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HONOR HARRINGTON: Mit Schimpf und Schande

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Karte
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. Epilog
  41. Personen der Handlung
  42. Glossar

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Karte

Es ist stets von Übel, wenn politischen Erwägungen

gestattet wird, die Planung von Operationen zu

beeinflussen.

Feldmarschall Erwin Romme

160 Ante-Diaspora (1943 n.Chr.)

Prolog

Stille herrschte in der riesigen, nur schwach erleuchteten Halle, dem Großen Hörsaal des Taktiklehrgangs für Fortgeschrittene. Er konnte sich rühmen, den zweitgrößten Holotank der Royal Manticoran Navy zu besitzen, und die wie in einem Amphitheater angeordneten Sitzreihen boten mehr als zweitausend Menschen Platz, doch im Augenblick saßen nur siebenunddreißig dort und betrachteten aufmerksam den Tank. Die prominentesten darunter waren Admiral Sir Lucien Cortez, der Fünfte Raumlord, und die Ehrenwerte Vizeadmiral Alyce Cordwainer, Judge Advocate General, die Chefin des Militärjustizwesens der RMN. In der holographischen Darstellung schwebte das Bild einer hochgewachsenen Frau mit entschlossenen, wie gemeißelt wirkenden Gesichtszügen. Sie saß aufrecht und mit verspannten Schultern auf ihrem Stuhl, die Hände hatte sie auf der Tischplatte vor sich übereinandergelegt. Neben den Händen lag das weiße Barett der Sternenschiffkommandanten. Die Frau trug eine weltraumschwarze Uniformjacke mit den goldenen Planeten eines Captain Senior Grade, und als sie direkt in die HD-Kamera blickte, verriet ihr Gesicht nicht die leiseste Regung.

»Und was genau geschah nach der letzten Kursänderung der Kampfgruppe, Captain Harrington?« Die Frage wurde von jemandem außerhalb des Erfassungsbereichs der Kamera gestellt, und ein blutroter Untertitel identifizierte den Fragenden als Commodore Vincent Capra, den Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses, auf dessen Empfehlung man sich an diesem Tage im Hörsaal des TLF versammelt hatte.

»Der Feind änderte den Kurs, um uns zu verfolgen, Sir.« Captain Harringtons Sopranstimme war für eine Frau ihrer Größe überraschend angenehm und leise, und dennoch war sie sehr kühl und klang fast unbeteiligt.

»Und die taktische Situation?«, wollte Capra wissen.

»Die Kampfgruppe lag unter schwerem Beschuss, Sir«, antwortete Harrington wie ohne persönliche Beteiligung. »Ich glaube, die Circe wurde im Augenblick der Kursänderung vernichtet, die Agamemnon etwa fünf Minuten später. Mehrere unserer Einheiten erlitten sowohl schwere Schäden als auch erhebliche Verluste.«

»Würden Sie die Lage als verzweifelt bezeichnen, Captain?«

»Ich würde sie als – ernst bezeichnen, Sir«, gab Harrington nach kurzem Bedenken zur Antwort.

Ein kurzes Schweigen folgte, als wartete der unsichtbare Fragesteller darauf, dass sie noch etwas hinzufügte. Doch Harringtons unbeteiligte Ruhe war offenbar undurchdringlich, und Commodore Capra seufzte.

»Nun gut, Captain Harrington. Die Lage war ›ernst‹. Der Feind hatte den Kurs geändert, um Sie zu verfolgen, und die Agamemnon war zerstört worden. Befanden Sie sich zu diesem Zeitpunkt in Kontakt mit der Flaggbrücke der Nike und mit Admiral Sarnow?«

»Jawohl, Sir, das trifft zu.«

»Und zu dieser Zeit beabsichtigte Admiral Sarnow, der Kampfgruppe den Befehl zum Ausschwärmen zu erteilen?«

»Ich vermute, dass dies in seiner Absicht lag, Sir. Wenn ja, so wurde er daran gehindert, bevor er den Befehl erteilen konnte.«

»Und wodurch wurde er daran gehindert, Captain?«

»Von einer Meldung unseres Sensorennetzes, Sir. Die Plattformen hatten die Ankunft der Dreadnoughts von Admiral Danislav erfasst.«

»Ich verstehe. Hat Admiral Sarnow der Kampfgruppe daraufhin befohlen, nicht auszuschwärmen?«

»Nein, Sir. Er wurde verwundet, bevor er einen weiteren Befehl erteilen konnte«, antwortete die ruhige Sopranstimme unbewegt.

»Und wodurch wurde er verwundet, Captain? Würden Sie uns Auskunft über die näheren Umstände erteilen?«

Die scheinbar körperlose Stimme klang nun fast gereizt, als wäre sie von Harringtons klinisch kühler Geschäftsmäßigkeit frustriert.

»Die Nike erhielt mehrere Treffer durch feindlichen Beschuss, Sir. Einer dieser Treffer schaltete Beiboothangar Eins, die Operationszentrale und die Flaggbrücke aus. Mehrere Angehörige von Admiral Sarnows Stab wurden getötet, er selbst schwer verwundet.«

»Fiel er in Bewusstlosigkeit?«

»Jawohl, Sir.«

»Und übertrugen Sie als seine Flaggkommandantin den Befehl über die Kampfgruppe an den dienstältesten Offizier?«

»Nein, Sir, das tat ich nicht.«

»Sie behielten das Kommando?«

Harrington nickte wortlos.

»Wieso das, Captain?«

»Nach meiner Einschätzung war unsere taktische Lage zu ernst, um eine Verwirrung in der Befehlskette zu riskieren, Sir. Ich befand mich im Besitz von Informationen – nämlich über die Ankunft von Admiral Danislav –, die dem dienstältesten Offizier, Captain Rubenstein, möglicherweise nicht bekannt waren. Unsere Zeit war sehr begrenzt.«

»Und daher übernahmen Sie an Admiral Sarnows Stelle das Kommando über die gesamte Kampfgruppe?«, fragte Capra scharf; die Schärfe lag nicht etwa in einer Verurteilung ihrer Entscheidung begründet – der Commodore wollte vielmehr diesen Punkt deutlich herausstellen.

Harrington nickte erneut. »Das habe ich getan, Sir«, gestand sie ohne den leisesten Anklang einer Gefühlsregung, und das, obwohl sie gerade zugab, wenigstens fünf Kriegsartikel verletzt zu haben.

»Wieso, Captain?«, bohrte Capra. »Was machte denn die Lage so kritisch, dass diese Verhaltensweise Ihnen gerechtfertigt erschien?«

»Wir näherten uns dem Punkt, an dem die Kampfgruppe plangemäß hätte ausschwärmen müssen, Sir. Admiral Danislavs Ankunft hingegen gab uns Gelegenheit, den Feind in eine Position zu führen, in der er nicht mehr vermeiden konnte, abgefangen zu werden. Dazu mussten wir jedoch als Verband weiterkämpfen und so dem Gegner ein Ziel bieten, das die Verfolgung lohnte. Da ich das Ausmaß der Schäden an Captain Rubensteins Signaleinrichtungen kannte, schätzte ich das Risiko als zu groß ein, dass die Kampfgruppe wie geplant ausschwärmen konnte, bevor Captain Rubenstein vollständig über die Lage in Kenntnis gesetzt werden und die taktische Kontrolle übernehmen konnte.«

»Aha.« Ein weiterer Moment der Stille folgte, die nur durch Papierrascheln außerhalb des Aufzeichnerbereichs unterbrochen wurde. Dann ergriff Capra erneut das Wort. »Nun gut, Captain Harrington. Bitte berichten Sie dem Ausschuss, was etwa vierzehn Minuten nach Admiral Sarnows Verwundung geschah.«

Und nun erst fuhr eine leise Gefühlsregung über Captain Harringtons ruhiges Gesicht: ihre mandelförmigen Augen verhärteten sich zu kaltem, bedrohlichem Funkeln, und sie verkrampfte ein wenig den Mund – aber nur für eine Sekunde. Dann schwand sämtlicher Ausdruck von ihrem Gesicht, und als sie mit einer Gegenfrage antwortete, färbte kein Hinweis auf ihren Gefühlsansturm ihre leidenschaftslose Sopranstimme. »Ich nehme an, Sir, Ihre Frage bezieht sich auf das Verhalten von CruRon Siebzehn?«

»Ja, Captain, das ist richtig.«

»Etwa zu der von Ihnen angegebenen Zeit löste sich CruRon Siebzehn vom Rest der Kampfgruppe und schwärmte aus«, sagte Harrington, und ihre Stimme war noch kälter und unbewegter als zuvor.

»Wer ist dafür verantwortlich?«

»Captain Lord Pavel Young, Sir, nach Commodore van Slykes Tod im Gefecht diensttuender Geschwaderchef.«

»Erteilten Sie ihm den Befehl, sich von der Kampfgruppe zu lösen?«

»Nein, Sir.«

»Folglich handelte er aus eigener Initiative und ohne Befehl vom Flaggschiff?«

»Jawohl, Sir, so ist es.«

»Haben Sie ihm befohlen, in die Formation zurückzukehren?«

»Jawohl, Sir, das habe ich.«

»Mehr als einmal?«

»Jawohl, Sir.«

»Und hat Captain Lord Young Ihren Befehl befolgt?«, fragte Capra ruhig.

»Nein, Sir«, antwortete Harrington wie eine Maschine mit Sopranstimme, »das hat er nicht.«

»Ist der Rest von CruRon Siebzehn an seine Stationen zurückgekehrt, als Sie den Befehl dazu gaben?«

»Jawohl, Sir, so ist es.«

»Und Captain Lord Youngs Schiff …«

»… zog sich weiterhin zurück, Sir«, sagte Honor Harringtons aufgezeichnetes Bild sehr, sehr leise, und ihr harter, furchteinflößender Blick gefror, als die Wiedergabe des HD-Tanks angehalten wurde.

Ein Augenblick tiefer, vollkommener Stille folgte, dann erlosch der Holotank. Die Saalbeleuchtung ging an, und aller Augen richteten sich auf den weiblichen Captain im JAG-Corps, die neben dem Vortragspult stand und sich nun räusperte.

»Damit ist der wesentliche Auszug aus der Aussage Lady Harringtons vor dem Ermittlungsausschuss beendet, meine Damen und Herren.« Sie verfügte über eine tragende, deutliche Altstimme und stellte die Gelassenheit einer erfahrenen Anwältin zur Schau. »Die gesamte Aussage ist, wie auch alle anderen Aussagen vor dem Ausschuss, Ihnen allen selbstverständlich zugänglich. Wünschen Sie Einsicht in weitere Teile davon zu nehmen, bevor wir fortfahren?«

Admiral Cordwainer sah Cortez fragend an. Ob der Fünfte Raumlord wohl die Nuancen ebenso wahrgenommen hatte wie sie selbst? Vermutlich schon. Sie mochte ausgebildete Juristin sein für Dinge, die unausgesprochen blieben – und wie man sie überging –, ein besseres Gespür haben als andere Menschen; Sir Lucien Cortez hingegen war ein kampferfahrener Soldat, und das hatte sich in seinen Augen und seiner Körpersprache gezeigt, während er Lady Harringtons kühler, leidenschaftsloser Aufzählung der Ereignisse zuhörte.

Cortez schüttelte den Kopf, und die JAG sah wieder auf die Frau am Vortragspult.

»Wenn es keine weiteren Fragen gibt, können wir den Rest der Aufzeichnung später ansehen, Captain Ortiz«, sagte sie. »Fahren Sie fort.«

»Jawohl, Ma’am.« Ortiz nickte und senkte den Kopf. Sie drückte einige Tasten auf ihrem Memopad, um die gewünschten Informationen zu erreichen, dann sah sie wieder auf. »Was nun folgt, war der eigentliche Grund, weshalb ich den TLF bat, uns den Haupt-Holotank zur Verfügung zu stellen, Ma’am. Sie werden nun eine Darstellung des entscheidenden Teils im Gefecht sehen, die aus den Logbüchern aller überlebenden Schiffe von Kampfgruppe Hancock-Null-Null-Eins zusammengestellt wurde. Aufgrund der schweren Verluste, die die Kampfgruppe zu erleiden hatte, sind die Daten nicht vollständig, aber wir konnten das allermeiste dadurch rekonstruieren, dass wir erbeutete Daten aus Admiral Chins Dreadnoughts interpolierten. Auf der Grundlage all dieser Informationen hat das Computersystem des TLF die Entsprechung eines Displays in der Operationszentrale generiert. Der Zeitrafferfaktor beträgt …« – Ortiz blickte noch einmal auf ihr Memopad – »annähernd fünf zu eins, und wir beginnen kurz vor dem Augenblick von Admiral Sarnows Verwundung.«

Ortiz drückte Knöpfe, und der Saal verdunkelte sich erneut. Im riesigen Holotank leuchtete verschwommenes Licht auf, dann fokussierte sich die Abbildung schlagartig. Cordwainer spürte, wie neben ihr Cortez vor Anspannung erstarrte, als die Icons eines Gefechtsdisplays aufleuchteten.

Der größere Teil der aufgespaltenen Projektion zeigte das innere System des roten Zwergsterns namens Hancock bis zur elf Lichtminuten von der Sonne entfernten Hypergrenze. Die weit verteilten Lichtkennungen von Planeten und der grüne Punkt für die Flotten-Reparaturbasis, die das Herz von Hancock Station bildete, strahlten darin, aber die drei noch helleren, blinkenden Lichtkennungen zogen geradezu magnetisch alle Blicke auf sich. Nicht einmal der riesige Holotank des TLF war in der Lage, in diesem Maßstab noch einzelne Kriegsschiffe darzustellen, aber nur eins der Blinklichter war grün, wie es befreundeten Einheiten zukam; die beiden anderen leuchteten im düsteren Purpurrot der Gegner. Trichterförmige Lichtkonen wiesen auf alle drei und führten zu weiteren, stark vergrößerten Teilprojektionen, in denen einzelne Schiffe und Formationen dargestellt werden konnten.

Die JAG war keine ausgebildete Taktikerin, aber das brauchte sie auch gar nicht zu sein, um Cortez’ plötzliche Anspannung zu begreifen. Ein purpurroter Fleck – bei weitem der größere – hing so gut wie bewegungslos auf halber Strecke zwischen Hancock und Hypergrenze, und die Icons in der damit verbundenen Projektion identifizierten ihn als eine Furcht erregend große Ansammlung von Superdreadnoughts der Volksflotte. Die zweite gegnerische Streitmacht befand sich wesenlich dichter an der Reparaturbasis und näherte sich ihr, während sie gleichzeitig auch zu Kampfgruppe H-001 aufholte. Die Hand voll grüner Punkte, die manticoranische Einheiten symbolisierte, war eindeutig in der Unterzahl – und zudem den roten Punkten der Verfolger hinsichtlich der Kampfstärke bei weitem nicht gewachsen. Die schwersten manticoranischen Einheiten waren sechs Schlachtkreuzer, und um drei davon kreiselten bereits die blitzenden gelben Ringe, die Gefechtsschäden anzeigten – und sechs havenitische Dreadnoughts waren ihnen auf den Fersen.

Cordwainer zuckte zusammen, als die glitzernden Fünkchen von Raketen zwischen den beiden Verbänden hin und her zuckten. Die Haveniten pumpten ungefähr dreimal so viel Lenkwaffen in KG H-001 wie umgekehrt. Man konnte es nicht genau sagen – denn der Zeitraffer reduzierte die Flugzeiten der Raketen drastisch und machte jede numerische Schätzung fast unmöglich aber es sah so aus, als würden die Manticoraner mindestens ebenso viele Treffer erzielen wie die Haveniten. Unglücklicherweise konnten die havenitischen Dreadnoughts erheblich mehr Treffer verkraften als die manticoranischen Schlachtkreuzer.

»Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kampfgruppe bereits zwo Schlachtkreuzer verloren«, ertönte Captain Ortiz’ distanzierte, unsichtbare Stimme aus der Dunkelheit. »Durch Admiral Sarnows überfallartige Gefechtseröffnung erlitten die Havies am Anfang schwere Verluste, aber dazu muss man anmerken, dass der Admiral die beiden dienstältesten Divisionschefs und Commodore van Slyke verloren hatte. Kurz gesagt, gab es bereits zu diesem Zeitpunkt in der Kampfgruppe außer Admiral Sarnow keine überlebenden Flaggoffiziere.«

Cordwainer nickte schweigend, Cortez’ heftiges Atmen im Ohr, und zuckte erneut zusammen, als ein weiteres manticoranisches Schiff, ein Leichter Kreuzer, mit einer Plötzlichkeit vom Display verschwand, bei der ihr fast das Herz stehen geblieben wäre. Auch die beiden beschädigten Schlachtkreuzer mussten weitere Treffer hinnehmen. Das gelbe Band um einen davon – Cordwainer musste die Augen zu Schlitzen verengen, um den Namen AGAMEMNON neben dem Icon ausmachen zu können – wies schlagartig den Rotton kritischer Schäden auf, und sie erschauerte, als sie sich ausmalte, sie befände sich in Gefechtsentfernung zu einem Feind, der die acht- bis neunfache Feuerkraft aufbieten konnte.

»Wir kommen nun zu dem Punkt, an dem die Kampfgruppe ihre letzte Kursänderung vornahm«, verkündete Ortiz ruhig, und die JAG beobachtete, wie der Vektor von KG H-001 plötzlich um wenigstens fünfzehn Grad vom alten Kurs abknickte. Sie biss sich auf die Lippe, als die havenitischen Dreadnoughts wendeten, um ebenfalls auf den neuen Kurs umzuschwenken. Unvermittelt gefror die Darstellung im Tank.

»In diesem Augenblick setzte Admiral Sarnow zu seinem letzten Versuch an, den Feind von der Reparaturbasis und dem dortigen Navypersonal wegzulocken«, sagte Captain Ortiz, dann flackerte der Holotank erneut auf. Die vergrößerten Darstellungen blieben unverändert, der Rest des Displays jedoch schrumpfte auf einen winzigen Bruchteil seines früheren Volumens, um Platz für drei neue Projektionen zu machen – diesmal nicht mit Lichtkennungen und Kriegsschiffen, sondern Kommandodecks mit manticoranischen Offizieren, die geisterhaft mitten in der Bewegung eingefroren waren, als erwarteten sie die Wiederherstellung des Zeitflusses.

»Wir kommen nun zu den Ereignissen, die den Ausschuss maßgeblich zu seiner Entscheidung bewegt haben«, fuhr Ortiz fort. »Sorgfältige Durchsicht der Besprechungen und Diskussionen Admiral Sarnows mit seinen Geschwaderchefs und Kommandanten werden es meiner Meinung nach unbezweifelbar erscheinen lassen, dass alle von ihnen sich darüber im Klaren sein mussten, dass er plante, den Feind unter allen Umständen von der Basis abzulenken und dabei die eigenen Schiffe als Köder zu benutzen. Aus Fairness gegenüber Lord Young muss ich erwähnen, dass in diesen Diskussionen wiederholt die Rede davon war, dass die Kampfgruppe ausschwärmen und die Schiffe unabhängig voneinander die Flucht versuchen sollten, sobald eindeutig erwiesen war, dass weitere Ablenkung unmöglich geworden war. Die Ausführung dieses Vorhabens verbot sich selbstverständlich vor Erteilung des ausdrücklichen Befehls dazu durch das Flaggschiff.« Sie schwieg einen Moment und schien abzuwarten, ob jemand einen Kommentar anbringen wollte, doch alles blieb still, und sie sprach weiter:

»Von jetzt ab findet die Wiedergabe in Echtzeit statt, und die Kommandodeckprojektionen - den Brückenrecordern der relevanten Schiffe entnommen – werden mit den Ereignissen im taktischen Display synchronisiert. Geben wir zu Protokoll, dass dies« – eine der Projektionen leuchtete auf – »das Flaggdeck von HMS Nike ist, dies« – eine andere blitzte auf – »das Brückendeck der Nike und dieses schließlich« – die dritte Darstellung leuchtete auf – »das Brückendeck des Schweren Kreuzers HMS Warlock.« Erneut schwieg sie, um Fragestellern Gelegenheit zu bieten, dann erwachte die gesamte, komplexe Lichtskulptur im Holotank zu neuem Leben, als habe Ortiz sie mit einem Zauberstab berührt. Das Heulen der Alarmsirenen zerriss die Stille, dazu kamen das Piepen der Vorrangsignale und der hektische Hintergrundlärm von Brückencrews im Gefecht.

Die Kommandodeckprojektionen wirkten in Furcht erregender Weise lebensecht. Das waren keine Gebilde aus kaltem, leblosem Licht; sie waren echt, und Cartwright merkte, wie sie sich auf der Kante ihres bequemen Stuhls vorbeugte, als das Unmittelbare der Kommandostände über sie hinwegfegte. Und damit war sie nicht allein. Sie vernahm hinter sich ein Aufstöhnen, als wenigstens vier havenitische Raketen Volltreffer am Schweren Kreuzer Circe verbuchen konnten und das Schiff unter den Einschlägen der bombengepumpten Röntgenlaser zerbarst; ihre Augen aber hatte Cordwainer auf die Brücke der Nike gerichtet, auf eine Frau, die in nichts an den kühlen, unbeteiligten Captain erinnerte, dessen Aussage sie gerade gesehen hatte.

»Formation Reno, Com – sehen Sie zu, dass diese Kreuzer näher rankommen!«

Honor Harringtons abgehackter Befehlston besaß unwiderstehliche Autorität, und wie eine Maschine änderte im taktischen Display die gesamte Kampfgruppe die Positionen und formierte sich neu. Der Wechsel machte die Raketenabwehr des Verbands erheblich effektiver – so viel konnte selbst Cordwainer sagen. Dennoch war die Beobachtung nur oberflächlich und beinahe unbedeutend, denn ihre ganze Aufmerksamkeit galt Harrington, die ihren Kommandosessel ritt wie den geflügelten Hengst einer Walküre. So als sei es unausweichlich, dass sie dort war – als sei es unmöglich, dass sie an irgendeiner anderen Stelle im ganzen Universum wäre. Sie war das Herz, der ruhende Pol in der hektisch und dennoch disziplinierten Aktivität auf ihrer Brücke, und ihr war nicht im geringsten Hektik anzumerken. Ihre Miene blieb kühl – ausdruckslos, aber nicht durch Distanziertheit, sondern durch Entschlossenheit, durch die absolute, fokussierte Konzentration eines Kämpfers –, und ihre braunen Augen warfen gefrorene Blitze. Cordwainer konnte förmlich spüren, wie ihre Konzentration zu jedem Offizier, jedem Maaten und jedem Gasten auf der Brücke hinausreichte, als wäre Harrington eine Dirigentin, die ein ausgezeichnetes Orchester übernimmt und die Musiker auf unerreichte Höhen der Brillanz treibt, die sie allein niemals hätten erklimmen können. Harrington war in ihrem Element, tat die eine Sache, für die sie geboren war, und riss alle anderen mit sich, indem sie ihr Schiff kämpfen und die angeschlagene Kampfgruppe leiten ließ.

Neben Harrington verkam der schwitzende Mann mit dem kalkweißen Gesicht auf dem Kommandosessel von HMS Warlock zu einem Schemen, so klein und trivial, dass er kaum ins Auge fiel. Aus einem Augenwinkel immerhin beobachtete Cordwainer Admiral Sarnow samt Stab. Ihr Intellekt begriff das Können Sarnows, seine unglaubliche Fähigkeit, die komplexe taktische Lage in ihrer Gesamtheit im Kopf zu haben, und seine Entschlossenheit, die mindestens ebenso fokussiert war wie die von Harrington – und dennoch wirkte er eigenartig weit entfernt. Nicht herabgesetzt, aber … - zurückgedrängt, einen Schritt hinter dem eisigen und überlebensgroßen Feuer der Nike-Kommandantin. Sarnow ist das Gehirn der Kampfgruppe, begriff Cordwainer, aber Harrington ist die Seele. Irgendwo tief in ihr wunderte sie sich selbst über die eigenen Gedanken. Solche dramatischen Metaphern waren ihr fremd, und ihr kühler, analytischer Juristenverstand begehrte dagegen auf – und trotzdem wurden nur solch hochtrabende Vergleiche dem Drama gerecht, das sich vor ihren Augen abspielte.

»Wir haben die Agamemnon verloren, Skipper!«, meldete jemand auf der Brücke der Nike, und Cordwainer biss sich beim Verlöschen eines weiteren grünen Symbols auf die Lippe. Ihr Blick blieb dennoch auf Harringtons Gesicht fixiert und registrierte das nervöse, unwillkürliche Zucken des rechten Mundwinkels, als der Divisionspartner ihres Schiffes vernichtet wurde.

»Bringen Sie uns näher an die Intolerant. Taktik, schalten Sie sich in ihr Raketenabwehrnetz.«

Bestätigungen prasselten heran, aber Harringtons Augen blieben auf den Combildschirm fixiert, der sie mit Admiral Sarnow auf der Flaggbrücke verband. Und in diesen Augen zeigte sich Cordwainer noch etwas anderes: eine gewisse Bitterkeit, als der Admiral zu ihr zurückschaute. Die Kampfgruppe zahlte einfach einen zu hohen Preis, um den Feind von einer Basis abzulenken, die doch nicht mehr beschützt werden konnte. Und beide, Sarnow und Harrington, wussten das. Ihre Schiffe und Besatzungen starben für nichts, und Sarnow öffnete den Mund, um den Befehl zur Auflösung der Formation zu geben.

Aber er erteilte diesen Befehl nicht. Ein lauter Ausruf von jemandem in seinem Stab ließ ihn herumfahren, und dann leuchteten im Holotank und auf den taktischen Displays der Schiffe neue grüne Lichtkennungen auf. Vierzig – nein, fünfzig! – manticoranische Schiffe standen vor der Hypergrenze, manticoranische Schiffe, die von zehn Dreadnoughts angeführt wurden, und Sarnow beobachtete, die Schultern steif, wie sie auf einen Abfangkurs schwenkten und zu beschleunigen begannen.

Mit leuchtenden Augen wandte er sich wieder seiner Verbindung zu Captain Harrington zu - und in diesem Augenblick ruckte und wankte die Nike, als sei sie wahnsinnig geworden, denn Röntgenlaser schlugen durch ihre Panzerung und fraßen sich tief in den Rumpf. Auf dem Kommandodeck flackerten und erloschen Displays, als die Operationszentrale des Schlachtkreuzers vernichtet wurde, die Flaggbrücke aber verwandelte sich in ein Schlachthaus.

Cordwainer fuhr in ihren Stuhl zurück und ballte unwillkürlich die Fäuste, als das Schott der Flaggbrücke mit ohrenbetäubendem Gebrüll zerbarst. Weißglühende Splitter aus Panzerstahl surrten wie Schrapnells durch den Kontrollraum, zerfetzten Computer, Displays, Kommandokonsolen und Menschen mit zerstörungswütiger Gleichgültigkeit, und mit Orkanlautstärke fauchte die Atemluft aus den Rissen im Rumpf der Nike. Die JAG hatte nie einen Kampfeinsatz erlebt. Sie war eine phantasievolle, intelligente Frau mit scharfem Verstand, und trotzdem hätte nur das eigene Erleben sie auf das Entsetzen und das Chaos dieses Augenblicks vorbereiten können, auf die bestürzende Zerbrechlichkeit des Menschen gegenüber der Elementargewalt, über die er gebot und die er beschwor. Cordwainer drehte sich der Magen um, als der Vernichtungssturm Sarnow schrecklich verstümmelt von seinem Kommandosessel fegte, den Raumanzug bedeckt mit vakuumgetrocknetem Blut.

Sie riss sich los von dem Heulen der Sirenen, dem Gebrüll der Überlebenden, den Schreien der Sterbenden, und erblickte den Schock in Harringtons Gesicht – die Erkenntnis, was mit ihrem Schiff und mit ihrem Admiral geschehen war. Cordwainer sah all das in jenem kurzen Moment über ihr Gesicht zucken – das Erfassen der Konsequenzen und den augenblicklichen, instinktiven Entschluss, der damit einherging. Harringtons Stimme, mit der sie die Schadensmeldungen bestätigte, verriet nicht den geringsten Hinweis darauf, aber die JAG wusste, was in dem Captain vor sich ging. Harrington war Sarnows Flaggkommandantin, seine taktische Stellvertreterin, aber die Befehlsgewalt ging mit dem Admiral. Rechtlich hatte Harrington keine andere Wahl, als den nach Sarnow ranghöchsten Offizier zu informieren, er habe den Befehl über die Kampfgruppe, und dennoch zwang sie sich, äußerlich gelassen im Kommandosessel zu sitzen, als die Schadensmeldungen verstummten … und kein Wort zu sagen.

Die Kampfgruppe raste weiter durchs All, und das feindliche Feuer peitschte auf die Schiffe ein. Ein Treffer nach dem anderen ging auf HMS Nike nieder. Ob die Haveniten sie als das Flaggschiff erkannt hatten oder ob es nur daran lag, dass die Nike das größte und kampfstärkste Schiff des Verbandes war, musste völlig unwichtig erscheinen; die havenitischen Raketen fetzten an ihr wie ein Wirbelsturm aus Feuer, und die Nike erbebte bis ins Innerste. Die Schweren Kreuzer Merlin und Sorcerer hefteten sich an ihre Flanken, verbanden ihr Abwehrfeuer mit dem der Nike und der Intolerant, aber selbst damit ließ sich nicht jede Rakete aufhalten, und das Hologramm von Harringtons Kommandodeck erbebte und hüpfte auf und ab, immer wieder, jedes Mal, wenn der Schlachtkreuzer getroffen wurde. Das Schiff wand sich wie in Todesqualen, aber ein neues Symbol leuchtete vor der Kampfgruppe im Display auf, ein hell strahlendes Kreuz, dessen Bedeutung auch Cordwainer sofort begriff: der Punkt, an dem es für die verfolgenden Haveniten mathematisch unmöglich wurde, den neu eingetroffenen manticoranischen Dreadnoughts zu entkommen – die sich noch immer jenseits der Ortungsreichweite der havenitischen Schiffe befanden.

Minuten verstrichen langsam und von Schrecken erfüllt; die Sekunden wurden in Donnerschlägen und dem Sterben von Menschen gerechnet. Wie mit stählernen Pinzetten zerrten sie an den Nerven der Zuschauer, und die wundgeschossenen überlebenden Schiffe von KG H-001 näherten sich immer weiter dem Kreuz und bezahlten mit dem Blut ihrer Besatzungen dafür, dass der Gegner in die Falle gelockt wurde. Trümmerteile und Atemluft strömten aus dem aufgerissenen Rumpf der Nike, während der Gegner sie immer näher an den Punkt brachte, an dem die Verbände nicht mehr standhielten, an dem sie auseinanderbrechen musste … und Cordwainer kauerte sich auf dem Stuhl zusammen und starrte auf die funkelnde Entschlossenheit in Harringtons Augen, sah den Schmerz, den sie beim Tod ihrer Leute empfand, und trieb sie im Stillen an, wünschte ihr mit jeder Faser ihres Seins, das Ziel zu erreichen.

Und dann geschah es.

Eine einzelne Rakete griff HMS Warlock an. Es gelang ihr, der bis dahin vollkommen intakten Nahbereichsabwehr des Schweren Kreuzers auszuweichen und sich auf Angriffsentfernung zu nähern. Sie detonierte, und zwei Röntgenlaserstrahlen schlugen in das Schiff ein. Der Schaden kam plötzlich und unerwartet, aber im Vergleich zu dem, was andere Schiffe erdulden mussten, war er geringfügig. Dennoch lenkte eine schrille, furchterfüllte Tenorstimme aller Blicke vom Kommandodeck der Nike auf Captain Lord Pavel Young.

»Geschwaderbefehl! Alle Schiffe ausschwärmen! Wiederhole, alle Schiffe ausschwärmen!«

Cordwainer sah auf das taktische Display und entdeckte zu ihrem Entsetzen, dass das Schwere Kreuzergeschwader 17 dem Befehl Folge leistete. Seine Schiffe bewegten sich auf Bögen vom Hauptverband fort – alle außer HMS Merlin, die grimmig an der Flanke der Nike kleben blieb und verzweifelt versuchte, das Feuer einzudämmen, das auf das Flaggschiff niederging –, und im feinmaschigen, aufeinander abgestimmten Netz der Raketenabwehr brach das Chaos los. Der Leichte Kreuzer Athena explodierte nach einem Volltreffer, und noch mehr Einschläge fraßen sich in den plötzlich ungedeckten Schlachtkreuzer HMS Cassandra, versengten ihr den Rumpf, schalteten den gesamten Backbord-Seitenschild aus und ließen sie nackt und verwundbar zurück. Wie ein kühler, klarer Fanfarenstoß durchdrang Honor Harringtons Stimme das Chaos.

»Rufen Sie die Warlock! Bringen Sie diese Schiffe wieder in Position!«

Cordwainer wandte den Kopf wie in automatischem Reflex und starrte auf die Brücke der Warlock, als Harringtons Signaloffizier die Befehle weitergegeben hatte … und Pavel Young antwortete nicht. Wortlos starrte er seinen Signaloffizier an, nicht in der Lage – oder nicht willens – zu antworten, und das Gesicht seines Ersten Offiziers verhärtete sich in Unglauben.

»Ihre Befehle, Sir?«, fragte der I.O. mit rauer Stimme, und Young zwang sich, mit flackerndem Blick auf das Display zu sehen. Sein Gesicht war vor Schrecken totenbleich und wie erstarrt. Er sah zu, wie die Haveniten den Schiffen zusetzten, die durch seine Flucht entblößt worden waren.

»Ihre Befehle, Sir?«, schrie der Erste beinahe, und Captain Lord Pavel Young biss die Zähne zusammen, ließ sich in seinem Kommandosessel hinabsacken und starrte weiterhin schweigend in das Display.

»Keine Antwort von der Warlock, Ma’am.« Gelähmter Unglaube schwang in der Stimme von Harringtons Signaloffizier mit, und die Nike erbebte unter einem weiteren Treffer. Der Kopf der Flaggkommandantin fuhr herum, und der Signaloffizier wich unwillkürlich zurück, als er ihr Gesicht sah, das nicht mehr kalt oder konzentriert erschien. Aufgebrachte Wut und noch etwas – etwas Urtümliches, Hassverzerrtes – loderte aus ihren Augen, und ihre Stimme klang wie ein Peitschenhieb.

»Geben Sie mir eine Direktleitung zu Captain Young!«

»Aye, aye, Ma’am.« Harringtons Signaloffizier hieb auf Tasten, und auf einem Bildschirm neben Harringtons Knie erschien Youngs schweißüberströmtes Gesicht.

»Kehren Sie in die Formation zurück, Captain!«, fuhr Harrington ihn an. Young konnte sie nur anstarren, seine Lippen bewegten sich, ohne einen Ton von sich zu geben, und als Harrington ihren Befehl wiederholte, war ihre Stimme rau vor Hass und Verachtung.

»Kehren Sie in die Formation zurück, verdammt noch mal!«, bellte sie … und dann verdunkelte sich der Bildschirm, als Young die Verbindung trennte.

Eine Sekunde lang starrte Harrington vor Unglauben wie gelähmt auf den Bildschirm, und genau in dieser Sekunde bockte und zitterte die Nike unter neuen Einschlägen. Hektische Schadensmeldungen ertönten, und die Kommandantin löste den Blick vom Combildschirm und richtete ihn auf den Signaloffizier.

»Allgemeines Signal an alle Schweren Kreuzer: Kehren Sie sofort in die Formation zurück. Wiederhole, kehren Sie sofort in die Formation zurück!«

Im übergeordneten taktischen Display war nun zu sehen, dass vier der fünf fliehenden Kreuzer auf den alten Kurs zurückgingen. Sie reihten sich in die Formation der Kampfgruppe ein und unterwarfen sich wieder dem Nahbereichsabwehr-Netz. Alle, bis auf einen: HMS Warlock setzte die Flucht fort, raste vom Rest der Kampfgruppe davon, während der I. O. des Kreuzers seinen Kommandanten vor versammelter Brückencrew verfluchte und gekreischte Beschimpfungen zur Antwort erhielt, aus denen die blanke Panik sprach. Dann erlosch der Holotank, und erneut gingen die Lichter an.

»Ich glaube«, sprach Captain Ortiz in das tiefe, gelähmte Schweigen, »dass hiermit alle wesentlichen Teile des Beweisstücks vorgeführt sind.« Ein Offizier des JAG-Corps hob die Hand, und Ortiz nickte ihm zu. »Ja, Commander Owens?«

»Ist die Warlock in den Verband zurückgekehrt, Ma’am?«

»Nein, das ist sie nicht.« Ortiz antwortete mit unbewegter Stimme, doch die Neutralität der Antwort schrie ihre Meinung über Pavel Young hinaus, und Owens setzte sich mit einem kalten, harten Glitzern im Auge wieder auf seinen Stuhl.

Wieder herrschte Stille und schwebte für lange, unbehagliche Augenblicke über dem Saal, dann räusperte Vizeadmiral Cordwainer sich und sah Sir Lucien Cortez an.

»Ich glaube, es steht außer Frage, dass Lady Harrington ihre Kompetenzen überschritten hat, als sie das Kommando nicht weitergereicht hat, Sir Lucien. Gleichzeitig kann an Lord Youngs Handeln weder Zweifel herrschen, noch kann dafür eine Entschuldigung gefunden werden. Daher unterstütze ich Admiral Parks’ Empfehlung vorbehaltlos.«

»Einverstanden.« Cortez antwortete mit Grimm in der Stimme. Augen und Mund waren angespannter, als sich durch das, was er gerade gesehen hatte, rechtfertigen ließ, dann riss er sich zusammen. »Was Lady Harringtons Verhalten betrifft, so ist es von Konteradmiral Sarnow, Vizeadmiral Parks, dem Ersten Raumlord, der Baronin Morncreek und Ihrer Majestät der Königin selbst gebilligt worden. Ich glaube deshalb nicht, dass Sie sich damit befassen müssen, Alyce.«

»Das freut mich zu hören«, antwortete Cordwainer leise. Sie holte tief Luft. »Soll ich die Offiziere für das Kriegsgericht auswählen lassen?«

»Ja. Aber lassen Sie mich noch etwas hinzufügen – etwas, das für alle Anwesenden gilt.« Der Fünfte Raumlord erhob sich und wandte sich mit ernster Miene den erbleichten JAG-Offizieren zu, die hinter ihm und Cordwainer saßen. »Ich möchte Sie daran erinnern - Sie alle –, dass alles, was Sie gerade gesehen haben, vertraulich zu behandeln ist. Lady Harrington und Lord Young sind noch nicht aus dem Hancock-System zurück, und nichts aus dieser Versammlung oder irgendetwas anderes, was Sie im Zusammenhang mit diesem Fall gesehen, gehört oder gelesen haben, hat an die Öffentlichkeit zu gelangen, bis die Einberufung des Kriegsgerichtes durch mein Büro bekannt gegeben worden ist. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Allgemeines Kopfnicken. Cortez antwortete mit einem knappen Neigen des Kopfes, dann drehte er sich um und schritt langsam aus dem stillen, erschütterten Amphitheater.

1

Die hohe Standuhr in der Ecke tickte langsam und endlos, der Perpendikel hinter der Glastür maß die Sekunden und Minuten in altmodischen mechanischen Happen, und Lord William Alexander, Lordschatzkanzler und zweithöchstes Mitglied der manticoranischen Regierung, betrachtete wie im Bann das faszinierende Hinundherpendeln. Auf dem Schreibtisch neben ihm stand ein weitaus genaueres, modernes, geräuschloses Chronometer; Lord William bemerkte aber, dass das Zifferblatt der alten Uhr tatsächlich, wie auf Alterde üblich, in zwölf gleiche Segmente unterteilt war, anstatt Manticores etwas über zweiundzwanzig Stunden langen Tag wiederzugeben. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, weshalb sich der Besitzer dieses Büros mit Antiquitäten umgab. Weiß Gott konnte er sie sich leisten, aber weshalb faszinierten sie ihn derart? Lag es daran, dass er sich wünschte, in einer einfacheren, weniger komplizierten Zeit zu leben?

Alexander verbarg ein schmales, trauriges Lächeln und sah den Mann hinter dem Schreibtisch an. Allen Summervale, Herzog von Cromarty und Premierminister des Sternenkönigreichs von Manticore, war ein schlanker Mann, dessen helles Haar sich schon vor langer Zeit silbern gefärbt hatte – trotz aller Segnungen der Prolong-Behandlung. Nicht das Alter hatte sein Haar gebleicht oder jene tiefen, müden Falten in sein Gesicht geschnitten – sondern die niederdrückenden Amtspflichten, und wer konnte es ihm verdenken, wenn er sich nach einer Welt sehnte, die weniger kompliziert und undankbar war als die, in der er lebte?

Ein vertrauter Gedanke, und ein furchteinflößender zugleich, denn sollte Cromarty jemals etwas zustoßen, dann würde die Last des Amtes auf Lord Williams Schultern fallen. Etwas Beängstigenderes konnte der Lord-Schatzkanzler sich nicht vorstellen – allerdings begriff er auch nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, je die Position anzustreben, die er nunmehr innehatte. Geschah ihm wohl ganz recht; schließlich konnte er nicht einmal ansatzweise nachvollziehen, was Cromarty dazu getrieben hatte, mehr als fünfzehn Jahre lang die Bürde des Premierministeramtes auf sich zu nehmen.

»Und er hat überhaupt keinen Grund genannt?«, vergewisserte Alexander sich schließlich und brach damit die tickende Stille, die an seinen Nerven zerrte.

»Nein.« Cromartys Stimme war ein tiefer Bariton, so weich wie ein guter Whiskey, die potente und flexible Waffe eines Politikers, doch nun verriet sie seine Besorgnis. »Nein«, wiederholte er, »aber wenn der Anführer des Bundes der Konservativen um ein offizielles Treffen bittet und eine Com-Konferenz ablehnt, dann bedarf es keines Hellsehers, um zu ahnen, dass das Thema alles andere als zusagen wird.«

Er lächelte schief; Alexander nickte bedächtig. Michael Janvier, der Baron von High Ridge, stand bei beiden Männern auf der Liste der beliebten Menschen nicht gerade sehr weit oben. High Ridge war kalt, hochnäsig, dünkelhaft und erfüllt von einem nur als bigott zu bezeichnenden Stolz auf seine eigene ›hochwohlgeborene‹ Abkunft. Die Tatsache, dass sowohl Cromarty als auch Alexander weit edleren Familien entstammten, schien für High Ridge weniger wichtig, eine bloße Bagatelle und allenfalls etwas, worüber man ärgerlich sein konnte, aber andererseits auch nichts, weswegen ein Baron von High Ridge sich Gedanken machen müsste.

Typisch für diesen Kerl, überlegte Alexander säuerlich. Über seine eigene Herkunft dachte er nur sehr selten nach – und dann höchstens, um sich zu wünschen, er entstammte weniger prominenten und weniger mächtigen Vorfahren, und es stände ihm frei, die Familientradition der öffentlichen Verantwortung zu ignorieren, die sein Vater und sein Großvater ihm vorexerziert hatten und die jedem Alexander im Mark steckte. Abkunft hingegen bildete den Kern von High Ridges Existenz, war das Einzige, was dem Mann wirklich etwas bedeutete: ein Garant für Macht und Ansehen, im Herzen seiner politischen Philosophie konnte darum nichts anderes liegen als engstirnige Verteidigung aller Privilegien und Beibehaltung des Status quo. Genauer gesagt, handelte es sich dabei um den gemeinsamen Nenner des Bundes der Konservativen und erklärte, weshalb der Bund im Unterhaus, im House of Commons, so gut wie gar nicht vertreten war. Darüber hinaus begründete dies auch den fremdenfeindlichen Isolationismus, den der Bund vertrat. Denn schließlich konnte ja alles, was Spannungen oder gar Veränderungen im politischen System von Manticore verursachte, eine weitere gefährliche Kraft bedeuten, die es auf die Privilegien dieses hochwohlgeborenen Packs abgesehen hatte!

Alexander verzog den Mund und ließ sich tiefer in seinen Sessel sinken. Gerade noch rechtzeitig ermahnte er sich, im Büro des Premierministers nicht zu fluchen. Und zügle deine Abneigung, wenn High Ridge endlich aufkreuzt! Ihre eigene Partei, die Zentralisten, besaß im Unterhaus eine klare Mehrheit von sechzig Stimmen, im House ofLords, dem Oberhaus, hingegen nur einen knappen Stimmenvorsprung, der nicht ausreichte, um Beschlüsse durchzusetzen. Durch die Allianz mit den Kronloyalisten und dem Bund hielt die Regierung Cromarty auch im Oberhaus eine knappe, beschlussfähige Mehrheit; ohne den Bund verschwand diese Majorität, und das machte High Ridge, so unerträglich der Mann auch wirkte und so widerlich er vermutlich wirklich war, einfach unverzichtbar.

Ganz besonders im Augenblick.

Die Com-Einheit auf Cromartys Schreibtisch verlangte summend nach Aufmerksamkeit. Der Herzog beugte sich vor und drückte eine Taste.

»Ja, Geoffrey?«

»Baron High Ridge ist soeben eingetroffen, Euer Gnaden.«

»Aha. Ich lasse bitten. Wir haben ihn bereits erwartet.« Er ließ die Taste los und schnitt Alexander eine Grimasse. »Erwarten ihn bereits seit zwanzig Minuten. Warum zum Teufel kann der Kerl nicht ein Mal pünktlich sein?«

»Du weißt genau, warum«, antwortete Alexander mit säuerlicher Miene. »Er will sichergehen, dass du begreifst, wie verdammt wichtig er ist.«

Cromarty schnaubte verächtlich, dann erhoben sich beide Männer von ihren Sesseln. Auf ihren Gesichtern machte der ehrliche Ausdruck einem gekünstelten Willkommenslächeln Platz, dann wurde High Ridge durch die Tür hereingeführt.

High Ridge ignorierte den Butler. Selbstverständlich, dachte Alexander. Dafür sind die Bauern schließlich da – um vor denen zu katzbuckeln, die über ihnen stehen … Lord William drängte den Gedankengang beiseite und verschloss ihn tief in sich. Er nickte dem hochgewachsenen, spindeldürren Besucher zu, so freundlich es ihm möglich war. High Ridge war noch schlanker als Cromarty, doch alles an ihm bestand aus langen, schlaksigen Armen und Beinen, und sein Hals erinnerte an einen abgemagerten Trinkhalm. Schon immer hatte Alexander beim Anblick dieses Mannes an eine Spinne denken müssen – nur die kalten, kleinen Augen und das durchtriebene Grinsen passten nicht in dieses Bild. Wenn eine Agentur High Ridge zu einem HD-Produzenten geschickt hätte, um für ihn die Rolle eines überzüchteten, kretinoiden Aristokraten, eines geistig verarmten Adligen zu spielen, dann hätte dieser Produzent ihn wohl dem Agenten mit einem sarkastischen Denkzettel über Stereotypen und Rollenklischees zurückgeschickt.

»Guten Abend, Mylord«, begrüßte Cromarty ihn und reichte ihm die Hand.

»Guten Abend, Euer Gnaden.« High Ridge ergriff die Rechte des Premierministers mit einer eigenartigen, heikel wirkenden Geste – ein verkrampftes Händeschütteln, das, wie Alexander wusste, nicht bewusst für diese Gelegenheit gewählt war, sondern schlicht und einfach High Ridges üblicher Affektiertheit entsprang. Dann setzte der Baron sich in den Sessel vor dem Schreibtisch, lehnte sich zurück und verschränkte die Beine übereinander; platzierte seine Besitzmarke auf den Sessel. Cromarty und Alexander setzten sich ebenfalls wieder.

»Darf ich fragen, was Sie zu mir führt, Mylord?«, fragte der Herzog höflich, und High Ridges Miene verdüsterte sich.

»Zwei Dinge, Euer Gnaden. Eins davon ist eine recht … äh, irritierende Information, die mir zu Ohren gekommen ist.«

Er hielt mit erhobener Augenbraue inne und genoss das Gefühl der Macht, während er darauf wartete, dass der Herzog fragte, worum es sich dabei handele. Nichts anderes als einer von den ärgerlicheren Tricks des Barons, doch die Realitäten des politischen Überlebens verlangten von seinem Gastgeber, dieses unsägliche Verhalten zu schlucken.

»Und diese Information wäre?«, fragte Cromarty mit aller Verbindlichkeit, zu der er sich aufraffen konnte.

»Wie ich hörte, erwägt die Admiralität, Lord Pavel Young vor ein Kriegsgericht zu stellen, Euer Gnaden«, sagte High Ridge mit gewinnendem Lächeln. »Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass dieses Gerücht ohne jede Grundlage sein muss, doch hielt ich es für das Beste, gleich zu Ihnen zu kommen, um das Dementi aus Ihrem eigenen Munde zu hören.«

Cromarty besaß das Gesicht eines Politikers, und es verriet anderen nur, was er ihnen verraten wollte. Doch als er Alexander ansah, hatte er die Lippen zusammengepresst, und seine Augen funkelten vor Wut. Sein Stellvertreter erwiderte den Blick mit gleichem Ausdruck: grimmig und zornerfüllt.

»Darf ich fragen, Mylord, von wem Sie dieses Gerücht erfahren haben?«, erkundigte Cromarty sich mit gefahrverheißender Stimme; High Ridge jedoch zuckte nur mit den Schultern.

»Ich fürchte, das muss ich für mich behalten, Euer Gnaden. Als Peer des Reiches habe ich meine Informationskanäle zu sichern und die Anonymität jener zu respektieren, die mich mit dem Wissen versorgen, das ich benötige, um meine Pflicht gegenüber der Krone zu erfüllen.«

»Wenn ein Kriegsgerichtsverfahren erwogen würde«, sagte Cromarty leise, »wäre das Wissen um diese Angelegenheit per Gesetz auf die Admiralität, die Krone und dieses Büro beschränkt, bis die Entscheidung gefällt und offiziell verkündet würde – diese Beschränkung dient unter anderem dazu, den Ruf jener zu schützen, gegen die eine solche Maßnahme erwogen wird. Wer immer Ihnen dieses Gerücht zugetragen hat, verletzte dadurch das Kriegsnotstandsgesetz, das Gesetz über Offizielle Geheimnisse und, falls es sich um einen Angehörigen oder eine Angehörige der Streitkräfte handelt, die Kriegsartikel - ganz zu schweigen von den Eiden, den er – oder sie – der Krone geleistet hat. Ich bestehe darauf, dass Sie mir einen Namen nennen, Mylord.«

»Und das verweigere ich mit allem Respekt, Euer Gnaden.« High Ridges Mundwinkel kräuselten sich bei der bloßen Vorstellung, er könne irgendwelchen Gesetzen unterliegen, und ein gefährliches, zorniges Schweigen senkte sich über das Büro. Alexander fragte sich, ob der Baron überhaupt ahnte, auf welch dünnes Eis er sich begeben hatte. Zum Besten der Politik würde Allen Summervale einiges hinnehmen; eine Verletzung des Kriegsnotstandsgesetzes oder des Gesetzes über Offizielle Geheimnisse gehörte nicht dazu – schon gar nicht während eines Krieges. High Ridges Weigerung, seinen Informanten preiszugeben, erfüllte nach den Gesetzen des Sternenkönigreichs den Straftatbestand der Beihilfe.

Aber dieser Moment ging vorüber. Cromarty biss die Zähne zusammen, und seine Augen glitzerten nichts Gutes verheißend, aber er lehnte sich zurück und atmete tief durch.

»Nun gut, Mylord. Ich werde Sie nicht weiter bedrängen – vorerst nicht«, sagte er abgehackt und unternahm diesmal nicht einmal den Versuch, seine Meinung von seinem Gegenüber zu verhehlen. Nicht, dass High Ridge dies wahrzunehmen schien; die bedrohliche Einschränkung perlte von der Rüstung seiner Arroganz ab wie Wasser, und er lächelte erneut.

»Vielen Dank, Euer Gnaden. Ich warte allerdings noch immer darauf, dass Sie das Gerücht dementieren.«

Unter dem Schutz der Kante von Cromartys Schreibtisch ballte Alexander, empört über die Unverschämtheit dieses Menschen, die Faust. Cromarty bedachte den Baron mehrere Sekunden lang schweigend mit einem eisigen Blick. Dann schüttelte er den Kopf.

»Ich kann es nicht dementieren, Mylord. Noch werde ich es bestätigen. Sie müssen verstehen, auch dieses Büro unterliegt dem Gesetz.«

»Tatsächlich.« High Ridge ignorierte die Spitze und zupfte sich an einem Ohrläppchen. »Wenn an der Sache nichts dran wäre, würden Sie mit Sicherheit dementieren. Das deutet also darauf hin, dass die Admiralität in der Tat beabsichtigt, Lord Young anzuklagen. Sollte dies der Fall sein, so möchte ich den schärfsten Protest aussprechen, und zwar nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern für den gesamten Bund der Konservativen.«

Alexander versteifte sich. Pavel Youngs Vater war Dimitri Young, Zehnter Earl von North Hollow und im Oberhaus Fraktionsgeschäftsführer, ›Einpeitscher‹ des Bundes, und wie jeder in diesem Raum wusste, zudem die mächtigste Einzelperson innerhalb des Bundes - hinter verschlossenen Türen der Königsmacher, der Herrscher über die Konservativen. Mit einer untrüglichen Nase für Skandale und Intrigen bewaffnet, habe er, so munkelte man, Privatakten über maßgebliche Persönlichkeiten zusammengestellt, Informationen über schmutzige Geschäfte und andere heikle Dinge, welche eine vernichtende politische Waffe darstellten.

»Darf ich nach der Grundlage Ihres Protestes fragen?«, bat Cromarty scharf.

»Selbstverständlich, Euer Gnaden. Vorausgesetzt, die Information ist akkurat – und in Anbracht Ihrer Weigerung, sie zu dementieren, gehe ich davon aus –, halte ich diese Anklage für nichts mehr als eine weitere ungerechtfertigte Verfolgung Lord Youngs durch die Admiralität. Die fortgesetzten Bemühungen der Navy, ihn zum Prügelknaben für die tragischen Vorfälle im Basilisk-Vorposten zu machen, sind schikanös, ein Affront, den er mit, wie ich finde, bemerkenswertem Gleichmut hingenommen hat. Was nun vor sich geht, ist jedoch eine wesentlich ernstere Angelegenheit, und niemand mit einem Sinn für Gerechtigkeit und Anstand kann dies unwidersprochen hinnehmen.«

Bei High Ridges scheinheiligem Ton stieg in Lord William die Galle hoch. Er gab einen erstickten Laut von sich, doch Cromarty warf ihm rasch einen warnenden Blick zu, und so biss Alexander die Zähne zusammen und zwang sich, nicht vom Sessel aufzuspringen.

»Ihrer Beurteilung des Verhaltens seitens der Admiralität gegenüber Lord Young muss ich aufs Entschiedenste widersprechen«, sagte der Premierminister. »Aber auch im anderen Fall hätte ich weder die Autorität noch das Recht, mich in die Angelegenheiten des Corps der Judge Advocate General einzumischen – ganz bestimmt aber nicht betreffs einer Kriegsgerichtsverhandlung, die noch nicht einmal offiziell anberaumt wurde!«

»Euer Gnaden, Sie sind der Premierminister von Manticore«, erwiderte High Ridge mit nachsichtigem Lächeln. »Sie besitzen vielleicht nicht die Autorität, sich einzumischen, aber Ihre Majestät schon, und Sie sind ihr oberster Minister. Als solchem rate ich Ihnen, ihr zu empfehlen, diesen Vorgang vollständig fallen zu lassen.«

»Etwas Derartiges kann und werde ich nicht tun«, sagte Cromarty tonlos, und etwas in seiner Stimme musste High Ridge doch gewarnt haben, denn er nickte einfach und setzte eine Miene auf, die seltsamerweise triumphierend wirkte, nicht aber besorgt oder auch nur verärgert.

»Ich verstehe, Euer Gnaden. Nun, wenn Sie sich weigern, dann weigern Sie sich eben.« Der Baron zuckte mit den Schultern und lächelte unfreundlich. »Nachdem wir dies nun hinter uns gebracht haben, nehme ich an, sollte ich zum zweiten Thema kommen, über das ich mit Ihnen sprechen wollte.«

»Und das wäre?«, fragte Cromarty kurz angebunden, als der Baron erneut abwartete.

»Der Bund der Konservativen«, begann High Ridge, und seine Augen funkelten triumphierend, was ebenso seltsam anmutete wie zuvor sein Lächeln, »hat selbstverständlich den Antrag der Regierung, der Volksrepublik Haven den Krieg zu erklären, aufs sorgfältigste geprüft.«

Alexander versteifte sich erneut und riss in erschrockenem Unglauben die Augen auf. High Ridge sah kurz auf ihn, dann fuhr er mit gewissem prahlerischem Jubel fort:

»Unbestritten müssen die havenitischen Übergriffe auf unser Territorium mit größter Sorge betrachtet werden. In Anbetracht der neuesten politischen Entwicklung innerhalb der Volksrepublik glaube ich jedoch, dass eine – besonnenere Reaktion vonnöten ist. Ich begreife durchaus das Begehren der Admiralität, den havenitischen Übergriffen rasch und mit aller Härte zu begegnen, aber die Admiralität leidet eben doch unter der Kurzsichtigkeit, die militärischen Institutionen zu eigen ist, und erkennt nicht die Notwendigkeit der Zurückhaltung. Interstellare politische Konflikte neigen schließlich und endlich dazu, sich mit der Zeit von selbst zu lösen, ganz besonders aber in einer Situation wie dieser. Und vom Standpunkt des Bundes betrachtet, ist die ungerechtfertigte Feindseligkeit der Admiralität gegenüber Lord Young nur ein weiterer Hinweis darauf, dass ihr Urteil – nun, sagen wir, nicht unfehlbar ist.«

»Kommen Sie zur Sache, Mylord«, fuhr Cromarty, alle Vorspiegelungen von Freundlichkeit über Bord werfend, ihn an, und High Ridge zuckte die Achseln.

»Aber natürlich, Euer Gnaden – zur Sache. Und die besteht darin, dass ich Sie zu meinem Bedauern über Folgendes in Kenntnis setzen muss: Sollte die Regierung in nächster Zeit auf eine Kriegserklärung und uneingeschränktes militärisches Vorgehen gegen die Volksrepublik Haven drängen, so wird der Bund der Konservativen aus prinzipiellen Erwägungen keine andere Wahl haben, als in die Opposition zu gehen.«

2

Die kalte Anspannung im einzigen funktionstüchtigen Beiboothangar von HMS Nike war geradezu greifbar und dennoch nur ein schwacher Widerhall des inneren Aufruhrs, der in Honor Harrington tobte. Ohne Nimitz’ warmes Gewicht fühlte ihre Schulter sich leicht und verwundbar an, aber ihn hierher mitzubringen wäre einfach ein Fehler gewesen. Die Persönlichkeit der empathischen Baumkatze war zu unkompliziert, als dass er seine Gefühle so hätte verbergen können, wie die Förmlichkeit des Anlasses es erforderte. Um genau zu sein, besaß auch sie selbst keine Veranlassung, hier zu sein, und doch stand sie bewegungslos und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen da und fragte sich, weshalb sie wirklich erschienen sei.

Als Captain Lord Pavel Young den Hangar betrat, wandte sie den Kopf, die mandelförmigen Augen dunkel und gelassen. Wie gewohnt betonte eine teure Uniform sein makelloses Äußeres, doch war sein Gesicht jeden Ausdrucks beraubt. Er blickte starr nach vorn und ignorierte den schweigenden, bewaffneten Lieutenant des Marinecorps, der ihm auf Schritt und Tritt folgte.

Als sein Blick auf Honor fiel, entglitt ihm für einen Moment lang die ausdruckslose Maske. Seine Nasenflügel bebten, und er presste die Lippen zusammen. Dann atmete er tief durch und überwand sich, quer über die Hangargalerie auf sie zuzugehen. Er blieb vor ihr stehen, und Honor straffte die Schultern und salutierte.

Überrascht flackerten seine Augen, dann hob er die Hand und erwiderte den Gruß. Wie Young ihn ausführte, bedeutete er keine Respektbekundung. Herausforderung und Hass sprachen aus seiner ›Ehrenbezeugung‹, aber auch eine winzige Spur von etwas wie Dankbarkeit. Honor wusste, dass er nicht damit gerechnet hatte, von ihr empfangen zu werden, dass er nicht wollte, dass sie hier stand und seine Erniedrigung beobachtete. Dennoch verspürte sie zu ihrem Erstaunen keinen Triumph. Dreißig T-Jahre lang war Pavel Young ihr schlimmster lebender Feind gewesen, doch als sie ihn nun vor sich sah, bemerkte sie von ihm nichts außer seiner Erbärmlichkeit, sah nur den verwöhnten, kleingeistigen Egoisten, der wahrlich geglaubt hatte, seine Abkunft mache ihn erhaben über seine Umgebung und schütze ihn vor allen Folgen seines Handelns. Er bedeutete keine Gefahr mehr – nur einen scheußlichen Fehler, den die Navy begangen hatte und den zu berichtigen sie nun ansetzte. Honor war in diesem Augenblick nur eines wichtig: dass sie Young nun für immer hinter sich ließ.

Und doch …

Sie ließ die Hand sinken und trat beiseite. Ein Captain Junior Grade mit dem Waagschalenschulteremblem des JAG-Corps räusperte sich hinter ihr.

»Captain Lord Young?«, fragte der Unbekannte, und Young nickte. »Ich bin Captain Victor Karatchenko. Auf Befehl derJudge Advocate General werden Sie hiermit ersucht und angewiesen, mich auf den Boden dieses Planeten zu begleiten, Sir. Darüber hinaus muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie unter verschärftem Arrest stehen und sich möglicherweise wegen Feigheit vor dem Feind und Fahnenflucht vor dem Kriegsgericht verantworten müssen.« Youngs Gesicht verhärtete sich, als er die formelhaften Sätze hörte. Vor Entsetzen möglicherweise, dachte Honor, aber nicht vor Überraschung. Dies war die erste offizielle Mitteilung, die er in dieser Angelegenheit erhielt, aber er kannte selbstverständlich die Entscheidung des Untersuchungsausschusses.

»Sie bleiben in meinem Gewahrsam, Sir, bis ich Sie den zuständigen planetaren Behörden übergebe«, fuhr Karatchenko fort, »ich bin jedoch nicht Ihr Rechtsbeistand. Daher weise ich Sie ausdrücklich darauf hin, dass zwischen uns kein Anwalt-Mandantenverhältnis besteht und dass alles, was Sie mir sagen, als Beweismaterial aufgefasst und vor dem Gericht von mir zu Gehör gebracht werden kann. Haben Sie das verstanden, Sir?«

Young nickte, und Karatchenko räusperte sich erneut. »Bitte entschuldigen Sie, Sir, aber für das Protokoll benötige ich eine mündliche Bestätigung von Ihnen.«

»Ich habe verstanden.« Youngs Tenorstimme klang rau und belegt.

»Wenn Sie mich dann bitte begleiten wollen, Sir.« Karatchenko trat beiseite und wies auf die Zugangsröhre, die zu seinem Kutter führte. Am anderen Ende wartete ein weiterer Marinecorpsoffizier. Young bedachte ihn kurz mit einem leeren Blick, dann trat er in die Röhre. Karatchenko blieb gerade lange genug zurück, um vor Honor zu salutieren, dann folgte er, und die Luke auf dem Galerieende der Röhre schloss sich hinter ihm. Kurz darauf wurde die versiegelte Röhre unter Maschinengesumm evakuiert, und ein rotes Vakuumwarnlicht leuchtete auf. Der Kutter legte ab, und durch den Armoplast der Galeriefenster beobachtete Honor, wie er unter dem Schub seiner Manöverdüsen aus dem Hangar der Nike fiel. Sie holte tief, sehr tief Luft und kehrte dem Fenster den Rücken. Der Hangaroffizier und seine Gasten nahmen Haltung an, und wortlos ging sie an ihnen vorbei und verließ die Galerie.

Captain Paul Tankersley sah auf, als Honor in den Lift trat.

»Nun ist er also fort, hm?«

Sie nickte.

»Na, Gott sei Dank!«, schnaubte er und legte den Kopf schräg. »Wie hat er die offizielle Bekanntgabe denn aufgenommen?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Honor langsam. »Er hat kein Wort gesagt. Stand einfach nur da.« Sie erschauerte und hob gereizt die Schultern. »Ich sollte eigentlich einen Freudentanz aufführen, finde ich wenigstens, aber das erscheint mir alles so … so kalt – ich weiß nicht, wieso.«

»Das ist mehr, als er verdient.« Tankersley zog ein saures Gesicht, das zu seinem Tonfall passte. »Nun bekommt er immerhin einen fairen Prozess, bevor man ihn exekutiert.«

Der Lift setzte sich in Bewegung, und Honor erschauerte erneut, denn Pauls Worte ließen sie frösteln. Sie hasste Pavel Young beinahe so lange, wie sie sich zurückerinnern konnte, und Paul hatte sicherlich recht mit seiner Prognose über Youngs wahrscheinliches Schicksal. Young war weiß Gott schuldig im Sinne der Anklage, und die Kriegsartikel sahen für Feigheit vor dem Feind nur eine mögliche Strafe vor. Tankersley musterte Honors Gesicht, runzelte die Stirn und brachte den Lift mitten in der Fahrt zum Stillstand.

»Was ist los?«, fragte er sie sanft mit seiner tiefen, volltönenden Stimme. Sie schaute mit einem fragilen Lächeln zurück, das beinahe sofort wieder von ihrem Gesicht verschwand. »Verdammt noch mal«, fuhr Tankersley in schrofferem Ton fort, »auf der Akademie hat dieser Kerl versucht, dich zu vergewaltigen, im Basilisk-System wollte er dir die Karriere ruinieren, und er gab sein Bestes, damit du in der Schlacht von Hancock umkommen solltest! Er floh – und versuchte, sein ganzes Geschwader mitzunehmen –, als du ihn am nötigsten brauchtest. Gott allein weiß, wie viele unserer Leute dadurch umgekommen sind! Sag mir nun nicht, dass er dir auch noch leidtut!«

»Nein.« Honor sprach so leise, dass Tankersley Mühe hatte, sie zu verstehen. »Er tut mir nicht leid. Aber …« Sie brach ab und schüttelte den Kopf. »Ich fürchte um mich selbst. Ich fürchte mich vor mir selbst. Nach all den Jahren stürzt er brennend ab – nach all diesem Hass. Zwischen uns gibt es … nun, eine Art von Verbindung, es hat sie die ganze Zeit gegeben, so sehr ich es auch gehasst habe. Ich konnte nie verstehen, was in seinem Verstand vor sich geht, aber er war immer da wie eine Art böser Zwillingsbruder. Ein … – auf irgendeine Weise auch ein Teil von mir … Ach«, sie winkte ab, »du hast ja recht. Er verdient es nicht besser. Aber ich habe dafür gesorgt, dass er bekommt, was er verdient, und ich kann ihn einfach nicht bedauern, ganz gleich, wie sehr ich mir Mühe gebe.«

»Nein, Bedauern ist ja nun wirklich das Letzte, was du für den Kerl empfinden solltest, verflixt noch mal!«

»Darum geht es doch gar nicht.« Honors Kopfschütteln war nun entschlossener. »Ich sage ja gar nicht, dass er Mitleid verdient, nur sollte die Frage, ob er welches verdient, nichts damit zu tun haben, ob ich welches für ihn empfinde oder nicht.« Sie sah weg. »Er ist ein menschliches Wesen und keine Maschine, und ich möchte niemanden so sehr hassen, dass es mir egal ist, ob die Flotte ihn hinrichtet oder nicht.«

Sie hatte die rechte Gesichtshälfte von ihm abgewandt, und Tankersley musterte ihr scharfgeschnittenes, elegantes Profil von der linken Seite. Ihr linkes Auge war eine ausgeklügelte Prothese, und trotz seiner Künstlichkeit konnte er den Schmerz darin erkennen. Hass wallte in ihm auf, dumpfer Hass, der von seiner Liebe zu ihr noch angestachelt wurde. In letzter Sekunde hielt er eine scharfe Entgegnung zurück eine heftige Erwiderung, die aus seinem Arger über ihre Gefühle resultierte. Aber er konnte sie deswegen doch nicht anraunzen! Wenn Honor diese Gefühle nicht verspürt hätte, dann wäre sie nicht die Frau gewesen, die er liebte.

»Honor«, seufzte er stattdessen, »wenn es dir egal ist, was mit dem Kerl geschieht, dann bist du ein größerer Mensch als ich. Ich will nämlich, dass man ihn hinrichtet - nicht nur für alles, was er dir antun wollte, sondern für das, was er ist. Und wenn die Rollen vertauscht wären – wenn es ihm gelungen wäre, dich vor ein Kriegsgericht zu stellen, dann würde er verdammt noch mal vor Freude tanzen! Wenn du nicht das Gleiche fühlst, dann nur deswegen, weil du ein besserer Mensch bist als er. Das ist alles, was mit dir nicht stimmt!«

Sie drehte sich ihm zu, um ihm in die Augen zu sehen, und er lächelte beinahe traurig. Dann legte er den Arm um sie. Einen Augenblick lang blieb sie angespannt, widersetzte sich beinahe – eine Gewohnheit, die auf der Einsamkeit beruhte, in der sie zu lange gelebt hatte, auf zu vielen Jahren Kommando und Selbstdisziplin. Dann gab sie nach und lehnte sich an ihn. Tankersley war kleiner als sie, und sie schmiegte ihre Wange auf die Oberseite seines Baretts und seufzte.

»Du bist ein guter Mann, Paul«, sagte sie leise, »und ich verdiene dich nicht.«

»Selbstverständlich nicht. Niemand verdient mich. Aber ich glaube, du kommst noch am nächsten ran.«

»Dafür wirst du bezahlen, Tankersley!«, knurrte sie und knuffte ihn hart in die Rippen. Aufheulend wich er zurück und presste sich breit grinsend an die Liftwand. Sie lachte leise vor sich hin. »Das war nur eine Anzahlung«, warnte sie ihn. »Sobald die Nike an Hephaistos festgemacht hat, werden wir beide viel Zeit bei einem Sparring in der Turnhalle verbringen. Und wenn du das überleben solltest, habe ich einige wirklich anstrengende Pläne für später!«

»Vor dir hab ich keine Angst!«, rief Tankersley aufsässig. »Nimitz ist nicht da, um dich zu beschützen, und was heute Nacht betrifft – leeres Geschwafel!« Er schnippte mit den Fingern, erhob sich zur vollen Größe und zwirbelte mit monumental anzüglichem Grinsen einen imaginären Schnurrbart. »Fritz hat mir Vitaminpräparate, Aufbaustoffe und Hormonspritzen verschrieben. Dich verwandle ich in eine weiche, bebende, um Gnade winselnde Masse!«

»Das kostet dich extra!« Mit einem Grinsen schlug Honor spielerisch nach ihm, und er antwortete mit einem gekränkten Blick. Während sie sich umdrehte, um den Lift wieder einzuschalten, zog er seine Uniformjacke wieder straff. Honor beobachtete den Positionsanzeiger, der sich wieder zu bewegen begann und dann fuhr sie mit einem Quietschen auf, als Tankersley die Übergriffe gegen seine Person ahndete, indem er ihr unverschämt in den Hintern zwickte.

Sie wollte zu ihm herumfahren, aber der Lift bewegte sich bereits, und das Blinken der Anzeige verkündete, dass sie binnen Sekunden ans Ziel gelangen würden. Honor drehte sich abrupt ganz der Tür zu, starrte aber weiterhin über die Schulter auf Tankersley hinunter, welcher sie ohne das leiseste Anzeichen von Reue angrinste.

»Wir werden sehen, wer den höheren Preis bezahlt, Lady Harrington«, murmelte er düster und selbstgefällig aus dem Mundwinkel, dann fuhren die Lifttüren auf.

Admiral Sir Thomas Caparelli, Erster Raumlord der Royal Manticoran Navy, erhob sich höflich beim Eintreten von Lady Francine Maurier, der Baronin von Morncreek. Neben ihm stand Admiral Sir Lucien Cortez, und beide blieben sie stehen, bis Morncreek Platz genommen hatte. Die Baronin war eine kleine, schlanke Frau von über siebzig, die dank der Prolong-Behandlung noch immer jung war und auf dunkle, katzenhafte Weise fast gefährlich attraktiv wirkte. Außerdem war sie Erster Lord der Admiralität, die zivile Oberkommandierende der Navy, und im Moment zeigte sich ihre Anspannung überaus deutlich auf ihrem Gesicht.

»Vielen Dank für Ihr Erscheinen, Gentlemen«, sagte sie, als ihre Untergebenen sich wieder setzten. »Ich nehme an, Sie haben den Grund für dieses Treffen bereits erraten?«

»Jawohl, Mylady, ich fürchte schon.« Selbst im Sitzen überragte Caparelli Morncreek um Haupteslänge, aber auch nicht eine Sekunde lang war auch nur im mindesten fraglich, wer hier den Ton angab. »Wenigstens glaube ich das.«

»Dachte ich mir’s doch.« Morncreek schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück, dann sah sie Cortez an. »Ist über die Zusammensetzung des Gerichts bereits entschieden, Sir Lucien?«

»Jawohl, Mylady, das ist es«, antwortete Cortez ungerührt.

Morncreek wartete, doch der Fünfte Raumlord fügte kein Wort hinzu. Offiziell hatte außerhalb des Bureaus für Personalangelegenheiten, zu dem das Corps der Judge Advocate General gehörte, niemand zu wissen, wer über Pavel Young zu Gericht sitzen würde, bevor das Gericht zusammentrat. Um genau zu sein, stand es sogar niemandem zu, überhaupt zu wissen, dass ein Gerichtsverfahren empfohlen worden war. Der Umstand, dass diese Tatsache, für deren Geheimhaltung Cortez verantwortlich war, in ›wohlinformierten‹ Kreisen bekannt geworden war, erzürnte nicht nur den Admiral, sondern auch den Rest der Navy. Cortez beabsichtigte nicht, noch mehr preiszugeben, und da die jüngsten Ereignisse gezeigt hatten, dass kein Geheimnis mehr als sicher gelten konnte, bestand seine Abwehr in der Weigerung, irgendjemandem Informationen zukommen zu lassen, wenn es nicht zwingend erforderlich war.

Morncreek wusste genau, was in Cortez vor sich ging und weshalb, aber sie presste die Lippen zusammen, und ihre dunklen Augen wurden hart.

»Ich frage nicht etwa aus morbider Neugier, Admiral Cortez«, sagte sie kühl. »Nun lassen Sie es mich wissen.«

Cortez zögerte einen Moment, dann seufzte er.

»Sehr wohl, Mylady.« Er zog ein Memopad aus der Tasche, schaltete mit mehreren Tastendrucken das Display ein und reichte es ihr. Nach wie vor sprach er keinen Namen laut aus, und Caparelli verbarg ein säuerliches Grinsen. Im Grunde hatte er nichts dagegen, wenn Lucien derart auf Geheimhaltung beharrte, aber es war schon ein bitteres Zeichen dafür, wie schlecht die Dinge standen, dass er das Memopad trotz seiner offensichtlichen Absicht, die Zusammensetzung des Gerichts mit niemandem zu diskutieren, mitgebracht hatte.

»Wir mussten drei aus der anfänglichen Auswahl verwerfen, weil sie sich zurzeit nicht im Sonnensystem befinden, Mylady«, erklärte Cortez, als Morncreek die Namensliste musterte, und sie und Caparelli nickten gleichzeitig. Nach alter Tradition erwählten die Computer von BuPers die Angehörigen eines Kriegsgerichts über ein Kapitalverbrechen willkürlich aus allen diensttuenden Offizieren, die den erforderlichen Rang besaßen. Durch die gegenwärtige Verteilung der manticoranischen Navy über zahlreiche Systeme der Allianz war es schon außerordentlich günstig, dass nur drei der ursprünglich bestallten Offiziere nicht verfügbar waren.

»Die Angehörigen des Gerichts sind in der Reihenfolge des Dienstalters dort aufgelistet. Admiral White Haven …« – Cortez warf Caparelli einen Seitenblick zu – »wird den Vorsitz führen, vorausgesetzt, er trifft rechtzeitig von Chelsea wieder ein. Damit rechnen wir allerdings. Die anderen Mitglieder sind bereits im System und werden hier bleiben.«

Morncreek nickte, aber als ihr Blick auf die anderen Namen fiel, zuckte sie zusammen.

»Für den Fall, dass jemand der Aufgeführten aus irgendeinem Grund nicht mehr zur Verfügung steht, haben wir drei Ersatzleute ausgewählt. Sie stehen auf der nächsten Bildschirmseite, Mylady.«

»Ja.« Morncreek runzelte die Stirn und rieb die Finger ihrer rechten Hand aneinander, als würde etwas Klebriges daran haften. »Ja, ich verstehe, Sir Lucien, aber manchmal wünschte ich mir, wir hätten ein wenig mehr Entscheidungsgewalt über unsere Vorgehensweise.«

»Ich bitte um Verzeihung, Mylady?«

»Das Problem ist«, sagte Morncreek präzise und langsam, »dass unser peinlich faires Auswahlverfahren uns soeben ein gewaltiges Handgemenge eingebrockt hat. Ich kenne Captain Simengaard und Admiral Kuzak nicht, aber die vier anderen werden schon jetzt ihre Äxte schleifen.«

»Mit allem schuldigen Respekt, Mylady«, erwiderte Cortez steif, »diese Offiziere kennen ihre Pflicht, fair und unparteiisch zu sein.«

»Ganz sicher kennen sie sie.« Morncreek lächelte unterkühlt. »Aber unglücklicherweise sind es auch menschliche Wesen. Sie wissen besser als ich, wie White Haven über Lady Harringtons Karriere wacht. Ich stimme mit Ihnen überein – er wird sein Möglichstes geben, um unparteiisch und unvoreingenommen zu sein, aber weder das noch die Tatsache, dass Harringtons Akte seine Unterstützung rechtfertigt, wird verhindern, dass Youngs Parteigänger über seine Bestallung mehr als erzürnt sein werden. Was die anderen drei betrifft …« Sie erschauerte. »In Anbetracht der augenblicklichen Verhältnisse im Oberhaus besitzt dieses Kriegsgericht das beängstigende Potential, zu einem Kampf zwischen den politischen Lagern zu verkommen. Von einem unparteiischen Vorgang zur Gerechtigkeitsfindung kann dann nicht mehr die Rede sein.«

Cortez biss sich auf die Unterlippe. Ganz eindeutig wollte er Morncreeks düstere Prognose anzweifeln … und ebenso offensichtlich fürchtete er, sie könne recht haben. Caparelli ließ sich tiefer in seinen Sessel sinken. Er wusste nicht, wer sonst noch auf der Liste stand, und wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er es auch gar nicht wissen wollte. Auch ohne diesen Prozess hatte er ausreichend Stoff für zahlreiche Alpträume.

Der jüngste Angriff der Volksrepublik Haven gegen das Sternenkönigreich von Manticore war dank einer Mischung aus Können und altmodischem, unverschämtem Glück zurückgeschlagen worden. Die Volksflotte hatte sich in Unordnung zurückziehen müssen, nachdem sie auf beiden Zangen ihrer Offensive furchtbare Verluste erlitt, und durch die rasche Reaktion der Royal Manticoran Navy waren ein halbes Dutzend Vorpostensysteme der Haveniten erobert worden. Unglücklicherweise war die Volksflotte der RMN zahlenmäßig noch immer weit überlegen, und die Vorfälle auf der Zentralwelt der Volksrepublik hatten auf Manticore einen Wirbelsturm aus politischen Diskussionen und internen Machtkämpfen ausgelöst.

Niemand wusste, wie es mit der VRH weitergehen würde. Die Informationsquellen meldeten, dass die Volksflotte nach ihren anfänglichen Niederlagen einen Militärputsch unternommen habe, aber wenn dies zutreffend war, dann war sie die Sache jedenfalls nicht sehr gekonnt angegangen. Der Anschlag, der die gesamte havenitische Regierung ausgelöscht hatte – und dazu die Oberhäupter der meisten prominenten Legislaturistenfamilien, die in der Volksrepublik das Sagen hatten –, war brillant und brutal zugleich gewesen, aber ihm war kein effektiver Durchschwung gefolgt. Dadurch hatte das Quorum des Volkes sich veranlasst gesehen, ein ›Komitee für Öffentliche Sicherheit zu bilden, das nun die Zentralorgane der VRH kontrollierte und mit gnadenloser Entschlossenheit sicherstellte, dass kein zweiter Militärputsch eine Erfolgschance besaß.

Das Ergebnis war Chaos innerhalb des havenitischen Militärs. Niemand wusste genau, wie viele Offiziere verhaftet worden waren, aber Festnahme und Hinrichtung Admiral Amos Parnells, des Oberkommandierenden der Volksflotte, und von dessen Stabschef waren bestätigt. Es gab weiterhin konfuse Berichte von Widerstand und Grabenkämpfen, während das Komitee mit seiner Säuberung von ›unzuverlässigen‹ befehlshabenden Offizieren fortfuhr. Ein oder zwei Sonnensysteme, die zur Volksrepublik gehörten, schienen die Gelegenheit ergriffen und gegen die verhasste Zentralregierung rebelliert zu haben.

Jede Faser in Caparellis Körper schrie danach, den gegenwärtigen strategischen Vorteil für das Sternenkönigreich zu nutzen und zuzuschlagen. Der Feind hatte sich noch nicht wieder formiert und war durch interne Querelen geschwächt; wenigstens einige seiner Sonnensysteme lagen in offenem Aufruhr; und die kommandierenden Offiziere scheuten sich, die Initiative zu ergreifen, aus Furcht, dies könnte ihnen als Verrat am neuen Regime ausgelegt werden. Gott allein wusste, wie viele davon sich auf die manticoranische Seite stellen würden, wenn die RMN jetzt eine massierte Offensive startete!

Schon der Gedanke, zusehen zu müssen, wie solch eine Chance ungenutzt verstrich, drehte Caparelli den Magen um. Trotzdem war es ihm verboten, irgendetwas deswegen zu unternehmen. Möglicherweise erhielt er die Erlaubnis zum Losschlagen nie, und schuld daran war die Politik.

Nachdem der Bund der Konservativen und Sir Sheridan Wallace’ ›Neue Menschen‹ auf die Seite der Opposition übergelaufen waren, hatte der Herzog von Cromarty seine Mehrheit im Parlament verloren. Die Unterstützung der Regierung durch das Unterhaus blieb weiterhin solide; im Oberhaus besaß er keine Mehrheit mehr … und Haven hatte Manticore nie offiziell den Krieg erklärt.

Caparelli knirschte in wütender Frustration mit den Zähnen. Selbstverständlich gab es keine offizielle Kriegserklärung! Die Volksrepublik hatte während ihres fünfzig Jahre andauernden Eroberungsfeldzugs niemals den Krieg erklärt; solche förmlichen Nettigkeiten hätten das Opfer doch nur gewarnt. Unglücklicherweise war dies nicht die Art des Sternenkönigreichs. Ohne offizielle, rechtsgültige Kriegserklärung, die von beiden Häusern gebilligt wurde, gestattete die Verfassung der Regierung Cromarty lediglich, die Unverletzlichkeit der Grenzen zu verteidigen. Alles, was darüber hinausging, erforderte eine Kriegserklärung, und die Oppositionsführer bestanden darauf, dass der Buchstabe des Gesetzes befolgt wurde. Diese Solidarität würde nicht lange halten, denn Philosophien und Motive der Oppositionsfraktionen waren grundlegend unvereinbar – aber im Augenblick verschafften diese grundverschiedenen Motive einander Rückendeckung statt Konflikt.

Die Freiheitler hassten schon den Gedanken an militärische Unternehmungen. Nachdem ihre anfängliche Panik abgeflaut war, widerstanden sie allem Militärischen aus einer Art Reflex, der unter Umgehung des Großhirns allein über das Rückenmark ablief. Sie wussten es besser, als zu diesem Zeitpunkt ihre seit langem bestehende Überzeugung zu bekunden, die militärische Aufrüstung Manticores sei eine unnötige Provokation gegenüber Haven - angesichts der Reaktion der Öffentlichkeit auf die aktuellen Geschehnisse erkannten selbst die Freiheitler das politische Selbstmordpotential darin. Immerhin hatten sie eine andere Möglichkeit gefunden, sich dem gesunden Menschenverstand zu widersetzen: Nach Auffassung der Freiheitler lief innerhalb der Volksrepublik die Geburt einer Reformbewegung ab, die ›das überkommene militaristische Regime‹ ablöste und erkannte, dass ›es sinnlos ist, zu brutaler Gewalt Zuflucht zu nehmen‹; und die Freiheitler wollten ›den Reformern helfen, in einem Klima des Friedens und des guten Einvernehmens ihre Ziele zu erreichen‹.

Die Verbündeten der Freiheitler unter Earl Gray Hills Progressiven glaubten nicht mehr an den Pazifismus des Komitees für Öffentliche Sicherheit als Caparelli. Sie wollten die VRH im eigenen Saft schmoren lassen – denn wenn die Volksrepublik sich selbst zerstörte, gäbe es keinen Grund mehr für weitere militärische Operationen. Und diese Auffassung entlarvte sie als noch dümmer als die Freiheitler. Wer immer der Kopf hinter dem Komitee für Öffentliche Sicherheit war, der Mann oder die Frau agierte entschlossen und energisch mit dem deutlichen Ziel, die Kontrolle komplett an sich zu reißen. Solange