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HONOR HARRINGTON: Schatten der Freiheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Juni 1922 P. D.
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  1. Juli 1922 P. D.
  2. Kapitel 13
  3. Kapitel 14
  4. Kapitel 15
  1. August 1922 P.D.
  2. Kapitel 16
  3. Kapitel 17
  4. Kapitel 18
  5. Kapitel 19
  1. Personenverzeichnis

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Juni 1922 P. D.

Mittlerweile muss selbst eine Schwachsinnige wie Gold Peak kapiert haben, dass sie in New Tuscany und Spindle Mist gebaut hat. Dem Reich hat sie einen solchen Schlamassel eingebrockt, dass dessen Regierung längst die Hosen voll hat. Wenn ihre Amtsenthebung und der Befehl an sie, umgehend in die Heimat zurückzukehren, nicht schon in Spindle eingetroffen sind, kann es bis dahin auf keinen Fall mehr lange dauern, Herr Kommissar!«

Brigadier General Francisca Yucel,
Solarische Gendarmerie,
im Gespräch mit Sektorengouverneur Lorcan Verrochio,
Liga-Amt für Grenzsicherheit

Kapitel 1

»Das ist besser gelaufen, als ich erwartet habe«, meinte Mackenzie Graham. Sie stand vor dem Fenster des kleinen Apartments und blickte auf die schneebedeckten Straßen von Cherubim hinaus. Dann wandte sie sich vom Fenster ab … gerade rechtzeitig, um zu bemerken, wie ihr Bruder fragend eine Augenbraue hob.

»Jetzt tu nicht so selbstgefällig, Indiana. Dich haben diese ganzen neuen Absprachen auch nervös gemacht.«

»Keinen Deut«, erwiderte er in möglichst herablassendem Ton.

»Schwachsinn!«, versetzte sie.

Ihr Bruder kicherte. »Schon gut, schon gut, ich geb’s ja zu: Ein bisschen nervös war ich auch. Aber nur ein bisschen.« Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zeigte er einen wahrhaft minimalen Abstand und grinste übers ganze Gesicht.

»Ja, klar.«

Sein Grinsen war breit und zeigte keine Spur Reue, auch wenn seine Schwester mit ihrer Bemerkung ins Schwarze getroffen hatte. Seit ihrer ersten Begegnung mit Firebrand waren drei T-Monate vergangen – keine lange Zeit, wenn man bedachte, wie lange Sternenschiffe brauchten, um die unermesslichen Weiten zwischen den Sternsystemen zu überwinden. Tatsächlich war die erste Waffenlieferung sogar mehr als einen T-Monat früher als erwartet eingetroffen. Als die Meldung, mehrere Frachtcontainer stünden zur Abholung bereit, in dem von Firebrand eingerichteten Postfach eingetroffen war, hatte das die Grahams völlig überrascht.

Ganz wie er vermutet hatte, zeigten die Spediteure, die die Container eingeschmuggelt hatten, keinerlei Interesse an deren Inhalt. Davon wollten sie gar nichts wissen. Sollte sich der Inhalt später als politisch unerwünscht herausstellen, war es dringend erforderlich, ein glaubwürdiges Dementi abgeben zu können. Mit überzeugend vorgetragener Unwissenheit kam man bei dem, was man in der Solaren Liga für ein Rechtssystem hielt, meist bemerkenswert weit. Zumindest, wenn es um so unbedeutende Kleinigkeiten wie Schmuggel ging.

Bruce Graham hatte sich immer sehr für Menschheitsgeschichte interessiert, und Indiana hatte ihm nachgeeifert – vor allem, seit sein Vater in Haft saß. Noch konnte er seinem Dad zwar auf diesem Gebiet nicht das Wasser reichen, aber Indiana saß eben auch nicht im Hochsicherheitsgefängnis Terrabore ein. Dort nämlich konnte man ein autodidaktisches Studium in praktisch jede beliebige Richtung lenken – vorausgesetzt, man ließ ein Mindestmaß an Vorsicht walten. Indiana war sich ziemlich sicher, dass weder Präsidentin McCready noch General O’Sullivan ahnten, wie viel ›subversives Material‹ sich in den Bibliotheksdateien von Seraphim verbarg. Manches davon fand sich sogar in altmodischen Druckwerken, echten Büchern, die in ebenso echten und altmodischen Regalen vor allem ein Dasein als Staubfänger fristeten. Eines hatte diese Lektüre gelehrt: In der Menschheitsgeschichte hatte es durchaus Zeiten gegeben, in denen eine derart allgegenwärtige Korruption wie beim Liga-Amt für Grenzsicherheit niemals hingenommen worden wäre.

Na ja, wahrscheinlich gab’s damals andere Probleme. Manchmal aber würde ich gern die Probleme von damals gegen die heutigen eintauschen – wenn ich die Wahl hätte. Hab ich aber nicht.

»Also gut«, sagte Mackenzie und schaltete dabei von ›veralberter Schwester‹ wieder auf ›Mitverschwörerin‹ um. »Nachdem wir das Zeug jetzt haben, was machen wir damit?«

»Ja, das«, gestand Indiana gedehnt ein, »ist eine wirklich gute Frage, Max.«

Vorerst waren die Container sicher in einem Lagerhaus untergebracht. Dass die Streifenhörnchen es nicht auf dem Radar hatten, davon waren die Geschwister überzeugt: Es lag mitten im Rostgürtel, und auch wenn es in deutlich besserem Zustand war als das Gebäude, in dem sie sich seinerzeit mit Firebrand getroffen hatten, hieß das nicht viel. Nichtsdestotrotz war es mehr oder minder wetterdicht, und die Container selbst waren hermetisch versiegelt und praktisch unzerstörbar. Die Container dorthin zu transportieren war allerdings eine echte Herausforderung gewesen. Sie waren mit für Krestor Interstellar charakteristischen Barcodes versehen. Diese sollten dafür sorgen, dass Handelsgüter vom Zoll abgefertigt wurden, ohne vorher noch geprüft zu werden. Draußen im Rostgürtel aber wären sie aufgefallen wie ein bunt gestrichenes Haustier. Das Gleiche galt auch für die Lastentransporter des Raumhafens, die an jedem anderen Ort ihrer relativen Modernität wegen sofort ins Augen gefallen wären.

Doch das hatten Firebrands Kollegen bereits bedacht: Die Container, mit denen sie ihre Waren verschickt hatten, passten perfekt in die Frachttransporter, die auf Seraphim Standard waren, bevor Krestor und Mendoza of Córdoba aufgetaucht waren und vorgegeben hatten, die Wirtschaft des Systems retten zu wollen. Die geschmuggelten Container waren sogar mit eingebauten Kontragrav-Systemen versehen, damit niemandem auffiele, wie schwer die Transporter tatsächlich beladen waren. Zugleich würde es dadurch auch viel leichter werden, die Container mit reiner Muskelkraft zu handhaben, sobald sie ihr eigentliches Ziel erreicht hätten.

»Sonderlich glücklich bin ich über die Transportvereinbarungen immer noch nicht«, fuhr Indiana fort. »Klar, dieses Mal ist alles gut gelaufen, aber wir haben das Ganze doch in aller Eile zusammenimprovisiert. Also würde ich gern jetzt, wo die Ware gut versteckt ist, noch ein wenig abwarten, bevor wir sie weitertransportieren.«

»Soll mir recht sein«, meinte Mackenzie mit Inbrunst. Doch dann neigte sie den Kopf zur Seite und blickte zu ihrem größeren Bruder auf. »An sich jedenfalls. Denn eigentlich möchte ich nicht, dass die Container alle an einem Ort gelagert werden. Wenn die Streifenhörnchen einen Glückstreffer landen, könnten wir alles auf einen Schlag verlieren, und diese Vorstellung passt mir überhaupt nicht.«

»Geht mir genauso. Aber wenn wir sie durch die Gegend transportieren, um mehrere kleinere Lager einzurichten, steigt die Gefahr, dass durch Zufall einer von O’Sullivans Informanten darüber stolpert. Oder dass die Aufklärerdrohnen was mitkriegen.«

»Nicht, wenn wir die Sachen aufs Land hinausschaffen«, gab Mackenzie zu bedenken. »Mir ist die Idee gekommen, sie zu Saratoga zu bringen.«

Indiana setzte schon zu einer Erwiderung an, doch dann hielt er inne und dachte zunächst einmal nach. ›Saratoga‹ war Leonard Silvowitz; er leitete eine Aktivistengruppe der Unabhängigkeitsbewegung von Seraphim. Er wusste nicht, dass er seine Anweisungen von Indiana und Mackenzie erhielt. Schließlich kannte er sie beide schon seit Jahren – schon seit er stiller Gesellschafter von Bruce Graham gewesen war – vor dessen Festnahme. Wenn es um die UBS ging, hatte er mit ›Talisman‹ und ›Magpie‹ zu tun und wusste nicht, dass sich hinter diesen Pseudonymen die Kinder seines ehemaligen Geschäftsfreundes verbargen. Zudem erfolgte jegliche Kommunikation zwischen ihnen ausschließlich indirekt und über sehr verschlungene Kanäle.

»Tja«, meinte Indiana gedehnt, »vielleicht keine schlechte Idee. Ich bin zwar nicht gerade wild darauf, ihn schon so früh in Gefahr zu bringen, aber die Farm wäre wirklich ein gutes Versteck.«

Die Farm, etwa fünfzig Kilometer nördlich von Cherubim gelegen, gehörte zu Leonard Silvowitz’ bescheidenem Firmenimperium: ein landwirtschaftlicher Betrieb mit mehreren Dutzend Angestellten, der ordentlichen Profit damit erwirtschaftete, frisches Gemüse und verschiedenste Milchprodukte in die städtischeren Gebiete von Seraphim zu liefern. Bedauerlicherweise hatte genau dieser ordentliche Profit die Aufmerksamkeit des örtlichen Managers von Krestor Interstellar geweckt. Daraufhin hatte die Macready-Regierung Silvowitz ›vorgeschlagen‹, den gesamten Betrieb an Krestor zu verpachten – für ein Fünftel von dessen eigentlichem Wert. Als Erstes hatte Krestor praktisch sämtliche von Silvowitz’ Arbeitern entlassen – die teilweise mehr als zwanzig oder sogar dreißig Jahre für ihn tätig gewesen waren – und sie durch automatisierte Maschinen ersetzt.

Streng genommen gehörte die Farm immer noch Silvowitz, obschon er keinerlei Einfluss mehr darauf hatte, was dort geschah. An den Wohngebäuden für die Angestellten hatte Krestor kein Interesse. Schließlich gab es keine Angestellten mehr, die irgendwo hätten wohnen müssen. Und so verfielen die solide gebauten, einst recht hübschen Gebäude mehr und mehr (womit es ihnen genauso erging wie praktisch dem gesamten Rest von Seraphim). Doch noch gab es sie eben, und Indiana und Mackenzie hatten bereits die Idee gehabt, sie beizeiten als Ausbildungslager zu nutzen. Den Streifenhörnchen lagen sie zu weit ab von den besiedelten Gebieten, um sich dafür zu interessieren. Außerdem verkehrten zwischen der Farm und der Stadt häufig Lasttransporter: Schließlich mussten Waren ausgeliefert und Versorgungsgüter zur Farm gebracht werden. Zusätzliches Verkehrsaufkommen ließe sich also gut verschleiern.

»Das sehe ich auch so, sonst hätte ich es wohl kaum vorgeschlagen«, gab Mackenzie zu bedenken. »Natürlich besteht immer die Gefahr, dass ein Techniker dort rauskommt, um einen Kultivator oder eine Erntemaschine zu reparieren. So jemandem könnte dann durchaus etwas auffallen.«

»Die Gefahr bestünde dann aber auch, sobald wir dort mit dem Training anfingen«, erwiderte Indiana. »Und diese Container sind viel robuster und wetterfester, als ich erwartet hatte. Saratoga könnte sie genauso gut auch im Wald verstecken statt in einer der Scheunen, in die so ein Techniker bestimmt viel eher kommt. Außerdem gibt es ja noch ein noch viel besseres Versteck.«

Mit einem Lächeln quittierte er, dass seine Schwester die Stirn runzelte. Dann hellte sich ihre Miene wieder auf.

»Du denkst an Culver Hill, richtig?«

»Richtig.« Indiana nickte. In ihrer Kindheit hatten sie beide im Sommer oft an dem kleinen See im Osten von Culver Hill gezeltet. Von den Erkundungsausflügen damals kannten sie das Höhlensystem, das kilometerweit fast den ganzen Berg durchzog. In den Höhlen war es zwar recht feucht, aber da die Container hermetisch versiegelt waren …

»Keine schlechte Idee«, meinte Mackenzie beifällig. Dann grinste sie. »Wieso ist sie eigentlich dir gekommen?«

»Sehr komisch.« Indiana warf ihr einen gespielt finsteren Blick zu. »Aber da es heute wohl an mir ist, zu intellektueller Höchstform aufzulaufen, darfst du dir jetzt wenigstens Mittel und Wege überlegen, wie wir die Dinger überhaupt erst einmal zur Farm schaffen können.«

»Na ja, der erste Schritt wäre wohl, Saratoga wissen zu lassen, dass sie kommen«, machte sich Mackenzie sogleich ans Werk. »Dann muss er sich die Höhlen anschauen. Schließlich muss gewährleistete sein, dass er das Zeug da auch wirklich untergebracht bekommt. Selbst mit Kontragrav dürfte das ganz schön anstrengend werden, vor allem, wenn ihm kaum jemand dabei helfen kann. Vergiss nicht: Unmittelbar hinter dem Eingang zu den Höhlen gibt es einige richtig enge Passagen.«

»Stimmt. Aber wir sollten ihn im Unklaren darüber lassen, was wir ihm anvertrauen wollen. Es hätte wenig Sinn, von Waffenlieferungen zu reden, wenn sich dann herausstellt, dass er sie doch nicht unterbringen kann.«

Mackenzie nickte. Eines ihrer Grundprinzipien lautete: Was man nicht weiß, kann man nicht aus Versehen ausplaudern … auch nicht unter der Sorte Folter, in der Tillman O’Sullivans Streifenhörnchen so bewandert waren.

»Also gut. Ich setze die Nachricht auf und packe sie in den toten Briefkasten, den wir für Osiris eingerichtet haben.« ›Osiris‹ hieß eigentlich Janice Karpov und hielt für Indiana und Mackenzie Kontakt mit Silvowitz. »Wenn ich mich ein bisschen ranhalte, sollte ich die Nachricht noch heute loswerden.«

»Aber geh bloß keine unnötigen Risiken ein, Indy!«, warnte ihn Mackenzie in ungewohnt scharfem Ton. Er warf ihr einen ebenso erstaunten wie verärgerten Blick zu. »Manche Dinge ändern sich nie: Schon als Kind hast du immer gleich dein neues Spielzeug ausprobieren müssen. Aber jetzt wäre gut, du hättest mehr Geduld als ein Fünfjähriger. Oder zumindest mehr Umsicht.« Sie schnaubte. »Den Containern passiert schon nichts, nur weil sie einen oder zwei Tage länger hier liegen.«

»Das weiß ich doch, Max.« Indiana klang eher, als wolle er seine Schwester besänftigen, als ihr zustimmen. Doch Mackenzie erwartete keine Wunder von ihrem Bruder (wie das Eingeständnis, sie habe recht, eines gewesen wäre). Wenigstens hatte sie ihn zum Nachdenken gebracht.

»Aber wenn alles glattläuft, hätte ich die Nachricht gern noch heute abgesetzt«, fuhr er fort. »Ich meine, wir haben ja schließlich nicht all die schönen abgesicherten Verbindungswege eingerichtet, damit ich dann alles vermassele, wenn mal eine wirklich wichtige Nachricht übermittelt werden muss, oder?«

»Hatte ich zumindest gedacht«, pflichtete sie ihm bei.

»Na ja, hast ja recht«, räumte er schließlich ein. Dann stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht. »Weißt du, mir ist ja schon klar, wie wichtig abgesicherte Kommunikationswege sind. Allerdings würde ich nur zu gern Onkel Leonards Gesicht sehen, wenn er plötzlich die Hand auf Handfeuerwaffen und schwereres Gerät für ein ganzes Bataillon legen kann.«

Kapitel 2

»… bisher noch nichts von Gold Peak oder Medusa gehört«, sagte Captain Sadako Merriman. Sie blickte von dem Minicomputer auf, dessen Display ihre aktuellen Notizen anzeigte. »Davon ausgehen, dass die beiden Däumchen drehen, sollte man deswegen aber nicht, Herr Kommissar.« Sie schnitt eine Grimasse. »Im Gegenteil: Die beiden sind sicher bereits sprungbereit. Aber was genau sie planen, davon haben wir keine Ahnung.«

Merriman, schlank und zierlich, zählte aus mehrerlei Gründen nicht zu den Offizieren der Grenzflotte, die Lorcan Verrochio besonders schätzte. Vor allem eines ärgerte ihn: Sie zeigte sich stets unbeeindruckt von ihm. Zudem erlaubte sie sich, ihm immer und überall die Wahrheit zu sagen. Gut, das sprach eigentlich für sie, auch wenn ›davon haben wir keine Ahnung‹ nicht gerade das war, was er von seiner leitenden Nachrichtenspezialistin hören wollte.

»Aber selbstverständlich sind wir an der Sache dran, Herr Kommissar«, warf Francis Thurgood ein. Den Commodore schätzte Verrochio sogar noch weniger als Merriman – ein allerdings zweifelhaftes Privileg. »Aber nach dem, was Admiral Crandall widerfahren ist, müssen wir viel umsichtiger vorgehen. Beispielsweise würden uns die Mantys wohl kaum willkommen heißen, wenn wir ihnen einen Hafenbesuch abstatteten.«

»Dessen bin ich mir bewusst, Commodore, vielen Dank«, erwiderte Verrochio so freundlich wie möglich. Der untersetzte Commodore machte den Eindruck eines wettergegerbten Naturburschen. Das empfand Verrochio als sonderbar. Schließlich hatte der Mann praktisch sein ganzes Leben in einer vollständig künstlichen Umgebung verbracht.

Thurgood hatte sich dankenswerterweise verkniffen, daran zu erinnern, dass er Crandall seinerzeit gewarnt hatte. Aber selbst seine Prognosen – und er war ein notorischer Schwarzseher – waren weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben.

»Dass die Mantys beschlossen haben, sämtliche Handelsschiffe aus den solarischen Territorien abzuziehen, erschwert die Informationsbeschaffung ungemein, Herr Kommissar«, meinte Merriman erläutern zu müssen. »In unserem Sektor hier gab es ja sowieso nur wenig manticoranischen Handelsverkehr. Aber es gab zumindest immer ein gewisses Maß an … Fremdbestäubung sozusagen. Handelsschiffer reden nun einmal miteinander, ganz egal, wo man sich trifft. Und sie wissen meist deutlich besser über aktuelle Ereignisse Bescheid, als man meinen sollte. Allein durch Zuhören kann man schon eine ganze Menge in Erfahrung bringen. Aber jetzt ist kein einziger Schiffer mehr da, dem man zuhören könnte.«

Verrochio nickte, obwohl er keine Erinnerung daran gebraucht hätte, wie schmerzhaft die Mantys den gesamten interstellaren Handel der Liga getroffen hatten. Bislang war es niemandem gelungen, ihm eine Mitverantwortung für Crandalls Angriff auf das Spindle-System anzulasten. Trotzdem mussten alle hier im Sektor die katastrophalen Konsequenzen ihrer Entscheidung ausbaden – vor allem natürlich der Kommissar vor Ort. Die ersten offiziellen Berichte über den Rückruf sämtlicher Manty-Schiffe von allen Handelsrouten waren vor weniger als zwei Wochen im Meyers-System eingetroffen. Sofort hatte man höheren Orts Verrochio als den zuständigen Kommissar nur allzu gern mit der Nase darauf gestoßen, das alles sei eine direkte Folge von Geschehnissen in seinem Sektor. Man tat es umso nachdrücklicher, je mehr man den Ruin des ganzen Sektors bereits vor Augen hatte.

»Bei allem schuldigen Respekt, Herr Kommissar, es wäre auch noch eine andere Möglichkeit denkbar: Vielleicht kommt uns nichts zu Ohren, weil es nichts zu hören gibt«, meldete sich Brigadier General Francisca Yucel zu Wort.

Yucel war Oberbefehlshaberin der Gendarmerie im Madras-Sektor, eine blonde Frau mit grauen Augen und dem gedrungenen, massigen Körperbau eines Schwerweltlers. Verrochio musste sich sehr zusammennehmen, nicht das Gesicht zu verziehen, als er sie anblickte. Sie konnte keinen der beiden Grenzflotten-Offiziere leiden: Thurgood war für sie immer nur ›das alte Waschweib‹, und Merriman stecke, so meinte sie, ihre Nase in Dinge, die sie nichts angingen. An keiner Lageanalyse der beiden ließ sie ein gutes Haar. Obendrein war sie eine schlimmere Nervensäge als Merriman und Thurgood zusammen. Aber selbst das bedeutete ja nicht zwangsweise, dass sie Unrecht hatte.

»Mir ist durchaus bewusst, dass Sie die Lage anders beurteilen als die Navy, Francisca«, sagte der Kommissar. »Aber Commodore Thurgood und Captain Merriman haben nun einmal die Aufgabe, ein Worst-Case-Szenario aus dem Blickwinkel der Navy zu entwickeln.«

»Natürlich.« Yucel gibt sich nicht gerade Mühe, es so klingen zu lassen, als meine sie das ernst, ging es Verrochio durch den Kopf. »Ich bin lediglich der Ansicht, wir sollten nach dem, was in Spindle passiert ist, nicht in Schockstarre verfallen. Mittlerweile muss selbst eine Schwachsinnige wie Gold Peak kapiert haben, dass sie in New Tuscany und Spindle Mist gebaut hat. Dem Reich hat sie einen solchen Schlamassel eingebrockt, dass dessen Regierung längst die Hosen voll hat. Wenn ihre Amtsenthebung und der Befehl an sie, umgehend in die Heimat zurückzukehren, nicht schon in Spindle eingetroffen sind, kann es bis dahin auf keinen Fall mehr lange dauern, Herr Kommissar!«

Verrochio nickte das ab, denn er selbst beurteilte die Lage völlig anders. Nichts von dem, was die Mantys bislang getan hatten, ließ sich als Indiz für Rückzugsabsicht deuten. Sicher würde Elizabeth Winton ihre Cousine in absehbarer Zeit nicht von Talbott zurückbeordern. Lediglich eine von Yucels unausgesprochenen Grundannahmen deckte sich mit seiner Einschätzung: Nur ein Wahnsinniger würde einen offenen Krieg mit der Solaren Liga in Erwägung ziehen – waffentechnische Überlegenheit hin oder her. Bedauerlicherweise sah es bislang schwer danach aus, als wären die Mantys tatsächlich wahnsinnig. Yucels Ansicht, man dürfe keineswegs den Eindruck von Beschwichtigungspolitik erwecken, hielt Verrochio dennoch für falsch. Yucel war vor allem daran gelegen, die Arroganz und den Ehrgeiz des Sternenimperiums nicht noch weiter anzustacheln. Man dürfe, so argumentierte sie, sich nicht einschüchtern lassen und nähme so den frechen Emporkömmlingen den Wind aus den Segeln. Das klang vernünftig, und Verrochio hätte gern darauf vertraut. Aber durfte man Wahnsinnigen Vernunft zubilligen? Nach der letzten Serie von Katastrophen genau vor seiner Haustür wollte nicht ausgerechnet er derjenige sein, der sich uneingeschüchtert gäbe – um dann vielleicht herauszufinden, dass die Mantys doch nicht blufften.

»Brigadier Yucel könnte durchaus recht haben, Herr Kommissar«, meinte Thurgood. Es entging Verrochio nicht, dass der Commodore keinen Deut aufrichtiger klang als zuvor Yucel. »Doch vorerst hat Gold Peak noch das Kommando – zumindest unseren aktuellsten Meldungen zufolge. Daher dürfen wir wohl von Truppenverlegungen ihrerseits ausgehen. Vielleicht ist sie ja tatsächlich … konfliktbereiter, als ihrer Regierung lieb ist. Taktisch gesehen jedoch lässt sie sich nichts vormachen, und sie hat vor New Tuscany gezeigt, dass sie auch keine Scheu hat, eigenmächtig zu handeln.« Ein dünnes Lächeln huschte über sein Gesicht: Auch Josef Byng hatte er seinerzeit zu warnen versucht. »Ich rechne damit, dass die Flotte der Mantys schon bald deutlich mehr Präsenz entlang unserer Grenze zeigt. In einer Hinsicht bin ich ganz Ihrer Meinung: Weitere Konfrontationen mit der Liga wird Gold Peak, wenn vermeidbar, nicht forcieren. Aber sie wird sich gewiss nicht einfach wieder zurückziehen.«

»Wollen Sie damit sagen, sie bereite eine Offensive in den Madras-Sektor vor, Commodore?«, fragte Vizekommissar Junyan Hongbo nach.

»Ehrlich gesagt, Herr Vizekommissar, wüsste ich nicht, warum sie das tun sollte – auch wenn ich dafür andere Gründe anführen möchte als Brigadier Yucel. Aber die Wahrheit ist nun einmal: Wir verfügen nicht über genug Feuerkraft, um den Talbott-Quadranten anzugreifen. Verzeihung, ich meine natürlich: den Talbott-Sektor.« Der Commodore verzog gequält das Gesicht. Offenkundig empfand er es als gelinde gesagt albern, dass man beim Liga-Amt für Grenzsicherheit nach wie vor darauf beharrte, die Eingliederung des Talbott-Quadranten in das Sternenimperium von Manticore sei rechtlich gesehen eine zumindest zweifelhafte Angelegenheit. »Meines Erachtens hat Manticore keinen Grund, existierende Eroberungsbestrebungen auf unser Territorium auszudehnen, und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen: Erstens dürfte Manticore nicht an einer Eskalation gelegen sein, genau wie der Brigadier schon sagte. Aber auch wenn Rückzug für Gold Peak nicht infrage kommt, wird sie ihre Schlachtreihe nicht ausdünnen wollen. Wenn sie Truppen umgruppiert, dann nur, um sich gegen eine echte, unmittelbare Bedrohung zu schützen. Da wir hier keine Flottenstützpunkte haben, durch die sich Gold Peak bedroht fühlen könnte, rechne ich damit, dass sie sich für etwaige Einsätze anderweitig orientieren wird. Auch wenn das gewiss niemand von uns gern hört: Wir sind im Augenblick einfach nicht wichtig genug. Gold Peak braucht sich überhaupt nicht um uns zu kümmern.«

Oh, vielen Dank aber auch, Commodore, dachte Verrochio säuerlich. ›Nicht wichtig genug.‹ Als hätte das Ansehen der Grenzsicherheit nicht schon genug gelitten.

Es störte Verrochio, welche Befriedigung Thurgood daraus zog, diesen Umstand noch einmal ausdrücklich ausgesprochen zu haben. Nun gut, der Commodore hatte mit seinen Warnungen recht gehabt: Die Mantys meinten es offenkundig tatsächlich ernst. Alle anderen (vor allem Sandra Crandall) hatten ihm daraufhin Feigheit vorgeworfen. Also hätte Thurgood schon übermenschlichen Gleichmut besitzen müssen, um angesichts dieser Wendung der Ereignisse nicht eine gewisse Befriedigung zu empfinden.

»Also lautet Ihre Empfehlung kurz gesagt, wir sollen einfach brav zu Hause bleiben und Gold Peak keinesfalls provozieren«, fasste Hongbo zusammen. Thurgood hob die Schultern.

»Ganz so würde ich es nicht ausdrücken, Herr Vizekommissar. Wir haben überhaupt nicht die Mittel, sie zu ›provozieren‹. Ohne Verstärkung können wir hier praktisch kaum mehr tun, als uns um unseren Handelsverkehr zu kümmern – soweit man von ›Verkehr‹ überhaupt noch sprechen kann. Selbstverständlich können wir auch Eingreiftruppen bereitstellen, sollte es auf dem einen oder anderen Planeten dieses Sektors zu … Unruhen kommen. Das kann man, wenn man will, natürlich auch ›brav zu Hause bleiben‹ nennen. Eigentlich aber ist das genau die Aufgabe, die zu erfüllen wir hier vor Ort sind.« Ruhig blickte er Hongbo über den Konferenztisch hinweg an. »Wer provokativeres Handeln von uns erwartet, sollte uns auch schleunigst die dafür erforderlichen Mittel bereitstellen. Wenn ich mir allerdings die Leistungswerte der Manty-Bewaffnung anschaue, wüsste ich nicht, wer über derlei Mittel überhaupt verfügt.«

Einen Moment lang blickte Hongbo ihn nur schweigend an, dann nickte er.

»Ich weiß, was Sie meinen, Commodore«, erwiderte er beinahe schon versöhnlich. »Das sollte auch nicht so klingen, als wäre ich der Ansicht, Sie würden sich vor Ihrer Verantwortung drücken. Ich bin wahrscheinlich einfach genauso wenig wie jeder andere immun gegen Frustration und … na ja, Nervosität

Das Lächeln, das kurz über Thurgoods Gesicht huschte, gab dem Vizekommissar deutlich zu verstehen, die halbe Entschuldigung sei angenommen. Merriman räusperte sich.

»Wie dem auch sei, Herr Kommissar«, wandte sie sich an Verrochio, »leider ist das derzeit alles, was die Navy zur Aufklärung der Lage beitragen kann. Ich wünschte wirklich, wir hätten mehr zu berichten.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, hätte ich dann noch den einen oder anderen Punkt anzusprechen, Herr Kommissar«, sagte Yucel rau.

»Ach?« Verrochio blickte sie an. »Und worum geht es, Brigadier?«

»Um die Depeschen, die Ms. Xydis von Möbius aus abgesetzt hat.« Yucel klang tonlos, und Verrochio spürte, wie sich schlagartig sein Magen verkrampfte.

»Ich weiß, dass Präsident Lombroso angesichts der aktuellen Lage beunruhigt ist«, sagte er. »Aber seien wir doch mal ehrlich, Francisca: Lombroso ist immer beunruhigt.«

»Dessen bin ich mir bewusst, Sir.« Yucel klang ein wenig frostig. »Aber die aktuelle Lage hat sich drastisch geändert. Immerhin wurden gegen die Präsidentengarde dieses Mal fortschrittlichste Waffen eingesetzt. Die hat niemand in irgendwelchen Hütten tief im Wald zusammengestümpert, Sir, und diese Waffen wurden auch nicht für die Jagd oder zur Selbstverteidigung angeschafft. Die hat jemand gezielt von einem anderen Planeten nach Möbius geschafft, und zwar für genau den Zweck, Garde und Präsident anzugreifen.«

»Nun, was diese Berichte angeht, sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen, Brigadier«, erwiderte Junyan Hongbo kühl. Yucel und er waren nur äußerst selten einer Meinung – insbesondere nicht, was ihre Hypothese betraf, so etwas wie übermäßige Gewaltanwendung könne es gar nicht geben. Yucel war davon überzeugt, langfristig lasse sich jedes Problem dadurch lösen, dass man genügend Menschen umbrachte. Nein, in ihren Ansichten stimmten die beiden wirklich nur äußerst selten überein.

»Lombroso, Yardley und Mátyás sind ja nun kaum unvoreingenommene Beobachter«, setzte der Vizekommissar hinzu. »Die drei wollen das OFS schon seit Jahren dazu bewegen, zur Stützung der lokalen Regierung eine offizielle Vertretung vor Ort einzurichten.«

Unwillkürlich nickte Verrochio. Svein Lombroso hatte es geschafft, begonnen mit seiner ersten Amtshandlung, tagtäglich den Hass gegen sich zu schüren. Da war es nicht überraschend, dass er meinte, einzig mit offener Unterstützung durch das Liga-Amt für Grenzsicherheit ließen sich Revolten noch abwenden. Ein klügerer (und weniger brutaler) Präsident wäre vielleicht auf den Gedanken gekommen, die Grenzsicherheit in sein System einzuladen besitze eine gewisse Ähnlichkeit damit, einen Elefanten zum Betreten des Porzellanladens aufzufordern. Aber Lombroso fühlte sich ganz offenkundig unter Druck.

»Ja, auch dessen bin ich mir bewusst, Herr Vizekommissar«, erwiderte Yucel. »Aber gestatten Sie mir folgende Anmerkung: Xydis’ Nachricht besagt ausdrücklich, Präsident Lombroso bilde sich hier nicht bloß etwas ein. Es sind Fakten geschaffen worden, die für sich sprechen. Es hat zahlreiche Opfer in der Zivilbevölkerung gegeben, und die Terroristen, die sich seiner rechtmäßigen Regierung entgegenstellen, sind offenkundig besser organisiert als je zuvor – und verdammt viel besser bewaffnet! Weiterhin häufen sich die Anzeichen, dass derlei beileibe nicht nur in Möbius geschieht. Und Lombroso ist auch nicht der Einzige, der behauptet, die Mantys würden sich sowohl durch Waffenlieferungen wie durch Finanzhilfen in die lokale Politik einmischen.«

Verrochio schaffte es gerade noch, nicht enerviert die Augen zu verdrehen. Leicht fiel es ihm nicht. Schließlich war Yucels Denkweise hier bemerkenswert widersprüchlich. Einerseits beharrte sie darauf, Manticore werde es niemals wagen, sich offen der Liga entgegenzustellen; andererseits witterte sie überall Intrigen, Verschwörungen und Komplotte der Mantys. Anscheinend hatte der Brigadier überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Vorstellung, Manticore wäre jedes nur erdenkliche Mittel recht, sich insgeheim dem OFS zu widersetzen, ganz egal, ob das Sternenimperium damit einen Vergeltungsschlag der Solarier riskierte oder nicht. Anscheinend hatte sich Yucel zu viele Jahre lang mit Schattenoperationen befasst. Wenn alles, was man tat, von allen Seiten als stattgefunden bestritten wurde, musste man ja irgendwann glauben, jeder andere denke genauso verquer wie man selbst. Eine erschreckende Vorstellung. Leider hatte das, was sie in der Angelegenheit Lombroso vorbrachte, durchaus einen wahren Kern.

»Mir ist klar, dass wir alle unter beträchtlichem Druck stehen«, sagte Hongbo. »Ich bin ganz Ihrer Meinung: Wir sollten auf Nummer sicher gehen, was die Mantys betrifft. Aber zugleich halte ich es für kontraproduktiv, sich zu sehr auf derlei Berichte zu verlassen, Brigadier.« Yucel bedachte ihn mit einem finsteren Blick, und er zuckte mit den Schultern. »Die Unruhen in Möbius haben lange vor Admiral Byngs Verlegung in diesen Raumabschnitt begonnen. Ich wüsste nicht, warum das Sternenimperium Geld in die Hand nehmen sollte, um Krisenherde in unserer Nachbarschaft zu entfachen, ehe sie von Byngs Verlegung wissen konnten.«

»Auf jeden Fall liefert jemand modernes Kriegsgerät in Krisenherde«, versetzte Yucel störrisch. »Die bisherigen Berichte legen nahe, dass da jemand keine Kosten und Mühen scheut, die Lage anzuheizen. Und ich wüsste im Augenblick niemanden, der einen noch besseren Grund dafür haben könnte als die Mantys.«

Sie fixierte den Vizekommissar mit kühlem Blick. Der aber ließ sich so leicht nicht einschüchtern.

»Ich auch nicht«, erwiderte er. »Und genau das bringt mich auf den Gedanken, die Berichte, auf die Sie sich beziehen, könnten übertreiben. Das ist verständlich«, setzte er hinzu, machte sich aber nicht die Mühe, dabei glaubwürdiger zu klingen als zuvor Yucel oder Thurgood, »schließlich ist es ja seit der Schlacht von Monica zu reichlich Unruhen gekommen. Aber übertrieben ist und bleibt nun einmal übertrieben. Und auch wenn ich gerade selbst gesagt habe, wir sollten hier lieber auf Nummer sicher gehen, sind die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen nun einmal sehr begrenzt. Aber das hat Commodore Thurgood ja gerade eben schon erläutert. Ich halte es nicht für ratsam, Ressourcen auf Bedrohungen zu verschwenden, die vielleicht überhaupt nicht existieren.«

»Ich bin geneigt, Ihnen recht zu geben, Junyan«, ergriff Verrochio rasch das Wort, bevor Yucel zu einer hitzigen Erwiderung ansetzen konnte. »Aber vorerst würde ich mich gern ganz auf den einen speziellen Fall beschränken: auf Möbius. Brigadier?«

Einen Augenblick schwieg Yucel, um ihren Zorn, der offensichtlich war, zu zügeln. Dann atmete sie tief durch.

»Es ist durchaus möglich, dass Präsident Lombroso manticoranische Aktivitäten wähnt, wo es in Wahrheit keine gibt«, räumte sie ein. Ihrem Tonfall nach war sie eindeutig vom Gegenteil überzeugt. »Trotzdem ist unverkennbar, dass seine Probleme deutlich schwerwiegender sind, als unsere bisherigen Lageabschätzungen vermuten ließen. Lombroso verliert obendrein allmählich die Nerven – wenn er überhaupt jemals welche hatte. Das zusammengenommen ist kein Patentrezept für Erfolg. Also werden wir uns wohl überlegen müssen, ob wir ihn unterstützen, oder ob der Zeitpunkt gekommen ist, ihn zu ersetzen. Und der Vizekommissar und auch der Commodore haben voll und ganz recht: Die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen sind eingeschränkt; wir können es uns nicht leisten, sie zu verschwenden. Offen gesagt, würde eine Garnison auf Möbius einzurichten, um die Lage auch langfristig im Griff zu behalten, meine Truppenstärke empfindlich vermindern.«

Verrochio verzog das Gesicht. Raffinesse war nicht Francisca Yucels Sache. Dennoch stimmte, dass Lombroso für die Grenzsicherheit deutlich weniger wichtig war, als er selbst stets annahm. Genau wie Yucel gerade eben angedeutet hatte, hätte Verrochio unter normalen Umständen abgewartet, bis sich die Lage vor Ort drastisch verschlechtert hätte. Dann hätte sich das OFS genötigt gesehen – mit tiefstem Bedauern, natürlich! –, in Möbius einzumarschieren und die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Kurz darauf erhielte Möbius offiziell den Status eines Protektorats, und Präsident Lombroso wäre von einem Tag auf den anderen arbeitslos.

Aber die Umstände waren nun einmal alles andere als normal. Das Letzte, was der Kommissar derzeit gebrauchen konnte, war eine soziale Kernschmelze auf Möbius – also unmittelbar vor seiner Haustür. Egal, ob sich die Mantys im Möbius-System zu schaffen machten oder nicht: Dass die Opposition gegen Lombroso mit einem Mal so umtriebig war, war zweifellos auch auf die Geschehnisse in Talbott zurückzuführen. Dass ein ganzer Sternhaufen darum ersuchte, in das Sternenimperium aufgenommen zu werden und obendrein aufgenommen wurde, war den umliegenden, formal unabhängigen Planeten nicht entgangen. Ein solches Schicksal musste ihnen auf jeden Fall wünschenswerter erscheinen, als weiterhin systematisch von transstellaren Konzernen ausgesaugt oder vom Liga-Amt für Grenzsicherheit geschluckt zu werden. Verrochio zweifelte nicht daran, dass seine Vorgesetzten in Chicago das ebenso erkennen würden wie er selbst. Und sie würden ihm nicht gerade dankbar dafür sein, das Ansehen und den Einfluss des OFS derart geschmälert zu haben, dass sich nun neue Unruheherde bildeten.

Und dabei war noch gar nicht berücksichtigt, wie die Trifecta Corporation und deren Wirtschaftspartner reagieren würden, wenn er zuließe, dass Lombroso durch eine einheimische Regierung abgelöst würde, die zur Abwechslung tatsächlich die Interessen ihrer Heimatwelt im Blick behielte. Es mochte Jahre dauern, bis Trifecta diese mutmaßlichen Nachfolger Lombrosos fest im Griff hätte – und zweifellos würden sie die ganze Zeit über Zeter und Mordio schreien.

»Darf ich dem entnehmen, dass Sie Brigadier Yucels Lageeinschätzung zustimmen, Colonel?«, erkundigte sich der Kommissar und blickte zu Colonel Armand Wang hinüber. Wang war Yucels Gegenstück zu Captain Merriman.

Der Colonel war gute vierzig Zentimeter größer als Yucel; er hatte dunkle Haare, ebenso dunkle Augen und eine bemerkenswerte Hakennase. Verrochio hielt ihn in seinen Denkstrukturen für deutlich weniger … schlicht als seine Vorgesetzte. Nun blickte Wang aus dem Augenwinkel kurz zu Yucel hinüber und zuckte dann mit den Achseln.

»Es ist möglich«, das letzte Wort dehnte er kaum merklich, »dass Präsident Lombroso und General Yardley überreagieren. Wie Sie selbst sagen, Sir, haben die beiden schon mehrmals lautstark behauptet, die Welt ginge unter. Aber wir haben uns ihre Berichte genau angeschaut, insbesondere die jüngsten von General Mátyás und Ms. Xydis. Zudem haben wir die Trifecta Corporation um weitere Informationen ersucht. Aber es wird natürlich seine Zeit dauern, bis wir Antwort erhalten.« Erneut hob er die Schultern. »Sämtliche derzeit zugänglichen Informationen zeigen jedoch eines ganz deutlich: Es steht völlig außer Frage, dass zumindest einige moderne Waffen Oppositionellen in die Hände gefallen sind – auf welchem Wege auch immer. Selbst wenn die Obrigkeit vor Ort tatsächlich überreagieren sollte, wäre jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, die Lage eskalieren zu lassen.«

Klar, Verrochio hatte nicht erwartet, der Colonel werde Yucel widersprechen. Der Kommissar blickte zu Hongbo hinüber, der ebenfalls die Achseln zuckte. Sehr hilfreich, dachte Verrochio säuerlich.

Er widerstand der Versuchung, an den Nägeln zu kauen. Was auch immer er an Truppen nach Möbius entsenden mochte: Es würde ihm nicht mehr zur Verfügung stehen, falls es auf einem der Planeten im Madras-Sektor Schwierigkeiten gäbe. Mit der Erklärung, eine Kernschmelze auf Möbius verhindern zu wollen, würde er seine Kritiker in Chicago wohl kaum beschwichtigen können, falls sich die Truppen, die er bräuchte, um Flächenbrände im eigenen Sektor zu verhindern, im entscheidenden Moment an einem anderen Ort befanden. Aber wenn er zuließe, dass Möbius den gleichen Weg beschritte wie der Talbott-Quadrant …

»Also gut«, seufzte er, »ich verstehe, was Sie meinen, Francisca, und Sie auch, Colonel Wang. Alles in allem scheint mir das wirklich nicht der rechte Zeitpunkt, um lokale Regierungen auszutauschen. So, und nachdem wir das nun geklärt haben: Welche Vorgehensweise empfehlen Sie?«

»Uns bleibt gar keine andere Wahl, als Xydis’ Ersuchen um Bodentruppen nachzukommen.« Yucels Lächeln war alles andere als freundlich. »Die Einheimischen mögen ja bereit sein, sich einen offenen Kampf mit Lombrosos Präsidentengarde zu liefern. Aber ich bezweifle, dass sie bei einem oder zwei Sondereingreifsbataillonen den gleichen Ehrgeiz an den Tag legen.«

»Halten Sie eine derart vehemente Reaktion wirklich für erforderlich, Brigadier?« Hongbo klang regelrecht angewidert.

»Allzu viele Möglichkeiten bieten sich uns leider nicht, Herr Vizekommissar«, gab Yucel gereizt zu bedenken. »Jeder, den ich nach Möbius schicke, wird mir monatelang hier in diesem Sektor fehlen. Wenn wir also überhaupt Kräfte dorthin entsenden, sollten es auch genug sein, die Terroristen so rasch wie möglich zu erledigen. Das heißt, den Truppen muss ganz klar sein, dass mit harten Bandagen gekämpft wird: einmarschieren, die Terroristen nach Strich und Faden vermöbeln, dann das Ganze wieder in Lombrosos Obhut geben – vielleicht sollten noch ein oder zwei Ratgeber der Gendarmerie vor Ort bleiben, dazu noch ungefähr eine Kompanie zur Unterstützung. Für alle anderen heißt es dann: so rasch wie möglich wieder ab nach Hause. Ziehen wir das schnell und hart genug durch, können wir den ganzes Einsatz vielleicht abschließen, bevor jemand im Madras-Sektor überhaupt bemerkt, dass wir einen Teil unserer Polizeikräfte für eine anderweitige Verwendung freigestellt haben.«

»Der Gedanke hat etwas für sich, Herr Kommissar.« Es war offenkundig, dass Thurgood das nicht gern aussprach. Doch er verzog keine Miene, als Verrochio ihn fragend anblickte.

»Ob es wirklich eine gute Idee ist, überhaupt dort einzugreifen, liegt außerhalb meiner Kernkompetenz, Sir«, fuhr der Grenzflottenoffizier fort. »Ich bin wahrlich kein Experte darin, mit Bodentruppen Aufstände einzudämmen. Aber wenn der Entschluss lautet, tatsächlich in Möbius einzugreifen, dann bin ich der Ansicht, wir sollten das so rasch wie möglich hinter uns bringen.« Beinahe schon angeekelt schürzte er die Lippen. »Wenn wir Bodentruppen entsenden, werde ich zumindest einige Zerstörer beisteuern müssen, um den Raumabschnitt unmittelbar in Planetennähe zu sichern. Auch ohne weiteren Handlungsbedarf für diese Schiffe würden auf diese Weise weitere Waffenlieferungen für die Opposition verhindert. Also müssen zusätzlich zu den Truppen, die Brigadier Yucel für den Einsatz freistellen will, auch noch Truppen der Flotte abgezogen werden. Offen gesagt, je länger einige meiner Schiffe nicht hier zum Einsatz kommen können, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich jemand unbemerkt an uns vorbeischleicht.«

Ob dieser ganze Vorschlag außerhalb seines eigentlichen Betätigungsfeldes lag oder nicht: Noch deutlicher hätte Thurgood nicht zum Ausdruck bringen können, dass er den gesamten Plan rundweg ablehnte. Und leider hatte er mit allem, was er ausgesprochen hatte, ganz und gar recht.

Kurz schloss Verrochio die Augen, dann seufzte er.

»Bitte legen Sie mir eine realistische Schätzung vor, welche Mannstärke Sie für diesen Einsatz abkommandieren würden, Francisca«, entschied er. »Und bevor ich eine endgültige Entscheidung fälle, möchte ich Ihren Operationsplan sehen. Ich teile Ihre Meinung: Wir müssen Lombroso unterstützen, bevor sich die Lage noch weiter verschlechtert. Commodore …«, wandte er sich dann wieder an Thurgood, »sobald der Brigadier und ich festgelegt haben, wie viele Truppen wir für diesen Einsatz tatsächlich freistellen, brauche ich realistische Zahlen über benötigte Transportkapazitäten. Außerdem möchte ich wissen, welches Ausmaß an Unterstützung durch Kriegsschiffe Ihnen geboten erscheint.« Er lächelte düster. »Wenn wir das hier schon durchziehen, dann sollten wir es wenigstens richtig machen.«

Kapitel 3

»Was sagst du da?!«

Albrecht Detweiler starrte seinen ältesten Sohn an. Er war so konsterniert, dass die wenigen Menschen, die ihn persönlich kannten, schockiert über seinen Gesichtsausdruck gewesen wären.

»Ich habe gesagt, bei unserer Analyse der Geschehnisse in Green Pines scheint es einige Fehler gegeben zu haben«, erwiderte Benjamin Detweiler tonlos. »Dieser Dreckskerl McBryde war nicht der Einzige, der versucht hat überzulaufen.« Ben hatte schon während seines Rückflugs zur planetaren Hauptstadt Mendel Zeit gehabt, die schlechten Nachrichten zu verdauen. Er wirkte daher weniger schockiert, dafür aber ungleich grimmiger als sein Vater. »Laut den Mantys hat dieser Hurensohn keineswegs versucht, Cachat und Zilwicki aufzuhalten. Verlauten lassen sie es so nicht. Aber Fakt ist, dass McBryde Selbstmord begangen hat, um seine eigenen Taten zu vertuschen.«

Albrechts Blick bohrte sich in den seines Sohnes. Dann riss Vater Detweiler sich zusammen und atmete tief durch.

»Sprich weiter, Ben«, meinte er heiser, »da kommt bestimmt noch mehr – und es wird gewiss nicht besser.«

»Zilwicki und Cachat leben noch«, erklärte sein Sohn. »Ich weiß allerdings noch nicht, wo zur Hölle sich die beiden die ganze Zeit über herumgetrieben haben. Bislang kennen wir die Geschichte nur ansatzweise. Aber es sieht so aus, als hätten die zwei mehrere Monate gebraucht, um wieder nach Hause zu kommen. Von den operativen Einzelheiten verraten die Dreckskerle natürlich nur das Allernötigste. Aber ich wäre nicht überrascht, stellte sich heraus, dass sie nur dank McBrydes Cyberangriff entkommen konnten.

Laut verlässlichen Quellen haben sie nach ihrer Flucht Haven angesteuert, nicht Manticore. Das erklärt vielleicht auch, warum sie so lange vom Radar verschwunden waren. Den Grund für diese Entscheidung kenne ich noch nicht. Was soll’s: Es ist ihnen auf jeden Fall gelungen, Eloise Pritchart – persönlich! – nach Manticore zu bringen. Anscheinend hat sie dort einen gottverdammten Friedensvertrag mit Elisabeth I. ausgehandelt.«

»Mit Elisabeth?«

»Nun, wir wissen doch, dass die Kaiserin nicht verrückt ist, auch wenn wir das den Sollys gegenüber immer wieder behaupten«, meinte Ben. »Starrsinnig, gewiss, ja, aber viel zu pragmatisch veranlagt, um sich eine solche Gelegenheit entgehen zu lassen. Außerdem hat sie kurz vor Oyster Bay Harrington nach Haven geschickt, um den Frieden auszuhandeln. Pritchart hat dann ihrerseits auch noch etwas beigesteuert, um den Deal schmackhafter zu machen: einen gewissen Herlander Simo˜es. Genauer gesagt Dr. Herlander Simões … der einst im Gamma Center am Blitzantrieb gearbeitet hat.«

»Oh, Scheiße!«, kam es Albrecht aus tiefstem Herzen.

»Es wird noch besser, Vater«, warnte Ben mit rauer Stimme. »Keine Ahnung, wie viele Informationen McBryde tatsächlich an Zilwicki und Cachat weitergegeben hat oder wie viele Beweise die beiden vorweisen können. Aber sie haben auf jeden Fall deutlich mehr in der Hand, als uns recht sein kann. Sie reden über viral ausgelöste Nanotechnologie-Attentate, über den Blitz- und den Spider-Antrieb und erwähnen immer wieder ein Mesanisches Alignment. Ja, sie erklären dem Manty-Parlament, dem Havenitischen Kongress und dem ganzen Rest der gottverdammten Galaxis haarklein, dass Mesa plane, das ganze bekannte Universum zu erobern. Es wird dich erstaunen zu hören, dass Außenminister Arnold Giancola auf der Gehaltsliste des Alignments stand, als er Haven dazu gebracht hat, wieder auf die Mantys zu schießen.«

»Was«, erstaunt blinzelte Albrecht, »damit hatten wir doch gar nichts zu tun!«

»Natürlich nicht. Aber bleiben wir fair: Wir haben schon gewusst, dass er die diplomatische Korrespondenz manipuliert. Gut, wir haben erst im Nachhinein davon erfahren, erst, als er Nesbitt angeworben hat, um seine Spuren zu verwischen. Aber davon gewusst haben wir tatsächlich. Anscheinend war es ein taktischer Fehler, Nesbitt die Nanotechnologie zur Verfügung zu stellen, um Grosclaude aus dem Weg zu räumen. Es klingt ganz danach, als hätte Usher Wind davon bekommen. Aber egal, denn Grosclaudes Selbstmord, das Webster-Attentat und der Anschlag auf Harrington sind einander einfach zu ähnlich, befasst man sich erst einmal näher damit. Also lautet die Theorie folgendermaßen: Wir sind die Einzigen, die über diese Nanotechnologie verfügen. Wenn Giancola Nanotechnologie benutzt hat, um Grosclaude loszuwerden, muss er die ganze Zeit über für uns gearbeitet haben. Wenigstens scheinen sie nicht anzunehmen, Nesbitt wäre in die ganze Sache verwickelt – noch nicht, zumindest. Aber ihre Rekonstruktionsversuche ergeben durchaus Sinn, wenn man bedenkt, was sie derzeit wissen und was nicht.«

»Na, prächtig!«, meinte Albrecht bitter.

»Und, Vater, ich habe noch eins draufzusetzen. Anscheinend sind die Manty-Medien voll von Berichten darüber. Selbst Solly-Medienfritzen haben sich mittlerweile darauf gestürzt. Bislang weiß man auf Alterde noch nichts, aber in Beowulf pfeifen es die Spatzen schon von den Dächern. Du kannst dir sicher vorstellen, wie man dort darauf reagiert.«

Albrecht schürzte die Lippen, als er darüber nachdachte, in welchem Umfang die ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen versagt hatten. Dass Zilwicki und Cachat noch lebten und damit vehement der Berichterstattung des Alignments über die Geschehnisse von Green Pines widersprechen konnten, war schon schlimm genug. Aber der ganze Rest …!

»Danke«, winkte er ab, »ich glaube, meine Fantasie reicht aus, mir vorzustellen, wie begeistert die Dreckskerle das aufnehmen.« Er verzog die Lippen zu einem wilden Grinsen. »Dann können wir wohl nur darauf hoffen, dass sie herausfinden, wie sehr wir im Laufe der letzten Jahrhunderte ihre sogenannten Nachrichtendienste hinters Licht geführt haben. Zumindest brächte sie das um einen Gutteil ihres Selbstvertrauens. Zu gern würde ich beispielsweise das Gesicht von diesem Mistkerl Benton-Ramirez y Chou sehen. Gut, so weit die Hoffnung. Gewissheit hingegen haben wir, was ihre Bündnispolitik angeht: Beowulf wird sich den Mantys anschließen, wahrscheinlich sogar ganz offiziell der Manticoranischen Allianz beitreten … vor allem, wenn Haven auch schon dazu gehören sollte.«

»Und das, obwohl die Mantys kurz vor einer Konfrontation mit der Liga stehen?« Ben hatte es als Frage formuliert. Doch sein Tonfall verriet, dass er derselben Meinung wie sein Vater war.

»Wir selbst, verdammt, haben doch dafür gesorgt, dass die Liga auseinanderfällt, Ben. Meinst du wirklich, irgendwer auf Beowulf interessiert sich auch nur einen feuchten Kehricht für diese verdammten Apparatschiks in Chicago?« Albrecht schnaubte verächtlich. »Gut, ich kann die Kerle nicht ausstehen und tue mein Bestes, um ihnen langfristig die Luft abzudrücken. Aber was auch immer sie sonst sein mögen, sie sind nicht so dämlich oder so feige, dass Kolokoltsov und seine miese Bande sie mit Manipulation dazu bringen könnten, genau das eine zu tun, was sie ganz bestimmt nicht tun wollen.«

»Da hast du wahrscheinlich recht, Vater«, räumte Ben verdrossen ein. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein, du hast recht.«

»Bedauerlicherweise ist das nicht das Ende der Liste mit unerfreulichen Dingen«, fuhr Albrecht fort. »Schlimm genug, dass der Krieg zwischen Haven und Manticore vorbei ist. Aber jetzt ist uns Gold Peak für meinen Geschmack entschieden zu nah. Diese Frau denkt zu viel, ist zu gut in ihrem Job … und viel zu rasch bereit, die Fronten abzustecken – man denke nur an Saltash.«

Mit säuerlichen Mienen blickten Vater und Sohn einander an. Die ersten Berichte darüber, was Gold Peak in Saltash getrieben hatte, waren vor zweieinhalb T-Wochen im Mesa-System eingetroffen. Eigentlich hätte man dort gar nichts davon erfahren sollen. Denn der Grenzflotten-Kurier, der auf dem Weg zum Visigoth- und Sol-System diesen Raumabschnitt passiert hatte, war offiziell zum Schweigen vergattert gewesen. Allerdings wurden Kuriere der Grenzflotte nicht sonderlich gut bezahlt, und Benjamin hatten Kopien sämtlicher Depeschen von Gouverneur Dueñas vorgelegen, bevor das Kurierboot wieder im Mesa-Terminus verschwunden war.

»Bei den beträchtlichen Fahrzeiten ist es höchst unwahrscheinlich, dass Gold Peak jetzt schon informiert ist. Aber das wird sich bald ändern. Und wenn ihr – oder auch Elisabeth – der Sinn nach Abenteuer steht, könnte es gut sein, dass in ein paar T-Wochen eine ganze verfluchte Manty-Flotte vor Mesa steht. Eine Flotte, die sich umsehen kann, was Mesa so zu bieten hat, ohne dass wir das überhaupt bemerken. Und – was für entzückende Aussichten! – Haven könnte sich im Verein mit Gold Peak auf uns stürzen, sollten beide Systeme Teil ein und desselben Militärbündnisses werden.«

»Der Gedanke war mir auch schon gekommen«, bestätigte Ben grimmig. Als Direktor für militärische Angelegenheiten des Mesanischen Alignments war ihm eines bewusst: Die beiden einzigen Navys mit einsatzbereiten gondellegenden Wallschiffen und Mehrstufenraketen konnten allerhand anrichten, wenn sie sich miteinander verbündeten, statt sich weiterhin gegenseitig zu beschießen.

»Was meinst du, was die Andys tun werden?«, fragte Ben schließlich. Sein Vater stieß ein raues Lachen aus.

»Isabel wollte Nanotechnologie immer nur dort einsetzen, wo es unbedingt notwendig war. Ich hätte auf sie hören sollen!« Er schüttelte den Kopf. »Ich finde unsere Argumente dafür, Huang loszuwerden, nach wie vor stichhaltig, auch wenn wir ihn letzten Endes doch nicht erwischt haben. Aber wenn die Mantys über die Nanotechnologie Bescheid wissen und das Gustav mitteilen, dürfte seine übliche Realpolitik flugs zur Luftschleuse rausfliegen. Wir haben nicht nur seine Familie angegriffen, Ben – wir haben versucht, in die Thronfolge einzugreifen. Die Anderman-Dynastie – glaub es mir! – hat nicht so lange durchgehalten, um sich jetzt so einen Mist einfach gefallen zu lassen. Hält der andermanische Kaiser das, was die Mantys sagen, für wahr, stürzt er sich persönlich und mit Freuden auf uns. Außerdem könnten die Mantys ihn jederzeit aus der Allianz entlassen. Und genau das werden die Mantys auch tun, wenn sie schlau sind. Damit käme Gustav aus der Schusslinie der Sollys und könnte sich ganz in Ruhe um uns kümmern. Schließlich brauchen die Mantys Gustavs Gondelleger nicht, um der SLN gehörig in den Hintern zu treten. Und zufälligerweise haben wir die Nachschublinien der Andys völlig intakt gelassen, nicht wahr? Also haben die reichlich Mehrstufenraketen. Wenn sich Gustav also aus der Konfrontation mit der Liga heraushält und stattdessen uns angreift, meinst du wirklich, unsere sogenannten Freunde in Chicago würden dann auch nur das geringste bisschen unternehmen, um ihn aufzuhalten? Vor allem, wenn die endlich begreifen, was die Mantys dann mit ihnen machen würden?«

»Nein«, antwortete Ben bitter, »nie und nimmer!«

Mehrere Sekunden lang herrschte Schweigen; Vater und Sohn dachten darüber nach, wie sehr die sorgsam zurechtgelegten Pläne des Mesanischen Alignments durcheinandergeraten waren.

»Also gut«, hob Albrecht schließlich wieder an, »dafür können wir niemandem die Schuld zuschieben. Collin und du, ihr beide habt mir eure Einschätzung der Lage mitgeteilt und mich wissen lassen, was sich in Green Pines abgespielt haben dürfte. Ich bin eurer Einschätzung gefolgt. Schließlich wurde diese Einschätzung davon gestützt, dass Cachat und Zilwicki von der Bildfläche verschwunden waren und es bis vor Kurzem auch geblieben sind. In keinem unserer internen Berichte wird der Name Simões auch nur erwähnt – oder falls doch, kann ich mich daran zumindest nicht erinnern. Wie hätte ich da auf eine andere Idee kommen sollen als die, von der unsere Ermittler ausgingen, nämlich er gehöre zu den Opfern der Green-Pines-Bomben?«

»Schon richtig.« Angewidert schürzte Ben die Lippen. »Tatsächlich zeigen die Aufzeichnungen aus dem Gamma Center, die ›geheimnisvollerweise‹ McBrydes Cyberbombe überstanden haben, dass Simões sich vor Ort befunden hat, als die Selbstmordladungen hochgegangen sind.« Ben seufzte. »Ich hätte mich sofort fragen sollen, warum gerade diese Aufzeichnungen noch vorliegen, wo doch praktisch alle anderen Dateien gelöscht waren.«

»Du warst nicht der Einzige, der das übersehen hat«, meinte sein Vater. »Simo˜es jedenfalls ist dabei hübsch sauber verschwunden, was? Kein Wunder, dass wir angenommen haben, er wäre während der Explosionen verdampft! Genug andere hat es ja weiß Gott erwischt. Ich bin immer noch der Ansicht, es war richtig, die Gelegenheit zu nutzen, Manticore in den Augen der Liga zu diskreditieren – vor allem, wenn man bedenkt, was wir seinerzeit gewusst haben. Aber das ist ja wohl der springende Punkt. Wie heißt es doch so schön: Nicht was du nicht weißt, schadet dir, sondern das, was du fälschlicherweise zu wissen glaubst! I

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