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Hot Chocolate Promise

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Willkommen
  7. 1. Schockmomente
  8. 2. Kompromisse
  9. 3. Soundcheck
  10. 4. Fever
  11. 5. Schöner wohnen
  12. 6. Aloha
  13. 7. Wellenreiten
  14. 8. Happy Birthday
  15. 9. Job-Casting
  16. 10. Lover’s Surprise
  17. 11. Abgründe
  18. 12. Übersprungshandlungen
  19. 13. Gewissensbisse
  20. 14. Stunden der Wahrheit
  21. 15. Erstes Mal
  22. 16. Happy New Year
  23. Dank
  24. Der Cocktail: Lover’s Surprise
  25. Leseprobe – Hot Chocolate – Ava & Jack
  26. Gute Ratschläge
  27. Miese Stimmung

Über dieses Buch

Das ausschweifende Liebesleben seiner Ziehtochter Lisa geht Freddy langsam aber sicher gegen den Strich. Damit endlich wieder ein bisschen Ruhe einkehrt, soll Lisa ausziehen und im Penthouse über seiner Bar Hot Chocolate eine WG gründen. Leider hat Lisa keine Freundinnen, die mit ihr dort einziehen wollen, und so sucht Freddy die Kandidatinnen selbst aus: die zurückhaltende Kate, das lebenslustige Surfergirl Jill und die schlagfertige Medizinstudentin Ava. Vier junge, völlig unterschiedliche Frauen in einer WG? Das verspricht emotional, sexy und wild zu werden.

In »Hot Chocolate – Promise« wird endlich verraten, wie die vier Ladies sich kennenlernen und die legendäre WG gründen. Die Vorgeschichte zur eBook-Serie hat Romanlänge und kann völlig unabhängig gelesen werden. Für Fans werden jedoch einige prickelnde und interessante Details über die Ladies enthüllt – und natürlich viel nackte Haut.

Über die Autorin

Charlotte Taylor ist seit 2014 das Pseudonym der Frankfurter Autorin Carin Müller, wenn sie Ausflüge in Richtung horizontaler Literatur unternimmt. Seitdem teilen sich die beiden einen Körper, einen Mann und einen Hund – und streiten sich täglich um die Vorherrschaft am Computer.

Weitere Informationen zur Serie, Veröffentlichungstermine der nächsten Episoden und einiges mehr gibt es unter www.charlottetaylor.de

Willkommen

Willkommen bei »Hot Chocolate« – oder besser gesagt: im Hot Chocolate, denn es handelt sich dabei um eine wunderbare Bar in Los Angeles. Besitzer Freddy Cooper hat sein Schmuckstück vor zwanzig Jahren eröffnet und seitdem nicht nur fantasievolle Cocktails erfunden, sondern auch der einen oder anderen Liebe auf die Sprünge geholfen.

Neben einem ausgeprägten Sinn für stimmungsvolles Ambiente und leckere Drinks hat Freddy aber vor allem eines: ein riesengroßes Herz! Vor ein paar Jahren nahm er sich der verwahrlosten Lisa an. Aus dem verstörten Sprössling einer drogenabhängigen Mutter ist inzwischen eine ehrgeizige Informatik-Studentin geworden. Doch da sie auch ein ausschweifendes Liebesleben führt, möchte Freddy, dass sie aus der gemeinsamen Wohnung aus- und stattdessen mit einigen Freundinnen in das just freigewordene Penthouse einzieht. Allerdings hat Lisa keine echten Freundinnen und würde sich das schicke Apartment lieber mit einigen Nerds teilen. Doch da spielt Freddy nicht mit und präsentiert ihr eine folgenreiche Idee …

Bei »Promise« handelt es sich um die Vorgeschichte zu meiner Hot Chocolate-Serie. Wer die Reihe bereits kennt, darf sich freuen, denn einige Geheimnisse werden hier gelüftet. Und für alle anderen gilt: Viel Spaß mit Lisa, Kate, Jill und Ava!

1. Schockmomente

»Wir sind dann mal weg.« Der junge Mann nahm seine Freundin an die Hand und sah ein bisschen unentschlossen in Richtung Lisa, die gerade frisch geduscht und splitternackt aus dem Bad kam. Würde von ihr noch etwas kommen?

»Okay«, murmelte Lisa nur mit einem leichten Schulterzucken und ging zu ihrem Kleiderschrank, ohne dem Pärchen weiter Beachtung zu schenken. Es nervte sie, wenn Leute nicht wussten, wann es Zeit war, zu verschwinden. Wäre es nach ihr gegangen, hätten sich die beiden vor zehn Minuten davongemacht, während sie ausführlich geduscht hatte.

»Sehen wir uns mal wieder?«, fragte das schmale blonde Mädchen zaghaft, aber eindeutig mit einem Hauch Hoffnung in der Stimme.

Ernsthaft? Lisa konnte es nicht glauben. Hatte diese Marie oder Mary – oder wie auch immer sie hieß – gerade gefragt, ob es eine Wiederholung gäbe? Sie schnaubte verächtlich und hüllte sich weiterhin in beredtes Schweigen. Diesen Hinweis schien wenigstens der Kerl zu verstehen. Wie war nochmal sein Name? Sebastian? Oder Seth? Lisa war es egal.

»Komm, wir gehen«, sagte er leise zu seiner Begleiterin und zog sie aus dem Schlafzimmer.

Als Lisa nach ihrer Zimmertür auch noch die Wohnungstür ins Schloss fallen hörte, atmete sie erleichtert aus. Sie hasste klammernde One-Night-Stands. Die Nacht allerdings war großartig gewesen. Sie hatte das Pärchen gestern getroffen, ausgerechnet in der Cafeteria ihrer Uni, wo sie und Timber Interviews mit neuen Interessenten für ihren Hackerclub geführt hatten. Erst hatte Timber mit den beiden gesprochen, doch der pickelige Obernerd, der im wirklichen Leben Timothy hieß, war überfordert gewesen – wie immer, wenn er es mit mehr als einem anderen Lebewesen aus Fleisch und Blut zu tun hatte. Jedenfalls waren Seb und Marie – richtig, so hießen sie – schließlich bei Lisa gelandet und hatten sich von ihr grillen lassen.

Bis dahin hatten sich die meisten Bewerber als absolute Enttäuschungen entpuppt, aber die beiden schienen tatsächlich etwas auf dem Kasten zu haben. Sie arbeiteten im Team und hatten bereits einen spannenden Algorithmus für ein Dating-Portal entwickelt. So waren sie ins Gespräch gekommen. Erst über fachliche Dinge, dann – als Lisa sich die App mal genauer angesehen und festgestellt hatte, dass es dabei eher um unverbindliche Sex-Treffen ging als um die große Liebe – auch über privatere Angelegenheiten. Ziemlich private Angelegenheiten, wenn man es genau nahm, denn es hatte sich recht schnell herausgestellt, dass die beiden zwar den Nutzern ihrer App zu sexuellen Abenteuern verhalfen, selbst aber nicht über den Tellerrand ihrer Highschool-Liebe hinausgekommen waren. Das alles hatte irgendwann Lisas Jagdeifer entzündet, zumal die beiden wirklich zum Anbeißen waren.

Seb war ein kantiger Typ mit großen, kräftigen Händen, in dessen blaue Augen ein verräterisches Glitzern getreten war, als Lisa die Möglichkeit einer gemeinsamen Nacht ins Spiel gebracht hatte. Seine Freundin dagegen war hochrot angelaufen und hatte begonnen, nervös auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen. Aber sie war geblieben, hatte sich aufgeregt mit ihrer kleinen rosa Zunge die Lippen befeuchtet und mit großen Augen abwechselnd Lisa und ihren Freund angestarrt.

Am Ende hatte Lisa die beiden für zehn Uhr abends zu sich nach Hause gebeten. Freddy war um diese Zeit längst im Hot Chocolate, und sie hatte sturmfreie Bude. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob das Pärchen tatsächlich den Mut aufbringen würde, zu ihr zu kommen, doch als es schließlich an der Tür klingelte, hatte sich eine Vorfreude in Lisa breitgemacht, die sie lange nicht mehr gefühlt hatte. Es war nicht ihr erster Dreier, aber der erste mit zwei völlig unerfahrenen Menschen, die sich nach der ersten Schüchternheit auch noch als ausgesprochen experimentierfreudig erwiesen hatten. Und als ziemlich unersättlich.

Lisa gähnte herzhaft und wühlte in ihrer Wäscheschublade nach einem frischen Slip. Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigte halb elf Uhr an. Mist. Sie hatte ihr Seminar bei Professor Atkins verpasst, der Unzuverlässigkeit noch mehr verabscheute als Inkompetenz. Wenn sie noch einmal fehlen sollte in diesem Semester, konnte sie den Schein vergessen – egal wie gut ihre Noten auch waren. Vor diesem Hintergrund verblasste die aufregende letzte Nacht ganz schnell wieder. Das war es eindeutig nicht wert gewesen. Und es wäre auch gar nicht so weit gekommen, wenn ihre beiden Gäste sie nicht im Morgengrauen in eine Art Kuschelschwitzkasten genommen hätten und sie alle erschöpft eingeschlafen wären. Ärgerlich schlüpfte sie in ihre Jeans und zog ein Langarmshirt über. »Fuck, fuck, fuck!«, fluchte sie vor sich hin. Und dann hatten die beiden Schmusebärchen nicht einmal das nötige Taktgefühl gehabt, um einfach wortlos zu verschwinden. »Idioten! Den Hackerclub können sie vergessen«, motzte sie ihre Schranktür an.

Sie wusste, dass es sinnlos war, jetzt noch zur Uni zu fahren und bei Professor Atkins um gutes Wetter zu bitten. Er hatte nur wenige, aber glasklare Regeln. Wer die nicht einhielt, war seiner Meinung nach nicht würdig, von ihm unterrichtet zu werden. Da half nur eins: Sie durfte sich in den nächsten Monaten keinen weiteren Aussetzer mehr leisten. Lisa schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit und ging in die Küche, denn ihr Magen knurrte vernehmlich. Doch statt des erhofften Frühstücks – mindestens ein paar frische Croissants hatte Freddy immer für sie –, fand sie einen Zettel auf der Arbeitsfläche:

Komm bitte runter in die Bar.

Wir müssen reden. Freddy

Lisa runzelte die Stirn. Das waren nun ganz neue, ungewöhnliche Töne von ihrem Ziehvater. Wir müssen reden klang nicht gut. Gar nicht gut. Ob Professor Atkins etwa hier angerufen hatte? Zuzutrauen wäre es ihm, denn die teure Privatuni, die sie besuchte, war bekannt für ihren sehr engen und persönlichen Kontakt zu den wenigen Studenten und ihren Familien. Und da Freddy ihre Ausbildung finanzierte …

»Verdammte Scheiße«, knurrte sie. Der Tag wurde ja immer mieser. Was, wenn Freddy nun die Nase voll hatte und ihr den Geldhahn zudrehte? Wohin sollte sie dann? Sie verdiente doch kein Geld, sondern konzentrierte sich nur auf ihr Informatikstudium. Und ihren Sport. Und ja, zugegeben, gelegentlich auch auf ihr Vergnügen.

Panik stieg in ihr auf. Würde sie auf der Straße landen? So wie sie es als Kind schon mit ihrer Mutter erlebt hatte? Müsste sie ihren Körper verkaufen für ein Dach über dem Kopf? Würde sie in den gleichen Drogensumpf abgleiten, der ihre Mom Leyla umgebracht hatte?

Ihr wurde schlecht, und sie goss sich ein Glas Wasser ein, das sie mit kleinen Schlucken austrank. Beruhige dich, ermahnte sie sich selbst im Geiste. Nach all den Jahren sollte sie doch wissen, dass Freddy sie nicht hängen lassen würde.

Sie kramte aus dem großen Küchenschrank eine Packung trockener Kekse hervor und knabberte an einem herum. Seit inzwischen fünf Jahren lebte sie bei Freddy Cooper, der so viel mehr war als nur ihr gesetzlicher Vormund. Er war die beste Familie, die sie jemals gehabt hatte. Als ihre Mom damals an der Überdosis gestorben war, war sie selbst gerade fünfzehn Jahre alt gewesen – und der Meinung, dass sie ihr Leben auch gut allein in den Griff kriegen könnte. Immerhin hatte sie schon in alle möglichen Abgründe geblickt. Hatte Dinge erlebt, von denen die Vergewaltigung durch den Dealer ihrer Mutter noch nicht das Schlimmste gewesen war. Doch Freddy hatte sie nicht allein gelassen, sondern einfach mit zu sich nach Hause genommen, hatte die Beerdigung für ihre Mutter organisiert, vergeblich versucht, ihren Vater zu finden, und schließlich allen nötigen Behördenkram erledigt, um offiziell ihr Vormund zu werden. Seit sie denken konnte, war Freddy immer irgendwie in der Nähe gewesen. Er hatte sich schon um ihre Mom gekümmert und dafür gesorgt, dass sie in einer Wohngemeinschaft für drogenabhängige junge Mütter unterkam. Soweit Lisa wusste, hatte er Leyla diverse Entziehungskuren ermöglicht, aber ihre Mutter war einfach zu schwach gewesen. Zu schwach, um für sich und ihr Kind zu sorgen, zu schwach, um sich eine richtige Arbeit zu suchen, und viel zu schwach, um den Drogen zu widerstehen.

Lisas Gesichtszüge verzerrten sich zu einer wütenden Fratze. Sie verachtete ihre Mutter für diese Schwäche. Sie war sich absolut sicher, dass sie selbst anders war. Sie war stark. Sie würde es schaffen. Notfalls auch ohne Freddy und ohne teure Privatuni.

Lisa legte eine Hand auf ihr rasendes Herz. Sie musste sich jetzt wirklich beruhigen. Freddy hatte Höhen und Tiefen mit ihr durchgestanden, er würde sie nicht wegen eines verpassten Uni-Kurses verstoßen. Nicht ihr Freddy. Er wollte einfach mit ihr reden. Daran war doch nichts Schlimmes, oder? Trotzig straffte sie die Schultern und spülte die trockenen Keksbrösel, die an ihrem Gaumen klebten, mit einem weiteren Glas Wasser herunter. Dann schnappte sie sich ihren Schlüssel und nahm die Treppe vom zweiten Stock nach unten in die Bar.

Das Hot Chocolate war mehr als nur eine simple Bar: eine urgemütliche Mischung aus Kiezkneipe, Studentencafé und Cocktailbar. An den Vormittagen waren viele Mütter mit ihren Kleinkindern zum Frühstücken hier, mittags kamen die Mitarbeiter der zahlreichen Start-ups in der Nachbarschaft und kehrten häufig ein paar Stunden später auf ein Feierabendbier oder einen Happy-Hour-Cocktail wieder zurück. Es gab die klassische American-Diner-Speisekarte – üppiges Frühstück, Burger, Cheesecakes, was das Herz begehrte. Und an den Wochenenden brummte der Laden bei allerlei Mottopartys oder wenn coole Bands live auftraten.

Jetzt, um kurz vor elf, war es relativ ruhig. Lisa scannte den großen Raum nach Freddy ab, der hinterm Tresen stand und gerade telefonierte. Er hatte sie noch nicht bemerkt, und sie beobachtete ihn ein Weilchen. Freddy war ein Bär von einem Mann. Knapp zwei Meter groß, sehr breit, sehr bärtig und erstaunlich gut in Form für einen Mittfünfziger, der offiziell nie Sport trieb und stattdessen sieben Tage pro Woche in seiner Bar arbeitete. Sie trat ein paar Schritte näher und hörte, wie er sich von dem Anrufer verabschiedete. Seine warme, volltönende Stimme, die niemals schneidend klang, liebte sie besonders an ihm.

»Alles klar, Chris. Ich freue mich auf Samstag und bin sehr gespannt auf eure neue Sängerin.« Lächelnd beendete Freddy sein Telefonat und wandte sich dann Lisa zu. »Da bist du ja.« Er musterte sie aufmerksam, sprach aber nicht weiter.

»Ja.« Lisa wusste nicht, was sie sonst noch sagen sollte. Sie hatte das Gefühl, dass er sie aus der Reserve locken wollte, wie er das gerne tat, aber so einfach würde sie es ihm auch wieder nicht machen. Er wollte mit ihr reden, also sollte er anfangen. Sie setzte sich steif auf einen Barhocker und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Hast du Hunger?«, wollte er nun wissen.

»Hm«, brummte sie unbestimmt. Vorhin hatte ihr Magen so laut geknurrt, dass man es sicherlich im ganzen Haus gehört hatte, aber nachdem sie Freddys Zettel gelesen hatte, war ihr der Appetit komplett vergangen.

»Sagst du bitte in der Küche Bescheid, dass wir eine große Portion Rührei mit Speck und reichlich Buttertoast brauchen?«, bat Freddy seinen mexikanischen Barista Carlos und wandte sich dann erneut an Lisa: »Nach der Anstrengung von letzter Nacht kannst du bestimmt eine Stärkung vertragen.«

Lisa war sich nicht sicher, ob Freddy ihr bei diesem Satz leicht zugezwinkert hatte, denn er hatte sich unmittelbar danach umgedreht, um zwei Tassen Filterkaffee einzuschenken. Weder er noch sie mochten das Gebräu, das aus der italienischen Espressomaschine kam und auf das die meisten Gäste so abfuhren. Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Er hatte nichts über einen Anruf von Professor Atkins gesagt, sondern lediglich die letzte Nacht erwähnt – waren sie so laut gewesen? Diese Marie hatte doch nur leise vor sich hingemaunzt, als sie gekommen war. Zumindest beim ersten Mal …

Ihre Wangen wurden heiß, als sie daran dachte, was danach passiert war, doch dank ihres ebenholzschwarzen Teints sah man das Erröten nicht. So schlimm war’s doch auch wieder nicht gewesen, und Freddy war in der Regel cool, wenn sie Besuch hatte.

»Dir kann man wirklich beim Denken zusehen«, lachte er und schob ihr eine Tasse hin. »Eine Laufschrift auf der Stirn könnte kaum auffälliger sein.«

Unwillkürlich zuckte Lisas Hand an ihr Gesicht. »Du wolltest mit mir reden«, krächzte sie und räusperte sich dann vernehmlich.

»Ja, und du fragst dich jetzt panisch, worüber, stimmt’s?«

Diesmal war es eindeutig ein Zwinkern. Seine dunklen Augen funkelten vergnügt – offenbar hatte Freddy riesigen Spaß daran, sie zu quälen, dachte Lisa. Doch die Tatsache, dass er lächelte, stimmte sie milde optimistisch, dass nicht das ganz große Donnerwetter auf sie wartete. »Soll ich raten, oder lässt du die Katze jetzt aus dem Sack?« Sie klang kesser, als sie sich fühlte.

»Gibt’s denn deiner Ansicht nach mehrere Möglichkeiten?«, spielte er den Ball wieder zurück.

»Es tut mir leid, falls es letzte Nacht ein wenig laut war. Okay?« Da Freddy nur eine Braue hob und nichts erwiderte, fuhr Lisa fort: »Hat Professor Atkins angerufen? Ich meine, das wäre ihm in jedem Fall zuzutrauen. Und falls er angerufen hat, könnte es sein, dass es schlimmer klang, als es in Wirklichkeit ist. Denn eigentlich ist gar nichts Großartiges passiert. Okay, es war ein bisschen blöd von mir, dass ich das Seminar heute früh verpasst habe, aber es ist kein Weltuntergang. Ich bin die Beste in unserer Gruppe und kann alles nachholen. Es ist wirklich alles vollkommen unter Kontrolle.« Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu plappern, auch wenn sie sich gerade um Kopf und Kragen redete. Die Panik hatte sie wieder voll im Griff und zwang sie regelrecht zum Weitersprechen. »Es ist absolut nicht so, als ob das Semester verloren und dein Geld zum Fenster rausgeworfen wäre. Ehrlich«, fügte sie kläglich hinzu, als Freddy nun die Stirn runzelte.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst, aber richtig gut klingt es nicht. Das ist dir hoffentlich klar.« Er schüttelte den Kopf.

»Er hat nicht angerufen?« Lisa starrte ihn mit großen Augen an.

»Nein. Und selbst wenn, hätte ich ihm erzählt, dass ich dir vertraue und dass du alt genug bist, Verantwortung für dich und dein Leben zu übernehmen.« Er legte seine riesige Pranke auf ihre Rechte, mit der sie nervös über den Tresen gefahren war. »Was die Kosten für dein Studium angeht, betrachte ich sie als Investition in die Zukunft. Und meine Zuneigung zu dir ist nicht an Bedingungen geknüpft, das solltest du doch wissen.« Er sah ihr tief in die Augen, und schnell senkte sie den Blick.

»Ich weiß«, murmelte sie. Zutiefst erleichtert und auch ein bisschen beschämt, dass sie so wenig Vertrauen gehabt hatte. »Danke.« Sie trank einen Schluck Kaffee und sah ihren Ziehvater dann wieder an. »Trotzdem verspreche ich, dass ich das Studium in Rekordzeit durchziehen werde!«

»Jetzt iss erstmal«, sagte Freddy. Die Kellnerin hatte gerade das Rührei für Lisa gebracht. »Und dann sprechen wir weiter.«

Lisa nahm ein paar Bissen. Es schmeckte köstlich, aber Appetit hatte sie immer noch nicht so recht. Freddy verhielt sich merkwürdig. Normalerweise war er immer geradeheraus, egal ob er Lob oder Kritik zu verteilen hatte. Das schätzte sie so an ihm. Dieses Verhalten unterschied sich von dem der meisten Menschen, die wegen jedem Kleinkram rumeierten und nicht mit der Sprache rausrücken wollten. Es gab nur eine Erklärung: Etwas wirklich Schlimmes musste passiert sein! Es schepperte lautstark, als ihre Gabel auf dem Boden landete.

»Was ist los?« Freddy sah ihren entsetzten Blick.

»Stirbst du?«, hauchte Lisa. Eine andere Option kam ihr nicht in den Sinn.

»Nicht heute«, lachte er. »Hoffe ich jedenfalls. Schätzchen, nun sag schon, was los ist. So kenn ich dich gar nicht.«

»Sag du’s mir.« Lisa schloss die Augen und sammelte sich. »Ich komm damit klar, ich bin stark. Ich schaffe das.«

»Daran zweifle ich keinen Moment. Lisa, hör mir zu! Ich weiß nicht, welche Horrorvisionen du dir gerade zusammenreimst, aber ich bin nicht krank, ich werde, wenn alles normal läuft, in absehbarer Zeit nicht sterben. Kein Grund zur Panik.«

»Was ist es denn sonst?«, fragte sie kläglich.

»Ich habe mir überlegt, dass die Zeit gekommen ist, etwas an unserer Wohnsituation zu ändern«, sagte er bedächtig.

»Was? Ich meine, warum? Die Wohnung ist doch prima.«

»Die Wohnung ist perfekt. Für mich. Du wirst ausziehen.« Da waren die gerade noch ersehnten klaren Worte, doch auf Lisa wirkten sie wie ein Kübel mit Eiswasser.

»Wie bitte?!«, kreischte sie. »Du schmeißt mich raus? Aber warum? Gerade hast du doch noch erklärt, dass alles gut ist und …« Sie verstummte, als sie seinen Blick sah.

»Ich schmeiße dich nicht raus, ich überlasse dir das Penthouse.«

»Das Penthouse? Aber da wohnen Jason und Max mit ihren Freundinnen drin.«

»Die haben mir gestern gesagt, dass sie kurzfristig ausziehen. Dann ist die Wohnung frei, und ich denke, es ist an der Zeit, dass du auf eigenen Beinen stehst.«

»Aber die Wohnung ist doch viel zu groß für mich alleine, und außerdem …« Sie sah ihn misstrauisch an. »Oh nein!«

»Oh doch. Selbstverständlich wirst du nicht alleine einziehen. Es gibt vier Schlafzimmer, also brauchst du drei Mitbewohner.« Er grinste breit, doch sein Blick war ernst.

»Dann bleibe ich lieber bei dir!« Lisa verschränkte wieder trotzig die Arme vor der Brust.

Sie wusste, was es mit der Wohnung auf sich hatte. Vor vielen Jahren hatte Freddy das Penthouse für sich und seine Frau Reena gekauft. Da war das ganze Gebäude noch ziemlich heruntergekommen und billig gewesen. Die beiden hatten die Wohnung renoviert und als ihr Liebesnest eingerichtet. Dort hatten sie eine Familie gründen wollen. Aber so weit war es nie gekommen. Reena, die jahrelang heroinabhängig gewesen war, hatte einen Rückfall gehabt und war an einer Überdosis gestorben. Freddy schaffte es nicht, ohne sie in der Wohnung zu leben, hatte diese aber auch nicht vermieten oder verkaufen wollen. Ein paar Jahre lang hatte sie leer gestanden. Nachdem er irgendwann die Trauer um seine Frau einigermaßen überwunden und das gesamte Gebäude inklusive des Hot Chocolate gekauft hatte, überließ er das Penthouse immer Menschen, die es seiner Meinung nach verdient hatten. Über die Jahre war die Wohnung meist von Studenten oder jungen Musikern – wie Max und Jason – bewohnt gewesen, die er aus irgendwelchen Gründen besonders ins Herz geschlossen hatte. Sie kamen dort mietfrei unter, wenn sie dafür gelegentlich im Hot Chocolate aushalfen. Er nannte das »Das-Freddy-Cooper-Stipendium fürs wahre Leben«.

Eine schöne Sache, aber nichts für sie! Definitiv nichts für sie. Sie kannte keine Menschenseele außer Freddy, mit der sie zusammenwohnen wollte. Lieber Himmel, ihr war es ja schon zu viel, wenn ihre One-Night-Stands zu lange blieben.

»Schätzchen, du weißt, ich liebe dich wie die Tochter, die ich mir immer gewünscht habe«, setzte Freddy mit einem leichten Seufzer an. »Aber wie jeder Vater habe ich meine Schwierigkeiten damit, mein Kind bei seinen, nun ja, erotischen Aktivitäten belauschen zu müssen.«

»Was? Aber du hast doch immer gesagt, es ist okay, wenn ich meine Ficks mit nach Hause bringe.«

»Ich habe von ›Partnern‹ gesprochen, aber die Bezeichnung ist auch völlig einerlei. Mir ist klar, dass junge Menschen Bedürfnisse haben, und ich bin froh, dass du so ein gesundes Verhältnis zu deinem Körper hast. Aber du und ich, wir sind beide bereit für den nächsten Schritt. Ich werde dich ziehen lassen, und du wirst selbstständiger werden.«

»Aber …«

»Kein Aber. Wären Jason und Max noch ein wenig länger geblieben, hättest du natürlich weiter bei mir wohnen können, doch da sie nun ausziehen, werde ich die Wohnung nicht an fremde Leute vergeben, sondern an dich und deine Freundinnen.«

»Ich habe aber keine Freundinnen!«, schrie Lisa aufgebracht. »Und ich will auch keine!«

»Dann nenn sie Mitbewohnerinnen. Das gehört zum Erwachsensein dazu: Kompromisse machen! Du hast die Wahl, entweder du findest jemanden, mit dem du oben zusammenleben willst, oder ich übernehme das für dich.« Freddys sanfter Bariton klang weiterhin absolut verbindlich, aber trotzdem war Lisa klar, dass er es ernst meinte und keinen Widerspruch zulassen würde.

»Jetzt ist es offiziell. Heute ist der mit weitem Abstand beschissenste Tag in diesem Jahr!« Wütend stand sie auf und fegte dabei versehentlich auch noch den Salzstreuer hinunter, der polternd neben ihrer Gabel landete und in tausend Stücke zersprang. Ohne sich dafür zu entschuldigen oder gar die Sauerei aufzuräumen, rauschte sie davon. Wenn sie jemals wieder einen klaren Gedanken fassen wollte, dann musste sie sich erstmal abreagieren.

Eine halbe Stunde später stand sie vor Maddox Martial Arts, ihrem Kampfsportclub, in dem sie seit Jahren trainierte. Um diese Zeit hatte das Studio noch geschlossen – offiziell zumindest, denn sie wusste, dass ihr Trainer immer auch schon vormittags da war. Nach wie vor wütend, hämmerte sie gegen das Stahltor der alten Lagerhalle, in der das Sportcenter untergebracht war. Augenblicke später öffnete Mad die Tür und ließ die bebende Amazone eintreten.

»Ich muss ganz dringend jemandem wehtun, sonst drehe ich durch!«

2. Kompromisse

»Aber du musst mitkommen!«, beschwor Jill ihre älteste Freundin Ava und verzog die Lippen zu einem Schmollmund, der Marilyn Monroe hätte erbleichen lassen. »Ich kann meinen einundzwanzigsten Geburtstag nicht ohne dich feiern. Das geht einfach nicht. Seit ich drei bin, hast du jede Party mit mir gefeiert.«

»Aber bisher war bei deinen Feiern nicht eine Woche Hawaii drum herum«, seufzte Ava gequält und trank ihren Kaffee aus. Sie saßen auf der Terrasse von Jills Elternhaus und schauten aufs Meer, das heute recht stürmisch und wild an den Strand wogte. »Ich kann nicht einfach eine Woche blaumachen.«

»Hey, du bist Studentin. Das gehört dazu. Wann, wenn nicht jetzt?« Jill versuchte es nun mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

»Jill, mag ja sein, dass es bei deinem ›Studium‹ so läuft, aber in meiner Welt funktioniert das nicht. Ich habe bald wichtige Klausuren und außerdem einen total vollgestopften Stundenplan. Dass ich an einem Montagvormittag frei habe, grenzt schon an ein Wunder.«

»Wenn du erst einmal den Medizin-Nobelpreis gewonnen hast, interessiert sich keine Sau mehr dafür, ob du ein Semester länger oder kürzer studiert hast«, beharrte Jill. »Du wirst sehen, die Woche Hawaii wird dein Leben verändern.«

»Nochmal: Ich komme nicht mit! Ist das denn wirklich so schwer zu verstehen? Mir ist mein Studium wichtig. Bis nächste Woche muss ich mich entscheiden, auf welcher Station ich mein erstes Praktikum machen will, und ich habe noch nicht die geringste Ahnung, ob ich es gleich in der Chirurgie versuchen soll oder doch lieber in der Onkologie. Beide nehmen eigentlich keine Studenten ohne Praxiserfahrung, aber hey, ich kann es ja mal versuchen. Das wäre schon eine ziemlich coole Sache. Notaufnahme wäre auch noch eine Alternative, da hat man alles, von Halsschmerzen bis zum Autounfall. Hörst du mir eigentlich noch zu?« Ava starrte ihre Freundin an, die mit abwesendem Gesichtsausdruck ihren Blick über den Pazifik schweifen ließ.

»Ich glaube, ich gehe gleich eine Runde surfen. Die Wellen werden immer besser.«

»Können wir nicht ein Mal ein normales Gespräch führen?« Ava fuhr sich ärgerlich durch ihre glatten braunen Haare und machte sich einen Pferdeschwanz. »Immer wenn eine Diskussion nicht so läuft, wie du es dir vorstellst, lenkst du ab.«

»Ich lenke nicht ab. Ich weiß nur nichts Schlaues zum Thema ›Ich rette alle Kranken‹ beizutragen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine Woche Hawaii vielleicht einige deiner Probleme lösen würde.«

»Du bist so …« Weiter kam Ava nicht, denn ihr Handy klingelte. Sie stöhnte genervt auf, als sie sah, dass es ihr Freund Chris war. Gestern hatten sie sich fürchterlich gestritten, weil sie nicht bei ihm einziehen wollte. Ja, sie hasste es in ihrem Studentenwohnheim, und Pendeln vom Haus ihrer Eltern in Malibu bis zum Campus war auch keine gangbare Option, aber sie war einfach nicht bereit für eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Freund – zwei Jahre Beziehung hin oder her. Mit einundzwanzig fühlte sie sich zu jung für so eine Verpflichtung. Sie wollte sich auf ihr Studium konzentrieren und nicht einen auf Familienleben machen.

Sie nahm das Gespräch an und polterte ohne Begrüßung los: »Es hat sich seit gestern nichts an meiner Einstellung geändert. Ich liebe dich, ich will mit dir zusammenbleiben – aber ich werde nicht mit dir zusammenziehen!« Ihre Mimik veränderte sich dramatisch, während sie lauschte, was Chris ihr zu sagen hatte. Die zornige Stirnfalte verschwand, der genervte Blick wich einem weicheren Ausdruck in ihren braunen Augen, und schließlich lächelte sie sogar. »Okay, sorry. Das nächste Mal höre ich dir gleich zu, wenn du was sagen willst«, versprach sie. »Und das klingt wirklich total klasse. Mein erster öffentlicher Gig. Ich kann’s gar nicht glauben!« Jetzt grinste sie breit. »Wir sehen uns heute Abend zur Probe. Ich freu mich. Hab dich lieb.« Sie ließ das Handy sinken und wandte sich dann an Jill, die das Schauspiel mit großem Interesse verfolgt hatte. »Ich hab nächsten Samstag meinen ersten Auftritt mit der Band.«

»Wow, das ist ja fantastisch!«, freute sich Jill. »Wann und wo?«

»Ab neun in einer Bar namens Hot Chocolate. Chris hat das gerade fix gemacht. Er und die Jungs haben da schon ein paarmal gespielt, und diesmal bin ich dabei! Oh Gott, ich kriege jetzt schon Lampenfieber, wenn ich nur daran denke.«

»Das Hot Chocolate kenne ich, das ist ein echt netter Laden. Coole Gegend. Und du brauchst nicht nervös zu sein. Du bist bereit und wirst den Laden rocken!« Jill strahlte ihre Freundin an. Sie sagte schon seit ewigen Zeiten, dass Ava, die ihrer Meinung nach eine fantastische Sängerin war, unbedingt auf die Bühne gehörte, doch bislang war sie höchstens bei privaten Partys aufgetreten. »Aber was war das eben? Chris will, dass du bei ihm einziehst?«

Avas Euphorie verpuffte zu einem Nichts. »Ich hab gestern mal wieder ein bisschen über das beknackte Wohnheim rumgejammert, und da sagte er: ›Zieh doch endlich bei mir ein.‹«

»Ja und? Warum machst du es nicht? Ich meine, er wohnt superzentral. Zu deiner Uni ist es nur ein Katzensprung, und Platz hat er nun wirklich genug für zwei.«

»Ich will das aber nicht.«

»Meine Güte, du willst keinen Urlaub in Hawaii, du willst nicht mit deinem Freund zusammenziehen, du willst keinen Auftritt – du machst dir dein Leben wohl gerne absichtlich schwer, oder?« Jill rollte mit den Augen.

»Natürlich will ich diesen Auftritt! Und in den Weihnachtsferien würde ich sofort nach Hawaii fliegen, und vielleicht will ich auch irgendwann mit Chris zusammenleben, aber eben nicht jetzt. Es gibt für alles den richtigen Zeitpunkt …«

»Und wann der ist, entscheidest natürlich du?«, unterbrach sie Jill. »Ich habe nun mal nicht an Weihnachten Geburtstag, sondern im Oktober, und ich werde meine Party nicht verschieben, nur weil es dir dann besser in den Kram passen würde. Dass Chris dich in zwei, drei Jahren nochmal fragen wird, ob du bei ihm einziehen willst, wage ich, ehrlich gesagt, auch zu bezweifeln.«

»Wie meinst du das?«

»Was? Meinen Partytermin oder das mit Chris?«

»Na, das mit Chris. Wobei ich auch der Meinung bin, dass du hier eine richtig fette Geburtstagsparty machen und den Hawaii-Trip auf die Ferien legen könntest. Aber egal, was ist mit Chris?«, wollte Ava misstrauisch wissen. Hatte ihre Freundin etwa mehr Informationen als sie selbst?

»Nichts. Ist nur so eine Theorie. Ich meine, ihr seid seit zwei Jahren zusammen. Das ist schon ganz schön lange. Denkst du, das geht noch ewig zwischen euch? Warum ziehst du nicht zu ihm, und ihr testet einfach aus, ob es der richtige Schritt für euch ist?«

»Weil ich weiß, dass es für mich zu diesem Zeitpunkt nicht der richtige Schritt ist. Das heißt aber nicht, dass ich Chris nicht liebe und nicht mehr mit ihm zusammen sein möchte.«

»Nicht? Dann ist es ja gut.« Jill klang so, als glaubte sie Ava kein Wort.

»Hör mit diesen Andeutungen auf«, fuhr Ava sie an. »Wenn du etwas zu sagen hast, dann raus mit der Sprache.«

»Ich will gar nichts andeuten, ich find’s halt einfach nur etwas merkwürdig. Die meisten flippen doch aus vor Freude, wenn der Freund sagt: ›Schatz, zieh bei mir ein.‹ Wahrscheinlich willst du raus aus der Beziehung.« Jill wickelte sich eine blonde Locke um den Finger und sah ihre Freundin herausfordernd an.

»Du hast entweder den totalen Knall, oder du hast mit meiner Mutter gesprochen.« Ava schüttelte den Kopf. Warum genau saß sie nochmal hier, vor dieser fetten Villa in Malibu, statt in ihrem Zimmer zu lernen? Weil sie ihren einzigen freien Vormittag in der Woche mit ihrer Freundin hatte verbringen wollen. Bei angenehmen Gesprächsthemen. Aber das hier war echt ein Witz.

»Weder noch. Ich hab nur Augen im Kopf. Aber dass deine Mom es offensichtlich ähnlich sieht, werte ich als Kompliment für meine Menschenkenntnis.« Jill grinste breit. »Und da wir das jetzt erschöpfend behandelt haben, zurück zu Hawaii.«

Ava sah auf die Uhr, sie musste jetzt dringend mit einem normalen Menschen reden. Wenn sie sich beeilte, könnte sie ihren Dad noch schnell in seinem Büro besuchen, ehe sie am Nachmittag zur ersten Vorlesung musste. »Zum Thema Hawaii habe ich schon alles gesagt. Denk du doch nochmal über die Option ›Party hier und Urlaub an Weihnachten‹ nach. Das wäre doch ein vernünftiger Kompromiss.« Sie stand auf und nahm ihre Tasche. »Ich muss los. Danke für den Kaffee.«

Ohne den folgenden Kommentar von Jill wirklich wahrzunehmen, eilte Ava durch die beeindruckende Villa von Starregisseur John Sullivan. Jills Vater war zwar vollkommen bodenständig, aber ein wenig Hollywood-Glam musste es wohl doch sein. Da Ava das Haus seit ihrer frühsten Kindheit kannte – ihre Eltern hatten ein deutlich bescheideneres Anwesen gleich nebenan –, schenkte sie der funkelnden Trophäensammlung im Wohnzimmer keinerlei Beachtung. Sie winkte kurz Jills Tante Izzy zu, die im Wintergarten saß und meditierte, und rannte dann fast zum Ausgang. Erst als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war und sie in ihrem Auto saß, atmete sie tief durch.

Gestern Abend nach dem Streit mit Chris war sie zu ihren Eltern gefahren und hatte dort, wie häufig an den Wochenenden, auch übernachtet. Sie hatte zunächst nichts von der Auseinandersetzung mit Chris erwähnen wollen, doch ihre Mutter war mit ihrem untrüglichen Gespür für Krisen ziemlich schnell zum Thema vorgestoßen. Lynn King war eine erfolgreiche Psychotherapeutin mit dem – in Avas Augen hochnotpeinlichen – Spezialgebiet Sexualtherapie. Bereits mit ihrem ersten Satz beim Abendessen: »Schatz, es ist schön, dass du Zeit mit uns verbringst, aber solltest du nicht besser bei deinem Freund sein?«, hatte sie einen Treffer gelandet. Lynn war jedenfalls auch der Meinung, dass mit Avas Beziehung zu Chris irgendwas nicht stimmen konnte, wenn sie nicht mit ihm zusammenwohnen wollte. Avas Zögern, bei ihrem Freund einzuziehen, wertete sie als eindeutiges Indiz für eine Beziehungsstörung, die in ihrem Universum mit ziemlicher Sicherheit sexuelle Gründe haben musste.

Ava schüttelte sich bei dem Gedanken an dieses Gespräch. Ihr Vater, Seymour King, hatte ihr gelegentlich über den Tisch hinweg einen mitleidigen Blick zugeworfen, sich aber ansonsten rausgehalten. Doch nun wollte sie mit ihm sprechen. Daddy hatte immer gute Ideen – solange Mom nicht in der Nähe war.

Sie startete den Motor, und glücklicherweise sprang der alte Alfa gleich an. Schade, dass das Wetter heute so untypisch trüb und windig war, sonst hätte sie mit offenem Verdeck fahren können. Es sah sogar nach Regen aus. Von wegen »It never rains in Southern California«. Ava entspannte sich. Sie liebte Autofahren, und besonders in ihrem kleinen roten Flitzer. Er hatte ihrer großen Schwester Lana gehört, die vor knapp zehn Jahren mit gerade mal einundzwanzig an einem aggressiven Gehirntumor gestorben war.

Doch momentan drehten sich Avas Gedanken nicht, wie sonst so oft, um die geliebte Schwester. Stattdessen dachte sie über ihr Leben nach. Hatten Jill und ihre Mutter am Ende recht? Wollte sie nur deshalb nicht mit Chris zusammenziehen, weil sie in Wirklichkeit die Beziehung beenden wollte? Das erschien ihr vollkommen absurd. Sie liebte Chris und war gerne mit ihm zusammen. Daran konnte es nicht liegen. Sie brauchte einfach ihren Freiraum und Zeit und Ruhe zum Lernen. Chris war Musiker. Neben Auftritten mit seiner eigenen Combo »Shut Up And Sing«, kurz SUAS, spielte er als Pianist auch noch in anderen Bands. Außerdem gab er Klavierunterricht – häufig in seiner Wohnung. Wie sollte sie sich medizinische Fachbegriffe merken, während nebenan im Wohnzimmer untalentierte und unmotivierte Kinder am Flohwalzer scheiterten? Nein, danke. Allerdings war es im Wohnheim auch kaum besser. Sie teilte sich ihr Zimmer mit einer anderen Medizinstudentin. Rosie war ganz schön schräg drauf und eine ziemliche Chaotin, die regelmäßig einen mordsmäßigen Lärm veranstaltete, während Ava versuchte zu lernen – oder zu schlafen. Sie musste da raus, aber wohin? Na ja, vielleicht hatte ihr Dad ja eine Idee.

Eine halbe Stunde später parkte sie vor dem Gebäude der juristischen Fakultät. Ihr Vater war Jura-Professor. Ava wusste, dass er montags keine Vorlesungen hatte. Trotzdem verbrachte er auch diesen Tag meist an der Uni – offiziell, um seinen Verwaltungskram zu erledigen. Doch Ava hegte den Verdacht, dass er froh war, einen Grund dafür zu haben, seiner Frau, beziehungsweise ihren Patienten, aus dem Weg zu gehen. Lynn hatte ihre Praxis in einem kleinen Extragebäude auf dem Grundstück des Familienhauses untergebracht, aber manchmal bekam man auch im Haupthaus mehr mit, als einem lieb sein konnte. Vor allem, wenn Lynn mit ihren Patienten deren Orgasmusfähigkeit trainierte … Ava konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn sie daran dachte, wie ähnlich sie ihrem Dad doch war. Lana war da eher nach ihrer Mutter gekommen. Soweit Ava sich erinnerte, hatten die beiden immer sehr angeregt über die Sexprobleme anderer Leute gesprochen, und Lana war sogar bei einigen Sitzungen dabei gewesen.

»Klopfen wird Ihnen nichts bringen. Professor King ist bei einer Besprechung mit dem Dekan.«

Ava war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie das zarte rothaarige Geschöpf im Vorzimmer nicht wahrgenommen hatte. Sie war wie immer direkt auf die Bürotür ihres Vaters zugesteuert und hatte angeklopft. »Huch, wer sind Sie denn?«, fragte sie und musterte die junge Frau, die etwa in ihrem Alter zu sein schien – auch wenn die merkwürdige Hochsteckfrisur eher zu ihrer Großmutter gepasst hätte. Seit wann hatte ihr Vater so eine blutjunge Assistentin? Eigentlich teilte er sich mit zwei Kollegen eine Sektretärin. Roberta Clarkson war eine resolute Mittfünfzigerin, die ihre drei Professoren fest im Griff hatte. Aber die saß in einem eigenen Büro am Ende des Flurs. Das Vorzimmer diente in der Regel als Arbeitsplatz für studentische Mitarbeiter.

»Ich bin Kate O’Donnel«, stellte sich die Frau vor. »Ich bin Professor Kings Mitarbeiterin. Und Sie sind bestimmt eine seiner Studentinnen? Haben Sie denn einen Termin?«

»Nein, ich bin seine Tochter.« Ava lächelte und streckte Kate ihre Hand hin. »Hi, ich bin Ava. Weißt du, wann mein Dad zurückkommt? Ich müsste dringend was mit ihm besprechen.«

»Oh. Hallo. Ja also, nein«, stotterte Kate.

»Ja, also nein?« Ava lachte.

»Sorry.« Kate lief rot an. »Ich wollte sagen: Schön, dich kennenzulernen, und nein, ich weiß nicht, wann er zurückkommt. Er hat einen Termin mit dem Dekan, und ich nehme an, dass sie dann gemeinsam zu Mittag essen. Es kann also noch ein Weilchen dauern.«

»Hm. Das ist ja blöd …« Ava kratzte sich am Kopf. Dahin war die Hoffnung, dass Daddys scharfsinnige Kommentare Ordnung ins Chaos ihrer Gedanken bringen könnten.

»Soll ich ihm was ausrichten? Oder willst du warten?«

Ava sah auf die Uhr. Sie hatte noch eine gute Stunde, ehe sie zu ihrer Vorlesung aufbrechen musste. »Ich warte gerne.«

»Okay«, entgegnete Kate gedehnt. »Im Büro von Professor King, äh, von deinem Vater, oder hier?« Sie blickte Ava unsicher an. Eigentlich sollte sie niemanden ins Büro lassen, doch gegen seine Tochter war wohl nichts einzuwenden, oder?

»Ich bleib hier, wenn’s dir recht ist. Dad kann es nicht leiden, wenn Menschen alleine in seinem Büro sind.« Ava warf ihre Tasche achtlos auf den Boden, ließ sich auf einen der freien Stühle fallen und betrachtete Kate erwartungsvoll.

»Klar«, hauchte die schüchterne Assistentin. Einerseits war Kate erleichtert, dass sie in keinerlei Gewissenskonflikte geraten war, schließlich wollte sie ihren Job hier richtig gut machen, andererseits wusste sie auch nicht so recht, was sie jetzt mit Ava anfangen sollte. Erwartete die am Ende, dass Kate sich um sie kümmerte?

»Schön«, freute sich Ava und sah sich um. Auf dem Schreibtisch vor Kate stapelten sich Akten in beängstigend hohen Haufen. »Musst du die etwa alle durcharbeiten?«, fragte sie. Einige der Akten sahen uralt aus.

»Das ist für eine Seminararbeit. Ich schreibe an einer Studie im Steuerrecht, was ja eines der Spezialgebiete deines Vaters ist, und er hat mir netterweise Zugang zum Institutsarchiv gewährt.« Kate klang nun regelrecht enthusiastisch. Wenn sie über ihre Arbeit sprach, fühlte sie sich sicher. »Einige der Fälle gehen zurück auf die Zeit, als in Kalifornien noch nach Gold geschürft wurde.«

»Klingt ja wahnsinnig aufregend«, befand Ava mit leichter Ironie im Tonfall, die an ihrem Gegenüber jedoch völlig abprallte.

»Ist es auch«, versicherte Kate eifrig. »Und wenn sich meine Theorie bestätigt, wird das eine Knallerarbeit werden, und ich bin meinem großen Ziel ein Stückchen näher.«

»Und das wäre?« Nun war Ava wirklich interessiert, denn sie mochte Menschen, die ein echtes Ziel im Leben hatten. Etwas, das den meisten ihrer Altersgenossen völlig fremd war.

»Ich will die jüngste Steuerfachanwältin Kaliforniens werden. Und idealerweise auch die beste!« Kate straffte die Schultern und bereitete sich innerlich auf einen ätzenden Kommentar vor. Sie wusste, dass ihre Vorstellungen nicht gerade glamourös klangen, und sie würde nie so sehr im Rampenlicht stehen, wie es prominente Strafverteidiger taten. Doch in ihrem Fachbereich war die Konkurrenz kleiner, und die Verdienstmöglichkeiten waren umso besser.

»Wow.« Ava war beeindruckt. »Ich habe zwar keinerlei Ahnung davon und noch weniger Interesse daran, aber das finde ich klasse. Ich studiere Medizin, und ich will die jüngste und beste Onkologin werden. Oder Chirurgin, das weiß ich noch nicht so genau.«

»Warum machst du nicht beides?«, schlug Kate vor, als sei dies die normalste Sache der Welt. »Ich werde mir auch noch ein zweites Fachgebiet suchen. Da ist man später flexibler. Irgendwann sollte man sich allerdings auf eine Sache konzentrieren.«

»Du sprichst mir aus der Seele.« Ava starrte das zierliche Wesen verblüfft an. Da war jemand, der genauso tickte wie sie selbst. So jemanden hatte sie selbst in ihrem Jahrgang noch nicht getroffen. Die meisten ihrer Kommilitonen gingen es deutlich lockerer an als sie selbst. »Du würdest auch nicht während des Semesters eine Woche blaumachen, nur weil deine älteste Freundin ihren einundzwanzigsten Geburtstag auf Hawaii feiern möchte, oder?«

»Auf gar keinen Fall!«, bestätigte Kate. »Also nicht, dass ich erstens eine Freundin hätte, die ihren Geburtstag auf Hawaii feiern würde, oder mir zweitens so eine Reise leisten könnte. Aber selbst wenn – ich würde es nicht tun. Studiert deine Freundin denn nicht? Ich meine, das ist doch auch für sie blöd, wenn sie eine Woche lang fehlt. Ist doch krass, dass sie das von ihren Gästen verlangt.«

»Die Reise zahlt komplett ihr Vater – für alle Gäste.

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