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Horus

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Epilog

Über das Buch

London, 1888. Ein Schiff läuft in den Hafen ein. Der einzige Passagier an Bord ist eine Frau – rätselhaft, anmutig wie eine Katze und mit einer Haut schwarz wie die Nacht. Sie nennt sich Bast. Sie und ihre Familie umgibt ein uraltes, düsteres Geheimnis. Einst waren sie Götter. Noch immer sind sie mehr als gewöhnliche Sterbliche, und ihre Gefühle sind übermenschlich. Liebe treibt sie, Hunger brennt in ihnen, und Hass legt sich über die Stadt wie die Schwingen eines riesigen Falken. Das Zeichen des Horus.

Über den Autor

Wolfgang Hohlbein, am 15. August 1953 in Weimar geboren, lebt mit seiner Frau Heike und seinen sechs Kindern, umgeben von einer Schar Katzen, Hunde und anderer Haustiere, in der Nähe von Neuss. Mitte der fünfziger Jahre kam Hohlbeins Familie in den Westen und schlug ihr Domizil in Krefeld auf. In Krefeld absolvierte Wolfgang Hohlbein seine Schule und später eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Wolfgang Hohlbein ist ein Erzähler, es reizt ihn nicht nur die Lust am Fabulieren, sondern auch das freie Spiel mit ungewöhnlichen Ideen und fantastischen Einfällen. Er ist ein Workaholic, der in der Zeit von Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden arbeitet. Sieben Tage in der Woche legt er selbst in seinen seltenen Urlauben kaum den Stift aus der Hand. Laut einer Aufstellung in Focus (Nr. 40, November 2006) liegt die Gesamtauflage von Wolfgang Hohlbein bei 35 Millionen Exemplaren. Er ist damit »einer der erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart«. Der Wegbereiter neuer deutscher Phantastik und Fantasy wurde bislang in 34 Sprachen übersetzt.

Wolfgang Hohlbein

Horus

Roman

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Prolog

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Sie war mit einem Gefühl von Endgültigkeit in dieses Land gekommen, das sie erschreckte.

Es hatte schon auf der Überfahrt begonnen; eine lange, quälende Woche voller Seekrankheit und Gestank, die sie eingepfercht wie ein Tier in einer winzigen, fensterlosen Kabine unter Deck der Lady of the Mist verbracht und dabei abwechselnd gegen die Übelkeit oder die Langeweile gekämpft hatte. In den kostbaren Stunden, in denen ihre Eingeweide nicht versucht hatten, durch ihre Speiseröhre nach oben zu kriechen, hatte sie entweder mit dem Schicksal gehadert, das sich einen so üblen Scherz mit ihr erlaubt hatte, oder den Kapitän dieses Seelenverkäufers verflucht, der von der ersten Sekunde an keinen Hehl daraus gemacht hatte, was er von seiner Passagierin hielt. Die exorbitante Summe, die sie ihm für die Überfahrt bezahlt hatte, hatte ihn nicht daran gehindert, ihr einen Verschlag zuzuweisen, in den sie zu Hause nicht einmal einen Hund eingesperrt hätte.

Dabei war Kapitän Maistowe im Grunde kein schlechter Kerl, sondern ein eher gutmütiger Mensch, der seine Mannschaft gut behandelte und sogar einen gewissen Hang zur Großzügigkeit an den Tag legte. Er hatte – auch wenn er insgeheim und wahrscheinlich ohne es selbst zu wissen darunter litt – ein Problem mit ihrer Herkunft – und natürlich mit der Tatsache, dass sie eine Frau und obendrein nicht nur wohlhabend, sondern ihm auch in jeglicher Hinsicht überlegen war.

Und das hatte er sie spüren lassen, umso mehr, da er nicht dumm war und sich seinen Teil dazu gedacht haben musste, dass sie die anstrengende Überfahrt auf seinem heruntergekommenen Kahn einer bequemen Reise auf einem Luxusdampfer vorgezogen hatte, die sie sich problemlos hätte leisten können.

Aber nun war es vorbei. Vor wenigen Minuten erst hatte der Seelenverkäufer mit dem hochtrabenden Namen an der Kaimauer festgemacht, und Bast trat mit einem fast zeremoniell anmutenden Schritt von der schmierigen Planke herunter auf das kaum weniger glitschige Kopfsteinpflaster des Piers und sog die kühle Nachmittagsluft in die Lungen. Sie roch eigentlich nicht besonders gut – nach Salzwasser und totem Fisch, und auch noch nach ein paar anderen, sehr viel unangenehmeren Dingen –, aber es war trotzdem ein Labsal gegen den Gestank, in dem sie die zurückliegenden Tage verbracht hatte.

Rings um sie herum bewegten sich Menschen, wurde gerufen und gearbeitet und gelaufen, rollten Fuhrwerke auf knarrenden, schlecht gefetteten Achsen vorbei und bellten Hunde, die sich um einen toten Fisch oder andere Abfälle balgten. Kinder spielten inmitten des Schmutzes, und in einiger Entfernung erscholl die keifende Stimme einer Frau in einer so schrillen, durchdringenden Tonlage, dass sie den versammelten Lärm mühelos zu übertönen schien. Und natürlich wurde sie selbst schon wieder angestarrt und weckte Neugier und deutlich mehr Aufmerksamkeit, als ihr lieb sein konnte.

Aber sie war endlich an Land. Unter ihren Füßen befand sich fester Boden, kein schwankendes Deck, über ihr spannte sich ein wolkenloser, wenngleich leicht eingetrübter Himmel, und rings um sie herum war unendlich viel freier Raum, nicht mehr die morschen Bretterwände eines kaum drei mal drei Schritte messenden Gefängnisses, das zu allem Überfluss auch noch ständig hin und her schwankte.

Bast hasste es, eingesperrt zu sein.

Fast so sehr, wie zur See zu fahren.

Außerdem war sie hungrig. So hungrig

Der schrille Schrei eines Vogels drang in ihre Gedanken und ließ sie erschrocken aufsehen. Ein Schatten huschte über den Himmel, und im gleichen Moment vernahm Bast erneut einen sonderbar hellen, durchdringenden Schrei, der nicht einmal im an- und abschwellenden Raunen und Murmeln der Menschenmenge unterging, was er eigentlich gemusst hätte, sondern sich irgendwie darunter hindurchmogelte und schon fast unangenehm schrill in ihren Ohren gellte.

Überrascht hob Bast die Hand über das Gesicht, presste die Augen gegen die Sonne zusammen, die plötzlich nicht mehr annähernd so blass und kraftlos schien wie noch vor einem Moment, sondern ganz im Gegenteil geradezu schmerzhaft in ihre Augen stach, und erblickte einen schlanken, pfeilflügeligen Schatten, der gerade seine letzte Umkreisung eines der Masten des Schiffes beendet hatte und nun, rasend schnell und immer noch schneller werdend, mit angelegten Flügeln nicht nur auf die Menschenmenge am Pier hinabstieß, sondern, wie es schien, sogar unmittelbar auf sie. Erst im allerletzten Moment warf er sich herum und fing seinen Sturzflug so dicht über den Köpfen der Menge ab, dass Bast sich ernsthaft einbildete, das Rauschen der wie matt poliertes grauschwarzes Metall schimmernden Federn zu hören. Das Kreischen wiederholte sich, lauter und ungleich aggressiver, und Bast hatte einen flüchtigen Eindruck von tückisch funkelnden Augen, schrecklichen Fängen und einem gekrümmten Schnabel, scharf wie eine Klinge. Dann war die unheimliche Erscheinung so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war.

Es war ein Falke gewesen, wenn auch der größte Falke, den man in diesen Breiten je zu Gesicht bekommen hatte: ein Koloss von der Spannweite eines kleinen Adlers und mit Fängen, die sein Beuteschema um ein gutes Stück über das normale Maß seiner Art hinaus erweiterten.

Ein Falke …? Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und nahezu im gleichen Moment hörte sie abermals einen schrillen, fast keifenden Schrei irgendwo über sich. Sie spürte, wie sich etwas in ihr anspannte.

Aber diesmal war es nur eine Möwe, eine von zahllosen, die über dem Hafen kreisten oder scheinbar schwerelos mit reglos ausgebreiteten Flügeln im Wind tanzten und nach Abfällen oder irgendetwas anderem Ausschau hielten, das sie stibitzen konnten.

Ein flüchtiges Lächeln erschien auf Basts Lippen und erlosch sofort wieder. Nur eine Möwe, sonst nichts. Mit ihren Nerven stand es anscheinend nicht mehr zum Besten. Aber das war auch kein Wunder, nach der Woche, die hinter ihr lag. Und so hungrig, wie sie war …

Sie schüttelte auch diesen Gedanken ab und wollte gerade weitergehen, als hinter ihr Schritte erklangen, und dann eine wohl bekannte Stimme, von der sie eigentlich gehofft hatte, sie niemals wieder hören zu müssen.

»Mylady!«

Bast drehte sich betont langsam herum und zwang ein freundliches Lächeln auf ihre Züge, während sie Kapitän Maistowe entgegensah, der mit energischen, weit ausgreifenden Schritten die Planke heruntereilte. Er hatte sich umgezogen und trug nun seine Kapitänsuniform statt der groben Wollhosen und des einfachen Leinenhemds, die er während der Fahrt getragen hatte und in denen er sich praktisch nicht mehr von irgendeinem der Männer unterschied, die unter seinem Kommando dienten. Am Anfang hatte Bast dieses Zeichen scheinbarer Verbrüderung beeindruckt, aber mittlerweile war sie nicht mehr ganz sicher, ob es echt war. Die Uniform saß so perfekt, dass sie sich nicht einmal die Frage stellen musste, ob sie ihm auf den Leib geschneidert worden war – und das ganz gewiss nicht vom billigsten Schneider, den er hatte finden können – und war pieksauber. Trotzdem wirkte sie an ihm irgendwie … unpassend.

»Kapitän?«

»Sie wollen uns schon verlassen, Mylady?« Maistowe war leicht außer Atem, als er neben ihr ankam und stehen blieb, ohne den letzten Schritt von der Planke herunter zu tun. Auf diese Weise konnte er ihr in die Augen sehen, ohne zu ihr aufblicken zu müssen; eine Vorstellung, die für einen Mann wie ihn geradezu unerträglich sein musste. Er war nicht nur außer Atem, sondern sah auch nicht besonders gut aus: Sein Gesicht war blass, und unter seinen Augen lagen deutlich sichtbare dunkle Ringe. Sein Blick war ein bisschen unstet. All das mochte daran liegen, dass er in den zurückliegenden vier Nächten nicht besonders ruhig geschlafen hatte, sondern von schlimmen Albträumen geplagt worden war. Wenigstens dafür hatte sie gesorgt.

Bast lächelte unverändert weiter, während sie demonstrativ den Kopf zuerst nach rechts und dann nach links drehte und ihren Blick über die im Grunde wenig einladende Szenerie schweifen ließ. »Wir sind angekommen«, sagte sie. »Das hier ist doch London, oder? Es sei denn, Sie haben versehentlich den falschen Hafen angelaufen, Kapitän.«

»Natürlich nicht.« Maistowe lächelte nervös. »Ich dachte nur, dass …«

»Dann gibt es auch keinen Grund mehr, noch länger an Bord zu bleiben«, fiel ihm Bast ins Wort. Maistowe sah ein bisschen betroffen aus, fast schon verletzt, und ganz gegen das, was sie eigentlich beabsichtigt hatte, entschärfte sie ihre Worte im Nachhinein, indem sie hinzufügte: »Bitte verzeihen Sie, Kapitän. Das war nicht gegen Sie oder Ihr Schiff gerichtet. Ich bin einfach nicht für die Seefahrt geschaffen, fürchte ich.«

Es war nicht zu erkennen, ob Maistowe die Entschuldigung annahm oder ihr auch nur glaubte, aber so weit ging ihr schlechtes Gewissen nun auch wieder nicht, noch einmal nachzuhaken. Sie sah ihn nur auffordernd an.

»Nun ja …« Maistowe wirkte für einen Moment noch hilfloser, fing sich aber sofort wieder. »Dann kann ich mich nur noch einmal bei Ihnen bedanken, dass Sie mit uns gefahren sind. Kann ich sonst noch irgendetwas für Sie tun?«

Bast schwieg beharrlich weiter, und Maistowes Lächeln wurde noch einmal um eine ganze Größenordnung nervöser. »Ich … ähm … habe einen meiner Männer losgeschickt, um einen Wagen für Sie zu rufen«, sagte er unsicher. »Er kümmert sich auch um Ihr Gepäck.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Kapitän.« Was, zum Teufel, wollte der Kerl noch von ihr?

»Wissen Sie schon, wo Sie absteigen werden?«, fragte er.

Und was ging ihn das an? »Nein«, antwortete sie hörbar kühler. »Aber ich nehme doch an, dass sich in einer Stadt wie London ein Hotel finden lässt.«

»Sicher«, sagte Maistowe hastig. »Es ist nur … also nur für den Fall, dass Sie noch unschlüssig sein sollten, könnte ich Ihnen eine hübsche kleine Pension empfehlen. Es ist nichts Besonderes, aber es ist sauber, und die Preise sind moderat. Die Besitzerin ist eine gute Bekannte von mir, und ihr Etablissement ist sehr … anständig.«

»Aha«, sagte Bast. Und?

»Verzeihung.« Maistowe räusperte sich unbehaglich. Jetzt tat er ihr beinahe leid. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Ma’am.«

»Das sind Sie auch nicht, Kapitän«, sagte sie lächelnd und fast selbst ein bisschen erstaunt über ihre eigenen Worte. »Schreiben Sie mir die Adresse einfach auf.«

Maistowes rechte Hand fuhr so schnell in seine Jackentasche, als trüge er ein Stück glühender Kohle darin, das sich allmählich durch den Stoff hindurch in sein Fleisch brannte, und förderte einen mehrfach zusammengefalteten Zettel zutage. Bast nahm ihn entgegen und steckte ihn ein, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben.

»Danke.«

»Gern geschehen«, antwortete er nervös. Ganz offensichtlich wartete er darauf, dass sie noch etwas sagte. Doch sie hatte nicht die Absicht, ihm diesen Gefallen zu tun.

Maistowe druckste noch einen Moment herum und gab sich dann einen sichtbaren Ruck. »Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben dürfte, Mylady.«

»Und welchen?«

»Ihr … ähm … Schmuckstück«, sagte Maistowe. Sein Blick glitt kurz und nervös über den schweren goldenen Skarabäus, den sie an einer ebenfalls massiven Goldkette um den Hals trug. »Es ist mir schon aufgefallen, als Sie an Bord gegangen sind. Ich habe nichts gesagt, weil das an Bord der Lady kein Problem war. Meine Mannschaft ist vertrauenswürdig. Aber es muss sehr wertvoll sein.«

Wertvoller, als du dir auch nur vorstellen kannst. »Das ist wahr«, sagte sie ruhig.

»Das hier ist London, Mylady«, fuhr Maistowe fort, immer noch nervös, aber zugleich auch hörbar ernster. »Vielleicht sollten Sie es nicht ganz so offen tragen, jedenfalls nicht in dieser Gegend.«

»Ist sie etwa gefährlich?«, fragte Bast mit gespieltem Erstaunen.

»Nicht gefährlicher als jede andere Stadt«, versicherte er hastig. »Aber Sie sollten auch nicht zu leichtsinnig sein. Schlechte Menschen gibt es überall, und man muss sie ja schließlich nicht unnötig provozieren.«

Bast legte ganz automatisch die flache Hand über den auffälligen Anhänger und zog sie gleich darauf beinahe schuldbewusst wieder zurück. Sie trug dieses Amulett nun schon seit so vielen Jahren, dass sie sich kaum noch erinnern konnte, wann sie es das letzte Mal abgenommen hatte. Sie würde es ganz gewiss auch jetzt nicht tun.

»Ich kann schon auf mich achtgeben«, sagte sie. »Aber trotzdem danke für die Warnung.«

»Gern geschehen.« Maistowes Verlegenheit war nun beim besten Willen nicht mehr zu übersehen, und die Tatsache, dass ihm noch irgendetwas auf der Seele lag, stand wie mit leuchtenden Buchstaben auf seiner Stirn geschrieben. Bast hätte ohne Mühe nachsehen können, was es war, aber zum einen konnte sie es sich ohnehin denken, und zum anderen interessierte es sie nicht.

»Also dann, noch einmal vielen Dank und … ähm … einen angenehmen Aufenthalt in London. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann einmal wieder.«

Bast ergriff seine ausgestreckte Hand und drückte sie gerade fest genug, um ihn ihre wahre Kraft spüren zu lassen, ohne ihm tatsächlich weh zu tun.

Maistowe trat hastig einen halben Schritt zurück. »Dann also … viel Glück«, stotterte er.

»Leben Sie wohl, Kapitän«, antwortete Bast. »Und wenn Sie umgekehrt auch einen guten Rat von mir annehmen … schlafen Sie erst einmal richtig aus. Vielleicht hören die Albträume ja auf, jetzt, wo Sie an Land sind.«

Maistowe sah sie einen Moment lang fassungslos an, dann fuhr er auf dem Absatz herum und lief so schnell die Planke wieder hinauf, dass es schon fast wie eine Flucht aussah.

Bast sah ihm mit einer Mischung aus noch immer anhaltender Verwirrung und leiser Amüsiertheit nach, erteilte sich selbst in Gedanken aber auch zugleich einen sanften Tadel. Solche kleinen Triumphe wie dieser waren nicht nur billig, sondern nur allzu oft schädlich oder gar gefährlich. Aber sie hatte der Verlockung einfach nicht widerstehen können … und der Ausdruck von Schrecken und Hilflosigkeit auf Maistowes Gesicht gerade entschädigte sie zwar nicht für alles, was sie auf dieser Reise erlitten hatte, aber für vieles.

Sie wartete noch einen Moment, bis Maistowe aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, bevor sie sich umdrehte, um nach den Männern mit ihrem Gepäck Ausschau zu halten, von denen der Kapitän gesprochen hatte.

Fast zu ihrer Überraschung entdeckte sie sie sofort. Am anderen Ende des Schiffes war eine zweite, breitere Planke zum Pier heruntergelassen worden, die auf einer Seite so etwas wie ein Geländer aus grobem Tauwerk hatte und auf der sich eine kleine Karawane von gleich vier Matrosen bewegte, die mit ihrem Gepäck beladen waren – ein Koffer pro Mann, was Bast einigermaßen lächerlich vorkam, denn so voluminös oder schwer waren ihre Gepäckstücke nun wirklich nicht. Ein fünfter Mann mit vollkommen leeren Händen, dafür aber umso wichtigerem Gebaren, eilte ihnen voraus und verschwand mit weit ausgreifenden Schritten in der wuselnden Menge, die den Pier bevölkerte.

Bast runzelte die Stirn, konnte aber zugleich ein amüsiertes Lächeln nicht ganz unterdrücken. Vielleicht hatte Maistowe ja – wenn auch ein bisschen zu spät – eingesehen, dass er es ein wenig übertrieben hatte, und meinte nun, irgendetwas wiedergutmachen zu müssen. Ihr sollte es recht sein. Je eher sie von hier wegkam, desto besser.

Sie folgte der kleinen Gruppe, während sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnte, die das angelandete Schiff nahezu ebenso aufgeregt und lärmend belagerte wie die Möwen oben in der Luft – und vermutlich aus ganz ähnlichen Beweggründen –, und griff gleichzeitig zum Ausschnitt ihres Kleides, um den Anhänger zu verbergen. Allerdings führte sie die Bewegung nicht zu Ende. Maistowe hatte zweifellos recht, aber es gab da ein paar Dinge über sie, die er ebenso zweifellos nicht wissen konnte. Sollte ihr auffälliger Schmuck tatsächlich jemanden dazu provozieren, ihr aufzulauern und sie zu überfallen … nun, umso besser.

Sie ließ die Hand wieder sinken und beschleunigte ihre Schritte und hätte die Männer binnen weniger Augenblicke eingeholt, hätte sie in diesem Moment nicht zum dritten Mal jenes schrille, unheimliche Kreischen gehört. Unschlüssig und ebenso davon überzeugt, auch jetzt wieder dem Kreischen einer Möwe aufgesessen zu sein, wie wenig geneigt, sich vor sich selbst zum Narren zu machen, verhielt sie im ersten Moment nicht einmal im Schritt und setzte im Gegenteil sogar dazu an, trotzig schneller zu gehen. Aber irgendetwas … änderte sich. Sie konnte nicht wirklich sagen, was. Vielleicht ein Wandel im Muster der nur scheinbar willkürlichen Bewegung auf dem Pier ringsum, die in Wahrheit einem wohl geordneten Ablauf folgte, ohne dass sich einer der daran Beteiligten seiner auch nur bewusst war, vielleicht ein erschrockenes Zusammenzucken, das sie aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, das fragende Hochziehen einer Augenbraue, ein überraschter Blick oder auch nur ein vages Gefühl von Erstaunen, das sie auffing.

Was immer es war, es ließ sie herumfahren, in einer so blitzartigen, schnellen Bewegung, wie sie noch keiner der Menschen auf dem Pier ringsum je gesehen hatte, geschweige denn nachvollziehen konnte.

Und dennoch war sie nicht schnell genug.

Es war tatsächlich der Schrei einer Möwe gewesen, der in diesem Moment hoch über ihr am Himmel ein weiteres Mal erklang; vielleicht nichts als ein purer Zufall, vielleicht tatsächlich eine Warnung, von wem auch immer geschickt. Der Falke selbst griff vollkommen lautlos an, eine schwarze Pfeilspitze, die direkt aus der Sonne heraus auf sie zielte.

Bast duckte sich im allerletzten Moment und entging so den schrecklichen Raubvogelkrallen, die nach ihren Augen hackten, nicht aber dem Schlag der schwarzen Schwingen, die wie eine gleichermaßen weiche wie unvorstellbar starke Hand in ihr Gesicht klatschten und sie rückwärtstaumeln ließen. Statt ihr die Augen auszukratzen und ihr Gesicht zu zerfetzen, zerrten ihr die Krallen nur die Kapuze vom Kopf, sodass ihr rotes Haar wie in einer lautlosen Explosion um ihre Schultern und den Rücken hinabfloss. Wenn es noch irgendjemanden auf diesem Pier gegeben hatte, der nicht auf sie aufmerksam geworden war, dann hatte sich das wohl spätestens in diesem Augenblick geändert.

Bast ließ sich von der Wucht des Anpralls ganz bewusst mitreißen und herumwirbeln und schlug aus der Drehung heraus zu – nicht so hart, wie sie es sich gewünscht hätte, und nicht einmal annähernd so zielsicher, aber sie traf. Federn stoben in einer lautlosen schwarzen Explosion in alle Richtungen, und sie konnte spüren, wie die empfindlichen Knochen der Flügel unter der Wucht ihres Hiebes brachen. Jetzt schrie der Vogel, nicht vor Zorn oder Angriffslust, sondern vor Schmerz.

Hinter ihr erscholl ein anderes, viel lauteres Kreischen, und sie sah eine verschwommene Bewegung aus den Augenwinkeln. Ein Kind schrie, und irgendetwas zerbrach polternd, aber Bast achtete auf nichts von alledem, sondern führte die Bewegung nicht nur mit grimmiger Entschlossenheit zu Ende, sondern schlug zugleich ihren Mantel zurück und zog ihr Schwert, während sie dem davontorkelnden Vogel nachsprang. Die fast armlange Klinge blitzte im Sonnenlicht.

Wieder kreischte ein Pferd, und diesmal begann die Bewegung nur in ihren Augenwinkeln und bäumte sich dann riesig und drohend neben und über ihr auf. Tödliche Hufe wirbelten nur wenige Zoll neben ihr durch die Luft, als sich das Pferd in schierer Panik aufbäumte und dann endgültig durchging.

Alles schien sich im Bruchteil eines einzigen Atemzuges abzuspielen, und trotzdem gefror die Zeit im gleichen Moment. Das Pferd bäumte sich mit solch ungeheurer Gewalt auf, dass sein Zaumzeug riss und der jämmerliche Karren wie von einem Hammerschlag getroffen in Stücke sprang. Sie sah den Falken, der verzweifelt mit dem gebrochenen Flügel schlagend an Höhe zu gewinnen versuchte und doch weiter dem Boden entgegentrudelte, und die blitzende Klinge in ihrer Hand, das heilige Schwert ihrer Vorfahren, das sie mit in dieses kalte Land am Ende der Welt gebracht hatte, damit es ihr im vielleicht schwersten Kampf ihres Lebens beistehen konnte.

Und plötzlich begriff sie, dass es vorbei war.

Ihr Widersacher hatte alles riskiert, um es hier und sofort zu Ende zu bringen, im selben Moment, in dem sie den Fuß auf den Boden dieses Landes setzte, und er hatte verloren. Der Vogel war verletzt, nicht tödlich, aber schlimm genug, um ihr die Zeit zu verschaffen, die sie brauchte, um ihn einzuholen und ihr Schwert in sein Blut zu tauchen, und das war es dann. Die große Schlacht würde nicht stattfinden.

Aber sie sah auch das Pferd, das blind vor Panik an ihr vorbeistürmte, und das Kind auf dem Pflaster; ein vielleicht sechs oder sieben Jahre altes Mädchen mit verschmiertem Gesicht, schmutzstarrendem Haar und noch schmutzigeren Kleidern, das wie gelähmt dastand und dem heranrasenden Pferd entgegenstarrte. Es hatte keine Chance.

Die Zeit kehrte wieder zu ihrem gewohnten Ablauf zurück, und Bast registrierte zu ihrer eigenen Überraschung, wie sie herumfuhr und das Schwert fallen ließ. Statt sich auf den todgeweihten Vogel zu stürzen, war sie mit zwei, drei gewaltigen Sätzen neben dem durchgehenden Hengst, packte mit der linken Hand das zerrissene Zaumzeug und krallte die Finger der anderen in seine Mähne. Die Zeit reichte nicht, es abzulenken oder gar zum Anhalten zu zwingen; noch ein, zwei rasende Schritte, und die wirbelnden Hufe würden das Kind zermalmen. Also tat sie das Einzige, was sie noch konnte: Sie legte ihre ganze übermenschliche Kraft in einen gewaltigen Ruck, mit dem sie den Kopf des Pferdes zurück- und zur Seite riss.

Das Tier schrie, zuerst vor Schrecken und Furcht, und dann noch einmal und ungleich lauter und schriller und in schierer Agonie, als sie es zu Boden schmetterte, aber das Kreischen ging fast in dem schrecklichen Geräusch unter, mit dem seine Vorderläufe brachen. Bast warf sich mit einer hastigen Bewegung zurück und rollte noch hastiger ein Stück davon, um nicht ein paar Finger oder mehr einzubüßen, als das verletzte Pferd um sich zu beißen begann, sprang auf die Füße und war mit einem einzigen Satz neben dem Mädchen, das noch immer wie erstarrt dastand, um es aus der Reichweite der wild zuckenden Pferdehufe zu ziehen.

Erst dann ließ sie sich vor ihm in die Hocke sinken, legte ihm beruhigend die linke Hand auf die Schulter und zwang es mit der anderen, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie.

Das Mädchen starrte sie einen weiteren, endlosen Atemzug lang aus weit aufgerissenen Augen an, in denen nichts als Angst geschrieben stand, aber dann nickte es. Erst jetzt ging Bast auf, dass sie in ihrer Erregung in ihrer Muttersprache geredet hatte, aber das Kind schien die Frage trotzdem verstanden zu haben.

Behutsam griff sie nach den Gedanken des Mädchens, nahm ihr die schlimmste Furcht und richtete sich dann hastig wieder auf. Ihr erster Blick galt dem Falken, aber sie war nicht einmal wirklich überrascht, ihn genau in diesem Moment torkelnd wieder an Höhe gewinnen zu sehen. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihn zu verfolgen. Sie hatte ihre Chance gehabt und vertan.

Menschen rannten kopflos durcheinander, Schreie gellten, Schritte, Panik und reine chaotische Bewegung rasten wie eine Explosion über das Pier, und Leute rannten auf sie zu, allen voran eine schmuddelige dicke Frau mit totenbleichem Gesicht; wahrscheinlich die Mutter des Mädchens. Bast ignorierte sowohl sie als auch alle anderen, holte ihr Schwert und erlöste das sterbende Pferd von seinen Qualen.

Als sie die blutige Klinge am Fell des Tieres abwischte, drang ein schriller Schrei an ihr Ohr. Sie sah auf und beschattete die Augen mit der Hand, um den Himmel abzusuchen. Der Falke verschwand so, wie er aufgetaucht war, unmittelbar in die Sonne hinein, die seine Silhouette in gleißendem Licht aufzulösen begann. Bast sah dem davonfliegenden Vogel nach, bis das Feuer des Sonnengottes ihn endgültig verzehrt hatte, dann schob sie mit einer müden Bewegung das Schwert wieder unter ihren Gürtel und schlug die Kapuze ihres schwarzen Mantels hoch, bevor sie sich wieder herumdrehte.

Hinter ihr war endgültig Panik ausgebrochen. Mindestens ein Dutzend Menschen drängten sich um das gestürzte Pferd oder versuchten sich um das Mädchen zu kümmern, allen voran seine Mutter, die so hysterisch schrie und kreischte, als hätten die wirbelnden Pferdehufe tatsächlich sie getroffen, statt nur das Mädchen zu bedrohen. Bast spürte, wie sich die Aufmerksamkeit der Menge nun allmählich auf sie zu richten begann. Bisher war alles einfach viel zu schnell gegangen, und sie bezweifelte außerdem, dass die meisten hier überhaupt wirklich gesehen hatten, was geschehen war. Aber das spielte keine Rolle. Sie hatten etwas gesehen, und im Grunde war es vollkommen egal, was. Sie wusste nur zu gut, wie es weitergehen würde.

Einen Moment erwog sie ernsthaft, die Erinnerung an ihre Person aus dem Gedächtnis aller zu löschen, aber sie wusste auch, dass ihre Kräfte dazu nicht einmal ansatzweise ausreichten; so wenig wie die Zeit, die wenigen Zeugen ausfindig zu machen, die wirklich etwas gesehen hatten, und sich ihrer Erinnerungen anzunehmen.

Es gab nur noch eines, was sie vernünftigerweise tun konnte. Sie schloss ihren Mantel, wandte sich um und ging davon, so schnell sie es gerade noch wagte, um es nicht nach einer Flucht aussehen zu lassen.

Die Matrosen, die ihr Gepäck trugen, waren inzwischen in einer Seitenstraße verschwunden, und Bast beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen. Keiner der Männer drehte sich zu ihr um oder warf auch nur einen Blick in ihre Richtung. Ob sie etwas von dem Vorfall am Kai mitbekommen hatten, ließ sich nicht sagen, aber Bast spürte ihre Nervosität und konnte sie auch durchaus verstehen. Während der gesamten Überfahrt hatte sie ihre Kabine kaum ein halbes Dutzend Mal verlassen und war noch seltener an Deck gegangen. Kaum einer der Männer hatte sie wirklich zu Gesicht bekommen, und so war es kein Wunder, dass sie vermutlich inzwischen ein Nimbus des Geheimnisvollen und vielleicht auch ein wenig Unheimlichen umgab.

Auch das war ihr gleich. Auf das Geschwätz einiger vermutlich betrunkener Matrosen und des üblichen Hafengesindels würde hier so wenig jemand etwas geben wie in Kairo oder irgendeiner anderen Hafenstadt der Welt. Sie hatte die Reise nach London unerkannt zurücklegen wollen, und wie es aussah, war ihr das auch mehr oder weniger gelungen … bis vor ein paar Augenblicken. Aber sie konnte schließlich keine Wunder erwarten.

Erstaunlich schnell durchquerten ihre Führer das Hafengelände und bogen schließlich in eine schmale, nach Schmutz und Verfall riechende Gasse ein, in der sich selbst Bast unwohl gefühlt hätte, wäre sie allein gewesen. An ihrem Ende schimmerte ein schmaler Streifen aus goldfarbenem Licht, in dem der Staub des Nachmittages tanzte wie eine Vision aus einer fremden, unendlich fernen Welt, und vielleicht war es genau dieser sonderbare, friedfertige Anblick, der in ihr abermals dasselbe Gefühl wachrief, mit dem sie von der Planke heruntergetreten war: ein Gefühl der Endgültigkeit, das beinahe schon sichere Wissen, dass etwas geschehen würde, etwas Großes und Schreckliches, nach dem ihr Leben nicht mehr so sein würde wie zuvor.

Vielleicht würde hinterher gar nichts mehr so sein, wie es einmal gewesen war.

Bast schüttelte auch diesen Gedanken ab und rief sich selbst – nicht zum ersten Mal an diesem Tag – zur Ordnung. Sie war nervös, und das war verständlich, denn sie hatte Isis nun seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen und keine Ahnung, wie diese auf ihr unerwartetes Auftauchen reagieren würde. Und vermutlich litt sie schlichtweg noch unter den Nachwirkungen der Seekrankheit. Es war nicht weiter erstaunlich, wenn sie sich selbst in eine Weltuntergangsstimmung hineinsteigerte.

Aber gefährlich, wenn sie nicht achtgab.

Eine zweispännige Droschke rollte auf knarrenden Rädern vor das Ende der Gasse, und Bast blieb stehen und wartete in einiger Entfernung, bis die Männer ihr Gepäck verladen hatten und sich schon fast überhastet zurückzogen. Keiner machte auch nur Anstalten, auf dem gleichen Weg zurückzugehen, auf dem sie gekommen waren, denn dazu hätten sie sich in der schmalen Gasse dicht genug an ihr vorbeiquetschen müssen, um sie nahezu zu berühren, und diesen Mut brachte sichtlich keiner von ihnen auf.

Bast bedauerte es inzwischen bereits, nicht mit einer ihrer eigenen eisernen Regeln gebrochen und tiefer in Maistowe hineingesehen zu haben, denn sie fragte sich allmählich wirklich, was er seinen Männern über sie erzählt hatte. Was immer es auch gewesen sein mochte, es machte ihnen ganz offensichtlich genug Angst, sie nicht nur vor ihrer Nähe, sondern selbst vor dem bloßen Augenkontakt mit ihr zurückschrecken zu lassen; als hätten sie ernsthafte Angst, sie hätte den bösen Blick.

Was tatsächlich der Fall war, aber das konnten sie schließlich nicht wissen.

Der Gedanke ließ Bast abermals lächeln, aber nur für einen Moment, dann trat sie sogar wieder einen Schritt in den Halbschatten der Gasse zurück, während sie darauf wartete, dass die Männer mit dem Verladen ihrer Gepäckstücke fertig waren und sich trollten. Die leise mahnende Stimme in ihren Gedanken hatte recht: Seeleute waren ein abergläubisches Volk, und Geschichten wie diese neigten nur zu oft dazu, umso größer und dramatischer zu werden, je weiter sie die Runde machten. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie so etwas erlebte.

Der letzte Mann verschwand, indem er den weiteren Weg außen um den ganzen Komplex aus Lagerhäusern, Schuppen und Kontoren einschlug, und Bast trat mit gesenktem Blick aus der Gasse heraus. Der Kutscher vorne auf seinem freien Bock verrenkte sich fast den Hals in dem vergeblichen Bemühen, einen Blick in die Schwärze unter ihrer Kapuze zu erhaschen, und Bast ging ein wenig schneller, schlüpfte in wenig damenhafter Hast in den Wagen und zog die Tür hinter sich zu. Erst dann fiel ihr ein, dass sie dem Fahrer gar kein Ziel genannt hatte, doch noch bevor sie diesen Fehler berichtigen konnte, drang das Knallen der Peitsche von draußen herein, und der Zweispänner setzte sich mit einem plötzlichen Ruck in Bewegung.

Erstes Kapitel

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Wenn sie bedachte, wie schwerfällig und plump das zweispännige Gefährt ausgesehen hatte, dann legte es ein ganz erstaunliches Tempo vor. Die heruntergekommenen Fassaden der Häuser und die kaum weniger abgerissenen Passanten jagten nur so vorüber, und wenn sie um eine Ecke bogen oder die Straße abknickte, was nur zu oft und manchmal in jähem Winkel der Fall war, schaukelte die ganze Droschke so wild, dass sie nicht weiter erstaunt gewesen wäre, wäre sie einfach umgekippt. Der Fahrer musste es ziemlich eilig haben, sein Ziel zu erreichen. Oder von hier wegzukommen.

Sie hätte eine Menge tun können, um diese sonderbare und auch ein bisschen beunruhigende Situation zu ändern, aber sie beließ es dabei, sich auf der harten Bank zurückzulehnen und abzuwarten. Es gab die eine oder andere wenig erfreuliche Erklärung für das seltsame Verhalten des Kutschers, und Bast erwog und verwarf sie eine nach der anderen. Sie traute Maistowe eine Menge Bosheiten zu, allerdings nicht, sie in einen Hinterhalt locken zu lassen; schon weil es einfach dumm gewesen wäre. Hätte er tatsächlich vorgehabt, ihr etwas anzutun, hätte er während der langen Überfahrt mehr als genug Gelegenheit dazu gehabt; und mit deutlich geringerem Risiko.

Nun, und sollte er wirklich eine böse Überraschung für sie vorbereitet haben … Bast lächelte flüchtig. Jemand würde eine Überraschung erleben. Aber nicht sie.

Bast zog auch den Vorhang auf der anderen Seite des Wagens auf und vertrieb sich die Zeit damit, die vorbeihuschende Stadt zu betrachten. Sie war nicht zum ersten Mal in London, aber es war lange her, und die Stadt hatte sich verändert, und das nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Sie befanden sich noch immer im Hafengebiet, auch wenn der Kutscher sein Gefährt mit solchem Tempo über die schlecht gepflasterten Straßen jagte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her, und die Hafenviertel gehörten in keiner Stadt der Welt zu den vornehmeren Gegenden, sondern lockten traditionell nicht nur Abenteurer und Händler an, sondern auch allerlei zwielichtiges Gesindel und die, die vielleicht nicht von Natur aus schlecht, aber ganz unten angekommen waren und nichts mehr zu verlieren hatten. Es war hier nicht anders, und sie hatte auch nichts anderes erwartet.

Dennoch: Die finsteren Gassen, durch die der Zweispänner so schnell jagte, dass Bast mehr als einmal Zeugin wurde, wie sich ein Passant nur noch mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen konnte, und ihnen ein ganzer Chor von Flüchen und wüsten Beschimpfungen folgte wie eine akustische Kielspur, waren deutlich schmutziger und verfallener, als sie sie in Erinnerung hatte, und dasselbe galt auch für die meisten Menschen, die sie sah. Eine Stimmung von Gereiztheit und Misstrauen schien in der Luft zu hängen, und Bast konnte die allgemeine Gewaltbereitschaft nahezu mit Händen greifen. Es war, als wäre dieser Teil der Stadt … aufgegeben worden, dachte sie verwundert. Nicht nur äußerlich, sodass die Häuser nicht mehr gepflegt und dringende Reparaturen nicht mehr ausgeführt worden waren, sondern auch innerlich und von seinen Bewohnern. Zwei- oder dreimal fuhren sie – obwohl heller Tag herrschte – durch eine plötzlich auftauchende Nebelbank, ohne dass der Kutscher sein halsbrecherisches Tempo auch nur um einen Deut verlangsamte.

Bast musste über ihre eigenen Gedanken lächeln, doch hätte sie in diesem Moment ihr eigenes Gesicht sehen können, so wäre ihr vermutlich selbst aufgefallen, dass dieses Lächeln nicht echt wirkte. Etwas blieb, ein Schatten jenes grundlosen Zweifels, den sie die ganze Zeit über verspürt hatte, und der irgendwo am Rande ihres Bewusstseins nagte, fast unbemerkt, und doch stark genug, dass er sich nicht ignorieren ließ – wie ein winziger Dorn oder der Stachel einer Kaktee, den man sich eingerissen hatte und der dicht unter der Haut abgebrochen war.

Aber vielleicht war es ja auch andersherum, überlegte sie. Vielleicht kam ihr hier nur alles so schäbig und angstvoll geduckt vor, weil sie mit diesem verstörenden Gefühl an Land gegangen war.

Irgendwie gelang es ihr, diesen Gedanken abzuschütteln und sich wieder auf die Fahrt zu konzentrieren, die im Übrigen bald schon nicht mehr ganz so deprimierend verlief wie am Anfang. Es wurde heller, je weiter sie sich vom Hafen entfernten, fast als wäre das Tageslicht tatsächlich vor den heruntergekommenen Gassen und ihren Bewohnern zurückgeschreckt. Sie fuhren noch immer nicht an Gebäuden vorbei, die sie mit der Hauptstadt des britischen Empire assoziiert hätte, aber bald säumten doch ansehnlichere Häuser die Straßen, welche nun auch breiter und sorgfältiger gepflastert waren. Die Menschen waren ordentlicher gekleidet und nicht mehr so aggressiv und misstrauisch … und es war ganz eindeutig nicht der Weg in die City.

Bast überlegte einen Moment, ob ihr Fahrer seinem vermeintlich fremden und ortsunkundigen Gast vielleicht eine ungewünschte Stadtrundfahrt bieten und sich damit ein höheres Entgelt ergaunern wollte, konnte sich das aber eigentlich nicht so recht vorstellen; zumal sie ja noch nicht einmal wusste, wohin sie überhaupt fuhren.

Sie klopfte energisch mit den Fingerknöcheln gegen das schmale Fenster, hinter dem sie Schultern und Hinterkopf des Mannes erkennen konnte, und bekam eine Antwort, noch bevor sie die entsprechende Frage überhaupt stellen konnte.

»Wir sind gleich da, Miss«, sagte er, ohne sich zu ihr herumzudrehen. »Noch ein paar Minuten Geduld, bitte.«

Da?, dachte Bast. Wo, da? Sie sparte es sich, die Frage laut auszusprechen, sah aber nun sehr viel aufmerksamer aus dem Fenster und korrigierte ihre Einschätzung dieser Gegend ein wenig nach unten. Eine halbwegs saubere, noch nicht ganz gutbürgerliche Straße, nicht mehr ausschließlich ein Arbeiterviertel, aber auch ganz gewiss keine bessere Gegend. Wo, zum Teufel, fuhr der Kerl hin?

Sie bekam die Antwort auf ihre Frage nach kaum mehr als einer weiteren Minute. Sie bogen noch einmal ab, und die Hufe der beiden Pferde klapperten plötzlich auf gröberem und weniger sorgsam verlegtem Pflaster, bevor der Wagen endgültig zum Stehen kam und der Fahrer mit unerwarteter Behändigkeit vom Bock kletterte, um den Gentleman zu spielen und ihr den Wagenschlag aufzureißen.

Bast tat ihm den Gefallen, sich zu gedulden und erst auszusteigen, nachdem er es getan hatte, und sie griff sogar nach seinem galant ausgestreckten Arm. Sie berührten sich für kaum einen Atemzug, aber lange genug, um Basts ohnehin nur schwaches Misstrauen endgültig zu zerstreuen. Der Mann musste an die sechzig sein, hatte ein gutmütiges Gesicht, das allenfalls vom lebenslangen Genuss von zu viel Branntwein gezeichnet war, und kaum noch Haare, dafür aber umso gewaltigere Koteletten, und sie las nicht die geringste Spur von Falschheit oder Heimtücke in ihm. Er hatte nur getan, was man ihm aufgetragen hatte, und seine an Panik grenzende Hast, das Hafenviertel zu verlassen, resultierte aus der simplen Tatsache, dass er dort schon einmal überfallen worden war und sich demzufolge nicht besonders wohl in dieser Umgebung fühlte.

»Vielen Dank, Arthur«, sagte Bast und weidete sich einen halben Atemzug lang an seiner Verblüffung, sie seinen Namen aussprechen zu hören, den er weder ihr noch irgendeinem der Matrosen genannt hatte. »Und wo sind wir hier?«

»Ähm … nun ja … hier«, antwortete er verdattert und machte zugleich eine Handbewegung auf das Gebäude, vor dem sie angehalten hatten: ein hübsches, einigermaßen gepflegtes zweieinhalbgeschossiges Haus hinter einem geschmiedeten Zaun mit goldbronzierten Spitzen. Neben der Tür hing ein kleines, sorgsam poliertes Messingschildchen.

»Pension Westminster?«, las sie stirnrunzelnd vor. Der bedauernswerte Arthur riss die Augen noch weiter auf. Das Schild war kaum so groß wie zwei nebeneinandergelegte Hände und die Schrift entsprechend winzig. Selbst als er noch jung und seine Augen schärfer gewesen waren, hätte er vermutlich Mühe gehabt, zu erkennen, dass dort überhaupt etwas stand, geschweige denn es lesen können.

»Äh … ja, Miss«, murmelte er verwirrt. »Stimmt was nicht? Ich meine, das ist die Adresse, die mir die Männer genannt haben.«

»Die Matrosen?«, vergewisserte sich Bast.

»Ja. Es ist auch schon alles bezahlt. Soll ich … ich meine: Ich bringe Ihr Gepäck hinein, wenn das in Ordnung ist.«

Bast ließ ihren Blick ein zweites Mal und aufmerksamer über die Fassade des georgianischen Gebäudes streifen. Einen Moment lang war sie unschlüssig. Sie hatte nicht vorgehabt, im Regency oder Palace Hotel abzusteigen, aber ganz gewiss auch nicht in einem Etablissement, das sich Pension Westminster nannte … aber auf der anderen Seite machte das Haus einen zwar einfachen, aber gepflegten und sauberen Eindruck, und sie war mit einem Male nahezu sicher, dass ein gewisser Kapitän in nicht allzu ferner Zukunft hier auftauchen und sehr überrascht sein würde, sie ganz zufällig hier anzutreffen. Vielleicht war es an der Zeit, ein klärendes Gespräch mit Kapitän Maistowe zu führen …

»Das wäre sehr freundlich«, sagte sie. »Ich gehe schon einmal hinein und sehe, ob es jemanden gibt, der Ihnen hilft. Sie sollten mit ihrem Rücken nicht so schwer tragen.«

Arthurs Unterkiefer klappte herunter, während er sie nunmehr vollkommen fassungslos anstarrte, und Bast ging weiter, ignorierte die Türglocke und trat ein, ohne ihr Kommen in irgendeiner Form angekündigt zu haben.

Der Raum, den sie betrat, war unerwartet groß und mit einer Anzahl kleiner runder Tische und dazu passender Stühle eingerichtet. Außerdem gab es einen kleinen Kamin mit einer Couch und zwei wuchtige Ohrensessel vor einem leer geräumten Schachtisch und eine mannshohe Standuhr, aber keine Rezeption; nicht einmal so etwas wie einen Schreibtisch. In einem Winkel welkte ein Blumenstrauß in einer kristallenen Vase unter einem hölzernen Kruzifix – ein Symbol, das Bast immer als etwas befremdlich für eine Religion empfunden hatte, welche die Liebe zum Nächsten predigte. Es war nicht sehr hell, obwohl draußen noch Tag herrschte, denn vor den Fenstern hingen schwere dunkelblaue Vorhänge aus falschem Samt, die bis auf einen schmalen Spalt zugezogen waren. Und es war sehr still. Wenn das hier wirklich eine Pension war, dann hatte sie im Augenblick anscheinend nicht sehr viele Gäste.

»Ja, bitte?«

Bast fuhr leicht erschrocken zusammen. Sie hatte weder gehört, dass sich hinter ihr eine schmale Tür geöffnet hatte, noch die Schritte der kleinwüchsigen, schwarz gekleideten älteren Frau, die nun darunter erschienen war. Natürlich ließ sie sich ihre Überraschung nicht anmerken, mahnte sich selbst aber in Gedanken zur Vorsicht. Anscheinend war sie in noch schlechterer Verfassung, als sie ohnehin angenommen hatte.

»Guten Tag«, sagte sie lächelnd. »Ich hätte gerne ein Zimmer – falls Sie noch etwas frei haben.«

»Ein Zimmer?« Die Frau schloss sorgfältig die Tür hinter sich, bevor sie mit gemessenen Schritten näher kam und Bast dabei ganz unverblümt musterte. Ebenso wenig Hehl machte sie aus ihrem Erstaunen, als ihr Blick in die Dunkelheit unter ihrer immer noch hochgeschlagenen Kapuze fiel, aber das überraschte Bast weder, noch nahm sie es ihrem Gegenüber irgendwie übel. Sie war solcherlei Reaktion gewöhnt und hatte sie erwartet, ganz besonders in diesem Teil der Welt.

»Das kommt ganz darauf an«, fuhr die Zimmerwirtin fort. »Wie lange möchten Sie bleiben, und welche Art von Zimmer schwebt Ihnen vor? Einen großen Service kann ich Ihnen nicht bieten, falls Sie das erwarten.« Sie lächelte beinahe entschuldigend. »Das hier ist eine Frühstückspension. Es gibt Bed and Breakfast, und sonst allenfalls eine Tasse Tee am Abend.«

»Das ist vollkommen in Ordnung«, antwortete Bast. »Ich bin nicht anspruchsvoll. Ein sauberes Zimmer und ein wenig Diskretion sind alles, was ich erwarte.«

»Diskretion?« Auf dem Gesicht der Pensionswirtin erschien ein Ausdruck von unübersehbarem Misstrauen, als hätte sie etwas Ungehöriges gesagt. Ihre Augen blickten plötzlich härter, und rings um ihren Mund erschien ein Netz winziger verkniffener Fältchen, die zuvor noch nicht da gewesen waren. Wie es aussah, dachte Bast, hatte sie genau den falschen Ton gewählt. Aber das war ein Fehler, der sich leicht korrigieren ließ.

Noch während sie in die Tasche griff, um den zusammengefalteten Zettel hervorzuziehen, den Maistowe ihr gegeben hatte, wurde die Tür aufgestoßen, und der Kutscher kam herein, unter der Last von gleich drei ihrer Koffer wankend. Die Zimmerwirtin runzelte die Stirn und setzte zu einer nun sichtlich verärgerten Bemerkung an, und Bast reichte ihr rasch den Zettel. »Ich bin auf Empfehlung hier«, sagte sie. »Kapitän Maistowe von der Lady of the Mist war der Meinung, dass ich hier eine angenehme Unterkunft finden würde.«

Die Besitzerin des Westminster wirkte keineswegs beruhigt, aber immerhin nahm sie den Zettel entgegen, faltete ihn auseinander und knibbelte heftig mit den Augen, während sie die winzige Schrift in der schwachen Beleuchtung zu entziffern versuchte. Dann hellten sich ihre Züge auf. »Tatsächlich, das ist Jacobs Handschrift«, sagte sie. »Auch wenn ich sie nur entziffern kann, weil ich ohnehin weiß, was er geschrieben hat.«

Sie gab ihr den Zettel zurück und wandte sich aus der gleichen Bewegung heraus an den Kutscher. »Bringen Sie das Gepäck der Lady auf Zimmer eins«, sagte sie. »Gleich oben das erste neben der Treppe.«

Arthur setzte sich schnaubend und unter dem Gewicht seiner Last mit deutlicher Schlagseite in Bewegung, und sie wandte sich wieder an Bast und streckte ihr die Hand entgegen. »Bitte verzeihen Sie, meine Liebe«, sagte sie, mit einem Male lächelnd und herzlich; scheinbar eine ganz andere Person. »Ich bin Gloria Walsh, die Besitzerin der Pension Westminster

»Bast«, sagte Bast, während sie Mrs Walshs Hand schüttelte.

»Einfach nur Bast?«

»Einfach nur Bast«, bestätigte Bast. »In meiner Heimat haben die meisten Menschen nur einen Namen – oder entsetzlich viele. Gottlob bin ich nicht so einmalig, dass man mir ein ganzes Dutzend Namen gegeben hat. Höchstens zwei, und der andere tut nichts zur Sache.«

Gloria sah sie einen Moment einfach nur verwirrt an, dann blinzelte sie erneut. »Bitte verzeihen Sie, Miss Bast«, sagte sie dann. »Hätte ich gleich gewusst, dass Kapitän Maistowe Sie schickt, dann wäre ich vielleicht nicht ganz so abweisend gewesen. Aber man muss vorsichtig sein, vor allem, wenn man als Frau ganz allein eine Pension leitet.«

»Das verstehe ich«, antwortete Bast. »Da, wo ich herkomme, ist es nicht anders.«

Mrs Walsh warf einen weiteren und noch viel unverhohlen neugierigeren Blick in Basts Gesicht hinauf, aber sie fragte nicht, wo dieses »wo ich herkomme« sein mochte. »Ja, das ist wahrscheinlich auf der ganzen Welt so«, seufzte sie. »Wissen Sie schon, wie lange Sie bleiben werden, meine Liebe?«

»Nur ein paar Tage, fürchte ich«, antwortete Bast. »Vielleicht eine Woche … auf keinen Fall mehr als zwei.« Sie hatte nicht vor, so lange in diesem Land zu bleiben, aber die Dinge entwickelten sich oft anders, als man es erwartete. Bisher wusste sie nicht einmal, wo Isis wirklich war. Zwar standen ihr gewisse Möglichkeiten zur Verfügung, aber London war eine große Stadt.

»Nun, wie auch immer«, fuhr Mrs Walsh fort. »Bleiben Sie ruhig so lange, wie es Ihnen genehm ist. Sagen Sie nur einen Tag zuvor Bescheid, wenn Sie ausziehen wollen. Sie sind eine Freundin von Kapitän Maistowe?«

»Nicht … direkt«, antwortete Bast zögernd. »Ich bin als Passagier auf seinem Schiff hierhergekommen. Als ich an Land gegangen bin, hat er mir Ihre Adresse gegeben.«

»Und während der gesamten Überfahrt hat er so gut wie kein Wort mit Ihnen gesprochen und Sie behandelt, als wären Sie Luft«, vermutete Mrs Walsh.

»Woher wissen Sie das?«

»Weil Jacob Maistowe ein Mann von Ehre ist«, antwortete Mrs Walsh in einem Tonfall, als rede sie über ein schrulliges Kind mit einigen noch schrulligeren Angewohnheiten. »Seiner Meinung nach sind Passagiere an Bord tabu, für seine Mannschaft, und für ihn erst recht.« Sie blinzelte ihr zu. »Und daher behandelt er sie umso schlechter, je sympathischer sie ihm eigentlich sind. Aus Angst, seinen Männern ein schlechtes Beispiel zu bieten oder vielleicht etwas zu sagen, was ihm hinterher peinlich sein könnte.«

»Das … klingt ein bisschen sonderbar«, sagte Bast zögernd. Aber es passte zu dem, was sie erlebt hatte. So hatte sie die Sache noch gar nicht gesehen.

»Es klingt ein bisschen verrückt«, verbesserte Mrs Walsh sie. »Aber so ist er nun mal.« Sie blinzelte Bast noch einmal und nun geradezu verschwörerisch zu. »Wenn er Sie wirklich so schlecht behandelt hat, dann können Sie sich etwas darauf einbilden.«

Bast war nicht sicher, dass sie das wollte, doch in diesem Moment tauchte der Kutscher wieder auf und polterte so lautstark durch das Zimmer, als wäre er noch immer genauso schwer beladen wie auf dem Hinweg und ersparte ihr die Peinlichkeit, antworten zu müssen.

»Sobald Ihr Gepäck im Zimmer ist, richte ich alles her«, sagte Mrs Walsh. »Möchten Sie in der Zwischenzeit hier Platz nehmen? Ich kann Ihnen einen heißen Tee anbieten, wenn Sie es wünschen. Nach der anstrengenden Reise können Sie ihn sicher gebrauchen.«

Tatsächlich war die Aussicht auf einen heißen Tee überaus verlockend für Bast, aber sie schüttelte trotzdem den Kopf. »Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie. »Und das Zimmer können Sie auch später in aller Ruhe herrichten. Ich fürchte, mir bleibt im Moment gerade nur die Zeit, mich umzuziehen und ein wenig frisch zu machen, bevor ich weitermuss.«

»Sie sind in Eile?«, erkundigte sich Mrs Walsh.

»Nicht direkt in Eile«, antwortete Bast. »Ich bin gekommen, um eine Freundin zu besuchen, müssen Sie wissen. Wir haben uns schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.«

»Eine Freundin«, sagte Mrs Walsh. »So, so. Haben Sie die Adresse ihrer Bekannten?«

»Nur eine Straße«, antwortete Bast. »Sie arbeitet dort … wie man mir gesagt hat.« Sie zog den reich bestickten Lederbeutel auf, den sie anstelle einer Tasche bei sich trug, kramte eine Weile darin herum und gab ihr schließlich den Zettel, auf dem sie den Namen der Straße notiert hatte. Mrs Walsh nahm ihn entgegen und sah darauf. Sehr lange.

»Stimmt irgendetwas nicht?«, fragte Bast.

Mrs Walshs Blick … veränderte sich. »Nein«, sagte sie hastig. »Und das ist wirklich die richtige Straße?«

»So hat man es mir gesagt«, antworte Bast. »Warum? Was ist damit?«

»Nichts«, sagte Mrs Walsh noch einmal, und nicht minder hastig. Sie lächelte noch immer, aber nun wirkte es nervös und irgendwie unangenehm berührt. Schließlich gab sie sich einen spürbaren Ruck. »Nein«, sagte sie. »Es tut mir leid. Ich kenne diese Adresse nicht. London ist groß.«

Bast hatte das Gefühl, dass das nicht die Wahrheit war, aber sie sagte nichts dazu, sondern nahm den Zettel zurück und geduldete sich schweigend, bis der Kutscher auch den Rest ihrer Gepäckstücke nach oben gebracht hatte. Er hatte ihr zwar gesagt, dass die Fahrt bereits im Voraus bezahlt war, aber sie gab ihm dennoch ein großzügiges Trinkgeld.

»Sind Sie heute Abend frei, Arthur?«, fragte sie.

»Ja.«

»Wunderbar«, antwortete Bast. »Dann holen Sie mich doch bitte in zwei Stunden hier wieder ab. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen, und ich fürchte, ich kenne mich in dieser Stadt überhaupt nicht aus.«

»In zwei Stunden? Sehr gerne.« Arthur strahlte über das ganze faltige Gesicht und wäre in seiner Hast, rückwärts aus der Tür zu gehen, beinahe über seine eigenen Füße gestolpert.

Bast wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte, erst dann drehte sie sich wieder zu Mrs Walsh um.

Die Pensionswirtin hatte sie die ganze Zeit über angestarrt. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich jedoch abermals verändert. Etwas Nachdenkliches und Abschätzendes lag jetzt darin. Es erlosch sofort wieder und machte einem Lächeln Platz, als sie ihrem Blick begegnete.

»Also … Sie möchten wirklich keinen Tee?«

»Liebend gern, später«, antwortete Bast. »Ich muss aus diesen Kleidern heraus und mich waschen. Ich habe sie die letzten Tage an Bord getragen und fühle mich, als würde ich stinken wie ein Fisch.«

»Das kann ich verstehen«, antwortete Mrs Walsh lächelnd. »Dann bringe ich Ihnen eine Schüssel mit heißem Wasser und saubere Tücher.«

»Das wäre wunderbar«, antwortete Bast, während sie sich bereits herumdrehte und die Treppe am anderen Ende des Zimmers ansteuerte. »Und … hätten Sie vielleicht auch ein Rasiermesser, das Sie mir leihen könnten?«

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Mrs Walsh hatte ihr nicht nur das versprochene heiße Wasser gebracht, sondern außerdem auch noch eine Kanne Tee und einen Teller mit Gebäck. Bast hatte eigentlich nur anstandshalber davon probieren wollen, aber beides erwies sich als so köstlich, dass sie sich geradezu mit Heißhunger darauf gestürzt und binnen weniger Augenblicke alles restlos verzehrt hatte. Erst danach hatte sie sich ihrer schmutzigen Kleider entledigt, die tatsächlich stanken, als hätte sie eine Woche lang auf einem Fischkutter gearbeitet, um sich gründlich und sehr ausgiebig zu waschen.

Danach war sie, nackt bis auf die Kette mit dem goldenen Skarabäus um ihren Hals, vor den Spiegel getreten. Der Spiegel war alt, stand nicht ganz gerade und war an einigen Stellen schon fleckig geworden, und doch zeigte er ihr nichts anderes als das Abbild einer Göttin.

Einer schwarzen Göttin. Nicht braun, nicht dunkel, sondern so schwarz wie die Nacht, die sich draußen allmählich über die Stadt zu senken begann.

Bast war größer als die meisten Männer, denen sie zeit ihres Lebens begegnet war, und von schlankem, athletischem Wuchs. Wie ihre Gesichtszüge ähnelte auch ihr Körperbau viel mehr dem eines Europäers als derjenigen Völker, die ihren Heimatkontinent bewohnten, und ihre Haut war selbst für eine Nubierin ungewöhnlich dunkel; sicherlich einer der Gründe, aus denen der Anblick ihres Gesichts allein ausreichte, um beinahe jeden Mann nervös zu machen, und obwohl es keine sehr junge Frau mehr war, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, konnte sie doch stolz auf ihren Körper sein. Sie war sicherlich nicht die schönste Frau in dieser Stadt – nach gängigen Maßstäben –, aber allen anderen und jüngeren und möglicherweise sogar schöneren Frauen gegenüber, die je vor diesem Spiegel gestanden haben mochten, hatte sie einen gewaltigen Vorteil.

Sie war eine Göttin.

Sie stand eine geraume Weile einfach da und sah sich selbst und vor allem ihr langes, in unmöglich zu bändigenden feuerfarbenen Locken fallendes Haar, das ebenso auffallend und für eine Frau ihrer Herkunft ungewöhnlich war wie ihre Größe, und die eine oder andere Kleinigkeit, die sich auf den ersten Blick vielleicht nicht sofort offenbarte.

Lange Zeit stand sie einfach so da, dann trat sie wieder an das kleine Tischchen heran, auf dem die Porzellanschüssel mit heißem Wasser stand und nahm das Rasiermesser zur Hand, das die Pensionswirtin ihr gebracht hatte. Es besaß einen Griff aus altgelbem Elfenbein und war nicht mehr so scharf, wie es sein sollte, reichte für ihre Zwecke aber aus. Mit einem Gefühl tiefen Bedauerns – es würde Jahre dauern, bis es nachgewachsen war – schnitt sie ihr Haar zuerst kleinfingerkurz und rasierte sich anschließend den Schädel vollkommen kahl. Sorgsam hob sie die abgeschnittenen Haare bis auf das allerletzte auf und verstaute sie in ihrem Beutel, bevor sie einen ihrer Koffer öffnete und ein einfaches, lang fallendes Kleid und dazu passende Sandalen wählte. Das Kleid war hochgeschlossen, sodass sie die Kette mit ihrem wertvollen Anhänger darunter verbergen konnte, und die Sandalen waren für die Jahreszeit – vor allem in diesem Land – zwar viel zu dünn, für ihre Zwecke jedoch eindeutig besser geeignet als die hochhackigen Stiefel, die im Moment bei den Frauen hier in Mode waren.

Bevor sie das Zimmer verließ, verbarg sie ihren nunmehr kahlen Schädel unter einem kunstvoll gewickelten Turban von dunkelroter Farbe und nahm noch ihren Reservemantel aus dem Koffer, den sie sich allerdings nur lose über den linken Arm hängte. Ganz kurz überlegte sie, eine Waffe mitzunehmen, entschied sich aber dann dagegen. Sie wollte schließlich nicht in den Krieg ziehen, sondern nur nach Isis suchen.

Auch wenn ihr Mrs Walshs Reaktion auf die Adresse vielleicht Anlass zu der einen oder anderen Überlegung gegeben hatte.

Sie hatte noch Zeit, bis ihr Fahrer kam, verspürte aber wenig Lust, allein in ihrem Zimmer zu bleiben und ging wieder nach unten. Das Haus war noch immer so still wie bei ihrer Ankunft. Sie war im Moment entweder tatsächlich der einzige Gast, oder die übrigen Pensionsgäste waren noch in ihren Angelegenheiten unterwegs und kamen später. Ihr sollte es recht sein.

Im Kamin prasselte ein behagliches Feuer, und sie hörte die Zimmerwirtin im hinteren Teil des Hauses hantieren, ging aber nicht sofort zu ihr, sondern suchte zuvor die Latrine auf, die sich in einem Holzverschlag im Innenhof der Pension befand. Sie musste nicht danach fragen – der Gestank wies ihr den Weg. Er war erbärmlich, und er wurde noch schlimmer, als sie die Tür öffnete und in den winzigen Verschlag trat.

Heftig schluckend, um die Übelkeit niederzukämpfen, die aus ihrem Magen emporsteigen wollte, warf sie ihr abgeschnittenes Haar in den kreisrunden Ausschnitt in der hölzernen Sitzfläche und fragte sich nicht zum ersten Mal, wieso sich die Abendländer eigentlich für die überlegene Kultur hielten oder jemals hatten halten können, wo sie doch offensichtlich nicht einmal wussten, dass eine Handvoll Kalk ausreichte, unangenehme Gerüche zu binden.

Als sie ins Haus zurückkehrte, prasselte das Feuer im Kamin höher, und Mrs Walsh hatte zwei winzige Tässchen und eine Kanne mit frisch aufgebrühtem Tee auf den Schachtisch gestellt und wartete offenbar bereits auf sie.

Bast sah flüchtig auf die große Standuhr. Sie hatte noch etwas Zeit, bis die bestellte Droschke kam, und nichts dagegen, noch ein wenig zu plaudern. Noch bevor Mrs Walsh ihr einladend zuwinken konnte, nahm sie von sich aus Platz und legte den Mantel neben sich auf den Boden.

»Ich hoffe, ich wirke nicht allzu aufdringlich«, sagte Mrs Walsh, während sie Tee in eine der zierlichen Tassen goss und sie dann über den Tisch hinweg in ihre Richtung schob. »Aber ich kam nicht umhin, die Zeit zu erfahren, zu der Sie den Wagen bestellt haben, und als ich gerade gehört habe, dass Sie die Treppe herunterkommen …«

»Schon gut«, unterbrach Bast sie. »Ich bin völlig fremd in dieser Stadt und ganz froh, überhaupt mit jemandem reden zu können.«

»Sie sind das erste Mal in England?«, fragte Mrs Walsh. Bast nickte, und sie nippte an ihrem Tee und fuhr fort: »Dafür sprechen Sie unsere Sprache ganz ausgezeichnet, wenn ich das sagen darf.«

»Danke.« Bast lächelte über dieses Kompliment, von dem sie spürte, dass es ehrlich gemeint war. Aber natürlich verstand sie auch die Frage, die sich dahinter verbarg. »Es befinden sich genügend Mitglieder des britischen Empire in meiner Heimat«, sagte sie. »Außerdem ist ihre Sprache recht einfach zu lernen. Ganz im Gegensatz zu manchen Dialekten meiner Heimat.«

»Erzählen Sie das den Kindern in unseren Schulen!«, erwiderte Mrs Walsh amüsiert. »Ich bin sicher, sie teilen Ihre Meinung nicht unbedingt.« Sie nippte an ihrem Tee, während sie das sagte, aber Bast entging natürlich nicht, dass sie sie dabei über den Rand ihrer zierlichen Tasse weiter sehr aufmerksam musterte.

»Immerhin gibt es hier nur eine Sprache«, antwortete Bast, »nicht gleich ein ganzes Dutzend, wie in manchen Regionen meiner Heimat.«

Diesmal klang Mrs Walshs Lachen noch amüsierter. »Oh, was das angeht, befinden Sie sich im Irrtum, meine Liebe«, behauptete sie. »Gehen Sie nur ein paar Straßen weiter, und Sie können durchaus das Gefühl haben, auf einem anderen Kontinent zu sein. Das reinste babylonische Sprachgewirr.« Sie nahm einen weiteren winzigen Schluck aus ihrer Tasse, stellte sie behutsam auf den Tisch zurück und fragte dann, immer noch lächelnd, zugleich aber auch in beinahe besorgtem Ton: »Ich hoffe doch, Sie hatten keinen Ärger mit diesen ›Mitgliedern des britischen Empire‹, von denen Sie gerade gesprochen haben.«

»Nicht im Geringsten«, versicherte Bast. »Im Gegenteil. Wir sind Kaufleute. Schon in der …«, sie tat so, als müsse sie einen Moment angestrengt überlegen und lachte dann leise, »… ich glaube, hundertsten Generation oder so. Meine Familie lebt vom Handel mit Gewürzen und anderen Dingen, so lange unsere Familiengeschichte zurückreicht. Ein gutes Verhältnis zu Fremden ist sozusagen unser Betriebskapital. Deshalb bin ich auch hier.«

»Ich dachte, um Ihre Freundin zu suchen?«, erkundigte sich Mrs Walsh in harmlos klingendem Ton, der alles war, nur nicht das. Ihr Blick tastete aufmerksam über Basts Gesicht, und für die Dauer eines Herzschlages erschien ein Ausdruck von Irritationen in ihren Augen, während er an dem kunstvoll gewickelten Turban hängen blieb. Vorhin, überlegte Bast, als sie hereingekommen war, hatte sie die Kapuze ihres Mantels so weit nach vorne getragen, dass von ihrem Gesicht darunter nicht allzu viel zu erkennen gewesen sein konnte. Aber vermutlich hatte sie dennoch einen Schimmer ihres auffälligen Haares gesehen und fragte sich nun, ob sie sich getäuscht und in Wahrheit vielleicht das rote Tuch wahrgenommen hatte – dessen Farbe Bast im Übrigen aus keinem anderen Grund gewählt hatte.

»Nun, das eine schließt das andere nicht aus, nicht wahr?«, gab sie zurück, schüttelte aber zugleich auch den Kopf und nippte wieder an ihrem Tee, um Zeit zu gewinnen. »Meine Schwester Isis – ich nenne sie so, obwohl sie nicht wirklich meine Schwester ist; unsere Verwandtschaftsverhältnisse sind ziemlich kompliziert – ist nicht nur eine gute Freundin, sondern arbeitet auch in unserem Geschäft. Meine Familie hat sie hierher geschickt, um sich um unsere Angelegenheiten in England zu kümmern.«

»Und seither haben Sie nichts mehr von ihr gehört«, vermutete Mrs Walsh.

»Wie kommen Sie darauf?«, erwiderte Bast, leicht überrascht. Das kam der Wahrheit ziemlich nahe.

»Ich schließe es aus der Tatsache, dass Sie hier sind, meine Liebe«, antwortete Mrs Walsh. »Es ist nicht gerade ein Sonntagsausflug von Afrika nach London, nicht wahr? Außerdem – wenn Sie mir meine Offenheit verzeihen – schwingt ein gewisser Unterton von Besorgnis in Ihrer Stimme mit, immer, wenn Sie über Ihre … Schwester reden.«

Bast sagte nicht gleich etwas dazu, sondern sah Mrs Walsh etliche Sekunden lang abschätzend an. Für jeden anderen an ihrer Stelle wäre diese Antwort vielleicht genug gewesen, aber Bast hatte schon vor sehr langer Zeit lernen müssen, sich selbst und ihre Gefühle gut genug in der Gewalt zu haben, um niemandem einen Blick hinter die Maske zu gestatten.

Gleich darauf bewies Mrs Walsh jedoch, was für eine hervorragende Beobachterin sie war, denn sie lächelte ein kurzes, ein wenig verlegenes Lächeln, wie ein Kind, das man bei einer kleinen Verfehlung ertappt hat, das aber auch weiß, dass es nicht mit einer harten Bestrafung rechnen muss, und fuhr fort: »Nun ja, und die Adresse, die Sie mir gezeigt haben …«

»Was ist damit?«, fragte Bast.

Mrs Walsh druckste einen Moment herum. »Sagen wir es so: Es ist vielleicht nicht die vornehmste Gegend. Zumindest keine, in der ich die Räumlichkeiten eines Gewürzhändlers erwarten würde.«

»Wir handeln nicht nur mit Gewürzen«, gab Bast zurück, vielleicht eine Winzigkeit schärfer, als sie es eigentlich gewollt hatte.

Mrs Walsh lächelte weiter, aber Bast spürte trotzdem, dass sie bereits bedauerte, sich überhaupt so weit vorgewagt zu haben. »Schließlich geht es mich auch nichts an«, sagte sie. Bast sah, wie sie innerlich mit sich kämpfte, zu einem Entschluss kam und ihr dann so fest es in die Augen blickte, wie sie es nur konnte. »Darf ich Ihnen trotzdem einen Rat geben, mein Kind?«

»Sicher«, antwortete Bast.

»Wie gesagt, es geht mich nichts an, und Sie müssen auch nicht auf mich hören, aber wenn Sie es trotzdem wollen, dann nehmen Sie den guten Rat einer alten Frau an und fangen erst morgen mit der Suche nach Ihrer Freundin an.«

»Warum?«

»Weil diese Straße in einem Viertel liegt, in dem sich eine anständige Frau nicht nach Dunkelwerden zeigen sollte«, antwortete Mrs Walsh. Wie bei ihrer Begrüßung trat bei dem Wort »anständig« ein verkniffener Zug in ihr Gesicht, und die Falten um ihre Mundwinkel wirkten härter.

Bast erschrak innerlich, wenn auch aus einem anderen Grund, als Mrs Walsh dies annehmen mochte. Konnte es sein, dass Isis …?

Nein, das war unmöglich.

»Wer sagt Ihnen denn, dass ich eine anständige Frau bin?«, fragte sie lächelnd.

»Meine Augen, mein Kind«, sagte Mrs Walsh mit einem neuerlichen, diesmal sehr gutmütigen Lächeln. »Und die Erfahrung eines langen Lebens.« Sie hob abwehrend die Hand, als Bast etwas sagen wollte. »Aber Sie sind nun einmal auch eine Frau von einem … exotischen Äußeren, und das könnte nur zu leicht dazu führen, dass gewisse Männer …« Jetzt spiegelte sich deutliche Verlegenheit auf ihrem Gesicht. Sie wusste ganz offensichtlich nicht, wie sie fortfahren sollte, ohne dabei Worte zu benutzen, die sich für eine anständige Frau nicht geziemten.

»… falsche Rückschlüsse ziehen?«, half Bast lächelnd aus.

»Ja«, sagte Mrs Walsh ernst. »Zumindest in dieser Gegend, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Bast verstand nur zu gut. Und sie erschrak erneut und noch mehr. Isis war schon immer die Klügere und Überlegenere von ihnen beiden gewesen, zugleich aber auch die, die sich in gewissen Situationen nicht so gut in der Gewalt hatte, wie es manchmal angezeigt gewesen wäre. Sie zerbrach sich den Kopf über eine entsprechende Antwort, die sowohl Mrs Walsh als auch sie selbst beruhigt hätte, doch ihre Wirtin nahm ihr die Mühe ab, indem sie eine angedeutete, aber eindeutig wegwerfende Handbewegung machte, mit der sie das Thema offensichtlich für abgeschlossen erklärte.

»Verzeihen Sie einer neugierigen alten Frau, wenn sie eine Frage stellt?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht, wen Sie mit ›alt‹ meinen«, antwortete Bast lächelnd, »aber bitte.«

Mrs Walsh überging die Bemerkung. »Woher kommen Sie, meine Liebe? Ich meine: Jacob hat zuletzt Kairo angelaufen, wenn ich richtig informiert bin, aber Sie sehen nicht aus wie eine …«

»… Ägypterin?« Bast lächelte unerschütterlich weiter. »Weil ich schwarz bin.« Bast lachte, aber Mrs Walsh nickte nur und schüttelte gleich darauf den Kopf.

»Ja. Nein … ich meine: Ja, Sie … sind schwarz, aber Sie sehen irgendwie nicht so aus wie …« Sie brach ab – nun doch sichtlich verlegen – und wusste für den Moment nicht mehr, wohin mit ihrem Blick.

»… wie eine Negerin?«, half Bast aus. »Breite Nüstern, dicke Lippen und einen goldenen Ring durch die Nase?« Sie schüttelte mit einem leisen Lachen den Kopf. »Stimmt. Ich bin Nubierin.«

»Aha«, sagte Mrs Walsh. Es klang genau wie »nie gehört«.

»Unsere Vorfahren haben nilaufwärts gelebt, aber das ist schon lange her. Zur Zeit der Pharaonen. Seither gehören wir offiziell zu den Ägyptern.«

»Aha«, sagte Mrs Walsh noch einmal.

»Jedenfalls haben Sie recht«, fuhr Bast fort. »Nubier sehen nicht aus wie Schwarzafrikaner, sondern eher wie Europäer. Nur dass sie schwarz sind. Was sie übrigens auch von den meisten zentralafrikanischen Völkern unterscheidet.«

»Wieso?«

»Sehen Sie mich an, und Sie wissen die Antwort«, sagte sie. »Die meisten Schwarzen sind nicht schwarz, sondern dunkelbraun.«

»Sie sind schwarz«, beharrte Mrs Walsh. Inzwischen war nicht mehr zu übersehen, wie unangenehm ihr das Thema geworden war. Wahrscheinlich bedauerte sie längst, es überhaupt angesprochen zu haben.

»Ich bin ja auch eine Nubierin«, antwortete Bast lächelnd. Sie nippte an ihrem Tee. Er war brühheiß und schmeckte köstlich. Mrs Walsh hatte irgendein Gewürz hineingegeben, das sie nicht genau erkannte, dem Getränk aber einen ganz wunderbaren Beigeschmack verlieh. »Ich kenne mich in dieser Hinsicht nicht so aus, wie ich es vielleicht sollte, muss ich gestehen. Aber es ist so, dass mein Volk zwar schwarze Haut, aber eindeutig europäische Wurzeln zu haben scheint. Sie sind nicht die Erste, die mit … sagen wir, Verwunderung darauf reagiert.«

Mrs Walsh nickte ein bisschen nervös und suchte sichtlich nach irgendetwas, womit sie unverfänglich auf ein anderes Thema überleiten konnte. In diesem Moment erklang hinter ihr das leise Tappen weicher Pfoten, gefolgt von einem fast kläglichen Maunzen. Mrs Walsh runzelte die Stirn und beugte sich in ihrem Sessel zur Seite, um an ihr vorbeisehen zu können, und Bast drehte sich halb herum und blickte in die entsprechende Richtung, obwohl es nicht nötig gewesen wäre.

Mrs Walsh hatte die Tür zur Küche nicht ganz geschlossen, als sie hereingekommen war, und eine schlanke, pechschwarze Katze war durch den schmalen Spalt hereingeschlüpft und auf halber Strecke zum Kamin stehen geblieben. Es war ein sehr schönes Tier, klein, aber von kräftigem Wuchs und mit einem prachtvollen, dichten Fell, dessen matter Glanz seine Gesundheit und Kraft verriet. Seine bernsteingelben Augen blickten sehr aufmerksam in Basts Richtung. Es maunzte noch einmal in vollkommen anderer Tonlage, bevor es mit wiegenden Schritten und steil erhobenem Schwanz langsam näher kam.

»Cleopatra, was tust du hier?«, wunderte sich Mrs Walsh. »Du weißt doch, dass du im Salon nichts zu suchen hast.«

»Cleopatra?«, wiederholte Bast.

»Ich fand den Namen passend, als ich sie damals aufgenommen habe«, antwortete Mrs Walsh. »Das heißt: Eigentlich habe ich sie gar nicht aufgenommen. Sie ist eine kleine Streunerin, wissen Sie? Eines Tages stand sie einfach vor der Tür und hat so laut gemaunzt, bis ich sie hereingelassen habe, und seither scheint sie einen Narren an mir gefressen zu haben.« Sie lächelte flüchtig. »Oder vielleicht auch nur an meinen Küchenabfällen.«

»Ich verstehe«, sagte Bast. »Sie glauben, Kleopatra wäre eine Streunerin gewesen?« Gleichzeitig beugte sie sich leicht in ihrem Sessel vor und streckte die Hand aus. Die schwarze Katze hielt für einen Moment inne, sah sie wieder auf diese sonderbare Art aus ihren großen, leuchtend gelben Augen an und kam dann mit gesenktem Kopf und laut schnurrend näher. Ein Ausdruck von Erstaunen erschien auf Mrs Walshs Gesicht.

»Nein«, sagte sie, ohne die näher kommende Katze dabei aus den Augen zu lassen. Sie wirkte ehrlich verblüfft. »Aber heißt es nicht, dass Katzen im alten Ägypten heilige Tiere gewesen sind?«

»Das ist wahr«, antwortete Bast, während sie leicht die Finger rieb, um das Tier weiter anzulocken. Aber Kleopatra hat Katzen gehasst. Sie hatte schon Erstickungsanfälle bekommen, wenn sich ihr ein solches Tier auch nur auf zwanzig Schritte Entfernung genähert hatte. Sie hielt die Hand jetzt still, um der Katze Gelegenheit zu geben, vorsichtig an ihren Fingern zu schnuppern, was diese auch etliche Momente lang ausgiebig tat. Dann maunzte sie hörbar, ließ sich auf den Rücken fallen und wälzte sich genießerisch auf Basts Mantel, den sie neben sich auf den Boden gelegt hatte, während sie selbst ihr behutsam Bauch und Hals kraulte.

»Sie wird Ihnen den ganzen Mantel mit ihren Haaren vollfusseln«, murmelte Mrs Walsh. Der Blick, mit dem sie die Katze jetzt maß, war eindeutig fassungslos.

»Das macht nichts«, antwortete Bast. »Ich liebe Katzen, müssen Sie wissen.«

»Trotzdem.« Mrs Walsh gab sich einen sichtbaren Ruck, und ihr Blick war nun eindeutig tadelnd. »Das reicht jetzt, Cleopa-tra! Du hast hier nichts zu suchen. Geh in die Küche oder nach draußen.«

Die Katze rollte sich lauthals schnurrend und mit genießerisch geschlossenen Augen weiter über Basts Mantel und begann schließlich spielerisch an ihrem Finger zu knabbern, als sie für einen Moment mit Kraulen innehielt. Sie ignorierte Mrs Walshs Worte vollkommen.

»Cleopatra!«, sagte Mrs Walsh noch einmal, jetzt in hörbar schärferem Ton. »Was ist denn in dich gefahren? Seit wann hörst du nicht mehr, wenn ich etwas sage?«

Ungefähr seit jetzt, dachte Bast amüsiert, zog aber nach einem weiteren Moment auch die Hand zurück und schüttelte leicht den Kopf, als die Katze die Augen öffnete und sie vorwurfsvoll ansah. »Hör auf sie und geh«, sagte Bast. Vielleicht habe ich später ein bisschen Zeit für dich, Kleines.

Mrs Walshs Augen quollen vor Unglauben schier aus den Höhlen, als Cleopatra ihren Gast zwar noch einen Moment lang vorwurfsvoll und enttäuscht ansah, sich dann aber wieder auf die Füße rollte und mit raschen Schritten verschwand. »Es ist ganz und gar erstaunlich«, murmelte sie. »Sie kommt normalerweise niemals hier herein. Und sie lässt sich schon gar nicht von Fremden anfassen.« Ihr Blick löste sich fast widerwillig von der offen stehenden Tür, hinter der die Katze verschwunden war, und suchte den Basts. »Sie können wirklich gut mit Tieren umgehen.«

»Katzen spüren es, wenn man sie mag«, meinte Bast nur.

»Ja, ich weiß«, sagte Mrs Walsh. Sie wirkte immer noch ein bisschen verwirrt. »Manchmal glaube ich sogar, dass sie über eine bessere Menschenkenntnis verfügen als die meisten Menschen. Besitzen sie zu Hause eine Katze?«

»Besitzen?« Bast verzog die Lippen, als wäre ihr die Bedeutung dieses Wortes nicht endgültig klar. »In unserem Haus in Kairo lebt eine ganze Anzahl Katzen, wenn Sie das meinen. Aber niemand kann eine Katze besitzen. Sie können sie einsperren und versklaven, aber ihre Zuneigung werden Sie auf diese Weise niemals gewinnen. Sie bekommen sie geschenkt oder gar nicht.«

Das schien Mrs Walsh nun endgültig zu verwirren. Sie sagte eine ganze Weile gar nichts, dann aber erschien ein leises Lächeln in ihren Augen. »Ich glaube, wir werden noch eine Menge interessanter Gespräche miteinander führen, meine Liebe«, sagte sie und fügte vielleicht eine Spur hastiger hinzu: »Wenn Sie es wünschen, heißt das.«

»Natürlich«, antwortete Bast. »Ich freue mich darauf. Und ich bin froh, hergekommen zu sein.«

Mrs Walsh blickte fragend.

»Um ehrlich zu sein«, erklärte Bast, »war ich am Anfang nicht ganz sicher, ob ich überhaupt herkommen sollte.«

»Weil Ihnen Jacob diese Pension empfohlen hat«, vermutete Mrs Walsh. Nein, es war keine Vermutung. Es war eine Feststellung.

»Ja«, gestand Bast unumwunden. »Nach dem, was Sie mir über Kapitän Maistowe erzählt haben, habe ich ihm vielleicht unrecht getan, aber …«

Mrs Walsh unterbrach sie mit einer entsprechenden Geste. »Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen. Ich kenne den guten Jacob nun schon so lange, und selbst mir fällt es bei ihm manchmal schwer, Haltung zu bewahren. Er hat ein großes Herz und kann der charmanteste Mensch sein, den Sie sich nur vorstellen können – aber er ist auch ein wahrer Meister darin, das zu verbergen.«

»Und woher kennen Sie sich?«, fragte Bast und trank wieder von ihrem Tee.

»Er wohnt hier«, antwortete Mrs Walsh, wobei Bast nicht entging, wie aufmerksam sie sie dabei ansah. Aber sie war nicht überrascht. Eigentlich hatte sie nichts anderes erwartet.

»Hier?«, vergewisserte sie sich dennoch.

»Die meiste Zeit des Jahres ist er auf See«, antwortete die Zimmerwirtin. »Früher hatte er ein kleines Haus hier in London, aber das musste er verkaufen, als die Geschäfte einmal schlecht gingen. Daraufhin hat er sich hier eingemietet. Anfangs sollte es nur für wenige Tage sein, aber es hat sich schnell erwiesen, dass dieses Arrangement für beide Seiten von Vorteil ist.«

Bast sagte zwar nichts, musterte Mrs Walsh aber auf eine ganz bestimmte Art und Weise, die sie leicht erröten und eindeutig hastig den Kopf schütteln ließ. »Nein, nicht was Sie jetzt vielleicht annehmen, meine Liebe. Jacob und ich sind zu verschieden, um mehr als gute Freunde zu sein.«

»Dann ist das hier sozusagen sein Heimathafen?«, fragte Bast.

Diesmal lachte Mrs Walsh leise. »Wenn Sie so wollen, ja. Jacob hat keine Familie und auch keine Freunde hier in London. Dazu ist er zu selten hier. Und es lohnt nicht, ein eigenes Haus zu unterhalten, wenn man den allergrößten Teil des Jahres auf See ist. Die wenigen Wochen zwischen seinen Reisen wohnt er hier. Und manchmal«, fügte sie mit einem fast verschwörerischen Augenzwinkern hinzu, »schickt er mir auch einen Gast. Ich glaube, er betrachtet es als seine Pflicht, um mich irgendwie dafür zu entschädigen, dass ich sein Zimmer während des ganzen Jahres für ihn freihalte … nicht dass es mich wirklich etwas kosten würde. Die meisten Zimmer stehen ohnehin leer.«

»Das Geschäft geht nicht gut?«, vermutete Bast.

»Es könnte besser gehen … wenn ich es wollte«, antwortete Mrs Walsh. »Aber es ist nicht nötig. Ich habe eine kleine Erbschaft von der Schlachterei meines verstorbenen Mannes, von der ich einigermaßen bequem leben kann. Diese Pension ist mehr eine Art … Liebhaberei von mir, wenn Sie so wollen. Irgendetwas muss man tun.«

Von draußen war das Klappern von Pferdehufen und das Knarren von Rädern zu hören. Bast warf einen Blick auf das Ziffernblatt der Standuhr mit seinen verschnörkelten Zeigern. Arthur kam auf die Sekunde pünktlich. Wahrscheinlich hatte er in einer Seitenstraße gewartet, um nicht zu früh zu erscheinen. Möglicherweise sogar die ganzen zwei Stunden.

Sie stand auf, bückte sich nach ihrem Mantel und schlüpfte hinein. Ein seltsames Gefühl überkam sie, noch bevor sie die Bewegung ganz zu Ende geführt und sich gleichzeitig zum Ausgang gedreht hatte. Sie hatte nicht vergessen, was Mrs Walsh über ihr Ziel erzählt hatte, und auch nicht ihre Überlegungen, was Isis anging. Und dennoch spürte sie plötzlich eine leise, kribbelnde Erregung, etwas, das ganz tief in ihr zu erwachen begann und von dem sie nur zu gut wusste, dass es stärker werden würde, ganz egal, wie sehr sie auch versuchte, es zu unterdrücken.

»Sie wollen also nicht auf mich hören«, stellte Mrs Walsh fest. Sie klang nicht einmal enttäuscht. Augenscheinlich hatte sie genau diese Reaktion erwartet.

»Ich fürchte, das kann ich nicht«, antwortete Bast in bedauerndem Ton. »Es ist leider richtig, dass ich meine Freundin so schnell wie möglich finden muss. Aber ich danke Ihnen trotzdem für Ihre Warnung. Keine Sorge. Ich kann auf mich aufpassen.«

Mrs Walsh sagte nichts mehr dazu. »Möchten Sie, dass ich Ihnen später noch ein Abendessen zubereite oder Ihnen eine Kanne Tee aufs Zimmer stelle?«, erkundigte sie sich.

»Sagten Sie nicht, es gibt hier nur Frühstück?«

Mrs Walsh lächelte. »Für eine gute Freundin von Jacob mache ich schon mal eine Ausnahme.« Ihr Lächeln wurde eine Spur breiter. »Außerdem muss ich schließlich auch selbst dann und wann etwas essen. Ob ich nun nur für mich koche oder für zwei, macht keinen Unterschied.«

Einen Moment lang wusste Bast nicht, was sie von diesen Worten halten sollte. Mrs Walsh sagte die Wahrheit, das spürte sie – es gab nur sehr wenige Menschen, denen es gelungen wäre, sie zu belügen –, und doch hatte sie das Gefühl, dass da noch mehr war. Als ob sie ihr etwas verheimlichte.

Unsinn! Bast schob den Gedanken fast ärgerlich von sich. Sie war erschöpft und hungrig und müde von der anstrengenden Reise, und die Andeutungen, die Mrs Walsh über Isis und deren Aufenthaltsort gemacht hatte, beunruhigten sie anscheinend mehr, als sie zugeben wollte.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, antwortete sie, »und ich werde sicher morgen oder an einem der nächsten Tage auf Ihr Angebot zurückkommen. Aber ich muss zuerst … ein paar Dinge in Erfahrung bringen. Sie brauchen nicht auf mich zu warten.«

»Die Tür ist immer offen«, antwortete Mrs Walsh. Anscheinend war das Thema damit für sie erledigt. »Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Suche.«

»Und ich werde vorsichtig sein«, fügte Bast hinzu. »Das verspreche ich.«

Damit ging sie, noch bevor die Pensionswirtin Gelegenheit zu einer weiteren Erwiderung fand.

Die Droschke wartete exakt an derselben Stelle vor dem Haus, an der Bast zuvor ausgestiegen war. Arthur hatte bereits die Tür geöffnet und stand lächelnd daneben, und sie ergriff auch jetzt wieder seinen galant ausgestreckten Arm, ließ sich von ihm beim Einsteigen helfen – obwohl er sie im Grunde genommen eher behinderte – und nahm Platz, bevor sie ihm den Zettel reichte, den sie vorhin schon Mrs Walsh gezeigt hatte. Sie war nicht überrascht, einen mindestens ebenso erschrockenen und zweifelnden Ausdruck auf seinem Gesicht zu gewahren, als er die Adresse im schwachen Licht der Gaslaternen entzifferte, doch er sagte nichts, sondern nickte nur, gab ihr den Zettel zurück und schloss die Tür.

Während er nach vorn ging und seine müden Glieder zwang, den Kutschbock zu ersteigen, lehnte sich Bast auf der Bank zurück und warf einen langen, nachdenklichen Blick aus dem Fenster. Das Gefühl einer leisen, erwachenden Erregung tief in ihrer Seele war immer noch da. Einen Moment lang kämpfte sie noch aus reiner Gewohnheit dagegen an, aber sie wusste auch, wie sinnlos dieses Bemühen war.

Und warum eigentlich?

Der Wagen setzte sich knarrend in Bewegung, und Arthur wendete das sperrige Gefährt mit erstaunlichem Geschick auf der schmalen Straße. Bast lauschte in sich hinein und versuchte wider besseres Wissen ein allerletztes Mal, die Vernunft über die Instinkte siegen zu lassen. Aber es war ein halbherziger Versuch, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war, und sie hatte ihn im Grunde nur unternommen, weil sie aus irgendeinem absurden Bedürfnis heraus das Gefühl gehabt hatte, ihn sich schuldig zu sein.

Der Wagen rollte auf die breitere, besser gepflasterte Hauptstraße hinaus und wandte sich in östliche Richtung. Basts Blick ging erneut durch das Fenster, strich über die jetzt zum größten Teil dunkel daliegenden Gebäude und den Himmel, der von einer sonderbaren Klarheit war, aber auch so finster, wie man es selten erlebte, selbst in einer so großen Stadt wie London.

Sie ließ sich zurücksinken, schloss die Augen und atmete die kalte, klare Nachtluft ein. Das Tasten und Regen tief in ihrem Inneren wurde stärker, und während Arthur seine Peitsche knallen ließ und das Tempo der Kutsche steigerte, begann sich ein sachtes, erwartungsvolles Lächeln auf ihren Lippen breitzumachen, ohne dass sie selbst es auch nur spürte.

Das Raubtier war erwacht.

Und vor ihm wartete eine ganze Stadt voller Beute.

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Die Fahrt dauerte nicht so lange, wie sie erwartet hatte. Bast hatte die Gardinen vor den schmalen Fenstern schließlich wieder geschlossen und sich zurückgelehnt und ihre Gedanken treiben lassen, aber ihr war natürlich dennoch nicht entgangen, dass die Fahrt – wenn auch in scharfem Tempo – nicht sehr viel länger als zehn Minuten gedauert hatte, bevor der Wagen wieder langsamer wurde, und sie ahnte bereits, in welchem Maße sich ihre Umgebung verändert hatte, noch bevor sie sich wieder aufrichtete und die Gardine zurückzog.

Sie erlebte trotzdem eine Überraschung. Der Wagen wurde immer langsamer, was auch daran lag, dass die Straße voller Menschen war, sodass Arthur sein Gefährt nur noch im Schritttempo durch die Menge bugsieren konnte. Zum Teil lag dies in der Enge der Straße begründet: Die schmalbrüstigen und in den seltensten Fällen mehr als zweigeschossigen Häuser standen sich nahe genug gegenüber, dass ihr Fahrer wohl ein Problem bekommen hätte, wäre ihm auch nur ein zweites gleichartiges Gefährt entgegengekommen. Außerdem war es dunkler, als sie erwartet hatte, denn von den in regelmäßigen Abständen angebrachten Gaslaternen brannte nur jede dritte oder vierte. Doch trotzdem und ungeachtet der bereits fortgeschrittenen Stunde war die Straße noch voller Menschen; zum Großteil Paare, die Hand in Hand oder auch in sittsamem Abstand nebeneinander flanierten oder einfach auf dem Gehsteig vor den Häusern standen und redeten. Manche drückten sich auch in einem Hauseingang herum oder gegen eine Mauer gelehnt, küssten sich oder zeigten sich noch weniger zurückhaltend, und aus etlichen offen stehenden Türen drangen Gelächter und schrille, viel zu laute und zumindest in Basts Ohren nur zu oft misstönende Musik.

Die Kutsche kam mit einem sanften Ruck endgültig zum Stehen, und Bast stieg rasch aus und ging nach vorne, um Arthur die Mühe zu ersparen, eigens vom Wagen heruntersteigen zu müssen. Er war sicher schon den ganzen Tag auf den Beinen, und vermutlich tat ihm jeder Knochen im Leib weh, vor allem, seit er ihr Gepäck in die Pension und die Treppe hinaufgetragen hatte, was ihr im Nachhinein beinahe ein schlechtes Gewissen bereitete.

»Das hier ist die richtige Straße?«, vergewisserte sie sich. Ihre Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren zweifelnd.

»Die Adresse, die auf Ihrem Zettel gestanden hat, Miss«, antwortete er. Es war nicht zu übersehen, dass er sich nicht wohl fühlte; nicht in dieser Gegend und auch nicht dabei, sie allein hier abzusetzen. Aber er besaß auch nicht den Mut, ihr seine Begleitung anzubieten – auch wenn es ohnehin nicht mehr als eine Geste gewesen wäre. »Whitechapel.«

Bast konnte nirgendwo eine Kirche entdecken, weder in weiß noch in irgendeiner anderen Farbe, aber sie konnte ohnehin nur ein kurzes Stück der Straße unmittelbar vor ihr ausmachen; vielleicht ein halbes Dutzend Gaststätten und einschlägiger Häuser, die sich unmittelbar vor ihnen erhoben und mit ihrem Lärm und dem aufdringlichen Licht den Eindruck erweckten, viel zahlreicher zu sein. Alles was dahinter lag, war in nahezu vollkommene Dunkelheit gehüllt, doch Basts scharfe Sinne verrieten ihr trotzdem, dass es dort vielleicht dunkel, aber keineswegs still oder gar verlassen war.

Und nicht nur ihre Sinne. Etwas in ihr spürte das Leben und das aufgepeitschte Miasma entfesselter Sinneslust und purer animalischer Gier in dieser Dunkelheit und reagierte mit einer eigenen, unendlich viel düstereren Gier darauf, die sie kaum noch zu beherrschen vermochte.

»Ist alles in Ordnung. Miss?«, fragte Arthur.

»Ja, natürlich«, versicherte Bast hastig. Sah man es ihr so deutlich an? »Ich … war nur ein wenig überrascht, das ist alles.«

»Das ist das East End, Miss«, antwortete er. »Keine besonders gute Gegend.«

»Geht es hier immer so zu?«, fragte Bast, eigentlich aus keinem anderen Grund als dem, überhaupt etwas zu sagen und das Ungeheuer in ihrem Inneren zu besänftigen. Reden half. Nicht viel, aber es half.

»Heute ist Freitag, Miss«, antwortete er. »Da gibt es Lohn. Aber es ist auch sonst keine besonders gute Gegend. Keine, in die ich meine Tochter gehen lassen würde, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Er hatte keine Tochter, wie Bast sehr wohl wusste, aber das sagte sie nicht laut, sondern machte stattdessen nur ein verstehendes Gesicht und gab sich gleichzeitig Mühe, ein ganz kleines bisschen verlegen auszusehen. Es war völlig absurd – aber mit einem Male war es ihr wichtig, was Arthur von ihr dachte.

»Soll ich hier auf Sie warten, Miss?«, fragte der Kutscher, als sich das Schweigen unbehaglich in die Länge zu ziehen begann. »Oder Sie später wieder abholen?«

»Das ist freundlich von Ihnen, Arthur«, antwortete sie. »Aber ich muss … gewisse Erkundigungen einziehen. Mit einigen Leuten reden … vielleicht einer Spur nachgehen …« Sie hob bedauernd die Schultern. »Ich weiß nicht, wie lange es dauert.«

Arthur war unübersehbar erleichtert, dass sie sein Angebot ausgeschlagen hatte, fühlte sich aber auch ebenso offensichtlich unwohl dabei, sie allein hier zurückzulassen.

»Sind Sie für morgen schon bestellt?«, fragte Bast.

Erwartungsgemäß schüttelte er den Kopf. »Ich bin niemals fest gebucht, Miss«, antwortete er. »Ich fahre meine Plätze ab und warte darauf, dass mich jemand braucht.«

Und das nur zu oft ohne Erfolg, dachte Bast bedauernd. Sie lächelte. »Dann kommen Sie doch morgen gegen Mittag zur Pension«, sagte sie. »Ich bin das erste Mal in London, und ich kenne hier niemanden, also werde ich Sie sicher brauchen. Wenn wir uns auf einen angemessenen Preis einigen, kann ich Sie vielleicht für die ganze Zeit meines Aufenthalts hier mieten. Eine Woche, vielleicht sogar zwei.«

»Das wird sicher gehen«, antwortete er überrascht – und fast ein bisschen ungläubig.

Bast öffnete ihren Beutel, um ihn für die Fahrt hierher zu entlohnen, aber er schüttelte rasch den Kopf und hob zusätzlich abwehrend die Hand.

»Das ist nicht nötig, Miss. Ich meine: Wir können das morgen erledigen.«

»Wie Sie wünschen.«

Arthur griff mit beiden Händen nach den Zügeln, knallte aber noch nicht damit, sondern wandte sich noch einmal an sie und machte zugleich eine Kopfbewegung auf das nächstgelegene Lokal, einen winzigen Pub auf der anderen Straßenseite, durch dessen offen stehende Tür rotes Licht auf den Gehsteig fiel. »Wenn Sie schon hier Ihre Erkundigungen einholen müssen, Miss, gehen Sie dorthin«, sagte er. »Das ist zwar auch kein anständiges Lokal, aber am ehesten noch das, in das eine Lady allein gehen kann.« Sein Tonfall machte mehr als klar, dass eine Lady seiner Meinung nach in kein Lokal allein gehen konnte – wenigstens nicht, wenn sie wirklich eine Lady war –, aber Bast spürte die gute Absicht dahinter und schenkte ihm nur noch ein dankbares Lächeln, und endlich griff er wirklich nach seinen Zügeln und fuhr davon.

Sie sah ihm nach, bis der Wagen am Ende der Straße angelangt und verschwunden war. Beiläufig registrierte sie, dass sie anscheinend die Einzige war, die darauf achtete. Die Straße erweckte zwar nicht den Eindruck, aber der Anblick einer Mietdroschke, aus der ein nobel gekleideter Fahrgast stieg, schien hier absolut nichts Besonderes zu sein.

Dafür gewahrte sie nach einem Moment etwas, womit sie hier zuallerletzt gerechnet hatte: einen leibhaftigen englischen Bobby in seinem schwarzen Rock mit den schimmernden Messingknöpfen, dem hohen Hut und einer Trillerpfeife, die an einer weißen Kordel um seinen Hals hing. Bast hatte schon viel von diesen Polizisten gehört und sah ihn ganz unverhohlen neugierig an. Der Mann schlenderte fast gemächlich in ihre Richtung, wobei sein Blick unentwegt, aber offenbar ohne allzu großes Interesse über die Türen der Lokale und die Menschen davor glitt. Er schien weder an der lauten Musik noch an den Betrunkenen oder den in eindeutiger Absicht dastehenden Frauen Anstoß zu nehmen.

Dennoch war Bast nicht wirklich überrascht, als der Polizist mit einem plötzlichen Stirnrunzeln die Richtung änderte und geradewegs auf sie zusteuerte. Flüchtig fragte er sich, wozu er überhaupt hier war und wen er eigentlich vor wem beschützen sollte, verzichtete aber darauf, diesen Gedanken bis zu seinem konsequenten Ende zu verfolgen. Der Bobby war längst nicht der Einzige, der sie ganz unverhohlen anstarrte. Aber was hatte sie erwartet? In ihrer nachtschwarzen Kleidung, dem roten Turban und mit ihrer außergewöhnlichen Größe stach sie hier hervor wie der sprichwörtliche bunte Hund – oder der wehe Daumen, wie die Engländer sagten. Seltsamerweise kamen die negativsten Schwingungen, die sie auffing, ausnahmslos von Frauen.

Sie widerstand nur mit Mühe der Versuchung, einigen von ihnen zu demonstrieren, wie man sich fühlte, wenn man wirklich vom bösen Blick getroffen wurde und geduldete sich, bis der Bobby näher kam und unmittelbar vor ihr stehen blieb. Die Art, auf die er sie maß, gefiel ihr noch sehr viel weniger als seine bisherige Interesselosigkeit, aber sie schluckte auch dazu jede Bemerkung herunter. Sie war nicht hier, um sich mit der Obrigkeit anzulegen.

»Guten Abend, Miss«, sagte er.

Bast nickte schweigend und sah ihn scheinbar verständnislos an. Sollte er ruhig erst einmal glauben, dass sie seiner Sprache nicht mächtig war.

»Sprechen Sie unsere Sprache?«, fuhr er auch prompt fort.

»Ja«, antwortete sie. Etwas in ihr … regte sich. Stärker als bisher. Bast lauschte in sich hinein und stellte ohne die mindeste Überraschung fest, dass es der Bobby war, auf den sie so heftig reagierte. So lange, wie sie diesen niemals endenden Kampf nun schon führte, erkannte das Ungeheuer in ihr die Art von Beute, auf die sie es manchmal loslassen musste, mittlerweile sicherer als sie selbst und zerrte nun an seinen Ketten, um seine Gier zu stillen. Es kostete sie immer größere Mühe, es zu bändigen.

»Das macht die Sache einfacher«, fuhr der Polizist fort. Sein Blick irrte noch einmal leicht irritiert über ihr Gesicht, das sich nahezu eine Handspanne über dem seinigen befand, und glitt dann nach unten, um für einen eindeutig zu langen Moment dort hängen zu bleiben, wo sich ihr Kleid über ihren Brüsten spannte.

Schließlich räusperte er sich. »Würden Sie mir bitte Ihren Ausweis zeigen, Miss?«

»Wozu?«, erkundigte sich Bast.

Sein Blick wurde um etliche Grade kühler. »Weil ich es Ihnen sage«, antwortete er scharf. »Also zeigen Sie mir jetzt Ihre Papiere – falls Sie welche besitzen –, bevor Sie wirklich Ärger bekommen!«

»Nein«, antwortete Bast. »Die gehen Sie nichts an.«

Zorn flackerte für einen Moment in seinem Blick auf und erlosch wieder. »Ganz wie Sie meinen«, sagte er in leicht verwundertem Ton, als wäre er sich selbst nicht ganz darüber im Klaren, warum er das überhaupt sagte. Was der Wahrheit ziemlich nahekam.

Basts Mitleid mit ihm hielt sich in Grenzen, und erst jetzt, wo sie sich unmittelbar gegenüberstanden, sah sie auch, dass er tatsächlich keine Waffe trug, ganz wie man es ihr erzählt hatte; nicht einmal einen Schlagstock. Obwohl sie es gewusst hatte, kam ihr diese Tatsache mehr als seltsam vor – dass ausgerechnet eine Nation, die ihren gewaltigen Militärapparat rücksichtslos einsetzte, um ein weltweites Imperium zu errichten, so stolz darauf war, dass die Polizeibeamten in ihrem Heimatland unbewaffnet waren.

Der Bobby sah sie immer noch mit einer Mischung aus Verwirrung und allmählich aufkeimender Panik an, und Bast sah endlich ein, wie albern das war, was sie tat, und gab seinen Willen behutsam wieder frei. Er atmete hörbar auf und machte ganz instinktiv einen Schritt zurück.

»Aber wenn Sie schon einmal da sind, Konstabler«, fuhr sie fort, als wäre in der Zwischenzeit rein gar nichts geschehen, »können Sie mir vielleicht helfen. Ich bin fremd in dieser Stadt und suche eine bestimmte Adresse.« Sie zwang ein angedeutetes Lächeln auf ihre Lippen und versuchte die Blicke zu ignorieren, die sie mittlerweile aus allen Richtungen trafen. »Der Kutscher war so freundlich, mich in die richtige Straße zu fahren, aber bei der Hausnummer musste er passen.«

»Die Häuser hier haben keine Nummern«, antwortete er lahm. »Jedenfalls sind sie nicht angeschlagen. Was suchen Sie denn?«

»Nummer neunzehn«, antwortete Bast, ohne dass sie den Zettel zu Hilfe nehmen musste, den sie vorhin Arthur gezeigt hatte, und der überraschte Ausdruck auf dem Gesicht des Konstablers erklärte ihr, dass ihm diese Nummer nicht nur durchaus etwas sagte, sondern es sich auch nicht unbedingt um ein ganz gewöhnliches Haus zu handeln schien.

»Nummer neunzehn?«, vergewisserte er sich. »In dieser Straße? Sind Sie sicher?«

»Ja«, antwortete Bast. »Wieso?«

Der Mann setzte zu einer Antwort an, beließ es aber dann bei einem fast verächtlichen Verziehen der Lippen. Sein Blick saugte sich erneut und dieses Mal ganz unverhohlen an ihrem Kleid fest, als er mit einer Kopfbewegung hinter sich wies. »Das ist gleich dort hinten. Aber Sie sollten nicht allein dorthin gehen.«

»Dann begleiten Sie mich doch«, schlug Bast vor.

»Das ist eigentlich nicht mein …« Er brach ab, räusperte sich und sah plötzlich aus, als wäre ihm etwas eingefallen. »Selbstverständlich, Miss.«

Als sie losgingen, hielt er ihr sogar den Arm hin, aber Bast schlug das Angebot mit einem wortlosen Kopfschütteln aus. Das Wühlen und Reißen in ihrem Inneren hatte sich ein wenig beruhigt, aber sie wusste nicht, was passieren würde, wenn sie ihn wirklich berührte.

Sie passierten die Pubs und Lokale in raschem Tempo, und Bast ließ ihre Sinne vorsichtig schweifen. Wie sie erwartet hatte, spürte sie rein gar nichts von Isis’ Nähe, was bedeutete, dass sie entweder nicht hier war oder sich überaus sorgsam abschirmte – das eine wäre ärgerlich, die zweite Möglichkeit höchst sonderbar und vielleicht sogar ein bisschen beunruhigend –, aber ihr allererster Eindruck von diesem Ort bestätigte sich noch. Auch wenn sie sich normalerweise hütete, solche Begriffe vorschnell zu benutzen: Dies hier war ein Sündenpfuhl, die britische Variante von Sodom und Gomorrha, und je länger sie lauschte, desto mehr stieß es sie innerlich ab. Bast war nicht prüde, und Lust oder auch nur Genüsslichkeit war ihr keineswegs fremd, ganz im Gegenteil. Aber das, was sie nun fühlte war … anders. Dumpf, wie ein Geräusch, das man unter Wasser hörte und dem jede Höhe und jegliche Klarheit fehlte. Ihr war, als bewegte sie sich durch einen Sumpf, aus dem ein unsichtbares fauliges Gas sickerte, welches ganz langsam ihre Sinne zu verwirren begann.

Der Bobby blieb stehen. »Da wären wir.«

Mittlerweile hatten sie den hell erleuchteten Bereich der Straße hinter sich gelassen, und Bast sah erst jetzt, dass es auch hier Licht gab, auch wenn hier nur jede fünfte Laterne brannte … und zwar genau jede fünfte, nicht ungefähr – was ganz gewiss kein Zufall war, sondern wohl eher eine Sparmaßnahme der Stadt, der die Sicherheit der Menschen in diesem Viertel nicht übermäßig am Herzen zu liegen schien.

Es war dennoch weder vollkommen dunkel noch gänzlich einsam. Hinter dem einen oder anderen Fenster brannte Licht, und obwohl sich Bast nun wohlweislich auf ihre – wenngleich sehr scharfen – rein menschlichen Sinne beschränkte, sah sie hier und da schattenhafte Bewegung, eine Gestalt in der Dunkelheit oder ein Huschen am Rande der dunstigen Lichthöfe, die die wenigen Straßenlaternen erzeugten, oder hörte Geräusche, die zumeist sehr eindeutig waren.

Sie befanden sich in der dunkleren und eindeutig billigeren Verlängerung der Straße, in der Arthur sie abgesetzt hatte, und das Haus mit der Nummer neunzehn – die im Übrigen tatsächlich nirgendwo zu lesen war – passte zu dieser Beschreibung: ein heruntergekommener unverputzter Ziegelsteinbau mit halb eingesunkenem Dach und Wänden, in denen sich längst der Schwamm eingenistet hatte. Die Fensterläden waren ausnahmslos geschlossen, ließen aber, so verrottet, wie sie waren, trotzdem das unstete rote Licht hindurch, das im oberen Geschoss des Hauses brannte. Das untere Stockwerk des Hauses war dunkel, und die wenigen Fenster waren roh mit Brettern vernagelt, und das allem Anschein nach schon seit Jahren. Eine schmale hölzerne Treppe mit einem Geländer, das ganz so aussah, als ob man es besser nicht als Stütze nehmen sollte, führte in halsbrecherischem Winkel nach oben und mündete vor einer Tür, die von zwei trübe glimmenden Gaslaternen flankiert und von einem vierschrötigen Kerl bewacht wurde, der selbst in der Dunkelheit und als bloßer Schatten beeindruckend wirkte.

»Was genau suchen Sie hier, Ma’am?«, erkundigte sich ihr unfreiwilliger Führer.

»Es ist gut, Konstabler«, antwortete sie. »Danke, dass Sie mich begleitet haben. Von hier aus komme ich allein zurecht.«

»Sind Sie sicher, dass …«

»Ja, ich bin sicher«, unterbrach ihn Bast eine Spur schärfer. »Gehen Sie nach Hause und kümmern Sie sich um Ihre Frau und Ihre Kinder.«

Der Bobby sah sie noch einen halben Atemzug lang hoffnungslos verstört an und hatte es dann plötzlich sehr eilig, ihrem Befehl Folge zu leisten – denn um nichts anderes hatte es sich gehandelt. Wahrscheinlich würde er sich in den nächsten Tagen über sein eigenes Verhalten wundern. Aber er würde vermutlich auch nie begreifen, was für ein Glück er trotz allem gehabt hatte. Sie hätte ebenso gut auch dafür sorgen können, dass er plötzlich sein Interesse an dem einen oder anderen hübschen Knaben oder jungen Mann hier im East End entdeckte …

Bast sah ihm nach, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, und gönnte sich für die gleiche Zeit den kleinen Luxus, weiter in bizarren Rachevorstellungen zu schwelgen. Das war zwar albern und tatsächlich nichts anderes als kindisch, aber es half, auch wenn sie solcherlei Vergeltungsfantasien nie nachgab …

Nun ja. Höchst selten.

Wirklich nicht oft.

Bast lächelte noch einen Moment still in sich hinein, dann schüttelte sie die kindischen Gedanken endgültig ab und ging weiter.

Der Schatten oben am Ende der Treppe erwachte raschelnd aus seinem Dösen, als er ihr Nahen bemerkte, und Bast spürte, wie aufmerksam und bereit er plötzlich war; alles andere als der lustlos herumlungernde Türsteher, der nur die Minuten zählte, die er noch ausharren musste. Aber für ihn war sie schließlich auch nicht mehr als ein – beunruhigend großer – Schatten, der sich aus der Dunkelheit heraus auf ihn zubewegte.

Als sie die Treppe auf halbe Höhe erklommen hatte, trat er ihr bis an den Rand des kleinen Absatzes oben entgegen, und sie spürte, wie seine Aufmerksamkeit deutlicher Anspannung wich. »Kann ich etwas für Sie tun, Sir …«, fragte er, stockte für einen Moment und verbesserte sich dann gleichermaßen irritiert wie überrascht, als ihr Gesicht in den Lichtschein der beiden kleinen Gaslaternen hinter ihm geriet: »… Ma’am?«

Bast setzte ihren Weg unbeeindruckt und ohne etwas zu sagen fort, und ganz wie sie erwartet hatte, blieb er nicht einfach stehen, bis er eine zufrieden stellende Antwort bekommen hatte, wie er es zweifellos bei jedem anderen getan hätte, sondern wich instinktiv zwei oder drei Schritte zurück, sodass sie sich auf gleicher Höhe gegenüberstanden, als auch Bast endlich stehen blieb. Wortwörtlich. Er war einer der wenigen Männer, die nicht nur ebenso groß waren wie sie selbst, sondern sie tatsächlich noch eine Winzigkeit überragte. Und er war unglaublich massig. Das allermeiste davon war Fett, und Bast hätte kein zweites Mal hinsehen müssen, um zu erkennen, dass der Bursche alles andere als gut in Form oder auch nur gesund war. Trotzdem war er ein Koloss, dessen bloßer Anblick sicherlich ausreichte, um die meisten zu beeindrucken.

»Ich bin auf der Suche nach jemandem«, antwortete Bast mit einiger Verzögerung. Sie lächelte, so freundlich sie nur konnte, was die Verwirrung ihres Gegenübers nicht unbedingt zu mindern schien. Er bewegte sich wieder einen halben Schritt auf sie zu oder versuchte es zumindest, hielt aber genauso schnell wieder inne und schien für einen Moment einfach nicht zu wissen, wie er reagieren sollte. Schließlich fuhr er sich mit dem Handrücken über das stoppelbärtige Doppelkinn und sagte: »Hier? Ich meine … wissen Sie, wo Sie hier sind, Ma’am?«

Besonders das letzte Wort kam ihm sichtlich schwer über die Lippen, und obwohl Bast es schon unzählige Male erlebt hatte, amüsierte sie sich doch für einen Moment über den Ausdruck von Hilflosigkeit und Verwirrung auf seinen Zügen, die sicherlich noch ungleich größer gewesen wäre, hätte sein Stolz es zugelassen. Im allerersten Moment war er offensichtlich nicht ganz sicher gewesen, doch mittlerweile musste er nicht nur an ihrem Kleid und den Konturen darunter erkannt haben, dass er einer Frau gegenüberstand, wenn auch vielleicht der ungewöhnlichsten, die ihm je begegnet war. Es war nicht nur der Umstand, dass sie fast so groß war wie er und ihr Gesicht schwärzer als die Nacht, aus der sie aufgetaucht war, oder ihre ungewöhnliche Kleidung und ihre stolze Haltung. Tief in sich waren sie Seelenverwandte, das spürte Bast. Mochten sie auch äußerlich so gut wie nichts gemeinsam haben, so zählten sie doch beide nicht zu der Beute, sondern zu den Jägern, und er musste das ebenso deutlich spüren wie sie, auch wenn er mit diesem Gefühl zweifellos nichts anfangen konnte.

»Es ist ein wenig kompliziert zu erklären«, sagte sie, immer noch lächelnd, aber ohne seinen Blick dabei loszulassen. »Wenn Sie mich einfach einlassen, schaue ich mich selbst um.«

Sie wollte weitergehen, doch der Riese vertrat ihr – auch wenn es ihn sichtliche Überwindung kostete, aber sie war schon erstaunt, dass er sie überhaupt aufbrachte – mit einem automatischen Schritt den Weg und schüttelte unsicher den Kopf. »Das … ist leider nicht möglich, Ma’am«, sagte er. »Ich meine … es ist … leider so, dass Frauen hier …« Seine Verwirrung war jetzt offensichtlich vollkommen, denn er brach hilflos ab und fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen.

»… keinen Zutritt haben?«, half Bast aus. Die Antwort bestand aus einem hilflosen Achselzucken, doch er rührte sich keinen Zoll von der Stelle.

Aber Basts Geduld war am Ende. »Das gilt nicht für mich«, sagte sie. »Lassen Sie mich vorbei!«

Aus dem Ausdruck von Verwirrung und Unschlüssigkeit in seinen Augen wurde abgrundtiefes und mit Schrecken gemischtes Erstaunen, als er mit einem hastigen Schritt beiseitetrat und den Weg freigab.

Rotes Licht und ein Durcheinander aus Geräuschen und zum größten Teil unangenehmen, ausnahmslos aber aufdringlichen Gerüchen schlugen ihr entgegen, als sie durch die Tür trat. Der Raum dahinter war unerwartet groß und hell erleuchtet, wenn auch von einem roten, flackernden Licht, das mehr Schatten als wirkliche Helligkeit schuf und es trotz allem schwer machte, überhaupt etwas zu erkennen. Die Wände verbargen sich hinter zerschlissenen Vorhängen aus falschem Samt und Streifen von besticktem Brokat, die nicht zusammenpassten, und eine Anzahl nicht minder zerschlissener und bunt zusammengewürfelter Sofas und Tischchen war wahllos im Raum verteilt. Überall brannten Kerzen und auch die eine oder andere Petroleumlampe – natürlich mit einem roten Schirm –, sodass es Bast schon fast wie ein kleines Wunder vorkam, dass das ganze Gebäude nicht längst in Flammen aufgegangen war, und inmitten der das Auge beleidigenden Unordnung an den Wänden gewahrte sie etliche amateurhaft gemalte Bilder eindeutigen Inhaltes. Gleich gegenüber dem Eingang saßen drei junge Frauen auf einer schmuddeligen Chaiselongue, alle drei aufdringlich geschminkt und mit wenig mehr als ihrer Unterwäsche bekleidet. Eine davon war fast noch ein Kind. Nein! Bast sah noch einmal hin und verbesserte sich: Sie war noch ein Kind. Und nur ein kleines Stück daneben stand ein zerschrammter Sekretär, hinter dem die fetteste alte Frau hockte, die Bast seit langer Zeit zu Gesicht bekommen hatte. Nebenbei bemerkt, auch so ziemlich die hässlichste.

Bast schätzte sie auf mindestens dreihundert Pfund, wenn nicht mehr. Das Haar hing ihr wirr in die Stirn, und ihr Gesicht war von einem Leben gezeichnet, in dem es nur Alkohol und andere, schädlichere Freuden und viel zu viele Jahre gegeben hatte, in denen sie ihren Körper und irgendwann, vermutlich ohne es selbst zu bemerken, auch ihre Seele verkauft hatte. Ihre Augen starrten Bast mit einem Misstrauen an, das schon so sehr Teil ihrer selbst geworden war, dass sie es selbst nicht mehr bemerkte, und für einen ganz kurzen Moment erschien ein Ausdruck von Überraschung und Erstaunen darin, dann wechselte er zu Zorn, als ihr Blick Basts Gesicht losließ und das des Türstehers hinter ihr fixierte.

»Was fällt dir ein, Ben …?«, begann sie, während sie bereits mit einem Ruck aufstand und mit kleinen, stampfenden Schritten und hörbar ächzend vor Anstrengung unter ihrem eigenen Gewicht um den Sekretär herumkam.

Bast brachte sie mit einer beiläufig wirkenden Geste zum Schweigen. »Das ist in Ordnung«, sagte sie. »Ich habe ihn gebeten, mich einzulassen.«

Das flächige, nur aus Falten bestehende Gesicht der Alten zeigte einen verwirrten, beinahe schon bestürzten Ausdruck, aber natürlich widersprach sie nicht, und nach einem weiteren Atemzug hörte Bast, wie die Tür hinter ihr ins Schloss gedrückt wurde. Sie hatte kein gutes Gefühl, zumal die drei Frauen auf der Couch plötzlich nicht nur überrascht, sondern geradezu fassungslos dreinblickten, aber sie hatte auch keine Zeit und erst recht keine Lust, sich mit der Alten herumzustreiten. So freundlich, wie sie nur konnte – was bedeutete, dass ihr Lächeln nicht halb so herzlich war wie das, welches sie gerade dem Kerl auf der Treppe geschenkt hatte –, sagte sie: »Bitte verzeihen Sie den Überfall. Ich bin auf der Suche nach einer Freundin, und man hat mir gesagt, dass ich sie vielleicht hier finden könnte.«

Sie wusste, dass Isis nicht hier war. Ganz gleich, wie gut sie sich auch zu verstecken versuchte, hätte sie sich in diesem Gebäude oder auch nur in der Nähe aufgehalten, hätte sie es gespürt. Aber irgendwo musste sie ja schließlich mit ihrer Suche anfangen. Behutsam lockerte sie den Griff um den Willen der abenteuerlichen Empfangsdame, wenn auch nicht weit genug, um irgendein Risiko einzugehen. Die beiden älteren Frauen auf der Couch starrten sie weiter fassungslos und mit offenem Mund an, während das Mädchen zwischen ihnen aus blicklosen Augen ins Leere starrte.

Aber Bast verbot es sich, irgendetwas zu sagen. Später. Vielleicht.

»Eine Freundin?«, vergewisserte sich die Alte mit leicht schleppender Stimme. Ihr Blick flackerte, und ihre Hände begannen kleine, unbewusste Bewegungen zu vollführen, mit denen sie am Stoff ihres schäbigen Kleides zupfte. »Hier?«

»So hat man es mir gesagt«, antwortete Bast. Sie bemühte sich, ihr Lächeln ein bisschen herzlicher wirken zu lassen, wenn auch ohne großen Erfolg. »Eigentlich müssten Sie sich an sie erinnern. Sie sieht mir ein wenig ähnlich.«

»Hier ist niemand, der aussieht wie du, Schätzchen«, antwortete die Alte verächtlich. Vielleicht ließ Bast ihr etwas zu viel Freiheit, denn obwohl sie noch immer eine große Verwirrung und noch eine Spur von Angst in ihren Augen las, erschien nun auch zugleich etwas wie Gier darin, eine anzügliche, begehrliche Gier, die eine kurze, aber heiß lodernde Flamme von Zorn in ihr aufflackern ließ. Aber sie beherrschte sich weiter.

»Wahrscheinlich trägt sie andere Kleidung und vermutlich auch eine andere Haartracht«, fuhr sie mit unveränderter Stimme fort und maß die beiden Frauen neben ihr zugleich mit einem fragend-auffordernden Blick. Die ältere von ihnen reagierte gar nicht, während die andere ganz sacht den Kopf schüttelte. Bast war verwirrt. Weder die Alte noch diese beiden hatten gelogen – das hätten sie gar nicht gekonnt in diesem Moment –, doch je aufmerksamer sie zugleich auch ihre anderen Sinne umhertasten ließ, desto deutlicher spürte sie, dass Isis tatsächlich hier gewesen war. Vor nicht allzu langer Zeit. Ihre Gegenwart hing wie ein schwacher, betörender Duft in der Luft, der vergebens den Gestank nach Gewalt und Leid und tierischer Lust zu durchdringen versuchte, der diesen grauenhaften Ort beherrschte. Was um alles in der Welt hatte Isis nur an einem Ort wie diesem gesucht?

»Wie heißt denn deine Freundin, Schätzchen?«, fragte die Alte. Sie schnaubte immer noch, als hätte sie soeben einen langen anstrengenden Fußmarsch hinter sich gebracht, und nicht die wenigen Schritte um den Sekretär herum. »Und wer hat dir erzählt, dass du sie hier bei uns findest?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Bast.

»Du weißt nich’, wie deine Freundin heißt?«

»Sie wird sicher nicht unter ihrem richtigen Namen hier leben«, antwortete Bast.

»Weil sie Dreck am Stecken hat«, vermutete die Alte, und Bast schüttelte noch einmal und jetzt spürbar verärgert den Kopf. Bevor sie antwortete, ging sie die wenigen Schritte zur Chaiselongue hin und ließ sich vor dem jungen Mädchen in die Hocke sinken, um ihr direkt ins Gesicht sehen zu können. Das Kind reagierte nicht auf ihre Annäherung. Sein Blick schien geradewegs durch sie hindurchzugehen.

»Der Name, den sie in ihrer Heimat trägt, wäre hier sehr … ungewöhnlich. Deshalb nehme ich an, dass sie sich einen Namen zugelegt hat, der einem Abendländer ein wenig leichter über die Zunge geht.«

»Der ’nem Abendländer ein wenig leichter über de Zunge jeht«, wiederholte die Alte, wobei sie in einen noch breiteren, fast schon ordinären Slang verfiel. »Na dann pass mal auf, dass du nich’ über deine eigene stolperst, Schätzchen. Ei’m Abendländer! Sprecht ihr bei euch alle so jestelzt?« Sie lachte meckernd und schüttelte so heftig den Kopf, dass Bast die Bewegung spürte, obwohl sie nicht einmal in ihre Richtung sah. »Nee, so eine war nich’ hier. An jemand, der so ’ne jequirlte Kacke redet, würd ich mich bestimmt erinnern.«

Bast erwiderte nichts darauf, sondern berührte das Mädchen behutsam an der Wange und versuchte seinen Blick einzufangen, aber es gelang ihr nicht. Die Augen der Kleinen waren so leer wie ihr Gesicht, das ausgesprochen hübsch gewesen wäre, wäre darin auch nur die Spur irgendeines Gefühls gewesen. Und auch das, was sie fühlte, als Bast in sie hineinzulauschen versuchte, war kaum weniger beunruhigend. Nur ein Gemisch aus dumpfer Furcht und Resignation.

»Was habt ihr mit ihr gemacht?«, fragte sie.

Die Frage galt den beiden Frauen vor ihr, aber es war die Alte, die antwortete. »Niemand hat was mit der Kleinen gemacht, Schätzchen«, sagte sie scharf. »Sie is’ ’n bisschen müde, das ist alles. Hat sich wohl zu viel zugemutet, die Kleine. Schließlich is’ sie ja noch ’n halbes Kind.«

Bast konnte nicht sagen, was sie im ersten Moment wütender machte: das, was die Alte und ihre Handlanger diesem unschuldigen Kind angetan hatten, oder die Kaltschnäuzigkeit, mit der sie über sie sprach, als wäre sie kein Mensch, sondern ein Ding, über das sie nach Belieben verfügen konnte. Sie beherrschte sich, aber es kostete sie fast alle Kraft, die sie aufbringen konnte. So sehr der Anblick des dunkelhaarigen blassen Mädchens auch ihr Herz anrührte – sie war nicht deswegen hier.

»Also, deine Freundin is’ nich’ hier«, fuhr die Alte hinter ihr fort. Ihre Stimme war um einen Hauch schärfer geworden. »Niemand hat sie gesehen, und niemand kennt sie. Wenn deine Fragen damit beantwortet sind, kannst du wieder gehen.«

»Ist es Ihnen unangenehm, über sie zu sprechen?« Bast stand auf, drehte sich betont langsam zu ihr herum und sah so kalt und abschätzig auf sie herab, wie sie nur konnte. Es zeigte nicht die geringste Wirkung. Offensichtlich gehörte die Puffmutter nicht zu den Menschen, die sich einschüchtern ließen und war innerlich genauso robust, wie ihr Äußeres vermuten ließ. Und mindestens ebenso verkommen.

»Noch was?«, fragte sie in plötzlich fast drohendem Ton. »Zu viele Fragen zu stellen is’ nich’ gut fürs Geschäft, weißt du? Muss ich erst Ben rufen, damit er dir beim Rausgehen hilft?«

Bast hatte nicht übel Lust, es darauf ankommen zu lassen, und sei es nur, um die Reaktion der Alten zu sehen, wenn sie ihren Muskelberg wirklich hereinrief und er ihr nicht nur galant die Hand küsste, sondern auch alle ihre Fragen brav und bis ins Detail beantwortete. Aber sie mahnte sich zur Ruhe. Dafür, dass sie nur ein paar diskrete Erkundigungen hatte einziehen wollen, hatte sie schon viel zu viel Aufsehen erregt.

»Sind Sie ganz sicher, dass Sie sie nicht gesehen haben?«, fragte Bast ruhig. »Es ist sehr wichtig für mich, müssen Sie wissen. Überlegen Sie bitte noch einmal. Sie ist etwas kleiner als ich und hat langes schwarzes Haar, das sie gerne zu einer Frisur bindet, die man hier … einen Pferdeschwanz nennt, glaube ich. Sie muss vor ungefähr zwei Jahren gekommen sein.«

»Nie jesehen«, beharrte die Alte. Und sie sagte die Wahrheit. Bast hatte ihre Frage nicht nur auf der Ebene des Hörbaren gestellt, und sie übte genug Druck aus, um sicher zu sein. Vielleicht mehr, als gut war.

Doch sie bekam Hilfe von unerwarteter Seite. »Das könnte Patsy sein«, sagte die jüngere der beiden Frauen.

Die Augen der Alten verengten sich zu zwei schmalen, ärgerlichen Schlitzen, die in der feisten Masse ihres Gesichtes beinahe verschwanden, und Bast drehte sich rasch wieder zu den beiden Frauen um, wobei sie es sorgsam vermied, das Mädchen zwischen ihnen auch nur anzusehen.

»Patsy?«

»Sie ist vor zwei Jahren aufgetaucht«, antwortete sie. »Ganz wie Sie es gesagt haben. Sie hat einen Job gesucht, aber sie war nicht lange hier. Nur ein paar Tage.«

»Einen Job?«, wiederholte Bast ungläubig. »Sie hat eine Arbeit gesucht? Hier?« Alles in ihr wollte die bloße Vorstellung empört von sich weisen.

Und doch … es wäre möglich. Vollkommen absurd, aber möglich. Sie war schockiert.

»Ich hab sie rausgeschmissen«, bestätigte die Alte. »Hat genau so ’ne jequirlte Kacke geredet wie du und die Kunden dumm angequatscht. So was kann ich hier nich’ gebrauchen.«

»Sie hat schwarzes Haar und sieht Ihnen tatsächlich eine bisschen ähnlich«, fuhr die andere fort.

»Nur, dass sie nicht schwarz ist«, sagte die Alte. Sie machte ein ordinäres Geräusch. »Und jetzt zieh endlich Leine, Schätzchen. Wenn du die Kleine willst, sie kostet zwei Pfund die Stunde. Wenn nicht, verschwinde von hier und halt uns nicht auf. Es sei denn, du willst in Wahrheit was ganz anderes.«

»Und was könnte das sein?«, fragte sie ruhig.

»Vielleicht suchst du ja auch Arbeit«, antwortete die Alte grinsend. Der Blick, mit dem sie Bast nun maß, wurde … taxierend, auf eine anzügliche Art, die ihr umso schlimmer erschien, als er von einer Frau kam. »Du redest zwar einen gotteslästerlichen Unsinn, aber so wie du aussiehst … Ich kenn da ein paar Gentlemen, die ’ne Menge Geld für ein Schäferstündchen mit dir springen lassen würden. Also wenn du interessiert bist, lass es mich wissen, Schätzchen. Ich bin sicher, wir werden uns schon einig.«

Bast beherrschte ihre schon wieder aufflackernde Wut mit immer mehr Mühe. Aber sie hielt sich im Zaum. Statt irgendetwas zu sagen, drehte sie sich wieder zu den beiden anderen Frauen um. Sie wollte es nicht, aber ihr Blick suchte wie von selbst den des Mädchens und fand auch diesmal nichts als Leere. Plötzlich spürte sie einen harten Kloß im Hals, der ihr fast schwer machte, zu atmen. Ein Leben, das zu Ende war, noch bevor es wirklich begonnen hatte. Sie hätte der Alten befehlen können, das Mädchen nicht nur gehen zu lassen, sondern ihr auch einen sicheren Platz zu suchen und sie außerdem mit einer großzügigen Entschädigung auszustatten, und sie hätte es ohne zu Zögern getan … aber wozu? Schon bald wäre sie nicht mehr hier, um ihre schützende Hand über das Mädchen zu halten, und dann würde es nur umso mehr unter dem leiden, was sie getan hatte. Um noch einmal Isis’ Lieblingssatz zu zitieren: Du kannst nicht die ganze Welt retten, Liebes.

»Wo finde ich diese Patsy?«

»Versuch’s drüben im Ten Bells«, sagte die Alte, bevor eine der beiden anderen ihre Frage beantworten konnte. »Ich hab gehört, da is’ sie manchmal. Is’ aber schon eine Weile, dass sie das letzte Mal dort aufgetaucht is’.«

»Dafür, dass Sie nichts über sie wissen, wissen Sie eine Menge über sie, finde ich«, sagte Bast kühl.

»Ich weiß was über Patsy, nicht über deine Freundin«, erwiderte sie. »Das is’ nich’ die, nach der du suchst. Aber geh ruhig hin und bring dich in Schwierigkeiten, wenn du willst. Wird aber umsonst sein.«

Bast setzte zu einer scharfen Antwort an. Aber sie lauschte gleichzeitig auch noch einmal in ihr Gegenüber hinein und schrak diesmal sogar ganz körperlich ein kleines Stückchen vor ihr zurück. Da war etwas tief in ihr, etwas Dumpfes, Fauliges, das allmählich in ihr heranwuchs und sie verzehren würde. Sie würde sterben, und das sehr bald.

Das hatte keinen Sinn mehr. Bast hatte längst eingesehen, dass es ein Fehler gewesen war, überhaupt herzukommen. Sie verstand nicht mehr ganz, warum sie es überhaupt getan hatte. Sie begann Fehler zu machen.

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich herum und verließ das zweifelhafte Etablissement.

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Das Ten Bells, im Schatten von Christs Church gelegen, stellte sich als eines jener Lokale heraus, vor denen Arthur sie gewarnt hatte. Von außen winzig, ein schmalbrüstiges, hohes Haus mit vergitterten Fenstern, die eher an Schießscharten erinnerten und es irgendwann vor langer Zeit vielleicht sogar einmal gewesen sein mochten, entpuppte es sich als ein einzelner niedriger Raum, den man anscheinend gewonnen hatte, indem die Trennwände zu den benachbarten Gebäuden einfach herausgerissen worden waren. Schwere, grob gezimmerte Balken, von denen einige schon bedrohlich durchhingen, stützten die Decke, und die Luft war so verräuchert und dick, dass sie in der Kehle brannte und ihr die Tränen in die Augen trieb.

Bast hatte eine geraume Weile gezögert, das Lokal überhaupt zu betreten; nicht aus Furcht – dazu bestand nicht der geringste Grund –, sondern weil sie einfach völlig verwirrt und durcheinander war.

Es lag an dem Mädchen. Sie wurde die Erinnerung an das schmale Gesicht mit den so schrecklich leeren Augen einfach nicht los. Isis hatte zweifellos recht, zugleich aber auch so unrecht, wie es nur ging. Niemand konnte die ganze Welt retten, nicht einmal sie – aber vielleicht wog es manchmal ebenso viel, sich auch nur um ein einziges Leben zu sorgen.

Mindestens genauso aber schockierte sie die Welt, in der sie sich unversehens wiedergefunden hatte, als sie aus Arthurs Wagen gestiegen war. Selbstverständlich gab es Plätze wie diesen auch in ihrer Heimat, und Bast war in ihrem langen Leben schon an Orten gewesen und hatte Dinge erlebt, die selbst der alten Puffmutter die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten … aber warum sollte Isis hierhergekommen sein? Gut, sie war gewissen Belangen des Lebens gegenüber schon immer weit offener gewesen als sie selbst, aber das hier war … Schmutz, in jeglicher Hinsicht. Etwas, das sie einfach nicht nötig hatte, ganz gleich, wonach sie auch suchen mochte.

Und Isis war auch nicht im Ten Bells, wie Bast erkannte, als sie durch die Tür trat und einen ersten Blick in die Runde warf. Nicht einmal ihren scharfen Augen wäre es möglich gewesen, in dem großen, hoffnungslos überfüllten Raum mit seinem Durcheinander aus Tischen und Bänken und dicht an dicht dasitzenden Leibern auf Anhieb eine bestimmte Person auszumachen, aber sie hätte ihre Nähe ebenso zweifelsfrei gespürt, wie sie es gewusst hätte, wäre sie in einem der Zimmer am oberen Ende der Treppe gewesen.

»He, Süße, komm rein und mach die Tür zu, oder geh wieder und mach sie von draußen zu«, krähte eine betrunkene, aber halbwegs fröhliche Stimme irgendwo links von ihr.

Bast machte sich nicht einmal die Mühe, hinzusehen. Sie hatte schon viel eher damit gerechnet, angesprochen zu werden – und ein Teil von ihr, den sie immer mühsamer noch im Zaum halten konnte, gierte geradezu danach –, und immerhin hatte der Bursche zumindest den Mut aufgebracht, sie überhaupt anzusprechen, statt sie nur anzustarren, wie es im Augenblick praktisch jedermann tat, der in der Nähe des Eingangs saß. Sie schloss auch die Tür nicht hinter sich, sondern schlenderte langsam in Richtung der lang gestreckten Theke, die die gesamte rechte Seite des Raumes beherrschte. Das Interesse an ihrer Person schien hinter ihr ebenso schnell wieder zu erlöschen, wie es aufgeflammt war, und im Grunde, überlegte sie, hätte sie hier gar nicht auffallen dürfen, trotz ihres exotischen Äußeren. Das Ten Bells war ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Menschenrassen und -klassen. Bei den meisten handelte es sich um einfache Arbeiter und Tagelöhner, von denen in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde der Großteil bereits betrunken war, aber Bast gewahrte auch Männer – meist fortgeschrittenen Alters – in feineren Kleidern, Frack und Zylinder oder Gehrock, und zu ihrer nicht geringen Überraschung selbst einige Asiaten und zwei hochgewachsene Dunkelhäutige, von denen sie mindestens einer auf eine Art interessiert ansah, die ihr überhaupt nicht gefiel. Ganz kurz überlegte sie, sich an ihn zu wenden und ihn nach Isis zu fragen, entschied sich aber dann dagegen und setzte stattdessen ihren Weg zur Theke fort. Trotz des Gedränges fiel es ihr unerwartet leicht, denn wer immer sie sah, versuchte ihr ganz instinktiv Platz zu machen, nur dass es manchmal einfach nicht ging.

Ihre auffällige Erscheinung erwies sich ausnahmsweise einmal als Vorteil, denn obwohl an der Theke ein solches Gedränge herrschte, dass das Personal dahinter mit dem Ausschenken kaum nachkam, musste sie nur wenige Augenblicke warten, bis die Bedienung kam: ein kleinwüchsiger dürrer Kerl mit schmutzigen Händen und noch schmutzigeren roten Haaren, der auf den ersten Blick so aussah, als wäre er kaum alt genug, um das trinken zu dürfen, was er ausschenkte.

»Was darf’s sein?«, fragte er, nicht nur nahezu akzentfrei, sondern auch mit einem vollkommen ehrlichen Lächeln, das das düstere Lokal ringsum ebenso aufzuhellen schien wie Basts Stimmung.

»Etwas zu trinken und eine Auskunft«, antwortete Bast, »wenn das möglich wäre.«

»Das Getränk auf jeden Fall«, antwortete der Rothaarige schmunzelnd und maß sie mit einem weiteren freundlichen, aber auch ganz unverhohlen neugierigen Blick. »Was wollen Sie denn trinken?«

»Das ist mir gleich. Beraten Sie mich.« Bast griff in ihren Beutel und zog zwei Sixpencestücke heraus, die schneller in seiner Rocktasche verschwanden, als ihre Blicke der Bewegung folgen konnten. Nahezu ebenso schnell verschwand er und kam gleich darauf mit einem Krug Bier zurück, und das eindeutig zu schnell, um es frisch gezapft zu haben. Bast probierte trotzdem davon und verzog anerkennend die Lippen, um ihr amüsiertes Lächeln zu kaschieren: Wie sie es erwartet hatte, war das Bier zu warm und auch nicht mehr ganz frisch. Aber er hatte etwas für sie ausgewählt, was er anscheinend für passend hielt: starkes, pechschwarzes Ale. Der Bursche gefiel ihr.

»Und was wollen Sie wissen?«, fragte er.

»Ich suche jemanden«, antwortete Bast, während sie einen zweiten, größeren Schluck nahm. Der Geschmack wurde dadurch nicht besser. »Eine Frau. Man hat mir gesagt, dass sie manchmal hier verkehrt. Ihr Name ist Patsy.«

»Patsy Kline?«, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. Klang er ein bisschen erschrocken? Sein Lächeln begann auf jeden Fall so schnell zu verblassen, dass man dabei zusehen konnte.

Bast hob die Schultern. »Ich kenne nur ihren Vornamen«, sagte sie. »Aber man hat mir versichert, dass sie häufiger hier verkehrt und dass man sie hier kennt.«

»Wissen Sie, wie viele hier ›häufig verkehren‹?« Der junge Bursche tat einen Moment lang so, als verstünde er gar nicht, wovon sie sprach, aber er war kein besonders guter Schauspieler, und nach einem kurzen Moment schien er das auch selbst einzusehen. »Sie ist manchmal hier«, sagte er. »Hab sie aber schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Und ich weiß nicht viel über sie. Was wollen Sie denn von ihr?«

Er log, das spürte Bast. Warum? »Und wer kann mir sagen, wo ich sie eventuell finde?«, fragte sie.

Von der Freundlichkeit des Rothaarigen war nicht mehr viel übrig, und Bast spürte, wie sich auch die Stimmung in ihrer unmittelbaren Umgebung veränderte. Es wurde stiller, als mehr als einer der Gäste seine Unterhaltung unterbrach und sie unauffällig zu belauschen versuchte oder sie auch ganz offen anstarrte. Wie es aussah, war der Name Patsy Kline hier nicht unbekannt.

»Fragen Sie die da hinten, am letzten Tisch am Fenster.«

Basts Blick folgte der Richtung, in die seine ausgestreckte Hand wies. Unter dem schmalen Fenster am anderen Ende des überfüllten Raumes standen gleich drei Tische, und alle waren voll besetzt. Irgendetwas musste sie wohl falsch gemacht haben, aber sie konnte sich jetzt weniger denn je vorstellen, dass sie tatsächlich über Isis sprachen. Sie sollte gehen und ihre Suche anderswo fortsetzen.

Aber es war bislang ihre einzige Spur. Also leerte sie ihren Krug mit wenigen, großen Schlucken, stellte ihn ein wenig heftiger als notwendig auf die Theke zurück und gab dem Rothaarigen mit einer Kopfbewegung zu verstehen, ihr einen zweiten an den Tisch zu bringen. Er schien widersprechen zu wollen – Bast hatte bisher keine einzige Bedienung hier drinnen gesehen, und anscheinend war es üblich, dass sich die Gäste ihre Getränke selbst holten, was auch das Gedränge an der Theke erklärte –, aber sie gab ihm gar nicht erst die Gelegenheit dazu, sondern wandte sich um und bahnte sich einen Weg durch das Gedränge.

Auch jetzt wurde ihr Platz gemacht, wo es nur ging, und auch jetzt spürte sie die gleichermaßen neugierigen wie misstrauischen Blicke, die ihr folgten, mit beinahe körperlicher Intensität. Und obgleich dies ein Gefühl war, das sie nun wahrlich kennen sollte, fiel es ihr zunehmend schwerer, es zu ignorieren. Bast versuchte vergebens, ihre eigenen Gefühle zu analysieren. Was war los mit ihr? Sie war als Jägerin hierhergekommen, aber sie fühlte sich in zunehmendem Maße verunsichert und … belauert. Wie Beute.

Sie hatte die drei Tische erreicht, die der Rothaarige ihr gewiesen hatte. Die beiden vorderen waren mit den üblichen Zechern besetzt, ebenso einfachen wie groben Typen mit harten und zum Großteil von einem ausschweifenden Leben gezeichneten Gesichtern, die sie mit einer Mischung aus Erstaunen und anzüglicher Neugier anstarrten. Einer der Burschen machte eine Bemerkung, die zu verstehen Bast sich gar nicht erst die Mühe machte. An dem dritten Tisch, der ganz am Ende des Raumes an der Wand stand, saßen vier Frauen unterschiedlichen Aussehens, zugleich aber auch irgendwie ähnlicher Art. Drei von ihnen waren vielleicht in Basts Alter – zumindest in dem, nach dem sie aussah –, während die vierte deutlich jünger sein musste; vielleicht Anfang zwanzig, wenn nicht weniger. Alle vier waren auf ähnliche Weise gekleidet, und Bast war sicher, dass der einzige Grund, weshalb sie nicht nur in Mieder und Strumpfhaltern dasaßen, in der selbst für die Jahreszeit untypischen Kälte zu suchen war, die draußen herrschte. Auch hier bildete die Jüngere vielleicht die einzige Ausnahme, denn sie trug als Einzige nicht nur das Haar zu einem strengen Knoten gebunden, sondern auch ein hochgeschlossenes, einfaches Kleid, das nichts zeigte, trotzdem aber auf eine raffinierte Art aufreizend wirkte. Man sah ihm an, dass es einmal teuer gewesen sein musste, nun aber nicht nur seine besten Tage bereits hinter sich hatte, sondern ganz offensichtlich auch für eine andere Besitzerin geschneidert und später eher schlecht als recht umgeändert worden war.

»Ja?«, fragte einer der älteren Frauen. Sie versuchte Überraschung zu heucheln, was ihr aber nicht wirklich gelang. Sie und die anderen hatten Basts Annäherung natürlich bemerkt und sie schon auf halbem Wege neugierig in Augenschein genommen.

»Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Unterhaltung störe«, antwortete Bast. »Aber die Bedienung an der Theke hat mir gesagt, dass Sie mir möglicherweise helfen könnten.«

Die Frau, die sie angesprochen hatte, sagte gar nichts dazu, sondern runzelte nur die Stirn und sah jetzt ein bisschen misstrauisch aus, während ihre Nachbarin ihr Glas zur Hand nahm und einen gehörigen Schluck daraus trank, bevor sie fragte: »Kommt drauf an, wobei.«

»Ich bin auf der Suche nach einer Freundin«, antwortete Bast. »Man hat mir gesagt, dass Sie sie kennen. Ihr Name ist Patsy. Patsy Kline.«

Jetzt starrten sie alle vier an. Vor allem die Jüngere sah plötzlich beinahe ein bisschen feindselig aus.

»Kommt darauf an, was du von ihr willst, Schätzchen«, sagte diejenige, die sie zuerst angesprochen hatte.

»Na, kannst du dir das nicht denken, Liz?«, mischte sich einer der Burschen vom Nebentisch ein. Er lachte, ein leises, unangenehmes Geräusch. »Schau sie dir an. Patsy ist doch dafür bekannt, dass sie ab und an auch nichts gegen ein hübsches Weibsstück einzuwenden hat.«

»Wenn der Preis stimmt«, fügte sein Tischnachbar hinzu.

Bast wandte langsam den Kopf und brachte ihn und seinen Kumpan mit einem eisigen Blick zum Verstummen. Woran sich nichts änderte, das war die anzügliche Art, auf die nicht nur die beiden sie musterten, sondern auch die zwei anderen Männer, die mit ihnen am Tisch saßen. Keiner von ihnen war deutlich älter als zwanzig, schätzte Bast, und keiner kleiner als sechs Fuß und damit genau in jener Verfassung, in der jugendliches Ungestüm und die Kraft und Statur eines Erwachsenen nur zu oft eine ganz besonders gefährliche Mischung ergaben. Den Rest hatte der Alkohol erledigt, dem sie in offensichtlich großem Maße zugesprochen hatten. Der Tisch vor ihnen war übersät mit leeren Bierkrügen und Gläsern, die weitaus stärkere Getränke enthalten hatten. Sie taxierte die vier nacheinander mit einem raschen, aber sehr aufmerksamen Blick, kam zu dem Schluss, dass sie keine wirkliche Gefahr darstellten, und wandte sich wieder den Frauen zu.

»Mein Name ist Bast«, sagte sie, während sie sich ungefragt einen freien Stuhl vom Nebentisch heranzog und darauf niederließ. »Vielleicht hat sie einmal von mir gesprochen.«

Alle vier sahen sie nur weiter auf eine Art an, die klarmachte, dass die Antwort auf diese Frage ein klares Nein war, und schließlich sagte die Jüngere: ...

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