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Horror Factory - Die Herrin der Schmerzen

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. In dieser Reihe sind bisher erschienen
  4. Der Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1
  8. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

In dieser Reihe sind bisher erschienen

Wolfgang Hohlbein: Pakt mit dem Tod

Christian Endres: Crazy Wolf – Die Bestie in dir

Christian Montillon: Der Blutflüsterer

Timothy Stahl: Teufelsbrut

Uwe Voehl: Necroversum: Der Riss

Manfred Weinland: Das Grab – Bedenke, dass du sterben musst!

Der Autor

Michael Marcus Thurner, geboren 1963, lebt und arbeitet als freischaffender Schriftsteller in Wien, nachdem er sich in mehreren Dutzend anderen Berufen versucht hat und – mit eigenen Worten – jeweils gnadenlos gescheitert ist. Er ist unter anderem als Stammautor bei der Science-Fiction-Serie PERRY RHODAN tätig. Der Heyne-Buchverlag veröffentlichte zwei eigenständige SF-Werke von ihm, Turils Reise und Plasmawelt, im November 2013 erscheint bei Blanvalet sein erster Fantasy-Roman mit dem Titel Der Gottbettler.

1

»Soll ich dir etwas bestellen?«

Marco sah irritiert hoch. Evelyn stand vor ihm und lächelte. Jene Frau, die er seit seiner Jugend verachtete.

»Nein danke.«

Mehr Höflichkeit brachte er nicht auf, nicht Evelyn gegenüber. Marco wandte sich wieder seinem Freund Blink zu. Sie sprachen über Fußball, wie meist. Über eine schlecht laufende Saison ihrer Lieblingsmannschaft und darüber, welche Spieler gekauft und welche abgegeben werden mussten.

»Ich würde dich wirklich gerne auf ein Getränk einladen.«

Evelyns Verhalten irritierte Marco. Was wollte sie von ihm? Sie hatten sich nie gut verstanden.

»Und warum?«

»Wir sollten uns endlich einmal aussprechen. Darf ich mich zu dir setzen?«

Blink grinste. »Ich möchte das junge Glück keinesfalls stören.« Er rückte beiseite, nicht ohne Marco einen vielsagenden Blick zuzuwerfen. Was Evelyn betraf, waren sie stets einer Meinung gewesen: Sie war die personifizierte Dummheit. Wie die Klassenkameradin die gemeinsame Schulzeit überstanden hatte, bot seit jeher Anlass zu Spekulationen, und erst recht, wie sie ihren Master in Betriebswirtschaft gemacht hatte. Hatte sie sich durch die Betten der Lehrer geschlafen, waren großzügige Spenden ihres Vaters an den Schul- und  Universitätsfonds geflossen?

»Na schön.« Marco zuckte mit den Schultern. »Ich hätte gerne einen Apfelsaft.«

Sie lächelte und entblößte makellose Zähne, wie Perlen aneinandergereiht. »Ich komme gleich wieder.« Sie drehte sich um und ging davon, mit einem aufreizenden Gang, der nicht mehr an den eines unbedarft dahinstolpernden vierzehnjährigen Mädchens erinnerte.

»Pass bloß auf; die will womöglich was von dir«, raunte ihm Blink zu.

»Nach all dem, was damals passiert ist?« Marco schüttelte den Kopf.

»Wahrscheinlich hat sie’s vergessen. Einzeller haben bekannterweise kein besonders gutes Erinnerungsvermögen.« Blink lachte und wandte sich, als die Frau mit den Getränken zurückkehrte, seinem Sitznachbarn zur Rechten zu.

Evelyn stellte Marco ein Glas vor die Nase, er bedankte sich mit einem stummen Nicken.

»Also?« Sie lächelte weiterhin, stur und beharrlich.

»Was also?« Er nahm einen Schluck.

»Wir haben schon lange nicht mehr miteinander gesprochen.«

»Eigentlich noch nie.« Evelyn roch gut. Sie hatte einen Duft aufgetragen, der ihn verwirrte.

»Und warum ist das so?«

»Na ja … wir haben nichts gemeinsam.« Evelyn sah gut aus. Sie war vierundvierzig Jahre alt, wie alle hier im Raum, war großgewachsen und besaß eine gute Figur mit Rundungen dort, wo er sie gerne sah.

»Woher willst du das wissen?«

»Na ja, weil … verdammt, Evi, was willst du von mir? Wir konnten uns schon während der Schulzeit nicht gut leiden.«

»Und das muss auch jetzt noch so sein? Es sind fünfundzwanzig Jahre vergangen, seitdem wir das Abitur gemacht haben. Wir sind reifer geworden, haben uns verändert. Ich habe mich verändert.«

»Wir leben in völlig verschiedenen Welten, Evi.« Marco schluckte die Worte hinunter, die ihm auf der Zunge lagen. Dass sie aus reichem Haus stammte und standesgemäß geheiratet hatte. Dass ihr nie etwas abgegangen wäre. Dass sie alles einem ganz bestimmten Lebensbild untergeordnet hatte, in dem stets der materielle Wohlstand im Vordergrund gestanden hatte. Er hingegen … Nun, er lebte. Er dachte nicht weit voraus und nahm die Tage, wie sie kamen.

»Zeig mir deine Welt, Marco.«

»Du wirst sie nicht mögen. Sie ist … schmutzig und unsortiert.«

»Vielleicht gefällt mir gerade das an dir?« Sie flüsterte ihm ins Ohr: »Das Schmutzige und Ordinäre.«

Evi war ihm verdammt nahe. Er fühlte den warmen Hauch ihres Atems auf seiner Wange. Der oberste Knopf der Bluse war offen und die Beine so übereinandergeschlagen, dass der Rockschlitz einen Blick auf ihre Oberschenkel frei ließ.

»Ist dir heiß?«, fragte sie.

»J… ja.« Marco fehlten die Worte. Der Abend des Klassentreffens nahm eine völlig unerwartete Wendung. Ausgerechnet Evi, ausgerechnet die Dumpfbacke …

Sie nahm einen Bierdeckel und steckte ihn in ihre Handtasche.

»Was hast du damit vor?«

Evelyn zuckte mit den Achseln und antwortete: »Ich sammle alle möglichen Dinge. Möchtest du mich auf meinem Spaziergang begleiten? Hier ist nicht sonderlich viel los.«

Oh ja, das Klassentreffen war langweilig. Leute, die sich bereits vor fünfundzwanzig Jahren nicht sonderlich gut verstanden hatten, saßen sich nun gegenüber und ödeten sich an. Sie waren einander fremd geworden. Man plauderte über Belanglosigkeiten und lachte über Episoden aus dem gemeinsamen Schulleben, die schon damals nicht lustig gewesen waren.

Drei ehemalige Klassenkameraden waren klug genug gewesen, gar nicht erst zu erscheinen. Drei weitere waren vorzeitig gestorben – Selbstmord, ein Zuviel an Drogen und ein Herzinfarkt waren die Ursachen gewesen. Der Kontakt zu zwei weiteren ehemaligen Klassenkameraden war während der letzten Jahre völlig abgerissen.

»Langweilig. Ja.« Frank nickte ihr zu. Er musterte sie von oben bis unten und beobachtete interessiert, wie Evi Luft einsog, den Mund rund machte, sich über die Lippen leckte. »Lass uns Spaß haben.«

Sie kamen nicht weit, bloß bis zur Damentoilette des Restaurants. Und sie hatten Spaß. Mehr, als Marco jemals gedacht hätte.

*

Nach dem überraschenden Ende dieses Abends hörte Marco lange nichts mehr von Evelyn. Sie waren ihrer Wege gegangen, nachdem sie die Telefonnummern ausgetauscht und sich gegenseitig versichert hatten, sich bald mal wieder zu verabreden. Küsschen hier und Küsschen da, ein letztes Abschiedswort – und das Klassentreffen war für sie beide zu Ende gewesen.

Marco nahm einen Job an, um als Tontechniker die Fertigstellung einer Dokumentation über Schmetterlingszucht zu begleiten. Ein langweiliges Thema, gewiss, aber die Arbeit brachte ihn weit, weit weg von Wien – und vor allem weit weg von den seltsamen Ideen, die ihm durch den Kopf spukten. In Vorarlberg hoffte er, wieder zu sich zu kommen und zu verstehen, was da mit Evi vor sich gegangen war. Er legte sein Handy beiseite und schwor sich, es nicht anzurühren, bis der Job erledigt war – um es dann doch in jedem freien Moment einzuschalten und zu überprüfen, ob seine Klassenkameradin ihm eine SMS geschickt hätte.

Nichts.

Sie interessierte sich nicht für ihn. Sie hatten guten und wilden Sex gehabt – und das war es auch schon gewesen.

Ungeschützten Sex, erinnerte Marco sich, und fühlte eine Gänsehaut den Rücken hochkriechen.

Er sah während seiner Zeit in Vorarlberg so viele Schmetterlinge aus nächster Nähe aus schleimigen Kokons schlüpfen, dass er am Ende der dritten Arbeitswoche einen Brechreiz empfand, sobald er auch nur an sie dachte. Er applaudierte besonders laut, als die Arbeit abgeschlossen wurde. Jürgen, der Ideengeber des Projekts, das für die Wissenschaftsabteilung des staatlichen Fernsehens produziert worden war, spendierte allen Beteiligten billigen Sekt. Es wurde ausgelassen, mitunter hysterisch, gefeiert, wie es am Filmset nun mal so üblich war.

Der Kameramann mit dem großen Namen steckte seinem Assistenten mit dem nicht ganz so großen Namen ein kleines Tütchen zu, klopfte ihm generös auf die Schulter und zog ihn mit sich, hin zu einem der Waschräume. Die ehrgeizige Assistentin lachte viel zu laut und viel zu nervös, als ein Sponsorenvertreter sie mit zunehmender Trunkenheit immer ungenierter begrapschte. Doch sie ließ es geschehen; er war schließlich ein einflussreicher Mann im Imperium des Giebelkreuzes, und er lockte sie schon seit einigen Tagen mit Aussichten auf einen tollen Job. Aus einem Nebenraum drangen Geräusche, die die Anwesenden lange rätseln ließen, wer denn da so heftig zugange war. Es stellte sich heraus, dass zwei Lichttechniker und eine Maskenbildnerin fehlten. Die Dame mit dem Spitznamen »Die Spinne« war bereits jenseits der sechzig. Doch immer noch gingen ihr junge Männer ins Netz, so wie auch Marco selbst einmal in den Genuss ihrer beeindruckenden Fähigkeiten gekommen war, damals, als er im Filmgeschäft begonnen hatte.

Er hatte dieses Leben so satt …

Alles war oberflächlich, die Leute stets nur aufs schnelle Glück aus, bevor sie sich aufs nächste Projekt stürzten. Sie waren wie Angehörige eines Wanderzirkus, der von Stadt zu Stadt zog. Allesamt hatten sie keine Wurzeln, allesamt waren sie kaum in der Lage, irgendwelche Bindungen aufzubauen.

Marco starrte aufs Display des Handys. Nichts. Seine Mutter sorgte sich um ihn, und Blink wollte ihn treffen, sobald er in Wien zurück war. Von Evi jedoch war keine Nachricht gekommen.

Marco gab ihre Nummer ein. Er kannte sie längst auswendig. Er starrte die elfstellige Ziffernkombination an, sein Daumen verharrte über dem Verbindungssymbol, wie immer während der letzten Tage. Er hatte die Taste noch nie gedrückt. Wollte nicht schwach werden. Wollte nicht zugeben, dass er mehr Sehnsucht nach ihr hatte als sie nach ihm.

Marco senkte zögernd den Finger, das Handy stellte die Verbindung her. Er hörte sein Herz laut schlagen. Was war bloß los mit ihm?

»Diese Nummer ist nicht belegt«, sagte eine weibliche Automatenstimme. »Erkundigen Sie sich bitte bei Ihrem …«

Marco unterbrach die Verbindung. Teils zornig, teils erleichtert. Evi hatte ihm eine falsche Nummer gegeben. Sie verhielt sich so, wie er es normalerweise bei One-Night-Stands tat.

*

Zurück in Wien, überlegte er, ob er Blink in die Details seines kleinen Abenteuers einweihen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sosehr er den Freund auch schätzte – Blink würde Kübel voller Spott über ihm ausschütten. Sie beide waren sich stets einig gewesen, dass Evi zwar recht gut aussah, es ihre geistige Tieffliegerei aber unmöglich machte, auch nur irgendwelche Sympathien für sie zu empfinden. Marco hätte zugeben müssen, dass sie wie Karnickel gerammelt hatten und er so viel Spaß empfunden hatte wie selten zuvor in seinem Leben.

Marco versuchte, Evelyn aus seinen Gedanken zu verdrängen. Doch immer wieder kamen die Erinnerungen an ihren festen Körper hoch und an die Hitze, die sie ausgestrahlt hatte.

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