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HONOR HARRINGTON: Ehre unter Feinden

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Sternenkarte
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  43. 36
  44. 37
  45. 38
  46. 39
  47. 40
  48. 41
  49. 42
  50. Personen der Handlung
  51. Glossar

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Sternenkarte

Silesian Confederacy ‡ Silesianische Konföderation

Tyler's Star ‡ Tylers Stern

Sharon's Star ‡ Sharons Stern

Posnan ‡ Poznan

In der Legende: 15 LY ‡ 15 Lichtjahre

SILESIANISCHE KONFÖDERATION

KARTE

Prolog

»Skipper, wir haben ein Problem.«

»Was gibt’s denn, Chris?« Captain Harold Sukowski, Kapitän des Frachters Bonaventure unter der Flagge der Hauptmann-Linien, blickte rasch auf, als sein Erster Offizier die Meldung in so angespanntem Tonfall vorbrachte, denn in der Silesianischen Konföderation entpuppten sich »Probleme« zuweilen ohne weitere Warnung als tödliche Gefahr. Schon immer war das Raumgebiet der Konföderation gefährlich gewesen; seit etwa einem Jahr jedoch entwickelte sich die Lage merklich zum Schlimmeren. Sukowski spürte, dass ringsum die Brückencrew erstarrte, und gleichzeitig beschleunigte sich sein Puls. Dass die Bonaventure dem Ziel so nahe gekommen war, ohne auf Schwierigkeiten zu stoßen, ließ die plötzliche Krise um so bedrohlicher erscheinen. Erst vor zehn Minuten hatte die Bonaventure ihre Transition in den Normalraum hinter sich gebracht, und die G0-Sonne des Telmach-Systems lag nur zweiundzwanzig Lichtminuten voraus. Diese Entfernung bedingte auch eine Signalverzögerung von zweiundzwanzig Minuten, und die Abteilung der Silesianischen Navy im Telmach-System war ohnehin nicht mehr als ein Witz; im Grunde war die gesamte Navy der Konföderation lachhaft. Selbst wenn Sukowski den Kommandeur des Detachements rechtzeitig hätte kontaktieren können, wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein einziges Schiff in einer Position gewesen, aus der es hätte eingreifen können.

»Jemand nähert sich uns rasch von achtern, Skip.« Während sie sprach, nahm Commander Hurlman nicht den Blick vom Display. »Sieht ziemlich klein aus – höchstens siebzig oder achtzig Kilotonnen –, hat aber einen Kompensator in Militärausführung. Der Bogey liegt achtzehn Komma drei Lichtsekunden zurück, ist aber jetzt schon zwotausend Kps schneller als wir und zieht gut fünfhundertzehn Ge.«

Sukowski nickte grimmig. Er verfügte über genügend Erfahrung, um ohne weitere Ausführungen den Ernst der Lage zu begreifen. Sein Kapitänspatent hielt er seit über dreißig T-Jahren, und er war außerdem Commander der Reserve in der Royal Manticoran Navy. Mit sechs Millionen Tonnen und den für Handelsschiffe üblichen Trägheitskompensatoren und Impellern war die Bonaventure für jedes Kriegsschiff ein nahezu unbewegliches Ziel. Ihr maximal erzielbarer Schub betrug gerade 201 g, und die Partikelabschirmung begrenzte ihre Höchstgeschwindigkeit auf 0,7 c. Wenn der Verfolger über militärtaugliche Partikelschirme verfügte, die zu seinem Antriebssystem passten, dann beschleunigte er nicht nur doppelt so hoch, sondern konnte zudem bis zu achtzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichen.

Und deshalb besaß die Bonaventure nicht die geringste Fluchtchance.

»Wie lange, bis er uns einholt?« fragte Sukowski.

»Knapp zwoundzwanzigeinhalb Minuten, selbst wenn wir mit Maximalschub beschleunigen«, antwortete Hurlman knapp. »Dann sind wir ungefähr zwölftausendsiebenhundert Kps schnell, aber er hat fast neunzehntausend erreicht. Wer das auch immer ist, abschütteln können wir ihn jedenfalls nicht.«

Sukowski nickte erschüttert. Er war doppelt so alt wie Christina Hurlman, aber sie gehörte wie er zu den Kielplatteneignern der Bonaventure, den Mitgliedern der Crew, die das Schiff nach der Fertigstellung in Empfang genommen hatten. Sie hatte als Vierter Offizier begonnen, und wenn Sukowski es auch niemals eingestanden hätte, so betrachteten seine Frau und er dennoch Chris als die Tochter, die ihnen niemals vergönnt gewesen war. Tief in seinem Innersten hatte der Kapitän immer gehofft, dass sie und sein Zweitältester eines Tages ein Paar würden. So jung Chris für ihren Rang auch sein mochte, sie verrichtete sehr gute Arbeit, und in der Einschätzung der gegenwärtigen Lage stimmte Sukowski völlig mit ihr überein.

Natürlich beruhte die Hochrechnung auf einem Abfangkurs mit minimalem Zeitaufwand, den der Bogey kaum einschlagen würde. Vielmehr würde er abbremsen, um seinen Geschwindigkeitsüberschuss zu verringern, sobald feststand, dass die Bonaventure ihm nicht mehr entkommen konnte. Auch das Schicksal von Sukowskis Schiff stand bereits fest. Was immer geschah, vermochte das Unausweichliche nur unwesentlich hinauszuzögern.

Harold Sukowski zermarterte sich verzweifelt das Hirn nach einer Möglichkeit, sein Schiff zu retten – aber es gab keine. Dabei hätte sich Raumpiraterie eigentlich nie und nimmer auszahlen dürfen. Selbst der gewaltigste Frachter war angesichts der riesigen Leere des interstellaren Weltraums nicht mehr als ein Staubkörnchen, aber wie die Ozeanschiffe von Alterde folgten auch die Weltraumhändler bekannten Routen, denn die Gravwellen, auf denen die Sternenschiffe durch den Hyperraum ritten, diktierten diese Routen ebenso sehr wie die vorherrschenden Winde auf Terra die Wege der alten Rahsegler vorgegeben hatten. Kein Pirat konnte vorhersagen, an welcher Stelle genau ein bestimmtes Sternenschiff die Alpha-Transition in den Normalraum machte, aber er kannte grob die Zone im All, in der alle Schiffe ihre Transition vornehmen mussten. Wenn er sich nur lange genug auf die Lauer legte, würde schon ein armer, unglücklicher Kerl innerhalb seiner Abfangreichweite auftauchen, und diesmal hatte es die Bonaventure erwischt.

Unhörbar, aber bitter fluchte der Kapitän vor sich hin. Wäre die Silesianische Navy auch nur einen Furz in einem Raumanzug wert gewesen, dann hätte ihm der Unbekannte egal sein können. Zwei oder drei Kreuzer … – verdammt noch mal, selbst ein einziger Zerstörer, der die Transitzone überwachte, vertrieb jeden Piraten in sicherere Gefilde! Leider erinnerte die Silesianische Konföderation mehr an eine Reaktorkernschmelze, die sich in vollem Gang befand, denn an eine Sternennation. Die schwache Zentralregierung – wenn man sie denn ›Regierung‹ nennen wollte – plagte sich ununterbrochen mit abtrünnigen Separatistenbewegungen. Kriegsschiffe waren ständig Mangelware, und die Piraten innerhalb des Raumgebietes der Konföderation waren stets informiert, wo diese Schiffe gerade eingesetzt wurden, und suchten sich andere Jagdgründe. Diese Situation war altbekannt; geändert hatte sich in jüngster Zeit nur die Präsenz der Royal Manticoran Navy, die früher den Handelsverkehr des Sternenkönigreichs in Silesia geschützt hatte.

Die meisten manticoranischen Kampfschiffe waren abgezogen worden, weil sie im Krieg zwischen der Manticoranischen Allianz und der Volksrepublik Haven benötigt wurden, und so gab es niemanden, den Harold Sukowski nun um Hilfe bitten konnte.

»Rufen Sie den Mistkerl, Jack«, befahl er. »Verlangen Sie, dass er sich identifiziert und sagt, was er will.«

»Jawohl, Sir.« Der Signaloffizier schaltete das Mikrofon an seiner Station ein und sprach mit klarer Stimme: »Unbekanntes Sternenschiff, hier spricht der manticoranische Frachter Bonaventure. Bitte identifizieren Sie sich und nennen Sie Ihre Abschichten.« Vierzig endlose Sekunden verstrichen, während der rote Punkt auf Hurlmans Display sich weiterhin mit zunehmender Geschwindigkeit näherte, dann zuckte der Signaloffizier mit den Achseln. »Keine Antwort, Skipper.«

»Habe ich nicht anders erwartet«, seufzte Sukowski. Einen Augenblick lang starrte er auf die Sonne Telmach, die er fast erreicht hätte, dann machte er eine resignierende Gebärde. »Also gut, Leute, ihr wisst, was ihr zu tun habt. Genda«, wandte er sich an seinen Leitenden Ingenieur, »bevor du verschwindest, unterwirfst du deine Abteilung meiner Konsole. Chris, du beaufsichtigst den Ausstieg. Abzählen, und ich will eine Bestätigung hören, dass alle in den Booten sind, bevor ihr ablegt.«

»Aber Skip …« begann Hurlman, doch Sukowski schüttelte heftig den Kopf.

»Ich sagte, ihr wisst, was ihr zu tun habt! Jetzt raus mit euch, zum Teufel, solange wir noch außer Reichweite der Raketen sind!«

Hurlman zögerte. Ihr Gesicht gab ihre Unentschlossenheit preis. Seit mehr als acht T-Jahren diente sie unter Sukowski, das war fast ein Viertel ihres Lebens. Die Bonaventure war die einzige Heimat, die sie in diesen Jahren gekannt hatte, und es fiel ihr nicht leicht, das Schiff aufzugeben und ihren Skipper zurückzulassen. Sukowski war sich dessen durchaus bewusst, und deswegen bedachte er sie mit einem ungerührten, zwingenden Blick.

»Du bist jetzt für die Leute verantwortlich, also setz deinen Hintern in Bewegung, verdammt noch mal!«

Noch immer zögerte Hurlman, dann schließlich nickte sie ihm steif zu und fuhr zum Brückenlift herum.

»Ihr habt den Skipper gehört!« rief sie mit rauer Stimme, die vor Zerknirschung und Schuldgefühl verzerrt klang. »Bewegt euch, verdammt!«

Sukowski sah ihnen hinterher, dann beschäftigte er sich mit seiner Konsole. Lieutenant Kuriko hatte den Technischen Leitstand bereits Sukowskis Kontrolle unterworfen; der Kapitän gab weitere Befehle ein und übernahm auch das Ruder. In seinem Magen spürte er Leere und aufkommende Übelkeit, und er sehnte sich mit jeder Faser seines Seins danach, Chris und den anderen folgen zu können. Doch er war der Kapitän der Bonaventure und für Schiff, Besatzung und Ladung verantwortlich. Die Chance, dem Hauptmann-Kartell diese Ladung zu erhalten, war verschwindend gering, doch sie existierte, besonders falls der Angreifer sich als Freibeuter bezeichnete und sich nicht offen zur Piraterie bekannte. Wenn aber auch nur diese winzige Chance bestand, dann war es Harold Sukowskis Pflicht, sie zu nutzen. Diese Pflicht musste er zum einen wegen seines Ranges erfüllen, und …

Ein Piepen ertönte. Sukowski drückte den Comknopf.

»Sprich«, sagte er knapp.

»Zählung abgeschlossen und überprüft, Skip«, meldete Hurlman. »Ich habe alle in Hangar Sieben.«

»Dann schaff’ sie raus, Chris – und ich wünsche euch viel Glück.« Sukowskis Stimme klang nun viel sanfter.

»Aye, aye, Skipper.« Deutlich vernahm er das Zögern in ihrer Stimme und spürte, dass sie noch etwas hinzufügen wollte. Aber die Stimme versagte ihr, und es klickte im Lautsprecher, als sie die Verbindung beendete.

Sukowski blickte aufs Display und stieß vor Erleichterung einen langen Seufzer aus, denn ein kleiner, grüner Punkt erschien darauf. Der Shuttle gehörte zu den großen Frachtfähren der Bonaventure und besaß einen Antrieb, der so stark war wie der eines Leichten Angriffsbootes. Im Gegensatz zu einem LAC war der Shuttle allerdings unbewaffnet. Mit vierhundert Gravos schoss er davon, langsamer als der Verfolger, aber doppelt so schnell wie das Mutterschiff. Die Piraten würden wenig erfreut sein, wenn sie sahen, wie die Crew entkam, mit der sie ihre Beute zu bemannen hofften, aber die Bonaventure und der Shuttle waren noch immer außerhalb der Reichweite für einen Angriff mit manövrierfähigen Raketen, so dass die Raider nichts dagegen unternehmen konnten. Auf keinen Fall würde ein Pirat einen Shuttle verfolgen und dafür einen Sechs-Megatonnen-Frachter entkommen lassen. Außerdem, dachte Sukowski bitter bei sich, werden sie schon vorgesorgt haben. Garantiert sind überzählige Ingenieure an Bord dieses Halunkenschiffs, und die werden die Systeme der Bonaventure bedienen können.

Er lehnte sich in den bequemen Kommandosessel zurück, der ihm noch eine halbe Stunde lang gehören würde. Sukowski hoffte, die Unbekannten würden Mr. Hauptmanns Angebot ernst nehmen, der ein Lösegeld zu zahlen bereit war – und zwar für jeden seiner Leute, die in Piratenhand gefallen waren. Seit sich die Navy aus dem manticoranischen Handelsverkehr in Silesia mehr oder weniger heraushielt, hatte Hauptmann zähneknirschend zu dieser Maßnahme Zuflucht genommen. So arrogant und hart der alte Bastard auch sein musste, Sukowski wusste besser als viele andere, dass Klaus Hauptmann zu seinen Beschäftigten stand. Das war alte Tradition des Hauses Hauptmann …

Das Zischen der Lifttüren unterbrach Sukowskis Gedanken. Erschrocken drehte er sich mit dem Kommandosessel um. Als er sah, dass Chris Hurlman auf die Brücke trat, flackerten seine Augen wütend auf.

»Was zum Teufel machst du denn hier?« bellte er. »Ich habe dir einen Befehl erteilt, Chris!«

»Ach, steck dir deine Befehle doch sonst wohin!« Sie hielt seinem Blick stand, dann stolzierte sie quer durch die Brücke und ging an ihre Station. »Wir sind nicht in der verdammten Navy, und du bist nicht Edward Saganami!«

»Aber immer noch Kapitän dieses Schiffes, verflucht, und ich will, dass du es auf der Stelle verlässt!«

»Na, ist das nicht wirklich zu traurig«, entgegnete Hurlman schon erheblich milder, ließ sich in den Sessel sinken und setzte sich das Comset auf das schwarze Haar. »Skipper, dein Wunsch birgt ein Problem: Ich kämpfe viel schmutziger als du. Wenn du versuchst, mich aus dem Schiff zu werfen, dann könntest am Ende du es sein, der hier die Fliege macht.«

»Und was ist mit unseren Leuten?« konterte Sukowski. »Du hattest das Kommando, du bist für sie verantwortlich.«

»Genda und ich haben eine Münze geworfen, er hat verloren.« Hurlman zuckte mit den Schultern. »Keine Sorge. Er wird die Crew schon heil nach Telmach bringen.«

»Verdammt noch mal, Chris, ich will dich hier nicht haben«, sagte Sukowski leiser und eindringlicher. »Es ist völlig überflüssig, dass du dein Leben aufs Spiel setzt – und es könnte noch schlimmer kommen.«

Hurlman senkte einen Moment lang den Blick auf die Konsole, dann drehte sie sich um und sah ihm offen in die Augen.

»In welche Gefahr ich mich begebe, ist mir ebenso klar wie dir, Skip«, erwiderte sie ruhig. »Aber ich will in der Hölle schmoren, wenn ich dich diesen Mistkerlen alleine überlasse. Außerdem«, fügte sie lächelnd und mit aufrichtiger Zuneigung hinzu, »braucht ein alter Sack wie du jemand Jüngeres und Hinterlistiges, der sich um ihn kümmert. Jane würde mir in den Hintern treten, wenn ich abhauen und dich hier allein zurücklassen würde.«

Sukowski setzte zu einer Entgegnung an, dann schloss er den Mund wieder. Wie mit einer Faust umklammerte die Qual sein Herz, aber er sah die Unnachgiebigkeit hinter Hurlmans Lächeln. Sie würde ihn nicht verlassen, und in einer Hinsicht hatte sie recht: Sie kämpfte wirklich schmutziger als er. In gewisser Weise war Sukowski heilfroh, sie bei sich zu haben und dem Bevorstehenden nicht allein gegenübertreten zu müssen, aber das war selbstsüchtig von ihm, und er verabscheute sich dafür. Er wollte Einwände erheben, wollte Chris bitten – sie sogar anbetteln, wenn es sein musste –, aber im Grunde wusste er, dass sie ohne ihn nicht fliehen würde, und er war wiederum nicht imstande, lebenslanger Verantwortlichkeit und Pflichterfüllung den Rücken zuzukehren.

»Also gut, verdammt noch mal«, stieß er statt dessen hervor. »Du bist eine Idiotin und eine Meuterin, und wenn wir hier herauskommen, werde ich dafür sorgen, dass du nie wieder eine Heuer bekommst. Aber wenn du so entschlossen bist, deinen rechtmäßigen Vorgesetzten zu übergehen, dann weiß ich nicht, wie ich dich davon abhalten soll.«

»Endlich wirst du vernünftig«, meinte Hurlman fast fröhlich. Sie studierte ihr Display noch einen Augenblick länger, dann erhob sie sich und ging zum Kaffeespender am achteren Schott. Sie schenkte sich eine Tasse ein und versenkte darin die üblichen beiden Zuckerstückchen, dann blickte sie den Mann, dessen Befehle sie gerade missachtet hatte, mit erhobenen Augenbrauen an.

»Auch eine Tasse, Skip?« fragte sie höflich.

1

»Mr. Hauptmann ist da, Sir Thomas.«

Admiral Sir Thomas Caparelli, Erster Raumlord der Royal Manticoran Navy, erhob sich und versuchte ein aufrichtiges Begrüßungslächeln aufzusetzen. Der Schreibersmaat winkte den Besucher in das geräumige Büro des Raumlords. Caparelli fürchtete, dass sein Lächeln nicht allzu überzeugend wirkte, denn Klaus Hauptmann zählte nicht eben zu seinen Lieblingszeitgenossen.

»Sir Thomas.« Der dunkelhaarige Mann mit den affektiert anmutenden weißen Schläfen und dem Bulldoggenkinn nickte Caparelli knapp zu. Hauptmann verhielt sich nicht etwa bewusst unhöflich; vielmehr begrüßte er praktisch jeden auf diese Weise und streckte nun die Hand vor, um seine Schroffheit ein wenig abzumildern. »Vielen Dank, dass Sie mich empfangen.« Er hatte das ›endlich‹ ausgelassen, aber Sir Thomas hörte es dennoch und bemerkte, dass sein Lächeln noch ein wenig hölzerner wurde.

»Bitte, setzen Sie sich.« Der untersetzte Admiral, dem man noch ansehen konnte, dass er vor langer Zeit als nicht allzu sanftmütiger Mannschaftskapitän dreimal hintereinander die Fußballmeisterschaft auf der Akademie gewonnen hatte, bedeutete seinem Besucher höflich, auf dem bequemen Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen, dann entließ er den Schreibersmaat mit einem Kopfnicken.

»Vielen Dank«, wiederholte Hauptmann. Er setzte sich auf den zugewiesenen Stuhl – wie ein Kaiser, der sich auf seinen Thron niederlässt, fand Caparelli – und räusperte sich. »Ich weiß, dass Ihre Zeit sehr knapp bemessen ist, Sir Thomas, deshalb will ich gleich zum Wesentlichen kommen. Nämlich, dass die Bedingungen in der Konföderation unerträglich geworden sind.«

»Ich weiß, wie schlimm die Lage dort ist, Mr. Hauptmann«, begann Caparelli, »aber an der Front …«

»Verzeihen Sie, Sir Thomas«, unterbrach Hauptmann ihn, »aber über die Frontlage bin ich informiert. Um genau zu sein, haben Admiral Cortez und Admiral Givens mir – sicherlich auf Ihren Befehl hin – die Situation in epischer Breite erläutert. Ich begreife durchaus, dass Sie und die Navy großen Belastungen ausgesetzt sind, aber die Verluste in Silesia erreichen katastrophale Ausmaße – nicht nur für das Hauptmann-Kartell.«

Caparelli biss die Zähne zusammen und ermahnte sich zur Vorsicht. Klaus Hauptmann war von sich eingenommen, unsachlich und rücksichtslos – außerdem der reichste Mensch im ganzen Sternenkönigreich von Manticore, was einiges heißen wollte. Obwohl sich das Sternenkönigreich auf ein einziges Sonnensystem beschränkte, war es innerhalb des Umkreises von fünfhundert Lichtjahren die drittreichste Sternennation. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen übertraf es sogar die Solare Liga. Ein großer Teil dieses Reichtums war einem Glücksfall zu verdanken: der Existenz des Manticoranischen Wurmlochknotens nämlich, der den Doppelstern Manticore zum Umschlagplatz von achtzig Prozent des Langstreckenhandels im Sektor machte. Aber beinahe ebenso wie auf diesen Zufall beruhte der manticoranische Reichtum auf dem Geschick, mit dem das Sternenkönigreich seine Aktivposten nutzte. Viele Generationen lang hatten die Monarchen und Parlamente den Gewinn aus dem Knoten wohlbedacht investiert. Außerhalb der Solaren Liga erreichte niemand den technischen Standard Manticores oder die Leistung pro Mannstunde, und Manticores Universitäten gaben sich die größte Mühe, Alterde den Rang abzulaufen. Caparelli hätte jederzeit freimütig eingeräumt, dass Klaus Hauptmann sowie dessen Vater und Großvater einen erklecklichen Beitrag zu der Infrastruktur geleistet hatten, die diese Anstrengung nun erst ermöglichte.

Leider war sich Klaus Hauptmann dessen nur zu gut bewusst, und manchmal – nach Caparellis Einschätzung allzu oft – benahm der Magnat sich, als entstünde ihm dadurch ein Besitzanspruch auf das gesamte Sternenkönigreich.

»Mr. Hauptmann«, sagte der Raumlord nach einem Augenblick, »ich bedaure Ihre Verluste und die der anderen Kartelle zutiefst. Trotzdem ist es mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt schlichtweg unmöglich, Ihrem Ansinnen, so vernünftig es auch ist, nachzugeben.«

»Mit allem schuldigen Respekt, Sir Thomas, doch diese Antwort sollte die Navy sich lieber noch einmal überlegen.« Hauptmanns unbewegte Stimme war nur um Haaresbreite von einer Beleidigung entfernt, doch er zügelte sich und holte tief Luft. »Verzeihen Sie«, bat er in einem Ton, der deutlich machte, wie wenig er daran gewöhnt war, sich zu entschuldigen. »Das war grob und provokant. Dennoch steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Unsere Kriegsanstrengungen sind von der Stärke unserer Wirtschaft abhängig. Die Verladezölle, Transfergebühren und Inventarsteuern, die meine Geschäftsfreunde und ich zahlen müssen, sind bereits dreimal so hoch wie zu Anfang des Krieges, und …« Caparelli öffnete den Mund, aber Hauptmann hob die Hand. »Bitte. Ich beschwere mich ja nicht über die Steuern und die Zölle. Wir haben Krieg mit dem zweitgrößten Imperium im erforschten Weltraum, und irgend jemand muss ja schließlich die Kosten tragen. Meine Geschäftsfreunde und ich sind uns darüber im klaren. Sie aber müssen begreifen, Sir Thomas, dass wir keine andere Wahl haben, als unseren Handel mit Silesia zu reduzieren oder gar einzustellen, wenn die Verluste weiterhin zunehmen. Ich überlasse es Ihnen abzuschätzen, welche Auswirkungen das auf die Steuereinnahmen des Sternenkönigreichs und damit auf die Kriegsanstrengungen haben muss.«

Caparelli blickte Hauptmann düster an, aber der schüttelte den Kopf.

»Das ist keine Drohung; das ist eine Tatsache. Die Versicherungsprämien sind nie höher gewesen und klettern weiter; wenn sie um weitere zwanzig Prozent steigen, dann verlieren wir selbst bei den Transporten, die ihr Ziel erreichen, noch Geld! Ganz abgesehen von den finanziellen Verlusten müssen Sie bedenken, wie viele Menschenleben auf dem Spiel stehen. Unsere Leute – meine Leute, Leute, die jahrzehntelang für mich gearbeitet haben – finden dort den Tod, Sir Thomas!«

Caparelli lehnte sich zurück. Auch wenn es ihm widerstrebte, musste er Hauptmann recht geben. Durch ihre schwache Zentralregierung war die Konföderation immer gefährliches Gebiet gewesen, aber ihre Welten bedeuteten gewaltige Absatzmärkte für die Industrieprodukte des Sternenkönigreichs, für Maschinen und zivilen Technologietransfer. Ferner war die Konföderation ein wichtiger Lieferant für Rohstoffe und Halbfertigprodukte. Und so groß die persönliche Abneigung auch sein mochte, die Caparelli gegenüber Klaus Hauptmann empfand, so hatte der Magnat doch jedes Recht, die Hilfe der Navy einzufordern. Schließlich und endlich bestand eine der Hauptpflichten der Flotte darin, den manticoranischen Handel und die manticoranischen Bürger zu schützen. Und vor Kriegsausbruch hatte die Royal Manticoran Navy in Silesia stets bestens dafür gesorgt.

Leider erforderte dieser Schutz eine spürbare Flottenpräsenz. Nicht von Schlachtgeschwadern – wer Wallschiffe gegen Piraten einsetzte, der erschlug auch Fliegen mit dem Vorschlaghammer –, sondern von leichten Einheiten. Die Bedürfnisse der Kriegführung gegen die Volksrepublik Haven hatten zum Abzug gerade dieser leichten Kampfschiffe geführt. Man benötigte sie dringend, um die schweren Geschwader abzuschirmen, für die unzähligen Patrouillen, für Aufklärungseinsätze, für Geleitaufgaben und als Vorposten – jede einzelne Verwendung lebenswichtig für die Flotte. Niemals gab es genügend Kreuzer und Zerstörer, und der noch dringendere Bedarf an Großkampfschiffen führte dazu, dass auf den Werften nur noch Superdreadnoughts gebaut wurden, anstatt die leichteren Schiffe in den erforderlichen Stückzahlen zu fertigen.

Der Admiral seufzte und rieb sich die Stirn. Er war nicht gerade der brillanteste Flaggoffizier, den die RMN je besessen hatte. Caparelli kannte seine Stärken – Mut, Integrität und so viel Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen, dass sie für drei gereicht hätten –, aber er war sich auch seiner Schwächen bewusst. Offiziere wie der Earl von White Haven oder Lady Sonja Hemphill vermittelten ihm stets ein unbehagliches Gefühl, denn Caparelli wusste genau, dass sie ihm intellektuell überlegen waren. Und White Haven, gestand sich Caparelli ein, besaß die unerträgliche Dreistigkeit, nicht nur ein besserer Stratege, sondern auch noch ein besserer Taktiker zu sein als er. Dennoch war es Sir Thomas Caparelli, den man kurz vor Ausbruch des Krieges zum Ersten Raumlord ernannt hatte – gerade rechtzeitig, dass er den ganzen Ärger abbekam. Nun hatte er den Krieg zu gewinnen, und nichts sollte ihn daran hindern. Doch ebenso wie die Kriegführung fiel auch der Schutz aller manticoranischen Zivilisten, die im Weltraum ihren legitimen Handelsgeschäften nachgingen, in die Verantwortung des Ersten Raumlords, und weil Caparelli wusste, wie dünn seine Navy bereits verteilt war, stand er am Rande der Verzweiflung.

»Ich verstehe Ihre Probleme und teile Ihre Besorgnis«, sagte er schließlich, »und ich kann Ihnen in keinem einzigen Punkt widersprechen. Wir sind jedoch bis an die Grenzen unserer Kapazität ausgelastet. Weitere Kriegsschiffe kann ich nicht von der Front abziehen – und wenn ich sage ›kann nicht‹, so meine ich nicht ›will nicht‹ oder ›werde nicht‹, sondern kann nicht im wahrsten Sinne des Wortes. Ich würde gern unseren Geleitdienst in Silesia verstärken, aber es geht einfach nicht.«

»Nun, etwas müssen wir jedenfalls unternehmen«, entgegnete Hauptmann ruhig, und der Admiral spürte, wie sehr sich der arrogante Magnat anstrengte, Caparellis vernünftigem Tonfall gleichzukommen. »Das Geleitsystem ist sehr wirkungsvoll bei Transits zwischen den Sektoren. Wir haben nicht ein einziges Schiff verloren, das eskortiert wurde. Eins können Sie mir glauben: Meine Geschäftsfreunde und ich sind dafür sehr dankbar. Die Piraten wissen so gut wie wir, dass sie die Geleitzüge nicht angreifen können. Sie wissen aber auch, dass schon die Astrografie von uns verlangt, zwei Drittel unserer Schiffe allein und unabhängig weiterreisen zu lassen, sobald der Zielsektor erreicht wurde – und dass dann die verfügbaren Geleitschiffe einfach nicht mehr ausreichen.«

Caparelli nickte ernst. Auf den Geleitzügen zwischen den Verwaltungsknoten der silesianischen Sektoren gingen niemals Schiffe verloren, aber irgendwann mussten sich die einzelnen Frachter vom Konvoi lösen und die Welten der Konföderation ansteuern – und dann schlugen die Piraten zu.

»Ich bin mir nicht sicher, wie viel wir unternehmen können, Sir«, sagte der Raumlord nach langem Schweigen. »Admiral White Haven kehrt in der kommenden Woche nach Manticore zurück. Ich werde mit ihm konferieren und feststellen, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, uns zu reorganisieren und einige Schiffe freizusetzen, aber wenn ich ehrlich bin, dann muss ich zugeben, in dieser Sache wenig optimistisch zu sein. Nicht bevor wir irgendwie Trevors Stern eingenommen haben. Bis zur Ankunft von Admiral White Haven lasse ich meinen Stab jede Möglichkeit begutachten – und damit meine ich wirklich jede, Mr. Hauptmann –, die Situation zu entspannen. Ich versichere Ihnen, das Problem erhält die zwothöchste Priorität – gleich nach der Eroberung von Trevors Stern. Ich werde alles, was in meiner Macht steht, unternehmen, um Ihre Verluste zu reduzieren. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.«

Hauptmann lehnte sich zurück, musterte das Gesicht des Admirals und grunzte schließlich, ein müdes, zorniges und ganz klein wenig verzweifeltes Geräusch. Dann nickte er widerwillig.

»Mehr kann ich wohl nicht von Ihnen verlangen, Sir Thomas«, sagte er schwerfällig. »Ich möchte Sie nicht damit beleidigen, dass ich Wunder von Ihnen fordere, aber die Situation ist ernst, sehr ernst. Ich bin mir nicht sicher, ob wir noch einen Monat haben … aber gewiss haben wir nicht mehr als vier, höchstens fünf, dann sind die Kartelle gezwungen, den Handel mit Silesia aufzugeben.«

»Ich verstehe«, antwortete Caparelli, erhob sich und reichte Hauptmann die Hand. »Ich werde tun, was ich kann – und so schnell wie möglich. Ich verspreche Ihnen, die Lage mit Ihnen persönlich zu erörtern, sobald ich mit Admiral White Haven konferiert habe. Mit Ihrer Erlaubnis lasse ich Ihnen von meinem Schreibersmaat einen weiteren Termin geben. Vielleicht fällt uns dann etwas Besseres ein. Bis dahin bleiben wir in Verbindung. Sie und Ihre Geschäftsfreunde können die Lage in Silesia vermutlich besser beurteilen als wir hier in der Admiralität, und wir wären Ihnen dankbar für jede Hilfe, die Sie meinen Fachleuten und dem Planungsstab zukommen ließen.«

»Also gut«, seufzte Hauptmann, erhob sich und schüttelte dem Admiral die Hand, dann überraschte er Caparelli mit einem ironischen Grinsen. »Ich weiß, dass ich nicht gerade der umgänglichste Mensch in diesem Universum bin, Sir Thomas. Ich versuche sehr, mich nicht wie der Elefant im Porzellanladen zu benehmen, und ich begreife, mit welchen Schwierigkeiten Sie es zu tun haben. Ich weiß zu würdigen, wie sehr Sie sich um unseretwillen bemühen, und hoffe nur, dass wir irgendwo eine Lösung finden.«

»Geht mir nicht anders, Mr. Hauptmann«, antwortete Caparelli leise und führte den Besucher zur Tür. »Geht mir nicht anders.«

Der Admiral der Grünen Flagge Hamish Alexander, Dreizehnter Earl von White Haven, fragte sich, ob er wohl genauso müde aussah wie er sich fühlte. Der Earl war neunzig T-Jahre alt, aber in einer Gesellschaft, die das Prolong-Verfahren zur Lebensverlängerung noch nicht kannte, hätte man ihn ohne weiteres für einen jung wirkenden Vierzigjährigen gehalten, und das auch nur, weil sich in seinem schwarzen Haar einige weiße Strähnen zeigten. Rings um seine eisblauen Augen hatten sich nun neue Falten eingegraben, und er war sich seiner Erschöpfung nur allzu deutlich bewusst.

Vor dem Bullauge seiner Pinasse wich die Ebenholzschwärze des Weltraums tiefem Indigoblau. Das Beiboot senkte sich auf die Stadt Landing hinab, und White Haven spürte seine Müdigkeit bis in die Knochen. Mehr als fünfzig Jahre lang hatte sich das Sternenkönigreich – oder wenigstens die Realisten darin – vor dem unausweichlichen Krieg gegen die Volksrepublik gefürchtet, und die Navy (sowie Hamish Alexander) hatte diese Jahre für die Vorbereitungen genutzt. Nun stand dieser Krieg bereits im dritten Jahr – und hatte sich als so brutal erwiesen, wie Alexander befürchtet hatte.

Nicht, dass Havens Kriegführung gut gewesen wäre; die Volksrepublik war nur leider so verdammt groß. Trotz der inneren Verletzungen, die sie sich seit der Ermordung von Erbpräsident Harris selbst zugefügt hatte, trotz der Wirtschaft, die auf tönernen Füßen stand, und der Säuberungen, durch die die Volksflotte ihre erfahrensten Raumoffiziere eingebüßt hatte, ja selbst trotz der Trägheit der Dolisten wankte die Volksrepublik so unaufhaltsam voran wie ein alles verschlingender Moloch. Wäre Havens Industrie auch nur halb so effizient gewesen wie die des Sternenkönigreichs, hätte Manticore keinerlei Siegesaussichten besessen. Zum Glück war das nicht der Fall, und eine Kombination aus Befähigung, Hartnäckigkeit und mehr Glück, als ein fähiger Stratege sich erhoffen durfte, hatten der RMN bislang ermöglicht, sich gegen Haven zu behaupten.

Aber Behaupten allein reichte nicht.

White Haven seufzte und rieb sich die müden Augen. Ungern kehrte er der Front den Rücken, aber wenigstens hatte er Admiral Theodosia Kuzak, an die er vorübergehend das Kommando abtreten konnte. Bei ihr durfte er sich darauf verlassen, dass sie während seiner Abwesenheit die Lage unter Kontrolle behielt. White Haven schnaubte. Zum Teufel, vielleicht nimmt sie sogar Trevors Stern? Ja, vielleicht schafft sie, was ich so oft vergebens versucht habe!

Er nahm die Hand von den Augen und blickte wieder hinaus, während er sich wegen dieses letzten Gedankens zur Ordnung rief. Seine Offensive war im großen und ganzen recht erfolgreich verlaufen! Im ersten Jahr war seine Sechste Flotte tief in die Republik vorgedrungen und hatte der VFH dabei Verluste zugefügt, die jede kleinere Flotte in die Knie gezwungen hätte. Seinen Mitadmiralen und ihm war es gelungen, die bedrückende Übermacht, der sich Manticore bei Kriegsausbruch gegenübersah, nicht nur auszugleichen, sondern im Zuge dessen noch vierundzwanzig Sonnensysteme zu erobern. Die beiden folgenden Jahre waren weniger glorreich verlaufen. Haven erlangte das Gleichgewicht zurück, und Rob Pierres Komitee für Öffentliche Sicherheit rief eine Schreckensherrschaft ins Leben, die jedem havenitischen Admiral durch Einschüchterung das Äußerste abverlangte. Und wenn die Vernichtung der Legislaturistenfamilien, von denen die alte Volksrepublik regiert worden war, Haven auch seine erfahrensten Admirale gekostet hatte, so wurde doch gleichzeitig auch das Protektionssystem zerstört, das Offizieren aus weniger erlauchter Herkunft einen Aufstieg in einen Dienstgrad verwehrt hatte, der ihren Fähigkeiten eigentlich angemessen war. Nun, da die Legislaturisten aus dem Weg waren, erwiesen sich einige der nachgerückten neuen Flaggoffiziere als ausgesprochen harte Nüsse. Wie zum Beispiel Admiral Esther McQueen, havenitische Flottenchefin im System von Trevors Stern.

White Haven schnitt dem Bullauge eine Grimasse. Das Komitee für Öffentliche Sicherheit hatte Volkskommissare eingesetzt, um bei der Volksflotte auf die Einhaltung der Linie zu achten, und diese Volkskommissare hatten den Meldungen des ONI zufolge in Wirklichkeit das Sagen. Wenn das stimmte und politische Kommissare tatsächlich die Schlagkraft von hochkarätigen Offizieren wie McQueen reduzierten, dann konnte Hamish Alexander dafür nur Dankbarkeit empfinden. Im Laufe der vergangenen Monate hatte er ein Gefühl für die Frau bekommen und vermutete, ihr in Sachen Strategie überlegen zu sein. Aber dieser Vorsprung war, wenn es ihn denn überhaupt gab, erheblich knapper als es White Haven recht sein konnte. Und in McQueens Adern floss Eiswasser. Sie kannte die Stärken und Schwächen ihrer Verbände, sie wusste, dass ihr die primitivere Technik und das weniger erfahrene Offizierskader zur Verfügung stand, sie wusste aber auch, wie sie diese Nachteile durch zahlenmäßige Überlegenheit und die beharrliche Weigerung, sich zu Fehlern verleiten zu lassen, ausgleichen konnte. Hinzu kam, dass die strategische Gleichung für McQueen sehr einfach war, denn sie wusste, dass die Eroberung von Trevors Stern für Manticore notwendig war. Und wenn McQueen etwas einstecken musste, revanchierte sie sich in gleicher Münze: Seitdem sie das Kommando übernommen hatte, hielten sich havenitische und manticoranische Verluste beinahe die Waage, und das konnte Manticore sich nicht leisten. Nicht in einem Krieg, der möglicherweise Jahrzehnte andauern würde. Und nicht, wenn mit jedem verstreichenden Monat die Chance größer wurde, dass die Republik ihre technologischen und industriellen Nachteile aufholte. Wenn die Haveniten jemals soweit kamen, dass sie gegenüber der RMN aufholten und zugleich noch immer ihre zahlenmäßige Überlegenheit besaßen, so mussten die Konsequenzen für das Sternenkönigreich katastrophal sein.

Die Staustrahlturbinen der Pinasse heulten auf. Das Beiboot ging in den Landeanflug zur planetaren Hauptstadt, und White Haven riss sich zusammen. Kuzak und er hatten letztendlich einen Plan ersonnen, mit dem sich Trevors Stern vielleicht – vielleicht – nehmen ließe. An Trevors Stern führte kein Weg vorbei; Trevors Stern musste im Zug der Offensive erobert werden. In diesem Sonnensystem lag der einzige Terminus des Manticoranischen Wurmlochknotens, den Manticore nicht kontrollierte, und dadurch wurde er zu einer potenziell tödlichen Bedrohung für das Sternenkönigreich. Aber auch für Haven stellte Trevors Stern ein zweischneidiges Schwert dar. Verlor die Volksrepublik den Terminus, so war für Manticore nicht nur die Drohung einer direkten Invasion abgewendet, die RMN würde dadurch einen sicheren Brückenkopf innerhalb der Republik erhalten. Beinahe zeitverlustfrei könnte Manticore Schiffe – sowohl Kriegsschiffe als auch Versorgungstender – zwischen seinen stärksten Flottenbasen und der Front verschieben, ohne dass für Haven eine Möglichkeit bestand, diese Schiffe abzufangen. Die Eroberung von Trevors Stern – wenn sie denn gelang – würde die Logistik der Navy ganz beträchtlich entlasten und ein breites Spektrum strategischer Möglichkeiten eröffnen. Deshalb war Trevors Stern gleich nach dem Haven-System zweitwichtigstes Operationsziel der manticoranischen Flotte. Aber selbst wenn White Havens Plan funktionieren sollte, würden bis zum Erfolg wenigstens vier Monate vergehen, und nach Caparellis Depeschen zu urteilen, wurde es schwierig, die Schwungkraft der Offensive noch so lange aufrechtzuerhalten.

»Das ist die Lage«, schloss White Haven ruhig seinen Rapport. »Theodosia und ich glauben, es schaffen zu können, aber die vorbereitenden Operationen werden Zeit in Anspruch nehmen.«

»Hm.« Admiral Caparelli nickte bedächtig. Sein Blick ruhte noch auf der holographischen Sternenkarte über seinem Schreibtisch. White Havens Plan sah keinen waghalsigen Handstreich vor – außer vielleicht im letzten Stadium –, aber die vergangenen zehn Monate hatten schließlich überdeutlich gezeigt, dass ein Handstreich auch nicht funktionieren würde. Im Grunde schlug White Haven mit seinem Plan vor, den verlustreichen, unentschiedenen Vorstoß auf Trevors Stern abzubrechen und statt dessen um ihn herum vorzudringen und eins nach dem anderen alle Sonnensysteme zu erobern, die ihn versorgten. Trevors Stern sollte im Zuge dessen isoliert werden, und White Haven wollte eine Position erreichen, die ihm einen Angriff aus mehreren Richtungen gestattete. Dann sollte zur Unterstützung die Homefleet eingreifen. Dieser Teil des Operationsvorschlags war allerdings ausgesprochen waghalsig. Ungeachtet der großen Entfernung konnten dreieinhalb Schlachtgeschwader von Sir James Websters Homefleet durch das Wurmloch ohne Zeitverlust von Manticore nach Trevors Stern gelangen, aber der Transit dieser Tonnage würde den Wurmlochknoten für mehr als siebzehn Stunden destabilisieren. Wenn die Homefleet angriff und keinen schnellen und entscheidenden Sieg erringen konnte, säße die Hälfte ihrer Superdreadnoughts in der Falle und könnte sich nicht wieder auf dem gleichen Weg zurückziehen.

Der Erste Raumlord rieb sich stirnrunzelnd die Lippe. Funktionierte der Plan, wäre ein entscheidender Sieg errungen; schlug er fehl, hätte die Homefleet – nicht nur Schutzverband für das Heimatsystem, sondern auch die wichtigste strategische Reserve der RMN – binnen weniger Stunden jede Operationsbereitschaft eingebüßt. In gewisser Weise sorgte gerade dieses Katastrophenpotenzial dafür, dass der Plan Erfolg versprechend erschien: Kein geistig gesunder Stratege nähme ein derartiges Risiko in Kauf, wenn er sich des Gelingens nicht absolut sicher wäre. Deshalb würden die Haveniten wohl kaum mit diesem Vorgehen rechnen. Sicherlich hätten sie Reaktionspläne für den Fall eines solchen Angriffs bereit, aber Caparelli musste White Haven und Kuzak zustimmen: Reaktionspläne oder nicht, die Volksflotte würde einen Angriff der Homefleet durch das Wurmloch niemals erwarten, und schon gar nicht, wenn White Havens vorbereitende Operationen ihm bereits eine realistische Siegeschance verschafften, ohne das Wurmloch zu benutzen. Wenn es ihm gelang, McQueen vorzugaukeln, dass die 6. Flotte die eigentliche Bedrohung darstellte, und wenn er sie dazu verleiten konnte, ihre Schutzverbände vom Wurmloch abzuziehen …

»Koordination«, brummte Caparelli. »Das ist das eigentliche Problem. Wie koordinieren wir eine Operation dieses Maßstabs über solche Entfernungen?«

»Ja, das ist es«, pflichtete White Haven ihm bei. »Theodosia und ich haben uns darüber die Köpfe zermartert – und die Köpfe unserer Stabsspezialisten – und nur eine einzige Möglichkeit gefunden. Wir müssen Sie per Kurierboot so genau informiert halten wie möglich, aber die Verzögerung ist zu groß, um eine echte Koordination zu ermöglichen. Damit es funktioniert, müssen wir schon im Vorfeld absprechen, wann wir unseren Zug machen wollen, und dann muss Homefleet einen Aufklärer durch das Wurmloch schicken, um zu sehen, ob wir es geschafft haben.«

»Und wenn Sie es nicht geschafft haben«, entgegnete Caparelli frostig, »dann wird es für das Schiff, das wir für diesen kleinen Aufklärungseinsatz einteilen, ganz schön haarig.«

»Das lässt sich nicht abstreiten.« White Haven sprach mit unbewegter Stimme, aber er gab mit einem Kopfnicken Caparellis Einwand statt. Die Masse eines einzelnen Schiffes würde den Terminus nur wenige Sekunden lang destabilisieren, und wenn die havenitischen Verteidiger tatsächlich, wie geplant, abgelenkt sein würden, könnte ein Aufklärer den Transit machen, seine Ortungen vornehmen, wenden und wieder ins Wurmloch gehen, bevor er angegriffen würde. Aber wenn die Haveniten nicht abgelenkt wären, erführe Homefleet niemals, wer oder was den Kundschafter abgeschossen hätte.

»Ich gestehe es ein: das Ganze ist riskant«, antwortete der Earl. »Leider sehe ich keine Alternative. Und wenn wir kühl abwägen, dann bedeutet der Verlust eines einzigen Schiffes nur sehr wenig im Vergleich zu der Gefahr, dass unser Vorrücken weiterhin so schleppend vonstatten geht und schließlich im Sande verläuft. Wenn es sein müsste – wenn ich dadurch gewinnen könnte –, würde ich offenen Auges ein ganzes Geschwader opfern. Zwar ungern, aber in Relation zu all denen, die wir schon verloren haben und die wir noch verlieren werden, wenn wir so weitermachen, halte ich das mögliche Opfer immer noch für unsere beste Alternative. Und wenn der Plan gelingt, dann haben wir die Havies zwischen zwo Feuern gefangen und besitzen die reelle Chance, sie alle auszuschalten. Ja, gewiss ist das Risiko groß, aber der mögliche Gewinn ist überwältigend.«

»Hm«, grunzte Caparelli noch einmal und stellte den Stuhl auf die Hinterbeine, während er nachdachte. Eigentlich ironisch, dass ausgerechnet White Haven einen Plan wie diesen in Erwägung zog, denn er klang eher nach etwas, das Caparelli sich ausgedacht haben könnte – falls er gewagt hätte, dergleichen überhaupt in Betracht zu ziehen. Denn White Haven galt als Meister der indirekten Methoden und hatte einen an Genialität grenzenden Sinn für den richtigen Moment, um einen unerwarteten Kniff anzuwenden oder auf irgendeine Weise den feindlichen Verband einiger Geschwader zu berauben. Seine Verachtung für »Alles oder nichts«-Schlachtpläne war legendär. Der Gedanke musste ihm zutiefst widerstreben, den Kriegsverlauf vom Ausgang eines einzigen Zugs abhängig zu machen, eines Zuges, der zudem die Subtilität eines Vorschlaghammers aufwies.

Ein weiterer Grund, der für den Erfolg spricht, begriff Caparelli. Haven war über das Offizierskorps der RMN genauso gut informiert wie das ONI über die Volksflotte. Daher musste der Gegner wissen, wie untypisch ein solcher Zug für White Haven war, und White Haven hatte die Strategie der RMN maßgeblich beeinflusst. In Anbetracht dessen bestand durchaus die Möglichkeit, dass McQueen auf den Trick hereinfiel – aber dann musste die zeitliche Abstimmung funktionieren, sonst drohte der Manticoranischen Allianz eine Katastrophe.

»Also schön, Mylord«, erklärte Caparelli schließlich, »aber bevor ich mich für oder gegen Ihren Vorschlag entscheide, sind noch einige Fragen zu beantworten. Auf jeden Fall leite ich den Plan zur Begutachtung an Pat Givens, die Kriegsschule und meinen Stab weiter. Sie haben ganz sicher recht damit, dass wir uns nicht für immer und ewig ausbluten lassen können, und mir gefällt auch nicht die Kompetenz, die McQueen an den Tag legt. Wenn wir ihr Trevors Stern abnehmen, dann lässt das Komitee für Öffentliche Sicherheit sie vielleicht an die Wand stellen, um die Nachrückenden zu ermutigen.«

»Vielleicht«, stimmte White Haven mit einer Grimasse zu, die Caparelli nur zu gut verstand. Auch ihm gefiel der Gedanke nicht besonders, dass jemand willens war, gute Offiziere hinzurichten, die ihr Möglichstes getan hatten, nur weil ihre Anstrengungen nicht ausreichten, um den Feind aufzuhalten, aber das Sternenkönigreich kämpfte ums Überleben. Wenn die Volksrepublik so zuvorkommend war, ihre besten Kommandeure zu beseitigen, dann nahm Sir Thomas Caparelli den erwiesenen Gefallen gern an.

»Was mich an Ihrem Plan am meisten stört – abgesehen von«, er konnte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, gegen den Earl zu sticheln, »der Möglichkeit, die Homefleet lahmzulegen – ist die Verzögerung. Zur Verwirklichung Ihres Vorschlags müssten wir Ihre leichten Einheiten sogar noch verstärken, anstatt welche abzuziehen, und in Anbetracht der Lage in Silesia …« Er zuckte mit den Schultern, und White Haven nickte verstehend.

»Wie schlimm trifft uns das?« fragte er.

Caparelli runzelte die Stirn. »Absolut gesehen könnten wir es durchaus überleben, den Handel mit Silesia komplett einzustellen«, antwortete er. »Das wäre nicht angenehm; Hauptmanns Kartell und auch die anderen würden Zeter und Mordio schreien. Damit hätten sie sogar recht, das ist das Schlimme. Der Ausfall würde etliche der kleineren Kartelle ruinieren, und den großen Fischen wie Hauptmann und Dempsey bekäme es auch nicht gerade gut. Über die politischen Auswirkungen bin ich mir nicht ganz im klaren. Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit dem Ersten Lord, und sie erhält bereits einigen Beschuss wegen Silesia. Sie kennen die Baronin ja besser als ich, aber selbst mir ist nicht entgangen, dass sie unter erheblichem Druck steht.«

White Haven nickte nachdenklich. Allerdings kannte er Francine Maurier, Baronin von Morncreek und Erster Lord der Admiralität, besser als Caparelli. Als die Ministerin der Krone, die für die Navy verantwortlich war, erfuhr Morncreek zweifelsohne so viel Druck, wie Caparelli andeutete. Wenn sie sich die Belastung anmerken ließ, stand es wahrscheinlich sogar viel schlimmer als Caparelli vermutete.

»Dazu kommt, dass das Hauptmann-Kartell mit den Freiheitlern und dem Bund der Konservativen unter einer Decke steckt, von den Progressiven ganz zu schweigen – das summiert sich zu einem hübschen Problem«, fuhr der Erste Raumlord grimmig fort. »Wenn die Opposition beschließt, wegen des angeblichen ›Desinteresses‹ der Navy an Hauptmanns Problemen Streit vom Zaun zu brechen, dann könnte es wirklich hässlich werden. Und dann noch die unmittelbaren Verluste an Einfuhrzöllen und Transitgebühren … oder Menschenleben.«

»Da ist noch etwas«, bemerkte White Haven widerstrebend, und Caparelli hob eine Augenbraue. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand wie McQueen die brachliegenden Möglichkeiten erkennt«, erklärte der Earl. »Wenn ein Haufen Piraten uns so schwer treffen kann, dann überlegen Sie doch mal, was passieren würde, wenn Haven ein Geschwader Schlachtkreuzer aussendet, um den Piraten unter die Arme zu greifen. Bisher haben wir ihnen nicht genug Ruhe gelassen, dass sie sich auf solche Schachzüge besinnen konnten. Aber im Grunde können sie viel bequemer leichte Einheiten detachieren, weil sie so viele Schlachtschiffe in Reserve halten. Und Silesia ist längst nicht die einzige Gegend, wo sie uns mit einem groß angelegten Handelskrieg schwer schaden könnten.«

White Haven, dachte Caparelli säuerlich, hat einen Hang, sich besonders scheußliche Szenarien auszudenken.

»Aber wenn wir die benötigten Geleitschiffe nicht freistellen können«, begann der Erste Raumlord, »wie sollen wir dann …«

Er verstummte plötzlich und kniff die Augen zusammen. White Haven legte aufmerksam den Kopf schräg, aber Caparelli ignorierte ihn und gab eine Anfrage in sein Terminal. Einige Sekunden lang studierte er das Display, dann zupfte er sich am Ohrläppchen.

»Q-Schiffe«, sagte er leise, als wäre er allein im Raum. »Mein Gott, vielleicht ist das die Antwort.«

»Q-Schiffe?« wiederholte White Haven. Caparelli schien einen Augenblick lang nicht zuzuhören, dann blickte er den Flottenchef an.

»Was denn, wenn wir ein paar Trojaner nach Silesia schicken?« fragte er, und nun war es an White Haven, nachdenklich das Gesicht zu verziehen.

Projekt Trojanisches Pferd war Lady Sonja Hemphills Idee, und schon das, gab der Earl zu, stimmte ihn gegen ein solches Vorhaben. Seit langen Jahren waren Hemphill und er bittre Feinde in Bezug auf die taktische Philosophie; White Haven misstraute ihrer materialbasierten strategischen Doktrin. Aber ›Trojanisches Pferd‹ verlangte nicht, wesentliche Kräfte von der Front abzuziehen, und selbst im Fall des Scheiterns besaß die Idee genügend Potential, dass White Haven sie zähneknirschend unterstützen musste.

Hemphill hatte vorgeschlagen, einige der von der RMN verwendeten Standardfrachter der Caravan-Klasse in bewaffnete Handelskreuzer umzubauen. Die Caravans waren große Schiffe, sie maßten mehr als sieben Millionen Tonnen, waren aber langsam, ungepanzert und lediglich mit zivilen Antriebssystemen ausgestattet. Unter normalen Umständen standen sie jedem Kriegsschiff hilflos gegenüber. Deshalb wollte Hemphill die Caravans mit größtmöglicher Feuerkraft ausstatten und sie in die Geleitzüge einschleusen, von denen die Sechste Flotte versorgt wurde. Die Schiffe sähen noch immer aus wie gewöhnliche Frachter, aber wenn ihnen ein unvorsichtiger Raider zu nahe käme, würden sie ihn in Fetzen schießen.

Persönlich bezweifelte White Haven sehr, dass dieses Konzept auf lange Sicht funktionieren würde. Haven hatte recht erfolgreich Q-Schiffe gegen frühere Feinde benutzt, aber die fundamentale Schwäche dieser Taktik bestand darin, dass sie kaum mehr als ein- oder zweimal gegen eine Streitkraft funktionierte, die sich zu recht als Flotte bezeichnete. Hatte der Feind erst begriffen, dass Q-Schiffe im Einsatz waren, würde er einfach alles, was nach einem Q-Schiff aussah, aus maximaler Reichweite vernichten. Außerdem waren die havenitischen Q-Schiffe von vornherein für ihren ständigen Einsatz ausgelegt gewesen und hatten militärtaugliche Antriebe besessen, die ihnen die Geschwindigkeit eines Kriegsschiffs der gleichen Größe verliehen. Die Baumuster waren intern gepanzert und mit druckfesten Abteilungen und Systemredundanzen ausgestattet gewesen, die den Schiffen der Caravan-Klasse zwangsläufig fehlten.

Dennoch lag Caparelli mit seiner Idee vielleicht nicht falsch, denn die Raider im silesianischen Weltraum besaßen keine echten Kriegsschiffe – und sie gehörten zu keiner Flotte. Die meisten von ihnen agierten unabhängig und verschacherten ihre Beute an zwielichtige ›Händler‹ – Hehler –, die den Piraten die Operationen finanzierten und keine peinlichen Fragen stellten. Die Schiffe waren in der Regel nur leicht gepanzert und gingen zumeist im Alleingang vor, auf keinen Fall aber in Gruppen, die aus mehr als zwei oder drei Schiffen bestanden. Die üblichen Unruhen in der Konföderation, bei denen immer wieder Sonnensysteme versuchten, sich von der Zentralregierung abzuspalten, machten die Lage ein wenig komplizierter, weil die abtrünnigen Regierungen gern Kaperbriefe ausstellten und Freibeutern gestatteten, im Namen der Unabhängigkeit fremden Handel zu stören. Manche dieser Freibeuter waren im Verhältnis zu ihrer Tonnage schwer bewaffnet, und einige Schiffe wurden sogar von aufrichtigen Patrioten kommandiert, die bereit waren, zum Besten des Heimatsystems in kleinen Geschwadern zu operieren. Vor einem gut geführten Q-Schiff würden sie die Flucht ergreifen. Während es im Kampf gegen Haven eher von Nachteil wäre, wenn sich die Neuigkeit über die Q-Schiffe herumsprach, könnte innerhalb der Konföderation dadurch sogar eine abschreckende Wirkung erzielt werden: Piraten betrieben ihr blutiges Handwerk letztendlich des Geldes wegen und waren selten bereit, den Verlust ihres Schiffes und damit ihres »Geschäftskapitals« zu riskieren oder potenzielle Beute aus großer Entfernung zu vernichten. Wo ein havenitischer Handelsstörer durchaus das Risiko eingehen würde, einem Q-Schiff zu begegnen, solange er nur manticoranische Frachter vernichtete, legte es ein Pirat darauf an, Beute zu machen, und würde sein Schiff kaum der Gefahr aussetzen, von einem Handelskreuzer vernichtet zu werden.

»Das könnte helfen«, gab der Earl zu, nachdem er die Möglichkeiten sorgfältig erwogen hatte. »Aber wenn wir nicht viele Q-Schiffe einsetzen, werden auch nicht viele Raider vernichtet. Der Effekt wäre wohl mehr kosmetischer Natur, fürchte ich, aber die psychologische Wirkung könnte den Aufwand lohnen – sowohl in Silesia als auch im Parlament. Aber haben wir denn schon Q-Schiffe einsatzbereit? Ich dachte, bis zur Fertigstellung wären es noch Monate.«

»Sind es auch«, nickte Caparelli. »Demnach …« – er deutete auf das Terminal – »werden die ersten vier Schiffe irgendwann im nächsten Monat fertig, aber die meisten brauchen noch fast ein halbes Jahr. Crews sind noch nicht zusammengestellt, und offen gesagt rechne ich auch dabei mit Engpässen. Aber wenigstens könnten wir einen Anfang machen, und wie Sie bereits sagten, Mylord, dürfen wir die psychologische Wirkung nicht außer acht lassen. Im Breslau-Sektor ist die Situation am schlimmsten. Wenn wir die ersten vier Q-Schiffe dahin entsenden und dafür sorgen, dass es sich herumspricht, senken wir wenigstens dort die Verluste, bis die anderen einsatzbereit sind.«

»Mag sein.« White Haven massierte sich das Kinn, dann zuckte er mit den Achseln. »Mehr als Beschwichtigung wäre es nicht – nicht, bevor die anderen Q-Schiffe fertig sind. Und wem auch immer Sie das Kommando geben, mit nur vier Schiffen wird das ein fürchterlicher Job. Aber Sie haben recht: Wenigstens könnten wir Hauptmann und Konsorten unter die Nase reiben, dass wir durchaus etwas unternehmen.« Und das, ohne Schiffe abzuziehen, die ich selber brauche, fügte er in Gedanken hinzu.

»Stimmt.« Caparelli trommelte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. »Im Moment ist es nichts weiter als ein Gedanke, aber ich bespreche ihn heute Nachmittag mit Pat, dann erfahre ich, was BuPlan dazu zu sagen hat.« Der Admiral dachte eine Weile nach, dann warf er den Kopf zurück. »Bis dahin sollten wir die Erfordernisse Ihres Plans näher betrachten. Sie sagen, Sie brauchen noch zwo Schlachtgeschwader bei Nightingale?«

White Haven nickte.

»Nun, angenommen, wir ziehen sie hier ab …«

2

Leise klassische Musik schuf die passende Kulisse für die elegant gekleideten Damen und Herren im Saal. An der Wand hinter den Gästen erhoben sich die geplünderten Ruinen eines üppigen Büfetts, und die Leute standen, Gläser in der Hand, in kleinen Grüppchen beisammen. Ihr auf- und abschwellendes Stimmgemurmel konkurrierte mit den Klängen der Musik; eine entspannte Zurschaustellung von Reichtum und Macht. In Klaus Hauptmanns Stimme indes war nur wenig Gelassenheit zu finden.

Der Billionär sprach mit einer Frau, die ihm in puncto Geld und Einfluss nur wenig nachstand, und einem Mann, der nicht einmal im Rennen war. Nicht, dass der Clan der Housemans arm gewesen wäre, aber deren Reichtum war »altes Vermögen«, und die meisten Housemans blickten mit Verachtung auf einen Mann hinab, der sich tatsächlich um etwas so Grobes wie Handelsgeschäfte kümmerte. Selbstverständlich musste man Manager beschäftigen, die das Familienvermögen hüteten, aber das waren nur Angestellte; mit derlei Profanem befasste sich kein Gentleman. Professor Dr. Reginald Houseman teilte in mancher Hinsicht dieses Vorurteil, das die Finanzelite den Neureichen entgegenbrachte (und nach den Standards der Housemans war selbst das Vermögen der Hauptmanns noch sehr neu), dennoch galt Houseman als einer der zehn besten Wirtschaftswissenschaftler des Sternenkönigreichs.

Nicht allerdings bei Klaus Hauptmann, der ihn mit beinahe vollkommener Verachtung betrachtete. Trotz Housemans unzähliger akademischer Referenzen hielt Hauptmann ihn für einen Dilettanten, eine Personifizierung der Phrase, die aus uralter Zeit überliefert wurde: »Wer etwas kann, der tut es; wer nicht, der unterrichtet«. Housemans erhabene Selbstgefälligkeit brachte jemanden wie Hauptmann innerlich zum Kochen, denn Hauptmann hatte seine Fähigkeiten auf die einzige Möglichkeit unter Beweis gestellt, die niemand anzweifeln konnte, nämlich durch Erfolg. Nicht, dass Houseman ein kompletter Idiot gewesen wäre. Trotz seiner intellektuellen Borniertheit hatte er sich häufig als gewandt und effektiv erwiesen, wenn es darum ging, öffentliche ökonomische Strategien mit privatwirtschaftlichen Anreizen zu lenken. Hauptmann betrachtete es als außerordentlich unglückselig, dass Houseman so fest der Überzeugung verhaftet war, Regierungen besäßen die Kompetenz, der Privatwirtschaft Vorschriften zu machen, obwohl es doch so offensichtlich nicht der Fall war. Doch sogar er musste zugeben, dass sich Houseman seine Meriten als politischer Analytiker verdient hatte.

Bis vor sechs Jahren war Houseman zudem ein aufsteigender Stern am Himmel des diplomatischen Dienstes gewesen; seitdem allerdings wurde er nur noch gelegentlich und in beratender Funktion hinzugezogen. Denn wenn Königin Elisabeth III. eine persönliche Abneigung gegenüber einem Mann fasste, hätte nur der abgebrühteste Politiko vorzuschlagen gewagt, diesen Mann weiterhin fest in den Dienst der Krone zu stellen. Und seit Kriegsausbruch galten die Verbindungen der Familie Houseman zu den Freiheitlern auch nicht gerade als ein Vorzug. Nachdem die Volksrepublik Haven die Manticoranische Allianz überfallen hatte, war der langjährige Widerstand der Freiheitler gegen die Rüstungsausgaben des Sternenkönigreichs, die sie bislang als »Panikmache und Provokation« bezeichnet hatten, auf sie zurückgefallen. Nach dem stümperhaften Putsch, der die alte Führungsschicht der Volksrepublik hinwegfegte, hatten sich die Freiheitler mit dem Bund der Konservativen und den Progressiven zur Opposition gegen die Regierung Cromarty zusammengeschlossen. Sie hatten die formelle Kriegserklärung verhindern wollen, weil sie hofften, dass das Regime, das sich aus den Wirren nach dem Putsch erhob, für eine Einigung auf dem Verhandlungsweg zugänglich sein könnte. Viele Freiheitler, darunter auch Reginald Houseman, waren nach wie vor der Ansicht, eine unbezahlbare Gelegenheit sei verschwendet worden.

Weder Ihre Majestät noch ihr Premierminister, der Herzog von Cromarty, waren der gleichen Meinung, und die Wählerschaft schon gar nicht. Bei der letzten Parlamentswahl hatten die Freiheitler eine fürchterliche Niederlage erlitten und im Unterhaus so gut wie jede Bedeutung eingebüßt. Im Oberhaus musste man zwar nach wie vor mit ihnen rechnen, doch selbst dort waren viele frühere Sympathisanten zu Cromartys Zentralisten übergelaufen. Diejenigen, die der Parteilinie die Treue hielten, behandelten diese abtrünnigen Opportunisten mit aller Verachtung, die Verrätern an der Ideologie zukam, aber der Verlust ihrer Unterstützung war eine Realität, der man sich stellen musste. Das Schwinden ihrer Machtbasis hatte die Freiheitler noch dichter an die Konservativen gebunden – ein außerordentlich unnatürlicher Zustand, der nur deswegen erträglich blieb, weil beide Parteien, jede aus eigenen Gründen, der augenblicklichen Regierung und all ihren Gefolgsleuten mit Verbitterung und persönlichem Groll gegenüberstanden.

Für Klaus Hauptmann hatte sich diese Allianz jedenfalls als unschätzbar wertvoll erwiesen. Ein kluger Investor war er schon immer gewesen und hatte jahrelang persönliche (und über besonnene Wahlkampfspenden auch finanzielle) Bande zum gesamten politischen Spektrum geknüpft. Nun, da die Freiheitler und Konservativen sich als in die Ecke gedrängte politische Minderheit betrachteten, war seine Unterstützung für beide Parteien um so wichtiger. Und während sich die Opposition größtenteils nur zu deutlich bewusst war, wie viel Schlagkraft sie eingebüßt hatte, scharte sich Cromartys Meute nervös zusammen, weil sie nicht übersehen konnte, wie knapp ihre Mehrheit im Oberhaus blieb. Mittlerweile hatte Hauptmann gelernt, mit seinem Einfluss bei den Freiheitlern und Konservativen ganz erstaunliche Resultate zu erzielen.

Und diesen Einfluss beabsichtigte er auch an diesem Abend auszuüben.

»Das ist alles, was man uns geben will!« stellte er grimmig fest. »Angeblich ist man zu mehr außerstande. Keine zusätzlichen Kampfverbände, nicht einmal eine einzige Zerstörerflottille. Vier Schiffe bieten sie uns an – vier! Und das sind noch ›bewaffnete Handelskreuzer‹!«

»Nun beruhigen Sie sich, Klaus!« erwiderte Erika Dempsey in ironischem Ton. »Ich gebe Ihnen ja recht, dass vier Schiffe keinen großen Unterschied bedeuten werden, aber wenigstens legt die Navy nicht die Hände in den Schoß. Wenn ich bedenke, unter welchem Druck die Admiralität steht, bin ich überrascht, dass man so schnell überhaupt etwas zuwege gebracht hat. Und es ist gewiss richtig, sich auf Breslau zu konzentrieren. Allein in den letzten acht Monaten hat mein Kartell in diesem Sektor neun Schiffe verloren. Wenn die Navy auch nur das geringste gegen die Piraten dort ausrichtet, bewirkt sie immerhin etwas.«

Hauptmann schnaubte. Im Stillen gab er Erika recht, aber das konnte er nicht zugeben, bevor er den Köder ausgelegt hatte – vor Houseman. Hätte sie sich doch nicht in das Gespräch eingemischt! Das Dempsey-Kartell wurde nur vom Hauptmann-Kartell übertroffen, und Erika, die es seit sechzig T-Jahren leitete, war ebenso klug wie attraktiv. Selbst Hauptmann, der nur vor wenigen Menschen Respekt hatte, respektierte sie über alle Maßen, aber im Augenblick benötigte er nichts weniger als ihre süße Stimme der Vernunft. Zum Glück schien Houseman für Erikas Argumente nicht besonders empfänglich zu sein.

»Ich fürchte, ich muss Klaus recht geben, Ms. Dempsey«, sagte er bedauernd. »Vier bewaffnete Handelsschiffe werden nicht viel ausrichten können, das ergibt sich allein schon aus den Verhältnissen. Sie können immer nur an einer Stelle sein, und es sind alles andere als Wallschiffe. Jedes fähige Piratengeschwader könnte sie vernichten, und im Breslau- und im Poznan-Sektor gibt es momentan wenigstens drei abtrünnige Regierungen. Sie alle rekrutieren Freibeuter, die unseren imperialistischen Abenteuern alles andere als freundlich gegenüberstehen.«

Erika Dempsey rollte die Augen. Mit den Freiheitlern wusste sie nur wenig anzufangen, und Housemans letzter Satz stammte direkt aus deren ideologischer Bibel. Darüber hinaus betrachtete sich Houseman trotz seines Widerstandes gegen den Krieg als Militärexperte. Jegliche Gewaltanwendung verurteilte er als das Resultat von Dummheit und fehlgeschlagener Diplomatie, aber dennoch faszinierte ihn das Thema – allerdings immer aus sicherer Entfernung, versteht sich. Houseman behauptete immer wieder gerne, sein Interesse entspringe lediglich dem Umstand, dass ein friedliebender Diplomat die Seuche, die er bekämpfe, wie ein Arzt studieren müsse, aber Hauptmann bezweifelte, dass er damit irgend jemanden außer seinen Mitideologen zu täuschen vermochte. In Wahrheit glaubte Reginald Houseman fest: Wäre er einer dieser bösen, militaristischen Eroberer wie Napoleon Bonaparte oder Gustav Anderman gewesen – was Gott sei dank nicht der Fall war –, so hätte er sich besser geschlagen als sie. Seine Studien der Militärgeschichte hatten ihm nicht nur die düstere Befriedigung verschafft, sich aus hehrsten Motiven an etwas Bösem, Dekadentem zu ergötzen, sondern auch einen gewissen Status als einer der ›Militärexperten‹ innerhalb der Freiheitspartei. Dass die meisten Offiziere der Königin, unabhängig von der Teilstreitkraft, ihn als Experten in Sachen Feigheit betrachteten, bekümmerte ihn nicht im geringsten. Vielmehr interpretierte er ihre Verachtung als Feindseligkeit, die der eigenen Furcht entsprang, als Zeichen, wie genau er mit seiner energischen Kritik an den bestehenden Zuständen das Militär bis ins Mark traf.

»Mr. Houseman, im Augenblick bin ich nur zu gern bereit, mich auf jedes ›imperialistische Abenteuer‹ einzulassen, wenn es bedeutet, dass nicht noch mehr meiner Angestellten getötet werden«, erklärte Dempsey sehr kühl.

»Ich verstehe Ihren Standpunkt«, versicherte Houseman ihr, offenbar ohne Dempseys unverhohlene Verachtung wahrzunehmen. »Leider wird der Plan der Navy nicht funktionieren. Ich bezweifle sehr, dass selbst Edward Saganami – oder jeder andere Admiral, der einem in den Sinn kommen könnte –, imstande wäre, mit solch schwachen Kräften auch nur das Geringste auszurichten. Das wahrscheinlichste Ergebnis wäre, dass der Kommandeur, den die Navy mit dieser Mission beauftragt, seine vier Schiffe verliert.« Er schüttelte traurig den Kopf. »In den vergangenen drei T-Jahren hat die Navy sehr oft kurzsichtig gehandelt, und ich fürchte, hier stehen wir einem weiteren Beispiel dafür gegenüber.«

Dempsey schaute ihm einen Moment lang unverwandt ins Gesicht, dann schnaufte sie und stolzierte davon. Hauptmann sah ihr erleichtert hinterher und wandte sich wieder an Houseman.

»Ich fürchte, ich muss Ihnen recht geben, Reginald. Trotzdem, mehr als diese vier Schiffe werden wir nicht bekommen. Unter den gegebenen Umständen wäre es also das Beste, die Erfolgsaussichten des Unternehmens so sehr zu optimieren wie nur möglich.«

»Wenn die Admiralität auf dieser Dummheit besteht, können wir wohl nicht viel ausrichten. Man schickt eine grotesk unterlegene Streitmacht direkt in die Höhle des Löwen. Jeder, der bei klarem Verstand ist und nur halbwegs geschichtskundig, kann prophezeien, dass diese Schiffe verloren gehen werden.«

Für einen kurzen Moment verspürte Hauptmann den überwältigenden Drang, den jüngeren Mann zu ohrfeigen und ihm ein wenig Verstand einzuprügeln. Dieses Bedürfnis hatten schon andere vor ihm verspürt; leider schien es auch beim letzten Mal nichts genutzt zu haben. Hauptmanns Plan sah indes nicht vor, dass er seine Abscheu so offen zeigte wie Erika Dempsey.

»Das ist mir durchaus klar«, sagte er daher. »Zweifellos haben Sie recht. Ich würde nur gern das Maximum aus diesen Schiffen herausholen, bevor sie vernichtet werden.«

»Kaltblütig, aber vermutlich realistisch, fürchte ich«, seufzte Houseman, und Hauptmann unterdrückte ein Zähnefletschen. Bei all seiner frömmlerischen Ablehnung von ›Militarismus‹ kümmerte Houseman wie viele Theoretiker der Gedanke an die Verluste von Menschenleben erheblich weniger als die ›Militaristen‹, die er so sehr verachtete. Schließlich und endlich hatten die Menschen, die in den Schiffen starben, sich ja alle freiwillig zum Myrmidonendienst gemeldet, und man konnte bekanntlich kein Omelett backen, ohne ein paar Eier zu zerschlagen. Nach Hauptmanns Beobachtungen neigten diejenigen, die tatsächlich andere Menschen in den Tod schicken mussten, zu erheblich sorgfältigeren Erwägungen als Lehnstuhlstrategen. Zu seinem Bedauern teilte Hauptmann die Prognose Housemans über das wahrscheinliche Schicksal der Q-Schiffe, aber nun sah er wenigstens die Knöpfe in Reichweite, die er drücken wollte.

»Da haben Sie wohl recht«, seufzte er. »Ohne einen fähigen Offizier auf dem Kommandosessel ist die Chance minimal, dass die Schiffe vor ihrer Vernichtung etwas ausrichten. Gleichzeitig können wir von der Admiralität wohl kaum erwarten, einen fähigen Offizier mit diesem Himmelfahrtskommando zu betrauen – ganz besonders, wenn es sich lediglich um eine beschwichtigende Geste handelt, die den politischen Druck lindern soll. Höchstwahrscheinlich bekommen wir es hier mit irgendeinem Stümper zu tun, den man hinterher nicht allzu schmerzlich vermisst – wenn man nicht sogar froh ist, ihn los zu sein.«

»Damit ist zu rechnen«, stimmte Houseman sofort zu, wie immer nur zu gern bereit, den »Militaristen« die machiavellistischsten Motive zu unterstellen.

»Nun, dann sollten wir doch allen verfügbaren Einfluss ausüben, um wenigstens das zu verhindern«, fuhr Hauptmann eindringlich fort. »Wenn wir mehr Unterstützung nicht erhalten können, dann ist es doch unser gutes Recht, von der Admiralität zu verlangen, dass die gewährte Unterstützung so wirkungsvoll wie möglich ausfällt.«

»Da gebe ich Ihnen recht«, antwortete Houseman nachdenklich. Offensichtlich ging er geistig eine Liste in Frage kommender Kommandeure durch, aber Hauptmanns Plan sah nicht vor, dass Houseman einen eigenen Vorschlag machte. Jedenfalls nicht, bevor sein eigenes Pferd im Rennen war. Das Schwierige daran war, den Vorschlag so anzubringen, dass Houseman ihn nicht von vornherein zurückweisen konnte.

»Das Problem«, sagte der Magnat mit einer Mischung aus Beiläufigkeit und nachdenklicher Überlegung, »besteht darin, einen Offizier ausfindig zu machen, der einerseits fähig genug ist, um etwas Positives auszurichten, und andererseits bereit wäre, das Risiko der Niederlage auf sich zu nehmen. Ich würde allerdings wenig Wert auf jemanden legen, der zu viel nachdenkt.« Houseman hob fragend eine Braue, und Hauptmann zuckte mit den Schultern. »Damit meine ich, dass wir einen guten Kämpfer brauchen. Einen guten Taktiker, der weiß, wie man Schiffe effektiv einsetzt, der die letztendliche Vergeblichkeit seiner Mission aber nicht erkennt. Jeder mit genügend Urteilsvermögen, die Lage realistisch einzuschätzen, müsste begreifen, dass diese Operation nicht mehr ist als eine Geste, und das wiederum würde bedeuten, da er nicht aggressiv genug vorgeht, um uns wirklich zu nützen.«

Innerlich hielt er den Atem an, während Houseman über die Worte nachdachte. Im Grunde hatte Hauptmann gerade gesagt, sie bräuchten jemanden, der sich kopfüber ins Gefecht stürzt, sich selbst dabei umbringt und ein paar Tausend Menschen mit in den Tod reißt. Hauptmann war – sich selbst gegenüber – so ehrlich zuzugeben, dass diese Überlegungen reichlich zynisch klangen. Andererseits bildete der Kampf den Lebensinhalt der Menschen in Uniform, und wer sich in Gefahr begab, fand eben relativ häufig den Tod. Wenn die Navysoldaten im Zuge ihres Untergangs Hauptmanns angeschlagene Position in Silesia retteten, dann konnte er damit leben. Im Gegensatz zu ihm hatte Houseman kein direktes Interesse an Silesia. Für ihn war die Unterhaltung nichts weiter als ein intellektuelles Gedankenspiel. Selbst jetzt war sich Hauptmann alles andere als schlüssig, ob sein Gegenüber wirklich kaltblütig genug wäre, um Männer und Frauen zum wahrscheinlichen Tod zu verurteilen, wenn die Verluste echt und nicht lediglich Zahlen einer Simulation sein würden.

»Mir ist klar, was Sie meinen«, murmelte Houseman und senkte den Blick in sein Weinglas. Er knetete sich die Stirn und zuckte die Achseln. »Mir widerstrebt es zuzulassen, dass auch nur ein Mensch sinnlos ums Leben kommt. Aber wenn die Position der Admiralität feststeht, dann liegen Sie in Bezug auf die Eigenschaften des Offiziers, den man mit der Mission betrauen muss, ganz richtig.« Er lächelte süffisant. »Sie sagen, wir bräuchten jemanden mit mehr Mut als Verstand, aber dem taktischen Vermögen, mit seiner Dummheit etwas auszurichten.«

»Genau das habe ich gesagt.« Obwohl er selbst sorgfältig manövrierte und an den Fäden zog, fühlte sich Hauptmann doch von der amüsierten Verachtung abgestoßen, die der Ökonom einem Menschen entgegenbrachte, der in Erfüllung seiner Pflicht zu sterben bereit war. Nicht, dass Hauptmann plante, seiner Abscheu Ausdruck zu verleihen. »Und ich glaube, ich habe einen Offizier mit genau diesen Eigenschaften gefunden«, offenbarte er statt dessen und erwiderte das Lächeln.

»Aha?« Etwas in Hauptmanns Stimme ließ Houseman aufblicken. In seinen braunen Augen glomm Misstrauen, aber auch gespannte Erwartung. Er liebte zutiefst das Gefühl, beteiligt zu sein, wenn auf höchster Ebene die Hebel gezogen wurden, und Hauptmann war sich dessen bewusst; und Hauptmann wusste auch, dass dem Wirtschaftswissenschaftler seit dem unglückseligen Zwischenfall auf Grayson dieses Gefühl versagt geblieben war.

»Harrington«, sagte der Magnat leise und beobachtete, wie seinem Gegenüber unverzüglich die Wut ins Gesicht stieg, als der Name fiel.

»Harrington? Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen! Die Frau hat doch völlig den Verstand verloren!«

»Eben. Waren wir nicht gerade übereingekommen, dass wir so jemanden brauchen?« entgegnete Hauptmann. »Wie Sie bestimmt wissen, hatte ich in der Vergangenheit selber Probleme mit ihr, aber ob sie nun noch alle Tassen im Schrank hat oder nicht, sie hat eine – wahnsinnige Kampferfahrung. Ich würde sie niemals für einen Einsatz vorschlagen, bei dem man tatsächlich den Überblick über das Gesamtbild benötigt oder gar nachdenken muss, aber für eine Aufgabe wie diese ist sie nachgerade ideal.«

Housemans Nasenflügel bebten; seine Wangen leuchteten knallrot. Von allen Menschen im ganzen Kosmos hasste er Honor Harrington am meisten – was Hauptmann ganz genau wusste. Und so wenig er auch mit Houseman in allen anderen Belangen übereinstimmte: in Bezug auf dessen Einschätzung Harringtons gab er dem Ökonomen vollkommen recht.

Im Gegensatz zu Houseman neigte er jedoch nicht dazu, sie zu unterschätzen – diesen Fehler hatte er einmal begangen –, aber andererseits brauchte er sie auch nicht zu mögen. Vor acht T-Jahren hatte Harrington ihn in tiefe Verlegenheit gestürzt und ihm immense finanzielle Verluste verursacht, indem sie die Verwicklung seines Kartells in einen Plan der Haveniten aufdeckte, die die Kontrolle über das Basilisk-System an sich bringen wollten. Nicht etwa, dass Hauptmann über die Tätigkeit seiner Angestellten auch nur ansatzweise informiert gewesen wäre … und glücklicherweise war es ihm gelungen, vor Gericht seine Unkenntnis zu beweisen, aber seine Unschuld hatte ihn nicht vor der Zahlung massiver Strafgelder bewahrt – oder davor, dass der gute Name seines Kartells in den Schmutz gezogen wurde, und damit auch sein eigener.

Klaus Hauptmann gehörte nicht zu den Menschen, die Einmischungen gleichmütig hinnahmen. Dessen war er sich bewusst, und er gab auf intellektueller Ebene sogar zu, dass dies eine seiner Schwächen war. Aber auch Hauptmanns Stärke fußte auf seinem Willen zur Autonomie, der Triebkraft, die ihn von einem Triumph zum nächsten getragen hatte, und deshalb war er bereit, es hinzunehmen, wenn sein cholerisches Temperament ihn bei seltenen Gelegenheiten in die Irre führte.

Gewöhnlich zumindest. O ja, dachte er, gewöhnlich. Aber nicht im Falle Harringtons. Sie hatte ihn nicht einfach in Verlegenheit gebracht, sie hatte ihn bedroht.

Er biss die Zähne zusammen, und sein Gedächtnis führte ihm die Szene wieder vor Augen. Houseman war indessen damit beschäftigt, den eigenen Zorn zu bezähmen. Hauptmann hatte persönlich den Basilisk-Vorposten aufgesucht, als Harringtons übereifrige Einmischung dort unerträglich wurde. Zu der Zeit ahnte er noch nichts von dem havenitischen Coup, er wusste nur, dass diese Frau ihn Geld kostete; die Beschlagnahme eines seiner Schiffe, das Konterbande an Bord gehabt hatte, bedeutete für ihn einen Schlag ins Gesicht, den er nicht hinnehmen konnte. Und deswegen reiste er ins Basilisk-System – um Harrington den Kopf zurechtzurücken. Nur kam es ganz anders als geplant. Harrington trotzte ihm, als wüsste sie nicht, wer Klaus Hauptmann war – ja, als sei es ihr gleichgültig! Ihren Widerstand verpackte sie sorgfältig in Amtssprache und versteckte sich hinter ihrer kostbaren Uniform und ihrem Status als diensttuender Befehlshaber der Basilisk-Station, aber trotzdem beschuldigte sie ihn der Mitwisserschaft an schmugglerischen Aktivitäten.

Da hatte sie bei ihm auf die richtigen Knöpfe gedrückt, das musste er zugeben, genau wie er auch eingestand, dass er seine Niederlassungen besser im Auge hätte behalten müssen. Aber wie sollte er bei etwas so Großem wie dem Hauptmann-Kartell auf solche Details achten? Aus eben diesem Grunde unterhielt er schließlich Vertretungen – damit sie sich um die Einzelheiten kümmerten, für die ihm die Zeit fehlte. Und selbst wenn Harrington völlig im Recht gewesen wäre – was nicht der Fall war – wie konnte es die Tochter eines einfachen Freisassen wagen, so mit ihm zu reden? Sie war damals Commander gewesen, von denen man zwei für einen Dollar bekam, Kommandantin eines Leichten Kreuzers, den er aus der Portokasse hätte bezahlen können, wie also konnte sie es wagen, ihm gegenüber diesen kalten, schneidenden Ton anzuschlagen?

Trotzdem hatte sie es gewagt, und vor Zorn hatte er die Samthandschuhe abgelegt. Harrington wusste damals noch nicht, dass sein Kartell Hauptanteilseigner an der Praxis ihrer Eltern war. An sich hätte es nicht mehr als einer beiläufigen Andeutung bedürfen sollen, welche Folgen es haben könnte, wenn sie ihn in die Defensive zwang und er sich und seinen guten Namen auf inoffiziellen Wegen verteidigen musste, doch Harrington weigerte sich nicht nur, vor ihm zurückzuweichen, sie übertrumpfte seine Drohung mit einer weitaus tödlicheren.

Diese letzte Drohung hatte Harrington unter vier Augen ausgesprochen, und das war der einzige beruhigende Aspekt der ganzen Angelegenheit. Harrington hatte gedroht, ihn mit eigener Hand zu töten, sollte er es wagen, sich in irgendeiner Weise gegen ihre Eltern zu wenden.

Trotz seiner brennenden Wut verspürte Hauptmann selbst jetzt noch einen kalten Schauder, wenn er an ihre eiskalten, mandelförmigen Augen dachte. Sie hatte es ernst gemeint. Das hatte er vom ersten Moment an gewusst, und vor drei Jahren hatte Harrington unter Beweis gestellt, wie ernst diese Drohung einzustufen war, denn sie hatte im Duell nicht nur einen, sondern zwei Männer getötet – und einer der beiden war ein professioneller Duellant gewesen. Wenn Hauptmann noch einen Anstoß gebraucht hätte, sehr, sehr behutsam gegen diese Frau vorzugehen, dann hätten diese beiden Duelle ihm genügt.

Der Haß auf Harrington war eines der ganz wenigen Dinge, die Houseman und ihn verbanden. Harrington hatte Housemans diplomatische Laufbahn auf dem Gewissen. Sie hatte sich nicht nur frech seinem Befehl widersetzt, ihr Geschwader aus dem Jelzin-System zurückzuziehen und den Planeten Grayson durch Handlanger Havens erobern zu lassen, sie hatte ihn niedergeschlagen, als er versuchte, durch Einschüchterung ihren Gehorsam zu erzwingen. Vor Zeugen hatte sie ihm eine Ohrfeige versetzt, die ihn von den Füßen riss, und die schneidende Verachtung, die sie danach auf ihn ausgegossen hatte, hatte den Nagel einfach zu sehr auf den Kopf getroffen, als dass die Sache sich vertuschen ließ. Mittlerweile wusste jeder, auf den es ankam, was genau sie an jenem Tag zu Houseman gesagt und mit welch kalter, schneidender Präzision sie seine Feigheit bloßgelegt hatte. Zwar rügte man sie später offiziell, einen Gesandten der Krone niedergeschlagen zu haben, aber dieser Makel verblaßte durch die gleichzeitige Erhebung in den Ritterstand zur Bedeutungslosigkeit – und dazu kamen die Ehren, mit denen das Volk von Grayson die Retterin des Planeten überhäufte.

»Ich kann nicht glauben, dass es Ihnen ernst damit ist.« Housemans steife, kalte Stimme holte Hauptmann in die Gegenwart zurück. »Um Himmels willen! Diese Frau ist doch nicht besser als eine gewöhnliche Mörderin! Wissen Sie denn nicht mehr, wie sie North Hollow zu diesem Duell getrieben hat? Im Oberhaus vor dem Plenum hat sie ihn gefordert und wie einen Hund niedergeschossen, als seine Waffe schon leer war! Sie können Harrington doch nicht ernsthaft für irgendein Kommando in Erwägung ziehen, wo wir endlich erreichen konnten, dass sie die Uniform der Königin ablegen musste!«

»Selbstverständlich kann ich das.« Hauptmann bedachte den jüngeren Mann mit einem kalten, schmallippigen Lächeln. »Nur weil sie eine Närrin ist – eine gefährliche Närrin – besteht doch noch lange kein Grund, sie nicht zu unserem Vorteil einzusetzen. Denken Sie einmal darüber nach, Reginald. Was Harrington sonst auch sein mag, im Gefecht ist sie eine effektive Befehlshaberin. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, dass man sie zwischen den Schlachten an die Leine legen muss. Sie ist so arrogant wie die Sünde, und ich bezweifle, dass sie je auch nur versucht hat, ihr Temperament zu zügeln. Also seien wir offen und sagen deutlich, dass Honor Harrington alle Merkmale einer krankhaften Massenmörderin aufweist! Aber sie weiß zu kämpfen. Das ist vielleicht das einzige, wofür sie gut ist, aber wenn jemand den Piraten wirklich schaden kann, bevor die sie töten, dann ist es Honor Harrington.«

Den letzten Satz sprach er mit seidenweicher Stimme, nur das Wort ›töten‹ betonte er ein wenig härter. In Housemans Augen blitzte der Haß auf. Keiner von beiden würde es je zugeben, aber das Signal war übermittelt, die Botschaft verstanden, und Hauptmann beobachtete, wie der Ökonom tief durchatmete.

»Angenommen, Sie hätten recht – und das behaupte ich nicht –, so wüsste ich immer noch nicht, wie sich Ihr Ansinnen verwirklichen lassen sollte«, erklärte Houseman schließlich. »Sie ist auf Halbsold, und Cromarty würde niemals beantragen, sie in den aktiven Dienst zurückzurufen. Nachdem sie North Hollow vor dem Oberhaus gefordert hat, würde allein der Vorschlag das Plenum zur Revolte treiben.«

»Vielleicht«, gab Hauptmann zu, obwohl er in dieser Hinsicht Zweifel hegte. Noch vor zwei Jahren hätte Houseman mit seiner Feststellung sicherlich richtig gelegen; aber nun standen die Dinge anders: Harrington hatte sich auf Grayson zurückgezogen, um sich ihrer dortigen Rolle als Gutsherrin zu widmen, als feudaler Herrscherin über das Gut von Harrington, das die Graysons nach der Verteidigung des Planeten eigens für sie gegründet hatten. Angesichts seiner schändlichen Rolle war es nicht weiter verwunderlich, dass Houseman die Bedeutung solcher fremden Titel herunterspielte. Das Hauptmann-Kartell hingegen war an den ausgedehnten industriellen und militärischen Aufbauprogrammen stark beteiligt, die im Jelzin-System stattfanden, seit Grayson sich der Manticoranischen Allianz angeschlossen hatte. In Erinnerung an seine Erfahrungen mit Harrington hatte Hauptmann vorsichtig ihre Position auf Grayson eruiert und erfahren, dass sie dort keine geringere Macht und keinen geringeren Einfluss ausübte als der Herzog von Cromarty im Sternenkönigreich.

Zum einen war sie wohl, ob den Graysons dies nun bewusst war oder nicht, der reichste Bewohner des Planeten, ganz besonders, seitdem ihre Firma, Grayson Sky Dome Ltd. Profite erzielte. Rechnete man die manticoranischen Anteile hinzu, die für sie von Willard Neufsteiler verwaltet wurden, dann war Harrington mittlerweile gewiss Milliardärin – gar nicht schlecht für jemanden, dessen Startkapital allein aus Prisengeldern stammte. Für die Graysons spielte ihr Reichtum nur eine untergeordnete Rolle. Harrington hatte den Planeten nicht nur davor bewahrt, erobert zu werden, sie war auch zu einer der über achtzig Adligen aufgestiegen, die den Planeten beherrschten, und noch dazu zum zweithöchsten Offizier der graysonitischen Navy. Trotz der anhaltend starken Abneigung, mit der die konservativeren, theokratisch eingestellten Graysons ihr begegneten, verehrten die meisten sie geradezu wie einen Abgott.

Anfang des vergangenen Jahres hatte Harrington das Jelzin-System erneut gerettet. Was auch immer das Oberhaus davon halten mochte, die Berichte der Newsdienste über die Vierte Schlacht von Jelzins Stern hatten dafür gesorgt, dass sie in den Augen der Bürger des Sternenkönigreichs genauso sehr als Heldin dastand wie auf Grayson. Wenn die Regierung Cromarty sich ihrer Mehrheit im Oberhaus jemals sicher genug fühlte, um den Antrag zu wagen, Honor Harrington wieder in eine manticoranische Uniform zu stecken, dann würde dieser Versuch nach Hauptmanns Dafürhalten gelingen.

Leider schienen Cromarty und die Admiralität jedoch nicht willens, den unausweichlichen, hässlichen Kampf im Plenum zu riskieren. Und selbst wenn man sich dazu durchränge, würde man anschließend nicht einmal in Erwägung ziehen, jemanden ihres Kalibers für das Kommando über vier Hilfskreuzer so weit hinter der Front zu vergeuden. Aber wenn der Vorschlag aus einer anderen Ecke käme …

»Hören Sie zu, Reginald«, sagte er eindringlich, »wir stimmen miteinander überein, dass Harrington eine wandelnde Zeitbombe ist, aber ich glaube, wir sind uns außerdem einig, dass sie unter den Piraten einigen Schaden anrichten würde, wenn wir nur erreichen könnten, dass man sie nach Silesia schickt, richtig?«

Houseman nickte. Offenbar stimmte er Hauptmann in diesem Punkt nur deswegen zu, weil er den Gedanken verlockend fand, seine verhasste Feindin in einen Einsatz zu schicken, bei dem sie mit großer Wahrscheinlichkeit ums Leben käme.

»Also gut. Gleichzeitig sollten wir uns im klaren sein, dass Harrington in den Reihen der Navy noch immer sehr beliebt ist. Die Admiralität täte nichts lieber, als Harrington wieder in manticoranische Dienste zu nehmen, richtig?«

Wieder nickte Houseman, und Hauptmann zuckte mit den Schultern.

»Nun, was glauben Sie wohl, würde geschehen, wenn wir vorschlügen, sie nach Silesia zu beordern? Denken Sie einen Augenblick lang darüber nach. Wenn die Opposition sie für dieses Kommando vorschlägt, glauben sie nicht auch, dass die Admiralität die Chance, Harrington zu ›rehabilitieren‹, auf der Stelle beim Schopf ergreifen würde?«

»Das nehme ich schon an«, stimmte Houseman säuerlich zu. »Aber was lässt Sie denn vermuten, dass Harrington annehmen würde, selbst wenn man ihr’s anböte? Sie steckt im Jelzin-System und lässt sich dort vergöttern. Warum sollte sie ihre Position als zweithöchster Offizier dieser lächerlichen Navy aufgeben, um solch ein armseliges Kommando zu akzeptieren?«

»Weil die Navy von Grayson ›lächerlich‹ ist«, entgegnete Hauptmann in beschwörendem Ton, aber das entsprach nicht den Tatsachen. Allein Housemans verbitterter Haß auf alles, was mit dem Jelzin-System zusammenhing, verleitete Hauptmann zu einer derart abstrusen Behauptung. Die Grayson Space Navy war zu einer Achtung gebietenden Flotte angewachsen, deren Kern aus zehn ehemals havenitischen Superdreadnoughts und den ersten drei Wallschiffen bestand, die im System gebaut worden waren. Vom Standpunkt des persönlichen Ehrgeizes betrachtet, wäre Harrington wirklich verrückt, ihre Position als zweithöchster Offizier der rasant expandierenden GSN aufzugeben und ihren Dienst als gewöhnlicher Captain in der manticoranischen Navy wiederaufzunehmen. Aber trotz des Hasses, den Hauptmann ihr entgegenbrachte, verstand er Honor Harrington weitaus besser als Houseman jemals hoffen konnte. Was immer auch aus ihr geworden sein mochte, Harrington war gebürtige Manticoranerin und hatte drei Jahrzehnte darauf verwendet, sich im Dienste der Königin eine Karriere aufzubauen und einen Ruf zu erwerben. Sie besaß sowohl persönlichen Mut als auch ein unleugbares, tief verwurzeltes Pflichtgefühl, das musste selbst Hauptmann widerstrebend einräumen, und dieses Pflichtgefühl erhielt Rückendeckung durch das unvermeidliche Bedürfnis, sich zu rechtfertigen und wieder den Platz in der Navy einzunehmen, von dem ihre Feinde sie vertrieben hatten. Oh nein: Wenn man ihr das Kommando über die silesianische Mission anbot, dann würde sie es übernehmen; aber es hatte keinen Sinn, Houseman Harringtons wahre Gründe dafür erklären zu wollen.

»In der Navy von Grayson mag sie Froschkönigin sein«, sagte er daher, »aber im Vergleich zu unserer Navy ist ihr Teich nur eine Pfütze. Die ganze Flotte hat keine zwei vollwertige Schlachtgeschwader, Reginald – das wissen Sie besser als ich. Wenn sie jemals ein echtes Flottenkommando übernehmen möchte, dann kann sie das nur an einem Ort tun: hier bei uns.«

Houseman grunzte und stürzte seinen Wein in einem einzigen Schluck hinunter, senkte das leere Glas und starrte hinein. Hauptmann spürte den Widerstreit der Emotionen, der in seinem Gegenüber tobte, und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ich weiß, dass ich viel von Ihnen verlange, Reginald«, sagte er mitfühlend. »Es erfordert Größe, auch nur in Betracht zu ziehen, jemanden wieder zur Uniform der Königin zu verhelfen, von dem man selbst angegriffen worden ist. Aber ich weiß niemanden, der für diese Mission besser geeignet wäre als Harrington. Und da es immer bedauerlich ist, wenn ein Offizier in Pflichterfüllung das Leben verliert, werden Sie mir zustimmen, dass jemand, der so instabil ist wie Harrington, einen geringeren Verlust bedeutete als viele andere.«

Bei jedem anderen wäre dieser letzte Stachel zu offensichtlich gewesen, aber das neuerliche Flackern in Housemans Augen beruhigte Hauptmann sogleich.

»Warum sprechen Sie ausgerechnet mit mir darüber?« fragte er nach kurzem Schweigen, und Hauptmann machte eine gleichmütige Geste.

»In der Freiheitspartei hört man auf Ihre Familie. Folglich verfügen Sie innerhalb der Opposition über großen Einfluss. Angesichts dessen, dass Sie Militärexperte sind und mit Harrington schon … Erfahrung haben, wird Ihre Empfehlung bei anderen, die vielleicht ebenfalls Zweifel hegen, großes Gewicht besitzen. Wenn Sie mit dem Vorschlag an die Gräfin von New Kiev heranträten, würde die Parteiführung ihn wohl ernst nehmen müssen.«

»Sie erbitten eine ganze Menge, Klaus«, sagte Houseman gewichtig.

»Dessen bin ich mir bewusst«, erklärte Hauptmann. »Aber wenn Harrington von der Opposition vorgeschlagen wird, können Cromarty, Morncreek und Caparelli nicht anders, als die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen.«

»Was ist mit den Konservativen und Progressiven?« konterte Houseman. »Ihren Peers wird die Idee genauso wenig gefallen wie der Gräfin von New Kiev.«

»Ich habe bereits mit dem Baron von High Ridge gesprochen«, gab Hauptmann zu. »Er ist alles andere als zufrieden und weigert sich, die Konservativen offiziell für Harrington stimmen zu lassen, aber hat eingewilligt, den Fraktionszwang aufzuheben und den Peers die Entscheidung freizustellen.« Houseman verengte die Augen zu Schlitzen, dann nickte er langsam, denn sie beide wussten, dass die »Aufhebung des Fraktionszwangs etc.« in Wirklichkeit eine diplomatische Fiktion darstellte, die es High Ridge gestattete, seine offizielle Position zu wahren, während er gleichzeitig seine Gefolgsleute instruierte, den Antrag zu unterstützen. »Was die Progressiven angeht«, sprach Hauptmann weiter, »so haben Earl Gray Hill und Lady Descroix eingewilligt, sich der Stimme zu enthalten. Keiner von ihnen würde jedoch Harrington jemals unterstützen. Deshalb ist es so wichtig, dass Sie und Ihre Familie mit New Kiev darüber sprechen.«

»Ich verstehe.« Houseman zupfte sich einen endlosen Augenblick lang an der Unterlippe, dann seufzte er tief. »Also gut, Klaus. Ich will mit ihr sprechen. Es geht mir verdammt gegen den Strich, das können Sie mir glauben, aber ich beuge mich Ihrem Urteil und werde tun, was in meiner Macht steht.«

»Vielen Dank, Reginald, ich weiß das zu schätzen«, sagte Hauptmann aufrichtig und ruhig. Er drückte Houseman die Schulter, verabschiedete sich mit einem Nicken und ging mit seinem leeren Whiskeyglas an die Bar zurück. Er brauchte einen frischen Drink, um sich den Nachgeschmack aus dem Mund zu spülen, nachdem er auf der Woge von Housemans Vorurteilen mitgeschwommen war – die Hände sollte er sich vielleicht auch waschen. Aber das Ergebnis war die Überwindung wert. Vier bewaffnete Handelskreuzer würden im großen und ganzen vermutlich nicht viel ausrichten, doch immerhin bestand wenigstens die Möglichkeit, und wenn jemand wie Harrington die Q-Schiffe kommandierte, dann standen die Chancen erheblich höher.

Weitaus wahrscheinlicher war natürlich, dass sie den Tod fand, bevor sie wirklich etwas erreichte; das hatte er Houseman schließlich lang und breit auseinandergesetzt.

Als er dem Barkeeper das Glas reichte, lächelte er zufrieden, denn eines war gewiss: Ob Harrington nun die Piraten aufhielt oder bei dem Versuch das Leben ließ – gewinnen würde in jedem Fall Klaus Hauptmann.

3

Jede halb automatische Pistole galt als technische Antiquität, doch auf diese traf es noch mehr zu als auf die meisten anderen. Um genau zu sein, war ihr Typ über zweitausend T-Jahre alt, denn es handelte sich um die exakte Replik einer Waffe, die man früher als ›Modell 1911A1‹ kannte und die eine ›ACP-Patrone vom Kaliber .45‹ abfeuerte. Eine große Waffe; unter Graysons Schwerkraft von 1,17 Gravos wog sie ungeladen etwas weniger als 1,3 Kilogramm. Der Rückstoß war unglaublich. Das Alter der Pistole machte sie nicht gerade leiser, und trotz der Ohrenschützer zuckten einige Waffenträger auf den benachbarten Schießständen zusammen, als das 11,43-Millimeter-Geschoss mit nur 275 Metern pro Sekunde auf die Scheibe zuraste. Eine armselige Geschwindigkeit, selbst gegenüber den automatischen Pistolen, auf die sich die Graysons beschränken mussten, bevor das Jelzin-System in die Allianz eingetreten war, und sehr viel langsamer als die über zweitausend Mps, mit denen ein moderner Pulser seine Bolzen ausspuckte. Aber die massive, fünfzehn Gramm schwere Kugel schlug am Ende ihrer fünfundzwanzig Meter weiten Reise dennoch mit beträchtlicher kinetischer Energie ein. Das Stahlmantelgeschoss durchbrach das »Schwarze« der ebenfalls anachronistischen Papierzielscheibe und zerfetzte es zu herabrieselnden weißen Fragmenten, dann verging das Projektil mit einem feurigen Blitz, als es in den »Kugelfang« aus fokussierter Gravitationsenergie sauste und verglühte.

Das tiefe, grollende Bamm! der archaischen Faustfeuerwaffe übertönte das hohe, singende Jaulen der Pulser noch einmal, dann ein drittes, ein viertes Mal – sieben widerhallende Schüsse donnerten in präzisen Abständen, und dann war das Zentrum der Zielscheibe verschwunden; nur noch ein gähnendes Loch befand sich dort.

Admiral Lady Dame Honor Harrington, die Gräfin und Gutsherrin von Harrington, senkte die Pistole aus ihrer bevorzugten beidhändigen Feuerhaltung und warf einen Blick auf die Waffe, um sicherzustellen, dass das Verschlussstück sich über dem leergeschossenen Magazin in offener Stellung arretiert hatte. Sie legte die Waffe auf die Theke vor sich und nahm dann Schutzbrille und Ohrenschützer ab. Major Andrew LaFollet, ihr persönlicher Waffenträger und Chefleibwächter, stand hinter ihr, und auch er trug einen Augen- und Gehörschutz. Er schüttelte den Kopf, als Lady Harrington auf eine Taste drückte und die Zielscheibe summend auf sie zufuhr. Die Handkanone war ein Geschenk von Hochadmiral Wesley Matthews, und LaFollet fragte sich, wie der Oberkommandierende der GSN wohl auf den Gedanken gekommen war, der Gutsherrin könnte solch eine outrierte Waffe gefallen. Wie auch immer, er hatte recht behalten. Wenigstens einmal pro Woche nahm Lady Harrington das Treibladung speiende, trommelfellzerfetzende Ungetüm mit auf den Schießstand, ob nun an Bord ihres Superdreadnoughts oder hier auf dem kleinen Schießplatz der Gutsgarde von Harrington. An dem anschließenden Reinigungsritual nach jeder Schießübung schien sie mindestens so viel Freude zu haben wie daran, die Ohren aller Umstehenden mit dem Ding zu malträtieren.

Sie legte die Zielscheibe auf den Tisch, zog ihr Taschenlineal hervor, maß die drei Zentimeter durchmessende Einschussgruppe ab und nickte zufrieden. Trotz seiner Vorbehalte gegenüber der donnernden archaischen Waffe fand LaFollet die Genauigkeit, mit der die Gutsherrin damit umzugehen wusste, gleichermaßen beeindruckend wie beruhigend. Jeder, der sie auf dem Duellplatz von Landing City gesehen hatte, wusste, dass sie ihr Ziel stets traf, aber weil LaFollet für ihr Leben verantwortlich war, zeigte er sich stets erleichtert, wenn sie unter Beweis stellte, dass sie sehr gut auf sich selber aufzupassen vermochte.

Der Gedanke ließ ihn amüsiert schnauben. Wenn sie dastand wie eine schlanke, grün-weiße Flamme in ihrem knöchellangen Rock und der Weste, die an der Taille abschloss, und wenn ihr das seidige braune Haar lose über die Schultern fiel, mochte man nicht glauben, dass sie vermutlich die gefährlichste Person auf dem Schießplatz war – Andrew LaFollet eingeschlossen. Sie trainierte nach wie vor regelmäßig mit ihren Waffenträgern, und obwohl diese gewaltige Fortschritte in Lady Harringtons bevorzugter Kampfsportart, dem Coup de vitesse, gemacht hatten, warf sie jeden von ihnen mit unfassbarer Leichtigkeit auf die Matte.

Mit ihren Körpergröße von etwas mehr als hundertneunzig Zentimetern überragte sie selbstverständlich alle Graysons, und die Schwerkraft ihrer Heimatwelt, die den Gravitationstrichter des Planeten Grayson um ungefähr fünfzehn Prozent übertraf, hatte ihr beeindruckende Reflexe und eine Ehrfurcht gebietende Körperkraft verliehen. Zwar war sie schlank, aber der sehnige Körper bestand überwiegend aus festen, trainierten Muskeln. Durch die Prolong-Behandlung dritter Generation, die sie als Kind erhalten hatte, sah sie zwar aus wie LaFollets kleine Schwester, die gerade erst der Pubertät entsprungen war, aber in Wirklichkeit war sie dreizehn T-Jahre älter als er und hatte mehr als sechsunddreißig Jahre den Coup trainiert. Deshalb war sie allen überlegen: Sie trainierte schon seit LaFollets Geburt, doch wenn er in ihr jugendlich wirkendes, exotisch schönes Gesicht blickte, wollte er es zumeist kaum glauben.

Sie war mit der Auswertung der Zielscheibe fertig und zog einen Stift aus der Tasche. Dann notierte sie auf der Scheibe das Datum, legte sie zu einem Dutzend weiterer perforierter Blätter und schob die Pistole in den Aufbewahrungskasten. Sie legte die beiden Ersatzmagazine dazu und verschloss den Kasten, schob ihn sich unter den Arm, steckte die Schutzbrille in eine Tasche und nahm die Ohrenschützer auf. Als LaFollet ein erleichtertes Seufzen unterdrücke, funkelten die mandelförmigen Augen, die sie von ihrer chinesischen Mutter geerbt hatte.

»Fertig, Andrew«, sagte sie, und gemeinsam gingen sie vom Schießplatz zum Hintereingang von Harrington House. Ein schlanker, sechsgliedriger sphinxianischer Baumkater mit grau-cremefarbenem Fell erhob sich von dem sonnenbeschienenen Flecken, wo er friedlich gelegen hatte, streckte sich träge und watschelte herbei, während LaFollet sich die Ohrenschützer abnahm. Lady Harrington lachte leise.

»Nimitz scheint Ihre Meinung über den Geräuschpegel zu teilen«, stellte sie fest und beugte sich vor, um den ’Kater aufzunehmen. Nimitz stimmte ihr mit einem fröhlichen Blieken zu, und lachend setzte sie ihn sich auf die Schulter. Dort nahm er seine gewohnte Haltung ein – die Handpfoten des mittleren Gliederpaars senkten zentimeterlange Krallen in die gepolsterte Schulter ihrer Weste, während die Echtpfoten sich gleich unter dem Schulterblatt eingruben. Der ’Kater schwenkte den flauschigen Schwanz, als LaFollet Honor anlächelte.

»Es geht nicht nur um den Lärm, Mylady. Es ist auch das Energieniveau. Wenn ich jemals eine Waffe gesehen habe, die mit roher Gewalt arbeitet, dann diese.«

»Stimmt, aber es macht mehr Spaß als mit einem Pulser«, entgegnete Honor. »In einem Gefecht würde ich etwas Moderneres bevorzugen, wenn ich ehrlich sein soll, aber die Pistole erhebt ihre Stimme doch mit Autorität, oder nicht?«

»Da kann ich Ihnen nicht widersprechen, Mylady«, gab LaFollet zu. Sein Blick schweifte umher auf der Suche nach einer Bedrohung, wie es seine Pflicht war, eine Gewohnheit, die er selbst auf dem sicheren Gelände von Harrington House nicht ablegte. »Und ich wäre mir gar nicht sicher, ob diese Kanone im Kampf wirklich so nutzlos wäre. Immerhin könnte allein dieser Höllenlärm Ihnen den Vorteil der Überraschung verschaffen.«

»Da haben Sie wahrscheinlich recht«, gab sie zu. Die künstlichen Nerven in ihrer linken Gesichtshälfte verzogen Honors Lippen zu einem ganz leicht schiefen Lächeln, aber ihre Augen tanzten. »Vielleicht sollte ich den Gardisten die Pulser wieder abnehmen und den Hochadmiral fragen, ob er mir nicht genug davon für Sie alle verschaffen kann.«

»Vielen Dank, Mylady, aber ich bin mit meinem Pulser überaus zufrieden«, erwiderte LaFollet mit außerordentlicher Höflichkeit. »Zehn Jahre lang habe ich selbst einen Chemikalienbrenner getragen, wenn er auch nicht so … na, beeindruckend war wie Ihrer, dann haben Sie uns mit Pulsern modernisiert. Jetzt bin ich verwöhnt.«

»Behaupten Sie hinterher nicht, ich hätte es Ihnen nicht angeboten«, scherzte sie und nickte dem Wächter zu, der ihnen die Hintertür von Harrington House öffnete.

»Werde ich nicht«, versicherte LaFollet ihr. Die Tür schloss sich und schnitt die Geräusche vom Schießplatz ab. »Wissen Sie, Mylady, ich wollte Sie etwas fragen«, sagte er dann. Honor verzog eine Augenbraue und forderte ihn mit einem Nicken zum Weitersprechen auf. »Auf Manticore, noch vor Ihrem Duell mit Summervale, versuchte Colonel Ramirez mir gegenüber zu verbergen, wie nervös er wirklich war. Ich sagte ihm, dass ich Ihre Schießübungen beobachtet hätte und dass Sie mit einer Faustfeuerwaffe gewiss keine Anfängerin seien, aber ich habe mich immer gefragt, wo Sie gelernt haben, so gut damit umzugehen.«

»Ich bin auf Sphinx groß geworden«, antwortete Honor, und nun wölbte LaFollet fragend eine Augenbraue. »Sphinx wurde vor fast sechshundert T-Jahren besiedelt«, erklärte sie, »aber ein Drittel des Planeten gehört immer noch der Krone. Das heißt, es ist unberührte Wildnis, und das Gehöft Harrington grenzt an das Copper-Walls-Naturschutzgebiet. Viele Wesen auf Sphinx hätten nichts dagegen herauszufinden, wie Menschen eigentlich so schmecken, und deshalb nehmen die meisten Erwachsenen und älteren Kinder Handwaffen mit, wenn sie ins Outback gehen.«

»Aber doch keine Antiquitäten wie diese da, das möchte ich wetten«, wandte LaFollet ein und deutete auf den Pistolenkasten unter ihrem linken Arm.

»Nein«, gab sie zu. »Daran ist mein Onkel Jacques schuld.«

»Onkel Jacques?«

»Der ältere Bruder meiner Mutter. Er kam von Beowulf für ein Jahr zu Besuch, als ich … na, zwölf T-Jahre alt war, und er ist Mitglied der Gesellschaft für Kreativen Anachronismus. Das ist eine eigenartige Gruppe, die sich ein Vergnügen daraus macht, die Vergangenheit so wiederaufleben zu lassen, wie sie hätte sein sollen. Onkel Jacques’ Lieblingsperiode war das zwote Jahrhundert Ante-Diaspora – äh, das zwanzigste Jahrhundert«, fügte sie hinzu, denn auf Grayson benutzte man weiterhin den Gregorianischen Kalender. »In dem Jahr war er Pistolengroßmeister der Planetaren Reserve. Er war so gut aussehend wie Mutter schön ist, und ich habe ihn verehrt.« Mit einem raschen Grinsen rollte sie die Augen. »Ich verfolgte ihn wie ein liebeskrankes Schoßhündchen, was ihn in den Wahnsinn getrieben haben muss, aber er ließ es sich nicht anmerken. Statt dessen lehrte er mich, mit etwas zu schießen, das er ›richtige Pistolen‹ nannte, und …« – sie lachte – »Nimitz konnte den Mündungsknall schon damals nicht ausstehen.«

»Das liegt daran, dass Nimitz ein kultiviertes und urteilsfähiges Wesen ist, Mylady.«

»Ha! Jedenfalls bin ich in Übung geblieben, bis ich zur Akademie ging, und dort wollte ich mich zuerst der Pistolenmannschaft anschließen. Aber andererseits konnte ich schon recht gut mit Schusswaffen umgehen, als ich das Aufnahmeexamen bestand, und den Coup trainierte ich erst seit vier Jahren; deshalb beschloss ich, beim waffenlosen Kampf zu bleiben, und fand mich schließlich in der Akademiemannschaft für Kampfsport wieder.«

»Ich verstehe.« LaFollet ging ein paar Schritte, dann grinste er breit. »Falls ich es noch nicht erwähnt haben sollte, Mylady, Sie haben nicht viel mit einer typisch graysonitischen Dame gemein. Schusswaffen, Kampfsport … Wenn’s das nächste Mal haarig wird, sollte ich mich wohl lieber hinter Ihnen verstecken.«

»Aber Andrew! Wie können Sie nur in solch schockierender Manier zu Ihrer Gutsherrin sprechen?«

LaFollet lachte leise, obwohl er ihr im Stillen recht gab. Unter gewöhnlichen Umständen hätte kein wohlerzogener männlicher Grayson auch nur daran gedacht, mit einer wohlerzogenen Frau über Gewalt zu diskutieren. Doch Lady Harrington war nicht als Grayson aufgewachsen und erzogen worden, und im Übrigen befanden sich die Regeln, die angemessenes Betragen festlegten, ohnehin im Umbruch. Einem Außenstehenden musste dieser Wandlungsprozess langsam erscheinen, aber ein Grayson, dessen Leben voll und ganz auf der Tradition basierte, fühlte sich, als hätte ihn die Entwicklung in den vergangenen sechs T-Jahren mit schwindelerregender Geschwindigkeit überrollt. Der Grund für all das war die Frau, die Andrew LaFollet mit seinem Leben beschützte.

Merkwürdig, aber sie war sich der Veränderung wohl viel weniger bewusst als irgend jemand sonst auf diesem Planeten, denn sie entstammte einer Gesellschaft, in der allein der Gedanke auf Unverständnis gestoßen wäre, Mann und Frau könnten als ungleich betrachtet werden. Aber die zutiefst traditionalistische, patriarchalische Gesellschaft und Religion Graysons hatte sich in einem Jahrtausend der Isolation entwickelt, auf einer Welt, deren hoher Schwermetallanteil den Planeten selbst zum größten Feind seiner Bewohner machte. Die eherne Stärke dieser Traditionen hatte zur Folge, dass jede Veränderung nur sehr langsam und alles andere als über Nacht vonstatten gehen konnte, aber LaFollet war sich ständig der allmählichen, schleichenden Anpassung bewusst, die ringsum mit kleinen Schritten, aber unaufhaltsam vor sich ging. Meist befand er diese Veränderungen für positiv. Zwar waren sie nicht immer bequem und schon gar nicht von allen begrüßt – wie vor einem Jahr die Gruppe religiöser Fanatiker unter Beweis gestellt hatte, die seine Gutsherrin zu vernichten versuchte. Dennoch war LaFollet sich so gut wie sicher, dass Lady Harrington überhaupt nicht wusste, wie sehr sie und die anderen Manticoranerinnen, die in der Navy dienten, den jüngeren weiblichen Graysons ein Vorbild waren. Dennoch zeigten sich auf Grayson nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass der Planet sich in einen Abklatsch des Sternenkönigreichs verwandeln könnte. Vielmehr entwickelten seine Bewohner völlig neue Verhaltensmuster, und LaFollet fragte sich oft, wohin dies wohl führen würde.

Sie gelangten an das Ende des kurzen Korridors und nahmen den Aufzug zum zweiten Obergeschoss von Harrington House, wo sich Honors Privatgemächer befanden. Ein älterer Mann mit bereits schütterem, sandfarbenem Haar und grauen Augen erwartete sie schon, als die Aufzugtüren sich öffneten, und Honor legte den Kopf schräg.

»Hallo, Mac. Was kann ich für Sie tun?« fragte sie.

»Wir haben soeben eine Nachricht aus der Umlaufbahn erhalten, Ma’am.« Wie Honor trug auch James MacGuiness Zivilkleidung, was seiner Rolle als Haushofmeister angemessen war, aber er war das einzige Mitglied ihres engen Kreises, der sie nicht ständig mit ›Mylady‹ ansprach. Dafür gab es einen einfachen Grund; Master Chief Steward’s Mate MacGuiness war seit mehr als acht Jahren ihr persönlicher Steward und – wie sie gern sagte – oberster Behüter, und das machte ihn zum einzigen Angehörigen des Hauses, der sie gekannt hatte, bevor sie den Ritterschlag empfing, lange bevor sie Gräfin und Gutsherrin wurde. Vor Besuchern redete er sie gewöhnlich mit »Mylady« an, was er im Gegensatz zu den Graysons »Milady« aussprach, wie im Sternenkönigreich üblich. Im privaten Kreis hingegen neigte er zur älteren, militärischen Anrede.

»Was für eine Nachricht?«

MacGuiness lächelte Honor breit an. »Von Captain Henke, Ma’am. Die Agni hat vor drei Stunden die Alpha-Transition gemacht.«

»Mike kommt her?« fragte Honor erfreut. »Das ist ja wundervoll! Wann erwarten wir sie?«

»Sie landet in etwa einer Stunde, Ma’am.« Etwas an MacGuiness’ Stimme klang seltsam, und Honor blickte ihn fragend an. »Sie kommt nicht allein, Ma’am«, sagte der Steward. »Admiral White Haven ist an Bord und lässt fragen, ob es Ihnen passt, wenn er Captain Henke nach Harrington House begleitet.«

»Earl White Haven? Hier?« Honor blinzelte, und MacGuiness nickte. »Hat er etwas über den Grund seines Besuches gesagt?«

»Nein, Ma’am. Er hat nur gefragt, ob Sie ihn empfangen könnten.«

»Natürlich kann ich das!« Einen Augenblick lang verharrte sie nachdenklich, dann gab sie sich einen Ruck und reichte MacGuiness den Pistolenkasten. »Ich glaube, unter den gegebenen Umständen sollte ich mich ein wenig frisch machen. Wären Sie so freundlich, die Waffe für mich zu reinigen, Mac?«

»Aber selbstverständlich, Ma’am.«

»Vielen Dank. Wahrscheinlich wäre es besser, wenn Sie Miranda Bescheid gäben, dass ich sie brauche.«

»Das habe ich bereits, Ma’am. Sie sagte, sie würde zu Ihnen in den Ankleideraum kommen.«

»Dann sollte ich sie nicht warten lassen.« Honor nickte dankend und eilte den Korridor hinunter zu ihrer wartenden Zofe. Fieberhaft überlegte sie, was White Haven wohl von ihr wollte.

Ein Klopfen am Rahmen der offenen Tür warnte Honor, und sie blickte lächelnd auf, als MacGuiness ihre Besucher in das geräumige, sonnige Büro geleitete. Bis auf Nimitz und LaFollet, dessen ständige Präsenz das graysonitische Gesetz verlangte, war Honor allein, denn Howard Clinkscales, ihr Regent und Geschäftsführer, war zu einer Konferenz mit Kanzler Prestwick nach Austin City gefahren. Honor erhob sich und reichte der schlanken Frau, deren Haut kaum heller war als ihre weltraumschwarze RMN-Uniform, die Hand.

»Mike! Warum hast du mir nicht Bescheid gegeben, dass du kommen würdest?« fragte sie, als die andere Frau Honors Hand mit festem Griff umschloss.

»Weil ich es selber nicht wusste.« Die rauchige und gleichzeitig weiche Altstimme der Ehrenwerten Captain (Junior Grade) Michelle Henke zeigte ironische Belustigung. Mike lächelte ihre Gastgeberin an. Sie war eine Cousine ersten Grades von Königin Elisabeth III. und zeigte die unverkennbaren Gesichtszüge des Hauses Winton. Auf der Akademie, auf Saganami Island, war sie Honors Stubenkameradin und infolgedessen Lehrerin im Umgang mit Menschen gewesen. Trotz der gewaltigen sozialen Kluft zwischen ihnen war sie Honors engste Freundin, und aus Henkes Augen leuchtete Wärme. »Die Agni wurde der Sechsten Flotte zugeteilt, und Admiral White Haven hat uns einfach als Taxi benutzt.«

»Ich verstehe.« Honor drückte noch einmal Henkes Hand, dann wandte sie sich dem hochgewachsenen, breitschultrigen Admiral in ihrer Begleitung zu. »Mylord«, begrüßte sie ihn erheblich förmlicher und reichte ihm die Hand. »Ich freue mich, Sie wiederzusehen.«

»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite, Mylady«, antwortete White Haven ebenso formell und beugte sich vor, um ihr die Hand zu küssen, anstatt sie zu schütteln. Honor spürte, wie ihre Wangen sich röteten. Auf Grayson war es angemessen, eine Frau so zu begrüßen, und sie hatte sich mittlerweile in den meisten Situationen damit abgefunden. Aber ausgerechnet White Havens Handkuss flößte ihr Unbehagen ein. Verstandesmäßig war ihr klar, dass sie durch ihren Rang als Gutsherrin gesellschaftlich über ihm stand, aber ihr Titel war kaum sechs Jahre alt, während die Grafschaft von White Haven bis zur Gründung des Sternenkönigreichs zurückreichte, und zudem war White Haven einer der respektiertesten Flaggoffiziere der Navy, in der Honor mehr als dreißig Jahre lang gedient hatte.

Er straffte den Rücken, und seine blauen Augen funkelten, als verstünde er ihre Empfindungen genau, und schölte sie dafür. Sie hatte ihn fast drei T-Jahre lang nicht mehr gesehen – genauer gesagt, seit dem Tag nicht mehr, an dem sie auf Halbsold ins Exil gegangen war. Innerlich war sie erschrocken über die neuen, tiefen Linien, die sich rings um diese funkelnden Augen eingegraben hatten, aber sie lächelte ihn nur an.

»Bitte, setzen Sie sich«, forderte sie ihre Gäste auf und wies auf die Stühle am Couchtisch. Nimitz sprang von seiner Ruhestange an der Wand herab, als die Besucher der Einladung folgten, und Henke lachte auf, als er über die Tischplatte herbeitappte und eine starke, sehnige Echthand zu ihr ausstreckte.

»Schön, dich wiederzusehen, Stinker«, sagte sie und schüttelte ihm die dargebotene Hand. »In letzter Zeit irgendwelche guten Sellerieplantagen geplündert?«

Nimitz verzog über ihre Auffassung von Humor nur die Nase, aber über die telempathische Verbindung spürte Honor sein Vergnügen an dem Geplänkel. Selbst die Einheimischen der beiden anderen bewohnten Planeten des Sternenkönigreichs, Manticore und Gryphon, neigten immer wieder dazu, die Intelligenz sphinxianischer Baumkatzen zu unterschätzen. Mike und Nimitz hingegen waren alte Freunde. Sie wusste so gut wie Honor, dass Nimitz klüger war als die meisten zweibeinigen Personen und dass er, obwohl er keine menschlichen Laute zu formen und sprechen vermochte, mehr Standardenglisch verstand als die meisten heranwachsenden Manticoraner.

Außerdem war Henke die Sucht bekannt, die jede ’Katz teilte, und mit einem Grinsen fischte sie einen Selleriestängel aus der Uniformtasche und reichte ihn Nimitz. Der ’Kater packte ihn fröhlich und begann zu kauen, bevor seine Gefährtin auch nur ein Wort dazu äußern, geschweige denn einen Einwand erheben konnte. Honor seufzte.

»Noch keine fünf Minuten bist du hier, und schon ermutigst du ihn wieder! Du bist ein schlechter Mensch, Mike Henke.«

»Muss am verderblichen Einfluss meiner Freunde liegen«, entgegnete Henke heiter, und nun musste Honor lachen.

Hamish Alexander lehnte sich zurück und betrachtete die beiden Frauen aufmerksam, aber unaufdringlich. Das letzte Mal hatte er Honor Harrington nach dem Duell gesehen, bei dem sie Pavel Young getötet hatte, den Earl von North Hollow. Dieses Duell, dass sie die Karriere gekostet hatte, hätte sie beinahe mit ihrem Leben bezahlt, denn North Hollow hatte sich früher als erlaubt umgedreht und ihr in den Rücken geschossen. Bei ihrer letzten Begegnung waren Captain Harringtons linker Arm und die chirurgisch regenerierte Schulter noch bewegungsunfähig gewesen. Aber die körperliche Verwundung verblaßte zur Bedeutungslosigkeit gegenüber der seelischen Qual, die sich ihr tief eingeprägt hatte.

White Havens Blick verdüsterte sich, als er an ihren Schmerz dachte. Der bezahlte Mord an dem Mann, den sie geliebt hatte, war mit dem Tod North Hollows vielleicht gerächt gewesen, aber das brachte Paul Tankersley nicht ins Leben zurück. Die Rache hatte Lady Harrington zwar geholfen, den Verlust zu überleben, ihren Schmerz hatte die geübte Vergeltung jedoch in keiner Weise gemindert. White Haven hatte sich mit aller Kraft bemüht, das Duell zu verhindern, weil er wusste, welche Folgen es für Captain Harringtons Karriere haben würde, doch war dieser Versuch ein Fehler gewesen. Sie hatte das Duell ausfechten müssen, ihr war keine andere Wahl geblieben. Für sie war der Zweikampf einem Akt der Gerechtigkeit gleichgekommen, den sie aufgrund ihrer Erziehung und allem, was sie ausmachte, unbedingt hatte verwirklichen müssen. White Haven hatte das schließlich eingesehen, sosehr er die Konsequenzen auch bedauerte. Er fragte sich, ob ihr überhaupt klar war, wie vollkommen er ihre Motive begriff – oder wie viel er über Trauer und Verlust wusste. Seit mehr als fünfzig T-Jahren war White Havens Frau am ganzen Körper gelähmt. Vor dem unglücklichen Flugwagenunfall war Emily Alexander die beliebteste HD-Schauspielerin im ganzen Sternenkönigreich gewesen, und der Schmerz, den White Haven auch nach so langer Zeit noch immer empfand, hatte ihn alles über die Qualen gelehrt, die der Liebe entspringen konnten, denn er musste mit ansehen, wie ihre unerschütterliche Willenskraft, ihr Mut in einem gebrechlichen, nutzlosen Kerker aus Fleisch vor sich hin vegetierte. Die Honor Harrington, die er nun vor sich hatte, war immerhin nicht mehr die von der Trauer niedergeschmetterte Frau mit dem weißen Gesicht, von der er sich an Bord des Schlachtkreuzers Nike verabschiedet hatte. Zum allerersten Mal sah er sie nicht in Uniform und war fasziniert, wie wohl sie sich in graysonitischer Kleidung zu fühlen schien – und wie majestätisch sie wirkte. Ob sie überhaupt wusste, wie sehr sie sich verändert hatte? Wie sehr sie gewachsen war? White Haven kannte sie nicht anders denn als hervorragenden Offizier, doch hier auf Grayson hatte sie noch etwas hinzugewonnen. Sie war nur halb so alt wie er, aber während sie mit Captain Henke scherzte, war White Haven sich dennoch deutlich der unaufdringlichen Macht ihrer Gegenwart bewusst. In ihrem Lachen nahm er einen melancholischen Unterton wahr, das Wissen, wie sehr ein Verlust schmerzen konnte. Die unterschwellige Trauer vergrößerte nur ihre Kraft, so als hätte der durchlittene Schmerz ihren stählernen Kern noch gehärtet, und darüber war White Haven froh. Froh für sie und froh für die Royal Manticoran Navy. Viel zu wenige Offiziere der Königin besaßen Captain Harringtons Kaliber, und mehr als alles andere wollte White Haven sie wieder in manticoranischer Uniform sehen – selbst wenn das bedeutete, dass sie den Breslau-Einsatz annehmen musste.

Das Geplänkel mit Henke war beendet, und Captain Harrington blickte auf.

»Verzeihen Sie, Mylord. Captain Henke und ich sind alte Kumpane, aber ich hätte mich davon nicht ablenken lassen dürfen. Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?«

»Ich bin als Bote gekommen, Dame Honor«, antwortete er. »Ihre Majestät bat mich, mit Ihnen zu sprechen.«

»Ihre Majestät?« Als der Earl nickte, setzte Honor sich aufrechter hin.

»Im Auftrag Ihrer Majestät soll ich Sie bitten, die Wiedereinberufung in den aktiven Dienst zu akzeptieren, Mylady«, erklärte er ruhig, und das helle Funkeln, das in ihren schokoladenbraunen Augen aufblitzte, überraschte ihn. Sie wollte etwas sagen, schloss jedoch den Mund und zwang sich, tief durchzuatmen, dann erlosch der Funke wieder; er schwand nicht etwa, es war, als würde er von der Erkenntnis verdeckt, wer und was mittlerweile aus Captain Harrington geworden war. White Haven verspürte noch mehr Respekt für die Frau, zu der sie geworden war.

»Aktiver Dienst?« wiederholte sie nach kurzer Pause. »Selbstverständlich fühle ich mich geehrt, Mylord, aber gewiss sind Sie und Ihre Majestät sich der anderen Verpflichtungen bewusst, denen ich obliege?«

»Dessen sind wir uns bewusst, und die Admiralität ebenfalls«, antwortete White Haven mit unverändert ruhiger Stimme. »Nicht nur als Gutsherrin von Harrington, sondern auch als Offizier der graysonitischen Navy haben Sie im Jelzin-System Enormes geleistet, und deshalb hat Ihre Majestät mich angewiesen, Sie zu bitten, die Wiedereinberufung anzunehmen. Außerdem soll ich Ihnen versichern, dass Ihre Majestät Sie nicht – weder jetzt noch später – in den aktiven Dienst befehlen wird. Das Sternenkönigreich hat Sie sehr schlecht behandelt …«

Honor wollte etwas sagen, aber White Haven hob die Hand. »Bitte, Mylady. So ist es, und das wissen Sie auch. Um genau zu sein, hat das Oberhaus Sie herabgesetzt, und das ist eine Verunglimpfung Ihrer Person und Ihrer Uniform – Ihrer Ehre und der Ehre des Sternenkönigreichs. Ihre Majestät weiß das, der Herzog von Cromarty weiß das, die Navy weiß das, und die meisten unserer Bürger wissen es auch. Wohl niemand könnte es Ihnen verübeln, wenn Sie beschließen würden, hier zu bleiben, wo man Ihnen den verdienten Respekt erweist.«

Honors Gesicht flammte auf, aber ihre Verbindung zu Nimitz übermittelte ihr die Aufrichtigkeit des Earls. Baumkatzen waren schon immer imstande gewesen, menschliche Emotionen zu lesen, aber soweit sie wusste, war sie der erste Mensch, der je die Gefühle einer ’Katz wahrnehmen konnte – beziehungsweise, mit Nimitz’ Vermittlung, die Gefühle anderer Menschen. Diese Fähigkeit hatte sie erst im Laufe der vergangenen fünfeinhalb T-Jahre erlangt, und in gewisser Hinsicht versuchte sie noch immer, sich über die Auswirkungen klar zu werden. Obwohl sie diese Fähigkeit mittlerweile als Erweiterung ihrer Sinne betrachtete, gab es hin und wieder Situationen, in denen sie sich wünschte, die Gefühle anderer Personen nicht wahrnehmen zu können, und so war es auch jetzt. Sie wusste, dass es sich bei dieser Verbindung um eine Art ›Einbahnstraße‹ handelte. White Haven hatte keine Möglichkeit, ihre Reaktion auf seine Emotionen zu empfinden, aber der tiefe, mitfühlende Respekt, der von ihm auf sie überströmte, war ihr schrecklich peinlich. Was auch immer jemand anders von ihr denken mochte, sie kannte ihre eigenen Schwächen und Fehler viel zu gut, als dass sie auch nur einen Augenblick lang glaubte, einen solchen Respekt zu verdienen.

»Das habe ich nicht gemeint, Mylord«, sagte sie nach kurzem Nachdenken. Ihr Sopran klang ein wenig heiser, deshalb räusperte sie sich. »Ich verstehe durchaus die Reaktion des Oberhauses. Möglicherweise bin ich damit nicht einverstanden, aber ich kann die Lords verstehen, und als ich tat, was ich tat, war ich mir über ihre wahrscheinliche Reaktion im klaren. Nein, ich wollte sagen, dass ich meine Position als Gutsherrin und die damit einhergehenden Pflichten nicht einfach ignorieren kann, von meiner Bestallung in der GSN ganz zu schweigen, so gern ich auch wieder in den aktiven Dienst des Sternenkönigreichs zurückkehren würde.«

Sie blickte über die Schulter zu Andrew LaFollet, der schweigend und ausdruckslos hinter ihrem Stuhl stand, und spürte auch seine Gefühle. Sie waren verworrener als bei White Haven: grimmige Befriedigung bei der Vorstellung, dass man ihr gestatten wollte, ihre Stellung im manticoranischen Dienst zu retten; kühle Zustimmung bezüglich White Havens Einschätzung, wie man sie im Sternenkönigreich behandelt hatte; und schließlich unruhige Furcht, inwieweit eine Rückkehr in den aktiven Dienst der RMN ihre Sicherheit, für die LaFollet verantwortlich war, beeinträchtigen könnte. Aber sie empfand in keiner Weise, dass er sie in irgendeine Richtung drängen wollte. Er war ein graysonitischer Waffenträger. Seine Pflicht bestand darin, seine Gutsherrin zu beschützen, nicht darin, ihr zu sagen, was sie tun sollte. Das hielt ihn jedoch gelegentlich nicht von dem Versuch ab, Honor mit ebenso höflicher wie starrsinniger Hartnäckigkeit zu beeinflussen, wenn er eine Gefahr in ihrer Nähe wähnte, und er ergriff gegen jeden Maßnahmen, der sie beleidigte.

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