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HONOR HARRINGTON: Jeremy X

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Teil I
  7. Prolog
  8. November 1919 P.D. – Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  1. Teil II
  2. Prolog
  3. Februar 1919 P.D. – Kapitel 8
  4. Kapitel 9
  5. Kapitel 10
  6. Kapitel 11
  7. Kapitel 12
  8. Februar 1921 P.D. – Kapitel 13
  9. Kapitel 14
  10. Kapitel 15
  11. Kapitel 16
  12. März 1921 P.D. – Kapitel 17
  13. Kapitel 18
  14. Kapitel 19
  15. Kapitel 20
  16. Kapitel 21
  17. Kapitel 22
  18. Kapitel 23
  19. Kapitel 24
  20. Kapitel 25
  21. Kapitel 26
  22. Kapitel 27
  23. April 1921 P.D. – Kapitel 28
  24. Kapitel 29
  1. Dramatis Personae
  2. Glossar

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Jenseits der Protektorate, beginnend in etwa in einer Entfernung von 210 Lichtjahren zu Sol, über eine Distanz von 40 bis über 200 Lichtjahre hinweg, befand sich die Region, die als ›der Rand‹ bekannt war. Der Rand war äußerst unregelmäßig geformt, ganz in Abhängigkeit davon, wo und wie Kolonisierungsschiffe ausgeschickt worden waren. Er bestand aus Dutzenden unabhängiger Sonnensysteme, von denen viele ursprünglich von Personen bevölkert worden waren, die sich mühten, jene Systeme in der ›Schale‹ zu verlassen, die man in der Zeit vor der Diaspora als ›Dritte-Welt-Nationen‹ bezeichnet hätte. Die meisten dieser Welten waren von weniger als einer oder zwei Milliarden Menschen besiedelt (es gab auch Ausnahmen). Wirtschaftlich gesehen waren sie zu vernachlässigen, und sie verfügten über keinerlei effektive militärische Schlagkraft. Viele von ihnen waren gerade noch in der Lage, sich gegen Piratenangriffe zur Wehr zu setzen, und keiner schaffte es, dem Liga-Amt für Grenzsicherheit und der Liga-Gendarmerie zu widerstehen, als es für sie an der Zeit war, den Status eines Protektorates zu erhalten. Von der inneren Region des Randes fand ein beständiger, wenngleich gemäßigter Strom zu den Außenbezirken statt, mehr als alles andere von dem Bedürfnis der Bewohner eben jener inneren Region getrieben, der schleichenden Expansion dieser Protektorate zu entgehen. Tatsächlich handelte es sich bei einigen der Personen, die im Rand lebten, um die Nachfahren derjenigen, die drei- oder vier- oder gar fünfmal ihre Welten verlassen hatten, um der unfreiwilligen Eingliederung in die Protektorate zu entgehen. Ihr Hass auf das Liga-Amt für Grenzsicherheit – und damit weitergehend auch den Rest der Liga – war sowohl bitter als auch deutlich ausgeprägt.

Hester McReynolds, Die Ursprünge der Maya-Krise
(Ceres Press, Chicago, 2084 P. D.)

November 1919 P.D.

Kapitel 1

»Willkommen zuhause.«

Sektorengouverneur Oravil Barregos, seines Zeichens Gouverneur des Maya-Sektors im Namen des Office of Frontier Security (zumindest theoretisch), erhob sich, streckte die Hand aus und lächelte, als Vegar Spangen den dunklen, gepflegten Mann in der Uniform eines Konteradmirals der Solaren Liga in sein Büro führte.

»Ich hatte schon letzte Woche mit Ihnen gerechnet«, fuhr der Gouverneur fort, lächelte dabei aber immer noch. »Darf ich annehmen, dass der Grund unseres heutigen Zusammentreffens gute Neuigkeiten sind?«

»Ich denke, das dürfen Sie«, stimmte ihm Konteradmiral Luiz Roszak zu und schüttelte, ebenfalls lächelnd, Barregos die Hand.

»Gut.«

Barregos blickte Spangen an. Vegar war schon seit Jahrzehnten der Leiter seiner persönlichen Sicherheitsabteilung, und der Gouverneur vertraute ihm blind. Zugleich aber verstand Spangen ebenso gut wie er, wann Informationen nur bei Bedarf weitergegeben werden durften, und nun wusste Vegar seinen kurzen Blick mit all der Erfahrung, die er in besagten Jahrzehnten gesammelt hatte, sofort zu interpretieren.

»Ich gehe davon aus, dass Sie den Admiral unter vier Augen zu sprechen wünschen, Sir«, merkte der hochgewachsene, rothaarige Leibwächter ruhig an. »Falls Sie mich brauchen, bin ich draußen und nerve Julie ein bisschen. Summen Sie mich an, sobald Sie fertig sind. Ich habe bereits dafür gesorgt, dass sämtliche Aufzeichner deaktiviert sind.«

»Ich danke Ihnen, Vegar.« Nun galt Barregos’ Lächeln Spangen.

»Gerne geschehen, Sir.« Spangen nickte Rozsak zu. »Admiral«, sagte er zur Verabschiedung und zog sich in das Vorzimmer zurück, in dem Julie Magilen, Barregos’ Privatsekretärin, jeglichen Zugang zum Allerheiligsten des Gouverneurs bewachte wie ein nach außen täuschend zurückhaltender Drache.

»Ein guter Mann«, merkte Rozsak ruhig an, als sich die Tür hinter Spangen geschlossen hatte.

»Ja, das ist er. Und zugleich ein Beispiel dafür, dass es immer besser ist, einige gute Männer zu haben statt vieler durchschnittlicher.«

Einen Moment lang blickten die beiden einander nur schweigend an und dachten darüber nach, wie lange sie mittlerweile daran arbeiteten, die richtigen ›guten Männer‹ – und Frauen – zu rekrutieren. Dann schüttelte der Gouverneur kurz den Kopf.

»Also«, sagte er deutlich forscher. »Sie hatten gesagt, Sie hätten gute Neuigkeiten?«

»Tatsächlich«, stimmte Rozsak ihm bei, »bin ich der Ansicht, dass Ingemars tragisches Ableben dazu beigetragen hat, einige Türen deutlich weiter zu öffnen, als das sonst geschehen wäre.«

»Möge aus allem Unglück etwas Gutes erwachsen.« Barregos’ Stimme klang beinahe schon fromm, doch zugleich lächelte er auch, ein dünneres und kälteres Lächeln diesmal, und Rozsak gluckste leise. Doch für das erfahrene Ohr des Gouverneurs hatte dieser Laut einen säuerlichen Anklang, und so wölbte er eine Augenbraue. »Hat es ein Problem gegeben?«

»Eigentlich kein ›Problem‹ im engeren Sinne.« Rozsak schüttelte den Kopf. »Nur dass ich fürchte, das brutale Attentat auf Ingemar ist nicht ganz so ›im Schatten‹ verlaufen, wie ich das geplant hatte.«

»Und was genau bedeutet das, Luiz?« Barregos’ Blick wurde härter, und sein täuschend rundlich-sanftes Gesicht wirkte mit einem Mal erstaunlich unsanft. Nicht, dass Rozsak von seiner Reaktion überrascht gewesen wäre. Tatsächlich hatte er sogar damit gerechnet … und das war der Hauptgrund für ihn gewesen, dem Gouverneur diese Information erst zukommen zu lassen, wenn er es persönlich tun konnte, von Angesicht zu Angesicht.

»Oh, es ist perfekt gelaufen«, sagte er beruhigend und vollführte mit der freien linken Hand eine halbbelustigte Geste. »Palane hat perfekte Arbeit geleistet. Das Mädchen hat Nerven wie Stahl, und sie hat ihre Spuren – und auch unsere eigenen – noch besser verwischt, als ich das zu hoffen gewagt hätte. Auch die Medienleute hat sie wunderbar gesteuert, und soweit ich das beurteilen kann, hat jeder einzelne von denen genau die richtigen Schlüsse gezogen. Alle veröffentlichten Geschichten betonen die Motive, die Mesa – und vor allem Manpower – gehabt haben mussten, ihn umzubringen, nachdem er so selbstlos diesen armen, heimatlosen, entkommenen Sklaven die Unterstützung der Liga zukommen lassen wollte. Die Beweismittel hätten kaum noch schlüssiger sein können, wenn ich sie persönlich … äh, konstruiert hätte. Bedauerlicherweise glaube ich mit angemessener Überzeugung sagen zu können, dass wir weder Anton Zilwicki hinters Licht geführt haben noch Jeremy X, Victor Cachat, Ruth Winton und Queen Berry. Und auch nicht Walter Imbesi.«

Unbekümmert zuckte er mit den Schultern, und Barregos bedachte ihn mit einem finsteren Blick.

»Das ist eine beeindruckende Liste«, gab er eisig zurück. »Darf ich fragen, ob es irgendwo in der Galaxis auch noch Nachrichtendienst-Spezialisten gibt, die nicht vermuten, was wirklich geschehen ist?«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch zwei oder drei gibt. Glücklicherweise befinden diese sich alle auf Alterde.«

Ruhig erwiderte der Konteradmiral Barregos’ beinahe schon wütenden Blick, und nach und nach verschwand die Kälte aus den Augen des Gouverneurs. Ihr Blick war immer noch hart, doch Rozsak gehörte zu den wenigen Personen, vor denen Barregos diese Härte nicht zu verbergen suchte. Was verständlich war, da Luiz Rozsak wahrscheinlich die einzige Person in der ganzen Galaxis war, die ganz genau wusste, was Oravil Barregos für die Zukunft des Maya-Sektors geplant hatte.

»Sie sagen also, die Spione vor Ort wissen jetzt, dass wir ihn haben umbringen lassen, aber dass sie alle ihre eigenen guten Gründe haben, ihre Vermutungen ganz für sich zu behalten?«

»So in etwa.« Rozsak nickte. »Schließlich hat jeder von ihnen eigene Motive, dafür zu sorgen, dass die offizielle Version unangefochten bleibt. Außerdem will keiner, dass irgendjemand in der Solaren Liga denkt, sie hätten irgendetwas mit dem Attentat auf einen Vizegouverneur des Sektors zu tun! Aber wichtiger noch ist, dass diese ganze Affäre uns zu einer Zusammenkunft diverser Personen gezwungen hat, die ich ehrlich gesagt nie für möglich gehalten hätte.«

»Das hatte ich mir angesichts Ihrer Berichte auch schon zusammengereimt. Und ich muss sagen, ich hätte niemals gedacht, dass Haven in Ihren jüngsten Abenteuern eine derart führende Rolle spielen würde.«

Während er sprach, deutete Barregos mit dem Kinn auf die Sessel in der Sitzecke des Raumes, unmittelbar vor einem gewaltigen Panoramafenster, das vom Boden bis zur Decke reichte. Die Aussicht über den Raumhafen der Innenstadt und die Hauptstadt sowohl des Maya-Systems als auch des Maya-Sektors, der sich vom Büro des Gouverneurs im einhundertvierzigsten Stockwerk bot, war immens beeindruckend, doch Rozsak kannte den Anblick bereits. Und im Augenblick hatte er zu viele andere Dinge im Kopf, um die Aussicht angemessen würdigen zu können, während er dem Gouverneur zum Fenster hinüber folgte.

»Zur Hölle mit Haven!«, schnaubte er, ließ sich in seinen gewohnten Sessel sinken und schaute zu, wie der Gouverneur es ihm gleichtat. »Niemand in Nouveau Paris wusste mehr darüber als wir, was geschehen würde! Oh, die Republik hat es natürlich im Nachhinein gebilligt, aber ich vermute, Pritchart und ihre Meute kommen sich fast genauso überfahren vor wie jeder auf Manticore oder auf Erewhon, wo wir schon einmal dabei sind.« Reumütig schüttelte er den Kopf. »Offiziell hat mir das niemand gesagt, aber es sollte mich doch sehr überraschen, wenn Cachat nicht letztendlich die Leitung sämtlicher

Geheimdienstoperationen rings um Erewhon übernehmen würde. Nach seinen jüngsten Machenschaften ist er wahrscheinlich der Einzige, der wirklich weiß, wo sämtliche Leichen begraben liegen. Ich glaube Oravil, er muss wirklich der beste improvisatorische Geheimdienstler sein, dem ich jemals begegnet bin. Ich schwöre Ihnen, dass er genauso wenig Ahnung davon hatte, worauf das alles hier hinauslaufen würde, wie jeder andere auch. Und wie ich schon sagte, wenn ich mich nicht gewaltig täusche, hat auch niemand in Nouveau Paris das kommen sehen.« Wieder schnaubte er. »Tatsächlich bin ich mir sogar verdammt sicher, dass nicht einmal Kevin Usher diesen Kerl auf Erewhon losgelassen hätte, wenn er auch nur eine Minute lang vermutet hätte, wo Cachat letztendlich landen würde!«

»Meinen Sie, er könnte langfristig ein Problem darstellen?«, fragte Barregos und rieb sich nachdenklich das Kinn. Rozsak zuckte mit den Schultern.

»Ein richtiger Wahnsinniger ist er nicht, und auch kein richtiger Chaot. Tatsächlich würde ich sogar behaupten, unser Freund Cachat hat gewisse Ähnlichkeiten mit einer besonders warmherzigen Klapperschlange – wenn dieser Vergleich nicht einmal mir selbst so bizarr vorkäme. Allerdings muss man der Wahrheit halber darauf hinweisen, dass dieser Vergleich ursprünglich von Jiri stammt. Aber zutreffend ist er schon. Der Mann versucht wirklich, sich das nicht anmerken zu lassen, aber ich denke, er ist außerordentlich erpicht darauf, das Volk und die Dinge zu schützen, die ihm am Herzen liegen. Und seine Reaktion auf jegliche Bedrohung besteht darin, sie auszuschalten – prompt, gründlich und ohne sich allzu große Gedanken um mögliche Kollateralschäden zu machen. Wenn Sie ihn beispielsweise überzeugen könnten, Sie würden eine Bedrohung für die Republik Haven darstellen, dann wird das vermutlich das Letzte sein, was Sie in Ihrem Leben tun. Das Einzige, was einen noch rascher das Leben kosten kann, wäre ihn davon zu überzeugen, man stelle eine Bedrohung für das Volk dar, das ihm am Herzen liegt. Und das ist nebenbei bemerkt ein sehr guter Grund, niemals, wirklich niemals, auch nur irgendwo im Hinterkopf in Erwägung zu ziehen, Thandi Palane aus dem Weg zu räumen, bloß um noch die letzten Kleinigkeiten hinsichtlich dieses Attentats auf Ingemar zu beseitigen. Ich gebe zu, dass ich das ohnehin ungern übernehmen würde, aber ich habe nicht lange gebraucht herauszufinden, dass, so unschön Cachats Reaktion auch ausfallen würde, er nicht einmal ansatzweise der einzige Feind wäre, den wir uns auf diese Weise machen würden. Glauben Sie mir das, Oravil.«

Seine Stimme klang ungewohnt nüchtern, und Barregos nickte zustimmend. Wenn Luiz Rozsak eine Warnung aussprach, dann war es ratsam, diese auch zu beachten, wie zahlreiche mittlerweile nicht mehr unter den Lebenden weilende Personen, die dem Gouverneur sofort einfielen, hätten bestätigen können.

»Andererseits«, fuhr der Konteradmiral fort, »ist er durchaus bereit, sofern man keine Bedrohung für ihn darstellt, einen einfach in Ruhe zu lassen. Und ihm ist bewusst, dass es manchmal ›rein geschäftlich‹ zugeht, selbst wenn seine eigenen Interessen dabei hin und wieder beschnitten werden. Er ist durchaus willens, vernünftig zu sein. Aber man sollte nicht vergessen, dass es sich bei ihm um eine Klapperschlange handelt, die sich in der Sonne aalt und jederzeit zum Zubeißen bereit ist.«

»Und Zilwicki?«

»Auf seine Art ist Anton Zilwicki genauso gefährlich wie Cachat. Dass er zum Audubon Ballroom noch bessere Kontakte hat, als wir annahmen, verschafft ihm eine Art inoffizielle ›Schurken-Eingreiftruppe‹. Diese ›Einheit‹ verfügt über eine deutlich weniger formale Unterstützungsstruktur als die Nachrichtendienste der Mantys oder der Haveniten, doch zugleich braucht sie sich auch weniger um die Einschränkungen zu sorgen, die Sternnationen nun einmal zu berücksichtigen haben. Zugleich wird sie auch deutlich eher geneigt sein, eine Spur von Leichen und Leichenteilen zu hinterlassen, und sie hat eine verdammt große Reichweite. Zilwicki ist clever, und er denkt über Dinge wirklich nach, Oravil – und zwar gründlich. Ihm ist bewusst, welch gefährliche Waffe die Geduld darstellt, und er ist bemerkenswert geschickt darin, anscheinend aufs Geratewohl zusammengetragene Fakten so auszuwerten, dass er daraus entscheidende Schlussfolgerungen ziehen kann.

Andererseits lagen uns über ihn von Anfang an deutlich ausführlichere Abschätzungen vor als etwa über Cachat, deswegen kann ich nicht behaupten, er hätte uns sonderlich überrascht. Und letztendlich läuft es darauf hinaus, dass er trotz seiner guten Verbindungen zum Ballroom und Leuten wie Jeremy X deutlich weniger als Cachat dazu neigt, als erstes Werkzeug zum Lösen eines Problems seinen Pulser zu ziehen. Ich will damit nicht behaupten, Cachat sei ein mordlüsterner Irrer, verstehen Sie mich recht! Und ich will auch nicht behaupten, Zilwicki sei ein Chorknabe. Beide sind der Ansicht, die beste Methode, eine Bedrohung zu beseitigen, bestehe darin, sie endgültig zu beseitigen, aber ich denke, im Grunde seines Herzens ist Zilwicki doch mehr ein Analytiker, während Cachat eher ein Spezialist für direkte Aktionen ist. Beide sind fast schon erschreckend kompetent auf ihrem jeweiligen Fachgebiet, und sie beide gehören zu den besten Auswertungsexperten, mit denen ich jemals zu tun hatte, aber sie … man könnte wohl sagen, sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte.«

»Und nachdem die beiden jetzt mehr oder minder zusammenarbeiten, macht sie das gefährlicher, als wenn jeder von ihnen alleine sein Süppchen kochte. Halten Sie das für eine angemessene Zusammenfassung?«, fragte Barregos nach.

»Ja und nein.« Rozsak lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte nachdenklich die Stirn in Falten. »Sie respektieren einander. Tatsächlich glaube ich sogar, dass sie sich mögen, und jeder ist dem anderen etwas schuldig. Mehr noch, sie verfolgen gemeinsame Interessen, was die Geschehnisse auf Torch betrifft. Doch tief in seinem Innersten ist Zilwicki immer noch ein Manty, und Cachat ist und bleibt ein Havenit. Ich halte es für möglich – vor allem, wenn die Außenbeziehungen zwischen dem Sternenkönigreich und der Republik noch weiter den Bach ’runtergehen –, dass die beiden sich irgendwann erneut auf gegenüberliegenden Seiten wiederfinden. Und das, glauben Sie mir, würde … unschön.«

»Sie sagten ›möglich‹«, merkte Barregos an. »Ist das gleichbedeutend mit ›wahrscheinlich‹?«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Rozsak offen und zuckte die Achseln. »Was sie verbindet, ist eine gewisse persönliche Beziehung und, so denke ich – auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass einer von beiden es auch zugeben würde –, eine Freundschaft. Und es wird noch zusätzlich verkompliziert dadurch, dass Cachat hoffnungslos in Palane verliebt und Zilwickis Tochter inoffiziell zu Palanes kleiner Schwester geworden ist. Deswegen vermute ich, wenn es zwischen der Republik und dem Sternenkönigreich wieder hart auf hart kommt, dass die beiden einander rechtzeitig warnen werden und sich dann in ihre jeweiligen Ecken zurückziehen und bemühen werden, einander nicht zu hart auf die Zehen zu treten. Der nicht abschätzbare Faktor hier ist natürlich, dass Zilwickis Tochter zugleich die Königin von Torch ist. Und der Mann ist auch noch ein gryphonischer Highlander. Er hat all diese Treue der Manty-Krone gegenüber, die den Gryphons so in Fleisch und Blut übergegangen ist, aber zugleich zeigt er eben auch diese persönliche Treue seiner Familie und seinen Freunden gegenüber – man könnte hier fast schon von ›Lehenstreue‹ sprechen. Es ist sehr gut möglich, dass seine Treue in erster Linie Queen Berry gilt, nicht Königin Elisabeth, falls er sich irgendwann entscheiden müsste. Ich bezweifle, dass er jemals irgendetwas unternehmen würde, womit er den Interessen von Manticore schaden würde, und ich halte es für ebenso unwahrscheinlich, dass er tatenlos dabeistünde, wenn es ein anderer täte. Aber ich denke auch, er würde die Interessen von Manticore und Torch gegeneinander abwägen.«

»Interessant.«

Nun war es an Barregos, sich zurückzulehnen. Er faltete die Hände vor der Brust, legte das Kinn auf die Daumenspitzen und tippte sich mit beiden Zeigefingern sanft gegen die Nasenspitze. Das war eine seiner bevorzugten Denkerposen, und Rozsak wartete geduldig ab, während der Gouverneur über das nachdachte, was er ihm gerade erläutert hatte.

»Was mir durch den Kopf geht«, sagte Barregos schließlich, kniff die Augen ein wenig zusammen und richtete den Blick wieder ganz auf Rozsak, »ist, dass ich nicht glaube, Elizabeth würde zulassen, dass Ruth Winton weiterhin die stellvertretende Leitung des Nachrichtendienstes von Torch innehat, wenn sie nicht zumindest in Erwägung zöge, darin eine Art Hintertür nach Haven zu sehen. Es ist schließlich ganz offensichtlich, dass sie sich High Ridge mitnichten freiwillig als ihren Premierminister ausgesucht hat. Ich bin nicht töricht genug anzunehmen, dass sie der Republik Haven sonderlich positiv gegenübersteht – vor allem nicht seit dieser Sache bei Jelzins Stern –, aber sie ist wirklich clever, Luiz. Sehr clever. Und sie weiß, dass Saint-Just tot ist, und wahrscheinlich jeder andere auch, der mit diesem Einsatz irgendetwas zu tun hatte. Ich behaupte ja nicht, dieses Wissen würde sie plötzlich den Haveniten im Allgemeinen gegenüber positiver einnehmen, aber ich denke doch, dass sie tief in ihrem Innersten wirklich gerne erleben würde, dass Pritchart und Theisman Erfolg dabei haben, die Alte Republik zu restaurieren.«

»So sehe ich das auch«, pflichtete Rozsak ihm bei. »So sehr sie die ›Havies‹ auch hassen mag, sie hat sich doch genug mit Geschichte befasst, um zu wissen, dass die Republik nicht immer das größte und gierigste Raubtier in der Nachbarschaft gewesen ist. Und so wenig sie sich das auch eingestehen wird, begreift sie doch, dass es deutlich weniger anstrengend – und gefährlich – wäre, die Alte Republik zurückkehren zu lassen, statt sich wieder auf Raubtierjagd zu begeben. Nicht, dass ich auch nur grob abschätzen könnte, für wie wahrscheinlich sie es hält, dass diese Restaurationsbemühungen tatsächlich Erfolg zeitigen werden.«

»Ich könnte mir vorstellen, wir beide sind in dieser Hinsicht deutlich optimistischer als sie.« Barregos’ Lächeln war sehr frostig. »Hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, dass wir nicht die letzten fünfzehn oder zwanzig T-Jahre mit der Volksrepublik Haven im Krieg gelegen haben.«

»Das stimmt wohl, aber ich bin auch geneigt zu denken, dass hier grundlegende Prinzipien im Spiel sind – im Falle von Torch, meine ich«, gab Rozsak zu bedenken. »Das Einzige, worauf sich Haven und Manticore immer haben einigen können, das war, wie sehr sie beide den Gensklavenhandel und Manpower Incorporated verabscheuen. Das ist der einzige Grund, weswegen Cachat in der Lage war, diese … entschlossene Lösung für das Verdant-Vista-Problem überhaupt aufzubringen. Ich denke, sowohl Elizabeth als auch Pritchart haben ernstlich das Gefühl, etwas gänzlich Neues in der Geschichte der Galaxis geschaffen zu haben, als sie Amme bei der Befreiung von Torch spielten – ob sie das nun wollten oder nicht. Und nachdem ich bei der Krönung mit Prinz Michael und Kevin Usher gesprochen habe, hatte ich den Eindruck, sowohl Elizabeth als auch Pritchart seien der Ansicht, selbst wenn die Beziehungen zwischen der Republik und dem Sternenkönigreich erneut gänzlich abbrechen, könne Torch ein sehr nützliches Verbindungsglied darstellen. Manchmal müssen selbst diejenigen miteinander sprechen, die aufeinander schießen – aber das wissen Sie ja selbst.«

»Oh ja, das weiß ich wirklich.« Barregos’ Lächeln verhärtete sich wieder, und er schüttelte den Kopf. »Aber kommen wir zu Ingemar zurück. Denken Sie, seine Vereinbarung mit Stein wird bestehen bleiben, nachdem er nun fort ist?«

»Ich halte das jetzt für ebenso wahrscheinlich wie je zuvor«, gab Rozsak ein wenig kryptisch zurück, und Barregos stieß ein Schnauben aus.

Luiz Rozsak hatte noch nie allzu viel Vertrauen in die Zuverlässigkeit – oder die Nützlichkeit – von jemandem gesetzt, der der Renaissance Association angehört hätte, selbst nicht vor der Ermordung von Hieronymus Stein, deren Gründer. Und sein Vertrauen in die Rechtschaffenheit von Hieronymus’ Nachfolgern war, wenn überhaupt vorhanden, noch deutlich weniger ausgeprägt. Und das war ein Punkt, an dem Barregos, wenn er ganz ehrlich war, ihm auch nicht widersprechen konnte.

Für den Gouverneur bestand kein Zweifel daran, dass Hieronymus deutlich idealistischer gewesen war als seine Tochter Jessica, und doch bestand für Oravil Barregos noch weniger Zweifel daran, dass sein Nachname doch besser ›Quichotte‹ gelautet hätte, nicht ›Stein‹. Trotzdem hatte er als Gründer und Aushängeschild der Renaissance Association unbestreitbar einen einzigartigen Status genossen, sowohl innerhalb der Solaren Liga als auch außerhalb. Vielleicht war es der Ruf eines Verrückten gewesen, der allen Ernstes glaubte, Idealismus könne über mehr als eintausend Jahre bürokratischer Korruption triumphieren, doch unbestreitbar war dieser Ruf aufrichtig und echt gewesen.

Zugleich war Stein in seinen Bemühungen auch praktisch gänzlich ineffektiv gewesen, und das war einer der Gründe, weswegen die Bürokraten, die in Wahrheit über die Solare Liga herrschten, ihn nicht schon vor Jahrzehnten umgebracht hatten. Er hatte sich Sorgen gemacht, er hatte geschäumt, er war stets präsent gewesen und allen anderen unerträglich zur Last gefallen, doch zugleich war er auch ein geeigneter Fokus für die Unzufriedenheit innerhalb der Liga gewesen, gerade weil er sich so hingebungsvoll dem Konzept von ›Fortschritt‹ und ›schrittweiser Reform‹ verschrieben hatte. Die Bürokraten hatten begriffen, dass er effektiv harmlos war und tatsächlich sogar nützlich, schließlich stellte er auf diese Weise ein Ventil für jegliche Unzufriedenheit dar, ohne jemals irgendetwas tatsächlich zu erreichen.

Jessica hingegen war die Verkörperung eines unverkennbaren Bruches mit der Philosophie ihres Vaters. Sie hatte sich mit den Hardlinern der Association verbündet – denjenigen, die für schnelles, wirksames Handeln gemäß den ›Sechs Säulen‹ ihrer grundlegenden Prinzipien für die Reform standen. Die so frustriert und zornig waren, dass sie kein sonderliches Interesse mehr daran aufbrachten, sich auf legale Vorgehensweisen zu beschränken, die sie so lange enttäuscht hatten. Einige von ihnen waren Ideologen, schlicht und einfach. Andere waren leidenschaftliche Reformer, die ein paar Mal zu oft enttäuscht worden waren. Und einige waren Machtmenschen, die im Ruf der Renaissance Association als bedeutendste Reform-Bewegung in der Solaren Liga ein mögliches Werkzeug sahen: ein Brecheisen, eine Möglichkeit für all diejenigen, die nicht selbst Teil der Bürokratie waren, sich mit Gewalt eine eigene Machtbasis zu schaffen.

Ebenso wenig wie Barregos jemals daran gezweifelt hatte, Hieronymus’ Idealismus sei nicht aufrichtig gewesen, zweifelte er daran, dass Jessicas Idealismus bestenfalls eine dünn aufgetragene Tünche war. Sie war im Schatten des Rufes ihres Vaters aufgewachsen, und sie hatte ihr ganzes Leben damit verbracht, ihn dabei zu beobachten, wie er mit seinem Streben nach echten, dauerhaften Veränderungen absolut gar nichts erreichte, während seine Politik sie gleichzeitig gänzlich davon ausschloss, sich in die bereits bestehenden Machtstrukturen einzugliedern. Seine Prominenz, die Art und Weise, wie Reformisten-Dilettanten und ein gewisser Typus der Medienfuzzies – die immer noch gerne ›die schwatzende Klasse‹ genannt wurden – um ihn herumscharwenzelten, brachte sie so nah an die festeingefahrenen Machtstrukturen der Liga heran, dass sie es regelrecht schmecken konnte, und doch würde sie nie dazugehören. Schließlich war sie Tochter und Erbin des ranghöchsten Wahnsinnigen und Chef-Anarchisten, nicht wahr? Niemand wäre verrückt genug, sie auch nur in die äußersten Randbereiche der tatsächlichen Regierungskreise der Solaren Liga einzuladen!

Und deswegen war sie auch so empfänglich gegenüber Ingemar Cassettis Angebot gewesen, ihren Vater ermorden zu lassen.

In gewisser Weise bedauerte Barregos, dass Hieronymus’ Tod erforderlich gewesen war, doch sein Bedauern hielt sich in Grenzen. Tatsächlich störte ihn am meisten an dieser ganzen Situation, dass sie ihn nicht deutlich mehr störte. Dass ihm die Geschehnisse nicht eine einzige schlaflose Nacht einbringen würden. So sollte es nicht sein, doch Oravil Barregos hatte schon vor Jahren begriffen, dass er, um sein Ziel zu erreichen, unterwegs den einen oder anderen Splitter seiner Seele würde aufgeben müssen. Das gefiel ihm nicht, doch er war bereit, diesen Preis zu zahlen, wenngleich vielleicht nicht ausschließlich der Gründe wegen, die seine Gegner gemutmaßt hätten.

Doch nachdem Hieronymus nun fort war, hatte Cassetti – der, zu diesem Schluss war Barregos nach reiflicher Überlegung gekommen, die widerlichste Person war, der er persönlich jemals begegnet war, so hilfreich er sich hin und wieder auch erwiesen haben mochte – eine unmittelbare Übereinkunft und ein Bündnis zwischen ihm selbst, in seiner Funktion als Barregos’ Bevollmächtigter, und Jessica Stein organisiert. Natürlich war Cassetti nicht bewusst gewesen, dass Barregos über seine Pläne, seinen eigenen Vorgesetzten unauffällig beseitigen zu lassen, Bescheid wusste. Und ebenso wenig hatte sich Cassetti die Mühe gemacht, Barregos überhaupt darüber zu informieren, Hieronymus’ Tod sei ein Bestandteil seiner Verhandlungen mit Jessica. Andererseits gab es ohnehin einige Dinge, die er im Zuge dieser Verhandlungen seinem Vorgesetzten gegenüber zu erwähnen vergessen hatte. Zum Beispiel folgende interessante Tatsache: Wenngleich der Vizegouverneur dieses Bündnis mit ihr in Oravil Barregos’ Namen geknüpft hatte, hatte er doch von Anfang an in Wahrheit die Absicht gehabt, den Platz des Sektorengouverneurs einzunehmen, sobald er Jessicas Schulden einforderte. Anhand dessen, was Rozsak von Torch berichtete, war deutlich erkennbar, dass Cassetti nicht einmal vermutet hatte, Barregos könne das alles von Anfang an durchschaut und sich deswegen entsprechend eigene Pläne zurechtgelegt haben.

Ingemar war schon immer eher listig als schlau, sinnierte Barregos grimmig. Und er schien nie für möglich zu halten, andere könnten ebenso tüchtig sein wie er selbst. Was das betrifft, konnte er Menschen auch nie so gut einschätzen, wie er von sich glaubte, oder er hätte sich nicht ausgerechnet an Luiz gewandt, um mir einen Dolch in den Rücken jagen zu können!

»Ich weiß, dass Sie nie allzu viel Vertrauen in die Effizienz der Association gesetzt haben«, sagte der Gouverneur dann laut. »Was das betrifft, setze ich nicht allzu viel Vertrauen darauf, dass sie überhaupt irgendetwas zu bewirken vermag. Aber das ist nicht der wahre Grund, weswegen wir uns um deren Unterstützung bemühen, nicht wahr?«

»Nein«, bestätigte Rozsak. »Andererseits halte ich Jessica Stein auch nicht für eine ehrliche Politikerin.«

»Sie meinen, sie wird vielleicht nicht demjenigen die Treue halten, der sie gekauft hat?«

»Ich meine, diese Frau ist eine Polit-Hure«, gab Rozsak unverblümt zurück. »Irgendwie wird sie schon dem Meistbietenden die Treue halten, aber sie wird keinerlei Grund haben, sich nicht ständig nach neuen Mitbewerbern umzuschauen, Oravil. Ich glaube einfach nicht, dass wir im Augenblick auch nur mutmaßen können, wie vielen verschiedenen Herren sie tatsächlich dienen wird, wenn es so weit ist, dass wir … na, sagen wir, gewisse Gefallen einfordern.«

»Ja, aber da kommen nun die ganzen Beweismittel ins Spiel, die Ingemar so sorgfältig aufbewahrt hat«, gab Barregos mit einem schmalen Lächeln zurück. »Auf Chip gespeichert zu haben, wie sie den Mord an ihrem eigenen Vater plant, gibt uns eine schöne Bandbreite von Zuckerbrot bis Peitsche. Und wenn man ganz ehrlich ist, brauchen wir doch gar nicht so viel von ihr. Nur den Segen der Association für unsere PR-Kampagne, wenn die Ereignisse hier draußen uns ›zum Handeln zwingen‹.«

»Dem kann ich nicht widersprechen, aber die Wahrheit ist doch, Luiz«, wieder lächelte Barregos den Konteradmiral an, dieses Mal mit untypischer Wärme im Blick, »dass Sie, so gut sie auch bei solchen Schattenoperationen sind, im Grunde ihres Herzen dieses Spiel überhaupt nicht mögen.«

»Wie bitte?«

Barregos stellte fest, dass Rozsaks verletzter Blick fast perfekt war, und lachte leise in sich hinein.

»Ich habe gesagt, Sie spielen sehr geschickt, Luiz. Tatsächlich glaube ich sogar, dass Sie besser sind als fast jeder andere, den ich jemals erlebt habe. Aber Sie und ich, wir kennen doch beide den wahren Grund, warum dem so ist. Und auch« – ruhig blickte der Gouverneur Rozsak in die Augen, und sein eigener Blick war auf einmal deutlich weniger trüb als sonst – »warum Sie sich dazu überhaupt bereiterklärt haben.«

Einen oder zwei Augenblicke lang herrschte völlige Stille in dem Büro. Dann räusperte sich Rozsak.

»Na, wie dem auch sei«, sagte er deutlich forscher, »und welche möglicherweise problematischen Vorteile wir zu irgendeinem theoretischen Zeitpunkt in der Zukunft Ms. Stein auch werden abringen können, ich muss zugeben, dass diese ganze Begräbnis-Scharade auf Erewhon und die nachfolgenden Ereignisse auf Torch uns in eine Lage versetzt haben, die sich deutlich besser darstellt, als ich das im Vorfeld je prognostiziert hätte.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Hatten Sie nicht in Ihrem letzten Bericht eine Besprechung mit Imbesi und Al Carlucci erwähnt?«

Wieder hob Barregos die Augenbrauen, und Rozsak nickte.

»Tatsächlich bestand Imbesis Haupt-Beitrag darin, Carlucci unmissverständlich zu verdeutlichen, dass unsere Gespräche seinen Segen hatten – und dass Fuentes, Havlicek und Hall ebenfalls dazugehören.«

Nun war es an Barregos zu nicken. Die Regierung der Republik Erewhon war ein wenig anders als alle anderen. Vielleicht weil sämtliche Bewohner des gesamten Systems unmittelbare Nachfahren verschiedener Familien von Alterde waren, die allesamt dem ›organisierten Verbrechen‹ zugeordnet wurden. Offiziell wurde die Republik derzeit von einem Triumvirat regiert: Jack Fuentes, Alessandra Havlicek und Thomas Hall. Aber in die Regierungsgeschäfte waren immer noch weitere Personen involviert – mit unterschiedlichem Einfluss. Zu diesen ›weiteren Personen‹ gehörte auch Walter Imbesi – er hatte die Aufgabe übernommen, das Vordringen der Mesaner in den Machtbereich von Erewhon zu neutralisieren. Dass er sich entschieden hatte, mit Victor Cachat zusammenzuarbeiten – und übrigens auch mit Luiz Rozsak –, hatte dazu geführt, dass Mesa des interplanetaren Machtgefüges verwiesen wurde, das früher einmal ›Verdant Vista‹ geheißen hatte. Nun hieß es ›das Torch-System‹.

Zugleich hatten diese Ereignisse auch dazu geführt, dass im Grunde das Bündnis Erewhons mit dem Sternenkönigreich von Manticore endgültig zerbrochen war. Barregos wusste genau, dass dies nur möglich geworden war, weil die Regierung unter High Ridge Erewhon und die Interessen sämtlicher Einwohner dieser Welt systematisch ignoriert, erzürnt und – nach Imbesis Ansicht – von Grund auf verraten hatte.

Wie auch immer Imbesis Motivationen ausgesehen haben mochten, er hatte auf jeden Fall dafür gesorgt, dass seine Familie erneut die höchsten Machtpositionen in Erewhon erreicht hatte. Tatsächlich war er im Prinzip zum Vierten Mann im ehemaligen Triumvirat aufgestiegen, auch wenn er bislang noch nicht ganz als offizielles Mitglied bestätigt war. Und im Verlauf dessen hatte er Erewhon von seiner bisherigen Pro-Manticore-Position zu einer Pro-Haven-Position gebracht.

»Wird Erewhon sich wirklich für Haven entscheiden?«, fragte der Gouverneur.

»Das ist schon beschlossene Sache«, gab Rozsak zurück. »Ich weiß nicht, ob der formale Vertrag bereits unterzeichnet wurde, aber wenn es noch nicht passiert sein sollte, dann wird es schon bald geschehen. Und dann wird zwischen Erewhon und Haven ein bilaterales Verteidigungsbündnis bestehen … und Nouveau Paris hat mit einem Mal Zugang zu einer ganzen Menge Manty-Technologie.«

»Und das wird Manticore immens sauer machen«, stellte Barregos fest.

»Ja, das wird Manticore immens sauer machen«, bestätigte Rozsak. »Andererseits kann Manticore das niemandem außer sich selbst vorwerfen, und wenn man sich anschaut, wie sich Prinz Michael bei der Krönung Queen Berrys verhalten hat, wissen er und seine Schwester Elizabeth das sehr genau, ob sonst jemand auf Manticore sich das nun eingesteht oder nicht. Dieser Idiot High Ridge hat Haven Erewhon wirklich auf dem Silbertablett geliefert. Und« – das Lächeln des Konteradmirals wurde entschieden wölfisch – »gleichzeitig hat er Erewhon auch uns ausgeliefert.«

»Dann steht es also fest?« Barregos ertappte sich selbst dabei, wie er sich ein wenig vorbeugte, und wusste genau, dass er hier mehr Eifer und Anspannung zeigte, als ihm eigentlich recht war, während er aufmerksam Rozsaks Miene studierte.

»Es steht fest«, bestätigte Rozsak. »Die Carlucci Industrial Group wartet nur darauf, sich mit Donald, Brent und Gail zusammenzusetzen, um mit der Sektorenregierung von Maya über Handelsabkommen zu sprechen.«

Barregos lehnte sich wieder zurück. Donald Clarke war sein Leitender Industrieplaner und Gail Brosnan derzeit die kommissarische Vizegouverneurin. Angesichts der Eigenheiten hinsichtlich der Beziehung des Maya-Sektors zum Amt für Grenzsicherheit war Barregos zuversichtlich, Brosnan werde letztendlich im OFS-Hauptquartier auf Alterde bestätigt werden. Gleichzeitig war er sogar noch zuversichtlicher, sie werde zuvor für lange, lange Zeit weiterhin ›kommissarische‹ Vizegouverneurin bleiben. Schließlich hatten ihm seine Vorgesetzten ursprünglich Cassetti aufs Auge gedrückt, weil sie verhindern wollten, dass Barregos seinen eigenen möglichen Nachfolger persönlich auswählte. Da er Brosnan vertraute, würde es einige Leute automatisch deutlich … weniger erfreuen, wenn sie tatsächlich Cassettis alte Position erbte. Eben diese Leute planten zweifellos, ihre Bestätigung im Amt so weit wie irgend möglich hinauszuzögern. Wahrscheinlich hofften sie darauf, Barregos könne einem Herzanfall erliegen – oder von einem Mikrometeoriten erschlagen werden oder von Weltraumelfen entführt oder sonst irgendetwas –, bevor sie Brosnan tatsächlich dieses Amt offiziell zubilligten. Wenn es wirklich zu einem wie auch immer gearteten Zwischenfall käme, dann hätten sie schließlich die Möglichkeit, die gesamte Chefetage Barregos’ auszuwechseln … einschließlich Brosnan.

»Darf ich annehmen, Sie wurden eingeladen, als inoffizielles Mitglied unserer Handelsdelegation den Besprechungen beizuwohnen?«, fragte er.

»Das dürfen Sie.« Wieder lächelte Rozsak. »Ich habe auch schon ein paar Worte mit Chapman und Horton gewechselt. Nichts allzu Direktes, natürlich – ich dachte mir, wir sollten erst einmal sicherstellen, dass wir die zivile Seite ordentlich festgenagelt haben, bevor wir über militärische Aspekte fachsimpeln. Aber nach dem, was Imbesi gesagt hat, und noch mehr anhand dessen, was Carlucci angemerkt hat, nachdem Imbesi unsere Besprechung ›unerwarteterweise verlassen‹ musste, scheint die Navy bereit zu sein, sich mit mir zusammenzusetzen und über harte, nackte Zahlen zu sprechen. Über welche Zahlen genau, wird natürlich davon abhängen, wie viel zu investieren wir bereit sind.«

Fragend hob er eine Augenbraue, und Barregos schnaubte leise.

»Die Zahlen werden deutlich höher sein, als irgendjemand in Erewhon vermutlich erwartet«, sagte er offen. »Der beschränkende Faktor wird sein, wie gut wir unter dem Radar von Alterde bleiben können, und Donald und ich arbeiten schon seit langem an entsprechenden verborgenen Kanälen und an Möglichkeiten, die Wirtschaft anzukurbeln. Hier auf Maya gibt es verdammt viel Geld. Es gibt hier verdammt viel mehr Geld, als Agatá Wodoslawski oder sonst irgendjemand im Schatzamt von Alterde auch nur vermutet – und das ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum sie nicht darauf bestanden haben, die ›Verwaltungsgebühren‹ noch höher zu schrauben. Ich denke, wir werden für unsere Zwecke mehr als genug abschöpfen können.«

»Ich weiß nicht recht, Oravil«, gab Rozsak zu bedenken. »Unsere ›Zwecke‹ werden ziemlich groß werden, falls – oder sobald – die Karre erst einmal in den Graben gefahren ist.«

»›Falls‹ ist da wirklich das falsche Wort«, gab Barregos recht grimmig zurück. »Darum geht es hier ja schließlich. Aber wenn ich sage, wir können mehr als genug abschöpfen, dann meine ich damit, ich kann alles abschöpfen, was wir tatsächlich auszugeben wagen können. Wenn zu schnell zu viel neues Material irgendwo auftaucht – vor allem hier draußen –, wird das bloß einige meiner guten Freunde im Ministerium ein wenig unruhig werden lassen, und das können wir uns nicht leisten. Es ist besser, wenn wir auf der militärischen Seite ein wenig klamm dastehen, wenn die Kacke erst einmal am Dampfen ist, statt irgendjemanden auf Alterde auf uns aufmerksam zu machen, indem wir zu schnell zu ehrgeizig werden und ein weithin sichtbares Signal senden, bevor wir wirklich bereit sind.«

»Ich hasse solche Drahtseilakte«, murmelte Rozsak, und Barregos lachte.

»Na, wenn ich mich nicht täusche, kommen wir langsam ins Endspiel. Ich frag mich, ob diese Idioten in Chicago schon mal etwas vom Sepoy-Aufstand gehört haben?«

»Das will ich doch nicht hoffen«, erwiderte Rozsak mit gewisser Inbrunst.

»Eigentlich glaube ich nicht, dass irgendjemand etwas darüber weiß.« Barregos schüttelte den Kopf. »Wenn auch nur ein paar von denen tatsächlich in der Lage wären, aus der Geschichte etwas zu lernen, dann hätte doch irgendjemand das Menetekel an der Wand sehen müssen.«

»Ich persönlich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sie so lange entsetzlich kurzsichtig bleiben, wie es nur irgend geht«, merkte Rozsak an.

»Geht mir genauso.«

Einige Momente lang saß der Gouverneur nur schweigend und nachdenklich da, dann zuckte er die Achseln.

»Haben wir schon einen festen Termin für diese Besprechung mit Carlucci?«

»Von hier nach Erewhon dauert es mit einem Kurierboot eine Woche. Ich habe ihnen gesagt, dass es noch mindestens zehn Tage dauern würde.«

»Reichen drei Tage denn für Sie und Ihre Leute?«

»Meine Leute sind in die Sache doch schon zu mehr als zwei Dritteln eingeweiht, Oravil. Abgesehen von Manson, dieser kleinen Rotznase, wissen die meisten schon genau, was passieren wird – oder sie haben zumindest schon gut geraten. Ich habe bereits Vorkehrungen getroffen, ihn uns ein paar Tage lang vom Hals zu halten, während der Rest von uns sich zusammensetzt und ein bisschen konkreter wird. Ich denke, drei Tage sollten ausreichen, einen Großteil der Spielsteine in Position zu bringen. Donald und Brent werden dabei auch mitmachen müssen, denke ich, aber sie werden vor allem Beobachter sein, um ganz sicherzugehen, dass sie auch genau verstehen, was wir hier eigentlich zu erreichen versuchen. Es wird noch genug Zeit sein, Ihnen genaue Zahlen vorzulegen, wenn sie erst einmal auf dem Laufenden sind, was die Hardware betrifft. Und mir bleibt die Zeit für den Transit zurück nach Erewhon, um zusammen mit denen alles zum Laufen zu bringen. Ich glaube, das wird gehen.«

»Gut.« Barregos stand auf. »In diesem Fall denke ich, Sie sollten zu Ihrem Büro aufbrechen, um ein paar Grundlagen zu besprechen.«

Kapitel 2

Ein beachtlicher Prozentsatz der ursprünglichen Kolonisten des Maya-Systems stammte vom Planeten Kemal. Wie die meisten ihrer Immigranten-Kollegen waren sie nicht allzu glücklich mit dem Planeten und der Gesellschaft gewesen, die sie hinter sich ließen, doch ihre planetenübliche Küche hatten sie mitgebracht. Jetzt, vierhundert T-Jahre später, gehörte die Mayanische Pizza – mit freundlicher Genehmigung der Küchen von Kemal – zu den besten in der ganzen bekannten Galaxis.

Gerade in diesem Moment besaß diese Tatsache beachtliche Relevanz, wenn man das Durcheinander traditioneller Lieferservice-Kartons und Tabletts betrachtete, auf denen immer noch winzige Stückchen und Krümel Pizza-Rand lagen. Sie waren über den gesamten Konferenzraum verteilt.

Luiz Rozsak saß auf seinem gewohnten Platz am Kopfende des Tisches, in der Hand einen Krug Bier, und blickte seinen versammelten Stab an. Captain Edie Habib, seine Stabschefin, beugte sich gerade über ein Computer-Display, gemeinsam mit Jeremy Frank, Gouverneur Barregos’ Adjutanten. Lieutenant-Commander Jiri Watanapongse, Rozsaks Nachrichtenoffizier im Stabe, befand sich leise im Gespräch mit Brigadier Philip Allfrey, dem Ressortoffizier der Solarischen Gendarmerie im Maya-Sektor, sowie Richard Wise, dem Leiter von Barregos’ zivilem Geheimdienst. Dieses Gespräch, dachte der Konteradmiral und grinste in sich hinein, hätte in Chicago reichlich Sodbrennen hervorgerufen, wenn den obersten Vorgesetzten Watanapongses und Allfreys dessen Inhalt zu Ohren gekommen wäre.

Brent Stephens und Donald Clarke saßen zur Linken beziehungsweise Rechten von Rozsak. Stephens war ein recht massiger Bursche – sieben Zentimeter größer als Rozsak selbst mit seinen einhundertfünfundsiebzig Zentimetern –, mit blondem Haar und braunen Augen. Er war ein unmittelbarer Nachkomme der ersten Welle von Maya-Kolonisten, während der schwarzhaarige Clarke mit seinen grauen Augen bereits fünf Jahre alt gewesen war, als seine Eltern als leitende Mitarbeiter der Geschäftsführung der Broadhurst Group auf Smoking Frog ankamen. An den meisten Orten im Rand hätte ihn das sehr ungeeignet für dieses spezielle Zusammentreffen gemacht, da Broadhurst eine der wichtigsten transstellaren Konzerne der Solaren Liga war – doch das hier gehörte nicht zu den ›meisten Orten‹. Das hier war der Maya-Sektor, und hier galten etwas andere Regeln als die, die das Amt für Grenzsicherheit gewohnt war.

Und sie werden sich noch drastisch verändern, dachte der Konteradmiral kühl.

»Darf ich eine Kopie unserer Notizen mit nach Hause nehmen, Luiz?«, erkundigte sich Clarke nun, und Rozsak blickte ihn mit gehobener Augenbraue an. »Ich verlasse heute Nachmittag den Planeten«, erklärte Barregos’ Ratgeber für Wirtschaftsfragen. »Dad hat Geburtstag, und ich habe Mom fest versprochen zu kommen.«

Verständnisvoll verzog Rozsak das Gesicht. Michael Clarke war erst neunzig T-Jahre alt und damit nach den Begriffen einer Prolong-Gesellschaft kaum mittleren Alters, doch er war an einer progressiven Nervenstörung erkrankt, die nicht einmal die modernste Medizin einzudämmen vermochte. Langsam aber sicher entfremdete er sich von seiner Familie, und es würde nicht mehr allzu viele Geburtstagsfeiern geben, bei denen er sich noch daran erinnern würde, einen Sohn zu haben.

»Er befindet sich auf Eden, nicht wahr?«, erkundigte sich der Konteradmiral nach kurzem Schweigen.

»Jou.« Nun war es an Donald, das Gesicht zu verziehen. »Nicht, dass wir uns das nicht leisten könnten, aber ich glaube auch nicht, dass es sonderlich viel hilft.«

Mitfühlend nickte Rozsak. Das Eden-Habitat war ein Niederschwerkraft-Pflegeheim, das sich auf einem geosynchronen Orbit um den Planeten Smoking Frog befand. Dort erhielt man die allerbeste medizinische Versorgung – ebenso gut, wie man sie auf Alterde selbst hätte erhalten können –, und dazu die luxuriösesten und patientenfreundlichsten Wohnräume und ebensolches Pflegepersonal; kurz gesagt alles, was man sich nur wünschen konnte.

»Selbst wenn Sie das Material mitnehmen, werden Sie denn überhaupt allzu viel erledigen können?«, fragte er leise.

»Selbstverständlich …«, setzte Clarke ein wenig scharf an, doch dann biss er sich auf die Zunge. Einen Moment lang blickte er Rozsak nur in die Augen, dann atmete er tief durch.

»Nein, wahrscheinlich nicht«, gestand er schweren Herzens.

»Ich mache mir keine Sorgen um irgendwelche Sicherheitsrisiken, Donald«, gab Rozsak völlig ehrlich zu. »Ich weiß, dass Sie einen guten Sicherheitsdienst haben, und die Leute auf Eden werden weiß Gott dafür sorgen, dass niemand in der Privatsphäre ihrer Patienten herumschnüffelt! Aber ganz so eng ist unser Zeitplan auch nicht. Sie können sich also wirklich ein paar Stunden freinehmen und sie mit Ihren Eltern verbringen.«

»Sind Sie sicher?« Clarke schaute ihn an, und Rozsak zuckte mit den Schultern.

»Sie haben Ihren Teil doch schon fertig, oder er wird abgeschlossen, wenn wir nach Erewhon kommen. Wir reden hier über den praktischen Teil, nicht über Finanzierungsmittel oder Investitionsstrategien. Machen Sie nur! Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen! Es ist wichtiger, dass Sie so gut wie möglich erholt sind, wenn wir aufbrechen.«

»Ich gebe gerne zu, ich würde das Material lieber hier unter Verschluss wissen«, gestand Clarke. »Und Sie haben recht. Ein wenig Zeit für meine Eltern ist mir wirklich wichtig.«

»Aber natürlich.« Rozsak warf einen Blick auf sein Chrono. »Und wenn Sie heute Nachmittag aufbrechen, um einen Geburtstag zu feiern, sollten Sie vielleicht vorher noch ein paar Stunden Schlaf zu Hause finden.«

»Sie haben recht.«

Clarke rieb sich mit den Handflächen über die Augen, schüttelte sich kurz, schob dann seinen Sessel zurück und stand auf. Dabei schaltete er seinen Minicomputer aus.

»Natürlich habe ich recht. Ich bin ja schließlich inzwischen Konteradmiral, oder etwa nicht?« Rozsak grinste zum Finanzier auf. »Gehen Sie nur – gehen Sie!«

»Aye aye, Sir«, gab Clarke mit einem müden Lächeln zurück, nickte kurz Stephens zu und ging.

»Das war gut, Luiz«, sagte Stephens leise, als sein Kollege den Raum verlassen hatte. »Wenn der Geburtstag seines Vaters näher rückt, ist es für ihn immer besonders schlimm.«

»Jou, klar. So bin ich eben. Philanthrop durch und durch, ganz allgemein ein echter Menschenfreund.«

Mit einer Handbewegung tat Rozsak das Thema ab, und Stephens ließ es zu.

»Also, wenn Sie darüber nicht sprechen wollen, kommen wir zu etwas anderem. Sind Sie wirklich zuversichtlich, dass Carlucci mit dem allen durchkommt?«

»Ja«, antwortete Rozsak nur. Kaum merklich wölbte Stephens eine Augenbraue, und Rozsak hob die Stimme. »Jiri, denken Sie, Sie könnten sich für ein paar Minuten von Philip und Richard losreißen?«

»Klar«, sagte Watanapongse. Er grinste Allfrey und Wise zu. »Im Augenblick schließen wir sowieso nur Football-Wetten ab, während wir darauf warten, dass der Rest von Ihnen unsere unvergleichlichen Dienste in Anspruch nimmt.«

»Ich glaube, das gefällt mir an euch Spionen am besten«, warf Edie Habib ein, ohne auch nur von ihrem Gespräch mit Frank aufzublicken. »Eure Bescheidenheit. Eure ständige Zurückhaltung.«

Watanapongse lächelte ihr zu, dann ging er zu dem Sessel hinüber, aus dem sich gerade eben Clarke erhoben hatte, nahm Platz und neigte den Kopf fragend ein wenig zur Seite.

»Brent macht sich ein wenig Sorgen, ob Carlucci die Ergebnisse unserer Diskussionen auch in die Tat umsetzen kann, glaube ich«, erläuterte Rozsak. »Möchten Sie ihn vielleicht beruhigen?«

Nachdenklich blickte Watanapongse Stephens einen Moment lang an, dann zuckte er die Achseln.

»Die Carlucci Industrial Group ist in der Lage, alles zu bauen, was wir brauchen«, sagte er. »Es ist nur eine Frage der Bereitschaft, der Finanzierungsmöglichkeiten und der Zeit.«

»Und wie man das ganze unter Verschluss hält«, merkte Stephens an.

»Naja, das auch«, bestätigte Watanapongse.

»Um ehrlich zu sein, ist es genau das, was mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet«, sagte Stephens. »Ich denke, ich kann besser als die meisten anderen abschätzen, in welchem Ausmaß die CIG expandieren muss, um das alles hinzubekommen. Wenn irgendjemand darauf achtet, wird es wirklich knifflig werden, das alles zu vertuschen. Bauwerften sind ja nun nicht gerade unauffällig.«

»Nein, das nicht. Und Raumschiffe auch nicht. Aber der Plan besteht ja darin, das überhaupt nicht zu ›vertuschen‹. Edie hat die vielleicht beste Beschreibung für das geliefert, was wir hier hinzubekommen versuchen. Sie hat das aus einer dieser uralten Geschichten, die sie so gerne liest: ›Der stibitzte Brief‹.« Watanapongse lächelte. »Alles, was wir da tun, wird für jeden hin deutlich sichtbar sein … wir werden bloß alle davon überzeugen, dass es etwas gänzlich anderes ist.«

»›Etwas anderes‹?«, wiederholte Stephens sehr vorsichtig.

»Klar.«

»Und wie genau soll das alles funktionieren?«, erkundigte sich der Industrielle. »Ich habe mich, was uns betrifft, ganz auf Finanzierungs-Zeiträume und Prioritäten konzentriert. Ich vertraue einfach darauf, dass Sie alle das werden nutzen können. Ich weiß, dass Sie versprochen haben, mir alles während der Fahrt zu erklären, aber ich bringe es einfach nicht übers Herz, mir darüber keine Sorgen zu machen, bis wir angekommen sind.«

»Es ist gar nicht so kompliziert, ganz egal, wie wild es im Moment auch aussehen mag«, versicherte Rozsak ihm. »Eigentlich ist es ein Taschenspielertrick. Der Maya-Sektor wird schon bald große Investitionen auf Erewhon tätigen, und das – wie der Gouverneur auch jedem zu Hause erklären wird, dem auffällt, was wir da treiben – ist nicht bloß praktisch, sondern ausgesprochen weitsichtig, wenn man bedenkt, wie sehr sich Erewhon derzeit von Manticore entfremdet hat und wie sehr sich die interstellare Lage hier draußen immer weiter verschlimmert.« Ehrfurchtsvoll rollte er mit den Augen. »Das ergibt also nicht nur für jeden hier im Sektor rein wirtschaftlich gesehen Sinn, sondern stellt zugleich eine Gelegenheit dar, offen darum zu werben, dass Erewhon – und sein Wurmloch-Terminus – wieder in die liebende Umarmung der Liga zurückkehrt.«

Stephens schnaubte sarkastisch, und Watanapongse lachte leise in sich hinein.

»Eigentlich«, fuhr Rozsak deutlich ernsthafter fort, »wäre es wirtschaftlich gesehen wirklich durchaus sinnvoll, wie auch immer man dazu stehen mag. Und logistisch steckt Erewhon in der Zwickmühle. Nach dem, was auf Torch passiert ist, haben die Erewhoner praktisch alle Brücken zu Manticore hinter sich abgebrochen. Na ja, vielleicht ist das nicht sonderlich geschickt ausgedrückt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Manticore – oder zumindest die Königin der Mantys – sie durchaus wieder aufnehmen würde, aber Imbesi und seine Freunde haben zumindest das mittlere Segment besagter Brücke ziemlich gründlich gesprengt.

Wie dem auch sei: Erewhon hat nie eigene Wallschiffe gebaut – und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch einige Leute auf Alterde wissen. Tatsächlich hat Erewhon sogar einen Großteil seiner Kreuzer bei fremden Lieferanten erworben. Damals, bevor sie sich der Manticoranischen Allianz angeschlossen hatten, haben die Erewhoner die meisten Schiffe bei solarischen Schiffbauern erstanden; seit sie sich mit Manticore verbündet hatten, waren es dann Schiffe in Manty-Bauweise. Aber dieser Weg ist ihnen jetzt verschlossen, vor allem, wenn sie irgendwann den gegenseitigen Beistandspakt mit Haven förmlich unterzeichnen. Andererseits ist Haven wirklich nicht in der Lage, ihnen moderne Wallschiffe im Übermaß zum Kauf anzubieten, und selbst wenn es um Haven anders stünde, hängt der technische Stand der Haveniten immer noch dem von Manticore hinterher – noch, zumindest. Nebenbei bemerkt ist er nicht einmal so gut wie die ›Manticore-Light‹-Technik, die Erewhon selbst zur Verfügung steht.

Also ist es für Erewhon nur vernünftig, wenn sie ihre eigene Flottenbau-Kapazität erweitern. Schon seit langem bauen sie eigene Zerstörer und andere leichte Einheiten, also ist es nun wirklich nicht so, als fehle es ihnen vor Ort an Erfahrung. Sie hatten nur bisher nie den Eindruck, die Investition in die ganze Infrastruktur rechtfertigen zu können, die erforderlich ist, um Großkampfschiffe zu bauen. Natürlich würden wir es vorziehen, wenn sie weiterhin bei der Liga einkaufen würden, falls sie irgendwelche Wallschiffe benötigen.« Es entging Stephens nicht, dass der Konteradmiral so klang, als meine er das, was er hier sagte, tatsächlich ernst. »Bedauerlicherweise«, fuhr Rozsak fort, »können wir sie nicht dazu zwingen, und ich fürchte, sie sind nicht ganz glücklich darüber, einen Auftrag dieser Größenordnung an solarische Werften zu geben. Einige von ihnen scheinen doch tatsächlich die düstere Vermutung zu hegen, die Liga könne die Lieferung ihrer neuen Schiffe ein wenig hinauszögern, um ihnen, was den Erewhon-Terminus betrifft, ein bisschen den Arm auf den Rücken zu drehen. Ist natürlich lächerlich, dieser Gedanke, aber was soll man von so einem Haufen Neobarbaren schon anderes erwarten?

Aber wenn sie keine solarische Ware kaufen wollen, und sie weder bei den Mantys noch bei den Haveniten kaufen können, dann ist es das Einzige, was ihnen noch bleibt, in den sauren Apfel zu beißen und die eigene Schiffsbau-Kapazität auszuweiten. Ganz offensichtlich ist kein einzelnes Sonnensystem in der Lage, wirklich viele Wallschiffe zu bauen, und es ist wahrscheinlich albern, wenn sie derart viel Kapital in eine Kapazität hineinstecken, die in drastischem Maße zu wenig genutzt werden wird. Aber wenn sie entschlossen sind, es trotzdem zu machen, dann können wir in dieses Projekt genauso gut auch investieren und ihnen dabei helfen, das zu bauen, was sie benötigen. Vieles von dem, was sie brauchen, werden sie bei uns kaufen, also ist das eine echte Konjunkturspritze für die Geschäftswelt des Sektors. Auch den Investoren wird das einen netten Gewinn bringen, und wie ich schon sagte, es wird uns – und mit ›uns‹ meine ich natürlich die Liga im Ganzen, soweit Chicago mit diesem Begriff überhaupt etwas anfangen kann – wahrscheinlich die Möglichkeit bieten, früher oder später einen Fuß in die Tür zu bekommen.«

»Okay.« Stephens nickte. »Sie sagen also, es ergebe durchaus Sinn – oder sei zumindest plausibel –, wenn Erewhon die eigene Schiffsbau-Kapazität ausbaut. Und ich bin mir sicher, wir können dafür sorgen, dass unsere Investitionen, oder zumindest unsere offiziellen Investitionen, ebenfalls vernünftig wirken. Aber was passiert, wenn die anfangen, Schiffe für uns zu bauen?«

»Eigentlich gilt es dabei, drei verschiedene Dinge zu beachten«, sagte Watanapongse mit ruhiger Stimme. »Erstens werden sie für uns keine Großkampfschiffe bauen. Sämtliche Wallschiffe werden ausschließlich dem Erewhon-Standard entsprechend für die ESN gebaut werden. Sie glauben doch gewiss nicht, ein loyaler Sektorengouverneur würde auch nur in Erwägung ziehen, ohne offizielle Genehmigung eigenständig Großkampfschiffe zu erwerben? Ich bin schockiert - schockiert! –, dass Sie über derartige Dinge überhaupt auch nur nachdenken! Wenn natürlich irgendjemand die Zahlen überprüft, dann wird derjenige begreifen, dass die Erewhoner mehr Superdreadnoughts bauen, als sie jemals bezahlen könnten – oder auch nur bemannen! –, aber es wäre nicht das erste Mal, dass bei einer drittklassigen Neobarbaren-Navy die Augen größer wären als der Magen. Sollte irgendjemand nachfragen, lautet der Plan, die überschüssigen Einheiten unmittelbar nach Fertigstellung einzumotten – als Mobilisierungsreserve. Diese Schiffe werden nur bemannt, falls ihre Navy angesichts einer Notsituation erweitert wird. Angesichts der Mobilmachungspläne der Schlachtflotte sollte das den Geistesriesen auf Alterde durchaus einleuchten – zumindest eine Zeitlang. Es steht zu hoffen, dass es, wenn es so weit ist, dass wir tatsächlich Crews aussenden, um unseren Teil dieses Schiffsbauprogramms zu übernehmen, überhaupt nicht mehr von Bedeutung sein wird, ob irgendjemand etwas davon mitbekommt. Vergessen Sie nicht, wir reden hier von den nächsten zwei oder drei Jahren, was die Wallschiffe betrifft, selbst wenn die Werftkapazität im geplanten Maße ausgebaut wurde. Wahrscheinlich werden es eher vier oder fünf Jahre werden, bis die ersten Lieferungen eintreffen.

Zweitens werden wir ein paar eigene ›offizielle‹ leichte Einheiten in dem Erewhoner-Programm vergraben.« Er zuckte mit den Schultern. »Wenn man bedenkt, wie sehr es der Grenzflotte immer an Schiffen fehlt, und wenn man weiterhin bedenkt, wie weit sich die Lage zwischen Manticore und Haven zuspitzt, ist jegliche Beunruhigung Gouverneur Barregos’ gänzlich berechtigt. Der Sektor gäbe eine saftige Prise ab, sollten irgendwelche der Einheimischen mutig – oder verrückt – genug sein, ihn einsacken zu wollen. Natürlich ist das nicht sonderlich wahrscheinlich, aber es ist sehr wohl wahrscheinlich, dass Freibeuter und Piraten vor Ort Interesse anmelden werden. Ich meine, der Sektor treibt regelmäßigen Handel mit Erewhon, Manticore und Haven. Früher oder später würden wir darüber nachdenken müssen, wie man diesen Handel schützen kann.«

Stephens Blick wirkte ein wenig skeptisch, und Rozsak schüttelte den Kopf.

»Vertrauen Sie mir, Brent. Wenn ich als Ressortoffizier der Grenzflotte hier in diesem Sektor meinen Lagebericht abgeschlossen habe, dann wird jeder auf Alterde sofort begreifen, dass uns in kritischem Maße genau die leichten Einheiten – Zerstörer, vielleicht auch der eine oder andere Leichte Kreuzer – fehlen, die man braucht, um den Handel zu schützen. Bedauerlicherweise hat man von genau solchen Einheiten immer zu wenig. Die meisten Systeme mit einem derartigen wirtschaftlichen Einfluss, wie wir ihn haben, sind Vollmitglieder der Liga, und das bedeutet, sie können ihre eigenen Streitkräfte zur Systemverteidigung dazu nutzen, eben diesen Schutz zu bieten. Uns ist das nicht möglich; offiziell sind wir ein Protektorat. Das bedeutet, wir können die Eskorten, die wir benötigen, nur von der Grenzflotte erhalten, aber die Grenzflotte kann sie nicht entbehren. Also werden wir freie Gelder nutzen, dazu noch einige ›Sondergebühren‹, die der Gouverneur den örtlichen Händlern und Fabrikanten abringen wird, um einige zusätzliche Zerstörer zu erstehen, die dann Eigentum der Grenzflotte werden. Sie werden in meine eigenen Flottillen eingegliedert, sie werden der Navy keinen einzelnen Centicredit kosten – und ebenso wenig einer der anderen bürokratischen Organisationen. Und wenn die Situation hier draußen sich schließlich ein wenig beruhigt hat, wird die Grenzflotte sie mit Freuden zu anderen Verwendungen abstellen.

Zumindest werden sie alle davon ausgehen, dass es so kommen wird.«

Mit Rozsaks Lächeln hätte Stephens sich rasieren können.

»Und außerdem werden sie denken, wir ließen dort tatsächlich nur Zerstörer fertigen«, setzte Watanapongse hinzu. »Die ›Leichten Kreuzer‹ werden offizielle erewhonische Einheiten sein und nicht etwa zu uns gehören. Wir werden uns von Admiral McAvoy ein paar davon ›ausborgen‹, sobald die Piraterie hier draußen Überhand zu nehmen droht. Das wird ein weiteres Beispiel dafür sein, dass diese albernen Neobarbaren mehr Schiffe haben bauen lassen, als sie bemannen können – von den Betriebskosten ganz zu schweigen. Also werden wir, ganz im Interesse der Liga, die Republik Erewhon gut an den Haken bekommen und Flottenunterstützung leisten, indem wir einige erfahrene Offiziere abstellen. Die können dann den armen Neobarbaren dabei helfen, sich zurechtzufinden. In der Zwischenzeit wird niemand zu Hause begreifen, dass unsere neuen ›Zerstörer‹ praktisch genau so groß sein werden wie unsere Leichten Kreuzer der Morrigan-Klasse.«

Stephens legte die Stirn in Falten, und der Lieutenant-Commander lachte.

»Niemand zu Hause scheint die … Tonnagen-Inflation bemerkt zu haben, die es hier bei den verschiedenen Klassen gegeben hat, Brent«, betonte er. »Mittlerweile sind die ›Schweren Kreuzer‹ der Mantys und der Haveniten fast so groß wie kleine Schlachtkreuzer, und einige ihrer Leichten Kreuzer kommen mit ihrer Tonnage allmählich in die Größenordnung solarischer Schwerer Kreuzer. Das Gleiche ist übrigens auch bei deren Zerstörern passiert. Na, ganz offensichtlich müssen wir doch Schiffe bauen, die es mit diesen übergroßen Manty- und Haveniten-Dingern aufnehmen können, oder etwa nicht? Natürlich! Trotzdem, wenn niemand auf Alterde bemerkt hat, dass bei den lokalen Neobarbaren-Flotten die Schiffe immer größer werden, dann wüsste ich wirklich nicht, warum wir sie darauf hinweisen sollten, dass es bei uns genauso aussieht. Sie vielleicht?«

Sein Lächeln, ging es Stephen durch den Kopf, hat eine frappierende Ähnlichkeit mit dem von Rozsak.

»Edie und ich überarbeiten schon die Berichte und Korrespondenzen«, sagte Rozsak. »Offiziell werden wir unsere neuen Einheiten beispielsweise als ›modifizierte Zerstörer der Rampart-Klasse‹ beschreiben. Wir werden einfach nur nicht allzu detailliert darauf eingehen, worin die Modifikationen bestehen … oder dass wir hier von Zerstörern sprechen, die fünfzig oder sechzig Prozent größer sind als die ursprünglichen Ramparts. Ich bin mir sicher, die Geistesriesen von OpNav werden annehmen, jedwede Modifikationen würden zu einer Verminderung der Schlagkraft führen, wenn man bedenkt, wie die über die technischen Fähigkeiten der Mantys oder der Haveniten denken. Zugegebenermaßen haben Jiri und ich uns in bescheidenem Maße bemüht, diese Denkweise ein bisschen zu fördern. Und da sämtliche offizielle Korrespondenz – seitens der Regierung ebenso wie die von privaten Schiffbauern und Inspektoren –, die von Erewhon ausgeht, sämtliche Tonnagen um … na, etwa vierzig bis fünfzig Prozent herunterspielen, wird es nichts geben, was in Chicago einen anderen Eindruck erweckt. Und das Schöne daran ist, dass wir keinerlei Dokumente fälschen werden; wir werden ihnen unveränderte Kopien der tatsächlichen, offiziellen Korrespondenzen von Erewhon übermitteln.«

Schweigend schürzte Stephens die Lippen, während er darüber nachdachte. Rozsak hatte Recht damit, dass ihnen das deutlich vereinfachen würde, ihr eigenes Handeln unbemerkt bleiben zu lassen, aber der Industrialist fragte sich, wie genau der Admiral Erewhon davon überzeugt hatte, ein derartiges Risiko einzugehen. Letztendlich würde doch irgendjemand auf Alterde begreifen, dass die Erewhoner sie systematisch getäuscht hatten (und ebenso natürlich auch der offizielle Geheimdienst der Liga hier im Sektor selbst), und die Konsequenzen dessen mochten … schwerwiegend ausfallen – für Erewhon, nicht nur für Maya.

Andererseits: Falls sich eine solche Situation ergäbe, dann würde das bedeuten, dass der Rest ihrer Pläne katastrophal fehlgeschlagen wäre, also hatte es vermutlich wenig Sinn, sich darum zu sorgen. Auch wenn es einiges an Arbeit gekostet haben musste, die Erewhoner dazu zu bringen, die Sache so zu sehen …

»Sie hatten gesagt, es gebe drei Dinge zu beachten«, wandte er sich kurz darauf erneut an Watanapongse, und der Commander nickte.

»Der dritte Punkt ist vielleicht der Wichtigste von allen«, sagte er, und seine Miene wirkte nun deutlich ernsthafter. »Dabei geht es um dieses Zeitfenster von vier oder sogar fünf T-Jahren zwischen dem jetzigen Zeitpunkt und der Auslieferung der ersten Wallschiffe. Selbst wenn die ersten Superdreadnoughts schließlich fertiggestellt sind, wird es noch eine Weile dauern, bis eine hinreichende Stückzahl davon produziert wurde. Natürlich werden wir so viele ›unserer‹ Wallschiffe zwischen all denen verstecken, die an Erewhon gehen, aber die Chancen stehen ziemlich gut, dass wir in die ersten Gefechte verwickelt werden, bevor wir selbst einen ernstzunehmenden eigenen Schlachtwall haben.«

Eine gewisse Unruhe durchfuhr Stephens, doch Rozsak warf ihm das träge, zahnreiche Lächeln eines sehr selbstbewussten Tigers zu.

»Selbst mit dieser Verzögerung von vier oder fünf Jahren, bis wir unser erstes Wallschiff erhalten, werden wir dem Rest der Liga gegenüber immer noch voraus sein, Brent. Weit voraus. Glauben Sie mir, das ›Wir-haben-das-nicht-erfunden‹-Syndrom wird sich selbst dann zu Hause zu Wort melden, wenn die allmählich begreifen, wie hoffnungslos ein jedes SLN-Schiff einem Haveniten-Gegenstück unterlegen ist – und bei den Mantys ist es sogar noch schlimmer. Also, was wir wirklich brauchen, um uns hier hinwegzuhelfen, das wäre etwas, das es mühelos mit allem aufnehmen kann, was uns die Grenzflotte in böser Absicht entgegenschleudern kann. Stimmen Sie mir zu?«

»Unter der Bedingung, dass wir uns Gedanken machen um die Einheiten, die dieser ersten Angriffswelle folgen werden«, stimmte Stephens ein wenig sarkastisch zu.

»Na, das stimmt wohl.« Rozsak lachte leise. »Und zufälligerweise ist uns da etwas eingefallen, was uns genau das gestatten dürfte, zumindest so lange, wie niemand auf Alterde irgendetwas auf all diese lächerlichen Gerüchte gibt, Manticore und Haven hätten Mehrstufen-Raketen entwickelt. Ist natürlich auch lächerlich! Diese Berichte sind gewiss ebenso übertrieben, wie Commander Watanapongses Stab das beharrlich meldet. Trotzdem sind wir auf den Gedanken gekommen, falls irgendjemand tatsächlich Mehrstufen-Raketen bauen würde, und wenn dieser jemand dann zufälligerweise ein paar Dutzend Frachter zur Verfügung hätte – Frachter, die vielleicht Antriebe in Militärausführung hätten, vielleicht sogar Seitenschilde –, die gleichzeitig … ach, ich weiß nicht, dreihundert oder vierhundert Raketen-Gondeln befördern könnten, dann könnte dieser Jemand einer Flotte, die nur mit Einstufen-Raketen ausgestattet wäre, wahrscheinlich ziemlichen Schaden zufügen, meinen Sie nicht auch?«

Stephens kniff die Augen zusammen, und wieder lachte Rozsak leise. Es klang deutlich rauer.

»Das war eine der Ideen, mit der Edie und ich uns ein bisschen befasst haben, nachdem wir uns Gedanken über die Doktrin und die Schiffskonstruktion gemacht hatten. Und das ist auch der wahre Grund, warum wir unseren leichten Kampfeinheiten zusätzliche Tonnage gönnen wollen. Ein Großteil davon geht an die Feuerleitung, nicht an zusätzliche Waffen.«

»Und das Schöne daran ist«, ergänzte Watanapongse, »dass Carlucci bereits ein markttaugliches Design für einen Frachter mit austauschbaren Frachtmodulen hat. Das haben die irgendjemandem in der Silesianischen Konföderation abgeschaut. Das ist so eine von diesen Ideen, die auf dem Papier richtig gut aussehen, aber für die Sillys hat das zumindest im Handel nicht allzu gut funktioniert. Tatsächlich hat sich herausgestellt, dass so etwas sogar weniger flexibel ist als das, was man erreichen kann, wenn man einen Standard-Frachtraum umbaut. Aber mit diesen Modulen ist ein solches ›Umfunktionieren‹ eben nicht sofort erkennbar, wenn man das Schiff nur von außen sieht, und die Grundkonstruktion des Ganzen passt zufälligerweise genau zu einem ›Handelsschiff‹, das darauf ausgelegt ist, größere Behälter zu transportieren. Von denen wird die Sektoren-Regierung eine ganze Menge kaufen – mindestens mehrere Dutzend. Das ist Teil unserer Bestrebungen, unsere Investitionsbasis auf Erewhon zu erweitern. Wir haben reichlich kurze, systemweite Frachtrouten, genau wie die Sillys. Wenn das also bei denen funktioniert, dann sollte das doch bei uns genauso gut gehen, richtig? Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass sie nicht die rentabelste Möglichkeit darstellen, Frachtgüter durch die Gegend zu wuchten, na und? Den Versuch war es immer noch wert, einfach nur, um bei den Erewhonern den Fuß noch ein bisschen weiter in die Tür zu bekommen.«

»Und«, ergriff Rozsak leise das Wort, »zufälligerweise haben diese neuen austauschbaren Frachtmodule exakt die gleichen Maße wie die Raketen-Gondeln, die die Navy von Erewhon für ihre neuen Wallschiffe bauen wird. Naja …« – Dieses Mal hätte sein Lächeln Helium verflüssigen können. »Die Galaxis ist groß, und Zufälle passieren doch immer wieder mal.«

Kapitel 3

Catherine Montaigne blickte den immens großen Koffer auf dem Bett an. Ihr Blick wirkte nicht gerade liebevoll.

»Ist dir klar, Anton, was für ein archäologisches Relikt das ist? Vor beinahe zweitausend Jahren hat die Menschheit den Planeten ihrer Herkunft hinter sich gelassen – und wir müssen unsere Taschen immer noch selber packen!«

Anton Zilwicki schürzte die Lippen. »Das ist eine dieser Situationen, in denen es falsch ist, wenn ich dir recht gebe, falsch, wenn ich dir widerspreche, und falsch, wenn ich versuche, gar nichts zu sagen.«

Sie legte die Stirn in Falten. »Was soll das denn heißen?«

Mit einem dicken, stummeligen Finger deutete er auf die Tür, die zum persönlichen Logistikbereich des Schlafzimmers führte. »Darin befindet sich ein Haushalts-Robot mit einem perfekt funktionierenden Reiseprogramm. Ich habe meine Taschen schon seit … ach, Jahren nicht mehr selbst gepackt. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie lange das schon her ist.«

Sie verdrehte die Augen. »Na, klar. Du bist ein Mann. Drei Anzüge, wenn man Socken und Unterwäsche außer Acht lässt - identische Socken und Unterwäsche –, und dabei so einfallseich und originell wie ein Eintopfgericht. Fleisch, Kartoffeln, Möhren, was braucht man denn sonst noch?«

»Wie ich schon sagte: Was ich auch sage, es wird falsch sein.« Er warf einen Blick zur Tür, als suche er eine Fluchtmöglichkeit. »Wenn ich mich nicht täusche, sind unsere Töchter Helen und Berry mittlerweile echte Frauen geworden. Das Gleiche gilt für Prinzessin Ruth. Und keine von den dreien hat in den letzten Jahren jemals persönlich einen Koffer gepackt.«

»Na, natürlich nicht. Helen ist beim Militär, also wird sie, ob sie will oder nicht, bestimmte männliche Verhaltensweisen übernommen haben. Berry ist ohne alles aufgewachsen, die hatte nicht ’mal einen Topf, in den sie hätte pinkeln können, und wenn es darum geht, irgendetwas für sich persönlich zu kaufen, verhält sie sich immer noch, als hätte sie das Budget einer Ratte in den Ganggewirren auf Terra. Und Ruth ist einfach nur völlig unnatürlich. Das einzige Mitglied der königlichen Familie seit … ach, was weiß ich, das einzige Mitglied überhaupt, das unbedingt Spion werden will.«

Sie richtete sich auf und straffte die Schultern. »Ich hingegen halte mich an völlig normale weibliche Gewohnheiten und Sichtweisen. Deswegen weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass kein Scheiß-Roboter in der Lage ist, meinen Koffer anständig zu packen. Um diesen Biestern gegenüber wenigstens fair zu bleiben, muss ich zugeben, dass ich mir so lange überlege, was noch alles in diesen Koffer muss, bis er endgültig zu ist.«

»Außerdem bist du eine der reichsten Frauen im ganzen Sternenkönigreich, Cathy. Ach verdammt, dem Sternenimperium – eigentlich der ganzen Galaxis, schließlich kann es die Oberschicht von Manticore, was den Reichtum betrifft, es mit fast jedem in der Solaren Liga aufnehmen – verdammt sollen ihre schwarzen, verderbten Aristokratenherzen sein. Also warum lässt du dir deinen Koffer nicht von einem deiner Diener packen?«

Montaigne blickte ihn an, und er bemerkte, wie unbehaglich sie sich fühlte. »Das erscheint mir einfach nicht richtig«, antwortete sie. »Manche Dinge muss man einfach selbst machen. Auf Toilette gehen, Zähne putzen, den eigenen Koffer packen. Es wäre grotesk, das einen Diener erledigen zu lassen.«

Noch ein paar Sekunden lang starrte sie den Koffer an, dann seufzte sie. »Abgesehen davon bietet mir die Aufgabe, den Koffer selbst zu packen, eine Gelegenheit, Zeit zu schinden. Ich werde dich vermissen, Anton. Sehr sogar.«

»Ich werde dich auch vermissen, Liebste.«

»Wann sehen wir uns wieder?« Sie wandte sich ihm zu. »Nur eine Abschätzung. Du kannst mir den Vortrag ersparen, welchen zeitlichen Ungewissheiten die geheimdienstliche Tätigkeit unterliegt.«

»Ganz ehrlich, dass lässt sich wirklich nur schwer sagen. Aber …

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