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HONOR HARRINGTON: In Feindes Hand

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. Epilog
  38. Dramatis Personae
  39. Abkürzungen und Glossar

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Prolog

»Nach meinem Dafürhalten ist das ein Fehler – ein großer Fehler«, erklärte Cordelia Ransom. Nur das Funkeln in ihren blauen Augen verriet Gefühl; ihre sonst so leidenschaftliche Stimme, mit der sie mühelos Menschenmassen zu frenetischen Sprechchören anzustacheln vermochte, klang kalt, fast ungerührt. Daraus schloss Robert Stanton Pierre, wie sehr die Frage, die das Triumvirat gerade diskutierte, die Informationsministerin aufgewühlt hatte.

Er bemühte sich, gerade genügend Härte in seine betont gelassene Antwort zu legen, um Ransoms Bestimmtheit den Boden zu nehmen; ihre Unerbittlichkeit ließ ihn frösteln. »Da muss ich wohl anderer Meinung sein, sonst hätte ich den Vorschlag nicht ausgesprochen«, entgegnete er und sah ihr in die Augen. Obwohl Ransom letztlich zuerst den Blick senkte, strengte das Kräftemessen Pierre deutlich stärker an, als es sollte, dessen war er sich deutlich bewusst. Er konnte nur hoffen, dass Ransom sein Unbehagen nicht bemerkt hatte.

Offiziell gebot in der gewaltigen Volksrepublik von Haven niemand über mehr Macht als Rob S. Pierre. Als Begründer und Kopf des Komitees für Öffentliche Sicherheit war sein Wort Gesetz und seine Macht über die Bürger der Republik absolut. Dennoch stieß selbst er rasch an Grenzen, und nur eine dieser Grenzen hatte ihn von der Unumgänglichkeit des Vorschlags überzeugt, den er soeben geäußert hatte. Dass die Schranken, an denen Pierre nicht weiterkam, unsichtbar sein mussten für jeden, der nicht dem Komitee für Öffentliche Sicherheit angehörte, bedeutete leider längst noch nicht, dass sie nicht existierten.

Sein Regime war eine Revolutionsregierung und hatte die Herrschaft über die Republik gewaltsam an sich gebracht. Nach dem Umsturz hatte das Quorum des Volkes dem neuen Kabinett einen geschäftsführenden Charakter zugestanden; doch war es ein offenes Geheimnis, dass die Regierung die Kompetenzen schon seit langem überschritt, die ihr zugestanden worden waren. Im Glauben, lediglich ein Übergangskabinett ins Leben zu rufen, stimmte das Quorum ab und bewilligte Pierres Vorschlag, das Komitee zu gründen. Man bestätigte ihn als Vorsitzenden und ging allgemein davon aus, dass das Komitee so rasch wie möglich die innere Sicherheit wiederherstellte – und mehr nicht. Binnen kurzem musste das Quorum erkennen, was es wirklich in die Welt gesetzt hatte: eine oligarchische Diktatur, die zum Machterhalt und zur Durchsetzung ihrer Ziele vor Nötigung, Unterdrückung und unverhohlenem Staatsterror nicht zurückschreckte. Genau darauf aber lief Pierres Problem hinaus: Indem er rücksichtslos und unter Anwendung von Gewalt seine Befugnisse überschritt, hatte er seine Macht zwar deutlich demonstriert, zugleich aber seine Autorität jener subtilen Eigenschaft beraubt, die man gemeinhin als ›Legitimität‹ bezeichnet. Eine Herrschaft jedoch, die auf Gewalt oder Gewaltandrohung beruht, kann leicht durch Gewalt gestürzt werden.

Als ein Gebilde der Gewalt durfte Pierres Komitee sich nicht auf das Gesetz oder das Gewohnheitsrecht berufen. Merkwürdig, wie wenig Gedanken sich die Menschen um eine Regierung machen, die diese Rechtfertigung besitzt, dachte er wehmütig. Ebenso merkwürdig, wie sehr es eine Gesellschaft zu erschüttern vermochte, wenn man sie eines grundlegenden Gesellschaftsvertrages beraubte, der zweifelsohne ausgesprochen schlecht gewesen war. Die Erschütterungen pflanzten sich stets so lange fort, bis ein neuer Vertrag, den alle Beteiligten als rechtens erachteten, den alten ersetzte. Pierre hatte sich längst eingestanden, die Folgen seiner Revolution bei weitem unterschätzt zu haben, als er sich damals für den Weg der Gewalt entschied. Für die Zeit nach dem Umsturz hatte er zwar mit Unruhen gerechnet, war jedoch davon ausgegangen, dass er und seine Mitverschwörer nur die heiklen ersten Monate überstehen müssten. Danach hätte sich seinen Erwartungen zufolge die Herrschaft des Komitees in den Augen der Regierten von selbst legitimieren müssen. Ja, so hätte es sein sollen, sagte er sich einmal mehr, doch dass es in der Realität ganz anders gekommen war, ließ sich nicht bestreiten.

Das Komitee hielt die Macht nun so fest in der Hand wie zuvor die Legislaturisten, die es niedergeworfen hatte. Im Gegensatz zu den Legislaturisten war Pierre von der Notwendigkeit und Durchführbarkeit von Reformen überzeugt gewesen und hatte ehrlich geglaubt, durch seine Reformen eine Wende zum Besseren einzuleiten; deshalb war er zum Revolutionär geworden. Doch seine Machtübernahme hatte eine Situation erschaffen, in der für Pierres Neider nur noch eines zählte: ihm diese Macht wieder zu entreißen. Denn seine eigene Vorgehensweise hatte nicht nur sämtliche gewaltfreien Wege zur Macht beseitigt, sondern auch jeden einschränkenden Rechtsgebrauch ihrer Ausübung eliminiert.

Unter dem Strich war das nach außen hin allmächtige Komitee für Öffentliche Sicherheit deshalb ein weitaus zerbrechlicheres Gebilde, als es den Anschein hatte. Den Dolisten und Proles gegenüber stellte das Komitee unerschütterliche Zuversicht zur Schau, doch Pierre und seine Amtsgenossen wussten nur zu gut, dass ständig Verschwörer am Werk waren und auf einen neuen Umsturz hinarbeiteten. Wer könnte es ihnen verdenken? fragte sich Pierre. Hatte das Komitee denn nicht selber die vorherigen Herren und Meister der Volksrepublik gestürzt? Und hatte das lange Monopol der Legislaturisten auf die Staatsgewalt nicht Verrückte und Fanatiker aller Couleur im Überfluss hervorgebracht? Das Komitee war kein Sammelbecken aller revolutionären Strömungen gewesen, bei weitem nicht. Vielmehr verfolgte es alle ›Volksfeinde‹ mit solcher Rücksichtslosigkeit, dass es sich ständig neue potentielle – und inbrünstige – Gegner schuf.

Einige Feinde des Komitees legten die gefährliche Entschlossenheit an den Tag, ihrem Groll Taten folgen zu lassen. Die offensichtlich Verrückten erwiesen sich (wie die Zeroisten, die Charles Froidans Forderung nach der Abschaffung des Geldes unterstützten) zum Glück meist als zu unfähig, um auch nur eine Bottle-Party zu organisieren – von einem Staatsstreich ganz zu schweigen. Andere hatten sich zunächst als bessere Verschwörer erwiesen – etwa die Parnassisten, zu deren Zielen die Hinrichtung aller Bürokraten gehört hatte, weil deren Berufswahl angeblich bereits einen Prima-facie-Beweis für Verrat gegen das Volk darstellte; aber auch die Parnassisten waren offenbar außerstande gewesen, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Indem sie ihren Zug zu früh machten, hatten sie sich unter den konkurrierenden Extremisten zu viele Feinde gemacht. So fiel es Pierre und dem Amt für Systemsicherheit nicht schwer, eine Fraktion gegen die andere auszuspielen und am Ende alle zu vernichten. (Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war Pierre diese Entscheidung schwergefallen. Er brachte den Ansichten der Parnassisten eine gewisse Sympathie entgegen, weil er ständig mit dem aufgeblähten, schleichend langsam operierenden Beamtenapparat zu tun hatte, den ihm die Legislaturisten hinterlassen hatten. Am Ende musste er jedoch zum eigenen Bedauern einsehen, dass das Komitee nicht auf die Bürokraten verzichten konnte, wenn es die Republik in Gang halten wollte.)

Bei anderen Komiteegegnern handelte es sich zwar ebenfalls um Irrsinnige – allerdings um eine viel gefährlichere Variante: Diese Gegner wussten den geeignetsten Zeitpunkt abzuwarten und verstanden sich außerordentlich gut auf Geheimhaltungsmaßnahmen. In diese Kategorie hatten LaBœufs Levellers gehört. Als Gesellschaftsideal propagierten die Levellers ein System, demgegenüber eine Anarchie fürchterlich reglementiert erschien. Zwar lehnten sie jegliche Form von Organisation ab, waren aber jedoch bei ihrem Aufstand so gezielt und koordiniert vorgegangen, dass in den schweren Kämpfen mehrere Millionen Menschen den Tod gefunden hatten, obwohl der Aufruhr keinen Tag lang andauerte. Erstaunlich, was ein bisschen kinetisches Bombardement aus der Umlaufbahn und ein paar kleine Atombomben in einer Sechsunddreißig-Millionen-Stadt anrichten können, dachte Rob S. Pierre. Im Grunde haben wir noch Glück gehabt, denn die Zahl der Opfer hätte viel höher sein können … Wenigstens hat keiner der bekannten Levellers-Anführer das Blutbad überlebt. Keiner der bekannten … – Für Pierre stand fest, dass zumindest einige, wenn nicht gar alle Angehörigen des innersten Levellers-Kaders Sitze im Komitee für Öffentliche Sicherheit innehatten. Anders ließ sich nicht erklären, dass der Putsch beinahe erfolgreich verlaufen wäre; die Unbekannten waren jedoch unerkannt davongekommen … bis jetzt jedenfalls.

In Anbetracht der Umstände verwunderte es Pierre nicht weiter, dass er seine bedrückende, ständig zunehmende Unsicherheit nicht abzuschütteln vermochte und sein ursprüngliches Reformbestreben unter der immer schwerer werdenden Last seiner Sorgen zermalmt wurde. Schlimm genug, wenn sein Gefühl der Verletzlichkeit bloßer Verfolgungswahn ohne sachliche Grundlage gewesen wäre. Seit dem Aufstand der Levellers aber besaß Pierre den handfesten Beweis, dass er nicht nur Feinde hatte, sondern dass diese Feinde ihm zudem nach Leib und Leben trachteten. Nach jedem Strohhalm hätte er gegriffen, um dem Komitee auch nur ein Quäntchen mehr Stabilität zu verleihen; egal mit welchen Mitteln, Pierre musste sich Rückhalt verschaffen. Zu diesen Sorgen gesellte sich die Notwendigkeit, den Krieg zu gewinnen, den die vorherige Regierung der Volksrepublik angezettelt hatte. All diese Fakten hatten Pierre dazu bewogen, jenen Vorschlag zu machen, dem Ransom mit solcher Ablehnung begegnet war. Nun bat er Oscar Saint-Just mit Blicken um Rückendeckung.

Ein Außenstehender hätte Oscar Saint-Just gewiss für das zweitmächtigste Mitglied des Triumvirats gehalten, das an der Spitze des Komitees und damit der VRH stand. In taktischer Hinsicht hätten ihm einige sogar noch mehr Macht zugetraut als Robert Pierre, denn Oscar Saint-Just gehörte die eiserne Faust, die über das gefürchtete Amt für Systemsicherheit gebot. Doch auch hier mochte der äußere Anschein trügen. Als Minister für Systemsicherheit war Saint-Just der Vollstrecker des Komitees, und die Grundlage seiner Macht war daher erheblich leichter zu erkennen als im Falle Ransoms. Schließlich war Pierre willens gewesen, Saint-Just diese Macht anzuvertrauen, was eindeutig bewies, dass Saint-Just für ihn niemals zu der Bedrohung werden konnte, als die Cordelia Ransom sich eines Tages vielleicht entpuppte. Oscar wusste, dass sein Ruf als oberster Gefängniswärter der Republik es ihm unmöglich machte, lange an der Macht zu bleiben, sollte er sie sich aneignen. Man setzte ihn mit dem Staatsterror der SyS gleich; er war die Zielscheibe aller Furcht, allen Hasses und allen Grolls, den das Komitee für Öffentliche Sicherheit erweckte. Zudem hegte er nicht den Ehrgeiz, seinen Vorgesetzten von seinem Platz zu verdrängen. Pierre hatte Saint-Just hinreichend Fallen gestellt, doch Oscar hatte keine einzige dieser scheinbaren Gelegenheiten ergriffen, denn er wusste genau, wie weit er gehen durfte.

Ransom hingegen war anders gestrickt; sie kannte ihre Grenzen nicht, und niemals hätte Pierre ihr Saint-Justs Position anvertraut. Ransom war zu unberechenbar – was für Pierre gleichbedeutend war mit ›unzuverlässig‹. Und während er entschlossen war, auf den Ruinen des alten, gemeuchelten Machtgebildes etwas Neues, Dauerhaftes zu errichten, schien sie meist mehr an der bloßen Ausübung ihrer Macht interessiert zu sein, anstatt sie zweckdienlich zu nutzen. Ging es darum, den Massenzorn des Pöbels zu lenken, so war sie in ihrem Element; sie verstand es ausgezeichnet, diesen Zorn von Pierre und seinem Regime abzuhalten und auf Sündenböcke zu richten – deshalb war sie so wertvoll. Doch weil sie dieses Talent besaß, präsentierte das ihr unterstellte Amt für Öffentliche Information jedes Thema letztendlich auf die von ihr gewünschte Weise. Ransom erlangte dadurch gewaltigen Einfluss – Einfluss, den man zwar nicht greifen konnte, der jedoch furchteinflößend real war und sie fast auf dieselbe Stufe wie Saint-Just stellte. Und Pierre durfte einen weiteren Faktor, der zu Ransoms Macht beitrug, niemals aus den Augen verlieren: Sie verfügte über zahlreiche Spitzel innerhalb von Oscars Organisation.

Unmittelbar nach dem Putsch, bevor Pierre ihr den Ministertitel verlieh – oder sollte man gleich sagen: überließ? -, hatte Ransom zu den umherreisenden Propagandisten des Komitees für Öffentliche Sicherheit gehört und mit der SyS zusammengearbeitet. Nach wie vor pflegte sie die persönlichen Kontakte, die sie damals geknüpft hatte. Dass sie und Saint-Just mit gleicher Leidenschaft Hausmächte errichteten (wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen), verschlimmerte die Lage in vielerlei Hinsicht. Wenigstens erhielt Pierre dadurch Gelegenheit, Saint-Just und Ransom gegeneinander auszuspielen, indem er ihre überlappenden ›Geschäftsbereiche‹ in empfindlicher und manchmal bedenklicher Balance hielt, soweit dies seine eigene Position stärkte und nicht unterminierte.

»Ich vermag Cordelias Bedenken durchaus nachzuvollziehen, Rob«, beantwortete Saint-Just nach längerem, gewichtigen Schweigen Pierres unausgesprochene Frage. Er lehnte sich vom Konferenztisch zurück und faltete die Hände in einer Weise, die ihn noch mehr als sonst wie einen harmlosen, unscheinbaren Onkel wirken ließ. »Mehr als fünf T-Jahre lang haben wir versucht, jedermann einzureden, die Flotte sei für das Harris-Attentat verantwortlich. Obwohl wir so gut wie alle befehlshabenden Offiziere aus der Zeit vor dem Staatsstreich ›entfernt‹ und damit zahlreiche Beförderungen ermöglicht haben, hat es uns bei ihren Nachfolgern nicht viele Freunde gemacht, dass an Bord jedes einzelnen Flottenschiffs einer meiner Kommissare tätig ist. Ob wir es uns nun eingestehen wollen oder nicht – wenn man politischen Agenten, die man, wenn wir ehrlich sind, ›Spione‹ nennen sollte, die Autorität verleiht, jeden Befehl von Berufsoffizieren zu widerrufen, dann darf man sich nicht wundem, dass unsere Flotte ein Fiasko nach dem anderen einfährt. Das Offizierskorps weiß das. Wenn Sie nun noch die vielen Offiziere hinzunehmen, die wir ›zur Ermunterung der anderen‹ hinrichten oder einsperren ließen, könnten Sie wohl anführen, dass wir der Flotte nicht ausgerechnet jetzt die sprichwörtliche Faust aus dem Nacken nehmen sollten; Sie könnten diese Entscheidung in Zweifel ziehen – obwohl die Flotte uns vor LaBœuf den Hals gerettet hat. Ich meine, geben wir uns keinen Illusionen hin: Im Vergleich mit den Levellers sieht praktisch jeder gut aus. Vergessen Sie auch nicht, dass das Programm der Levellers forderte, alle Offiziere mit höherem Rang als ein Lieutenant Commander beziehungsweise Major zu erschießen, weil der ›militärisch-industrielle Komplex den Krieg auf verräterische Weise fehlerhaft geführt hat‹. Wer garantiert uns denn, dass die Flotte uns gegen jemanden beistehen würde, der diesbezüglich – sagen wir: weniger entschieden auf tritt?«

Saint-Justs Tenorstimme klang milde und farblos, trotzdem wurde Ransoms Blick hart, denn sie bemerkte das unausgesprochene ›Aber‹ hinter seinen Ausführungen. Auch Pierre registrierte, dass Saint-Just noch nicht zum Schluss gekommen war, und sah ihn nachdenklich an.

»Aber verglichen mit unseren Alternativen?«, forderte er Saint-Just leise zum Weitersprechen auf.

Der Minister für Systemsicherheit zuckte mit den Schultern. »Angesichts unserer Alternativen fürchte ich, dass wir keine andere Wahl haben. Die Manties waschen unseren Flottenkommandeuren einem nach dem anderen den Kopf, und wir geben unseren Leuten die Schuld daran. Nach einer Weile ist das nicht nur schlechte Propaganda, sondern auch eine schlechte Strategie. Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge, Cordelia« – Saint-Just richtete seinen unaufdringlichen Blick auf seine goldhaarige Amtskollegin – »der Öffentlichen Information fällt es zunehmend schwerer, unseren ›kühnen Verteidigern‹ an der Heimatfront den Rücken zu stärken, wenn wir gleichzeitig genauso viele von ihnen über die Klinge springen lassen, wie uns von den Manties zusammengeschossen werden!«

»Das mag wohl sein«, entgegnete Ransom, »aber das ist nicht so schlimm und längst nicht so gefährlich wie zuzulassen, dass das Militär einen Fuß in die Tür zum Komitee bekommt.« Sie richtete die zwingende Macht ihrer Persönlichkeit ganz auf Pierre. »Wenn wir einen Militär ins Komitee aufnehmen, wie wollen wir dann verhindern, dass er oder sie etwas herausbekommt, was die Streitkräfte niemals erfahren dürfen? Zum Beispiel, wer die Regierung Harris wirklich beseitigt hat?«

»Die Chance dafür ist sehr gering«, erklärte Saint-Just nüchtern. »Zum einen hat es niemals einen greifbaren Beweis gegeben, dass wir dahinter stecken; abgesehen von sehr wenigen Leuten, die alle in das Unternehmen verwickelt gewesen sind, ist keiner mehr übrig, der unsere Version der Geschehnisse anzweifeln könnte.« Er lächelte sie frostig an. »Wer etwas weiß – und noch am Leben ist -, würde sich mit einer Aussage selbst belasten. Darüber hinaus habe ich dafür gesorgt, dass alle Dossiers der Systemsicherheit die offizielle Version wiedergeben. Jeder, der versucht, die Last dieser vielen ›objektiven Beweise‹ in Frage zu stellen, müsste wohl ein konterrevolutionärer Volksfeind sein.«

»Eine sehr geringe Chance ist nicht das gleiche wie gar keine Chance«, widersprach Ransom.

Ihr Einwand klang schärfer als gewöhnlich, denn trotz ihrer großen Talente als Manipulantin war sie allen Ernstes von der Stichhaltigkeit des Konzepts der Volksfeinde überzeugt, und ihr Argwohn gegenüber allem Militärischen grenzte an Besessenheit. Obwohl sie ständig Kriegspropaganda ersann, welche die Tugenden der Volksflotte als Beschützer der Volksrepublik rühmte, brannte in ihr ein geradezu krankhafter, persönlicher Hass auf die Streitkräfte. Voller Abscheu verachtete Ransom das Militär als überkommene und zudem dekadente Institution, dessen Traditionen es noch immer mit dem alten Regime verbanden und vermutlich dazu inspirierten, den Sturz des Komitees zu planen und die Herrschaft der Legislaturisten zu restaurieren. In Ransoms Augen ließen sich die wiederholten Fehlversuche, den Feind zurückzuschlagen und die Republik zu retten, auf einen grundlegenden Mangel an politischer Zuverlässigkeit zurückführen. Zu ihrer Ablehnung gesellte sich die starke Furcht, dass die Streitkräfte das Komitee ausgerechnet dann im Stich lassen könnten, wenn die Regierung das Militär am dringendsten benötigte. Diese Paranoia der Informationsministerin geriet nach Pierres Auffassung allmählich außer Kontrolle, und tatsächlich waren ihre antimilitärischen Vorurteile ein weiterer Grund für seinen Entschluss, als Gegengewicht zu ihr einen Vertreter der Streitkräfte in das Komitee für Öffentliche Sicherheit aufzunehmen.

Robert Stanton Pierre hatte schon oft darüber nachgedacht, wie seltsam es war, dass sich Ransoms Hass ausgerechnet gegen das Militär richtete. Anders als er hatte sie vor der Revolution im vollziehenden Arm der Bürgerrechtsunion gedient und fast vierzig T-Jahre lang im Kampf gestanden. Aber sie hatte nicht etwa gegen das Militär gekämpft, das sich so gut wie nie in innenpolitische Angelegenheiten einmischte, sondern gegen das Amt für Innere Abwehr. Deshalb hätte Pierre eigentlich erwartet, dass Ransoms leidenschaftlicher Hass sich gegen diesen Apparat und seine Folgeinstitution richtete. Gerade das war jedoch nicht der Fall. Mit Oscar Saint-Just, dem ehemaligen zweiten Mann der Inneren Abwehr, arbeitete sie Hand in Hand und schien weder ihm noch irgendeinem Angehörigen der Systemsicherheit eine frühere Verbindung zur InAb vorzuhalten. Vielleicht tut sie das nicht, dachte Pierre, weil Ransom und die InAb damals das gleiche Spiel nach den gleichen Regeln gespielt haben. Zwar waren sie Feinde gewesen, aber Feinde, die einander verstanden, während Ransom als Ex-Terroristin die Rituale, Traditionen und Wertvorstellungen der militärischen Gemeinschaft weder zu begreifen noch ihnen irgendwelche Sympathien entgegenzubringen vermochte.

Was auch immer die Ursachen für Ransoms Haltung waren – weder Pierre noch Saint-Just teilte ihre giftige Intensität. Dass es Feinde des Komitees gab, bestritt keiner von beiden; für deren Existenz existierten unumstößliche Beweise. Doch im Gegensatz zu Ransom verstanden sie klar zwischen dem Komitee für Öffentliche Sicherheit und der Volksrepublik von Haven zu unterscheiden und konnten militärische Fehlschläge hinnehmen, ohne sie als unwiderlegbaren Beweis für verräterische Umtriebe zu betrachten. Das vermochte Ransom nicht. Vielleicht, überlegte Pierre, sind Oscar und ich wesentlich pragmatischere Naturen als Cordelia. Oder entstand der Zwist dadurch, dass Saint-Just und er etwas aufzubauen versuchten, während sich Cordelia noch immer mit dem Niederreißen des Althergebrachten beschäftigte? Persönlich hegte Pierre den Verdacht, dass sich die zwei stärksten Motive Cordelias gegenseitig verstärkten: nämlich Egoismus und Verfolgungswahn. Sie war von der Vorstellung besessen, das Volk, das Komitee für Öffentliche Sicherheit und Cordelia Ransom müssten am Ende eins werden. Wer sich irgendeinem Teil ihrer persönlichen Dreifaltigkeit widersetzte – oder ihn enttäuschte – stand offenbar dem Ganzen feindlich gegenüber. Deshalb verlangte Cordelias Selbsterhaltungstrieb von ihr, unablässig wachsam zu sein und alle Volksfeinde aufzustöbern und zu vernichten, bevor diese sich gegen sie wenden konnten.

»Und selbst wenn Ihre ›Legende‹ bis in alle Ewigkeit standhält«, fuhr sie energischer fort, »wie können Sie auch nur in Betracht ziehen, jemandem aus dem Offizierskorps zu vertrauen? Sie haben es selbst gesagt: Wir haben zu viele von ihnen getötet und zu viele andere – mitsamt deren Familien – verschwinden lassen. Das werden sie uns niemals verzeihen!«

»Ich glaube, Sie unterschätzen die Macht des Eigeninteresses«, antwortete Pierre anstelle des SyS-Chefs. »Ganz gleich, wem wir ein Stück vom Kuchen anbieten: er hat fortan genug gute Gründe, uns im Sattel zu halten. Zum einen wird jeder wissen, dass er bereits größere Kompromisse eingehen musste, um den Posten zu erhalten, und dass aller Einfluss, den er besitzt, unserer Billigung unterliegt. Und wenn wir den Offizieren etwas entgegenkommen, …«

»… werden sie glauben, er habe das bewirkt, und dann haben sie noch mehr Grund, loyal zu ihm zu stehen und nicht zu uns!« Ransoms Tonfall kam mittlerweile einem Keifen gleich.

»Möglich«, gab Pierre zu, »vielleicht aber auch nicht. Wir werden streng darauf achten, dass wir es sind, die seinen Rat in die Tat umsetzen, und wir werden dies deutlich machen.« Ransom öffnete erneut den Mund, doch Pierre hob die Hand und brachte sie mit der Geste zum Schweigen – zumindest vorläufig. »Ich will nicht bestreiten, dass unserem Auserwählten auch ein Teil der Anerkennung zufallen wird. Anfangs könnte man ihm sogar beinah alle Veränderungen als alleiniges Verdienst anrechnen. Aber wenn wir diesen Krieg noch gewinnen wollen, dann müssen wir unser Militär motivieren – sonst erhalten wir nichts außer tumber Sklavenarbeit. Das Konzept der Kollektiven Verantwortung‹ haben wir mit einigem Erfolg angewendet – schließlich«, er lächelte dünn, »ist es ein starker Ansporn, wenn man weiß, dass die eigene Familie für etwaiges Versagen gleich mitbestraft wird. Leider ist dieses Konzept jedoch auch kontraproduktiv, denn es ruft zwar Gehorsam hervor, aber keinerlei Bindung. Indem wir die Familien der Befehlshaber bedrohen, betrachten sie uns neben den Manties ebenfalls als Feind. Manche sehen in uns vielleicht sogar den schlimmeren Gegner, denn die Manties versuchen lediglich, unsere Befehlshaber im Gefecht zu töten, aber sie bedrohen nicht deren Kinder oder Ehepartner.

Unter den gegebenen Umständen wäre es also höchst unvernünftig zu erwarten, dass das Offizierskorps uns irgendwelches Vertrauen entgegenbringt. Meiner Ansicht nach zeigen die jüngsten Fehlschläge, dass wir uns in den Augen unserer Offiziere ›rehabilitieren‹ müssen, wenn wir von ihnen verlangen, dass sie eine effektive – eine motivierte – Streitmacht bilden. Wir hatten schon einmal unglaubliches Glück mit der Flotte: dass man nämlich nicht einfach dagestanden und zugesehen hat, wie die Levellers uns überrollten. Ich möchte Sie daran erinnern, dass nur ein einziges Großkampfschiff – nur eines, und das gehörte nicht einmal zur Zentralflotte – genügend Initiative und Mut aufbrachte, um ohne Befehl einzugreifen. Wenn die Rousseau sich aus allem herausgehalten hätte, dann wären Sie und Oscar und ich bereits tot. Auf solche Hilfe können wir kein zweites Mal hoffen, wenn wir nicht eindeutig klarstellen, dass wir uns unserer Schuld gegenüber unseren Rettern bewusst sind. Und dazu sehe ich nur eine einzige Möglichkeit: Wir müssen dem Militär eine Stimme auf höchster Ebene zugestehen, dafür sorgen, dass Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften erfahren, was wir entschieden haben. Dieser Stimme müssen wir tatsächlich eine gewisse Aufmerksamkeit schenken – wenigstens nach außen hin.«

Ransom wölbte die Augenbrauen, ansonsten wirkte ihr Gesichtsausdruck wie eingefroren. »Nach außen hin?«, wiederholte sie.

Pierre nickte. »Nach außen hin. Oscar und ich haben bereits über eine Rückversicherung gesprochen, nur falls unser zahmer Kampfhund außer Kontrolle gerät. Oscar?«

»Ich habe jeden der Offiziere überprüft, die Rob vorgeschlagen hat«, erklärte der SyS-Chef. »Ihre Dienstakten und die Berichte ihrer Volkskommissare zu bearbeiten ist nicht allzuschwer. Wir können jeden einzelnen von ihnen als weißen Ritter erscheinen lassen, wenn wir ihn oder sie der Öffentlichkeit präsentieren. Alle sind auf ihrem Gebiet sehr tüchtig und haben genügend Zeitbomben in der Führungsakte. Jede dieser Zeitbomben können wir auslösen, wann immer wir wollen, und jede einzelne zerreißt den Helden buchstäblich in der Luft. Natürlich«, er lächelte schwach, »zöge ich es vor, dass der fragliche Offizier schon tot wäre, wenn wir mit diesen Bomben an die Öffentlichkeit gehen. Einem Toten fällt es erfahrungsgemäß sehr schwer, Vorwürfe zu entkräften.«

»Ich verstehe.« Nun lehnte sich Ransom zurück, massierte sich eine Weile nachdenklich das Kinn und nickte langsam. »Schön, ein guter erster Schritt«, gab sie zu. Sie klang nach wie vor mürrisch, aber nicht mehr unnachgiebig. »Allerdings möchte ich mir diese ›Zeitbomben‹ vorher etwas näher ansehen. Wenn wir eine Marionette wollen, gegen die wir jederzeit Anklage erheben können, dann muss die Öffentliche Information ihre Vernichtung schon im Vorfeld behutsam präparieren. Schließlich wollen wir doch alle vermeidbaren Ungereimtheiten ausschließen, nicht wahr?«

»Das ist kein Problem«, versicherte ihr Saint-Just. Dennoch wirkte Ransom nach wie vor unzufrieden; plötzlich hörte sie auf, sich das Kinn zu reiben, straffte den Rücken und beugte sich über den Tisch zu Pierre vor.

»So weit, so gut, Rob«, sagte sie, »aber Ihr Vorschlag birgt ein gewaltiges Risiko, das möchte ich noch einmal betonen. Ganz egal, wie wir Ihren Plan durchführen, wir geben damit kein eindeutiges Signal. Ich meine, gerade erst haben wir Admiral Girardi hinrichten lassen, weil er Trevors Stern verloren hat, und trotz all unserer Erklärungen gegenüber den Proles wissen wir, dass er nicht die Alleinschuld trug.«

Dieses Zugeständnis einem Raumoffizier gegenüber, so unbedeutend es auch sein mochte, überraschte Pierre ein wenig, vielleicht musste selbst eine Cordelia Ransom zugeben, dass tote Männer keinen Verrat mehr planen können.

»Die hohen Offiziere der Flotte sind da sowieso anderer Meinung«, fuhr Ransom fort. »Sie sind davon überzeugt, wir hätten Girardi nur erschießen lassen, um dem Pöbel zu ›beweisen‹, dass die Niederlage nicht unsere Schuld gewesen ist. Selbst Mannschaftsdienstgrade missbilligen, dass wir ihn zum ›Sündenbock‹ gemacht haben! Ich vermag nicht zu erkennen, wie Ihr Vorschlag binnen absehbarer Zeit solche Positionen verändern soll.«

»Nun, Sie wissen ja auch nicht, wen ich vorschlagen will!«, rief Pierre aus und setzte sich ohne ein weiteres Wort; er grinste sie nur an. Ransom bedachte ihn mit einem wütenden Blick und versuchte vorzutäuschen, dass sein Spiel mit ihrer Ungeduld nicht funktioniere. Leider wussten sie beide, dass das Gegenteil der Fall war. Fast eine Minute verstrich, dann hob sie resigniert die Schultern.

»Also sagen Sie’s schon!«

»Esther McQueen«, antwortete Pierre, und Ransom setzte sich blitzschnell aufrecht hin.

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«, fauchte sie, und als Pierre daraufhin nur den Kopf schüttelte, verfinsterte sich ihr Gesicht. »Besser wäre das aber, verdammt noch mal! Verflucht, Oscar! McQueen!« Der Blick, den sie Saint-Just zu warf, hätte den SyS-Chef eigentlich auf der Stelle in Brand setzen müssen. »Diese Frau ist ohnehin schon verdammt populär. Ihre eigenen Spione melden doch, wie ehrgeizig sie ist und dass sie eigene Pläne verfolgt. Wollen Sie allen Ernstes vorschlagen, jemandem einen geladenen Pulser in die Hand zu drücken, von dem wir wissen, dass er bereits kurz vor dem Amoklauf steht?«

»McQueens Ehrgeiz könnte sich letztendlich als unser treuester Verbündeter erweisen«, entgegnete Pierre, bevor Saint-Just antworten konnte. »Jawohl, Brigadier Fontein hat uns gewarnt, dass die Bürgerin Admiral eigene Ziele verfolgt. Genauer gesagt, hat sie mehrmals versucht, unter ihren Flaggoffizierskameraden ein geheimes Netz zu errichten. Diese Bemühungen sind allerdings von wenig Erfolg gekrönt gewesen, ihre Kameraden wissen nämlich so gut wie wir, was sie im Schilde führt. Die meisten von ihnen sind viel zu verschüchtert, um den Kopf zu heben, und der Rest betrachtet McQueen sowohl als eine Art Politikerin wie auch als Offizier. Angesichts der Endgültigkeit, mit der heutzutage auf dem politischen Parkett gespielt wird, trauen die Militärs keinem Neueinsteiger über den Weg, auch nicht, wenn er aus den eigenen Reihen kommt. Wenn wir andererseits McQueen einen Platz am Tisch zugestehen, dann wird ihr gerade dieser Ehrgeiz alle Gründe liefern, um den Fortbestand des Komitees – und damit ihrer eigenen Machtgrundlage – sicherzustellen.«

»Pah!« Ransom entspannte sich ein wenig, verschränkte die Arme vor der Brust und dachte nach. Wieder wiegte sie den Kopf, langsamer und nachdenklicher als zuvor. »Nun gut«, sagte sie, »nehmen wir an, Sie lägen in dieser Beziehung richtig. McQueen wäre trotzdem eine Gefahr für uns. Der Pöbel sieht sie als die Heldin, die das Komitee vor den Levellers gerettet hat – und das halbe Komitee glaubt mittlerweile, sie könne auf dem Wasser wandeln! Dabei wissen wir nicht einmal, ob sie überhaupt beabsichtigt hat, uns alle zu retten. Wenn die Pinasse nicht abgestürzt wäre … vielleicht hätte McQueen weitergemacht und uns gleich mit in die Luft gejagt!«

»Könnte sein, aber das glaube ich keinen Augenblick lang«, entgegnete Pierre mit größerem Nachdruck als gerechtfertigt. »Das Komitee verfügt durch den Quorumsbeschluss immerhin über eine Legitimation und regiert seit sechs T-Jahren die Republik. Welche Machtgrundlage wäre McQueen geblieben, wenn sie uns ausradiert hätte? Bedenken Sie: Nur ihr eigenes Flaggschiff hat eingegriffen, alle anderen ließen sie im Stich, obwohl sie damit nur ihre Pflicht tat. Bei einem eventuellen Coup d’État hätte McQueen keinesfalls auf die Unterstützung der restlichen Flotte bauen können – eben weil sie im Ruch steht, politische Ziele zu verfolgen.«

»Es kommt mir vor, als versuchten Sie mehr sich selbst davon zu überzeugen als mich«, brummte Ransom finster. »Und selbst wenn Sie recht hätten – entkräften Sie mit Ihrer Logik nicht die eigenen Argumente, ihr einen Sitz am Tisch zu geben? Wenn der Rest des Offizierskorps sie als politisch ambitioniert betrachtet, warum sollten wir dann ausgerechnet diese Leute auf unsere Seite ziehen können, indem wir McQueen ins Komitee berufen?«

»Weil wir, ob McQueen nun politische Ambitionen hegt oder nicht, keinen besseren Kommandeur haben als sie, und das wissen die anderen Flaggoffiziere auch«, erklärte Saint-Just. »Man misstraut nicht McQueens Tüchtigkeit, Cordelia – nur ihren Motiven. Eigentlich könnten wir es uns besser gar nicht wünschen: ein Offizier mit einer Befähigung, die alle Kameraden anerkennen, und dem Makel der politischen Ambition, der sie von den ›richtigen‹ Raumoffizieren abgrenzt.«

»Wenn McQueen so verdammt gut ist, warum haben wir dann Trevors Stern verloren?«, erkundigte sich Ransom, und Pierre fuhr sich mit der Hand über den Mund, um sein Lächeln zu verbergen. Cordelias Ministerium hatte aus Trevors Stern eine Art metaphorisches Bollwerk für die gesamte Volksrepublik gemacht – ein ›Bis hierher und nicht weiter‹ zwischen den Sternen, einen Punkt, von dem aus ein Rückzug nicht einmal erwogen werden konnte. Auf Pierres Bitten, sie möge die Rhetorik ein wenig im Zaume halten, war sie nicht eingegangen. Gewiss hatte das Trevor-System eine außerordentliche strategische Bedeutung besessen, und die militärischen Folgen seines Verlustes hatten Pierre den ersten Anstoß versetzt, einen Repräsentanten der Volksflotte ins Komitee aufzunehmen. Doch im Verhältnis zur gewaltigen Ausdehnung der Volksrepublik war auch Trevors Stern letzten Endes entbehrlich. Worauf das Komitee hingegen nicht verzichten konnte, waren öffentliche Moral und der Kampfeswille der Volksflotte – und beides hatte einen heftigen Schlag auf die Nase bekommen, als die ›letzte Walstatt zwischen den Sternen‹ der königlich-manticoranischen 6. Flotte zum Opfer fiel.

»Wir haben Trevors Stern verloren«, sagte er zu Ransom, »weil die Manticoraner bessere Schiffe haben und ihre Technik der unsrigen überlegen ist. Zudem werden Manticores befehlshabende Offiziere immer beschlagener, während es unseren Kommandeuren oft an Erfahrung mangelt – dank unserer Gepflogenheit, besiegte Admirale hinzurichten.«

Ransom riss ob der sarkastischen Bemerkung die Augen auf, und Pierre lächelte sie bissig an.

»McQueen konnte das System zwar nicht halten, aber sie hat den Manties schwere Verluste zugefügt. Angesichts der relativen Größe unserer Flotte erleidet die Allianz proportional höhere Verluste als wir – zumindest gilt das bis zum letzten, entscheidenden Gefecht. Während der Auseinandersetzungen haben die Kommandanten unserer Schiffe und die jüngeren Geschwaderchefs ebenfalls sehr viel gelernt, und wir haben rund ein Drittel von ihnen im Rotationsverfahren in die Heimat versetzt, damit sie ihr Wissen weitergeben. Trotzdem war es schon vor einem Jahr offensichtlich, dass White Haven am Ende Trevors Stern kassieren würde. Deshalb habe ich McQueen abgelöst und Girardi dorthin geschickt – damit er die Konsequenzen trägt.« Ransom blickte ihn erstaunt an, und Pierre zuckte die Achseln. »McQueen wollte ich auf keinen Fall verlieren, und in Anbetracht unserer Vorgehensweise wäre mir keine andere Wahl geblieben, als sie erschießen zu lassen, wenn sie zum Zeitpunkt der unausweichlichen Eroberung immer noch Systemkommandeurin von Trevors Stern gewesen wäre.« Er grinste spöttisch. »Nach den Aufregungen im vergangenen Monat bin ich geneigt zu glauben, dass ich in diesem Krieg keinen brillanteren Zug gemacht habe.«

»Pah!«, rief Ransom noch einmal, ließ sich wieder zurücksinken und blickte angespannt auf die Tischplatte, die aus edlem Kristallglas bestand. »Und Sie sind sich wirklich sicher, dass Sie McQueen für diese Aufgabe wollen? Ich muss Ihnen nämlich eins sagen: Je mehr Sie betonen, wie tüchtig sie ist, desto nervöser werde ich.«

»Tüchtigkeit auf dem eigenen Gebiet ist eine Sache; für unser Metier braucht man andere Talente«, entgegnete Pierre selbstsicher. »Was das Verständnis der Politik angeht, so übertreffen McQueens Ambitionen ihren Horizont bei weitem. Sie wird eine ganze Weile brauchen, bis sie begriffen hat, wie die Regeln auf unserer Seite der Straße lauten. Oscar und ich werden sie nicht aus den Augen lassen. Sobald wir den Eindruck erhalten, dass sie allmählich den Bogen raus hat – nun, Unfälle lassen sich nie ganz vermeiden …«

»Und welche negativen Gedanken bei ihrer Wahl auch aufkommen mögen«, fügte Saint-Just hinzu, »sie ist eine bessere Kandidatin als der nächste in der Warteschlange.«

»Und wer wäre das?«, fragte Ransom.

»Wenn unsere Raids auf den manticoranischen Handelsverkehr in Silesia nicht nach hinten losgegangen wären, dann wäre Javier Giscard eine noch bessere Wahl gewesen als McQueen. Aber wie es im Moment aussieht, bleibt er für absehbare Zeit untragbar. Seine politischen Ansichten sind weitaus akzeptabler als die McQueens – Kommissarin Pritchard lobt ihn nach wie vor in höchsten Tönen. Um fair zu bleiben: Was geschehen ist, war nicht seine Schuld. Aber wir haben ihn abgelöst, und er steht für sein ›Versagen‹ noch immer unter Bewährung.« Ransom legte den Kopf schräg, und Saint-Just zuckte mit den Schultern. »Eine reine Formsache – er ist viel zu gut, als dass wir ihn erschießen sollten, es sei denn, uns bleibt überhaupt keine andere Wahl. Doch selbst ihn können wir nicht über Nacht rehabilitieren.«

»Gut, das sehe ich ein«, nickte Ransom, »aber Sie haben mir nur verraten, wer nicht der nächste Kandidat sein wird.«

»Verzeihen Sie«, entschuldigte sich Saint-Just, »ich bin vom Thema abgekommen. Um Ihre Frage also zu beantworten, McQueens einziger ernstzunehmender Konkurrent heißt Thomas Theisman. Er ist zwar erheblich dienstjünger als sie, aber er ist auch der einzige Flaggoffizier, der aus dem Unternehmen Dolch mit dem Ruf eines Kämpfers hervorging. In den Schlachten um Trevors Stern hat er sich ausgezeichnet, bevor wir ihn abzogen. Seine Verteidigung von Seabring ist einer der wenigen Siege, derer wir uns bisher überhaupt rühmen können. Während die Flotte ihn als Strategen und Taktiker respektiert, war er stets sehr sorgfältig darauf bedacht, völlig unpolitisch zu bleiben.«

»Und das soll ein Nachteil sein?« Ransom klang erstaunt, und Pierre blickte sie kopfschüttelnd an.

»Begehen Sie keinen Denkfehler, Cordelia«, schalt er sie milde. »Wenn er unpolitisch bleibt, kann er dafür nur einen Grund haben: dass er nichts für uns übrig hat. Vielleicht scheut er das politische Parkett aufgrund der dort lauernden Gefahren, aber jemand mit seinem Werdegang kann kein Idiot sein. Nur ein Idiot würde nämlich übersehen, wie viele hübsche kleine Möglichkeiten es doch gibt, um uns zu signalisieren, er sei ein gehorsamer, lieber Junge. Diese Signale müssten nicht einmal aufrichtig gemeint sein, trotzdem würde es ihn rein gar nichts kosten, sie zu senden.«

»Mit dieser Einschätzung stimmt sein Volkskommissar überein«, stimmte Saint-Just zu. »Bürger Kommissar LePics Berichte stellen klar, dass er Theisman als Mensch und Offizier respektiert und dass für ihn kein Zweifel an Theismans Treue zur Republik besteht. Demgegenüber hat er uns jedoch gewarnt, dass Theisman mit etlichen Aspekten unserer Politik alles andere als zufrieden ist. Der Admiral sei sorgfältig darauf bedacht, nicht darüber zu sprechen, aber seine Haltung verrät sich eben doch.«

»So ist das also«, knurrte Ransom erheblich grimmiger als zuvor.

»Auf jeden Fall wäre Theisman vom professionellen Standpunkt aus akzeptabel«, sagte Pierre rasch, um nicht die Kontrolle über das Gespräch zu verlieren, bevor Ransom sich in eine ihrer Verdächtigungstiraden hineinsteigerte. »Aber er ist ein Brutus, und wir brauchen einen Cassius. McQueens Ehrgeiz macht sie zwar gefährlicher, aber Ehrgeiz ist erheblich berechenbarer als Prinzipienreiterei.«

»Dagegen lässt sich nichts einwenden«, brummte Ransom. Wieder starrte sie düster auf den Tisch, dann nickte sie knapp. »Also schön, Rob. Ich sehe, dass Sie und Oscar diese McQueen ins Komitee holen wollen, ganz gleich, was ich dagegen einwende, und ich muss zugeben, dass Ihre Argumente ansatzweise Sinn ergeben. Aber behalten Sie McQueen gut im Auge. Das letzte, was wir gebrauchen könnten, wäre eine ehrgeizige Admiralin, die einen echten Militärputsch zustande bringt und uns stürzt.«

»Dann wären wir uns allerdings selber auf den Leim gegangen«, meinte Pierre.

»Aber nach allem, was Sie gerade sagten, muss ich mir nicht nur um McQueen große Sorgen machen, sondern auch um Theisman«, fuhr Ransom fort. »Denn wenn ich richtig verstanden habe, übernimmt er McQueens Platz, sobald sie zu politischen Aufgaben abgestellt wird, weil er nach Einschätzung des Offizierskorps der beste Kommandeur der Volksflotte ist?« Als Saint-Just nickte, vertiefte sich ihr Stirnrunzeln. »In diesem Fall halte ich es für das Beste, wenn ich mir Admiral Theisman persönlich sehr genau ansehe.«

»Sie meinen mit ›persönlich‹, dass Sie die Sache selbst in die Hand nehmen?«, erkundigte sich Pierre in gezielt beiläufigem Tonfall.

»Vielleicht.« Ransom zupfte sich an der Unterlippe. »Augenblicklich ist er im Barnett-System stationiert?«

»Er ist Systemkommandeur«, sagte Saint-Just. »Schließlich braucht die DuQuesne-Basis einen guten Befehlshaber.«

Ransom nickte zustimmend. Mit der Eroberung von Trevors Stern hatte die Manticoranische Allianz zwar einen nahezu unüberwindlichen Keil zwischen das Herz der Volksrepublik und das Barnett-System gestoßen, doch die gewaltige Infrastruktur der DuQuesne-Basis und der anderen Militäranlagen im System blieben in havenitischer Hand. Barnett war von Anfang an als Startpunkt für den unausweichlichen Krieg gegen Manticore ausersehen gewesen, und das legislaturistische Regime hatte zwanzig T-Jahre investiert, um dieses Konzept in die Tat umzusetzen. So gern die Manticoraner es wohl getan hätten, es war unmöglich, ein Sonnensystem abzuschneiden, und eine Bastion, die so stark war wie Barnett, konnten sie nicht in ihrem Rücken dulden. Im Gegensatz zu den Schiffen der Seeflotten vermochte ein Sternenschiff jedem Abfangversuch leicht auszuweichen, wenn es seine Route durch den Hyperraum sorgfältig plante. Haven konnte daher jederzeit Nachschub und auch Verstärkung zur DuQuesne-Basis bringen, und obwohl durch solche Umwege Zeit verlorenging, erreichten die Schiffe Barnett letztendlich unbeschadet.

Die Manticoraner hingegen konnten Barnett mit geringem Zeitverlust anlaufen. Während ihre 6. Flotte mit der Eroberung von Trevors Stern beschäftigt war, hatten sich andere alliierte Kampfverbände die Ablenkung der Volksflotte zunutze gemacht und die vorgeschobenen Basen Treadway, Solway und Mathias genommen. Am ärgerlichsten daran war, dass die Flottenwerften im Treadway-System praktisch unbeschadet in Feindeshand gefallen waren; von entscheidender Bedeutung jedoch war, dass die Manticoraner den Bogen von Basen durchbrachen, die Barnetts südöstliche Flanke geschützt hatten … Hinzu kam der Verlust von Trevors Stern. Dank der Eroberung dieses Systems hatte die Royal Manticoran Navy auch den letzten Terminus des Manticoranischen Wurmlochknotens in ihre Gewalt gebracht, und nun konnten Geleitzüge und Kampfverbände direkt und ohne Zeitverzögerung vom Doppelstern Manticore bis zu Trevors Stern springen und sich von Norden auf das Barnett-System stürzen.

Im Grunde kämpfte Barnett also auf verlorenem Posten. Andererseits hatten die Manticoraner bei der Eroberung von Trevors Stern hohe Verluste in Kauf nehmen müssen. Die Royal Manticoran Navy brauchte Zeit, um sich zu reorganisieren und Atem zu schöpfen, aber sobald sie wieder marschbereit wäre, würde hoffentlich Barnett ihre Aufmerksamkeit wecken und sie vom Herzen der Republik ablenken; der Feind sollte sich wieder auf die Grenze konzentrieren. Dazu aber musste Barnett so lange gehalten werden wie irgend möglich, auch wenn es sich dabei nur um ein Ablenkungsmanöver handelte. Ein Täuschungsmanöver, das allerdings die Hand eines kompetenten Systembefehlshabers erforderte.

»Ihren Worten entnehme ich, dass Sie nicht beabsichtigen, Theisman im Barnett-System zu lassen, bis die Basis in Flammen steht«, bemerkte Ransom nach einem Augenblick, woraufhin Pierre nickte. »In diesem Fall werde ich einen kurzen Abstecher nach Barnett machen, um mir einen persönlichen Eindruck von Theisman zu verschaffen«, sagte sie. »Letztendlich muss die Öffentliche Information verarbeiten, was dort geschieht, und wenn er mir politisch zu unzuverlässig erscheint, lassen wir ihn vielleicht doch dort zurück – und schreiben ein ergreifendes Epos über seinen heroischen und doch zum Scheitern verurteilten Opfergang, mit dem er die heranstürmenden manticoranischen Horden abzuwehren versucht hat. Von der Sorte: ›Theisman stellt sich zum letzten Gefecht‹.«

»Wenn Ihnen nicht gerade etwas auffällt, was LePic in all den Jahren entgangen wäre, ist Theisman zu wertvoll, um ihn zu opfern«, gab Saint-Just zu bedenken.

»Oscar, für ein kaltherziges Schreckgespenst sind Sie mir manchmal zu zimperlich«, widersprach Ransom ernst. »Nur beseitigte Risiken sind annehmbare Risiken, ganz gleich, wie ungefährlich sie erscheinen mögen. Für eine Flotte, die so oft die Fresse poliert bekommt wie unsere, kann ein Offizier als toter Held erheblich wertvoller sein denn lebend. Außerdem bereitet es mir besondere Freude, potentielle Bedrohungen in Propagandavehikel zu verwandeln.«

Sie verzog die Lippen zu jenem dünnen, kalten, gierigen Lächeln, das selbst Oscar Saint-Just einzuschüchtern vermochte, doch Pierre tat ihre Worte mit einem Achselzucken ab. Was Theismans Wert anging, hatte Oscar recht. Pierre war es völlig egal, wie gern und mit welcher Lust Cordelia den Admiral vernichtet hätte – er beabsichtigte nicht, ihr den Mann ohne weiteres vorzuwerfen. Andererseits war Cordelia der Liebling der Proles, das Sprachrohr und der Bezugspunkt ihrer Gewaltausbrüche. Wenn Ransom entschlossen war, Theismans Kopf neben die anderen Trophäen an ihrer Wand zu hängen, so würde Pierre ihn ihr überlassen – besonders, wenn ihm dieser Zug die Unterstützung Cordelias (und damit des Amts für Öffentliche Information) einbrachte, um McQueen ins Komitee für Öffentliche Sicherheit zu berufen. Nicht, dass er beabsichtigt hätte, diesen Handel offen vorzuschlagen.

»Drei Wochen hin, drei Wochen zurück«, erklärte er statt dessen. »Können Sie es sich leisten, Haven so lange zu verlassen?«

»Wieso nicht?«, entgegnete Ransom. »Für die nächsten zwei, drei Monate wollen Sie doch keine weitere Plenarsitzung des Komitees anberaumen, oder?« Als er verneinte, breitete sie die Hände aus. »Also brauchen Sie und Oscar meine Stimme nicht, um die Maschine in Gang zu halten, und ich habe die Tepes so ausstatten lassen, dass das Schiff als mobile Kommandozentrale für die Öffentliche Information dienen kann. Nichts und niemand schreibt vor, dass unsere Propaganda hier auf Haven ihren Ausgang nehmen und sich nach draußen verbreiten muss. Mein Stellvertreter kann während meiner Abwesenheit die Routineentscheidungen treffen, und neues Material produzieren wir dann auf der Tepes. Sobald ich die Beiträge gesichtet und freigegeben habe, geben wir sie in die Provinznetze und verbreiten sie von der Grenze nach innen statt vom Zentrum nach außen.«

»Also gut«, stimmte Pierre nach kurzem Überlegen zu. »Wenn Sie sich selbst ein Bild von der Lage verschaffen möchten und zuversichtlich sind, die Aufgaben der Öffentlichen Information von dort wahrzunehmen, dann können wir Sie wohl für die Dauer der Reise entbehren. Achten Sie nur darauf, genügend starke Sicherheitskräfte mitzunehmen.«

»Das werde ich«, versprach Ransom. »Dazu eine komplette technische Kolonne des Ministeriums. Wir werden sehr viele Originalaufnahmen machen und Flottenangehörige interviewen – Material, das wir veröffentlichen können, sobald das System gefallen ist … dergleichen eben. Wenn wir Barnett schon nicht halten können, dann sollten wir aus seinem Verlust doch wenigstens so viele Vorteile ziehen wie irgend möglich!«

1

An diesem Tag hing besonders viel Staub in der Luft. Obwohl die Schwermetallkonzentrationen nicht ausreichten, um einen gebürtigen Grayson zu beunruhigen, waren sie doch hoch genug, um jedem Fremdweltler ernste Sorgen zu bereiten.

Der Admiral der Grünen Flagge Hamish Alexander, Dreizehnter Earl von White Haven und designierter Chef der 8. Flotte (falls diese sich am Ende doch noch zusammenfand), war auf dem Planeten Manticore geboren, und die Hauptwelt des Sternenkönigreichs barg in der Planetenkruste nicht solch hohe Anteile toxischer Elemente. Weil White Haven als einziges Mitglied der Entourage auf dem Landeplatz eine Atemmaske trug, kam er sich ein wenig exotisch vor. Andererseits hatte ihm der Dienst im Weltraum eines beigebracht: schädliche Umwelteinflüsse niemals auf die leichte Schulter zu nehmen – und er diente nun schon fast ein Jahrhundert lang dem Sternenkönigreich. Deshalb war er durchaus bereit, ein wenig exotisch zu wirken, wenn er dafür kein Cadmium und kein Blei einzuatmen brauchte.

Zudem trug außer ihm niemand auf dem ganzen Landeplatz die weltraumschwarz-goldene Uniform der Royal Manticoran Navy. Rund die Hälfte der übrigen Anwesenden waren Zivilisten, darunter auch die beiden einzigen Frauen; letztere steckten in traditioneller graysonitischer Damenmode: Kleider, die bis zu den Fußknöcheln reichten und lange Westen, die an Wappenröcke erinnerten. Die eine Hälfte der Uniformierten stellte die beiden Grüntöne der Harringtoner Gutsgarde zur Schau, die andere die beiden Blautöne der Grayson Space Navy. Selbst Lieutenant Robards, White Havens Adjutant, war ein Grayson. Anfänglich hatte dies den Admiral ein wenig irritiert, denn er war gewöhnt, dass Angehörige verbündeter Raumflotten zu Gast ins Sternenkönigreich kamen. Sich ihnen auf ihrem eigenen Terrain zu präsentieren, stellte für ihn eine völlig neue Erfahrung dar. Jedoch hatte er sich mit dieser ungewohnten Konstellation erstaunlich rasch abgefunden, weil sie Sinn ergab: Die Achte sollte die erste alliierte Flotte werden, die aus überwiegend nicht-manticoranischen Einheiten bestand. Angesichts der ›Seniorität‹ der manticoranischen Navy hatte von vornherein festgestanden, dass der Flottenchef aus ihren Reihen kommen würde, doch gut zwei Drittel ihrer Sternenschiffe sollten aus der rasant expandierenden GSN und der erheblich kleineren Erewhon Navy stammen. Daher musste White Haven als ›CO 8 FLT (DESIGNIERT)‹ seinen Stab zwangsläufig um einen graysonitischen Kern aufbauen, und genau damit hatte er die letzten anderthalb Monate zugebracht.

Alles in allem hatten ihn die Entdeckungen durchaus beeindruckt, die er dabei gemacht hatte. Durch die Expansion war das Offizierskorps der GSN sehr dünn verteilt – tatsächlich waren rund zwölf Prozent aller Offiziere in Diensten der graysonitischen Navy zeitweilig überstellte Manticoraner. Obwohl die institutionelle Unerfahrenheit der GSN häufig zutage trat, erschien sie White Haven im Ganzen auf geradezu aggressive Weise befähigt. Graysonitische Geschwader- und Kampfverbandchefs gaben sich mit dem Leistungsniveau ihrer Offiziere nicht so schnell zufrieden, weil sie ganz genau wussten, wie rasch diese auf den gegenwärtigen Rang befördert worden waren. Gnadenlos drillten sie ihre Untergebenen, und sowohl ihre taktischen als auch ihre Manöverbefehle wurden in einer Ausführlichkeit erteilt, die für manticoranische Gewohnheiten fremdartig wirkte. Solch starre Verhaltensregeln führten manchmal Resultaten, die für White Havens Geschmack zu mechanisch waren. Er war in der manticoranischen Tradition herangewachsen, nach der ab einem bestimmten Dienstalter von Offizieren erwartet wurde, dass sie nicht erst auf spezifische Anweisungen von Vorgesetzten warteten, sondern sich selbständig mit den Einzelheiten befassten. White Haven gestand einer jungen Navy wie der von Grayson durchaus zu, ausführlichere Befehle zu benötigen. Wenn die graysonitischen Flottenmanöver manchmal auch einen mechanischen Eindruck erweckten, so hatte White Haven andererseits bei der GSN noch nicht jene Sorte von Desastern erlebt, die mitunter auftraten, wenn ein Flaggoffizier irrtümlich annahm, seine Untergebenen hätten verstanden, was er beabsichtigte.

Einerseits wünschte sich der Earl manchmal, die graysonitischen Admirale würden ihren Untergebenen ein wenig mehr Freiheit zur Eigeninitiative einräumen, andererseits hatte ihn gleich zu Anfang sowohl überrascht als auch entzückt, dass die Graysons Übungen an Bord der Schiffe jeder Computersimulation vorzogen und ohne weiteres bereit waren, die hohen Kosten von Beschießungsübungen mit scharfer Munition in Kauf zu nehmen. Die Tradition der RMN favorisierte den gleichen Ansatz, doch sah sich die Admiralität immer wieder gezwungen, dem Parlament die erforderliche Finanzierung mit Zähnen und Klauen abzuringen. Hochadmiral Matthews hingegen, der Oberkommandierende der GSN, war sich sowohl der enthusiastischen Rückendeckung durch Protector Benjamin gewiss als auch der Unterstützung einer soliden Mehrheit in beiden Planetaren Kammern. Auf Grayson war der Krieg gegen Haven viel gegenwärtiger als auf Manticore, denn im Zeitraum von weniger als acht T-Jahren hatten vier Raumschlachten im Jelzin-System stattgefunden; im Gegensatz dazu hatte seit fast drei Jahrhunderten niemand mehr gewagt, das Doppelsternsystem Manticore anzugreifen. White Haven mutmaßte allerdings, dass die Unterstützung der Graysons mindestens ebenso sehr auf die Persönlichkeit derjenigen Frau zurückzuführen war, die willkommen zu heißen er und seine Begleiter sich auf diesem Landeplatz versammelt hatten.

Er verzog die Lippen, und seine blauen Augen, deren Blick die Kälte arktischen Eises annehmen konnte, funkelten munter. Soweit es die RMN betraf, war Lady Dame Honor Harrington, die Gräfin von Harrington, nur ein Captain of the List unter vielen, die sich bei ihren zahlreichen innenpolitischen Feinden jedoch den Ruf einer gefährlichen, jähzornigen und undisziplinierten Zeitbombe erworben hatte. Hier im Jelzin-System hingegen führte sie den Rang eines Volladmirals der GSN und war außerdem die Gutsherrin von Harrington. Sie war zweithöchster Offizier der Navy von Grayson, gehörte zu den achtzig Hochadeligen, die den Planeten regierten, war der reichste Mensch der graysonitischen Geschichte, einziger lebender Träger des Sterns von Grayson (was sie gleichzeitig zum offiziellen Champion Protector Benjamins machte) und dazu die Frau, die nicht nur einmal, sondern gleich zweimal das Jelzin-System vor der Eroberung durch eine fremde Macht bewahrt hatte. White Haven selbst wurde von der Navy und dem Volk von Grayson tief respektiert, denn er hatte die Eroberung ihrer brudermordenden Schwesterwelt Masada befehligt und die Dritte Schlacht von Jelzins Stern gewonnen, die Eröffnung des Krieges gegen die Volksrepublik von Haven. Trotzdem war und blieb er ein Fremdweltler. Honor Harrington nicht. Sie war zu einer Grayson geworden und im Zuge dieser Entwicklung – ob sie es nun wusste oder nicht – zur Schutzpatronin der graysonitischen Flotte.

Das ist ihr wohl wirklich nicht bewusst, grübelte White Haven. Es sähe ihr überhaupt nicht ähnlich, auch nur auf den Gedanken zu verfallen … Und vermutlich war es gerade deswegen so gekommen. White Haven war sich dessen ebenso bewusst wie jeder andere Manticoraner, der mit der GSN zusammenarbeitete. Wer hätte es übersehen können? Der letzte graysonitische Prüfstein für jedes Ausbildungskonzept und jede taktische Neuerung konnte in jeweils drei Wörtern ausgedrückt werden: ›Lady Harrington sagt‹ oder der Variante ›Lady Harrington würde‹. Die abgöttische Weise, mit der die GSN die Lehren und das Beispiel einer – gleichwie kompetenten – Einzelperson angenommen hatte, wäre erschreckend gewesen, wenn dieses Individuum nicht gerade das ständige In-Frage-Stellen der eigenen Konzepte und Anschauungen zur Conditio sine qua non erhoben hätte. White Haven wusste zwar nicht wie, aber Honor Harrington hatte auch diesen Aspekt ihrer Persönlichkeit auf die Navy übertragen, die sich so enthusiastisch nach ihrem Vorbild formte, und er war zutiefst dankbar, dass es so gekommen war.

Die GSN ließ Honor Harrington selbstverständlich erheblich freiere Hand als die manticoranische Admiralität einem Flaggoffizier jemals zugestanden hätte, doch schmälerte das keineswegs ihre Leistungen. Hochadmiral Matthews hatte gegenüber White Haven zugegeben, dass er sie fast ausschließlich zu dem Zweck in die GSN geholt habe, um ihren Verstand anzuzapfen, und das konnte der Earl sehr gut verstehen. Nur wenige Flotten besaßen so viel Erfahrung wie die Royal Manticoran Navy, bei der Honor Harrington ungeachtet ihrer politischen Probleme auf der Heimatwelt eine Reputation genoss, in der sie niemandem nachstand. Selbst wenn die GSN Honor Harrington nicht vorher im Gefecht erlebt hätte, wäre sie – wie jede Navy in ihrer Situation – zu allem bereit gewesen, um jemanden wie diese manticoranische Kommandantin in ihre Reihen zu bekommen. Überlegt man, wie aufmerksam die Graysons ihr zugehört haben und wie begierig sie darauf waren, ihre Kampferfahrung für die Ausbildung nutzen zu können, wäre es sogar erstaunlich, wenn Harrington bemerkt hätte, wie sehr sie ihre Persönlichkeit und ihre Lebensanschauung auf die Graysons übertragen hat. Die haben ihre Konzepte so bereitwillig aufgenommen, dass es Harrington vorgekommen sein muss, als würde sie sich an die graysonitische Philosophie anpassen! O ja, White Haven verstand sehr gut, wie es gekommen war. Trotz alledem war es höchst ironisch, dass die Grayson Space Navy in vielerlei Hinsicht dem Ideal der manticoranischen Navy näher kam als die RMN selbst!

White Haven hatte jedenfalls eine wertvolle, neue Facette von Captain Harringtons Persönlichkeit kennengelernt. Die Kriecher und Speichellecker, die sich nur zu oft an einen erfolgreichen Offizier zu hängen versuchten, waren ihm ebenso geläufig wie die extremeren Formen der Heldenverehrung; beides erkannte er, wenn er es sah. Beides hatte er hier auf Grayson in Harringtons Umgebung gefunden. Andererseits musste es sich um eine bedeutende Frau handeln: allein und von einer fremden Welt stammend, spazierte sie in eine theokratische, männlich dominierte Gesellschaft und errang die persönliche Ergebenheit einer Gruppe, die so uneinheitlich war, dass sie nicht nur die örtliche Navy einschloss, sondern auch Parteigänger der männlichen Überlegenheit alten Schlages wie Howard Clinkscales, den Regenten des Guts von Harrington; Reformer wie Benjamin IX., den regierenden Monarchen des Planeten; religiöse Führer wie den Reverend Jeremiah Sullivan, das geistige Oberhaupt der Kirche der Entketteten Menschheit; weltgewandte, gebildete Politiker wie Lord Henry Prestwick, den Kanzler von Grayson – und sogar ehemals havenitische Offiziere wie Alfredo Yu, nunmehr Admiral in graysonitischen Diensten. White Haven hatte gleich bei seiner ersten Begegnung mit Harrington das Potential erkannt, das in ihr steckte – trotz der Verwundungen an Leib und Seele, der Trauer und des Schuldgefühls, das sie aus der Zweiten Schlacht von Jelzins Stern davongetragen hatte. Damals war er Harringtons Vorgesetzter Offizier gewesen und hatte sie über einen militärisch wie sozial unüberwindbar tiefen Rangunterschied hinweg betrachtet. Nun aber kam sie ihm im Dienstgrad gleich (jedenfalls, wenn man ihren graysonitischen Rang zugrunde legte), und als Gutsherrin stand sie gesellschaftlich, so neu ihr Adelsbrief auch war, noch über einem der ältesten manticoranischen Earltitel.

Hamish Alexander neigte in keiner Weise zu Minderwertigkeitskomplexen. Er gehörte zu dem sehr engen Kreis von Menschen, die seine Königin im privaten Kreise mit dem Vornamen anreden durften und mit ihr auf Du und Du standen. Innerhalb der Manticoranischen Allianz genoss er ein Ansehen als Stratege, das von niemandem sonst erreicht wurde. Seine Reputation basierte allein auf Leistung, und dessen war er sich vollends bewusst; genauso sehr wusste er, dass er jedem dienenden Offizier in jeder Navy im bekannten Weltraum gleichkam, wenn nicht sogar übertraf. Arrogant war White Haven nicht – zumindest bemühte er sich darum, niemals arrogant aufzutreten. Dennoch war er sich seiner selbst bewusst, und es wäre töricht gewesen, etwas anderes vorzugeben. Allerdings wusste er ebenso genau, dass Harrington ihre Karriere ohne den Vorteil eines aristokratischen Namens begonnen hatte, und auch ohne Beziehungen und der damit verbundenen Patronage. Wie ehrlich sich White Haven seinen Ruf auch erworben hatte und wie oft er die günstige Ausgangsposition, die ihm durch seine Geburt zugefallen war, auch zum Vorteil anderer benutzt haben mochte: niemals konnte er vergessen oder leugnen, durch seine Abstammung einen unwägbaren Vorsprung im Wettlauf auf der Karriereleiter erhalten zu haben – wie Harrington ihn niemals besessen hatte. Hier auf Grayson aber hatte man ihr die Chance gegeben, alles zu zeigen, was sie konnte, und ihre Leistungen flößten dem Earl von White Haven eine gewisse Ehrfurcht ein.

Honor Harrington war kaum halb so alt wie er, und dieser Teil der Milchstraße hatte das finstre Tal eines Krieges betreten, wie er sich seit Jahrhunderten nicht mehr ereignet hatte. Diesen Krieg gegen Haven würden weder begrenzte Eroberungen noch ein Verhandlungsfriede beenden; wer auch immer diesen Krieg verlor, musste sich nicht auf eine Niederlage, sondern auf seine Vernichtung gefasst machen. Sechs T-Jahre tobte der Krieg nun bereits, und trotz der jüngsten Erfolge der Allianz war kein Ende in Sicht. Wenn in einer Gesellschaft die Prolong-Behandlung zur Lebensverlängerung erst einmal gegriffen hatte, verlangsamte sich das Aufrücken in die oberen Ränge einer Navy oft so sehr, dass das System wie eingefroren wirkte; die dem Krieg vorhergehende Expansion der RMN hatte indes bewirkt, dass es ihren Offizieren – in beruflicher Hinsicht – nicht ganz so schlimm ergangen war. Verglichen mit der Flotte der Solaren Liga war die Beförderung sogar sehr rasch vonstatten gegangen, und mittlerweile hatte der Krieg die Tore zu den höchsten Rängen weit aufgestoßen. Selbst siegreiche Admirale starben manchmal, und seit Kriegsbeginn hatte sich der Flottenausbau verdreifacht. Wo würde jemand wie Honor Harrington am Ende des Krieges stehen … vorausgesetzt, sie überlebte ihn? Würde sie dem Kriegsverlauf ihren Stempel aufdrücken, und wenn ja, wie sah er aus? Für jeden außer ihr vielleicht war es offensichtlich, dass sie in den Geschichtsbüchern landen würde – ganz gleich, wer die Chroniken schrieb. Aber würde sie in der Navy ihrer Geburtswelt je den hohen Rang erhalten, den sie aufgrund ihrer Fähigkeiten verdiente? Und wenn, wie würde sie ihn nutzen?

White Haven war von diesem Fragenkomplex fasziniert. Dass er sich so sehr damit beschäftigte, mochte daran liegen, dass Harrington ihn seit seiner Ankunft im Jelzin-System beherbergte. Großzügig wie sie war, hatte sie ihm angeboten, für die Dauer seines Aufenthalts in Harrington House zu wohnen, der offiziellen Residenz, auf der sie ihr Gut verwaltete, wenn sie auf Grayson weilte. Alvarez Field, die neue Hauptbasis der GSN mit dem angeschlossenen Taktischen Simulationscenter, das man nach Bernard Yanakov benannt hatte, lag nur dreißig Flugwagenminuten entfernt, und deshalb war dieses Angebot für White Haven sehr praktisch. Bevor die Schiffe der 8. Flotte eingetroffen waren, mussten die Übungen im Simulator durchgeführt werden, sosehr die Graysons – und White Haven – echte Manöver auch bevorzugt hätten. Aus diesem Grunde hatte der Admiral in annehmbarer Entfernung vom Simulationscenter untergebracht werden müssen; mit ihrer Einladung nach Harrington House hatte Honor Harrington, die seinerzeit im Sternenkönigreich Dienst tat, ihr Einverständnis zu White Havens Verbindung mit der GSN bekundet. Dieser Billigung hätte White Haven zwar nicht bedurft, doch war er sich recht sicher, dass Harrington diese Überlegung gar nicht angestellt hatte. Zudem lehnte der erfahrene Admiral keinen Vorteil ab, der sich ihm bot.

Doch in Harringtons Haus zu wohnen, von ihren Dienstboten bedient zu werden, mit ihren graysonitischen Offizierskameraden zu sprechen, ihrem Regenten, ihrem Sicherheitspersonal … Manchmal kam es White Haven vor, als enthülle er Facetten von Honor Harringtons Persönlichkeit, die man nur während ihrer Abwesenheit entdecken konnte … vielleicht war dieser Gedanke albern. Er war dreiundneunzig T-Jahre alt und dennoch fasziniert – fast gebannt – von den Leistungen einer Frau, mit der er vielleicht ein dutzendmal gesprochen hatte. In gewisser Hinsicht war sie ihm fast fremd, doch in anderer lernte er sie kennen, wie er nur wenige Menschen zuvor kennengelernt hatte, und hoffte auf eine Gelegenheit, die beiden Bilder, die er von ihr hatte, miteinander in Einklang zu bringen.

Honor Harrington lehnte sich im Passagiersitz der Pinasse zurück und versuchte, nicht darüber zu lächeln, dass Major Andrew LaFollet, zweithöchster Offizier der Harringtoner Gutsherrngarde und ihr persönlicher Waffenträger, sich größte Mühe gab, so weit unter den Sitz vor ihr zu kriechen, wie es ihm nur möglich war.

»Na komm schon, Jason«, lockte er. Der weiche graysonitische Akzent des Majors ergänzte seine Überredungskunst ganz hervorragend, und nun versuchte er, den größten Nutzen daraus zu ziehen. »Wir könnten doch jeden Moment in die Atmosphäre eintreten. Du musst nun herauskommen … bitte!«

LaFollet erhielt nur ein munteres Quieken zur Antwort, und Honor hörte ihn dicht über dem Boden seufzen. Er versuchte, noch weiter unter den Sitz zu robben, kapitulierte, kroch zurück und setzte sich mürrisch aufs Deck. Sein kastanienbraunes Haar stand zerzaust in alle Richtungen ab, und seine grauen Augen forderten seine Untergebenen grimmig heraus, sich doch nur mit einem Wort – einem einzigen – zu seinem nicht sonderlich würdevollen Unterfangen zu äußern; doch niemand hob den Fehdehandschuh auf. Vielmehr blickten Honors übrige Waffenträger geflissentlich in alle möglichen Richtungen, nur nicht auf den Major. Dabei stellten sie eine bewundernswerte, nahezu entschlossene Gleichmütigkeit zur Schau.

LaFollet beobachtete für eine Weile, wie sie ihn nicht beobachteten, dann seufzte er wieder. Er verzog den Mund zu einem schwachen Grinsen, dann blickte er die schlanke, braun-weiß gefleckte Baumkatze an, die zusammengerollt auf dem Sitz neben Honor lag.

»Ich möchte ja nicht mäkelig klingen«, sprach er die ’Katz an, »aber vielleicht solltest du ihn rausfischen.«

»Da hat er nicht ganz unrecht, Sam«, stellte Honor fest. Ihr Lächeln wurde breiter, und auf ihrer rechten Wange zeigte sich ein Grübchen. »Schließlich ist er dein Sohn. Und im Gegensatz zu Andrew passt du unter den Sitz.«

Samantha hob den Kopf und blickte Honor mit funkelnden grünen Augen an. Sie gähnte träge und entblößte dabei schneeweiße, nadelspitze Zähne. Zwei weitere spitzohrige Köpfchen, beide wesentlich kleiner als Samanthas, erhoben sich schläfrig aus dem warmen Fell der Mutter, die sich liebevoll um ihre Jungen geringelt hatte, um sie wie in einem Nest zu behüten. Samantha streckte eine Echthand aus und drückte die Köpfchen sanft wieder hinunter. Dann blickte sie den größeren, grau-cremefarbenen Baumkater an, der es sich auf Honors Schoß bequem gemacht hatte. Honor spürte den schwachen Nachhall eines tiefen, komplizierten geistigen Austauschs, als Nimitz seinerseits den Kopf hob und Samantha anblickte. Keiner der anwesenden Menschen hätte sagen können, was Samantha mit ihrem Partner besprach – denn niemand außer Honor bemerkte den Austausch, aber jeder begriff, was Samantha verlangt hatte, als Nimitz seinerseits einen Seufzer ausstieß, zustimmend mit den Ohren schlug und sich aufs Deck gleiten ließ.

Auf allen sechs Gliedmaßen sauste er den Gang entlang und blieb neben dem Sitz stehen, unter den LaFollet vergebens zu kriechen versucht hatte. Er kreuzte die Echthände auf dem Deck, stützte das Kinn darauf und spähte unter den Sitz. Erneut spürte Honor das Echo fremder Gedanken. Zudem empfand sie Nimitz’ gemischte Gefühle: Amüsiertheit, Stolz und Ärger, als er den Abenteuerlustigsten aus seinem Nachwuchs ansprach.

Soweit Honor wusste, war vor ihr noch kein Mensch in der Lage gewesen, die Gefühle einer Baumkatze zu spüren, und erst recht hatte es niemand vermocht, mit Hilfe einer adoptierten Baumkatze die Empfindungen anderer Menschen wahrzunehmen. Trotz der beispiellosen Stärke ihres telepathischen Links zu Nimitz blieb die Verbindung indes zu undeutlich, als dass sie seine Gedanken hatte empfangen können. Dennoch bemerkte sie, dass er sich diesmal Zeit nahm, seine Gedanken sehr klar und deutlich zu formulieren. Honor vermutete, dass er die telepathische Botschaft so einfach wie möglich hielt – was durchaus Sinn ergab, weil er sie an ein Baumkätzchen richtete, das kaum vier Monate alt war.

Mehrere Sekunden lang geschah nichts, dann spürte Honor das geistige Gegenstück eines resignierten Seufzers, und ein winziges Ebenbild Nimitz’ streckte den Kopf unter dem Sitz hervor. James MacGuiness, Honors persönlicher Steward, hatte das Kätzchen Jason getauft, um die Furchtlosigkeit hervorzuheben, die es bei seinen Entdeckungsreisen immer wieder bewies. Honor räumte ein, nicht bedacht zu haben, dass die wunderbare neue Umgebung der Pinasse Jason durch ihre Rätselhaftigkeit zu einem Aufklärungsvorstoß verleiten würde. Ihr wäre ein nicht ganz so neugieriger Jason lieber gewesen, doch gerade Neugierde war ein Charaktermerkmal aller Baumkatzen – ganz besonders aber der Jungen. Tatsächlich war der Erkundungsdrang im gesamten Nachwuchs von Nimitz und Samantha entsetzlich ausgeprägt – Jason war nur der schlimmste Fall. Er neigte zu kühnen Einzelaktionen, die seinem Namen alle Ehre machten. Honor fragte sich oft, wie Baumkatzen bei dieser Neugierde überhaupt lange genug in der Wildnis überleben konnten, um das Erwachsenenalter zu erreichen. Dieser Wurf jedoch befand sich nicht in der Wildnis, und jeder Mensch an Bord der Pinasse wusste, dass er auf die Kätzchen achtzugeben hatte.

Das wussten die Baumkatzen ebenfalls. Noch während Honor zusah, wie Nimitz mit einer beweglichen, langfingrigen Echthand den kleinen Jason aufnahm, erblickte sie aus dem Augenwinkel eine weitere braun-weiße Baumkatze, die über die Sitze springend ein viertes Kätzchen zurückbrachte. Honor erkannte das Kleine als Achilles, Jasons kaum weniger verwegenes Brüderchen. Sie lächelte wieder, während das Kindermädchen ihn zu seiner Mutter zurückbrachte, auch wenn Jason sich auf dem ganzen Weg protestierend wand und krümmte.

Honor überlegte, ob MacGuiness überhaupt ahnte, wie selten sich solch ein Anblick dem menschlichen Auge bot. Baumkatzen, die einen Menschen adoptierten, gingen nur sehr selten eine Partnerschaft ein, aus der Nachwuchs entsprang, und wenn doch, dann kehrten die Mütter unausweichlich vor der Geburt zu ihrem eigenen Clan oder dem ihres Partners zurück und zogen die Kinder gemeinsam mit den anderen Weibchen auf. Nur eine Handvoll Menschen, die nicht zur Sphinxianischen Forstbehörde gehörten, hatten jemals neugeborene Kätzchen in natura gesehen; soweit Honor wusste, war es noch nie vorgekommen, dass Eltern ihre Kleinen von Geburt an mit der Gesellschaft von Menschen vertraut machten.

Genau diesen Weg aber hatten Nimitz und Samantha eingeschlagen, und ihre fundamentale Abweichung vom gewohnten Ablauf kam sowohl für Honor als auch für die Navy völlig unerwartet. Für den seltenen Fall, dass man es mit einer schwangeren Baumkatze zu tun bekam, die einen oder eine Angehörige der Navy adoptiert hatte, existierten Sonderregeln, welche die RMN schon vor langem formuliert hatte. Aus diesem Grund erhielt Honor acht Monate zuvor, gleich nach der Rückkehr von ihrem Einsatz in der Silesianischen Konföderation, eine Verwendung innerhalb des Doppelsternsystems von Manticore. Dadurch wurde Samantha wirksam vor dem Strahlenrisiko und anderen Gefahren bewahrt, die der Dienst im Weltall nun einmal mit sich brachte. Außerdem konnte sie gegebenenfalls mit minimalem Zeitverlust auf den Planeten Sphinx und zu ihrem oder Nimitz’ Clan gebracht werden. Weil Honor nie von Samantha adoptiert worden war, lag der Fall eigentlich außerhalb der üblichen Rahmenbedingungen; doch durch den Tod des Offiziers, den Samantha ›regulär‹ adoptiert hatte, blieben ihr nur Nimitz und Honor als einzige Familie. Angesichts Samanthas schrecklichen Verlusts entschied die Admiralität, Honor die Befreiung vom Raumdienst zu gewähren, die dem Adoptionsgefährten der Baumkatzenmutter zugestanden hätte. Das Oberkommando ergriff die sich bietende Gelegenheit beim Schopfe und teilte Honor für die Zeit ihres Bodendienstes dem Weapons Development Board zu, dem Amt für Waffenentwicklung der Admiralität. Honor war die ideale Wahl für diese Verwendung, denn niemand vermochte dem Amt fundiertere Aussagen darüber zu geben, wie sich die jüngsten Kinder seiner Reißbretter im Gefecht bewährt hatten. Schließlich besaß außer Honor noch niemand Kommandoerfahrung mit einem Geschwader, das mit besagten Neuentwicklungen ausgerüstet gewesen war – auch wenn es sich in diesem Fall nur um vier bewaffnete Handelskreuzer gehandelt hatte. Zu ihrem eigenen Erstaunen empfand Honor die neue Verwendung als durchaus angenehm.

Trotz aller Mühe, die sich die Navy gab, um Samantha zufriedenzustellen, erwies sich die Baumkatze immer wieder als unkonventionell. Im Nachhinein ließ sich leicht sagen, damit sei schließlich zu rechnen gewesen, denn so gut wie alle weiblichen ’Katzen, die einen Menschen adoptierten, erwählten sich Wildhüter der Forstbehörde und verließen Sphinx niemals. Honor hatte darüber Recherchen angestellt. Doch da kein Gesetz und keine Dienstvorschrift befahl, Baumkatzenadoptionen registrieren zu lassen, waren die Daten, die sie einsehen konnte, vermutlich unvollständig. Soweit sich feststellen ließ, hatten im Laufe von fünf T-Jahrhunderten nur acht weibliche Baumkatzen einen Menschen adoptiert, der kein Wildhüter war. Samantha gehörte zu diesen acht. Deshalb hätte Honor vielleicht darauf vorbereitet sein sollen, dass Samantha sich nicht an die allgemein üblichen Elterngepflogenheiten der ’Katzen gebunden fühlte. Dennoch war sie überrascht gewesen, als Nimitz ihr zu verstehen gab, dass ihn Samantha – mitsamt ihrer Jungen – nach Grayson begleiten wollte.

Damit war Honor nicht im mindesten einverstanden. Sie und Nimitz waren dazu eingeteilt, nach der Ankunft im Jelzin-System Borddienst zu leisten. Samantha wäre also mit vier kaum zu bändigenden Jungen auf einem fremden Planeten allein gewesen; einem Planeten zudem, dessen Umwelt unsichtbare, heimtückische Gefahren barg, die mit Leichtigkeit zum Tod einer erwachsenen ’Katz führen konnten, ganz zu schweigen von Kätzchen. Außerdem wären Samantha und ihre Jungen die einzigen Baumkatzen auf dieser fremden Welt gewesen, so dass die junge Mutter sich an keine älteren, erfahreneren Mütter ihrer Art um Rat oder Hilfe wenden konnte.

Honor versuchte, Nimitz und Samantha diese Problematik eindringlich klarzumachen, und war sich schließlich sicher, dass Nimitz ihre Gründe begriffen hatte. Ob auch Samantha ihr folgen konnte, blieb leider ungewiss, obwohl Nimitz sich sehr bemühte, seiner Partnerin die Lage zu erläutern. Telepathie hin, Telepathie her: Samantha zeigte sich so unbekümmert über Honors Argumente, dass sie sehr bezweifelte, zu der Baumkatze durchgedrungen zu sein. Jedenfalls bis zu der Woche vor ihrem Aufbruch nach Grayson.

Honor war zuvor nie in den Sinn gekommen, darüber nachzudenken, welche Stellung Samantha innerhalb ihrer Art wohl innehaben mochte. Sie war beträchtlich jünger als Nimitz, und Honor ging davon aus, dass die Wünsche einer relativ jungen ’Katz bei einem Clan, in den sie nur ›eingeheiratet‹ hatte, keinen großen Stellenwert besaßen. Doch diese Annahme musste Honor recht weitgehend revidieren, als eines Tages nicht weniger als acht Angehörige von Nimitz’ Clan vor der Tür standen – drei davon waren weiblich und älter als Samantha. Honor wohnte in dem weitläufigen, fünfhundert Jahre alten Haus ihrer Eltern an den Flanken der Copper Walls Mountains. Als die Baumkatzen auftauchten, glaubte sie, ihren Augen nicht trauen zu können.

MacGuiness ging an die Tür, weil es geklingelt hatte, und gelassen traten die Neuankömmlinge ein. Honor glaubte zunächst, es handele sich um irgendeinen Irrtum, doch Nimitz und Samantha begrüßten die anderen Baumkatzen mit erfreutem Schnurren und dem untrüglichen Verhalten von Gastgebern, die geladene Gäste willkommen hießen. Honor wäre nie auf den Gedanken gekommen, die ’Katzen wieder nach draußen zu scheuchen – so ging man einfach nicht mit ihnen um -, und die acht sprangen nacheinander auf den großen Tisch im elterlichen Esszimmer und blickten Honor erwartungsvoll an. Vor lauter Verblüffung reagierte sie ein wenig langsam, und erst ein abrupter mentaler Rüffel von Nimitz erinnerte sie an ihre Manieren; dann stellte sie sich ihren Überraschungsgästen vor, während MacGuiness in die Küche verschwand und dort nach Sellerie suchte, den alle Baumkatzen liebten.

Jede ’Katz nahm Honors Selbstvorstellung mit gewichtiger Miene entgegen. Zwar erachtete man es als unpassend, wenn ein Mensch einer Baumkatze einen Namen gab, obwohl sie ihn nicht adoptiert hatte, doch bei so vielen Baumkatzen musste Honor schon allein deswegen Namen verteilen, um sie auseinanderhalten zu können. Ihrem Interesse für Marinegeschichte verdankten die fünf Baumkater daher die Namen Nelson, Togo, Hood, Farragut und Hipper, aber die Benennung der Weibchen fiel Honor schwerer. Da so wenige Weibchen je einen Menschen adoptierten, war es gebräuchlich, ihnen einen Namen zu geben, der ihre Persönlichkeit widerspiegelte. Honor benötigte mehrere Tage, um passende Namen für sie zu finden.

Am Ende nahm ihr die Gruppendynamik der Baumkatzen die Arbeit ab. Deshalb erhielt die älteste ’Katz den Namen Hera, denn ganz offensichtlich unterwarf sich jedes einzelne Männchen – außer vielleicht Nimitz – ihrer Autorität völlig. Hera bildete das Oberhaupt dieses winzigen Teilclans, und Honor taufte die ’Katz, die als Heras Leutnant und allgemeine Ratgeberin fungierte, infolgedessen Athena. Artemis, das dritte Weibchen, war kaum älter als Samantha und die keckste der drei Damen; sie hatte sich zur Aufgabe gemacht, den Kätzchen die Grundzüge der Jagd und des Anschleichens beizubringen.

Dass Honor sie überhaupt benennen musste, bereitete ihr noch immer ein gewisses Unbehagen, aber die acht ’Katzen nahmen die Anreden mit fröhlicher Billigung hin. Sie richteten sich in dem Landhaus ein, als seien sie schon immer Angehörige des Haushalts gewesen – und als beabsichtigten sie, das auch auf absehbare Zeit zu bleiben.

Während die Baumkatzen diese Angelegenheit mit großer Gelassenheit angingen, reagierten die menschlichen Bewohner von Sphinx’ völlig anders.

Obwohl Honor mehr über Baumkatzen wusste als neunundneunzig Prozent ihrer Mitsphinxinaner, konnte auch sie nicht sagen, wie es nun weitergehen sollte. Ganz offensichtlich hatten Nimitz und Samantha die anderen eingeladen, bei ihnen zu bleiben. Erst nach einer ganzen Weile wurde Honor klar, dass sie es nicht etwa mit einem ausgedehnten Besuch zu tun hatte und dass die acht Baumkatzen auch nicht den Nachwuchs vor dem Aufbruch der Eltern zu Nimitz’ Clan mitnehmen sollten; als sie endlich begriff, dass die acht neuen Baumkatzen auf Samanthas Wunsch nach Grayson mitkommen sollten, war ihr, als breche die ganze Welt über ihr zusammen.

Die Spezies der Baumkatzen stand unter dem Schutz der Krone. Darüber hinaus garantierte der Neunte Zusatzartikel zur Verfassung des Sternenkönigreichs ihnen als einheimische Intelligenz von Sphinx einen Sonderstatus. Die Gesetze, die den Baumkatzen mehr als ein Drittel der Planetenoberfläche zusprachen und sie vor jeglicher Ausbeutung schützen sollten, waren sehr entschieden formuliert. Eine Situation wie diese hatten die Initiatoren des Gesetzeswerks niemals vorhersehen können. Für Adoptionsbindungen galt eine ähnliche Rechtspraxis wie für die Ehe, und deshalb schrieben die Bestimmungen der Admiralität vor, schwangere ’Katzen mitsamt Gefährten nach Hause zu schicken. Weil Samantha aber Honor eben nicht adoptiert hatte, befand sich ihre Beziehung juristisch schon an der Grenze dessen, was durch Präzedenzfälle festgelegt war. Noch nie hatte man gehört, dass ein einzelner Mensch mit zwei Baumkatzen lebte, obwohl niemand etwas dagegen vorbrachte, weil Nimitz und Samantha sich offensichtlich aneinander gebunden hatten. Aber acht weitere? Niemand hatte je erwartet, dass ein Mensch sich plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit von zehn Baumkatzen wiederfinden könnte (die Jungen nicht mitgezählt); zehn Baumkatzen, die allesamt beabsichtigten, diesen Menschen auf eine fremde Welt zu begleiten!

Bei der Forstbehörde schrillten die Alarmglocken, und ein Dutzend Wildhüter stürzte sich aufs Gehöft Harrington, grimmig entschlossen, acht ›wilde‹ Baumkatzen vor jedweder Ausbeutung zu retten. Doch auf dem Anwesen mussten sie sich mit ›Bedrängten‹ auseinandersetzen, die partout nicht gerettet werden wollten. Zwei Wildhüter brachten ihre eigenen Baumkatzen mit, welche eindeutig klarstellten, dass Samanthas und Nimitz’ Freunde jedes Recht hätten, zu tun und zu lassen, was ihnen passte, und dorthin zu gehen, wohin auch immer sie wollten, und zwar in jeder Begleitung, die ihnen angenehm sei – ganz gleich, wie sehr sich manche Menschen darüber erregten.

Nach dem ungeordneten Rückzug der Forstbehörde rückten die Schergen der Admiralität vor. Sie verlangten von Honor, sich an die ursprüngliche Absprache zu halten und Samantha in der Obhut von Nimitz’ Clan auf Sphinx zurückzulassen. Honor konnte es BuPers kaum verdenken, dass man dort über ihren Sinneswandel ein wenig aufgebracht war (obwohl genaugenommen nicht Honor ihre Meinung geändert hatte). Der Befehl, Samantha, die vier Jungen und – insbesondere! – die acht ›wilden‹ Baumkatzen zurückzulassen, betrachtete sie jedoch als Überreaktion. Aus Kompetenzgründen war dieser Befehl zwar nicht zwingend formuliert, doch ganz eindeutig verweigerte man ihr jedes Recht, bei der Reise nach Grayson eine andere Baumkatze als Nimitz an Bord des militärischen Transportschiffs zu nehmen, dessen Benutzung ihr der Marschbefehl gestattete. Zum Pech Ihrer Lordschaften verlangten die Kriegsartikel von Navyangehörigen nicht, ihre angewiesenen Dienststationen an Bord von Navyschiffen zu erreichen Nachdem Honor sich davon überzeugt hatte, dass der Entschluss ihrer sechsbeinigen Freunde feststand, kümmerte sie sich daher um eine andere Reisemöglichkeit. Zunächst beabsichtigte sie, eine Kabine an Bord eines Passagierliners zu buchen, dann erwog sie, ein kleines Privatraumschiff zu chartern Schließlich brachte Willard Neufsteiler, ihr erster Finanzberater, sie auf den Gedanken, ein eigenes Schiff zu kaufen.

Da selbst ein kleines, unbewaffnetes ziviles Sternenschiff ohne alle Extras schon rund siebzig Millionen Dollar kostete, hielt Honor die Idee des Schiffskaufs zunächst für viel zu extravagant. Davon unbeirrt wies Neufsteiler darauf hin, dass sie mittlerweile mehr als dreieinhalb Milliarden besitze; erwarb sie das Raumfahrzeug als Firmenschiff ihrer Gesellschaft Grayson Sky Domes Ltd., so müsse sie als Gutsherrin für die Zulassung nichts zahlen, während sie den Kauf im Sternenkönigreich gleichzeitig von der Steuer abschreiben könne. Neufsteiler hatte bereits mit dem Hauptmann-Kartell einen äußerst attraktiven Preis für ein fast neues Schiff ausgehandelt, ein Schiff, das größer und erheblich leistungsfähiger war, als Honor sich vorgestellt hatte. Zudem, führte Neufsteiler an, verlange ihr anwachsendes Finanzimperium von ihren diversen Managern und Kommissionären immer häufiger Passagen zwischen Jelzins Stern und Manticore. Durch ein Privatraumschiff erlange sie eine Flexibilität und Unabhängigkeit von den Fahrplänen der Passagierlinien, welche sich im Laufe der Zeit immer mehr bezahlt machen würde.

So kam es, dass Honor zu ihrer beträchtlichen Belustigung nicht an Bord eines Kreuzers oder Zerstörers der RMN oder GSN im Jelzin-System eintraf; und sie hatte auch nicht nur eine Baumkatze, sondern vierzehn an Bord einer fünfzig Kilotonnen maßenden, privat registrierten Jacht des Typs Star Falcon namens RMS Paul Tankersley. Erst auf der Reise hatte sie begriffen, was sie da eigentlich tat:

Sie half Nimitz und Samantha bei der Gründung der ersten außersphinxianischen Baumkatzenkolonie. Aus einem unbekannten Grund hatten ihre beiden Freunde und offenbar auch der Rest von Nimitz’ Clan beschlossen, ihre Spezies auf einer anderen Welt auszusäen, und diese Entscheidung markierte einen Quantensprung in der Beziehung ihres Volkes zur Menschheit. Eventuell stellte der Beschluss sogar den Beweis dar, dass Baumkatzen noch intelligenter waren, als selbst Honor vermutete.

Zumindest Nimitz hatte begriffen, dass sich das Sternenkönigreich im Kriegszustand befand; welche Wirkung Menschenwaffen im Gefecht Schiff gegen Schiff hatten, musste er manchmal aus größerer Nähe beobachten, als Honor lieb war. Auch andere ’Katzen hatten möglicherweise begriffen, welch zerstörerische Wirkung solche Waffen besaßen, wenn man damit auf planetare Ziele feuerte. Vielleicht hatte Nimitz die möglichen Konsequenzen auch selbständig aus seinen Beobachtungen gefolgert. Ganz gleich, was andere Menschen glaubten: Honor hatte immer gewusst, dass Nimitz klüger war als viele Zweibeiner. Deshalb hatte sie ihn geradeheraus gefragt, ob das Bewusstsein um die militärische Bedrohung hinter diesem außerordentlichen Verhalten seiner Spezies steckte. Wie immer haftete seiner Antwort die gewohnte, frustrierende Nebelhaftigkeit an; die Kernaussage jedoch kam deutlich genug durch:

Jawohl, Samantha und er seien sich in der Tat darüber im klaren, welche Wirkung nukleares oder kinetisches Bombardement aus der Umlaufbahn auf Bodenziele haben würde. Deshalb hätten sie – oder sie und der Clan, das verstand Honor nicht eindeutig – beschlossen, es sei allmählich Zeit, dass die Baumkatzen nicht mehr alle Eier in einen Korb legten. Honor war sich nicht ganz sicher, glaubte aber zu verstehen, dass schon bald andere Baumkatzen ihre adoptierten Menschen darum bitten würden, weitere Kolonistengruppen von Sphinx zu den beiden anderen bewohnbaren Planeten des Manticore-Systems zu schaffen, nach Manticore und Gryphon. Diese Andeutung weckte weitere Spekulationen. Anfänglich hatte Honor nur vermutet, ’Katzen seien weitaus intelligenter, als sie zugeben wollten. Im Laufe der Jahre hatte sich ihr Verdacht zur festen Überzeugung erhärtet: Die Baumkatzen verbargen ihre Intelligenz vor den Menschen.

Kein adoptierter Mensch konnte je an der Tiefe, Stärke und Existenz der Bindung zwischen ihm und ›seiner‹ ’Katz Zweifel hegen. Honor wusste, dass Nimitz sie ebenso ungestüm liebte wie sie ihn. Doch stets hatte immer nur ein winziger Bruchteil der gesamten Baumkatzenpopulation Menschen adoptiert, und manchmal fragte Honor sich, ob diese ’Katzen ihrer Spezies möglicherweise als Späher oder Beobachter dienten.

Berichtete Nimitz seinem Clan regelmäßig, was er während seiner Abwesenheit von der Heimatwelt sah und erlebte? Hatten die Baumkatzen schon vor langer Zeit beschlossen, man müsse diese Menschen, die sich auf Sphinx breitmachten, unbedingt im Auge behalten? Angesichts des Vernichtungspotentials der menschlichen Technik, die eben nicht nur zu friedlichen Zwecken eingesetzt wurde, hatten es die Baumkatzen gewiss für sehr sinnvoll gehalten, die Neuankömmlinge genau zu studieren. Zwar hatte Honor Nimitz nie gefragt, ob er seinem Clan Bericht erstattete, doch je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie sich dessen. Nicht, dass es ihr etwas ausgemacht hätte. Schließlich sprach sie ja auch mit anderen Menschen über ihre Erlebnisse – auch über die, an denen Nimitz teilhatte. Im Gegenzug musste sie ihm und seiner Familie das gleiche Recht einräumen.

Die Entscheidung des Clans, außerplanetare Kolonien zu gründen, bewies, dass die Baumkatzen viel weiter dachten, als selbst der kühnste Baumkatzenexperte jemals postuliert hätte. Die Entscheidung setzte nicht nur eine recht ausgefeilte Bedrohungsanalyse voraus, sondern auch die Befähigung, eine generationsübergreifende Überlebensstrategie zu formulieren – vielleicht nicht nur für den Clan, sondern für die gesamte Spezies. Ein recht ernüchternder Gedanke, und wenn er sich erst durchgesetzt hätte, müssten jene Experten ihr Hypothesengebäude grundlegend renovieren. Ganz besonders aber die Theorien darüber, dachte Honor lächelnd, dass sieben der letzten neun manticoranischen Monarchen bei Staatsbesuchen auf Sphinx adoptiert worden sind. Wenn Honor mit ihren Schlussfolgerungen richtig lag, dann kannten sich die Baumkatzen mit den politischen Strukturen der Menschen weit besser aus, als irgend jemand in seinen wildesten Träumen angenommen hätte.

Doch zunächst, rief sie sich zur Ordnung, muss ich mich um die unmittelbareren Folgen kümmern, die sich aus diesem Entschluss zur Immigration ergeben. Nimitz und Samantha konnten dadurch auf eine großzügige Anzahl von Babysittern zurückgreifen, und das war angesichts der überschäumenden Energie und Neugierde ihres Nachwuchses ein beträchtlicher Vorteil. Zudem hatten die acht im Gegensatz zu den meisten ›wilden‹ ’Katzen eine weit größere Bereitwilligkeit erkennen lassen, sich mit Menschen abzugeben. Honor hatte es bislang noch nicht gewagt, sie mit einer großen Menschenansammlung zu konfrontieren, aber weder MacGuiness noch die zwölf Waffenträger schienen die ’Katzen in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen. Tatsächlich waren die acht neuen von Nimitz und Samantha umhergeführt und jedem einzelnen Angehörigen von Honors Gutsherrngarde offiziell vorgestellt worden. Die meisten der acht ’Katzen hatten wie Nimitz den Gebrauch des Händeschüttelns übernommen, und bei dem Nicken, Ohrenschlagen und Schwanzzucken der übrigen hatte es sich eindeutig um höfliche Begrüßungsgesten gehandelt.

Mit gleichem Aplomb gingen die Baumkatzen an Bord der Tankersley. Sie befolgten Honors Bitte, nicht ohne menschliche Begleitung im Schiff umherzustreichen. Wie Nimitz und Samantha begriffen sie, dass menschliche Technik nicht nur mit Absicht, sondern auch durch Unfälle töten konnte, und sie willigten nicht nur deutlich ein, solche Gefahren zu meiden, sondern schützten die Kätzchen mit niemals nachlassender Aufmerksamkeit vor jedem derartigen Risiko.

Noch dreißig Minuten, und die GSN-Pinasse, die Honor und ihr Gefolge von Bord der Tankersley geholt hatte, würde sie alle auf dem Landeplatz des Harringtoner Raumflughafens absetzen. Als Hera, die über die Sitze springende Kinderfrau, nun den flüchtigen Achilles neben Samantha auf den Sitz legte, fragte Honor sich, wie die Graysons wohl auf die bevorstehende Baumkatzeninvasion reagieren würden.

Die Siedler des Planeten Grayson waren an herbe Beeinträchtigungen durch ihre Umwelt gewöhnt. In vielerlei Hinsicht hätte man den Planeten als eine weltweite Giftmülldeponie bezeichnen können, auf der sich von Menschen bewohnbare Enklaven nur mit unermüdlicher Arbeit errichten und unterhalten ließen. Ein Jahrtausend lang war drakonische Geburtenkontrolle unerlässlich gewesen. Erst im Laufe der letzten drei T-Jahrhunderte und besonders des jüngsten Jahrzehnts hatten sich die Bedingungen immer mehr zum Guten gewandt. Als Grayson der Manticoranischen Allianz beitrat, hatte sich der Planet bereits durch gewaltige Orbitalfarmen und weltraumbasierte Industrien an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Der Fortschritt beschleunigte sich weiterhin durch die Ideen eines Ingenieurs namens Adam Gerrick. Der junge Mann war in das Büro seiner neu eingesetzten Gutsherrin gekommen und hatte vorgeschlagen, aus den modernen Materialien, die dank der Allianz nun auch Grayson zur Verfügung standen, gewaltige umweltkontrollierte Kuppeln zu errichten, um damit ganze Farmen zu schützen. Sein verwegener Plan erforderte Summen, die über die Mittel des Guts von Harrington hinausgingen – aber nicht über die Mittel der Gräfin von Harrington. Mittlerweile errichtete Honors Firma, Grayson Sky Domes Ltd., nicht nur Farmen, sondern überkuppelte bereits ganze Städte.

In erster Linie war es dieser Firma zu verdanken, dass sich Honors Vermögen in geradezu geometrischer Rate vervielfachte, wenngleich auch andere Faktoren eine Rolle spielten. Ganz wie Neufsteiler vorhergesagt hatte, geriet Honors Vermögensanstieg zu einer Art sich selbst unterhaltenden Reaktion, sobald das Kapital eine gewisse Grenze überschritten hatte. Honor eignete sich zwar gezwungenermaßen die Grundlagen der Finanzwirtschaft an, konnte einem erfahrenen, alten Finanzier wie Neufsteiler jedoch bei weitem nicht das Wasser reichen. Dem Planeten Grayson jedenfalls hatten ihre Anstrengungen eine rasch zunehmende Anzahl sicherer Habitate eingebracht, ganz zu schweigen von der Abschaffung vieler traditioneller Beschränkungen der Geburtenraten.

Und nun beabsichtigte sie – genauer gesagt, Nimitz’ Clan -, eine zweite intelligente Spezies in diese Mischung einzuführen. Natürlich würde es eine Weile dauern, bis die meisten Graysons begriffen hatten, dass es sich bei den ’Katzen um eine intelligente Art handelte. Honor erwartete allerdings, dass die Graysons es mindestens ebenso schnell bemerkten wie die Manticoraner. Nimitz hatte wegen ihr viel zu sehr im Blickfeld der Öffentlichkeit gestanden, als dass ein Grayson seine Intelligenz bestreiten konnte. Im Sternenkönigreich hingegen kamen nur wenige Nichtsphinxianer mit Baumkatzen in Berührung. Dass die ’Katzen akzeptierter Bestandteil der ›Szene‹ waren, erleichterte offenbar den gebürtigen Manticoranern, die Intelligenz der sphinxianischen Ureinwohner zu übersehen. Während die Graysons Nimitz als faszinierendes, neues Wesen betrachteten, gaben sich die Manticoraner geradezu dünkelhaft und begnügten sich mit dem, was sie bereits ›wussten‹.

Für Honor und Nimitz war es recht erfrischend gewesen, einen ganzen Planeten voller Menschen kennenzulernen, die bereit waren, den ’Kater zu nehmen, wie er war. Andererseits würden die Graysons deswegen schnell begreifen, dass Nimitz’ und Samanthas neue Freunde im Endeffekt das Vorauskommando eines Invasionskeils darstellten – einer freundlichen Invasion zwar, aber dennoch einer Invasion. Zu den traditionellen Rechten der Gutsherren gehörte die Entscheidungsbefugnis, wie viele und welche Einwanderer sich auf dem Gut niederlassen durften. In früheren, grimmigeren Tagen hatte der Gutsherr die entsetzliche Pflicht gehabt, zu entscheiden, welche seiner Siedler sterben mussten, wenn die Bevölkerungsdichte die maximale Belastung überschritt, die das Gut ertragen konnte. Honor war unaussprechlich dankbar, dass die Gegenwart solche Entscheidungen nicht mehr erforderte. Dennoch hielt man auf Grayson nach wie vor die Tradition hoch, die Bevölkerungsdichte im Einklang mit den Ressourcen zu halten, und ausgerechnet in diese Umgebung sollte Honor nun Baumkatzen einführen.

Immerhin wuchsen Baumkatzenpopulationen weit langsamer als ihre Mehrfachgeburten zunächst befürchten ließen. Samanthas Wurf bestand aus vier Jungen und war somit durchschnittlich groß, doch gebaren die meisten Baumkatzen nicht öfter als einmal in acht bis zehn T-Jahren. Allerdings konnten Baumkatzen zweihundert Jahre alt werden und blieben drei Viertel dieser Zeit fruchtbar, so dass ein einzelnes Paar eine gewaltige Nachwuchsschar in die Welt zu setzen vermochte, wenn auch verteilt über eine große Periode. Auf Grayson, dem die schier unendlichen Wälder fehlten, der natürliche Lebensraum für Sphinx’ eingeborene Intelligenzen, führte kein Weg daran vorbei, dass die menschliche Gesellschaft und die der Baumkatzen sich erheblich enger verflochten. Die ’Katzen würden an die lebenserhaltenden Enklaven der Menschen gebunden sein, und Honor fragte sich, welche Auswirkungen dies auf die Adoptionsrate hätte.

Ob nun mehr Baumkatzen einen Menschen adoptierten oder nicht, sie würden sich in dieser radikal neuen Umwelt ihre eigene Nische suchen müssen. Honor machte sich keine Sorgen; die Baumkatzen waren dazu in der Lage und würden es tun. Und zwar so, dass aus ihnen geschätzte Mitbürger werden, dachte sie. Bis dahin war Honor legal dazu ermächtigt, die Baumkatzen ihre erste Kolonie auf dem Gut von Harrington errichten zu lassen. In Anbetracht des Stolzes und der Begeisterung, mit denen ihre Siedler ›ihren eigenen‹ Baumkater Nimitz bedachten, erwartete Honor, dass die ersten Stadien sehr glatt verlaufen würden.

Wahrscheinlich wird das größte Problem darin bestehen, dass es viel zuwenig ’Katzen gibt für alle! dachte sie mit verstecktem Grinsen.

Mit peinlicher Sorgfalt setzte die Pinasse auf.

Geduldig wartete das Empfangskomitee vor der gelben Warnlinie, bis der Pilot die Bauch-Traktorstrahler aktiviert, den Kontragrav ausgeschaltet und die anderen Bordsysteme abgestellt hatte. Die Luke öffnete sich. In diesem Moment hätte normalerweise die Kapelle begonnen, den Gutsherrenmarsch zu schmettern, doch hatte Lady Harrington strikte Anweisung gegeben, die Musiker diesmal zu Hause zu lassen – und diese Anweisung mit bemerkenswert finsteren Drohungen darüber geschmückt, was widrigenfalls geschähe. Also schritten Howard Clinkscales und Katherine Mayhew, die ranghöchsten Angehörigen der Abordnung, auf den Fuß der Rampe zu, nachdem das grüne Sicherheitslicht aufgeleuchtet war. Dichtauf folgten White Haven, als ranghöchster Vertreter Manticores, und Miranda LaFollet, die in der Hierarchie von Honors graysonitischem Haushalt gleich nach ihrer Gutsherrin kam.

Lady Harrington erschien in der Luke; der Baumkater saß auf ihrer Schulter, wie es nicht anders zu erwarten gewesen war. White Haven überraschte es, dass sie die Uniform der RMN und nicht die der Grayson Space Navy trug. Der Admiral zwinkerte erfreut. Als er sie zum letzten Mal in manticoranischem Schwarz und Gold gesehen hatte, befand sich an ihrem Kragen der einzelne goldene Planet, und ihre Ärmel zierten die vier schmalen Streifen eines Captain of the List. Heute aber prangte am Kragen ein Doppelplanet, und die untersten Ärmelstreifen waren doppelt so breit wie früher: Lady Dame Honor Harrington war zum Commodore befördert worden. Davon hatte ihn bislang niemand unterrichtet, doch empfand White Haven freudige Überraschung. Commodore lag noch weit unter dem Rang, den Harrington verdient hatte, bedeutete jedoch einen Schritt in die richtige Richtung … und war ein weiteres Indiz, dass die politische Vendetta der Opposition gegen Lady Harrington an Impetus verlor.

Man hatte ihr, wie er feststellte, nun auch das Saganamikreuz verliehen, das an ihrer Brust hing, neben dem Stern von Grayson, dem Manticorekreuz, dem Tapferkeitsorden, dem Präsidialorden von Sidemore und dem CGM mit Sternhaufen. Eine nette Sammlung, dachte White Haven, und sein Blick verfinsterte sich. Mehr als die meisten Menschen wusste er, wie schwer man sich diese kleinen Stücke Blech am Seidenband verdienen musste; auch ihn plagten in schlechten Nächten Alpträume, und er konnte sich ausmalen, welchen Tribut Harrington noch immer von Zeit zu Zeit dafür zollte.

Dann stürzte Katherine Mayhew vor, und White Havens Laune besserte sich schlagartig. Rasch verbarg er ein möglicherweise undiplomatisch wirkendes Lächeln. Nach manticoranischen Standards waren alle Graysons kleinwüchsig, doch Katherine war selbst für eine Grayson winzig. Lady Harrington überragte Protector Benjamins erste Ehefrau, die Königsgemahlin von Grayson, um fast einen halben Meter. Neben dem schlichten Schwarz und Gold der manticoranischen Uniform funkelte Katherine Mayhews Gewand, als bestünde es aus Juwelen. Doch obwohl sie nebeneinander beinahe komisch wirkten, fand sich zwischen ihnen keinerlei Befangenheit, und ihre offene Freundschaft ging weit über die förmliche Herzlichkeit hinaus, die man von der Frau eines Staatsoberhauptes und einer seiner mächtigsten Vasallinnen erwarten durfte. Schließlich wandte sich Harrington Howard Clinkscales zu. Als sie den alten Dinosaurier umarmte, hob White Haven unwillkürlich die Augenbrauen. Die öffentliche körperliche Berührung zwischen den Geschlechtern galt auf Grayson als unerhört, und Harrington war dem Earl nie wie eine Frau vorgekommen, die jemanden aus Sympathie oder Wiedersehensfreude beiläufig berührte. Erst als er Clinkscales’ Miene sah, begriff er, dass von Beiläufigkeit keine Rede sein konnte.

Hamish Alexander war noch damit beschäftigt, dieses Informationsbruchstück einzuordnen, als sich eine weitere Baumkatze geschmeidig aus der Schleusentür schob. Einen Augenblick lang nahm er an, es handele sich dabei um die Partnerin von Harringtons … Nimitz, so hieß er. Diese Annahme schwand, als eine zweite, dann eine dritte, eine vierte und eine fünfte Baumkatze folgte: eine ganze Prozession von Baumkatzen stolzierte die Rampe herab, und eine davon trug die winzigen, unruhigen Gestalten von Baumkätzchen. Niemand hatte ihn in irgendeiner Weise darauf vorbereitet, und den Reaktionen der Umstehenden entnahm White Haven, dass es ihnen nicht anders ging. Der Admiral empfand einen plötzlichen, beinah unwiderstehlichen Drang, laut loszuprusten über Honor Harringtons Talent, immer wieder den Status quo auf den Kopf zu stellen.

Als Katherine Mayhew sich mitten im Satz unterbrach, lächelte Honor ironisch. Sie hatte durchaus erwogen, die näheren Begleitumstände ihrer Ankunft vorher anzukündigen, doch war die Tankersley ein schnelles Schiff. Star Falcons stellten die zivile Version der militärischen und diplomatischen Kurierboote dar, die man zum Transport von Depeschen oder Passagieren einsetzte, wo Zeitersparnis vonnöten war. Als Frachttransporter hätte sich die Tankersley niemals effektiv einsetzen lassen; wegen ihrer Geschwindigkeit hingegen wäre auch das schnellste Postschiff maximal zwei Tage vor ihr im Jelzin-System eingetroffen, um die Bewohner auf die Invasion der Baumkatzen vorzubereiten. Da Honor im voraus nicht sicher bestimmen konnte, wie man die Neuigkeiten aufnehmen würde, hatte sie beschlossen zu warten, bis sie ihre Siedler persönlich davon in Kenntnis zu setzen vermochte. Gewiss, sie schuf damit Tatsachen, aber das hielt sie vertretbar. Als auf den Anblick der ’Katzen, die den Planeten betraten, allerdings ringsum tiefes Schweigen folgte, stieg Honors Nervosität um etliche Grade an. Die Baumkatzen folgten ihr die Rampe hinunter, nahmen in einer ordentlichen Reihe hinter ihr Aufstellung und ließen sich auf die hinteren vier Gliedmaßen nieder. Einige waren damit beschäftigt, ein Kätzchen zu bändigen, das herunter wollte – hier und jetzt! -, die anderen strichen sich die Schnurrhaare, und alle zeigten sie sich völlig unberührt vom fassungslosen Starren der Graysons.

»Howard, Katherine«, wandte sich Honor an Clinkscales und Madam Mayhew, »erlauben Sie mir, Ihnen die neuesten Bürger des Guts von Harrington vorzustellen. Dies sind« – sie drehte sich zu den Baumkatzen um und deutete nacheinander auf sie – »Samantha, Nimitz’ Partnerin, und ihre Freunde Hera, Nelson, Farragut, Artemis, Hipper, Togo, Hood und Athena. Die Kätzchen heißen Jason, Cassandra, Achilles und Andromeda. Und umgekehrt«, sagte sie an die ’Katzen gewandt, »sind dies Howard Clinkscales, Katherine Mayhew, Miranda LaFollet, Earl Whi -«

Erstaunt unterbrach sie sich mitten im Wort, als Farraguts Blick die Augen Mirandas suchte und fand. Der ’Kater bewegte nur den Kopf, und trotzdem spürte Honor den unvermittelten Impuls, der über Nimitz auf sie übersprang und wie ein Hammerschlag singend in ihr widerhallte. Dann schoss Farragut wie ein cremefarben-grauer Blitz vor. Zwei Meter vor Miranda hob er vom Boden ab, und im Sprung streckte er sich. Honor hörte, wie hinter ihr Andrew LaFollet scharf die Luft einsog. Ihr Waffenträger wusste aus eigener Anschauung, was die Krallen einer Baumkatze anzurichten vermochten, und wollte seiner Schwester eine Warnung zurufen. Nur, dass Miranda nicht gewarnt werden musste. In ihren sanften, weit aufgerissenen Augen – die vom gleichen klaren Grau waren wie die ihres Bruders – stand überraschte Verwunderung, doch streckte sie instinktiv die Arme aus. Farraguts Sprung trug ihn mit so natürlich anmutender Präzision in ihre Arme, dass es den Anschein von Unausweichlichkeit erweckte. Auf der Stelle umschlang Miranda den ’Kater und drückte ihn fest an sich. Sein hohes Schnurren surrte durch die Nachmittagsluft. Farragut umarmte seinerseits Miranda und rieb wie verzückt seinen Kopf an ihre Wange.

»Also!«, rief Honor nach einem Augenblick aus; sie stieß das Wort hervor wie angestaute Druckluft. »Wie ich sehe, brauche ich euch einander nicht mehr vorzustellen.« Miranda blickte nicht einmal auf, nur Katherine Mayhew räusperte sich.

»Äh … war das das, was ich glaube?«, fragte sie, und Honor nickte.

»Allerdings. Soeben sind Sie Zeugin der allerersten Adoption eines Grayson durch eine sphinxianische Baumkatze geworden … und Gott allein weiß, wo der Blitz als nächstes einschlägt.«

»Hängt das so sehr vom Zufall ab, Mylady?«, fragte Clinkscales, der seine Anspannung nur durch die für ihn typische, eiserne Disziplin bezwingen konnte.

Honor hob die Schultern. »Nein, es ist nicht zufällig, Howard. Leider hat niemals jemand herausgefunden, nach welchen Kriterien die Baumkatzen sich ihre Gefährten auswählen. Nach meinen Beobachtungen verfügt jede einzelne von ihnen über einen völlig individuellen Satz von Werturteilen, und die meisten von ihnen ahnen vermutlich nicht einmal, dass sie einen Menschen adoptieren werden, bevor sie der nichtigem Person begegnen.«

»Na gut.« Der Regent blickte noch einen Moment auf Miranda und Farragut, dann auf die übrigen Baumkatzen, und riss sich sichtlich zusammen. »Nun, dennoch, Mylady, willkommen daheim. Aus mehreren Gründen freue ich mich, Sie zu sehen; nicht zuletzt …« – er lächelte diabolisch – »wegen des Riesenstapels Schriftverkehr, der sich in Ihrer Abwesenheit angesammelt hat.«

»Howard, Sie sind ein Sadist«, stellte Honor lächelnd fest. »Diesmal werden Sie sich allerdings noch eine ganze Weile in Geduld üben müssen, bevor ich mich wieder ins Büro zerren lasse.« Er zwinkerte ihr zu, und sie reichte Earl White Haven die Hand. »Hallo, Mylord. Wie schön, Sie wiederzusehen.«

»Ganz meinerseits, Mylady«, antwortete Hamish Alexander. Technisch gesehen, hätte Commodore Harrington den Admiral der Grünen Flagge White Haven in strenger militärischer Form grüßen sollen. Die Gutsherrin von Harrington andererseits, die gerade auf ihr Gut zurückgekehrt war, überragte außer Protector Benjamin gesellschaftlich jeden, und beeindruckte den Earl durch die spontane Anmut, mit der sie ihre beiden unterschiedlichen Rollen voneinander abgrenzte. Schon vor geraumer Zeit, vor ihrer Rückkehr in manticoranische Dienste, hatte er hier auf Grayson mit ihr gesprochen und erkannt, wie trefflich Harrington in ihre Rolle als große Feudalherrin hineingewachsen und zu welcher Reife sie im Zuge dessen gelangt war. Offenbar hatte sich diese positive Entwicklung seitdem fortgesetzt, und einmal mehr fragte er sich, ob sie sich der Änderungen ihrer Persönlichkeit überhaupt bewusst war.

»Tut mir leid, der ganze Rummel«, sagte sie zwanglos. »Ihre Lordschaften haben mir sowohl meine Order als auch Depeschen für Sie mit auf den Weg gegeben.« Sie blickte an ihm vorbei auf die anderen örtlichen Würdenträger, Militärangehörige und Gardisten, die darauf warteten, sie begrüßen zu dürfen, und setzte erneut das schiefe Lächeln auf, das ihr die künstlichen Nerven in ihrer linken Gesichtshälfte aufzwangen. »Für die nächste halbe Stunde werde ich wohl mit Begrüßungen beschäftigt sein, Mylord, und dann muss ich Sam, die Kätzchen und die übrigen ’Katzen im Haus unterbringen. Darf ich Ihre Gutmütigkeit ausnutzen und Sie bitten, auf Ihre Depeschen zu warten, bis ich den Kopf wieder frei habe?«

»Selbstverständlich dürfen Sie das, Mylady«, antwortete der Earl lachend und ließ ihre Hand los, nachdem er sie ein letztes Mal gedrückt hatte.

»Vielen Dank, Mylord. Ich danke Ihnen sehr«, sagte Honor mit spürbarer Aufrichtigkeit, dann drehte sie sich um und stellte sich der Welle von Menschen, die alle vordrängten, um sie daheim willkommen zu heißen.

2

Gewiss hätte ein unvoreingenommener Beobachter die Art und Weise, in der Hamish Alexander die Bibliothek von Harrington House betrat, als verstohlen bezeichnet. Der Earl schaute aufmerksam in die Runde und entspannte sich: Der große Raum war leer. White Haven lockerte mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung den Kragen seiner Galauniform, während er den Harringtoner Wappenschild überschritt, der ins Fußbodenparkett eingearbeitet war. Zwar folgte ihm durch die offene Tür leise Musik, dank der Entfernung hörte er jedoch wenigstens nicht mehr das Hintergrundgemurmel, und auf dem polierten Holz waren seine Schritte klar zu vernehmen.

White Haven schnallte sich den archaischen Degen ab, der unumgänglich zur Galauniform gehörte, und lehnte ihn an eines der von Büchern umgebenen Terminals; dann ließ er sich in den bequemen Sessel vor der Datenstation sinken und reckte sich ausgiebig. Die Bibliothek war zu einem seiner Lieblingsplätze in Harrington House geworden. Wenn ihr Inhalt Honor Harringtons persönlichen Geschmack widerspiegelte, dann teilten sie beide mehr Interessen, als er geahnt hatte. Zu seinem Wohlempfinden trug die geschmackvolle, behagliche Einrichtung ebenso bei wie die Stille, die darin herrschte – die Stille ganz besonders, dachte er grinsend.

Ein letztes Mal reckte er sich, dann ließ er den Bürosessel genüsslich nach hinten klappen. Durch seine Geburt war White Haven schon in sehr zartem Alter mit den höchst förmlichen Bällen in Berührung gekommen, die von der sozialen Oberschicht des Sternenkönigreichs veranstaltet wurden, doch hatte er solche Feste nie geschätzt. Darum hatten seine Eltern dafür gesorgt, dass er sich wenigstens die Fertigkeit aneignete, Vergnügen vorzutäuschen. Nur sehr selten entsprach diese Fassade seinen wirklichen Gefühlen, und selbst dann nur zeitweise. Mindestens der Hälfte aller Feste, an denen er teilnehmen musste, hätte White Haven eine altmodische Wurzelbehandlung vorgezogen, eine legendäre Foltermethode aus der Zeit vor Beginn der Raumfahrt. Der formelle Ball an diesem Abend hatte ihn ungeachtet aller Selbstbeherrschung regelrecht in die Flucht geschlagen.

Nicht, dass der Admiral etwas gegen seine Gastgeber hätte sagen wollen. In mancherlei Hinsicht fand White Haven die Graysons bewundernswert: angefangen bei ihrer Ablehnung des Gedankens, irgendeine Aufgabe sei unmöglich zu bewältigen, bis hin zu ihrer Courage, ihrem grundsätzlichen Anstand und ihrer Erfindungsgabe. Bei Besprechungen mit ihren Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften fühlte er sich akzeptiert, und nur selten stieß er auf Probleme, wenn er sich mit Zivilisten auf pragmatischer Ebene zu einigen hatte. Wenn jedoch an White Havens Ohren drang, was man auf Grayson unter klassischer Musik verstand, so stellten sich ihm die Nackenhaare auf; und auf diesem Planeten ließ man sich keinesfalls davon abhalten, diese Kakophonien auf offiziellen Anlässen zu spielen. Zudem befand sich die graysonitische Gesellschaft als Ganzes in einem Übergangszustand, was Alexanders grundlegende Abneigung gegenüber geselligen Zusammenkünften verstärkte. Dennoch war es ihm unmöglich, diese Anlässe zwanglos zu meiden.

Seine Mission im Jelzin-System war nicht rein militärischer Natur, sondern verfolgte zu wenigstens einem Drittel diplomatische Ziele. Als Earl und ältester Bruder des zweithöchsten Ministers der Regierung Cromarty musste er sich auf dem diplomatischen Parkett zu bewegen wissen. In der vorhergehenden Amtsperiode des manticoranischen Premierministers, des Herzogs von Cromarty, hatte White Haven außerdem drei Jahre lang als Dritter Raumlord gedient, eine Verwendung, die fast ebenso viele politische wie militärische Aufgaben einschloss. Bei dieser Vorgeschichte erwartete man von ihm, dass er sich auf höchster Ebene mit den politischen Kreisen Graysons befasste. Nur wurden auf diesem Planeten politische Absprachen oft unter dem Deckmantel gesellschaftlicher Anlässe getroffen, so dass White Haven zahlreiche seiner theoretisch ›freien‹ Abende auf der einen oder anderen Party verbringen musste. Vom Musikgeschmack einmal abgesehen, wirkten die konstant wechselnden Sitten der graysonitischen Gesellschaft auf die Dauer überaus ermüdend auf jemanden, der aus dem Sternenkönigreich stammte. Dort wäre der Gedanke, dass die Frau dem Manne nicht gleichgestellt sei, ohnehin so bizarr erschienen wie die Idee, ein Fieber durch Aderlass zu behandeln; hier auf Grayson musste sich White Haven mit solchen Vorstellungen und den dazugehörigen Überlegungen auseinandersetzen. An diesem Abend hatte sich seine nie verklingende Anspannung durch beruflichen Stress verdoppelt, und das hatte er den Depeschen aus der Heimat zu verdanken.

Alles wäre einfacher, sann er, kippte den Sessel noch weiter zurück und legte die Füße neben dem Degen auf den Tisch, wenn sich auf Grayson seit dem Allianzbeitritt nichts geändert hätte. Dann hätte er die Graysons kurzerhand als einen Haufen hinterwäldlerischer Barbaren abtun können, die vielleicht in mancherlei Hinsicht bewundernswert, wenn auch ein wenig hinterwäldlerisch waren; im Umgang mit ihnen hätte er eine vorher ausgearbeitete Rolle spielen können, als sei er ein Schauspieler in einem historischen Holo-Drama. Dann bräuchte er sich nun nicht mehr die Mühe machen, sie wirklich zu begreifen, sondern müsste lediglich die richtigen Signale geben, um ihnen vorzugaukeln, er verstünde, was sie bewegte.

Leider war sich Graysons Oberschicht über die Regeln angemessenen Verhaltens im Moment ebenso unschlüssig wie jeder Fremdweltler. Zwar bemühte man sich, das musste White Haven einräumen, und er war beeindruckt, welch große Fortschritte den Graysons innerhalb kürzester Zeit gelangen; dennoch lastete auf allem eine Atmosphäre beinahe greifbarer Orientierungslosigkeit. Einigen großen Damen der Gesellschaft behagten die Abweichungen von althergebrachten Wertmaßstäben überhaupt nicht, und die halsstarrigsten der männlichen Konservativen beklagten den Verlust ihrer früheren Privilegien. Diese Gruppen fanden sich zu einem merkwürdigen Bund zusammen, und ihr Widerstand gärte gerade unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Fast greifbar war ihr Trotz, wenn sie sich zu öffentlichen Anlässen demonstrativ an die alten Formen und Regeln klammerten – was sie selbstverständlich auf direkten Kollisionskurs mit den meist jüngeren Pendants brachte, die den Gedanken der weiblichen Gleichberechtigung mit militantem Eifer in Szene setzten.

White Haven fand die enthusiastischeren Reformer noch ermüdender als die Reaktionäre. An ihren Motiven war nichts auszusetzen, doch blieb die Tatsache bestehen, dass Benjamin IX. seiner Heimatwelt eine Revolution von oben auferlegt hatte. Er stellte eine Sozialordnung um, die trotz ihrer Fehler immerhin den Vorzug der Stabilität aufgewiesen und sich in den letzten sechs- oder siebenhundert Jahren nur sehr graduell verändert hatte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen hatten die Graysons eine allenfalls nebulöse Vorstellung der Richtung, in der die Entwicklung verlaufen sollte, und manche Reformer schienen zu glauben, dass Schrillheit ein annehmbarer Ersatz für Orientierung sei. Der Earl war zuversichtlich, dass dieser Zustand letztlich überwunden würde – die Reformen dauerten erst wenige Jahre an, und mit der Zeit würde sich vieles klären. Doch im Augenblick schienen die Reformer ihre Hauptaufgabe darin zu sehen, jedem ein unbehagliches Gefühl einzuflößen, der an einer gesellschaftlichen Zusammenkunft teilnahm, indem sie ihre Ablehnung der alten Ordnung aggressiv zur Schau stellten.

Durch den Konflikt zwischen der alten Garde und der neuen standen White Haven und die anderen Manticoraner direkt im Kreuzfeuer. Die Reaktionäre betrachteten die Fremdweltler als Quell der Seuche, die alles niederriss, was man kannte und liebgewonnen hatte, während die Reformer davon ausgingen, dass die Manticoraner die Reform unterstützen müssten … obwohl sich ebendiese Reformer offensichtlich nicht einmal untereinander einig waren! Auf diesem Drahtseil zu balancieren, ohne jemanden zu kränken – oder wenigstens nicht noch mehr zu kränken -, war beinahe ebenso ermüdend wie ärgerlich, und White Haven hing die Situation ganz einfach zum Halse heraus.

Auf dem Gut von Harrington war die Stimmung insgesamt etwas besser, weil es von Anfang an die aufgeschlossensten Bürger anderer Güter angezogen hatte. Nur zukunftsorientierte Menschen hatten den Entschluss treffen können umzuziehen, um unter der Feudalherrschaft des ersten weiblichen Gutsherrn der Weltgeschichte zu leben. Ob Lady Harrington es nun wusste oder nicht, ihr Status als Lehnsherrin machte sie zum Arbiter elegantiae auf ihrem Gut. Ihre Siedler beobachteten sie genau und stimmten die eigene Etikette auf Lady Harrington ab. Daher fühlte sich White Haven auf Harrington erheblich behaglicher als auf den anderen Gütern, und zumindest die frühe Phase des heutigen Balls, die der Begrüßung Lady Harringtons diente, hatte ihm gefallen. Sein Drang, dem Treiben zu entfliehen, war mehr auf kumulierte Erschöpfung zurückzuführen als auf einen konkreten Anlass.

Nachdem er die von Lady Harrington mitgebrachten Befehle und Dokumente überflogen hatte, verließen ihn die Sorgen nicht mehr. Mit Freude hatte er erfahren, dass sie der 8. Flotte zugeteilt werden sollte, doch einige Berichte des Office of Naval Intelligence, des Nachrichtendienstes der Navy, waren sehr beunruhigend. White Haven wollte sie so rasch wie möglich mit Hochadmiral Matthews und Command Central besprechen. Einer der Hauptgründe für sein Verschwinden von der Feier hatte darin bestanden, dass er Zeit benötigte, um die Daten zu überdenken und die Einzelteile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Zu anderen Inhalten des Depeschenpakets musste er sich erst noch ein Urteil bilden, denn so bedrohlich die ONI-Analysen der havenitischen Aktivitäten auch erschienen, einige Empfehlungen des Weapons Development Boards der RMN lagen White Haven noch schwerer auf der Seele.

Er hielt es für fragwürdig, weitreichende und grundlegende Änderungen in der Flottenbewaffnung vorzunehmen, wenn man dazu ausgerechnet einen Zeitpunkt wählte, an dem das Sternenkönigreich ums Überleben kämpfte. Vor dem Krieg hatte er eine bittere, Jahrzehnte währende Schlacht gegen die Materialstrategen der Jeune école gefochten, die immerfort halb ausgereifte Waffensysteme einführen wollten. Zuzeiten hatten die Meinungsverschiedenheiten zu einem Austausch giftiger persönlicher Bemerkungen geführt, aus denen sich zu White Havens Bedauern heftige Fehden innerhalb der Navyführung entwickelten, doch davon hatte er sich in seinem Widerstand niemals beirren lassen. Das hatte er nicht gewagt. Die Jeune école war so sehr in den Gedanken verliebt, entscheidende taktische Vorteile aus technischen Neuentwicklungen zu ziehen, dass sie letztendlich dem Irrglauben folgte, alle neuen Ideen seien allein schon deswegen gut, weil sie neu waren. Eine sorgfältigere Begutachtung der taktischen Vorzüge und Nachteile hielt die Jeune école oft nicht durch. Was in letzter Zeit aufs Tapet gebracht worden war, erweckte bei White Haven den Eindruck, die Jeune école habe auch nicht die geringste Lehre aus dem Krieg gezogen, und deshalb …

Als er auf dem Parkett der Bibliothek klackende Schritte hörte, löste White Haven sich aus seinen schweifenden Gedanken. Eiligst nahm er die Füße von der Konsole und rückte den Sessel gerade, drehte sich damit zur Tür um und hielt inne. Im Laufe der Jahre hatte er viel zuviel Schliff erhalten, um sich nun Erstaunen anmerken zu lassen. Dennoch bereitete es ihm mehr Mühe als sonst, sein Gesicht unter Kontrolle zu halten, denn er sah sich von seiner Gastgeberin dabei ertappt, wie er sich vor ihrer Party versteckte.

Sie verharrte wenige Schritte hinter dem Eingang. Der täuschend einfache weiße Rock und die jadegrüne Weste, die man schon als ihre zivile ›Uniform‹ bezeichnete, betonten ihre Körpergröße und ihre Schlankheit. Schräg hinter ihr stand Andrew LaFollet. Ihr braunes Haar fiel ihr auf den Rücken, ein scharfer Kontrast zu dem Kurzhaarschnitt, den sie bevorzugt hatte, als White Haven sie erstmals zu Gesicht bekam. Auf ihrer Brust glänzten der Schlüssel von Harrington und der Stern von Grayson, beide aus schwerem Gold. Ein bezaubernder Anblick, dachte White Haven und erhob sich respektvoll, um sie zu begrüßen.

Honor sah den Earl vom Sessel aufstehen und lächelte wegen seiner ertappten Miene. Selbstverständlich konnte er nicht wissen, dass die Überwachungssysteme von Harrington House sie den ganzen Abend lang über seinen Aufenthaltsort auf dem laufenden gehalten hatten.

Er beugte sich über ihre Hand und küsste ihr nach graysonitischer Sitte den Handrücken, dann richtete er sich auf. Ihre Hand behielt er locker in den Fingern. White Haven war ein breitschultriger, hochgewachsener Mann, dennoch standen sich ihre Augen in gleicher Höhe gegenüber. Der ’Kater auf ihrer Schulter hob den Kopf ein wenig und streckte sich. Honor bemerkte, dass Nimitz den Earl interessiert musterte.

»Wie ich sehe, haben Sie mein Lieblingsversteck gefunden, Mylord«, sagte sie.

»Versteck?«, erwiderte White Haven höflich.

»Aber ja.« Sie sah LaFollet an, und der Waffenträger las ihr den unausgesprochenen Befehl von den Augen ab. Der Gedanke, seine Gutsherrin ohne Rückendeckung alleinzulassen, hatte ihm noch nie behagt, doch selbst der Major musste einräumen, dass ihr in der Bibliothek keine Gefahr drohte. Also verbeugte er sich knapp, verließ den Raum und schloss die Tür. Mit raschelndem Rock schritt Honor an White Haven vorbei zum Hauptdatenterminal. Dort hob sie Nimitz auf die Sitzstange, die eigens für ihn über der Konsole angebracht war. Der Baumkater gab einen leisen, halb scheltenden, halb lachenden Laut von sich und wollte spielerisch ihre Hand packen. Aber dieses Spiel war Honor nicht neu; sie wich seinem Griff mit Leichtigkeit aus, versetzte ihm einen sanften Klaps auf die Nase und wandte sich wieder dem Earl zu.

»Ich muss leider zugeben, dass ich Partys eigentlich nicht mag, Mylord«, sagte sie. »Wahrscheinlich, weil ich mich dort immer noch fehl am Platze fühle. Mike Henke und Admiral Courvosier haben mir immerhin beigebracht, so zu tun, als würde ich mich amüsieren.« Sie warf ihm ein weiteres ihrer typischen schiefen Lächeln zu, und White Haven nickte, als hätte er das nicht bereits gewusst. Raoul Courvosier, Honor Harringtons Mentor in Akademietagen und auch später, war einer seiner engsten Freunde gewesen, und im Laufe der Jahre hatte Raoul ihm mehr von seiner Lieblingsschülerin erzählt als er selbst wohl für möglich gehalten hätte.

»Als Gutsherrin steht mir ein Versteck zu. Deshalb hat das Personal Anweisung, mir an Ballabenden die Bibliothek freizuhalten, damit ich weiß, wo ich zwischen den Scharmützeln meine Gedanken ordnen kann.«

»Das habe ich nicht gewusst, Mylady«, antwortete White Haven und griff nach seinem Galadegen, um ihn umzuschnallen und sich zurückzuziehen, doch Honor hielt ihn mit einem Kopf schütteln davon ab.

»Ich versuche keineswegs, Sie hinauszuwerfen, Mylord«, versicherte sie ihm. »Vielmehr hat der Überwachungsdienst Sie hier gesehen und Andrew Meldung erstattet. Deshalb bin ich Ihnen gefolgt … und wenn Sie den Weg nicht von allein gefunden hätten, dann würde Mac Sie im Augenblick mit sanfter Gewalt hierher drängen.«

»Ach so?« White Haven legte den Kopf schräg. Lady Harringtons Lächeln wirkte daraufhin etwas verkrampfter, und sie zuckte mit den Schultern.

»Ich habe gerade eine Verwendung beim WDB hinter mir, und Admiral Caparelli befürchtete, Sie könnten wegen einiger Empfehlungen gewisse … hm, Bedenken haben. Deswegen hat er mich angewiesen, mit Ihnen zu besprechen, was das Amt im Sinn hat. Anscheinend ist keiner von uns beiden ein begeisterter Partylöwe, und Sie werden im Laufe der nächsten Tage mit Hochadmiral Matthews und seinem Stab über die Vorschläge konferieren. Deshalb hatte ich gehofft, Ihnen zu allen Fragen heute Abend Rede und Antwort stehen zu können – soweit es mir möglich ist.«

»Ich verstehe.« White Haven rieb sich das Kinn. Recht selbstsicher und selbstbewusst ist sie geworden, dachte er dabei. Und erneut beeindruckte ihn, wie sie in ihre vielen verschiedenen Rollen hineingewachsen war. Eigentlich hätte ihn das nicht erstaunen sollen, und doch konnte er nicht umhin, sie mit der Honor Harrington zu vergleichen, die er hier im Jelzin-System kennengelernt hatte: ein weiblicher Offizier, der rein aufs Militärische bedacht war, von Politik nichts verstand und dafür (oder zumindest für Politiker) nur Verachtung übrig hatte.

An dieser selbstsicheren Staatsfrau war keine Spur von der damaligen politischen Ignoranz wiederzufinden, ein Wandel, der White Haven jedes Mal aufs neue in Erstaunen versetzte. Zum Teil rührte dies wohl daher, dass er noch zur ersten Generation von Manticoranern gehörte, die die Prolong-Behandlung erhalten hatten. Wie hoch seine Lebenserwartung nun auch sein mochte: als er aufwuchs, mussten die Menschen nach einer Spanne von etwas über einhundert T-Jahren sterben, und vermutlich schleppte er auf unterschwelliger Ebene diese Voraussetzungen noch als mentalen Ballast mit. White Haven war nun zweiundneunzig, und eine Frau, die so jung aussah wie Honor Harrington, musste ihm deshalb wohl noch immer wie ein Kind erscheinen. Ihre Prolong-Behandlung dritter Generation fror den Alterungsprozess viel früher ein. Er

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