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HONOR HARRINGTON: Im Exil

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. Epilog
  42. Nachwort des Autors
  43. Personen der Handlung
  44. Glossar

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

 

Für Roger Zelazny –
Einen Gentleman, einen Gelehrten, einen Geschichtenerzähler und einen Freund, den ich nicht lange genug kannte.

Prolog

Auf der Flaggbrücke Ihrer Majestät Sternenschiff Queen Caitrin saß der Admiral der Grünen Flagge Hamish Alexander, Dreizehnter Earl von White Haven, und starrte in den »Plot«, die holographische taktische Darstellung. Das Zentralgestirn des Nightingale-Systems glitzerte darin als weißer Funke, und dessen einziger bewohnbarer Planet, der zu weit entfernt war, um mit bloßem Auge sichtbar zu sein, zeigte sich als blaugrüner Lichtpunkt.

Die roten Lichtkennungen der havenitischen Kriegsschiffe taten es den Himmelskörpern gleich: Sie sprenkelten das Display wie ein aggressiver Hautausschlag. Die Schiffe standen zwischen der gelben G3-Sonne und der Queen Caitrin. White Haven betrachtete diesen Wall aus Licht aufmerksam. Die Sensoren der Volksflottenschiffe mussten seinen Verband schon vor Stunden entdeckt haben, doch bisher hatte der Gegner nichts Ausgefallenes versucht: Er hatte sich lediglich zwischen White Havens Kampfverband und dessen Ziel zu einer Mauer formiert und einen Kurs gesteuert, der das Zusammentreffen weit innerhalb der Hypergrenze des Sonnensystems platzierte. Damit überließ der Feind zwar White Haven die Initiative, der aber vermochte nicht allzu viel damit anzufangen. Die Haveniten wussten genau, was White Haven wollte, und sie befanden sich systemeinwärts von seinem Kampfverband und verfügten über die Mittel, ihre Position auch zu halten. Noch schlimmer, sie blieben zusammen und verfielen nicht in die zerstreuten Manöver, zu denen die Volksflotte in letzter Zeit oft neigte. Die Haveniten waren vier zu drei in der Überzahl, und angesichts ihrer Beharrlichkeit hatte White Haven sämtliche Gedanken an taktische Taschenspielertricks beiseitegeschoben. Aber er vertraute auf die Überlegenheit seiner Schiffe, und wenn er die Havies nicht aufspalten oder ausmanövrieren konnte, dann wollte er sie eben frontal angreifen.

Ein letztes Mal las er die Distanz ab, dann blicke er auf den Combildschirm, der das Kommandodeck der Queen Caitrin zeigte.

»Nun denn, Captain Goldstein. Sie dürfen das Feuer eröffnen.«

»Aye, aye, Mylord!«, schnarrte Captain Frederick Goldstein, und die Backbordbreitseite von HMS Queen Caitrin spuckte die erste schwere Salve.

Gleichzeitig mit dem Flaggschiff feuerte der Rest von Schlachtgeschwader 21, und alle acht Superdreadnoughts lösten simultan die Raketengondeln aus, die sie mit sich schleppten. Die Dreadnoughts von BatRon 8 und BatRon 17 schlossen sich an, und 3 200 impellergetriebene Raketen setzten zur Durchquerung von fünfeinhalb Millionen Kilometern Vakuum an.

White Haven beobachtete ihre Flugbahnen auf dem Plot und zog ein finsteres Gesicht. Dieser Eröffnungsschlag war klassisch, geradezu dem Taktiklehrbuch entnommen, und doch verspürte er ein bohrendes Unbehagen, das durch nichts Ersichtliches oder Fassbares begründet war. Voraus befanden sich erheblich mehr Ziele, als es dort hätte geben dürfen. Monatelang war der havenitische Widerstand bestenfalls punktuell gewesen und mit Einheiten vorgetragen worden, die aus irgendeinem Grunde lange genug zusammengehalten hatten, dass man sie noch gegen Manticores Vorstoß auf Trevors Stern einsetzen konnte. Nur entsprach die havenitische Kampfkraft in diesem Sonnensystem eher schon einem echten Kampfverband. Der Unterschied zwischen ihrem beständigen, unbeirrten Kurshalten und der Verwirrung, die seit Kriegsbeginn die havenitischen Flottenbefehlshaber heimgesucht hatte, hätte nicht größer sein können. In White Haven weckte der Gegensatz eine instinktive Vorsicht, es war, als stochere ihm dieser Instinkt fortwährend mit einem spitzen Stecken in die Seite. Nur darum feuerte White Haven auf derart große Entfernung, anstatt näher heranzugehen, bevor er seine erste und zugleich schwerste Salve auslöste. Er brachte sich dazu, bewegungslos zu sitzen, und kämpfte sodann den Drang nieder, erneut auf dem Sessel herumzurutschen. Die havenitische Feuererwiderung punktierte das taktische Display.

Der feindliche Beschuss war leichter als der Feuersturm, den White Havens Schiffe abgegeben hatten, denn die Haveniten vermochten den manticoranischen Raketengondeln nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Aber der gegnerische Kampfverband bestand aus vier kompletten Schlachtgeschwadern: insgesamt zweiunddreißig Wallschiffe, ohne Ausnahme Superdreadnoughts. Der havenitische Schlachtwall spie zwölfhundert Raketen gegen White Haven, und der Admiral unterdrückte einen Fluch, als er begriff, dass sich der Beschuss sich einzig und allein auf die acht Großkampfschiffe von BatRon 21 konzentrierte.

Die tödlichen Leuchtwürmchen schwärmten aufeinander zu. Durch die Queen Caitrin ging ein Ruck, als sie die zweite Breitseite ausstieß, bald gefolgt von der dritten, und dann glommen die grünen Pünktchen des Abwehrfeuers auf und warfen sich der Vernichtung entgegen, die sich auf White Havens Vorhutgeschwader stürzte. Havenitische Raketen vergingen, von überschnellen Antiraketen zerrissen, doch gab es einfach zu viele Angreifer. Die Havies hatten offenbar Nachhilfe in Taktik erhalten – ihr dicht konzentrierter Beschuss diente unverkennbar dem Versuch, die Nahbereichsabwehr von Schlachtgeschwader 21 zu sättigen. Der manticoranischen technischen Überlegenheit zum Trotze musste die massive Salve wenigstens zum Teil durchkommen.

White Havens Eröffnungsbreitseite gelangte als erste auf Angriffsentfernung und bahnte sich den Weg durch das verzweifelte Kreuzfeuer der letzten Verteidigungen. Laser schwenkten herum und spuckten kohärentes Licht in dem Bemühen, die heranrasenden Raketen auf mindestens fünfundzwanzigtausend Kilometer Abstand zu vernichten, aber die Wahrscheinlichkeitstheorie kennt keine Günstlinge. Obwohl White Haven seine Salve nicht bloß über ein Geschwader, sondern über drei ausgebreitet hatte, war seine Salvendichte dennoch höher. Laser-Gefechtsköpfe detonierten, und bombengepumpte Laser zuckten auf ihre Ziele herab.

Seitenschilde wanden sich unter dem Anprall und schwächten die Strahlen ab. Aber trotzdem brachen Dutzende der Strahlen hindurch, und von Panzerstahlrümpfen stoben glühende Splitter auf. Aus den durchbohrten Flanken der Leviathane strömte die Atemluft, Männer und Frauen starben, Geschütze und Raketenwerfer wurden zerschmettert, und explodierende Antriebsemitter brachten die Energiesignaturen zur Fluktuation. Doch während White Havens Raketen dem Feind noch zusetzten, waren die Reste der ersten havenitischen Salve an den manticoranischen Antiraketen vorbei. Nun waren White Havens Lasercluster an der Reihe, Feuer zu spucken, aber BatRon 8 stand zu weit achteraus, um seine Raketenabwehrgeschütze effektiv einsetzen zu können. Alles lag nun an Schlachtgeschwader 21 und 17, und die beiden hatten zusammengenommen einfach zu wenig Lasercluster zur Verfügung. Zahlenmäßige Überlegenheit band alle Geschütze, viele havenitische Raketen blieben unbehelligt, und dann blinkten an den grünen Lichtkennungen der eigenen Schiffe auf White Havens Display die ersten Anzeigen für Gefechtsschäden auf.

Neue Salven zuckten hervor, Gefechtsdurchsagen und das Piepen von Vorrangmeldungen umgaben den Admiral. Er senkte halb die Lider und konzentrierte sich. Seine Geschwaderchefs und

Schiffskommandanten verstanden ihr Geschäft, und die erste Breitseite hatte den Havies übel mitgespielt. Am unteren Rand des Displays tanzte die Abschätzung der gegnerischen Schäden; die Operationszentrale hatte diese Kalkulation erstellt, demzufolge dreimal so viele havenitische wie manticoranische Schiffe Treffer kassiert hatten. Ein oder zwei Schiffe erweckten sogar den Eindruck, als seien sie halb zu Wracks geschossen worden, aber dennoch näherte sich der Feind weiterhin. Die Queen Caitrin erbebte, als sie einen Treffer erhielt, und beim zweiten Treffer flackerte White Havens Plot kurz, stabilisierte sich jedoch unverzüglich. Fast unbewusst nahm er die seitliche Anzeige der Schadenskontrolle wahr. Die Wunden der Queen Caitrin waren leicht, aber der Abstand zwischen beiden Schlachtwällen schmolz rasch dahin. Raketen zuckten mit zunehmender Wut hin und her, während der Abstand fiel, und White Haven wusste mit untrüglicher Gewissheit, dass das Gefecht schlimm werden würde.

»Da haut der erste ab!«, rief White Havens Stabschef. Ein so gut wie manövrierunfähiger havenitischer Superdreadnought verließ den feindlichen Schlachtwall und legte sich auf die Seite, um dem manticoranischen Beschuss den Bauch seines Impellerkeils zuzuwenden.

»Ich seh’s, Byron«, antwortete White Haven, aber seine unbewegte Stimme ließ Captain Hunters Jubel vermissen, denn das ungute Gefühl, das dieser neue, gefährliche Gefechtsrhythmus in White Haven hervorrief, verstärkte sich beim Rückzug des beschädigten Schiffes. Dieses eine Schiff mochte von seinen Schäden zum Verlassen der Formation getrieben worden sein, aber die anderen hielten Kurs, und ihre Raketenwerfer überzogen den manticoranischen Verband mit Verderben. White Haven biss die Kiefer zusammen und musste einräumen, dass die Havies sich offenbar wieder erholt hatten. Schon ihre anfängliche, konzentrierte Zielerfassung lag Welten entfernt von der Stümperei, die sich in den vergangenen Monaten bei ihnen eingeschlichen hatte, und ihr Durchhalten unter Beschuss war ebenfalls vorbildlich. Eigentlich hätten sich mittlerweile Schiffe in Zweier- und Dreiergruppen vom feindlichen Schlachtwall lösen müssen, der viel mehr Treffer einstecken musste als White Havens Verband. Der neuerliche Beweis für Manticores technische Überlegenheit hätte den demoralisierten Havies eine Heidenfurcht in die Glieder jagen müssen. Aber das war nicht geschehen. Diese neue Entwicklung musste jeden Admiral in Angst und Schrecken versetzen, dem die zahlenmäßig hohe Überlegenheit der Volksflotte gegenüber der RMN bekannt war. Die Gegenseite wusste offenbar, dass White Haven durch Manticores überlegene Raketen und elektronische Kampfführung in einem Raketengefecht sämtliche Vorteile auf seiner Seite hatte; und trotzdem näherten sie sich unbeirrbar und nahmen die Verluste an Schiffen und Menschen in Kauf, um auf Energiewaffenreichweite zu gelangen.

Ein grüner Lichtpunkt auf dem Plot glühte plötzlich mit dem scharlachroten Icon der kritischen Beschädigungen auf. Ein halbes Dutzend havenitischer Laser hatte sich in HMS King Michael gebohrt, und White Haven umklammerte die Armlehnen seines Kommandosessels. Der Impellerkeil des Superdreadnoughts brach zusammen, dann schaltete er sich wieder ein, und einen Augenblick lang glaubte White Haven, das Schlimmste sei vorüber – dann explodierte das Schiff. Achteindrittel Millionen Tonnen Kriegsschiff und sechstausend Menschen vergingen zu einem sonnenhellen Plasmaball. Hinter dem Admiral keuchte jemand entsetzt auf.

»Fünfzehn Grad nach Steuerbord, Captain Goldstein.« White Havens Stimme war ebenso kühl wie seine Augen. Der Flaggkommandant bestätigte den Befehl. Der Vektor des manticoranischen Schlachtwalls bog sich von den Haveniten fort – nicht, um zu fliehen, sondern um den Abstand zu halten und den manticoranischen Vorteil im Raketengefecht nicht zu verlieren. White Haven presste die Lippen zusammen, als die Haveniten dem Manöver begegneten – nein, nicht nur begegneten, sondern es sogar überkompensierten und sich noch rascher näherten, obwohl sie ihm dadurch den Vorteil eines leicht besseren Beschießungswinkels gewährten. Mehr manticoranische Raketen detonierten nun vor den feindlichen Schiffen und konnten Laserstrahlen in die offenen Rachen der Impellerkeile jagen. Unvermittelt explodierte der erste Havenit. Der Gefechtsabstand war inzwischen auf weniger als vier Millionen Kilometer gesunken, und stärkeres Feuer traf nun White Havens Schiffe – aber auch die Havies mussten mehr Treffer hinnehmen. Ein weiteres Feindschiff zerbarst, dann ein drittes. Die Hochrechnungen der Operationszentrale gerieten ins Flackern und bildeten sich neu – die Chancen für White Havens Kampfverband wurden besser, weil die Feindschiffe immer mehr Waffensysteme durch Volltreffer einbüßten. White Haven fletschte die Zähne.

»Zehn backbord, Captain Goldstein. Wenn sie an uns heranwollen, dann tun wir ihnen doch den Gefallen.«

»Aye, aye, Mylord. Gehen zehn Grad nach Backbord«, antwortete Goldstein. Der Kampfverband stellte den Versuch ein, den Gegner auf Abstand zu halten. Die Raketenaustauschrate verdoppelte sich, aber die relative Masse des manticoranischen Feuers nahm immer weiter zu, weil ein havenitischer Werfer nach dem anderen ausfiel. Ein weiteres Feindschiff verließ den Schlachtwall und deckte sich hinter dem eigenen Impellerkeil so gut es konnte. Im selben Augenblick fuhr White Haven ein Gedanke durch den Kopf: Fünf havenitische Superdreadnoughts waren nun zerstört oder kampfunfähig, aber nur ein einziger manticoranischer. Sollte das so weitergehen, würde White Haven auch im Energiewaffenduell einen enormen, entscheidenden Vorteil besitzen, wenn die beiden Flotten schließlich aufeinanderprallten. Wer immer dort drüben auch das Kommando hatte, musste sich dessen bewusst sein. Warum zum Teufel änderte er oder sie also nicht die Taktik? Nightingale war eine wichtige Außenbefestigung für Trevors Stern, aber kaum die Zerstörung eines Kampfverbands dieser Größe wert! Es musste einen anderen Grund geben …

»Neuer Kontakt! Zahlreiche Kontakte – zahlreiche Großkampfschiffsimpeller auf Null Vier Sechs zu Null Drei Neun! Entfernung Eins Acht Millionen Kilometer – kommen näher! Benenne diese Kampfgruppe Bogey Zwo!«

White Havens Kopf ruckte herum, und sein Blick richtete sich auf den Hauptplot, den die leidenschaftslosen Computer gerade aktualisierten. Steuerbords voraus von der Queen Caitrin flammten zwei Dutzend neue, blutrote Lichter auf – ein zweiter havenitischer Kampfverband hatte die Antriebe eingeschaltet. In plötzlichem Begreifen blähte White Haven die Nasenflügel.

Kein Wunder, dass der erste Wall so rasch aufschließen wollte! White Haven erwies dem Gegner einen einzigen Augenblick neidlosen Respekts, als er die Falle erkannte, in die ihn jene furchtlose havenitische Formation locken wollte. Noch fünfzehn Minuten, und er wäre hoffnungslos eingekesselt gewesen und hätte mit Bogey Eins im Nahkampf gestanden, während Bogey Zwo ungehindert von »oben« in seine Hanke stieß – und er hätte den Plan beinahe nicht durchschaut!

Aber noch hat die Falle nicht zugeschnappt, dachte er grimmig. Die »Säuberungen« der neuen havenitischen Regierung im Offizierskorps hatten die Havies um die meisten gefechtserfahrenen Admirale gebracht, und das zeigte sich daran, dass der Kommandeur von Bogey Zwo – vermutlich aus Panik über die schweren Verluste, die Bogey Eins hinnehmen musste – das Zeichen zum Angriff zu früh gegeben und die Antriebe seiner Schiffe vorschnell aktiviert hatte. Ein Verbandschef mit mehr Erfahrung hätte abgewartet, ganz gleich, was Bogey Eins widerfuhr, bis er den manticoranischen Schlachtwall auf Kernschussweite zwischen den beiden feindlichen Verbänden eingeschlossen hatte, wo der Vorteil der besseren Raketen nichts mehr zählte und das Gefecht mit Energiewaffen geführt werden musste.

White Havens blaue Augen wurden starr, als er sich auf die extrapolierten Vektoren konzentrierte. Er konnte sich unmöglich auf einen Kampf mit dieser Streitmacht einlassen und hoffen zu überleben. Er musste ausbrechen und sich hinter die Hypergrenze zurückziehen, bevor die Havies ihn endgültig in der Falle hatten, und er konnte dazu nicht einfach den Kurs umkehren. Die Vektoren der Haveniten liefen zwölf Millionen Kilometer vor seinem Verband auf dem augenblicklichen Kurs zusammen, und seine Geschwindigkeit war viel zu hoch, als dass er sie genügend hätte drosseln können, bevor er den Kreuzungspunkt erreichte. Seine einzige Chance bestand darin, vor Bogey Zwo nach Backbord auszubrechen. Nur würde er dadurch an Bogey Eins vorbeistreichen, und obwohl dieser Kampfverband schwer beschädigt war, besaß er doch genügend Energiewaffen, um zu viele von White Havens Schiffen zu vernichten.

Der Admiral zwang sich, das hinzunehmen. Das Gefecht würde also noch schlimmer werden, als er geglaubt hatte, aber wenigstens würden seine Leute alles geben können, was sie nur geben konnten, während sie am Wall von Bogey Eins vorbeizogen. Mit fliegenden Fingern gab er einen neuen Kurs in sein Astrogationsdisplay ein. Flackernd erschienen Zahlen, und als die neuen Vektorprojektionen aufblinkten, trat neues Feuer in White Havens Augen. Er würde vor Bogey Eins liegen. Es war zwar knapp, aber er würde genügend Raum haben, um vor dem feindlichen Wall dessen Kurs zu kreuzen, ohne sich den Breitseiten zu entblößen und den eigenen Wall zerfetzen zu lassen. Die Havies würden ihren Kurs ändern und auf White Haven einbiegen müssen – oder er würde ihnen den Querstrich über das T ziehen können. Wenn sie wollten, konnten sie ihn verfolgen und den Schlagabtausch in die Länge ziehen, um noch mehr seiner Schiffe zu vernichten, aber dafür würden sie einen hohen, einen sehr hohen Preis zahlen müssen.

»Gehen Sie auf Zwo Sieben Null zu Null Null Null! Maximalschub! Alle Schiffe rollen gegen Bogey Zwo und setzen das Gefecht mit Bogey Eins fort!«

Bestätigungen prasselten auf den Verbandschef ein, und sein Wall schwenkte hart auf Bogey Eins zu. Dann legten sich die Schiffe auf die Seite und zeigten Bogey Zwo die Dächer ihrer Impellerkeile. Bogey Zwo stand noch immer außer Reichweite für einen Angriff mit angetriebenen Raketen. Gleichzeitig schmolz der Abstand zu Bogey Eins immer weiter zusammen, und White Havens Raketen droschen weiterhin auf die Haveniten ein. Der Earl starrte wachsam auf seinen Plot, während er sich aus dem Staub machte.

Ja, er floh. Das wusste er genauso gut, wie er den Preis für das bevorstehende Strahlwaffengefecht kannte. Alle wussten es, die Haveniten ebenso wie seine eigenen Leute. Zum ersten Mal hatte die Volksrepublik von Haven eine manticoranische Offensive schon im Ansatz aufgehalten. Nach außen reglos musterte White Haven die Zahlen, die über seinen Plot liefen, als beide havenitische Kampfverbände den Kurs änderten – die Zahlen, die von der Operationszentrale berechnet wurden und die White Haven verrieten, wie schlimm es nun wirklich werden würde.

Wenn ihm die Flucht gelang, dann nur knapp. Der einzige Nachteil an einer Falle wie dieser bestand darin, dass die zeitliche Abstimmung sehr exakt ausfallen musste. Der Weltraum war groß genug, um ganze Hotten zu verbergen, solange sie nur keine verräterischen Emissionen abgaben, aber damit ein Hinterhalt erfolgreich verlief, mussten sich die überfallenden Schiffe auf dem richtigen Vektor befinden, wenn sie die Antriebe aktivierten, selbst in dem Fall, dass das Opfer so kooperierte, wie White Haven es getan hatte …

Die Zahlen veränderten sich nicht mehr, und Hamish Alexander stieß ein stilles, von Herzen kommendes Dankgebet hervor. Die anderen hatten es in der Tat vermasselt. Bogey Zwo hatte die Antriebe doch ein wenig zu früh aktiviert und sich verraten. Damit hing alles an Bogey Eins, und …

In seinem Plot verfärbte sich ein weiteres grünes Licht scharlachrot. Als HMS Thunderer in zwei Hälften zerbrach, schmeckte White Haven den Geschmack von Blut auf der Zunge, denn er hatte sich auf die Lippe gebissen. Im Display blitzten die Signale der Rettungskapseln auf, aber White Haven konnte nichts für die Überlebenden tun. Wenn er verlangsamte, um sie aufzunehmen, würde Bogey Zwo aufholen, und alle leichten Einheiten, die er für SAR-Aufgaben einsetzte, würden aufgebracht oder vernichtet werden.

Die beiden Hälften der Thunderer verschwanden in strahlenden Blitzen, als die Selbstzerstörungsladungen zündeten. Nur wenige Sekunden später ging ein sechster havenitischer Superdreadnought mit ihr in den Tod, und Hamish Alexander biss die Zähne zusammen und schob sich fest in den Kommandosessel zurück. Bogey Zwo hätte wenigstens genügend Schiffe für Raumnotrettung zur Verfügung. Ohne jeden Zweifel würden sie seine Leute genauso aufnehmen wie die eigenen, und er versuchte, seine Schuldgefühle mit diesem kühlen und sehr schwachen Trost zu beschwichtigen. Die Kriegsgefangenschaft – selbst in einem havenitischen Gefangenenlager – ist immer noch besser als der Tod, sagte er sich bitter.

»Siebenunddreißig Minuten bis Energiewaffenreichweite, Mylord«, informierte Captain Hunter ihn ruhig. »Operationszentrale hat berechnet, dass Bogey Eins bis zur Hypergrenze an uns dranbleiben kann, wenn er will.«

»Verstanden.« White Haven zwang sich, unbesorgt und gelassen zu klingen. Zwar wusste er genau, dass er Hunter damit nicht täuschen konnte, aber die Spielregeln verlangten von ihnen beiden, es wenigstens vorzugeben.

Er beobachtete, wie sich ein siebter Superdreadnought aus dem Wall von Bogey Eins zurückzog. Der Earl versuchte, sich darüber zu freuen.

Nun stand es nur noch zweiundzwanzig gegen fünfundzwanzig, und seine Werfermannschaften würden diese Chance noch verbessern, bis sie auf Energiewaffenreichweite kamen. Trotzdem behielt Bogey Eins unbeirrt den Kurs bei. Die Volksflotte war größer als die RMN und konnte daher schwerere Verluste verkraften. Bogey Eins war ganz offensichtlich genau dazu entschlossen, und angesichts dessen lief es White Haven eiskalt den Rücken hinab.

Nach diesem Gefecht ist das nicht mehr der gleiche Krieg, dachte er geistesabwesend und bemerkte, dass der Feueraustausch noch wütender wurde. Die Havies hatten ihr Gleichgewicht wiedererlangt. Sie reagierten nicht mehr unbeholfen auf manticoranische Angriffe, sondern ergriffen die Initiative. White Haven hatte gewusst, dass so etwas früher oder später geschehen musste, dass die Volksrepublik einfach zu groß war, um sich einfach übertölpeln zu lassen. Aber gleichzeitig hatte er stets gehofft, dass bis dahin noch ein wenig Zeit wäre. Nun wusste er, dass es anders war, und atmete tief durch.

»Wir führen Delta-Drei aus, Byron«, sagte er ruhig und entschied sich offiziell dafür, so schnell wie möglich aus dem Nightingale-System zu verschwinden und in den Hyperraum zu gehen. »Konzentrieren Sie unseren Beschuss auf das zentrale Geschwader. Wahrscheinlich befindet sich dort ihr Flaggschiff. Vielleicht können wir es ausschalten, bevor wir auf Energiewaffenreichweite kommen.«

»Aye, aye, Mylord«, bestätigte Captain Hunter.

Der Earl von White Haven hörte mit halbem Ohr zu, wie sein Stabschef die Befehle ins Kommandonetz des Kampfverbandes weitergab, und lehnte sich zurück. Er betrachtete die Blitze detonierender Gefechtsköpfe, die das visuelle Display wie mit rasch verheilenden Pockennarben überzogen. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand.

Nun blieb ihm nichts anderes übrig als abzuwarten, wie viele seiner Leute wohl überleben würden.

1

Wie alle öffentlichen Gebäude auf Grayson lag auch der Palast des Protectors unter einer gewaltigen Kuppel mit kontrollierten Umweltbedingungen. In einer Ecke des Geländes jedoch befand sich eine andere, kleinere Kuppel. Es handelte sich dabei um ein Treibhaus, und als der Waffenträger in der kastanienbraunen und goldenen Uniform des Hauses Mayhew die Tür für Hochadmiral Wesley Matthews öffnete, bereitete sich der Oberkommandierende der graysonitischen Flotte innerlich auf das Bevorstehende vor. Beinahe sichtbar strömte eine Wolke feuchter Wärme aus dem Treibhaus, und mit einem leisen Seufzen öffnete Matthews den oberen Kragenknopf. Weiter würde er nicht gehen; dieses Mal würde er anständig uniformiert bleiben, und wenn es ihn das Leben kostete.

»Hallo, Wesley«, begrüßte Benjamin Mayhew IX., Protector des Planeten Grayson, seinen höchsten Offizier, ohne von dem aufzublicken, was auch immer er dort verrichtete.

»Guten Morgen, Euer Gnaden.« Matthews’ respektvolle Antwort klang seltsam erstickt, denn das Klima unter der kleinen Kuppel war noch schlimmer, als er befürchtet hatte. Der Protector stand in Hemdsärmeln da, und auf seiner Stirn standen Schweißperlen. Der Hochadmiral wischte sich über sein plötzlich verschwitztes Gesicht und warf einen Blick auf das Display der Umweltkontrolle – dann zuckte er zusammen. Entschlossenheit war eine Waffe, die gegen eine Temperatur von vierzig Grad Celsius in Verbindung mit sechsundneunzigprozentiger Luftfeuchtigkeit nicht griff, und er verzog das Gesicht und streifte die Uniformjacke ab, um es seinem Herrscher gleichzutun.

Das Rascheln des Stoffs war nicht sehr laut, doch im Treibhaus herrschte tiefe Stille. Deshalb trug das leise Geräusch sehr weit, und Benjamin blickte mit einem Grinsen auf.

»Haben Sie das Thermostat eigens für mich aufgedreht, Euer Gnaden?«, erkundigte Matthews sich.

Benjamin blickte ihn unschuldig an. »Selbstverständlich nicht, Wesley. Warum sollte ich dergleichen tun?«

Höflich wölbte Matthews die Brauen, und der Protector lachte leise. Selbst auf einer Welt wie Grayson, auf der die Prolong-Anti-Alterungsbehandlung gerade erst zugänglich wurde, war Wesley Matthews für seinen Dienstgrad außerordentlich jung. Vor weniger als vier T-Jahren war er vom Commodore zum Oberkommandierenden der Grayson Space Navy befördert worden, und wie schon Bernard Yanakov, sein Vorgänger, zeigte er sich über die Hobbys seines Protectors immer wieder verblüfft. Das Züchten und Arrangieren von Blumen waren auf Grayson anerkannte Kunstformen, aber traditionell wurden sie von Frauen ausgeübt. Matthews gab willig zu, dass sein Herrscher atemberaubende Arrangements zu zaubern vermochte, dennoch erschien es ihm als eine … eigenartige Nebenbeschäftigung für ein Staatsoberhaupt. Bernard Yanakov war nicht nur Benjamin Mayhews ranghöchster Admiral, sondern auch sein älterer Vetter gewesen, und daher hatte er gewisse Vorteile besessen, die Matthews fehlten. Sein Vorgänger hatte den Protector von Geburt an gekannt und seit Jahren mit seinem Hobby verspottet. Das war für Matthews selbstverständlich unmöglich, aber Benjamin wusste dennoch nur zu gut, wie sein Hochadmiral darüber dachte.

Als der Protector beschloss, lieber belustigt als beleidigt zu sein, war Matthews überaus erleichtert gewesen, und doch fragte er sich manchmal, ob sich wirklich alles zum Besten gewandt habe. Mit gewisser Schadenfreude rief Benjamin ihn zu Besprechungen, in denen er entweder mit Vasen und Schnittblumen hantierte, oder die wie zufällig an Orten wie diesem Hochofen von Treibhaus anberaumt wurden. Es war zu einer Art privatem Scherz zwischen beiden gediehen, und nur der Herr allein wusste, wie sehr sie beide in diesen Tagen jede Entspannung brauchten, die sie nur finden konnten – aber diesmal waren Temperatur und Feuchte beinahe überwältigend.

»Tatsächlich«, sagte Benjamin nach einem Augenblick, »lag es nicht in meiner Absicht, Ihnen etwas dermaßen … Energisches aufzuerlegen, Wesley, aber leider blieb mir keine andere Wahl.« Er klang aufrichtig zerknirscht, trotzdem richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Blüte, über die er sich beugte, und gegen den eigenen Willen interessiert trat Matthews näher. Der Protector bediente eine Sammelsonde mit chirurgischer Präzision und fuhr indes mit seiner Entschuldigung fort – falls es sich um eine solche handelte.

»Das ist ein Exemplar der Hibsonorchidee von Indus, im Mithra-System. Sie ist wunderschön, nicht wahr?«

»Ja, das ist sie, Euer Gnaden«, murmelte Matthews. Die glockenförmige Blüte zeigte eine unaufdringliche Mischung aus zarten Blau- und dunklen Purpurtönen, der tief in den Kelch hineinragende Stempel war golden mit scharlachroten Punkten, und der Admiral verspürte ein merkwürdiges Schwebegefühl, als falle er in die parfümierten Abgründe der Pflanze. Das Gefühl war so stark, dass er sich schütteln musste, und Benjamin lachte leise.

»Das ist sie wirklich – leider ist es auch extrem schwierig, sie außerhalb von Indus zu züchten. Die männliche Pflanze blüht nur einmal in drei Jahren einen einzigen Tag lang. Diese Blume fasziniert mich, seitdem ich sie in einem Wintergarten auf Alterde zum ersten Mal zu Gesicht bekommen habe, und ich glaube, dass ich kurz vor dem entscheidenden Durchbruch stehe bei der Entwicklung einer Hybridzüchtung, die annähernd doppelt so häufig blüht. Unglücklicherweise ist bei einem solchen Projekt das Timing von alles entscheidender Wichtigkeit, und es ist unumgänglich, die natürliche Umgebung so genau wie möglich nachzubilden. Leider habe ich nicht damit gerechnet, dass sie ausgerechnet heute blüht, und ich wollte Sie auch gar nicht hierherlocken, als Sie um ein Gespräch baten, aber wenn ich mich nicht gerade jetzt darauf stürze …«

Auf das Schulterzucken des Protectors nickte Matthews knapp und vergaß kurz, die angemessene Haltung gequälter Toleranz einzunehmen; die Schönheit der Orchidee ließ auch ihn nicht unberührt. In respektvollem Schweigen wartete er ab, dass Benjamin mit der Pollenentnahme zum Ende kam. Der Protector betrachtete seinen Schatz höchst befriedigt unter dem Vergrößerungsglas.

»Nun brauchen wir nur noch zu warten, bis diese hier sich öffnen«, sagte er ein wenig schwungvoller und deutete auf die eng geschlossenen Knospen an einer anderen Ranke.

»Und wie lange wird das dauern, Euer Gnaden?«, fragte Matthews höflich.

Erneut musste Benjamin leise lachen. »Wenigstens vierzig Stunden, also brauchen Sie nicht hier zu stehen und darauf zu harren.« Der Protector schüttete den Pollen vorsichtig in einen Behälter, wischte sich den Schweiß von der Stirn und deutete auf die Tür. Matthews seufzte erleichtert.

Er folgte seinem Herrscher aus dem Treibhaus. Benjamins Waffenträger heftete sich an ihre Fersen, während sie zu einer bequemen Sitzecke an einem plätschernden Springbrunnen schritten. Der Protector nahm Platz und bot Matthews den gegenüberstehenden Stuhl an, dann lehnte er sich zurück, als ein Diener kam und Handtücher und gekühlte Getränke brachte. Der Admiral frottierte sich rasch das schweißgetränkte Haar, dann wischte er sich das Gesicht trocken und nippte dankbar an seinem Glas. Benjamin schlug die Beine übereinander.

»Also, Wesley, weswegen wollten Sie mich sprechen?«

»Wegen Lady Harrington, Euer Gnaden«, antwortete Matthews prompt. Als Benjamin seufzte, beugte sich der Admiral beschwörend vor. »Ich weiß, dass Sie es noch immer für verfrüht halten, Euer Gnaden, aber wir brauchen sie. Wir brauchen sie sogar dringend.«

»Dessen bin ich mir bewusst«, entgegnete Benjamin geduldig, »aber ich werde sie nicht unter Druck setzen. Sie erholt sich noch, Wesley. Sie ist noch nicht darüber hinweg, und sie benötigt Zeit.«

»Es ist nun über neun Monate her, Euer Gnaden«, erinnerte Matthews seinen Herrscher respektvoll, aber beharrlich.

»Das weiß ich, und ich weiß auch, wie wertvoll sie für Sie sein könnte, aber ihr Leben ist nicht gerade das gewesen, was man gemeinhin leicht nennt; oder wollen Sie mir da widersprechen?« Benjamin sah dem Admiral fest in die Augen, und Matthews schüttelte den Kopf.

»Sie hat es verdient«, fuhr der Protector fort, »so viel Zeit zu erhalten, wie sie braucht, damit die Wunden verheilen. Ich will dafür sorgen, dass man ihr diese Zeit lässt. Warten Sie, bis sie so weit ist, Wesley.«

»Aber woher sollen wir wissen, wann Lady Harrington bereit ist, wenn Sie mir nicht einmal gestatten, sie danach zu fragen?«

Benjamin runzelte die Stirn, dann nickte er zögernd, wie gegen den eigenen Willen. »Das ist natürlich wahr«, gab er zu. »Das ist wirklich wahr, aber …« Er unterbrach sich mit einem knappen, ärgerlichen Achselzucken und nahm, bevor er weitersprach, einen Schluck aus seinem Glas. »Das Problem liegt darin: Ich kann nicht so recht daran glauben, dass sie sich schon wieder genügend im Griff hat. Sicher kann ich mir da nicht sein, denn Honor Harrington ist nicht die Sorte Mensch, die sich an fremden Schultern ausweint, aber Katherine hat ihr mehr entlockt, als Honor vermutlich bewusst ist, und das war schlimm, Wesley. Wirklich schlimm. Einige Monate lang habe ich befürchtet, dass wir sie komplett verlieren würden, und die Art und Weise, mit der einige Elemente auf sie reagieren, hat es ihr nicht gerade leichter gemacht.«

Matthews grunzte verstehend, und über Benjamins Gesicht zuckte etwas, das sehr nach Schuldbewusstsein aussah.

»Ich habe damit gerechnet, dass ein paar Reaktionäre aus ihren Löchern kommen würden, sobald der erste Schock überwunden war, aber ich hatte nie damit gerechnet, dass die Kerle dermaßen unverhohlen agitieren würden – aber eigentlich hätte ich mir’s denken müssen.« Der Protector schnitt eine Grimasse der Abscheu, ballte die freie Hand zur Faust und schlug sich damit aufs Knie. »Aber ich glaube noch immer, richtig gehandelt zu haben«, fügte er wie nur für sich hinzu. »Wir brauchen Lady Harrington als Gutsherrin, aber wenn ich geahnt hätte, welchen Preis sie dafür bezahlen müsste, hätte ich nichts dergleichen in die Wege geleitet. Wenn man die Protestierenden mit Captain Tankersleys Tod zusammennimmt …«

»Euer Gnaden«, unterbrach Matthews ihn bestimmt, »daran tragen Sie keine Schuld. Sie dürfen sich das nicht vorwerfen. Wir hatten nichts mit Captain Tankersleys Ermordung zu tun, und Lady Harrington weiß das. Wenn sie es nicht wüsste, dann hätten Sie recht, aber das ist nicht so. Wir benötigen sie als Gutsherrin, wenn die Reformen von Dauer sein sollen, und was die irrsinnigen Randgruppen auch immer denken mögen, der Großteil unseres Volkes bringt Lady Harrington tiefempfundenen Respekt entgegen. Dass sie das weiß, da bin ich mir ganz sicher, und sie ist eine starke Persönlichkeit. Das wissen wir beide, denn wir haben sie beide im Kampf erlebt. Sie wird darüber hinwegkommen.«

»Das hoffe ich, Wesley, das hoffe ich bei Gott«, brummte Benjamin.

»Sie wird es schaffen«, sagte Matthews unumstößlich. »Aber all das bringt mich wieder auf mein eigentliches Anliegen zurück. Wir benötigen Lady Harringtons Navyerfahrung genauso dringend, wie wir sie als Gutsherrin brauchen, und mit allem schuldigen Respekt, Euer Gnaden, muss ich meiner Ansicht Ausdruck verleihen, dass wir ihr einen Bärendienst erweisen, wenn wir ihr das nicht sagen.«

Noch nie hatte der Hochadmiral eine von der Meinung seines Herrschers abweichende Ansicht in solch deutliche Worte gefasst, und Benjamin runzelte die Stirn – nicht ärgerlich, sondern nachdenklich. Matthews las ihm das am Gesicht ab und wartete schweigend, während der Protector das Für und Wider abwog.

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Benjamin schließlich. »Sie könnten recht haben, aber ich möchte ihr so viel Zeit geben, wie wir ihr nur zugestehen können.«

»Erneut mit allem schuldigen Respekt, Euer Gnaden, aber das halte ich für verfehlt. Sie sind doch derjenige, der darauf besteht, dass wir uns angewöhnen, die Frauen vollkommen gleichberechtigt zu behandeln. Ich glaube, dass Sie recht daran tun, und ich glaube auch, dass unser Volk zum überwiegenden Teil allmählich zu dem gleichen Schluss gelangt, ob es den Leuten nun gefällt oder nicht. Aber ich fürchte, auch Sie, Euer Gnaden, sind noch nicht ganz so weit.«

Benjamin versteifte sich, und Matthews fuhr ruhig und gemessen fort: »Ich möchte Ihnen gegenüber nicht respektlos erscheinen, Euer Gnaden, aber Sie versuchen, Lady Harrington zu beschützen. Das ist sehr edel von Ihnen und genau das, was ich von jedem anständigen Grayson erwarten würde – aber würden Sie es mit der gleichen Beharrlichkeit versuchen, wenn sie ein Mann wäre?«

Der Protector kniff die Augen zusammen, und seine Miene erstarrte. Dann schüttelte er niedergeschlagen den Kopf. Anders als die meisten Graysons war er nicht auf dem Planeten erzogen worden, sondern auf Terra, auf Alterde selbst. Nach überlieferter graysonitischer Tradition bedeutete es eine Widernatürlichkeit, wenn man von einer Frau verlangte, die gleichen Pflichten zu übernehmen wie ein Mann. Benjamin Mayhew hingegen war von einer Gesellschaft geprägt worden, in der die Idee, dass Männer und Frauen womöglich ungleich behandelt werden könnten, als grotesk betrachtet wurde, und er hatte diese Einstellung übernommen. Doch ungeachtet seines ehrlichen Engagements für die Gleichberechtigung war er doch noch immer ein Grayson, und zudem einer, der Honor Harrington das Leben seiner kompletten Familie schuldete. Wie sehr hatte sein automatischer Reflex, sie zu beschützen, sein Urteilsvermögen getrübt?

»Sie könnten recht haben«, gab er am Ende zu. »Es würde mir zwar nicht gefallen, wenn Sie tatsächlich recht behielten, aber darum geht es nicht.« Er massierte sich eine ganze Weile das Kinn, und schließlich sah er Matthews wieder in die Augen. »Ich sage weder, dass ich Ihnen zustimme, noch, dass ich Ihnen widerspreche, aber aus welchem Grund sind Sie ausgerechnet heute so beharrlich?«

»Die Manticoraner werden ihre letzten Großkampfschiffe innerhalb von zwei Monaten von Jelzin abziehen müssen, Euer Gnaden«, antwortete der Admiral unbewegt.

»Das wollen sie tun?« Matthews nickte, und Benjamin setzte sich wieder aufrecht hin. »Niemand hat mir oder Kanzler Prestwick auch nur ein Wort davon gesagt – jedenfalls noch nicht.«

»Ich habe nicht behauptet, die Entscheidung sei bereits getroffen, Euer Gnaden. Ich habe auch nicht angedeutet, dass die Manticoraner es tun wollten. Ich sagte, sie werden es tun müssen. Manticore wird keine andere Wahl bleiben.«

»Warum das denn nicht?«

»Weil das Pendel in die andere Richtung schwingt.« Matthews breitete seine Uniformjacke auf dem Schoß aus, zog einen altmodischen Schreibblock aus einer Tasche und öffnete ihn, um die Zahlen, die er darauf notiert hatte, noch einmal zu überfliegen.

»In den ersten sechs Monaten des Krieges hat Manticore neunzehn havenitische Sonnensysteme erobert«, sagte er, »darunter zwo große Flottenbasen. An Großkampfschiffen haben die Manties in dieser Zeit zwo Superdreadnoughts und fünf Dreadnoughts verloren, mehr nicht; sie haben vierzig havenitische Wallschiffe vernichtet. In dieser Zeit haben sie ihren Schlachtwall um einunddreißig Großkampfschiffe erweitert: sechsundzwanzig aufgebrachte Einheiten – abzüglich der elf, die Admiral White Haven uns nach der Dritten Schlacht von Jelzins Stern geschenkt hat – und fünf Neubauten. Damit sind sie in etwa neun Zehntel so stark wie Havens verbliebene Schlachtflotte, und dazu besaßen sie stets den Vorteil der Initiative – ganz zu schweigen von dem Vorteil durch die Verwirrung und verloren gegangene Moral der Volksflotte.

In den letzten drei Monaten aber eroberte die RMN nur zwo Sonnensysteme und verlor dabei neunzehn Großkampfschiffe – einschließlich der zehn bei Nightingale, und dieses Sonnensystem wurde nicht erobert. Die Havies müssen nach wie vor die schwereren Verluste hinnehmen, aber die Volksflotte verfügt über eine Unmenge von Schlachtschiffen, wie Sie wissen. Die sind vielleicht zu klein, um als echte Wallschiffe zu gelten, aber sie dienen als Rückendeckung, der die Manticoraner nur begegnen können, indem sie Dreadnoughts oder Superdreadnoughts abstellen – und so können die Havies wiederum einen größeren Prozentanteil ihrer Wallschiffe an die Front werfen. Auf den Punkt gebracht können die Havies es sich eher leisten, Schiffe zu verlieren, als Manticore, und der Vormarsch der Allianz gerät allmählich ins Stocken, Euer Gnaden. Der havenitische Widerstand konsolidiert sich, und die Manties versetzen mehr und mehr Reserven an die Front, um ihren Schwung und ihren Impuls aufrechtzuerhalten.«

»Wie schlimm steht es?«, fragte Benjamin aufmerksam.

»Wie bereits gesagt, klettern die manticoranischen Verluste in die Höhe. Manticore hat seine Homefleet bereits auf ein Drittel der Vorkriegsstärke reduziert, und das reicht immer noch nicht. Ich glaube, sie sind sich dessen ebenfalls bewusst, aber sie wissen auch, dass die Havies sie in den nächsten paar Monaten endgültig aufhalten werden. Die Manticoraner versuchen deshalb, so schnell nachzustoßen wie nur irgend möglich und die Volksrepublik so tief zu penetrieren, wie es geht, bevor die Havies ihre Gegenoffensive starten können. Das bedeutet aber auch, dass die Manties alle Schiffe zusammenziehen müssen, die sie nur irgendwie loseisen können – vielleicht sogar noch ein paar mehr, wenn ein Abzug solch zusätzlicher Schiffe möglich ist, ohne ein Sicherheitsrisiko zu schaffen. In Anbetracht der Tatsache, dass unser letzter Superdreadnought im Januar wieder in Dienst gestellt wird, wird die RMN bezüglich Jelzins Stern sicherlich darauf bauen, dass wir uns um uns selbst kümmern. Im Lichte dieser Überlegung verwundert es mich eigentlich, dass sie noch immer nicht die letzten hier verbliebenen Großkampfschiffe abgezogen haben. Ganz sicher wird kein Stratege, der seinen Rang verdient hat, sie noch viel länger hierlassen, Euer Gnaden. Das kann sich Manticore einfach nicht mehr leisten.«

Benjamin nahm die Kinnmassage wieder auf. »Ich wusste, dass der Schwung verloren geht, Wesley, aber mir war nicht klar, wie drastisch. Was ist anders geworden?«

»Das lässt sich nur schwer sagen, Euer Gnaden, aber ich stehe mit Admiral Caparelli in Verbindung. Und Admiral Givens vom manticoranischen ONI bestätigt, dass die neuen Herrscher in der VRH, dieses ominöse Komitee für Öffentliche Sicherheit, sämtliche früheren Sicherheitsorgane unter einem neuen, monströsen Dach vereinigt haben. Um eine Parallele zu der Rücksichtslosigkeit zu finden, mit der man dort das Offizierskorps ›gesäubert‹ hat, muss man schon bis in die Ära des Totalitarismus auf Alterde zurückgehen. Es heißt, man sendet ›politische Offiziere‹ aus, die alle Befehlshaber im Auge behalten sollen. Die Säuberungen haben die Havies fast alle dienstälteren – und erfahrenen – Flaggoffiziere gekostet, und die Überlebenden sind denen der RMN hoffnungslos unterlegen, aber die Überlebenden lernen … und sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie das neue Regime enttäuschen. Wenn dann noch eine Art politischer Kommissar sie ständig daran erinnert, so wird der Kampfgeist der Flotte unglaublich gestärkt. Die Haveniten sind unbeholfener als die Manticoraner, aber die Volksflotte ist nach wie vor viel größer als die Royal Manticoran Navy. Und einige der neuen Admirale bleiben sogar lange genug im Amt, um die gleiche Erfahrung anzusammeln, über die ihre Vorgänger verfügten …« Matthews beendete seine Ausführungen mit einem Achselzucken.

Der Protector nickte unbehaglich. »Glauben Sie, dass Manticore die Initiative vollständig verlieren wird?«

»Nein, Euer Gnaden, nicht vollständig. Ich erwarte eine Periode des Gleichstands – und dann wird alles ziemlich hässlich. Ich nehme an, die Havies werden ein paar Gegenangriffe versuchen, aber ich erwarte, dass die Manticoraner sie zum Frühstück verspeisen, wenn es so weit ist. Ich kann ihnen keine einigermaßen sichere Prognose stellen, aber ich kann Ihnen meine persönliche Einschätzung der weiteren Entwicklung vortragen, falls Ihnen daran gelegen ist.«

Benjamin nickte, und Matthews hob die Faust. Bei jedem neuen Punkt, den er anführte, spreizte er einen Finger ab.

»Zunächst wird es eine Periode des Gleichstands geben, in der beide Seiten versuchen, in Scharmützeln einen Vorteil zu erlangen, ohne zu viele Wallschiffe aus den Hauptkampfräumen abzuziehen. Zum zwoten wird die Allianz ihre Industriekapazität endgültig auf Kriegsproduktion umgestellt haben. Das haben die Manties bereits getan. Man hatte dort aus Vorkriegsprogrammen bereits achtzehn Wallschiffe im Bau – diese Einheiten werden nun absoluten Vorrang erhalten und im Eilverfahren innerhalb der nächsten sechs Monate in Dienst gestellt werden. Das zusätzliche Kriegsproduktionsprogramm wird im Laufe der nächsten zehn Monate beginnen, weitere Schiffe zu liefern. Unsere Werften werden unseren ersten eigenen Superdreadnought ungefähr zur gleichen Zeit fertigstellen. Und die manticoranischen Werften in Grendelsbane und Talbot werden mit ihren Schiffen dann ebenfalls fertig sein. Sobald wir einmal im Rhythmus sind, werden wir vier oder fünf Wallschiffe pro Monat ausstoßen.

Was die Havies betrifft, so haben sie ihren Vorteil an Wallschiffen im Grunde bereits eingebüßt. Die Manties konnten darüber hinaus ein halbes Dutzend der größeren vorgeschobenen Wartungsbasen der Volksflotte ausschalten. Dadurch werden die havenitischen Schiffsbauwerften mit Reparaturaufgaben belastet, und das bedingt wiederum geringere Neubauraten. Trotz der Größe der Volksrepublik sind deren Industrieanlagen weniger effizient als die der Allianz, sodass ich nicht glaube, dass man uns in puncto Baugeschwindigkeit das Wasser reichen kann. Andererseits können wir auch nicht so schnell bauen, dass wir dadurch einen wesentlichen Vorteil erlangen werden – und Haven besitzt schließlich immer noch die bereits erwähnten Schlachtschiffe. Zum dritten bedeutet das also, dass dieser Krieg sich lange, wirklich lange hinziehen könnte, es sei denn, eine Seite vermasselt es ganz gründlich.

Auf lange Sicht wird der entscheidende Faktor wahrscheinlich in den relativen Stärken der politischen Systeme liegen. Was Pierre und sein Komitee installiert haben, ist nicht mehr als eine Schreckensherrschaft. Ob man in der Lage ist, dieses Regime zu konsolidieren oder ob man etwas Stabileres als Ersatz findet, das ist meiner Ansicht nach die kritische Frage, denn um territoriale Fragen geht es in diesem Krieg schon lange nicht mehr. Es geht ums Überleben: Jemand, entweder das Sternenkönigreich von Manticore und seine Alliierten oder die Volksrepublik Haven, wird in diesem Krieg untergehen – und zwar endgültig, Euer Gnaden.«

Protector nickte bedächtig. Matthews’ Einschätzung der politischen Dimensionen des Krieges stimmte exakt mit seiner eigenen überein, und für das Urteilsvermögen des Hochadmirals in militärischen Fragen hatte er schon seit Langem einen gehörigen Respekt entwickelt.

»Und darum, Euer Gnaden«, beharrte Matthews ruhig, »brauchen wir Lady Harrington. Im Krieg mit Masada ist beinahe unser ganzer Offizierskader ausgelöscht worden, und wir befördern Männer, damit sie den Befehl über Zerstörer, Kreuzer und sogar Schlachtkreuzer übernehmen, obwohl sie niemals etwas Größeres kommandiert haben als ein LAC. Meine eigene Erfahrung ist nach manticoranischen Maßstäben ebenfalls überaus eng begrenzt, und wenn die Manties sich zurückziehen, stehe ich plötzlich als der erfahrenste Offizier da, den wir haben – mit Ausnahme von Lady Harrington.«

»Aber sie ist ein manticoranischer Offizier. Würde man sie denn überhaupt an uns überstellen?«

»Ich glaube, die manticoranische Admiralität wäre entzückt«, antwortete Matthews. »Es war nicht die Idee der RMN, Lady Harrington auf Halbsold zu setzen, und in seiner Geschichte hat das Sternenkönigreich schon oft Offiziere auf Halbsold an Verbündete ›ausgeborgt‹. Immerhin wurde bereits eine Reihe von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften an uns ausgeliehen. Ich kann selbstverständlich nicht abschätzen, welche politischen Auswirkungen es hätte, wenn wir Lady Harrington eine Bestallung in unserer Navy verleihen würden. In Anbetracht dessen, dass man sie aus dem Oberhaus ausgeschlossen hat, könnte es schon einige schiefe Blicke auf uns lenken, aber ich habe den Eindruck, dass die Queen hinter Lady Harrington steht.«

»Das allerdings, und das Unterhaus unterstützt sie fast geschlossen«, brummte der Protector. Er lehnte sich zurück und schloss zum Nachdenken die Augen. Schließlich seufzte er auf. »Lassen Sie mich in Ruhe darüber brüten. Mit Ihrer Lagebeurteilung stimme ich überein, und ich gebe Ihnen auch darin recht, dass wir Lady Harrington brauchen, aber ob es nun beschützerisch und einengend von mir ist oder nicht, ich weigere mich, neue Forderungen an sie zu stellen, bevor ich sicher bin, dass sie sie ertragen kann. Es würde uns allen schaden, wenn wir sie zu früh zu hart antreiben.«

»Jawohl, Euer Gnaden«, antwortete Wesley Matthews respektvoll, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass er gewonnen hatte. Benjamin Mayhew war ein guter Mann, jemand, der sich ernsthaft um die Frau kümmerte, die seinen Planeten zweiundvierzig Monate zuvor gegen die Masadaner verteidigt – und gerettet hatte. Aber er war auch der planetare Herrscher von Grayson, und auf lange Sicht würden die Pflichten dieser Position den Protector zwingen, Honor Harrington in eine graysonitische Uniform zu stecken – koste es sie, was es wolle.

2

Lady Dame Honor Harrington, Gräfin und Gutsherrin von Harrington, machte drei flinke Schritte und stieß sich mit den Zehen ab. Das Sprungbrett bog sich und schnellte zurück, dann schoss Honor durch die Luft und tauchte beinahe ohne jedes Platschen ins Wasser ein. Die Wasseroberfläche kräuselte sich und wirkte wie gewelltes Glas – aber der Pool war kristallklar, und Senior Chief Steward James MacGuiness betrachtete Honor, wie sie mit der Eleganz eines Delphins über den gefliesten Beckenboden glitt. Dann kam sie wieder an die Oberfläche, rollte sich herum und bewegte sich auf dem Rücken schwimmend zum gegenüberliegenden Ende des fünfzig Meter langen Pools, wo die morgendliche Schwimmpartie enden würde.

Die Crystoplastkuppel von Harrington House dämpfte die Glut von Graysons F6-Sonne, Jelzins Stern; und auf dem Tischchen am Rand des Pools öffnete ein schlanker, sechsgliedriger Baumkater die grasgrünen Augen, als MacGuiness sich ein Handtuch über den Arm legte und zu den Stufen des Schwimmbeckens hinüberging. Der Baumkater erhob sich und reckte seinen geschmeidigen, sechzig Zentimeter langen Leib gemächlich; dann setzte er sich aufrecht auf die vier hinteren Gliedmaßen. Er rollte den flauschigen, greiffähigen Schwanz um die Echt- und Handpfoten, und ein träges Gähnen entblößte nadelspitze Zähne, die unmissverständlich mit einer Mischung aus Toleranz und Belustigung grinsten, während er seinem Zögling – seiner Person – zusah, wie sie triefend aus dem Wasser stieg. Sie wrang sich den schulterlangen Zopf aus, dann nahm sie mit gemurmeltem Dank das Handtuch von MacGuiness entgegen. Der Baumkater schüttelte den Kopf. Alle Baumkatzen hassten es, nass zu werden, aber Nimitz hatte Honor Harrington schon vor vierzig T-Jahren adoptiert. Er hatte mehr als genug Zeit gehabt, sich an ihre manchmal doch höchst eigenartigen Vorstellungen von Vergnügen zu gewöhnen.

Major Andrew LaFollet aus der Leibwache der Gutsherrin von Harrington hatte längst nicht so viel Zeit zur Verfügung gestanden, und er gab sein Bestes, sich sein Unbehagen in Gegenwart der in ein Handtuch gewickelten Gutsherrin nicht anmerken zu lassen. Trotz seiner Jugend war der Major der zweithöchste Offizier in der Harringtoner Gutsgarde und ein Meister seines Fachs. Darüber hinaus war er Lady Harringtons persönlicher Waffenträger und Leiter ihrer ständigen Leibwache. Das Gesetz des Planeten Grayson verlangte, dass ein Gutsherr ständig von seiner – oder, in Lady Harringtons ganz speziellem Fall, ihrer – Leibwache begleitet wurde. LaFollet wusste, dass es Lady Harrington nicht leicht fiel, diesem Gebot zu genügen, und doch gab es Momente, in denen er und seine Kameraden das Arrangement sogar noch unerquicklicher fanden als selbst sie.

Als der Major von dem Vorhaben seiner Gutsherrin erfuhr, die sich freiwillig in ein mehr als drei Meter tiefes Gewässer stürzen wollte, war er entsetzt gewesen. Auf Grayson war das Schwimmen schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten, und LaFollet kannte niemanden, absolut niemanden, der diese Fertigkeit je erlangt hätte. Außerdem vermochte er sich einfach nicht vorzustellen, weshalb um alles in der Welt ein geistig gesunder Mensch den Wunsch hegen sollte, sich dieser Betätigung hinzugeben. Die hohen Schwermetallkonzentrationen auf dem Planeten Grayson führten dazu, dass selbst sein »Süßwasser« stets gefährliche Kontaminationen aufwies. In den dreiunddreißig Jahren vor seinem Eintritt in Lady Harringtons Dienste hatte Andrew LaFollet kein einziges Mal Wasser getrunken, das nicht zuvor gereinigt, destilliert und kontrolliert mineralisiert worden wäre. Der Gedanke daran, Tausende von Litern wertvolles Trinkwasser in ein Loch im Boden zu schütten und dann hineinzuspringen, erschien ihm … nun, »bizarr« war sicherlich das freundlichste Attribut, das ihm diesbezüglich in den Sinn gekommen war, als Lady Harrington befahl, man möge ihr einen »Swimmingpool« bauen.

Selbstverständlich war jedem Gutsherrn – ganz besonders jedoch dieser Gutsherrin – gestattet, die eine oder andere Eigenheit zu pflegen, und dennoch hatte LaFollet wegen des Vorhabens tiefe Besorgnis verspürt. Um genau zu sein, ging es ihm um zwei Aspekte, er hatte jedoch nur einen davon Lady Harrington vorzutragen gewagt: Auf dem gesamten Gut von Harrington waren sie und Chief MacGuiness die einzigen Schwimmer. Was also sollten ihre Waffenträger unternehmen, wenn sie ausgerechnet inmitten all dieses nassen Zeugs in Schwierigkeiten geriet?

LaFollet war sich wie ein errötendes, ungebildetes Landei vorgekommen, als er ihr diese Frage mit barschen Worten vorgelegt hatte. Sein Gesicht war noch röter geworden, als sie nicht einmal lachte. Natürlich lachte sie gar nicht mehr häufig. Ihre großen Augen schienen fortwährend dunkel und von Schatten erfüllt zu sein, aber diesmal hatte ein schwaches, humorvolles Funkeln darin gestanden. Und trotz seiner Verlegenheit hatte LaFollet Freude empfunden. Dieses Funkeln war um so vieles besser als all das andere, was er in diesen Augen schon erblickt hatte, und doch unterstrich diese milde Belustigung noch einmal genau das, was die gründliche Erledigung seiner Aufgaben so sehr erschwerte.

Die Gutsherrin konnte sich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ihr Schutz und ihre Sicherheit für ihre Waffenträger von alles überragender Bedeutung waren. Und alles, was ihr Spaß machte, vermochte das Haar eines jeden Leibwächters schon früh ergrauen zu lassen. LaFollet hatte Lady Harringtons Navylaufbahn in sein Weltbild integriert – als sie noch eine Laufbahn besessen hatte. Auch wenn er es nicht wirklich gemocht hatte, waren die Risiken, die aus dem Kommando über ein Kriegsschiff erwuchsen, doch eines Gutsherrn würdig und weitaus weniger … frivol als gewisse andere Risiken, die einzugehen sie sich nicht ausreden ließ.

Das Schwimmen war schon schlimm genug, aber wenigstens schwamm Lady Harrington in einer hübschen, flachen Ecke des überkuppelten Geländes von Harrington House – und diese Tätigkeit war daher ihren anderen Beschäftigungen bei Weitem vorzuziehen. Auf ihrer Heimatwelt mochte das Drachenfliegen eine allgemein verbreitete Leidenschaft sein, aber schon beim Gedanken daran krümmte LaFollet sich innerlich zusammen. Er wusste, dass die Lady schon eine Expertin im Drachenfliegen gewesen war, bevor er laufen lernte, aber dennoch beunruhigte es den Leibwächter außerordentlich, dass sie nicht einmal in Erwägung zog, eine Kontragraveinheit für den Notfall mitzunehmen.

Glücklicherweise war auf Grayson das Drachenfliegen ebenso ausgeschlossen wie das Nacktbaden. Im Laufe der tausendjährigen Geschichte der Kolonie hatten die Graysons eine höhere Toleranz gegen Schwermetalle entwickelt als sie jeder normale Mensch besaß, Lady Harrington eingeschlossen. Und – dem Herrn sei Dank! – aus ihrer Karriere als Navy Offizier brachte sie einen gesunden Respekt für Umweltrisiken aller Art mit sich. Unglücklicherweise vergaß Lady Harrington diesen Respekt stets, wenn sie hin und wieder ihre Eltern besuchte. LaFollet und Corporal Mattingly verbrachten einmal einen unfassbar schrecklichen Nachmittag mit ihrer Gutsherrin. Sie saßen in einem Flugwagen, der mit einem Traktorstrahler ausgerüstet war, während Lady Harrington auf einem zerbrechlichen Gleiter um die zackigen Spitzen der Copper Walls auf Sphinx sauste und dann weit auf den Tannerman-Ozean hinausflog. Allein der Gedanke, was eine böswillige Person mit einem Pulsergewehr einem solchen unbeweglichen Ziel anzutun vermochte, trug nicht gerade dazu bei, einem Leibwächter einen ruhigen Schlaf zu verschaffen.

In gewisser Weise jedoch war Lady Harringtons Leidenschaft für Bergwanderungen noch schlimmer. LaFollet schenkte zwar ihrer Schilderung gern Glauben, dass andere Leute »wirklich« an »echten« Felsen hinaufkletterten, aber mit ihr die steilen Wege zu erklimmen und an den Kanten tief abfallender Schluchten zu wandeln – und dazu noch auf einer Welt mit 1,35 g Schwerkraft –, das erschien ihm schon abenteuerlich genug. Und dann war da noch Lady Harringtons zehn Meter lange Slup im ausladenden Bootshaus ihrer Eltern. Menschen, die nicht einmal eine Vorstellung davon besaßen, wie man schwamm, erschienen Kontragrav-Schwimmwesten schon recht unzureichend, wenn sie eine Bootsfahrt unternehmen mussten; vor allem, wenn ihre Gutsherrin das Boot in einer Weise über die Wellen trieb, die die Passagiere dazu zwang, sich so fest an Stagen und Klampen zu klammern, dass ihre Fingerknöchel weiß durch die Haut stachen.

All dies demonstrierte Lady Harrington ihren Waffenträgern mit Absicht, und LaFollet wusste auch genau, weshalb. Auf diese Weise gab sie bekannt, dass sie nicht im Entferntesten beabsichtigte, das Leben aufzugeben, an das sie sich im Laufe von siebenundvierzig T-Jahren gewöhnt hatte, nur weil sie nun Gutsherrin geworden war. Sie war bereit, sich von den hartnäckigen Waffenträgern beschützen zu lassen, wie es die Eide von ihnen verlangten, aber weiter wollte sie nicht gehen. Zwar kam es gelegentlich zu überaus höflich ausgetragenen Konfrontationen mit dem Chef ihrer Leibwache, da Lady Harrington sich weigerte, jemand anderes zu sein als sie selbst, aber LaFollet war sich durchaus bewusst, dass erst dieser Zug ihr die verehrungsvolle Achtung ihrer Leute gesichert hatte, welche weit über den Gehorsam, den jeder Gutsherr fordern durfte, hinausging. Trotz aller Sorge, die ihre Hobbys LaFollet bereiteten, erleichterte es den Major ungemein zu wissen, dass es doch noch etwas gab, das zu tun Lady Harrington genoss.

Und dennoch wünschte er sich von Zeit zu Zeit, sie wäre einer traditionellen graysonitischen Frau ein wenig ähnlicher. Seine Vorstellung von Anstand war – treffend ausgedrückt – »erweitert« worden, während er ihr als Waffenträger diente, aber trotzdem war und blieb er ein Grayson. Deshalb hatte er aus grimmiger Pflichtergebenheit die Bürde des Schwimmenlernens auf sich genommen und einen Lebensretterkurs absolviert, nur um zu seinem eigenen Erstaunen festzustellen, dass diese Betätigung ihm Spaß machte. Dem Großteil ihrer Sicherheitskräfte erging es so, nur Jamie Candless hegte noch gewisse Vorbehalte. Sie hatten es sich sogar zur Gewohnheit gemacht, einen guten Teil ihrer Freizeit am Pool der Gutsherrin zu verbringen, aber Lady Harringtons Badeanzug wirkte auf sie immer noch wie ein bewaffneter Angriff auf die graysonitische Moral. Zwar hatten die Ereignisse des vergangenen Jahres LaFollets Standards immer weiter »aufgeweicht« – was möglicherweise begrüßenswert sein mochte, wie er rein intellektuell einzuräumen bereit war –, dennoch war er sich der tief verwurzelten, anerzogenen Anstandsregeln immer dann besonders schuldhaft bewusst, wenn er seiner Gutsherrin beim Schwimmen zusah.

Dabei wusste er genau, dass sie bereits Konzessionen gemacht hatte. Nach manticoranischen Vorstellungen war ihr einteiliger Badeanzug außerordentlich unansehnlich, aber für die Ecke von LaFollets Verstand, in der die grundlegendsten Elemente des Zwischenmenschlichen saßen, hätte Lady Harrington genauso gut nackt sein können. Dazu kam noch, dass sie schon in frühester Kindheit die neuste und daher wirksamste Prolong-Behandlung erhalten hatte. Sie sah geradezu absurd jugendlich aus, und ihr wie gemeißelt schönes Gesicht wirkte durch die mandelförmigen Augen auf den Betrachter exotisch. Dies und ihre athletische Anmut drohten in dem Major noch wesentlich unangebrachtere Reaktionen hervorzurufen. Lady Harrington war dreizehn T-Jahre älter als er und sah rein äußerlich doch eher wie eine jüngere Schwester aus. Nicht im Entferntesten stand es ihm zu, von seiner Gutsherrin als der attraktivsten Frau zu denken, die ihm je vor die Augen gekommen war – und ganz gewiss nicht, wenn sich ihr nasser Badeanzug an jede geschmeidige Kurve schmiegte.

Er kehrte ihr den Rücken zu, bis sie sich abgetrocknet hatte, und stieß innerlich einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie MacGuiness den Bademantel abnahm und sich den Gürtel zuband. Lady Harrington setzte sich in den Stuhl neben dem Schwimmbecken, LaFollet drehte sich um und nahm den angemessenen Platz neben ihr ein. Er spürte, dass seine Lippen zuckten, als sie mit dem schmalen, schiefen Lächeln zu ihm aufsah, das so typisch für sie war. Ein strahlendes Lächeln war es nicht gerade, und die geringfügige Verzögerung, mit der die künstlichen Nerven am linken Mundwinkel auf den Impuls reagierten, ließen es ein wenig schräg erscheinen, aber das Lächeln zeigte LaFollet, dass Lady Harrington seine Gedanken kannte, und ihre Belustigung war viel zu sanft, als dass er ihr deshalb hätte böse sein können. In dem Lächeln lagen weder Spott noch Herablassung, es war ironischer Ausdruck des gemeinsamen Bewusstseins um die Unterschiede der beiden Gesellschaften, aus denen sie stammten, mehr nicht – und allein der Anblick wärmte dem Major das Herz. Aber selbst in diesem Moment lauerte hinter dem Lächeln die Dunkelheit, obwohl die Trauer und das Gefühl des Verlustes, die Lady Harrington für viel zu lange Zeit belastet hatten, nun allmählich zu verblassen begannen. Der Prozess war langsam und schmerzhaft, aber LaFollet freute sich sehr, dass nun endlich eine Veränderung in Lady Harrington vonstattenging. Wenn es sie nur zum Lächeln brachte, dann vermochte er ein wenig Verlegenheit zu ertragen. Er zuckte mit den Schultern, um das geteilte Wissen um die Bedrängnis seiner kulturgegebenen Engstirnigkeit zu bestätigen.

Honor Harringtons Lächeln verbreiterte sich, als der Leibwächter ihr zu verstehen gab, dass er das Absurde durchaus wahrnahm. Als MacGuiness den Deckel von einem Tablett nahm und es mit einer schwungvollen Bewegung auf dem Tisch absetzte, wandte sie den Blick ab. Nimitz sprang auf seinen Stuhl und stieß ein glückliches »Bliek!« aus. Nun wurde Honors Lächeln zu einem Grinsen. Sie bevorzugte ein leichtes Mittagessen, und MacGuiness hatte ihr eine Mahlzeit aus Salat und Käse zubereitet, aber Nimitz’ Schnurrhaare vibrierten vor Entzücken, als der Steward ihm einen Teller mit gegrilltem Kaninchen vorsetzte.

»Sie verwöhnen uns, Mac«, sagte sie, und MacGuiness schüttelte herzlich den Kopf. Dann goss er ihr aromatisches, dunkles Bier in den Krug. Sie nahm einen Käsekeil und kostete dankbar davon. Graysonitische Nahrungsmittel musste sie nach wie vor mit Vorsicht behandeln, denn die zwei Jahrtausende der Diaspora hatten terranische Pflanzen in sehr gegensätzliche Umwelten versetzt, und die geringfügigen Unterschiede zwischen eigentlich identischen Spezies konnten sehr unangenehme Konsequenzen zeigen – aber die graysonitischen Käsesorten waren einfach köstlich.

»Hmmmmmm!«, seufzte sie und griff nach dem Bier. Sie nippte daran und blickte wieder zu LaFollet hinüber. »Wird die Einweihung planmäßig stattfinden, Andrew?«

»Jawohl, Mylady. Colonel Hill und ich werden uns heute Nachmittag um die Einzelheiten kümmern. Heute abend sollten wir Ihnen das endgültige Programm unterbreiten können.«

»Gut.« Sie trank einen Schluck Bier, aber sie sah dabei nachdenklich aus. Als sie den Krug wieder abstellte, wölbte sie eine Augenbraue. »Wieso habe ich nur das Gefühl, dass Sie mit irgendetwas nicht ganz zufrieden sind?«

»Zufrieden, Mylady?« Mit einem Stirnrunzeln schüttelte LaFollet den Kopf. »Das würde ich so nicht sagen.« Dann sah er, wie sie die andere Braue ebenfalls hob. Eine Sekunde lang begegnete er ungerührt ihrem Blick, dann seufzte er auf. »Ich fürchte, ich bin noch immer nicht ganz zufrieden mit der Kontrolle der Aufwiegler, Mylady«, gab er schließlich zu, und nun runzelte Honor die Stirn.

»Andrew, wir haben uns doch schon darüber unterhalten. Ich weiß, dass Sie sich Sorgen machen, aber ich kann doch nicht hingehen und Leute einsperren, weil sie ihr Recht auf Versammlungsfreiheit in Anspruch nehmen.«

»Nein, Mylady«, antwortete LaFollet mit respektvoller Hartnäckigkeit und verzichtete wohlweislich darauf, sie auf den Umstand hinzuweisen, dass sie als Gutsherrin genau das tun könne – und dass andere Gutsherren es auch getan hätten. »Aber wir könnten immerhin jeden ausschließen, den wir für ein Sicherheitsrisiko halten.«

Nun seufzte Honor auf und lehnte sich zurück, das Gesicht leicht zu einer fast gütigen Grimasse verzogen. Ihre empathische Beziehung zu Nimitz war erheblich stärker und enger als die normale Menschen-Baumkatzen-Bindung. Soweit sie wusste, war vor ihr noch kein Mensch in der Lage gewesen, die Emotionen einer ’Katz wahrzunehmen – und erst recht konnte niemand zuvor über die Baumkatze die Empfindungen anderer Menschen spüren. Anfänglich hatte sie versucht, Nimitz davon abzubringen, dass er ihr die Gefühle anderer vermittelte. Aber das war ungefähr so, als wolle man sich das Atmen abgewöhnen. Im zurückliegenden T-Jahr hatte sie sich, wie sie selbst zugeben musste, so eng an Nimitz und seine Fähigkeiten geklammert, dass es für sie beinahe unmöglich war, auf die Empfindungen der Menschen aus ihrer Umgebung zu verzichten. Immer wieder hatte sie sich einzureden versucht, dass sich ihr besonderes Talent nicht sehr davon unterschied, Gesichtsausdrücke und Körpersprache herausragend gut deuten zu können; jedenfalls hatte sie schließlich akzeptiert, dass Nimitz es nicht hinnahm, wenn sie ihre neu erworbenen Fähigkeiten brachliegen ließ.

So war es auch jetzt. Nimitz mochte LaFollet und sah keinen Grund, Honor die Empfindungen des Majors vorzuenthalten oder seine eigene Zufriedenheit mit ihm zu verbergen. Beide wussten sie schließlich, wie ergeben LaFollet seiner Gutsherrin war, und Honor wusste genau, dass es nur am Rande mit Sicherheitsüberlegungen zu tun hatte, wenn er so hart gegen die Demonstranten vorgehen wollte. LaFollets eigentliche Beweggründe waren viel einfacher: Empörung und die tiefe Entschlossenheit, Honor vor weiteren seelischen Wunden zu bewahren.

Ihr Lächeln verschwand, und ihre langen Finger spielten gedankenverloren mit dem Bierkrug. Sie war der erste weibliche Gutsherr, den es je gegeben hatte, das Symbol, und, wie manche behaupteten, auch der Grund für die Umwälzung, die die graysonitische Gesellschaft in den Grundfesten erschütterte. Zudem war sie nicht nur eine Frau, sondern auch noch eine Fremdweltlerin, die nicht einmal der Kirche der Entketteten Menschheit anhing! Auch wenn die Kirche sie genau wie das Konklave der Gutsherren sie als die Lehnsherrin des Guts von Harrington akzeptiert hatten, standen doch längst nicht alle Graysons hinter dieser Entscheidung.

Vermutlich durfte sie es ihren Gegnern nicht einmal übelnehmen, auch wenn ihr das manchmal sehr schwerfiel. Die Attacken konnten weh tun – sehr weh –, und doch begrüßte etwas in ihr die Ablehnung. Nicht, dass es Honor gefallen hätte, wenn man sie verteufelte, sondern weil ihre verzweifelte Verteidigung des Planeten gegen die masadanischen Fanatiker ihr in den Augen der meisten Graysons ein Format verlieh, das ihr großes Unbehagen bereitete. Die Ehren, mit denen sie überhäuft wurde – einschließlich des Gutsherrentitels –, führten dazu, dass ihr oft peinlich zumute war, so als spielte sie nur eine Rolle in einem Stück. Dass nicht alle Graysons sie wie die Heldin eines Holo-Dramas behandelten, wirkte manchmal geradezu beruhigend.

Angenehm war es nun wirklich nicht, wenn sie als »die Kammerzofe Satans«, bezeichnet wurde, als »Metze«, als »Hexe« oder noch schlimmer, aber die Tiraden der Straßenprediger durchdrangen wenigstens die Ehrerbietung, die ihr von den anderen Graysons erwiesen wurde. Sie erinnerte sich, von einem Brauch gelesen zu haben, der in einem der Imperien von Alterde üblich gewesen war – aber ob es sich um das Römische oder das Französische Imperium handelte, wusste sie nicht mehr genau. Jedenfalls begleitete ein Sklave damals den siegreichen General auf dem Streitwagen, mit dem er im Triumphzug durch die Straßen fuhr. Während die Massen ihn priesen und mit Lob überschütteten, musste der Sklave den Feldherrn immer und immer wieder daran erinnern, dass auch er nur sterblich sei. Als Honor die Überlieferung las, hatte sie den Brauch als kurios abgehakt, mittlerweile wusste sie die zugrundeliegende Weisheit jedoch zu schätzen. Denn vermutlich war es verführerisch einfach, die endlosen Jubelrufe für bare Münze zu nehmen. Wer wäre schließlich nicht gern eine Heldin gewesen?

Dieser Gedanke traf sie unerwartet an ihrer wunden Stelle; ihre Augen verdüsterten sich, als kalter, vertrauter Schmerz sie durchfuhr. Sie senkte den Blick in den Bierkrug und presste die Lippen zusammen, kämpfte gegen die Finsternis an, aber das fiel ihr schwer, so schwer. Wie immer kam das Gefühl ohne Warnung, wie immer hatte es im Hinterhalt gelauert, eine Schwäche tief in ihr, von der sie wusste, dass sie sie herabwürdigte, und die Komplexität der Zusammensetzung machte es noch schwerer, die Angriffe vorherzuahnen. Niemals konnte sie wissen, was den Gefühlsangriff auslösen würde, denn es gab zu viele blutige Narben, zu viele seelische Wunden, die von einem unerwarteten Wort oder Gedanken wieder aufgerissen wurden.

Keiner ihrer graysonitischen Untertanen ahnte etwas von Honors Albträumen. Niemand außer Nimitz wusste davon, und dafür war sie dankbar. Der ’Kater kannte ihren Schmerz, das nagende, hoffnungslose Schuldgefühl, das sie in jenen furchtbaren Nächten gefangen hielt – die zum Glück beständig, wenn auch sehr langsam, seltener wurden –, in den Nächten, in denen sie sich daran erinnerte, wie sie zur Heldin Graysons geworden war; und in denen sie sich an die neunhundert Menschen erinnerte, die dabei an Bord der Schiffe ihres Geschwaders gestorben waren. Die Menschen, denen eine echte Heldin irgendwie das Leben gerettet hätte. Dabei waren dies noch lange nicht alle Toten, die auf ihrem Gewissen lasteten. Dass das Kommando über ein Kriegsschiff letztendlich bedeutete, über Leben und Tod von Menschen zu entscheiden, hatte sie immer gewusst. Aber nur in dämlichen, von Idioten verfassten Geschichten triumphierte das Gute, ohne Schaden zu nehmen, und starben nur die Bösen. Auch das hatte sie gewusst, aber warum mussten es ausgerechnet immer ihre Leute sein, die den Preis für den Sieg des Guten zahlten?

Sie schloss die Hand fester um den Bierkrug, und die Gleichgültigkeit des Universums trieb ihr die Tränen in die Augen. Dem Tod hatte sie schon früher gegenübertreten müssen, aber diesmal war alles anders. Diesmal zerrte der Schmerz an ihr wie eine sphinxianische Flutbrandung, denn diesmal hatte Honor ihre Gewissheit verloren. »Pflicht«. »Ehre«. Wichtige Begriffe, aber der verbitterte, gepeinigte Teil ihrer Selbst wollte wissen, weshalb sie ihr Leben ausgerechnet solch undankbaren Konzepten verschrieben hatte. Früher einmal waren ihr diese Ideale so klar, so leicht definierbar erschienen, aber nach jedem Tod, den sie miterlebt hatte, mit jedem Orden und jedem Titel, den sie erhielt, während die Kosten für die anderen größer und größer wurden, waren die Konzepte undeutlicher zu erkennen gewesen. Und unter der schmerzlichen Last all der unschuldigen Opfer lag das Wissen, wie entschlossen ein anderer Aspekt ihres Seins sich an diese Ehrenzeichen klammerte. Nicht um der Ehrenzeichen selbst willen, sondern in der verzweifelten Hoffnung, wenigstens diese Äußerlichkeiten würden beweisen, dass all die Opfer etwas bewirkt hätten. Dass dieses eine, was sie besser konnte als alles andere, doch bitte eine Bedeutung besitzen möge, die über die Vernichtung all der Menschen hinausging, welche auf ihren Befehl hin in den Tod gegangen waren.

Honor holte tief Luft und hielt den Atem an, und dann wusste sie plötzlich – sie dachte es nicht nur, sie wusste es mit Gewissheit –, dass der Tod ihrer Leute etwas bewirkt hatte und niemand ihr vorwarf, dass sie selbst nicht mit ihnen gestorben war. Nimitz’ Fähigkeit, ihr die Emotionen anderer Menschen zu übermitteln, lieferte den Beweis – und von dem »Schuldkomplex der Überlebenden« hatte sie bereits einmal gehört. Ganz eindeutig war sie nicht für die Situation verantwortlich, in der so viele gestorben waren; sie hatte ihr Bestes gegeben. Es hatte einen Zeitraum nach dem Masadanischen Krieg und der Schlacht von Hancock gegeben, da vermochte sie all das zu akzeptieren. Nicht leichtfertig, nicht glücklich darüber, aber ohne die schrecklichen Träume, in denen sie ihre Leute immer wieder sterben sah und hörte. Damals war sie den gleichen Zweifeln gegenübergetreten, hatte sie niedergekämpft und mit ihrem Leben weitergemacht – aber das vermochte sie nicht mehr, denn in ihr war etwas zerbrochen.

In den dunklen Nachtstunden, wenn Honor Harrington ihrer Seele mit hoffnungsloser Ehrlichkeit gegenübertrat, wusste sie, was dieses Etwas war, und dieses Wissen ließ sie sich klein und verabscheuungswürdig vorkommen, denn der Verlust, mit dem zu leben sie nicht gelernt hatte, war persönlicher Natur. Paul Tankersley war nur ein Mann gewesen; der Umstand, dass sie ihn mehr geliebt hatte als ihr Leben, sollte seinen Tod nicht schlimmer machen als den Tod all der Männer und Frauen, die unter ihrem Kommando gestorben waren. Und doch war es so. Sie waren weniger als ein einziges T-Jahr zusammen gewesen, und selbst jetzt, zehn Monate, nachdem sie ihn verloren hatte, erwachte sie noch immer mitten in der Nacht, griff neben sich in die Leere und spürte das fürchterliche Gewicht des Alleinseins überdeutlich.

Und nur dieser Verlust – ihr persönlicher Verlust – war es, der ihr die Selbstsicherheit geraubt hatte. Ihr selbstsüchtiger Schmerz hatte sie geschwächt und ließ nun die anderen Tode um so furchtbarer erscheinen, und dafür verachtete sie sich. Nicht, weil sie unsicher war, sondern weil es unaussprechlich schwach und falsch war, die Trauer um all die anderen nur als Nachhall ihres Schmerzes über Pauls Verlust zu empfinden.

Manchmal, wenn sie sich das Grübeln gestattete, fragte sie sich, was wohl ohne Nimitz aus ihr geworden wäre. Niemand außer ihm ahnte, wie sehr sie sich nach Auslöschung gesehnt hatte, nach einem Ende. Einst hatte Honor kühl und logisch geplant, dieses Ende zu suchen, sobald sie den Mann vernichtet hätte, der Paul auf dem Gewissen hatte. Ihre Karriere in der Navy hatte sie geopfert, um sich an Pavel Young zu rächen, und im Grunde verdächtigte sie sich, dass sie dieses Opfer beabsichtigt hatte – dass der Verlust des Berufes, den sie so sehr liebte, als weiterer Grund für die Beendigung ihrer düsteren Existenz herhalten musste. Damals war ihr alles nur vernünftig erschienen; nun bedeutete die Erinnerung daran nur eine weitere Facette der Verachtung für ihre eigene Schwäche, ihre Bereitwilligkeit, sich ihrem Schmerz zu ergeben, obwohl sie doch niemals vor irgendjemandem oder irgendetwas kapituliert hatte.

Ein weiches, warmes Gewicht erschien mit einer fließenden Bewegung auf ihrem Schoß. Zierliche Echthände legten sich ihr auf die Schultern, ein kaltes Näschen rieb sich an ihrer rechten Wange, ein federleichter mentaler Kuss strich ihr über die wunde Seele, und sie umschlang den Baumkater mit den Armen. Während sie ihn an sich drückte, klammerte sie sich nicht nur mit den Armen an ihn, sondern auch mit Herz und Verstand. Das leise, tiefe Summen, mit dem er schnurrte, drang ihr bis ins Mark. Seine Liebe und seine Stärke bot er ihr uneingeschränkt dar und kämpfte gegen den Treibsand ihrer Sorgen mit dem Versprechen, dass sie, ganz gleich was auch geschähe, niemals allein sein müsse, und Nimitz kannte keine Zweifel. Ihre Momente der grausamen Selbstverurteilung wies er zurück – und er kannte Honor besser als jedes andere lebende Wesen. Vielleicht machte seine Liebe zu ihr ihn voreingenommen, aber Nimitz wusste, wie schwer sie verletzt war, und er schalt sie, dass sie sich selbst so viel strenger beurteilte als sie jemand anderen jemals bewertet hätte. Sie holte tief Luft und schlug wieder die Augen auf. Einmal mehr zwang sie sich, seine Unterstützung anzunehmen und den Schmerz beiseitezudrängen.

Honor blickte auf und lächelte matt über die Zerknirschung auf MacGuiness’ und LaFollets Gesichtern. Über die Verbindung zu Nimitz spürte sie, welche Sorgen die beiden sich um sie machten, und sie hatten etwas Besseres verdient als jemanden, der sich in den Abgründen der eigenen Trauer und des Verlustschmerzes quälte. Honor formte die Lippen zu einem echten Lächeln und bemerkte die Erleichterung der beiden Männer.

»Es tut mir leid.« Ihr Sopran klang belegt, darum räusperte sie sich. »Ich war wohl weggetreten«, sagte sie etwas barscher, zur Normalität entschlossen. »Aber wie dem auch sei, Andrew, an den Tatsachen ist nicht zu rütteln. Solange sie keine Gesetze übertreten, haben die Leute das Recht zu sagen, was sie denken.«

»Aber sie gehören nicht einmal zum Gut, Mylady«, wandte LaFollet stur ein, »und …«

Honor lachte leise und schnitt ihm das Wort ab, indem sie ihn leicht in die Rippen stieß.

»Machen Sie sich doch nicht so viele Sorgen! Meine Haut ist dick genug, um mit ehrlich ausgesprochenen Ansichten zurechtzukommen, auch wenn sie von Außenstehenden kommen, ganz gleich, wie wenig ich von ihnen halte. Wenn ich nun von der Gutsgarde ein paar Köpfe einschlagen und jeden Widerspruch unterdrücken ließe, würde ich den Demonstranten schließlich nur beweisen, dass ich genau so bin, wie sie es von mir behaupten, nicht wahr?«

Der Major blickte ihr stur ins Gericht, schloss aber den Mund. Auf dieses Argument fiel ihm keine Erwiderung ein. Das alles war nur so verdammt unfair. Er hätte eigentlich gar nicht wissen dürfen, dass der Baumkater der Gutsherrin erlaubte, die Gefühle anderer Menschen zu spüren, aber er wusste es. LaFollet konnte sich keinen Grund denken, weshalb Lady Harrington so sehr darauf bedacht war, diese Fähigkeit vor anderen zu verbergen, auch wenn ihm selbst genügend Gründe einfielen, aus denen er ihr darin zustimmte. Selbst auf Grayson, wo die Menschen Grund genug hatten, es besser zu wissen, wurde Nimitz’ Intelligenz ständig unterschätzt. Die Graysons hielten ihn für ein außerordentlich kluges Schoßtier, aber nicht für eine Persönlichkeit, und seine Fähigkeit, die Gutsherrin vor feindseligen Absichten zu warnen, hatte sich bereits einmal als lebensrettende Geheimwaffe erwiesen.

Wenn man Andrew LaFollet fragte, war das allein schon Grund genug, Nimitz’ Talent geheim zu halten. Aber wenn jemand Lady Harrington so nahe war wie LaFollet, so musste er früher oder später die Wahrheit bemerken. Darüber hinaus hatte er erkannt, dass Lady Harrington nur Gefühle, und nicht Gedanken lesen konnte. Zudem glaubte sie, dass kein anderer bemerkte, wie furchtbar verletzt sie selbst war. Dass keiner ihrer Waffenträger – und nicht einmal MacGuiness – von den Nächten wüsste, die sie in stiller Verzweiflung durchweinte. Doch Andrew LaFollet standen sämtliche Sicherheitssysteme in Harrington House zur Verfügung; daher wusste er genau Bescheid. Er hatte geschworen, Lady Harrington zu beschützen und, wenn es nötig sein sollte, für sie zu sterben. Dennoch gab es Dinge, vor denen niemand sie bewahren konnte – niemand außer Nimitz. Aber zu hören, wie bigotte Mistkerle sie angriffen und anprangerten, Schweinehunde, die sich zum Gut von Harrington karren ließen, um die Gutsherrin zu schikanieren, obwohl sie so viel gegeben hatte, das erfüllte ihn mit maßlosem Zorn.

Sie war nicht nur seine Gutsherrin, sie hatte recht. Und selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte er sich doch geweigert, zu all ihren Problemen auch noch Verdruss mit ihren Waffenträgern hinzuzufügen. Deshalb behielt er alle Gegenargumente für sich und nickte einfach.

Mit einem schmalen Lächeln dankte sie ihm dafür, und er erwiderte es. Wieder einmal war er sehr dankbar, dass Nimitz kein Telepath war. Schließlich und endlich galt auch hier: Was die Gutsherrin nicht weiß, macht sie nicht heiß. Colonel Hills Nachrichtendienst hatte herausgefunden, dass die Agitatoren sich höchstwahrscheinlich über die »Wollust« ihrer außerehelichen Affäre mit Paul Tankersley empören würden. Diese Leute bedeuten wirklich eine Gefahr, dachte er, denn die Heiligkeit der Ehe und die Sündhaftigkeit außerehelichen Geschlechtsverkehrs gehörten zu den Grundpfeilern der graysonitischen religiösen Überzeugungen. Die meisten (wenn auch sicherlich nicht alle) Graysons reservierten ihre Verachtung in solchen Fällen für den Mann, denn auf Grayson übertraf die Anzahl der weiblichen Neugeborenen die der männlichen um den Faktor drei. Grayson war eine herbe Welt, auf der Überlebenswille und Religion sich zu einem eisernen Kodex der Verantwortung entwickelt hatten. Ein Mann, der sich in eine beiläufige Tändelei verwickelte, verletzte seine allem übergeordnete Pflicht, für die Ehefrau zu sorgen und sie zu beschützen; er demütigte die Frau, die ihm ihre Liebe und vielleicht auch Kinder schenkte. Aber ganz so einseitig war die Sache nun auch wieder nicht, und selbst die Graysons, die die Gutsherrin inbrünstig verehrten, erfasste ein gewisses Unbehagen, wenn sie an ihre Beziehung zu Paul Tankersley dachten. Die Mehrheit schien die offenkundige Tatsache zu akzeptieren, dass die Manticoraner nun einmal andere Maßstäbe setzten und nach diesen Maßstäben weder Lady Harrington noch Paul Tankersley etwas Falsches getan hatten, aber LaFollet glaubte, dass die meisten viel lieber gar nicht erst über die Affäre nachdachten. Und er vermutete sehr, dass sich die wenigen Fanatiker, die Lady Harrington allein deswegen hassten, weil sie war, wer sie war, sich dessen ganz genau bewusst waren. Früher oder später würde einer von ihnen diese Affäre gegen die Gutsherrin benutzen, und der Major ahnte, welch grausame Wunde ihr das schlagen würde. Nicht nur politisch, sondern in ihrem Innersten, wo der Verlust des geliebten Mannes eine tiefe Wunde in ihre Seele geschnitten hatte.

Deshalb verzichtete LaFollet darauf, mit ihr zu streiten. Stattdessen nahm er sich vor, zusammen mit Hill die Dateien der Agitatoren nach den Namen echter Ekelpakete durchzugehen. Zweifelsohne wäre Lady Harrington zornig, sollte sie erfahren, dass er mit diesen Leuten … ein ernstes Wort redete, aber er wäre bereit gewesen, noch erheblich mehr Risiken einzugehen, um dem Abschaum, der sie ernsthaft verletzen könnte, das Maul zu schließen.

Honor senkte ganz kurz die Brauen, als ihr oberster Waffenträger ihren Blick erwiderte. Hinter diesen so unschuldig dreinblickenden grauen Augen ging etwas vor, aber sie konnte nicht genau sagen, was. Sie nahm sich vor, auf LaFollet zu achten, dann schob sie die Sorgen beiseite und setzte Nimitz auf seinen eigenen Stuhl zurück, damit sie sich dem Mittagessen widmen konnte.

Ihr Terminplan für den Nachmittag war eng gedrängt, und sie hatte genug Zeit damit verschwendet, sich selbst zu bemitleiden. Je früher sie mit dem Essen fertig wurde, desto eher konnte sie sich an die Arbeit machen, sagte sie sich und nahm die Gabel zur Hand.

3

Als Nimitz sich unvermittelt von ihrer Schulter katapultierte, blieb Honor abrupt auf dem Pfad stehen. Sie beobachtete, wie er als graues und cremefarbenes Rauchwölkchen in die Gebüsche des symmetrisch angelegten Gartens entschwand, dann schloss sie die Augen. Ein Lächeln zuckte ihr über die Lippen, als sie ihm über die telempathische Verbindung durch die blühenden Massen terranischer Azaleen und sphinxianischer Dornblumen folgte.

Andrew LaFollet blieb im gleichen Augenblick stehen, in dem seine Gutsherrin innehielt, und hob die Augenbrauen, als er Nimitz’ Abwesenheit bemerkte. Er begriff und schüttelte amüsiert den Kopf. Rein instinktiv, aus Gewohnheit, musterte er sorgfältig die friedliche Umgebung, dann verschränkte er in stiller Geduld die Arme.

Ein Garten wie dieser hätte auf den meisten Welten ein wenig einheimische Flora enthalten, aber auf dem Gelände von Harrington House waren keinerlei graysonitische Pflanzen erlaubt, ganz gleich, wie hübsch anzusehen sie auch waren. Die Vegetation des Planeten Grayson war für Menschen sehr gefährlich, besonders aber für jene, die auf weniger lebensbedrohlichen Welten aufgewachsen waren. Keiner der drei bewohnbaren Planeten des Doppelsterns Manticore wies Schwermetalle in tödlichen Konzentrationen auf. Dadurch fehlte Honor die begrenzte Schwermetallverträglichkeit, die den Einheimischen Graysons durch evolutionäre Anpassung zuteil geworden war. Die Planer von Harrington House hatten bewusst vermieden, die Gutsherrin – oder auch Nimitz – den heimischen Pflanzen auszusetzen. Stattdessen hatten sie die teurere Möglichkeit gewählt und (klammheimlich) recherchiert, welche Blütenpflanzen ihrer Heimatwelt Honor am liebsten mochte, und diese importiert. Zum größten Teil aber bestand der Bewuchs des Gartens aus reinen Alterdenspezies.

Wie die Flora, so die Fauna. Das Gelände stellte einen botanischen und zoologischen Garten mit terranischen und sphinxianischen Arten dar, einzig zu Honors Zerstreuung erschaffen. Honor war von dieser Geste gerührt gewesen, die entstandenen Kosten hingegen hatten sie schockiert. Hätte sie gewusst, was die Graysons planten, so wäre sie gegen das Projekt eingeschritten. Doch Protector Benjamin selbst hatte den Bau angeordnet, und Honor hatte zu spät davon erfahren. Unter den gegebenen Umständen konnte sie sich daher nur dankbar zeigen, und sie wusste durchaus zu schätzen, dass man bei dem Projekt nicht nur an ihre Bedürfnisse gedacht hatte. Nimitz war zwar klüger als die meisten Zweibeiner und verstand trotz seiner Unfähigkeit, menschliche Wörter auszusprechen, mehr Standardenglisch als die Mehrheit der heranwachsenden Manticoraner, aber dennoch konnte man von ihm nicht erwarten, dass er abstrakte Konzepte wie »Arsenvergiftung« oder »Cadmium« begriff. Honor war sich zwar sicher, dass sie ihn vor den lauernden Gefahren jenseits der Kuppel von Harrington House »gewarnt« hatte, doch ob er die Natur der Bedrohung wirklich verstand oder nicht, ließ sich erheblich schwieriger feststellen. So aber war der Garten noch viel mehr zu Nimitz’ Spielplatz als zu Honors Zufluchtsort geworden.

Honor tastete nach einer Bank und ließ sich darauf niedersinken. LaFollet trat näher, um sich wieder neben sie zu stellen, aber das bemerkte sie kaum. Mit geschlossenen Augen verfolgte sie Nimitz geistig durch das Unterholz. Baumkatzen waren tödliche Jäger und standen unter den Baumbewohnern Sphinx’ an der Spitze der Nahrungskette. Honor verspürte das Vergnügen, mit dem Nimitz seine Raubtierinstinkte auslebte. Er musste nicht auf die Jagd gehen, um sich zu ernähren, aber er wollte unbedingt in Übung bleiben, und als er nun geräuschlos durch die Schatten strich, teilte Honor seine Begeisterung.

Das mentale Abbild eines sphinxianischen Chipmunks (das nicht im geringsten dem Alterdentier gleichen Namens ähnlich sah) stand ihr plötzlich vor Augen. Der ’Kater projizierte es mit erstaunlicher Klarheit und ganz offensichtlich mit Bedacht. Wie durch seine Augen beobachtete Honor das Chipmunk, das an seinem Loch saß und an der harten Schale einer Fastkiefernschote nagte. Ein sanfter, künstlich erzeugter Windstoß schüttelte die Blätter, aber das Chipmunk saß in Windrichtung, und vollkommen geräuschlos schlich Nimitz sich näher an. Er stellte sich gleich hinter das Chipmunk. Der sechzig Zentimeter lange, mit nadelspitzen Zähnen bewehrte Räuber erhob sich über die Schulter des ahnungslosen Tierchens. Honor verspürte das unkomplizierte Entzücken, das Nimitz über seinen Erfolg empfand. Mit Raffinesse streckte er einen Vorderlauf aus und spreizte die langen, zierlichen Finger einer Echthand – dann stieß er das Chipmunk mit der lanzettförmigen Kralle an.

Die Fastkiefernschote wirbelte davon, das kleine Tier sprang senkrecht in die Luft. Erstaunt fuhr es herum, quietschte entsetzt, als es sich seinem schrecklichsten natürlichen Feind von Angesicht zu Angesicht gegenüberfand, und zitterte mit jedem Muskel, vor Furcht bewegungsunfähig. Da blickte Nimitz fröhlich und versetzte dem Chipmunk mit der Echthand einen Hieb, dass es sich einmal überschlug. Der Hieb war erheblich sanfter als er wirkte, aber das Chipmunk heulte auf, und der Schmerz durchbrach die Schreckstarre. Wie irrsinnig warf es sich herum, kam auf die Pfoten, und die sechs Gliedmaßen bewegten sich so schnell, dass sie verschwammen, als das kleine Tier sich mit einem weiteren Quietschen in sein Loch stürzte. Nimitz setzte sich auf die Hinterhand und keckerte seine amüsierte Zufriedenheit heraus.

Dann schritt er gemächlich zu dem Loch hinüber und schnüffelte daran, aber er beabsichtigte ebenso wenig, sein bebendes Opfer auszugraben, wie er jemals vorgehabt hatte, es zu töten. Diesmal hatte er sich lediglich davon überzeugen wollen, dass er noch zu jagen verstand; er hatte keineswegs den Viehbestand des Gartens reduzieren wollen. Mit seinem geschmeidigen Schweif schlagend, schlenderte er zu seiner Person zurück.

»Du bist ein echt unausstehlicher Bursche, was, Stinker?«, begrüßte Honor ihn, als er zwischen den Büschen hervorkam.

»Bliek!«, antwortete er fröhlich und hüpfte in ihren Schoß. LaFollet schnaubte, aber der ’Kater erachtete es unter seiner Würde, die Belustigung des Leibwächters zu registrieren. Stattdessen musterte er seine Klauen und schnippte eine Erdkrume beiseite, die an einer Kralle haftete, setzte sich auf und putzte sich mit unerträglicher Selbstzufriedenheit die Schnurrhaare.

»Das Chipmunk hat dir niemals etwas zuleide getan«, schalt Honor ihn. Nimitz zuckte nur mit den Schultern. Baumkatzen töteten nur, wenn es notwendig war, aber sie waren Raubtiere und fanden daher am Beschleichen von Beute ein unleugbares Vergnügen. Honor fragte sich häufig, ob Baumkatzen wohl gerade deswegen mit Menschen so gut zurechtkamen. Wie dem auch sei, Nimitz hatte das ahnungslose Tierchen ganz klar unter »essbar, Chipmunk, ein Exemplar« katalogisiert, und ob es aus der eben gemachten Erfahrung nun ein Trauma davontrug, war für ihn in höchstem Maße unerheblich.

Honor schüttelte darüber nur den Kopf. Als ihr Chrono piepte, verzog sie das Gesicht. Sie blickte auf die Uhr und schnitt eine Grimasse, dann nahm sie Nimitz auf und setzte ihn sich auf die Schulter. Zur Wahrung seines Gleichgewichts legte er ihr eine Echthand auf den Kopf und keckerte fragend; Honor hob vorsichtig die Schultern und ließ sie wieder sinken.

»Wir sind spät dran; wenn ich diese Sitzung verpasse, bringt Howard mich um.«

»Oh, ich bezweifle, dass der Regent so weit gehen würde, Mylady.«

Honor lachte leise über LaFollets beruhigende Worte, Nimitz hingegen zog nur die Nase kraus. Die Wichtigkeit, die die Menschheit und ganz besonders er selbst Begriffen wie »Zeit« und »Pünktlichkeit« beimaß, konnte er nur mit Geringschätzung strafen. Doch die Vergeblichkeit jedes Protestversuchs war ihm von vornherein klar; er ließ sich nieder und versenkte die Krallen der Echtpfoten und der Handpfoten sicher in Honors Weste. Seine Person erhob sich und ging weiter.

Honor trug eine halbwegs traditionell graysonitische Garderobe, und so bauschte ihr schwungvoller Schritt die Röcke, als sie dem Ost-Portikus zustrebte. Wie die meisten Graysons war auch LaFollet kleiner als sie, und deshalb musste er in leichten Trab verfallen, um mit ihr Schritt halten zu können. Honor nahm an, dass er sich deswegen würdelos vorkommen musste, oder sie entschuldigte sich nicht dafür, dass sie ihn so hetzte; ihr Tempo verlangsamte sie jedoch nicht. Die Zeit wurde allmählich knapp, und sie hatten es noch weit.

Für Honors Geschmack war Harrington House einfach zu groß, luxuriös und teuer, aber niemand hatte sie gefragt, als es gebaut wurde. Die Graysons hatten das Anwesen als Geschenk an die Frau betrachtet, die ihren Planeten gerettet hatte, und das bedeutete, dass sie sich nicht beschweren konnte. Mittlerweile hatte Honor sich, noch immer mit einem leichten Schuldgefühl behaftet, dazu durchgerungen, die Gewaltigkeit des Bauwerks zu akzeptieren. Und wie Howard Clinkscales immer wieder so gern hervorhob, war es nicht allein für sie errichtet worden. Tatsächlich diente das imposante Bauwerk vor allem als Verwandlungssitz des Gutes von Harrington, und Honor musste zugeben, dass der überschüssige Platz mittlerweile ziemlich rar geworden war.

Sie verließen den Garten. Honor verfiel in ein langsameres, etwas schicklicheres Tempo, und der ständige Posten am Ost-Portikus nahm Haltung an und salutierte. Honor unterdrückte den automatischen Reflex, der ihr als Offizier der Navy innewohnte, die Ehrenbezeugung zu erwidern, und begnügte sich mit einem Nicken zur Antwort. Gerade als sie mit LaFollet auf den Fersen die Stufen hinaufhastete, erschien neben dem Posten ein weißhaariger Mann mit grimmigem Gesicht, der einen gehetzten Blick auf sein eigenes Chrono warf. Als er die Schritte hörte, blickte er auf, und seine finstere Miene wich einem Lächeln. Dann schritt er auf den Stufen aus einheimischem Stein Honor entgegen.

»Tut mir leid, dass ich so spät dran bin, Howard«, sagte sie zerknirscht. »Auf dem Weg hat Nimitz leider ein Chipmunk entdeckt.«

Howard Clinkscales’ Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen, auf das jedes Straßenkind stolz gewesen wäre, dann drohte er dem Baumkater mit dem Finger. Dreist zuckte Nimitz mit den Ohren, und der Regent ließ ein tiefes Lachen hören. Vor langer Zeit hätte sich Clinkscales in Gegenwart eines fremdartigen Geschöpfes wie Nimitz auf keinen Fall so unbefangen verhalten können – ganz zu schweigen davon, dass ihn schon der Gedanke, eine Frau könne den Schlüssel eines Gutsherrn tragen, über alle Maßen entsetzt hätte –, aber diese Tage waren vorbei, und als er seinen Blick nun wieder auf Honor richtete, leuchteten seine Augen.

»Nun, wenn es so wichtig war, Mylady, dann ist eine Entschuldigung selbstverständlich nicht erforderlich. Andererseits sollten wir die Papiere bereithaben, wenn Kanzler Prestwick anruft und die Genehmigung des Rates durchgibt.«

»Aber es soll sich doch um eine ›überraschende‹ Mitteilung handeln«, entgegnete Honor klagend. »Können Sie mir da nicht ein wenig Bummelei durchgehen lassen?«

»Für Ihre Siedler und die anderen Schlüsselhalter soll es eine Überraschung sein, Mylady – nicht für Sie. Also versuchen Sie sich bitte nicht herauszureden, indem Sie mich beschwatzen. Dazu fehlt Ihnen sowieso das Talent.«

»Aber Sie sagen mir doch immer wieder, ich müsse lernen, Kompromisse zu schließen. Wie soll ich das je schaffen, wenn Sie niemals auch nur einen Kompromiss eingehen, den ich Ihnen anbiete?«

»Ha!«, schnaubte Clinkscales, aber sie wussten beide, dass ihre betont wehleidig vorgebrachte Klage einen ernsten Kern aufwies. Honor fühlte sich unbehaglich, wenn sie die autokratische Macht einer Gutsherrin ausübte, und doch dachte sie oft, sie habe mit den auf Grayson herrschenden Verhältnissen Glück gehabt.

Die Traditionen dieses Planeten mochten im Vergleich zu den Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen war, fremd erscheinen, doch andererseits wäre Honor für die Verwaltungslaufbahn im Sternenkönigreich denkbar ungeeignet gewesen – auch ohne die unangenehme Erfahrung gemacht zu haben, in das Tohuwabohu der manticoranischen Parteizwiste hineingezogen zu werden.

Bevor man sie ins Amt der Gutsherrin katapultierte, hatte Honor niemals darüber nachgedacht, aber als sie sich schließlich ihren Pflichten als autokratische graysonitische Schlüsselträgerin stellen musste, da hatte sie den wahren Grund begriffen, weshalb sie die Politik nicht mochte. Ihr ganzes Leben lang war sie dazu ausgebildet worden, Entscheidungen zu treffen – Ziele zu definieren und die geeigneten Mittel zu ergreifen, um diese Ziele zu erreichen – und dabei zu wissen, dass jedes Zögern am Ende nur mehr Leben kosten würde. Das Bedürfnis eines Politikers, ständig Positionen zu überdenken und nach Kompromissen zu streben, war ihr fremd, und sie vermutete sehr stark, dass es den meisten Offizieren ebenso ging. Politiker waren dazu ausgebildet, in solchen Begriffen zu denken, auch nach nicht ganz perfekten Konsensen zu streben und Teilsiege zu akzeptieren – und dahinter steckte mehr als bloßer Pragmatismus. Diese Einstellung schloss Despotismus aus; dementgegen bevorzugten Menschen, die Kriege fochten, direkte, endgültige Problemlösungen. Offiziere der Königin strebten nach nichts Geringerem als dem Sieg. Grauschleier bereiteten Kriegern nur Unbehagen, und halbe Siege bedeuteten in der Regel, dass zu viele Menschen für ein zu schlechtes Ergebnis starben. Und das erklärte wohl recht gut die Vorliebe der Militärs für autokratische Systeme, in denen die Leute taten, was man ihnen sagte, ohne Einwände zu erheben.

Und, dachte sie ironisch, das erklärt wohl auch, warum Militärs stets nur Pfusch produzieren, wenn sie, aus welch hehren Motiven auch immer, in einer Gesellschaft mit nichtautokratischen Traditionen die Macht an sich reißen. Sie wissen nicht, wie sie die Maschine in Gang halten sollen, und das führt nur zu oft dazu, dass sie aus purer Frustration alles zugrunde richten.

Sie schüttelte die Gedanken ab und warf Clinkscales ein Lächeln zu.

»Na schön, wir machen es, wie Sie sagen. Aber nehmen Sie sich in Acht, Howard! Irgendjemand muss schließlich nächste Woche vor die Gärtnergilde der Damen treten und die Ansprache halten.«

Clinkscales erbleichte. Seine Miene wirkte so entgeistert, dass Honor nicht anders konnte und glucksend lachte – was sie sehr überraschte. Selbst LaFollet fiel ein; als Clinkscales ihn anblickte, wurde sein Gesicht allerdings auf der Stelle ausdruckslos.

»Ich … äh, ich werde daran denken, Mylady«, sagte der Regent nach einem Augenblick. »Bis dahin aber …«

Mit einer schwungvollen Armbewegung wies er auf die Stufen, und Honor nickte. Die letzten Meter zum Portikus erstiegen sie gemeinsam, von LaFollet gefolgt. Honor wollte gerade etwas anderes zu Clinkscales sagen, als sie erstarrte. Ihre Augen nahmen die Härte braunen Feuersteins an und verengten sich; Nimitz legte die Ohren an und stieß ein fauchendes Zischen aus. Der Regent stutzte überrascht und blickte in die gleiche Richtung wie Honor; dann grunzte er wie ein erzürnter Eber.

»Das tut mir leid, Mylady. Ich werde sie auf der Stelle entfernen lassen«, sagte er rau, doch Honor schüttelte zur Antwort nur den Kopf, eine knappe, ärgerliche, abwehrende Geste. Ihre Nasenflügel bebten, aber sie öffnete bewusst die geballten Fäuste und hob die Hand, um Nimitz beruhigend zu streicheln. Dabei nahm sie den Blick nicht von den ungefähr fünfzig Männern, die sich gleich vor dem Osttor versammelt hatten, und als sie sprach, war ihr Sopran völlig unbewegt.

»Nein, Howard. Lassen Sie sie zufrieden.«

»Aber Mylady …!«, rief Clinkscales aus.

»Nein«, unterbrach sie ihn mit bereits natürlicher klingender Stimme. Noch einen Moment sah sie finster auf die Demonstranten, dann riss sie sich zusammen und brachte ein schiefes Lächeln zustande. »Wenigstens wird ihr Bildmaterial immer besser«, stellte sie fast leichthin fest.

Zähneknirschend funkelte Andrew LaFollet die Demonstranten an, die jenseits des Kuppeltors wacker auf und ab marschierten. Die meisten der Transparente, die sie trugen, zeigten Bibelzitate oder Aussprüche aus »Das Buch des Neuen Weges«, den gesammelten Lehren von Austin Grayson, der die Kirche der Entketteten Menschheit gegründet und die Gläubigen von Alterde auf die Welt geführt hatte, die nun seinen Namen trug. Diese Transparente waren schlimm genug, denn die Schildermaler hatten alle Zitate zusammengetragen, die auch nur im Entferntesten herangezogen werden konnten, um die Idee der Ebenbürtigkeit von Mann und Frau zu widerlegen. Die andere Hälfte aber bestand aus ungeschlachten politischen Karikaturen, auf denen Lady Harrington als eine Art begehrliches Schreckgespenst dargestellt wurde, das die Gesellschaft in den Untergang führte. Auch die harmloseste der Karikaturen hätte jede graysonitische Frau noch immer tödlich beleidigt, aber nichts versetzte den Major so sehr in Zorn wie die Schilder, auf denen nur zwei Worte standen: »Ungläubige Metze«.

»Bitte, Mylady!« LaFollets Stimme klang erheblich gepresster als Clinkscales’. »Sie können doch nicht zulassen, dass diese …«

»Ich kann nichts dagegen unternehmen«, unterbrach ihn Honor. Er gab einen unartikulierten Laut des Zornes von sich, und sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sie wissen, dass ich nichts unternehmen kann, Andrew. Die Demonstranten stehen nicht auf unserem Gebiet und verstoßen gegen kein einziges unserer Gesetze. Gegen solch gesetzestreue Demonstranten können wir nicht vorgehen, ohne selbst einen Rechtsbruch zu begehen.«

»Gesetzestreuer Abschaum, meinen Sie wohl, Mylady.« Die kalte Boshaftigkeit in Clinkscales’ Stimme vermochte jedem angst und bange zu machen, aber als Honor ihn nur ansah, zuckte er unglücklich die Schultern. »Ja, Sie haben recht. Wir können ihnen nichts anhaben.«

»Aber kein Einziger davon gehört zu unseren Leuten! Das sind alles Fremde!«, protestierte LaFollet, und Honor musste ihm innerlich recht geben. Diese Kerle waren von Ferne nach Harrington gekommen – waren, um genau zu sein, hierhergeschickt worden –, und ihre Fahrtkosten und ihr Unterhalt wurden durch Spenden Gleichgesinnter finanziert. Verglichen mit dem, was professionelle manticoranische Meinungsmacher hätten auf die Beine stellen können, wirkte dieses Bemühen sehr unausgegoren, aber andererseits wurden die Protestierenden von den Grenzen ihrer Aufrichtigkeit eingeengt.

»Das weiß ich, Andrew«, antwortete Honor, »und auch, dass sie nur die Ansicht einer Minderheit vertreten. Leider kann ich gar nichts dagegen unternehmen, ohne ihr Spiel für sie zu spielen.« Sie sah noch einen Augenblick länger zu den Demonstranten hinüber, dann wandte sie ihnen mit Bedacht den Rücken zu. »Hatten Sie nicht gesagt, wir hätten noch Papierkram zu erledigen, Howard?«

»Ja, Mylady, das sagte ich wohl.« Clinkscales klang erheblich aufgeregter als sie, aber er nickte bestätigend, wandte sich um und ging voran.

Wortlos folgte LaFollet ihnen durch den Korridor zu Honors Büro, aber Nimitz übertrug den inneren Aufruhr des Majors zu ihr. Die Empörung des ’Katers sickerte über die Verbindung zu ihr durch und verschmolz mit LaFollets Rage zu einem zornigen Knurren in ihrem Hinterkopf. In der Tür blieb Honor stehen und drückte dem Major noch einmal die Schulter. Sie sagte kein Wort und blickte ihm mit einem schmalen, traurigen Lächeln in die Augen, dann ließ sie ihn los. Hinter ihr und Clinkscales schloss sich die Tür.

LaFollet starrte für einen langen Augenblick widersetzlich auf den geschlossenen Eingang, dann atmete er tief durch, nickte für sich und aktivierte sein Com.

»Simon?«

»Jawohl, Sir?«, antwortete Corporal Mattinglys Stimme augenblicklich.

Der Major schnitt ein Gesicht. »Am Osttor stehen einige … Leute mit Schildern«, sagte er.

»Ach wirklich, Sir?«, fragte Mattingly bedächtig.

»Ja, wirklich. Selbstverständlich hat die Gutsherrin uns noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir ihnen nichts anhaben können, deshalb …« LaFollet ließ seine Stimme verebben und konnte fast sehen, wie der Corporal nickte, weil er sehr wohl verstanden hatte, was unausgesprochen blieb.

»Ich verstehe sehr gut, Sir. Noch vor Dienstschluss werde ich die Jungs alle warnen, die Kerle bloß in Ruhe zu lassen.«

»Eine gute Idee, Simon. Wir wollen schließlich nicht, dass unsere Männer sich in irgendeine Unregelmäßigkeit verwickeln. Ach, übrigens, vielleicht sollten Sie mich wissen lassen, wo ich Sie finden kann, falls ich Sie brauche, bevor Sie sich zurückmelden.«

»Aber natürlich, Sir. Ich habe daran gedacht, einmal nachzusehen, wie es bei den Baumannschaften von Sky Domes steht. Die Bauarbeiten werden diese Woche beendet, und Sie wissen ja, wie gern ich Leuten bei der Arbeit zusehe. Außerdem sind sie alle der Gutsherrin ergeben, und ich lege Wert darauf, die Arbeiter auf dem Laufenden zu halten, wie die Dinge für Lady Harrington stehen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Simon. Ich bin sicher, die Männer wissen das zu schätzen«, antwortete LaFollet und unterbrach die Verbindung. Dann lehnte er sich in seiner Eigenschaft als Behüter der Privatsphäre seiner Gutsherrin gegen die Mauer. Auf seinem Gesicht lag ein dünnes, hartes Lächeln.

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