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Horror Factory - Necroversum: Der Riss

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Die handelnden Personen
  8. 1 Syriah – 11. Februar, 11:55 Uhr
  9. 2 Mehmet – Zwei Jahre zuvor
  10. 3 Mark – 11. Februar, 11:43 Uhr
  11. 4 Mona – 8. August 2011
  12. 5 Syriah – 11. Februar, 12:12 Uhr
  13. 6 Mehmet – 10. Februar, 10:48
  14. 7 Syriah – 11. Februar, 12:22 Uhr
  15. 8 Beppo – 11. Februar, 11:47 Uhr
  16. 9 Jan – 11. Februar, 10:45 Uhr
  17. 10 Mark – 11. Februar, 12:17 Uhr
  18. 11 Beppo – 11. Februar, 12:06 Uhr
  19. 12 Jan – 13. Dezember 2012
  20. 13 Syriah – 11. Februar, 12:34 Uhr
  21. 14 Mark – 11. Februar, 12:23 Uhr
  22. 15 Mehmet – 11. Februar, 12:24 Uhr
  23. 16 Jan – 11. Februar, 12:37 Uhr
  24. 17 Syriah – 11. Februar, 12:44 Uhr
  25. Danksagung
  26. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Der Autor

Uwe Voehl lebt als freier Schriftsteller in Bad Salzuflen. Seine Erzählung »Sternenkinder« erhielt 2007 den UTOPIA-Literatur-Preis, verliehen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Aktion Mensch. Uwe Voehl veröffentlichte seinen ersten Horror-Roman 1980 und ist auch als Lektor und Herausgeber tätig – zum Beispiel für die Horror Factory.

Die handelnden Personen

Syriah: tief gefallener Engel

Mehmet Hübsch: Betreiber des legendären TCM-Diners

Mark Bennett: Biologe, stinkt nach Verwesung

Mona: Anhaltermädchen, stinkt ebenfalls danach

Beppo: Trauerclown und Visionär

Jan: Spastiker und Erretter

1
Syriah
11. Februar, 11:55 Uhr

Und er sprach zu mir: »Sahet Ihr denn nicht die Gog und Magog, die an ihren Ketten zerren und auf den Tag warten, an dem der Antichrist seine Herrschaft antreten wird?«

Ich erschauerte, denn, ja, ich hatte sie gesehen, in den lichtlosen Kerkern, in die der Herr sie einst geworfen hatte. »Aber wer sollte sich ihnen in den Weg stellen?«, fragte ich. »Und woran sollten wir erkennen, dass es an der Zeit ist?«

– Aus den Prophezeiungen des Nicodemus von Brügge, 1444

»O Gott …«

Die Erkenntnis, dass in diesem Moment etwas Schreckliches passierte, traf sie wie ein Schlag.

Gleichzeitig durchzuckte ein sengender Schmerz ihren Körper. Beinahe hätte sie aufgeschrien, biss sich aber gerade noch rechtzeitig auf die Lippen. Sie war es gewohnt, sich keine Blöße zu geben, obwohl in der allgemeinen Begeisterung wahrscheinlich niemand ihren Aufschrei mitbekommen hätte.

Auf der Domplatte regierte ein verrückter Prinz Karneval und ließ die Massen seiner Anhänger wie ausgelassene Marionetten tanzen und singen.

Nicht dass es ihr etwas ausgemacht hätte. Sie liebte es, die Ekstasen der Menschen so hautnah zu erleben, ihre Gefühle zu spüren, ihre Leidenschaft und Gier, manchmal auch nur ihre Trunkenheit. Ihr selbst waren diese Emotionen nicht vergönnt. Umso mehr hatte sie das Bad in der Menge genossen.

Dabei hatte sie es von Anfang an geahnt: Etwas hatte sie hierhergetrieben. Im Schatten der mächtigen Türme würde sich heute noch irgendetwas ereignen, das nichts mit dem Rosenmontag zu tun hatte.

Jetzt übertünchte der Schmerz alle anderen Wahrnehmungen. Sie fasste sich an die Brust. An die rechte Seite. Dort, wo bei ihr das Herz schlug.

War dies das Ende?

Dann aber erkannte sie, dass es nichts mit ihr zu tun hatte. Sie war weder Auslöser noch Empfänger der Botschaft; sie bekam sie nur zufällig mit.

Also hatte sie noch eine Chance. Noch war es nicht zu spät.

Erleichtert ließ sie den Blick schweifen. Sie war umgeben von einer Mauer Grimassen schneidender, tanzender Narren. Ein Rotkäppchen mit verschmierten Wangen zwinkerte ihr zu, ein zotteliger Wolf schwang die Arme durch die Luft, ein Pirat küsste seiner Gefährtin, einer walkürenhaften Miss Piggy, auf die Schnauze.

Zunächst war sie höflich und bat darum, sie durchzulassen. Doch als die Mauer aus Leibern nicht weichen wollte, setzte sie die Ellenbogen ein. Der Ton wurde rauer. Ein Magier raunzte sie an. Eine Fee schrie ihr etwas entgegen. Ein Matrose fragte sie mit holländisch gefärbtem Akzent, ob sie einen Schlag in die Fresse wolle.

Hilfe suchend schaute sie zum Dom, der ihr zweifelhaften Schutz verhieß. Das riesige Gotteshaus erschien ihr mit einem Mal genauso weit entfernt wie seine in den Himmel ragenden Türme. Dabei waren es nur noch zwei Dutzend Meter bis zum Portal.

Doch die Stimmung war gekippt. Sie spürte, wie die Aggressivität um sie her wie eine Dornenhecke wuchs. Doch es war nicht ihre Schuld. Nicht sie hatte den Schalter betätigt.

Das, was den Schmerz entfacht hatte, der noch immer in ihrer Brust wütete, zündelte nun inmitten der Menschenmasse.

Sie stolperte über zwei Körper, die sich in verbissenem Zweikampf vor ihr auf dem Boden wanden. Neben ihr schlug ein verrückter Professor seiner Partnerin, einer engelhaften Erscheinung, grundlos ins Gesicht. Blut spritzte aus der Nase des Mädchens und benetzte das weiße Gewand mit rotem Regen.

Sie betrachtete es als Menetekel. Wieder krampfte ihr Herz sich zusammen. Diesmal ließ der Schmerz sie aufschreien.

Augenblicklich erregte sie damit die Aufmerksamkeit zweier betrunkener Gothic Girls.

»Hier geht’s nicht weiter, Lady!«, drohte die eine, hob ihr Stachelarmband und stieß es ihr gegen die Stirn. Die zugespitzten Stachelnieten drangen in ihr Fleisch. Schwarzes Blut tropfte ihr von der Stirn ins Gesicht und rann ihr in den Mund, sodass ihr der metallene Geschmack auf der Zunge lag. Mit einer Handbewegung wischte sie das Blut ab, wodurch sie noch erschreckender aussah als zuvor.

»Was ’n das für ’ne Nummer?«, fragte eines der Gothic Girls. Sie war klein und mager und starrte ungläubig auf die schwarzen Blutperlen. Wahrscheinlich war ihr Gesicht unter ihrer weißen Schminke ebenfalls weiß geworden.

»Macht die Tussi Ärger?«, mischte sich ein vierschrötiger Indianer ein, der sie um eine Kopflänge überragte. Ehe sie antworten konnte, rammte er ihr die Faust in den Bauch.

Doch diesmal war sie gewappnet.

Die Faust prallte an ihren angespannten Muskeln ab wie an einer Wand aus Hartgummi. Ein paar Sekunden lang war ihr Gegner verwirrt. Dann sah sie die Bierflasche in seiner Hand. Der Gedanke, die Flasche als Waffe zu benutzen, stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Mit einem Handkantenschlag gegen den Hals kam sie dem Indianer zuvor. Die Gothic Girls schrien und wiegelten die Umstehenden damit weiter auf.

»Die Pissoma hat Mike totgeschlagen!«, kreischte eines der Mädchen.

Was natürlich Unsinn war. Sie hatte ihn bestenfalls eine halbe Stunde außer Gefecht gesetzt.

Gehetzt schaute sie sich um. Überall war die Menge in Bewegung. Flaschen, Gläser, Feuerwerkskörper und größere Gegenstände flogen durch die Luft.

Nirgendwo sah sie einen Ausweg.

In diesem Moment entdeckte sie die Schwarzgekleideten. Sie waren zu dritt, vielleicht zwanzig Meter von ihr entfernt, und trugen Roben, sodass sie auf den ersten Blick wie harmlose Karnevalsjecken wirkten.

Wäre nicht die Kälte gewesen, die sie sogar über die Entfernung hinweg spürte.

Das sind sie.

Sie konnten ihre Gesichter verbergen, aber nicht ihre Aura.

Auch die Feiernden schienen die Gefahr zu spüren, die von den Schwarzgekleideten ausging, denn vor ihnen teilte sich die Menge und gab den Weg frei.

Sie wusste, sie würden die Gelegenheit nutzen, um sie zu töten. Dass sie es überhaupt wagten, sich so unverblümt in der Öffentlichkeit zu zeigen, bedeutete nichts Gutes.

Sie nahm nun keine Rücksicht mehr, bahnte sich mit Fäusten und Ellenbogen ihren Weg, schubste, schlug und trat. Die Furcht saß ihr im Nacken. Sie sah sich nicht um, aber sie spürte, dass die Schwarzgekleideten näher kamen.

Endlich lag das Portal vor ihr. Die Türen waren geschlossen, doch die Kirche war geöffnet, das wusste sie.

Ein kalter Hauch streifte ihren Rücken. Hinter sich hörte sie die Feiernden aufschreien, als würden auch sie den Atem von Tod, Fäulnis und Verwesung wahrnehmen.

Ein Kirchendiener stellte sich ihr in den Weg. »Tut mir leid, Sie können jetzt nicht herein.« Offensichtlich hielt er sie für eine Betrunkene oder eine Randaliererin.

Sie fegte ihn beiseite, drängte sich an ihm vorbei durch den Seiteneingang.

Der Mann protestierte, folgte ihr aber nicht. Auch er schien mit einem Mal zu spüren, dass sich etwas Unaussprechliches, Ungeheuerliches dem Dom näherte …

Im Innern des Doms war es kalt und schummrig. Aber es war nicht die Kälte und Düsternis, die ihre Verfolger ausstrahlten. Es war eine angenehme, wohltuende Kühle, die der Dom wie immer für sie bereithielt.

Die Kirchenbänke waren nur spärlich besetzt. Einige Besucher waren im Gebet vertieft, als wüssten sie nicht, dass draußen der Karneval tobte, oder als wollten sie ihn aus Geist und Körper verbannen.

Hier im Dom herrschte eine vollkommen andere Atmosphäre. Die lärmende Welt draußen hatte hier keine Bedeutung, keine Macht; sie war nicht einmal zu hören. Kein Laut drang in die erhabene Stille. Alles wurde von den gewaltigen Mauern ferngehalten – auch die drei Kreaturen, die ihr auf den Fersen waren. Sie wusste, dass ihnen der Eintritt verwehrt war.

Zielstrebig schritt sie durch die Reihen nach vorne bis zum Südquerhaus.

Auch wenn sie vor den drei Boten geflüchtet war, hieß das nicht, dass sie dieses Ziel nicht sowieso angesteuert hätte.

Sie nahm auf der Bank Platz und betrachtete eingehend das große Fenster, das der Künstler Gerhard Richter vor ein paar Jahren erschaffen hatte. Angeblich hatte Richter die über zweiundsiebzig Farben mithilfe eines Computerprogramms zufällig den elftausend Quadraten zugeordnet, doch sie wusste es besser. Wie immer sprachen die Farben auch diesmal zu ihr, verrieten ihr elementare Geheimnisse, flüsterten von Tod und Leben, drohender Apokalypse und verlorenen Paradiesen.

In der Vergangenheit hatte sie oft dem Flüstern gelauscht, hatte sich immer wieder gefragt, ob es Zufall war. Hatte der Künstler das Fenster doch bewusst geschaffen? Oder hatte künstliche Intelligenz etwas bisher nie Dagewesenes kreiert, um mit ihresgleichen zu kommunizieren?

Wie auch immer, heute war irgendetwas anders als sonst. Einige der Farben  hatten den Platz gewechselt, andere waren verschwunden.

Plötzlich brach sich ein Sonnenstrahl in dem monumentalen Fenster und blendete sie mit einer Explosion aus Farben. Die zahllosen neuen Informationen, die sie dabei erhielt, prasselten wie Hagelschläge auf sie ein.

Sie sank auf die Knie und betete das Vaterunser.

Rückwärts.

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