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HONOR HARRINGTON: Wie Phoenix aus der Asche

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Sternenkarte
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  53. 48
  54. PERSONEN DER HANDLUNG
  55. GLOSSAR UND ANMERKUNGEN

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Karte

1

Admiral Lady Dame Honor Harrington stellte sich dem stummen emotionalen Wirbelsturm auf der Hangargalerie von ENS Farnese und kämpfte gegen ein starkes Schwindelgefühl an.

Durch das Armoplastfenster im Galerieschott blickte sie in den strahlend hell erleuchteten, makellosen Hangar und versuchte, dessen ungerührte Sterilität als geistigen Schild gegen den Gefühlsorkan zu wenden, ohne dass ihr dieser Kniff sonderlich viel nutzte. Wie tröstlich: Sie brauchte sich dem Gefühlschaos wenigstens nicht allein zu stellen; als sich der Baumkater im Traggestell auf ihrem Rücken rührte, verzog sie unwillkürlich die bewegliche Hälfte ihres Mundes zu einem schiefen Grinsen. Nimitz hatte die Ohren halb an den Kopf gelegt, denn auf ihn drangen die gleichen emotionalen Böen ein. Wie alle Angehörigen seiner empathisch begabten Spezies war er für die Gefühle anderer Wesen jedoch weit empfänglicher als Honor, und er wusste scheinbar nicht so recht, ob er der schieren Intensität des Augenblicks panikartig entfliehen oder das euphorische Hochgefühl genießen sollte, das ihm durch den Endorphin-Überschuss seiner Umgebung erwuchs.

Honor sagte sich, dass sie und ihr ’Kater Situationen wie diese immerhin gewöhnt seien. Schon über drei Standardwochen lag der umwerfende Moment zurück, in dem ihre Leute begriffen hatten, dass ihre zusammengeschusterte und improvisierte Kampfgruppe – von ihnen selbst halb-spöttisch ›Elysäische Navy‹ genannt – tatsächlich einen kompletten havenitischen Kampfverband vernichten und genügend Schiffsraum kapern konnte, um jeden Häftling in die Freiheit zu transportieren, der den Gefängnisplaneten Hades verlassen wollte. Damals hatte Honor geglaubt, nichts könne dem Triumphsturm gleichkommen, der in diesem Augenblick des Begreifens durch ihr ehemals havenitisches Flaggschiff donnerte – nur für sie und Nimitz hörbar. Doch in mancher Hinsicht erschien ihr das Frohlocken, das nun auf sie einströmte, noch stärker. Während der Reise von der Gefängniswelt, welche die Volksrepublik Haven für die ausbruchsicherste Strafanstalt aller Zeiten gehalten hatte, war die Vorfreude der ehemaligen Gefangenen auf ein Leben in Freiheit zu einem regelrechten Siegestaumel angewachsen. Einige Entkommene, wie etwa Captain Harriet Benson, die Kommandantin von ENS Kutuzov, hatten seit über sechzig T-Jahren nicht mehr die Luft eines freien Planeten geatmet. Diesen Menschen blieb kein Rückweg in das Leben, aus dem sie gerissen worden waren, doch brannte in ihnen heiß das Bedürfnis, ein neues zu beginnen. In ihrer Ungeduld waren sie nicht allein. Kriegsgefangene, die nur wenig Zeit im Gewahrsam des havenitischen Amts für Systemsicherheit verbracht hatten, wollten ihre Lieben wiedersehen; und im Gegensatz zu den ehemaligen Häftlingen, die Jahrzehnte auf dem Planeten verbracht hatten, den alle Hell, Hölle, nannten, konnten sie das Leben wieder aufnehmen, mit dessen Ende sie sich bereits abgefunden hatten.

Diesem Verlangen nach einem Neubeginn stand ein ebenso starkes Gefühl im Wege, das man mit gewissem Recht Bedauern nennen durfte: das Bewusstsein, an einer Geschichte teilgenommen zu haben, die andere immer wieder erzählen und ausschmücken würden, bis sie größer geworden war als die Wirklichkeit – und die bittere Erkenntnis, dass alle Geschichten einmal enden.

Honors Leute waren sich bewusst, dass sie einen unbezwingbar anmutenden Widerstand überwunden hatten und nun deshalb diesen Augenblick erleben durften: in diesem Sonnensystem auf dieser Hangargalerie zu stehen. Angesichts dieser Leistung konnten alle Ausschmückungen nur unnötig erscheinen, welche die Geschichte – gewiss von allein – im Laufe der Jahre erführe. Sie wären nichts als oberflächlicher, belangloser Zierrat.

Hier aber lag das Bedauern begründet: Sobald Honors Leute die Farnese verließen, ließen sie auch die Gefährten zurück, mit denen sie diese wahre Geschichte geschaffen hatten. Unausgesprochen wussten sie alle, dass es Menschen nicht vergönnt ist, Augenblicke wie diese zu bewahren – solche Momente berühren sich mit dem Leben nur flüchtig. Nie würden sie vergessen, was sie erlitten und was sie unternommen hatten, aber ihnen gehörte nur die Erinnerung, die Wirklichkeit entzog sich ihrem Besitz. Und je mehr die beklemmende Furcht und das Entsetzen nachließ, die sie in ihrem Herzen auch nach der Flucht noch immer empfanden, desto kostbarer und unerreichbarer würde ihnen die Wirklichkeit sein.

Die Gefühle, die Honor umbrandeten, erfuhren erst durch diesen Zwiespalt ihre wahre Stärke – und diese Stärke konzentrierte sich auf Honor, die Anführerin, das Symbol des Triumphs und Verlustes zugleich.

Ihr war es entsetzlich peinlich, vor allem, weil ihre Leute nicht ahnten, dass Honor deren Gefühle spürte. Sie kam sich vor, als würde sie bei Menschen, die ihr vertrauten, draußen unter dem offenen Schlafzimmerfenster hocken und geflüsterte Gespräche belauschen, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren. Dass sie keine Wahl hatte – dass sie die Gefühle der Menschen in ihrer Nähe nicht mehr auszusperren vermochte –, flößte ihr nur ein umso grimmigeres Schuldgefühl ein.

Am meisten aber bedrückte Honor, dass sie ihren Leuten niemals vergelten könnte, was sie ihr gegeben hatten. Die ›Elysäer‹ glaubten zwar, Honor habe das meiste geleistet, doch da irrten sie sich. Die Flucht war allein deshalb gelungen, weil ihre Leute nicht nur alles getan hatten, was Honor von ihnen verlangte, sondern sogar mehr. Die Elysäer stammten aus den Streitkräften Dutzender Sternennationen und hatten ihren Peinigern die schwerste Niederlage zugefügt, die diese bisher hinnehmen mussten: Sie hatte sich vereinigt und erhoben, obwohl die Haveniten glaubten, sie bereits auf die Mülldeponie der Geschichte verfrachtet zu haben. Die Niederlage Havens bedeutete nicht etwa solch einen schweren Schlag, weil Millionen Tonnen von Schiffsraum vernichtet worden waren, und die Aufständischen hatten auch kein einziges Sonnensystem erobert – nein, die Niederlage hatte etwas erschüttert, das man in der Volksrepublik von jeher für unantastbar gehalten hatte. Die Erhebung auf Hell hatte dem wichtigsten Terrorinstrument im Arsenal der Unterdrückung den Garaus gemacht: dem Mythos von der Allmacht des Amts für Systemsicherheit.

Getan aber hatten die Elysäer es für Honor. Als sie versuchte, ihnen nur einen winzigen Bruchteil ihrer Dankbarkeit zu zeigen, war sie gescheitert. Anderen Menschen fehlte der zusätzliche, empathische Sinn, den Honor entwickelt hatte: die Fähigkeit, gefühlsmäßig zu erkennen, was mit dem behäbigen Verständigungsmittel der menschlichen Sprache kaum auszudrücken war. So sehr Honor sich bemüht hatte, sie konnte nicht einmal eine Kerbe in die Ergebenheit schlagen, die diese Menschen für sie empfanden.

Wenn, ja wenn …

Ein klares, melodisches Glockensignal – nicht laut, aber eindringlich – unterbrach ihre Gedanken. Die erste Pinasse steuerte den Hangar an, und Honor atmete tief durch. Dem führenden Raumfahrzeug folgten weitere Beiboote, darunter Dutzende Pinassen der drei Schlachtgeschwader, von denen die Farnese abgefangen worden war, und über ein Dutzend Schwerlast-Personenshuttles vom Planeten San Martin. Hinter der Führungspinasse bildeten sie eine Warteschlange und hielten Position, bis sie an die Reihe kamen. Als Honor klar wurde, was die Ankunft der Personenshuttles bedeutete, verbarg sie auf der Stelle ihre Erleichterung. Sie und Warner Caslet, der Erste Offizier der Farnese, hatten den Schlachtkreuzer wie die anderen Schiffe der Elysäischen Navy bis zum Bersten voll stopfen müssen, um alle Flüchtigen unterzubringen. Da bei den Lebenserhaltungssystemen von Kampfschiffen grundsätzlich gewaltige Sicherheitsreserven eingeplant wurden, hatten sie die Überlast (gerade eben) verkraftet, doch war der Platz in den Schiffen äußerst knapp gewesen. Nachdem die Lebenserhaltungssysteme so viele Tage lang derart übermäßig beansprucht worden waren, mussten sie unbedingt gewartet werden. Die Personenfähren, die nun vor dem Hangar ausharrten, waren nur die erste Welle der Beiboote, die Honors Leute aus der sardinenbüchsenhaften Enge des Schlachtkreuzers befreien und nach San Martin bringen sollten. Durch seine hohe Schwerkraft eignete sich der gebirgige Planet nicht gerade als Erholungsort, aber wenigstens gab es dort sehr viel Platz. Nach vierundzwanzig T-Tagen in den überfüllten Mannschaftsräumen der Farnese ließ es jeden ziemlich kalt, ob er oder sie plötzlich doppelt so viel wog wie sonst – Hauptsache, man durfte dafür den unfassbaren Luxus genießen, sich behaglich ausstrecken zu können, ohne dabei jemand anderem mit dem Daumen ein Auge auszustechen.

Honor spürte, wie sehr sich ihre Leute das Ende der Beengung herbeisehnten, und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Führungspinasse. Sie wusste, welcher Offizier in dem Beiboot saß. Mehr als zwei T-Jahre waren vergangen, seit sie ihm begegnet war, und sie hatte geglaubt, die zwiespältigen Gefühle, die sie für ihn empfand, mittlerweile überwunden zu haben. Nun aber musste sie erkennen, dass sie sich getäuscht hatte, denn mit weit verworreneren und aufgewühlteren Gefühlen als alle Flüchtigen ringsum sah sie dem Moment entgegen, in dem sie ihn begrüßen müsste.

Der Admiral der Grünen Flagge Hamish Alexander, Earl von White Haven und Kommandeur der Achten Flotte, konzentrierte sich ganz darauf, eine völlig reglose Miene zu bewahren, während die Pinasse das Rendezvous mit dem Schlachtkreuzer ausführte, dem sein Flaggschiff, GNS Benjamin the Great, entgegengekommen war. Dieser Schlachtkreuzer, ENS Farnese, war ein Schiff der havenitischen Warlord-Klasse. Was zum Teufel soll das sein, ein ›ENS‹?, überlegte White Haven. Hätte ich doch gleich danach gefragt.

Der Schlachtkreuzer schwebte weit systemauswärts vor den stecknadelspitzengroßen Sternen, wo keines Menschen Auge ihn zufällig erblicken und seine havenitische Herkunft entdecken konnte. Noch ist es nicht so weit, dachte White Haven, während er durch das Sichtfenster das Schiff betrachtete, das sich jeder logischen Überlegung zufolge dort nicht hätte befinden dürfen. Noch können wir nicht bekannt geben, dass eine ENS Farnese existiert.

Die Farnese zeigte die typische grazile Arroganz eines Schlachtkreuzers, obwohl sie sogar noch größer war als ein Schiff der manticoranischen Reliant-Klasse. Verglichen mit White Havens Flaggschiff, einem Superdreadnought, erschien sie natürlich winzig, aber objektiv war sie ein großes und sehr kampfstarkes Schiff. Der Admiral kannte die Warlords; er hatte die Analysen des ONI und die Bewertungen dieser Schlachtkreuzer-Klasse gelesen. Er war auch Zeuge gewesen, wie Schiffe unter seinem Befehl Warlords vernichtet hatten. Zum ersten Mal aber näherte er sich einem solchen Schiff dicht genug, um es mit bloßen Augen sehen zu können. Nie im Leben hätte White Haven erwartet, einen Warlord aus der Nähe zu erblicken, es sei denn in der fernen Zukunft, wenn in diesem Teil der Milchstraße wieder Frieden herrschte.

Und das wird so bald nicht der Fall sein, sagte er sich grimmig hinter der Bastion seines ungerührten Gesichts. Wenn ich mir dahingehend irgendwelche träumerischen Illusionen gemacht hätte, dann sollte mich allein der Anblick dieser Farnese schleunigst davon kuriert haben.

Er biss die Zähne zusammen, während der Pilot befehlsgemäß der Steuerbordseite des Schlachtkreuzers folgte. Eingehend musterte White Haven die Gefechtsschäden der Farnese. Die schwere, mehrschichtige Panzerung hatte sich tatsächlich gewellt. Die oberen Lagen aus projektilbremsendem Panzermaterial wirkten verschlackt und zerflossen; die dazwischen liegenden ablativen Schichten, die unter Hitze verdampften und dadurch die Energie forttrugen und zerstreuten, hatten Blasen geworfen und waren teilweise verkohlt; ausgeweidet waren die Sensoren und Lasercluster der Nahbereichsabwehr, die einst die Flanke des Schlachtkreuzers bedeckt hatten. Es hätte White Haven überrascht, wenn auch nur die halbe Breitseitenbewaffnung noch gefechtsklar gewesen wäre; keinesfalls konnten die Steuerbord-Seitenschildgeneratoren noch wirksam vor feindlichem Beschuss schützen.

Das sieht ihr ähnlich, dachte er missgestimmt, fast ärgerlich. Warum in Gottes Namen kann diese Frau kein einziges Schiff intakt zurückbringen? Was zum Teufel treibt sie …?

Er brach den Gedanken ab und verzog widerwillig belustigt den Mund. Ein solcher Gedanke steht einem Offizier meines Rangs in einem Augenblick wie diesem nicht an, ermahnte er sich. Bis vor – er warf einen Blick auf das Chronometer – sieben Stunden und dreiundzwanzig Minuten hatte er wie die gesamte Manticoranische Allianz Honor Harrington für tot gehalten. Er kannte den garstigen HoloDrama-Bericht über ihre Hinrichtung; noch jetzt schauderte ihm, wenn er an den schrecklichen Augenblick dachte, in dem sich die Falltür des Schafotts öffnete und sie …

Er verdrängte das Bild und schloss die Augen. Seine Nasenflügel bebten, als er sich ein anderes Bild in Erinnerung rief, ein Bild, das er weniger als acht Stunden zuvor auf seinem Comdisplay erblickt hatte: ein starkes, grazil gemeißeltes, halbseitig gelähmtes Gesicht, das von einem kurzen Schopf halb zerzauster Locken eingerahmt wurde. Ein Gesicht, von dem er bis dahin geglaubt hatte, es niemals wiederzusehen.

White Haven blinzelte und atmete nicht zum ersten Mal tief durch. Myriaden Fragen schossen ihm durch den Kopf, sämtlich aufgeworfen durch die bloße Möglichkeit, Honor Harrington könne doch überlebt haben. Ganz gewiss war er damit nicht allein. Wenn es sich erst herumsprach, stürzte sich jeder einzelne Journalist in der Allianz - und ohne Zweifel die Hälfte aller solarischen Reporter, dachte er – auf Honor und jeden, der sie begleitet hatte. Jedes Versteck würden sie ausfindig und unsicher machen. In ihren Anstrengungen, noch die allerkleinste Einzelheit der unglaublichen Geschichte zu erfahren, würden sie ihre Opfer bitten, anflehen, bedrängen, bestechen und möglicherweise sogar zu Drohungen Zuflucht nehmen. Obwohl die Fragen, die diese Reporter stellen würden, auch White Haven keine Ruhe ließen, verblassten sie vor der Tatsache, dass Honor Harrington überlebt hatte.

Harrington gehörte zu den besten Raumoffizieren ihrer Zeit. Nun war das unschätzbare militärische Potenzial, das sie darstellte, der Allianz sozusagen aus dem Reich der Toten wiedergegeben worden. White Haven musste jedoch gestehen, wenn auch nur sich selbst, dass er ihrer Wiederkehr nicht nur aus militärischen Gründen solche Bedeutung zumaß.

Seine Pinasse folgte einer bogenförmigen Bahn unter der gewölbten Flanke der Farnese und steuerte den Hangar an. Hamish Alexander spürte einen sanften Stoß, als die Traktorstrahler das kleine Beiboot ergriffen, und riss sich zusammen. Er hatte bereits einmal einen Kardinalfehler begangen und versehentlich – irgendwie – bekundet, dass er in der Frau, die über zehn Jahre lang sein Protegé gewesen war, plötzlich mehr sah als eine brillante Untergebene und ein wertvolles Instrument für die Royal Manticoran Navy. Noch immer konnte er sich nicht erklären, wie er sich damals verraten hatte, er wusste nur, dass es geschehen war. Er hatte gespürt, welche Gezwungenheit plötzlich zwischen ihnen herrschte, und nie hatte er vergessen können, dass Honor Harrington früher als nötig in den aktiven Flottendienst zurückgekehrt war, um eben dieser Gezwungenheit zu entgehen. Zwei Jahre lang musste White Haven mit dem Wissen leben, dass sie nur aufgrund ihrer vorzeitigen Rückkehr den Einsatz zugeteilt bekam, bei dem sie in einen havenitischen Hinterhalt geriet und gefangen genommen wurde – sodass die Haveniten an ihr ein Exempel statuieren konnten.

Wie Säure nagte dieses Wissen an ihm, und immer wieder bestrafte er sich, indem er den HD-Bericht von Honor Harringtons Hinrichtung ansah. Durch einen eigenartigen Mechanismus hatte ihr Tod es ihm erspart, sich mit den Gefühlen auseinander zu setzen, die er ihr entgegenbrachte – und dieses Versäumnis wog nun umso schlimmer, da er wusste, dass sie nicht tot war. Wieso musste er sich auch ausgerechnet in eine Frau verlieben, die halb so alt war wie er und nie auch nur das leiseste romantische Interesse an ihm gezeigt hatte! Er war mit einer anderen Frau verheiratet, die er tief und leidenschaftlich liebte, obwohl ihre Verletzungen sie seit fast fünfzig T-Jahren an einen Lebenserhaltungssessel fesselten. Kein Mann von Ehre hätte es so weit kommen lassen, er jedoch schon, und er war sich selbst gegenüber zu aufrichtig, als dass er sein Fehlverhalten verleugnet hätte, nachdem es ihm erst zur Gänze bewusst geworden war.

Oder gefalle ich mir nur zu sehr in der Rolle des ach so Sebstkritischen, als dass ich mir etwas vormachen würde?, überlegte er sarkastisch, während die Traktorstrahler seine Pinasse aus der tiefen Schwärze des Alls in die hell erleuchtete Hangaröffnung zogen. Natürlich musste ich erst warten, bis sie tot war, bevor ich diesen plötzlichen Ausbruch von Aufrichtigkeit mir selbst gegenüber wecken konnte. Wenigstens bin ich am Ende so weit gekommen … ach, verdammt noch mal!

Mit Hilfe ihrer Schubdüsen und Kreisel rollte die Pinasse und setzte sich auf die Pralldämpfer. White Haven gab sich im Stillen ein Versprechen. Was für ein Mann er auch sein mochte, Honor Harrington war jedenfalls eine Frau von Ehre. Seiner eigenen Gefühle konnte er sich vielleicht nicht erwehren, aber er konnte sehr wohl verhindern, dass sie jemals etwas von ihnen bemerkte, und das nahm er sich fest vor. So viel konnte er noch immer tun.

Die Pinasse kam zur Ruhe, Dockarme schlossen sich, Nabelschnüre schlängelten sich herbei. Hamish Alexander stand von seinem gepolsterten Sitz auf. Lächelnd blickte er die Reflexion auf dem Armoplast des Sichtfensters an und musterte dabei sein Gesicht. Erstaunlich, wie natürlich ich aussehe, dachte er und nickte seinem Spiegelbild zu. Dann straffte er die Schultern und wandte sich zur Luke.

Über der Personenröhre zeigte ein grünes Licht dichten Verschluss und Luftdruck an. Honor legte die Hand auf den Rücken, als die galeriewärtige Luke zur Seite glitt. Noch immer erstaunte es sie, wie unbeholfen sie sich mit nur einer Hand vorkam. Sie schüttelte den Gedanken ab und nickte Major Chezno zu, dem Befehlshaber des Marineinfanteriedetachments der Farnese. Chezno erwiderte das Nicken, machte auf dem Absatz kehrt und wandte sich der Ehrenwache zu, die hinter den angetretenen Navyleuten stand.

»Ehrenwache, Aach-tunk!«, bellte er, und Hände klatschten auf die Kolben von ehemals havenitischen Pulsergewehren. Parademäßig nahmen die ehemaligen Gefangenen Haltung an. Honor beobachtete sie mit gewissem Besitzerstolz und war nicht einmal versucht zu lächeln. Gewiss, mancher hätte es absurd gefunden, dass Männer und Frauen, die so eng in ihr Schiff gepackt worden waren wie eiserne Rationen in die Büchsen, ihre Zeit mit Exerzieren verschwendeten; noch absurder erschien es, dass sie dabei auch noch so etwas wie Perfektion anstrebten – zumal sie wussten, dass ihre Einheit aufgelöst wurde, sobald sie ihr Ziel erreicht hätte. Die Besatzung der Farnese hingegen hielt es keineswegs für absurd – und Honor Harrington ebenfalls nicht.

Wahrscheinlich bekunden wir auf diese Weise, wer und was wir sind. Wir sind keine gewöhnlichen Kriegsgefangenen oder politischen Häftlinge, die sich zum Trost wie die Schafe aneinander drängen, während sie vor den Wölfen fliehen. Hier sind wir die ›Wölfe‹, und bei Gott, wir wollen, dass jeder es weiß! Honor schnaubte amüsiert. Nicht, dass sie sich über die Marines und ihren Drill belustigt hätte, nein, sie amüsierte sich über sich selbst. Honor schüttelte den Kopf. Was diese Leute angeht, machen wir uns wahrscheinlich doch ein wenig zu sehr der Hybris schuldig.

Kaum schwebte der erste Pinassenpassagier durch die Röhre, als die Navyleute ebenfalls Haltung annahmen. Honor atmete noch einmal tief durch und wappnete sich für das Kommende. In der Royal Manticoran Navy war es Tradition, dass der ranghöchste Offizier als letzter Passagier an Bord eines Beiboots ging und es als Erster wieder verließ. Schon lange bevor der hoch gewachsene, breitschultrige Mann im makellosen Schwarz und Gold eines RMN-Admirals die Haltestange ergriff und sich aus der Schwerelosigkeit der Röhre ins künstliche Gravitationsfeld des Schiffes schwang, wusste sie, wer vor sie treten würde.

Bootsmannspfeifen schrillten – die altmodische, mit Lungenkraft betriebene Variante, eine Konzession an die Traditionalisten innerhalb der Elysäischen Navy –, und der Admiral nahm Haltung an. Er salutierte vor dem Ersten Offizier der Farnese, der die Seite kommandierte. Trotz seiner sechzigjährigen Erfahrung im Flottendienst zeigte sich der Admiral erstaunt, und Honor konnte es ihm nicht verdenken. Sie spürte, dass ein breites – wenngleich halbseitiges – Grinsen durch die Fassade der Disziplin auf ihrem Gesicht zu brechen drohte. Während der Comgespräche mit den Verteidigungskräften von Trevors Stern, in denen sie die Vertrauenswürdigkeit ihres Schiffes beweisen musste, hatte sie es mit Absicht unterlassen, die Identität ihres I.O.s preiszugeben. Der Earl von White Haven verdiente durchaus die eine oder andere Überraschung, und er hätte wohl als Letztes erwartet, an Bord dieses Schiffes von einer Seitenmannschaft begrüßt zu werden, die ein Mann in der Paradeuniform der Volksflotte von Haven kommandierte.

Der Befehlshaber der Seitenmannschaft erwiderte die Ehrenbezeugung des Admirals, und Hamish Alexander bemühte sich um Fassung. Ein Havie? Hier? Trotz aller Anstrengung zeigte sich sein Erstaunen, aber White Haven glaubte kaum, dass irgendjemand es ihm übel nahm. Nicht unter diesen Umständen.

Er ließ den Blick über das kunterbunte Durcheinander hinter dem Haveniten schweifen, während die Bootsmannspfeifen weiter schrillten. Erneut überkam ihn Erstaunen. Dieses visuelle Chaos gehorchte keiner durchdachten Farbkomposition, und einen kurzen Moment lang wusste er nicht einzuordnen, was er dort eigentlich sah. Im nächsten Augenblick aber begriff er und empfand Anerkennung. Woran auch immer es den Gefangenen auf Hades gemangelt hatte, auf dem Planeten gab es offensichtlich Gewebeextruder und Nähautomaten, und unter den Gefangenen war jemand, der sie zu bedienen wusste. Die Leute auf der Galerie trugen die Uniformen derjenigen Streitkräfte, in denen sie gedient hatten, bevor die Volksrepublik sie auf dem ›ausbruchsicheren‹ Gefängnisplaneten abgesetzt hatte, und wenn die kunterbunte Zusammenstellung von Farben, Litzen und Kopfbedeckungen auch verwirrender war, als es dem auf Sauberkeit und Ordnung bedachten militärischen Verstand zusagte – wen scherte es? Viele der Raum- und Bodenstreitkräfte, zu denen diese Uniformen gehörten, existierten seit mehr als einem halben T-Jahrhundert nicht mehr. Sie waren von dem Moloch Volksrepublik Haven unterworfen worden; oft hatten sie mit Zähnen und Klauen bis zum Ende gekämpft, doch unweigerlich bestand dieses Ende in einer bitteren Niederlage – aber wiederum: Wen scherte es? Diese Menschen hatten sich das Recht erworben, ihre Uniformen zu neuem Leben zu erwecken, und Hamish Alexander ereilte der deutliche Verdacht, dass es recht … unklug gewesen wäre, ihre Garderobe zu kritisieren.

Endlich verstummten die Pfeifen, und White Haven ließ die Hand vom Rand seines Baretts herabsinken.

»Bitte um Erlaubnis, an Bord zu kommen, Sir«, sagte er förmlich.

Der Havenit nickte. »Erlaubnis erteilt, Admiral White Haven«, antwortete er und trat mit einer höflich-einladenden Geste zurück.

»Vielen Dank, Commander.« White Haven stand seinem Gegenüber an Höflichkeit in nichts nach, und ein Zuschauer, der nicht bemerkte, wie geistesabwesend seine Freundlichkeit war, hätte ihm gewiss kein Versäumnis nachgetragen.

Andererseits konnte niemand ahnen, welche Gefühle hinter White Havens kühlen, eisblauen Augen loderten, als er den Blick von dem Haveniten abwandte und die große, einarmige Frau ansah, die gleich hinter der Seitenmannschaft wartete.

Sie hafteten an ihr, diese Augen, doch auch hier gab es nichts zu verargen. Zweifellos war auch Lazarus von den Menschen angestarrt worden.

Sie wirkt, als hätte sie die Hölle hinter sich – und sie sieht wunderbar aus, dachte er und bemerkte, dass sie die blaue Uniform der Grayson Space Navy trug, und nicht die weltraumschwarz-goldene der RMN. Dass er sich darüber freute, hatte nur einen Grund, der überdies ausschließlich persönlicher Natur war. In der Navy von Grayson hatte Honor Harrington einen höheren Rang inne als er in der RMN. Sie war zweithöchster Offizier dieser explosionsartig wachsenden Raumstreitkraft, und diese Tatsache erleichterte White Haven sehr, denn somit konnte er die überragende Autorität beiseite lassen, die ein manticoranischer Admiral gegenüber einem Commodore besaß. Die Uniform stand ihr gut, wie er fand, und er gab ihrem unbekannten Schneider eine gute Note.

So gut sie aussah, er konnte den Blick nicht von dem leeren linken Ärmel ihrer Uniform lösen oder von ihrer gelähmten linken Gesichtshälfte. Auch ihr künstliches Auge war völlig leblos. Neue Wut stieg mit der Hitze flüssiger Lava in ihm auf. Die Havies mochten sie nicht hingerichtet haben … aber anscheinend hatte nicht viel gefehlt.

Mal wieder.

Sie muss damit aufhören, dachte er, und seine innere Stimme klang geradezu beiläufig. Bei allem gibt es eine Grenze – man kann nicht ewig auf der Schneide einer Rasierklinge tanzen und heil davonkommen.

Nicht dass Honor Harrington ihm zuhören würde, wenn er sie darauf anspräche. Bei vertauschten Rollen hätte White Haven sie genauso wenig beachtet. Doch musste der Earl zugeben, dass es nicht das Gleiche war. In einer fast ununterbrochenen Reihe von Siegen hatte er Geschwader, Kampfverbände und Flotten ins Gefecht geführt. Er hatte Schiffe explodieren sehen und gespürt, wie sein Flaggschiff erbebte und sich schüttelte, wenn feindlicher Beschuss durch die eigenen Abwehrsysteme brach. Wenigstens zweimal war er dem Tod nur knapp entkommen. Trotzdem war er während der ganzen Zeit niemals im Gefecht verwundet worden, und kein einziges Mal hatte er einem Feind Auge in Auge gegenübergestanden. Er war in keine Handgemenge verstrickt worden, sondern hatte über Lichtsekundenentfernungen hinweg gekämpft, mit kohärenten Licht-, Röntgen- und Gammastrahlen und mit Nuklearsprengköpfen. Nach allem, was er wusste, achteten seine Untergebenen ihn, machten ihn aber zu keiner Heldengestalt.

Nicht wie die Menschen aus Honor Harrington eine Heroine machten, ein Idol. Einmal hatten die Reporter doch etwas Richtiges gesagt: Sie hatten Honor Harrington den ›Salamander‹ getauft, weil sie immer dort war, wo das Feuer am heißesten brannte. Für jemanden, der wie sie noch relativ jung war, hatte sie White Havens Art von Gefecht schon allzu oft geführt. Sie besaß jene Ausstrahlung, jene persönliche Zauberkraft, die Crews dazu bringt, ohne mit der Wimper zu zucken neben ihr in den Feuerofen zu marschieren. Im Gegensatz zu White Haven hatte sie jedoch schon Menschen, die sie zu töten versuchten, so nah gegenübergestanden, dass sie ihnen in die Augen sehen und ihren Schweiß riechen konnte. Gott allein wusste, wie sie ihren Arm verloren hatte. Gewiss würde White Haven es bald erfahren, und genauso gewiss würde er sich daraufhin noch häufiger um sie sorgen und sich fragen, ob sie sich in nächster Zukunft wieder in solch unmittelbare Todesgefahr bringen wollte. Und das war unvernünftig von ihm. Schließlich ging sie nicht hin und suchte nach Gelegenheiten, sich umbringen zu lassen, auch wenn es einem Zuschauer manchmal so erscheinen musste. Es war nur …

White Haven begriff, dass er einen Augenblick zu lang vor ihr gestanden hatte wie eine Salzsäule. Er spürte die Neugierde der zahllosen Leute, die ihn beobachteten. Er zwang sich zu lächeln. Eins durfte er keinesfalls zulassen: dass irgendjemand erriet, was ihm durch den Kopf gegangen war. Er streckte Honor Harrington die Hand hin.

»Willkommen daheim, Lady Harrington«, sagte er, und sie schloss ihre langen, schlanken Finger um seine Rechte – mit der bedachtsam gebändigten Kraft, die typisch war für Menschen, welche auf einer Welt mit hoher Schwerkraft geboren worden waren.

»Willkommen daheim, Lady Harrington.«

Die Worte hörte Honor wohl, doch schienen sie zu leise zu sein und aus weiter Entfernung zu kommen – wie vom anderen Ende einer schlechten Comverbindung. Sie ergriff die Hand, die White Haven ihr entgegenstreckte. Seine tiefe, sonore Stimme klang genauso, wie Honor sie in Erinnerung hatte. Sie erinnerte sich sogar genauer an sie, als ihr lieb war –, und doch erschien ihr die Stimme so neu, als hätte sie ihn noch nie zuvor sprechen hören. Honor vernahm den Admiral auf mehreren Ebenen zugleich. Schon seit geraumer Zeit vermutete sie, dass sich ihre Empfänglichkeit für anderer Leute Emotionen weiter verstärkt hatte; nun wusste sie es definitiv. Es sei denn, überlegte sie, ich bin für White Havens Emotionen besonders empfänglich – doch fand sie diese Möglichkeit noch bestürzender als die andere. Was auch immer hier geschah, sie hörte nicht nur seine Worte und verstand nicht nur die Botschaften, die ihr seine lachenden blauen Augen verrieten. Nein, sie hörte auch, was er unausgesprochen ließ. Honor spürte, wogegen er so tapfer ankämpfte und welch bewundernswerte Selbstbeherrschung er aufbrachte, um auf keinen Fall auch nur anzudeuten, was er ihr vielleicht gern gesagt hätte.

All das hätte er ihr genauso gut aus vollem Hals zubrüllen können und ahnte doch nicht im Mindesten, wie sehr er sich ihr offenbarte.

Einen flüchtigen Augenblick lang ergab sich Honor der Maßlosigkeit und ließ die Gefühle, die White Haven hinter seiner Miene verbarg, als berauschenden Wirbel auf sich einströmen. Sie konnte gar nicht anders, denn sie spürte … nein, sie schmeckte, wie sehr es ihn freute, dass sie überlebt hatte. Auf dem Fuße folgten Verwunderung, Wiedersehensfreude – und das Verlangen, sie eng in die Arme zu schließen. Nicht die Spur davon äußerte sich in seinem Gesicht oder seinem Gebaren, und doch vermochte er sie in keiner Weise vor ihr zu verbergen. In der intensiven Anspannung des Augenblicks schlugen diese Empfindungen blitzartig ihr über zu, wie die Druckwelle einer Explosion.

Dann überkam White Haven das Bewusstsein, dass keiner seiner Wünsche sich je erfüllen würde.

Das war noch schlimmer, als Honor befürchtet hatte. Der Gedanke durchbrauste sie und deprimierte sie nach dem eben erst ausgekosteten Moment des Entzückens umso mehr. Sie hatte gewusst, dass er ihr nicht aus dem Kopf und aus dem Herzen gegangen war. Nun aber begriff sie, dass er sie ebenfalls nicht vergessen hatte, es ihr gegenüber aber niemals zugäbe.

Alles hatte seinen Preis – und je größer die Gabe, desto höher fiel dieser Preis aus. Davon war Honor Harrington seit jeher überzeugt gewesen, tief in ihrem Innersten, in den Regionen, in die sich die Logik nur selten verirrt. Im Laufe der letzten beiden Jahre hatte sie erkannt, welchen Preis sie für den Bund mit Nimitz zahlen musste. Keine andere Bindung zwischen Mensch und ’Katz war je so eng gewesen und hatte einen echten Austausch von Gefühlseindrücken gestattet. Die Tiefe des Bands zu ihrem Gefährten war ihr jeden Preis wert.

Auch diesen, versicherte sie sich; auch zu wissen, dass Hamish Alexander sie liebte … und zu ahnen, was hätte sein können, wenn das Universum anders beschaffen gewesen wäre. Doch wie er ihr niemals eingestehen würde, dass er sie liebte, würde sie umgekehrt ebenso ewig schweigen. Ist es für mich nun ein Segen oder ein Fluch, dass ich im Gegensatz zu ihm stets weiß, was er verschweigt?

»Vielen Dank, Mylord«, antwortete Lady Dame Honor Harrington mit ihrer Sopranstimme, die kühl und klar war wie Quellwasser; nur das leichte Nuscheln, das sie der halbseitigen Lähmung ihres Mundes zu verdanken hatte, trübte den Eindruck ein wenig. »Es ist gut, wieder zu Hause zu sein.«

2

White Havens Pinasse legte im Gegensatz zu den anderen Beibooten, die ihr in den Hangar gefolgt waren, fast leer von der Farnese ab. Er und Honor saßen, wie es ihrem hohen Rang anstand, auf den beiden Sitzen gleich an der Luke. Diese Sitze bildeten eine Insel inmitten der Leere, die ihre Untergebenen schufen, indem sie Abstand hielten. Nur Andrew LaFollet, Honors persönlicher Waffenträger, saß direkt hinter ihnen, und Lieutenant Robards, White Havens Flaggleutnant, hatte wiederum zwei Reihen hinter dem Major Platz genommen. Warner Caslet, Carson Clinkscales, Solomon Marchant, Jasper Mayhew, Scotty Tremaine und Senior Chief Horace Harkness saßen noch weiter hinten. Auch Alistair McKeon hätte an Bord sein sollen, doch war er mit Jesus Ramirez, Honors Stellvertreter, in der Farnese geblieben und half dabei, die Elysäer zum Boden zu verschiffen. Honor wollte eigentlich an Bord bleiben und die Organisation selbst übernehmen, doch White Haven hatte höflich aber unerbittlich darauf bestanden, dass sie ihn zu vorgesetzten Stellen begleitete und dort persönlich Bericht erstattete. Ihr war nichts anderes übrig geblieben, als McKeon zusammen mit den übrigen Überlebenden von der Prince Adrian, die sie seit der Gefangennahme im Adler-System begleitet hatten, an Bord der Farnese zurückzulassen. Ein letztes Mal warf sie einen Blick über die Schulter auf die Hand voll Leute, die während der nächsten Reiseetappe ihre Gefährten sein würden, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den Mann neben ihr.

Es fiel ihr nun leichter. Augenblicke stürmischer Leidenschaft haben – das wusste sie inzwischen – auch etwas Gutes an sich: Sie lassen sich einfach nicht ausdehnen. Je intensiver sie sind, desto schneller scheinen die Leute von ihnen zurückweichen und innerlich Atem schöpfen zu müssen – zumindest, wenn besagte Leute ihr bisheriges Leben fortsetzen wollen. Zum Glück beabsichtigte White Haven dies ebenso sehr wie Honor. Zwar verblieb zwischen ihnen eine gewisse emotionale Unterströmung, die nur Honor spürte, doch damit kam sie zurecht. Das konnte sie ertragen, wenn nicht sogar ignorieren.

Aber sicher. Ich brauche es mir bloß ständig einzureden.

»Ich glaube bestimmt, dass einige Monate ins Land ziehen, bevor wir alle Einzelheiten verstanden haben, Mylady«, sagte der Earl, und Honor verkniff sich ein ironisches Grinsen über seine Förmlichkeit. Offensichtlich beabsichtigte er in keiner Weise, sie mit dem Vornamen anzureden – und das war wohl auch sehr klug von ihm. »Weiß Gott haben wir gerade erst die Oberfläche angekratzt! Trotzdem, einige Fragen möchte ich Ihnen vorweg stellen.«

»Zum Beispiel, Mylord?«

»Vor allem eins: Was zum Teufel heißt ›ENS‹?«

»Verzeihung?« Honor sah ihn mit geneigtem Kopf an.

»Ich verstehe, weshalb die Schiffe nicht die Designation ›HMS‹ tragen, denn Sie haben sich Ihrer graysonitischen, und nicht Ihrer manticoranischen Persönlichkeit bedient«, sagte White Haven mit einem Wink auf ihre blaue Uniform. »In Anbetracht dessen hätte ich erwartet, dass Sie Ihre Schiffe als graysonitische Einheiten designieren. Das haben Sie aber nicht getan, und außer der erewhonischen Navy fällt mir keine andere Truppe ein, zu der die Designation ENS passen würde.«

»Ach so.« Honor lächelte ihn schief an und zuckte mit den Schultern. »Das war Commodore Ramirez’ Idee.«

»Sie meinen den großen San Martino?«, fragte White Haven und runzelte die Stirn. Angestrengt versuchte er, dem Namen das zugehörige Gesicht zuzuordnen, das er nur vom Combildschirm kannte.

»Den meine ich«, antwortete Honor. »Er war der ranghöchste Offizier in Camp Inferno – ohne seine Hilfe wären wir aufgeschmissen gewesen. Er dachte, wir könnten uns die Elysäische Navy nennen, weil wir einem Planeten entkommen sind, der offiziell den Namen Hades trägt. Und so nannten wir uns dann auch.«

»Ich verstehe.« White Haven rieb sich das Kinn und grinste sie an. »Aber Sie sind sich hoffentlich bewusst, dass Sie damit eine juristisch reichlich verzwickte Situation geschaffen haben?«

»Verzeihung?«, wiederholte Honor in ganz anderem Ton. Angesichts ihrer offenkundigen Verwirrung lachte er auf.

»Nun, sie haben als Grayson agiert, Mylady – und Sie sind Gutsherrin. Wenn ich mich richtig erinnere, enthält die graysonitische Verfassung einige recht interessante Passagen, was bewaffnete Streitkräfte angeht, die dem Befehl eines Gutsherrn unterstehen.«

»Wir …« Honor verstummte und starrte ihn an, die Augen weit aufgerissen; im nächsten Moment hörte sie, wie der Waffenträger hinter ihr scharf und vernehmlich Luft holte.

»Gewiss sind Sie besser informiert als ich«, sagte White Haven in die plötzliche Stille, »doch soweit ich weiß, sind einem Gutsherrn ausdrücklich maximal fünfzig Waffen tragende Gefolgsleute wie der Major gestattet.« Über die Schulter hinweg bedachte er LaFollet mit einem höflichen Nicken.

»Da haben Sie Recht, Mylord«, stimmte Honor ihm nach kurzem Nachdenken zu. Sie trug nun schon so lange den Titel der Gutsherrin von Harrington, dass es ihr nicht mehr widernatürlich erschien, zu einer Feudalmagnatin geworden zu sein. Nicht eine Sekunde lang hatte sie an die möglichen verfassungsrechtlichen Konsequenzen ihres Tuns auf Hell gedacht.

Sie hätte jedoch von selbst auf den Gedanken kommen müssen, denn in diesem Punkt war die Verfassung erbarmungslos. Jeder Waffenträger im Dienste des Guts von Harrington gehorchte Honor auf die eine oder andere Weise, die meisten aber nur indirekt über die Verwaltungsmaschinerie der Gutspolizei. Nur fünfzig Waffenträger waren ihre persönlichen Gefolgsleute und hatten einen Eid auf sie abgelegt, nicht auf das Gut. Jeder Befehl, den sie einem dieser fünfzig Männer erteilte, besaß Gesetzeskraft, solange er nicht gegen die Verfassung verstieß, und wenn doch, so beschützte die Tatsache, dass sie ihn erteilt hatte, den Befehlsempfänger vor allen rechtlichen Folgen. Dafür konnte nur sie selbst zur Verantwortung gezogen werden, die Waffenträger nicht; aber diese fünfzig Mann bildeten die einzige persönliche Streitmacht, die der Gutsherrin von Harrington gestattet war.

Gutsherren konnten innerhalb der Befehlskette von Heer oder Navy militärische Einheiten kommandieren, doch die Verfassung verlangte, dass diese Einheiten unbedingt den regulären Streitkräften angehören mussten und dass die Befehlsübernahme vom Herrscher des Planeten zu genehmigen war. Und Protector Benjamin IX. hatte sich mit keinem Wort zu einer irregulären Einheit geäußert, die ›Elysäische Navy‹ genannt wurde.

Honor drehte sich zu LaFollet um, und der Waffenträger erwiderte ihren Blick. Sein Gesicht war ruhig, nur in seinen grauen Augen regte sich Sorge. Honor zog die Braue hoch.

»Bin ich mir denn schlimm aufs Schwert getreten, Andrew?«, fragte sie ihn. Widerwillig lächelte er, denn das Wort ›Schwert‹ besaß für jeden Grayson eine sehr gewichtige Nebenbedeutung. Dann wurde er schlagartig wieder ernst.

»Ich weiß es nicht genau, Mylady. Ich nehme an, ich hätte Sie eher darauf ansprechen sollen, aber leider bin ich nie auf den Gedanken gekommen. Die Verfassung ist in dieser Hinsicht recht schonungslos, und ich glaube mich zu erinnern, dass zumindest ein Gutsherr hingerichtet wurde, weil er gegen das Verbot verstoßen hatte. Das liegt zwar dreihundert Jahre oder länger zurück, aber …«

Er hob die Schultern, und Honor musste lachen.

»Kein guter Präzedenzfall, ganz gleich, wie lange es her ist«, murmelte sie und wandte sich wieder White Haven zu. »Ich hätte die Schiffe wohl doch lieber zu Einheiten in der Navy von Grayson machen sollen, Mylord.«

»Der GSN oder der RMN«, pflichtete er ihr verständnisvoll bei. »In beiden Navys besitzen Sie regulär einen Rang, deshalb wären Sie in beiden Fällen von der Befehlskette gedeckt gewesen. Wie die Dinge nun stehen, müssen wir eine Reihe von Stolpersteinen überwinden. Nathan und ich« – er wies mit einem Nicken auf den unerschütterlichen jungen Lieutenant hinter sich – »haben auf dem Weg zur Farnese darüber gesprochen. Er ist tatsächlich so weit gegangen, die Angelegenheit in der Bibliothek der Benjamin the Great zu recherchieren. Seit der Begebenheit, die Major LaFollet erwähnte, gab es meines Wissens keinen weiteren Präzedenzfall. Aber dass Sie als Gutsherrin nicht nur das Kommando ausgeübt, sondern die irreguläre Streitkraft selbst aufgestellt haben, könnte ein echtes Problem sein. Nicht für Benjamin, meine ich.« Mit einer beiläufigen Geste schob er diese Möglichkeit beiseite, in die wohlverdiente Vergessenheit. »Auf Grayson gibt es nach wie vor starke Kräfte, die mit seinen Reformen mehr als nur ein wenig … unzufrieden sind, und Sie gelten als die Galionsfigur der Veränderung. Einige Angehörige dieser Gruppen würden sich überschlagen vor Freude, Ihnen – und ihm – etwas ans Zeug flicken zu können. Dazu wäre ihnen jedes Mittel recht. Selbst für gemeine Rechtsverdreherei wären sich diese Lumpen nicht zu schade. Zweifellos erkennen Benjamins Berater diese Möglichkeit genauso schnell wie ich, aber ich wollte Sie darauf hinweisen, damit Sie sich schon im Vorfeld Gedanken darüber machen können.«

»Na, da danke ich Ihnen doch schön, Mylord«, entgegnete Honor, und beide lachten sie. Dieser ungezwungene Moment ging rasch vorüber, aber er fühlte sich gut an. Wenigstens können wir uns in Gegenwart des anderen noch unbefangen benehmen. Und wer weiß? Wenn wir es nur lang genug spielen, sind wir es eines Tages vielleicht wirklich wieder. Das wäre schön. Glaube ich wenigstens.

Sie schüttelte den Gedanken ab, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Nimitz bliekte in gespieltem Protest, als sich ihr Schoß unter ihm bewegte, aber sie beachtete ihn gar nicht.

»Ich hoffe, Sie haben nicht noch mehr interessante Ideen, Mylord?«, fragte sie White Haven höflich, worauf der Earl sie anlächelte.

»Nein, habe ich nicht«, beruhigte er sie und verdarb seine Versicherung gleich, indem er hinzufügte: »Andererseits sind Sie über zwo T-Jahre lang fort gewesen, Mylady, und jeder hat Sie für tot gehalten. Dass sich inzwischen einige Komplikationen ergeben haben, die Sie beseitigen müssen, dürfte Ihnen doch wohl klar sein?«

»Ja, da haben Sie Recht.« Sie seufzte und fuhr sich mit den Fingern durch das kurzgeschnittene Haar. Manchmal vermisste sie die längere, üppigere Frisur, die sie vor ihrer Gefangennahme getragen hatte, doch die SyS-Schergen im Zellentrakt der VFS Tepes hatten ihr den Schädel kahl geschoren, und der Verlust ihres Arms machte längeres, pflegebedürftiges Haar für sie unpraktisch.

»Ich bin mir sicher, dass es solche Komplikationen gibt, Mylady«, sagte White Haven und zuckte die Achseln, als sie ihn wieder ansah. »Worin genau diese Komplikationen bestehen, weiß ich nicht. Nun, das eine oder andere kann ich mir denken, aber ich halte es für ratsam, wenn Protector Benjamin mit Ihnen darüber spricht.«

Er bewahrte eine bemerkenswert gelassene Miene, und doch spürte Honor plötzlich einen prickelnden Verdacht. Jawohl, White Haven wusste etwas, aber was es auch war: Er bezweifelte, dass es ernsthafte unangenehme Auswirkungen hätte. Dazu empfand er einfach zu wenig Sorge. Allerdings schmeckte Honor eine starke Dosis schadenfroher Durchtriebenheit, eine Vorfreude, die zwar (noch) kein Ergötzen war, aber sehr an einen ungezogenen kleinen Jungen denken ließ, der unablässig sein ›Ich weiß etwas, was du nicht weißt!‹ skandiert.

Honor beäugte White Haven misstrauisch, und er grinste glückselig. Wie das gemeinsame Lachen von vorhin erleichterte auch seine Amüsiertheit Honor sehr, und darüber war sie froh. Jedoch fühlte sie sich dadurch kein bisschen besser und sorgte sich nach wie vor, welche Art von Tretminen in ihrem Weg ihn wohl zu dieser entzückten Vorfreude anstacheln mochten.

»Zu Hause im Sternenkönigreich hat es jedenfalls einige Probleme gegeben, von denen ich weiß«, sagte er nach einem Augenblick. »Zunächst einmal ist Ihr Titel an Ihren Cousin Devon übergegangen, nachdem Sie offiziell für tot erklärt worden waren.«

»An Devon?« Honor rieb sich die Nasenspitze. »Ich wollte sowieso nie eine Gräfin sein«, entgegnete sie achselzuckend. »Ihre Majestät bestand darauf – im Gegensatz zu mir! –, also kann ich mich kaum beschweren, wenn jetzt jemand anderes den Titel trägt. Ja, Devon ist wohl mein gesetzmäßiger Erbe. Darum habe ich mir nie groß Gedanken gemacht.« Sie grinste schief. »Wahrscheinlich hätte ich es schon längst tun sollen, aber ich bin noch immer nicht daran gewöhnt, dynastisch zu denken.« Sie lachte verschmitzt auf. »Devon aber auch nicht! Wissen Sie zufällig, wie er seine plötzliche Erhebung aufgenommen hat?«

»Nach allem, was ich hörte, soll er recht grantig gewesen sein.« White Haven schüttelte den Kopf. »Sagte, dieser alberne Unsinn komme ihm sehr ungelegen, weil er gerade an seiner neuesten Monografie arbeite.«

»Das klingt ganz nach Devon«, entgegnete Honor amüsiert. »Einen besseren Historiker als ihn kenne ich nicht, und es war schon immer so gut wie unmöglich, ihn dazu zu bewegen, die Nase aus der Geschichte zu ziehen!«

»So berichtete man mir jedenfalls. Andererseits bestand Ihre Majestät darauf, dass auch in Zukunft jemand den Titel der Harringtons trägt. Darin ließ sie sich nicht beirren, sagt mein Herr Bruder.« White Haven verstummte, und Honor nickte, um anzuzeigen, dass sie verstanden habe. White Havens Bruder Lord William Alexander war der Lordschatzkanzler, das zweithöchste Kabinettsmitglied der Regierung Cromarty. Wenn jemand Einblick in das Denken von Königin Elisabeth besaß, dann er. »Wie ich hörte, hat Ihre Majestät Ihren Cousin zu einem persönlichen Gespräch gebeten, um die Erbfolge zu diskutieren«, fügte der Earl hinzu.

»Ach du jemine!« Honor schüttelte den Kopf, doch ihr gutes Auge funkelte entzückt. Sie wusste aus eigener Erfahrung, wie nachdrücklich Elisabeth III. von Manticore wurde, wenn sie auf einem Ansinnen bestand, und der Gedanke daran, wie der liebe, steife, belesene Devon schutzlos vor ihr saß, weckte in ihr eine unheilige Schadenfreude.

»Ihre Majestät entschied sogar huldvoll, ihm nicht nur den Titel, sondern auch einige Ländereien zu geben«, fuhr White Haven fort. »Daher verfügt der neue Earl Harrington immerhin über ein Einkommen, das seinen neuen Würden angemessen ist.«

»Das hat sie getan?«, fragte Honor erstaunt, und White Haven nickte. »Was für Ländereien?«

»Einen ganz hübschen Brocken aus den Krongütern im Einhorn-Gürtel, glaube ich.«

Honor stutzte. Der Begriff ›Ländereien‹ stand im Sternenkönigreich für jeden Besitz, der zusammen mit dem Adelsbrief verliehen wurde und ein Einkommen abwarf. Im Grunde war die Bezeichnung ungenau, doch hatten sowohl die ursprüngliche Kolonialsatzung als auch die Verfassung in vielen Punkten zur Unklarheit geneigt. Schon seit Gründung der Manticore-Kolonie hatte man jede Einkommensquelle ›Ländereien‹ genannt, ob es sich nun tatsächlich um Landbesitz handelte oder um Erzvorkommen, Erschließungs- und Fischereirechte, einen Lizenzanteil an den zur Verfügung stehenden HD-Kanälen oder um ein anderes der unzähligen Rechte, welche die Kolonisten im Verhältnis ihres jeweiligen finanziellen Beitrags zu den Expeditionskosten unter sich aufgeteilt hatten. Im Sternenkönigreich hielten vermutlich über dreißig Prozent der erblichen Peers keinen Landbesitz, der eine direkte Folge ihres Adelstitels gewesen wäre. Andererseits verfügten so gut wie alle Erbmitglieder des Oberhauses zumindest über einen vornehmen Familiensitz, der ihre aristokratische Würde unterstrich, doch das Einkommen, das die Gunst der Krone ihnen zugestand, entstammte oft genug völlig anderen Quellen.

Allzu häufig kam es nicht mehr vor, dass die Krone die Krongüter angriff, um einem Adligen eine solche Einkommensquelle zu bieten, und sei es nur aus dem Grund, dass die Güter in den Jahren seit Gründung des Sternenkönigreichs zusammengeschmolzen waren. Üblicherweise bat die Krone das Unterhaus, die benötigten ›Ländereien‹ aus öffentlichen Mitteln zu schaffen, anstatt sie von dem persönlichen Besitz von Elisabeth III. abzutreten – denn die Krongüter waren nichts anderes als der persönliche Besitz des Königshauses. Öffentliche Mittel wurden besonders gern für eine erbliche Peerswürde mobilisiert, denn im Gegensatz zu einem Adelstitel auf Lebenszeit, bei dem die Ländereien nach dem Tod des Empfängers an die Krone oder das Sternenkönigreich zurückfielen, musste der Besitz für einen erblichen Titel dauerhaft abgetreten werden. Verschenkte Elisabeth III. nun einen Teil des sagenhaft wertvollen Einhorn-Gürtels aus dem Kronbesitz unwiderruflich an Devon, so musste es ihr wirklich ernst sein mit dem Bestreben, die Peerswürde der Harringtons angemessen zu unterstützen.

Plötzlich kam Honor ein Gedanke, und sie erstarrte. »Verzeihen Sie, Mylord, aber Sie sagten doch, Devon habe meinen manticoranischen Titel geerbt?«

White Haven nickte.

»Wissen Sie zufällig auch, was Grayson wegen meines Gutsherrentitels unternommen hat? Ist er ebenfalls auf Devon übergegangen?«

»Ich glaube, das wurde erwogen«, antwortete White Haven nach kurzem Zögern. Honor kniff die Augen zusammen, als das Gefühl der Belustigung, das sie bereits gespürt hatte, plötzlich auf einen Spitzenwert anschwoll. »Am Ende hat man sich jedoch anders entschieden.«

»Das heißt?«

»Ich glaube wirklich nicht, dass es mir zusteht, näher darauf einzugehen, Mylady«, beschied er ihr mit einem lobenswert offenen Gesichtsausdruck. »Die Situation ist bereits recht verworren, und Ihre plötzliche Rückkehr von den Toten wird sie nur noch weiter komplizieren. Da es sich um ein rein graysonitisches Problem handelt, schickt es sich für mich vermutlich nicht, auch nur meine Meinung dazu zu äußern.«

»Verstehe.« Honor blickte ihm einen Moment lang direkt ins Gesicht, dann deutete sie ein Lächeln an. »Ich verstehe wirklich, Mylord, und vielleicht ergibt sich eines Tages für mich die Gelegenheit, Ihnen Ihre bewundernswerte Selbstbeherrschung in gleicher Münze zu vergelten.«

»Hoffen wir das Beste, Mylady«, pflichtete er ihr bei. »Ich muss allerdings sagen, ich halte es für außerordentlich unwahrscheinlich, dass ich jemals auf solch dramatische Weise von den Toten zurückkehre, nachdem man mich sehr öffentlich hingerichtet hat.«

»Wenn ich geahnt hätte, dass mich etwas erwartet, worüber Sie mir nur dunkle Andeutungen zu machen wagen, hätte ich mir die Sache mit meiner Rückkehr vielleicht anders überlegt«, erwiderte Honor mit Schärfe, und er lachte leise. Dann aber wurden Gesicht und Emotionen White Havens wieder nüchtern.

»Spaß beiseite und ganz aufrichtig, Mylady: Der Bericht über Ihren Tod hat auf Grayson erheblich mehr Unordnung angerichtet als im Sternenkönigreich. Wir haben Earls und Gräfinnen en gros – auf Grayson gibt es keine neunzig Gutsherren. Im Jelzin-System hat die Nachricht an so vielen Stellen Wirkung gezeigt, dass ich gemeinsam mit Admiral Kuzak und Gouverneur Kershaw beschlossen habe, Ihnen zunächst zur unmittelbaren Rückkehr nach Grayson zu raten.«

Honor nickte noch einmal. Obwohl die 8. Flotte unter White Havens Befehl im Trevor-System stationiert war und sich auf einen neuen Einsatz vorbereitete, hatte Theodosia Kuzak den Befehl über das System von Trevors Stern. Im Rang stand sie unter White Haven, aber ihre 3. Flotte bildete nach wie vor die Hauptverteidigungseinheit des Sonnensystems – und des lebenswichtigen Wurmlochknoten-Terminus.

Ihr ziviles Gegenstück war Gouverneur Winston Kershaw: der von der Manticoranischen Allianz offiziell bestellte Verwaltungschef und Vorsitzende der Kommission, die noch die Regierung des befreiten Planeten San Martin beaufsichtigte. Außerdem war er ein jüngerer Bruder von Jonathan Kershaw, dem Gutsherrn von Denby, einem der größten Befürworter Benjamins IX. Der Gouverneur hatte eine sehr … bestimmte Position vertreten, was die politischen Aspekte von Honors Rückkehr anging. Besonders unnachgiebig zeigte er sich in einem Punkt: Niemand durfte von ihrem Überleben erfahren, bevor Protector Benjamin persönlich mit ihr gesprochen hatte.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem Herrn Gouverneur uneingeschränkt zustimmen kann«, sagte Honor nach kurzem Nachdenken, doch White Haven schüttelte den Kopf.

»Ich finde, er hat absolut Recht«, widersprach er ihr. »Die politischen und diplomatischen Konsequenzen Ihrer Flucht sind in ihrem Ausmaß noch nicht völlig absehbar, und Grayson muss die Einzelheiten als Erster erfahren. Wir werden Kurierboote nach Jelzins Stern und nach Manticore senden, aber die Depeschen erhalten die höchste Geheimhaltungsstufe. Nicht einmal die Bootsbesatzungen werden ihren Inhalt kennen, und über das Trevor-System verhängen wir eine absolute Nachrichtensperre. Ich kann zwar nicht dafür garantieren, aber Ihre Majestät wird vermutlich nicht gestatten, dass gegenüber manticoranischen Nachrichtenagenturen auch nur das Geringste angedeutet wird, bevor die Regierung des Protectors mit Ihnen unter vier Augen gesprochen und beschlossen hat, wie mit Ihrer Rückkehr zu verfahren ist.«

»Sind Sie sich da ganz sicher, Mylord?«, fragte Honor ihn. »Ich will Ihre Überlegung keineswegs infrage stellen, aber warum schicken Sie anstelle eines Kurierboots nicht mich persönlich? Warum die Verzögerung in Kauf nehmen, mich erst nach Grayson zu schaffen und dann erst nach Manticore? Bis ins Jelzin-System benötige ich über drei Wochen, ins Manticore-System komme ich durchs Wurmloch viel schneller. Ich bezweifle, dass man die Ankunft so vieler Menschen auf San Martin so lange geheim halten kann!«

»Die Geheimhaltung halten wir nicht für sonderlich problematisch. Hier im Trevor-System wird sich die Neuigkeit natürlich eher früher als später verbreiten. Die Geschichte ist einfach zu spannend, als dass man sie unter Verschluss halten könnte. Sie muss durchsickern, aber wir kontrollieren schließlich beide Termini des Wurmlochs. Deshalb erfährt niemand außerhalb dieses Sonnensystems die Neuigkeit, bis wir sie von Manticore aus offiziell bekannt geben oder bis sie von einem Schiff auf konventioneller Hyperreise irgendwohin getragen worden ist. In jedem Fall erfährt man außerhalb von Trevors Stern erst in einigen Wochen von Ihrem Überleben, vielleicht auch erheblich später, denn wir haben den hiesigen Schiffsverkehr schon vor geraumer Zeit strengen Beschränkungen unterworfen. Das erwies sich auch als dringend nötig, nachdem McQueen mit ihren verdammten Offensiven begonnen hat.« Er runzelte die Stirn. »Wenn wir daraus eins gelernt haben, dann dass wir bei unseren Sicherheitsmaßnahmen zu nachlässig gewesen sind. Bei den meisten Operationen stand den Havies höllisch gutes Geheimdienstmaterial zur Verfügung, und irgendwoher müssen sie es schließlich haben. ›Neutraler Schiffsverkehr über den Wurmlochknoten ist eine gute Erklärung dafür, wenigstens im Falle von Basilisk und Trevors Stern. Mit der guten alten optischen Beobachtung kann man manches ausspionieren. Wir würden zivilen Schiffen die Einreise verweigern, aber ausgerechnet jetzt hat die Regierung beschlossen, dass wir den Wurmlochverkehr nicht noch stärker einschränken können. Aus diesem Grund begrenzen wir militärische Wurmlochtransits auf ein Minimum, besonders Transits von Neukonstruktionen, von denen die Havies nichts erfahren dürfen.«

Er zuckte die Schultern und gab ihr so zu verstehen, dass er die Anordnungen seiner zivilen Vorgesetzten auch dann beachte, auch wenn er ihren Überlegungen nicht in allen Punkten zustimmte.

»Jedenfalls bin ich zuversichtlich, dass wir die Tatsache Ihres Überlebens geheim halten können, bis Grayson entschieden hat, wie man innenpolitisch damit umgehen will. Dass wir Sie auf die lange Reise schicken, liegt an dem Schiff, das wir benutzen, denn es gehört zu den Neukonstruktionen, die nicht jeder sehen soll. Gouverneur Kershaw hat diese Entscheidung getroffen, und wiewohl ich gut verstehe, dass Sie eine kürzere Reisezeit vorgezogen hätten, ist es gewiss angemessen, Sie mit dem ranghöchsten verfügbaren graysonitischen Schiff ins Jelzin-System zu bringen. Und selbst wenn es anders wäre, ich bin nicht so dumm, mich mit einem Haufen Graysons auf eine Diskussion darüber einzulassen!«

Angesichts von Honors Miene musste er grinsen, dann wurde er ernst.

»Darüber hinaus schenkt Ihre Reise sowohl Ihrer Majestät als auch dem Protector etwas Zeit, um sich zu überlegen, in welcher Form Ihre Wiederkehr öffentlich bekannt gegeben werden soll. Diese Angelegenheit sollte man lieber nicht aus der kalten Lamäng entscheiden.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht einmal ansatzweise ausmalen, was auf diplomatischer Ebene vorgehen wird. Sind Sie sich eigentlich im Klaren, was für ein monumental dickes blaues Auge Sie den Havies im Allgemeinen und der SyS und dem Amt für Öffentliche Information im Besonderen verpasst haben?«

»Während der Reise hierher habe ich mir die eine oder andere Stunde damit vertrieben, darüber nachzudenken«, gestand Honor ein, und White Haven musste über das verschmitzte Funkeln in ihrem gesunden Auge lächeln. »Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich dann und wann sogar in ziemlich großer Schadenfreude gesonnt«, fügte sie hinzu. »Besonders, wo es um meine Hinrichtung geht.« Schlagartig wurde sie ernst, und ein harter, bedrohlicher Schimmer trat in das Auge; wäre es auf ihn gerichtet gewesen, hätte White Haven gewiss Unbehagen verspürt. »Ich habe das HD selbst gesehen, wissen Sie. Es war in der Datenbank der Farnese gespeichert.« Unwillkürlich schauderte ihr, als sie an ihre brutale ›Exekution‹ dachte, doch das Funkeln wurde nicht schwächer. »Ich glaube, ich weiß genau, wie meine Eltern darauf reagiert haben. Oder Mac und Miranda.« Sie biss die Zähne zusammen. »Wer immer diese ekelhafte, sadistische Szene ersonnen hat, wird mir einige Fragen zu beantworten haben, wenn ich ihn in die Finger bekomme. Mein einziger Trost in den letzten Wochen war der Gedanke, dass Pierre und Saint-Just sich schon bald auf die Suche nach einem geeigneten Sündenbock machen müssen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte White Haven. »Nach Ihren vorläufigen Bericht zu urteilen, werden die Folgen ziemlich hohe Wellen schlagen. Ist Ihnen klar, dass Sie den größten Massenausbruch der Menschheitsgeschichte geplant und ausgeführt haben? Wie viele haben Sie gleich befreit? Vierhunderttausend Menschen?«

»Annähernd so viele, sobald Cynthia Gonsalves hier eintrifft«, antwortete Honor, und White Haven nickte. Die Transportschiffe unter dem Kommando Captain Cynthia Gonsalves’ von der nicht mehr bestehenden Alto-Verde-Navy hatten das Cerberus-System früher verlassen als Honor, aber weil sie weit langsamer reisten als die Kampfschiffe und Sturmtransporter, die Honor später erbeuten konnte, war der Konvoi noch immer unterwegs. Bis das Gros der Flüchtigen tatsächlich einträfe, würden noch Wochen vergehen.

»Jedenfalls sind noch nie so viele Kriegsgefangene auf einen Streich entkommen«, sagte White Haven. »Doch der bloße Umfang des Ausbruchs verblasst eingedenk der Tatsache, aus welchem Gefängnis Sie ausgebrochen sind. Dem Ruf der Systemsicherheit haben Sie einen Schlag versetzt, von dem sie sich niemals erholen wird. Und wenn man sich erst überlegt, was geschieht, wenn Männer wie Amos Parnell den Reportern berichten, wer das Harris-Attentat wirklich ausgeführt hat …!«

Schulterzuckend verstummte der Earl, und Honor nickte. Zweifellos würde das Amt für Öffentliche Information alles Erdenkliche unternehmen, um den ehemaligen Chef des havenitischen Admiralstabs zu diskreditieren. Aber nicht einmal die ÖfInf konnte ihn mit einem Achselzucken abtun, zumal Honors Leute in den Überwaschungsdatenbanken Camp Charons sehr interessante Dokumente entdeckt und kopiert hatten. Das Amt für Öffentliche Information würde sich schon einiges einfallen lassen müssen, um zu erklären, wie der Kommandant des wichtigsten SyS-Gefängnisses dazu kam, legislaturistische Häftlinge mit der Wahrheit hinter dem Massaker zu verhöhnen, das als das ›Harris-Attentat‹ in die Geschichte eingegangen war. Sobald weithin bekannt wäre, dass dem Komitee für Öffentliche Sicherheit (das man ins Leben gerufen hatte, um den angeblichen Staatsstreich verräterischer Raumoffiziere zu verhindern) ausgerechnet der Mann vorsaß, der den Umsturz geplant hatte, mussten die Auswirkungen auf die interstellare Diplomatie unfasslich sein.

»Eins muss ich noch sagen«, fuhr White Haven erheblich ruhiger fort und unterbrach Honors Gedankengang. »Ich freue mich dienstlich wie persönlich sehr, Sie wiederzuhaben« – seine Gefühle scheuten vor dem Wort ›persönlich‹ zurück, doch weil er insgesamt aufrichtig war, konnte er es aussprechen –, »aber die Wirkung auf die Kampfmoral der Allianz ist weit wichtiger. Offen gesagt, Mylady, wir brauchen wirklich dringend Nachrichten, die zur Abwechslung einmal gut sind. Esther McQueen ist es gelungen, uns zum ersten Mal seit Jelzin Drei in die Defensive zu drängen, und das hat besonders bei der Zivilbevölkerung die Kampfmoral ernstlich erschüttert. Sämtliche alliierten Regierungen werden sich außerordentlich freuen, Sie wiederzusehen.«

Honor schauderte es. Obwohl sie ihm Recht geben musste, graute ihr bereits vor dem Medienspektakel, das ihre Rückkehr wecken würde. Wann immer sie daran dachte, wollte sie nur noch weit, weit fort davonlaufen und sich verstecken, doch das war natürlich unmöglich. Sie konnte ihrer Pflicht nicht ausweichen - und das, dachte sie, obwohl er mir nicht verraten will, was mich auf Grayson erwartet! Selbst ohne dieses Pflichtgefühl hätte sie den propagandistischen Wert ihrer Rückkehr dennoch erkannt. Sie verabscheute die Idee, dass man sie zu einem überlebensgroßen Idol aufbauen wollte. Davon hatte sie schon mehr zu schmecken bekommen, als ihr lieb war, und das Ausmaß, in dem die Medien in ihr Leben eindrangen, übertraf alles, was ein einzelner Mensch über sich ergehen lassen sollte. Nun aber würde es noch schlimmer werden.

Doch außer ihr persönlich interessierten ihre Vorbehalte vermutlich niemanden.

»Ich verstehe, Mylord«, sagte sie. »Mir passt es nicht, und ich würde alles tun, um der Sensationslust der Medien zu entgehen, aber ich verstehe.«

»Ich habe nichts anderes von ihnen erwartet, Mylady.« Wahrscheinlich hätten ihr nur wenige Menschen geglaubt, dass sie den Gedanken an die bevorstehende Vergötterung ihrer Person ehrlich verabscheute. Hamish Alexander gehörte zu diesen Menschen, und Honor lächelte dankbar.

Er wollte noch etwas sagen, verstummte aber, als ein leises Glockensignal ertönte. Er beugte sich vor, blickte an ihr vorbei aus dem Seitenfenster und nickte zufrieden.

»Und da sehen Sie das Schiff, das Sie nach Grayson bringt, Mylady«, verkündete der Earl. Honor musterte ihn skeptisch und wandte sich um, um selbst einen Blick auf das Schiff zu werfen. Nimitz richtete sich auf ihrem Schoß auf, drückte die Nase gegen den Armoplast und zuckte mit den Schnurrhaaren, als auch er das weiße Gebirge aus Panzerstahl erblickte, das in der Leere schwebte und. Wie Juwelen schimmerten auf dem Rumpf die grünen und weißen Lichter, die verkündeten, dass das Sternenschiff ›geankert‹ hatte.

Der Superdreadnought war eins der größten Schiffe, die Honor je erblickt hatte. Vermutlich das größte Kampfschiff überhaupt, überlegte sie und schätzte mit erfahrenem Auge seine Tonnage aus der relativen Größe der Waffenluken und Impelleremitter. Aber ich habe schon größere Handelsschiffe gesehen, war ihr erster Gedanke, doch dann bemerkte sie das eigenartige, auffällige Profil des achteren Hammerkopfs und kniff in plötzlichem Wiedererkennen das Auge zusammen.

»Das ist eine Medusa!«, stieß sie hervor.

»Im Grunde ja«, gab White Haven ihr Recht. »Tatsächlich aber haben die Graysons sie gebaut, nicht wir. Anscheinend bekamen sie die Pläne für die neue Klasse zur gleichen Zeit in die Finger wie unser BuShips – aber sie müssen sich mit viel weniger bürokratischem Ballast herumschlagen und nicht gegen so viele konservative Schlafmützen durchsetzen.«

Die Anfügung setzte er in staubtrockenem Ton hinzu, und Honor wandte sich rasch wieder dem Fenster zu, um das unkontrollierbare Zucken ihres Mundes zu verbergen. Der umwälzende Abend in ihrer Bibliothek stand ihr aus persönlichen Gründen deutlicher vor Augen, als ihr recht war; an jenem Abend hatte sich ein gewisser Hamish Alexander als konservative Schlafmütze erwiesen, der sich dem Konzept eines hohlkernigen Lenkwaffen-Superdreadnoughts mit Raketenbehälter-Abwurf in den Weg stellte. Zugleich hatte Honors letzte Amtshandlung als Angehörige des Amts für Waffenentwicklung in der Empfehlung bestanden, einen Prototyp ebendieser Schiffsklasse in Bau zu geben.

»Sind die Schiffe mittlerweile gefechtserprobt, Mylord?«, erkundigte sie sich, kaum dass sie sich ihrer Stimme wieder sicher war.

»In begrenztem Umfang«, antwortete er sehr ernst, »und sie erzielen tatsächlich die Leistungen, die Sie ihnen zugebilligt hatten, Mylady. Wir haben noch längst nicht genug von ihnen, aber richtig eingesetzt erweisen sie sich als absolut vernichtend. Gleiches gilt für …« – er blickte über die Schulter auf die anderen, niederrangigen Offiziere hinter ihnen, von denen keiner das Recht besaß, Informationen zu erhalten, die er nicht unbedingt benötigte – »für andere Elemente der neuen Flottenzusammensetzung, die Sie mir an jenem gewissen Abend unterbreitet haben.«

»Tatsächlich?« Honor wandte sich ihm zu, und er nickte.

»Tatsächlich. Wir haben sie allerdings noch nicht en masse einsetzen können … und die neuen Superdreadnoughts ebenfalls nicht. Im Augenblick bauen wir die neuen Klassen und Waffensysteme so schnell es geht, denn wir würden sie gern in sinnvollen Stückzahlen einsetzen und nicht vereinzelt. Damit würden wir dem Feind nur zu früh verraten, was ihm blüht, wenn wir genügend

Lenkwaffen-Superdreadnoughts und dergleichen beisammen haben. Zudem ließe das dem Gegner Zeit für die Entwicklung von Abwehrtaktiken und Gegenmaßnahmen. Momentan hoffen und glauben wir, dass sich die havenitischen Experten noch kein klares Bild von unseren neuen Schiffen machen können, denn wir haben sie nur begrenzt eingesetzt und nur dann, wenn uns keine andere Wahl blieb. Deshalb schicken wir einen der neuen Schiffstypen nur in Notfällen durch das Wurmloch; wir wollen unbedingt vermeiden, dass ein Spion der Systemsicherheit einen ungehinderten Blick darauf werfen kann. Nur noch wenige Monate, dann erleben Bürgerin Minister McQueen und das Komitee für Öffentliche Sicherheit eine sehr unangenehme Überraschung.«

Honor nickte verstehend, ohne den Blick von dem Schiff zu nehmen, das auf sie wartete. Zwischen dem fertig gestellten Superdreadnought und den Konstruktionsentwürfen, die sie gesehen hatte, bestanden nicht viele Unterschiede. Sie empfand einen eigenartigen Schöpferstolz, als sie das Konzept in die Tat umgesetzt vor sich sah, über das sie und ihre Kameraden beim WDB so heiß debattiert hatten.

»Nur noch eins«, fuhr White Haven so leise fort, dass selbst LaFollet und Robards ihn nicht hören konnten, und Honor wandte sich ihm zu. »Dieser Superdreadnought und seine Schwesterschiffe in graysonitischen Diensten sind ausnahmslos in der von Ihnen finanzierten Blackbird-Werft gefertigt worden, Mylady. In sehr reellem Sinn sind Sie also Kielplatteneignerin von all diesen Schiffen. Auch aus diesem Grund fanden wir es passend, dass gerade dieses Schiff Sie nach Hause zurückbringt.«

Honor sah ihm in die Augen und nickte wieder.

»Danke, dass Sie mir das sagen, Mylord«, entgegnete sie ebenso leise wie er.

Noch während sie sprach, durchlief ein leichtes Zittern die Pinasse. Jeder halbwegs erfahrene Raumfahrer wusste, was dieses Zeichen zu bedeuten hatte: Die Andock-Traktorstrahler hatten das Beiboot erfasst. Der Superdreadnought war nun kein Schiff mehr, das man durch das Fenster beobachtete; es war eine gewaltige, sich endlos erstreckende Fläche aus Stahl und Waffen, die das Fenster völlig ausfüllte und in Megatonnen massender Würde auf die winzige Pinasse wartete, die sich vor ihrem erhellten Beiboothangar ausnahm wie eine Elritze vor dem Bauch des weißen Wals.

Mit pedantischer Präzision richteten die Traktorstrahler die Pinasse aus, bevor sie sie auf das Andockgerüst setzten. Honor merkte, dass sie schneller atmete und ihr das Auge tränte, während sie durch die Armoplastwand auf die Hangargalerie blickte. Die massierten Reihen aus graysonitischem Blau-in-Blau, in das sich hier und dort das Weltraumschwarz-Gold eines Manticoraners mischte, der zum Dienst in der Navy des Verbündeten abgestellt war, weckte in ihr ein plötzliches, fast unerträgliches Heimweh. Selbst auf diese Entfernung spürte sie den wilden, frohlockenden Puls der Emotionen, welche von den Männern und Frauen ausgingen.

Wie seltsam, überlegte sie. Sie war wahrhaftig zu einer Frau zweier Welten geworden. Kind der kühlen, majestätischen Gebirge von Sphinx war sie immer gewesen und würde es immer bleiben, doch nun war sie auch eine Grayson. Ihr hatte sich etwas mitgeteilt von dieser Welt, die manchmal rückständig und nervenaufreibend erschien: etwas von der fast Furcht erregenden Tatkraft, der heißblütigen Direktheit, mit der die Graysons Treue bewahrten oder Feindschaft empfanden. Sie verstand diese Menschen nach all den Jahren besser, und vielleicht war es unumgänglich gewesen, dass sie diese Entwicklung durchschritt. Sosehr die Graysons sich äußerlich auch von Honor unterschieden, in einem hatten sie einander immer geglichen:

Im Umgang mit der Verantwortung. Weder Honor noch die Graysons hatten je schnell genug laufen gelernt, um sich der Verantwortung zu entziehen. Selbst jene Graysons, die Honor am meisten für die von ihr eingeführten Veränderungen hassten, verstanden die ›Fremde‹ ausgezeichnet, und Honor begriff sie nun ebenso gut. Während das Frohlocken wie in Wellen von der Hangargalerie über Honor hinwegbrandete, verband es sie mit den Menschen dahinter und fühlte sich wahrhaft zu Hause.

Das grüne Licht begann zu blinken, und White Haven, der neben der Luke stand, machte eine einladende Geste. »Nach Ihnen, Mylady«, sagte er. Honor blickte ihn an, und er lächelte. »In dieser Navy stehen Sie im Rang über mir, Lady Harrington. Und wäre es anders, wäre ich nicht so unvorsichtig, mich in einem Moment wie diesem zwischen Sie und eine Schiffsladung Graysons zu stellen!«

Sie lief dunkelrot an, doch dann musste sie lachen und erhob sich, während sie sein Lächeln erwiderte.

Er half ihr, Nimitz’ Traggestell wieder auf ihrem Rücken festzuschnallen, dann ließ er sie als Erste in die Personenröhre. Sie spürte, wie aufgeregt die Besatzung des Superdreadnoughts war; fast schien es, als poche ihr ein Überdruck wellenartig durch die enge Röhre entgegen. Der Ansturm unterschied sich von der Stimmung an Bord der Farnese und wirkte doch genauso überwältigend. Honor fiel es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Andererseits hätte sie noch im Schlaf durch die Schwerelosigkeit einer Personenröhre schwimmen können, auch wenn ihr ein Arm fehlte. Sie verließ sich ganz auf die Fertigkeit, die sie in über vierzig Jahren Raumflottendienst erlangt hatte. Als sie sich jedoch der Haltestange am Röhrenende näherte, spürte sie durch den Trommelwirbel von Emotionen der wartenden Graysons noch etwas anderes, ein schwaches, aber ganz ureigenes Entzücken. Es kam von hinten.

Am liebsten hätte sich Honor zu White Haven umgewandt, nur um zu sehen, ob sein Gesichtsausdruck das perlende Lachen widerspiegelte, das sie im Hinterkopf hörte. Und vielleicht hätte sie dabei auch einen Hinweis darauf erhascht, was er eigentlich so witzig fand. Doch dazu mangelte es Honor an Zeit. Sie packte die Haltestange und schwang sich zu den warmen, tönenden Klängen des Gutsherrenmarschs in das fremde Schiff.

Obwohl sie sich bestmöglich gewappnet hatte, hätte nichts sie auf den Empfang vorbereiten können, der sie erwartete. Die Musik, der optische Ansturm der Uniformen, die durch blitzende Goldlitzen und Rangabzeichen aufgehellt wurden, die Ehrengarde der Marineinfanterie, die das Gewehr präsentierte, der Gefühlstaifun, die Freude – und auch die Rachsucht, die aufbrandete, als das Fehlen ihres linken Arms und ihr halbseitig gelähmtes Gesicht bemerkt wurden – alles brach über sie herein. Und über den Gefühlen hörte sie ein Hurragebrüll, das selbst die graysonitische Flottendisziplin nicht zum Schweigen bringen konnte. Nimitz zitterte; auf die Eindrücke, die wie ein polychromatisches Donnergrollen auf ihn eindrangen, reagierte er wie betäubt; sie konnte nichts anderes tun, als instinktiv das vor langer Zeit eingedrillte Protokoll für das Anbordkommen zu befolgen.

Honor wandte sich zur Ehrenbezeigung der Flagge des Planeten Grayson zu, die am bugwärtigen Schiff des Hangars hing, dann wandte sie sich dem Kommandanten des Schiffes zu und salutierte ihm. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie Captain Thomas Greentree erkannte. Der stämmige, braunhaarige Grayson sah aus, als wolle sein Grinsen ihm das Gesicht in zwei Hälften spalten. Hinter ihm entdeckte sie noch einen Bekannten: Admiral Judah Yanakov lächelte womöglich noch breiter als Greentree, und eigenartigerweise passte seine Wiedersehensfreude mühelos zu den harten, gefährlich leuchtenden Augen, mit denen er ihren Armstumpf betrachtete. Honor kannte ihn zu gut, um sich fragen zu müssen, was dieses Leuchten bedeute. Sie nahm sich fest vor, so bald wie möglich ausgiebig mit ihm zu sprechen. Doch nun war dazu nicht der rechte Moment. Sie blickte an ihm vorbei auf die Galerie und wartete, dass die Hurrarufe verstummten.

Selbst für einen Superdreadnought war die Galerie geräumig, und …

Sie verlor völlig den Faden, als sie auf dem Schott hinter der Ehrenwache das Schiffsemblem entdeckte. Die Vorlage für dieses Wappen war überdeutlich. Das gleiche Wappen hatte sie jedes Mal erblickt, wenn sie sich ihren Gutsherrnschlüssel ansah – und wenn doch noch Zweifel bestanden hätten, woher es stammte, so hätte der geschmückte Schiffsname darüber sie samt und sonders zerstreut.

Bestürzt stierte Honor das Wappen an; sie konnte den Blick einfach nicht abwenden, obwohl sie genau wusste, dass sie mit ihrer Reaktion die Erheiterung nährte, die vom Earl von White Haven auf sie einströmte. Und für die Gesundheit Mylords war es vermutlich sehr gut, dass sie sich in diesem Moment nicht zu ihm umdrehen konnte, überlegte sie später. Denn wenn sie es vermocht und gesehen hätte, dass er auch nur um ein Zehntel so breit grinste, wie sie vermutete, und er auf Armesreichweite gestanden hätte …

Doch nun blieb ihr keine Zeit für süße Rachefantasien, denn der Tumult ringsum erstarb, und Thomas Greentree warf die strengen Vorgaben der Flottentradition dieses eine Mal über Bord. Zackig senkte er nach der Ehrenbezeugung die Rechte, streckte sie vor und umschloss zermalmend ihre Hand, bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte.

»Willkommen daheim, Mylady!«, sagte er, und seine Stimme, obwohl rau vor Ergriffenheit, hallte in der plötzlichen Stille wieder. »Willkommen zu Hause. Und willkommen an Bord der Honor Harrington!«

3

Über Austin City ging Jelzins Stern auf. Hochadmiral Wesley Matthews blickte aus der geräumigen Wartehalle über das Fähren-Landefeld und blähte die Wangen. In jenen einfacheren Tagen, als er Commodore einer Systemverteidigungsflotte gewesen war, hatte sein Haar eine kräftige braune Farbe besessen; nun aber war es von so viel Silber durchzogen, dass es im Licht der Morgendämmerung wie Edelmetall glänzte. In seinem intelligenten, ausdrucksstarken Gesicht waren mehr Falten zu sehen als früher, doch aus seinen haselnussbraunen Augen sprach auch eine tiefgreifende Zufriedenheit. Meistens wenigstens. Er durfte durchaus mit sich zufrieden sein, denn er hatte die Verwandlung der Grayson Space Navy geleitet, die im Masadanischen Krieg fast völlig aufgerieben worden war, dann jedoch wie ein Phönix aus der Asche stieg und sich zur drittstärksten Flotte in hundert Lichtjahren Umkreis entwickelte. Zwar lag seine Navy nun mit der allergrößten Flotte innerhalb dieses Radius im Krieg, aber sie besaß mächtige Verbündete; im Großen und Ganzen konnte Hochadmiral Wesley Matthews auf vieles stolz sein.

Nichts linderte jedoch die eigenartige Mischung aus Empörung, Hingabe, Respekt und Gereiztheit, die er an diesem Morgen empfand. Ganz kurz nur warf er ehrerbietig einen finsteren Blick auf den Rücken des kleinen, drahtigen Mannes, der mit ihm in der Wartehalle stand, dann blickte er wieder aus dem Fenster.

Austin City war die älteste Stadt auf Grayson. Während viele ihrer öffentlichen Gebäude unter Schutzkuppeln standen, war die Stadt selbst zum Himmel offen, und auf Graysons Nordhalbkugel herrschte Winter. In der Nacht hatte es stark geschneit, und mehr als mannshoch ragten die Berge auf, die von den Schneepflügen des Landefeldes zusammengeschoben worden waren. Matthews hatte Schnee noch nie besonders leiden mögen, war aber bereit, manchmal Zugeständnisse zu machen. Zum Beispiel in diesem Jahr. Der viertausend Jahre alte christliche Kalender, an den sich Graysons offizielle Zeitrechnung beharrlich klammerte, stand in ungewöhnlicher Übereinstimmung mit der Jahreszeit, und darum bereitete es ihm mehr Vergnügen als sonst, seinen liebsten Weihnachtsliedern zu lauschen. Schließlich kam es nicht allzu oft vor, dass ein Grayson Gelegenheit erhielt, mit eigenen Augen zu sehen, warum sich die alten Lieder so sehr für die ›weiße Weihnacht‹ begeisterten.

Aber Weihnachten lag zwei Tage zurück, und Matthews hatte sich wieder militärischen Angelegenheiten zuwenden müssen. Er verzog das Gesicht, als er auf das Dutzend Waffenträger im Mayhewschen Kastanienbraun und Gold blickte. Die Männer hatten am Fuß des Hallenlifts Aufstellung genommen. In der kalten Luft bildete ihr Atem weiße Wölkchen. Hinter ihnen hatten sich mehrere Dutzend Marineinfanteristen scheinbar zufällig über die Zufahrten vereilt. Der Anschein der Zufälligkeit indes trog, wie Matthews sehr wohl wusste. Diese Marines waren sehr bedachtsam positioniert, Unterstützung lag nur einen Com-Anruf weit entfernt, und sie waren schwer bewaffnet, wach und aufmerksam.

Und wenn er sich nicht sehr irrte, war jeder einzelne von ihnen genauso erzürnt über die jüngste Grille des Protectors wie er selbst.

Eines Tages muss Benjamin doch endlich erwachsen werden. Ich weiß, er liebt es, sich von der Leine zu lösen, wann immer er kann, und der Prüfer weiß, dass ich es ihm nicht verüble, aber er darf einfach nicht mit minimalem Schutz mitten auf einen Raumflughafen herumstehen! Und wo wir schon beim Herumstehen sind: Es wäre wirklich nett, wenn er mir einen Grund genannt hätte, weshalb ich hier mit ihm meine Zeit vertrödeln soll! So schmeichelhaft es ist, vom Protector persönlich hinzugebeten zu werden, ich muss dafür hundert Sachen liegen lassen, die dringend erledigt werden müssten. Außerdem stehe ich wirklich nicht gern vor der Morgendämmerung auf und ziehe mir die Galauniform an, nur weil mein Protector sich in den Kopf gesetzt hat, für einen Tag den Palast zu schwänzen.

Benjamin Mayhew drehte den Kopf und lächelte den Hochadmiral an, der ihn überragte. Das Lächeln war charmant und stammte von einem charismatischen Mann, sodass Matthews es fast gegen sein Willen erwiderte. Der Protector trug den Ausdruck des kleinen Jungen zur Schau, der es geschafft hatte, seinem Lehrer zu

entwischen; im Laufe des letzten Jahrzehnts war diese Miene Matthews nur zu vertraut geworden. Benjamin wirkte dadurch viel jünger als ein Mann Mitte vierzig. So alt wirkte er zumindest für die Augen eines Graysons; jemand, dem von der Geburt an Prolong zur Verfügung gestanden hatte, hätte ihn für einen Mann von fünfzig, wenigstens sechzig Jahren gehalten. Mit seinem Gesichtsausdruck vermochte der Protector die Stimmung des Oberkommandierenden der GSN jedoch nicht merklich aufzuhellen.

»Ich glaube, ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen, Wesley«, sagte der Protector nach einem Augenblick, doch dann wurde sein Lächeln zu einem breiten Grinsen. »Das werde ich aber nicht tun.«

»Das überrascht mich wenig, Euer Gnaden.« In seine Entgegnung ließ Matthews das höchste Maß an Missfallen einfließen, das er sich dem Herrscher seiner Heimatwelt gegenüber gestattete.

»Natürlich, aber nur, weil Sie mich so gut kennen! Wenn Sie mich nicht kennen und die vielen Nettigkeiten glauben würden, die von den PR-Fachleuten zur Erbauung der Öffentlichkeit über mich verbreitet werden, dann hätte ich Sie doch überrascht, oder?«

Matthews bedachte ihn zwar mit einem sengenden Blick, verzichtete aber auf eine Entgegnung, weil zwei alerte Marineinfanteristen am Eingang der Wartehalle Wache standen. In Gegenwart von Militärpersonal zügelte er sich lieber. Hätten die einzigen anderen Ohren allerdings dem breitschultrigen, wettergegerbten Waffenträger hinter dem Protector gehört, der mit derselben zornigen Ergebenheit wie Matthews auf dessen Rücken starrte, so wäre es etwas anderes gewesen.

Major Rice war seit über zehn Jahren der persönliche Waffenträger des Protectors, nachdem sein Vorgänger beim Putschversuch der Makkabäer das Leben verloren hatte. Und man hatte Rice für diese Position nicht wegen seiner Manieren ausgewählt, die man als ein wenig rudimentär bezeichnen musste. Bevor er dem Palastschutz beitrat, war Robert Rice jedoch als Sergeant-Major der dienstälteste Unteroffizier der Orbit Dogs gewesen (seine Kameraden nannten ihn aus einem Grund, den Matthews noch immer nicht kannte, nur ›Sparky‹). Die Orbit Dogs waren offiziell das Sonderbataillon 5019 und bildeten die Eliteeinheit der graysonitischen Marineinfanterie; allerdings war ihr ›Bataillon‹ stärker als ein normales Regiment. Nachdem der Protector um Haaresbreite dem Mordanschlag entkommen war, gelangte der Palastschutz zu der Ansicht, einen besonders scharfen ›Wachhund‹ zu brauchen, und verfiel auf Sparky Rice. Der kampferprobte Kämpe mit dem leicht ergrauenden, roten Haar nahm diese Verwendung allerdings nicht ohne ernste Bedenken an. Andererseits war ihm seine lange, herausragende und risikoreiche Militärlaufbahn vermutlich eine gute Vorbereitung gewesen, hatte sie ihm doch zu der Geduld verholfen, die man zur Hütung eines so … unverbesserlichen Schützlings wie Benjamin IX. unbedingt brauchte. Der Protector hatte keine Geheimnisse vor dem Chef seiner Leibwache, und Rice hatte ihn schon zu oft in dieser kindlichen Stimmung erlebt, als dass er irgendeine von Matthews Äußerungen in den falschen Hals bekommen konnte.

Der Hochadmiral bemerkte, dass der Protector ihn noch immer erwartungsvoll angrinste, und riss sich zusammen.

»Euer Gnaden«, entgegnete er und rächte sich milde, indem er seine Worte so höfisch, respektvoll und förmlich wie nur möglich formulierte, »lassen Sie mich Ihnen versichern, dass kein Dienst, den Sie mir abverlangen könnten, mir etwas anderes als Ehre und Vergnügen sein könnte.«

»Gut gekontert!«, stellte Benjamin bewundernd fest. »Darin sind Sie mittlerweile wirklich sehr versiert, Wesley.«

»Vielen Dank, Euer Gnaden«, erwiderte Matthews, doch seine Augen waren nun heiterer. Ein leiser Warnton erklang und er richtete den Blick auf das Display an der Hallenwand. In zehn Minuten würde ein Shuttle der Navy eintreffen. Matthews hob die Brauen. Also warteten sie hier auf den Shuttle? Wie kam es, dass der Protector eindeutig besser wusste, wer – oder was – sich an Bord dieser Navy-Raumfähre befand, als der uniformierte Oberkommandierende eben dieser Navy? Und warum zum Teufel grinste Benjamin ununterbrochen?

Matthews verspürte eine fast unerträgliche Neugier und war versucht, die Frage auszusprechen, auf die Benjamin nur wartete, aber er verbiss sie sich. Diese Genugtuung gönne ich meinem nervenzermürbenden Herrscher nicht, sagte er sich trotzig und spähte wieder auf das Landefeld hinaus.

Benjamin bedachte ihn mit einem kurzen Seitenblick, dann unterdrückte er ein Lachen und blickte ebenfalls durch die Crystoplastscheibe.

Schweigend verstrichen mehrere Minuten, und schließlich zog der glänzende Stecknadelkopf des Shuttles mit dem Kondensstreifen eine bleistiftstrichdünne weiße Linie über den strahlend blauen Morgenhimmel. Der Stecknadelkopf wuchs rasch zu einem Dolch mit zurückgepfeilten Tragflächen an. Zufrieden beobachtete Matthews, wie der Pilot gekonnt den Landeanflug einleitete und schließlich ›wie eine Eins‹ aufsetzte. Die Landebeine wurden ausgespreizt, bogen sich durch und entspannten sich. Die Luke fuhr auf, die Treppe schob sich hervor, und Matthews musste alle Beherrschung sammeln, um nicht enerviert auf den Fußspitzen zu wippen. Er hatte so vieles zu erledigen, und sobald diese Narretei vorüber war – was auch immer es sein mochte –, konnte er sich vielleicht um Wichtigeres küm …

Wie vom Blitz gerührt erstarrte Matthews und riss die Augen auf, als er die hoch gewachsene, schlanke Gestalt erblickte, welche die gleiche blaue Uniform trug wie er. Sein innerliches Grummeln geriet ins Stocken. Diese Person da kann einfach nicht soeben aus dem Shuttle gestiegen sein, teilte ihm die leise, ruhige Stimme der Logik mit. Nur eine einzige Frau hatte je das Recht besessen, eine graysonitische Admiralsuniform zu tragen. Und nur eine einzige Frau in der Grayson Space Navy hatte je eine sechsbeinige, cremefarben-graue Baumkatze getragen und mitgenommen, wohin immer sie ging. Also mussten seine Augen lügen, denn diese Frau war tot. War seit zwei T-Jahren tot. Und doch …

»Ich habe ja gleich gesagt, dass ich mich nicht entschuldigen werde«, sagte Benjamin IX. leise zu seinem ranghöchsten Offizier. Die Heiterkeit war völlig aus seiner Stimme verschwunden. Matthews blickte ihn wie betäubt an, und Benjamin lächelte sanft. »Es mag ein wenig spät sein für ein Geschenk«, sagte er, »aber besser spät als nie. Frohe Weihnachten, Wesley.«

Matthews wandte sich wieder den Fenstern der Wartehalle zu. Noch immer rang er mit der Unmöglichkeit dessen, was er sah. Der eine oder andere Waffenträger und Marineinfanterist auf dem Landefeld hatte den gleichen Schluss gezogen wie er. Erstaunen und Unglaube genügten, um selbst solche Elitekämpfer aus ihrer angedrillten Haltung zu reißen. Fassungslos starrten sie die große Frau mit dem kurzen, lockigen Haar an. Matthews wusste genau, dass es ihm nicht anders erging, aber er kam nicht dagegen an. Er spürte, wie seine Ungläubigkeit sich zu einem inneren Frohlocken Bahn brach, das seine Seele durchzurütteln drohte wie eine Kastagnette.

»Ich weiß ja, was sie Ihnen und dem Rest der Navy bedeutet hat«, fuhr neben ihm Benjamin in gedämpftem Ton fort. »Ich wollte Sie einfach nicht um diesen Augenblick betrügen.«

»A-aber wie …? Ich meine, wir haben doch alle gesehen … und die Reporter sagten auch …«

»Wie es möglich ist, das weiß ich auch nicht, Wesley. Noch nicht. Vor etwas über zwei Wochen erhielt ich eine Depesche von Trevors Stern, und kurz nachdem die Harrington aus dem Hyperraum gekommen war, empfing ich eine verschlüsselte Nachricht von Lady Harrington persönlich. Beide Botschaften waren aufreizend knapp und verrieten keine Einzelheiten bis auf die Wichtigste: dass sie noch am Leben sei. Ich bin zwar der Ansicht, dass Judah und sie sich eher der offiziellen Navy-Kanäle hätten bedienen sollen, anstatt mich direkt zu verständigen, aber Lady Harrington hat in ihrer Eigenschaft als Gutsherrin gehandelt, und nicht als Flaggoffizier. Und natürlich hat sie Recht, wenn sie sagt, dass vor allem anderen die politischen Auswirkungen ihrer Rückkehr erwogen werden müssten. Aber spielen Einzelheiten wirklich eine Rolle?«

Der Protector von Grayson sprach mit sehr leiser Stimme. Mit glänzenden Augen sah er zu, wie die große, einarmige Frau sich auf den Weg zum Hallenlift begab. Ihr folgte nun ein Offizier im Harringtonschen Grün, ein weiteres halbes Dutzend Raumoffiziere und ein gewisser untersetzter Senior Chief Gunner’s Mate in manticoranischer Uniform.

»Spielt denn irgendetwas eine Rolle … außer der Tatsache, dass sie doch zurückgekommen ist?«

»Nein, Euer Gnaden«, antwortete Matthews ebenso leise. Er holte tief und unstet Luft – zum ersten Mal innerhalb der letzten Standardstunde, wie er glaubte. »Nein«, wiederholte er kopfschüttelnd, »ich finde auch, dass nichts anderes wirklich wichtig ist.«

Honor Harrington verließ den Lift und wollte Haltung annehmen, doch Benjamin Mayhew trat mit einem einzigen langen Schritt auf sie zu und zog sie in eine bärenhafte Umarmung, die für seinen drahtigen Körper viel zu kräftig anmutete. Sie weitete die Augen. Für einen Grayson war es unerhört, eine unverheiratete Frau auch nur zu berühren, geschweige denn die Arme um sie zu schlingen und zu versuchen, ihr den Brustkorb einzudrücken! In der Öffentlichkeit hätte ein manierlicher Grayson nicht einmal eine seiner eigenen Ehefrauen so feurig umarmt. Dann überkamen Honor des Protectors Gefühle, die Überraschung schwand aus ihrem Blick, und sie legte ihren verbliebenen Arm ebenso fest um ihn. Auch für sie war diese Berührung unangemessen, obwohl Benjamin den Kontakt hergestellt hatte. In diesem Moment aber handelte er nicht als der Protector, aus dessen Händen sie zehn Jahre zuvor ihren Gutsherrnschlüssel empfangen hatte, sondern als der Freund, der sie hatte sterben sehen – und der sie nun erblickte, dem Leben wiedergegeben. In diesem Moment gab Benjamin gar nichts darauf, was die eisernen Regeln des graysonitischen Protokolls für den Protector vorsahen.

Der Augenblick war ebenso kurz wie intensiv, dann atmete Benjamin tief durch, trat zurück und hielt sie auf Armeslänge, die Hände auf ihre Schultern gelegt. Forschend blickte er ihr ins Gesicht. Völlig trocken waren seine Augen nicht, doch daran störte sich niemand. Auch Honor war gerührt, indes spürte sie unter seiner Wiedersehensfreude grimmigen, kalten Zorn.

»Das Auge hat’s wieder erwischt, oder?«, fragte er schließlich. Honor nickte, und die belebte Hälfte ihres Mundes verzog sich zu einem bittren Lächeln. »Das Auge, und die Ersatznerven sind alle zum Teufel … Und der Arm«, sagte er tonlos. »Sonst noch was?«

Sie erwiderte seinen Blick; sie wusste bestimmt, dass seine anscheinende Ruhe nur gespielt war. Honor hatte sich davor gefürchtet, wie er wohl auf ihre Verletzungen reagieren würde und besonders auf die Umstände, unter denen sie sie erlitten hatte. Einen Vorgeschmack hatte sie bereits von Judah Yanakov und Thomas Greentree erhalten … und von jedem anderen graysonitischen Offizier, dem die Geschichte bislang erzählt worden war.

Sie hatte immer gewusst, dass sie in ihrer ›zwoten‹ Navy einen Sonderstatus genoss. Das war vermutlich schon Grund genug, um den finsteren, unnachgiebigen Hass zu wecken, den Honor bei den Offizieren gespürt hatte, während sie ihre Gefangenschaft zu überspielen versuchte, den Hunger und die nicht abreißenden Versuche der SyS-Schergen, sie durch Demütigungen zu brechen. Die Offiziere waren jedoch auch Graysons, und trotz aller Änderungen, die Benjamin Mayhews Reformen schon herbeigeführt haben mochten, gehörte es zu den Urinstinkten aller männlichen Graysons, Frauen zu beschützen. Honor hegte den Verdacht, dass die Nachricht von ihrem Tod genügend von ihnen an einen Punkt getrieben hatte, der nur einen Schritt von Berserkerwut entfernt gewesen war. Nein, sie wusste es sogar, denn sie hatte den Nachhall des Grimms gespürt, der noch immer in Judah Yanakov kochte – und von Greentree hatte sie von dem Befehl erfahren, den Yanakov während der Schlacht vom Basilisk-Terminus den graysonitischen Kommandanten erteilt hatte. Zu erfahren, wie man tatsächlich mit ihr umgesprungen war, machte die Graysons auf eine scheinbar irrationale Weise noch rasender als der Anblick ihres angeblichen Todes im HD, obwohl sie nun wussten, dass sie überlebt hatte.

Männer, dachte sie enerviert und zugleich voll Zuneigung. Besonders Männer von Grayson! Nicht dass Hamish auch nur eine Spur besser wäre. Für keinen von ihnen sind die Tage der Bärenhäute und der Mastodeons besonders fern.

Wie dem auch immer war, sie musste sehr achtsam überlegen, wie sie diesem Mann hier ihre Erlebnisse berichtete. Benjamin Mayhew war der Planetare Protector von Grayson und Lehnsherr der Gutsherrin von Harrington, und ihr Verhältnis schloss sämtliche komplizierten, ineinander verflochtenen Schuldigkeiten des Lehnswesens ein – und dazu gehörte auch die Pflicht, Verletzungen, Demütigungen und Verstümmelungen zu rächen, die dem Vasallen zugefügt worden waren. So aufgeklärt er im Vergleich zu den Standards seiner Geburtswelt auch wirken mochte, er war und blieb ein Grayson. Vor allem aber war er Honors guter Freund und hatte nicht vergessen, dass er ihr und Nimitz das Leben seiner ganzen Familie schuldete. Gerade weil er der Protector von Grayson war – und das wog von allem am schwersten –, vermochte er dem Zorn, den er empfand, schrecklichen Ausdruck zu verleihen.

»Damit wäre die Mängelliste vollständig, was mich betrifft«, sagte sie nach einer kurzen Pause, und ihr Sopran klang ruhig, fast entrückt. »Auch Nimitz muss geflickt werden.« Sie hob die Hand und streichelte dem ’Kater die Ohren, die aus dem Traggestell lugten. »Er hatte einen kleinen Zusammenstoß mit einem Pulsergewehrkolben. Nichts, was sich nicht reparieren ließe, Benjamin.«

»Reparieren?«, fauchte er, und sie spürte seine neu aufkeimende Wut. Nun, damit hatte sie gerechnet. Er wusste, dass sie zu der Minderheit gehörte, bei der die Regenerationstherapie nicht anschlug.

»Reparieren«, wiederholte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und verletzte ein tausend Jahre altes Protokoll, indem die dem Protector von Grayson sanft und voll Zuneigung an der Schulter rüttelte. »Nicht mit allen Originalteilen, aber im Sternenkönigreich gibt es ausgezeichneten Ersatz, das wissen Sie doch.«

Er funkelte sie an; fast zürnte er ihr, dass sie versuchte, ihre Verstümmelung als unwesentlich abzutun. Beide wussten sie nur zu gut, dass nicht einmal die fortschrittliche manticoranische Medizin ihr echten Ersatz bieten konnte. Bei der Qualität moderner Prothesen bemerkten andere Menschen deren wahre Natur zwar so gut wie niemals, und viele von ihnen boten wie etwa Honors kybernetisches Auge, das man an Bord der Tepes zerstört hatte, durchaus Vorteile gegenüber den natürlichen Organen, doch in jedem Fall war eine Schnittstelle zwischen Nerven und Maschine erforderlich. Ganz gleich, wie gut das Ersatzteil war, einige Funktionen gingen immer verloren, und welche Verbesserungen eine Prothese zum Trost auch mitbrachte, sie besaß nicht die Empfindlichkeit des Originals – und würde sich niemals so lebendig anfühlen.

Dann glättete sich Mayhews Gesicht. Er tätschelte Honors Hand, die auf seiner Schulter lag, und rang sich ein Nicken ab, als begreife er, warum sie ihn zu beruhigen suchte. Vielleicht begriff er es ja tatsächlich; Honor konnte seine Empfindungen nicht genau genug lesen, um sich dessen sicher zu sein. Gewiss aber war er intelligent genug, um zu erkennen, welche potenzielle Gefahr seine Wut bedeutete; dann musste ihm klar sein, wieso sie diese Wut abzuwenden strebte, bevor sie Benjamin zu einem Rachefeldzug trieb.

Apropos Vergeltung …

»Genau genommen«, sagte sie in fröhlicherem Ton, »hatte ich viel mehr Glück als jeder einzelne von denen, die mich so verstümmelt haben, wissen Sie.«

»Tatsächlich?«, fragte Mayhew misstrauisch. Honor nickte und deutete dann mit einer Kopfbewegung auf den stämmigen Raketentechniker, der – endlich – hinter den Offizieren aus dem Shuttle die Wartehalle betrat.

»Senior Chief Harkness hat letztendlich dafür gesorgt, dass jeden, der etwas mit meinem Zustand zu tun hatte, ein sehr übles Ende ereilte – einschließlich Cordelia Ransoms«, erklärte sie dem Protector.

»Wirklich?« Mayhew musterte Harkness voll Anerkennung. »Respekt, Respekt, Senior Chief! Wie übel war das Ende denn genau?«

Harkness errötete und wollte etwas murmeln, zögerte jedoch und blickte Honor beschwörend an. Mit gesetztem Lächeln erwiderte sie seinen Blick und ließ ihn schmoren; in ihrer rechten Wange bildete sich ein Grübchen. Dann aber erbarmte sie sich seiner.

»So übel es nur geht, würde ich sagen«, antwortete sie. Als Mayhew sie anblickte, hob sie die Schultern. »Senior Chief Harkness hat dafür gesorgt, dass eine Pinasse im Beiboothangar eines Schlachtkreuzers ihren Impellerkeil hochfuhr«, erklärte sie ihm sehr nüchtern.

»Gnädiger Prüfer!«, hauchte Matthews, und Honors Lächeln wurde schief und kalt.

»Wenn irgendwelche Reste übrig sind, dann sind sie wirklich klitzeklein, Benjamin«, sagte sie leise.

Mayhew sog außerordentlich zufrieden die Luft ein, und seine Nasenflügel blähten sich. »Respekt, Respekt, Senior Chief«, wiederholte er. Honor empfand gelinde Erleichterung, weil der Zorn des Protectors sich ein wenig legte. Die Verantwortlichen für Honors Verunstaltungen waren ausnahmslos tot – und das ohne jeden Zweifel. Ihr Tod besänftigte den Protector nicht, denn die Vorgesetzten dieser Leute waren noch immer am Leben, doch sein Verlangen, gegen jemanden vorzugehen und loszuschlagen, war auf ein beherrschbares Maß gemildert.

Er blickte Harkness noch kurz sinnend an, dann schüttelte er sich leicht und wandte sich Honor zu.

»Wie Sie sehen«, sprach er mit alltäglicherer Stimme, »bin ich Ihrem Rat gefolgt und habe die Neuigkeit nur minimal verbreitet. Selbst Wesley wusste nicht, worauf er wartet.« Er verzog den Mund zu einem Lächeln, das zwar noch immer sardonisch wirkte, ihm jedoch schon ähnlicher sah. »Ich dachte, die Überraschung gefällt ihm.«

»Von wegen«, erwiderte Matthews, der entschieden hatte, dass dieses eine Mal eine kleine Majestätsbeleidigung entschuldbar sei, ob nun Marines in der Nähe standen oder nicht. »Sie wollten sich an meiner Überraschung ergötzen … typisch für Heranwachsende, dieses Ich-weiß-etwas-das-du-nicht-weißt!«

»Seien Sie vorsichtig, Hochadmiral!«, warnte ihn Benjamin. »Mit Offizieren, die die Wahrheit über den … ich meine, die den Protector beleidigen, nimmt es immer ein schlimmes Ende.«

»Ganz gewiss«, gab Matthews zurück, und seine Augen funkelten, als er Honor die Hand reichte. »Aber wenigstens sterben sie mit dem Wissen, für die Gedankenfreiheit und das Recht auf ungehinderte Meinungsäußerung in die Bresche gesprungen zu sein. Nicht wahr, Lady Harrington?«

»Ziehen Sie mich nicht mit hinein, Sir! Wir Gutsherren sind gesetzlich verpflichtet, der Würde des Protectors die Treue zu halten. Außerdem bin ich diese ›Frau von Außerwelt‹, erinnern Sie sich? Wenn ich auf Ihrer Seite bin, stehen Sie in den Augen der hirnlosen Reaktionäre nur noch schlechter da, und wenn er den Befehl gibt, knüpfen diese Leute Sie bedenkenlos auf.«

»In der Vergangenheit vielleicht, Mylady«, entgegnete Matthews. »Aber nicht mehr in der Zukunft. Wenigstens nicht in nächster Zukunft. Ich weiß, dass wir hier von graysonitischen Reaktionären sprechen, aber selbst die werden nicht unbeeindruckt bleiben, wenn Sie sich von den Toten zurückmelden. Eine Weile lang wenigstens nicht.«

»Pah! Drei Wochen – höchstens einen Monat«, schnaubte Mayhew. »Zum Glück gibt es weniger davon als früher, aber die Verbleibenden scheinen sich moralisch bemüßigt zu fühlen, umso obstruktiver zu werden, je mehr ihre Reihen zusammenschmelzen. Und mittlerweile haben sie sich von der Innenpolitik abgewandt und befassen sich mit unseren interstellaren Beziehungen. Nicht etwa, dass sie nicht planen würden, schnellstmöglich durch die Hintertür wieder an der innenpolitischen Front zu erscheinen! Zu schade, dass die gute alte Zeit vorüber ist – die gute alte Zeit kurz nach Inkrafttreten der Verfassung. Unter meinen Schlüsseln sind einige, die ich gern mit den … einfallsreicheren Züchtigungen bekannt machen würde, die Benjamin der Große für lästige Gutsherren in petto hatte. Besonders …«

Er verstummte und verzog das Gesicht, dann winkte er ab.

»Ich will gar nicht damit anfangen. Nur in einem können wir uns leider sicher sein, Honor: Es wird zahllose Gelegenheiten geben, bei denen ich Ihnen bestürzend klar machen kann, wie sehr die Konservativen mich während Ihrer Abwesenheit geplagt haben.«

»Ganz gewiss«, stimmte sie ihm zu. »Aber dabei fällt mir etwas anderes ein. Gewisse Admirale, darunter ein manticoranischer und Ihr eigener verachtenswerter Cousin, wollten mir partout nicht verraten, was aus meinem Gut geworden ist! Ich bin sicher, dass Judah jede Auskunft untersagt hat. Mich kann er keine Sekunde mit seinem Unsinn täuschen, von wegen Militärangehörige hätten sich nicht in die Politik einzumischen! Dazu hat er viel zu sehr gegrinst.«

»Hat er?« Mayhew hob die Brauen und schüttelte den Kopf. »Schockierend«, sagte er. »Einfach schockierend. Da werde ich wohl ein ernstes Wort mit ihm sprechen müssen.« Honor funkelte ihn an, und er grinste. »Trotzdem sollte man nicht versuchen, die Einzelheiten von zwei Jahren Politik in einer Raumhafen-Wartehalle darzulegen. Besonders nicht, weil wir noch einiges zu erledigen haben, bevor Katherine und Elaine Sie mit Beschlag belegen, um die planetenweite Willkommen-daheim-Honor-Gala zu planen.«

Als Honor aufstöhnte, lachte er. Dann nickte er Rice zu. Der Major sprach leise etwas in sein Armbandcom. Der Protector nahm Honor beim Arm und führte sie langsam zum Ausgang der Wartehalle. Rice und LaFollet schlossen sich ihnen still an.

»Wie ich bereits gesagt habe, Honor, weiß bislang nur ein sehr enger Kreis von Ihrer Rückkehr. Allerdings gibt es hier auf Grayson einige Personen, die die Neuigkeit meiner Ansicht nach unverzüglich erfahren mussten.«

»Aha?« Honor beäugte ihn misstrauisch.

»Ja, und … Na, und da sind sie auch schon!«, rief er, als sich die Türen geräuschlos öffneten. Honor blieb wie angewurzelt stehen.

Sieben Personen standen im Eingang: fünf mit vier und zwei mit sechs Gliedmaßen; alle von ihnen verschwammen, als Honors Auge sich unversehens mit Tränen füllte. Allison Chou Harrington stand klein, hübsch und elegant wie immer neben ihrem Ehemann. Als sie ihre Tochter erblickte, stiegen ihr ebenfalls Tränen in die fein geschnittenen Mandelaugen. Alfred Harrington überragte sie wie ein Turm. In seinem Gesicht arbeitete es; seine Gefühle waren so stark und tief, dass Honor es kaum ertragen konnte, sie zu spüren. Links neben Allison stand Howard Clinkscales. Unter dem Eindruck des Wiedersehens war sein grimmiges, zerklüftetes Gesicht völlig erstarrt. Er stützte sich auf den Stab mit dem Silberknauf, das Zeichen seines Amtes als Regent des Guts von Harrington. Neben ihm stand Miranda LaFollet mit dem Baumkater Farragut in den Armen. Im Ausdruck ihrer Augen entblößte sie ihr Herz, denn endlich sah sie ihre Gutsherrin und ihren Bruder wieder. Rechts von Alfred stand ein Mann mit lichtem, sandfarbenen Haar und grauen Augen, der sie anstarrte, als wolle er seinen Augen nicht trauen. Honor spürte James MacGuiness’ überwältigende Freude – eine Freude, die nur ganz allmählich seine grenzenlose Furcht verdrängte, dass sich die unglaublich anmutende Nachricht von ihrer Rückkehr doch noch als Irrtum entpuppen könne. Um all diese Gefühle wand sich die sinnesbetörende Wiedersehensfreude, die von der schlanken, gefleckten Gestalt auf MacGuiness’ Schulter ausstrahlte, denn die Baumkatze Samantha sah ihren Lebensgefährten wieder.

Für Honor waren die Emotionen zu viel. All diese Personen bedeuteten ihr so viel, von allen brandeten solche Gefühlsstürme über sie hinweg. Und sie besaß keine Abwehr dagegen. Sie spürte, wie ihr die Züge entglitten – nicht vor Trauer, sondern eines Glückes wegen, das zu groß war, um erträglich zu sein.

Das hat Benjamin mit Absicht getan, dachte sie irgendwo ganz weit hinter dem Wirbelsturm ihrer eigenen Empfindungen. Benjamin weiß von meiner Link mit Nimitz und hat dafür gesorgt, dass bei meinem ersten Wiedersehen mit ihnen kein Zeuge anwesend ist, der nicht zum inneren Kreis gehört; kein Fremder soll sehen, wie ich endgültig die Beherrschung verliere.

Dann war kein Platz mehr für Gedanken. Keine zusammenhängenden Gedanken jedenfalls. Honor Harrington war vierundfünfzig T-Jahre alt, doch das hatte keine Bedeutung mehr, als sie von Benjamin Mayhews Seite vortrat und mit getrübtem Blick den Arm nach ihrer Mutter ausstreckte.

»Mama?«, flüsterte sie mit heiserer Stimme. Ihre Eltern traten auf sie zu, und Honor schmeckte Salz auf den Lippen. »Daddy? Ich …«

Die Stimme versagte ihr völlig, doch wen interessierte das? Nichts auf der Welt zählte noch, als ihr Vater sie erreichte und die Arme um sie schlang, die immer für sie da gewesen waren. Sie spürte die zermalmende Kraft des Sphinxianers in ihnen, und doch umschlossen sie Honor mit einer grenzenlosen Sanftheit. Ihre Schirmmütze fiel zu Boden, als ihr Vater sein Gesicht in ihr Haar drückte. Dann war auch Honors Mutter da und drängte sich an sie, und Alfred schloss sie in die Umarmung mit ein. Für diesen kurzen Moment brauchte Honor Harrington sich weder wie eine Gutsherrin noch wie ein Raumoffizier zu betragen, sie konnte einfach nur Tochter sein, zurückgekehrt durch ein Wunder, das weder ihr Vater noch ihre Mutter begriff. Honor umarmte ihre Eltern fester als umgekehrt.

Später wusste sie nicht zu sagen, wie lange sie dort so gestanden hatten. Einige Dinge sind zu gefühlsbetont und zu wichtig, als dass man sie in Minuten und Sekunden zerteilen sollte. Dieser Moment gehörte dazu. Er dauerte so lange, wie er dauern musste, doch schließlich spürte Honor, dass ihre Tränen versiegten. Sie atmete unfassbar tief durch und zog sich etwas zurück, ohne ihres Vaters Umarmung zu brechen. Mit tränenüberströmtem Gesicht blickte sie ihn an.

»Ich bin wieder zu Hause«, sagte sie nur, und er nickte.

»Das bist du, mein Kleines.« Obwohl seine tiefe Stimme unsicher klang, leuchteten seine Augen. »Das bist du wirklich.«

»Ja«, mehr sagte Allison nicht, und unter Schluchzen kicherte Honor, als ihre Mutter ein kleines Taschentuch hervorzog und ihrer Tochter das Gesicht säuberte, in der Art, wie sie Müttern seit grauer Vorzeit zu Eigen ist. Allison erreichte kaum zwei Drittel der Körpergröße ihrer Tochter, und Honor bezweifelte eigentlich nicht, dass sie einen recht albernen Anblick boten, aber das war ihr nur recht. Sie blickte über ihre Mutter hinweg Clinkscales an.

»Howard«, sagte sie leise. Er verbeugte sich tief, doch sie sah trotzdem seine Tränen schimmern und schmeckte seine Freude. Rasch reichte sie ihm die Hand. Er blinzelte, während er sie ergriff. So alt er war, sein Händedruck war noch immer kräftig und fest. Ungestüm holte Honor Luft und riss sich zusammen.

»Willkommen daheim, Mylady«, sagte Clinkscales nur. »Ihr Gut und Ihre Leute haben Sie vermisst.«

»Ich bin so schnell wiedergekommen wie ich konnte«, antwortete sie so leichthin wie möglich. »Leider hatte unsere Reiseroute ein paar Fehler. Aber Chief Harkness und Carson haben uns aus der Patsche geholfen.«

Ensign Clinkscales trat neben Honor, als sie ihn erwähnte. Lächelnd umarmte der Regent seinen hoch gewachsenen Neffen. Auf der Höhe seiner Jahre war Howard Clinkscales ein kräftiger Mann gewesen (für einen Grayson), Carsons Größe jedoch hatte er nie erreicht. Nun war er siebenundachtzig T-Jahre alt, ein Alter, das er ohne Prolong-Behandlung erreicht hatte. Die beiden Graysons zeigten die gleiche Größendiskrepanz wie Honor und Allison, und sie lachte leise, während sie ihrer Mutter liebevoll den Arm um die Schulter legte.

Dann hielt sie inne. Im Überschwang der ersten Umarmung hatte sie es nicht bemerkt, aber ihre Eltern trugen beide eine Art Gestell auf dem Rücken, ähnlich dem, in dem sie Nimitz mit sich führte. Honor hob die Augenbraue. Was war denn nun …?

Im nächsten Moment wandte ihr Vater sich halb ab, um MacGuiness und Miranda Platz zu machen. Honor riss das Auge noch weiter auf als in dem Moment, da sich die Tür geöffnet hatte und ihre Eltern hindurchgetreten waren. Das Traggestell auf seinem Rücken sah dem ihren in keiner Weise ähnlich, denn es war nicht für eine Baumkatze bestimmt. Es war …

»Guck nicht so fassungslos, Liebes«, ermahnte ihre Mutter sie, hob die Hand, ergriff Honors Kinn und drehte ihren Kopf, um ihr auch die linke Gesichtshälfte abwischen zu können. Honor gehorchte dem Druck widerstandslos; sie war so erstaunt, dass ihr etwas anderes kaum übrig blieb. Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Also wirklich, Honor«, sagte sie, »man könnte glauben, du hättest noch nie ein Baby gesehen, und dabei weiß ich bestimmt, dass es nicht so ist.«

»Aber … ja, aber …« Honor drehte wieder den Kopf und starrte in die dunklen Augen, die schläfrig ihren Blick erwiderten, dann schluckte sie und wandte sich ihrer Mutter zu. Unter Ausnutzung ihrer Körpergröße lehnte sie sich über sie und blickte in das Traggestell auf Allisons Rücken. Die Augen in dem Gesichtchen waren die gleichen, aber sie wirkten nicht schläfrig, sondern waren geschlossen. Das winzige Gesicht zeigte den müden, missbilligenden Ausdruck, den nur schlafende Säuglinge zustandebringen.

»Also wirklich, Honor!«, wiederholte ihre Mutter. »Du solltest aber wissen, dass dein Vater und ich Prolong-Empfänger sind.«

»Natürlich weiß ich das, aber …«

»In letzter Zeit scheint das Wörtchen ›aber‹ zu deinem Lieblingswort geworden zu sein, Liebes«, schalt Allison sie, wischte ein letztes Mal über Honors Gesicht, trat zurück und begutachtete ihr Werk. Schließlich nickte sie zufrieden und stopfte das feuchte Stoffquadrat in das Versteck zurück, aus dem sie es hervorgezaubert hatte.

»Eigentlich ist es deine Schuld, Liebes«, sagte sie zu Honor. »Du bist nicht dazu gekommen, einen Erben in die Welt zu setzen, und als man dann den armen Lord Clinkscales zum Gutsherrn von Harrington machen wollte, musste er sich schon aus Selbstverteidigung etwas anderes einfallen lassen.« Sie schüttelte den Kopf. Clinkscales streifte sie mit einem Blick und warf dann Honor ein fast verlegenes Grinsen zu.

»Du meinst …?« Honor schüttelte sich und atmete abermals tief durch. Sie nahm sich fest vor, Hamish Alexander zur Strecke zu bringen und ihn mit bloßen Händen zu erwürgen. Mit bloßer Hand – im Singular, verbesserte sie sich und rief sich seine spitzbübische Erheiterung und seine vage Andeutung über die Verhältnisse auf Grayson zu Gedächtnis. Angesichts der Schwere dieser Untat stand völlig außer Frage, dass sie mit ihrer Rache warten würde, bis ihr fehlender Arm durch eine Prothese ersetzt worden war. Wenn sie noch am gleichen Nachmittag an Bord eines Kurierboots aufbräche und die Abkürzung durch den Wurmlochknoten nehmen würde, könnte sie an der Harrington Halt machen und Judah Yanakov den Hals umdrehen; dann wäre sie trotzdem in nur vier Tagen im TrevorSystem, und …

Langsam blies sie die Luft aus und sah wieder ihre Mutter an.

»Also bin ich kein Einzelkind mehr?«

»Gütiger Himmel, endlich hast du kapiert«, murmelte Allison Harrington und grinste dabei übermütig. Dann hob sie die Hände und schnallte die Tragegurte ab. Mitsamt Gestell wiegte sie den schlafenden Säugling in den Armen, und als sie wieder Honor ansah, war der Übermut zarter Wärme gewichen.

»Das ist Faith Katherine Honor Stephanie Miranda Harrington«, sagte sie leise und kicherte beim Anblick von Honors Gesicht. »Ich weiß, der Name ist noch länger als das arme Schätzchen selber, aber das ist deine Schuld. Im Augenblick – das heißt, bis du dich bequemst, uns Enkel in die Welt zu setzen – ist dieses langnamige kleine Bündel Eure Erbin, Lady Harrington. Um genau zu sein, ist sie in dieser Sekunde die rechtmäßige ›Gutsherrin von Harrington‹, zumindest aber so lange, bis die Schlüssel entdeckt haben, dass es dich noch gibt. Und darum ist es wohl ganz gut, dass wir ihr mehr als fünf Vornamen ersparen konnten. Bis vor einigen Stunden wurde wohl angenommen, dass sie Honor II. werden würde, wenn sie sich eines Tages ihren Herrschaftsnamen aussucht. Zum Glück …« Ihre Lippen bebten; sie hielt inne und räusperte sich. »Zum Glück«, wiederholte sie energischer, »wird sie diese Entscheidung nicht ganz so bald treffen müssen, wie wir angenommen hatten.«

»Und das«, fügte Alfred hinzu, nachdem er sich ebenfalls von den Tragegurten befreit hatte, »ist ihr etwas jüngerer Zwillingsbruder James Andrew Benjamin Harrington. Wie du gewiss bemerkst, ist er mit zwo Vornamen weniger davongekommen. Das ist sein Vorrecht als geborener männlicher Bürger eines der allerletzten Patriarchate in diesem Spiralarm der Milchstraße. Trotzdem haben wir es geschafft – wie dir hoffentlich ebenfalls nicht entgangen ist –, dem örtlichen Potentaten Honig um den Mund zu schmieren, indem wir dem armen Kind seinen Vornamen angehängt haben.«

»Ja, ich verstehe schon.« Honor lachte und streckte den Arm aus. Sanft strich sie dem Jungen über die seidige Wange. Dabei warf sie einen Seitenblick auf Benjamin Mayhew und bemerkte sein glückliches, fast schon besitzergreifendes Lächeln. Offensichtlich waren ihre Eltern und die Mayhews einander viel näher gekommen, als Honor je zu hoffen gewagt hätte.

»Sie sind wirklich wunderhübsch, Mutter«, sagte sie leise. »Daddy und du, ihr habt gewohnt gute Arbeit geleistet, wenn ich so sagen darf.«

»Findest du?« Ihre Mutter neigte mit Bedacht den Kopf. »Ich muss sagen, mir wäre es lieber, wenn wir eine Abkürzung gefunden hätten, sodass sie gleich nach der Entbindung den ersten Schultag haben.« Sie schüttelte schwermütig den Kopf, ohne jemanden täuschen zu können. »Ich hatte völlig vergessen, wie viel Arbeit so ein Baby macht«, seufzte sie.

»Aber natürlich, Mylady!«, lachte Miranda auf. Honor wandte sich der Zofe zu und fand sie im Arm von Andrew LaFollet, ihrem Bruder – was unter normalen Umständen eine skandalöse Pflichtvergessenheit von Seiten des Majors bedeutet hätte. Doch wenn die Umstände im Moment eins nicht waren, dann normal. Miranda bemerkte Honors fragenden Gesichtsausdruck und lachte wieder. »Die Kleinen machen so viel ›Arbeit‹, dass Ihre Mutter darauf bestand, beide auf natürliche Weise auszutragen, obwohl das Prolong die Schwangerschaft um zweieinhalb Monate verlängert hat, Mylady«, informierte sie Honor. »So viel Arbeit, dass sie sich weigert, ihnen Ganztags-Kindermädchen zu stellen! Im Grunde ist es gar nicht so einfach, sie von den beiden so lange loszueisen, dass sie sich mal in der Klinik blicken lassen kann! Na, Ihre Eltern tun sich da nichts! Ich bezweifle sehr, dass selbst die Leute auf unserem Gut darauf vorbereitet waren, die besten Ärzte des Planeten mit Babys auf dem Rücken zu ihren Hausbesuchen zu empfangen, aber …«

Sie zuckte mit den Schultern, und Honor lachte.

»Nun, Mutter kommt eben von Beowulf, Miranda. Verrückt sind sie dort alle ein wenig, das habe ich wenigstens gehört. Und bei Babys werden sie ganz weich. Nicht«, fügte sie nachdenklich hinzu, während sie ihre winzigen Geschwister betrachtete, »dass ich das nicht verstehen würde. Das sind die beiden süßesten Babys im ganzen erforschten Kosmos, finde ich.«

»Meinst du das ernst?«, fragte ihre Mutter.

»Ja, das meine ich«, versicherte Honor ihr sanft. »Es kann zwar sein, dass ich ein wenig voreingenommen bin, aber ich meine es wirklich ernst.«

»Gut«, sagte Allison Harrington, »denn wenn mich meine Nase nicht trügt, hat Faith Katherine Honor Stephanie Miranda soeben den hohen Wirkungsgrad ihrer wohlkonstruierten Innereien demonstriert. Nur um dir zu beweisen, wie entzückt ich über dein Urteil bezüglich ihrer Schönheit bin, darfst du ihre Windeln wechseln, Liebes!«

»Das würde ich zu gern tun, Mutter. Leider habe ich im Moment nur einen Arm frei, und da man für diese Aufgabe so offensichtlich zwo Hände braucht …« Sie zuckte die Achseln, und Allison schüttelte den Kopf.

»Manche Leute sind wirklich zu allem bereit, nur um der Arbeit aus dem Weg zu gehen«, sagte sie erheblich fröhlicher, als ihr zumute war, während ihr Blick auf Honors leeren Uniformärmel ruhte.

Honor lächelte. »Ach, das hier hatte ich gar nicht nötig, um mich vor der Arbeit zu drücken«, versicherte sie Allison und lächelte noch breiter, als James MacGuiness mit Samantha näher trat. »Mac verwöhnt mich furchtbar. Selbst ohne mein kleines Malheur hätte er meinen Anteil am Windelwechseln vermutlich mit Freuden übernommen. Nicht wahr, Mac?«

»Ich fürchte, in meiner Aufgabenbeschreibung steht davon nichts, Mylady«, entgegnete der Steward. Er klang fast normal, aber seine Augen waren feucht, und sein Lächeln schien ein klein wenig zu zittern.

»Wirklich?« Honors Lächeln wurde weicher und wärmer. Sie streckte ihren Arm vor, umschlang MacGuiness und drückte ihn kräftig an sich. Nur für einen winzigen Moment gab er nach und ließ sich gegen sie sinken, dann hielt sie ihn auf Armeslänge von sich und blickte ihm in die Augen. »Naja, was das angeht, können Sie wohl nur ›Onkel Mac‹ sein … denn wir alle wissen ja, dass Onkel und Tanten die Kinder hoffnungslos verziehen und nichts Konstruktives zur Erziehung beitragen.«

»Welch interessanter Gedanke«, stellte Alfred Harrington fest. »Und worin bestehen die Aufgaben der großen Schwester …?«

»Kommt darauf an, wie viel größer sie ist, oder nicht?«, erwiderte Honor fröhlich. »In diesem Fall, würde ich sag …«

Sie unterbrach sich mitten im Wort, so schlagartig, dass ihre Mutter in plötzlicher Besorgnis von Faith aufblickte. Honors Lächeln war verschwunden, als habe es nie existiert. Mit der Geschwindigkeit eines Peitschenhiebs drehte sie den Kopf nach links, und ihr gesundes Auge fixierte die Baumkatze auf MacGuiness’ Schulter.

Samantha hatte sich aufgerichtet und die Ohren eng an den Schädel gelegt. Ihre Augen hafteten auf Nimitz. Allison wandte den Kopf in die gleiche Richtung und riss die Augen auf: Nimitz zuckte zurück, als sei er geschlagen worden. Einen winzigen Moment lang beschlich sie der wahnwitzige Gedanke, er könne Samantha irgendwie erzürnt haben, doch sie verwarf ihn sofort. Stattdessen entdeckte sie etwas an Nimitz, was sie niemals an ihm zu sehen erwartet hätte.

Schrecken. Eine Furcht, eine Panik, die ihn wimmern ließ wie ein verängstigtes Kätzchen.

MacGuiness und Andrew LaFollet hatten aufgesehen, als Honor sich unterbrach, und erbleichten nun, als sie Nimitz’ Zustand gewahr wurden. Im Gegensatz zu Allison hatten sie den Baumkater schon einmal so erlebt – in der Admiralskajüte von GNS Terrible, während entsetzliche Albträume Honor im Schlaf heimsuchten; damals war der Baumkater, der ihre Not miterleben musste, zitternd und bebend zu einem hilflosen Häufchen Elend zusammengesunken. Nun bemerkten sie, dass ihn das gleiche Entsetzen erneut in den Klauen hielt, und wie ein Mann traten sie vor, um ihrem kleinen Freund zu helfen.

Noch bevor sie sich bewegten, schlug Honor auf den Schnellverschluss der Trageriemen vor ihrer Brust und fing die Gurte, noch während sie sich öffneten. Wo man bei einer einarmigen Frau täppische Unbeholfenheit erwartet hätte, riss sie sich in einer fließenden Bewegung das Traggestell vom Rücken und zog es nach vorn. Sie ging in die Knie und presste sich Nimitz mitsamt Traggestell an die Brust. Sie drückte ihm ihre Wange gegen den Kopf und warf mit geschlossenen Augen jedes Quäntchen Kraft, das sie aufbringen konnte, dem Entsetzen entgegen, das sie über den telempathischen Link von Nimitz spürte.

Ich hätte es schon längst spüren sollen, schalt sie sich. Ich hätte es in dem Moment bemerken sollen, als wir Samantha wiedersahen … aber Nimitz hat es selbst nicht bemerkt. Mein Gott, wie konnten wir das nur übersehen?

Sie umklammerte den ’Kater mit ganzer Kraft und schenkte ihm alle Güte ihres Herzens. Nur einen winzigen Augenblick lang, während die entsetzliche Sturmfront seiner Gefühle sie beide mit Orkanstärke durchbrauste, wehrte er sich heftig gegen ihren Griff. Ob er voll Panik davonlaufen und sich verkriechen oder verzweifelt versuchen wollte, Samantha wenigstens körperlich zu erreichen, hätte Honor nicht sagen können … denn er vermochte es nicht mehr auszudrücken. Dann legte sich die furchtbare Panik ein wenig – und wich etwas viel Düstererem. Nimitz schauderte und erschlaffte, drückte sein Gesicht an Honor und jaulte leise, dumpf und klagend.

Bei der Untröstlichkeit, die aus diesem Laut sprach, verkrampfte sich Honors Herz. Sie küsste den Baumkater zwischen die Ohren und drückte ihn fest.

Der Pulserkolben, dachte sie. Dieser verfluchte Hieb mit dem Pulserkolben aufEnki! Mein Gott, was haben sie angerichtet?

Auf diese Frage kannte sie keine Antwort, eines aber wusste sie: Der Hieb, der sein Mittelbecken zerschmettert hatte, war der Grund für die dunkle, unerträgliche Einsamkeit in Nimitz’ Geist. Eine andere Ursache war undenkbar. Der Schreck und das Entsetzen darüber waren nun ungleich stärker. Weder er noch Honor hatten bislang bemerkt, dass dieses Schweigen herrschte, und deshalb war der Schreck nun viel größer, das Entsetzen weit tiefer.

Sie summte ihm begütigend zu und drückte ihn. Honor spürte, wie sich neben ihr Samantha auf die Echtpfoten erhob. Die Baumkatze war von MacGuiness’ Schulter geschossen und zu Nimitz gerannt. Mit Echthänden und Handpfoten strich sie ihm durch das seidige Fell. Honor schmeckte auch ihre Panik, die Nimitz’ Entsetzen gleichkam. Mit aller Kraft versuchte Samantha, sich mit ihm zu verständigen, horchte verzweifelt auf eine Antwort und bettelte um die Rückversicherung, die ihr Gefährte ihr nicht mehr bieten konnte.

Honor schmeckte die Emotionen beider ’Katzen, und ihre Tränen rannen in Nimitz’ Fell. Wenigstens legte sich nun die erste Panik. Honor atmete tief und erleichtert durch, als sie bemerkte, dass Nimitz trotz allem noch ihre Gefühle spürte und sie die seinen – und Samantha begriff, dass Nimitz nach wie vor ihre Gedanken verstand.

Schon seit langem stritten die Menschen, auf welche Weise sich die telempathischen Baumkatzen verständigten. Eine Theorie besagte, die ’Katzen seien keine echten Telepathen, eine andere, dass sie gar nicht im menschlichen Sinne des Wortes ›kommunizierten‹, sondern lediglich Untereinheiten in einem frei fließenden, allumfassenden Geflecht unverfälschter Emotionen seien. Dieses Geflecht sei so tiefreichend, dass es letztendlich an die Stelle echter Kommunikation trete.

Seit Honors Link zu Nimitz sich verändert hatte und immer stärker geworden war, wusste sie, dass gewissermaßen beide Ansichten richtig waren. Nie war sie imstande gewesen, Nimitz’ ›Gespräche‹ mit anderen ’Katzen ›abzuhören‹, aber sie hatte, wenn er mit anderen seiner Art ›sprach‹, ein tiefes, kompliziertes Gewirk aus ineinander fließenden Gedanken und Gefühlen gespürt. Nachdem er und Samantha Gefährten geworden waren, konnte Honor ihre Verständigung weitaus genauer beobachten und hatte eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht. Die beiden hatten sich so eng verbunden, dass sie in vielerlei Hinsicht fast wie ein einziges Individuum waren: Sie standen einander so nahe, dass sie sich oft austauschten, ohne dazu eigens Gedanken formulieren zu müssen. Dennoch hatte Honor aus ihren Beobachtungen sowohl der beiden als auch ihrer Verständigung mit anderen Baumkatzen den Schluss gezogen, dass diese Spezies im Allgemeinen eher komplexe, vernunftbasierte Konzepte austauschte – was man letztlich nur als ›zielgerichtete Kommunikation‹ bezeichnen konnte. Bis zu diesem schrecklichen Augenblick jedoch hatte sie nie mit Sicherheit sagen können, ob dieser Austausch auf mehr als einem Kanal erfolgte. Nun wusste sie es besser, denn Samantha konnte Nimitz’ Gefühle noch immer ›hören‹ und ›schmecken‹ – doch leider war das auch schon alles. Das vielfältige und vielschichtige Gespinst, das sie vereint hatte, war misshandelt und zerschlagen, war seiner Fülle zur Hälfte beraubt und zu unnatürlicher Stille verflucht worden. Während die Baumkatzen noch darum rangen, das volle Ausmaß ihres Verlustes zu begreifen, bedauerte Honor schon den schweren Schlag, der ihre Freunde getroffen hatte.

Wie konnten wir das nur während unseres Aufenthaltes auf Hell übersehen? So lange Zeit, und wir haben nichts geahnt …

Doch dann verstand sie und keuchte auf. Natürlich! Ihr Link zu Nimitz lief über den empathischen Sinn des ’Katers. Den telepathischen Kanal hatten sie nie benutzen können, und deshalb hatte Nimitz auch nie geargwöhnt, er könnte ihn verloren haben – könnte seiner beraubt worden sein. Ohne Vorwarnung zeigte sich sein Leiden erst, als er versuchte, sich mit seiner Lebensgefährtin zu verständigen … und sie ihn nicht hören konnte.

»Honor?«, hörte sie ihre Mutter weich fragen, und als sie aufblickte, kniete Allison neben ihr, das Gesicht angespannt, die Augen dunkel vor Sorge. »Was ist denn, Honor?«

»Es …« Honor holte rasselnd Luft. »Im Barnett-System … Nachdem Ransom verkündet hatte, mich nach Hell zu schicken, befahl sie ihren Schlägern, Nimitz zu töten, und …« Sie schüttelte den Kopf und schloss wieder die Augen. »Wir hatten nichts mehr zu verlieren, Mutter, und deshalb …«

»Deshalb haben sie die SyS-Wärter angegriffen«, vollendete Andrew LaFollet den Satz leise, und Honor bemerkte, dass auch ihr Waffenträger neben ihr kniete, auf der linken, ihrer blinden Seite. Sie wandte sich ihm zu. »Da muss es geschehen sein, Mylady«, sagte er. »Als dieser Hundesohn Ihren Nimitz mit dem Pulsergewehr totschlagen wollte.«

»Ja.« Honor nickte. Irgendwie war sie nicht überrascht, dass LaFollet zum gleichen Schluss gelangt war wie sie. Von ihren anderen Freuden empfing sie nur Verwirrung, aber es war erstaunlich genug, dass sie überhaupt etwas spürte, obwohl der emotionale Wirbelsturm sie nicht immer beherrschte, der von den beiden Baumkatzen ausging. Sie lockerte den Griff um Nimitz, stellte das Traggestell auf den Boden und ließ ihn hinausklettern. Samantha und er setzten sich einander gegenüber, Gesicht an Gesicht. Nimitz drückte die Wange gegen ihren Hals, während sie ihn tröstend anschnurrte, so laut, dass man glauben wollte, ihre Knochen müssten jeden Moment heftig vibrierend ihr Fell durchstoßen. Sie legte den Greifschwanz um ihn und streichelte ihn mit Handpfoten und Echthänden. Bedrückt und schief, verkrümmt durch seine schlecht verheilten Knochenbrüche, hockte er am Boden. Honor sah hoch und fand den besorgten Blick ihrer Mutter.

»Niemand hat je sagen können, ob ’Katzen echte Telepathen sind – bis jetzt«, sagte sie leise zu Allison. »Jetzt wissen wir es. Als dieser SyS-Schläger Nimitz niederschlug, muss er … zerstört haben, was immer eine Baumkatze zum Telepathen macht, denn Samantha kann ihn nicht hören, Mutter. Sie kann ihn nicht mehr hören.«

»Aha, so ist das also.«

Honor blickte auf. Ihr Vater stand neben ihr, in jedem Arm einen Säugling. Als sie nickte, runzelte er die Stirn. »Seiner Sitzhaltung entnehme ich, wo der Pulser ihn getroffen hat … Fast genau auf dem Mittelbecken?«

»Etwa rechts hinter dem Mittelbecken, glauben wir, Mylord«, antwortete LaFollet. »Die meisten Rippen auf dieser Seite waren gebrochen. Dr. Montaya könnte Ihnen wahrscheinlich genauere Auskunft geben, aber mir kam es vor, als hätte der Hieb ihn in einem Winkel von etwa siebzig Grad getroffen, vielleicht noch ein wenig flacher.«

Der Waffenträger wirkte sehr konzentriert, als hätte er entdeckt, dass hinter der Frage mehr stand, und Alfred Harrington nickte nachdenklich.

»Das würde einiges erklären«, murmelte er und blickte nachdenklich ins Leere. Dann bewegte er ruckartig den Kopf und sah seine ältere Tochter an.

»Wir fragen uns schon seit Jahrhunderten, welchem Zweck der Nervenknoten dient, den das Rückenmark der Baumkatzen unter den Beckenknochen ausbildet«, sagte er. »Es gibt Theorien, denen zufolge diese Nervenknoten sekundäre Gehirne sein sollen. Groß genug wären sie dazu, und ihre Struktur ist hinreichend komplex. Über diese Nebengehirne lässt sich vielleicht auch erklären, wie eine Spezies mit relativ geringer Körpermasse überhaupt erst Intelligenz entwickeln konnte. Andere verwerfen diese Idee als Unsinn, und eine dritte Gruppe hat angeführt, dass es sich tatsächlich um Nebengehirne handeln könnte. Die anatomischen Eigenschaften aber sprechen eher dafür, dass die Nervenknoten noch eine andere Rolle spielen. Ihr Aufbau ist genau analysiert und kartiert, aber wir konnten ihnen nie eine eindeutige Funktion zuweisen. Andererseits hat noch kein Forscher eine Baumkatzenexpertin wie dich zur Seite gehabt, Honor. Nun denke ich, dass wir wissen, welche Funktion wenigstens eines dieser Superganglien versieht.«

»Du meinst, dort unter dem Mittelbecken war sein … na ja, sein Telepathie-Sender?«

»Ich würde jedenfalls sagen, dass es ganz danach aussieht. Du hast gesagt, dass nur Sam ihn nicht hören könnte. Ist es umgekehrt anders?«

»Ja. Das glaube ich wenigstens«, sagte Honor nach einem Augenblick. »Schwer, das so genau zu sagen. Als er begriffen hat, dass sie ihn nicht hören kann, hat er einfach …«

»So reagiert, wie ich an seiner Stelle reagiert hätte«, unterbrach ihr Vater sie. »Wenig überraschend. Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl einem Telepathen ergeht, der zum ersten Mal in seinem Leben allein und isoliert ist; der sich in seiner eigenen kleinen Welt gefangen wiederfindet. Wir wissen noch nicht einmal ansatzweise, was wir über die ’Katzen wissen sollten, aber es steht fest, dass sie alle an einem allgegenwärtigen Gesamtbewusstsein teilhaben, einem Verbund mit jeder ’Katz und in gewissen Ausmaß auch mit den meisten Menschen in ihrer Nähe. Vom Tag ihrer Geburt an kennen sie dieses Bewusstsein. Sie müssen es für genauso selbstverständlich halten wie den Sauerstoff. Jetzt aber …«

Alfred Harrington schüttelte erschauernd den Kopf; Honor nickte stumm. Sie staunte, wie genau ihr Vater das Geflecht von Verstand und Herz zu beschreiben wusste, obwohl er davon niemals einen Eindruck erhalten haben konnte.

»Wenn ich mit der Verletzungsursache richtig liege, dann kann es ihm von allen Baumkatzen nicht als Erstem passiert sein. Weiß Gott werden sie im Urwald oft genug verletzt, und daher müssen wenigstens einige von ihnen ähnliche Verstümmelungen erlitten und überlebt haben. Also wissen sie, dass es jedem von ihnen widerfahren kann; es muss ihre größte Furcht sein. Als Nimitz begriff, dass es ihm passiert ist …«

Er schüttelte wieder den Kopf und seufzte. Mitleidig betrachtete er die beiden Baumkatzen. Samantha hatte einen leisen, liebevollen Trostgesang angestimmt.

»Können wir denn gar nichts tun?«, fragte Honor mit einem eigenartigen Unterton in ihrer Stimme, den LaFollet sich zunächst gar nicht erklären konnte; dann begriff er. Alfred Harrington gehörte zu den fünf besten Neurochirurgen des Sternenkönigreichs von Manticore. Hier bat ihn nicht nur eine Tochter um Trost; hier wandte sich eine Frau an den Arzt, der die zerstörten Nerven in ihrem Gesicht wiederhergestellt und ihr eigenhändig ein kybernetisches Auge implantiert hatte, und fragte ihn, ob er noch ein weiteres Wunder aus dem Koffer ziehen könne.

»Das weiß ich nicht, Liebes. Noch nicht«, antwortete Alfred Harrington ihr aufrichtig. »Ich habe wahrscheinlich mehr auf die Zeitschriftenartikel über Baumkatzen geachtet als die meisten anderen Neurochirurgen, weil Nimitz ein so wichtiger Teil unseres Lebens ist. Aber mein Fachgebiet ist nun einmal der Mensch. Eingeborene sphinxianische Lebewesen waren immer mehr die Spezialität der Veterinäre. Zwischen den Nervenstrukturen der Baumkatzen und denen der Menschen bestehen gewaltige Unterschiede. Die Knochen- und Gelenkschäden lassen sich ohne Komplikationen beseitigen, da bin ich mir sicher, aber im Moment kann ich nicht sagen, wie die Aussichten in Bezug auf Nervenheilung sind.« Die belebte Seite von Honors Gesicht verkrampfte sich, und Alfred schüttelte rasch den Kopf. »Das heißt aber noch nichts, Honor! Ich will dir nur keine falschen Hoffnungen machen; ich weiß es zwar nicht, aber ich werde mich damit beschäftigen. Und ich verspreche dir eins – und Nimitz und Samantha: Wenn Nimitz geheilt werden kann, dann will ich verdammt sein, wenn ich die Heilungsmethode nicht herausfinde!«

Honor blickte ihn für die Dauer zweier Herzschläge an, dann entkrampften sich ihre Schultern, und aus ihrem Gesicht wich einige Angst. Auf das fachliche Urteil ihrer Eltern verließ sie sich vorbehaltlos, denn zu oft hatte sie gesehen oder gehört, was sie zu leisten verstanden. Wenn ihr Vater sagte, er glaube eine Heilungsmöglichkeit für Nimitz’ Verkrüppelung zu kennen, dann musste er sich schon recht sicher sein, dass es diese Möglichkeit wirklich gab. Auf keinen Fall hätte er gelogen, um irgendjemanden erst einmal zu beruhigen.

Und noch etwas tut er nie, dachte sie. In ihrem ganzen Leben hatte er noch nie etwas versprochen, das er nicht halten konnte. Honor wusste, dass auf ihn Verlass war.

»Danke, Daddy«, flüsterte sie. Ihre Mutter nahm sie wieder in die Arme.

4

»Verflucht noch mal, ich kann’s einfach nicht glauben!«

Kriegsministerin Esther McQueen spuckte Gift und Galle, und mehr als eine der Personen, die mit ihr am Konferenztisch saßen, zog den Kopf ein. Nicht etwa, weil man sich vor ihr fürchtete (obwohl das bei einigen durchaus der Fall war), sondern weil niemand, der nicht komplett den Verstand verloren hatte, in diesem Ton mit Robert Stanton Pierre und Oscar Saint-Just sprach.

Pierre spürte, wie sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen zu verziehen drohten – oder war es doch eher ein Zähnefletschen? Neun Menschen saßen am Tisch, Saint-Just und ihn eingeschlossen, der eiserne Kern der einflussreichsten Machtgruppe in der gesamten Volksrepublik. Nach mehr als acht T-Jahren konnte sich das Komitee für Öffentliche Sicherheit noch immer einer Stärke von sechsundzwanzig Mitgliedern rühmen; das waren fast dreißig Prozent seiner ursprünglichen Kopfzahl. Mit dieser Feststellung sagte man natürlich auch zugleich aus, dass es um mehr als siebzig Prozent reduziert worden war. Wenn man die Neuernennungen mit einrechnete, die zum Ersatz jener Mitglieder nötig gewesen waren, die während diverser Säuberungen, interner Machtkämpfe und anderer Unannehmlichkeiten verschwunden waren, kam man bei den Komiteeangehörigen (einschließlich der Ersatzleute, die ersetzt werden mussten) auf eine Verlustrate von weit über zweihundert Prozent. Von den siebenundachtzig Gründungsmitgliedern blieben nur Pierre selbst, Saint-Just, Andrea Downey und Henri DuPres übrig; die beiden Letzteren waren allerdings nicht viel mehr als eingeschüchterte Platzhalter. Von den gegenwärtig sechsundzwanzig Komiteeangehörigen zählten eigentlich nur die neun an diesem Tisch.

Und sechs davon sind derart verängstigt, dass sie ohne meine Erlaubnis nicht zu atmen wagen. Meine und Oscars Erlaubnis, muss man wohl sagen. Lange Zeit haben wir diesen Zustand für wünschenswert gehalten. Diese Leute schmieden zwar keine Pläne mehr, um mich zu stürzen … aber ich hätte nicht gedacht, dass sie sich als derart nutzlos erweisen, wenn es mal wirklich schwierig wird.

Von McQueen wird das zumindest niemals jemand behaupten können – ob zum Glück oder leider, das ist wohl eine Frage des Standpunkts.

»Ich begreife Ihren … Verdruss, Esther«, sagte er nach einem Augenblick. »Ich bin nicht allzu glücklich mit dieser Sache«, fügte er hinzu und ließ sich am Tonfall anmerken, dass er diese Feststellung für eine gigantische Untertreibung halte. »Leider ist es wohl geschehen, ob es uns nun gefällt oder nicht.«

»Aber …« McQueen hatte zu einer scharfen Erwiderung angesetzt, dann beherrschte sie sich. Sie schloss den Mund, dass die Zähne klickten, und zügelte ihr Temperament mit sichtlicher Mühe: Ihre Nasenflügel bebten.

»Sie haben Recht, Bürger Vorsitzender«, sagte sie mit der Stimme einer Frau, die um ihr Gleichgewicht ringt und gewinnt. »Und ich entschuldige mich für meinen Ausbruch. So … überraschend die Neuigkeit auch ist, rechtfertigt sie keineswegs eine überzogene Reaktion wie die meine. In der Sache aber bleibe ich bei meiner Meinung. Und während wir uns die Schuldzuweisungen für später aufheben können …« – sie blickte einen der beiden Menschen am Tisch an, die nach ihr ins Komitee gekommen waren, und Leonard Boardman, der Minister für Öffentliche Information, erstarrte auf seinem Stuhl – »… müssen wir uns augenblicklich mit den unmittelbaren und zweifellos katastrophalen Folgen befassen. Katastrophal sind sie aber nur, wenn wir mit einem blauen Auge davonkommen! Wenn wir Pech haben …«

Ihre Stimme verklang, sie schüttelte den Kopf.

Pierre wünschte, er könnte ihrer Einschätzung widersprechen. »Ich fürchte, diesbezüglich muss ich Ihnen Recht geben«, gestand er ein.

Joan Huertes, die Chefreporterin und Chefmoderatorin des Interstellar News Service in der Volksrepublik Haven, hatte Boardman direkt angerufen und ihn gebeten, einen Kommentar zu den unglaublichen Meldungen aus der Manticoranischen Allianz abzugeben. Immerhin war Boardman so vernünftig gewesen, seine Erklärung auf ein bemerkenswert gefasstes (genauer gesagt, gefasst klingendes) »Kein Kommentar« zu beschränken und sich augenblicklich mit Saint-Just in Verbindung zu setzen, anstatt herumzusitzen und darüber nachzugrübeln, welche Folgen dieses PR-Desaster für ihn persönlich haben könnte. Seinem Gesichtsausdruck zufolge hatte er im Anschluss durchaus gegrübelt und gezittert – aber wenigstens erst, als das Problem bereits in den richtigen Händen lag.

Ebenso positiv war zu vermerken, dass auch Saint-Just nicht einmal erwogen hatte, die bittere Pille zu verzuckern oder gar die unglückselige Situation zu vertuschen. Einige der am Tisch Sitzenden hätten genau das versucht, wenn sie an seiner Stelle gewesen wären, denn Saint-Justs Leute hatten die Sache vermasselt – und zwar nach Strich und Faden. Wenigstens traf das Desaster sie nicht völlig überraschend.

Aus Sicherheitserwägungen hatte Bürger General Seth Chernock entschieden, seine Depesche mit der absurden Schlussfolgerung, im Cerberus-System gehe etwas nicht mit rechten Dingen zu, an Bord eines Schiffes mit SyS-Besatzung nach Haven zu senden, anstatt das erste verfügbare Kurierboot zu benutzen. Seiner pessimistischsten Einschätzung zufolge hätte er vor mehr als zwei T-Monaten im Cerberus-System ankommen müssen. Dennoch hatte Saint-Just noch immer keinen Bericht von ihm erhalten. Zunächst machte sich deswegen niemand Gedanken. Immerhin war Chernock der SyS-Kommandeur desjenigen Sektors, zu dem das Cerberus-System gehörte. Er konnte selbst entscheiden, wie er Problemen in seinem Kommandobereich begegnete, und es hätte ihm nicht ähnlich gesehen, um Genehmigung zu ersuchen, bevor er zur Tat schritt. Außerdem, was konnte einer derart starken Kampfgruppe schon zustoßen?

Doch als das Schweigen anhielt, wurde Saint-Just allmählich nervös. In der vergangenen Woche hatte er endlich – und sehr unauffällig – eigene Inspektoren entsandt, die sich mit Chernocks albernen Sorgen befassen sollten. Ihre Rückmeldung war noch nicht eingetroffen und wäre frühestens in drei Wochen zu erwarten, doch wenigstens hatte er von sich aus erste Schritte eingeleitet.

Leider waren das schon alle guten Neuigkeiten … und Pierre rechnete damit, dass der Strom der schlechten Nachrichten gerade erst begonnen hatte.

Nach sekundenlangem Schweigen meldete sich Avram Turner zu Wort, der dünne, stets konzentrierte, dunkelhaarige Finanzminister, dienstjüngstes Mitglied im Komitee für Öffentliche Sicherheit. »Ich bitte um Verzeihung, Bürger Vorsitzender, aber mir ist immer noch nicht klar, wie all das geschehen konnte.«

»Uns auch nicht – noch nicht«, antwortete Pierre. »Wie Sie sehen, hat niemand damit gerechnet, sonst hätten wir bereits Vorkehrungen getroffen. Im Augenblick stammen sämtliche Informationen, die wir haben, leider von den Mantys.«

»Bei allem schuldigen Respekt, Bürger Vorsitzender: Das mag ja wahr sein, aber es wäre sehr hilfreich gewesen, wenn die Systemsicherheit gleich nach Erhalt von Bürger General Chernocks erster Depesche die Volksflotte verständigt hätte«, sagte Esther McQueen. »Zwar hätten wir logischerweise weder verhindern können, was auf Hades bereits geschehen war, noch wären wir in der Lage gewesen, Harrington auf dem Weg nach Trevors Stern abzufangen … aber Ihnen ist doch hoffentlich klar, dass unsere Flotten und Sonnensysteme in Frontnähe die ganze Sache längst von den Mantys und den Sollys gehört haben werden, bevor wir uns bei ihnen zu Wort melden.« Sie zuckte die Achseln. »Welche Auswirkungen das Ganze auf die Flottenmoral und die Loyalität unserer - störrischeren Planetenbevölkerungen haben wird, kann ich nicht einmal ansatzweise sagen, aber ich rechne mit nichts Gutem.«

»Das weiß ich.« Pierre seufzte und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Leider arbeitet die Kommunikationsverzögerung diesmal gegen uns. Meine Entscheidung, Chernocks Meldung für mich zu behalten, steht nicht zur Diskussion, aber seien Sie ehrlich, Esther. Selbst wenn ich Ihnen den Inhalt der Depesche mitgeteilt hätte, was hätten Sie denn unternehmen können? Wir hätten uns erst vergewissern müssen, ob er überhaupt richtig liegt. Und hätten Sie etwa geglaubt, dass eine Bande unbewaffneter Sträflinge irgendwie die Herrschaft über ein ganzes Sonnensystem an sich gerissen haben könnte, ohne einen eigenen Kurier nach Cerberus geschickt zu haben? Vergessen Sie nicht: Wir reden hier von einem erbärmlichen Haufen Sträflinge, für den die windgetriebene Wasserpumpe die Krone der technischen Entwicklung darstellte. Im günstigsten Fall waren ihre Lager durch fünfzehnhundert Kilometer Ozean von unserer planetarischen Station getrennt – über eine Welt verstreut, auf der Flora und Fauna ungenießbar sind. Natürlich haben Oscar und ich geglaubt, Chernock habe den Verstand verloren! Und wenn er sich doch nicht irrte, hätte die Kampfgruppe, die er mitnahm, mit allem fertig werden müssen, was die Sträflinge aufbieten konnten.«

Er suchte und fand McQueens Blick; die zierliche Kriegsministerin musste schließlich nicken. Ihr widerstrebte es, ihm zuzustimmen, doch blieb ihr keine andere Wahl. Nicht eine der bisher verfügbaren, bruchstückhaften Informationen bot auch nur ansatzweise eine Erklärung dafür, wie die Häftlinge die starke Kampfgruppe von Bürger General Chernock besiegen konnten, mit der er das Cerberus-System zurückerobern wollte.

Und der Bastard hatte sogar Grütze genug im Kopf, um für sein Sammelsurium aus Volksflotten- und SyS-Schiffen einen Verbandskommandeur aus der regulären Volksflotte anzufordern, erinnerte sie sich unfroh. Einen Hinweis auf diese kleine Tatsache am Rande unterlassen wir wohl lieber, Esther.

McQueen sackte zusammen, schloss kurz die Augen und kniff sich in den Nasenrücken. Bevor die eigenen Kurierboote von Cerberus zurückkehrten, kannte das Komitee für Öffentliche Sicherheit lediglich die bruchstückhaften Informationen, mit denen Huertes versucht hatte, Boardman zu ködern, um ihn anschließend auszuhorchen. Durchaus möglich, dass Boardman in diese Bruchstücke zu viel hineininterpretiert hatte. Leider erschien dies McQueen nicht sehr wahrscheinlich, und sie hatte gelernt, sich auf ihre Instinkte zu verlassen. Wenn Boardman nicht übertrieb – zum Teufel, wenn nur zu einem Zehntel stimmte, was Huertes seiner Meinung nach angedeutet hatte –, dann sah es ganz so aus, als wäre die Katastrophe perfekt.

In stiller Frustration fragte sie sich, wie zum Teufel es so weit kommen konnte. Sie war Bürger Admiral Yearman nie persönlich begegnet, hatte sich aber seine Akte kommen lassen, kaum dass Saint-Just sie – endlich! – von Chernocks Depesche unterrichtet hatte. Nach allem, was sie darin fand, war Yearman kein begnadeter Stratege (oder war es nicht gewesen; im Augenblick wusste niemand, ob er und Chernock noch lebten), aber ein solider Taktiker. Chernock war intelligent genug gewesen, um zu begreifen, dass er einen Profi brauchte, der seine von SyS-Schlägern bemannten Schiffe im Zaume hielt. Daher musste man davon ausgehen, dass er auch so weit mitgedacht hatte, die Arbeit nach Ankunft im Cerberus-System zunächst diesem Profi zu überlassen. Yearman mochte auf strategischem Sektor nicht begnadet sein, aber die Abwehrsatelliten in der Umlaufbahn von Hades hatte er offenbar überwunden, selbst wenn sie sich vollständig in der Hand der Aufständischen befunden hatten. Chernock hatte Saint-Just ausdrücklich darüber informiert, dass Yearman die gesamten technischen Spezifikationen dieser Abwehrsysteme zur Verfügung standen.

Und doch …

»Dass diese Harrington noch am Leben ist, kann uns sehr viel mehr schaden als ihre spektakuläre Flucht«, erklärte Turner, und wieder nickte McQueen. Im Stillen bewunderte sie den Bürger Finanzminister für seinen Mut. Obwohl seine Feststellung nicht von der Hand zu weisen war, bewies er eine Menge Mumm, sagte er sie doch ebenjenen Männern ins Gesicht, die das Material über Harringtons Hinrichtung durch ÖfInf hatten fälschen lassen. Zudem gehörte Turner von allen dem Komitee am kürzesten an. Andererseits war die Macht innerhalb des Komitees für Öffentliche Sicherheit nicht notwendigerweise mit der Zugehörigkeitsdauer verknüpft; dafür gab es kaum ein besseres Beispiel als McQueen. Rob S. Pierre hatte Turner erst vor einem T-Jahr persönlich für das Finanzministerium ausgewählt. Der Vorsitzende hatte eine längst überfällige Haushaltsreform beschlossen, und trotz aller persönlicher Fehler hatte der dürre, energische Turner diese Reformen installiert, ausgeführt und durchgesetzt. Im Augenblick stieg sein Stern zweifellos.

Andererseits steigt auch mein ›Stern‹ beständig … und ich weiß genau, dass Saint-Just mich von einer Sekunde auf die andere liquidieren lässt, wenn er glaubt, auf meine weiteren Dienste verzichten zu können. Zum Teufel, McQueen schnaubte innerlich erheitert, vermutlich würde er mich am liebsten schon aus prinzipiellen Erwägungen auf der Stelle erschießen lassen. Nur Pierre besitzt den nötigen Weitblick, um zu erkennen, dass die Volksflotte mich braucht. Saint-Just ist gerade klug genug, um nicht daran zu zweifeln, dass ich sie beide liquidieren lasse, sobald ich damit durchzukommen glaube.

Pierre beantwortete Turners Einwand mit einem Seufzen. »Und wieder würde ich gern widersprechen und kann es nicht.« Nun kniff er sich seinerseits in den Nasenrücken, schüttelte müde den Kopf und rang sich ein mattes Lächeln ab. »Damals erschien es uns so simpel. Sie war bereits tot – das glaubten wir zu wissen –, und was wir auch behaupteten, die Mantys und die Sollys hätten immer geglaubt, wir hätten sie umgebracht. Darum haben wir ihren Tod als das Resultat eines rechtmäßigen Gerichtsverfahrens hingestellt, anstatt den Eindruck zu erwecken, wir hätten sie kurzerhand an die Wand gestellt und im selbst ausgehobenen Grab verscharrt. Wir konnten es uns zu diesem Zeitpunkt nicht leisten, die Zuversicht der Öffentlichkeit zu erschüttern, indem wir Cordelias Tod bekannt gaben oder gar eingestanden, was der Tepes tatsächlich zugestoßen war, also …«

Er zuckte die Achseln, und niemand im Konferenzraum benötigte ein Diagramm, um zu begreifen, was er unausgesprochen ließ. Keiner von ihnen hatte zu Cordelia Ransoms Fraktion innerhalb des Komitees gezählt. Wenn sie jemals Ransom-Anhänger gewesen wären, hätten sie nicht an diesem Tisch gesessen … oder zum Komitee gehört. Jeder Eingeweihte wusste, dass Pierre und Saint-Just die Frist bis zur offiziellen Verlautbarung von Ransoms Tod genutzt hatten, um ihre Anhänger zu liquidieren, während diese noch wähnten, unter dem Schutz der Ministerin für Öffentliche Information zu stehen. Aber trotzdem …

»Genau das kann ich ja eben nicht begreifen«, murmelte Turner. »Wie hat Harrington die Vernichtung der Tepes überlebt? Und wenn sie überlebt hat, wieso haben wir davon nichts erfahren?«

»Esther?« Pierre blickte McQueen an. »Haben Sie sich zu diesen Fragen Gedanken gemacht?«

Jetzt sei bloß vorsichtig, gemahnte sie sich. Mach keinen Fehler, Esther.

»Eine ganze Menge sogar, Bürger Vorsitzender«, antwortete sie, und wenigstens damit sagte sie die Wahrheit. »Ich habe die Ortungsprotokolle von Flaggdeck und Operationszentrale der Count Tilly angefordert und sie im Oktagon bis zum Erbrechen analysieren lassen.« Sie zog ein dünnes Chipalbum aus der Jacke – sie trug Zivilkleidung – und warf es auf den Tisch, sodass es über die Platte schlitterte und direkt vor Pierre liegen blieb. »Das ist das Ergebnis unserer Analysen nebst den Aufnahmen von der Explosion. Keiner meiner Leute hat irgendetwas gefunden, das erklärt, wie Harrington und ihre Leute das Schiff vor der Explosion verlassen und den Planeten erreichen konnten. Oder wie Bürger Brigadier Tresca und seine Leute ihre Landung am Boden übersehen konnten. Offensichtlich haben die Flüchtigen zumindest ein Beiboot der Tepes benutzt. Es ist mir aber ein Rätsel, wie sie überhaupt ein Beiboot in die Hände bekommen konnten. An Bord waren weniger als dreißig Gefangene, und ich kann mir nicht vorstellen, wie sich so wenige Leute durch ein voll bemanntes Schiff bis zu den Beiboothangars durchkämpfen sollten. Doch selbst wenn wir annehmen, dass sie es geschafft haben, ließ sich nur ein einziges Beiboot beobachten: der einzelne Sturmshuttle, der von Camp Charon mit Hilfe der Abwehrsatelliten vernichtet wurde.«

Sie schwieg und blickte Pierre (und Saint-Just) so unbeteiligt an wie nur möglich. Die Chips, die sie dem Bürger Vorsitzenden zugeschoben hatte, enthielten genau das, was sie gesagt hatte; was sie jedoch nicht enthielten, waren die Bilder vom Flaggdeck der Count Tilly unmittelbar nach der Explosion der Tepes. Als McQueen die Analyse der Aufnahmen in Auftrag gab, hatte sie den Flottenfachleuten sehr genaue zeitliche Vorgaben gemacht. Sie wusste noch immer nicht, weshalb sich Bürger Konteradmiral Tourville über die Konsole seines Operationsoffiziers gebeugt hatte, und sie wollte mit allen Mitteln verhindern, dass irgendjemand sonst es herausbekam. Lester Tourville war einfach ein zu guter Offizier, um ihn der Systemsicherheit zu überlassen. Dass sie ihn gedeckt hatte, könnte sich vielleicht noch als überaus nützlicher Loyalitätsverstärker erweisen – sie musste es ihn nur auf diskrete Weise wissen lassen …

»Was ich mit einiger Sicherheit sagen kann«, fuhr sie fort, »ist Folgendes: Als der Shuttle zerstört wurde, haben Harrington und ihre Leute den vorübergehenden Zusammenbruch des Sensorennetzes von Hades genutzt, um mit einem weiteren Beiboot auf den Planeten zu gelangen, ohne dass jemand am Boden es bemerkte.«

»Zusammenbruch?«, wiederholte Turner, und McQueen blickte Pierre mit hochgezogenen Brauen an. Der Bürger Vorsitzende nickte fast unmerklich, und sie wandte sich Turner zu.

»Die Raumabwehrzentrale von Camp Charon benutzte Orbitalminen im Megatonnenbereich, um den Fluchtshuttle der Mantys zu vernichten – genauer gesagt, was man dort für den Fluchtshuttle hielt –, und kurz darauf explodierte die Tepes. Zur Glutwolke und dem EMP der ersten Explosion kamen die versagenden Fusionsreaktoren an Bord der Tepes. Alles zusammen führte dazu, dass das Ortungsnetz über einen recht kurzen Zeitraum praktisch geblendet war und nur mit einem Bruchteil seiner gewöhnlichen Effizienz arbeiten konnte. Während dieses Zeitfensters müssen Harringtons Leute auf dem Planeten gelandet sein.«

»Wollen Sie damit sagen, die Mantys hätten von vornherein geplant, sich unter Ausnutzung unserer Reaktion einen Weg auf den Planeten zu bahnen?«

»Vermutlich ist es genau so abgelaufen«, antwortete McQueen. »Wir sprechen hier immerhin von Honor Harrington, Avram.«

»Harrington ist aber doch nicht der schwarze Mann«, erwiderte Saint-Just frostig. Mehrere am Tisch schauten betont unbeteiligt drein, doch McQueen begegnete unbeirrt seinem eisigen Blick.

»Das habe ich auch nicht gesagt«, entgegnete sie. »Aus Harringtons Dossier geht eindeutig hervor, dass sie einer der besten, wenn nicht sogar der beste manticoranische Offizier ihrer Generation ist. Mit dem Adler-System als einziger Ausnahme hat sie jedem unserer Kommandanten und Kommandeure, die wir ihr entgegengeschickt haben, eine Abreibung ohnegleichen verpasst, ob SyS oder Volksflotte. Und im Adler-System hat sie, wie ich hinzufügen darf, ihre Hauptaufgabe erfüllt: Sie konnte ihren Geleitzug vor uns schützen, obwohl ihr ein grauenhaftes Blatt ausgeteilt worden war. Damit will ich sagen, dass ich von ihr genau solch ein Manöver erwartet hätte.« Als Saint-Just die Augen zusammenkniff, hob sie die Hand und sprach weiter, bevor er das Wort an sich reißen konnte. »Und nein, ich will nicht behaupten, dass ich vorher mit so etwas gerechnet hätte. Das hätte ich niemals, und ohne Zweifel hätte sie auch mich mit ihrem Manöver völlig überrumpelt. Ich will nur sagen: Ich bin im Rückblick überhaupt nicht erstaunt, dass sie die logische Reaktion Camp Charons auf einen ›fliehenden‹ Shuttle vorhergesehen und eine brillante Möglichkeit gefunden hat, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Solche Manöver setzt sie seit zehn oder zwölf Jahren ständig gegen uns ein.«

»Und darum ist sie eben doch der schwarze Mann.« Pierre seufzte. »Genauer gesagt halten so viele Leute sie deshalb für das große Schreckgespenst. Müßig zu erwähnen, weshalb die Mantys und ihre Verbündeten vor Verzückung außer sich sind, sie wiederzuhaben.« Er fletschte die Zähne zu einem Beinahe-Lächeln. »Unterm Strich spielt es gar keine Rolle, ob sie nun eine Art Halbgöttin des Krieges ist oder nicht, solange ihre Leute sie nur dafür halten.«

»So weit würde ich nicht gehen, Sir«, entgegnete McQueen besonnen. »Man darf sie jedoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich muss Ihnen aber Recht geben: Im Augenblick ist sie für uns als Symbol gefährlicher denn als Raumoffizier.«

»Besonders, wenn man bedenkt, wie übel sie zugerichtet wurde«, stimmte Turner ihr nickend zu.

»Ich würde mich nicht allzu sehr darauf verlassen, dass sie durch ihre Verletzungen außer Gefecht gesetzt ist«, warnte McQueen. »Ihre Führungsqualitäten scheinen jedenfalls nicht darunter gelitten zu haben. Zumindest nicht«, fügte sie trocken hinzu, »wenn man die kleine Operation zugrundelegt, die sie anscheinend kürzlich durchgeführt hat. Es ist durchaus denkbar, dass die Mantys sie mit oder ohne Arm wieder ins Gefecht schicken, wenn die Lage für die Allianz finster genug aussieht.«

»Dann hätte die Sache aber doch noch etwas Gutes«, entgegnete Pierre. »Denn im Moment drängen unsere Leute die Mantys wenigstens noch immer zurück, Esther. Können Sie unseren Vormarsch aufrechterhalten?«

»Ja, solange sich die Lage nicht unerwartet ändert«, antwortete McQueen. »Ich warne Sie noch einmal, Sir: Meine Zuversicht gründet sich auf die momentane Lage; diese Lage aber ist definitiv veränderbar. Insbesondere wissen wir aus den Nachbesprechungen des Unternehmens Ikarus, dass die Mantys uns im Hancock- und im Basilisk-System mit etwas Neuem geschlagen haben. In beiden Fällen sind wir uns noch immer nicht sicher, worum es sich dabei eigentlich handelte.«

»Und ich glaube nach wie vor, dass Sie in diese Gefechtsberichte zu viel hineininterpretieren.« Saint-Just klang ein winziges bisschen zu besonnen, und McQueen gestattete sich, seinem Blick entschlossen zu begegnen. »Wir wissen, dass in Hancock auf manticoranischer Seite LACs eingesetzt wurden«, fuhr der SyS-Chef fort »Aber dass die Mantys ihre Leichten Angriffsboote grundlegend verbessert haben, wissen wir erst, seit unser Handelskrieg in Silesia gescheitert ist. Soweit ich verstanden haben, sind die Experten zu dem Schluss gekommen, dass in Hancock lediglich LACs dieses Typs massiert eingesetzt wurden.«

»Zivile Experten sind zu diesem Schluss gekommen«, erwiderte McQueen mit solcher Kälte, dass etliche Anwesende zusammenzuckten.

McQueen und Saint-Just stritten sich nicht zum ersten Mal über dieses Thema. Obwohl sie ihre Differenzen in das Gewand von Angemessenheit und Anstand hüllten, waren die Auseinandersetzungen im Laufe der letzten Monate immer deutlicher geworden. McQueen wollte den alten Flottennachrichtendienst wiederbeleben – als einen der Volksflotte unterstehenden militärischen Nachrichtendienst. Offiziell behauptete sie, das Militär benötige einen ihm zugehörigen Nachrichtendienst, der sich mit operativen Gegebenheiten auskannte. Saint-Just war ebenso entschlossen, die bestehenden Verhältnisse beizubehalten, unter denen die Volksflotte ihre Informationen von der Abteilung Feindaufklärung erhielt. Besagte Abteilung stellte indes lediglich ein Rädchen im stetig wuchernden Apparat des Amts für Systemsicherheit dar. Saint-Just führte offiziell eine plausible Begründung für seine Haltung ins Feld: Durch die zentralisierte Kontrolle der Geheimdienstaktivitäten werde sichergestellt, dass alle relevanten Informationen aus einer einzigen Datenbank zugänglich wären, wodurch man doppelte Anstrengungen und Kräfte ...

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