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Hotel der Sehnsucht

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1. KAPITEL

André Visconte hatte die Party, die ein Freund aus Anlass der Eröffnung seines neuen Nobelrestaurants gegeben hatte, später verlassen als vorgesehen.

Doch anstatt direkt nach Hause zu fahren, war er noch einmal in sein Büro zurückgekehrt. Dort hatte er sich einen Whiskey eingeschenkt, den Kragen seines blütenweißen Hemdes geöffnet und sich in seinem Chefsessel zurückgelehnt.

Nicht zum ersten Mal verfluchte er die Zeitverschiebung zwischen Europa und Amerika, die es mit sich brachte, dass er sich die halbe Nacht um die Ohren schlagen musste, um den Anruf aus Paris entgegenzunehmen.

Dabei war es im Grunde genommen egal, ob er die Nacht in seinem Büro, seinem New Yorker Apartment oder in einer der anderen Wohnungen verbrachte, die er in fast allen Metropolen der Welt besaß. An Schlaf war in letzter Zeit ohnehin kaum zu denken.

Was, wie André zugeben musste, mittlerweile deutliche Spuren hinterlassen hatte. Nicht nur auf seinem Gesicht, dessen Züge trotz des dunklen Teints viel zu hart waren, als dass es zu einem erfolgreichen, weltweit tätigen Unternehmer von vierunddreißig Jahren passen wollte.

Schlimmer war der Schmerz, den er noch immer verspürte. Immerhin war es jetzt bereits ein ganzes Jahr her, dass Samantha …

Allein ihr Name trieb ihm heute noch die Zornesröte ins Gesicht – weshalb es seine Angestellten längst nicht mehr wagten, sie auch nur mit einer Silbe zu erwähnen.

Doch auch das konnte nicht verhindern, dass sich in Momenten wie diesem unwillkürlich die Erinnerung an jenen Tag einstellte, an dem Samantha wortlos aus seinem Leben verschwunden war. Und mehr noch als die Tatsache selbst quälte André, dass er nicht die leiseste Ahnung hatte, warum sie ihn verlassen hatte.

Entsprechend widersprüchlich waren seine Gefühle, die von unendlicher Trauer bis zur kalten Wut reichten – nicht zuletzt auf sich selbst, weil er sie hatte gehen lassen.

Das Schlimmste war jedoch die Verbitterung darüber, dass sie ihn verlassen hatte. Nicht selten wünschte er, er wäre ihr nie begegnet. Doch wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er sie einfach nur vermisste. Ohne Wenn und Aber. Und manchmal vermisste er sie so sehr, dass er darüber den Verstand zu verlieren drohte.

Vorhin auf der Party zum Beispiel. Seit langer Zeit war es André endlich wieder einmal gelungen, sich im Kreise von Freunden und Kollegen wohlzufühlen und unbeschwert zu amüsieren. Jedenfalls bis zu dem Moment, in dem eine rothaarige Schönheit den Raum betrat und ihn unwillkürlich an Samantha denken ließ.

Schlagartig hatte sich seine Laune ins Gegenteil verkehrt, und weil nicht jeder merken musste, wie es um ihn stand, hatte er die Party umgehend verlassen und war zu seinem Büro gefahren.

Dort saß er nun und wartete auf den Anruf aus Übersee, während er abwechselnd Samantha und sich selbst dafür verfluchte, dass sie solch eine Macht über ihn hatte.

Gierig leerte er das Glas, als könnte der hochprozentige Drink die Erinnerung an sie endlich auslöschen. Zwölf Monate, ein ganzes, elendes Jahr, schon wartete er auf ein Lebenszeichen von Samantha, doch sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Und außer dem Bild von ihr, das André in seinem Kopf mit sich herumtrug und auch jetzt wieder vor Augen hatte, deutete nichts darauf hin, dass es sie je gegeben hatte.

Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Widerwillig stellte er das Glas ab und räusperte sich einige Male, damit ihm seine Gemütsverfassung nicht allzu deutlich anzuhören wäre.

„Visconte“, meldete er sich, nachdem er endlich den Hörer abgenommen hatte. Doch statt eines fröhlichen „Bonjour“ der Sekretärin seines Pariser Büros vernahm er die Stimme seines Freundes Nathan Payne, des Leiters der englischen Niederlassung seiner Firma.

„Nathan“, erwiderte André barsch, „warum, zum Teufel, rufst du mitten in der Nacht …“

„Wirklich?“ Schon bei den ersten Worten war André hellwach. Er sprang aus dem Sessel auf und starrte mit seinen dunkelbraunen Augen ins Leere. Kaum brachte er die Geduld auf, Nathan ausreden zu lassen, obwohl der sich nach Kräften bemühte, sich so kurz und präzise wie möglich zu fassen.

„Wo?“, unterbrach er ihn voller Ungeduld. „Wann?“, fragte er dazwischen. Doch erst als Nathan seinen Bericht beendet hatte, wagte es André, die alles entscheidende Frage zu stellen: „Bist du dir auch wirklich sicher?“

Als er die Antwort vernahm, setzte er sich vorsichtshalber wieder in den Sessel. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, dass die Beine ihm den Dienst versagten.

„Das erklärt natürlich einiges“, hörte er sich mechanisch sagen, um sich gleichzeitig vor Entsetzen die Hand vor die Augen zu legen. „Wie ist es denn passiert?“

Noch während ihm Nathan antwortete, tastete André nach der Whiskeyflasche, füllte sein Glas und trank es in einem Zug aus. „Stand das wirklich in der Zeitung?“, vergewisserte er sich erneut. Noch mochte, konnte er nicht

glauben, was er gerade gehört hatte. Samantha … Wie ein bohrender Schmerz drang ihm das Unfassliche ins Bewusstsein.

„Auf keinen Fall!“, ordnete er an und sprang auf. Er wusste, was er zu tun hatte. „Ich komme, so schnell es geht“, teilte er Nathan seinen Entschluss mit. „Bis dahin behalte sie im Auge. Aber so, dass sie es nicht merkt!“

Ohne sich von Nathan zu verabschieden, knallte er den Hörer auf die Gabel und zog sich das Jackett über. Der Schock, den das Telefonat ausgelöst hatte, war ihm noch deutlich anzusehen. Und manch anderen hätte eine Nachricht, wie er sie eben erhalten hatte, sicherlich gelähmt. Doch André Visconte war aus einem besonderen Holz geschnitzt …

Er saß am selben Tisch wie am Vortag, und wie am Vortag blieb Samantha nicht verborgen, dass er sie heimlich beobachtete – auch wenn er darauf bedacht schien, es sich nicht anmerken zu lassen.

Was wollte dieser Mann nur von ihr? Sie kannte ihn doch gar nicht. Jedenfalls konnte sie sich nicht erinnern, ihn je zuvor gesehen zu haben. Weder hier in der Bar noch sonst irgendwo. Es sei denn …

„Wo bleibt meine Bestellung?“, riss Carla sie aus ihren Gedanken. Mit geübtem Griff füllte Samantha Gin in zwei Gläser, während sie gleichzeitig zwei Flaschen Tonic aus dem Kühlschrank nahm und öffnete.

Manchmal wunderte sie sich selbst, wie routiniert ihr die Arbeit in der Bar von der Hand ging, denn eigentlich war sie als Rezeptionistin angestellt worden. Doch in letzter Zeit war die Auslastung des Hotels mit Gästen alles andere als gut, und die Direktion hatte sich gezwungen gesehen, einen beträchtlichen Teil der Mitarbeiter zu entlassen. Für die, die bleiben durften, hieß das allerdings, dass sie überall einspringen mussten, wenn die Umstände es erforderten.

So kam es, dass Samantha in dieser Woche tagsüber an der Rezeption stand, um abends in der Bar auszuhelfen. Entsprechend müde und erschöpft war sie. Allerdings nicht so sehr, als dass ihr entgangen wäre, wie aufmerksam sie der Gast nun schon den zweiten Abend nacheinander beobachtete.

„Kennst du den?“, fragte Samantha, nachdem sie die Drinks auf Carlas Tablett abgestellt hatte, und nickte unauffällig zu dem Tisch, an dem der Mann saß.

„Meinst du den gut aussehenden Lockenkopf in dem Armani-Anzug?“ Und auf Samanthas Nicken hin fuhr Carla fort: „Er heißt Nathan Payne, wohnt in Zimmer 212, hat gestern Nachmittag eingecheckt und ist Geschäftsmann“, zeigte sie sich bestens informiert. „Es hätte mich auch gewundert, wenn einer wie er sich ausgerechnet unser Hotel ausgesucht hätte, um Urlaub zu machen.“

Dass Carla sich so abschätzig über das Tremount-Hotel äußerte, kam nicht von ungefähr. Auch wenn die Lage auf einer Landspitze in einer der schönsten Gegenden von Devon im Süden Englands besser kaum sein konnte, übernachteten hier fast ausschließlich Geschäftsreisende, die selten länger als eine, bestenfalls zwei Nächte blieben. Um es zwei oder gar drei Wochen auszuhalten, fehlte es dem Hotel einfach an Klasse.

„Angeblich arbeitet er für eine der großen Hotelketten, die diese supermodernen und exklusiven Ferienanlagen entlang der Küste betreiben. Wer weiß, vielleicht ist er ja hier, weil er unseren alten Kasten kaufen und umbauen lassen will?“

Samantha war erstaunt darüber, wie viel Carla in der kurzen Zeit über den Gast in Erfahrung gebracht hatte. Und der Gedanke, dass sein Interesse dem ganzen Haus und nicht speziell ihr, Samantha, galt, hatte durchaus etwas Beruhigendes. „Der alte Kasten, wie du es ausdrückst, könnte eine Renovierung gut gebrauchen“, sagte sie erleichtert.

„Das schon“, erwiderte Carla ernst und nahm das Tablett vom Tresen. Bevor sie ging, wandte sie sich noch einmal zu Samantha um. „Was das für uns bedeuten würde, brauche ich dir ja wohl nicht zu erklären.“

Das brauchte sie allerdings nicht. Samantha wusste selbst, dass ein neuer Besitzer als Erstes das Hotel schließen und alle Angestellten entlassen würde. Was bedeutete, dass sie nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch das Dach über dem Kopf verlieren würden, denn selbstverständlich wohnten alle Angestellten auch im Hotel.

Für Samantha wären die Konsequenzen allerdings ungleich dramatischer als für ihre Kolleginnen und Kollegen. Während diese Freunde und Verwandte hatten, zu denen sie wenigstens vorübergehend ziehen konnten, war ihr das Tremount längst zu einem Zuhause geworden. Und sollte sie je ein anderes gehabt haben, so gehörte das zu dem Teil ihres Lebens, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte …

Als Samantha wieder aufblickte, sah sie, dass sich der fremde Gast unvermittelt erhob, Geld auf den Tisch legte und die Bar verließ, ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen.

Er schien es auf einmal ungeheuer eilig zu haben – wie ihr Freddie, der Nachtportier, bestätigte, der wenige Minuten später in die Bar kam. „Was habt ihr denn mit dem Typen vom Visconte-Konzern gemacht? So wie der mit seinem Auto vom Hof gedonnert ist, müsst ihr ihn ja ziemlich geärgert haben.“

„Hat er wenigstens vorher bezahlt?“, fragte Carla ungerührt. „Ich nehme eher an, dass er das Hotel gewechselt hat, um nicht noch eine Nacht in einem Zimmer ohne Bad verbringen zu müssen.“

„Dann hätte er doch wohl sein Gepäck mitgenommen“, entgegnete Freddie schlagfertig. „Ich hatte eher das Gefühl, dass er noch eine Verabredung hatte. Vielleicht ist er zum Bahnhof …“ Als sein Blick auf Samantha fiel, unterbrach er sich vor Schreck. „Was ist los mit dir, Sam?“, erkundigte er sich besorgt. „Du bist auf einmal so blass.“

„Wirklich?“ Es war Samantha mehr als unangenehm, dass ihr so deutlich anzusehen war, welchen Schreck sie bekommen hatte, als Freddie den Namen der Firma nannte, für die dieser Mr. Payne arbeitete.

Visconte. An irgendetwas erinnerte sie dieser Name. Und zwar an etwas, das ziemlich lang zurücklag, länger jedenfalls, als …

Samantha beruhigte sich mit dem Gedanken, dass sie schon immer ein lausiges Namensgedächtnis gehabt hatte. „Mir fehlt aber nichts“, erwiderte sie und rang sich ein Lächeln ab. „Das Übliche, Freddie?“

Doch auch wenn Freddie sie vor weiteren Nachfragen verschonte, wollte ihr der Name den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf gehen. Visconte. Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber konnte das nicht eine Spur in ihre Vergangenheit sein?

Und wenn sie je herausfinden wollte, wer sie wirklich war, dann musste sie jeder Spur nachgehen – so schwach sie auch sein mochte. Zwölf lange Monate wartete sie nun schon darauf, dass jemand sie erkannte. Sogar die Presse hatte sie eingeschaltet. Noch vor einer knappen Woche hatte die Lokalzeitung einen langen Artikel über ihr Schicksal abgedruckt und die Leser aufgefordert, sich zu melden, wenn sie auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür hätten, um wen es sich bei der jungen rothaarigen Frau auf dem Foto handelte. Nicht einer hatte reagiert.

Weil auch die Polizei ihre Nachforschungen mittlerweile eingestellt hatte, schien es fast, als müsste sich Samantha damit abfinden, dass alles, was vor dem Unfall lag, eine andere Person betraf als die, die in letzter Sekunde aus dem brennenden Autowrack gerettet wurde und später wochenlang im Krankenhaus liegen musste.

Doch genau damit wollte sie sich nicht abfinden. Sie wollte endlich wissen, wer sie war. Und so gering die Hoffnung war, dass ihr ausgerechnet der fremde Gast dabei helfen konnte, musste sie es riskieren. Bei der nächsten Gelegenheit, die sich bot, würde sie ihn ansprechen.

Am Mittag des nächsten Tages stand Samantha an der Rezeption und ging den Belegungsplan für die kommende Nacht durch, als sich die alte Drehtür des Hotels in Bewegung setzte und Mr. Payne in die Halle kam.

Als er unschlüssig mitten im Raum stehen blieb, beschloss Samantha, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und ihn anzusprechen. Doch kaum war sie hinter dem Schalter hervorgekommen, betrat ein weiterer Mann das Foyer und ging direkt auf Mr. Payne zu.

Man hätte die beiden für Brüder halten können, wie sie so nebeneinanderstanden. Beide waren etwa ein Meter neunzig groß und schlank, hatten eine sportliche Figur und trugen Anzüge, deren Qualität über jeden Zweifel erhaben war.

Und doch war es nicht allein der dunkle Teint, der dem Fremden eine ganz besondere Ausstrahlung verlieh, die Samantha davon abhielt, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Gebannt beobachtete sie, wie er mit seinen dunkelbraunen Augen die Umgebung musterte. Und während er den Blick langsam über die Ansammlung von Geschmacklosigkeiten schweifen ließ, mit denen das einst im viktorianischen Stil errichtete Tremount bei der letzten Renovierung vor über dreißig Jahren eingerichtet worden war, verzog sich sein Gesicht immer mehr zu einem unverhohlenen Ausdruck des Missfallens.

Das änderte sich schlagartig, als er sich endlich der Rezeption zuwandte und sein Blick auf Samantha fiel, die wie angewurzelt vor dem Tresen stand. Im selben Augenblick wich die Skepsis aus seinem Gesicht, um von blankem Entsetzen abgelöst zu werden.

Samantha spürte, wie sich ihr die Kehle zusammenschnürte. Doch so gern sie es gewollt hätte, war sie außerstande, sich von dem Flegel abzuwenden, der sie ungeniert anstarrte und mit seinem Blick ihr Gesicht abtastete, um unvermittelt zusammenzuzucken.

Instinktiv riss sie die Hand hoch und bedeckte die Schläfe, um die leichte Unebenheit der Haut, die kaum mehr als Narbe erkennbar war, vor ihm zu verbergen.

Doch mit ihrer Bewegung schien sich auch die Starre des Fremden gelöst zu haben. Ohne den Blick von ihr zu lassen, kam er langsam auf Samantha zu. Statt dem Impuls nachzugeben, sich einfach umzudrehen und davonzulaufen, erwartete sie wie gelähmt jeden weiteren Schritt, mit dem er sich näherte.

Schon glaubte sie, ersticken zu müssen, als er schließlich wenige Zentimeter vor ihr stehen blieb. Überwältigt von seiner bloßen Gegenwart, sah Samantha hinauf in das dunkle Gesicht des Mannes. Alles, was in diesem Moment noch existierte, war der Sog seiner braunen Augen, der sie in einen nie erlebten Taumel versetzte.

„Samantha …“, hörte sie den Fremden wie aus großer Ferne sagen. Den Klang ihres Namens im Ohr, schloss sie die Lider ihrer grünen Augen und ergab sich der erlösenden Dunkelheit, die sie plötzlich umfing.

2. KAPITEL

Als Samantha die Augen aufschlug, lag sie auf einem Sofa in der Halle des Hotels. Carla saß an ihrer Seite und hielt ihr die Hand. „Geht es dir wieder besser?“, erkundigte sie sich.

Erst der besorgte Blick ihrer Freundin machte Samantha klar, was geschehen war. Die quälenden Schmerzen, die sie seit dem Unfall erdulden musste, die Mühen, die es gekostet hatte, wieder gesund zu werden, vor allem aber die Unsicherheit, nicht zu wissen, wer sie war – all das hatte sie nur ertragen, weil sie nie den Glauben daran verloren hatte, dass eines Tages jemand kommen und sie erkennen würde.

Und nun, da genau das eingetreten war, hatte die Begegnung sie im wahrsten Sinne des Wortes umgeworfen.

„Er hat mich erkannt“, flüsterte sie. „Er weiß, wer ich bin.“

„Das ist mir nicht entgangen“, erwiderte Carla lächelnd, als plötzlich eine große, dunkle, faszinierende Gestalt hinter ihr auftauchte und sich zu Samantha hinunterbeugte.

„Entschuldige bitte“, sagte der Fremde mit heiserer Stimme, „ich war so überrascht, dich zu sehen …“ Er verstummte und räusperte sich. „Wie fühlst du dich, cara?“

Samantha war unfähig zu antworten. Wie sie unfähig war, sich darüber zu freuen, dass sie endlich jemand wiedererkannt hatte. Hatten sie die Ärzte denn nicht in der Hoffnung gelassen, dass sich ihre Erinnerung genau in dem Moment wieder einstellen würde, in dem ihr das widerfahren würde?

Das Gegenteil war der Fall. Denn der Mann, der sie so gut zu kennen schien, dass er sie mit einem Kosenamen bedachte, war ihr völlig fremd. Der Verzweiflung nahe, schloss sie wieder die Augen.

„Samantha …!“, drang das Flehen seiner sonoren Stimme an ihr Ohr, und im nächsten Moment spürte sie seine Hand auf ihrer Schulter.

Es war, als hätte ihr die Berührung einen Stromschlag versetzt, der ihren ganzen Körper durchfuhr. In ihrer Panik richtete sich Samantha auf und schlug die Hand des Fremden beiseite.

„Fassen Sie mich nicht an!“, stieß sie mit letzter Kraft hervor. „Ich kenne Sie nicht!“

Der Fremde machte Anstalten, etwas zu entgegnen, als Mr. Payne an seiner Seite auftauchte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Und zwar auf Italienisch, wie Samantha überrascht feststellte – derselben Sprache, in der der Fremde antwortete, bevor er sich kraftlos auf einen Stuhl fallen ließ.

Erst als sie seinen verzweifelten Gesichtsausdruck sah, wurde sich Samantha darüber klar, was ihn so schockiert hatte. Wenn er sie tatsächlich kannte – und alles sprach dafür –, dann musste es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen haben, dass sie steif und fest behauptete, ihn nicht zu kennen.

Vor Entsetzen schlug sie die Hand vors Gesicht, um den Taumel zu bekämpfen, der sie wieder zu erfassen drohte. Stimmen drangen an ihr Ohr, und Fragen prasselten auf sie nieder. „Was ist mit ihr?“ „Geht es ihr nicht gut?“ „Was hat der Mann denn gesagt?“

Schon fürchtete sie, erneut das Bewusstsein zu verlieren, als ihr klar wurde, dass sich das Foyer unterdessen mit Menschen gefüllt hatte, die ihre Neugier stillen wollten.

„Bitte bring mich hier weg“, bat Samantha Carla leise, die verständnisvoll nickte und sie aufforderte, den Arm um ihre Schultern zu legen.

Doch kaum machte Samantha den Versuch aufzustehen, spürte sie einen stechenden Schmerz im rechten Bein, der sie laut aufstöhnen ließ.

„Das hatte ich befürchtet.“ Besorgt musterte Carla Samanthas Knie. „Du bist im Fallen mit dem Knie gegen den Tresen geschlagen. Was meinst du, wirst du es trotzdem schaffen?“

Samantha biss die Zähne zusammen und rang sich ein Lächeln ab. Humpelnd und auf Carla gestützt, durchquerten sie die Halle.

„Wo willst du hin?“ Der Fremde war aufgesprungen und blickte Samantha ängstlich hinterher, als fürchtete er, sie könnte Reißaus vor ihm nehmen.

„Dorthin“, erwiderte Samantha und zeigte auf eine Tür hinter der Rezeption. „Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie mitkommen.“ Seine plötzliche Sorge rührte sie mehr, als sie sich eingestehen mochte.

„Und ob ich das will“, antwortete er entschlossen. Doch kurz bevor er die beiden Frauen erreicht hatte, blieb er unvermittelt stehen und besah sich die Menschenansammlung.

„Wollen Sie nicht jemanden rufen, der sich inzwischen um die Gäste kümmert?“, wandte er sich an Carla.

Verwundert stellte Samantha fest, dass er mit amerikanischem Akzent redete. Hatte er nicht eben noch mit Mr. Payne Italienisch gesprochen?

„Leider ist außer uns niemand da“, erklärte Carla. „Sobald ich Samantha versorgt habe, gehe ich wieder an die Rezeption.“

„Du willst mich doch wohl nicht mit dem Kerl allein lassen!“, protestierte Samantha energisch, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass der Fremde gekränkt sein musste, falls er sie hören konnte.

„Keine Angst“, bemühte sich Carla, ihre Freundin zu beruhigen. Gleichzeitig suchte sie krampfhaft nach einem Ausweg aus der Zwickmühle, in der sie steckte, denn lange konnte sie die Rezeption nicht unbeaufsichtigt lassen.

„Nathan, übernimm du das solange“, ordnete der fremde Mann in einem Ton an, der keine Widerworte duldete. „Keine Sorge, er kennt sich aus“, fügte er hinzu, als Carla ihn fragend ansah. Dann ging er hinter den Tresen und öffnete die Tür.

Samantha stützte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf Carla und humpelte ins Zimmer. Als sie an dem Mann vorbeikamen, biss sie sich auf die Lippe, um sich nicht anmerken zu lassen, wie weh ihr das Knie tat.

Der Fremde folgte ihnen so dicht, dass Samantha seinen Atem im Nacken zu spüren glaubte. Seine Nähe war ihr unangenehm, und lieber wäre es ihr gewesen, er hätte sie mit Carla allein gelassen. Irgendwie war er ihr unheimlich. Und sie hatte nicht die geringste Lust, diesen Eindruck zu überdenken – und wenn er hundert Mal derjenige sein mochte, der ihr das zurückgeben konnte, wonach sie sich am allermeisten sehnte: ihre Vergangenheit.

Im Zimmer angekommen, ließ sich Samantha erschöpft in einen Sessel sinken und bat Carla, ihr rasch das Schmerzmittel zu holen, das sie in ihrem Nachttisch aufbewahrte. Kaum war sie gegangen, nahm der Fremde einen Stuhl und setzte sich direkt vor Samantha. Er war ihr so nah, dass sie die Wärme und den feinen Duft seines Körpers wahrnehmen konnte. Um wenigstens seinem Blick auszuweichen, beugte sie sich vor und rieb sich das schmerzende Knie.

„Tut es sehr weh?“, erkundigte sich ihr Gegenüber.

„Es geht“, log sie, denn in Wirklichkeit tat es höllisch weh. „Wenn ich das Bein einige Minuten hochlege, geht es bestimmt wieder.“

„Hat dir das auch der Unfall eingebrockt?“

„Woher wissen Sie davon?“, fragte Samantha überrascht.

„Was glaubst du denn, wie ich dich gefunden habe?“, gab er bissig zurück. Doch als er bemerkte, dass seine Antwort Samantha zusammenzucken ließ, wurde sein Gesichtsausdruck augenblicklich sanfter. „Es tut mir leid“, entschuldigte er sich. „Ich wollte nicht grob werden. Eigentlich hat dich Nathan aufgespürt. Er betreut für mich einige Projekte in der Gegend. Dabei ist ihm zufällig der Zeitungsartikel über dich in die Hände gefallen. Wenn das Foto nicht gewesen wäre, hätte er sich bestimmt nichts dabei gedacht. So aber konnte es keinen Zweifel geben. Noch am gleichen Tag hat er mich in New York angerufen und mir …“

Unvermittelt unterbrach er sich. Ihm schien die Kehle mit einem Mal wie zugeschnürt, und vor Anspannung ballte er die Hände zu Fäusten. „Allein der Gedanke daran, dass sechs Menschen bei dem Unfall sterben mussten und nur du …“

Abrupt erhob er sich und ging im Zimmer auf und ab, bis er schließlich vor dem Fenster stehen blieb. „Und ich hatte nichts Besseres zu tun, als dich zu verfluchen“, sagte er nachdenklich, ohne Samantha anzusehen.

Verwundert blickte sie zu dem Fremden hinüber. Dass er sie kannte, war wohl nicht länger zu leugnen. Nur womit mochte sie ihm Anlass gegeben haben, so über sie zu denken?

Der Gedanke trug nicht dazu bei, dass ihr der Fremde weniger unheimlich wurde. Im Gegenteil, langsam, aber sicher begann Samantha sich regelrecht vor ihm zu fürchten – vor ihm und vor dem, was er über sie zu wissen schien.

Glücklicherweise kam Carla in diesem Augenblick zurück. Sie beugte sich zu Samantha herunter und reichte ihr das Medikament und ein Glas Wasser.

Weil die Schmerzen eher schlimmer geworden waren, beschloss Samantha, gleich zwei Tabletten zu nehmen. Kaum hatte sie sie heruntergeschluckt, lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück. Das Schmerzmittel war ziemlich stark, und lange konnte die Wirkung nicht auf sich warten lassen.

„Kann ich sonst noch was für dich tun, Sam?“ Carla war deutlich anzumerken, wie unwohl sie sich in ihrer Haut fühlte. „Sonst würde ich jetzt wieder in die Rezeption gehen.“

Die Aussicht, mit dem Mann allein zurückzubleiben, war Samantha alles andere als angenehm. Doch wie sie einsah, dass sie nicht das Recht hatte, Carla länger von der Arbeit abzuhalten, war sie sich im Klaren darüber, dass sie sich über kurz oder lang der Wahrheit stellen musste. Also rang sie sich ein Lächeln ab und nickte zum Zeichen des Einverständnisses.

Carla richtete sich auf und warf ihr einen aufmunternden Blick zu.

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