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HONOR HARRINGTON: Superdreadnought

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Februar 1922 P.D.
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  1. März 1922 P.D.
  2. Kapitel 3
  3. Kapitel 4
  1. April 1922 P. D.
  2. Kapitel 5
  3. Kapitel 6
  4. Kapitel 7
  5. Kapitel 8
  6. Kapitel 9
  7. Kapitel 10
  8. Kapitel 11
  9. Kapitel 12
  10. Kapitel 13
  11. Kapitel 14
  12. Kapitel 15
  13. Kapitel 16
  1. Mai 1922 P.D.
  2. Kapitel 17
  1. Personenverzeichnis

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Februar 1922 P.D.

Beim nächsten Mal wird es einfacher … und es gibt immer ein nächstes Mal.

Frinkelo Osborne,
Liga-Amt für Grenzsicherheit,
Loomis-System

Kapitel 1

Kontragrav trug die tragflächenlose Drohne lautlos durch die Nacht. In der Luft hing der Geruch von verbranntem Holz und Kohlenwasserstoffen, Nieselregen legte über alles einen Film aus nebliger Feuchtigkeit. Mit Ruß gemischt, ergab das eine dünne Schmierschicht, die sich auf der Haut sonderbar anfühlte. Hier und dort brannte es trotz des Regens immer noch. Die Feuer fraßen an den Schuttbergen, die einst Häuser gewesen waren, und trugen ihren Teil zum Rauch und Ruß in der Atmosphäre bei. In der Ferne grollte dumpfer Donner; ob dieser Donner natürlichen Ursprungs war oder von Menschen gemacht, ließ sich nicht unterscheiden.

Die Drohne, die entfernt an eine Untertasse erinnerte, bremste ab und hing nun reglos in der Luft. Sie war schwärzer als die Nacht selbst. Den Widerschein der lodernden Feuer schluckte Photon um Photon ihr regennasser, lichtabsorbierender Rumpf. An der Unterseite der Drohne schwenkte geräuschlos ein kleiner, turmartiger Aufbau in die Richtung, wo Sensoren und Linsensysteme des schweigsamen Beobachters beäugten, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Seufzend strich Wind durch die Zweige von Zuckerpinien, Krebspappeln, echten terrestrischen Weymouthkiefern und Hickorybäumen, die man eigens hierher importiert hatte. In einem der brennenden Trümmerhaufen geriet etwas ins Rutschen; Funken stoben auf, ein brennender Dachbalken barst und ließ eine Decke einstürzen. Mit der gleichgültigen Hartnäckigkeit der Natur troff Wasser von regenschweren Ästen. Ansonsten aber blieb alles still und reglos.

Die Drohne brütete über einkommenden Sensordaten, beschied sie als hinreichend relevant, um sie einer höheren Instanz vorzulegen, und übertrug sie umgehend an den Nachrichtensatelliten und ihren eigenen Drohnentechniker im fernen Elgin City. Dann wartete sie.

Stille, Regen und Wind hielten an. Flammen zischten, als dickere Tropfen in das Herz der Glut fielen. Und dann …

Wie Zeus’ oder Thors Zorn selbst kam der Blitz vom Himmel herab, ein gleißend weißer Strahl schäumenden Plasmas, von seinem Ursprung zweihundertfünfundsechzig Kilometer oberhalb der Planetenoberfläche bis hinunter zum Boden. Das zweihundert Kilogramm schwere Projektil rauschte mit dreißigfacher Schallgeschwindigkeit heran und traf völlig lautlos sein Ziel.

Die Explosion, die daraufhin die stille Regennacht zerriss, hatte die Sprengkraft von, altmodisch ausgedrückt, zweieinhalb Tonnen TNT. Die gewaltige Energieentladung tauchte die Wolkendecke in widernatürliche Farben und ließ die Regentropfen einen kurzen, endlos scheinenden Moment reglos in der Luft stehen, sie alle funkelnde Diamanten und Rubine, ehe die gleißende Hitzeblase sie verdampfte. Was in der zerstörten Ansiedlung noch stand, zerschmetterte die Schock- und Druckwelle, die sich vom Zentrum der Explosion aus ausbreitete. Die Überreste dessen, was einst Häuser gewesen waren, wirbelten Meteoren gleich als lodernde Trümmer und Splitter dem Himmel entgegen.

»Nun, Callum, überzeugt, dass der Vorschlaghammer gereicht hat?«, erkundigte sich die Frau knochentrocken. Die dunkelblaue Uniform, die beim Vereinigten Sicherheitsdienst des Loomis-Systems üblich war, kleidete sie gut.

Sie stand hinter dem bequemen Sessel des Drohnentechnikers und blickte dem Mann, den Abzeichen am Ärmel nach ein Sergeant mit zwanzigjähriger Dienstzeit, über die Schulter. Auf dem Display zeigte ein stecknadelgroßes, blinkendes Icon die Explosion an. Einen kurzen Moment schien der Sergeant zu zögern, dann wandte er sich zu ihr um.

»Unbefugtes Betreten eines Sperrgebiets, Ma’am«, erwiderte er.

»Und dafür mussten Sie ein KP einsetzen?« Der Lieutenant zog eine Augenbraue hoch. »Gegen einen Fasthirsch? Oder einen Bisonelch?«

»Die IR-Signatur war eindeutig menschlich, Ma’am. Das muss einer von MacRorys Dreckskerlen gewesen sein. Wer sonst sollte sich dort herumtreiben.«

»Ich verstehe.« Die Offizierin des Sicherheitsdienstes verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Zufälligerweise habe ich gerade eben neben Ihnen gestanden«, bemerkte sie mit unverkennbarer Schärfe in der Stimme. »Wenn ich mich recht erinnere, erfordert der Abschuss eines kinetischen Projektils laut der Zentralen Dienstvorschrift die Zustimmung des unmittelbaren Vorgesetzten – ausgenommen in zeitkritischen Situationen. Irre ich mich?«

»Nein, Ma’am«, gestand der Sergeant. Seine Vorgesetzte schüttelte den Kopf.

»Ich weiß, ich weiß: Sie haben an großen Explosionen einen Riesenspaß, Callum. Und, zugegeben, hatten Sie dieses Mal einen deutlich besseren Grund als sonst. Aber die ZDV gibt’s schließlich auch aus gutem Grund. Tun Sie mir den großen Gefallen, Callum, und vergessen Sie das beim nächsten Mal nicht wieder. Im Gegenzug dürfen Sie dann auch weiterhin Ihren fetten Hintern in diesem bequemen Sessel parken, statt im Wald Streife zu gehen. Meinen Sie, das bekommen Sie hin?«

»Jawohl, Ma’am«, erwiderte der Sergeant deutlich zackiger. Das bestätigende Nicken seiner Vorgesetzten fiel nicht gerade freundlich aus, dann kehrte sie zu ihrer eigenen Station zurück.

Der Sergeant blickte ihr hinterher. Als er sich wieder seinem Display zuwandte, grinste er breit. Er hatte schon damit gerechnet, dass sie ihn rundmachen würde. Auch das wäre es ihm wert gewesen. Drei seiner besten Kumpel waren während der ersten beiden Tage des Aufstands ums Leben gekommen. Deswegen stand ihm nach wie vor der Sinn nach Vergeltung. Außerdem hatte es einfach etwas von gottgleicher Allmacht, wenn man den Zorn des Himmels auf andere niederfahren lassen konnte. Callum hatte ganz genau gewusst, dass Lieutenant MacRuer den Einsatz eines KP niemals gebilligt hätte – nicht anhand einer einzelnen, zweifelhaften Infrarotsignatur. Genau deswegen hatte er sie auch gar nicht erst gefragt. Ehrlich gesagt, war er sich selbst nicht ganz sicher gewesen, ob er nicht doch nur ein Geistersignal aufgefangen hatte. Für dieses Gefühl völliger Zufriedenheit aber war ein bisschen Missbilligung durch einen Vorgesetzten ein geradezu lächerlich geringer Preis.

Dieses Mal zumindest, setzte er lautlos hinzu. Wenn ich diese vorschriftenverliebte Erbsenzählerin auf dem falschen Fuß erwische, bringt die es noch fertig, mich wirklich auf Streife zu schicken. Callum verkniff sich ein Kopfschütteln. Kaum denkbar, dass es Spaß machen würde, mit dem Gesindel da unten im Wald Fangen zu spielen.

»Einschlag bestätigt, Ma’am«, meldete Lenkwaffentechniker Erster Klasse George Chasnikov. »Sieht aber aus, als wäre das Projektil fünfzehn oder zwanzig Meter zu weit in den planetarischen Westen gegangen.« Er schüttelte den Kopf. »Ziemlich schlampige Arbeit.«

»Lag das Problem auf deren Seite oder auf unserer?« Lieutenant Commander Sharon Tanner, Taktische Offizierin der SLNS Hoplite, hatte Wache. Daher holte sie sich, noch bevor die letzte Silbe ihrer Frage verklungen war, den entsprechenden Bericht auf das Display vor ihr. »Wenn es um kinetische Projektile geht, höre ich das Wort ›schlampig‹ überhaupt nicht gerne, Chaz.«

»Ich auch nicht, Ma’am«, pflichtete Chasnikov ihr säuerlich bei. »Deswegen habe ich’s auch angesprochen.« Er schüttelte den Kopf und gab eine Abfrage in seine Konsole ein. »Kann diese Dinger ohnehin nicht ausstehen«, setzte er gerade laut genug hinzu, damit Tanner ihn hörte.

Sie ging darauf nicht weiter ein. Chasnikov war ein erfahrener und geschätzter Ressortmitarbeiter: ein Berufssoldat, der bis zum Tage seines Ablebens der SLN die Treue halten würde; jeder Taktische Offizier, unter dem Chasnikov dienen würde, könnte sich glücklich schätzen. Deswegen war Sharon Tanner auch durchaus bereit, ihm gegenüber ein wenig Nachsicht walten zu lassen.

Außerdem hat er recht, sinnierte sie verbittert. Wieder einmal dachte sie an die Aufgaben, die die Hoplite und ihr kleines Geschwader in den letzten Wochen zu erfüllen gehabt hatten. Im Vergleich dazu war die Verschwendung eines einzelnen kinetischen Projektils auf etwas, das höchstwahrscheinlich ein Geistersignal gewesen war, wirklich Kleinkram.

»Sieht so aus, als läge das Problem bei denen, Ma’am«, lautete Chasnikovs Antwort kurz darauf. »Das Projektil hat nicht die Zielkoordinaten verfehlt, sondern die präzisierten Koordinaten. Die haben uns zwar eine Korrektur geschickt, aber eben zu spät, um die Zielansprachen-Reihenfolge noch auf den neuesten Stand zu bringen.«

»Haben sie uns denn freundlicherweise wenigstens verraten, was wir dieses Mal umbringen sollten? Oder ob wir es erwischt haben?«

»Nein, Ma’am. Nur die Koordinaten. Genauso gut könnte das eines ihrer eigenen Bataillone gewesen sein. Und bislang liegt uns auch noch keine Erfolgsabschätzung vor.« Und wir werden auch keine bekommen … wie immer, halt – stand ihm ins Gesicht geschrieben, Worte waren nicht vonnöten.

»Verstehe.« Kurz rieb sich Tanner die Nasenspitze, dann zuckte sie mit den Schultern. »Nehmen Sie’s ins Protokoll auf, Chaz. Machen Sie deutlich, dass wir beim Abschuss unsere Checkliste genauestens abgearbeitet haben. Ich gebe den Bericht dann an Commander Diadoro weiter. Der Skipper und er werden denen da unten gewiss noch einmal mit Nachdruck … erläutern wollen, dass beim Einsatz kinetischer Waffen selbst kleinste Abweichungen beachtliche Konsequenzen haben können. Und sie werden gewiss auch noch einmal betonen, dass wir keine klare Zielbeschreibung erhalten haben. Wir können doch nicht immer weiter die teuren kinetischen Projektile des Steuerzahlers verschwenden, wenn wir nicht einmal wissen, worauf wir da schießen.«

Und ich hoffe, Captain Venelli nutzt diese Gelegenheit, dem Verantwortlichen eine neue Rosette zu bohren!, setzte sie lautlos hinzu. Chaz hat recht: Wir haben genug von diesem kinetischen Scheiß eingesetzt. Ich glaube nicht, dass es da unten überhaupt noch etwas gibt, was den Einsatz eines KP lohnen würde. Und mir ist alles recht, was diese blutrünstigen Kerle davon abhält, die Dinger auf irgendein armes Schwein abzufeuern, das ganz allein sein Pulsergewehr durch das Unterholz schleppt.

Seit Sharon Tanner in den Dienst der Grenzflotte getreten war, hatte so mancher Auftrag sie mit Stolz erfüllt; die aktuelle Verwendung gehörte nicht dazu.

Auf die Überreste eines Dorfes, das einst den Namen »Glen mo Chrìdhe« getragen hatte, prasselte Regen hernieder, den nur das Krachen herabstürzender Trümmer übertönte. Einige Sekunden lang stoben trotz der Nässe vereinzelt Funken auf, als Schutt in verebbende Glut stürzte. Dann wurde es wieder still. Der Krater hatte einen Durchmesser von mehreren Dutzend Metern und war tief genug, um einen ausgewachsenen Fluglaster darin verschwinden zu lassen. Auf jeden Fall war er tief genug, um den ganzen Keller zu verschlucken – den Keller, in den gerade der dreizehn Jahre alte Junge mit etwas zu essen für seine kleine Schwester hineingehuscht war.

»Die haben Tammas erwischt.« Erin MacFadzeans Stimme war tonlos; Erschöpfung und wachsende Verzweiflung hatten ihren Lebenswillen fast völlig erschöpft. Verbittert blickte sie sich im schmutzigen Keller um und schaute Megan MacLean an. »Gerade hat sich Fergus gemeldet.«

»Wo?«, fragte MacLean sofort nach, rieb sich die müden Augen und wappnete sich gegen den Schmerz neuerlichen Verlustes.

»In Rothes«, erwiderte MacFadzean. »Die VSler haben den Laster auf dem Weg nach Mackessack aufgehalten.«

»Lebt er noch?« MacLean ließ die Hände sinken und blickte ihr Gegenüber an.

»Fergus weiß es nicht. Er hat gesagt, es seien reichlich Schüsse gefallen. Klingt, als ob sich Fergus glücklich schätzen könnte, es selbst dort rausgeschafft zu haben.«

»Verstehe.«

MacLean legte die Hände auf den Tisch vor sich und betrachtete sie schweigend. Dann atmete sie tief durch. Sie schämte sich, es sich einzugestehen: Sie hoffte inständig, Tammas MacPhee wäre dem Feind nicht lebendig in die Hände gefallen. War das nicht eine schöne Art, so über jemanden zu denken, der ihr seit über dreißig Jahren ein guter Freund gewesen war?

»Schauen wir mal, ob wir Kontakt mit Tad Ogilvy aufnehmen können«, sagte sie dann. »Sagen wir ihm, Tammas sei … nicht mehr da. Damit hat Tad jetzt das Kommando über alles, was uns außerhalb der Hauptstadt noch geblieben ist.«

»Schon dabei«, bestätigte MacFadzean und verließ leise den Raum.

Nachdem sich die Tür wieder geschlossen hatte, ließ MacLean unendlich müde die Schultern hängen. Niemals hätte sie zugelassen, dass jemand sie so sähe. Natürlich konnte sie niemandem hier auch nur das Geringste vormachen. Alle anderen waren ebenso erschöpft wie sie selbst. Aber sie musste ihre Rolle bis zum bitteren Ende spielen. Lange dauert’s jetzt ja nicht mehr, dachte sie rau.

So hätte es nicht kommen sollen. Vor sieben Jahren hatte sie die Liberale Liga von Loomis gegründet: als legale Partei. Damals hatte die regierende Wohlstandspartei gerade wieder einmal ein wenig »Demokratieheucheln« gespielt. Mit der Parteigründung etwas zu bewirken, hatte MacLean gar nicht zu hoffen gewagt: Schließlich ging es hier ja um Halkirk. Trotzdem hatte sie MacMinn und MacCrimmon wissen lassen, dass es immer noch ein paar Menschen gab, die bereit waren, sich tatsächlich auf die Hinterbeine zu stellen und ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. In zwei Bezirken der Hauptstadt waren die Kandidaten der LLL dann tatsächlich gewählt worden. Insgesamt hatte man schwindelerregende 0,4 Prozent der Sitze im Parlament errungen. Damit war die LLL die stärkste aller Oppositionsparteien gewesen. Der sogenannte Sieg von MacLeans Partei war sowieso nur den Medien der inneren Welten geschuldet gewesen, die gerade große Berichte über die Holzfäller von Halkirk gebracht hatten. Den hart arbeitenden Männern und Frauen dort war es zu verdanken, dass das kostbare Holz der Silbereichen auf den Markt kam, und die Wohlstandspartei hatte sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, dabei selbst ins rechte Licht gerückt zu werden. Trotzdem: Zwei Sitze im Parlament waren immerhin zwei Sitze im Parlament.

Geholfen hatte es natürlich nichts. Keines der Mitglieder der LLL war bei der Neuwahl erfolgreich gewesen, die abgehalten wurde, kaum dass die Medienfritzen in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Bei der nächsten regulären Wahl hatte sich Präsident MacMinn dann nicht einmal mehr die Mühe gemacht, die Stimmen überhaupt auszählen zu lassen. Das war der Wendepunkt gewesen: Von da an war Megan MacLean den Argumenten von Tammas MacPhee, dem stellvertretenden Vorsitzenden der LLL, und Erin MacFadzean zugänglich gewesen. Offiziell organisierte sie die Partei nach wie vor und betrieb auch weiterhin Wahlkampf und Lobbyarbeit. Doch gleichzeitig gestattete sie MacFadzean, einen illegalen bewaffneten Zweig der Liberalen Liga aufzubauen.

Wahrscheinlich war das ein Fehler, dachte sie nun. Trotzdem hätte sie auch jetzt noch nicht sagen können, welche Alternativen es gegeben hätte. Nicht, nachdem der Vereinigte Sicherheitsdienst des Loomis-Systems unter der Leitung von Sicherheitsministerin MacQuarie von Tag zu Tag brutaler vorging. Der VS scherte sich immer weniger darum, auch nur die Illusion eines Rechtsstaats mit ordentlichen Verfahren aufrechtzuerhalten. Doch, eine Alternative hatte es natürlich schon gegeben: Sie hätte einfach aufgeben können. Aber das war nie infrage gekommen.

Und jetzt das. Nach sieben Jahren harter Arbeit, während der sie mit Herz und Seele für die Befreiung ihres Sonnensystems gekämpft hatte, kam das Ende … in Form von Tod und Verderben. Nicht einmal …

Sie blickte auf, als die Tür erneut geöffnet wurde. MacFadzean kehrte in den Raum zurück, der ihnen als Gefechtsstand diente.

»Ich habe einen Melder zu Tad geschickt«, erklärte sie und verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln. »Irgendwie habe ich das Gefühl, unter den gegebenen Umständen sollte ich lieber nicht das Com benutzen.«

»Wahrscheinlich kein schlechter Gedanke«, pflichtete ihr MacLean bei. Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. »Es war ja schon schlimm genug, als bloß die VSler die Coms abgehört haben. Wenn jetzt auch noch die verdammten Sollys mitspielen …«

Sie beendete den Satz nicht, und MacFadzean nickte. Sie verstand nur zu genau, warum MacLean mit einem Mal so harsch, ja geradezu hasserfüllt geklungen hatte. Dass im Orbit des Planeten Halkirk Sternenschiffe der Solarian League Navy standen, hatten sie Frinkelo Osborne zu verdanken. Osborne war Kommissar des Liga-Amts für Grenzsicherheit und Berater bei MacMinns Wohlstandspartei. Offiziell war er natürlich nur ein Handelsattaché der solarischen Gesandtschaft in Elgin, der Hauptstadt des Loomis-Systems. Das war eine ganz wunderbare Tarnung für Mitarbeiter des OFS, deren eigentliche Aufgabe es war, unabhängigen Sonnensystemen im Rand »Ratschläge« zu geben oder »zur Hand zu gehen« – immer dann, wenn deren transstellaren Herren und Meister der Ansicht waren, ein wenig Hilfe von außen sei dringend ratsam. Und wenn ein »Attaché« dann Unterstützung durch die SLN benötigte, konnte er sich meistens darauf verlassen, sie auch zu erhalten.

Mit MacCrimmon und MacQuarie allein wären wir vielleicht noch fertig geworden, dachte MacFadzean verbittert. Klar, das hätten wir. Noch ein paar Monate länger, noch ein paar mehr Lieferungen vom Partisanen und seinen Leuten, und wir hätten eine reelle Chance gehabt, die WPL geradewegs in die Hölle zu schicken. Ach verdammt, ohne die verfluchten Sollys könnten wir es sogar jetzt noch schaffen! Aber was um Himmels willen sollen Kämpfer mit Pulsern und Granatwerfern gegen Bombardierungen aus dem Orbit ausrichten? Wenn ich den Partisan doch nur hätte informieren können …!

Hatte sie aber nicht. Eigentlich hätten sie frühestens in vier Monaten losschlagen wollen. Bis dahin wäre der Partisan dann wieder in Loomis gewesen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen – Vorbereitungen, über die sie nicht einmal mit MacLean gesprochen hatte. Aber als es dann so unvermittelt losgegangen war, hatte sie dem Partisan keine Nachricht mehr zukommen lassen können.

Erneut blickte sie sich im Raum um und fragte sich, ob sie MacLean von den Vereinbarungen mit dem Partisan hätte berichten sollen. Darüber nachgedacht hatte sie mehr als einmal. Doch Geheimhaltung und Sicherheit standen hier nun einmal an erster Stelle. Außerdem war MacLean tief im Herzen nun einmal keine Revolutionärin: Ihr ging es lediglich um Reformen. Niemals hatte und hätte sie sich dem bewaffneten Widerstand mit der gleichen uneingeschränkten Überzeugung verschrieben wie MacFadzean. Und die Vorstellung, derart von jemandem abhängig zu sein, der nicht aus dem Heimatsystem stammte, und Einsatzpläne zu erstellen, die ganz und gar von der bewaffneten Unterstützung einer fremden Sternnation abhingen, hätte MacFadzean der Politikerin wohl auch nur sehr schwer schmackhaft machen können.

Sei doch ehrlich, Erin: Du hattest Angst, sie könnte dich anweisen, den Kontakt abzubrechen, nicht wahr? Du hattest Angst, sie könnte dir erklären, es sei einfach zu riskant, derart auf jemanden zu bauen, der nicht von hier ist. Dass jene Fremden gewiss eigene Pläne verfolgten – Pläne, in denen unsere Interessen nicht berücksichtigt wären. Du hast dir selbst eingeredet, sie würde sich vielleicht umstimmen lassen, wenn du ihr einen in sich schlüssigen Plan vorlegst, in dem alle Eventualitäten berücksichtigt wären. Aber eigentlich hast du doch von Anfang an gewusst, dass sie das alles ablehnen würde. Und ohne ihre Zustimmung alles auf die Karte »Partisan« zu setzen, warst du dann auch nicht gewillt, oder? Na ja, vielleicht hätte sie ja auch recht gehabt … aber so, wie es jetzt gekommen ist, hätte es wohl auch keinen Unterschied mehr gemacht.

Sie schaute zu der im Schatten liegenden Decke des Gefechtsstands empor. Ihr Blick verfinsterte sich vor Hass auf all die Sternenschiffe, die Tod und Verderben auf ihre Heimatwelt herabregnen ließen. Von ganzem Herzen wünschte sie sich, sie hätte dem Partisan doch eine Nachricht zukommen lassen.

Kapitel 2

»Dieser ganze Mist hier, wie lange soll das noch gehen, was meinen Sie?«, erkundigte sich Captain Francine Venelli heiser. »Meine Leute und ich haben nämlich wirklich Besseres zu tun, als im Orbit herumzusitzen und ein paar hinterwäldlerische Bauerntrampel umzubringen. Uns passt diese ganze Verwendung nicht!« Sie bedachte den gepflegt gekleideten Zivilisten, der ihr am Konferenztisch gegenübersaß, mit einem finsteren Blick. »Und zwar überhaupt nicht. Es gibt im Augenblick wirklich genug andere Krisenherde, um die man sich deutlich dringender kümmern müsste.«

»Ich weiß auch nicht, wie lange es noch dauern wird, Captain«, erwiderte Frinkelo Osborne so ruhig und beschwichtigend wie möglich. »So gern ich es wüsste. Und da wir gerade so offen miteinander sprechen: Mir wäre es auch deutlich lieber, wenn man Sie nicht für diese Verwendung hätte abstellen müssen.« Er schüttelte den Kopf und blickte dabei tatsächlich noch angewiderter drein als Venelli. »Was hier läuft … also wirklich … als ob man zum Aufklopfen des Frühstückseis einen Vorschlaghammer benutzt … oder ein Kleinkind mit einer Holzfälleraxt verprügelt!«

Venelli kniff die bemerkenswert blauen Augen zusammen und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Während ihrer Laufbahn bei der solarischen Navy hatte sie mit dem Liga-Amt für Grenzsicherheit öfter zu tun gehabt, als sie zählen konnte – auf jeden Fall deutlich öfter, als ihr lieb gewesen war. Die Mitarbeiter dieses Amtes neigten nun einmal dazu, Eierschalen mit dem Vorschlaghammer aufzuklopfen – und sei es auch nur, um damit für alle Hühner in der Nähe ein Exempel zu statuieren. Natürlich war Osborne nur einfacher Berater der regierenden Wohlstandspartei von Loomis und deren Präsidentin Ailsa MacMinn. Noch war er kein ausgewachsener System- oder gar Sektorenkommissar. Also war er vielleicht immer noch unbedarft genug, um zu glauben, manche Dinge im Universum könnten tatsächlich wichtiger sein als sein persönlicher Kontostand.

Oder er ist schlau genug zu begreifen, was kinetische Waffen denen antun, die der Grund für seinen derzeitigen Kontostand sind, rief Venelli sich ins Gedächtnis zurück. Wie viele Hektar guten Silbereichenwaldes haben wir mittlerweile wohl schon abgefackelt?

Es gelang ihr, nicht gequält dreinzublicken. Statt diesem Gedanken nachzuhängen, widmete sie sich erneut den Außenaufnahmen, die in Echtzeit auf die smarte Wand des Besprechungsraums übertragen wurden.

Ihr rasch und nur für diese Mission zusammengezogenes Geschwader bestand aus dem Schlachtkreuzer Hoplite, dem Leichten Kreuzer Yenta MacIlvenna und den Zerstörern Abatis und Lunette. Nach dem Eintreffen des Hilfegesuchs aus dem Loomis-System war für mehr keine Zeit geblieben. Momentan befanden sich die Schiffe unter Venellis Oberkommando im Orbit des Planeten Halkirk, dem besiedelten Zentralplaneten im Loomis-System. Die Aufnahmen auf der smarten Wand waren wirklich atemberaubend. Unter anderen, besseren Umständen hätte Captain Venelli einen Abstecher hierher zweifellos genossen. Schließlich interessierte sie sich schon seit Jahren für planetarische Anomalien. Anders als bei der überwiegenden Mehrheit aller bislang erforschten Sonnensysteme gab es in der habitablen Zone des G7-Sterns nicht nur einen, sondern gleich zwei Planeten. Sich in dieser Zone zu befinden, hieß für Halkirk und seinen Schwesterplaneten Thurso, dass Wasser bei moderaten Drücken über einen längeren Zeitraum hinweg flüssig blieb. So umkreisten die beiden, während sie gemeinsam in einem Abstand von sieben Lichtminuten ihre Bahn um den Hauptstern zogen, dieses ihr gemeinsames Massezentrum. Doch auch wenn sie Schwesterplaneten waren, konnte man schwerlich von Zwillingen sprechen.

Halkirk war ein Planet, auf dem Grün- und Brauntöne vorherrschten – vor allem Brauntöne. Blau hingegen gab es weniger, als Venelli gewohnt war: Sechzig Prozent der Planetenoberfläche bestand aus trockenem Festland (was das Landesinnere anging: äußerst trocken sogar). Das galt vor allem für die Kontinente Hoy und Westray, die gemeinsam mehr als siebzig Prozent der Landmasse von Halkirk ausmachten. Venelli verstand sofort, warum die WPL ihre Umerziehungslager in Westray eingerichtet hatte. Nur die beiden kleineren, sehr bergigen Kontinente Stroma und Stronsay wirkten anheimelnd. Mit Einschränkungen allerdings: Dort war es aufgrund der Meeresströmungen und der daraus resultierenden Wind- und Wetterverhältnisse fast schon ein wenig zu feucht. »Klein« war hierbei relativ: Auf anderen Planeten als Halkirk hätten diese Kontinente immer noch als riesig gegolten.

Thurso hingegen bot ein ganz anderes Bild. Diese Welt war ein herrlich funkelnder Saphir im All. Mehr als neunzig Prozent der Planetenoberfläche war von Wasser bedeckt; ausgedehnte Archipele – das einzige »Festland« – mussten immer wieder Flutwellen trotzen, die Venelli eher an Tsunamis erinnerten als an das, was auf den meisten anderen Planeten als Gezeiten bezeichnet wurde. Eigentlich keine Überraschung, dachte sie. Schließlich war Thursos Mond drei Prozent schwerer als Alterde. Auch ansonsten war das Wetter auf Thurso höchst … interessant. Deswegen verwunderte auch nicht, dass der Planet im Vergleich zu Halkirk dünn besiedelt war. Aber die gewaltigen Fischereibetriebe auf Thurso belieferten Feinschmecker auf den inneren Welten mit erstklassigen Meeresfrüchten – im Tonnenmaßstab und zu außergewöhnlich ansprechenden Preisen. Dieser blühende Geschäftszweig allein hätte gewiss noch nicht ausgereicht, die Aufmerksamkeit von Star Enterprise Initiatives Unlimited auf sich zu ziehen. Dadurch jedoch wurde das System selbst ohne Halkirk für Handelsbeziehungen durchaus interessant. Die Rohstoffgewinnung auf diversen Asteroiden und die Gasförderung auf den drei Gasriesen des Systems dagegen besaßen zumindest das Potenzial, die Betriebskosten der SEIU zu decken. Das eigentlich lukrative Geschäft aber, der wahre Schatz des Loomis-Systems, waren die Silbereichenhaine.

Francine Venelli war eine langgediente Raumfahrerin. Sie war gewohnt, in sehr beengten Räumlichkeiten an Bord von Schiffen oder Orbitalhabitaten untergebracht zu sein. Sie dachte nicht in den typischen Begrifflichkeiten, die eine Rolle spielten, wenn es um Wohnraum auf einem Planeten ging – geschweige denn um die riesigen, ausgedehnten Domizile, die wohlhabende Planetenhocker anscheinend für unverzichtbar hielten. Außerdem verstand sie nicht, warum manche dieser Leute derart auf »natürliche« Materialien fixiert waren. Haltbarkeit, Brauchbarkeit und das äußere Erscheinungsbild an sich erschienen ihr viel wichtiger als die Frage, woher das Material denn nun stammte. Zudem war Holz für Sternenschiffe ein ziemlich jämmerlich zu verbauender Werkstoff.

Trotzdem hatte selbst sie die Schönheit von Halkirk-Silbereichenholz überwältigt. Die feine Maserung, atemberaubend schön, die herrlichen Farben – all das kam ihr wie eine Holoskulptur vor, bewusst darauf ausgelegt, die Sinne zugleich zu beruhigen und zu umschmeicheln. Die Textur hatte wirklich etwas Besonderes: In dem dunklen, fast schon kirschroten Holz war hin und wieder ein Schimmern zu erkennen, fast als läge tief in ihm verborgen echtes Silber. Es war das optische Gegenstück zu in Bildern gefassten Sinneseindrücken, die das Holz im Betrachter hervorrief, als ob in weiter Ferne kaum hörbar harmonische Holzblasinstrumente spielten – oder als ob man eine sanfte, entspannende Massage bekäme. Eine Frau in einem mit diesem Holz getäfelten Raum konnte mit Leichtigkeit vergessen, warum sie stinksauer auf die Regierung des Loomis-Systems war. Es überraschte Venelli nicht, dass auf den inneren Welten für dieses Holz astronomische Preise gezahlt wurden – von Bildhauern ebenso wie von Möbeldesignern und Innenausstattern.

Fischerei und Holzhandel hätten ausreichen müssen, um der Bevölkerung des Systems einen angenehm hohen Lebensstandard zu garantieren … nur gab es da ein kleines Problem: Die Bevölkerung des Systems hatte keinerlei Zugriff auf dessen Ressourcen. Genauer gesagt: nicht mehr. Seit fünfundvierzig T-Jahren verlief der gesamte Handel ausschließlich über die Star Enterprise Initiatives Unlimited. Ihren Hauptsitz hatte diese Firma im Lucastra-System, nur siebzig Lichtjahre von Sol entfernt. Die SEIU hatte sich von der WPL einen Pachtvertrag mit der üblichen Laufzeit von einhundert Jahren zusichern lassen. Mit dieser Art verwirrender politisch-ökonomischer Interessengeflechte waren Venelli und die ganze Grenzflotte mittlerweile nur allzu vertraut. Und genau das, nichts anderes, war der Grund, warum Venelli und ihre Schiffe sich hier und jetzt im Orbit von Halkirk aufhielten.

Captain Venelli hob den Blick, fixierte Osborne und schürzte die Lippen. »Wie zum Teufel konnte das alles nur derart aus dem Ruder laufen?«

Überrascht stellte sie fest, dass sie laut ausgesprochen hatte, was sie eigentlich taktvoll hatte umschreiben wollen. Doch Osbornes angewiderter Gesichtsausdruck war keine Reaktion auf die Unverblümtheit der Kommandantin der SLNS Hoplite.

»Ganz einfach«, erklärte er. »Dafür brauchte nur jemand wie Zagorski das Sagen zu haben.«

»Ich dachte, wir wären auf Bitte von Präsidentin MacMinn und Ministerin MacQuarie hier«, versetzte Venelli süffisant.

»Präsidentin MacMinn ist inzwischen, nennen wir es: weggetreten. Ich für meinen Teil frage mich ernstlich, ob sie sich morgens die Schuhe noch allein anziehen kann.« Osborne troff nur so vor Sarkasmus. »Bei der WPL trifft mittlerweile MacCrimmon sämtliche Entscheidungen. Wenn es nach ihm ginge, würde er MacMinn wahrscheinlich in ein hübsches, gemütliches Altenheim abschieben – oder noch besser: auf einen hübschen, gemütlichen Friedhof. Aber sie ist nun einmal immer noch die allseits umjubelte Parteivorsitzende. Das ist eines der kleinen Probleme, die sich nun einmal nicht vermeiden lassen, wenn Politiker ganz auf den Personenkult setzen.«

Venelli nickte. Ailsa MacMinn und ihr Mann hatten gemeinsam die Wohlstandspartei angeführt, als die Partei seinerzeit nach einem sehr blutigen Putsch die Macht an sich gerissen hatte. Doch Keith MacMinn war seit mehr als zwanzig T-Jahren tot, und Ailsa hatte die siebzig weit überschritten – ohne die Segnungen von Prolong genießen zu können. Vizepräsident Tyler MacCrimmon war nicht einmal halb so alt wie sie. Auch wenn mittlerweile allgemein anerkannt war, dass er eines Tages ihre Nachfolge antreten würde, war doch immer noch Ailsa MacMinn das Gesicht der Partei. MacCrimmon mochte ja die graue Eminenz des Loomis-Systems sein. Dennoch war er auf die Parteivorsitzende angewiesen: Sie allein verlieh seinen Entscheidungen Gültigkeit.

Ebenso brauchte er Senga MacQuarie und deren Vereinigten Sicherheitsdienst, um das ganze Kartenhaus namens Wohlstandspartei vor dem Einsturz zu bewahren. MacCrimmon konnte sich glücklich schätzen, dass MacQuarie erst vor Kurzem ins Kabinett gekommen war: Ihr Vorgänger und Mentor, Lachlan MacHendrie, hatte zu MacMinns »alten Freunden« gehört, bis er kürzlich aufgrund nicht näher spezifizierter »gesundheitlicher Probleme« verschieden war. Allein schon deswegen war MacQuarie mindestens ebenso so sehr von MacCrimmon abhängig, wie das umgekehrt der Fall war.

»Ein Teil des Problems ist«, fuhr Osborne fort, »dass die WPL nach der Revolution nicht anständig mit den ganzen MacRorys aufgeräumt hat. Den Fehler haben eindeutig die MacMinns zu verantworten. Aber verdenken kann man es ihnen natürlich nicht.« Erneut verzog er das Gesicht. »Tavis III. hat es sicher nur gut gemeint, aber ein wirklich starker König ist er nie gewesen. Den meisten schien es nicht allzu viel ausgemacht zu haben, dass er ›freiwillig‹ zugunsten der Partei abgedankt hat. Wahrscheinlich wollten Keith und Ailsa das Risiko vermeiden, das Volk könnte posthum Mitleid mit dem Hause MacRory bekommen, wenn sie ihn aus dem Weg räumten. Nun, soweit ich das beurteilen kann, ist er tatsächlich kurz nach der Revolution eines natürlichen Todes gestorben. Aber sie haben sich eben nicht auch gleich um den Rest seiner Familie ›gekümmert‹ – vermutlich, weil der MacRory-Clan so viele Verwandte überall im System hat. Klar, sie haben sämtlichen Clanmitgliedern untersagt, in die Politik zu gehen, und sie haben sie auch immer gut im Auge behalten. Aber sie haben sie eben nicht aggressiv verfolgt oder ihnen ›nahegelegt‹, die Heimat zu verlassen. Solange alles mehr oder minder vernünftig lief, war das ziemlich egal. Aber nachdem die SEIU mitmischt und Druck auf die Einheimischen ausübt, erinnern sich plötzlich nur allzu viele an die gute alte Zeit und ›den guten König Tavis‹. Sicher, zu dem Zeitpunkt war er schon lange tot und konnte damit für die Partei keine Gefahr mehr sein … aber seinen Sohn gab es eben immer noch.«

»Und der sucht seitdem insgeheim Mittel und Wege, selbst an die Macht zu kommen, richtig?«

»Nein.« Osborne schüttelte den Kopf. »Zumindest habe ich dafür keinerlei Indizien gefunden. Damals hat es sogar eine ganze Menge Leute gegeben, die genau das gern gesehen hätten. Aber mir scheint der Sohn Seiner Majestät schlau genug gewesen zu sein, um zu begreifen, dass er mit offenen Reformen und dergleichen nicht das Geringste ausrichten könnte. Es würde nur eine entsetzliche Anzahl Opfer fordern, falls er sich zu einem etwas … energischeren Vorgehen entschließen sollte. Bedauerlicherweise hat auch das MacQuaries Vorgänger vor fünfzehn Jahren nicht davon abgehalten, für ihn einen tödlichen ›Verkehrsunfall‹ zu arrangieren. Bei diesem ›Unfall‹ ist dann auch gleich noch MacRorys älterer Sohn ums Leben gekommen. Pech, dass ihnen der jüngere Sohn, Mánas, durch die Lappen gegangen ist. Aber auch hier gab es gleich wieder eine gute Nachricht: Mánas war kein Idiot. Er hat sofort verstanden, was seinem Vater und seinem Bruder widerfahren war. Deswegen hat er sich von der Politik ferngehalten, solange er konnte. Und so hat das dann auch gut funktioniert … bis die SEIU Zagorski zum Systemmanager befördert hat.«

Erneut verzog Osborne das Gesicht, und Venelli ertappte sich dabei, es ihm gleichzutun. An sich hatte sie wenig Mitgefühl für die Handlanger und Speichellecker der Grenzsicherheit. Doch in diesem Fall war ihr kurz nach ihrem Eintreffen im Loomis-System das zweifelhafte Vergnügen zuteil geworden, Nyatui Zagorski persönlich kennenzulernen. Kein Genuss, wirklich nicht.

»Was hat der Kerl denn eigentlich für ein Problem?«, fragte sie.

»Enttäuschte Eitelkeit«, erwiderte Osborne. »Er hat sich vom Leben mehr erhofft als einen Trostpreis.«

»Für mich klingt das aber nach einem ziemlich angenehmen Deal für ihn«, meinte Venelli und deutete mit einer Hand auf die beiden Planeten an der smarten Wand. »Natürlich bin ich bloß Raumoffizierin mit beschränktem Horizont, kein Macher, der vor Tatendrang strotzt.«

Angesichts ihres ironischen Tons zuckte es augenfällig um Osbornes Mund. Doch er schüttelte den Kopf.

»Das ist sogar Teil des Problems: Ganz genauso sieht er sich. Er leidet darunter, dass man ihm nicht die richtige Bühne geboten hat, um seine gewaltigen Talente angemessen zur Schau zu stellen. Pech für ihn, dass die SEIU nicht zu den großen transstellaren Konzernen gehört. Sie spielt bestenfalls im Mittelfeld, und auch wenn es im Loomis-System wirklich einiges zu holen gibt – eine Goldgrube ist das hier nicht. Und was noch schlimmer ist: Vorher war Zagorski zehn Jahre lang stellvertretender Systemmanager von Delvecchio, dem Filetstück der SEIU. Ganz bestimmt hat er darauf gebaut, zum dortigen Systemmanager aufzusteigen, als sein damaliger Boss in die Zentrale zurückbeordert wurde. Damit wäre er der ganz dicke Fisch im Teich gewesen. Aber dann ging der Delvecchio-Posten an jemanden, dessen Familie bessere Beziehungen hatte, und Zagorski bekam als Trostpreis Loomis. Jetzt ist er ziemlich sauer und hat auf den Schnelles-Geld-Modus umgeschaltet: Er will aus Loomis schnellstmöglich das Maximum herausquetschen. Zum einen geht es ihm natürlich darum, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Aber darüber hinaus erhofft er sich meines Erachtens, auf einen noch lukrativeren Posten aufzusteigen – sobald unter seiner Ägide die Einnahmen der Firma steigen.«

»Na prächtig!« Venelli schnaubte. »Wenn ich jedes Mal nur einen einzigen Credit dafür bekäme, wenn eines dieser Arschlöcher hier draußen im Rand so richtig Scheiße baut, bloß um in der Firmenzentrale gut dazustehen, könnte ich mich zur Ruhe setzen und mir die Hoplite als Privatjacht leisten.«

»Bestimmt sogar«, pflichtete ihr Osborne bei. »Zagorski jedenfalls beschloss, die Ausfuhrmengen von Silbereiche drastisch zu steigern – um genau zu sein, sie zu verdoppeln. Und dann hat er noch eine Steigerung obendrauf gelegt. Auf Halkirk gibt es zwar wirklich eine ganze Menge Nutzholz, aber das hat durchaus seine Grenzen. Die Halkirkianer wissen das, Zagorski ist das egal. Er betreibt Kahlschlag bei dem wichtigsten Rohstoff des Planeten, und das schmeckt der Bevölkerung nicht. Zagorski aber denkt nicht länger als zwei Jahrzehnte voraus. So lange sind selbst beim momentanen Abholzungstempo genug Silbereichen da, damit er im Geschäft bleiben kann. Länger zu bleiben, hat er sowieso nicht vor.«

Osbornes angewiderte Miene spiegelte genau wider, was Venelli dachte. Die Art von Haurucktaktik, die Zagorski auf Halkirk anwandte, war im Rand nur allzu üblich – und der Grund für mindestens die Hälfte aller Probleme der Solarian League Navy.

»Als die neuen Abholzungsvorgaben bekannt wurden, hatten selbst viele derjenigen, die meist eher darauf aus sind, schön unauffällig zu bleiben und bloß nicht die Aufmerksamkeit des VSD zu erregen, plötzlich den ›guten‹ König Tavis gar nicht mehr so negativ in Erinnerung«, fuhr Osborne fort. »Mánas MacRory mag nie politische Ambitionen gehabt haben, aber seinem Neffen Raghnall, Sohn seines älteren Bruders, war klar, dass ihm MacCrimmon und MacQuarie das unter diesen Umständen nicht mehr abnehmen würden. Deswegen hat er klammheimlich die MacRory-Miliz gegründet – selbst Mánas hat nichts davon gewusst. Soweit ich das beurteilen kann, diente die Miliz ursprünglich nur dem Selbstschutz. Meines Erachtens wollte er einfach verhindern, dass sein Onkel das Schicksal seines Vaters und Großvaters teilt, MacQuarie MacHendrie nacheifert und den potenziellen politischen Nebenbuhler ausschalten lässt.

So richtig unzufrieden wurde das Volk dann vor etwa zwei Jahren. Seitdem wittert MacQuarie unter jedem Bett in Elgin Verschwörer. Sicher hat sie die Lage bewusst übertrieben dargestellt, damit dem VSD zusätzliche Gelder bewilligt würden. Aber das bedeutet ja nicht, dass sie sich ganz und gar täuscht. Auch meine Quellen …«, es klang ganz, als spreche er es nicht gern aus, »… lassen vermuten, dass es auf Halkirk jemanden gibt, der den Widerstand gerade organisiert und dafür systemauswärtige Kontakte zur Beschaffung von Handfeuerwaffen und schwerem Gerät geknüpft hat, und zwar von hochmodernem Gerät. Bislang habe ich den Kopf dahinter nicht zu identifizieren gewusst. Auf jeden Fall ist das nicht auf MacRorys Mist gewachsen, so viel weiß ich immerhin. Mittlerweile sind drei oder sogar vier verschiedene Gruppierungen aufgetaucht, die alle in der einen oder anderen Form zu den Aktivisten von MacLeans Liberaler Liga von Loomis gehören. Aber das ist erst später passiert, nachdem MacQuarie begriffen hatte, dass sich der Widerstand auch militärisch formiert. Für die Sicherheitsministerin gilt es selbstverständlich, derartige Bestrebungen bereits im Keim zu ersticken. Bedauerlicherweise schlussfolgerte sie sofort, dahinter könne niemand anders stecken als die MacRorys. Also hat sie versucht, Mánas in ›Schutzhaft‹ zu nehmen. Seitdem ist, wie man so schön sagt, die Kacke am Dampfen, Captain Venelli – und deswegen habe ich darum gebeten, dass man uns jemanden wie Sie zur Seite stellt.«

»Einen kleineren Vorschlaghammer haben Sie nicht finden können?«, versetzte Venelli beißend. Der Mann von der Grenzsicherheit zuckte mit den Schultern.

»Ich wollte ja keinen Vorschlaghammer, Zagorski aber hat mir keine Wahl gelassen. Er wollte Ergebnisse sehen – und zwar rasch. Er hat genug Einfluss auf höhergestellte Persönlichkeiten, um auch zu bekommen, was er will.«

»Was mich hier am meisten stört, ist, wie verflucht dämlich das alles ist!«, ereiferte sich Venelli. »Andererseits sollte ich derartige Dämlichkeit mittlerweile gewohnt sein.«

»Sie findet sich zumindest häufig genug, ja«, stimmte Osborne ihr zu. »Spektakulärer vorgeführt habe ich derartige Dämlichkeit in letzter Zeit allerdings nirgendwo sonst gesehen.«

Er schüttelte den Kopf, und Venelli begriff, dass in seinem Blick mehr zu lesen stand als nur Abscheu. Zorn fand sich dort … und sogar Bedauern.

»Ich war im Laufe der Jahre an so mancher unschönen Sache beteiligt, Captain – bei manchen hatte ich sogar die Leitung inne«, erklärte Osborne. »Das gehört nun einmal dazu, und ich muss zugeben, dass die Bezahlung wirklich anständig ist. Aber manchmal … manchmal ist ›anständig‹ einfach nicht genug. Hier zum Beispiel.«

Innis MacLay lag auf dem Bauch und spähte vorsichtig aus dem Fenster im sechzehnten Stock – für Halkirk-Verhältnisse also ein echtes Hochhaus. Dabei war es im Vergleich zu den schimmernden Betokeramiktürmen der SEIU im Herzen der Stadt geradezu zwergenhaft. Zwei besagter Türme waren längst nicht mehr so prächtig und makellos wie früher: Mehrere Raketeneinschläge hatten dunkle Narben hinterlassen, und die Brände, denen ganze Stockwerke zum Opfer gefallen waren, hatten die Gebäude völlig verrußt. Als MacLay daran zurückdachte, wie die Explosionen an den Gebäuden auf und ab gewandert waren, stahl sich ein zufriedenes Grinsen auf sein Gesicht. Da hatte er noch geglaubt, die Aktivisten hätten eine echte Chance.

Mittlerweile war er eines Besseren belehrt. Während der ersten Wochen hatten sie die verdammten VSler noch ordentlich herumgescheucht, und fast ein Drittel der kleineren Städte und Dörfer hatten sich auf die Seite der LLL-Aktivisten gestellt oder zumindest offen ihre Neutralität verkündet. Doch dann hatten sie erfahren, dass das verfluchte LigaAmt für Grenzsicherheit die Navy der Sollys zu Hilfe gerufen hatte.

MacLays Blick verfinsterte sich, als er an die ersten kinetischen Bombardements dachte. MacCrimmon und MacQuarie schienen nicht im Mindesten daran interessiert, Gefangene zu machen. Vielleicht scheuten sie ja die Kosten für die Erweiterungen der Umerziehungslager in Westray. Womöglich waren sie auch einfach so verängstigt gewesen, dass sie blindwütig um sich geschlagen hatten. Aber eventuell waren sie auch nur derart blutrünstig, dass sie beschlossen hatten, die Opposition gleich, soweit möglich, auszurotten. MacLay war sich sicher: Er selbst würde nie herausfinden, was denn nun die wahren Beweggründe der Regierung waren … aber eigentlich war das egal. Es hatte keine Vorwarnung gegeben, keine Aufforderung zu kapitulieren. Niemand hatte gedroht, man werde notfalls aus dem Orbit bombardieren … nichts. Plötzlich waren einfach jene weißen Streifen am Himmel von Halkirk erschienen, und es hatte Feuer und Schwefel gehagelt. Seitdem war die Planetenoberfläche pockennarbig.

Genau das hatte dem Widerstand das Genick gebrochen. Bei der ersten Bombardierungswelle waren mehr als ein Dutzend Dörfer zerstört worden – und die Stadt Conerock. Deren Stadtrat war als Erster zur Liberalen Liga übergelaufen, nachdem die LLL-Aktivisten die örtlichen VSD-Stationen und den Flughafen besetzt hatten. Niemand wusste genau, wie viele Todesopfer die Bombardierung gefordert hatte. Aber allein Conerock hatte mehr als fünfundachtzigtausend Einwohner gehabt … und allzu viele Überlebende gab es nicht.

Und jetzt haben wir nur noch das hier, dachte er verbittert. Kapitulieren konnten sie nicht: nicht die Aktivisten, und schon gar nicht die Leute, die zum harten Kern gehörten – so wie Innis MacLay. In den Umerziehungslagern würden Leute wie er ohnehin nicht lange durchhalten … falls sie überhaupt lange genug lebten, um dort anzukommen. Außerdem gönnte er diese Genugtuung weder MacQuarie noch General Boyle – auf gar keinen Fall! MacLays Frau und Kinder waren in Conerock gewesen. Sollte der Feind doch kommen und ihn aus seinem Unterschlupf herauszerren! Innis MacLay würde bis zum letzten Atemzug kämpfen – mit Klauen und Zähnen, wenn nötig. Und wenn es schließlich so weit wäre, würde er erhobenen Hauptes durch die Pforten der Hölle schreiten und dabei auf den Seelen all der VSler herumtrampeln, die er vorausgeschickt hatte.

Gewiss, viel war das nicht, worauf er sich freute. Aber er war bereit, sich mit dem zufriedenzugeben, was ihm eben beschieden war, und …

Er erstarrte und kniff konzentriert die Augen zusammen. Dann verkrampften sich seine Kiefermuskeln, und er streckte die Hand nach dem altmodischen Telefonhörer aus. Die Tonqualität war erbärmlich, aber dafür war diese Technik viel sicherer als sämtliche handelsüblichen Coms: Nicht einmal Solly-Sensoren konnten ein gutes, altes Telefon orten und identifizieren. Dafür war das Grundrauschen des Stromnetzes der Stadt einfach zu stark.

»Ja?«, meldete sich eine Stimme am anderen Ende.

»MacLay hier, ganz oben«, sagte er angespannt. »Sie kommen. Ich sehe mindestens ein Dutzend Panzer und doppelt so viele Schützenpanzer. Die kommen über Brownhill und halten auf Castlegreen zu.« Er stockte. »Ich glaube, die haben rausgefunden, wo wir stecken.«

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille. Sie schien sich ewig in die Länge zu ziehen, Stunden zu dauern.

Dann: »Verstanden, Innis. Wahrscheinlich werden Sie in ein oder zwei Minuten ein paar Lenkwaffenschützen da oben sehen.«

»Ich halte die Stellung«, erwiderte MacLay und legte auf.

Er zog sich von seinem Beobachtungsposten bis zu den Türen des kleinen Balkons zurück, die in das Apartment führten. Von unten aus waren die Sandsäcke, die man zum Schutz dort aufgestapelt hatte, nicht zu sehen … und das Gleiche galt auch für den schweren Drillingspulser auf seiner Lafette, der dahinter darauf aufgebaut war. Das Schussfeld war alles andere als ideal. MacLay gab sich daher keinerlei Illusionen hin, was die VSler mit ihrem schweren Geschütz seinem improvisierten Gefechtsstand antun würden, sobald sie ihn geortet hätten. Aber man konnte nun einmal nicht alles haben: MacLay ging davon aus, dass er noch wenigstens ein Dutzend von ihnen in den Tod schicken würde, um seine Familie zu rächen.

»Du musst los, Megan«, sagte MacFadzean tonlos, kaum dass sie den Hörer aufgelegt hatte. »Die kommen genau auf uns zu, und wir haben nicht den Hauch einer Chance, sie aufzuhalten.«

»Und wo soll ich hingehen, Erin?« MacLeans Frage klang beinahe schon belustigt. »Soll ich mich in einem der Holzfällerlager verstecken? Soll ich zulassen, dass sich andere Menschen in Gefahr bringen, indem sie mir helfen?« Sie schüttelte den Kopf und griff nach dem Pulsergewehr in der Ecke hinter ihr. »Bestimmt nicht!«

»Stell dich nicht dumm!« Nun klang MacFadzean deutlich schärfer; finster blickte sie ihr Gegenüber an. »Du bist die Vorsitzende der Liberalen Liga – die Einzige, die für uns sprechen kann. Sieh zu, dass du hier wegkommst, halt dich eine Zeit lang bedeckt, und dann such Mittel und Wege, irgendwie diese Welt zu verlassen!«

»Und was soll ich dann tun?«, setzte MacLean nach. »Wir sind erledigt, Erin. Wir haben verloren, und dem ganzen Rest der Galaxis ist es völlig egal, was hier auf Halkirk passiert.«

»Das stimmt nicht«, widersprach MacFadzean. Ungläubig starrte MacLean sie an, und Erin schüttelte den Kopf. »Ich … ich habe dir nicht alles erzählt«, erklärte sie nach kurzem Schweigen und wandte den Blick ab. Sie schaffte es nicht, ihrer Freundin in die Augen zu sehen. »Unser Waffenlieferant … der hat uns mehr als nur Gewehre angeboten.«

»Was redest du denn da?« MacLean kniff die Augen zusammen.

»Er hat mir gesagt, er könnte uns auch eine Flotte organisieren.« Nun suchte MacFadzean doch noch den Blick der Freundin. »Er hat gesagt, wenn wir so weit sind, bräuchte ich ihm nur Bescheid zu sagen. Dann wird er dafür sorgen, dass wir diejenigen sind, deren Kampfschiffe sich im Orbit befinden.«

»Das ist doch völlig verrückt! Wie will er das denn hinbekommen? Und warum hast du mir nichts davon erzählt?«

»Du hättest ihm ohnehin nicht getraut – deswegen«, antwortete MacFadzean tonlos. »Und vielleicht hättest du damit sogar recht. Wahrscheinlich wollen seine Freunde und er uns nur unterstützen, weil das ihren eigenen Plänen dient. Aber er hat behauptet, er sei gar kein freischaffender Waffenhändler; das sei nur Tarnung. In Wirklichkeit handle er im Auftrag seiner Regierung, und seine Königin sei bereit, uns gegebenenfalls sogar offen zu unterstützen – falls wir einen handlungsfähigen Widerstand organisiert bekämen. Ich habe ihm geglaubt. Ach verdammt, ich wollte ihm auch unbedingt glauben! Aber wenn du es von hier wegschaffst und mit ihm Kontakt aufnehmen kannst, dann vielleicht …«

Sie beendete den Satz nicht. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie schüttelte heftig den Kopf.

»Verdammt noch mal, Megan, du bist der einzige Trumpf, den wir noch ausspielen können! Du bist unsere Vorsitzende. Wenn überhaupt jemand für uns sprechen kann, dann du! Zumindest kannst du dafür sorgen, dass jemand unsere Sicht der Dinge erfährt. Lass nicht zu, dass diese Dreckskerle Conerock und all die anderen Schweinereien unter den Teppich kehren und uns gleich mit. Sie dürfen nicht zum Alltagsgeschäft übergehen, als ob nichts passiert wäre!«

Einen Moment lang starrte MacLean sie nur an. Der letzte Satz hatte so verzweifelt geklungen, dass sie zutiefst erschüttert war.

»Aber ich weiß doch gar nicht, wie ich den Kontakt zu diesem Mann herstellen kann«, sagte sie schließlich. In der Ferne dröhnte eine Explosion; durch die zahlreichen Wände im Inneren des Wohngebäudes klang sie ein wenig gedämpft, aber doch bedrohlich laut. »Vorausgesetzt natürlich, ich schaffe es noch hier raus.«

»Hier.« MacFadzean warf ihr einen Datenchip zu. »Darauf sind alle Kontaktinformationen gespeichert.« Sie grinste ein wenig schief. »Geschützt durch mein Passwort – aber das kennst du ja.«

MacLean fing den Chip auf und starrte ihn einen Moment lang nachdenklich an. Dann barg sie ihn in der zur Faust geballten Hand.

»Aber ich lasse euch hier sicher nicht im Stich, Erin. Nie und nimmer!«

»Du lässt uns im Stich, wenn du bleibst. Also verschwinde hier endlich!«, widersprach MacFadzean ungerührt, während weitere Explosionen die behelfsmäßige Kommandozentrale erschütterten. »Das bist du uns schuldig!«

Sie schaute der Vorsitzenden fest in die Augen, bis MacLean schließlich den Blick senkte.

»Jamie bringt dich durch einen unserer Tunnel raus«, fuhr MacFadzean fort. »Wenn ihr zwei es schafft, Elgin zu verlassen, steuerst du Haimer an. Unsere Zelle dort ist bislang wohl noch nicht aufgeflogen. Dort bleibst du ein paar Wochen und hältst dich bedeckt. Tobias MacGill, der Anführer der Zelle, besorgt dir neue Papiere. Dann verschaffen dir Jamie und er einen Platz auf einem der Holzfrachter-Shuttles. Von da an … von da an wirst du dann wohl improvisieren müssen. Aber das schaffst du, Megan – du musst es einfach schaffen!«

»Ich …«

Vergeblich suchte MacLean nach einem letzten Gegenargument, aber die Zeit drängte. Sie blickte ihre Freundin an – ihre Freundin, die zusammen mit all den anderen Freunden zweifellos schon bald den Tod finden würde. Tränen verschleierten ihr den Blick.

»Also gut«, flüsterte sie, »ich versuch’s.«

»Gut.« MacFadzean umrundete den Tisch, nahm ihre Freundin in die Arme und drückte sie fest an sich. »Gut. Dann los!«

Kurz erwiderte MacLean die Umarmung, dann nickte sie, griff nach dem Pulsergewehr und steuerte auf die Tür zu. MacFadzean blickte ihr hinterher. Dann hob sie erneut den Hörer und drückte den Knopf, der sie mit allen anderen Geräten gleichzeitig verband.

»Blàr Chùil Lodair«, sagte sie nur. »Verschaffen wir den Ratten in den Tunneln ein bisschen Zeit.«

»Keine Patzer dieses Mal!«, fauchte Colonel Nathan Mundy über das Kommunikationsnetz seines Bataillons. »Und keine Ausreden! Geht da rein, tretet denen in den Arsch, und bringt mir deren Köpfe, verdammt!«

Bestätigungen des Befehls trafen ein. Der Colonel grinste wild und kauerte sich noch tiefer in seinen Sessel, während sein Bodeneffekt-Kommandogefährt um die nächste Ecke bog. Auf seinem visuellen Display sah er den Wohnblock, in dem sich die Rebellen verschanzt hatten. Er glich dem halben Dutzend von Apartmenthäusern, die sie überall auf dem Planeten für ihre Zwecke nutzten, und doch war dieser Block hier etwas Besonderes. Denn hier und jetzt würden die Rebellen endgültig erledigt, weil er ihre Kommandozentrale war. Eine Weile hatte der Colonel angenommen, MacPhee zu brechen wäre ein Ding der Unmöglichkeit … Doch der VSD verfügte über Mittel und Wege, selbst noch die Widerspenstigsten umzustimmen. Vielleicht hätte MacPhee auch noch länger durchgehalten, ganz egal, was man ihm noch angetan hätte. Aber als man seine Tochter einbestellt hatte …

Natürlich, er könnte auch gelogen haben, dachte der Colonel. Aber wenn er das wirklich getan hat, dann war das, was wir dem kleinen Miststück bislang angetan haben, noch gar nichts. »Näher ran!«, bellte er seinen Fahrer an. »Sir, ich …«

»Bringen Sie mich näher ran, verdammt noch mal!«

»Jawohl, Sir.«

Die Panzer stammten aus solarischen Militärbeständen und würden nach Liga-Maßstäben als hoffnungslos veraltet gelten. Immerhin gab es mindestens zwei neuere Generationen. Aber selbst ein veralteter Panzer war immer noch besser als gar kein Panzer. Pulserfeuer jedenfalls schluckte die Panzerung problemlos. Der Panzerverband rückte stetig vor und bestrich dabei unablässig das Hauptgebäude und die beiden Anbauten – mit Hochgeschwindigkeitsgeschossen Kaliber fünfzig Millimeter, deren Zerstörungskraft einer Einhundertfünfzig-Millimeter-Kanone aus dem Vor-Raumfahrtzeitalter entsprach. Wolken aus Staub und Rauch breiteten sich aus, und Betonkeramiksplitter stoben in alle Richtungen, während koaxial montierte Drillingspulser den Rebellen Tausende von Explosivbolzen entgegenschickten. Einen derartigen Beschuss konnte man unmöglich überstehen, das wussten die Panzerbesatzungen.

Aber die Panzerbesatzungen täuschten sich.

Die erste Panzerabwehrrakete stieß zu wie eine Viper. Der hochverdichtete Schildbrecher traf die frontale Panzerplatte mit einer Geschwindigkeit von mehr als zehntausend Metern in der Sekunde: Die Platte hätte genauso gut auch aus Papier bestehen können. In einem gewaltigen Feuerball explodierte der ganze Panzer. Einen Augenblick später erblühte ein zweiter. Dann der dritte.

»Um Gottes willen«, schrie jemand über das Signalnetz, »woher zum Teufel haben die so einen Scheiß?! Ausweichen! Alfie, ausw …!« Abrupt verstummte die Stimme.

Innis MacLay stieß einen wortlosen Triumphschrei aus, als die ersten VSD-Panzer explodierten. Dann machten einige Schützenpanzer Bekanntschaft mit den improvisierten Minen, die Aktivisten in den Abwässerkanälen unter der Brownhill Road versteckt hatten. Die Explosion war nicht heftig genug, um die Fahrzeuge zu zerstören, aber sie waren zumindest schwer angeschlagen. Zufrieden schaute MacLay zu, wie deren Besatzungen flüchteten: Wie aufgescheuchte blaue Käfer flitzten sie in alle Richtungen davon.

Die Griffe des Drillingspulsers lagen gut in der Hand. Innis MacLay spähte durch das Holovisier und drückte den Feuerknopf.

Ungläubig starrte Nathan Mundy die Displays an. MacPhee, dieser Dreckskerl! Mit keinem Wort hatte er derart schwere Waffen erwähnt. Bislang hatten die Rebellen in Elgin auch nie derartige Feuerkraft unter Beweis gestellt. Woher hätte er denn wissen sollen …?

Ein weiterer Panzer explodierte. Dieses Mal jedoch gelang es einem seiner Begleiter, das Fenster im dritten Stock anzuvisieren, aus dem die Rakete gekommen war. Ein Geschützturm schwenkte herum, und einen Mündungsblitz später zerbarst in einer ohrenbetäubenden Explosion das halbe Stockwerk des Gebäudes.

Hoch oben in seinem Versteck spürte MacLay die Explosion kaum. Zumindest nicht deutlich genug, um sie von all den anderen Erschütterungen und Vibrationen im Gebäude zu unterschieden. Doch er sah, dass der Panzer ...

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