Logo weiterlesen.de
HONOR HARRINGTON: Die Spione von Sphinx

Inhaltsverzeichnis

Ins gelobte Land (Promised Land)

von Jane Lindskold

Mit einer Klappe (With one Stone)

von Timothy Zahn

Ein Schiff namens Francis (A Ship called Francis)

von John Ringo & Victor Mitchell

Auf nach Praha (Let's go to Prague)

von John Ringo

Der Fanatiker (Fanatic)

von Eric Flint

Im Dienst des Schwertes (The Service of the Sword)

von David Weber

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

JANE LINDSKOLD

Ins gelobte Land

(Promised Land)

Judith war zwar noch klein gewesen, als das Schiff gekapert wurde, trotzdem konnte sie sich im Nachhinein noch gut an alles erinnern. Explosionen hatte es gegeben, mit schrillem Kreischen war Metall zerrissen, und tückisch hatte die Atemluft gesogen, die durch ein Leck entströmte, bis jemand es mit einem Notflicken abgedichtet hatte.

Gedämpft war er gewesen, der Kampflärm, und in gewisser Weise unwirklich, fern durch den Vakuumanzug, in den sie gewickelt war. Er war ihr zwei Nummern zu groß gewesen, doch einen geeigneteren hatten sie nicht gehabt. Gedämpft war der Lärm gewesen und unwirklich, aber gerettet hatte es das Kind nicht.

Die Wirklichkeit traf Judith später, und zwar mit aller Macht.

Trotz allem, was er durchgestanden, der Zeit und der Energie, die er in seine Ausbildung gesteckt hatte, ins Erzielen von Zensuren, mit denen er seiner Familie keine Schande bereitete: Als seine Kadettenfahrt anstand, musste jemand kalte Füße bekommen haben. Das Gerücht, man werde ihn an Bord eines Schiffes der Systemverteidigung nahe Gryphon einsetzen, hörte Michael Winton zuerst von Todd Liatt, seinem Stubenkameraden.

Todd gehörte zu jenen Menschen, die vor jedem anderen von einer Sache Wind bekommen. Michael hatte Todd oft damit aufgezogen, dass er und nicht Michael derjenige sein sollte, der sich auf das Signalwesen spezialisierte.

»Du bräuchtest nicht einmal ein Comset, Toddy. Die Informationen suchen sich von selbst den Weg in dein Nervensystem. Überleg nur, wie viel Zeit und Ressourcen du dem Sternenkönigreich sparen könntest.«

Todd hatte gelacht und war sogar auf den Scherz eingegangen, aber es stand niemals infrage, welche Laufbahn er einschlagen wollte. Wer einmal ein eigenes Schiff zu befehligen hoffte, wurde vorher tunlichst Taktischer Offizier, und wenn Todd ein Ziel hatte, so lautete es Kommandant zu werden.

»He«, erwiderte Todd dann mit gespieltem Ernst, »ich habe vier ältere Schwestern und drei ältere Brüder. Mein ganzes Leben lang hab ich die Befehle anderer befolgen müssen. Wird doch Zeit, dass ich selber mal an die Reihe komme, findest du nicht?«

Trotzdem wussten sie beide schon von Anfang an, dass ein überwältigendes Verantwortungsgefühl Todds Wunsch motivierte, das Verlangen, das Richtige zu tun. Michael hatte keinen Augenblick bezweifelt, dass Todd das weiße Barett wie angegossen passen würde.

Und er? Michael strebte kein Kommando über ein Schiff an. Nicht einmal die Navylaufbahn hatte er einschlagen wollen, zumindest nicht am Anfang; heute allerdings legte er den gleichen Diensteifer an den Tag wie Todd. Er wusste nur mit Bestimmtheit, dass er niemals ein Schiff befehligen wollte. Michael hätte es Todd gegenüber niemals erwähnt, doch er wusste bereits allzu gut, welchen Preis die Kommandogewalt hatte, um sie sich zu wünschen.

Das Signalwesen hingegen sagte Michael zu: der rasche Fluss der Informationen, die Notwendigkeit abzuwägen und zu beurteilen, zu sortieren und zu vergleichen, all das war ihm so vertraut wie das Atmen. Schon sein ganzes Leben lang spielte er eine Abart dieses Spieles.

Und er verstand sich gut darauf. Sein Gedächtnis war ausgezeichnet. Zeitdruck machte ihm nichts aus – im Gegenteil, unter Druck konnte er sich besser konzentrieren, sah er die Dinge klarer, nahm er Kontraste umso deutlicher wahr. Niemand, der mit ihm eine Übungssimulation durchgemacht hatte, konnte auch nur den geringsten Zweifel hegen, dass er sich seinen Rang bei der Graduierung ehrlich verdient hatte, da war sich Michael ganz sicher.

Auf diesen Rang innerhalb des Jahrgangs war er wirklich stolz. Es ist sehr schwierig, nur nach den eigenen Leistungen beurteilt zu werden, wenn man von solch hoher Geburt ist, dass andere Menschen automatisch annehmen, man könnte gar nicht durchfallen. Gerade aus diesem Grund setzte Michael die Neuigkeit, die Todd ihm gebracht hatte, so sehr zu.

»Was bitte hast du gehört?«, fragte Michael mit Wut in der Stimme.

»Ich habe gehört«, entgegnete Todd steif und unbeeindruckt, »dass man dich auf die Saint Elmo verlegt, die bei Gryphon eingesetzt wird. Offenbar ist BuWeaps auf deine einzigartige Fähigkeit aufmerksam geworden, Informationen zu verarbeiten. Auf der Saint Elmo wird irgendein streng geheimes Ortungsgerät getestet, und für die Erprobung will man die besten Leute haben, die man kriegen kann.«

Michaels Entgegnung war lang, ausführlich und deutete darauf hin, dass er irgendwann in seinem jungen Leben einmal mit Marineinfanteristen zu tun gehabt hatte. Das war richtig; seine Schwester war mit einem früheren Marineoffizier verheiratet, aber Justin Zyrr hatte niemals solche Ausdrücke benutzt, wenn Michael in Hörweite war.

Todd hörte genau zu, und sein Gesicht verriet Erschütterung, in die sich widerwillige Bewunderung mischte.

»Zwo Jahre«, sagte er. »Zwo Jahre teile ich mit dir die Stube, und heute erfahre ich, dass du so fluchen kannst.«

Michael antwortete nicht. Er war zu beschäftigt, verschiedene Kleidungsstücke zusammenzuraffen, offenbar in der Absicht, gleich aus dem Zimmer zu stürmen.

»He, Michael, wo willst du hin?«

»Mit jemandem über meine Versetzung sprechen.«

»Lass das sein! Es ist doch noch nichts Offizielles.«

»Wenn ich warte, bis es offiziell wird«, entgegnete Michael mit belegter Stimme, »dann ist es zu spät. Dann ist es zumindest Insubordination. Jetzt kann ich vielleicht noch etwas unternehmen.«

Todd war zu klug, um ein Gefecht zu führen, das er nicht gewinnen konnte.

»Mit wem willst du reden? Mit Commander Shrake?«

»Nein. Ich rufe Beth an. Wenn sie hinter dieser Abkommandierung steckt, möchte ich wissen, warum sie mir das antut. Falls sie nicht auf ihrem Mist gewachsen ist, dann muss ich es aus ihrem Mund gehört haben, damit es mir niemand weismachen kann. Sobald ich Gewissheit habe, versuch ich’s bei Shrake.«

»Gewarnt sein heißt gewappnet sein«, stimmte Todd ihm zu.

Michael nickte. Seine Ausbildung zum Signaloffizier hatte ihn eines gelehrt: Wenn man eine heikle Angelegenheit besprechen will, sollte man sich eine abhörsichere Leitung suchen.

Wahrscheinlich war das auch dann sehr vernünftig, wenn man die manticoranische Königin persönlich anrufen wollte.

Das Kaperschiff stammte von Masada. Judith war noch zu klein gewesen, um den Unterschied zwischen Piraten und Kaperfahrern zu kennen. Als sie dazu alt genug geworden war, hatte sie zugleich auch begriffen, dass dieser Unterschied für Masadaner, die Graysons überfielen, genauso viel wert war wie ein Kübel Naturdünger.

Ihr Vater war bei der Verteidigung des Schiffes umgekommen. Ihre Mutter war gestorben, als sie versuchte, ihr Kind zu schützen. Judith wünschte sich nichts mehr, als zusammen mit ihren Eltern den Tod gefunden zu haben.

Im Alter von zwölf Standardjahren wurde Judith mit einem Mann verheiratet, der mehr als viermal so alt war wie sie. Ephraim Templeton hatte das masadanische Kaperschiff kommandiert, von dem der graysonitische Kauffahrer überfallen worden war, und er hatte das Mädchen als Teil seiner Beute beansprucht. Das mag ein wenig ungesetzlich erscheinen, doch lebte niemand mehr, der Anklage einreichen konnte, weil Judith entgegen den interstellaren Rechtsvorschriften nicht repatriiert wurde.

Selbst wenn man den Altersunterschied nicht berücksichtigte – Ephraim hatte fünfeinhalb Standardjahrzehnte gesehen –, passten Judith und er in keiner Weise zusammen. War Ephraim untersetzt, so war Judith rank gebaut wie eine Gazelle. Ihr Haar war dunkelbraun und zeigte rotgoldene Lichter, wo die Sonne es geküsst hatte. Ephraim war hellhaarig, und in sein Blond mischte sich immer mehr Silber. Die Augen, die niederzuschlagen Judith schnell lernte, wollte sie nicht für ihre Unverschämtheit verprügelt werden, waren haselnussbraun, und ein lebhaftes Grün mischte sich hinein. Ephraim hatte blassblaue Augen, kalt wie Eis.

Mit dreizehn hatte Judith ihre erste Fehlgeburt. Als sie sechs Monate später einen zweiten Abortus erlitt, legte der Arzt ihrem Ehemann nahe, sie in den nächsten Jahren nicht zu schwängern, es sei denn er wolle, dass ihre Fortpflanzungsorgane dauerhaft Schaden nähmen. Ephraim folgte dem Rat des Arztes, ohne dass er aufhörte, seine Gattenrechte an ihr wahrzunehmen.

Mit sechzehn war Judith wieder schwanger. Als die Tests ergaben, dass das ungeborene Kind ein Mädchen war, ordnete ihr Mann eine Abtreibung an mit der Begründung, er wolle die nutzlose Schlampe, die er seit Jahren ernähre, nicht zwecklos opfern, und was sei zweckloser, als eine Tochter großzuziehen?

Hatte Judith bis dahin Ephraim nur gefürchtet und gehasst, so wandelten sich diese Empfindungen jetzt zu einem derart tiefen Abscheu, dass sie sich wunderte, warum ihr Blick Ephraim nicht auf der Stelle zu Asche verbrannte. Ihr Schweiß hätte ihn verätzen müssen wie Säure, ihr Atem ihn vergiften: So tief hasste sie ihn.

Manche Frau hätte Selbstmord begangen, manche andere einen Mord – was auf Masada für eine Frau einem Selbstmord gleichkam, aber ein wenig befriedigender war, weil sie vor ihrem Tod wenigstens noch etwas bewirkte. Judith ließ beides sein.

Sie besaß ein Geheimnis; ein Geheimnis, an dem sie sich festhielt, wann immer sie sich auf die Lippe biss, um nicht zu weinen, weil ihr Mann sie immer und immer wieder benutzte. Es festigte sie, wenn sie das widerwillig empfundene Mitleid in den Augen ihrer Mitfrauen sah. Es stärkte sie seit dem Moment, in dem ihre tapfere, auf den Decksplatten verblutende Mutter ihr eine letzte Warnung zugeflüstert hatte:

»Verrate ihnen niemals, dass du lesen kannst.«

Die Abkommandierung auf den schwerfälligen Superdreadnought, der nicht einmal das heimatliche Doppelsternsystem des Sternenkönigreichs verlassen würde, war nicht Elizabeths Idee gewesen. Michael war darüber grenzenlos erleichtert. Schon vor dem Tod ihres Vaters hatte Beth ihn ermutigt, sich seinen eigenen Platz zu suchen und seinen Horizont zu erweitern. Sosehr sie die schwere Verantwortung, die sie nach dem Unfalltod des Vaters auf sich genommen hatte, auch belastete, sie hatte immer Zeit für Michael gefunden und sich die Sorgen angehört, die er nicht mit ihrer Mutter, Königinmutter Angelique, besprechen konnte.

Festzustellen, dass Beth sich plötzlich verändert hatte, wäre für Michael einer erneuten Verwaisung gleichgekommen, was in gewisser Hinsicht zwar schlimmer war, aber er hätte es kommen sehen müssen – und ihm war klar, dass eigentlich er auf solch eine Loslösung hinarbeiten sollte, denn er hatte die Königin zu unterstützen, nicht sie ihn.

Nun aber, da er wusste, dass er keine Anordnung der Königin unterminierte, hatte Michael um einen Termin bei der Vertrauensdozentin für das Vierte Jahr gebeten. Ihm war zwar der Gedanke gekommen, dass er sogar einen Termin beim Commandant der Akademie verlangen konnte und ihn ziemlich sicher auch erhalten hätte, doch diese Möglichkeit hatte er rasch verworfen. Die Navy neigte dazu, sich offiziell unnachgiebig zu zeigen, wenn Abstammung und Geburtsprivilegien ins Spiel gebracht wurden. Zwar wurden dennoch im Hintergrund oft Fäden gezogen, doch wer seine Herkunft allzu offensichtlich ausnutzte, konnte damit rechnen, dass es während seiner gesamten späteren Laufbahn immer wieder auf ihn zurückfiel. Besonders Michael hätte sich nur ins eigene Fleisch geschnitten: dem manticoranischen Thronfolger hätte der Commandant eine Audienz gewährt, nicht aber dem Raumkadetten Michael Winton; er aber wollte gerade Mr Midshipman Winton sein, und nicht Kronprinz Michael.

Als er den Termin bei der Vertrauensdozentin viel rascher erhielt, als selbst ein Midshipman des Vierten Jahres erwarten durfte, der zum oberen Viertel seines Jahrgangs zählte, war Michael dennoch nicht so töricht, ihn abzulehnen. Vielmehr traf er pünktlich ein, in makelloser Dienstuniform, an der jeder Knopf so gut glänzte, die Schärpe und jeder Besatz so exakt saßen, wie er es mit Todds Hilfe zuwege gebracht hatte.

Michael salutierte zackig, nachdem man ihn zu der Vorgesetzten vorgelassen hatte. Freilich hatte es Offiziere gegeben, die geargwöhnt hatten, der Kronprinz würde durch mehr oder weniger subtile modische Abwandlungen der Uniform andeuten, dass die gleichen Vorgesetzten, vor denen er heute salutiere, früher vor ihm das Knie gebeugt hätten, doch Michael hatte ihnen nie auch nur Anlass gegeben, ihren Verdacht bestätigt zu sehen. Er wusste in einer Weise, die jemand, der der Krone nicht so nahe stand wie er, niemals nachvollziehen könnte, wie menschlich auch Monarchen sind – wie ein Unfall aus einer Achtzehnjährigen eine Königin machen konnte … und aus einem Dreizehnjährigen einen Kronprinzen.

Michael hatte gern gewusst, wie viele der Offiziere, die von ihm eine Kränkung erwartet hatten, überhaupt begriffen, wie sehr er zu ihnen aufblickte. Sie hatten sich ihren Dienstgrad, ihre Auszeichnungen und Ehrungen verdient. Die lange Liste seiner Titel, die Michael bei offiziellen Anlässen heruntergebetet hörte, hatte nichts mit ihm zu tun sondern nur mit seinem Vater.

Vielleicht begriff Commander Brenda Shrake, die Lady Weatherfell, wie er sich fühlte, denn in ihren blassgrünen Augen stand eine Wärme, die Verständnis verriet, welches man jedoch auf keinen Fall mit Nachsicht oder Lässigkeit verwechseln durfte. Der Titel der Vertrauensdozentin wies sie Michael gegenüber als Inhaberin eines vermögenden Lehens auf Sphinx aus, doch Lady Weatherfell hatte schon vor langer Zeit beschlossen, ihre Berufung in der Navy zu suchen.

Ihre Entscheidung hatte sie auch nicht nach dem Gefecht revidiert, das auf recht spröden Zügen leichte Narben hinterlassen und zwei Finger ihrer rechten Hand verkrüppelt hatte. Vielmehr war Commander Shrake mit der ganzen Weisheit ihrer langen Borderfahrung zur Akademie gewechselt, wo sie zusätzlich zu ihren Verwaltungsaufgaben eine der anspruchsvollsten Vorlesungsreihen über Fusionstechnik hielt.

Commander Shrake war ein hochrangiges Mitglied im Lehrkörper einer Akademie, die für den bevorstehenden Krieg, wie für jeden klar denkenden Menschen erkennbar sein musste, fähige Raumoffiziere auszubilden hatte. Bei Shrakes Aufgaben hatte Nachsicht darum keinen Platz, Mitgefühl hingegen schon.

»Sie wollten mich sprechen, Mr Winton?«

Michael nickte steif.

»Jawohl, Mylady. Es geht um ein Gerücht.«

»Ein Gerücht?«

Plötzlich spürte Michael, wie die Ansprachen, die er seit Todds gestriger Offenbarung einstudiert hatte, ihm in den Händen zerbröckelten und zu Staub zerfielen. Nach einem panikerfüllten Augenblick zwang er sich, neu anzusetzen, und stellte erfreut fest, dass ihm die Worte glatt über die Lippen kamen.

»Jawohl, Mylady. Ein Gerücht über die Abkommandierungen des Vierten Jahrgangs.«

Commander Shrake lächelte. »Ja, mit dem Aufkommen der Gerüchte war ungefähr jetzt zu rechnen. Es ist jedes Jahr das Gleiche, egal wie sehr wir uns bemühen, die Entscheidungen für uns zu behalten.«

Sie fragte nicht, wie Michael davon erfahren hatte, und dafür war Michael sehr dankbar. Todd in Schwierigkeiten zu bringen lag ihm fern, doch er hätte die Vertrauensdozentin des Vierten Jahres nicht belogen.

»Und über wessen Abkommandierung möchten Sie reden?«, fuhr Commander Shrake fort.

»Meine eigene, Mylady.«

»Ja, bitte?«

»Commander, mir ist zu Ohren gekommen, dass ich auf den Superdreadnought Saint Elmo versetzt werden soll.«

Die Vertrauensdozentin tat nicht einmal so, als müsse sie erst ihren Computer zurate ziehen, und dafür respektierte Michael sie umso mehr. Ganz gewiss war über die Angelegenheit gesprochen, vielleicht sogar debattiert worden. Irgendjemand im Mount Royal Palace konnte sogar die Akademie verständigt haben, dass Michael am Vorabend Beth angerufen hatte.

»Das entspricht meinem Kenntnisstand«, entgegnete Commander Shrake. »Wollten Sie das wissen?«

»Jawohl, Mylady, und nein, Mylady. Ich wollte das Gerücht bestätigt haben, Mylady, aber ich …« – Michael holte tief Luft und stieß damit die restlichen Worte aus – »möchte außerdem um eine andere Abkommandierung ersuchen, Ma’am. Eine, bei der ich nicht so nah an der Heimat bin.«

»Verlangt es Sie, mehr von der Galaxis zu sehen, Mr Winton?«, fragte Shrake mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen.

»Jawohl, Mylady«, antwortete Michael, »aber ich bitte nicht deshalb um eine andere Abkommandierung.«

»Sondern aus welchem Grund?«

»Ich möchte …«

Michael stockte. Er war es so oft durchgegangen, dass er mit dem Zählen schon nicht mehr nachkam, und trotzdem fand er keine Möglichkeit, sein Anliegen vorzubringen, ohne dass es in seinen eigenen Ohren wichtigtuerisch klang.

»Commander, ich möchte Raumoffizier werden, und das geht nicht, wenn man mich beschützt.«

Der silbrige Zwillingsbogen zweier hochgezogener Augenbrauen trieb Michael die Röte in die Wangen.

»Ihre Offiziere zu beschützen gehört nicht zu den Gewohnheiten der Navy, Mr Winton«, entgegnete Commander Shrake kühl, und die verstümmelte Hand, die vor ihr auf der Schreibtischplatte ruhte, bezeugte stumm ihre Worte. »Vielmehr ist es die Aufgabe besagter Offiziere, das Sternenkönigreich zu beschützen.«

»Jawohl, Mylady«, sagte Michael, der nicht bereit war aufzugeben, obwohl er das Gefühl hatte, die Karre in den Dreck gefahren zu haben. »Deshalb wäre es nicht richtig, mich im Manticore-System zu behalten. Als Bruder der Königin …«

Wie Ziegelsteine fielen ihm die verwünschten Worte von den Lippen.

»Der Bruder der Königin hat vielleicht ein Anrecht auf Schutz, doch das habe ich mit dem Beitritt zur Akademie aufgegeben. Jetzt, wo ich sie verlasse, sollte mir dieser Anspruch nicht zurückerstattet werden.«

Commander Shrake legte nachdenklich die Finger zusammen.

»Aber das vermuten Sie hinter Ihrer Abkommandierung, Mr Winton?«

»Jawohl, Mylady.«

»Und wenn ich Ihnen nun sagen würde, dass Admiral Hemphill von Ihrer Qualifikation gehört und Sie persönlich angefordert habe?«

»Dann wäre ich erfreut, Mylady, doch das würde andere nicht davon abhalten zu glauben, dass ich besonderen Schutz genieße.«

»Und Ihnen ist es wichtig, was andere Menschen über Sie denken?«

»Ich würde gern sagen, dass es mir gleichgültig sei, Mylady«, antwortete Michael, »aber dann müsste ich lügen. Ich könnte damit leben, wenn es nur um mich ginge. Es wäre nicht das erste Mal. Mir würde aber nicht passen, was einige andere dann vielleicht über die Navy denken.«

»Über die Navy?«

»Jawohl, Mylady. Wenn der Bruder der Königin auf ein Schiff abkommandiert wird, das in keiner sonderlich großen Gefahr schwebt, in ein Gefecht verwickelt zu werden, wie lange dauert es dann, dass einige andere Adlige glauben, ihnen stünde der gleiche Schutz zu?«

Michael hielt inne; er befürchtete, vielleicht über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Die Vertrauensdozentin bedeutete ihm jedoch mit einem Nicken, er möge weiterreden.

»Die Navy benötigt Rekruten, Mylady«, fuhr Michael fort, »aus allen Schichten der Gesellschaft. Ich stelle mir nicht gerne vor, was geschehen wird, wenn sich herumspricht, dass einige Personen offenbar zu wertvoll sind, um sie auf gefährliche Posten abzustellen – daraus würde folgen, dass andere Menschen für entbehrlicher gehalten werden.«

»Mr Winton, gewiss ist Ihnen doch klar, dass es immer so gewesen ist. Offen gesagt, bestimmte Personen sind wertvoller als andere.«

»Jawohl, Mylady, aber sie sind wertvoll, weil sie etwas wissen, weil sie etwas gelernt haben, weil sie zur operativen Ausführung etwas beizutragen haben. Man betrachtet sie aber nicht«, und nun konnte Michael eine Spur von Bitterkeit nicht unterdrücken, »als wertvoll nur durch den Zufall ihrer Geburt.«

»Verstehe«, sagte Commander Shrake nach unbehaglich langem Schweigen. »Ich verstehe, was Sie meinen, und ich glaube, ich kann es nachvollziehen. Worum also ersuchen Sie dann, Mr Winton?«

»Eine durchschnittlichere Abkommandierung als Midshipman, Mylady«. erklärte Michael. »Wenn die Navy jedoch wirklich meint, ich könnte ihr auf einem Superdreadnought in der Umlaufbahn um Gryphon am meisten nutzen, dann werde ich auch dort mein Bestes geben.«

»Aber Sie würden es bevorzugen, auf, sagen wir, einem Schlachtkreuzer zu dienen, der sich mit silesianischen Piraten befasst.«

»Das hielte ich für durchschnittlicher, Mylady«, sagte Michael.

»Verstehe«, wiederholte sie. »Also gut. Sie haben mir Ihren Fall dargelegt. Ich werde darüber nachdenken und die Angelegenheit gegebenenfalls dem Commandant vorlegen. Wäre da sonst noch etwas, Mr Winton?«

»Nein, Mylady. Vielen Dank, dass Sie mich angehört haben, Commander.«

»Wer ein guter Kommandant sein will, sollte lernen zuzuhören«, entgegnete Shrake und klang, als wäre sie gerade in den Vorlesungssaal zurückgekehrt. »Wenn das alles wäre, Mr Winton, können Sie wegtreten.«

Grayson und Masada teilten gegenüber Frauen gewisse Positionen, was nicht sonderlich überraschte, da die Masadaner ursprünglich zur graysonitischen Kolonie gehört hatten. Beide Gesellschaften verweigerten Frauen das Recht zu wählen oder Eigentum zu besitzen. Beide betrachteten die Frau als dem Manne unterlegen und sahen ihre Rolle im Haushalt und in der Versorgung des Ehemanns. Auf den Punkt gebracht, behandelten beide Gesellschaften Frauen wie Eigentum.

Eigentum kann aber geschätzt und wertvoll sein. Für die Graysons waren ihre Frauen Schmuckstücke. Sie verweigerten ihnen zahlreiche Rechte und Privilegien, waren zugleich aber verpflichtet, sie zu lieben und zu schützen. Dieser Schutz mochte erstickend und von Zwang geprägt sein, aber zumindest schadete er nicht.

Die Masadaner jedoch hatten nach ihrem Aufbruch von Grayson begonnen, Frauen in einem anderen Licht zu betrachten. Da eine Frau den Versuch der Wahren Gläubigen, wie sie sich nannten, die Kontrolle über Grayson zu erlangen, vereitelt hatte – so wie Gottes Plan für den Mann von Eva zunichte gemacht worden war –, sahen die Masadaner Frauen als lebendige Verkörperungen der Sünde und des Leides. Kaum etwas, das man solch einer Kreatur antun konnte, wurde als überzogen betrachtet. Vielmehr kam eine Frau ihrer Erlösung näher, indem sie klaglos hinnahm, was man ihr zufügte.

Auf Grayson behandelte kein Mann eine Frau schlecht, weil sie wertvoll war. Auf Masada konnte theoretisch jeder Mann jede Frau so schwer misshandeln, wie er wünschte. Die meisten von ihnen waren jedoch so klug, dieses Recht gegenüber den Frauen eines anderen Mannes nicht auszuüben, weil sie wussten, dass sie damit nur die Vergeltung mit Gleichem herausforderten. Der Eigentümer konnte indes seine Frauen missbrauchen, wie immer es ihm zur Wahrung der Heiligkeit und Ordnung in seinem Haus erforderlich erschien. Die meisten taten es.

Auf Masada hielt man es für überflüssig, Frauen auszubilden. Auf Grayson war Frauen die höhere Schule zwar versagt, doch einfaches Lesen, Schreiben und Rechnen wurde ihnen durchaus beigebracht. Es ging nicht anders, denn die Frauen mussten im Rahmen ihrer täglichen Arbeit mit der Haustechnik umgehen können, die Graysons feindliche Umwelt unverzichtbar machte.

Auf dem lebensfreundlicheren Planeten Masada erübrigte sich diese Notwendigkeit, und kein guter masadanischer Patriarch verschwendete Ausbildung auf ein weibliches Wesen. Judiths Eltern indessen, Abkömmlinge einer Händlerfamilie mit Verbindungen außerhalb des Jelzin-Systems, hatten schon sehr früh mit der Erziehung ihrer Tochter begonnen. Aus mehreren Gründen hatten sie beschlossen, sie über das auf Grayson übliche Maß hinaus auszubilden. Zum einen wollten sie in den Augen ihrer Geschäftspartner nicht als rückständig dastehen, zum anderen waren sie gute, gottesfürchtige Menschen, die nicht einsahen, weshalb es schaden sollte, wenn ihre Tochter Gottes Wunder und Mysterien auch intellektuell und nicht nur mit dem blinden Gehorsam des Glaubens zu würdigen wusste.

Außerdem hatten auch praktische Überlegungen eine Rolle gespielt. Wenngleich die guten Sitten verlangten, ein Mädchen nicht den neugierigen Blicken Fremder preiszugeben, so hieß das noch lange nicht, dass es nutzlos sein musste. Ein Mädchen, das zu lesen, zu schreiben und zu rechnen vermochte, konnte im Geschäft aushelfen. Als Judiths Eltern entdeckten, dass ihre Tochter eine geradezu übernatürliche Begabung für mathematische und logische Zusammenhänge besaß, taten sie nichts lieber, als ihr Rätsel aufzugeben und Spiele zu schenken, die diese Begabung weiter förderten.

Judiths Mutter war sich – vielleicht im Gegensatz zu ihrem Vater – jedoch auch über die Gefahr im Klaren gewesen, in die dieses Können ihr Kind brachte, als die Masadaner das Schiff kaperten. Trotz ihres zarten Alters hatte Judith die Warnung ihrer Mutter sehr wohl verstanden. Sie war bereits angehalten gewesen, auch Graysons gegenüber zu verbergen, wie viel sie tatsächlich wusste. Als Judith älter wurde, hatte sie sogar ihren eigenen Eltern verheimlicht, was sie alles beherrschte, weil sie befürchtet hatte, dass sie ihre Ausbildung als abgeschlossen betrachten könnten.

Diese gewohnheitsmäßige Geheimhaltung und das Wissen, das sie dahinter verbarg, waren der Grund, weshalb sich Judith nicht selbst tötete oder den Mann umbrachte, der sich ihr Gatte, Herr und Meister nannte. Sie plante etwas anderes. Etwas, womit sie Ephraim Templeton erheblich schwerer verletzen würde.

Schon in den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft hatte Judith begonnen, ihre Rache vorzubereiten, und nach ihrer Heirat setzte sie ihre Bemühungen fort. Als Ephraim mit seinen Versuchen begann, Vater ihrer Kinder zu werden, konzentrierte sie sich umso intensiver auf ihr Vorhaben. Sie hoffte, ihren Plan in die Tat umsetzen zu können, bevor er sie durch ihre Kinder endgültig an Masada band. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass diese kleinen Leben ihr etwas bedeuten würden, selbst jene, die nie geboren wurden.

An dem Tag, an dem Judith erfuhr, dass ein Mädchen in ihr wuchs – ein Mädchen, das Ephraim nicht leben lassen würde –, wusste sie, dass ihr keine andere Wahl blieb, als zur Tat zu schreiten.

Selbst dann, das wusste sie, war es unwahrscheinlich, dass sie dieses Baby retten konnte. Sie hoffte, das Nächste am Leben halten zu können.

»Ich sehe einfach keine Möglichkeit, wie wir ihm vormachen sollen, wir hätten vergessen, dass die Königin seine Schwester ist«, sagte Lieutenant Junior-Grade Carlotta Dunsinane, 2. Taktischer Offizier an Bord Ihrer Majestät Leichtem Kreuzer Intransigent.

»Carlie, ein Riesenhaufen von Ausbildern und Klassenkameraden auf Saganami Island haben ihm das die letzten dreieinhalb Jahre vormachen können«, entgegnete Commander Abelard Boniece, der Kommandant der Intransigent. »Jetzt sind wir an der Reihe.«

»Aber trotzdem …«

Lieutenant Dunsinane ließ ihre Stimme verebben. Ihr Tonfall machte deutlich, was sie unausgesprochen ließ: dass der junge Mann, dessen Dienstakte auf dem Bildschirm leuchtete, in der Thronfolge des Sternenkönigreichs von Manticore an erster Stelle stand. Gewiss, Königin Elisabeth III. war verheiratet, und ihr Erstgeborener würde ihn, wenn die Zeit reif war, gewiss als Thronerbe ersetzen, doch seit neun Jahren war ihr Bruder der Kronprinz. Seine gesellschaftliche und politische Stellung ließen sich so leicht nicht übersehen.

Dazu kam die Unbehagen weckende Ähnlichkeit zwischen Michael Winton und seinem Vater, dem geliebten König Roger III., der viel zu früh verstorben war, Opfer eines unglückseligen Unfalls mit einem Gravo-Ski; er hatte ein trauerndes Sternenkönigreich hinterlassen, und Elizabeth und ihr Bruder waren in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.

Elizabeth, die nur noch wenige Jahre von der Volljährigkeit getrennt hatten, war bereits ein wenig mit dieser Aufmerksamkeit vertraut gemacht worden. Der dreizehnjährige Michael hingegen hatte sich noch in einem Alter befunden, in dem ihn die traditionell gewährte Schonung noch vor dem gierigen Auge der Reporter schützte, und war kaum vorbereitet gewesen.

Die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn fiel trotz Prinz Michaels Jugend ins Auge, und sie machte längst nicht Halt beim scharf geschnittenen Winton-Gesicht mit der auffallend dunklen Haut. Es war auch die Art und Weise, wie der junge Mann das Kinn hob, wie er den Kopf gerade und straff auf den Schultern hielt, wie er sich der Myriaden Blicke nicht bewusst zu sein schien, die in seine Richtung zuckten und dann höflich wieder abgewandt wurden – eine Unbewusstheit, die niemals grob oder abweisend wirkte, sondern immer nur unbewusst.

Um Prinz Michael – Midshipman Winton – gerecht zu werden, rief sich Carlie mit der grimmigen Entschlossenheit eines Menschen ins Gedächtnis, der überzeugt ist, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis man etwas vermassele, dass ihre Unsicherheit nur zum Teil mit Michael Winton zu tun habe. Die Dienstakte des Midshipman lieferte keinerlei Hinweis, dass er Privilegien erwartete oder dass sie ihm je eingeräumt worden wären, doch ganz konnte Lieutenant Carlotta Dunsinane es nicht glauben, und deshalb wappnete sie sich innerlich gegen Schwierigkeiten.

Um die Sache noch schlimmer zu machen, war die Kadettenkammer der Intransigent bis zum Bersten voll – und plötzlich begriff Carlie zynisch auch den Grund, warum eine Reihe der Midshipmen, die unter ihrer Aufsicht standen, in aller Eile ausgetauscht worden waren. Ohne Zweifel gab es Personen, die in der Position waren, schon im Voraus von Mr Wintons neuer Abkommandierung zu erfahren, und es als vorteilhaft ansahen, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter die Kadettenfahrt zusammen mit dem Kronprinzen abdiente, ein Vorteil, den man sich nicht durch etwas so Triviales wie einer plötzlichen Änderung der Abkommandierung abspenstig machen lassen wollte.

Als Aufseherin über die Kadettenkammer der Intransigent erhielt Lieutenant Dunsinane Druck von unterschiedlichen Seiten. Sie hatte ihre Schützlinge zu hüten und anzuleiten, doch zugleich hatte sie Anlagen in ihnen auszumerzen, die ausgemerzt werden mussten. Das war immer eine schwierige Aufgabe, und sie wurde bei einer Kadettenkammer, die mit Sprösslingen hochrangiger, privilegierter Familien voll gestopft war, nicht gerade leichter.

Der 2TO war sich durchaus bewusst, dass die RMN dringend gute Raumoffiziere brauchte – mit dem Schwerpunkt auf dem Wörtchen ›gut‹ –, doch gleichzeitig vertraten einige Leute die Ansicht, dass bei einer so stark beanspruchten Flotte jeder Offizier ein guter Offizier sei. Carlie wusste darum, dass es unter den Vorgesetzten einige gab, die es ihr verübeln würden, wenn sie jetzt noch Kadetten als ungeeignet aussonderte, die sich immerhin bereits dreieinhalb Jahre auf der Akademie geschunden hatten – ganz davon zu schweigen, das man ihr vorwerfen würde, sie hätte das Geld verschwendet, dass in die Ausbildung dieser Offiziersanwärter investiert worden war.

Und wenn zu denen, deren Ausbildung sie als unzureichend einstufte, ein gewisser sorgfältig beobachteter, im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehender Prinz Michael Winton gehörte, dann bekäme sie wirklich Arger – doch man würde ihr auch Vorhaltungen machen, wenn Midshipman Winton seine Kadettenfahrt hinter sich brachte, ohne sich bewiesen zu haben.

Carlie schluckte den Impuls herunter, hier und jetzt den Dienst zu quittieren.

»Mr Winton wird sich erst in einigen Tagen bei Ihnen melden, Sie haben also Zeit, sich vorzubereiten«, fuhr Commander Boniece fort. »Darf ich Ihnen meinen Rat anbieten?«

»Ich wäre Ihnen für jeden Rat sehr dankbar, Sir.«

»Geben Sie dem jungen Mann eine Chance, sich zu beweisen, bevor Sie ihn verurteilen.«

»Ich werde mein Bestes tun, Sir.«

Carlie Dunsinane meinte es ernst. Sie wusste jedoch auch, wie schwierig es sein würde, Wort zu halten.

Als sie ging, kam Tab Tilson, der Signaloffizier, mit den neuesten Depeschen herein. Bevor die Luke sich hinter ihm schloss, hörte sie ihn sagen:

»Noch mehr Änderungen, Sir, fürchte ich.«

Die Tür fuhr zu, bevor Carlie hörte, von welchen Änderungen der Signaloffizier sprach, aber sie hoffte inbrünstig, dass sie nichts mit ihrer schon übermäßig komplizierten Kadettenkammer zu tun hätten.

Ephraim Templeton regierte seinen Haushalt mit eiserner Hand – oder präziser, mit einer sehr biegsamen Peitsche und dem Willen, sie zu benutzen. Seine Einschätzung, in welchem Ausmaß er sein Haus beherrschte, beruhte indessen auf bestimmten Annahmen, die er als gegeben voraussetzte.

Keine von Ephraims Frauen konnte lesen. Aus diesem Grund wurde kein Versuch unternommen, die Bibliothek vor ihnen abzusichern. Keine seiner Frauen konnte mit einem Computer umgehen, sah man von dem Aktivieren der einfachen Bildsymbole für regelmäßige Haushaltsaufgaben ab. Ganz gewiss verstand sich keine von ihnen auf etwas derart Kompliziertes wie Programmierung.

Judith jedoch konnte lesen. Sie war schon mit den komplizierteren Computersystemen der Graysons vertraut gewesen, und ihre Eltern hatten ihr die Grundlagen des Programmierens beigebracht. Diese Fertigkeit hatte es Judith im Verein mit dem problemlosen Zugriff auf die Datenbanken von Ephraims Haus ermöglicht, ihre Ausbildung fortzusetzen.

Die Warnung ihrer sterbenden Mutter hatte ihr auch den Weg gewiesen, auf dem sie die Freiheit zurückerlangen konnte. Wenn die Masadaner nicht wollten, dass sie irgendetwas wusste, dann würde sie danach streben, alles zu erfahren – und vor ihnen geheim halten, wie viel Wissen sie erlangte.

Judiths Schutzprogramme hätten einer sorgfältigen Sicherheitsüberprüfung nicht standgehalten, doch niemand stellt Mausefallen auf, wo es keine Mäuse geben kann. Judith hatte noch einen weiteren Vorteil: Sie war nicht die Lieblingsfrau ihres Mannes. In vielerlei Hinsicht war sie sogar die am wenigsten beliebte, und Ephraim trennte sich nur deswegen nicht von ihr, weil sie zu seiner Beute gehörte.

Seinesgleichen, die die Graysons mit unbeirrbarem Fanatismus hassten, präsentierte er Judith als eine Seele, die ihre Sünden abbüßte, ein Gefäß, aus deren Schoß diejenigen kommen würden, die eines Tages den Untergang ihrer eigenen Vorfahren herbeiführen sollten. Darum nahm Ephraim sie oft mit, wenn seine Pflichten ihn in die Fremde führten. Sie war eine Trophäe: der lebende, atmende Beweis, dass der masadanische Kampf zur Eroberung Graysons nicht vergeblich sein würde.

Anfangs, als sie erst zwölf gewesen war, hatte Judith diese Reisen verabscheut. Sie zwangen ihr häufige Intimkontakte mit ihrem Gatten auf, denn Ephraim nahm keine anderen Frauen mit. Nachdem Judith jedoch entdeckt hatte, dass sie während dieser Reisen an Bord des Aronsstab völlig unbeobachtet war – denn der eifersüchtige Ephraim schloss sie in der Kapitänskajüte ein, damit sie keine unheilige Lust bei seiner Besatzung weckte –, machte sie sich ihre Abgeschiedenheit zunutze.

In das Computersystem des Schiffes einzudringen, war die erste Herausforderung an Judith gewesen, doch ihre Ausbildung an den fortschrittlicheren graysonitischen Rechnern hatte sie mit dem nötigen Rüstzeug versorgt. Nachdem sie einmal Zugang zum Computer des Aronsstab erlangt und die Sicherheitsprogramme platziert hatte, stürzte sich Judith in die Freuden des verbotenen Wissens.

Während sie eigentlich beten oder Bibelstellen auswendig lernen sollte, machte sich Judith mit den Schiffsanlagen vertraut. Sie begann mit den Grundlagen des Lebenserhaltungssystems, der Maschinen und der Signalgeräte, dann bewegte sie sich in die schwieriger zu durchschauenden Gefilde der Waffensysteme und der Astrogation. Später, als sie vierzehn geworden war, befasste sie sich mit den Grundlagen der Raumtaktik.

Ohne dass Ephraim es ahnte, war seine jüngste Frau im Alter von fünfzehn Jahren zumindest in der Theorie so gut ausgebildet wie irgendein Mitglied seiner Besatzung. Stattdessen hielt er sie für geistig zurückgeblieben, denn es war kaum zu fassen, wie schlecht es ihr gelang, sich die Bibelstellen zu merken, die er ihr heraussuchte – und das, obwohl er ihr zum Ansporn bei Versagen schwere Prügel androhte.

Doch Ephraim hatte keine Zeit sich mit der intellektuellen Unzulänglichkeit einer Frau zu befassen, die zur Erfüllung der ihr zugedachten Aufgabe schließlich auch kein Geistesriese zu sein brauchte. Wie damals, als der Aronsstab das Handelsschiff eroberte, das Judith und ihre Eltern beförderte, betätigte sich Ephraim weiterhin als masadanischer Kaperfahrer.

Ephraim suchte sich die Schiffe, die er überfiel, sehr sorgfältig aus. Meist gab er sich damit zufrieden, sich als bewaffnetes Frachtschiff auszugeben, und beförderte zu diesem Zweck auch tatsächlich legale Ladungen. Die Raketenwerfer und Laserbatterien, die zu seinem Schiff gehörten, konnten indessen zu anderen Zwecken als der Selbstverteidigung benutzt werden, und wenn die Lage günstig erschien, fielen unbewaffnete Kauffahrer der Kampfkraft des Aronsstab zum Opfer.

Judith nahm an diesen Gefechten selbstverständlich nicht Teil. Wenn der Aronsstab zum Angriff überging, wurde sie in der Kapitänskajüte eingeschlossen. Ephraim maß ihr immerhin so viel Wert zu, dass er ihr einen Vakuumanzug zur Verfügung stellte, der sie bei einem Druckverlust vor dem Tod bewahren sollte, doch war dieser Anzug eine unsichere Zuflucht. Ephraim wollte um jeden Preis verhindern, dass Judith einem anderen Mann in die Hände fiel, und hatte ihren Anzug daher mit einer Art Totmannschaltung versehen, die dafür sorgte, dass im Falle von Ephraims Tod auch Judith starb – und sogar dann, wenn er die Lage als hoffnungslos ansah.

Ephraim ahnte allerdings nicht, dass Judith über die Schaltung Bescheid wusste und sie längst funktionsuntüchtig gemacht, aber so weit intakt gelassen hatte, dass die Manipulation bei einer Routineprüfung nicht entdeckt wurde. Sie wiederum prüfte den Anzug jedes Mal, wenn sie ihn anlegte, doch eigentlich beruhigte sie die Gewissheit, dass der Anzug ihr nur ausgehändigt wurde, wenn die Lage ernst wurde, und dann waren die Kaper zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um mehr zu tun, als die Skalen abzulesen.

So kam es, dass Judith die Aufenthalte an Bord des Schiffes herbeisehnte.

Als ihre Selbstsicherheit wuchs, beschränkte Judith ihre Ausbildung in Schiffsanlagen nicht mehr auf die Zeit an Bord des Aronsstab. Ephraim hatte für seine Söhne Übungssimulationssoftware angeschafft. Sowohl der Preis der Software als auch der VR-Geräte für äußerst realistische Übungen überstieg alles, was Ephraim in seinem besonnenen Geiz gewöhnlich zu zahlen bereit war. Er träumte jedoch davon, eines Tages eine Kaperflotte zu befehligen, in der ihm seine Söhne als Kapitäne dienten. Die Taten dieser Flotte sollten den Namen Templeton auf ganz Masada berühmt machen und der Familie einen Platz in der ersten Angriffswelle verschaffen, wenn endlich der Tag kam, den entscheidenden Schlag gegen die Häretiker von Grayson zu landen.

Die vierzehnjährige Judith entdeckte die günstigsten Zeiten, ein VR-Gerät aus den Schränken zu nehmen. Im Gegensatz zu ihren Stiefsöhnen, die sich in Schlachtszenarien ergingen, konzentrierte sich Judith auf die langweiligen Programme: ein Schiff steuern. Die Hypertransition vorbereiten und sich an die Übelkeit nach der Transition gewöhnen. Astrogationskoordinaten verstehen und überprüfen. Die Umgebung nach Signalquellen absuchen.

Unter sorgfältiger Geheimhaltung zwang sich Judith zu lernen, wie sie die vorprogrammierten Routinen optimal nutzte, die im Notfall die wichtigsten Stationen steuerten, denn sie wusste, dass sie das Schiff ohne Besatzung führen musste, wenn es so weit war.

Judith arbeitete sich gerade durch ein besonders kompliziertes Szenario, in dem sie die Folgen eines Energieverlustes nach der Rücktransition in den Normalraum bewältigen musste, als ihr die VR-Maske vom Gesicht gerissen wurde.

»Was machst du denn da?«, fauchte Ephraims älteste Frau sie an.

Wie jeder aus seiner Abschlussklasse erhielt auch Michael Winton Gelegenheit, seine Familie zu besuchen, bevor er sich an Bord seines Schiffes meldete. Es tat ihm wohl, wieder zu Hause zu sein, auch wenn ihm seine Zimmerflucht im Mount Royal Palace unnötig geräumig vorkam und ohne Todds überschwängliche und sprunghafte Gesellschaft recht leer.

Leer war sie allerdings nur, bis Beths Sohn Roger in die Räume wirbelte. Roger war drei T-Jahre alt und hatte alle Energie und Neugier, die man einem Kind für dieses entzückende Alter, in dem ein Kleinkind sich eindeutig zu einem kleinen Jungen entwickelt, nur wünschen kann.

Wenn Roger seinen sechsten manticoranischen Geburtstag erreichte – an dem er nach Standardzeitrechnung knapp über zehn Jahre alt wäre –, würde man ihn einer ausgiebigen Reihe von körperlichen und geistigen Prüfungen unterziehen, die sicherstellen sollten, dass er geeignet war, der nächste König zu werden. Bis dahin würde Michael den Titel des Kronprinzen führen und wäre in der Thronfolge der Nächste. Wenn er an seine damaligen Tests zurückdachte, so hatte er keinerlei Zweifel, dass Roger die Minimalanforderungen ohne weiteres übertreffen würde.

Noch sieben Jahre, dachte Michael ohne die geringste Spur von Bedauern. Dann kann ich endlich wieder der ganz gewöhnliche Prinz Michael sein – und wenn Beth bis dahin noch ein oder zwo Kinder hat, stehe ich in der Thronfolge so weit hinten, dass es mir geht wie Tante Caitrin: Dann bin ich bloß noch ein überflüssiger Adliger.

Bei dem Gedanken musste er grinsen, während er einen entzückt quietschenden Roger immer wieder im Kreise herumschwang. Vermutlich gab es niemanden, der weniger überflüssig war als die Herzogin von Winton-Henke, die jüngere Schwester seines toten Vaters, aber er bezweifelte nicht, dass sie diesen Scherz genauso sehr zu schätzen gewusst hätte wie er.

Alles in allem hatte Michael nichts einzuwenden gegen den Luxus, endlich wieder auszuschlafen und dass jemand ihm das Bett machte, oder die Gelegenheit, einmal etwas anderes zu tragen als seine Uniform. Das Sternenkönigreich hielt nicht gerade den Atem an, weil der Kronprinz von der Flottenakademie nach Hause gekommen war, doch Beth fand Entschuldigungen, bei mehreren offiziellen Anlässen nicht zu erscheinen, um den einen oder anderen ruhigen Abend mit ihrem Bruder zu verbringen.

Selbst wenn sich Beth nicht freimachen konnte, stünde eventuell Königinmutter Angelique zur Verfügung, und Roger spielte immer gern mit ihm. Ein paar Tage lang konnte Michael beinahe vergessen, dass seine Familie sich sehr von jeder anderen unterschied.

Eines Abends, als Justin es übernahm, Klein-Roger ins Bett zu bringen, saßen Bruder und Schwester beisammen und spielten Schach. Einziger Zuschauer war Beths Baumkater Ariel, der sich schläfrig auf dem Schoß der Königin ausbreitete. Zu Michaels völliger Überraschung streckte Beth einen langen Finger aus und gestand ihm den Sieg zu, indem sie ihren König umlegte.

»Ich habe dir nicht einmal Schach geboten!«, widersprach Michael.

»Du hättest in zwei Zügen sowieso gewonnen«, entgegnete Beth, »und ich muss etwas mit dir besprechen.«

Michael bemerkte einen eigenartigen Unterton in der Stimme seiner Schwester, eine kaum unterdrückte Anspannung, die ihn warnte, dass die Königin ihm Dinge anzuvertrauen gedachte, bei denen zumindest einigen ihrer Berater wohler wäre, wenn Beth sie ihm verschwieg – und sie sorgte sich, dass sie die Situation richtiger einschätzen könnten als sie selbst.

Michael behielt seine Beobachtung für sich. Er sammelte die Schachfiguren ein und legte sie nacheinander in die mit Samt ausgekleideten Fächer ihres Kästchens aus poliertem Holz.

Nach einigen Augenblicken fuhr Beth fort: »Ich weiß, wohin die Intransigent wirklich fährt.«

Michael blickte sie mit hochgezogener Braue an. Er hatte gehört, dass sein neues Schiff, der Leichte Kreuzer Intransigent, nach Silesia beordert würde. Den Zielsektor kannte er nicht, doch er ging davon aus, dass das Schiff eine der üblichen Patrouillenfahrten zur Piratenabwehr unternahm. Aber wenn es wirklich so war, warum blickte Beth dann so nachdenklich drein?

»Sei kein Ekel«, drängte Michael, als sie schwieg. »Spuck’s aus.«

Beth lächelte über seinen neckenden Ton.

»Die Intransigent fährt nicht nach Silesia«, sagte sie, »jedenfalls nicht gleich. Sie wird abgestellt, um einer diplomatischen Delegation neue Befehle und ihre Ablösung zu bringen. Die Delegation verhandelt mit der Regierung des Endicott-Systems.«

Michael war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. »Endicott?«, vergewisserte er sich.

Beth nickte. Sie nahm einige Schachfiguren aus ihren Samtfächern und baute auf dem Spielbrett, das noch zwischen ihnen auf dem Tisch lag, eine provisorische Sternenkarte auf.

»Die Königin hier«, sagte sie und stellte die geschnitzte Ebenholzfigur ganz an den Rand, »ist das Sternenkönigreich. Das hier«, und sie setzte den weißen König an das gegenüberliegende Ende, »ist die Volksrepublik Haven.«

»Die würden es nicht gern sehen, dass du einen König benutzt«, zog Michael sie auf. »Das ist eine Republik, keine dekadente, kopflastige Monarchie wie wir.«

Beth grinste, aber sie tauschte die Figur nicht aus. Stattdessen beschrieb sie unsichtbare Kreise um jede Figur, die Einflusssphären der beiden Sternnationen. Das Volumen, das von der schwarzen Königin beherrscht wurde, war erheblich kleiner als das Gebiet des weißen Königs.

»Zwischen unseren nicht sonderlich einträchtigen Hoheitsräumen«, fuhr Beth fort, »liegt ein gewisses Volumen an interstellarem Raum, das weder von uns noch von den Havies beansprucht wird. Im Gegensatz zur Volksrepublik vertritt das Sternenkönigreich von Manticore keine Politik des erzwungenen Anschlusses.«

Die Königin sprach leichthin, doch lag Stahl unter ihren Worten, Stahl, geschmiedet und gehärtet bei zahlreichen Schlachten auf dem politischen Parkett gegen jene von Beths Untertanen, die der Ansicht waren, dass wie schon ihr Vater auch Elisabeth III. dem Sternenkönigreich ein wenig zu beflissen Verbindlichkeiten außerhalb des eigenen Sonnensystems aufbürde. Der Konflikt hatte sich mit der Annexion des Basilisk-Systems im Jahr von Elizabeth Wintons Geburt zugespitzt, und obwohl nun mehr als zwanzig Jahre verstrichen waren und die Volksrepublik unverhohlen als Eroberer auftrat, verstummten die Argumente, die gegen die Beibehaltung des Basilisk-Systems angeführt wurden, noch immer nicht im Geringsten.

Was Michael betraf, so hatte ihn sein Studium an der Flottenakademie nur in seiner Überzeugung bestärken können, dass die Krone die einzig vernünftige Politik verfolgte. Das Wort ›Sternenkönigreich‹ erweckte vielleicht den Anschein von Grandeur, doch wenn man auf die Fakten blickte, so hatte das Sternenkönigreich vor der Annexion des Basilisk-Systems nur einen einzigen kleinen Doppelstern umfasst.

Gewiss, das Manticore-System war mit drei bewohnbaren Planeten gesegnet. Gewiss, es besaß einen Wurmlochknoten, um den es alle Nachbarn beneideten und der den Kern seines profitablen Handelsimperiums bildete. Doch unumstößlich stand fest, dass ein Heimatsystem plus ein zweites, weitaus ärmeres angesichts des gewaltigen Raumgebiets, über das die Volksrepublik Haven herrschte, nur ein sehr kleines Empire darstellte.

Beth stellte nun zwei Läufer auf das Brett – amüsiert registrierte Michael, dass einer schwarz und der andere weiß war –, sodass sie eng beieinander zwischen den beiden Einflusssphären standen.

»Zwischen den Havies und uns«, fuhr sie fort, »liegen eine Reihe neutraler Sternnationen. Im Augenblick konzentriert sich die manticoranische Diplomatie auf zwei davon – die einzigen bewohnten Welten in einem zwanzig Lichtjahre durchmessenden Raumgebiet, das sehr günstig auf halbem Wege liegt. Eine« – sie berührte den schwarzen Läufer – »befindet sich im System von Jelzins Stern, die andere im Endicott-System.«

»Die Graysons«, warf Michael ein klein wenig angeberisch ein, »und die Masadaner.«

Elizabeth zog eindeutig beeindruckt eine Braue hoch.

»Nicht schlecht. Da hast du an der Akademie wohl doch was gelernt.«

»Reines Glück«, entgegnete Michael bescheiden. »Zufällig musste ich für Geschichte eine Hausarbeit über das Gebiet schreiben. Wusstest du, dass beide Systeme lange vor Manticore besiedelt worden sind?«

Elizabeth nickte, und ein verschlagenes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht.

»›Zufällig musste ich eine Hausarbeit darüber schreiben‹«, dachte sie laut. »Tja, jeder, der ein bisschen um die Ecke denkt, würde jetzt annehmen, dass du vorhergesehen hast, wie das Sternenkönigreich reagieren müsste, wenn die Havies weiterhin unsere Grenze bedrohen. Dad wäre beeindruckt gewesen.«

Michael war recht zufrieden mit sich – und nicht zum ersten Mal froh, dass seine dunkle Haut sein Erröten verbarg. Damit Beth seine Verlegenheit nicht bemerkte, sprach er rasch weiter.

»Ich weiß sogar«, sagte er, »warum du die Systeme auf deinem taktischen Display mit Läufern – mit ›Bischöfen1‹ – gekennzeichnet hast. Sowohl Masada als auch Grayson sind Theokratien, die eine fast so verrückt wie die andere.«

»Fast?«

Michael zuckte mit den Schultern.

»Die Wahren Gläubigen von Masada sind eine Splittergruppe der eigentlichen Grayson-Kolonie. Wenn ich mich zwischen ihnen entscheiden müsste, würde ich die Original-Graysons nehmen. Sie sind in einigen ihrer gesellschaftlichen Bräuche zwar unfassbar rückständig, aber immer noch ein bisschen toleranter als die Masadaner. Technisch sind sie übrigens auch etwas weiter.«

Elizabeth nickte. »Ich bin ganz deiner Meinung. Allerdings sind sich nicht alle meine Berater so sicher, dass ein Bündnis mit Grayson einer Allianz mit Masada vorzuziehen ist. Sie weisen darauf hin, dass Masada weitaus bessere Lebensbedingungen bietet als Grayson. Die technische Schwäche der Masadaner betrachten sie als unseren großen Pluspunkt. Wir müssten uns nicht nur keine Gedanken machen, dass unser Verbündeter irgendwann aufmüpfig wird, die Masadaner würden sich für uns überschlagen und durch den brennenden Reifen springen, um die technische Entwicklungshilfe zu bekommen, die wir ihnen bieten können.«

Michael schüttelte den Kopf.

»Ich wünschte, ich könnte das glauben«, sagte er, »aber wenn ich mich an meine Recherchen richtig erinnere, dann waren die Masadaner bereit, Grayson zu zerstören, als sie den Planeten nicht erobern konnten. Auch nachdem sie aus dem Jelzin-System verstoßen worden waren, kehrten sie immer wieder zurück und versuchten Grayson im Handstreich zu nehmen. Das klingt mir überhaupt nicht wie ein Volk, das bereit wäre, sich für andere zu überschlagen.«

Beth nickte. »Und auch da stimme ich dir zu. Nur sind leider nicht alle meine Berater so zugänglich, und, mögen die meisten meiner Untertanen auch etwas anderes glauben, es sind nicht meine Launen, von denen das Sternenkönigreich regiert wird. Um die Dinge noch komplizierter zu machen, wird es vermutlich noch Jahre dauern, bis wir uns für die eine oder andere Seite entscheiden müssen. Teufel, es ist längst nicht jeder von der Unausweichlichkeit des Krieges gegen die Volksrepublik überzeugt. Fürs Erste werden wir daher lediglich Informationen sammeln und versuchen, so viel wie möglich über die Masadaner und die Graysons herauszubringen, während wir uns im Gegenzug ihnen präsentieren – und sie über die Havies ins Bild setzen.«

»Und wenn ein Teil dieser Lernerfahrung«, sagte Michael begreifend, »ein manticoranischer Leichter Kreuzer ist, der als diplomatisches Dienstfahrzeug durchs System fegt, dann umso besser.«

»Du triffst den Nagel auf den Kopf«, sagte Beth. »Und bevor du dich wunderst, es ist kein reiner Zufall, dass ausgerechnet die Intransigent als Diplomatenschiff ausgesucht worden ist. Offenbar sind sowohl die Masadaner als auch die Graysons frauenfeindlich. Einer der Knackpunkte bei unseren Verhandlungen mit beiden Planeten ist der Umstand, dass nicht nur in unseren Streitkräften Frauen dienen, sondern dass unser ›Königreich‹ eigentlich ein ›Königinreich‹ ist.«

Wenn Michael nicht bereits von dieser gesellschaftlichen Eigenart gewusst hätte, so würde er geglaubt haben, dass Beth ihn auf den Arm nehmen wollte, doch ihm war sehr genau bekannt, inwieweit sowohl die Graysons als auch die Masadaner sich durch bestimmte Elemente ihrer religiösen Überlieferung Scheuklappen anlegten.

»Die Graysons zeigen gewisse Anzeichen, dass sie in dieser Hinsicht aufzutauen bereit sind«, fuhr Beth fort, »die Masadaner kategorisch nicht. Einige meiner Berater dachten, dass die Masadaner nun … zu sehr fixiert wären auf … nun ja …«

Sie brach ab, und Michael, der nicht genau sagen konnte, wann seine Schwester zum letzten Mal derart um Worte verlegen gewesen war, wartete mild erstaunt, dass sie weitersprach.

»Diese Berater denken«, fuhr Beth hastig fort, »dass dein Erscheinen im Endicott-System die Masadaner vielleicht zu dem Schluss verleiten könnte, dass ich nur eine Galionsfigur bin – eine Bruthenne, die Eier legt, aus denen die nächste Generation von Winton-Monarchen schlüpft. Rogers Existenz würde sie in dieser Annahme gewiss bestärken. Wenn eine Kultur sich vorsätzlich so sehr isoliert wie die Masadaner, dann neigen ihre Angehörigen dazu, Informationen allein von ihrem verzerrten Blickpunkt aus zu interpretieren.«

»Und vielleicht«, fügte Michael hinzu, indem er den Faden aufnahm, um Beth ein weiteres Ereifern zu ersparen, »fühlen die Wahren Gläubigen von Masada sich sogar geehrt, wenn sie glauben, dass jemand, der die echte Macht in der Hand hält, den weiten Weg kommt, um sie zu sehen.«

Er überlegte und schüttelte entschieden den Kopf.

»Der Plan ist hirnrissig, Beth. Es sind so viele Informationen verfügbar, die jeden Versuch untergraben, dich wie eine ›Bruthenne‹ mit dem richtigen Stammbaum aussehen zu lassen. Jedenfalls werde ich bloß ein Midshipman sein. Mit diesem Rang werde ich kaum jemanden beeindrucken.«

»Im Gegenteil«, entgegnete Beth, indem sie Michaels erstes Argument ignorierte und sich ganz auf das zweite konzentrierte, »vielleicht beeindruckst du die Masadaner doch. In ihrer Gesellschaft zählt Härte als Tugend, und man glaubt, dass Gott den Erfolg vorherbestimmt und Erfolg der Beweis ist, dass Gott jemanden schätzt. Die Gesellschaft ist kriegerisch, und ihre Anführer kämpfen nicht nur in der politischen Arena, sondern führen auch auf dem Schlachtfeld.«

»Ein Prinz, der ›Krieger‹ genug ist, um die Akademie zu durchlaufen und als Raumkadett dient, könnte sie also beeindrucken?«, fragte Michael skeptisch.

»Sagen wir einfach, es kann nicht schaden«, versicherte ihm Beth.

Michael beschloss, später darüber nachzudenken, und wandte sich dem zu, was er wirklich wissen musste. Er vermutete, dass Elizabeths Ratgeber es vorgezogen hätten, wenn er vom diplomatischen Korps eingewiesen worden wäre und nicht von der Königin – nur für den Fall, dass sie andere Schwerpunkte setzte.

»Wie viel soll ich denn tun, wenn ich dort bin? Und wo wir schon dabei sind, wird die Navy informiert, dass ich einen ›zwoten Hut‹ tragen muss?«

Beths Antwort war genauso direkt.

»Du wirst mit den Diplomaten kooperieren, soweit es angemessen erscheint. Gib auf keinen Fall jemandem ein Versprechen – weder in meinem noch in deinem Namen.«

Michael riss erstaunt die dunkelbraunen Augen auf.

»Als ob ich das täte!«

»Ich weiß, dass du nicht so dumm bist«, entgegnete Beth leise, »aber du wärst erstaunt, wie viele Leute das nicht glauben.«

Michael verbarg seine Reaktion, indem er einige Bauern in ihre samtgepolsterten Fächer drückte. Seit dem Tag von Elizabeths Krönung hatte er Beth und ihre Politik stets unterstützt. Dass jemand annehmen konnte, er würde sich ihre Autorität anmaßen, erboste ihn zutiefst.

Beth gab vor, nicht zu bemerken, wie sehr ihn traf, was sie ihm offenbart hatte. »Was die Navy angeht«, fuhr Beth fort, »so wird der Kommandant der Intransigent ersucht, dich für bestimmte gesellschaftliche und diplomatische Empfänge freizustellen, sobald das Schiff im Endicott-System eingetroffen ist. Commander Boniece, dem Captain der Intransigent, wird allerdings zugesichert, dass dein ›zweiter Hut‹ dich nicht von deinen Pflichten als Offizier der Königin ablenken darf. Alle diplomatischen Besprechungen vor der Ankunft bei Masada, bei denen deine Anwesenheit als erforderlich betrachtet wird, sind daher in deine Freizeit zu legen.«

Nach dreieinhalb T-Jahren auf der Akademie wusste Michael recht genau, wie wenig Freizeit ein Raumkadett besaß. Er unterdrückte ein Aufstöhnen.

»Ich lebe für den Dienst an meiner Königin«, sagte er bemüht fröhlich.

Beth streckte den Arm aus und tätschelte ihm die Hand.

»Danke, Michael. In ein paar Jahren wird das Sternenkönigreich alle Freunde brauchen, die wir bekommen können. Wer weiß? Vielleicht gelingt es uns mit deiner Hilfe, sowohl Masada als auch Grayson auf unsere Seite zu ziehen.«

»Genau«, sagte Michael und blickte die schwarze Königin an, die einsam und verloren an ihrem Rand des Spielbretts stand. »Vielleicht klappt das ja.«

Dinah, die älteste Frau Ephraims, war zwei Jahre jünger als ihr Gatte. Er hatte sie geheiratet, als sie fünfzehn und er siebzehn war. Ihr erstgeborener Sohn Gideon hatte bereits eine vielköpfige eigene Brut gezeugt; einige seiner Söhne erreichten bald das Alter, in dem sie ihrem Vater an Bord seines Schiffes als Besatzungsmitglieder dienen konnten, wie Gideon einst Ephraim gedient hatte.

Die älteste Frau blickte die rebellische jüngste an, und ihr Zorn war offenkundig.

»Was machst du denn da?«, wiederholte Dinah.

Judith erwiderte ihren Blick so ruhig sie konnte, doch es war gar nicht einfach, diesen stahlgrauen Augen standzuhalten. Judith war zehn gewesen, als Ephraim sie in sein Haus brachte. In den beiden Jahren, bevor er Judith zu seiner jüngsten Frau nahm, war Dinah dem Waisenmädchen eine Ersatzmutter gewesen. Die älteste Frau hatte sie streng, aber ohne Grausamkeit behandelt, in masadanischer Etikette unterwiesen, ihre auswendig gelernten Bibelstellen abgehört und vor dem Groll der anderen Frauen Ephraims geschützt – denen ausnahmslos klar war, dass er das graysonitische Mädchen nicht aus Hochherzigkeit zu sich ins Haus geholt hatte.

Als Judith zwei Jahre später ihre Fehlgeburten erlitt, hatte sich Dinah auf die Seite des Arztes gestellt, der den Rat erteilte, dem Mädchen einige Jahre zu gönnen, um körperlich zu reifen. Selbst angesichts der schneidenden Bemerkungen Ephraims, mit denen er Dinah beschuldigte, sie neide der Jüngeren Fruchtbarkeit und Jugend, hatte sie um keinen Zollbreit nachgegeben.

Nun stand Dinah mit Haaren so grau wie diese durchdringenden Augen und einer Figur, die von den vielen Kindern kündete, welche sie in den achtunddreißig Ehejahren lebendig oder tot zur Welt gebracht hatte, als Anklägerin und Richterin zugleich vor ihrer Mitfrau. Judith begriff nur nicht, wieso Dinah nicht augenblicklich Ephraim oder einen ihrer Söhne herbeirief.

»Ich wollte sehen, wie es ist«, entschuldigte sich Judith lahm. »Ich habe gesehen, wie Zachariah es benutzte, und es sah lustig aus.«

Als Dinah die VR-Brille an ihren Platz legte, hätte Judith schwören können, dass die Älteste auf die Programmliste blickte und verstand, was dort zu lesen war. Doch das war unmöglich, oder?

Zum ersten Mal in den vier Jahren, die sie nun unter Ephraims Dach wohnte, zweifelte Judith plötzlich, ob sie wirklich im Bilde war.

»Komm mit«, befahl Dinah. Ihre Finger tanzten über die Tasten, während sie die Sequenz zum Herunterfahren eingab.

Die Tastenkombination war alltäglich und galt für jedes Haushaltsgerät; Judith hätte sich eigentlich nicht zu wundern brauchen, doch etwas regte sich in ihr, die Andeutung eines Gefühls, das ihr so fremd geworden war, dass sie kaum noch wusste, wie es sich anfühlte.

Hoffnung.

Ängstlich, die eigentümliche Empfindung zu nähren, beugte Judith den Kopf und folgte Dinah gehorsam zu der Privatkammer, die Dinah als älteste Frau für sich beanspruchen durfte. Die anderen Frauen übernachteten in Schlafsälen, eine Einrichtung, die etwas verhindern sollte, von dem man nur vage als ›der Verirrung‹ sprach.

Judith glaubte, dass die Verirrung mit Sex zu tun haben könnte, doch ihre Erfahrungen mit Ephraim ließen ihr Sex nicht als etwas erscheinen, um das man sich bemühen sollte. Sie hatte es als ein Stück wertlosen Wissens abgespeichert und ihre Energie lieber darauf verwendet, Schliche zu ersinnen, um den Schlafsaal verlassen zu können, ohne sich erklären zu müssen. Während der zwei Jahre, die sie bei den anderen Frauen schlief, hatte sie eine große Anzahl Ausreden und Methoden entwickelt, und vorsichtig setzte sie keine davon allzu oft ein.

Dinah bedeutete Judith, sich zu setzen, dann schloss sie die Tür.

»Energieverlust nach der Transition in den Normalraum«, sagte sie. »Wozu ist das gut?«

Judith setzte schon zur Antwort an, so sachlich war ihr die Frage gestellt worden. Dann erst begriff sie, was die Frage bedeutete.

»Du kannst lesen!«

»Mein Vater war sehr alt, als ich zur Welt kam«, sagte Dinah ruhig, »und sein Augenlicht verließ ihn. Er hat sich nie mit Aufnahmen zufrieden gegeben, sie waren ihm zu eingeschränkt, und deshalb hat er mir beigebracht, ihm aus der Bibel vorzulesen. Später, als Ephraim durch meine Demut und meine Frömmigkeit auf mich aufmerksam wurde, befahl mein Vater mir zu vergessen, was ich gelernt hatte, denn es war allseits bekannt, dass die Templetons nichts von gebildeten Frauen halten. Ich habe selbstverständlich gehorcht und meinen Herrn und Meister niemals aus den Irrtümern seiner Annahmen in Bezug auf mich befreit.«

Judith wusste, dass Dinahs Familie arm war und in der Hierarchie Masadas nicht sonderlich weit oben stand. Ein Bund mit den ehrgeizigen Templetons, ein Bund vor allem, durch den man sich einer nutzlosen Tochter entledigte, wäre eine lässliche Lüge wert gewesen.

»Wusstest du, dass ich …«, fragte Judith. Sie fühlte sich ganz als Kind, und die Selbstsicherheit ihrer vierzehn Jahre entglitt ihr.

»… lesen kann?« Dinah schaltete eine Tonaufzeichnung mit gesungenen Bibeltexten ein, die aus den Lautsprechern ihres Zimmers drang. »Ich hatte es vermutet. Du warst sehr vorsichtig, auch dann, wenn kein Mann in der Nähe war. Dafür muss ich dich loben. Allerdings bleibt dein Blick ab und an zu lange auf einem Drucketikett oder anderen Texten hängen. Sicher bin ich mir erst seit dem Tag, an dem du verhindert hast, dass Klein-Uriel sich verletzt.«

Judith erinnerte sich noch genau an den Tag. Uriel hatte gerade erst laufen gelernt, als sie in Ephraims Haus kam. Seine Mutter Raphaela war bereits wieder hochschwanger gewesen, und auf den Jungen Acht zu geben hatte zu den zahlreichen Pflichten gehört, die man der graysonitischen Gefangenen auferlegte.

Ihren Hass auf Ephraim auf seine Kinder zu übertragen hatte sie nicht übers Herz gebracht, und an jenem Tag, an dem Uriel nach einem bunten Zapfen griff, der oberflächlich betrachtet wie eins der vielen Spielzeuge aussah, die im Kinderzimmer herumlagen, hatten in Judith das Bedürfnis nach Geheimhaltung und ihr Ehrgefühl einen heftigen Kampf ausgefochten.

Denn es war kein bunter Zapfen, sondern eine stromführende Elektroinstallation, die ein schlampiger Techniker nicht komplett verschlossen hatte.

Für einen Augenblick, der ihr viel länger erschienen war als er andauerte, hatte Judith auf das pummelige Händchen und den Zapfen gestarrt. Nur die Beschriftung offenbarte, welche Gefahr er darstellte. Wenn sie Uriel zurückhielt, verriet sie vielleicht ihr Geheimnis.

Uriel hatte die Finger kaum nach dem scheinbaren Spielzeug ausgestreckt, als Judith den Kleinen packte und wegriss. Nachdem sie das weinende Kind besänftigt hatte, indem sie ihn mit einem noch viel tolleren Spielzeug ablenkte, war Judith zurückgekehrt, um die Gefahr außer Reichweite zu räumen. Wenn sie nun daran zurückdachte, erinnerte sie sich, dass Dinah im Zimmer gewesen war, doch da die älteste Frau nichts zu ihrem Verhalten gesagt hatte, war Judith davon ausgegangen, dass sie zu sehr mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt gewesen war.

»So lange schon«, sagte Judith, und von der Betonung her war es eine Frage.

»Du warst sehr vorsichtig«, antwortete Dinah, »und Ephraim ist niemals etwas an dir aufgefallen – außer natürlich, dass er sich gefragt hat, ob sich hinter deiner offensichtlichen Begriffsstutzigkeit etwa Auflehnung verbarg. Ich habe ihm immer versichert, dass ich es nicht glaubte.«

»Du hast mich geschützt«, sagte Judith in fast anklagendem Ton. »Damals und heute. Warum?«

»Damals, heute und zwischendurch ein Dutzend Mal«, entgegnete Dinah. »Warum? Weil du vorsichtig warst, weil du mit Freundlichkeit behandelst, die zu hassen du allen Grund hättest, und weil du mir Leid getan hast. Aber das ist noch nicht alles.«

Dinah hatte so lange geschwiegen, dass Judith schon glaubte, sie würde nie weiterreden.

»Ja?«, hatte sie die Älteste gedrängt.

»Und«, hatte Dinah mit einem seltsamen Leuchten in ihren grauen Augen gesagt, »weil ich dachte, dass du vielleicht die Eine bist, die uns prophezeit wurde, die Moses, die uns aus der Knechtschaft in ein besseres Leben führen soll.«

Midshipman Wintons Höflichkeit und der Übereifer, den er an den Tag legte, ganz egal, wie viel Arbeit er hatte oder wie viele Übungen die 2TO für ihn ansetzte, konnten das Unbehagen nicht mildern, das Carlie beschlich, wenn sie ihren Schützling königlichen Blutes beobachtete.

Solange der junge Mann nicht tatsächlich Dienst tat, war er kaum je ohne seinen Anhang zu sehen. Zwei dieser Klammeraffen – Astrid Heywood und Osgood Russo – waren unmittelbar nach Michaels Abkommandierung an Bord der Intransigent versetzt worden. Die anderen drei waren dem Leichten Kreuzer bereits zugeteilt gewesen, doch das hielt sie nicht davon ab, sich ihre Nähe zum Kronprinzen zunutze zu machen.

Die Existenz dieses Kaders hatte die Kadettenkammer ins zwei Gruppen gespalten, denn die übrigen sechs Mitglieder gaben sich die größte Mühe, Midshipman Winton aus dem Weg zu gehen. Als wäre das nicht schlimm genug, war sich Carlie sogar zehn Tage, nachdem sich der letzte Raumkadett der Intransigent zum Dienst gemeldet hatte, noch immer unsicher, ob Michael Winton seine Gefolgsleute nun ermutigte oder nicht. Sicher war sie sich nur, dass er nichts tat, um sie zu entmutigen, und in ihren Augen war das beinahe genauso schlimm.

Hinzu kam das leidige Thema von Michael Wintons Zusatzaufgaben, Aufgaben, die ihn zwangen, recht viel Zeit mit dem Diplomatenkontingent zu verbringen, wegen dem die Intransigent Kurs auf das Endicott-System genommen hatte. Carlie bezweifelte nicht, dass die Diplomaten hinter geschlossenen Luken vor Prinz Michael katzbuckelten und sich auf höchst kriecherische Weise verneigten. Auf jeden Fall wirkte Midshipman Winton, wenn er von diesen Begegnungen zurückkehrte, noch distanzierter und verschlossener als sonst.

Dass Winton seine Speichellecker zu den diplomatischen Besprechungen nicht mitnehmen konnte, war mehr oder minder das einzig Gute an diesen Treffen, fand Carlie, doch noch mehr als sein kleines Gefolge unterstrichen sie, dass Michael Winton anders war als jeder andere in der Kadettenkammer. Zum Teufel, er unterschied sich von jedem anderen an Bord der Intransigent.

Wie anders Michael Winton war, hatte Carlie bei Commander Bonieces letztem Dinner begriffen. Wie viele der besseren Kommandanten in der Navy lud Boniece regelmäßig mehrere seiner Offiziere zum Abendessen. An diesem besonderen Abend waren sowohl Carlie als auch Michael anwesend, und Carlie hatte ihren Schützling genau – und nicht allzu offensichtlich, wie sie hoffte – im Auge behalten.

Der Abend verlief zunächst glatt. Midshipman Winton redete nur, wenn man das Wort an ihn richtete, und jede Frage beantwortete er intelligent. Carlie hatte schon angefangen zu überlegen, ob Michael vielleicht doch nicht so hochnäsig sein mochte, wie sie glaubte.

Dann fand das Essen seinen Abschluss, und Wein für den traditionellen Toast auf die Königin wurde eingeschenkt. Als jüngster anwesender Offizier fiel Midshipman Winton die Pflicht zu, den Trinkspruch auszubringen.

Dazu benötigte er keine Extraeinladung. Carlie hatte es auch nicht anders erwartet. Sie hatte mit vielen anderen Offizieren, die sie kannte, über diesen Anlass Geschichten ausgetauscht, und alles war sich einig, dass dieser erste Schritt ins Rampenlicht vor jenen, die zum ersten Mal Gleichgestellte waren und nicht mehr jene erlauchten Anderen, die man als Offiziere kannte, in jeder Laufbahn ein prägendes Ereignis darstellte.

Indem er sein Glas genau in die richtige Höhe hob, sagte Michael Winton mit klarer, tragender Stimme: »Ladys und Gentlemen, auf die Königin!«

»Auf die Königin!«, erklang die Antwort.

Carlie hatte das Glas an die Lippen gehoben und dahinter einen Blick auf ihren Schützling verborgen. Michael Winton hatte sich wieder gesetzt, aber er trank nicht vom ausgezeichneten Wein des Captains der Intransigent. Vielmehr grinste er – da war sich Carlie ganz sicher – höhnisch.

Lieutenant Carlotta Dunsinane, loyaler Offizier der Navy und damit der Königin ergeben, der sie diente, war erschüttert bis ins Mark. Ihr Schock musste sich auf ihrem Gesicht gezeigt haben, denn der Signaloffizier der Intransigent, Tab Tilson, beugte sich zu ihr.

»Alles okay mit dir, Carlie?«

»Schon gut«, brachte sie hervor. »Ich habe nur etwas Wein in den falschen Hals bekommen.«

Tab nickte beruhigt und wandte sich ab, um eine Frage zu beantworten, die Commander Boniece ihm gestellt hatte. Als Carlie den Blick wieder auf Mr Winton richtete, unterhielt sich der Prinz höflich mit seinem Nachbarn, und seine Miene war so korrekt wie den ganzen Abend über.

Carlie aber wusste, was sie gesehen hatte, und erneut bezweifelte sie bis in die Tiefe ihres Herzens, ob der Prinz sich jemals von seiner Position der Macht und des Privilegs genügend lösen könnte, um ein Leben, das zum Dienen bestimmt war, zu führen, wie es Herz und Seele jedes echten Raumoffiziers war.

Michael konnte nicht sagen, ob er seine Kadettenfahrt überleben würde. Nicht nur die Arbeit machte ihm zu schaffen, obwohl er im Stillen seine Belastung mit der seiner Kameraden verglichen hatte und nun sicher wusste, dass er sich nicht nur einbildete, Lieutenant Dunsinane lege ihm mehr auf die Schultern als irgendeinem der anderen elf Middys.

Ihn störte auch nicht sonderlich, dass die Hälfte seiner angeblichen Freizeit von den Besprechungen der Diplomaten aufgefressen wurde, Besprechungen, die ihm unnötig erschienen, weil seine Aufgabe einzig und allein darin bestand, sich sehen, aber nichts – wie Mr Lawler immer wieder betonte – von sich hören zu lassen.

Es war die Isolation, die ihn umbrachte.

Michael wohnte nun seit fünfzehn Tagen in einer Schlafkammer, die mit sechs doppelstöckigen Kojen voll gestopft war, und in jeder dieser Kojen lag ein Kadett, aber trotzdem hatte er noch mit niemandem ein anständiges Gespräch geführt – nicht einmal mit denjenigen, die er auf Saganami Island zu seinen Freunden gezählt hätte.

Michael war kein Dummkopf. Er hatte mit dieser Situation gerechnet. Man brauchte eine gewisse Zeit, um sich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass man mit jemandem im gleichen Zimmer schlief, der, wenn er von seiner Schwester erzählte, von der Königin redete. Michael und sein erster Stubengenosse auf Saganami Island hatten sich wochenlang steif und förmlich benommen, doch dann hatte sich Sam so weit an den Gedanken gewöhnt, mit jemandem das Quartier zu teilen, der dem Königshaus angehörte, dass Michael nicht mehr das Gefühl hatte, er mache der Krone Schande, wenn er in Unterhosen herumlief.

Sam und er waren nie Freunde geworden, aber gute Bekannte. Vielleicht mit der Hilfe von ein bisschen Distanz hatte Michael seine besten Freundschaften mit den Kadetten geschlossen, die nicht mit ihm das Zimmer zu teilen brauchten. Unter diesen ragte Todd Liatt hervor, der diese letzte Kluft überwunden hatte und später Michaels Stubengenosse geworden war.

Was hätte Michael nicht dafür gegeben, Toddy in der Nähe zu haben! Sein psychischer Radar hätte schon herausgebracht, wieso Lieutenant Dunsinane Michael niemals ansah, ohne dass ihre Miene so hart wurde wie ein Schott aus Armoplast. Nur war Todd eben nicht hier, und Michael wollte gar nicht darüber nachdenken, was Lieutenant Dunsinane von ihm halten würde, wenn sie ihn dabei ertappte, wie er den öffentlich zugänglichen Teil ihrer Dienstakte einsah. Es war nur zu offensichtlich, dass sie schon jetzt keine allzu hohe Meinung von ihm hatte.

Michael hätte sich am liebsten selbst die eine Seite des Rumpfes hinauf und auf der anderen wieder hinuntergekickt, als er das Gesicht des Zwoten Taktischen Offiziers bei Commander Bonieces Abendgesellschaft sah. Er hatte ein solches Hochgefühl empfunden, den Toast hinter sich gebracht zu haben, dass seine Gedanken abschweiften und er sich daran erinnerte, wie Beth ihn während seines letzten Urlaubs mit diesem ach so erderschütternden Ereignis aufgezogen hatte.

»Und vergiss nicht, dass du einen Toast auf die Königin auszubringen hast«, hatte sie ihn eines Morgens streng ermahnt, als sie sehr formlos miteinander frühstückten. »Du bist jetzt mein Offizier, nicht wahr?«

Michael hatte eine unwiderstehliche Gelegenheit erkannt und ergriffen.

»Lasst mich üben, Eure Majestät«, sagte er, stand auf, nahm das Tablett mit dem frisch getoasteten Brot und schüttete es ihr über den Kopf.

Beth quietschte auf, als wären sie beide wieder Kinder, und hatte begonnen, mit Toast nach ihm zu werfen; Ariel, ihr Baumkater, hatte sich mit großer Begeisterung in das Spiel gestürzt. Der Tumult hatte Justin von seiner schläfrigen Lektüre der Morgenzeitung aufgeschreckt und Königinmutter Angelique veranlasst, in würdeloser Hast ins Zimmer zu eilen.

Die Erinnerung an Beths Reaktion hatte ein Lächeln auf Michaels Lippen gelockt, ein Lächeln, das er augenblicklich zu unterdrücken versucht hatte, denn es wäre bei dieser höchst feierlichen Gelegenheit höchst unpassend erschienen. Leider hatte er sein Spiegelbild auf der polierten Servierplatte gesehen und entdeckt, dass das unterdrückte Lächeln noch schlimmer ausschaute als jedes offene Grinsen.

Zu gern hätte er mit Lieutenant Dunsinane gesprochen, um ihr den Vorfall zu erklären, aber er fand einfach nicht die richtige Gelegenheit. Mit dem 2TO zu sprechen war viel schwieriger als mit der Vertrauensdozentin. Commander Shrake schien Michael wenigstens als menschliches Wesen zu betrachten, Lieutenant Dunsinane hingegen konnte anscheinend nicht über den Prinzen hinausblicken, und was Michael auch tat, es machte sie nur steifer und schroffer.

Er wusste, dass er niemand anderen bitten konnte, mit ihr zu sprechen, obwohl er versucht war, Lieutenant Tilson darum zu bitten, den Signaloffizier des Schiffes. Wann immer sie einander begegneten, gab sich der Signaloffizier sehr geschäftsmäßig, als glaube er, Michael sei mehr daran interessiert, seine Aufgaben zu erlernen als anderen Menschen ins Gedächtnis zu rufen, er sei der kleine Bruder der Königin.

Doch obwohl Michaels vorläufige Spezialisierung auf das Signalwesen ihn regelmäßig in Lieutenant Tilsons Abteilung führte, konnte Michael mit dem Signaloffizier nicht über seine Probleme mit Lieutenant Dunsinane sprechen. Es wäre falsch gewesen. Michael besaß die grimmige Loyalität der Wintons, und er wollte auf keinen Fall die Autorität des Offiziers untergraben, der für die Kadettenkammer verantwortlich war, auch wenn Lieutenant Dunsinane ihn falsch beurteilte.

Lieutenant Dunsinane war jedoch längst nicht das größte von Michaels Problemen. Er hoffte, dass er sie schon noch von seinem Pflichtbewusstsein überzeugen konnte, wenn er nur hart genug arbeitete. Wirklichen Verdruss bereiteten ihm die fünf Kadetten, die trotz all seiner sanften Versuche, sie davon abzubringen, Michael wie eine selbsternannte Ehrengarde auf Schritt und Tritt folgten.

Kurz nachdem die Kadettenkammer komplett belegt war, hatte Michael erfahren, dass die Anführer dieses Korps der Intransigent ebenfalls neu zugeteilt worden waren. Auch wenn er nicht sein Leben lang mit Politik zu tun gehabt hätte, würde er begriffen haben, dass die beiden sich nur wegen der Nähe zum Kronprinzen auf die Intransigent hatten abkommandieren lassen.

Astrid Heywood war Spross eines der mächtigeren manticoranischen Adelshäuser und hatte Anspruch auf die Anrede Lady Astrid. Sie war eine hübsche junge Frau mit honigblondem Haar und großen, langbewimperten Augen. Die etwas übertrieben wirkende Regelmäßigkeit ihrer Züge deutete darauf hin, dass man ihrer Attraktivität mit diversen kosmetischen Operationen auf die Sprünge geholfen hatte, doch Michael bezweifelte, ob die meisten Männer seines Alters hinter die schmachtenden Blicke sähen, die Lady Astrid immerfort in seine Richtung warf, und es bemerkten.

Lady Astrids Mutter, die Baronin von White Springs, saß als zunehmend vernehmbare Stimme für die Unabhängigen im Oberhaus. Im Gegensatz zu den Kronenloyalisten unterstützte jeder Unabhängiger die Politik der Krone flexibel und auf seine oder ihre Weise. Michael wusste nicht, wie die Baronin reagieren würde, wenn der Kronprinz ihre Tochter offen zurechtwies, aber Gutes konnte daraus nicht entstehen. Die Familie Heywood hatte gewiss viele Beziehungen spielen lassen oder die richtigen Leute geschmiert, um Lady Astrid so kurzfristig noch an Bord der Intransigent zu versetzen, und Michael vermutete, dass die Baronin mit einer soliden Dividende rechnete.

Michael hätte Lady Astrid vielleicht bemitleidet, dass ihre Mutter sie derart berechnend einsetzte, nur war ihm während der Tage, in denen Lady Astrid ihm nachgestellt hatte, eines bewusst geworden: Ihrer Intelligenz und Bereitschaft zu harter Arbeit – die sie bewiesen hatte, indem sie auf Saganami Island abschloss – zum Trotze zählte Lady Astrid offenbar zu jenen unmöglichen Angehörigen des manticoranischen Adels, die allen Ernstes glaubten, sie stünden dank des Zufalls ihrer Geburt über anderen. Lady Astrid sah in Michaels Versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen, keinen anderen Grund, als dass ein Junge den unbeholfenen Annäherungsversuchen eines hübschen Mädchens auswich, weil ihr gar nicht erst in den Sinn kam, dass jemand tatsächlich keinen Wert auf ihre Gesellschaft legen könnte. Und trotz der logischen Verdrehung, die dieser Denkweise innewohnte, wurde Lady Astrids ohnedies schon sehr positives Selbstbild noch verstärkt durch die Tatsache, dass sie nun mit dem Kronprinzen in einer Kadettenkammer schlief.

Auch wenn niemand, der diesem lachenden Kobold mit den strahlenden Augen zum ersten Mal begegnete, es je geglaubt hätte, zeichnete sich der Charakter von Osgood ›Ozzie‹ Russo durch größere Subtilität aus. Seine Familie unterhielt gute Beziehungen zu dem unermesslich reichen Hauptmann-Kartell, und Michael hatte keinen Zweifel, dass Ozzies Versetzung unverhohlen gekauft worden war. Ob die Bestechungssumme nun in Bargeld oder Zugeständnissen bei der Ausräumung von Nachschubengpässen der rasch expandierenden Navy entrichtet worden war, konnte Michael weder sagen, noch kümmerte es ihn sonderlich – er hoffte nur, dass die Navy insgesamt davon profitierte und nicht nur irgendein korrupter Bürokrat bei BuPers.

Angesichts seines familiären Hintergrunds überraschte es wenig, dass sich Ozzie auf das Versorgungswesen spezialisierte. Als Logistiker war er brillant; er brauchte nur einen Blick auf ein kompliziertes Schema zu werfen und hatte es schon in seine Bestandteile zerlegt, während Michael noch die Überschrift las. Obwohl Versorgungsoffiziere außerhalb der Befehlskette eines Sternenschiffes standen und die Laufbahn von ehrgeizigen Kadetten in der Regel gemieden wurde, verstand Michael von der Geschichte genügend, um zu wissen, dass viele Schlachten aufgrund logistischer Gegebenheiten bereits gewonnen oder verloren gewesen waren, bevor der erste Schuss fiel.

Das Problem mit Ozzie bestand nun darin, dass er Michael anscheinend als eine Verbindung betrachtete, die zum zukünftigen Nutzen seiner Familie und seiner selbst gepflegt werden musste – und er war der Ansicht, dass Michael ihn umgekehrt genauso sehen sollte. Michael gefiel diese Situation nicht im Geringsten, doch obwohl Ozzie keine offensichtlichen politischen Beziehungen besaß, konnten die Königin und ihre Politik durch Geld genauso leicht wie durch aristokratische Verbindungen behindert werden; Michael sah sich deshalb vor, Ozzie nicht vor den Kopf zu stoßen, während er insgeheim vor Wut rauchte, wenn er dessen schmeichlerische Art zu ertragen hatte.

Eines hatten Lady Astrid und Ozzie gemein: das Gefühl, ihren Kameraden überlegen zu sein, wobei Michael sich recht sicher war, dass sie ironischerweise gegenseitig voneinander nur wenig hielten. Wie ein Magnet die Eisenspäne hatten die beiden die eher amoralisch Ehrgeizigen unter den anderen Middys in ihren Dunstkreis gezogen und gleichzeitig alle Kadetten abgestoßen, die zumindest Michael als die besseren betrachtete – diejenigen, die ihren Rang für ihre Leistung erhalten wollten und nicht dafür, dass sie die richtigen Leute kannten.

Sechs Kadetten sprachen mit Michael kaum ein Wort, weil sie nicht im selben Licht gesehen werden wollten wie Lady Astrid und Ozzie – weder von Michael noch von den Schiffsoffizieren. Dass zwei von ihnen, Sally Pike und Kareem Jones, auf Saganami Island zu Michaels engeren Bekannten gezählt hatten, machte seine Achtung nicht nur schmerzhaft, sondern auch verwirrend.

Hätte Michael etwas zu ihnen gesagt, er hätte, ganz gleich, was er sagte, die Lage nur verschlimmert, und so überstand er einen Tag nach dem anderen und fragte sich, ob sein Alleinsein der Einsamkeit zu vergleichen sei, die, wie er gehört hatte, mit dem Befehl über ein Sternenschiff einherging.

Nach einigen sehr eindringlichen Gesprächen mit Dinah – Gesprächen, die einem erfreuten Ephraim als Vorbereitung auf Judiths Wiederaufnahme ihrer Gebärpflichten dargestellt wurden – war Judith mit vierzehn Jahren in den sehr kleinen, höchst geheimen und leicht mystisch angehauchten Bund der Schwestern Barbaras aufgenommen worden.

Der Schwesternbund hatte Barbara Bancroft zu ihrem Vorbild erkoren, die Frau, die den masadanischen Plan, nach der fehlgeschlagenen Machtergreifung alles Leben auf Grayson zu vernichten, vereitelt hatte. Noch bevor Judith von Ephraim gefangen genommen wurde, hatte sie bereits von Barbara gehört, denn auf Grayson wurde sie als die Retterin des Planeten verehrt. Die Barbara, die Judith von den Wahren Gläubigen geschildert bekam, musste ein ganz anderer Mensch gewesen sein: schlecht, verschlagen, heimtückisch, treulos und blasphemisch.

Tatsächlich war die Barbara Bancroft der Wahren Gläubigen so scheußlich, dass Judith sich anfangs wunderte, warum der Schwesternbund diese ›Metze Satans‹ zu seiner Schutzheiligen gemacht hatte. Nach einigen Geheimtreffen mit Dinah und ihrer Zelle begriff Judith jedoch, dass gerade diese Verleumdung Barbaras der Grund war, weshalb diese beherzten masadanischen Frauen sich nach ihr benannt hatten. Was die Masadaner auch sonst über Barbara Bancroft behaupteten, eins konnten sie ihr nicht anlasten: dass sie feige gewesen wäre. Außerdem hatte Barbara ihren Kampf gegen die masadanische Tyrannei gewonnen. Sie hatte einen furchtbaren Preis für ihren Sieg bezahlt, aber gesiegt hatte sie.

Die Schwestern verfolgten zwei Ziele: zunächst einmal, andere Frauen zu bilden und wenn möglich zu schützen. Schutz wurde jeder Frau gewährt, die Ausbildung jedoch nur jenen, die geprüft und als vollkommen vertrauenswürdig befunden worden waren. Die Geheimhaltung aufrechtzuerhalten war verhältnismäßig leicht, weil jede Frau, die auch nur einige einfache Wörter lesen oder Rechenaufgaben bewältigen konnte, für die das Abzählen der Finger nicht ausreichte, von den Ältesten der Wahren Gläubigen als verdächtig betrachtet wurde.

Welche Strafen frühere Sünderinnen hatten erdulden müssen, das wurde im Kinderzimmer erzählt, in Predigten wiederholt und auf hundert verschiedene Arten im Gedächtnis zementiert. Innerhalb der Wahren Gläubigen existierte sogar eine Strömung, die selbst diese einfachen Künste schon als ersten Schritt auf den schlüpfrigen Abhang der technischen Verworfenheit betrachteten. Sie, die sich die Reinen Gläubigen nannten, verboten selbst den Männern, lesen und schreiben zu lernen. Infolgedessen lebten die Reinen Gläubigen in isolierten Enklaven und hatten nur wenig Kontakt mit den übrigen Wahren Gläubigen – allerdings stellten sie die grimmigsten und gehorsamsten Soldaten, die man sich denken konnte.

Durch diese Indoktrination war es hochgradig unwahrscheinlich, dass eine Masadanerin, die den Schritt wagte, sich dem Schwesternbund anzuschließen, ihre Schwestern später verriet. Vielmehr schweißte der unwiderrufliche Verlust der intellektuellen Jungfräulichkeit die Frauen noch enger zusammen, und ihr Wissen um die Strafen, die alle erwartete, verbaute jeden Rückweg in die masadanische Gesellschaft – denn auch einer Frau, die später ihr Lernen bereute und die anderen verriet, drohte die gleiche Buße wie ihren ›Komplizinnen‹.

Judith entdeckte schnell, dass der Schwesternbund nicht nur verbotene Fertigkeiten und verbotenes Wissen lehrte; die Schwestern wurden auch in der Täuschung ausgebildet, damit sie sich nicht durch die ungewollte Enthüllung ihres Könnens verrieten – beobachtet zu werden, wie man beiläufig ein beschriftetes Schild las, hätte dazu schon ausgereicht.

All das jedoch gehörte zum ersten Teil der schwesternbündischen Absichten. Das zweite Ziel war weitaus kühner und vielleicht unmöglich zu erreichen, denn der Schwesternbund hoffte eines Tages einen Exodus herbeizuführen, der die Schwestern aus der Unterdrückung durch ihre Gebieter in die Freiheit führte.

Denn sosehr die Wahren Gläubigen auch trachteten, ihren Frauen alles Wissen über das Universum jenseits der Grenzen des Endicott-Systems vorzuenthalten, die Wahrheit war doch durchgesickert – manchmal deutete sie sich gerade in den Verboten und Geboten an, die den Frauen von den Männern auferlegt wurden. Die Frauen wussten, dass andere Sterne als Masadas Sonne von Welten umkreist wurden, auf denen Frauen nicht als Eigentum galten. Dass es Planeten gab, auf denen Frauen das Lesen, Schreiben und Denken gestattet war; Welten, wo – so wisperten zumindest die Wagemutigsten unter den Schwestern – Frauen sogar ohne den Schutz eines Mannes ihr eigenes Leben führen durften.

Von dem Tag an, an dem Ephraim die geschockte und traumatisierte zehnjährige Grayson ins Kinderzimmer schleifte, hatte Dinah davon geträumt, dass Judith die verheißene Moses sei, die den Schwesternbund in die Freiheit führen sollte. Und das Mädchen hatte die Hoffnungen der älteren Frau nicht enttäuscht. Von Anfang an bewies Judith sowohl Wissen als auch Selbstbeherrschung – und die nötige Intelligenz, beides zu verbergen. Ihre unschuldigen Geschichten über das Leben, das hinter ihr lag – zum großen Teil erzählt, bevor ihr klar wurde, wie gefährlich sie waren –, hatten die am meisten geheiligten Hoffnungen und Träume des Schwesternbunds bestätigt.

Deshalb war Judith, während sie sich völlig allein wähnte, mit dem wachsamen Netz der älteren Schwestern umwoben worden. Sie hatten noch nicht gewagt, sie in ihre Geheimnisse einzuweihen, denn vorher mussten sie sehen, ob Judith sich nicht etwa wie so viele Frauen auf verdrehte Weise umso mehr an ihren Peiniger klammern und ihn als einen Helden ansehen würde, der das Recht hatte, sie als Gegenstand zu behandeln. Vier von brutalen Prüfungen angefüllte Jahre, davon zwei als Ehefrau eines Mannes, der bereits scheinbar stärkeren Seelen seinen Stempel aufgeprägt hatte, ließen die Schwestern verstreichen, bevor Dinah Judith stellte und in den Bund aufnahm.

Nun, zwei Jahre nach ihrer Initiation, nahm Judith angesichts von Ephraims Plänen, ihre ungeborene Tochter abzutreiben, und einer von ähnlicher Misshandlung gekennzeichneten Zukunft, die Pflichten an, die ihr der Schwesternbund auf die Schultern lud. Sie würde die Moses sein, und obwohl sie keine göttliche Stimme hörte, die sie in ihrem Tun anleitete, beschloss sie, die Zeit sei reif für den Exodus des Schwesternbunds.

Michael begriff zwar, wieso die diplomatische Delegation ins Endicott-System ausschließlich aus Männern bestehen musste, dennoch kam es ihm eigenartig vor. Seit dem Tode seines Vaters hatte Beth jedes politische Treffen dominiert, an dem er teilnahm, und vor der Volljährigkeit seiner Schwester war eine Frau die Regentin des Sternenkönigreichs gewesen, ihre Tante Caitrin, die Herzogin von Winton-Henke. Darum wirkte eine rein männliche Gruppe definitiv seltsam auf ihn.

Andererseits waren vielleicht eher Geschlecht und Verfügbarkeit die entscheidenden Auswahlkriterien bei der Zusammenstellung dieser Gruppe gewesen und nicht sosehr die Befähigung; vielleicht wirkte sie deshalb so merkwürdig. Außerdem sah ein großer Teil des manticoranischen diplomatischen Korps nicht die Vorbereitung auf einen Krieg, sondern die Bewahrung des Friedens als seine wichtigste Aufgabe an. Die Energie vieler der besten und klügsten Köpfe im diplomatischen Dienst richtete sich auf die Suche nach Möglichkeiten der Koexistenz mit den Haveniten. Die masadanische Mission war gewiss kein Auftrag, für den sich jemand von ihnen freiwillig gemeldet hätte.

Eventuell bestimmte auch der Umstand, dass Masada als potenzieller Verbündeter in seiner Region nicht die erste Wahl der Königin war, die Zusammenstellung der Delegation: die Diplomaten, die wie Sir Anthony Langtry mehr wie Ihre Majestät dachten und einzuräumen bereit waren, dass sich ein Krieg gegen Haven womöglich tatsächlich nicht vermeiden ließ, legten es eher darauf an, die Graysons auf die manticoranische Seite zu ziehen.

Die Männer, die sich für die masadanische Mission gemeldet hatten, waren eifrig bestrebt, sich zu beweisen – und bewiesen hätten sie sich, wenn sie die frauenfeindlichen und egozentrischen Wahren Gläubigen zu einer Allianz bewegen konnten.

Forbes Lawler, ein Prolong-Empfänger der ersten Generation und ehemaliger Unterhausabgeordneter, war der Leiter der Gruppe. Gutaussehend mit seinem eisengrauen Haar und seinem schlanken, athletischen Körperbau, hatte Lawler eine freimütige Art und saftige Ausdrucksweise, die Michael an seinen ersten Sportlehrer erinnerten. Obwohl Lawler es niemals offen aussprach, hoffte er eindeutig, nicht nur der Überbringer neuer Anweisungen zu sein, sondern auch recht bald den augenblicklichen Botschafter zu ersetzen.

Quentin Cayen diente Lawler als persönlicher Assistent. Er war so jung, dass er schon die Prolong-Behandlung zweiter Generation erhalten hatte, aber er färbte sich das Haar an den Schläfen silbergrau und setzte zum Lesen eine Brille auf, ein Versuch, seinen eher jungenhaft formlosen Zügen eine gewisse Abgeklärtheit zu verleihen. Michael fand, fass Cayen recht töricht wirkte, doch weil der junge Diplomat andererseits recht fähig und dienstbeflissen war, ohne aufdringlich zu sein, bemühte der Midshipman sich, seine kosmetischen Gimmicks zu übersehen.

Das letzte Mitglied der Delegation, John Hill, war vorgeblich ein Computerfachmann. Er kannte sich mit den Masadanern sehr gut aus und war sowohl mit den religiösen Ritualen der Wahren Gläubigen als auch ihren Speiseverboten vertraut. Hill gehörte eindeutig dem Geheimdienst an, doch hielt es Michael für gut möglich, dass er in ihm das tüchtigste Mitglied des Trios vor sich hatte.

An dem Tag, an dem die Intransigent das Endicott-System erreichte, arbeitete Michael in der beinahe leeren Kadettenkammer, als er eine Nachricht von Lawler erhielt, in der er um die Teilnahme an einer letzten Planungssitzung gebeten wurde. Da Michael noch sehr viel Hausaufgaben zu erledigen hatte – sie bedeuteten hier zwar anderes, aber sie kamen ihm dennoch so vor –, war er darüber nicht sonderlich erfreut. Er kannte jedoch seine Pflicht und legte widerstrebend die Simulation einer Fusionsreaktorreparatur beiseite, die ihm der Leitende Ingenieur persönlich aufgetragen hatte.

Lady Astrid legte ihr Lesegerät weg. »Wohin gehst du, Michael?«, fragte sie, offensichtlich bereit, ihn zu begleiten.

»Mr Lawler ruft mich«, entgegnete Michael.

»Oh«, sagte Lady Astrid enttäuscht und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Michael, der schon seit Tagen den vagen Eindruck hatte, Lady Astrid suche nach einer Gelegenheit, mit ihm allein zu sein, sah, wie Sally Pike verächtlich grinste, und fühlte sich in seinem Verdacht bestätigt. Erleichtert nahm er sich ein paar Sachen, winkte flüchtig zum Abschied und verließ die Abteilung, bevor Ozzie oder eine andere Klette einen Vorwand fand, um ihn zur Kajüte der Diplomaten zu begleiten.

Als Michael eintraf, schritt Lawler auf und ab, kaum fähig, seine Aufregung zu verbergen.

»Soeben haben wir eine Nachricht von der Brücke erhalten, Königliche Hoheit«, sagte er und drückte Michael einen Ausdruck in die Hand. »Wenigstens ein havenitisches Schiff ist im System.«

»Unterhält die Volksrepublik hier nicht eine diplomatische Vertretung, genau wie wir?«, entgegnete Michael.

»Das ist richtig«, sagte Lawler. »Nur ist eine Vertretung wohl kaum ein Grund für die Havies, hier einen Schweren Kreuzer zu stationieren, oder?«

Michael spürte, wie seine Brauen bis zum Haaransatz hochschnellten. Die Intransigent war ein Leichter Kreuzer, und Beth hatte es bereits als Demonstration der Stärke angesehen, sie auf eine diplomatische Mission zu entsenden. Anscheinend waren die Haveniten noch viel weniger subtil.

»Es ist die Moscow, Prinz Michael«, fügte John Hill hinzu. »Keins ihrer modernsten Schiffe, aber auch nicht gerade das älteste.«

»Ist sie schon lange hier?«, fragte Michael. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl, wie es ihn immer beschlich, wenn er aus der starren Befehlsstruktur der Navy entwich und wieder Menschen gegenüberstand, die sich ihm subtil unterordneten.

»Nicht lange genug, um sagen zu können, die Moscow sei hier stationiert, Königliche Hoheit«, antwortete Hill mit dem leicht überdrüssigen Unterton, den er sich, wie Michael mittlerweile wusste, für Gelegenheiten aufsparte, in denen er eher übertriebene Behauptungen Lawlers korrigierte. »Ich würde auch nicht sagen, dass die Moscow entsendet worden ist, um unserer Ankunft zuvorzukommen, auch wenn sich das nicht ausschließen lässt. Dass Mr Lawler mit neuen Anweisungen eintrifft, ist nicht gerade als Geheimnis behandelt worden.«

Soweit Michael wusste, hatte kein wirklicher Grund bestanden, Lawlers Entsendung geheim zu halten, doch hatte er das Gefühl, Hill gehöre zu jenen Menschen, die automatisch alles geheim halten, was sie nicht unbedingt preisgeben müssen. Hill hielt es vermutlich schon für eine Sicherheitslücke, wenn er die Farbe seiner eigenen Socken kannte.

»Botschafter Faldo erwartet unsere Ankunft sehr ungeduldig«, warf Lawler freudig ein, »aber Commander Boniece sagt, wir können vor morgen früh nicht auf den Boden befördert werden. Dadurch haben wir ausreichend Zeit für eine Rückschau.«

Während der nächsten Stunden bemühte Michael sich sehr, nicht bedauernd an die Reparatursimulation zurückzudenken, die er nicht abgeschlossen hatte, oder sich nach der Unfallübung zu sehnen, die Surgeon Lieutenant Commander Rink, der Schiffsarzt, für die Middys abhalten wollte. Als das Zwitschern des Coms Lawler in seinem nahezu pausenlosen Vortrag unterbrach, wurde Michael klar, dass er beinahe eingedöst wäre.

»Botschafter Faldo möchte Sie und Ihr Kommando sprechen«, meldete der Signaloffizier vom Dienst. »Wenn Sie Zeit haben.«

Lawler unterdrückte eine leicht gereizte Miene und nickte.

»Bitte stellen Sie den Botschafter durch.«

»Einen Augenblick, Mr Lawler.«

In dem Moment, in dem das Com sich meldete, war Cayen aufgesprungen und hatte die Konsole des Schreibtisches so umgeschaltet, dass das Gesicht des Botschafters auf ein Schott der Kajüte projiziert wurde, sodass sie sich nicht um das Terminal zu drängen brauchten.

Wie Mr Lawler war Botschafter Faldo ein Prolong-Empfänger der ersten Generation. Im Gegensatz zu Lawler jedoch, dem es gelang, unglaubliche Vitalität auszustrahlen, wirkte Faldo ausgelaugt. Anscheinend war sein Haar früher einmal blond gewesen, aber jetzt war es zu einem schlammigen Grau verblasst, das gerade noch so viel von der ursprünglichen Farbe zeigte, um schütter zu wirken. Die Augen, hinter geschwollenen Lidern versunken, waren von einem verwaschenen Braun, doch ihr Blick war noch immer offen und durchdringend.

»Gelinde gesagt«, begann er, nachdem ein Minimum an Höflichkeiten ausgetauscht worden war, »übertrifft die masadanische Reaktion auf die Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit an Bord der Intransigent meine kühnsten Erwartungen. Nicht nur, dass der Vorsitzende Älteste den Wunsch geäußert hat, Seine Königliche Hoheit kennen zu lernen, auch die Hohen Ältesten sollen an dem Treffen teilnehmen. Soweit ich sagen kann, nimmt tatsächlich jeder, der jemand ist, und jeder, der für jemanden gehalten werden will, an einem umfänglichen Konklave der Ältesten teil, das die Wahren Gläubigen zufälligerweise auf den gleichen Zeitraum gelegt haben.«

»Das ist wunderbar, Sir«, sagte Lawler.

»Würde ich auch sagen«, entgegnete Faldo. »Aus diesem Grunde möchte ich jedenfalls unser morgiges Treffen vorverlegen. Wir werden pünktlich zur Mittagsstunde beim Vorsitzenden Ältesten erwartet, und ich möchte dieses wichtige Ereignis in nicht zu knapper Zeit vorbereiten. Der Vorsitzende Älteste ehrt uns damit, dass er uns einen Besprechungsraum in der Halle der Gerechten zur Verfügung stellt.«

Wir wollen nirgendwo sprechen, wo er uns nicht abhören kann, überlegte Michael mit ererbtem Zynismus. Wahrscheinlich jedenfalls. Er weiß, dass Faldo auf diese Weise nicht allzu viel Zeit hat, mich einzuweisen, was ich zu tun und zu lassen habe. Vielleicht glaubt er, er kann mich irgendwie über den Tisch ziehen.

Michael hörte aufmerksam zu, während die Planung für den kommenden Tag erstellt wurde, nur wurde nichts weiter Wichtiges ausgesprochen aus Furcht, entweder die Haveniten oder die Masadaner könnten etwas hören, was nicht für ihre Ohren bestimmt war. Eine Signalverbindung mit Bündelstrahl war eine feine Sache, doch als angehender Signaloffizier kannte Michael nur allzu viele Möglichkeiten, ihre Sicherungsmechanismen zu umgehen.

Nachdem die Verbindung beendet worden war, nahm Lawler sein Schreiten wieder auf; mit lebhaftem Enthusiasmus rieb er sich in die Hände.

»Nun, das ist interessant, sehr interessant …«, begann er, doch Hill unterbrach ihn.

»Das stimmt«, sagte er. »Gegen die Politik des Vorsitzenden Ältesten Simonds hat sich bereits Widerstand gebildet. Ich frage mich, ob er auf diese Weise seinem Volk seine eigene Wichtigkeit beweisen und es überzeugen will, was es an ihm als Staatschef hat.«

»Der Berg kommt zum Propheten, und dergleichen«, entgegnete Lawler. »Richtig. Nun, lassen wir ihn doch seine Spielchen treiben.«

»Bei aller Bescheidenheit, Sir«, widersprach Hill, ohne im Mindesten bescheiden zu klingen, »ich würde diesen Vergleich nicht benutzen. Die Wahren Gläubigen lehnen sogar das Neue Testament der christlichen Bibel ab; den islamischen Glauben würden sie – wenn sie sich überhaupt daran erinnern – als Ketzerei betrachten.«

Lawler blickte einen Augenblick verdutzt drein, dann setzte er sein Händereiben fort.

»Genau! Darum sind diese Einweisungen so wichtig. Fehler können wir uns nicht erlauben.«

Michael hob die Hand und fühlte sich mehr denn je wieder wie ein Schüler.

»Mr Lawler, ich sollte diese Änderung des Zeitplans unbedingt Lieutenant Dunsinane melden.«

Lawler machte eine ausholende, oberflächliche Handbewegung.

»Tun Sie das, Königliche Hoheit. Ich werde den Lieutenant schriftlich darum bitten, Sie während dieser entscheidenden Periode manticoranischer Diplomatie von Ihren routinemäßigen Bordpflichten zurückzustellen.«

Als Michael zum Intercom ging, um den 2TO anzurufen, ertappte er sich bei der Überlegung, was genau der nächste Tag bringen mochte, und hoffte wider alle Vernunft, dass er keine sehr erboste Lieutenant Dunsinane einschloss.

Carlie las die Nachricht Mr Lawlers zuerst ungläubig, dann verärgert. So lange starrte sie auf den Bildschirm, dass beide Gefühle schließlich zu einer allgemeinen Verblüffung verschmolzen.

… ersucht, dass Mister Midshipman Winton von einem Teil seiner Bordpflichten freigestellt wird, um zu diesem diplomatisch entscheidenden Moment den Erfordernissen Ihrer Königlichen Majestät bestmöglich dienen zu können.

Es folgte noch mehr davon im gleichen besänftigenden und leicht schwülstigen Ton, doch alles lief auf das hinaus, was in der ersten Zeile schon deutlich ausgesprochen worden war: Midshipman Winton sollte Urlaub von seinen Pflichten als Besatzungsmitglied der Intransigent bekommen, damit er den Kronprinzen spielen konnte.

Sie hatte natürlich gewusst, dass Michael mit Mr Lawlers Kontingent auf den Planeten gehen würde, aber nicht damit gerechnet, Mr Lawler könnte so kühn sein, auch nur anzudeuten, dass es für einen Raumkadetten etwas geben könnte, das wichtiger war als seine Bordpflichten. Sie war davon ausgegangen, dass Midshipman Winton seine Ausflüge auf den Planeten in seiner Freizeit absolvieren würde. Schließlich hatte sie auch für seine diversen Treffen mit Lawler und Co genügt, oder?

Ihre erste Reaktion bestand in Ablehnung. Dann kam ihr die Wendung ›diplomatisch entscheidender Moment‹ in den Sinn. Dass es Haveniten in diesem Sonnensystem gab, war kein Geheimnis, und Havies waren weder als zimperlich noch subtil bekannt. Dass Haven – wie auch Manticore – bewaffnete Präsenz zeigten, wies deutlich darauf hin, wie labil die Situation war.

Konnte die Anwesenheit von Kronprinz Michael die Haltung der Masadaner gegen die Manticoraner beeinflussen? Wäre sie töricht, wenn sie sich hier an die Vorschriften klammerte? Widerstrebend, denn eigentlich wollte sie das Reglement buchstabengetreu befolgen, rief Carlie Commander Boniece an und erhielt seinen ersten verfügbaren Sprechtermin.

Tag Tilson winkte ihr träge zu, als er den Besprechungsraum des Kommandanten verließ, und Carlie fragte sich einen Augenblick lang, ob der Signaloffizier vielleicht auch wegen Michael Winton zugegen sei. Dann wurde sie vom Kommandanten hereingerufen.

»Ja, Lieutenant?« Abelard Boniece wirkte belustigt, als er sie in einen Sessel winkte. »Bei Ihrem Anruf sagten Sie, Sie müssten mich wegen Mr Winton sprechen. Ich habe die Nachricht gelesen, die Sie mir in Kopie weitergeleitet hatten. Sie können von da ab fortfahren.«

Wenn der Kommandant ernst oder sogar ärgerlich gewirkt hätte, wäre Carlie nicht so verunsichert gewesen wie über das Funkeln in seinen Augen. Sie setzte sich gerade und versuchte zu berichten, als seien sie mitten im Gefecht.

»Jawohl, Sir. Offen gesagt weiß ich nicht, was ich tun soll. Mr Winton ist auf Kadettenfahrt. Ich habe den Eindruck, dass die Ablenkung durch das Diplomatspielen ihm nicht gut tut.«

Commander Boniece zog nur eine Braue hoch, und Carlie beeilte sich zu erklären:

»Ich wusste von Anfang an, dass Mr Winton diesen Ablenkungen ausgesetzt sein würde, Sir. Dennoch waren sie bis jetzt immer seinen Bordpflichten nachgeordnet. Mr Lawler verlangt jedoch im Grunde, dass wir ihnen Vorrang einräumen.«

»Genau das ist der Punkt«, stimmte Commander Boniece ihr zu. »Sein Ersuchen überschreitet aber nichts, womit wir nicht von dem Augenblick an rechnen mussten, zu dem die Intransigent nach Masada beordert wurde.«

»Wahrscheinlich nicht, Sir«, räumte Carlie widerwillig ein.

Commander Boniece blickte sie unverwandt an, und jede Andeutung von Heiterkeit war aus seinem Gesicht verjagt.

»Sind Sie unzufrieden mit Mr Wintons Führung, Lieutenant?«

»Eigentlich nicht, Skipper. Seine Pflichten erledigt er, aber er scheint anders zu sein als die anderen Middys.«

»Vielleicht liegt das daran«, entgegnete Boniece, »dass Mr Winton anders ist als jeder andere Kakerlak – auf der Intransigent und auf jedem anderen Schiff Ihrer Majestät Navy.«

Carlie riss die Augen auf. Den Begriff Kakerlak wandte man offen und manchmal geradezu als Kosename auf Raumkadetten an, doch soweit sie sich erinnern konnte, war dies das erste Mal, dass ein Midshipman der Intransigent damit belegt wurde.

Commander Boniece schien anzunehmen, sie habe ihn verstanden, denn sein Lächeln kehrte flüchtig zurück, bevor er seinen Gedankengang weiter verfolgte.

»Während Sie Mr Winton beobachtet haben«, sagte er, »habe ich Sie beobachtet, Lieutenant. Mir will es vorkommen, als würden Sie versuchen, Michael Winton mit Gewalt zu einem Midshipman wie jeder andere zu machen. Was Sie nun begreifen müssen ist, dass Michael Winton niemals wie jeder andere sein wird, und wenn er hundert Jahre in der Navy dient. Selbst wenn die Queen zwanzig Kinder zur Welt bringt, ist und bleibt er doch ihr einziger Bruder. Sie werden das akzeptieren und sich danach richten. Das ist ein Befehl.«

»Jawohl, Captain.«

Er klang so scharf, dass Carlie sich anschickte aufzustehen und zu salutieren, weil sie glaubte, abtreten zu können, doch Commander Boniece bedeutete ihr, ruhig zu bleiben.

»Denken Sie bitte auch über Folgendes nach, Carlie«, sagte er. »Nicht nur Mr Winton ist anders als jeder, mit dem er dient – jedes Mitglied unserer Crew unterscheidet sich von allen anderen.«

Carlie blinzelte ihn an, zu erstaunt, um auch nur ein routinemäßiges ›Jawohl, Sir‹ hervorzubringen.

»Haben Sie sich je gewundert, Lieutenant Dunsinane«, fuhr Boniece fort, »weshalb der Zwote Taktische Offizier das Kommando über die Kadettenkammer bekommt? Was hat schließlich etwa ein Dutzend Kakerlaken damit zu tun, einen Angriff oder eine Verteidigung zu planen, und zu entscheiden, ob man das Schiff rollt oder aus allen Rohren feuert?«

»Jawohl, Skipper«, sagte Carlie zu verwirrt, um ihm auszuweichen. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich das getan.«

»Taktik«, fuhr Boniece fort, »ist der Weg, der am direktesten zum eigenen Kommando führt, und ein Kommandant muss erlernen, mit dem wichtigsten Kapital umzugehen, über das ein Schiff verfügt – die Besatzung. Im Gegensatz zu Graserlafetten und Raketenwerfern wird eine Crew nicht mit einem hübschen Handbuch ausgeliefert, in der Sie Grenzen und Vorzüge nachlesen können. Besatzungen sind unberechenbar, lästig, überraschend und erstaunlich.«

Carlie, die allmählich begriff, worauf er hinauswollte, kam sich vor wie eine Vollidiotin. Es sah jedoch ganz danach aus, als sei Boniece im Begriff, in ihrem Stammbuch noch einige Seiten zu füllen.

»Wenn Sie das weiße Barett bekommen, werden Sie mit menschlichen Temperamenten aller Art zu tun haben. Sie werden lernen müssen, wie Sie bei jedem das Beste hervorlocken. Manchmal bedeutet das, jemanden zu bevorzugen, der eigentlich noch nicht lange genug dabei ist, um diese Bevorzugung zu verdienen. Manchmal müssen Sie auch jemanden übergehen, für den dem Reglement nach alles spricht. Sobald Ihr Schiff von der Basis ausgelaufen ist, gibt es keinen Vorratsraum mit Ersatzleuten mehr. Sie müssen Ihre Crew auf Vielseitigkeit und Flexibilität drillen – und umgekehrt auf absolute Unfehlbarkeit auf ihren jeweiligen Gebieten.«

Carlie nickte.

»Ich denke, ich habe meine Kakerlaken« – sie grinste, während sie das bisherige Tabuwort aussprach – »nicht so behandelt, wie sie es verdienen. Ich werde es nicht vergessen, Sir. Und nun, wo Sie es sagen, fällt mir auf, dass Mr Winton mehr als das schuldige Maß an Arbeit verrichtet hat. Ich glaube, er kann hier und da ein paar Stunden erübrigen. Mir wäre es allerdings lieb, wenn er sich zur Übernachtung zurück an Bord begibt.«

Commander Boniece blickte sie mit hochgezogener Braue an.

»Ich glaube nicht, dass Mr Winton vergisst, wo seine Pflichten liegen«, erklärte Carlie. »Ich befürchte aber, dass Mr Lawler dazu neigt. Ich würde gern sicherstellen, dass Mr Winton wenigstens die ihm zukommende Nachtruhe erhält.«

»In dieser Hinsicht stehe ich hinter Ihnen, Lieutenant«, sagte der Kommandant. »Teilen Sie Mr Winton mit, er möge sich bereitmachen, an Land zu gehen, und erinnern Sie ihn daran, dass wir von ihm erwarten, dass er die Navy mit Stolz erfüllt.«

Von ihrer eigenen Notlage abgesehen hatte Judith noch andere Gründe, den Exodus des Schwesternbunds in Gang zu setzen.

Durch Anzapfen der privaten Kommunikationskanäle Ephraims hatte sie erfahren, dass regelmäßig Gesandtschaften anderer Sternnationen Masada aufsuchten. Sie hatte außerdem herausgefunden, dass einige dieser Gesandtschaften – besonders die eines Systems mit dem bezaubernden Namen Volksrepublik Haven – sich mit mehr als nur blanken Worten um Ephraims Unterstützung im Konzil der Ältesten bemühte.

Zwei Schiffe aus Ephraims Kaperflotte, der Psalter und der Sprüche, waren technisch modernisiert worden. Viel von dem, was die havenitischen Ingenieure an Bord der beiden Schiffe verrichteten, schärfte nur ihre Augen und Ohren, doch auf Ephraims Beharren hin waren auch ihre Zähne gespitzt worden. Weil die Haveniten so versessen waren zu zeigen, welch nützliche Bündnispartner sie wären, hatten sie nach nur kurzem Zögern eingewilligt.

Die Modifikationen des Psalter und des Sprüche waren sorgfältig angebracht worden, damit sie bei einer routinemäßigen Oberflächenabtastung nicht auffielen. Ephraim behauptete, es liege daran, dass weder das Konzil der Ältesten noch die Haveniten wollten, dass jemand die Umrüstungen entdeckte und schlecht von Ephraim dachte, weil er fortschrittliche Technik annahm. Dennoch hatte man sich mit der Tarnung der Verbesserungen solche Mühe gegeben, dass Judith sich kurz gewundert hatte, ob die Haveniten vielleicht einen Verdacht hatten, welchem Nebenerwerb Ephraim mit seinen Schiffen nachging.

Zu gegebener Zeit sollte auch der Aronsstab nachgerüstet werden. Es sagte einiges über Ephraims grundsätzlich konservative Natur aus, dass er beschlossen hatte, zunächst andere Schiffe als das Flaggschiff seiner kleinen Flotte den Modifikationen zu unterziehen. Wie bei vielen anderen Kapitänen und ihren Schiffen war der Aronsstab eine Erweiterung von Ephraims Ego, und er wollte nicht an seinem anderen Ich herumdoktern lassen, bevor er die Resultate woanders beobachtet hatte.

Judith befürchtete, dass tiefgreifende Änderungen an den Systemen des Aronsstab die Flucht des Schwesternbunds verzögern könnten, weil sie erst lernen müsste, wie diese neuen Anlagen zu bedienen waren, und dann ihre Schwestern darin zu unterweisen hätte. Die Frauen waren ausnahmslos sehr mutig, aber – und das war angesichts ihrer masadanischen Erziehung auch kaum anders zu erwarten – bis auf wenige neigten sie alle dazu, Judiths Anweisungen rein mechanisch zu befolgen, statt die Aufgaben, die sie ihnen setzte, in irgendeiner Weise intellektuell zu erfassen.

Zum Glück gab es Ausnahmen. Ephraim hatte in den ersten Jahren ihrer Ehe stets Dinah mit auf die Reise genommen, und wie Judith hatte auch die älteste Frau sich nach Kräften bemüht, so viel wie möglich über die Funktionsweise des Sternenschiffs herauszufinden. Dinahs Kenntnisse waren mittlerweile zwar bedauerlich veraltet, doch wenigstens verstand sie sich auf Taktik und dreidimensionale Navigation. Viele der Schwestern jedoch konnten sich, ganz gleich, wie eindringlich Judith ihnen die eigentlichen Verhältnisse erklärte, nicht von der Vorstellung lösen, ihr Schiff bewege sich über eine ebene Fläche.

Während Judith Kapitän werden sollte, würde Dinah die Pflichten des Ersten und des Artillerieoffiziers übernehmen. Dinahs älteste Tochter Mahalia, eine Witwe, die man nach dem Tod ihres Mannes in ihr Vaterhaus zurückgeschickt hatte, wurde mit dem Maschinenleitstand betraut. Ephraims dritte Frau Rena, Mutter vieler Kinder, sollte für die Schadensbehebung im Gefecht verantwortlich sein.

Naomi, Gideons zweite Frau, würde die Passagiere betreuen – denn Judith und Dinah waren entschlossen, so viele von den Schwestern mitzunehmen, wie es nur ging. Immerhin war es ja Sinn und Zweck des Wagnisses, die Schwestern von Masada fortzubringen. Die Anführerinnen waren sich nur zu bewusst, dass sie keine zweite Chance erhalten würden, und blieb eine Schwester zurück, so drohte ihr, falls auch nur der Schatten des Verdachts auf sie fiel, sie stünde mit den Rebellinnen in Verbindung, ein gründliches und sehr schmerzhaftes Verhör.

Judith wusste nichts darüber, wie die meisten Schwestern fliehen sollten. Dieser Teil der Planung lag ganz in Dinahs Händen. Indessen war Judith bekannt, dass für jede Schwester mehrere Fluchtpläne existierten und sich aus den meisten Haushalten nur eine oder höchstens zwei Frauen davonmachen müssten. Die Konzentration von Schwestern in Ephraims Haus war bemerkenswert, aber eigentlich nicht überraschend, da Dinah dort lebte, der Kopf des Bundes.

Judiths Flucht lag geradezu greifbar nahe. Zusammen mit Mahalia und Rena sollte sie den Frachtshuttle Blume in ihre Gewalt bringen. Wenn der Versuch fehlschlug, würde der Rest des Planes nicht einmal in Bewegung gesetzt werden, denn ohne die Blume war der Aronsstab unerreichbar.

Judith machte es Sorge, wie wenige geschulte Frauen ihr zur Verfügung standen, um den Aronsstab zu bemannen – vorausgesetzt, die Schwestern konnten überhaupt an Bord gelangen, die kleine Wartungscrew überwältigen und die Umlaufbahn verlassen. Im Computersystem waren jedoch zahlreiche Routinemanöver vorprogrammiert, und jeder Ressortleiterin Judiths standen mehrere Assistentinnen zur Seite. Diese Helferinnen wussten zumindest, wie man das, was der Computer zu bieten hatte, optimal einsetzte.

Judith grübelte über den möglichen Ersatzleuten – sie wusste alle Informationen auswendig, denn die oberste Regel des Schwesternbundes verlangte, schriftliche Aufzeichnungen zu vermeiden, wenn es irgend ging –, als Dinah sie zu sich und den lauten Kindern im Spielzimmer rief.

Die Augen der Ältesten leuchteten vor kaum unterdrückter Aufregung.

»Ich glaube, der Herr teilt das Rote Meer für uns«, sagte sie leise. Dann fuhr sie in normaler Lautstärke fort: »Ich komme gerade von Ephraim. Er hatte mich gerufen, um mir Anweisungen für seine bevorstehende Abwesenheit zu erteilen.«

Trotz Dinahs einleitender Worte sank Judith das Herz. Wollte Ephraim den Aronsstab für eine erneute Reise nehmen?

»Abwesenheit?«, brachte sie hervor.

»Ja. Eine Delegation von einer der Sternnationen ist eingetroffen – von der, die von einer Königin regiert wird.«

Nun begriff Judith, warum Dinahs Augen leuchteten. Judith hatte stets die Volksrepublik Haven als ihre potenzielle Zuflucht betrachtet, zum einen wegen ihres Namens, zum anderen, weil sie sich zur Beschützerin der Schwachen und Unterdrückten erklärte. Dinah hingegen bevorzugte das Sternenkönigreich von Manticore.

Dass Manticore von einer Königin regiert wurde, war nicht Dinahs einziger Grund – auch wenn ihr das wichtig war. Dinah führte in nach Judiths Ansicht zynischer Weise an, dass eine Nation, die wie die Volksrepublik so viel Zeit darauf verwende zu unterstreichen, wie sie die Unterdrückten verteidige, wahrscheinlich etwas zu verbergen habe.

»Also wirklich, Kind«, hatte Dinah einmal mit einer Spur Ungeduld gesagt. »Sieh dir unsere Männer an, wie sie immer davon reden, wie sehr sie Gott lieben, seinem Willen gehorchen und gegen das Apostat kämpfen. Wir hingegen wissen, wie wenige von ihnen Gott so sehr lieben wie ihre Ehre und Stellung.

Ephraim sagt, er baue seine Flotte auf und schule sie durch Kaperfahrten, damit er in der Schlacht gegen das Apostat in der ersten Reihe kämpfen kann, aber ganz gewiss stört ihn der Gewinn, den er inzwischen einbringt, kein bisschen. Du warst noch nicht bei uns, als er in das Konzil der ältesten gewählt wurde, doch Satan in seiner eitlen Majestät könnte nicht stolzer gewesen sein. War ihm das aber Ehre genug? Nein, jetzt versucht Ephraim zum Hohen Ältesten ernannt zu werden – dabei ist er noch keine sechzig.«

Judith hatte eingeräumt, dass Dinah in diesem Punkt Recht hatte, aber wegen der Furcht erregenden Ungeheuer in der manticoranischen Heraldik blieb dennoch ein ungutes Gefühl in ihr zurück. Auch die Vorstellung einer Adelsherrschaft gefiel ihr wenig; das klang ihr zu sehr nach den Verhältnissen auf Masada.

Dinah jedoch wusste noch ein gewichtigeres Argument anzuführen.

»Wenn diese Volksrepublik wirklich die Rechte anderer Menschen so tief respektiert, wie kommt es dann, dass die Haveniten ausgerechnet Ephraims Schiffe verbessern – sogar ihren Kampfwert erhöhen? Man könnte ja glauben, sie handeln aus reiner Menschenfreundlichkeit, aber vergiss nicht, wie mühelos er sie von seinen Ansichten überzeugen konnte, als es um Waffen ging.«

Judith musste zwar einräumen, dass Dinahs Argument nicht ohne Gewicht war, sie wusste aber auch, wie überzeugend Ephraim auftreten konnte. Auf jeden Fall spielte es keine Rolle, ob nun Dinah Recht hatte oder sie. Der Schwesternbund war übereingekommen, sich auf der Flucht von Gott leiten zu lassen, und die Ankunft des manticoranischen Schiffes zu dem Zeitpunkt, an dem der Exodus eingeleitet wurde, erschien ganz als Zeichen des Herrn.

»Warum bedeutet die Ankunft eines manticoranischen Schiffes, dass Ephraim fortmuss?«, fragte Judith.

»Die Manticoraner haben jemanden sehr Wichtigen ausgesandt, der vor dem Konzil sprechen soll«, antwortete Dinah, und obwohl ihre Stimme sehr respektvoll klang, funkelten ihre Augen übermütig. »Anscheinend sind wir die ganzen Jahre über töricht gewesen anzunehmen, dass solch ein mächtiges Königreich von einer schwachen Frau regiert werde. Vielmehr scheint ein Prinz die Fäden der Macht in den Händen zu halten, obwohl er noch ein Kind war, als sein Vater starb, sodass an seiner statt die Schwester gekrönt wurde. Als erwachsener Mann kommt der Prinz nun zu uns, um mit unseren Ältesten zu beraten.«

»Und solch einen wichtigen Anlass versäumt kein Altester«, entgegnete Judith. Ihr pochte das Herz vor Aufregung.

»Kein einziger«, stimmte Dinah ihr zu. »Ephraim hat Gideon und seinen anderen Söhnen befohlen, ihn zu begleiten.«

»In vielen anderen Häusern wird es genauso sein«, sagte Judith, »denn steht es nicht geschrieben, dass die Kraft eines Mannes in seinen Söhnen liegt?«

»Das ist nicht einmal alles«, fuhr Dinah fort. »Aus gut informierter Quelle weiß ich, dass die Flotte zu einem Manöver ausläuft.«

»Man fürchtet doch keinen manticoranischen Angriff?«

»Nicht im Geringsten. Die Manticoraner suchen Verbündete, kein System, das sie verwalten müssen. Die Flotte möchte den Manticoranern jedoch nicht offenbaren, über welche Mittel wir verfügen.«

Judith dachte an die Modernisierungen am Psalter und am Sprüche und überlegte, ob ähnliche Umrüstungen auch an Schiffen der Militärflotte unternommen worden waren – vielleicht gerade so viele, dass die Admiralität Geschmack bekam an dem, was die Volksrepublik zu bieten hatte. Sie begriff sehr gut, weshalb die Flotte nicht ohne guten Grund ihre Karten auf den Tisch legen wollte.

»Gott ist wahrlich auf unserer Seite«, hauchte Judith. »Ein paar Patrouillenbooten müssten wir entkommen können.«

Sie lächelten sich an. Gott schien wirklich das Rote Meer vor ihnen geteilt zu haben, denn in keinem einzelnen ihrer Pläne hatten sie gewagt vorauszusetzen, dass so viele Männer nicht zu Hause wären.

Und dennoch stand der Erfolg des Exodus längst nicht fest. Viele Häuser waren während der Abwesenheit ihres Herrn umso stärker gesichert als sonst, viele Frauen gezwungen, ihre Männer zu begleiten, und damit an der Flucht gehindert. Und jeder einzelne Schritt der Flucht musste von Erfolg gekrönt sein: die Eroberung des Shuttles, das Überwinden der Wartungscrew, das Verlassen der Umlaufbahn, das Erreichen der Hypergrenze. Judith schwirrte der Kopf, musste aber zugeben, dass die Vorzeichen zu gut waren, um sie zu ignorieren.

Die Schwester waren allen Gefahren zum Trotz entschlossen, den Versuch zu unternehmen. Der Tod war dem Leben, das sie hinter sich ließen, vorzuziehen. Wenn sie im letzten Augenblick doch scheitern sollten, so gäbe der Aronsstab einen wunderbaren Scheiterhaufen ab, sagte Judith sich grimmig. Vielleicht war sein helles Strahlen der nächsten Moses ein Leitstern, wenn sie mit ihrem Versuch die Schwestern endlich in die ersehnte Freiheit führte.

Michael hatte gedacht, er sei auf alles vorbereitet. Doch als Lieutenant Dunsinane ihm nicht nur mitteilte, dass er von seinen Bordpflichten befreit sei, damit er mit Mr Lawler auf dem Planeten landen konnte, sondern dabei auch noch lächelte, war er so erstaunt, dass er beinahe vergessen hätte, ihr zu danken.

»Ich habe mir Ihre Arbeit noch einmal angesehen«, fuhr Dunsinane fort, als Michael seinen gestammelten Dank beendet hatte, und eine Spur ihrer alten Strenge kehrte zurück, »und mir ist nun klar, dass Sie erfüllt haben, was man Ihnen auftrug. Aber danken Sie mir nicht zu früh. Ihr Landurlaub hat eine Bedingung, Mr Winton.«

»Jawohl, Lieutenant?«

»Sofern Sie nicht durch etwas Unaufschiebbares daran gehindert werden, sind Sie angewiesen, sich jeden Abend wieder an Bord zu melden.«

»Da wird es keine Schwierigkeiten geben, Ma’am«, versprach Michael. »Mr Hills Einweisung zufolge sähe es den Wahren Gläubigen in keiner Weise ähnlich, irgendwelche Besprechungen nach dem Abendessen anzusetzen. Es widerspräche ihren Gebräuchen. Das Einzige, was mir entginge, wäre Mr Lawlers Zusammenfassung der Ereignisse.«

Dunsinane grinste zwar nicht, doch ihr zuckender Mundwinkel konnte bedeuten, dass sie den erleichterten Unterton bemerkt hatte, der sich unbeabsichtigt in Michaels Stimme geschlichen hatte, als in ihm die Hoffnung aufkeimte, er könnte einigen von Mr Lawlers ausführlichen – und weitgehend sinnlosen – Analysesitzungen entkommen.

»Ich bin sicher, dass Mr Cayen Ihnen gerne eine Mitschrift anfertigt«, fuhr Lieutenant Dunsinane so überzeugt fort, dass Michael der Verdacht beschlich, sie könnte bereits dafür gesorgt haben.

Tatsächlich hatte Michael zum ersten Mal das Gefühl, der 2TO arbeite mit ihm statt gegen ihn, und er war fest entschlossen, sich nicht als Enttäuschung zu entpuppen.

Am frühen Morgen trug eine Pinasse der Intransigent sie zu einem größeren masadanischen Raumhafen hinab. Dem Leichten Kreuzer war ein enger Parkorbit verwehrt geblieben; vielmehr musste die Intransigent einen so großen Abstand zum Planeten einhalten, dass Michael sich fragte, ob die Masadaner etwa mit einem Angriff rechneten.

Wahrscheinlich würde jeder Planet, der gewohnheitsmäßig den nächsten Nachbarn angreift, befürchten, seine stärkeren Nachbarn könnten ihn genauso behandeln, dachte er. Vielleicht aber auch nicht. Die Wahren Gläubigen scheinen wirklich davon auszugehen, dass Gott auf ihrer Seite steht und alles andere keine Rolle spielt. Vielleicht glauben sie nur, sie hielten uns außer Sensorreichweite.

Er grinste leicht. Wenn die Masadaner das wirklich annahmen, dann ahnten sie nicht im Entferntesten, wie leistungsfähig die Sensoren der Intransigent waren. Der Leichte Kreuzer nahm alles ganz genau auf, was im Umkreis Masadas geschah. Nur hinter einer hinreichend großen Masse – dem Planeten selbst zum Beispiel – konnte man etwas vor seinen feinen Sinnen verborgen halten.

Die Pinasse landete auf einem Raumhafen, von dem Michael wusste, dass er auf Masada die größte und modernste Einrichtung seiner Art war. Verschiedene Elemente in Entwurf und Aufbau verrieten indes, worauf das Hauptaugenmerk der Wahren Gläubigen lag: dem Aufbau ihrer Militärflotte. Aus Mr Lawlers Vorträgen wusste er, dass die Navy einen schwindelerregend hohen Anteil ihres Bruttosystemprodukts verschlang. Dennoch wirkte die Anlage auf manticoranische Augen recht primitiv.

Nichts, was er auf dem Raumhafen sah, bereitete ihn auf die Stadt Gottes vor. Was Michael als Erstes ins Auge fiel, war die überwältigende Anzahl von Menschen, die zu Fuß unterwegs waren. Männer wie Frauen hatten sich gegen das raue Wetter verhüllt und stapften mit gebeugtem Kopf und schicksalsergebener Haltung gegen den schneidenden Wind an.

Der Fahrzeugverkehr war minimal und schien auf Lastwagen beschränkt zu sein. Und tatsächlich brachte ihr Führer sie nicht zu einem Privatfahrzeug, sondern an eine Treppe, die in einen spärlich beleuchteten und recht abweisend wirkenden Stollen hinunterführte.

»Die Wahren Gläubigen«, bemerkte John Hill im teilnahmslosen Ton eines Fremdenführers, »legen großen Wert darauf, ohne unnötige Technik zu gedeihen. Daher unterhalten auch ihre bedeutendsten Volksvertreter in einer Stadt keine privaten Fortbewegungsmittel. Jeder benutzt den öffentlichen Nahverkehr.«

»Richtig«, sagte Lawler. »Hatte ich ganz vergessen.«

Nachdem sie zu den Schächten des Transitnetzes hinuntergestiegen waren, bemerkte Michael rasch, dass alle Wahren Gläubigen zwar auf den gleichen Schienen reisten, aber keineswegs unter gleichen Bedingungen. Frauen, die von Kopf bis Fuß in alles umschließende Gewänder gehüllt waren und Schleier trugen, sodass nur ihre demütig niedergeschlagenen Augen zu sehen waren, wurden in eigenen Waggons abgesondert, die, wie Michael sah, nur sehr wenige Sitze aufwiesen. Vermutlich war auch hier Hintergrund die Geißelung des Fleisches.

Frauen, die mit Kindern reisten, durften sich setzen, damit sie die Kinder sicher angeschnallt auf dem Schoß halten konnten. Die Männerwagen waren grundsätzlich mit Sitzen ausgestattet, offensichtlich, damit die Passagiere während der Fahrt lesen oder arbeiten konnten. Michael entdeckte nur wenige Köpfe, die nicht aufmerksam über den einen oder anderen Text gebeugt waren.

Untätigkeit ist aller Laster Anfang, dachte er und verkniff sich ein schiefes Grinsen, damit ihr humorloser Führer nicht glaubte, er mache sich über das Bahnsystem lustig. Gibt es nicht irgend so ein Sprichwort?

Er bemerkte ferner, dass nicht alle Wagen das Gleiche Maß an Luxus boten. Die Mehrzahl war auf beiden Seiten eng mit simplen Bänken aus Formplastik bestuhlt, zwischen denen ein Gang hindurchführte. Andere Wagen jedoch hatten in größerem Abstand gepolsterte Sitze, auf denen man grundsätzlich in Fahrtrichtung saß. Der Wagen, in den der Führer die manticoranische Delegation winkte, hatte nicht nur Polstersitze, sondern auch Vorhänge vor den Fenstern und eine bessere Beleuchtung.

Andererseits, rief sich Michael ins Gedächtnis, halten die Wahren Gläubigen zeitweiligen Erfolg für ein Zeichen göttlichen Wohlwollens. Wenn also jemand das Recht errungen hat, stilvoll zu reisen, frönt er nicht etwa dem Luxus, denn Gott ist ihm gewogen und wünscht, dass er besser reist als seine sündigeren Zeitgenossen.

Als er sich in den bequemen Sitz niederließ und das Polster sich angenehm an seinen Körper anpasste, um die übelsten Stöße und Erschütterungen abzufangen, musste Michael wieder an die Frauen denken, die sich in den Stehwaggons drängten. Durch die schweren Gewänder und Wintermäntel, die diese Frauen ausnahmslos trugen, war es nicht leicht zu erkennen gewesen, doch hatte Michael ihrem Gang entnommen, dass einige von ihnen schwanger waren. Dabei wurde das ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Honor Harrington: Die Spione von Sphinx" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen