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Horror Factory - Nähte im Fleisch

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. In dieser Reihe sind bisher erschienen:
  4. Der Autor
  5. Nähte im Fleisch
  6. Impressum
  7. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download
(ungekürztes Hörbuch).

In dieser Reihe sind bisher erschienen:

Wolfgang Hohlbein: Pakt mit dem Tod

Christian Endres: Crazy Wolf – Die Bestie in dir

Christian Montillon: Der Blutflüsterer

Timothy Stahl: Teufelsbrut

Uwe Voehl: Necroversum: Der Riss

Manfred Weinland: Das Grab – Bedenke, dass du sterben musst!

Michael Marcus Thurner: Die Herrin der Schmerzen

Malte S. Sembten: Der Behüter

Robert C. Marley: Die Todesuhr

Christian Endres: Rachegeist

Oliver Buslau: Glutherz

Christian Weis: Tief unter der Stadt

Michael Marrak: Epitaph

Timothy Stahl: Unheilige Nacht

Uwe Voehl: Necroversum: Der Friedhof

Michael Marrak: Ammonit

Der Autor

Malte S. Sembten, Kurd-Lasswitz-Preisträger, ist als Autor in den Genres Horror und SF zu Hause, hat aber auch schon Krimis und Fantasy veröffentlicht. Seine Erzählungen und Novellen erscheinen in Magazinen und Anthologien und liegen gesammelt in bislang fünf Storybänden vor. Eine „Best-of“-Kollektion mit dem Titel Maskenhandlungen sowie weitere Buchprojekte sind in Vorbereitung. Ausführliche Informationen bietet die Autorenhomepage: www.mssembten.de

 

Nosokomiophobie,
gebildet aus altgriechisch »nósos« (Krankheit),
»komein« (pflegen) und »phóbos« (Angst/Schrecken).
Bezeichnet den pathologischen Horror vor Krankenhäusern.

 

Kais Gesicht war blutleer. Auf der Stirn glänzte Schweiß. Seine krampfhaften Schluckbewegungen wirkten, als versuchte er, sein Essen bei sich zu behalten. Er hatte die Fäuste um das Lenkrad gekrallt und starrte durch die Windschutzscheibe auf den Eingang des Krankenhauses.

Annika legte ihre Hand auf seine. Die vorstehenden Knöchel fühlten sich kalt und hart an wie Porzellansplitter.

»Ich geh jetzt.«

Ruckartig drehte er den Kopf zu ihr. Sein Mund verzerrte sich zu etwas, das ein Lächeln sein sollte. »Ich würde dich ja gern reinbringen …«

»Ich weiß«, sagte sie und küsste ihn. »In zwei oder drei Tagen bin ich wieder draußen.«

Er nickte schwach und atmete tief durch. »Ich ruf dich an!«

»Ich lass das Handy eingeschaltet.«

Sie stieg aus dem Wagen, öffnete die Hintertür und hob ihren Rucksack von der Rückbank. Dann schlug sie beide Autotüren zu, warf Kai noch eine Kusshand zu und wandte sich ab.

Er sah ihr durch die Seitenscheibe hinterher, wie sie über den Parkplatz zügig auf den Klinikeingang zustrebte. Eine Frau im Rollstuhl wurde aus der geräumigen Drehtür geschoben, gefolgt von einem Jungen, der auf Krücken ins Freie humpelte.

Er startete den Wagen, lenkte ihn an den Reihen geparkter Fahrzeuge vorbei zur Ausfahrtsschranke. Kurz befiel ihn eine panische Angst, er könnte die fünfzehnminütige Gratisparkzeit überschritten haben und müsste nun zum Klinikeingang laufen, wo der Parkscheinautomat stand. Doch das Ticket wurde angenommen, und die Schranke hob sich.

Während er das Klinikgelände hinter sich ließ, spürte Kai, dass er sich allmählich entspannte. Nachdem er seine Freundin zum Klinikum gebracht hatte, bestand kein Grund mehr zur Eile. Annika war für 7:30 Uhr in die Aufnahme des Krankenhauses bestellt worden. Doch im Büro erwartete man ihn erst um 9:00 Uhr.

Es freute ihn, dass Annika gelassen an die Sache heranging. Vor fünf Wochen hatte sie bei einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung den Befund erhalten: Eierstockzyste. Dem CAT-Scan zufolge, der daraufhin in der Klinik gemacht worden war, handelte es sich genau genommen um einen Dermoid-Tumor. Besonders oft entwickelten sich Dermoid-Tumoren an den Ovarien junger Frauen. Ihre Entfernung war ein Routineeingriff, der stationäre Aufenthalt in der Klinik dauerte nur wenige Tage.

Diese Tumoren waren zwar gutartig, aber auch irgendwie gruselig. Dermoid-Tumoren, hatte Kai gegoogelt, waren Mischgeschwulste, sogenannte Teratome, die bereits im Embryonalstadium der Betroffenen aus primitiven, omnipotenten Keimzellen entstanden. Das Wort »Teratos« kam aus dem Griechischen und bedeutete »Schreckbild« oder »Ungeheuer«. Teratome konnten aus allen möglichen unterschiedlichen Gewebearten bestehen. Ein solcher Tumor mochte Haut, Fett, Haare, Knorpel, Knochen, organisches Gewebe und sogar fertig ausgebildete Zähne enthalten. Das Exemplar, das bei Wikipedia gezeigt wurde, sah aus wie die Hand eines Leprakranken. Doch was den Anschein von verstümmelten Fingern erweckte, waren in Wahrheit fünf menschliche Zähne, den Rest bildeten Haare und Haut. Er hatte Annika das Foto verschwiegen. Aber wahrscheinlich hatte sie selbst bei Wikipedia nachgesehen – und es danach rücksichtsvoll ihm vorenthalten.

Die nächste Ampel sprang auf Gelb, und Kai hielt an. In diesem Moment trillerte sein Handy.

Annika hatte eine SMS geschickt.

*

Der Anmeldebereich des Krankenhauses war nicht annähernd voll besetzt. Dennoch schätzte Annika, dass auf den Plätzen mindestens zwei Dutzend Wartende saßen, die vor ihr drankamen. Hin und wieder erschienen Nummern auf einer elektronischen Anzeigetafel, woraufhin Patienten ihre Plätze verließen und zu einer der Kabinen am Ende des Wartetrakts gingen.

Annika zog eine Wartenummer am Automaten und fand einen Sitzplatz, wo sie für sich war. Sie nahm das Buch mit den englischen Kreuzworträtseln zur Hand, das sie griffbereit in die Außentasche des Rucksacks gesteckt hatte. Noch während sie nach dem Kugelschreiber suchte, fiel ihr etwas ein.

Sie legte das Buch auf den Nachbarsitz. Dann holte sie ihr Smartphone aus der Jackentasche und schaltete es ein, damit sie erreichbar war, wie sie es versprochen hatte.

Sie schob das Smartphone zurück in die Tasche. Doch da kam ihr ein Gedanke.

Sie zog es wieder hervor und überlegte kurz. Schließlich formte sie einen Kussmund und fotografierte ihn. Dann schrieb sie eine Kurznachricht: Tricksen oder triezen? Aber lass die Finger von Frankensteins Bräuten! Zum Schluss hängte sie das Foto an die Nachricht und schickte sie ab.

Annika hatte sich darauf gefreut, heute Abend zusammen mit Kai zur Halloweenparty im Cineplex zu gehen. In ihr »Sexy Alien«-Kostüm hatte sie viel Geld und noch mehr Mühe investiert. Natasha Henstridge hätte sie damit zwar nicht ausgestochen. Aber Stielaugen wären den Vampiren, Werwölfen, Axtmördern und Leichenfressern dennoch gewachsen. Leider war der OP-Termin dazwischengekommen.

Auf der Anzeigentafel wurden neue Nummern aufgerufen.

Nr. 40 –> Kabine 6.

Nr. 41 –> Kabine 2.

Nr. 42 –> Kabine 8.

Annika sah, wie fast zeitgleich eine Mutter mit Kind, ein Mann auf Krücken und eine dicke Frau aufstanden.

Sie hatte gar nicht darauf geachtet, wie ihre eigene Wartenummer lautete. Annika fischte den Zettel aus der Hosentasche, den sie am Automaten gezogen hatte. Als sie die Nummer las, stutzte sie.

14/855

Das musste ein Fehler sein …

Doch in diesem Augenblick erklang der Signalton, und die nächste Nummer erschien auf der Tafel.

Nr. 14/855 -› Kabine 11.

Überrascht klaubte Annika ihren Rucksack auf und eilte zur hintersten Anmeldekabine. Die Kabine war eine schmale Box vor einem Tresen. Die Seitenwände sollten Diskretion gewährleisten. Annika ließ sich auf dem bereitstehenden Stuhl nieder.

Die andere Seite des Tresens nahm eine Krankenhausangestellte ein. Sie hockte abgewandt von Annika vor dem Computer und starrte den Bildschirm an.

»Guten Tag!«, grüßte Annika. »Mein Name ist Annika Brohkamp, und ich soll mich um 8:00 Uhr stationär in der Frauenklinik einfinden.« Sie fummelte die Einbestellung aus dem Rucksack, die das Krankenhaus geschickt hatte, und schob sie über den Tresen.

Die Frau am Computer rührte sich nicht. Ihr Profil war vollständig von den fettigen Haaren verdeckt, die wie ein dichter, dunkler Vorhang über Schläfe, Wange und Hals fielen.

Annika erwartete, dass sie ihre Krankenversicherungskarte vorlegen und Aufnahmeformulare unterschreiben musste. Stattdessen sagte die Angestellte mit heiserer, tonloser Stimme: »Gehen Sie zu den Aufzügen. Knotenpunkt B. Station 3.34.«

Annikas Blick fiel auf die Hände der Sprecherin. Sie waren in halb transparente Einweghandschuhe eingepellt. Eng wie eine zweite Haut umschmiegte das Latex die langen bleifarbenen Fingernägel und die gelblichen Geschwüre auf den Handrücken. Ohne sich zu bewegen, ruhten die Hände vor der Tastatur des Computers.

»Station 3.34. Sie werden erwartet«, wiederholte die Frau, ohne ihre Haltung zu verändern. Ihr Gesicht blieb hinter den Haarsträhnen verborgen.

Annika erhob sich hastig. Sie kämpfte ihren Ekel nieder. Heute war der 31. Oktober. Wahrscheinlich hatte die Klinikverwaltung dem Personal erlaubt, sich zu kostümieren. Feinfühlig war das nicht, wenn man bedachte, wie viele Patienten ein Krankenhaus ohnehin schon widerwillig und voller Angst betraten.

Als die Anmeldekabine bereits ein Dutzend Schritte hinter ihr lag, warf Annika einen Blick zurück. Aber der Platz vor dem Computer war leer. Die kostümierte Mitarbeiterin war verschwunden.

Fast glaubte Annika, nicht durch ein Krankenhaus zu laufen, sondern eine elegante Innenstadtpassage zu durchqueren. Den Patienten, ihren Besuchern und dem Personal standen ein Lebensmittelgeschäft, eine Buchhandlung und ein Blumenladen zur Verfügung. Ebenso ein Café, ein Bistro, ein Friseur und eine Sparkasse – um nur eine Auswahl zu nennen. Der gesamte Klinik-Komplex musste riesig sein: eine Stadt in der Stadt, ein autarkes Getto der Kranken und der Heiler.

Dann stand sie am Knotenpunkt B vor den Aufzugstüren. Die breiten Türen gehörten zu den geräumigen Bettenaufzügen und durften laut Beschilderung nur vom Personal benutzt werden.

Annika stellte sich vor eine der schmaleren Türen und drückte die Ruftaste mit dem »Aufwärts«-Symbol. Der nach oben weisende Pfeil über der Lifttür begann zu leuchten.

»Fahren sie hoch?« Ein Mädchen mit eingegipstem Bein, das sich auf Gehhilfen fortbewegte, war neben Annika vor dem Aufzug stehen geblieben.

Die Frage war überflüssig, aber Annika nickte. »In den dritten Stock.«

Endlich wechselte der Pfeil über der Lifttür von Rot zu Grün, und die Türhälften glitten auseinander. Mehrere Patienten und ein weiß bekittelter Arzt strömten heraus. Annika wartete, bis der Aufzug leer war. Dann betrat sie die Kabine und hielt die Türöffnungs-Taste gedrückt, damit das Mädchen mit dem Gipsbein genügend Zeit fand hereinzuhumpeln.

Doch die Lifttür sträubte sich. Sie blieb nicht einladend geöffnet, sondern begann zuzugleiten. Annika bearbeitete die Taste, als würde sie hektisch Geh auf! – Geh auf! – Geh auf! an die Lifttür morsen.

Nur noch ein Spalt trennte die beiden Türhälften voneinander. Erst dann stoppten sie abrupt. Doch fingen sie an zu ruckeln und zu rumpeln, als stemmten sie sich noch immer hartnäckig gegen den Öffnungsbefehl.

Annika schwenkte das Bein vor und unterbrach die Lichtschranke mit dem Fuß. Ein knirschendes Geräusch ertönte, und die Türen teilten sich widerstrebend. Das Mädchen mit dem Gipsbein lächelte Annika dankbar an und schwang sich auf den Krücken über die Kabinenschwelle.

Im selben Moment schnappten die Türhälften zu. Mit einem metallischen Klong

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