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HONOR HARRINGTON: Um jeden Preis

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Sternenkarte
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. GLOSSAR
  41. Personen der Handlung

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Für

Richard Andrew Earnshaw

1951 - 2005

Nach vierzig Jahren, die wir zusammen gelacht,

geliebt und geweint haben, fällt das Loslassen schwer.

Aber es ist Zeit.

Also fliege, Richard.

Wo immer du bist,

Wohin Gott dich auch führt,

Fliege hoch.

Du warst mir teuer.

Und für Edward Ormondroyd,

Lieferant prächtiger Wunder für die Jugend,

in tiefem Dank.

Karte

Prolog

Unmittelbar vor der Hypergrenze überquerten die großen LAC-Träger der Aviary-Klasse und ihr Geleitschutz aus Schlachtkreuzern die Alpha-Mauer und kehrten in den Normalraum zurück. Im Verband waren nur drei der superdreadnoughtgroßen Schiffe, doch ihre Hangars spien beinahe sechshundert Leichte Angriffsboote aus. Die havenitischen LACs der Cimeterre-Klasse mochten eine leichtere Bewaffnung tragen als die Shrikes und Ferrets des Sternenkönigreichs von Manticore, ihnen in jeder Hinsicht unterlegen sein und eine kürzere Reichweite haben, doch ihrer augenblicklichen Aufgabe waren sie mehr als gewachsen.

Während sie auf Vektoren systemeinwärts beschleunigten, die zur industriellen Infrastruktur von Alizon führten, entdeckten sie, dass sie unerwartetes Glück hatten: zwei schwerfällige Frachter, die beide manticoranische Kennungen abstrahlten und annähernd dem gleichen Kurs folgten, fanden sich genau im Anlaufweg des Kampfverbandes wieder; bereits jetzt waren sie in äußerster Raketenschussweite. Die Frachter beschleunigten verzweifelt, doch die LACs hatten in dem Augenblick, in dem sie geortet wurden, bereits eine Aufschließgeschwindigkeit von mehr als tausend Kps, und die Maximalbeschleunigung der Frachter überstieg zweihundert g nicht wesentlich. Die Cimeterres erreichten eine Beschleunigung von beinahe siebenhundert g und waren bewaffnet – die Frachter nicht.

»Manticoranische Frachtschiffe, hier spricht Captain Javits von der Republican Navy of Haven«, meldete sich eine schroffe Stimme mit havenitischem Akzent auf der zivilen Wachfrequenz. »Streichen Sie Ihre Impeller, und gehen Sie auf der Stelle von Bord. Nach den Bestimmungen des interstellaren Rechts informiere ich Sie offiziell, dass wir über keine Möglichkeit verfügen, Ihre Schiffe zu entern und zu durchsuchen oder als Prise zu nehmen. Folglich werde ich das Feuer auf sie eröffnen und sie vernichten, und zwar in zwanzig Minuten ab – jetzt. Schaffen Sie Ihre Leute augenblicklich von Bord. Javits, Ende.«

Einer der beiden Frachter fuhr umgehend die Impeller herunter. Der Skipper des anderen Schiffes war starrsinnig. Er beschleunigte weiterhin, als dächte er, irgendwie könnte er sein Schiff vielleicht doch noch retten, aber er war trotzdem kein Dummkopf. Nach fünf Minuten hatte er begriffen – oder zumindest akzeptiert –, dass er keine Chance besaß, und unvermittelt erlosch auch sein Impellerkeil.

Aus beiden Handelsschiffen strömten Shuttles und entfernten sich mit Maximalbeschleunigung, als rechneten sie damit, dass die havenitischen LACs das Feuer auf sie eröffneten. Die Republik hielt sich jedoch peinlich an die Bestimmungen des interstellaren Rechts. Die Kampfschiffe warteten, bis die von Javits genannte Zeitpanne exakt verstrichen war, und feuerten auf die Sekunde genau auf beide treibenden Frachter je eine Rakete.

Die altmodischen atomaren Gefechtsköpfe erledigten ihre Aufgabe ohne jede Anstrengung.

Die Cimeterres beschleunigten weiter. Sie achteten nicht auf die verwehenden Wolken aus Plasma, die einmal etwa acht Millionen Tonnen Schiffsraum gewesen waren. Ihre Vernichtung war schließlich nur Nebenattraktion. Voraus näherten sich den havenitischen Schiffen ein halbes Dutzend Zerstörer und eine Division manticoranischer Schwerer Kreuzer der Star-Knight-Klasse. Die Verteidiger waren noch zu weit entfernt, um von den Cimeterres bereits geortet zu werden, doch das galt nicht für die ferngesteuerten Aufklärungsdrohnen, die den LACs in einem Fächer vorauseilten. Captain Bertrand Javits verzog das Gesicht, als er die Beschleunigungswerte der Verteidiger ablas, die ihm die Drohnen übermittelten.

»Die überschlagen sich nicht gerade, uns den Weg zu verlegen, was, Skip?«, bemerkte Lieutenant Constanza Sheffield, sein Erster Offizier.

»Nein, das kann man nicht sagen«, sagte Javits und deutete auf das beengte, nüchterne taktische Display des LACs, das nur die Grundfunktionen solcher Geräte bot. »Und das bedeutet vermutlich, dass der Nachrichtendienst den Schutz des inneren Systems richtig eingeschätzt hat.« Er blickte sie an.

»Wenn das so ist, wird es hart für uns«, sagte sie.

»Ja, so ist es. Aber nicht ganz so hart, wie die Mantys hoffen«, entgegnete Javits. Er gab eine neue Kennziffer in sein Signalgerät. »An alle Wolverines, hier Wolverine-Eins. Nach der Beschleunigung der manticoranischen Schiffe zu urteilen, schleppen sie Raketengondeln. Und da es so wenig Schiffe sind, muss ich annehmen, dass der Nachrichtendienst die Abwehrstrategie richtig einschätzt. Wir werden also nicht brav ins innere System laufen, sondern gehen auf Sierra-Drei. In fünfundvierzig Minuten ändern wir am Punkt Victor-Alpha auf mein Signal hin den Kurs. Machen Sie sich noch einmal mit der Zielansprache-Reihenfolge von Sierra-Drei vertraut, und halten Sie sich zum Raketenabwehrfeuer bereit. Wolverine-Eins, Ende.«

Der Abstand fiel weiter, während die Aufklärungsdrohnen weitgespannte Ortungsemissionen meldeten. Einige stammten wahrscheinlich von Suchsystemen, doch die wichtigsten Sensorplattformen in allen Sonnensystemen arbeiteten passiv statt aktiv. Daher erschien es wahrscheinlich, dass die meisten dieser aktiven Strahler zu dem einen oder anderen Feuerleitsystem gehörten.

Javits beobachtete die Telemetrie seiner Aufklärungsdrohnen, die in den Nebenanzeigen seines taktischen Plots dargestellt wurde. Die weitaus leistungsstärkeren Computer an Bord der LAC-Träger und Schlachtkreuzer, von denen die Drohnen stammten, konnten mit den erlangten Daten ohne Zweifel erheblich mehr anfangen. Er wusste, dass die Techniker von Schlupfloch sabbern würden, sobald sie einen Blick darauf werfen konnten. Für seine Berechnungen jedoch war das zweitrangig, denn sie befassten sich vorrangig mit der Frage, wie er während der nächsten Stunden möglichst viele seiner Leute am Leben erhielt.

»Anscheinend gibt es auf dieser Seite des Sterns vier große Netze von Sensorplattformen, Skipper«, sagte der I. O. schließlich. »Zwo davon decken die Ekliptik ab, eines steht darüber und eines darunter. Damit beobachtet man die gesamte Kugelschale der Hypergrenze recht genau, aber ganz offensichtlich konzentriert man sich auf die Ekliptik.«

»Die eigentliche Frage ist natürlich«, entgegnete er trocken, »wie viele Gondeln jede dieser ›Trauben‹ enthält, die wir hier sehen, Constanza.«

»Und was wir denken sollen, wie viele Gondeln sie haben, Sir«, warf Lieutenant Joseph Cook ein, Javits Taktischer Offizier.

»Das auch«, gab Javits zu. »Unter den gegebenen Umständen bin ich in dieser Hinsicht allerdings ziemlich pessimistisch, Joe. Auf jeden Fall hat der Gegner vorausgedacht und setzt die Sensorplattformen ein, um die Gondeln zu steuern. Sie sind mindestens so teuer wie die Gondeln selbst, deshalb halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass man sie nicht ausgesetzt hätte, wenn es keine Gondeln gäbe, die sie steuern könnten.«

»Jawohl, Sir.«

Lieutenant Cook hätte sich nicht respektvoller verhalten können, doch Javits wusste, was der Taktische Offizier dachte. Angesichts der umfassenden Überraschung, die mit Unternehmen Donnerkeil gelungen war, und der gleichermaßen umfassenden Unfähigkeit der ehemaligen manticoranischen Regierung hatte es durchaus im Rahmen des Möglichen – sogar des Wahrscheinlichen – gelegen, dass die Abwehrsysteme Alizons noch nicht verstärkt worden waren, auch wenn Manticore nach Wiederaufnahme der Feindseligkeiten augenblicklich mit Nachbesserungen begonnen hatte. Dann hätten die Verteidiger tatsächlich nur geblufft und Javits einzureden versucht, ihnen stände mehr Material zur Verfügung, als es tatsächlich der Fall war. Andererseits war Manticore seit Donnerkeil durchaus genügend Zeit geblieben, um zwei Frachterladungen ihrer neuen Mehrstufenraketengondeln in dieses System zu schaffen. Premierminister High Ridge war die verkörperte Inkompetenz gewesen, doch im Gegensatz zu seinem Kabinett wusste die neue Regierung Alexander ihren Hintern durchaus von einem Loch im Boden zu unterscheiden. Wären die zusätzlichen Raketen nicht verschickt und installiert worden, hätten die Aufklärungsdrohnen ein erheblich stärkeres Wachgeschwader im System melden müssen, als nun geortet wurde.

»Wir nähern uns dem Punkt der Kursänderung, Skipper«, meldete Sheffield ihm einige Minuten später, und er nickte.

»Entfernung zu den nächsten aktiven Sensorplattformen?«, fragte er.

»Größte Nähe zwölf Sekunden nach unserer Kursänderung, annähernd vierundsechzig Millionen Kilometer«, antwortete sie.

»Eine Million Kilometer innerhalb der maximalen Reichweite aus dem Stand«, stellte Javits fest und machte ein gequältes Gesicht. »Ich wünschte, es gäbe eine andere Möglichkeit herauszufinden, ob der Nachrichtendienst weiß, wovon er redet.«

»Da sind wir zwo, Skipper«, stimmte Sheffield ihm zu, doch dann zuckte sie mit den Schultern. »Wenigstens bestimmen diesmal wir, zu welcher Musik wir tanzen.«

Javits nickte und musterte das Icon, das seinen gewaltigen Schwarm von LACs darstellte, welcher sich immer dichter dem blinkenden grünen Fadenkreuz näherte, das für Punkt Victor-Alpha stand. Mittlerweile hatten die Cimeterres fast dreiunddreißig Millionen Kilometer zurückgelegt und waren über zwanzigtausend Kilometer pro Sekunde schnell. Die manticoranischen Wachschiffe näherten sich ihnen noch immer unter Beschleunigung, aber ganz offensichtlich wollten sie auf keinen Fall die äußerste Gefechtsreichweite für Standardraketen unterschreiten – nicht angesichts so vieler LACs. Javits hätte sich nicht anders verhalten, wenn er Gondeln voller Mehrstufenraketen im Schlepp gehabt hätte, mit denen man über mehr als drei Lichtminuten hinweg angreifen konnte. Denn so gut das manticoranische Kampfgerät auch war, seine über sechshundert LACs hätten sich im Gefecht wie ein Schwarm Pseudopiranhas auf die Hand voll Schiffe gestürzt. Hätten schwere Wachschiffe im System gelegen, wäre die Lage vielleicht anders gewesen, doch wie es war, käme Javits nie so dicht an die Manticoraner heran, dass er auch nur einen Schuss auf sie abgeben konnte.

»Victor-Alpha, Sir«, meldete der Astrogator plötzlich.

»Sehr gut. Befehlen Sie die Kursänderung, Constanza.«

»Aye, Sir«, sagte Sheffield in weit förmlicherem Ton als bisher, und er hörte, wie der Befehl gesendet wurde.

Abrupt änderten die grünen Perlen auf dem Display, die befreundete Einheiten darstellten, ihren Kurs. In einem weitgezogenen Bogen drehten sie vom inneren System ab und gelangten auf einen Vektor, der sie durch einen hochindustrialisierten Teil des Asteroidengürtels von Alizon führen würde, in dem Erz in großem Maßstab abgebaut wurde. Einige Sekunden lang blieb das Display unverändert. Dann plötzlich zeigte sich darauf eine kaskadierende Explosion von Scharlachrot: Dutzende und Aberdutzende von vorher am Außenrand des Systemkerns ausgesetzten Mehrstufenraketen-Gondeln eröffneten das Feuer.

Die Entfernung war selbst für eine manticoranische Feuerleitung unglaublich groß, aber wenn Donnerkeil die Republican Navy eines über manticoranische Technik gelehrt hatte, dann dass sie zwar sehr gut, aber nicht perfekt war. Auf solch extreme Distanz fiel es auch großen, hyperraumtüchtigen Sternenschiffen schwer, einen Treffer zu erzielen. Bei solch kleinen, schwerfassbaren Zielen wie LACs wurde ein Treffer beinahe zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Andererseits, dachte Javits, können hyperraumtüchtige Schiffe erheblich mehr Schaden wegstecken als wir. Wen immer sie aber treffen, der hat es hinter sich.

Mit weit über vierzigtausend Gravos schossen die Raketen vor. Selbst bei dieser schwindelerregenden Beschleunigung hätten sie gut neun Minuten gebraucht, um Javits› Boote zu erreichen, und seine Raketenabwehrcrews machten sich jetzt schon daran, die aufkommende Bedrohung zu erfassen. Ein schwieriges Unterfangen – die elektronische Kampfführung der Manticoraner war immer teuflisch gut gewesen und hatte sich seit dem letzten Krieg sogar noch verbessert –, doch Admiral Forakers Leute im Schlupfloch-System hatten diese Überlegenheit so weit wie möglich ausgeglichen. Die Nahbereichsabwehr und die Eloka der Cimeterres spielten zwar nicht in der gleichen Liga wie die entsprechenden Systeme manticoranischer LACs, waren aber allem überlegen, was frühere havenitische LAC-Baumuster aufzubieten gehabt hatten, und die extreme Entfernung wirkte sich zu ihren Gunsten aus.

Wenigstens drei Viertel der manticoranischen Salve verlor die Zielerfassung und kam vom Kurs ab. Die Aufklärungsdrohnen meldeten die plötzlichen, trotzigen Explosionsblitze, mit denen sich die verlorengegangenen Raketen vorzeitig sprengten, damit sie nicht zu einer Gefahr für den regulären Schiffsverkehr im Alizon-System wurden. Die übrigen Raketen jedoch jagten Javits’ Einheiten weiter hinterher.

»Annähernd neunhundert Stück noch immer im Anflug«, meldete Lieutenant Cook mit einer Stimme, die Javits als entschieden zu ruhig erschien. »Außenzonen-Antiraketen werden Ziele zugewiesen.«

Er schwieg vielleicht zwei Herzschläge lang, dann sagte er nur ein weiteres Wort.

»Start.«

Das Führungsboot zitterte, als es die ersten Antiraketen abfeuerte. Sie wurden von den Raketen, die heranrasten, um das LAC zu vernichten, bei weitem deklassiert, doch es gab beinahe zwei Drittel so viele LACs wie einkommende Lenkwaffen, und jedes Boot startete Dutzende von Antiraketen.

Und sie feuerten keineswegs gleichzeitig. Die Offiziere in Admiral Forakers Stab – darunter vor allem Captain Clapp, ihr LAC-Taktikgenie – hatten in langer, harter Arbeit eine verbesserte Raketenabwehrdoktrin für die Cimeterres entwickelt, mit besonderem Augenmerk auf ihre geringe Größe und das technische Ungleichgewicht zwischen ihren Fähigkeiten und denen ihrer Gegner. Das Ergebnis war eine Variante der gestaffelten Abwehr‹ für den Schlachtwall, eine Doktrin, die sich weniger auf Raffinesse verließ, sondern auf zahlenmäßige Überlegenheit, und dabei einkalkulierte, dass eine Antirakete erheblich günstiger zu ersetzen war als ein LAC mit voll ausgebildeter Besatzung.

Javits beobachtete die erste Welle von Antiraketen, die auf die einkommende manticoranische Salve zuraste. Eloka-Drohnen, die zusammen mit den Mehrstufenraketen abgefeuert worden waren, schalteten sich ein und versuchten mit impulsartigen Störsendungen die Suchköpfe der Antiraketen zu blenden. Andere Drohnen produzierten eine Vielzahl von falschen Bildern und sättigten die Ortungsanlagen der LACs mit bedrohlichen Echos. Das allerdings war einkalkuliert worden, als man die Raketenabwehrdoktrin entwickelte. Und in gewisser Hinsicht wirkte sich gerade die Unterlegenheit der havenitischen Technik in Javits’ Sinne aus. Die Suchköpfe seiner Antiraketen waren im Grunde zu simpel gestrickt, um sich angemessen verwirren zu lassen; wenn sie überhaupt etwas ›sahen‹, dann stets nur die allerstärkste Signalquelle. Zudem waren sie in solch gewaltigen Stückzahlen gestartet worden, dass sie es sich leisten konnten, einen Großteil ihrer Mühen auf die Vernichtung harmloser Lockvögel zu verwenden.

Der ersten Welle von Antiraketen folgte eine zweite, beinahe genauso schwere Salve. Eine manticoranische Flotte hätte die Salven niemals so dicht aufeinander folgen lassen. Manticoraner hätten abgewartet, damit die Impellerkeile der zweiten Welle ihnen nicht die Telemetrie unterbrach, mit der sie die Antiraketen der ersten Welle steuerten. Doch Javits’ Crews wussten, dass die weniger leistungsstarken Bordfeuerleitgeräte der Cimeterres ohnehin nicht die Reichweite und Empfindlichkeit ihrer manticoranischen Pendants besaßen, und in punkto Durchdringungshilfen und Eloka waren die Manticoraner ohnehin überlegen. Da man die feindlichen Raketen kaum orten konnte, opferte man mit der verringerten Zielgenauigkeit erheblich weniger als ein manticoranischer Verband in der gleichen Lage, und die höhere Zahl von Antiraketen, die von den LACs starteten, glich die verlorene Zielunterscheidung mehr als aus.

Die Eloka der Cimeterres trug dazu bei, was sie konnte. Die erste Antiraketen-Welle schaltete über dreihundert manticoranische Lenkwaffen aus. Die zweite Welle vernichtete weitere zweihundert. Wiederum einhundert etwa fielen der elektronischen Kampfführung der LACs zum Opfer, verloren die Zielerfassung und wichen harmlos vom Kurs ab. Weitere fünfzig oder sechzig Raketen verloren zwar ihr Ziel, erlangten es aber entweder wieder oder fanden ein neues Ziel. Diese Suchphase verlangsamte sie jedoch, sodass sie der Salve ein wenig hinterherhinkten und der Nahbereichsabwehr ein einfacheres Ziel boten.

Die dritte und letzte Antiraketen-Welle zerstörte mehr als hundert einkommende Lenkwaffen, aber mehr als zweihundert manticoranische Raketen, die sich nun zu zwei leicht versetzten Salven getrennt hatten, brachen durch die innere Antiraketenzone und stürzten sich auf Javits’ LACs.

Die wendigen kleinen Boote eröffneten mit jedem einzelnen verfügbaren Lasercluster der Nahbereichsabwehr das Feuer. Nach jeder einkommenden Lenkwaffe stachen Dutzende von Laserstrahlen, und als die angreifenden Raketen auf Zielanflugkurs gingen, rotierten die anvisierten Cimeterres scharf und zeigten ihnen nur die Bäuche und Dächer ihrer undurchdringlichen Impellerkeile. Die ungefährdeten Begleiter der anvisierten LACs deckten die manticoranischen Raketen weiterhin mit Laserbeschuss ein. Mehr als die Hälfte der Raketen verschwand, vom Abwehrfeuer zerfetzt, aber viele andere schwenkten im letzten Augenblick herum, weil sie entweder nur Scheinangriffe geflogen waren, um über ihr eigentliches Ziel hinwegzutäuschen, oder weil sie ihr Ziel verloren hatten und ein neues suchen mussten. Von ersteren kamen viele durch; von letzteren nur wenige.

Das Vakuum glühte auf, als die schweren manticoranischen Laser-Gefechtsköpfe zu tückischen, von Kernfusion gespeisten Blitzgewittern detonierten und aus den Explosionsherden augenblicklich hochintensive Röntgenlaserstrahlen zuckten. Viele dieser Strahlen verschwendeten ihre Wut an die eingeschobenen Impellerkeile ihrer Ziele, aber andere durchschlugen die Seitenschilde der LACs, als hätten sie nie existiert. Um schwere Raketen der Royal Manticoran Navy handelte es sich, dafür entwickelt, die fast unvorstellbar starken Seitenschilde und Panzerschichten von Wallschiffen zu durchbrechen; was sie einem winzigen, völlig ungepanzerten Leichten Angriffsboot zufügten, konnte nur verheerend genannt werden.

Weitere Explosionen sprenkelten das All, als in getroffenen Cimeterres die Fusionsflaschen versagten. Fast drei Dutzend von Javits’ LACs wurden vollkommen vernichtet. Vier andere hielten gerade so lange durch, dass die überlebenden Besatzungsmitglieder von Bord gehen konnten.

»Wolverine-Eins an Wolverine-Rot-Drei«, sprach Javits rau ins Mikrofon. »Sie sind Bademeister. Nehmen Sie jeden auf, den Sie finden. Eins, Ende.«

»Aye, Wolverine-Eins. Rot-Drei hat verstanden. Abbremsen beginnt.«

Javits sah zu, wie die bezeichnete Staffel leicht verzögerte – gerade genug, um ihren Vektor an die Crewmitglieder in Raumanzügen anzugleichen, die nicht mehr beschleunigen konnten –, und seine Augen wurden hart. Unter anderen Umständen hätte es ein nicht zu verantwortendes Risiko bedeutet, die Leute aufzunehmen. Doch bei diesem Abstand, der sich bereits der äußersten Reichweite auch manticoranischer Raketen näherte, erschien ihm das Wagnis vertretbar.

Und nicht nur, weil die Leute ›wertvoll‹ sind, dachte er. Unter der Volksrepublik haben wir zu viele Leute an zu vielen Stellen zurückgelassen. Das gibt es nicht mehr – nicht, wenn ich es zu entscheiden habe. Nicht, wenn eine andere Möglichkeit besteht.

Er sah zu, wie sich die Seitenanzeigen des Plots geräuschlos aktualisierten und ihm seine Verluste auflisteten. Es tat ihm weh. Achtunddreißig Boote waren mehr als sechs Prozent seiner Gefechtsstärke, und er hatte die meisten der vierhundert Menschen an Bord persönlich gekannt. Doch nach den gnadenlosen Rechenregeln des Krieges war die Verlustrate nicht nur akzeptabel, sondern niedrig. Besonders für einen LAC-Einsatz.

Und nun sind wir außerhalb ihrer Reichweite. Wir wissen jetzt zwar, was die Mantys zur Systemverteidigung einsetzen, aber sie werden auf uns keine weiteren Raketen verschwenden. Nicht auf diese Entfernung – und nicht, wenn sie nicht sicher sein können, was noch alles warten mag, um zuzuschlagen, sobald sie ihre Vögelchen alle abgefeuert haben.

»Sir«, meldete sich Lieutenant Cook. »Soeben fassen wir aktive Emissionen voraus auf.« Javits schaute zu ihm, und der Lieutenant sah von seinem Display auf und begegnete dem Blick seines Kommandeurs. »Der Computer hält es für Radar und Lidar der Nahbereichsabwehr, Sir. Sehr viel davon scheint es nicht zu geben.«

»Gut«, knurrte Javits. »An alle Wolverines, hier Wolverine-Eins. Auf meinen Befehl Feuer auf die Sierra-Ziele eröffnen.«

Er schaltete auf die zivile Wachfrequenz um.

»Systemkommando Alizon, hier spricht Captain Javits. In siebenundzwanzig Minuten ab - jetzt befinden sich Ihre Anlagen von Tregarth Alpha innerhalb meiner äußersten Raketenreichweite. Mein Vektor macht es mir unmöglich, meine Geschwindigkeit an die Anlagen anzugleichen oder Enterkommandos auszusenden, und ich informiere Sie hiermit, dass ich auf die Anlagen und jedes Schürfschiff innerhalb der Reichweite meiner Raketen in neunundzwanzig Minuten das Feuer eröffnen werde.«

Mit einem harten, grimmigen Grinsen blickte er wieder auf den Plot. Dann schaltete er das Mikro erneut auf Sendung.

»Ich rate Ihnen, sofort mit der Evakuierung zu beginnen«, sagte er. »Javits, Ende.«

»Und was lässt sich aus den Erkenntnissen nun am wahrscheinlichsten folgern, Admiral?«, fragte Präsidentin Eloise Pritchart.

Die hübsche, platinblonde Regierungschefin war zur Besprechung ins Oktagon gekommen, das militärische Nervenzentrum der Republik Haven, und von ihrem Leibwächter abgesehen war sie die einzige Zivilistin in dem gewaltigen Konferenzraum. Alle Augen waren auf das riesige Holodisplay über dem Konferenztisch gerichtet, wo eine Reproduktion von Bertrand Javits’ taktischem Plot in der Luft schwebte.

»Nach unseren besten Schätzungen auf Grundlage der Messwerte aus den Aufklärungsdrohnen hat Captain Javits’ Überraschungsangriff etwa acht Prozent – wahrscheinlich etwas weniger – von der Gesamtkapazität des Alizon-Systems zur Rohstoffgewinnung vernichtet, Madame Präsidentin«, antwortete Konteradmiral Victor Lewis, der Chef der Operationsbewertung. Dank ehrwürdiger Traditionen unbekannten Ursprungs berichtete der Flottennachrichtendienst der Operationsbewertung, die wiederum dem Planungsamt unter Vizeadmiral Linda Trenis verantwortlich war.

»Und war das ein akzeptabler Gegenwert für unsere Verluste?«, fragte die Präsidentin.

»Jawohl«, antwortete eine andere Stimme, und die Präsidentin sah zu ihrem Besitzer, dem untersetzten, braunhaarigen Admiral am Kopf der Tafel. Admiral Thomas Theisman, Kriegsminister und Chef des Admiralstabs, erwiderte ruhig ihren Blick. »Wir haben ungefähr ein Drittel der Leute verloren, die wir an Bord eines einzelnen Kreuzers alter Bauart verloren hätten, Madame Präsidentin«, fuhr er fort; in Gegenwart ihrer Untergebenen befleißigte er sich stets einer förmlichen Ausdrucksweise. »Im Gegenzug konnten wir die Vermutung des FND bestätigen, welcher Doktrin zur Systemverteidigung Manticore folgt, und haben zusätzlich Informationen über manticoranische Feuerleitsysteme und aktuelle Verteilungsmuster von Raketengondeln erhalten; wir konnten acht Millionen Tonnen hyperraumtüchtigen Frachtschiffsraums vernichten, mehr als das Fünffache der Gesamttonnage an LACs, die Javits verloren hat; und wir konnten ein kleines, aber unübersehbares Loch in die Produktivität von Alizon reißen. Vor allem aber haben wir im Heimatsystem eines Mitglieds der Manticoranischen Allianz mit Verlusten zugeschlagen, die niemand als vernachlässigbar ansehen wird, und es war auch nicht das erste Mal, dass wir Alizon angegriffen haben. Der Schlag muss seine Wirkungen auf die Moral der Manticoranischen Allianz haben, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erhöht sich der Druck auf die Admiralität White Haven, zusätzliche Wachverbände abzustellen, um die Verbündeten des Sternenkönigreichs gegen ähnliche Angriffe zu schützen.«

»Ich verstehe.« Die Topasaugen der Präsidentin wirkten nicht gerade ausgesprochen glücklich, aber sie entzog sich andererseits auch nicht Theismans Argumenten. Sie musterte ihn noch einen Moment lang, dann wandte sie sich Konteradmiral Lewis wieder zu.

»Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Admiral«, sagte sie. »Bitte, fahren Sie fort.«

»Aber natürlich, Madame Präsidentin.« Der Konteradmiral räusperte sich und gab eine Befehlsfolge in sein Terminal. Ins Holodisplay kam Bewegung, und Javits’ Plot wich einer Reihe von Säulengraphiken.

»Wenn Sie sich die erste rote Säule ansehen, Madame Präsidentin«, begann er, »so sehen Sie unsere Verluste an Wallschiffen bis heute. Die grüne Säule daneben repräsentiert Lenkwaffen-Superdreadnoughts, die im Augenblick erprobt werden oder sich der Fertigstellung nähern. Die gelbe Säule …«

»Nun, es war zwar außerordentlich interessant«, sagte Eloise Pritchart einige Stunden später, »aber wir leiden wohl an Informationsüberflutung. Mir kommt es vor, als hätte ich besser Bescheid gewusst, ehe ich hierherkam!«

Sie zog ein Gesicht, und Theisman lachte leise. Er saß bequem zurückgelehnt an seinem Schreibtisch, und die Präsidentin der Republik hatte auf der behaglichen Couch davor Platz genommen. Ihre Leibwache stand außen vor der Tür, sodass sie wenigstens die Illusion von Abgeschiedenheit genoss. Ihre Schuhe lagen vor ihr auf dem Teppich, und sie hatte die bloßen Füße untergelegt. In den schlanken Händen hielt sie eine dampfende Tasse Kaffee. Theismans Tasse stand auf der Schreibunterlage.

»Du warst lange genug Javiers Volkskommissar, Eloise. Du kannst militärische Realitäten besser auffassen, als du zugibst«, sagte er.

»Im allgemeinen Sinne sicher.« Sie zuckte mit den Schultern. »Andererseits bin ich nie von der Flotte ausgebildet worden, und binnen so kurzer Zeit haben sich so viele Realitäten so grundlegend geändert, dass alles, was ich einmal wusste, mir hoffnungslos veraltet vorkommt. Ich nehme an, wichtig ist nur, dass du auf dem Laufenden bist. Und zuversichtlich.«

Bei den letzten beiden Worten klang ihre Stimme ein klein bisschen fragend, und nun zuckte Theisman mit den Schultern.

»›Zuversichtlich‹ ist ein windiges Wort. Du weißt, dass ich den Krieg gegen die Mantys nur sehr ungern fortsetze.« Er hob beruhigend die Hand. »Ich verstehe deine Überlegungen und kann ihnen nicht widersprechen. Außerdem bist du die Präsidentin. Trotzdem muss ich zugeben, dass mir die bloße Vorstellung nie gefallen hat. Und dass der Erfolg von Donnerkeil meine Erwartungen übertroffen hat. Bislang jedenfalls.«

»Auch nach dem, was bei Trevors Stern geschehen ist – oder eben nicht?«

»Javier hat die richtige Entscheidung gefällt – auf der Basis dessen, was er wusste«, sagte Theisman unerschüttert. »Keinem von uns war damals klar, wie wirksam Shannons ›gestaffelte Abwehr‹ gegen das manticoranische Langstreckenraketenfeuer sein würde. Hätten wir während der Anmarschphase die wahrscheinlichen Verluste so akkurat berechnen können, wie es heute möglich ist, ja, dann hätte er weiter vordringen müssen. Aber damals wusste er das genauso wenig wie wir übrigen.«

»Ich verstehe.« Pritchart schlürfte Kaffee, und Theisman betrachtete sie mit einem sorgsam kaschierten Lächeln. Obwohl Javier Giscard ihr Geliebter war, hätte die Präsidentin niemals etwas gesagt, das einer ›Einflussnahme‹ für ihn ›näher‹ kam als diese beiden Worte.

»Und Lewis’ Prognosen?«, fuhr sie schließlich fort. »Bist du da ebenfalls zuversichtlich?«

»Soweit es die Zahlen betrifft, die sich auf uns beziehen, absolut«, sagte er. »Etwa die nächsten sieben Monate lang wird die Personalstärke noch ein Problem sein. Danach müssten die Ausbildungsprogramme, die Linda und Shannon ins Leben gerufen haben, uns den Großteil des benötigten Personals zuführen. Und ein paar Monate später können wir anfangen, die Wallschiffe alter Baumuster nach und nach einzumotten, während die Neubauten von den Werften eintrudeln und mit den alten Crews bemannt werden. Wir werden trotzdem Mühe haben, alle Offiziere zu stellen, die wir brauchen – insbesondere gefechtserfahrene Flaggoffiziere –, aber zwischen dem Saint-Just’schen Waffenstillstand und Donnerkeil haben wir immerhin einen soliden Kader aufbauen können. Ich glaube, auch in dieser Hinsicht kommen wir zurecht.

Was die industrielle Seite betrifft, so wird die wirtschaftliche Belastung durch unsere Bauprogramme die Ökonomie schwer treffen. Rachel Hanriot hat uns das im Namen des Finanzministeriums klargemacht, und ich bedaure tief, dass es nicht anders geht. Vor allem, wenn man bedenkt, welchen Preis wir bezahlt haben, damit die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Aber uns bleibt keine Wahl, bis wir erfolgreich einen Friedensvertrag ausgehandelt haben.«

Theisman hob fragend die Brauen, und sie schüttelte rasch und gereizt den Kopf.

»Ich weiß nicht, wie weit wir in dieser Hinsicht sind«, gab sie zu, offenkundig unzufrieden. »Ich hätte angenommen, dass selbst eine Elizabeth Winton bereit wäre, sich hinzusetzen und zu verhandeln, nachdem du, Javier und unsere Navy ihrer Navy eine derartige Schlappe beigebracht haben! Aber bisher nichts. Ich bin immer mehr überzeugt, dass Arnold Giancola von Anfang an recht hatte, als er sagte, die Mantys seien auf den Geschmack des Imperialismus gekommen … zur Hölle soll er fahren.«

Theisman setzte zu einer Antwort an, dann aber zügelte er sich. Für die Andeutung, dass die Königin von Manticore vielleicht gute Gründe hatte, die Dinge nicht genau so zu sehen wie Eloise Pritchart, war es der unpassende Zeitpunkt. Auch davon, erneut zu wiederholen, dass er jedem einzelnen Wort misstraute, was aus dem Mund von Außenminister Arnold Giancola drang.

»Tja«, sagte er, »ohne Chance auf einen Verhandlungsfrieden bleibt uns eigentlich keine andere Wahl, als weiter auf einen militärischen Sieg hinzuarbeiten.«

»Und du glaubst ernsthaft, das könnten wir schaffen?«

Als Theisman ihren Tonfall hörte, schnaubte er in barscher Belustigung.

»Ich wünschte, du wärst nicht ganz so … im Zweifel«, sagte er. »Schließlich bist du die Oberkommandierende. Hat ziemlich schreckliche Auswirkungen auf die Moral der uniformierten Truppe, wenn du klingst, als könntest du einfach nicht glauben, dass wir gewinnen können.«

»Nach allem, was sie uns im letzten Krieg angetan haben, besonders während ›Butterblume‹, liegt es nahe, gewisse Zweifel zu empfinden, Tom«, sagte sie ein wenig entschuldigend.

»Wahrscheinlich«, räumte er ein. »Aber in diesem Fall glaube ich wirklich, dass wir das Sternenkönigreich und seine Verbündeten besiegen können, wenn wir müssen. Ich muss dich wirklich einmal nach Schlupfloch bringen, damit du siehst, was dort vorgeht, und wir über alles sprechen können, was Shannon Foraker plant. Kurz gefasst haben wir die Mantys mit Donnerkeil übel erwischt. Nicht nur in Bezug auf die vernichteten Schiffe, sondern auch auf die nicht vollendeten Bauvorhaben, die Admiral Griffith bei Grendelsbane ausgeschaltet hat. Wir haben das gesamte manticoranische Bauprogramm für Lenkwaffen-Superdreadnoughts der zwoten Generation in die Luft gejagt, Eloise. Manticore musste beim Bau seiner neuen Schiffe ganz von vorn anfangen, und während dort die Baugeschwindigkeit immer noch höher ist als bei uns, selbst bei Schlupfloch, ist sie nicht hoch genug, um unseren Vorsprung bei Schiffen im Bau und kurz vor der Fertigstellung wieder einzuholen. Unsere Technik ist immer noch nicht so gut wie die manticoranische, aber die Daten, die wir von Erewhon bekommen haben, unsere Ortungsergebnisse während Donnerkeil und die Untersuchung manticoranischer Schiffe, die wir kapern konnten, bringen uns in dieser Hinsicht deutlich voran.«

»Erewhon.« Pritchart schüttelte seufzend den Kopf. Sie wirkte unglücklich. »Ich bedaure wirklich, in welche Lage wir Erewhon durch Donnerkeil gebracht haben.«

»Offen gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass die Erewhoner darüber besonders glücklich sind«, sagte Theisman trocken. »Und ich weiß, sie wussten nicht, dass sie uns ihre technischen Handbücher des Allianzgeräts gerade noch rechtzeitig übergeben hatten, bevor wir wieder in den Krieg zogen. Andererseits wussten die Erewhoner, weshalb wir es getan haben« - warum du es getan hast, Eloise, dachte er, aber er sprach es nicht aus –, »und sie hätten überhaupt nie mit Manticore gebrochen, wenn es da kein ernsthaftes Zerwürfnis über die neue manticoranische Außenpolitik gegeben hätte. Und seit wieder geschossen wird, haben wir darauf geachtet, die Beschränkungen, die unser Friedensvertrag mit Erewhon uns auferlegt, aufs Genauste einzuhalten.«

Pritchart nickte. Haven hatte mit der Republik Erewhon einen Vertrag zum gegenseitigen Beistand geschlossen, und Pritcharts Regierung hatte Erewhon – und Manticore – deutlich in Kenntnis gesetzt, dass sie nicht beabsichtige, sich auf die militärischen Klauseln des Vertrags zu berufen, da Haven die Feindseligkeiten wiederaufgenommen habe, ohne zuvor von Manticore angegriffen worden zu sein.

»Wie auch immer«, fuhr Theisman fort, »wenigstens haben sie uns Einblick in das militärische Gerät der Mantys gewährt. Was Erewhon hatte, war nicht taufrisch, aber sosehr ich mir auch wünsche, dass das Material aktueller gewesen wäre, fand Shannon es trotzdem außerordentlich nützlich.

Fazit bleibt, dass Shannon auf der Grundlage unserer Informationen von Erewhon, der Untersuchung erbeuteter oder als Wrack aufgefundener manticoranischer Hardware und der Analyse der bisherigen Operationen bereits an einer neuen Doktrin und einigem neuen Gerät arbeitet. Sie konzentriert sich auf das LAC-Programm und unsere Feuerleitgeräte für die Systemverteidigung. Zu Beginn von Donnerkeil sind wir davon ausgegangen, dass einer unserer

Lenkwaffen-Superdreadnoughts etwa vierzig Prozent des Kampfwerts eines manticoranischen oder graysonitischen Schiffes der gleichen Klasse habe. Diese Einschätzung scheint damals recht treffend gewesen zu sein, aber ich glaube, dass wir das Verhältnis kontinuierlich zu unseren Gunsten verschieben.«

»Aber die Mantys gewinnen doch genauso viele operative Daten wie wir, oder nicht? Werden sie den Kampfwert ihrer Schiffe nicht gleichzeitig mit uns steigern?«

»Ja und nein. Sieht man von dem Desaster ab, das Lester Tourville bei Marsh erlebt hat, hat die Royal Manticoran Navy kein einziges Sonnensystem halten können, in dem wir sie angegriffen haben, und keiner von Lesters hyperraumtüchtigen modernen Schiffen fiel dem Feind intakt in die Hände. Wir hingegen haben so gut wie jeden einzelnen Wachverband der Allianz, den wir angegriffen haben, bis auf das letzte Schiff vernichtet, sodass diese Verbände keine große Gelegenheit erhielten, eventuelle Beobachtungen weiterzuleiten.

Außerdem haben wir Muster für sehr viele Typen manticoranischen Geräts erbeutet. Die Sicherheitssperren haben an den meisten Molycircs verdammt gut funktioniert, sodass wir einen beträchtlichen Teil dessen, was uns in die Hände gefallen ist, noch nicht einsetzen können. Shannon sagt, es liegt an den grundlegenden Unterschieden in der Kapazität unserer Infrastrukturen. Im Großen und Ganzen müssen wir in vielen Fällen erst die Werkzeuge herstellen, um die Werkzeuge herzustellen, die wir brauchen, um die Werkzeuge herzustellen, mit denen wir die manticoranische Spitzentechnik nachbauen können. Trotzdem haben wir viel gelernt, und unser Ausgangspunkt lag offen gesagt so weit hinter dem manticoranischen zurück, dass unser Können vergleichsweise viel schneller wächst als beim Gegner.

Wie schon gesagt, haben wir vor Donnerkeil angenommen, dass jedes moderne Wallschiff der Allianz etwa doppelt so kampfstark sei wie eine unserer Einheiten. Aufgrund der Fortschritte, die wir in Doktrin und Taktik bereits gemacht haben, und unter Berücksichtigung des Umstands, dass unsere Raketenabwehr sich als viel wirksamer erwies als angenommen, können wir nun abschätzen, dass ein Lenkwaffen-Superdreadnought der Allianz etwa anderthalb unserer Schiffe aufwiegt. Setzt sich die augenblickliche Tendenz fort, sollte das Verhältnis in acht bis zwölf Monaten vom ursprünglichen zwo zu eins auf eins Komma drei zu eins gefallen sein. Angesichts der höheren Zahl an Schiffen, die wir während des kommenden T-Jahres in Dienst stellen werden, und unter besonderer Berücksichtigung unserer weitaus größeren strategischen Tiefe wäre das gleichbedeutend mit einer soliden militärischen Überlegenheit für uns.«

»Aber die Legislaturisten besaßen solide militärische Überlegenheit, als sie diesen Endloskrieg vom Zaun brachen«, erwiderte Pritchart. »Und auch sie sprachen immer davon, den technischen Vorsprung Manticores durch ›strategische Tiefe‹ und ›zahlenmäßige Überlegenheit‹ auszuhebeln.«

»Das stimmt«, räumte Theisman ein. »Und ich gebe dir auch insofern recht, als die Mantys ganz gewiss nichts auf die lange Bank schieben. Sie wissen so gut wie wir, dass der technische Vorsprung immer ihr großer Ausgleich gewesen ist, und deshalb werden sie nach Kräften bemüht sein, diesen Vorsprung auszubauen. Mit den Brocken an technischer Hilfe, die uns die Solare Liga früher hier und da hingeworfen hat, habe ich unter Pierre und Saint-Just mehr Erfahrung sammeln dürfen, als mir lieb ist, und ich habe manchmal den Verdacht, dass selbst die Mantys noch gar nicht begriffen haben, wie gut ihre Technik wirklich ist. Auf jeden Fall ist sie allem überlegen, was die Solarier bislang in Dienst gestellt haben. Oder zumindest bis vor zwo bis drei T-Jahren in Dienst gestellt hatten. Und wenn der FND richtig liegt, dann hat sich bei den Sollys nichts Entscheidendes getan.

Unter dem Strich steht jedoch fest, Eloise, dass Manticore innerhalb der nächsten zwo T-Jahre unseren Vorsprung in der Fertigungsgeschwindigkeit nicht aufholen oder gar überholen kann. Selbst dann müsste die reine Anzahl an Rümpfen, die wir auf Kiel legen und bemannen können – vorausgesetzt, wir erleben keinen wirtschaftlichen Einbruch –, so groß sein, dass wir mehr als Gleichstand aufrechterhalten, was die neu in Dienst gestellten Schiffe angeht. Mindestens während dieser beiden Jahre werden Manticore schlichtweg die Plattformen fehlen, auf denen es seine neuentwickelten Offensiv- oder Defensivwaffen montieren könnte. Aber wenn die Mantys und wir beim letzten Mal eines gelernt haben, dann dass eine zögerliche Strategie tödlich ist.«

»Wie meinst du das?«

»Eloise, niemals in der Geschichte der Galaxis ist ein Krieg in dem Maßstab geführt worden, in dem die Mantys und wir operieren. Die Solare Liga musste es nie; sie war immer zu groß, als dass jemand gegen sie kämpfen konnte, und jeder wusste es. Aber die Mantys und wir, wir prügeln seit zwanzig T-Jahren mit wörtlich Hunderten von Wallschiffen aufeinander ein. Im letzten Krieg haben die Mantys eines meisterlich bewiesen: dass man einen Krieg wie diesen tatsächlich zu einem erfolgreichen militärischen Abschluss bringen kann. Ihnen ist es nicht gelungen, bevor sie ihre Achte Flotte für Unternehmen Butterblume zusammengezogen hatten, aber dann haben sie uns in wenigen Monaten an den Rand des militärischen Zusammenbruchs getrieben. Wenn Manticore also nicht verhandeln will und wir einen Zeitrahmen von zwo T-Jahren besitzen, in denen wir einen möglicherweise entscheidenden Vorteil genießen, dann ist es der falsche Moment für vornehme Zurückhaltung.«

Er sah ihr direkt in die Augen, und seine Stimme klang tief und hart.

»Wenn wir unsere Kriegsziele und einen annehmbaren Frieden nicht erreichen können, ehe uns der Vorteil in der Kampfkraft zwischen den Fingern zerrinnt, dann müssen wir diesen Vorteil nutzen, solange wir ihn besitzen, und Manticore zur Kapitulation zwingen. Selbst wenn wir dazu die Bedingungen des Friedensvertrages im Mount Royal Palace diktieren müssen.«

1

Das Kinderzimmer war außerordentlich überfüllt.

Zwei der drei älteren Mädchen – Rachel und Jeanette, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden standen – waren unten, und Theresa besuchte ein Internat auf Manticore, aber die verbleibenden fünf Mayhew-Kinder, ihre Kindermädchen und ihre persönlichen Waffenträger machten dennoch eine beachtliche Meute aus. Hinzu kamen Faith Katherine Honor Stephanie Miranda Harrington, Miss Harrington, Erbin des Guts von Harrington, und ihr jüngerer Zwillingsbruder James Andrew Benjamin sowie deren persönliche Waffenträger. Und falls das nicht genügen sollte, um selbst ein so großes Kinderzimmer vollzustopfen, war da auch noch sie selbst – Admiral Lady Dame Honor Harrington, Gutsherrin und Herzogin von Harrington, und ihr persönlicher Waffenträger. Ganz zu schweigen von einem offensichtlich amüsierten Baumkater.

Bedachte man, dass sieben Kinder anwesend waren, das älteste gerade zwölf, vier Kindermädchen, neun Waffenträger (Honor war nur mit Andrew LaFollet gekommen, aber Faith wurde von zwei ihrer drei persönlichen Waffenträger begleitet) und eine Gutsherrin, lag der Lärmpegel bemerkenswert niedrig, fand Honor. Natürlich sind alle Dinge relativ.

»Also, das reicht jetzt!«, sagte Gena Smith, ranghöchste Kinderbetreuerin im Palast des Protectors, in jenem unnachgiebigen Ton, mit dem sie die Entscheidung der älteren Mayhew-Töchter, fröhlich als Barbarinnen aufzuwachsen, vereitelt hatte – in gewissen Grenzen wenigstens. »Was soll denn Lady Harrington von euch denken?«

»Viel zu spät, ihr jetzt noch Sand in die Augen zu streuen, Gigi«, entgegnete Honor Mayhew, eines von Honors Patenkindern, fröhlich. »Sie kennt uns alle, seit wir geboren sind!«

»Trotzdem könnt ihr wenigstens so tun, als wäret ihr schon einmal mit den Grundzügen schicklichen Benehmens in Berührung gekommen«, erwiderte Gena bestimmt, auch wenn der an sich Furcht erregende Blick, mit dem sie ihren unbußfertigen Schützling bedachte, ein wenig von dem fröhlichen Funkeln torpediert wurde, das sie nicht ganz unterdrücken konnte. Als Zwölfjährige gehörte ihr ein eigenes Zimmer, aber sie hatte angeboten, der Umstände wegen die Nacht bei den Kleinen zu verbringen, und das war ganz typisch für sie.

»Ach, das weiß sie doch«, entgegnete Honor die Jüngere nun beschwichtigend. »Ich bin sicher, sie weiß, dass wir nicht dein Fehler sind.«

»Auf mehr kann ich wahrscheinlich nicht hoffen«, seufzte Gena.

»Mir ist nicht völlig unklar, welche … Herausforderung dieser Haufen für Sie bedeutet«, versicherte Honor ihr. »Diese beiden besonders«, fügte sie hinzu und bedachte ihre jüngeren Geschwister mit einem sehr altmodischen Blick. Die Zwillinge grinsten sie schweigend an, mindestens genauso reuelos wie Honor die Jüngere. »Andererseits«, fuhr sie fort, »habe ich den starken Eindruck, dass sie in der Unterzahl sind. Und sie wirken heute Abend tatsächlich ein bisschen weniger aufsässig.«

»Nun, natürlich …«, begann Gena, dann hielt sie inne und schüttelte den Kopf. Kurz blitzte weit hinten in ihren graublauen Augen der Ärger auf. »Ich wollte sagen, Mylady, dass sie sich meistens von ihrer besseren Seite zeigen, wenn Sie hier sind – eine beste Seite haben sie nämlich nicht.«

Honor nickte als Antwort sowohl auf den Kommentar, den Gena sich verbissen, auch als auf den, den sie ausgesprochen hatte. Sie sah der jüngeren Frau – mit achtundvierzig T-Jahren war Gena Smith für eine Prä-Prolong-Grayson noch immer in den mittleren Jahren, aber trotzdem war sie damit mehr als zwölf T-Jahre jünger als Honor – nur einen Moment lang in die Augen, dann richteten beide ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Kinder in den Pyjamas.

Trotz Genas und Honors Bemerkungen hatten die drei anderen Kindermädchen ihre Schützlinge mit einer Effizienz bewältigt, wie sie nur durch lange Übung entsteht. Faith und James waren zwar aus dem Bannkreis ihres gewohnten Kindermädchens entfernt, zeigten sich den Palastkräften gegenüber jedoch erstaunlich gehorsam. Ohne Zweifel wussten sie genau, dass ihre Waffenträger ›Tante Miranda‹ Bericht erstatten würden, sagte sich Honor trocken. Die Zähne waren geputzt, die Gesichter gewaschen worden, während Honor mit Gena gesprochen hatte, und nun lagen alle sieben zugedeckt in ihren Bettchen. Irgendwie gelang es ihnen, sich insgesamt als weitaus pflegeleichter hinzustellen, als Honor sich selbst sah, wenn sie an die Landplage zurückdachte, die sie gewesen war.

»Also gut«, sagte sie zu allen Kindern im Zimmer. »Wer stimmt für was?«

»Für den Phönix!«, rief die sechs Jahre alte Faith augenblicklich. »Für den Phönix!«

»Genau! Ich meine, ja, bitte!«, unterstützte sie die siebenjährige Alexandra Mayhew.

»Aber die Geschichte kennt ihr doch schon«, erwiderte Honor. »Ein paar von euch« – sie blickte ihre Namensschwester an – »haben sie besonders oft gehört.«

Die zwölfjährige Honor lächelte. Sie war ein außerordentlich hübsches Kind – übrigens war es vermutlich nicht mehr angebracht, von ihr noch als einem ›Kind‹ zu denken, rief sich Honor ins Gedächtnis.

»Das ist mir gleich, Tante Honor«, erwiderte sie. »Du hast mich ja schon früh dafür begeistert. Außerdem kennen Lawrence und Arabella es noch gar nicht.«

Mit einer Kopfbewegung wies sie auf ihre beiden jüngsten Geschwister. Mit vier und drei Jahren lag ihre Aufnahme in das Zimmer der ›großen‹ Kinder noch nicht lange zurück.

»Bitte, Tante Honor, ich würde es auch gern noch mal hören«, sagte Bernard Raoul ruhig. Er war ein ernster kleiner Junge, vielleicht nicht weiter überraschend, denn er war der gesetzliche Erbe der Protectorenwürde für den gesamten Planeten Grayson, doch wenn er einmal lächelte, dann konnte er ein ganzes Stadion zum Strahlen bringen. Als Honor ihn anblickte, erhaschte sie ein ganz kurzes Aufblitzen dieses Lächelns.

»Nun, das Ergebnis der Abstimmung kommt mir ziemlich eindeutig vor«, sagte sie schließlich. »Mistress Smith?«

»Ich würde sagen, sie haben sich alles in allem ganz anständig betragen. Diesmal zumindest«, antwortete Gena und bedachte ihre Schützlinge mit einem unheilverkündenden Funkeln. Die meisten Kinder kicherten.

»Wenn das so ist«, sagte Honor und ging zu dem altmodischen Bücherregal zwischen den beiden Fenstersitzen an der Ostwand des Kinderzimmers. Als sie sich leicht vorbeugte, verschob auf ihrer Schulter Nimitz sein Gewicht, um das Gleichgewicht zu halten. Mit der Fingerspitze fuhr Honor über die Rücken der archaischen Bücher, bis sie dasjenige fand, das sie suchte, und nahm es heraus. Das Buch war mindestens doppelt so alt wie sie, und sie hatte es den Mayhew-Kindern geschenkt, so wie sie ihr eigenes Exemplar, das bei ihr zu Hause im Regal stand, von ihrem Onkel Jacques geschenkt bekommen hatte, als sie noch ein Kind war. Die Geschichte freilich war viel älter als die beiden Bücher. Honor besaß außerdem zwei elektronische Exemplare – eines davon mit Raysors Illustrationen der Originalausgabe –, doch es fühlte sich eigenartig passend an, das Buch in gedruckter Form in den Händen zu halten, und aus irgendeinem Grunde tauchte es immer wieder im Programm der kleinen Spezialverlage auf, die Menschen wie ihren Onkel und seine Freunde aus der Gesellschaft für Kreativen Anachronismus bedienten.

Sie ging zu dem Lehnsessel, der so altmodisch und unzeitgemäß war wie das gedruckte Buch in ihren Händen, und Nimitz sprang leichtfüßig von ihrer Schulter auf die eigens seinetwegen aufgerüstete Rücklehne. Er trieb die Krallen in das Polster und machte es sich bequem, während sich Honor in den Sessel niederließ, der – immer wieder neu gepolstert und bei Bedarf sogar neu montiert – seit fast siebenhundert T-Jahren im Kinderzimmer der Mayhews stand.

Die Augen der Kinder beobachteten sie aufmerksam, während sie den Sessel genau auf den richtigen Winkel einstellte, und sie und Nimitz freuten sich an den sauberen, hellen Gefühlen, die zu ihnen drangen. Kein Wunder, dass Baumkatzen von jeher Kinder geliebt haben, dachte sie. An Kindern war etwas … wunderbar Vollkommenes. Wenn sie etwas begrüßten, dann von ganzem Herzen, und sie liebten, wie sie vertrauten, ohne Einschränkung oder Hintergedanken. Ein solches Geschenk musste man hoch schätzen.

Besonders jetzt.

Sie hob den Kopf, als die Horde von Waffenträgern sich zurückzog. Colonel LaFollet beobachtete als ranghöchster anwesender Waffenträger mit einem leichten Funkeln in den Augen, wie die schwerbewaffneten, zum Töten ausgebildeten Leibwächter mehr oder minder auf Zehenspitzen das Kinderzimmer verließen. Er sah den Kindermädchen nach, die ihnen folgten, dann hielt er Gena höflich die Tür auf und verneigte sich, während sie hindurchschritt. Er nahm kurz Haltung an, nickte Honor zu und verließ ebenfalls den Raum. Honor wusste, dass er sie draußen erwarten würde, wenn sie ging, ganz gleich, wie lange sie blieb. Das war seine Aufgabe, selbst hier mitten im Palast des Protectors, wo es unwahrscheinlich dünkte, dass irgendwo ein verzweifelter Attentäter lauerte.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, blickte sie ihre Zuhörerschaft in dem großen, plötzlich viel ruhigeren Zimmer an.

»Lawrence, Arabella«, sagte sie zu den jüngsten Mayhews, »ihr habt dieses Buch noch nie vorgelesen gekommen, aber ich glaube, ihr seid nun groß genug, um euren Spaß daran zu haben. Es ist ein ganz besonderes Buch. Es wurde vor langer, langer Zeit geschrieben, ehe je ein Mensch Alterde verließ.«

Lawrence riss die Augen ein kleines Stück weit auf. Er war ein frühreifes Kind, und er liebte es, wenn man ihm von der Geschichte der alten Heimatwelt aller Menschen erzählte.

»Das Buch heißt David und der Phönix«, fuhr sie fort, »und es war immer eines meiner Lieblingsbücher. Als meine Mutter noch ein kleines Mädchen war, hat sie es auch geliebt. Ihr müsst sehr achtsam zuhören. Es ist auf Standardenglisch, aber einige Wörter haben sich verändert, seit es geschrieben wurde. Wenn ihr ein Wort nicht versteht, dann unterbrecht mich und fragt, was es bedeutet. Alles klar?«

Die beiden Kleinen nickten ernst, und Honor erwiderte das Nicken. Dann schlug sie das Buch auf.

Aus den Seiten erhob sich wie geheimer Weihrauch ein Geruch nach altem Papier und alter Druckfarbe, der in der modernen Welt fehl am Platze wirkte. Honor sog ihn tief in die Nase und erinnerte sich an kostbare Momente an verregneten sphinxianischen Nachmittagen und kalten sphinxianischen Abenden und an das Gefühl völliger Sicherheit und völligen Friedens, auf das die Kindheit ein Monopol hat.

»David und der Phönix, von Edward Ormondroyd«, las sie vor. »Erstes Kapitel, worin David bergsteigen geht und eine geheimnisvolle Stimme hört.«

Sie blickte auf, und ihre schokoladenbraunen, mandelförmigen Augen lächelten, während die Kinder sich behaglich zurücksinken ließen, ohne sie ein einziges Mal aus den Augen zu lassen.

»Den ganzen Weg lang hatte David sich diesen Augenblick aufgespart«, begann sie, »und den Wunsch unterdrückt hinzusehen, ehe der Moment richtig war. Als der Wagen schließlich anhielt, stiegen die anderen steif aus und gingen in das neue Haus. Aber David schlenderte langsam in den Garten dahinter, und seine Augen hingen am Boden. Eine ganze Minute stand er da und wagte nicht aufzublicken. Dann atmete er tief durch, ballte fest die Fäuste und hob den Kopf.

Da war er! – Ganz wie Vater ihn beschrieben hatte, aber unermesslich größer. Vom Boden des Tals erhob er sich, schön geformt und emporstrebend, so hoch, dass seine neblige blaue Spitze sich mit den Sternen bestimmt auf gleicher Augenhöhe unterhalten konnte. Für David, der noch nie einen Berg gesehen hatte, war der Anblick fast mehr, als er verkraften konnte. Er fühlte sich so beengt und zittrig, dass er nicht wusste, ob er lachen wollte oder weinen oder beides zugleich. Aber das wirklich Wunderbare an dem Berg war die Art, wie der Berg ihn ansah. David war sicher, dass er ihn anlächelte wie ein alter Freund, der jahrelang auf ein Wiedersehen gewartet hatte. Und als er die Augen schloss, glaubte er eine Stimme zu hören, die ihm zuflüsterte: ›Na, dann komm schon, und klettere.‹«

Sie blickte wieder auf und spürte, wie die Kinder sich ihr immer enger zuwandten, während die alten Worte über sie hinwegzogen. Sie spürte auch Nimitz, der zusammen mit ihr an die Stimme ihrer Mutter dachte, wie sie Honor die gleiche Geschichte vorlas, und sich an andere Berge erinnerte, die noch größer waren als der alte Berg in Davids Buch, an lange Wanderungen – die Erinnerungen stammten von ihm – und die Vorfreude auf neue.

»Er hätte einfach losgehen können!«, fuhr sie fort. »Eine Hecke umgab den Garten (und ein Teil der Hecke wuchs direkt über die Zehen des Berges), aber …«

»Ich nehme wohl an, es wäre zu viel erhofft, dass sie alle schlafen?«

»Da nimmst du richtig an«, antwortete Honor trocken, während sie zwischen den massigen, verzierten Türflügeln aus polierter Eiche in die ausgedehnte Halle kam, die von den Palastführern bescheiden als ›die Bibliothek‹ bezeichnet wurde. »Nicht dass du wirklich etwas anderes erwartet hättest, oder?«

»Natürlich nicht, aber für uns neobarbarische planetare Despoten ist es ganz normal, Unmögliches zu verlangen. Und wenn wir es nicht bekommen, lassen wir den Unglücklichen, der uns enttäuscht hat, eben köpfen.«

Benjamin IX., Planetarer Protector von Grayson, stand mit dem Rücken zum Holzfeuer, das hinter ihm im Kamin knisterte, und grinste Honor an. Sie schüttelte den Kopf.

»Ich wusste, dass dir deine absolute Macht irgendwann einmal zu Kopfe steigen würde«, entgegnete sie; ihre Majestätsbeleidigung hätte ein Drittel der Gutsherren des Planeten entsetzt und ein zweites Drittel vor Wut rasend gemacht.

»Ach, unter uns gesagt, Elaine und ich stutzen ihn immer wieder zurecht, Honor«, sagte Katherine Mayhew, Benjamins ältere Frau.

»Na, wir und die Kinder«, warf Elaine Mayhew ein, Benjamins jüngere Frau. »Wenn ich richtig verstanden habe«, fuhr sie mit einem fröhlichen Lächeln fort, »dann halten kleine Kinder die Eltern jung.«

»Was uns nicht umbringt, macht uns also jünger?«, warf Benjamin ein.

»Irgendwie so etwas«, antwortete Elaine. Mit siebenunddreißig T-Jahren war sie beinahe zwölf Jahre jünger als ihr Mann und fast sechs Jahre jünger als seine ältere Frau. Natürlich, Honor hinkte sie fast ein Vierteljahrhundert hinterher – und trotzdem gehörte Honor zu den jünger aussehenden Personen im Zimmer. Nur der dritte und rangniedrigste ihrer persönlichen Waffenträger, Spencer Hawke, und der hochgewachsene Lieutenant Commander in der Uniform der Grayson Space Navy sahen jünger aus als sie. Es lag am Prolong.

Sie presste die Lippen zusammen, als ihr einfiel, weshalb sie hier waren, und Nimitz drückte ihr mit einem leisen, tröstenden Summen die Wange seitlich an den Kopf. Benjamin kniff die Augen zusammen, und Honor schmeckte den Impuls des Begreifens. Nun, er hatte immer großen Scharfsinn bewiesen, und seit acht T-Jahren Vater einer Tochter zu sein, die von einer Baumkatze adoptiert worden war, musste ihn zweifellos sensibilisiert haben.

Sie lächelte ihm noch einmal zu, dann ging sie zu dem jungen Mann in der Navyuniform. Für einen Grayson war er ein wahrer Riese – er überragte sogar Honor –, und obwohl sie Zivilkleidung trug, nahm er Haltung an und verbeugte sich respektvoll. Honor ignorierte die Verbeugung und nahm ihn fest in die Arme. Der Lieutenant Commander erstarrte einen Augenblick lang – vor Überraschung, nicht aus Abwehr –, dann erwiderte er ein wenig unbeholfen die Umarmung.

»Gibt es Neuigkeiten, Carson?«, fragte sie leise, trat einen halben Schritt zurück und ließ die Hände herabsinken, bis sie auf seinen Unterarmen ruhten.

»Nein, Mylady«, antwortete er traurig. »Ihre Lady Mutter ist gerade im Krankenhaus.« Er lächelte matt. »Ich habe ihr gesagt, es sei nicht nötig. Schließlich fällt es nicht in ihr Spezialgebiet, und wir wissen alle, dass wir nichts tun können außer abzuwarten. Doch sie bestand darauf.«

»Howard ist auch ihr Freund«, sagte Honor. Sie blickte Andrew LaFollet an. »Ist Daddy bei ihr, Andrew?«

»Jawohl, Mylady. Da Faith und James sicher im Kinderzimmer untergebracht waren, habe ich Jeremiah mitgeschickt, damit er sie im Auge behält.« Honor neigte den Kopf, und er hob leicht die Schultern. »Er wollte gehen, Mylady.«

»Verstehe.« Sie sah Carson Clinkscales wieder an und drückte ihm noch einmal die Unterarme, dann ließ sie ihn los. »Sie weiß, dass sie eigentlich nichts tun kann, Carson«, sagte sie. »Sie würde sich aber nie verzeihen, wenn sie nun nicht für Ihre Tanten da wäre. Von Rechts wegen müsste ich ebenfalls dort sein.«

»Honor«, sagte Benjamin sanft, »Howard ist zweiundneunzig Jahre alt, und während seines Lebens hat er sich viele Freunde gemacht – mich eingeschlossen. Wenn jeder, der bei ihm sein ›sollte‹, wirklich im Krankenhaus wäre, hätten die Patienten keinen Platz mehr. Howard liegt jetzt seit drei Tagen im Koma. Wenn du bei ihm wärst und er es wüsste, dann würde er dir eine Standpauke halten, weil du all deine anderen Pflichten vernachlässigst.«

»Das weiß ich«, seufzte sie. »Das weiß ich. Aber trotzdem …«

Sie verstummte und schüttelte mit kummervollem Gesicht den Kopf. Benjamin nickte verständnisvoll, aber er verstand sie eigentlich gar nicht, nicht ganz jedenfalls. Trotz aller Veränderungen auf Grayson hatten sich seine Denkweise und seine Positionen in einer Prä-Prolong-Gesellschaft entwickelt. Für ihn war Howard Clinkscales ein steinalter Mann; für Honor war er noch in den mittleren Jahren. Ihre Mutter, die beträchtlich jünger aussah als Katherine Mayhew, sogar jünger als Elaine, und die Faith und James ganz natürlich zur Welt gebracht hatte, war zwölf T-Jahre älter als Howard. Und sollte er auch der erste graysonitische Freund sein, den sie in solch absurd jungen Jahren an die Altersschwäche verlor, so wäre er doch nicht der letzte. Auch Gregory Paxtons Gesundheitszustand verschlechterte sich immer weiter. Und sogar Benjamin und seine Frauen zeigten die Anzeichen des vorzeitigen Alters, die Honor mittlerweile so entsetzlich fand.

Ihre Gedanken kehrten zum Kinderzimmer zurück, zu dem Buch, das sie gelesen hatte, mit seiner Geschichte von dem unsterblichen, sich immer wieder erneuernden Phönix, und die Erinnerung war noch bittersüßer als gewöhnlich, denn sie sah dabei das Silber, das leicht das noch immer dichte, dunkle Haar des Protectors durchzog.

»Deine Kinder und meine lieben Geschwister haben sich ganz prachtvoll verhalten«, sagte sie; sie suchte absichtlich nach einem anderen Thema. »Ich bin immer ein wenig überrascht, wie gern sie sich etwas vorlesen lassen. Zumal sie die vielen anderen Möglichkeiten interaktiverer Unterhaltung besitzen.«

»Das ist nicht das Gleiche, Tante Honor«, sagte eine der beiden jungen Frauen, die an dem großen Esstisch neben dem gewaltigen Kamin saßen. Honor blickte sie an, und die dunkelhaarige junge Frau, die wie eine größere, muskulösere Ausgabe von Katherine Mayhew wirkte, hob die Hand und streichelte dem Baumkater auf ihrer Stuhllehne über die Ohren.

»Wie meinst du das, es ist nicht das Gleiche, Rachel?«, fragte Honor.

»Dir zuzuhören, wenn du vorliest«, erklärte Benjamins älteste Tochter. »Ich denke, das liegt vor allem daran, dass du es bist – wir sehen dich hier auf Grayson nicht oft genug –, und für alle Kinder bist du … wie soll ich’s sagen … überlebensgroß.« Niemand hätte bemerkt, dass die junge Frau ganz leicht errötete, doch Honor verbiss sich ein Lächeln, als sie den Impuls jugendlicher Bewunderung und Verlegenheit schmeckte. »Ich weiß noch, Jeanette und ich, als wir noch klein waren« – sie nickte der etwas jüngeren Frau neben sich zu –, »da haben wir uns immer darauf gefreut, dich zu sehen. Und Nimitz natürlich.«

Der Baumkater auf Honors Schulter hob die Nase und wedelte zufrieden mit dem Schweif, als Rachel seine bedeutende Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie herausstellte, und mehrere der Anwesenden lachten. Rachels Gefährte, Hipper, stieß nur einen Seufzer aus, der lange geübte Geduld bezeugte, und schloss müde die Augen.

»Sie könnte recht haben, Honor«, sagte Elaine. »Honor die Jüngere hat sich heute Abend verdächtig schnell freiwillig gemeldet, ›die Kleinen im Auge zu behalten‹.«

»Und außerdem, Tante Honor«, sagte Jeanette leiser (denn sie war erheblich schüchterner als ihre ältere Schwester), »kannst du wirklich wunderschön vorlesen.« Honor zog eine Braue hoch, und Jeanette errötete weit offensichtlicher als Rachel. Dennoch fuhr sie mit trotziger Zurückhaltung fort: »Mir jedenfalls hat es immer sehr gefallen, dir zuzuhören. Bei dir klingen keine zwei Figuren gleich. Außerdem ist ein Buch immer eine besondere Herausforderung. Niemand wirft einem einfach hin, wie die Leute und die Schauplätze aussehen; man muss sie sich selber vorstellen, und bei dir macht das Spaß.«

»Na, es freut mich, dass du es so siehst«, sagte Honor nach kurzem Zögern, und Katherine schnaubte.

»Sie ist nicht die Einzige, die es so sieht«, sagte sie, als Honor sie anblickte. »Die meisten Kindermädchen schwärmen, was für eine wunderbare Mutter du abgeben würdest, wenn du nicht ständig irgendwelche Sternenschiffe und Planeten und so was in die Luft sprengen würdest.«

»Ich?« Honor blinzelte sie verblüfft an, und Katherine schüttelte den Kopf.

»Du, Lady Harrington. Tatsächlich«, fuhr sie ein wenig nachdrücklicher fort, »hat es einige … Diskussionen über deine diesbezüglichen Pflichten gegeben. Faith ist im Augenblick eine vollkommen zufriedenstellende Erbin, weißt du, aber niemand aus dem Konklave der Gutsherren erwartet, dass sie wirklich deine Erbin bleibt.«

»Cat«, sagte Benjamin in leicht tadelndem Tonfall.

»Ach, sei still, Ben!«, erwiderte seine Frau scharf. »Schon lange weicht hier jeder dieser Frage aus wie eine Baumkatze dem heißen Brei, das weißt du genau. Politisch gesehen wäre es in fast jeder Hinsicht besser, wenn Honor endlich selbst einen Erben zur Welt brächte.«

»Das wird in der nächsten Zeit nicht geschehen«, widersprach Honor fest. »Dafür habe ich im Augenblick wirklich ein bisschen zu viel am Hals!«

»Die Zeit verrinnt, Honor«, entgegnete Katherine beharrlich. »Und du ziehst nun wieder in den Krieg. Der Prüfer weiß, wir beten alle um deine sichere Wiederkehr, aber …«

Sie zuckte mit den Schultern, und Honor sah sich gezwungen einzuräumen, dass sie nicht ganz unrecht hatte. Und trotzdem …«

»Wie du schon sagst, ist Faith eine vollkommen geeignete Erbin«, sagte sie. »Und während ich mich wahrscheinlich an dynastisches Denken gewöhnen sollte, ist es mir nicht gerade angeboren.«

»Ich sage es nur ungern, Honor, aber auch unter einem anderen Gesichtspunkt hat Cat vielleicht recht«, warf Benjamin bedächtig ein. »Gewiss, es gibt keinen juristischen Grund, weshalb du jetzt auf der Stelle einen Erben oder eine Erbin von deinem eigenen Fleisch und Blut produzieren müsstest. Besonders wo, wie du selbst sagst, Faith von jedem als deine Erbin anerkannt wird. Du bist jedoch eine Prolong-Empfängerin. Du sagst, du seist dynastisches Denken nicht gewöhnt, aber was geschieht, wenn du noch zwanzig oder dreißig Jahre wartest und dann ein Kind zur Welt bringst? Nach graysonitischem Gesetz würde dieses Kind automatisch Faith verdrängen, ganz gleich, welche besonderen Regeln das Konklave vielleicht für sie getroffen hat, als dich jeder für tot hielt. Da hätten wir dann eine Faith, die sich dreißig oder vierzig Jahre lang für die gesetzliche Erbin des Guts von Harrington gehalten hat und plötzlich feststellen muss, dass sie von einem brandneuen Neffen oder einer brandneuen Nichte ausgestochen worden ist.«

Honor sah ihn an, und er seufzte.

»Ich weiß, dass Faith ein wunderbares Mädchen ist und dich von Herzen liebhat, Honor. Aber wir sind hier auf Grayson. Wir haben tausend Jahre lang dynastische Politik beobachtet, in deren Begriffen du nicht denkst, und es hat einige wirklich hässliche Vorfälle gegeben. Und die hässlichsten sind gewöhnlich geschehen, weil die Leute, denen sie zustießen, sich so sicher waren, dass so etwas in ihrer Familie niemals passieren könnte. Außerdem, selbst wenn keine offene Feindseligkeit ausbricht, meinst du denn, es wäre Faith gegenüber fair, ihr die Erbfolge einfach so wegzureißen? Wenn du nicht bald ein Kind zur Welt bringst, wächst sie als Miss Harrington auf, mitsamt allem Drum und Dran, was das so mit sich bringt. Dir erging es anders, aber sie ist in einer völlig unterschiedlichen Lage, und die Erbfolge wird deshalb im Mittelpunkt ihres Selbstbildes stehen, weißt du.«

»Vielleicht, aber -«

»Kein Aber, Honor. Hier nicht«, unterbrach Benjamin sie sanft. »So wird es kommen. So muss es kommen. Ich weiß, dass es Michael härter angekommen ist, als er jemals zugeben würde, und dabei wollte er überhaupt nie Protector werden. Aber er steckte genau in der gleichen Situation, in der Faith nun ist, und als Bernard Raoul zur Welt kam und ihn aus der Erbfolge verdrängte, war er für eine Weile wie … verloren. Er musste neu definieren, wer er war und was er mit seinem Leben anstellen wollte, als er plötzlich nicht mehr Lord Mayhew war.« Der Protector schüttelte den Kopf. »Erst letzten Monat habe ich mit Howard darüber gesprochen, und er sagte …«

Nun unterbrach sich Benjamin Mayhew plötzlich, denn Honor verzog schmerzvoll das Gesicht.

»Tut mir leid«, sagte er dann noch sanfter. »Und ich möchte auf keinen Fall irgendwelchen unfairen Druck auf dich ausüben. Aber Howard hat sich große Sorgen gemacht. Er liebt Faith beinahe so sehr wie dich, und er sorgte sich, wie sie reagieren würde. Außerdem«, er lächelte schief, »glaube ich, dass er gehofft hat, er würde dein Kind noch sehen.«

»Benjamin, ich …« Honor blinzelte heftig, und Nimitz summte ihr beruhigend ins Ohr.

»Nicht«, sagte Benjamin und schüttelte den Kopf. »Wir brauchen nicht jetzt darüber zu reden, und du brauchst mich nicht daran zu erinnern, dass wir Howard verlieren werden. Ich hätte das Thema gar nicht angeschnitten, aber ich glaube, Cat hatte vielleicht recht, dir den Gedanken wenigstens vorzulegen. Jetzt, wo das geschehen ist, kannst du später vielleicht noch darüber nachdenken. Und soweit es Howard betrifft, so liebt er dich natürlich. Er hat mir einmal gesagt, dass er dich immer wie eine seiner eigenen Töchter gesehen hat.«

»Ich werde ihn so sehr vermissen«, sagte sie traurig.

»Ja, natürlich. Ich auch, das weißt du«, erinnerte Benjamin sie mit einem bittersüßen Lächeln. »Howard war mein ganzes Leben lang für mich da. Er ist mir ein zusätzlicher Onkel gewesen, ein Onkel, den ich beinahe genauso liebhatte, wie er mich manchmal zur Weißglut gebracht hat.«

»Und der, dessen Tod ein Loch ins Konklave reißen wird«, stellte Katherine traurig fest.

»Ich habe vor dem Ständigen Ausschuss und dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats meine Auswahl seines Nachfolgers besprochen«, sagte Honor. Sie atmete bewusst tief durch und wandte sich dankbar dem neuen Thema zu. »Ich glaube, es wird so glatt gehen, wie es unter den Umständen nur möglich ist.«

»Und du sollst das gefälligst nicht mit mir diskutieren, Mylady Gutsherrin«, wies Benjamin sie zurecht.

»Und ich soll es nicht mit dir besprechen«, räumte Honor ein. »Was ich, wenn du mir die Bemerkung nicht übelnimmst, zu den dümmeren unter Graysons unzähligen Traditionen gehört.«

»Wenn man Traditionen so lange ansammelt wie wir, dann schleicht sich ab und zu vielleicht doch die eine oder andere suboptimale Entscheidung durch den Filter.« Benjamin zuckte mit den Achseln. »Im Großen und Ganzen kommen wir aber gut damit zurecht. Und dass du nicht mit mir darüber reden darfst, bedeutet noch lange nicht, dass meine diversen Spione und Agenten nicht schon längst genau wissen, wen du nominieren willst. Nicht, wo wir schon dabei sind, dass ich mit deiner Wahl nicht von Herzen einverstanden wäre.«

»Nun, nachdem wir diese Sache erschöpfend besprochen haben, ohne je den Buchstaben der Vorschrift zu verletzen, könnten wir vielleicht über Dinge reden, die wir tatsächlich mit Honor diskutieren dürfen«, schlug Katherine vor.

Ihr Mann sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Zum Beispiel?«, fragte er, und sie bedachte ihn mit einem entrüsteten Blick.

»Zum Beispiel, womit die Admiralität sie betraut«, sagte sie.

»Ach so. Das.«

Benjamin warf einen Blick auf seine ältesten Töchter. Jeanette schlug Elaine mindestens so stark nach wie Rachel Katherine; sie hatte den hellen Teint und die blauen Augen ihrer leiblichen Mutter. Im Augenblick schienen die beiden jungen Frauen hin und her gerissen zwischen dem Versuch, sich unsichtbar zu machen, oder erwachsen und kenntnisreich zu wirken, je nachdem, was ihnen wahrscheinlicher die Erlaubnis verschaffte, genau dort sitzen zu bleiben, wo sie saßen.

»Die Regeln des Schwertes gelten, junge Damen«, sagte er. Sie nickten beide ernst, und er wandte sich wieder an Honor. »Was will man dich denn tun lassen?«

»Ich kann es dir noch nicht mit Sicherheit sagen«, erwiderte Honor und musterte aus dem Augenwinkel die beiden jungen Frauen. Rachel hatte die Hand gehoben, um Hipper wieder die Ohren zu streicheln, und ihr Gesicht zeigte volle Aufmerksamkeit. Verständlich, denn in weniger als einem Monat würde sie in die Akademie der Royal Manticoran Navy auf Saganami Island eintreten. Erst vor zwei Wochen hatte Honor vor der Abschlussklasse die traditionelle Abschiedsansprache ›Last View‹ gehalten; die wegen des Krieges gekürzten Sommerferien der anderen Klassen wären in zehn Tagen um, und Rachel reiste mit Honor an Bord der Paul Tankersley nach Manticore, um sich in der neusten Kakerlakenklasse zu melden. Jeanette zeigte nüchternes Interesse, aber sie war nie ein von der Navy besessener Wildfang gewesen wie Rachel.

»Ich versuchte keineswegs, mich geheimnisvoll zu geben«, fuhr Honor fort. »Seit meiner Rückkehr von Sidemore ist alles ein solches Durcheinander gewesen, dass man denken könnte, die strategische Position der Admiralität ändere sich täglich. Die Zahlen, die uns das ONI liefert, werden immer schlimmer, nicht besser, und nach wie vor schrumpft man die Kampfkraft der Achten Flotte zusammen.« Mit einem Lächeln, als hätte sie in ein Alauntörtchen gebissen, zuckte sie die Schultern. »Wahrscheinlich ist es schon fast eine Tradition, dass sich eine Flotte, die man die ›Achte‹ nennt, einfach nicht reibungslos aufbauen lassen darf.«

»Und da sagst du, wir hätten dumme Traditionen«, schnaubte Benjamin.

»Schließlich ist es nicht so, dass irgendjemand es darauf anlegen würde, Benjamin. Aber nach den Schlappen, die wir in der Eröffnungsphase des Krieges kassiert haben, wird niemand Manticore, Grayson oder Trevors Stern entblößen. Die Achte Flotte bekommt also nur, was übrig ist, nachdem der minimale Sicherungsbedarf dieser Systeme erfüllt worden ist. Und das wird nicht sehr viel sein. Zunächst jedenfalls nicht. Und wenn man ganz fair sein will, muss man sagen, dass die Achte Flotte noch gar nicht existiert. Ich bin designierte Kommandeurin der Achten Flotte. Im Augenblick habe ich offiziell noch keinen Stab und kein Flottenhauptquartier zugewiesen bekommen.«

»Das weiß ich. Und um ehrlich zu sein, war ich ein bisschen überrascht, als die Reaktivierung der Achten Flotte so öffentlich verkündet wurde. Erleichtert, aber überrascht.« Benjamin winkte sie in einen Sessel neben dem Kamin und nahm ihr gegenüber Platz. Seine Frauen gingen an den Tisch und setzten sich zu ihren Töchtern, und Carson Clinkscales kam herbei und stellte sich neben Honors Sessel.

»Ich freue mich über den Beweis, dass die Admiralität in Begriffen der Offensive denkt«, fuhr der Protector fort. »Nach der Schlappe, die Theisman uns beigebracht hat, muss die Versuchung, sich in eine absolute Defensivhaltung zu begeben, furchtbar stark gewesen sein.«

»Ich bin sicher, sehr viele Leute wären der Versuchung erlegen«, gab Honor ihm recht. »Aber nicht Thomas Caparelli und Hamish Alexander.« Sie schüttelte wieder den Kopf. »Die beiden und die Admiralität Janacek unterscheiden sich voneinander wie Tag und Nacht.«

»Und das kann, wenn Sie mir vergeben, Mylady«, warf Lieutenant Commander Clinkscales ein, »daran liegen, dass die beiden ihr Hinterteil auch ohne Anflugradar finden können.«

»Ich glaube, dieses Maß an angeborener Fähigkeit kann man ihnen durchaus zuschreiben, Carson«, entgegnete sie, und er errötete leicht.

»Verzeihung, Mylady«, sagte er nach kurzen Schweigen. »Ich wollte damit sagen, dass Janacek und Chakrabarti ihre Hinterteile eben nicht finden konnten.«

»Das halte ich tatsächlich für ein bisschen unfair gegenüber Chakrabarti«, sagte Honor. »Aber Janacek – und diese Vollidioten Jurgensen und Draskovic!« Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Was die angeht, haben Sie gewiss nicht unrecht. Was ich aber meinte, ist, dass Sir Thomas – und der Earl von White Haven – schon einmal in der gleichen Lage waren. Sie geraten darum nicht in Panik, und sie wissen, dass wir den Kampf in den Hoheitsraum des Gegners tragen müssen, so bald wie möglich und so hart, wie wir können. Wir dürfen auf keinen Fall die Initiative Thomas Theisman überlassen. Wenn wir diesen Fehler begehen, serviert er uns innerhalb der nächsten sechs Monate unsere Köpfe auf einem silbernen Tablett. Allerhöchstens in einem T-Jahr.«

»Sieht es denn wirklich so schlimm aus, Mylady?«, fragte Clinkscales leise.

»Fast mit Sicherheit«, antwortete sie, eine ruhige Sopranstimme über dem Knistern der brennenden Scheite. »Es beginnt danach auszusehen, als wären Admiral Givens’ ursprüngliche Schätzwerte noch zu niedrig angesetzt gewesen.«

Benjamin sah sie finster an. »Zu niedrig?«

»Ich weiß. Wahrscheinlich hat – mich eingeschlossen – jeder geglaubt, sie wäre in ihren ersten Annahmen zu pessimistisch gewesen. Es erschien einfach nicht möglich, dass die Republik wirklich eine Flotte der Größe, die der Zwote Raumlord zugrundelegte, gebaut haben sollte. Aber das lag daran, dass wir alle nur in Begriffen von Schiffen dachten, die gefertigt worden sind, seit Theisman Saint-Just gestürzt hat.«

»Nun, natürlich dachten wir in diesen Begriffen. Haven kann unmöglich die Technologie besessen haben, um die neuen Typen früher zu fertigen. Auf keinen Fall, ehe Hamish ihnen mit Butterblume eingeheizt hat.«

Honors Ausdruck zuckte kein bisschen, als der Protector den gegenwärtigen Ersten Lord der Admiralität mit dem Vornamen nannte, doch sie war sorgfältig bedacht, ihn selbst niemals zu benutzen.

»Nein, das wäre unmöglich«, stimmte sie zu. »Und das ist der Grund, weshalb nicht nur Earl White Haven überzeugt war, dass Admiral Givens’ Schätzwerte zu hoch lagen. Leider hat er in den letzten beiden Wochen seine Meinung ändern müssen. Ich kenne noch keine Einzelheiten, doch seinem letzten Brief zufolge hat sie Daten ausgegraben, die aus der Zeit stammen, ehe Jurgensen das ONI von ihr übernommen hatte. Anomalien, die ihre Experten entdeckt hatten und damals nicht erklären konnten. Sie scheinen nahezulegen, dass die Havies schon vor Saint-Justs Tod Bauteile auf Lager gelegt haben.«

»Auf Lager gelegt? So lange?« Benjamin wirkte skeptisch, und sie zuckte mit den Achseln.

»Ich habe weder die Daten noch die Analyse mit eigenen Augen gesehen, Benjamin. Und vielleicht liege ich falsch, aber als ich gestern Abend den Brief des Earls las, erhielt ich diesen Eindruck. Ich bin mir sicher, der Erste Lord wird mir mehr dazu sagen können, sobald ich wieder auf Manticore bin.«

»Das bezweifle ich nicht«, entgegnete Benjamin langsam und runzelte nachdenklich die Stirn.

»Und wenn Admiral Givens recht hat, Mylady?«, fragte Clinkscales leise.

»Wenn Admiral Givens recht hat, dann sind wir zahlenmäßig ernsthaft unterlegen«, sagte Honor nüchtern. »Und diese Unterlegenheit wird sich stark verschlimmern, ehe das Verhältnis sich wieder bessert. Die Frage ist natürlich …« – sie lächelte ohne eine Spur von Fröhlichkeit –, »ob die havenitische zahlenmäßige Überlegenheit groß genug ist, um unseren technischen Vorteil auszugleichen. Und das ist, angesichts des Führungsstabes, den Haven sich geschaffen hat, im Augenblick allerdings die Frage, die am meisten drängt.«

2

»Aha, da sind Sie ja, Aldona! Kommen Sie herein. Setzen Sie sich doch.«

Aldona Anisimovna nickte ihrem Gastgeber mit sorgsam bemessener Ehrerbietung zu und gehorchte dem mit einem Lächeln erteilten Befehl. Denn ein Befehl war es, ganz gleich, wie freundlich er ausgesprochen war. Albrecht Detweiler war vermutlich die reichste und mächtigste Einzelperson der erforschten Milchstraße. Ganze Sternnationen waren ärmer als er, und darunter nicht nur Gebilde voller Neobarbaren oder Systeme mitten im Nirgendwo der Schale. Und nicht wenige.

Hinter ihr schloss sich leise die Tür. Obwohl mehr als ein Dutzend Menschen zugegen waren, strahlte die Kombination aus Büro und Bibliothek eine gewisse Geräumigkeit aus. So war es gedacht, wenn auch kaum fünf Prozent der Bevölkerung Mesas von der Existenz des Raumes wusste. Der Prozentsatz der Menschen außerhalb Mesa, die davon wussten, lag, so hoffte Anisimovna zutiefst, noch beträchtlich geringer.

Der Raum war das bei weitem luxuriöseste und am schönsten möblierte ›Büro‹, das sie je betreten hatte, und bei einem vollgültigen Mitglied des Vorstandes von Manpower Incorporated wollte das einiges heißen. Die exquisiten Lichtskulpturen in ihren maßgefertigten Nischen; die Wände, mit exotischen Hölzern von wenigstens einem Dutzend verschiedener Planeten vertäfelt; die altmodischen, unschätzbar wertvollen Gemälde in Öl und Aquarell, von denen einige von Alterde aus der Zeit vor Anbeginn der Raumfahrt stammten; die antiken gedruckten Bücher; der spektakuläre Blick über die zuckerweißen Strände und das funkelnde blaue Wasser des Mendelmeeres – alles dies zusammen schuf einen zwangsläufig passenden Rahmen für die Macht und die Entschlossenheit, die sich in dieser Sitzung konzentrierten.

»Ich glaube, wir sind nun vollzählig«, stellte Detweiler fest, während sich Anisimovna auf einen der Schwebestühle gegenüber seinem Schreibtisch setzte, und die Unterhaltungen verstummten rasch. Lächelnd drückte er einen Knopf am Bedienfeld seines Schreibtischs. Die Panoramasicht auf das Meer verschwand hinter einer plötzlich undurchsichtigen Fensterwand; die Sicherheitssysteme, die es jedem unmöglich machten, diese Sitzung auszuspionieren, waren in Aktion getreten.

»Gewiss haben die meisten von Ihnen zumindest eine Vorstellung, weshalb ich Sie heute auf die Insel gebeten habe«, sagte Detweiler, und sein Lächeln wich einer entschlossenen Miene. »Falls ich jedoch den IQ eines oder einer Anwesenden überschätzt haben sollte, sei gesagt, dass der unmittelbare Grund für diese kleine Zusammenkunft die jüngst erfolgte Volksabstimmung im Talbott-Sternhaufen ist.«

Gesichter wurden ernst, und fast spürte man die Mischung aus Zorn, Anspannung und – ob jemand es zugegeben hätte oder nicht – Angst, die seine Worte hervorriefen. Detweiler nahm die Empfindung mit Sicherheit wahr, und er zeigte die Zähne, doch diesmal lächelte er eindeutig nicht.

»Mir ist klar, dass für die meisten Sollys Manticore und Haven genauso gut Shangri-La oder Nimmerland sein könnten. Die Sternnationen liegen irgendwo am Rand des erforschten Universums, und es wimmelt dort von kriegslüsternen Neobarbaren, die so primitiv und bigott sind, dass sie ihre ganze Zeit damit vertun, einander gegenseitig umzubringen. Das kommt der Wahrheit nur leider nicht besonders nahe, und wir alle sind uns dessen recht schmerzlich bewusst. Einige von Ihnen haben es vielleicht noch nicht begriffen, aber die Situation entwickelt sich, von unserem Blickwinkel aus gesehen, nicht zum Besseren, sondern zum Schlimmeren.«

Er lehnte sich im Sessel zurück und musterte seine Besucher. Einer oder zwei sahen leicht verwirrt drein, als wäre ihnen nicht klar, wieso die Lage noch schlimmer sein sollte als ohnehin schon. Sowohl das Sternenkönigreich von Manticore als auch die Republik Haven waren seit Jahrhunderten erklärte Todfeinde Manpowers Inc. und des Gensklavenhandels. Aus Sicht Manpowers und des Mesa-Systems im Allgemeinen hatten die letzten zwanzig T-Jahre Krieg zwischen Manticore und Haven ausgezeichnete Neuigkeiten bedeutet, denn die Kampfhandlungen hatten die beiden Sternnationen weitgehend davon abgelenkt, sich in mesanische Unternehmungen einzumischen.

»Aldona«, sagte Detweiler nach kurzem Schweigen, »Sie und Isabel berichten uns bitte, was auf Verdant Vista vorgefallen ist.«

»Aber sicher, Albrecht«, sagte Anisimovna. Sie freute sich, dass ihre Stimme so ruhig und gelassen klang. Ihr gelang es auch, einen nervösen Schweißausbruch zu verhindern, eine Kunst, die sie den letzten etwa zwanzig Generationen genetischer Modifikationen des Anisimovna-Genoms verdankte.

»Wie Sie wissen, Albrecht«, begann sie forsch und versuchte nicht daran zu denken, wie viele solcher Rapports in diesem Büro … böse ausgegangen waren, »und wie auch einigen anderen Angehörigen von Vorstand und Beirat bekannt ist, nahm das sogenannte Congo-System in den Plänen, die wir für die Mantys und Haven hatten, einen zentralen Punkt ein. Der Wurmlochknoten dort bot zusätzliche Möglichkeiten in dieser Hinsicht, ganz abgesehen von den offensichtlichen, rein wirtschaftlichen Gelegenheiten. Nach Diskussion hier auf Mesa wurde beschlossen, dass die Zeit, unsere Ausweichpläne in Gang zu setzen, rasch näherkam, und -«

»Entschuldigen Sie, Aldona«, unterbrach Jerome Sandusky sie. Er blickte sie an, aber seine Aufmerksamkeit ruhte tatsächlich auf Detweiler. »Wir sind zumindest in allgemeinen Begriffen informiert, was im Tiberian-System und auf Verdant Vista geschehen ist. Dadurch, dass Congo zu meinem havenitischen Amtsbereich hinzugekommen ist, habe ich mich mit den bisherigen Operationen dort hinreichend vertraut gemacht. Mir ist allerdings nicht ganz klar, warum genau es notwendig oder wünschenswert erschien, uns in eine Position zu bringen, in der so etwas überhaupt geschehen konnte.«

»Die Entscheidung wurde vom Strategischen Ausschuss getroffen, Jerome«, erwiderte Anisimovna kühl, und Sandusky errötete ganz leicht. »Als Angehörige des Ausschusses« - dem du nicht angehörst, sprach sie nicht laut aus – »habe ich den Überlegungen zugestimmt, aber wie Sie wissen, finden die Debatten des Ausschusses unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.«

»In diesem Fall allerdings«, warf Detweiler leichthin ein, »könnten wir davon einmal eine Ausnahme machen, Aldona. In dieser Angelegenheit sollten wir alle genau informiert sein, also seien Sie so gut und beantworten Sie Jeromes Frage – für uns alle.« Sie sah ihn an, und er nickte. »Mit meiner Genehmigung«, fügte er hinzu.

»Gern, Albrecht.« Anisimovna wandte sich wieder Sandusky zu. Kurz ordnete sie ihre Gedanken, dann beugte sie sich ein wenig aus dem Sessel vor, die grauen Augen konzentriert.

»Fast die ganzen vergangenen zwei Jahrzehnte lang haben Mantys und Havies aufeinander geschossen«, begann sie. »Von unserem Standpunkt aus war das in vielerlei Hinsicht eine gute Sache. Beide haben uns stets gehasst, und wir sind nie in der Lage gewesen, in dem Ausmaß in ihr jeweiliges militärisches oder politisches Establishment vorzudringen, wie es uns in der Liga und den meisten anderen Sternnationen gelungen ist. Zwar konnten wir bestimmte einzelne Bürokraten, Diplomaten, Offiziere und Politiker … anwerben, aber nie in hinreichender Zahl, um ihre halsstarrige Treue zur Cherwell-Konvention zu unterminieren.«

Als der Begriff der Cherwell-Konvention fiel, verzog mehr als einer ihrer Zuhörer das Gesicht, und Anisimovna lächelte mokant.

»In den letzten siebzig T-Jahren waren sich das Sternenkönigreich und die Volksrepublik Haven nur in einer Sache – einer einzigen Sache – einig: in der Unterdrückung des Gensklavenhandels. Und seien wir realistisch – historisch gesehen waren ihre Bemühungen erheblich wirksamer als die von irgendjemandem sonst. In beiden Sternnationen ist unsere Marktpräsenz gleich null, und obwohl wir von je eine beherrschende Stellung in einigen Gebieten der Silesianischen Konföderation und Midgards besaßen, machen uns Mantys und Havies auch dort das Leben schwer. Um ehrlich zu sein, konnten wir erst, seitdem diese beiden Sternnationen sich aufeinander konzentrieren, den Bodenverlust wiedergutmachen, den wir in jenen beiden Einflusssphären konstant verloren hatten. Das Andermanische Kaiserreich ist ein weiterer wunder Punkt, zumal es in solcher Nähe zu den beiden anderen Problemnationen liegt, aber wenigstens haben die Andys unsere Interessen außerhalb ihres eigenen Hoheitsraums nie so aggressiv angegriffen wie Manticore und Haven.

Während Manticore und Haven sich aktiv bekriegten, konnten wir unseren Einfluss und unseren Absatz am Rande ihrer jeweiligen Einflusssphären vergrößern. Ihre Verbissenheit hat es uns ferner erleichtert, sowohl im Sternenkönigreich als auch in der Republik ein gewisses Maß an Durchdringung – in Bezug auf Einfluss, nicht auf Absatz – zu erzielen, das uns früher völlig unmöglich gewesen wäre. Mit anderen Worten, es sah ziemlich gut für uns aus.

Dann kamen das manticoranische ›Unternehmen Butterblume‹, Pierres Ermordung, der sogenannte ›Manpower-Zwischenfall‹ auf Alterde, der Waffenstillstand und der Sturz der Saint-Just’schen Version des Komitees für Öffentliche Sicherheit. Zusammengenommen hatte das für uns drei ernste Konsequenzen.«

Sie zog ein Gesicht und zuckte mit den Achseln, dann begann sie sich die Punkte, die sie zusammenfasste, an den Fingern abzuzählen.

»Erstens wäre ein Ende des Krieges für sich genommen schon schlimm genug gewesen, denn dadurch wären Ressourcen und Aufmerksamkeit für andere Sorgen frei geworden – wie zum Beispiel uns. Zweitens aber hat uns der Sturz des Komitees für Öffentliche Sicherheit und die effektive Auflösung der Systemsicherheit in Haven schwer geschadet. Nicht nur verloren wir die Mehrzahl der Kontakte, die wir innerhalb der SyS knüpfen konnten; das neue Regime unter Theisman, Pritchart und Konsorten ist fast fanatisch in seinem Hass auf alles, wofür wir stehen. Drittens ereignete sich der ›Manpower-Zwischenfall‹ zwar noch vor Theismans Putsch, aber seine Auswirkungen wurden erst nach dem Staatsstreich spürbar, als Zilwicki und Montaigne mit den Dateien, die Zilwicki geknackt hatte, auf Manticore eintrafen. Im Sternenkönigreich konnten wir innerhalb eines gewissen Rahmens zwar Schadensbegrenzung betreiben, aber streuen wir uns keinen Sand in die Augen: auch auf Manticore haben wir einen schweren Rückschlag hinnehmen müssen. Wenig zuträglich für uns war auch, dass diese Irre Montaigne uns und unsere Geschäfte wieder ins Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit zerren konnte.

Zum Glück stand unsere beste, ranghöchste überlebende Kontaktperson nicht in Zilwickis Akten und blieb weiterhin in Position. Sie war nicht gerade das, was wir als verlässliches Werkzeug bezeichnen würden – sie benutzte uns genauso sehr, wie wir sie benutzten, und verfolgte eindeutig ihre eigenen Ziele –, aber Descroix war bereit, alles zu tun, was sie konnte, um manticoranische Operationen gegen uns zu begrenzen und uns in den Nachwehen des ›Manpower-Zwischenfalls‹ innenpolitisch bei der Schadensbegrenzung zu helfen, wofür sie von uns finanziell und nachrichtendienstlich unterstützt wurde. Leider lehnte sie kategorisch ab, das Wichtigste zu tun, was wir von ihr verlangten.«

»Und das wäre?«, fragte Sandusky, als kenne er die Antwort nicht bereits, als sie kurz schwieg.

»Den verdammten Waffenstillstand zu beenden«, sagte Aldona tonlos. »Wir wollten, dass Manticore und Haven wieder aufeinander schossen. Um offen zu sein, hat sich der Strategische Ausschuss damals größere Sorgen um Haven gemacht als um Manticore. Manticore hat die größere Handelsflotte und eine ausgeprägtere Tradition, sich als interstellare Polizei aufzuspielen, sogar dann, wenn es auf eine Kraftprobe mit der Liga hinauslaufen könnte. Aber die Republik ist viel ausgedehnter, und das neue Regime ist eindeutig von einem ›Kreuzfahrergeist‹ erfüllt, während das High-Ridge-Regime auf Manticore so korrupt und kurzsichtig war, wie wir es nur wünschen konnten. Leider wollte keine der beiden Seiten aus jeweils eigenen Gründen die Feindseligkeiten wiederaufnehmen. Anfangs schien auch gar nicht so recht festzustehen, ob Theisman und Pritchart ihren neuen Staat wirklich halten könnten. Selbst wenn es ihnen gelang, die Verfassung durchzusetzen, sah es ganz danach aus, als müssten sie wenigstens ein paar Jahre lang einen Bürgerkrieg ausfechten.

Vor ungefähr zwei T-Jahren jedoch schälte sich heraus, dass sie gewinnen würden, und zwar deutlich. Zudem informierte uns einer der wenigen Kontakte, die wir in der Republik noch hatten – Ihr Kontakt übrigens, Jerome –, dass die havenitische Navy insgeheim ein großangelegtes Wiederaufrüstungsprogramm betrieb. Die Vorstellung einer Regierung Theisman-Pritchart, die eine Sternnation von der Größe und der Wirtschaftskraft der Republik fest im Griff hatte, mit einer erstarkenden Flotte unter ihrem Kommando, machte niemandem im Ausschuss glücklich. Auch was Montaigne und Zilwicki im Sternenkönigreich veranstalteten, veranlasste niemanden zu Freudentränen. Es war hauptsächlich die Folge von Zilwickis aktivem Bündnis mit dem Audubon Ballroom, und dann sprangen Klaus Hauptmann und seine Tochter auf den fahrenden Zug auf und begannen tatsächlich, diesen Schlächtern leichte Kampfschiffe zu bauen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Bis dahin waren es noch alles Strohhalme im Wind, aber es war ziemlich offensichtlich, aus welcher Richtung der Wind in beiden Sternnationen wehte. Und sie schossen immer noch nicht wieder aufeinander.

Der einzige Lichtblick war die völlige diplomatische Unfähigkeit der Regierung High Ridge. Sie wollte keine aktiven militärischen Operationen, aber sie wollte auch keinen offiziellen Friedensvertrag, und das ließ in der Republik den Unmut konstant wachsen. Die gleiche Quelle, die uns vor der Existenz von Schlupfloch gewarnt hatte – obwohl er nicht genau wusste, was exakt dort eigentlich vorging –, informierte uns über Pritcharts zunehmende Verstimmung und dass sie damit die öffentliche Meinung auf ihrer Seite hatte. Während wir wussten, dass wir Descroix nicht bewegen konnten, die Verhandlungen aktiv scheitern zu lassen, konnten wir ihr doch bestimmte ausgewählte Informationen unterschieben, die sie wenigstens ein Stück in die Richtung laufen ließen, in die wir sie lenken wollten. Der Ausschuss sah sich somit einer zusehends instabiler werdenden Lage gegenüber, die uns die Möglichkeit bot, für das Ergebnis zu sorgen, das wir wünschten.

Nun kam Verdant Vista ins Bild. Wir wussten, dass es High Ridge gelungen war, sich mehreren wichtigen Verbündeten ernsthaft zu entfremden, darunter die Republik Erewhon und, wie wir hofften, auch Grayson. Was Grayson betraf, lagen unsere Erwartungen nicht allzu hoch, aber Erewhon schien große Möglichkeiten zu bieten. Außerdem verlangten gewisse Freunde innerhalb der Liga – insbesondere Technodyne Industries - nachdrücklich Zugang zur neuen manticoranischen Technologie, und Erewhon besaß ihn.

Daher unsere Idee, Verdant Vista zu benutzen, um Erewhon zu beunruhigen. Wir wussten, dass die Regierung Cromarty den Erewhonern Unterstützung bei ihren Bemühungen versprochen hatte, uns von Congo zu vertreiben. Wir wussten aber auch, dass die Regierung High Ridge an diesem Vorhaben vollkommen und komplett – man könnte fast sagen, vehement – desinteressiert war. Und wir wussten, auf diesem Gebiet konnten wir uns darauf verlassen, dass Descroix’ uns hinter den Kulissen unterstützte.

Eingedenk dessen gaben wir unser relativ unauffälliges Verhalten auf und begannen absichtlich, Aufmerksamkeit auf unsere Anwesenheit dort zu lenken. In der erewhonischen Presse lancierten wir einige Berichte über ›Gräuel‹ auf Verdant Vista, und wir förderten eine Zunahme der ›Piraterie‹ in der Umgebung. Die Kreuzer, die im Tiberian-System vernichtet wurden, waren Teil dieser Strategie. Damit sollte die erewhonische Navy bewegt werden, zusätzliche leichte Schiffe zur Piratenbekämpfung abzustellen, die wir dann mit modernen solarischen Schweren Kreuzern angreifen und auslöschen wollten. Ob die Erewhoner nun darauf kamen, dass wir die ›Piraten‹ direkt unterstützten oder nicht, auf jeden Fall musste sich ihr Zorn auf das Sternenkönigreich steigern, sobald sie ständige Verluste sowohl an Kriegsschiffen als auch an Frachtern erlitten. In Anbetracht der Besonderheiten der erewhonischen Ehrauffassung war es sehr wahrscheinlich, dass, falls wir die Erewhoner lange genug provozierten, während die Manticoraner fortgesetzt ihr Hilfeersuchen ignorierten, sie sich schließlich aus der Manticoranischen Allianz zurückziehen würden.«

»Und das hätte uns warum genau genützt?«, fragte Sandusky, der angestrengt die Stirn gerunzelt hatte, während er sich ihre Erklärung anhörte.

»Erewhons Austritt aus der Allianz musste sogar die Manticoraner aufrütteln. Die Manticoranerin auf der Straße schien willens, sich mit High Ridge abzufinden, solange die Sicherheit des Sternenkönigreichs nicht klar von außen bedroht wurde. Wenn jedoch die Allianz zu bröckeln schien, ohne dass ein offizieller Friedensschluss in Sicht war, dann müsste sich das ändern, und hoffentlich in Richtung größerer Militanz gegenüber der Republik. Und um ehrlich zu sein, obwohl High Ridges Desinteresse an der Bekämpfung der Sklaverei uns gut ins Konzept passte, bezweifelten wir sehr, dass er die Frage noch sehr lange ignorieren konnte, denn man darf nicht vergessen, wie sehr die Winton-Dynastie uns stets gehasst hat und wie hart Montaigne, Zilwicki, Harrington und Leute wie die Hauptmanns gegen uns hetzen. Deshalb waren wir absolut bereit, seine Regierung stürzen zu sehen, insbesondere, wenn dieses zur Wiederaufnahme der Kampfhandlungen beitrug, auf die wir hofften.

Anders betrachtet, mussten sich die Erewhoner, nachdem sie sich von der Allianz losgesagt hatten, plötzlich sehr einsam fühlen, besonders, wenn ihre einstigen Verbündeten und die Republik einander tatsächlich wieder bekriegten. Unter diesen Umständen erschien es wahrscheinlich, dass sie ein Bedürfnis empfanden, ihre militärische Stärke nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern zu vergrößern, und das hätte geheißen, sich an die Leute zu wenden, die ihnen vor dem Allianzbeitritt sämtliche Wallschiffe gebaut hatten. Was wiederum zufällig unsere Freunde von Technodyne sind. Folglich hätte Technodyne einen direkten Blick auf die neueste, beste Kriegstechnik der Manticoraner erhalten. Ob die Navy der Liga daran nun interessiert gewesen wäre oder nicht, Technodyne und die mesanische Navy waren es auf jeden Fall, und Zugriff darauf für uns zu erhalten und die Systemverteidigungs-Kontingente unserer Freunde in der Region wäre eine wunderbare Sache gewesen. Darum war Technodyne so kooperativ, als es galt, die Kreuzer für das Tiberian-System zu beschaffen.«

»Nur hat es so nicht funktioniert, Aldona, richtig?«, warf Detweiler ein. Er klang beinahe, als wäre er ihr Onkel, doch das beruhigte Anisimovna kein bisschen. Sie setzte zu einer Antwort an, doch jemand kam ihr zuvor.

»Nein, Mr Detweiler, es hat nicht funktioniert«, sagte Isabel Bardasano.

Die jüngere Frau saß neben Anisimovna, und sie sah dem mesanischen Vorstandsvorsitzenden ruhig in die Augen, mit allen Anzeichen völliger Gleichmut. Was, wie Anisimovna dachte, in ihrem Fall vermutlich auch stimmte. Sie beneidete Bardasano um ihre Fassung, doch was deren Selbstbewusstsein anging, das an Arroganz grenzte und auf dem diese Fassung beruhte, war sie sich nicht so sicher, ob sie es haben wollte. Im Augenblick jedenfalls war sie Bardasano sehr dankbar, dass sie sich einmischte und Detweiler erinnerte, dass Anisimovna nicht die oberste oder zumindest nicht die alleinige Verantwortung für die Operation Verdant Vista trug.

»Es hätte funktionieren müssen«, fuhr Bardasano fort. »Leider hatten wir mit keinem Zwischenfall wie der Schlacht von Tiberian gerechnet. Auch die Ermordung Steins hatten wir nicht einkalkuliert, oder wie rasch Elizabeth Winton sich entscheiden würde, von all ihren Untertanen ausgerechnet Anton Zilwicki als ihren Vertreter zum Begräbnis nach Erewhon zu schicken. Und ganz gewiss hatten wir nicht mit der Einmischung eines havenitischen Spions und der ungesetzlichen Operation eines Gouverneurs der Grenzsicherheit gerechnet!«

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht verriet Abscheu.

»Wir erreichten genau den Bruch mit Manticore, den wir erwünscht hatten. Doch statt sich an Technodyne zu wenden, was nach unserer Einschätzung die damalige erewhonische Regierung, auf sich allein gestellt, fast mit Sicherheit hätte tun müssen, überredeten die Haveniten und Gouverneur Barregos sie, ausgerechnet bei der Republik Haven Zuflucht zu suchen. Schlimmer noch, Ruth Winton war dort und brachte es zuwege, dass das Sternenkönigreich, wenn auch nur sehr oberflächlich, eine Operation gegen Congo unterstützte, die letzten Endes von einem Haveniten geplant worden war! Damit standen die beiden Sternnationen als gemeinsame Förderer des ›Torch‹-Regimes auf Verdant Vista zusammen – eine Beziehung, die anzudauern scheint, obwohl sie mittlerweile überall sonst mit sehr großen Kanonen aufeinander feuern. Und wie um dem Fass die Krone aufzusetzen, sieht es ganz danach aus, als wäre es Zilwicki, während er dieses Fiasko herbeiführte, auch noch gelungen, irgendwelches Beweismaterial in die Hände zu bekommen, das zum Verschwinden der Gräfin von North Hollow und der Vernichtung sämtlicher Dossiers der North Hollows führte, was letzten Endes eine große Rolle beim Fall der Regierung High Ridge und Descroix’ völligem Machtverlust spielte.«

»Apropos Descroix …?«, erkundigte sich ein anderer Besucher Detweilers.

»Kein Problem mehr«, antwortete Bardasano mit einem schmallippigen Lächeln.

»Gut.«

»Sie zu eliminieren hat jedoch nicht die Folgen des Congo-Debakels eliminiert«, erwiderte Sandusky.

»Nein, das nicht«, stimmte Anisimovna ihm zu. »Das lief bestenfalls unter der Überschrift ›Schadensbegrenzung‹.«

»Allerdings«, sagte Detweiler.

Er lehnte sich kurz zurück und musterte die Personen, die er zu sich bestellt hatte. Sie erwiderten seinen Blick, und er wusste, was sie sahen – die Kulmination von beinahe fünf Jahrhunderten konstanter genetischer Verbesserung. Der allergrößte Teil der übrigen Galaxis war sich glücklicherweise völlig im Unklaren, dass die Ziele, die im Letzten Krieg von Alterde die wahnsinnigen Ukrainer mit ihren ›Schwätzern‹ nicht erreicht hatten, auf Mesa längst umgesetzt waren.

Mesa hatte jedoch mehr als nur eine Lektion von den Fanatikern slawischer Überlegenheit gelernt, und dazu zählte auch die Vorsicht. Man schuf sich zuerst eine unangreifbare Position, ehe man seine Überlegenheit gegenüber denen ausposaunte, die in einem berechtigterweise das verhasste Abbild ihres zukünftigen Herrn sehen würden.

»Ich habe Sie jedoch nicht zu mir gebeten, nur damit wir unsere Fehlschläge noch einmal durchgehen. Um es deutlich zu sagen, ich glaube nicht, dass einer der hier Anwesenden oder ein Mitglied des Strategischen Ausschusses für das Scheitern unserer Congo-Operationen verantwortlich ist. Niemand kann alle Wechselfälle des blinden Zufalls einkalkulieren, die in einer Galaxis mit so viel besiedelten Welten und konkurrierenden Machtblöcken auftreten müssen.

Es bleibt aber die Tatsache bestehen, dass uns eine Zeit wachsenden Risikos bevorsteht – und großer Gelegenheiten. Die Lage zwischen Manticore und Haven bildet vielleicht die eindeutigste, am leichtesten zu erkennende Bedrohung für uns. Im Augenblick ist diese Gefahr noch leicht zu handhaben, und wir müssen Schritte einleiten, um zu gewährleisten, dass es auch so bleibt. Die größere Gefahr – und Gelegenheit – für uns entsteht jedoch dadurch, dass wir uns endlich dem Punkt nähern, auf den unsere Vorfahren so lange hingearbeitet haben. Dieser Umstand ist im Augenblick noch der großen Mehrheit unserer potenziellen Gegner unbekannt. Sobald wir aber mit den letzten Vorbereitungen beginnen, wächst das Risiko, dass unsere tatsächlichen Ziele aufgedeckt werden, immer weiter. Dieser Augenblick der Erkenntnis muss so weit wie möglich hinausgezögert werden, und ich glaube, in der Art und Weise, wie wir mit Manticore und Haven umgehen, liegt einer der Schlüssel dazu.«

In dem großen Büroraum hatte sich, während er sprach, eine merkliche Spannung aufgebaut. Als er nun langsam von einem Gesicht zum nächsten blickte und nach Anzeichen für Schwäche suchte, für schwankendes Engagement, herrschte völliges Schweigen. Er fand nichts und setzte sich wieder kerzengerade.

»Zum Glück für uns befinden sich Haven und Manticore wieder in einem offenen Krieg, obwohl unsere erewhonischen Pläne gescheitert sind. Das ist gut. Trotz der Ablenkung durch den Krieg sind die Mantys aber eindeutig entschlossen, in den Talbott-Sternhaufen zu expandieren, und das ist schlecht. Schlecht aus vielen Gründen, aber nicht zuletzt dadurch, weil ihre vorgeschobenen Flottenbasen auf diese Weise erheblich dichter an Mesa herankommen.

Ebenfalls in der Minusspalte steht, dass wir noch immer keinen Zugriff auf manticoranisches Flottengerät der aktuellen Generation erhalten haben. Ganz gleich, wie alles andere sich entwickelt, werden wir uns schließlich in einem offenen Konflikt mit Manticore wiederfinden, falls uns nicht jemand die Last abnimmt. Selbstverständlich werden wir uns weiterhin bemühen, so jemanden zu finden, und ganz gewiss wäre es höchst befriedigend für uns, wenn wir eine Möglichkeit arrangieren könnten, dass sich Manticore und Haven gegenseitig neutralisieren. Ich glaube aber nicht, dass wir darauf zählen können, deshalb stände es uns besser an, wenn wir uns weiterhin auf eine entscheidende, direkte Konfrontation vorbereiteten. In dieser Hinsicht lohnt sich ganz besonders jeder Versuch, Manticores militärische, wirtschaftliche und industrielle Machtbasis zu verringern. Dazu gehört ganz offensichtlich auch zu verhindern, dass Manticore den Sternhaufen annektiert und das industrielle Potenzial hinzugewinnt, das die Planeten Talbotts darstellen.

Zufällig weiß ich, dass der Strategische Ausschuss bereits an einem Plan arbeitet, um die Annexion Talbotts zumindest zu destabilisieren und im besten Fall hoffentlich endgültig zum Entgleisen zu bringen. Ich persönlich gebe ihm eine höchstens dreißigprozentige Erfolgschance, aber vielleicht bin ich auch übermäßig pessimistisch. Für diese Operation werden Aldona und Isabel unsere Kontaktleute sein, und ich möchte jedem in diesem Raum klar und deutlich machen – ganz gleich, was wir für andere verlauten lassen –, dass ich zwar sehr auf ihren Erfolg hoffe, wir uns aber alle klar sein müssen, dass dieser Erfolg bestenfalls problematischer Natur sein wird. Mit anderen Worten, es wird keine Bestrafung und keine Vergeltung geben, wenn ohne ihre Schuld der Plan scheitert.«

Anisimovna regte keine Miene, obwohl sie angesichts von Detweilers Verkündung eine gewaltige Erleichterung empfand. Natürlich hatte er nicht behauptet, dass es keine Strafe gäbe, wenn der Plan scheiterte und er zu dem Schluss kam, dass sie daran schuld gewesen wären.

»Während die beiden sich mit diesem Aspekt des Problems befassen, Jerome«, fuhr er fort, indem er sich Sandusky zuwandte, »werden Sie sich um die letzten Einzelheiten unserer Vereinbarung mit Mannerheim kümmern. Machen Sie Präsident Hurskainen ohne Raum für Zweifel klar, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein anderer als er sein wird, der die militärischen ...

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