zuschlagen.“

„Wohin sollen wir fahren?“

„Was hältst du von Ansbach?“

„Gut, Ansbach ist o. k.“

„Ich muss morgen unbedingt das Loch hinter dem Dornengestrüpp öffnen.“

„Was ist, wenn unsere Hotelgäste schreien?“

„Sie können schreien, soviel sie wollen. Da drau­ßen ist doch niemand. Oder hast du in den letzten dreißig Jahren schon einmal jemanden dort herum­laufen sehen?“

„Nein.“

„Na, siehst du. Außerdem rauscht ja unser Flüss­chen. Immerzu und immer gleich. Diese Geräusche schlucken eventuelle Schreie vollends.“

„Richtig.“

„Prost! Auf unser neues Hotel!“

„Prost, prost!“

 

 

04.01.

 

 

Ach, was bin ich müde. Fünf Stunden Schlaf sind eben doch etwas zu wenig. Mathilde hatte mich nachts noch etwas auf Trab gehalten. Ja, so könnte man dazu wohl sagen.

 

Egon wartet schon vor seiner Haustüre, als ich mit leicht brennenden Augen bei ihm aufkreuze. Er winkt mir zu und steigt in unseren kleinen Bus ein. Auch er ist etwas verkatert und müde.

 

„Ich sage dir, diese Hildegard bringt mich noch einmal um!“

„Ist sie wirklich so heiß?“, frage ich ihn voller Anteilnahme.

„Heiß? Sie ist ein richtiger Vulkan!“

Ich wechsele das Thema: „Wir müssen heute noch einige Fische kaufen!“

„Ach ja, für unsere Frauen...“, knurrt er leise.

„Das dürfen wir keinesfalls vergessen!“

„Ja, das dürfte wohl klar sein, Gabriel...“

„Heute Abend werden wir mit unseren Mädchen gebratenen Fisch essen. Frisch aus der Saale!“

„Ich freue mich schon darauf.“, antwortet er.

 

Wir fahren nun auf Terroristen-Tour, als ob wir einen netten, kleinen Ausflug unternehmen wür­den. In der nächstbesten Ortschaft besorgen wir uns wieder zwei neue Kennzeichen. Es wird schon zur Routine, wie ich meine!

 

„Ich bin dafür, dass wir uns heute eine Frau an­geln, Egon!“

„Damit etwas Abwechslung ins Hotel kommt.“, sti­chelt er sarkastisch.

 

Um kurz nach elf Uhr vormittags kommen wir in Ansbach an, genauer gesagt, im nördlichen Teil von Ansbach. Wir suchen uns eine gut belebte Geschäftsstraße und parken dort unseren weißen Bully. Wieder erfolgt der kleine, obligatorische Spaziergang. Tatsächlich finden wir auch ganz zufällig ein kleines Fischgeschäft, in dem wir uns sechs frische Forellen besorgen (zwei Stück extra für Susanne und Mathildes Mutter). Die Preise sind zwar leicht unverschämt, jedoch gerade noch im Rahmen. Wir lassen die Fische von der dicken Verkäuferin gut einwickeln, damit unser neuer, zukünftiger Gast keiner eventuellen Geruchsbeläs­tigung ausgesetzt ist und setzen dann unseren ...

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