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Hotel Welt

Tag 1

 

Für einige traumhafte Minuten ist es Conny vergönnt, auf ihrem Hengst den Strand entlang zu galoppieren. Die Gischt durchnässt Pferd wie Reiterin, der Wind zerzaust Haar wie Mähne, und die stolzen Hufe stanzen kraftvoll Spuren in den nassen Sand: Kalopp, Kalapp, Klapperdiklapp ...

Dann aber rutscht der Schläferin der Kopf von den Armen; er schlägt auf dem Holz der Rezeption auf, und sie erwacht unsanft. »Oh Mann; nicht schon wieder!«

Ein paar Sekunden wundert sie sich, dass das Klappern der Hufe anhält; dann merkt sie, dass der Krach von rechts her kommt: Irgendwer rüttelt und klopft an der verriegelten Hoteltür.

»Jetzt noch Gäste?« murmelt Conny, hüpft vom Hocker, auf dem sie eingenickt war, und eilt hinter dem Rezeptionsschalter hervor. Den Weg zur Tür findet sie auch im Halbdunkel; um aber einen gastlichen Eindruck zu machen, knipst sie auf dem Weg zur Tür alle Lichter an. So vermag sie auch die Frau zu erkennen, die da an der Glastür rüttelt. Diese mustert Conny erstaunt, als das Mädchen ihr die Tür öffnet: »Hallo, Kleine. Bist du ganz allein hier?«

›Kleine‹, das hört Conny gar nicht gern; schließlich ist sie schon 13, und die Frau da vor ihr ist kaum einen halben Kopf größer. Aber sie bleibt ganz Profi, und schließlich erlebt sie eine Situation wie diese des Öfteren: »Willkommen im ›Hotel Welt‹. Ich bin Cornelia Mondo; meiner Mutter gehört das Haus. Ich helfe nur ausnahmsweise an der Rezeption aus.«

›Ausnahmsweise; wenn die wüsste!‹ denkt Conny, als die Frau lächelnd nickt. »Ich verstehe; Margret Mondo ist also deine Mutter? Sag, ist sie denn auch da?«

»Ja, aber sie schläft noch. Wollen Sie denn kein Zimmer?«

»Nein; tut mir leid. Mein Name ist Michaela Schweighofer; deine Mutter hat unsere Bank wegen eines Kredites kontaktiert. Wir waren ursprünglich für acht Uhr morgens verabredet; das geht sich bei mir aber nicht aus. Ich habe gestern versucht, anzurufen und eine mail zu schicken, ob wir uns nicht schon um sechs Uhr früh treffen könnten; schließlich wirbt unser Institut ja jetzt mit seinem Rund-um-die-Uhr-Kundendienst. Aber, nun ja ...«

Conny weiß, was die Bankerin meint: Seit zwei Tagen ärgern sich ihre Mutter sowie deren Mitarbeiter mit der hoffnungslos veralteten Telefonanlage herum – und mit dem ebenso antiquierten Computer. Dass man sich keine Fachkraft leisten kann, erleichtert die Reparatur nicht gerade; Margret Mondo muss sparen, wo sie kann, weshalb sie mit Teilzeit- und Aushilfskräften auszukommen versucht. »Ist wohl irgendwie untergegangen; tut uns sehr leid! Wenn Sie bitte dort warten würden; ich hole meine Mutter sofort.«

Conny deutet auf eine längst nicht mehr moderne, aber noch lange nicht antike Sitzgruppe rechts von der Tür; dann eilt sie die Stiege zwischen Eingang und Rezeption hinauf.

Wenn sie ausnahmsweise vor der Hôtelière wach ist, lässt das Mädchen ihre Mutter so lange als möglich schlafen; schließlich war es gestern wieder weit nach Mitternacht, ehe die ›Chefin‹ sich hinlegen konnte – nicht zuletzt, weil sie sich bei allerlei Institutionen und Instituten um einen Kredit bemüht hatte. Auch ihrer Tochter sind die finanziellen Engpässen des familieneigenen Hotelbetriebes wohlbekannt: Soweit es ihre Schulpflicht gestattet, hilft Conny im Haus aus, sei es an der Rezeption, beim Putzdienst oder in der Küche; daher weiß sie aus eigener Erfahrung, wie dringend man das Geld braucht: Mal streikt die altersschwache Spülmaschine; dann werden Möbel notdürftig repariert; da und dort kaschiert man Flecken auf Tapeten und Teppichen; die Heizung rumpelt; die Türen klemmen; die Fenster klappern, und Personal fehlt eh an allen Ecken und Enden ...

Oben im Dachgeschoss angekommen, braucht Conny einige Zeit, um Margret Mondo wach zu bekommen. Sobald die aber begriffen hat, worum es geht, ist sie hellwach, und fünf Minuten später steht sie – ungekämmt, doch ansonsten präsentabel – in der Lobby der Besucherin gegenüber.

Diese muss unwillkürlich schmunzeln: Beide, Mutter wie Tochter, sind sichtlich übernächtigt; bei beiden sind die kastanienbraunen Haarwellen noch wirrer als sonst, und die Kleidung hängt mit mehr als nur einem Anflug von Flüchtigkeit an den schmalen, fast schlaksigen Körpern; somit sticht die Familienähnlichkeit der Besucherin geradezu ins Auge. »Tut mir leid, das mit der frühen Störung. Aber Sie wollten den Termin möglichst bald, und da wir mit unserem neuen Service-«

»Ich muss mich entschuldigen.« wehrt dies Margret Mondo ab. »Ich glaube, Ihre Nachricht ist hier irgendwie, na, ja ... Was soll’s; Hauptsache, Sie sind da! Setzen wir uns doch gleich hier?«

Conny hockt sich wieder hinter die Rezeption, von wo aus sie die Unterredung belauschen kann. Die Frauen lassen sich in der Sitzgruppe nieder; dann holt die Besucherin ein Bündel Unterlagen aus ihrer Aktentasche: »Zuallererst möchte ich Ihnen für Ihr Vertrauen in unser Kreditinstitut danken. Ich habe inzwischen die Unterlagen studiert, die sie mir dankenswerterweise zukommen ließen. Aber, na ja, das ist nicht so einfach ...«

Die Hotelbesitzerin glaubt zu verstehen: »Wegen der anderen Kredite und Hypotheken, die wir schon aufgenommen haben; habe ich Recht?«

»In der Tat, ja, leider. Tja, noch vor ein paar Jahren, da wäre das kein unlösbares Problem gewesen, aber heute, nun ja ... Auch unsere Bank muss mittlerweile vorsichtig sein! Die letzten Jahre waren schwierig ...«

Die Hausherrin steht ungeduldig auf: »Ehrlich gesagt, das kann ich nicht ganz nachvollziehen: Wir haben doch wirklich handfeste Sicherheiten zu bieten. Das ›Hotel Welt‹ ist in der vierten Generation im Besitz der Mondos; nur ein einziges Haus in ganz Wien ist noch länger in Familienbesitz. Wir haben unsere Verbindlichkeiten immer pünktlich bedient, aber falls es zur Zwangsversteigerung käme ... Wer hätte was davon? Sie kriegen bestenfalls den halben Erlös wie vor wenigen Jahren; Conny und ich sitzen auf der Straße ... Dass es derart in unserer Wirtschaft zugeht, das haben sie uns seinerzeit auf der WU nicht beigebracht!«

Ihr Gegenüber stutzt: »WU? Sie waren auf der Wiener Wirtschaftuniversität?«

»Ja; mein Vater glaubte damals, dass es eine gute Idee wäre, wenn ich Betriebswirtschaft-«

Die Bankerin fällt ihr ins Wort: »-aber dann bist du ohne Abschluss abgegangen.«

Margret muss mehrmals schlucken, ehe und während sie antwortet: »Richtig; als ... Na ja, meine Eltern starben so plötzlich; ich habe ich den Laden übernommen; Conny war noch klein, und- Warten Sie, wieso duzen ... Sag mir nicht, dass du das bist, Michi!?«

Die Besucherin grinst fröhlich, und nach der Hôtelière steht nun auch sie auf: »Wer sonst! Du kamst mir gleich so bekannt vor. Beim Lesen des Antrages fiel mir nichts auf, aber gut, auf der Uni warst du eh halt stets die Margret, ich die Michi ...«

Die Frauen umarmen sich, und da schöpft auch Conny wieder Hoffnung. Das Begräbnis ihrer Großeltern ist ihre erste, ihre allererste Erinnerung, und einfach ist es seitdem nie gewesen. Anfangs schien auch dieses Treffen ebenso enden zu wollen wie allerlei ähnliche Termine in den letzten Monaten; jetzt jedoch, mit einer Bankerin als Freundin ... Das Mädchen schüttelt unwillkürlich den Kopf; dieses Wiedersehen erinnert sie an ähnlich gewagte Wendungen in jenen Endlos-TV-Serien, die sie gelegentlich sieht.

Margret hält unterdessen ihre wiedergefundene Kommilitonin bei den Schultern und mustert sie mit einem halb melancholischen, halb amüsierten Lächeln: »Allerdings! Und du warst längst nicht so seriös wie jetzt – um’s nett auszudrücken! Nimm’s mir nicht übel, aber so im Business-Dress, mit der strengen Frisur und all dem, also ehrlich, da hätte ich dich auf der Straße wirklich nicht erkannt! Was ist mit deinen Piercings, den Tattoos und so passiert?«

Die Bankerin winkt lachend ab: »Erinnere mich nicht daran: Wie aus den ersten Bewerbungen nichts wurde, mussten die weg – jedenfalls alle, die die Klamotten nicht verdecken! Ein distinguiertes, gepflegtes Auftreten, ein schöner Schein, das gehört eh mit dazu – heute mehr denn je: Nach all dem Durcheinander sind wir in der Bank angehalten, zumindest den Anschein von Seriosität zu wahren. Aber so ...«

Margret stutzt, als ›Michi‹ ihr Handy zückt: »Was hast du vor?«

»Ich frage mal gleich in der Filiale an wegen der Konditionen für deinen Kredit.«

Ihr Gegenüber ist baff: »Ihr bietet ja wirklich Rund-um-die-Uhr-Service! Aber meintest du nicht eben ...«

»Na ja, so eine Kreditvergabe, das ist ja letztendlich immer eine Ermessensfrage, und ein paar Hunderttausend, darauf kommt es eh nicht an, wenn- Hallo? Ich bin’s, Schweighofer. Ich wollte wegen eines Kredites- Wie? Was heißt das?«

Nach einer längeren Pause murmelt Michi noch ein »Verstehe ...« in ihr Handy; dann lässt sie es sinken und starrt ins Leere. Eine Minute herrscht Schweigen; schließlich aber wird Margret ungeduldig: »Also? Was ist jetzt? Michi!«

Endlich schrickt die Besucherin auf: »Wie? Ach so, ja ... Das war mein Kollege, in der Bank, im ersten Bezirk. Als er vorhin ins Büro kam und seine mails checkte, da fand er eine Nachricht, dass unsere Zentrale heute Konkurs anmelden wird. Inzwischen steht die Meldung auch im Internet.«

»Was? Das ist ein Scherz!«

Michi schüttelt den Kopf; sie ist mindestens ebenso fassungslos wie ihr Gegenüber: »Wir sind pleite ... Sah offenbar doch übler aus, als man uns bisher weismachen wollte.«

»Tut mir leid, wirklich!«

»Ja, mir auch ... Ich meine, wegen des Kredits.«

Conny tut es weh, mit ansehen zu müssen, wie ihre Mutter erst jetzt begreift: »Du meinst ...«

Aber die angehende Ex-Bankerin packt bereits ihre Sachen zusammen: »Wir können jetzt leider keine neuen Kredite mehr auszahlen: An niemanden! Und wie’s aussieht, sitzen wir eh bald selber auf der Straße – zumindest wir, die einfachen Mitarbeiter; das Management wird sich’s schon richten können. Und für staatliche Hilfen ist unser Institut nicht bedeutend genug, fürchte ich.«

»Na, notfalls kannst du hier im Haus unterkommen: Ich habe wirklich genug leere Zimmer!«

Halb verlegen, halb amüsiert lacht die Ex-Bankerin in spe auf, während Margret sie zum Ausgang begleitet. Dort verabschiedet sich dann die Besucherin: »Sorry, Margret, aber, wer weiß ... Ich melde mich, wenn’s was Neues gibt!«

Margret bringt noch ein Lächeln zustande: »Danke, und viel Glück!«

Während sich die Frauen verabschieden, kommt ein Gast die Treppe runter. Man kennt sich: Mit einem Winken begrüßt er die ›Empfangsdame,‹ und auch die Chefin des Hauses bemerkt den älteren, zierlichen Herrn, sobald sie die Tür hinter Michi geschlossen hat: »Ah, guten Morgen, Herr Hofmann. So früh schon aktiv?«

Der Gast nickt munter, bemerkt aber dann das eher bemühte Lächeln der Frau: »Guten Morgen auch Ihnen! Obwohl es, ohne indiskret sein zu wollen, nicht danach aussieht. Könnte es an der Dame liegen, die eben ging? Kein unerfreulicher Besuch, wie ich hoffe?«

»Nicht wirklich; obwohl ...«

Margret zuckt ratlos mit den Schultern und berichtet dann in Kurzfassung von ihrem kuriosen Geschäfts-Gespräch. Hofmann wundert sich nur noch: »Da ist es mir höchst peinlich, dass Sie mir für mein Zimmer sogar noch Sonderkonditionen zugestehen.«

Margret hebt abwehrend die Hände: »Für so treue Stammkunden vom ›Hotel Welt‹, und das schon seit der Zeit meines Großvaters ... Hätte ich nur mehr Gäste wie Sie, Herr Doktor!«

Nun ist es an Hofmann, abwehrend die Hand zu heben: »Noch nicht Doktor – noch nicht, aber bald, wie ich wohl hoffen darf: Und das schneller als die meisten meiner Kommilitonen! Gewiss dürfte unter denen manch einer gespottet haben, dass ein alter Knacker wie ich noch Archäologie studiert-«

»Ich nicht!«

»Dessen bin ich gewiss, Frau Mondo! Jedenfalls, ich dürfte in meiner Dissertation mit einer kleinen Sensation aufwarten können: Sie erinnern sich eventuell, dass es um die diversen Grabformen der Volksgruppe der Awaren ging? Mir scheint, wir plauderten schon mal darüber.«

Conny versucht vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken: Die Hotel-Eignerin und ihr Gast stehen vor der Treppe und damit einige Schritte von der Rezeption entfernt; dennoch erkennt das Mädchen unschwer, wie die Aufmerksamkeit der Zuhörerin nun rasch nachlässt; der Mann dagegen kommt nun erst so richtig in Schwung. ›Immerhin trifft es diesmal nicht mich!‹ denkt Conny, und sie staunt, wie ihre Mutter Haltung bewahrt: »Richtig; ich glaube, sie erwähnten es ein- oder zweimal.«

»Nun, wie gesagt, die Awaren begruben ihre Fürsten gelegentlich unter aufwendig aufgeschütteten Hügeln. Das taten zwar noch manch andere Völkerschaften, aber bei den Awaren ist die Form der Tumuli so spezifisch, dass- Ich langweile Sie doch hoffentlich nicht?«

Margret schüttelt etwas zu eifrig den Kopf; so fährt ihr Gast fort: »Nun, eventuell bringt es Sie auf andere Gedanken! Jedenfalls, ich bin gewiss, ein Grab – mutmaßlich aus dem 8. Jahrhundert – lokalisiert zu haben, das noch unberührt sein könnte: Und der Größe nach sollte es sich um das eines bedeutenden Fürsten handeln.«

Das freut Margret ehrlich: »Ein unberührtes Grab? Wie schön! Und gleich ein Fürstengrab? Wo soll sich das befinden?«

»Tja, das ist das Kuriose daran! Sie kennen gewiss den Pavillon, den kleinen Rundtempel auf dem Hügelchen im Park nebenan, unweit des Palais des Fürsten von Finsterfels?«

Die Frau deutet ungläubig gen Küchentür im hinteren Lobby-Bereich: »Natürlich; das ist ja nur gut hundert Meter von hier! Sie glauben also ... Sie meinen doch nicht wirklich ...«

Der Doktor in spe nickt nachdrücklich: »Gewiss, genau das meine ich: Alle Indizien deuten darauf hin, dass unter dem Hügel, dem Tumulus, auf welchem das Tempelchen steht, ein Awaren-Fürst begraben liegt – komplett mit einer reichen Ausstattung an Grabbeigaben: Waffen, Schmuck, Kleidung, Kultobjekte ...«

Conny lauscht fasziniert, aber ihre Mutter ist nun völlig frustriert: »Das darf doch nicht wahr sein: Also wirklich; als ob der olle Finsterfels nicht schon genug Geld hat! Erst untersagt er schon meinen Eltern alle Umbauten am Hotel, dann verklagt er mich, kaum dass die Handwerker mal etwas länger zugange sind, und nun gibt’s bei ihm einen richtigen Schatzfund – und noch mehr Zeugs für sein Museum; noch mehr Kostbarkeiten, die er in seiner Hausbank, in seinem lächerlichen Zwergstaat horten kann!«

Hofmann wiegt bedächtig den Kopf: »Nun, das ist nicht gesagt. Zudem dürfte er noch nichts wissen von seinem Glück – falls meine Vermutung denn stimmt. Erst müsste ich in den Archiven noch ein paar Quellen prüfen, bevor ich sicher sein kann; dann könnte man eventuell eine Probegrabung beantragen.«

Conny entgeht nicht, wie ihre Mutter stutzt: »Also weiß ansonsten noch niemand davon? Wirklich nicht?«

»Aber nein! Als angehender Wissenschaftler bin ich zur Seriosität verpflichtet; da sollte ich nur gesicherte Erkenntnisse publizieren – soweit das menschenmöglich ist, versteht sich.«

Margret nickt nachdenklich: »Richtig; natürlich ... Dann viel Erfolg bei der Recherche!«

»Danke; es sollte höchstens zwei, drei Tage dauern. Es könnte noch schneller gehen, aber leider händigen die Archivare ihre Schätze immer nur einzeln aus. Nun, Sie erfahren jedenfalls als erste, was herauskommt!«

Man verabschiedet sich, und als der Gast gehen will, öffnet gerade ein junger Mann die Tür. Dieser hält dem späten Studenten sogleich die Tür auf: »Morgen, Herr Hofmann!«

Der Stammgast bemerkt den Neuankömmling erst jetzt: »Oh, guten Morgen auch Ihnen, Herr Graf! Heute erneut Rezeptionsdienst, wie mir scheint? Bestände da nicht die Gefahr, dass Ihr Jus-Studium darunter leidet?«

Der Student wirkt auf Conny mal wieder arg unausgeschlafen, und dementsprechend sarkastisch antwortet er: »Tja, hätte ich auch eine satte Stadtrats-Pension, dann müsste ich nicht neben dem Studium auch noch jobben ...«

Hofmann lässt sich seine gute Laune nicht verderben: »Und hätte ich nicht seinerzeit für meine Familie sorgen müssen, hätte ich gewiss auch schon in Ihrem Alter studiert. Einen schönen Tag noch, die Herrschaften!«

»Danke; Ihnen auch!« ruft ihm Margret noch nach, ehe die Tür hinter dem Gast zufällt. Dann wendet sie sich mit einem tadelnden Kopfschütteln dem Neuankömmling zu: »Du solltest wirklich nicht immer wieder unsere Gäste beleidigen, Konrad! Ein Glück, dass Herr Hofmann so gutmütig ist.«

Konrad Graf verzichtet auf jede Widerrede und geht lieber gleich zur Rezeption rüber: »Schon gut; kommt nicht wieder vor! Ah; Hey, Conny: Mal wieder Nachtschicht geschoben, wie’s aussieht?«

Das Mädchens antwortet mit einem herzhaften Gähnen – was auch ihrer Mutter nicht entgeht: »Also, nochmals danke, Kleines: Nächste Woche sollte Herr Novak endlich wieder fit sein; dann brauchst du hier nicht mehr einspringen.«

»Mache ich echt gern!« widerspricht das Mädchen halbherzig. »Wenn’s dafür die neue Jeans gibt ...«

»Versprochen ist versprochen: Jetzt aber ab zur Schule! Versuch wach zu bleiben, ja? Heute Abend geht’s dafür eher ins Bett!«

Conny eilt die Stiege nur halb so leichtfüßig rauf wie sonst; so hört sie noch, wie sich ihre Mutter an Konrad Graf wendet: »Ich hätte später noch eine Frage ... Sag, wie gut kennst du dich mit Fundsachen aus? Du als Jus-Student?«

»Fundsachen? Was meinst du?«

»Na, wenn man Dinge findet, verloren, verschollen, vergessen, vergraben; so was halt.«

»Ach so! Klar; drittes Hauptstück ABGB: Von der Erwerbung des Eigentums durch Zueignung. So was?«

»Richtig! Du scheinst ja wirklich gut Bescheid zu wissen.«

»Ist das Steckenpferd eines meiner Professoren – auf dem er bei jeder Gelegenheit herumreitet. Persönlich meine ich, man sollte das mit der Aneignung eher großzügig sehen, aber wenn’s nur um ein paar Auskünfte geht ... Kein Problem; jederzeit!«

Den Rest bekommt Conny nicht mehr mit. Sie kann sich aber auch so denken, worum es geht, und der Gedanke lässt sie ihre Müdigkeit vergessen: Schließlich hat sie mitbekommen, wie Hofmann ihrer Mutter von dem Schatz erzählt hat, der nebenan zu finden sein soll ...

 

Als sie – nach einer kalten Dusche und zwei Großen Braunen – mit ihren Schulsachen auf die Straße tritt, spielt Conny mit dem Gedanken, jetzt, gleich, sofort rüber zu ›Fürstens‹ zu gehen, wie sich Konrad gerne ausdrückt: Schließlich stehen die Gatter am Eingang zum Finsterfels’schen Park seit sechs Uhr offen, und längst schon ziehen dort frühsportliche Jogger ihre Runden. Sie, Conny, könnte den Schatz finden; ihre Mutter wäre alle Geldsorgen los, und sie selber könnte Shoppen bis zum Umfallen ... Dann aber bemerkt sie, dass da ein Kunsttransporter am anderen Ende der Straße steht; gerade entladen vier Arbeiter eine große, flache Kiste. Dieser Anblick ist für Conny nichts Neues; schließlich ist im Palais des Fürsten ein renommiertes Museum untergebracht, und schon oft hat das Mädchen beobachtet, wie vor sowie nach Ausstellungen im Finsterfels-Museum solche Transporter Dutzende Bilder-Kisten aus- und einluden. Neu ist allerdings, dass gegenüber des Park-Zugangs ein auffallend unauffälliges Pärchen in einem auffallend unauffälligen Auto mitten im Parkverbot parkt; offensichtlich beobachten die beiden den Eingang sowie die Verlade-Aktion.

›Sind das Kunstdiebe? Oder wissen die schon vom Schatz?‹ fragt sich Conny. Sie verschiebt die Suche jedenfalls fürs erste.

›Wenn die wüssten!‹ sagt sie sich, als sie an dem schmiedeeisernen Gitter entlang geht, das den Park zur Straße hin schützt. ›Mama hat völlig recht: Als ob der olle Finsterfels nicht schon genug Geld hätte; der braucht den Schatz echt nicht. Der nicht, und sein einziges Töchterchen, sein Prinzesschen schon gar nicht ...‹

Wie fast jeden Morgen, bleibt sie an einer Ecke des Parks stehen, von wo aus man einen besonders guten Blick hat: Vor ihr, halb verdeckt von Bäumen, präsentiert sich das Barock-Palais derer von und zu Finsterfels; dort ist das Museum untergebracht, in welchem Fürstens ihre Kunstschätze zur Schau stellen; dort residiert das Haus Finsterfels auch, wenn es ihr Fürstentum verlässt und Wien mit seiner Gegenwart beehrt. Nur die Prinzessin dürfte dort permanent wohnen, da sie in der Stadt zur Schule geht: Auch sie besucht die siebente Klasse, wie es in einem Society-Magazin hieß, und zwar in einer noblen Privat-Schule am Rande des Wienerwaldes.

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