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Horror Factory - Die Todesuhr

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. In dieser Reihe sind bísher erschienen
  4. Der Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

In dieser Reihe sind bísher erschienen

Wolfgang Hohlbein: Pakt mit dem Tod

Christian Endres: Crazy Wolf – Die Bestie in dir

Christian Montillon: Der Blutflüsterer

Timothy Stahl: Teufelsbrut

Uwe Voehl: Necroversum: Der Riss

Manfred Weinland: Das Grab – Bedenke, dass du sterben musst!

Michael Marcus Thurner: Die Herrin der Schmerzen

Malte S. Sembten: Der Behüter

Der Autor

Robert C. Marley, geboren 1971, ist Autor, Kriminalhistoriker, Goldschmiedemeister, Hersteller von Zauberrequisiten und Mitglied des Magischen Zirkels. Seit seiner Jugend liebt er Edgar Allan Poe und Sherlock Holmes und besitzt ein eigenes Kriminalmuseum. Wenn er nicht gerade schreibt, neue Zaubertricks erfindet oder in Großbritannien unterwegs ist, unterrichtet er Kinder und Jugendliche in Selbstverteidigung. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in einer sehr alten Stadt in Ostwestfalen.

1

Baltimore, 8. Oktober 1849

Der Mann, der einmal Edgar Allan Poe gewesen war, stand an dem Abend, der auf seine Beisetzung folgte, auf seinen Spazierstock gestützt am Kai und sah über das schwarze Wasser zu den Schiffen hinüber, die unter dem wolkenverhangenen Himmel im Hafen von Baltimore vor Anker lagen.

Hätte ihm jemand eine Woche zuvor gesagt, er würde binnen sieben Tagen gegen eine Horde schwarzer, wurmartiger Dämonen kämpfen müssen und seiner eigenen schmucklosen Beerdigung beiwohnen, er hätte sich vermutlich halb totgelacht. Doch jetzt war ihm ganz und gar nicht nach Lachen zumute. All das war genau so geschehen. Der Kampf mit den Dämonen ebenso wie das lieblose und hastig ausgeführte Begräbnis. Er fühlte sich leer und niedergeschlagen und kam sich vor, wie eine Figur in einer seiner eigenen Erzählungen. Mit dem gesunden Menschenverstand war es nicht zu erklären. Die Würmer waren eine Sache, aber das Begräbnis hatte ihn bis ins Mark erschüttert.

Es war ein trüber, nasskalter Tag gewesen, und verborgen in der großen Menge Schaulustiger hatte er zugesehen, wie sie den schlichten Eichensarg in die Erde hinabgelassen hatten. Es waren nicht viele da gewesen, um ihn zu betrauern. Sein Cousin Neilson Poe hatte als Einziger aus seiner Familie den Weg zum presbyterianischen Westminster Friedhof gefunden. Henry Herring war dort, in Begleitung seiner Tochter Elizabeth. Collins Lee, ein ehemaliger Kommilitone von der Universität von Virginia, und Thomas Adams, der Präsident der New Yorker Versicherungsgesellschaft; wahrscheinlich nur, um sicherzugehen, dass Edgar Poe tatsächlich tot und die Auszahlung der Versicherungssumme unumgänglich war. Einige Ärzte und eine Handvoll Studenten des Washington Hospitals waren ebenfalls anwesend.

Allein sein alter Freund Doktor Snodgrass schien ihm derjenige zu sein, den Edgar Poes verfrühtes Hinscheiden wirklich traurig machte. Er hatte Tränen in den Augen.

Ein Reverend Clemm hielt die kurze Grabrede gefühllos und mechanisch. Er hatte kaum geendet, als sich die kleine Gruppe auch schon rasch zerstreute, und die Totengräber begannen, das Grab hastig zuzuschaufeln. Die ganze Zeremonie hatte nicht länger als ein paar Minuten gedauert und etwas seltsam Unwirkliches gehabt.

Das Gesicht hinter der Maskerade eines roten Vollbarts verborgen und den Zylinder tief in die hohe Stirn gezogen, wandte Poe sich ab, die Hände tief in den Taschen. Da sah er plötzlich am Rande des Grabes einen schwarzen Schatten, und das Herz schlug ihm augenblicklich bis zum Hals.

Im ersten Moment dachte er noch, es sei vielleicht doch nur der Schatten eines vorüberfliegenden Vogels gewesen, dann sah er genauer hin. Und erschrak. Ein tiefschwarzes Ding, lang und glänzend wie ein riesiger Wurm, dessen Kopf aus den Schatten des Grabes auftauchte und sich zum Licht hochreckte.

Was um Himmels willen seid ihr? Warum verfolgt ihr mich?

Nein, ein Wurm ganz sicher nicht. Poe konnte erkennen, wie das Etwas, das dünn und schwarz war wie ein Aal oder eine Schlange, direkt aus dem Grab emporkroch, sich zwischen den Beinen des Geistlichen hindurchschlängelte und mit zuckendem Schwanz hinter einem der Grabsteine verschwand.

Nein, es kroch nicht. Vielmehr schien es zu fließen! Wie ein dünnes Rinnsal Tinte, die man versehentlich ausgegossen hatte, sah es aus – nur, dass es nicht bergab, sondern bergan die dunklen erdigen Wände des Grabes hinaufzufließen schien. In seiner seltsamen Beschaffenheit erinnerte es ihn an die schwarzen, quecksilberartigen Wesen, die ihn seit einigen Tagen zu verfolgen schienen und bereits mehrfach angegriffen hatten. Es sah genauso aus, wie das Wesen, das er aus dem Maul der toten Katze in der Barnham Street hatte kriechen sehen.

Doch was ihn am meisten in Erstaunen versetzte, ja beinahe mit Entsetzen erfüllte, war die Tatsache, dass offenbar keiner der Anwesenden das Tier überhaupt zu bemerken schien.

Das Ding war so schnell aufgetaucht und wieder verschwunden, dass er sich schon Augenblicke später nicht mehr sicher war, ob ihm seine überreizten Sinne nicht doch bloß einen Streich gespielt hatten. Aber ein ungutes Gefühl blieb.

Jetzt war allerdings nicht die Zeit, sich Gedanken darüber zu machen. Es waren Aufgaben zu erledigen. Er tastete nach den Papieren in seiner Manteltasche, um sicherzugehen, dass er sich die nicht auch nur eingebildet hatte. Dann wandte er sich zum Gehen.

Er musste nach Europa reisen. Und es galt, einige Rätsel zu lösen. Etwas, worin er bislang immer sehr gut gewesen war.

2

Baltimore, 44 East Lombard Street, fünf Tage zuvor

Der Kopf brummte ihm, als er die Augen aufschlug. Er lag zwischen Bündeln von aufgeschichtetem Stroh. Bis auf eine kleine Lampe, in der schwach ein Kerzenstummel glomm, war es dunkel ringsum.

Wo zum Teufel war er?

Er konnte sich nur bruchstückhaft erinnern. Die letzten Bilder, die ihm in den Sinn kamen, waren verschwommen und unzusammenhängend: Da waren drei Männer gewesen, die ihn angesprochen hatten, als er nicht weit von seinem Hotel Rast gemacht und sich den Mantel über dem Gehrock zugeknöpft hatte. Sie waren untersetzt und kräftig gewesen, typische Schläger, wie man sie anstellte, um einen Schuldner davon zu überzeugen, dass es ratsamer war, die ausstehende Summe besser so rasch wie möglich zu begleichen. Doch hatten sie ihn nicht weiter behelligt, als er ihnen mit einem scharfen Blick signalisiert hatte, dass es besser war, die Finger von ihm zu lassen.

Außerdem hatte er, Edgar Poe, keine nennenswerten Schulden. Im Gegenteil. Die letzte Vortragsreise war ausgesprochen lukrativ gewesen. Nie zuvor im Leben hatte er so viel Geld mit sich geführt.

Er richtete sich ruckartig auf. Vielleicht war gerade das der Grund für seine jetzige Lage!

Das Letzte, woran er sich noch erinnerte, war der Tee, den er gegen die Kälte bestellt hatte. Und dass er sich ein Zimmer genommen hatte. Langsam schlichen sich die Erinnerungsfetzen wie feiner Nebel in sein Bewusstsein zurück. Ja, da war dieses Hotel gewesen. Ein ordentliches Hotel; keine von diesen heruntergekommenen Spelunken, die er manchmal besuchte, um Charakterstudien für seine Erzählungen zu machen.

Tee? – er erinnerte sich noch sehr genau daran, wie der Barkeeper die Augenbrauen hochgezogen und ihn mit einer Mischung aus Skepsis und Amüsement angesehen hatte.

Er kannte Reaktionen wie diese. Richtige Männer bestellten einen Gin oder Whiskey; kein Mensch fragte zu solch vorgerückter Stunde nach einem Tee – nicht mal Engländer. Gerade die nicht. Doch Alkohol vertrug er nicht. Schon eine winzige Menge davon genügte, und er bekam einen Vollrausch. Das war schon immer so gewesen. Wie andere Leute seines Alters Schnaps und Bier literweise zu trinken vermochten, war ihm ein Rätsel. Nach nur ein paar Tropfen wurde ihm jedes Mal dermaßen schwindelig und übel, als hätte er Gift zu sich genommen.

Während seiner Militärzeit hatte er es mehrmals versucht, und auch später in Baltimore, wenn man ihn zu den literarischen Treffen eingeladen hatte – das Ergebnis war indessen immer dasselbe gewesen: Ein kleiner Schluck Alkohol, und er war nicht mehr er selbst. Seine Kameraden in Westpoint hatten ihn oft damit aufgezogen und ihm in ihrer jugendlichen Dummheit ab und an etwas Gin in die Limonade oder Rum in den Tee geschüttet, nur um ihn zum Gespött der ganzen Kompanie zu machen. Diese Streiche waren es auch, die ihn letztlich seine Militärkarriere gekostet und zu seiner unehrenhaften Entlassung geführt hatten.

Vielleicht – nein, sehr wahrscheinlich sogar –, dachte er nun, war genau das auch in der vergangenen Nacht geschehen. Ob es der Wirt selbst gewesen war, oder ob ihm jemand anders den Alkohol in den Tee getan hatte, wer wusste das schon zu sagen. Trotzdem konnte er sich die pochenden Kopfschmerzen und die Gedächtnislücke nur so erklären. Jemand musste seine Unverträglichkeit ausgenutzt und ihn vorsätzlich vergiftet haben!

Poe schloss die Augen und schüttelte den Kopf, um klarer denken zu können. Wo war er hier?

Überall auf dem Boden lag Stroh. Über ihm die feuchten, mit graugrünen Flechten bewachsenen Mauern eines Kellergewölbes. An der hinteren Wand standen mehrere Fässer – Wein oder Bier. Er wusste es nicht. Er rappelte sich auf die Ellenbogen.

Allem Anschein nach befand er sich im Keller einer Kneipe. Wie war er hierhergekommen? Und warum war er hier? Wenn ihn jemand absichtlich betrunken gemacht hatte, dann hatte dieser Jemand mit Sicherheit auch einen ganz bestimmten Grund dafür gehabt.

Poe zwang sich, die stechenden Kopfschmerzen zu ignorieren. Er musste seine Lage einschätzen.

Vor ihm, in etwa vier Metern Entfernung, befand sich eine niedrige Holztür. Sie sah stark und bruchsicher aus. Hielt man ihn hier gefangen?

Er dachte noch immer darüber nach, wie er hierhergelangt war, als er irgendwo ein Stück neben sich jemanden stöhnen hörte.

»Hallo?« Poe setzte sich auf, und der Schmerz in seinem Kopf durchzuckte ihn wie ein Blitz. Erst jetzt bemerkte er den Mann, der gut zwei Meter von ihm entfernt zusammengekrümmt am Boden lag.

Dem Mann schien es noch schlechter zu gehen als ihm selbst. Schwerfällig hob er den Kopf, um in Poes Richtung zu sehen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, und er stöhnte leise.

Poe war urplötzlich hellwach. Auf allen vieren kroch er zu dem Mann hinüber und beugte sich über ihn. »Was ist passiert? Wo sind wir hier?«

»Wir müssen uns beeilen«, stieß der Mann hervor. »Sie müssen fort von hier, solange sie Ihnen noch die Möglichkeit dazu lassen.«

Der Mann trug seltsam fremdartige Kleider, die Poe keiner ihm bekannten Mode zuzuordnen imstande war, und sei sie auch noch so exzentrisch gewesen. Der flache, halb zerfetzte Hut des Mannes, der einem auf ein Viertel gekürzten Zylinderhut ähnelte und den man aus Stroh oder aus in schmale Streifen geschnittenen Palmblättern geflochten hatte, war das Schäbigste und Seltsamste, was er an Kopfbedeckungen je gesehen hatte. Seine Kleidung bestand aus einer Art Schoßrock aus dünnem, schwarzem und äußerst minderwertigem Alpakastoff.

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