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Horror Factory - Rachegeist

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. In dieser Reihe sind bisher erschienen
  4. Der Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1
  8. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

In dieser Reihe sind bisher erschienen:

Wolfgang Hohlbein: Pakt mit dem Tod

Christian Endres: Crazy Wolf – Die Bestie in dir

Christian Montillon: Der Blutflüsterer

Timothy Stahl: Teufelsbrut

Uwe Voehl: Necroversum: Der Riss

Manfred Weinland: Das Grab – Bedenke, dass du sterben musst!

Michael Marcus Thurner: Die Herrin der Schmerzen

Malte S. Sembten: Der Behüter

Robert C. Marley: Die Todesuhr

Der Autor

Christian Endres lebt als freier Autor in Würzburg. Er schreibt regelmäßig für die Zitty Berlin, den Tagesspiegel, phantastisch!, deadline, Geek!, Das Science Fiction Jahr und viele mehr. Im Comic-Bereich betreut er als Redakteur u. a. die deutschen Ausgaben von Spider-Man, Batman, Avengers, Hellboy und Conan. Er wurde bereits mehrfach mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet.  Innerhalb der HORROR FACTORY veröffentlichte Christian Endres bereits das E-Book Crazy Wolf – die Bestie in mir.

1

Als Elizabeth meine Leiche erblickt, bleibt sie wie angewurzelt im Türrahmen stehen. 

Sie schnappt erschrocken nach Luft und …

Mehr nicht.

Vermutlich sollte ich enttäuscht sein, dass sie sich nicht umgehend kreischend in Panik und Tränen auflöst.

Aber ehrlich gesagt, bin ich im Moment selbst noch zu sehr damit beschäftigt, mit der ganzen Situation klarzukommen.

Dabei dachte ich, es wäre die einfachste Lösung.

Für mich.

Für Elizabeth.

Für die Mädchen.

Für alle.

Sicherlich ist der Anblick des eigenen Ehemannes, der sich erhängt hat, nicht besonders erfreulich.

Allerdings ist der Schmerz ein anderer als jener, der einem zusetzt, wenn man tatenlos dabei zusehen muss, wie ein geliebter Mensch Stück für Stück von innen zerfressen wird.

Wie er von der Krankheit in sich aufgezehrt wird, bis immer weniger von ihm übrig ist und er sich letztlich vor den Augen seiner Lieben und Freunde ganz auflöst.

Wie ein Geist.

Natürlich hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass ich noch mitbekomme, wie es weitergeht.

Dass ich noch einen Kontakt zur Welt hätte, nachdem ich den Stuhl erst einmal zur Seite getreten und mein Schicksal der Gürtelschlaufe und dem Eichenholzbalken unter der hohen Decke meines Arbeitszimmers anvertraut habe.

Doch ich sehe alles.

Das Zimmer, in dem ich die letzten fünfundzwanzig Jahre fast zwei Dutzend Roman-Bestseller geschrieben habe.

Meine Leiche, mit kraftlos herabbaumelnden Gliedern, widerlich vollgesogenen Hosen und tropfenden Schuhen.

Und meine Frau.

Elizabeth.

Von Anfang an meine Muse und Gefährtin.

Die nach wie vor keine Miene verzieht, während sie ausdruckslos meine Leiche betrachtet.

Noch hat sie meinen Abschiedsbrief nicht entdeckt.

Neben dem Brief liegen ein USB-Stick und ein Papierstapel.

Der Ausdruck ist nur zur Sicherheit, falls beim Kopieren des Manuskripts etwas schiefgelaufen sein sollte.

Herz aus Blei.

Mein letzter Roman.

Mein Vermächtnis.

Elizabeth nimmt Brief, Manuskript und USB-Stick jedoch genauso wenig wahr wie mich in meiner jetzigen Form.

Verdammt.

Da ist es schon wieder.

Ich drücke mich davor, mich als Geist zu bezeichnen.

Das hat seine Gründe.

Es wäre zwar ziemlich kompliziert, auseinanderzusetzen, woran ich Zeit meines Lebens wirklich geglaubt habe.

An Geister und Gespenster aber mit Sicherheit nicht.

Womöglich nicht einmal an so etwas wie Seele.

Bin ich überhaupt das, was man gemeinhin unter einem Geist oder einem Gespenst versteht?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass nach der Panik und der Schwärze plötzlich dieses Gefühl absoluter Schwerelosigkeit kam.

Und dass ich mein Umfeld auf einmal wieder wahrnehmen konnte, wenn auch mit stark veränderten Parametern.

Seither schwebe ich buchstäblich über den Dingen.

Gelegentlich auch durch sie hindurch.

Durch Wände gehen kann ich trotzdem nicht.

Boden.

Decke.

Wände.

Überall pralle ich gegen eine Barriere.

Obwohl ich mich sonst so losgelöst fühle, als hätte ich jedwede Masse und Festigkeit verloren, sind selbst Türen und Fenster ein unüberwindbares Hindernis.

Sogar wenn sie offen stehen.

Deshalb ist es womöglich passender, mich als Gefangenen zu bezeichnen statt als Geist.

Ich würde Elizabeth zu gerne folgen.

Nur, um ihre weiteren Reaktionen zu beobachten.

Der Tod durchtrennt anscheinend keineswegs alle Fesseln.

Schon gar nicht die des Egos.

So kann ich bloß gedankenversunken durch den Raum schweben und mich über all das hier wundern.

Es ist komisch und irritierend zugleich, den Arm oder das Bein auszustrecken und rein gar nichts zu sehen.

Kein Schimmern.

Kein Flimmern.

Spüren kann ich ebenfalls nichts.

Auch nichts berühren.

Schmecken.

Riechen.

Es ist unglaublich befremdlich.

Als wäre man blind, obwohl man sehen kann.

Taub, obwohl man hören kann.

Gelähmt, obwohl man sich bewegen kann.

Mein Zeitgefühl scheint noch etwas zu sein, das ich mitsamt meiner sterblichen Hülle aufgegeben habe.

Denn ich habe keinen blassen Schimmer, wie viel Zeit vergeht, bis sich Schritte meinem Arbeitszimmer nähern.

Elizabeth kehrt zurück.

Noch immer keine Tränen zu sehen.

Sie ist nicht allein.

»Er hat es wirklich getan«, raunt mein Assistent Marc.

Alles in allem wirkt auch er eher gefasst.

Marc gehört praktisch zur Familie.

Vielleicht war er sogar der Sohn, den ich nie hatte.

Im Anschluss an jeden meiner Uni-Vorträge bekam ich Dutzende unangeforderte Bewerbungen von Leuten, die unbedingt mein Assistent werden wollten.

Zunächst war mir nicht einmal klar gewesen, dass ich überhaupt einen Assistenten bräuchte.

Doch nach der Hollywood-Verfilmung von Blutige Tränen auf deinem Grab nahm die Fanpost binnen kürzester Zeit überhand, und es gab auch sonst immer mehr zu organisieren.

Lesungen.

Signierstunden.

Zeitungs-Interviews.

Magazin-Porträts.

Radio-Shows.

Leno, O’Brian und Ferguson.

Frühstücksfernsehen.

Set-Besuche.

Letzten Endes sah ich es ein und kümmerte mich um die Einstellung eines Assistenten, der all diese Dinge für mich koordinierte, damit ich mich dazwischen so weit wie möglich auf das Schreiben konzentrieren konnte.

Elizabeth half mir bei der Auswahl.

Am Ende einigten wir uns auf Marc.

Er war von Beginn an mein Favorit gewesen, da ich ihn und seine Diskussionsbeiträge zumindest noch vage in Erinnerung hatte.

Was so gut wie nie passierte.

Sonst waren die Studenten im Hörsaal für mich lediglich eine betont aufmerksame Herde von Möchtegernschriftstellern, die darauf hofften, dass ich ihnen eine bequeme Abkürzung ins literarische Eldorado zeigen mochte.

Marc war anders.

Gut aussehend, aber auch mit mehr Tiefe als der Rest.

Auch jetzt zeigt er seine Klasse.

Er nimmt Elizabeth tröstend in den Arm und schließt dabei ebenfalls die Augen.

Ihr gemeinsamer Kummer schmerzt mich.

Aufgewühlt schwebe ich um die beiden herum.

Marcs Hand streicht sanft über Elizabeth’ Rücken.

Legt sich auf ihren Hintern.

Ich stutze.

Elizabeth lässt es sich gefallen.

Mehr noch.

Sie legt den Kopf in den Nacken, und so stehen sie da, halten einander fest und küssen sich voller Leidenschaft in Gegenwart meiner besudelten Leiche.

Ich kann gar nicht glauben, was ich da sehe.

Weigere mich, das Bild als Realität anzuerkennen.

Doch das ist egal.

Das hier passiert.

Das hier ist real.

Hätte ich nur den Fettsack aus Stanford genommen!

Für den Job seiner Träume wäre er gerne nach Houston gezogen.

Bevor ich weiß, was ich da eigentlich tue, stürze ich mich wutentbrannt auf die beiden – und gleite ohne den geringsten Widerstand durch sie hindurch.

Für einen Moment wird alles schwarz.

Wie vorhin, als mir der Gürtel die Luft abgedrückt hat.

Dann tauche ich auf der anderen Seite wieder auf.

Leider hat sich das Bild nicht verändert.

»Was hast du?«, fragt Elizabeth, geht zumindest auf Armeslänge Abstand und sieht Marc skeptisch ins Gesicht.

Auch ich beobachte Marc ganz genau.

Der zuckt vage mit den Schultern.

Hat er was gespürt?

Einen kalten Schauer?

Irgendetwas in der Art?

»Schon okay«, wiegelt er ab. »Bin wohl etwas nervös.«

»So wie damals, als wir es auf seinem Schreibtisch getrieben haben?«, fragt Elizabeth süffisant.

»Genau«, sagt Marc, und sie küssen sich abermals.

Ich stürze mich erneut auf die beiden, ohne mehr als beim ersten Mal zu erreichen.

Darüber hinaus bin ich der Einzige, der meinen Schrei aus unkontrollierter Wut und grenzenloser Erniedrigung hören kann.

Sie lassen sich davon jedenfalls kein Stück stören.

Ich streiche wütend und machtlos um die beiden herum.

In diesem demütigenden Augenblick wünsche ich mir nichts sehnlicher als vollkommene Schwärze, denn es fühlt sich an, als hätte ich nur eine Tortur gegen die andere eingetauscht.

Endlich sind sie fertig und wenden sich meiner Leiche zu.

»Vielen Dank für die Aufmerksamkeit«, sage ich sarkastisch.

»Den Gürtel hab ich ihm vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschenkt«, sagt Elizabeth nachdenklich.

Hat sie das?

Keinen Dunst.

Automatisch frage ich mich, ob das an meinem phantomhaften Zustand liegt und ich bereits Teile meines vergangenen Lebens vergesse, oder ob der Gürtel schlicht eine dieser Banalitäten war, denen ich nie groß Beachtung geschenkt habe.

»Das nenne ich mal ein praktisches Geschenk«, meint Marc, und ich würde nun viel dafür geben, dem Scheißkerl den Hals umdrehen zu können. »Hast du schon die Polizei gerufen?«

»Noch nicht.«

»Dann mach. Je eher sie ihn da runternehmen, desto eher können wir feiern.«

Da fällt sein Blick auf die Kommode.

»Ist das sein Abschiedsbrief?«, fragt er neugierig.

Marc schnappt sich den Brief und überfliegt ihn.

»Der war nur für Elizabeth bestimmt, du Bastard!«, fauche ich ihn wirkungslos an.

»Liebe Liz«, beginnt Marc melodramatisch wie ein schlechter Theaterschauspieler. »Wenn du diese Zeilen hier liest, habe ich eine Entscheidung ge …«

»Lass das«, sagt Elizabeth.

Überrascht uns alle mit ihrem Unbehagen.

Marc sieht verwirrt vom Brief auf.

Elizabeth umfasst ihre Schultern, als würde sie frieren.

»Nicht jetzt«, erklärt sie. »Nicht hier.«

Ich schwebe direkt vor ihrem Gesicht.

»Skrupel, Liebes?«, frage ich mit falscher Süße.

Marc liest derweil schweigend zu Ende.

»Wow. Sein letztes Manuskript«, sagt er schließlich. »Da werden sie sich im Verlag aber freuen. Donnie hat immer wieder danach gefragt. Aber Dylan hat sich hartnäckig in Schweigen gehüllt. Nicht mal mit mir hat er darüber gesprochen. Ich wusste, dass er an einem Roman arbeitet, aber … Wahnsinn. Er instruiert dich hier ganz genau, wie du vorgehen sollst. Hat sogar einen Wunschtermin für den Erstverkaufstag genannt.«

Marc sieht sie erneut an.

Elizabeth.

Meine Frau.

Nein.

Meine Witwe.

»An eurem Hochzeitstag.«

Er schüttelt abfällig den Kopf.

»Sentimentaler Trottel.«

»Eigentlich möchte ich’s einfach ins Feuer werfen«, sagt Elizabeth mit einer Bitterkeit in der Stimme, die mich ehrlich erschüttert. »Seine beschissenen Bücher waren ihm immer wichtiger als alles andere. Wenn ich jetzt sein letztes Werk posthum veröffentlichen lasse, ist das wie ein Verrat an mir selbst.

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