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HONOR HARRINGTON: Sturm der Schatten

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. Personen der Handlung

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

1

Ich möchte mal wissen, ob das wirklich so eine gute Idee war, fragte sich Helen Zilwicki, als sie in die Liftkabine stieg und die Zielkombination eingab.

Ein wenig hatte sie befürchtet, der Commodore könnte seine Auswahl eines Flaggleutnants rückgängig machen, sobald er entdeckte, wie wenig sich ein so rangniedriger Offizier wie sie für diese Aufgabe eignete. Vermutlich war das überflüssig gewesen; inzwischen hatte sie mehr als einmal festgestellt, dass er zu seinen Entschlüssen stand, und bislang schien er seine Entscheidung noch nicht ernsthaft bereut zu haben. Das konnte Helen von sich nicht behaupten.

Sie verzog das Gesicht bei dem Gedanken, doch er war nicht ganz unrichtig. Früher einmal hatte sie geglaubt, eine Midshipwoman stehe auf ihrer Kadettenfahrt unter intensivem Druck, und wahrscheinlich war dem auch so. Mehr als ausreichend erschöpft hatte sie sich in dieser Zeit jedenfalls gefühlt! Doch ihr gegenwärtiger Einsatz brachte eine ganz eigene Qualität der Belastung mit sich.

Ach, hör auf zu jammern!, schalt sie sich. »Auch das geht vorbei« - wie Meister Tye immer gern zu sagen pflegte. Du gewöhnst dich schon noch daran. Schließlich bist du erst seit vier Tagen Flaggleutnant! Dieser Gedanke war ihr jedoch nur ein schwacher Trost, als sie nun im Auftrag Commodore Terekhovs die Gänge von HMS Quentin Saint-James durchstreifte.

Wenn sie es recht bedachte, konnte sie sich allerdings des Verdachts nicht erwehren, dass der Commodore sie härter antrieb, als er tatsächlich musste.

Ein Beispiel war ihr gegenwärtiger Auftrag. Beim besten Willen wollte ihr kein Grund einfallen, weshalb der Commodore den Taktischen Offizier der Quentin Saint-James, Commander Horace Lynch, nicht einfach anrief, um ihm mitzuteilen, was sie ihm nun ausrichten sollte. Das wäre mit Sicherheit effizienter gewesen. Aber nein - er hatte entschieden, dass Ensign Zilwicki zu Lynchs Büro dackeln und die Botschaft persönlich überbringen sollte. Helen hatte nichts gegen Bewegung, und die Nachricht war auch recht interessant, aber es blieb die Tatsache, dass der Commodore ihn auch auf andere - durchaus zweckmäßigere - Weise hätte verständigen können.

Aber so bleibe ich beschäftigt, dachte sie und beobachtete, wie der Positionsanzeiger der Liftkabine über das Display zuckte. Und er gibt mir viele solcher Aufträge, seit wir von diesem Attentatsversuch auf Torch erfahren haben. Gegen ihren Willen erschauderte sie bei dem Gedanken, wie knapp ihre Schwester dem Tod entkommen war. Und sie kannte Berry einfach zu gut. Sie wusste genau, wie ihre Schwester den Tod so vieler Menschen aufgenommen hatte, die bei einem Anschlag auf sie selbst ums Leben gekommen waren. Helen konnte auch gut verstehen, weshalb sie dazu keine Nachricht von ihrem Vater erhalten hatte. Wahrscheinlich raste schon in diesem Augenblick ein Kurierboot Richtung Spindle, wo es die Neuigkeit zur Hexapuma weiterleiten sollte. Helen bezweifelte jedoch nicht, dass er - wahrscheinlich zusammen mit Cachat, diesem beängstigenden Mistkerl, wenn ich es mir recht überlege - bereits unterwegs war … auf der Suche nach den tatsächlichen Verantwortlichen.

Im Gegensatz zu den meisten Untertanen des Sternenkönigreichs von Manticore war Helen alles andere als überzeugt, dass Haven hinter dem Anschlag auf Torch steckte. Sie besaß freilich unfairen Vorteil in Gestalt der Briefe ihres Vaters und ihrer Schwester, aus denen hervorging, dass Victor Cachat, dieses ansonsten völlig gefühllose Trampeltier von havenitischem Geheimagenten, sich wahnsinnig in eine gewisse Thandi Palane verliebt hatte, die zufällig Berrys inoffizielle »große Schwester« war und außerdem Oberbefehlshaberin der Streitkräfte des Planeten Torch. Cachat hätte sich nicht nur niemals auf einen Anschlag eingelassen, bei dem Palane möglicherweise ums Leben kam, sondern er wusste sicherlich auch, wie Thandi auf seine Komplizenschaft bei einem Versuch, Berry oder Prinzessin Ruth zu töten, reagiert hätte. Und wenn er nichts damit zu tun hatte, dann galt das mit absoluter Sicherheit auch für jeden anderen havenitischen Agenten im Maya-Sektor. Es konnte nicht anders sein, so eng, wie Cachat, der Audubon Ballroom - und mein eigener lieber Vater natürlich - in der nachrichtendienstlichen Szene Torchs miteinander verflochten waren.

Leider war Helen Zilwicki einer der »frischsten« Subalternoffiziere innerhalb der Royal Manticoran Navy. Dass sie überzeugt war, dass jemand anderes den Abzug gedrückt hatte, hinterließ bei den »hohen Tieren« keinen großen Eindruck. Für sie stand außerdem außer Frage, dass ein gewisser Anton Zilwicki bereits so hoch oben in den Nachrichtendienstkreisen, wie er nur konnte, angesetzt hatte, um Manticore von der Richtigkeit der (ihrer bescheidenen Meinung nach) überdeutlich selbstverständlichen Tatsache der (ausnahmsweisen) Unschuld Havens zu überzeugen. Wenn er schon kein Gehör fand, brauchte sie sich gar keine Hoffnungen zu machen.

Bleiben wir fair, räumte Helen widerstrebend ein. Wir Zilwickis besitzen eben ein bisschen mehr Erfahrung mit der schmutzigen Welt der Spionage und den schäbigen Tricks als die meisten Menschen. Und allzu viel von dieser Erfahrung haben wir im Zusammenhang mit den Herren und Damen von Manpower gewonnen. Wahrscheinlich liegt es für uns genauso nahe, nach einer Verbindung mit Mesa zu schnüffeln, wie für andere, sich die Augen nach einer Verbindung mit Haven auszugucken. Trotzdem wünschte ich mir, ein paar von denen, die denken, Haven hätte den Anschlag verübt, würden einmal innehalten und sich überlegen, was für eine Waffe bei dem Attentat benutzt worden ist. Gewiss hat die Volksrepublik seinerzeit viele Mordanschläge verübt, aber soweit es unserer Seite bekannt ist, wurde dabei nie ein solch ausgeklügeltes Nervengift eingesetzt. Haven arbeitete immer mit Bomben, Pulserbolzen und Lenkwaffen. Bei Manpower jedoch … bei Manpower liegen biochemische Waffen geradezu nahe.

Viel ausrichten konnte sie jedoch nicht, zumal die Quentin Saint-James (die von ihrer Crew bereits Jimmy Boy genannt wurde, obwohl ihre Indienststellung noch keine drei T-Monate zurücklag) genau in die falsche Richtung unterwegs war. Daher tat Helen ihr Möglichstes, ihre Sorgen beiseitezuschieben, und als die Liftkabine hielt und die Türen aufglitten, wandten sich ihre Gedanken dem anderen Grund zu, aus dem Commodore Terekhov sie, wie sie argwöhnte, derart auf Trab hielt.

Sie hatte nicht richtig darüber nachgedacht, als der Commodore ihr den Posten seines Flaggleutnants anbot, doch es gab etliche sehr gute Gründe, weshalb diese spezielle Position niemals jemandem angeboten wurde, der nicht wenigstens den Rang eines Lieutenants Senior-Grade bekleidete - und zwei davon hatten ihr die letzten paar Tage besonders deutlich vor Augen geführt.

Erstens war der Grund, weshalb ein Flaggoffizier einen Adjutanten brauchte, der für ihn Terminkalender und Aufgaben organisierte, überdeutlich klar. Allgemein gesagt erforderte es größere Erfahrung mit den Abläufen, als ein Ensign sie gesammelt haben konnte, um dieser Organisationslast gewachsen zu sein. Helen war niemals wirklich klar gewesen, wie viel Zeit ein Flaggleutnant damit verbrachte, sicherzustellen, dass die Zeit seines Flaggoffiziers so effizient und produktiv genutzt wurde wie nur möglich.

Als ihr aufging, wie gründlich sie sich mit allen Abteilungen und Ressorts des Geschwaders auskennen musste, war sogar ihre von Natur aus schwer erschütterbare Seele erbebt. Sich in kürzester Frist anzueignen, wie die Verwaltung und Koordination sämtlicher dieser Stellen ablief - hinzu kamen operative und logistische Aspekte -, war Helen sehr schwergefallen. Und dass dem Geschwader noch immer ein Operationsoffizier, ein Stabsastrogator, ein Stabssignaloffizier und ein Nachrichtenoffizier fehlten, erleichterte ihr diese Aufgaben nicht gerade. Im Augenblick leitete Commander Lynch für Commodore Terekhov die Operationsabteilung, und Lieutenant Commander Barnabe Johansen und Lieutenant Commander Iona Torok, Astrogator beziehungsweise Signaloffizier der Quentin Saint-James, versahen die entsprechenden Stabsressorts, doch das gesamte Arrangement erschien ihr ausgesprochen zusammengeschustert und provisorisch.

Helen vermutete, dass die anderen sich in dieser Hinsicht genauso aus dem Gleichgewicht gebracht fühlten wie sie, aber wenigstens waren sie jeweils die Leiter ihrer eigenen Abteilungen an Bord des Geschwaderflaggschiffs. Daher wussten sie erheblich besser, was sie tun sollten, als sie. Auch wenn eine Midshipwoman während ihrer Kadettenfahrt in jeder Abteilung Erfahrungen sammelte, hatte Helen während ihrer Zeit an Bord der Hexapuma doch alles aus untergeordneter Perspektive kennengelernt. Nun musste sie nicht nur wissen, was jede Abteilung tat, sondern auch, wie ihre Beziehungen zu allen anderen Abteilungen aussahen, und das war etwas völlig anderes. Außerdem stand selbst Lieutenant Ramon Morozov, Terekhovs Versorgungsoffizier, im Rang zwei Stufen über ihr. Vor die anderen Abteilungsleiter zu treten und ihnen auszurichten, der Commodore wünsche, dass sie dies oder das täten, konnte ganz schön … einschüchternd sein, gelinde ausgedrückt.

Schlimmer jedoch war die Furcht, sie könnte durch ihren Mangel an Erfahrung irgendetwas Entscheidendes vermasseln. Sie wusste, sie konnte darauf zählen, dass Commodore Terekhov sie im Auge behielt, aber sie hatte auch begriffen - und zwar auf die harte Tour, die, wie sie oft dachte, von allen am einprägsamsten war -, dass man durch Fehler mehr lernte als durch Erfolg. Leider war sich auch der Commodore dieser kleinen Tatsache bewusst, und für Helen bestanden überhaupt keine Zweifel, dass er bereit war, sie hier und dort aufs Glatteis zu führen, wenn er glaubte, dass sie dabei etwas Wichtiges lernen konnte. Aus seiner Sicht mochte das gut und richtig sein, für Helen jedoch war diese Vorstellung grauenhaft. Sie war es nicht gewöhnt zu versagen. Sie mochte es nicht, wenn es geschah, sie konnte nicht gut damit umgehen, und während sie durch die Gänge des Schiffes dem Weg zu Lynchs Büro folgte, war ihr der Gedanke absolut zuwider, durch ihre Unfähigkeit könnte jemand Nachteile erleiden.

Diese Überlegung brachte sie auf den anderen Grund, weshalb ihr gegenwärtiger Posten normalerweise einem Lieutenant vorbehalten war. Die Position des Flaggleutnants gab es nicht allein deshalb, weil ein Flaggoffizier einen Adjutanten brauchte, sondern auch, weil der Flaggleutnant während dieser Verwendung Erfahrungen sammeln sollte. Das galt natürlich für jede Verwendung in der Flotte - oder sollte zumindest so sein. Manticoranische Flaggleutnante waren allerdings mehr als nur Adjutanten (deshalb gab es eine eigene Bezeichnung) und Botengänger; die Position blieb in der Regel Offizieren vorbehalten, die man sorgsam für Kommandoverwendungen schulen wollte. Zu lernen, wie der Terminkalender eines Flaggoffiziers verwaltet werden wollte, bei Stabsbesprechungen zugegen zu sein und

Entscheidungsfindungen zu beobachten, in die andere gleichrangige Offiziere niemals Einblick erhielten - all das sollte einen Flaggleutnant früh mit den Aufgaben eines Flaggoffiziers vertraut machen. Durch diese Aufgabe sollten junge Offiziere, deren Vorgesetzte der Ansicht waren, sie hätten bereits das Potenzial bewiesen, später einmal selbst Flaggoffizier zu werden, lernen, wie man dessen Pflichten versah - und auch, wie man es nicht tun sollte.

Bislang hatte sich noch keiner der höheren Offiziere, mit denen sie arbeiten musste, dagegen verwahrt, dass sie nur ein kleiner Ensign sei. Sie wusste nicht, wie lange diese Nachsicht anhalten würde, und hatte das entmutigende Gefühl, dass mehr als ein Lieutenant, mit denen sie zu tun hatte, sie seinen Neid auf ihre Stellung spüren lassen würde. Ganz abgesehen davon würde unter Garantie irgendwann später in ihrer Laufbahn eine Vorgesetzte, bei der sie sich zum Dienst meldete, in ihre Personalakte sehen und den Schluss ziehen, dass sie Commodore Terekhovs kleiner Liebling gewesen sei.

Und damit hätte sie ja nicht einmal ganz unrecht, räumte Helen ein. Der Gedanke kam ihr nicht zum ersten Mal, und sie führte in ihrem innerlichen Widerstreit die Argumente an, die Commander Kaplan gegenüber Abigail geltend gemacht hatte. Gleichzeitig fragte sie sich, ob sie sich nicht einfach zu viele Gedanken um sich selbst machte … und ob sie sich damit nicht auf dem besten Wege befand, mit etwas zu enden, was ihr Vater immer einen hoffnungslosen Fall von unbegrenzt sich aufblähendem Ego bezeichnet hatte.

Sie erreichte ihr Ziel und drückte die Klingel.

»Ja?«, fragte ein samtiger Tenor aus dem Lautsprecher über dem Knopf.

»Ensign Zilwicki, Commander«, sagte sie knapp. »Commodore Terekhov schickt mich.«

Die Tür öffnete sich, und Helen trat hindurch.

Lynchs Büro war um einiges größer als Helens bescheidenes Kabäuschen. Tatsächlich bot es sogar mehr Platz, als an Bord eines älteren, personalintensiveren Schiffes dem Ersten Offizier zur Verfügung stand. Doch bei einer so kleinen Besatzung wie der Crew eines Saganami-Cs konnte den einzelnen Personen ein klein wenig mehr Raum zugebilligt werden.

Der Commander saß in seinem Uniformhemd vor seinem Rechner, und die Arbeitsplatte rings um das Terminal war mit ordentlichen Stapeln aus Datenchips und Ausdrucken gefüllt. Er war ein Mann von mittlerer Größe mit sandfarbenem Haar und tief liegenden braunen Augen, und er gebot über eine großartige Singstimme. Außerdem schien er recht gut in seinem Job zu sein.

»Und was kann ich heute Morgen für den Commodore tun, Ms. Zilwicki?«, fragte er.

»Der Commodore hat mich gebeten, Ihnen das hier zu bringen, Sir«, sagte sie und legte einen Chipordner auf die Ecke seines Schreibtischs. »Es geht um einige Gedanken, die er sich um die neuen Modifikationen der Lasergefechtsköpfe gemacht hat.«

»Verstehe.« Lynch zog den Ordner zu sich, ohne ihn anzusehen. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt und musterte Helen mit seinen scharfen braunen Augen. »Und wäre es möglich, dass er einige dieser Gedanken mit Ihnen erörtert hat, ehe er Sie zu mir schickte?«

»Das ist richtig, Sir, er hat etwas darüber gesagt«, antwortete Helen ein wenig vorsichtig.

»Dachte ich's mir doch.« Helen weitete leicht die Augen, und Lynch lachte leise auf, dann wies er auf einen Stuhl mit einem hohen Stapel aus taktischen Handbüchern der einen oder anderen Art. »Schmeißen Sie das Zeug runter und setzen Sie sich, Ms. Zilwicki«, sagte er.

Helen räumte gehorsam den Stuhl leer und nahm Platz, während er sich zurücklehnte und sie versonnen betrachtete. Helen fragte sich, was er dachte, aber der Commander wäre ein großartiger Pokerspieler gewesen. Sein Gesicht gab so gut wie nichts preis, und sie versuchte, nicht allzu angespannt und starr vor ihm zu sitzen.

»Also, erzählen Sie, Ms. Zilwicki - Helen. Was halten Sie von den neuen Lasergefechtsköpfen?«

»Ich glaube, sie sind eine großartige Idee, Sir«, antwortete sie nach kurzem Zögern, dann verzog sie das Gesicht. »Verzeihen Sie, Sir. Das klang ziemlich dämlich, oder? Natürlich sind sie eine großartige Idee.«

Vielleicht zuckten Lynchs Lippen ein klein wenig, doch wenn dem so war, so unterdrückte er den Ansatz seines Lächeln gekonnt.

»Ich glaube, wir können uns darauf einigen, dass das eine gute einleitende Bemerkung ist«, sagte er. »Aber nachdem wir das nun erledigt haben, was halten Sie von ihnen?«

Das leichte Funkeln, das Helen in seinen Augen entdeckt zu haben glaubte, linderte ihre Anspannung ein wenig, und sie merkte, wie sie eine etwas bequemere Sitzhaltung einnahm.

»Ich glaube, sie werden im taktischen Bereich großen Eindruck machen, Sir«, sagte sie. »Der Typ 16 ist für sich schon ein großer Vorteil gegen andere Kreuzer und Schlachtkreuzer, aber mit den neuen Lasergefechtsköpfen ist er sogar in der Lage, echte Großkampfschiffe zu treffen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass die Haveniten sie sehr mögen werden.«

»Wohl kaum«, stimmte Lynch zu. »Aber ich darf Sie doch wohl nicht so verstehen«, fuhr er fort, »dass Sie glauben, es wäre mit den neuen Lasergefechtsköpfen eine gute Idee für einen Schweren Kreuzer, einen Superdreadnought anzugreifen?«

»Nein, Sir. Selbstverständlich nicht«, beeilte sich Helen zu antworten. »Ich habe wohl nur gerade an Monica gedacht, Sir. Wenn wir dort die neuen Lasergefechtsköpfe gehabt hätten, wären die Schlachtkreuzer gar nicht erst auf ihre Gefechtsentfernung an uns herangekommen. Und wenn doch, dann hätten sie schon bei der Annäherung erheblich größere Verluste erlitten.«

»Das, Ms. Zilwicki, halte ich für eine sehr zutreffende Feststellung«, sagte Lynch.

»Außerdem glaube ich, dass das neue Waffensystem zumindest ein paar Auswirkungen für ausgewachsene Mehrstufenraketen haben wird«, fuhr sie fort. »Ich meine, ich sehe keinen Grund, wieso die gleichen Modifikationen nicht auch auf größere Lasergefechtsköpfe anwendbar sein sollten.«

Diesmal nickte Lynch nur.

Dafür, dass es so lange gedauert hatte, bis der Lasergefechtskopf den nuklearen Kontaktgefechtskopf als Weltraum-Langstreckenwaffe der Wahl ersetzt hatte, gab es einen guten Grund. Das Konzept des Lasergefechtskopfs war tatsächlich relativ einfach; man hatte es auf Alterde bereits vor der Diaspora gekannt. Grundsätzlich wurde ein haarfeines, zylindrisches Filament aus geeignetem Material (die Royal Manticoran Navy benutzte Hafnium als Medium) dem Röntgenstrahlenimpuls einer Kernexplosion ausgesetzt, was es veranlasste, kohärente Röntgenstrahlung auszusenden, bis der thermische Impuls der Detonation das Filament erreichte und es vernichtete. Das Problem lag stets im inhärenten, außerordentlich geringen Wirkungsgrad des Vorgangs. Unter normalen Umständen gelangten nur wenige Prozent der Milliarden Megajoule, die ein nuklearer Gefechtskopf im Megatonnenbereich freisetzte, in einen einzelnen dieser Röntgenlaserstrahlen, und das lag hauptsächlich daran, dass eine Kernexplosion sich - unter normalen Bedingungen - als Kugelschale ausdehnte; jedes Filament entsprach nur einem aberwitzig geringen Anteil an der gesamten Kugelfläche der Explosion und konnte daher nur einen entsprechend winzigen Prozentsatz der Gesamtenergie empfangen. Folglich ging die Vernichtungswirkung zum überwältigenden Teil verloren.

Der verwertete Anteil war schlichtweg zu niedrig; er war bereits an den Kampfschiffpanzerungen gescheitert, die man vor zwei oder drei T-Jahrhunderten gekannt hatte; und ehe der Laserstrahl besagte Panzerung überhaupt erreichte, musste er sich nicht nur durch den Seitenschild bohren, sondern auch die Strahlungsabschirmung durchschlagen. Obwohl die Chancen, mit einem nuklearen Kontaktgefechtskopf einen Volltreffer zu erzielen, nicht sonderlich hoch lagen, nutzen die meisten Raumstreitkräfte diese Systeme als Hauptlangstreckenbewaffnung, da man bei ihnen wenigstens darauf hoffen durfte, tatsächlich Schäden anzurichten, wenn das Ziel getroffen wurde. Die Raketen aus der Zeit vor den Lasergefechtsköpfen hätten schon allein durch ihre kinetische Energie höchst zerstörerisch gewirkt, wenn sie denn tatsächlich einen Kontakt von Außenhaut zu Außenhaut erzielten. Das allerdings ließ sich selbst mit den besten Seitenschilddurchdringungshilfen nicht erreichen, und so wurde die Atomrakete mit Annäherungszünder hauptsächlich zur Ausschaltung der Seitenschilde eingesetzt; sie sollte weniger Rumpfschäden verursachen, als vielmehr die Seitenschildgeneratoren durch Überlastung unbrauchbar machen.

Dummerweise, wenigstens aus Sicht dessen, der die Raketen abfeuerte, war bereits damals die aktive Lenkwaffenabwehr so hoch entwickelt, dass die »nicht sonderlich hohen Chancen auf einen Volltreffer« bald zu »auf keinen Fall möglich« abgewertet werden mussten. Das war der eigentliche Grund, weshalb beim Bau von Großkampfschiffen der Schwerpunkt immer mehr auf Energiewaffenbatterien verlagert worden war. Raketen waren vielleicht gegen schwächere Gegner noch ganz wirksam, aber gegen die aktive und passive Abwehr eines Großkampfschiffs weitgehend nutzlos. Die einzige Möglichkeit, ein Gefecht zu führen, bestand also darin, sich einander anzunähern, bis man das Weiße in den Augen des Gegners sehen konnte, und es dann mit den Bordstrahlwaffen auszukämpfen.

Doch vor etwas mehr als einem Jahrhundert hatte sich alles geändert, als irgendein kluger Zeitgenosse herausfand, wie man etwas erzeugte, das im Grunde nichts anderes war als eine nukleare Hohlladung. Die Möglichkeit war schon beträchtlich länger durch die verschiedenen Journale über Raumkriegführung der Galaxis gegeistert, doch eine Technik, um sie in die Praxis umzusetzen, gab es lange nicht. Dazu hatten erst Verbesserungen des gravitatorischen Klammereffekts, der in modernen Fusionsreaktoren zum Einsatz kam, auf Aggregate angewendet werden müssen, die in die Nase einer Großkampfschiffsrakete gezwängt werden konnten.

Hinter dem Gefechtskopf wurde ein Ring aus Gravitationsgeneratoren als Manschette angeordnet. Sobald der Gefechtskopf die Detonation einleitete, fuhren die Generatoren einige Millisekunden vor der tatsächlichen Explosion hoch, was gerade genügte, damit die geschichteten Brennpunkte einer Gravitationslinse statt einer sphärischen Ausdehnung einen Gauß-Strahl erzeugten und die Röntgenphotonen und die thermische Wirkung an der Gefechtskopflängsachse nach vorn lenkten. Dadurch wurde von der Explosionsenergie weitaus mehr eingefangen und in die Richtung gelenkt, in der sich die Laserfilamente befanden. Nach modernen Standards waren die ersten Lasergefechtsköpfe recht blutarm gewesen, auch wenn sie bei Weitem alles übertrafen, was bis dahin möglich gewesen war. Daraufhin hatten die Konstrukteure der Großkampfschiffe die bereits massive Panzerung von Dreadnoughts und Superdreadnoughts weiter verstärkt. Doch der alte Wettlauf zwischen Panzerung und Waffe war wieder in Gang gekommen, und seit fünfzig bis sechzig T-Jahren war der Lasergefechtskopf auch für schwerstgepanzerte Schiffe eine klare Bedrohung.

Natürlich spielten bei der Entwicklung eines erfolgreichen Lasergefechtskopfes noch ganz andere Faktoren eine Rolle. Die Länge und der Durchmesser eines Laserfilaments bestimmte seine Strahldivergenz, was wiederum Auswirkungen hatte auf den Prozentsatz an Energie, die der Laserstrahl auf eine gegebene Entfernung transportierte. Bordgestützte Energiewaffen mit ihren starken Gravitationslinsen konnten die Strahldivergenz auf einen Wert senken, der für jeden Lasergefechtskopf unerreichbar blieb. Die für solche Linsen erforderlichen Generatoren ließen sich nicht derart miniaturisieren, dass sie in einen Lasergefechtskopf passten, der trotz vieler Verbesserung in der Konstruktion letzten Endes aus einem einfachen, zum Verbrauch bestimmten Laserfilament bestand, das jeder Physiker aus der Zeit vor der Diaspora sofort als solches erkannt hätte.

In der aktuellen Lenkwaffe Typ 23 waren die Lasergefechtsköpfe (die Baugruppen, die die Laserfilamente enthielten) grob fünf Meter lang mit einem Durchmesser von vierzig Zentimetern. Sie enthielten die fadendünnen Hafniumfilamente, die in einem gelartigen Medium trieben. Die Lasergefechtsköpfe umfassten außerdem die Wolter-Spiegel zur Verstärkung des Strahlwegs, Schubdüsen, viel Treibstoff, Energiespeicher, Telemetrieanlagen und Sensoren. Sie befanden sich in Schächten auf allen Seiten des Waffenträgers und wurden ausgeworfen, sobald die Rakete den endgültigen Zielanflugvektor erreicht hatte. Jeder Gefechtskopf besaß sein eigenes Schubdüsensteuersystem, erfasste das Ziel mit eigenen Sensoren, glich sich an dessen Vektor an und manövrierte sich rasch in eine Position einhundertfünfzig Meter vor der Rakete. Sobald sie erreicht war, entstand die Gravitationslinse, der Gefechtskopf detonierte, und das Ziel bekam Probleme.

Die entscheidenden Faktoren waren die Filamentabmessungen, die Strahlungsausbeute der Detonation und - in vielerlei Hinsicht am wichtigsten - die verfügbare Verstärkung durch die Gravlinse. Letzter Faktor war der Hauptgrund, weshalb die Raketen von Großkampfschiffen eine so viel höhere Vernichtungskraft besaßen als die kleineren Raketen an Bord von Kreuzern und Zerstörern. Bei der Konstruktion des Gravlinsengenerators war nach wie vor eine Masse-Volumen-Beschränkung zu berücksichtigen, und eine größere Rakete konnte einfach einen stärkeren Generator tragen und längere - und folglich wirkungsvollere - Laserfilamente, die eine größere Entfernung vom Ziel erlaubten. Daher bestand die große Herausforderung darin, in die neue LAC-Abwehrrakete »Viper« überhaupt einen Lasergefechtskopf zu quetschen, auch wenn er nur Leichte Angriffsboote auszuschalten brauchte. Der Schacht für das eine Laserfilament, das der Viper-Gefechtskopf besaß, lief über zwei Drittel der Raketengesamtlänge, und überhaupt eine Stelle zu finden, in die er hineingepresst werden konnte, war alles andere als einfach gewesen.

Der allgemeine Technologievorsprung Manticores gegenüber der Republik Haven wurde auch in der Konstruktion der Lasergefechtsköpfe deutlich. Manticoranische Gravitationsgeneratoren waren auf den beanspruchten Raum bezogen immer stärker gewesen, manticoranische Sensoren und Zielerfassungssysteme stets überlegen. Das versetzte das Sternenkönigreich in die Lage, kleinere Gefechtsköpfe und größere Linsenverstärkung zu verwenden, um Lasergefechtsköpfe zu schaffen, die den Anforderungen gewachsen waren, zumal es darauf zählen konnte, dank seiner überlegenen Feuerleit- und Zielerfassungssysteme eine größere Trefferzahl zu erzielen. Die Republik hingegen war gezwungen gewesen, nach der Holzhammermethode vorzugehen und beträchtlich größere Gefechtsköpfe mit schwereren Laserfilamenten einzusetzen, weshalb havenitische Raketen stets einen höheren Raumanspruch hatten als ihre manticoranischen Entsprechungen.

Doch nun hatten die ständigen Anstrengungen des Sternenkönigreichs, seine überlichtschnelle Gravimpulskommunikation zu verbessern, auch auf die Waffentechnik ihre Auswirkungen, und BuWeaps hatte soeben die Erprobung einer neuen Generation wesentlich stärkerer Gravitationsgeneratoren für die Kreuzerlenkwaffe Typ 16 abgeschlossen und mit der Serienproduktion begonnen. Es war gelungen, den Verstärkungsfaktor der Gravlinse fast zu verdoppeln und gleichzeitig die Strahlungsausbeute des Gefechtskopfes zu erhöhen, was aufgrund der Skalierungsverhältnisse mindestens genauso viel Erfindungsgabe erforderte wie die neuen Verstärkergeneratoren. Einige Baugruppen hatten anders als im Originaltyp 16 angeordnet werden müssen, damit alles ins Gehäuse passte; dadurch waren einige Waffenträgerkomponenten ins Heck gewandert, doch Helen glaubte nicht, dass irgendjemand Einwände gegen das Endergebnis erheben würde. Mit seinem 15-Megatonnen-Gefechtskopf war Typ 16 in der Lage, die Panzerung eines Schweren Kreuzers oder eines Schlachtkreuzers zu durchschlagen, geriet aber an seine Grenzen, wenn seine Strahlen ins Innere eines Schlachtkreuzers vordringen sollten. Mit dem 40-Megatonnen-Gefechtskopf der neuen Modifikation G und den verbesserten Gravlinsen besaß Typ 16 beinahe so viel Durchschlagskraft wie eine fünf oder sechs T-Jahre alte Großkampfschiffs-Lenkwaffe.

Die Produktion der Modifikation G hatte allerdings letzten Endes eine völlige Neukonstruktion der alten Typ-16-Waffenträger erfordert, und da BuWeaps entschieden hatte, dass es weder sämtliche auf Lager befindlichen Typ 16er verschrotten noch auf die Verbesserungen verzichten wollte, hatten Admiral Hemphills Untergebene einen Aufrüstsatz entwickelt, durch den sich die Modifikation E zur E-1 umbauen ließ. (Was genau aus der Modifikation F geworden war, konnte Helen nicht sagen. Jeder Taktische Offizier wusste allerdings, dass die Nomenklatur von BuWeaps seltsame Wege beschritt.) Typ 16E-1 war im Grunde die Variante E, bei der die alten Gravitationsgeneratoren durch das neue, verbesserte Modell ersetzt waren. Das war die einzige Änderung, und sie hatte keine neuen Kabelkanäle und kein Umsetzen innerer Baugruppen erfordert. Die neuen Lenkwaffen passten reibungslos in die existierenden Typ-16-Zuführungen und konnten die gleichen Angriffsprofile verwenden. Mit ihrem schwächeren Originalgefechtskopf blieben sie natürlich der Typ 16 G unterlegen, denn ihre Zerstörungswirkung hatte sich »nur« verdoppelt - während die Durchschlagskraft der Modifikation G um einen Faktor größer fünf gesteigert worden war.

Und, dachte Helen, wenn sie mit dem Typ 23 das Gleiche machen - vorausgesetzt, die neuen Gravlinsen lassen sich übertragen -, und es dann mit dem Feuerleitsystem koppeln, das Herzogin Harrington bei Lovat eingesetzt hat …

»Und was hat der Commodore Ihnen noch dazu gesagt, Ensign Zilwicki?« Lynchs Frage schreckte Helen aus ihren Gedanken, und sie riss sich zusammen.

»Sir, das ist alles auf den Chips«, erwiderte sie respektvoll und wies auf den Ordner, den sie ihm gebracht hatte.

»Da bin ich mir sicher. Andererseits kenne ich den Commodore mittlerweile ein wenig besser, und deshalb bezweifle ich, dass er zufällig mit Ihnen darüber gesprochen hat, bevor er Sie losschickte, um mir die Chips zu bringen. Er kommt mir nicht wie jemand vor, der oft etwas ›zufällig‹ tut, ohne einen bestimmten Zweck zu verfolgen. Warum betrachten wir dies nicht als Gelegenheit zu einem kleinen taktischen Brainstorming nur zwischen uns beiden?«

Helen hatte das deutliche Gefühl, dass sie ins Nichts stürzte, und unterdrückte einen starken Drang zu schlucken. Dann, als Lynch seinen Sessel ein wenig nach hinten kippte, bemerkte sie die Belustigung in seinen Augen. Keine Belustigung, sie festgenagelt zu haben, wie es bei einigen anderen Vorgesetzten hätte geschehen können, sondern eine Belustigung, die daraus entstand, dass er beobachtete, wie sie seine Überlegung nachvollzog und entdeckte, dass er, was die Absichten des Commodores betraf, fast mit Sicherheit richtig lag.

»Also gut, Sir«, erwiderte sie lächelnd und senkte sich behaglicher in ihren Sessel. »Womit sollen wir Ihrer Meinung nach beginnen?«

Ihr Ton war respektvoll und doch beinahe herausfordernd, und er grinste sie an, als er es hörte.

»Das ist die richtige Haltung, Ensign Zilwicki! Mal sehen …« Er schaukelte einige Augenblicke lang hin und her, dann nickte er bedächtig.

»Sie haben erwähnt, was in Monica geschehen ist«, sagte er. »Ich habe die taktischen Berichte über das Gefecht gelesen, und ich weiß, dass Sie während des Kampfes auf der Brücke waren. Genauer gesagt, Sie haben als Raketenabwehroffizier fungiert, richtig?«

»Jawohl, Sir.« Helens Blick verdüsterte sich ein wenig, denn seine Frage brachte Erinnerungen zurück: Erinnerungen daran, wie sie an Abigail Hearns' Seite die Raketenabwehr des gesamten Geschwaders koordinierte, während die mit Monicanern besetzten solarischen Schlachtkreuzer immer näher aufkamen.

»Dann beginnen wir doch damit, dass Sie für mich abschätzen, wie die Verfügbarkeit von Modifikation G - oder eher von E-1 - Commodore Terekhovs taktische Entscheidungen beeinflusst hätte.«

Helen runzelte die Stirn, und die finsteren Erinnerungen verblassten, als sie sich auf seine Frage konzentrierte. Mehrere Sekunden lang dachte sie sorgfältig darüber nach, dann warf sie leicht den Kopf zurück.

»Ich denke, der Hauptunterschied würde darin bestanden haben, dass er es auf frühe Abschüsse angelegt hätte.«

»Wie genau meinen Sie das?« Lynchs Tonfall war eine Einladung, ihre Gedanken zu äußern, und sie lehnte sich leicht vor.

»Die Sache war die, Sir: Wir wussten wohl alle, dass wir nur eine realistische Chance hatten, diese Schlachtkreuzer zu stoppen, und zwar mit massiven Raketenbeschuss auf relativ kurze Distanz. Sicher, einen haben wir auf äußerste Reichweite erwischt, aber das musste ein Glückstreffer sein. Auf keinen Fall konnten wir so wirksam zielen, um irgendetwas zu treffen, wodurch das Schiff einfach explodierte!«

Sie schüttelte wieder den Kopf, mit grimmigem Gesicht, als sie das spektakuläre Ende von MNS Typhoon und seiner gesamten Besatzung noch einmal vor Augen sah. Dann rief sie sich innerlich zur Ordnung und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart.

»Auf jeden Fall stand fest, dass wir die Monicaner auf keinen Fall auf Energiewaffenreichweite an uns heranlassen durften. Wir wussten, dass unsere Lasergefechtsköpfe sehr viel leichter waren, und daher war uns klar, dass wir Treffer sowohl örtlich als auch zeitlich konzentrieren mussten, wenn wir ihre Panzerung durchdringen wollten. Die Kitty … - ich meine, die Hexapuma - war unser einziges Schiff mit Typ 16ern, also konnten wir diese Konzentration nicht außerhalb der Raketenstandardreichweite erzielen. Mit dem Beschuss auf große Entfernung versuchte der Captain daher tatsächlich nur ein möglichst gutes Gefühl für die aktive Abwehr und die Eloka-Fähigkeiten der Monicaner zu erhalten. Mit den Typ 16ern hat er sie gezwungen, sich zu verteidigen, damit wir Emissionen ihrer Abwehrsysteme messen konnten. Diese Werte wurden an den Rest des Geschwaders weitergegeben, um die Wirksamkeit unseres Feuers zu maximieren, sobald der Gegner in Reichweite unserer übrigen Schiffe kam.

Aber wenn wir 16Gs anstelle der alten 16Es gehabt hätten, dann wäre es selbst auf äußerste Reichweite kein Problem gewesen, die Panzerung der Schlachtkreuzer zu durchschlagen, und das ohne die Konzentration, die wir am Ende der Schlacht einsetzen mussten. In dem Fall hätte der Commodore wahrscheinlich trotzdem nach Informationen gestochert, aber gleichzeitig …«

Helen Zilwicki lehnte sich noch weiter vor und begann ganz in das Thema versunken zu gestikulieren, während sie all ihre Bedenken wegen ihres niedrigen Ranges und ihrer mangelnden Erfahrung vergaß. Sie bemerkte nicht einmal die amüsierte Anerkennung in Horace Lynchs Augen, als sie sich völlig der Diskussion ergab.

2

»Sie wollten mich sprechen, Mylady?«

»Richtig.« Baronin Medusa blickte auf und winkte Gregor O'Shaughnessy in ihr Büro. »Ich hatte befürchtet, Sie hätten die Residenz schon verlassen«, fügte sie hinzu, als er gehorchte und auf seinem Lieblingssessel Platz nahm.

»Ambrose hat angerufen und gesagt, dass er in irgendeiner Kräfteanalysediskussion festhängt. Wir haben unsere planmäßige Besprechung um zwei Stunden nach hinten verlegt.«

»Es wäre durchaus möglich, dass diese Konferenz gar nicht stattfindet.« O'Shaughnessy spitzte innerlich die Ohren, als er den Tonfall der Gouverneurin hörte, und als er eine Augenbraue hochzog, machte sie ein Gesicht, das mehr Grimasse war als Lächeln.

»Darf ich davon ausgehen, dass es eine neue Entwicklung gibt, Mylady?«, fragte er schließlich.

»Eher eine neue Sorgenfalte bei einer Entwicklung, die uns längst Kopfzerbrechen bereitet«, antwortete sie. »Ich habe eine formelle Mitteilung von Alesta Cardot erhalten.«

»Aha?« O'Shaughnessy runzelte die Stirn. »Hat das irgendetwas mit den Vorgängen im Pequod-System zu tun, Mylady?«

»Das mochte ich an Ihnen schon immer, Gregor«, sagte Medusa mit einem Schnauben aufrichtiger Belustigung. »Ihre rasche Auffassungsgabe.«

»Ein angeborenes Talent, Mylady.« O'Shaughnessy lächelte kurz, dann wurde er nüchtern. »Und was hatte die Außenministerin New Tuscanys über ihre ungebärdigen Handelsschiffer zu sagen?«

»Interessanterweise hat sie zu den Raumfahrern gar nichts gesagt, aber dafür eine Menge zu dem Gebaren unserer Flottenangehörigen.«

»Warum überrascht mich das nicht?«, murmelte O'Shaughnessy. Er lehnte sich zurück, legte die Unterarme auf die Armlehnen und trommelte mit den Fingern, während er nachdachte.

Medusa ließ ihn eine Weile nachdenken. Wenn Gregor O'Shaughnessy es darauf anlegte, konnte er einen Menschen zur Raserei bringen. Obwohl er sich große Mühe gab, es zu verbergen, brach seine Neigung zu intellektueller Überheblichkeit immer wieder durch, und er war dafür bekannt, Kollegen mit einer geringschätzigen Geduld zu behandeln, die nur allzu leicht als Arroganz herüberkam. Wenn man ehrlich war, handelte es sich manchmal tatsächlich um Arroganz, auch wenn er selbst das nicht bemerkte. Gelegentlich verwandelte sich diese Arroganz in etwas beträchtlich Unangenehmeres und Geringschätzigeres, und zwar immer dann, wenn ihm der Empfänger seines Zorns besonders dumm vorkam, weil er nicht begriff, was er, O'Shaughnessy, sagte. Doch dieser kleinen Charakterschwäche standen beeindruckende Stärken gegenüber. Zum einen war er auf geradezu rücksichtslose Weise ehrlich. Zum anderen war er stets bereit, eigene Fehler einzugestehen, wenn jemand sie ihm darlegen konnte, und wie schneidend er sich auch während der Diskussion ausdrückte, die zu dieser Darlegung führte, er trug es der anderen Person niemals nach, wenn sie recht hatte. Außerdem war er sehr, sehr klug.

»Ich nehme an, Cardot geht davon aus, dass Commander Denton und seine Leute keine Verrückten sind?«, fragte er schließlich.

»Oh, ganz im Gegenteil. Sie vertritt gerade die Auffassung, dass sie verrückt sind. Sie vertritt sie mit solchem Nachdruck, damit niemand übersehen kann, dass sie diese ›Verrücktheit‹ als höfliche diplomatische Fiktion betrachtet, die sie uns als politisches Feigenblatt anbietet. Nach dem Ton ihres Kommuniqués ist es offensichtlich, dass sie uns Gelegenheit geben möchte, Denton zu tadeln und zu maßregeln, um zu beweisen, dass wir niemals solch ein beherrschendes Muster manticoranischer Schikane tuscanianischer Schiffe bei der friedlichen Verfolgung rechtmäßiger wirtschaftlicher Interessen‹ genehmigt, geschweige denn gefordert haben.«

»Das hat sie gesagt?«, fragte O'Shaughnessy und blinzelte, als Medusa nickte. »Himmel, was die Tuscanier auch vorhaben mögen, sie tragen ganz schön dick auf, was?«

»Ja, und genau das bereitet mir Sorge«, gab die Gouverneurin zu. Sie neigte ihren Sessel nach hinten und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in den Nasenrücken. »Dieses Kommuniqué ist ungefähr so subtil wie ein Ziegelstein ins Bürofenster während der Arbeitszeit. Oh«, sie ließ die Nase los und winkte ab, »der ganze erforderliche diplomatische Sermon ist vorhanden. In vielerlei Hinsicht ist es wirklich eine ausgeklügelt formulierte diplomatische Note. Trotzdem bezweifle ich, dass irgendein unparteiischer Beobachter übersehen könnte, dass Cardot hier systematisch einen Fall aufbaut, der allein dazu dienen soll, irgendeine unfreundliche Aktion seitens New Tuscanys als Selbstverteidigung zu kaschieren.«

»Wie genau hat sie es denn präsentiert, Mylady?«

»Im Grunde als offizielle Beschwerde, dass Commander Denton - und offenbar die gesamte Besatzung von HMS Reprise - tuscanianische Handelsschiffe systematisch beleidigt, behindert und schikaniert habe, während diese im Pequod-System ihren legitimen Geschäften nachgegangen sind. Sie hat sämtliche Zwischenfälle aufgelistet, die Denton uns gemeldet hat, und noch etliche hinzugefügt. Wenigstens zwei davon haben sich - zumindest nach Cardots Angaben - nach Dentons Depesche an Admiral Khumalo ereignet, was vermutlich erklärt, weshalb wir noch nichts davon gehört hatten. Andere allerdings …« Sie schüttelte den Kopf. »Andere, Gregor, kommen mir von vorne bis hinten erfunden vor. Ich habe das deutliche Gefühl, dass sie sich überhaupt nicht ereignet haben.«

»Erfundene Ereignisse, die man zwischen tatsächlichen Begebenheiten versteckt, meinen Sie?«

»Genau das meine ich.« Medusa sah erzürnt drein. »Wie es ausschaut, wurden sämtliche offiziellen Besuche unserer Leute an Bord der Schiffe aufgezeichnet. Nach Angaben New Tuscanys liegt ›zufällig‹ von einer Hand voll Inspektionen Bildmaterial vor, das natürlich niemand mit Vorbedacht aufgezeichnet hat, Sie verstehen. Was für ein unglaublicher Zufall, dass die internen Aufzeichner der fraglichen Schiffe ausgerechnet im entscheidenden Augenblick aktiv waren! Offensichtlich ist man diese Aufnahmen sehr sorgfältig durchgegangen, ehe man das Material auswählte, das Cardot ihrer Note beifügte, und ich bezweifle keinen Augenblick lang, dass sie die Bemerkungen unserer Leute sogar noch sorgfältiger aus dem Zusammenhang gerissen hat. Aber immerhin haben sie ein wenig Bildmaterial. Das ist ein Grund, weshalb mir der Gedanke an erfundene Zwischenfälle solches Kopfzerbrechen bereitet. Ich meine, den Tuscaniern muss klar sein, dass wir durchschauen werden, dass sie in Bezug auf diese … Vorfälle lügen; für wen also erzeugen sie sie überhaupt? Es muss eine dritte Seite geben, und ich glaube, das ist auch die Erklärung dafür, dass Bildmaterial vorgelegt wird. Sie wissen selbst, wie leicht sich bei bestimmten Personen selbst die albernsten Anschuldigungen mit Bildmaterial untermauern lassen.«

»Und diese bestimmten Personen gehören in diesem Fall der Grenzsicherheit an, vermuten Sie?«

»Das befürchte ich«, gab sie zu. »Vor allem aber fürchte ich, dass die Tuscanier nicht ganz von allein auf diesen Gedanken gekommen sind - welchen Zweck sie auch verfolgen.«

»Sie meinen, Manpower könnte dahinterstecken?«, fragte O'Shaughnessy, als ihm ein gewisses Gespräch mit Ambrose Chandler am Seeufer ins Gedächtnis trat, und Medusa zuckte die Achseln.

»Ich weiß es nicht. Wenn es so ist, dann hat man reichlich schnell gehandelt. Selbst wenn wir annehmen, dass New Tuscany ein reifer Apfel war, der nur darauf wartete, Manpower in den Schoß zu fallen - wie zum Teufel konnte Manpower das Ganze innerhalb so kurzer Zeit aufziehen und ins Laufen bringen? Und woher in Gottes Namen nimmt selbst Manpower den Mumm her, so etwas zu versuchen, nachdem es bei Monica derart eins auf den Deckel bekommen hat?« Sie schüttelte den Kopf. »Eigentlich sollte sich Manpower bedeckt halten und abwarten, was aus Monica wird, statt woanders mit etwas zu zündeln, das ihm ebenso vor der Nase hochgehen kann. Und selbst wenn es zu dumm wäre, das zu begreifen, ich komme einfach nicht dahinter, wie sie all das so rasch in die Wege leiten konnten. Von Mesa nach New Tuscany sind es etwa dreihundertfünfundsechzig Lichtjahre. Selbst mit einem Kurierboot braucht man dazu fünfundvierzig Tage pro Strecke, und das Attentat auf Admiral Webster ist kaum drei Monate her. Seit der Schlacht von Monica sind kaum fünf Monate vergangen. Wie konnte Manpower bei einer dreimonatigen Kommunikationsverzögerung derart schnell eine Operation dieses Umfangs in Gang setzen?«

»Die Burschen könnten von Anfang an mit New Tuscany in Verbindung gestanden haben, Mylady«, überlegte O'Shaughnessy langsam, mit nachdenklichem Blick. »Glauben Sie, Andrieaux Yvernau könnte versucht haben, den Konvent von Anfang an zu sabotieren?«

Medusa schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein. Ich bin überzeugt, dass Yvernau genau der Idiot war, als der er damals erschien. Und ich kann keinen Augenblick lang glauben, dass Leute wie die tuscanianischen Oligarchen willentlich mit jemandem wie Nordbrandt zusammengearbeitet hätten. Nicht einmal mit Westman hätten sie sich eingelassen! Sie hätten viel zu große Angst gehabt, dass sich die Unzufriedenen auf New Tuscany an Nordbrandt ein Beispiel nehmen.«

»Vielleicht sind die Tuscanier getäuscht worden«, erwiderte O'Shaughnessy. »Sie haben natürlich recht: Auf keinen Fall hätten sie mit Nordbrandt zusammengearbeitet. Wenn sie aber nicht geahnt hätten, dass sie mit Nordbrandt zusammenarbeiteten, wie auch Westman es nicht wusste, dann verschieben sich sämtliche Parameter unserer Analyse.«

»Das wäre wohl denkbar, aber es ist nur eine entfernte Möglichkeit.« Medusa schwang den Sessel von einer Seite zur anderen und kaute auf ihrer Unterlippe, während sie nachdachte. »Ich halte es für unwahrscheinlich. Zum einen glaube ich nicht, dass Yvernau so subtil vorgehen könnte - oder intelligent genug wäre -, um mit Vorbedacht eine Plattform zu bieten, auf der die reaktionärsten Oligarchen des Sternhaufens sich vereinen können. Und das hat er getan, wie Sie wissen. Ich glaube, wenn er Befehl gehabt hätte, den Konvent scheitern zu lassen, dann wäre er von Anfang an stärker auf Konfrontation bedacht gewesen, anstatt zu versuchen, sich auf seine ölige Art in eine Position zu bringen, in der er bestimmt, wie der Verfassungsentwurf aussieht. Und seien wir ganz ehrlich, seine Forderungen waren erheblich gemäßigter als die, die Tonkovic erhoben hat. Wenn er wirklich den Konvent hätte scheitern lassen wollen, warum hat er sich dann nicht ihr angeschlossen? Wieso hat er dann seinen weitaus gemäßigteren eigenen Entwurf vorgelegt, der durchaus Chancen besaß, angenommen zu werden?«

»Ich fürchte, da muss ich Ihnen recht geben.« O'Shaughnessy seufzte. »Er müsste erheblich raffinierter gewesen sein, als er erwiesenermaßen ist, um zu versuchen, die Verfassung auf diese komplizierte Art zu Fall zu bringen. Es sei denn natürlich, jemand anderes hätte die Strippen gezogen.«

»Und damit stehen wir wieder vor dem zeitlichen Problem«, sagte Medusa. »Man kann Informationen schlichtweg nicht schnell genug über interstellare Entfernungen übermitteln, um solch einen Plan in die Tat umzusetzen. Und wenn New Tuscany wirklich von Anfang an daran teilhatte, wieso hat es dann zuerst so krampfhaft versucht, sich einen Platz am Futtertrog zu sichern? Es bestehen keinerlei Zweifel daran, dass die Mehrheit der tuscanianischen Oligarchen ihre Reisschüsseln hinhalten wollte, als das Sternenkönigreich in den Sternhaufen zu investieren begann. Deshalb haben sie den Anschluss überhaupt erst unterstützt, bis sie schließlich feststellten, dass sie die politische Kontrolle über ihre Heimatwelt verlieren würden, wenn der Anschluss nach den Bedingungen Ihrer Majestät verliefe und nicht nach den ihren.«

»Dann sind sie vielleicht so sauer, weil ihre Schüsseln leer blieben, dass sie das Ganze aus eigenem Antrieb tun«, sagte O'Shaughnessy achselzuckend.

»Nein, Henri hat völlig recht. Yvernau ist vielleicht ein Idiot - nein, er ist ganz bestimmt ein Idiot -, aber es muss auf seinem Planeten und in seiner Regierung zumindest ein paar Personen geben, die einen höheren IQ besitzen als Pflaumenkompott. Diese Personen dürften mittlerweile gemerkt haben, dass Manpower die Strippen zieht, wie Sie es ausdrücken. Ich würde meinen, sie müssten sich von jemandem, der Nordbrandt auf den Sternhaufen losgelassen hat, sofort distanzieren. Aber gerade, weil Nordbrandt der tuscanianischen Unterklasse ein Beispiel für den Aufstand bietet, sollten die Oligarchen im Moment wirklich nicht unseren Zorn auf sich ziehen wollen. Es sei denn, sie glaubten, dass ihnen jemand Mächtiges den Rücken stärkt - jemand so Mächtiges, dass er uns ihnen vom Hals halten kann, wenn wir reagieren, und ihnen gleichzeitig erlaubt, den Stiefel im Nacken ihrer Unterschicht zu lassen. Und wo müsste dieser Mächtige sein?«

»Irgendwo näher als Mesa. Darauf wollten Sie doch von Anfang an hinaus, richtig, Mylady?«

»Ja«, gab Medusa zu und verzog das Gesicht. »Meyers ist New Tuscany näher als Mesa, und die Grenzsicherheit verfügt über erheblich größere Ressourcen als Manpower. Und entmutigend viel Erfahrung in der Hilfeleistung für alles andere als wünschenswerte Regimes, durch Unterdrückung der inneren Opposition an der Macht zu bleiben, fürchte ich. Dadurch ist das OFS für New Tuscany vielleicht attraktiver als unser verderblicher Einfluss. Ganz zu schweigen davon, dass die Grenzsicherheit sich mit den Sonnensystemen hier im Quadranten und drum herum weit besser auskennt als jemand von Manpower. Was Botschafterin Corvisart im Monica-System herausfinden konnte, deutet stark darauf hin, dass das Geschäft zwischen Manpower und dem Jessyk Combine einer- und Nordbrandt und President Tyler andererseits durch das OFS vermittelt wurde. Ich glaube nicht, dass irgendein Grund zu der Annahme besteht, Kommissar Verrochio könnte keine Geschäfte aushandeln, wenn er sich dazu entschließt. Und wenn sich jemand noch mehr als Manpower darüber ärgern dürfte, wie Terekhov die Monica-Operation aus dem All geblasen hat, dann Lorcan Verrochio.«

»Ein hässlicher Gedanke«, stimmte O'Shaughnessy ihr zu und schürzte nachdenklich die Lippen. Dann jedoch schüttelte er den Kopf. »Ein hässlicher Gedanke, und vielleicht sind Sie auf der richtigen Spur, Mylady, aber mir will es so vorkommen, als gälten viele der Zeitprobleme, die in dem Fall auftreten, dass Mesa der Drahtzieher wäre, auch für Verrochio. Die Reisezeit für ein Kurierboot zwischen Meyers und New Tuscany liegt nur eine T-Woche unter der Reisedauer zwischen Mesa und New Tuscany. Folglich spart man hin und zurück nur einen halben T-Monat.«

»Das stimmt. Ich vermute allerdings, dass Manpower erst irgendwann nach Admiral Websters Ermordung an New Tuscany herangetreten ist. Vorher jedenfalls nicht. Dann aber hätte Manpower nicht genug Zeit gehabt, New Tuscany auch nur ein Bündnis vorzuschlagen, ehe die Tuscanier damit begannen, die ›Zwischenfälle‹ zu fabrizieren. Wenn Verrochio jedoch damit in dem Augenblick begonnen hätte, in dem er vom Monica-Fiasko erfuhr, wären vor dem ersten Ereignis im Pequod-System zwei komplette Kommunikationszyklen vergangen. Selbst angenommen, Manpower hätte genau gleichzeitig begonnen, hätte es innerhalb dieses Zeitrahmens nur anderthalb Kommunikationszyklen zur Verfügung gehabt. Außerdem hätte die Absprache mit dem OFS Manpower Zeit gekostet, Verrochio hingegen gar nicht: In diesem Raumsektor ist er die Grenzsicherheit.«

»Ich stimme Ihrer Argumentation zu, Mylady«, entgegnete O'Shaughnessy, »aber bei allem schuldigen Respekt, im Moment spekulieren wir beide nur. Wir wissen nicht einmal ansatzweise genug für irgendeine

fundierte Auswertung, und eines der obersten Prinzipien der nachrichtendienstlichen Auswertung lautet -«

»… dass man, wenn man zu früh mit zu wenig Informationen zu spekulieren beginnt, dazu neigt, alle späteren Informationen im Lichte seiner ersten Hypothese zu betrachten«, unterbrach ihn Medusa und bedachte O'Shaughnessy mit einem bemerkenswert koboldhaften Grinsen. »Sehen Sie? Ich habe Ihnen zugehört, Gregor.«

»Jawohl, Mylady, das haben Sie«, erwiderte er ein klein wenig verärgert.

»Ich wollte Sie vor allem auf den aktuellen Stand bringen und darlegen, in welche Richtung meine Gedanken gehen, ehe wir uns mit Khumalo und Chandler zusammensetzen. Ich habe keinerlei Interesse, mit Ihnen ein Komplott zu schmieden, damit den beiden keine andere Wahl bleibt, als meinen Vermutungen zuzustimmen, aber es kann nicht schaden, wenn Sie sich bereits im Vorfeld mit den Informationen befassen.«

Er nickte verstehend, und Medusa sah auf die Zeit-Datum-Anzeige in der Ecke ihres Schreibtischdisplays.

»Und wo wir schon davon sprechen, uns mit Khumalo und Chandler zusammenzusetzen - in etwa neunzig Minuten ist die Besprechung fällig.«

»Alles in allem, Governor«, sagte Augustus Khumalo gut drei Stunden später, »stimme ich Ihnen grundsätzlich zu.«

»Wirklich?« Medusa lächelte ihn an. »Mittlerweile weiß ich schon gar nicht mehr, worin Sie mir eigentlich beipflichten!« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe alles schon so oft hin und her gewälzt, dass ich fast fürchte, meine eigenen Theorien nicht mehr zu kennen!«

»Ja, mir ist gleich aufgefallen, dass Sie sich leicht ablenken lassen, Mylady«, erwiderte Khumalo in einer entspannten Scherzhaftigkeit, von der noch vor wenigen T-Monaten weder er noch sie geglaubt hätten, sie könnte sich jemals zwischen ihnen einstellen. »Gestatten Sie mir, dass ich zusammenfasse. Prinzipiell stimmen wir wohl alle überein, dass Kriegsminister Krietzmanns Verdacht gegen New Tuscany auf einer realistischen Grundlage beruht. Ich glaube, wir sind uns außerdem einig, dass die Tuscanier uns niemals provozieren würden, ohne Rückendeckung zu besitzen, mit deren Hilfe sich jede Vergeltung abweisen lässt, die wir vielleicht üben könnten. Und dass man sich nicht solche Mühe gemacht hätte, diese sogenannten Zwischenfälle zu fabrizieren, wenn man nicht planen würde, sie als Beweismaterial zu benutzen, und sei es nur vor dem Gerichtshof der öffentlichen Meinung.«

»Und ich glaube, wir sollten hinzufügen, dass unser Disput mit der Republik Haven über die diplomatische Korrespondenz vor Kriegsausbruch wahrscheinlich eine Rolle in den Plänen der Drahtzieher spielt, die diese Situation inszeniert haben«, warf Amandine Corvisart ein.

Sir Anthony Langtry, der Außenminister des Sternenkönigreichs von Manticore, hatte sich im gleichen Amt des Sternenimperiums wiedergefunden, da Außenpolitik zu den Ressorts gehörte, die das Imperium für sich in Anspruch nahm und nicht der lokalen Autonomie unterwarf. Corvisart gehörte seit Jahren zu den erfahrensten Troubleshootern des Foreign Office und war auf diese Weise mit der heißen Kartoffel von Captain Terekhovs völlig ungenehmigter Invasion des Monica-Systems betraut worden. Gleichzeitig mit der Order an Quentin O'Malley, seine Schlachtkreuzer von Monica zum Lynx-Terminus zu verlegen, war Corvisart von Langtry dauerhaft Baronin Medusas Stab zugeteilt worden. Eines von O'Malleys Kurierbooten auf Kurs zum Heimatsystem hatte einen Umweg gemacht, um Corvisart im Spindle-System abzusetzen, und die kaiserliche Gouverneurin war entzückt gewesen, sie zu bekommen.

»Das ist ein gutes Argument, Amandine«, sagte Medusa. »Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen, obwohl er eigentlich naheliegt. Die Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen zwischen Landing und Nouveau Paris werden in jedem Disput zwischen uns und New Tuscany nachklingen, nicht wahr?«

»Für die Sollys auf jeden Fall, Mylady«, stimmte Corvisart zu. »Für jeden solarischen Beobachter stehen wir, diplomatisch gesehen, in ziemlich trübem Lichte dar. Warum sollte man uns glauben und nicht New Tuscany, wenn wir plötzlich schon wieder in diplomatischem Gerangel stecken? Und wenn die Tuscanier auch noch Bildaufzeichnungen vorlegen können, die ihre Behauptungen beweisen? Ich glaube zwar nicht, dass irgendjemand von ihren ›Beweisen‹ besonders beeindruckt sein wird, aber das spielt auch keine Rolle. Betrachten Sie es einmal aus Verrochios Sicht. Wenn er diese Geschichte gegen uns wenden kann, sind wir plötzlich die Bösen … und dann erwacht wieder der Verdacht der Solarier, wir hätten ›imperialistische‹ Neigungen, auf den ja auch Nordbrandts Gräueltaten abgestellt waren. Vor allem aber kann Verrochio sich diesmal als strahlender Ritter auf weißem Ross in Szene setzen, der zur Rettung heranprescht. Vor der ganzen Galaxis wird er darauf hinweisen, dass es sich um einen völlig isolierten Zwischenfall mit einer offensichtlich unschuldigen dritten Seite handelte, und dann wird automatisch alles suspekt erscheinen, was wir über die Vorgänge im Monica-System ans Licht gebracht haben.«

»Womit er sich in den solarischen Medien rehabilitieren könnte«, sagte O'Shaughnessy bedächtig nickend.

»Und gleichzeitig hätte er die Genugtuung, uns kräftig was aufs Auge verpasst zu haben«, fügte Khumalo hinzu.

»Lassen wir uns im Moment noch auf keine Verschwörungstheorien ein«, warnte Medusa. »Wie Gregor mir heute schon dargelegt hat, haben wir im Moment einfach nicht genügend Informationen, um bereits Schlüsse zu ziehen.«

»Nun, wenn wir die Informationen bekommen können, dann sollten wir es aber tun, Mylady«, erwiderte Ambrose Chandler mit einem schiefen Lächeln.

»Ich stimme Commander Chandler zu«, sagte Corvisart. »Gleichzeitig finde ich, wir sollten im Kopf behalten, dass wir, wenn jemand uns dumm dastehen lassen will, nichts Schlimmeres tun könnten, als allzu proaktiv zu werden, ehe wir alle Informationen besitzen. Mir scheint es, als wäre dies einer jener Fälle, wo es am besten ist, untätig zu bleiben, bevor man mehr Puzzlesteine gesammelt hat.«

»Sie meinen, Cardots Note sollte gar nicht offiziell beantwortet werden?«, fragte Khumalo leicht unzufrieden.

»Richtig, Admiral. Ich möchte nicht implizieren, dass wir an anderen Fronten nichts unternehmen sollten - zum Beispiel sollten wir uns Commander Chandlers zusätzliche Informationen beschaffen. Ich glaube aber, dass es ein Fehler wäre, New Tuscany eine offizielle Antwort zu erteilen, die es aus dem Zusammenhang reißen oder verzerren könnte.«

»Ich glaube, das wäre sehr sinnvoll«, stimmte Medusa zu. »Das bringt uns an den Punkt, wo wir entscheiden müssen, wie wir uns diese zusätzlichen Informationen beschaffen. Hat jemand dazu einen Vorschlag?«

»Als Erstes fällt mir dazu ein, jemanden mit höherem Rang als Commander Denton nach Pequod zu schicken, Mylady«, begann Khumalo nach kurzem Zögern. »Nicht dass ich Dentons Maßnahmen auch nur in geringster Weise kritisieren will. Nein, er hat die Situation bemerkenswert gut bewältigt. Trotzdem bleibt er ein Lieutenant Commander, und die Reprise ist nur ein Zerstörer - und noch dazu nicht gerade das neuste Modell. Hier haben wir es nicht mit einer Lage wie im Split-System zu tun, als wir die Hexapuma schickten« - er lächelte Medusa schief an -, »denn im Fall Pequod brauchten wir uns um die Reaktion der Systemregierung keine Gedanken zu machen, also brauchten wir auch nur gerade so viele Schiffe zu schicken, wie für die eigentliche Aufgabe erforderlich war. Mittlerweile wünschte ich, wir hätten Pequod eine höhere Priorität gegeben, als wir die LACs verteilten, aber Pequod ist erheblich weniger exponiert als Systeme wie Nuncio oder Howard und sogar nach dem erheblichen Zuwachs an Verkehr in der Lage, seine Zollinspektionen alleine durchzuführen. Im Grunde ist die Anwesenheit der Reprise vor allem als Geste kaiserlicher Unterstützung für die Einheimischen zu verstehen.«

Medusa nickte. Obwohl der Quadrant Priorität genoss, was die Versorgung mit LACs betraf, konnte die Verlegung nicht über Nacht erfolgen. Begrenzender Faktor war nicht nur die Zahl der LAC-Träger, die die Boote zu ihren neuen Stationen transportierten, sondern auch die Engpässe bei den Versorgungsschiffen, die den Nachschub bringen mussten, sobald die LACs einmal dort waren. Die Admiralität baute alte Schiffe so rasch wie möglich zu Flottenversorgern um, und das Hauptmann-Kartell lieferte bereits die ersten modularen Depotbasen, die unabhängig eingesetzt werden sollten, nachdem sie in Standardfrachtern zu ihren Stationen gebracht und vor Ort zusammengesetzt worden waren. All das jedoch kostete Zeit, und Khumalo und Krietzmann hatten entschieden, die am stärksten exponierten Punkte zuerst zu versorgen. Pequod war dem Handelsbund Rembrandt so nahe, dass dessen Systeme im Notfall eigene Flottenverbände entsenden konnten - die beträchtlich kampfkräftiger waren als in anderen Sonnensystemen des Talbott-Sternhaufens -, und hatte daher in den Dislozierungsplänen eine niedrige Priorität erhalten.

»Trotzdem wäre es gut, glaube ich«, fuhr Khumalo fort, »wenigstens einen Captain of the List ins System zu bringen, der Denton aus der Schusslinie nimmt und der Anweisungen hat, New Tuscany klarzumachen, dass wir wissen, dass es lügt, und nicht die Absicht haben, es damit durchkommen zu lassen.«

»Ich glaube, ich stimme Ihnen zu«, sagte Medusa bedächtig. »Aber angenommen, wir tun es, wen wollen Sie entsenden, Admiral?«

»Im Augenblick denke ich an eine von Commodore Onassis' Nikes. Ich glaube aber nicht, dass ich Onassis persönlich schicken würde. Nicht nur, weil wir sie dann nicht hier im Spindle-System hätten, falls etwas vorfällt, sondern sie wäre meiner Meinung nach auch zu ranghoch für diese Aufgabe. Wir möchten Entschlossenheit demonstrieren, aber nicht den Eindruck erwecken, wir bekämen es mit der Angst zu tun.«

Medusa nickte mit nachdenklichem Stirnrunzeln. Die Ereignisse der letzten Monate hatten eindeutig Khumalos Selbstvertrauen gestärkt. Und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass er stets einen besseren Instinkt für die politischen und diplomatischen Aspekte seiner Aufgaben an den Tag gelegt hatte, als sie ihm anfänglich zugetraut hatte.

»Verzeihen Sie, Admiral, Governor«, sagte Captain Shoupe behutsam, und Medusa und Khumalo sahen beide die Stabschefin des Admirals an.

»Ja, Captain?«, fragte Medusa.

»Bei allem schuldigen Respekt, ich bin mir nicht sicher, ob die Entsendung einer Nike aus Commodore Onassis' Division zum gegebenen Zeitpunkt die … optimale Reaktion wäre.«

»Und warum nicht, Loretta?« Khumalos Frage war aufrichtig gemeint, begriff Medusa, und keine als Frage formulierte Ablehnung, auch wenn sie gerade öffentlich erklärt hatte, dass sie einem Vorschlag ihres Admirals zumindest teilweise widersprach.

»Zwo Punkte sind mir aufgefallen, Sir«, erwiderte Shoupe. »Erstens finde ich, dass es bereits nach Überreaktion aussieht, wenn wir einen Schlachtkreuzer in ein kleines, armes Sonnensystem wie Pequod schicken, um dort als überkandidelter Zollkutter zu agieren. Immerhin haben Sie vorhin angeführt, wir sollten Entschlossenheit zeigen, ohne ängstlich zu wirken. Zwotens steht Ihnen außer Commodore Onassis' Division im Moment keine konzentrierte echte Feuerkraft unverzüglich zur Verfügung. Ich glaube nicht, dass es eine ideale Lösung wäre, fünfundzwanzig Prozent davon wegzuschicken, ehe wir wenigstens gehört haben, wie es Admiral Gold Peak im Monica-System ergangen ist.«

»Hm.« Medusa kratzte sich die Nasenspitze und nickte. »Zwei ausgezeichnete Argumente, Captain. Aber wenn wir keinen Schlachtkreuzer schicken, was dann?«

»Nun«, sagte Shoupe, nachdem sie Khumalo angeblickt und er ihr mit einem Nicken die Erlaubnis weiterzureden erteilt hatte, »ich möchte vorschlagen, dass wir uns bedeckt halten, bis die erste Flottille Rolands hier eingetroffen ist, Mylady. Wir haben natürlich noch keinen einzigen dieser neuen Zerstörer gesehen, und mir ist bewusst, dass die Dislozierungspläne noch immer provisorisch sind und geändert werden können. Aber ein Roland ist größer als viele Leichte Kreuzer, und ich bezweifle, dass die Admiralität die Namen der Zerstörerkommandanten einfach aus einem Hut gezogen hat.«

»Das ist wirklich keine schlechte Idee, Loretta«, stimmte Khumalo zu. »Ein Roland ist groß genug, um jedem klarzumachen, dass wir es ernst meinen, aber trotzdem handelt es sich offiziell um ›nur‹ einen Zerstörer. Und Sie haben ganz recht, Admiral Cortez wird diesen Schiffen nur handverlesene Kommandanten geben. Ich bezweifle, dass wir dabei so viel Glück haben, einen zwoten Terekhov zu ziehen, aber wer immer dort die Brücke hat, ist auf jeden Fall erste Wahl.«

»Und indem wir abwarten, bis zusätzliche Einheiten aus dem Heimatsystem eintreffen, unterstreichen wir, dass wir bewusst handeln und nicht aus Panik Aktionismus betreiben«, stimmte Medusa zu.

»Ganz zu schweigen davon, dass Admiral Gold Peak es vermutlich zu schätzen wüsste, wenn wir ihr Geschwader nicht in immer kleinere Portionen zerhacken, ehe sie hier wieder eintrifft«, fügte Khumalo mit einem leisen Lachen hinzu. »Jedenfalls nicht, ohne dass ein echter Notfall es rechtfertigen würde!«

Vizeadmiral Jessup Blaine versuchte, sich nicht allzu sehr zu langweilen, während er Routineberichte las und Schreibarbeiten erledigte. Es war schön, eine eigene Kampfgruppe zu kommandieren und zwei Geschwader gondelaussetzende Wallschiffe zu haben, die auf seine Befehle warteten, und es war auch schön, dass die Schlachtkreuzer unter Quentin O'Malley von Monica zu ihm zurückgekehrt waren.

Doch allmählich wurde ihm die Zeit lang. Solange ein Flottenchef einen tüchtigen Stab besaß (und Blaine hatte ihn), während sein Verband Vorpostenaufgaben versah, hatte er einfach nicht besonders viel zu tun, da konnte besagter Vorposten so wichtig sein, wie er wollte. Auf keinen Fall konnte er irgendwo Streit anfangen, und irgendwann fielen ihm keine neuen Kriegsspiele, Simulationen und Alarmübungen mehr ein, keine neuen Szenarien für Scheingefechte gegen die Raumforts, die den Lynx-Terminus schützten, und von denen zwei Drittel bereits komplett in Dienst standen. Die Leistungen der Festungen hatten Blaine beeindruckt. Davon abgesehen blieb ihm nichts weiter übrig, als sich wie ein wachsamer Geist im Hintergrund zu halten, während sein Stab, seine Geschwaderkommandeure und Sternenschiffkommandanten den interessanten Teil des Drills und der Verwaltung ihrer Kommandos versahen.

Ach, jetzt hör schon auf zu jammern, Jessup!, schalt er sich. Als du Kommandant warst, hast du gedacht, der Erste Offizier hat den ganzen Spaß. Als du Eins-O warst, waren es die Ressortoffiziere. Und als Ressortoffizier warst du neidisch auf die Divisionsoffiziere. Wahrscheinlich lagst du damit sogar richtig, wenn ich es recht bedenke.

Seine Lippen zuckten bei dem Gedanken, und er setzte seine elektronische Unterschrift und seinen Daumenabdruck in den Signaturblock eines weiteren fesselnden Berichtes über den Bestand an Ersatzlaserclustern an Bord eines seiner angeschlossenen Werkstattschiffe. Warum er ihn abzeichnen musste, gehörte zu den kleineren Mysterien des Lebens.

Ich möchte wetten, dass D'Orville keine Stücklisten abzeichnen muss. Blaine zog aus dem Gedanken eine gewisse perverse Befriedigung. Er hat wahrscheinlich irgendeinen Stabsheini tief in den Eingeweiden seines Flaggschiffs, der sich um so was kümmert. Und so sollte es auch sein. Genauer gesagt, ich sollte die Augen aufhalten und mir jemanden suchen, auf den ich es abwälzen …

Sein Gedankengang brach ab, als in der Ecke seines Displays plötzlich und grell ein Vorrang-Icon aufflammte. Blaine starrte es einen, zwei Herzschläge lang an. In seiner gesamten Karriere hatte er dieses Icon nie außerhalb einer Übung oder einer Simulation gesehen, erinnerte er sich in einem winzigen Winkel seines Gehirns, dann zuckte seine Hand vor und drückte die Annahmetaste.

»Blaine!«, fauchte er in dem Moment, in dem der wachhabende Signaloffizier seines Flaggschiffs auf dem Display erschien. Der weibliche Lieutenant Senior-Grade, wirkte viel zu jung für ihren Rang, und ihr jugendliches Gesicht war weiß wie Papier.

»Es tut mir leid, Sie zu stören, Admiral«, sagte sie. Sie sprach so schnell, dass die Wörter ineinander übergingen. »Wir haben soeben ein Vorrangsignal von der Admiralität erhalten. Wir haben Fall Zulu, Sir!«

Nur einen Augenblick lang spürte Blaine, wie ihm der Atem in der Brust gefror. Sie musste sich irren, darauf bestand ein Teil seines Geistes. Entweder das, oder er hatte sie missverstanden. Bei der Flotte hatte »Fall Zulu« nur eine Bedeutung: Invasion steht unmittelbar bevor. Aber niemand, nicht einmal die Havies, konnte so wahnsinnig sein, es mit den Abwehrwaffen des manticoranischen Heimatsystems aufnehmen zu wollen!

»Ist eine Stärkenabschätzung des Gegners angehängt, Lieutenant?« Blaine war erstaunt, wie ruhig seine Stimme klang. Das konnte jedenfalls nicht daran liegen, dass er besonders ruhig gewesen wäre! Vielmehr, so begriff er auf der Stelle, war es lediglich eine Reaktion auf die Miene des Lieutenants und die Anspannung, die in ihrer Stimme knisterte wie ein kurzgeschlossenes Stromkabel.

»Jawohl, Sir, so ist es.« Der Signaloffizier atmete tief durch, und trotz der Lage empfand Blaine eine leichte Belustigung, als sie automatisch auf den beruhigenden Einfluss seines Tonfalls reagierte. Doch lange hielt diese Belustigung nicht an.

»Erste Abschätzung der Admiralität spricht von mindestens dreihundert Wallschiffen, Sir«, sagte sie. »Erste Vektorenextrapolation deutet darauf hin, dass sie sich auf zeitoptimiertem Kurs Sphinx nähern wollen.«

Blaine war, als hätte ihm jemand in den Bauch geboxt. Dreihundert Wallschiffe? Das war … das war Irrsinn. Wenn Thomas Theisman als Kriegsminister der Republik Haven stets eines verweigert hatte, dann den Menschen unter seinem Befehl die Todesritte von Offensivoperationen zu befehlen, wie sie der Flotte früher vom Komitee für Öffentliche Sicherheit abverlangt worden war.

Aber vielleicht ist es kein Todesritt, dachte Blaine, während ihm ein eisiger Wind durch das Mark seiner Knochen strich. Dreihundert Wallschiffe … wahrscheinlich mit Maximalladungen Raketengondeln … D'Orville gezwungen, auch den Wurmlochknoten zu schützen …

Herr im Himmel, begriff er plötzlich, und ihm wurde noch kälter. Sie könnten es tatsächlich schaffen! Und wenn das passiert …

»Sofort Signal an alle Geschwader- und Divisionskommandeure«, hörte er seine Stimme dem weiblichen Lieutenant auf dem Display befehlen.

»Jawohl, Sir.« Die Erleichterung der jungen Frau, etwas tröstlich Vertrautes tun zu können, war offensichtlich. »Mikrofon aktiv, Sir«, meldete sie einen Augenblick später.

»Leute«, sprach Blaine in den Aufzeichner, »wir werden zu Hause gebraucht. Augenblicklich tritt Operationsplan Heimkehr in Kraft. In dreißig Minuten haben die Impellerkeile zu stehen, und Ihre Schiffe laufen aus. Blaine Ende.«

Der Signaloffizier drückte eine Taste und sah ihn an.

»Saubere Aufnahme, Sir«, bestätigte sie.

»Hängen Sie den vollständigen Text der Admiralitätsdepesche an«, befahl er.

»Jawohl, Sir!«

»Dann senden Sie es, Lieutenant. Senden Sie es.«

Blaine trennte die Verbindung, und während er begann, die Comkombination seines Stabschefs mit Notfallvorrangkennung einzugeben, zuckten ihm noch einmal seine Gedanken über Ubungsgefechte durch den Kopf wie ein Sommergewitter am fernen Horizont. Wenigstens hatten sie Plan Heimkehr geübt, die Notfallverlegung der Kampfgruppe ins Heimatsystem. Nicht dass irgendjemand erwartet hätte, ihn je zu brauchen.

Wie mein Vater immer zu sagen pflegte: Es gibt wichtige Dinge, die man eigentlich nie wirklich benötigt - bis zu dem Moment, wo man sie dringend benötigt. Merkwürdig. Ich habe ihn immer für überzogen pessimistisch gehalten.

»Jawohl, Sir?« Sein Stabschef erschien auf dem Bildschirm, in einen Trainingsanzug gekleidet, und wischte sich mit einem Handtuch Schweiß von Stirn und Wangen. Hinter ihm sah Blaine eine eingefrorene Basketballsimulation.

»Ich fürchte, Ihr Match ist vorbei, Jack«, sagte Blaine. »Offenbar haben wir ein kleines Problem.«

3

»Gute Arbeit beim Erfassen des Kontakts, Pettigrew«, lobte Lieutenant Abigail Hearns. »Wir müssen allerdings lernen, die Identifikation der Bogeys schneller zu aktualisieren.«

»Jawohl, Mylady«, antwortete Sensortechniker Erster Klasse Isaiah Pettigrew mit beinahe demütiger Stimme, und Abigail konnte sich gerade noch verkneifen, mit den Zähnen zu knirschen.

Der hochgewachsene, schlaksige Sensortechniker hatte den gleichen weichen, singenden Tonfall wie sie. In vielerlei Hinsicht erinnerte er sie auf zutiefst beruhigende Weise daran, wer sie war, nachdem sie ihre Heimatwelt so lange nicht mehr gesehen hatte. Andererseits hätte sie Pettigrew - und eine Hand voll weiterer Graysons in der Besatzung von HMS Tristram - am liebsten mit bloßen Händen erwürgt.

Eigentlich ist es nicht seine Schuld, sagte sie sich … schon wieder. Er stammt von Grayson. Er kann nicht vergessen, dass Daddy Gutsherr Owens ist und ich darum Miss Owens bin und nicht bloß Lieutenant Hearns. Wahrscheinlich fällt ihm deshalb die Anrede ›Ma 'am‹ gar nicht erst ein, wenn er mit mir reden muss. Und so ärgerlich das auch ist, ich könnte wahrscheinlich damit leben, wenn er nur aufhören würde, so dreinzuschauen, als würde er am liebsten auf die Knie gehen und mir die Hand küssen, sobald ich ihn anspreche!

Aus irgendeinem Grund war ihr, als sie sich die Scherereien ausmalte, die an dem Tag auf sie warteten, an dem sie in die Navy ihrer Geburtswelt zurückkehrte, dieses besondere Hindernis nicht eingefallen. Sie hatte sich zu sehr auf Graysons altes Verbot des Militärdienstes von Frauen konzentriert, sich zu große Sorgen gemacht, ob die männlichen Graysons bereit wären, eine weibliche Grayson als befehlsgebende Stimme zu akzeptieren, nachdem sie sich schon an weibliche manticoranische Kommandostimmen hatten gewöhnen müssen, an Gutsherrin Harrington und andere »Leihgaben« von der RMN. Sie hatte sich gegen Untergebene gewappnet, die nicht glauben könnten, dass ein anständiges Mädchen von Grayson ein »richtiger« Offizier sein könnte, aber sie hatte nie daran gedacht, wie die traditionalistischeren männlichen Graysons aufgrund der beinahe schon genetisch verwurzelten sozialen und religiösen Programmierung ihrer Herkunftsgesellschaft reagieren würden.

Pettigrew entstammte einem sehr traditionsbewussten graysonitischen Elternhaus. Er vermochte seine Ehrerbietung für die Tochter eines Gutsherrn schlichtweg nicht zu unterdrücken, und daraus konnte für Abigail ein ernsthaftes Problem entstehen, denn von allen Ressortoffizieren der Tristram besaß sie das geringste Rangdienstalter. Sie stach bereits dadurch hervor, dass sie das einzige Besatzungsmitglied mit einem persönlichen Leibwächter war - den das Gesetz Graysons ihr vorschrieb. Mateo Gutierrez, ihr hoch aufragender persönlicher Waffenträger, hatte sich in die kleine Besatzung der Tristram genauso gut eingefügt wie früher in die Crew der Hexapuma, aber jeder wusste, dass es ihn gab, und Abigail vermutete, dass einige ihrer manticoranischen Offizierskameraden seine Gegenwart als eine Allüre betrachteten, wie man sie von Neobarbaren nicht anders erwartete. Und als Vorzugsbehandlung, die nur dazu führen konnte, dass Abigail sich für wichtiger hielt, als sie war. Schädlich wäre auch gewesen, wenn die anderen Lieutenants an Bord, die wie gesagt ausnahmslos ein höheres Rangdienstalter besaßen als sie, zu dem Schluss gelangten, dass die graysonitischen Besatzungsmitglieder Abigail größeren Respekt und Gehorsam entgegenbrachten als irgendeinem anderen Offizier. Dabei passte dieses Verhalten Abigail überhaupt nicht. Zu den Dingen, die ihr bei ihrem Dienst in der Royal Manticoran Navy bislang am meisten gefallen hatten, gehörte, dass sie für die meisten Mantys einfach nur Lieutenant Hearns war. Niemand verschwendete seine Zeit damit, vor ihr zu buckeln oder sie anzublicken wie ein gefallsüchtiger Hundewelpe.

Am meisten jedoch störte sie an Pettigrew sein offenkundiger Konflikt zwischen militärischer Disziplin und Ausbildung auf der einen und der jedem Grayson in Fleisch und Blut übergegangenen Auffassung auf der anderen Seite, Frauen seien um jeden Preis zu beschützen - und zwar nicht nur vor den physischen Gefahren des Universums. O nein! Sie mussten auch vor allem beschützt werden, was ihre empfindliche Psyche belasten konnte! Diese Vorstellungen hatte Pettigrew mit der Muttermilch eingesogen, und das merkte man.

Du bist erst seit sechs Tagen an Bord, Abigail, erinnerte sie sich. Vielleicht ist es noch ein bisschen früh, deinen Frustrationsquotienten auf solche Höhen steigen zu lassen, findest du nicht? Außerdem kommen mindestens dreißig Prozent der Besatzungsmitglieder von Grayson.

»Ich will nicht sagen, Sie hätten insgesamt keine ausgezeichnete Arbeit geleistet, Pettigrew«, sprach sie laut aus. »Ich sage nur, wir müssen daran arbeiten, einen Kontakt schneller zu identifizieren, zumindest nach Klassen.«

»Jawohl, Mylady. Ich habe verstanden.«

Abigail biss sich auf die Zunge, damit sie ihn nicht scharf erinnerte - keineswegs zum ersten Mal -, dass sie ihm und allen anderen Graysons in ihrer Abteilung gesagt hatte, dass sie ein Raumoffizier war und als solcher angesprochen zu werden wünschte und nicht als graysonitische Prinzessin.

Ich muss es ihm noch einmal einschärfen, aber nicht jetzt, dachte sie.

Der Taktiksimulator war voll bemannt, und nur drei der Insassen außer Abigail waren Graysons. Bislang schienen ihre meisten manticoranischen Untergebenen die Absonderlichkeiten ihrer graysonitischen Kameraden mit Gleichmut hinzunehmen. In dieser Hinsicht war es vermutlich ganz hilfreich, dass Manticore eine eigene Aristokratie besaß, auch wenn selbst heute noch nicht alle Manticoraner bereit zu sein schienen, graysonitische Titel ganz ernst zu nehmen. Abigail hatte schon ganz zu Anfang entschieden, dass sie nicht dulden konnte, wenn Manticoraner und Graysons ihr unterschiedlich antworteten. Sie hatte bereits erlebt, wie der innere Zusammenhalt an Bord eines Kampfschiffes litt, wenn man Grüppchenbildung zuließ. Ihre Abteilung würde aus Leuten bestehen, die alle zur gleichen Schiffsbesatzung gehörten, ohne dass eine innere Unterteilung in »wir« und »die«, bestand. Gleichzeitig wollte sie Pettigrew nicht zusammenstauchen. Zum einen hatte er nichts getan, was einen Anpfiff rechtfertigte. Zum anderen hätte eine Standpauke wegen seiner Anrede nur Aufmerksamkeit auf die Trennungslinie gelenkt, die sie zum Verschwinden bringen wollte.

»Gut«, sagte sie stattdessen, ohne dass ihr ruhiger Ton ihre Gedanken offenbarte. Sie wandte sich Lenkwaffentechnikerin Erster Klasse Naomi Kaneshiro und dem nächsten Punkt ihrer kritischen Bewertung der Übung zu, die Lieutenant Junior-Grade Gladys Molyneux, rangniedrigster Taktischer Offizier an Bord der Tristram, unter Abigails Aufsicht durchgeführt hatte. »Kaneshiro, als Bogey-Zwo aus dem Geleitflügel ausscherte und Lieutenant Molyneux ihn zum Hauptziel der Tristram erklärte, hat Ihre Sektion ihn ein wenig langsam bestrichen.«

Trotz ihres Dienstgrades und beinahe durchgehend »ausgezeichneten« und »herausragenden« Bewertungen von ihren Ausbildern war Kaneshiro sehr jung, noch jünger als Helen Zilwicki. Sie hatte frisch die Schulung hinter sich, nach der sie die Prüfung für ihren Rang Erster Klasse abgelegt hatte, keine drei Wochen, ehe sie sich an Bord der Tristram zum Dienst meldete. Sie hatte die Last, den gleichen Vornamen zu haben wie ihre Kommandantin (wofür sie, wie Abigail wusste, in der ersten Woche gnadenlos aufgezogen worden war) mit Gleichmut getragen, doch für Abigail war offensichtlich, dass Kaneshiro eine Frau war, die es als Affront betrachtete, wenn man sie auf einen Fehler aufmerksam machte, und nicht als Herausforderung, sich zu verbessern. Nun beobachtete sie die Raketentechnikerin, die sich sichtlich bezwang, keinen Widerspruch gegen Abigails Kritik einzulegen. Abigail wartete kurz ab, ob die Lenkwaffentechnikerin sich von ihrem offensichtlichen Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, tatsächlich zu einer Auflehnung gegen einen Ressortoffizier hinreißen ließ, doch Kaneshiro hielt sich mit offenkundiger Anstrengung zurück.

»Mir ist klar, dass Sie einen Computerfehler hatten«, fuhr Abigail ruhig fort, als Kaneshiro schwieg. »Der Fehler ist vielleicht sogar einer der Gründe, weshalb ich die Verzögerung so deutlich wahrgenommen habe. Ich wusste, dass der Fehler in die Simulation programmiert war, und ich wollte sehen, wie gut wir mit so etwas zurechtkommen. Sie haben schnell und richtig reagiert, als Sie feststellten, dass wir das Ziel manuell bestreichen mussten, aber diese Feststellung hat länger gedauert als nötig. Länger, als wir in einer echten Gefechtssituation vielleicht Zeit haben. Sie müssen besser auf die Möglichkeit von Gerätversagern vorbereitet sein. Das müssen wir alle. Es ist einer der Punkte, die in dieser Simulation herausgearbeitet werden sollten. Und wir tun es, weil wir aus unseren Fehlern mehr lernen als aus unseren Erfolgen. Nur unter uns gesagt, mir ist es lieber, wenn dieser Lernprozess während einer Simulation stattfindet und nicht erst, wenn die Raketen wirklich fliegen.«

»Jawohl, Ma'am.« Kaneshiro brachte die Bestätigung ein wenig steif hervor, aber ohne den Unterton persönlichen Grolls, den Abigail anfänglich bemerkt hatte.

»Gut.« Abigail hakte den Punkt auf ihrem Memopad ab und wandte sich dem nächsten zu. »Kommen wir zu einer eher allgemeinen Beobachtung. Mir ist klar, dass wir noch nicht lange zusammen dienen, aber dabei, unsere Abteilung auf eine Linie zu bringen, stehen wir noch weiter am Anfang, als wir sollten. Leider sind die Tage zwischen hier und Spindle die einzigen, die wir bekommen, ehe wir irgendwo im Quadranten eingesetzt werden. Damit bleibt uns nicht viel Zeit, um ein eingespieltes Team zu werden. Ich habe mit Captain Kaplan darüber gesprochen, und sie hat es mit Commodore Chatterjee beredet. Das Ergebnis ist, dass wir einen kleinen Wettkampf austragen.«

Sie lächelte knapp, als etwas durch den Simulator zog, bei dem es sich um Bestürzung oder sogar um Furcht handeln mochte.

»Übermorgen«, fuhr sie fort, »beginnen wir einen flottillenweiten ›Top-Gun‹-Wettbewerb. Commodore Chatterjee und Commander DesMoines werden die Aufgaben erstellen und zuweisen. Die erste Phase wird in einer direkten Konkurrenz zwischen den einzelnen taktischen Abteilungen aller Schiffe der Flottille bestehen, die wir über eine Simulator-Simulator-Direktverbindung austragen. Aber …« - wieder lächelte sie, diesmal spöttisch - »nach der ersten Ausscheidung, sobald das beste Schiff jeder Division feststeht, nehmen wir es in Echtzeit und im echten Raum miteinander auf. Dann hängt es von jeder Abteilung im Schiff ab, Leute, nicht nur von uns, aber alles verlässt sich darauf, dass wir alles richtig machen. Ich möchte zwar nicht, dass sich jemand unter Druck gesetzt fühlt, aber ich sollte darauf hinweisen, dass ich, wenn wir unseren Job schlecht machen und nicht wenigstens das Halbfinale erreichen, unzufrieden sein werde. Und eines können Sie mir glauben: Ihnen würde es nicht besonders gefallen, mich unzufrieden zu erleben.«

»Himmel«, drang Lieutenant Wanda O'Reillys Stimme leise, aber barsch über den Offiziersmessetisch der Tristram, während sie sich zu Lieutenant Vincenzo Fonzarelli vorbeugte. »Wer ist denn auf diese bekloppte Idee gekommen?«

Fonzarelli, Leitender Ingenieur der Tristram, ließ sich Zeit und trank von seinem Bier, während er O'Reilly nachdenklich betrachtete. Wie beim Rest der Besatzung des Zerstörers gab es auch unter den Offizieren Manticoraner und Graysons. Anders als bei der übrigen Besatzung lag das Verhältnis fast genau bei eins zu eins, und O'Reilly gehörte zu den Manticoranern, die damit ein kleines Problem zu haben schienen.

Und mit einer dieser Graysons ganz besonders, würde ich sagen, dachte Fonzarelli. Was für eine Idiotin.

»Tatsächlich«, sagte der Ingenieur milde und setzte den Bierkrug ab, »glaube ich, dass der Skipper auf den Gedanken gekommen ist, eine flottillenweite Ausscheidung anzusetzen. Ich glaube, nur die Idee, die Schiffe gegeneinander antreten zu lassen, stammt von Lieutenant Hearns.«

»Na, das sieht ihr ähnlich!«, schnaubte O'Reilly.

»Und was genau soll das heißen?«, fragte Fonzarelli gleichbleibend milde.

»Na, Sie wissen schon«, erwiderte O'Reilly. Sie schwenkte die Hand und achtete darauf, leise zu reden.

»Nein, weiß ich nicht«, widersprach der Ingenieur.

O'Reilly sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, dann lächelte sie und zuckte die Achseln. »Oh, irgendwie hat es sicher seinen Sinn. Es hätte nur noch mehr Sinn, wenn wir mehr als nur zwo oder drei T-Wochen Zeit hätten, um unsere Leute einzuweisen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich meine, die Idee ist theoretisch toll. Aber was soll denn dadurch bewiesen werden, jetzt schon? Es kann doch niemand im Ernst glauben, dass diese Flottille genug Zeit hatte, sich ausreichend einzuüben, oder?«

»Wohl kaum. Aber andererseits glaube ich auch nicht, dass ein Haufen Piraten - oder, noch schlimmer, ein Haufen Sollys - sich erst vergewissern wird, ob wir genügend Zeit hatten, uns aneinander zu gewöhnen, ehe er uns angreift.«

»Natürlich nicht.« O'Reilly lief ein wenig rot an. »Ich sage ja, dass ich es für eine gute Idee halte. Aber wir müssen auf niemanden schießen, ehe wir Spindle erreichen, Vincenzo, und bis dahin sind es noch neun Tage. Ich sage nur, dass ich es für besser halten würde, noch ein paar Tage zu warten, vielleicht sogar eine ganze Woche, ehe wir mit so etwas anfangen.«

»Dann sollten Sie das vielleicht dem Skipper gegenüber erwähnen«, erwiderte Fonzarelli.

»Ha! Als ob das was nützen würde!«

»Was wollen Sie damit sagen?« Fonzarellis Stimme klang jetzt merklich schärfer als zuvor, auch wenn er sie nicht über die Lautstärke eines ruhigen Gesprächs hob - noch nicht. O'Reillys Röte vertiefte sich, und sie presste die Lippen fest zusammen, doch der Ingenieur gab ihren Blick nicht frei.

»Ich meine, ich bin Signaloffizier, nicht Taktischer Offizier«, sagte O'Reilly schließlich und schüttelte den Kopf. »Und ich kenne den Skipper noch nicht so lange wie Hearns. Natürlich haben ihre Ideen im Moment mehr Gewicht, als meine es hätten.«

»Ich verstehe.«

Fonzarelli lehnte sich zurück und musterte den Signaloffizier noch nachdenklicher. Dann neigte er den Kopf zur Seite.

»Sie mögen Lieutenant Hearns nicht besonders, was, Wanda?«, fragte er schließlich.

»Was soll man an ihr nicht mögen?«, entgegnete O'Reilly mit einem weiteren Achselzucken. »Ich kenne sie schließlich kaum!«

»Der Gedanke ist mir auch gerade gekommen«, stimmte Fonzarelli zu. »Aber eine Antwort auf meine Frage war das eigentlich nicht. Deshalb will ich mich ein wenig deutlicher ausdrücken: Was haben Sie für ein Problem mit Hearns, Wanda?«

Die Stimme des Ingenieurs wurde beim letzten Satz hart, und O'Reilly funkelte ihn an. Zum Leidwesen des Signaloffiziers waren sie zwar beide Lieutenants Senior-Grade, Fonzarelli aber fast ein ganzes T-Jahr rangdienstälter als sie. Angesichts einer konkreten Frage blieb ihr darum nicht viel Raum, um um den heißen Brei herumzulaufen.

»Ich mag sie nicht«, sagte sie schließlich mit beinahe trotzigem Gesicht. »Ich mag Hearns nicht, und ich glaube nicht, dass sie als Taktischer Offizier wirklich qualifiziert ist.«

»Verstehe.« Fonzarelli lächelte sie ein wenig gezwungen an. Es war keine sonderlich angenehme Miene. »Mal sehen, ob ich das richtig begreife. Sie kennen sie noch keine Woche, aber Sie wissen schon, dass Sie sie nicht mögen. Auf Grundlage der gleichen langen Bekanntschaft haben Sie entschieden, dass sie auch als Taktischer Offizier des Schiffes nicht qualifiziert ist. Ich erstarre in Ehrfurcht vor der Klarheit und der Schnelligkeit, mit denen Ihr außerordentlicher Intellekt diese sorgsam erwogenen Schlüsse zieht.«

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