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HONOR HARRINGTON: Die Raumkadettin von Sphinx

INHALTSVERZEICHNIS

David Weber
Die Raumkadettin von Sphinx
(Ms. Midshipwoman Harrington)

David Weber
Weltenwandler
(Changer of Worlds)

Eric Flint
Aus den Highlands
(From the Highlands)

David Weber
Einbruch der Nacht
(Nightfall)

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

»Sieht ganz nach Ihrem Kakerlak aus, Senior Chief.«

In der tiefen Stimme des Wache stehenden Marineinfanteristen schwang eine seltsam schadenfrohe Sympathie mit. Er sprach in jenem Ton, in dem ein Marine traditionellerweise einem ›Deckschrubber‹ der Navy mitteilte, dass dessen Hose in Flammen stehe oder etwas ähnlich Amüsantes sich ereignet habe, und Senior Chief Petty Officer Roland Shelton ignorierte den ›Bürstenkopf‹ mit der stolzen Herablassung, die jede überlegene Lebensform einer evolutionär untergeordneten entgegenbringt. Nachdem seine Augen der beinahe unmerklichen Kopfbewegung des Corporals gefolgt waren und er die angezeigte Person in der überfüllten Raumdockgalerie ausgemacht hatte, fiel es ihm jedoch ein wenig schwerer als sonst, seine Pose beizubehalten. Das ist ganz sicher nicht mein Kakerlak, dachte er, ohne allzu offensichtlich in ihre Richtung zu blicken, die gehört bestimmt jemand anderem. Ihre Raumkadettenuniform saß tadellos, doch sowohl die Uniform als auch die Kontragrav-Kiste, die sie hinter sich herzog, waren funkelnagelneu, und Shelton würde sich nicht gewundert haben, wenn die Frau gerochen hätte wie ein neuer Flugwagen. Überdies wirkte die Kiste irgendwie ungewöhnlich – anscheinend saß etwas obenauf, das halb so groß war wie die Kiste selbst. Shelton maß diesem Umstand kaum Bedeutung zu, denn Raumkadetten schleppten immer wieder allerlei persönliche Habseligkeiten an, von denen sie hofften, dass ihr Besitz keine Vorschrift verletze; in der Hälfte aller Fälle irrten sie sich. Sollte dieser spezielle Kakerlak tatsächlich Sheltons Schiff zugewiesen sein, so bliebe mehr Zeit als nötig, um diesen Irrtum auszubügeln. Sie kommt näher, überlegte er, aber vielleicht hat sie auch schlicht und ergreifend die Orientierung verloren und will gar nicht zur War Maiden.

Hoffte er.

Sie war eine hoch gewachsene junge Frau, größer als Shelton, mit dunkelbraunem, kurz geschorenem Haar, einem ernsten, spitzen Gesicht, das allein aus der Nase zu bestehen schien (die man wohlwollend als ›markant‹ bezeichnen konnte), und großen, beinahe mandelförmigen Augen. In diesem Moment war ihr Gesicht zwar völlig ausdruckslos, aber ihre Augen leuchteten so hell, dass jeder erfahrene Bootsmann resigniert aufgestöhnt hätte.

Zudem sah sie aus wie eine Dreizehnjährige – wahrscheinlich nur, weil sie eine Prolong-Empfängerin der dritten Generation war, aber es machte sie nicht im Mindesten erwachsener, wenn man den Grund ihrer Jugendlichkeit kannte. Immerhin bewegt sie sich anständig, gestand Shelton ihr beinahe widerwillig zu. Ihre Haltung bewies athletische Anmut, und ihre augenscheinliche Selbstsicherheit schien ihrer Jugend zu widersprechen; mühelos wich sie anderen Raumfahrern aus, während sie die menschenüberfüllte Galerie durchquerte, und dabei erweckte sie beinah den Eindruck, sie führe eine Art Freistiltanz auf.

Wäre Shelton nichts weiter an ihr aufgefallen, so hätte er sie vermutlich (vorläufig und nicht ohne Hoffnung) etwas höher eingestuft als die durchschnittlichen jungen Ladys und Gentlemen, die Bachkiesel, aus denen Bootsleute wie er Diamanten schleifen sollten. Leider war ihre Körperhaltung nicht das Einzige, was ihm an ihr auffiel, und nur dank seiner vierunddreißigjährigen Diensterfahrung gelang es ihm, sein Entsetzen zu verbergen, als er auf ihrer Schulter die sechsgliedrige sphinxianische Baumkatze mit den spitzen Ohren, den langen Schnurrhaaren und dem seidigen Fell erblickte.

Eine Baumkatze. Eine Baumkatze an Bord seines Schiffs! Und noch dazu im Kakerlakennest. Allein der Gedanke genügte, um bei einem Mann, der an geregelte Abläufe und Navytraditionen glaubte, juckenden Hautausschlag hervorzurufen, und Shelton verspürte das dringende Bedürfnis, die Arme auszustrecken und den ausdruckslos grinsenden Marine neben sich zu erwürgen.

Einige Sekunden lang gab er sich der Hoffnung hin, die Kadettin hätte sich verirrt oder müsste nur an der War Maiden vorbeigehen, um zu dem Schiff zu kommen, dem sie eigentlich zugeteilt war. Doch unbeirrbar nahte das Verhängnis, nahte in Gestalt einer Raumkadettin mit Baumkatze, die geradewegs auf die Zugangsröhre des Schweren Kreuzers Seiner Majestät Navy War Maiden zumarschierte.

Shelton und der Marine salutierten, und sie erwiderte den Gruß mit einer Zackigkeit, die Unerfahrenheit und Aufregung verriet – und dennoch eine gewisse Reife ausstrahlte. Sie bedachte Shelton mit einem kurzen, prüfenden Blick – den er sich eher einbildete, als dass er ihn sah –, wandte sich jedoch ausschließlich an den Posten.

»Midshipwoman Harrington meldet sich zum Dienst, Corporal«, sagte sie mit deutlichem sphinxianischen Akzent, zog einen in einer offiziellen Navyschutzhülle steckenden Speicherchip aus der Uniformjacke und hielt ihn dem Posten hin. Für jemanden von ihrer Größe klingt ihr Sopran überraschend weich und nett, stellte Shelton fest, während der Marine den Chip entgegennahm und in sein elektronisches Klemmbrett einführte. Trotzdem wirkt ihre Stimme weder schüchtern noch unentschlossen. Dennoch, ihm drängte sich die Frage auf, ob jemand, der so jung klang, wie sie aussah, je einen angemessen scharfen Befehlston zustande bringen würde. Shelton ließ sich seine Gedanken zwar nicht anmerken, doch die ’Katz auf der Schulter der Kadettin neigte den Kopf zur Seite, starrte ihn mit ihren hellen, grasgrünen Augen an und zuckte mit den Schnurrhaaren.

»In Ordnung, Ma’am«, sagte der Marineinfanterist, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Daten auf dem Chip mit denen in seinem Klemmbrett übereinstimmten und sowohl Ms. Midshipwoman Harringtons Marschbefehl bestätigten als auch die damit verbundene Berechtigung, an Bord der War Maiden zu gehen. Er schnippte den Chip aus dem Klemmbrett und gab ihn ihr zurück, dann nickte er Shelton zu. »Senior Chief Shelton wartet schon auf Sie, glaube ich«, fuhr er fort, und nach wie vor verbarg er seine Schadenfreude kaum. Harrington wandte sich dem Senior Chief zu und wölbte eine Augenbraue.

Das beeindruckte Shelton nicht sonderlich. So gelassen sie auch wirken mochte: Er hatte sie seit über dreißig T-Jahren mit frisch gebackenen Midshipwomen und Midshipmen zu tun, die sich zu ihrer Raumkadettenreise meldeten, und das Leuchten in Harringtons Augen war Beweis genug, dass sie genauso beflissen und aufgeregt war wie alle anderen auch. Dennoch verlieh ihr die gewölbte Augenbraue eine kühle Autorität – oder besser gesagt: eine gewisse Selbstsicherheit. Sie verströmte nicht die Überheblichkeit, hinter der manche Kadetten die eigene Furcht oder das mangelnde Selbstvertrauen bewusst versteckten. Dazu benahm Harrington sich zu natürlich. Doch wie sie ihn ruhig, ohne Herablassung und völlig undefensiv fragend ansah, weckte sie in ihm unversehens einen Hoffnungsschimmer. Vielleicht hat die hier ja wirklich einen Kern aus Stahl, dachte der Senior Chief, aber dann blickte die ’Katz ihn mit wackelnden Schnurrhaaren an, und er schüttelte sich innerlich.

»Senior Chief Petty Officer Shelton, Ma’am«, hörte er sich selbst sagen. »Wenn Sie mir einfach folgen würden, ich bringe Sie zum Eins-O.«

»Vielen Dank, Senior Chief«, erwiderte sie und folgte ihm in die Röhre.

Mit der ’Katz.

Honor Harrington gab sich alle Mühe, ihre Aufregung zu verbergen, während sie hinter Senior Chief Shelton durch die Personenröhre schwamm, aber leicht fiel es ihr nicht. Fast ihr halbes Leben hatte sie auf diesen Augenblick hingearbeitet und über dreieinhalb endlose T-Jahre auf Saganami Island dafür geschwitzt und geackert. Nun war er gekommen, und die Schmetterlinge in ihrem Bauch vermehrten sich wie eine besonders fruchtbare Hefesorte. Als Honor am Bordende der Röhre ankam, packte sie die Haltestange und schwang sich hinter Shelton ins interne Schwerefeld des Kreuzers. Für sie war dieser Augenblick, in dem sie Seiner Majestät Raumstation Hephaistos verließ und an Bord von HMS War Maiden ging, ein symbolischer Moment. Während der Anblick, die Geräusche, der typische Geruch eines Sternenschiffs Seiner Majestät auf sie eindrangen, klopfte ihr Herz schneller. Hier schien alles irgendwie ein wenig anders zu sein als auf der Raumstation. Zweifellos bildete sie sich das nur ein, denn im Weltraum unterschied sich die eine künstliche Umgebung nicht sonderlich von der anderen, doch der Eindruck des Veränderung, das Gefühl, hier habe etwas ganz Besonderes auf sie persönlich gewartet, ließ sie innerlich erzittern.

Auf ihrer Schulter schalt Nimitz sie leise, und Honors Mund zuckte fast unmerklich. Einerseits verstand der Baumkater ihre freudige Erregung zwar ebenso gut wie das unvermeidlich damit einhergehende Beben, andererseits zeichneten die emphatischen ’Katzen sich vor allem durch ihren purem Pragmatismus aus. Natürlich war ihm klar, wie viel ein guter Start an Bord der War Maiden für Honor bedeutete, und sie spürte, dass er die Krallen ein klein wenig tiefer in die eigens deswegen gepolsterten Schultern ihrer Uniformjacke grub – eine sanfte Erinnerung, sie möge sich konzentrieren.

Honor hob den Arm und strich ihm zustimmend über die Ohren, nachdem ihre Füße unmittelbar hinter der gemalten Linie, die das Schiff offiziell von der Raumstation trennte, das Deck des Beiboothangars der War Maiden berührten. Zumindest hatte sie sich nicht blamiert wie einer ihrer Klassenkameraden, der während einer Übung in der Umlaufbahn auf der falschen Seite der Linie gelandet war! Als sie sich an den zutiefst vernichtenden Blick erinnerte, mit dem der Hangaroffizier des Schulschiffs damals ihren Kameraden bedacht hatte, hätte sie am liebsten losgekichert, aber sie unterdrückte den Drang, nahm rasch Haltung an und grüßte den Offizier vom Dienst dieses Beiboothangars.

»Bitte um Erlaubnis, an Bord zu kommen, Ma’am!«, sagte sie. Der weibliche Ensign mit dem sandfarbenen Haar musterte sie mit kühlem Blick und erwiderte dann die Ehrenbezeugung. Die Frau ließ die Hand vom Rand ihres Baretts sinken und streckte sie wortlos aus, und Honor holte erneut den Datenchip mit ihrem Marschbefehl hervor. Der Hangaroffizier vom Dienst vollzog dasselbe Ritual wie zuvor der Wachtposten der Marines, dann nickte sie, zog den Chip aus dem Klemmbrett und gab ihn Honor zurück.

»Erlaubnis erteilt, Ms. Harrington«, sagte sie weit weniger schneidig als Honor, aber mit einer gewissen weltverdrossenen Reife. Immerhin war sie mindestens ein T-Jahr älter als Honor und hatte ihre eigene Raumkadettenreise längst hinter sich gebracht. Der Ensign warf Shelton einen flüchtigen Blick zu, und Honor fiel auf, dass die junge Frau die Schultern wieder ein ganz klein wenig hob und ihr Ton ein wenig steifer wurde, als sie dem Senior Chief Petty Officer zunickte und sagte: »Weitermachen, Senior Chief.«

»Aye, aye, Ma’am«, erwiderte Shelton. Dann bedeutete er Honor mit einem respektvollen Wink, ihm wieder zu folgen, und führte sie zu den Lifts.

Lieutenant Commander Abner Layson saß an seinem Schreibtisch und studierte die Befehle seiner neuesten potenziellen Kopfschmerzquelle betont sorgfältig. Midshipwoman Harrington saß ihm sehr aufrecht gegenüber, die Hände im Schoß gefaltet, die Füße exakt parallel zueinander, und fixierte mit augenscheinlicher Gelassenheit einen Punkt auf dem Schott, genau fünfzehn Zentimeter über seinem Kopf. Als er sie vorhin angewiesen hatte, Platz zu nehmen, während er ihre Akte durchging, statt in Rühren-Haltung stehen zu bleiben, war ihr ein Hauch von Nervosität anzumerken gewesen, nun aber nicht mehr. Es sei denn natürlich, die zuckende Schwanzspitze ihrer Baumkatze deutete darauf hin, dass ihre adoptierte Gefährtin weit nervöser war, als sie zugeben wollte. Falls seine Vermutung zutraf, war es zumindest bemerkenswert, wie Harrington ihre Nervosität nach außen hin ohne weiteres verbergen konnte.

Layson richtete die Augen wieder auf das Display seines Lesegeräts und überflog die knappen Formulierungen in ihrer Personalakte. Er fragte sich, welcher Teufel Captain Bachfisch geritten habe, ausdrücklich diese … ungewöhnliche Prise anzufordern, als die Zuweisungen für die Raumkadettenfahrt verteilt wurden.

Ein bisschen jung, dachte er. Wie alle Prolong-Empfänger der dritten Generation sah sie noch jünger aus, als sie ohnedies schon war, und sie war erst zwanzig. Hinsichtlich des Eintrittsalters war die Akademie zwar flexibel, doch die meisten Raumkadetten kamen im Alter von achtzehn oder neunzehn T-Jahren nach Saganami Island; Harrington war bei ihrer Aufnahme gerade erst siebzehn gewesen. Umso überraschender, besaß sie doch scheinbar keinerlei Beziehungen zum Adel oder zu einflussreichen Interessengruppen, zu Gönnern, die sich für ihre Aufnahme stark gemacht hätten. Auf der anderen Seite waren ihre Zensuren auf Saganami Island ausgezeichnet ausgefallen – sah man von einigen katastrophalen Ausreißern bei der Mathematik ab –, und ihre Ausbilder hatten ihr in den Taktik- und Kommandosimulationen durchgehend ›sehr gute‹ oder ›ausgezeichnete‹ Leistungen bescheinigt. Nur hatte das nichts zu sagen, denn schon viele akademische Überflieger hatten sich im eigentlichen Flottendienst als bittere Enttäuschung erwiesen. Bei den Kinästhesie-Prüfungen war Harrington bemerkenswert hoch eingestuft worden, aber diese spezielle Anforderung verlor in der Praxis inzwischen zunehmend an Bedeutung. Auch bei den Fluglehrgängen hatte sie Lorbeeren geerntet und sogar – er hob kaum merklich die Augenbrauen – einen neuen Segelflug-Akademierekord aufgestellt. Dem offiziellen Verweis in ihrem Formblatt 107FT zufolge, demnach sie einmal ihre Fluginstrumente ignoriert hatte, schien sie allerdings auch zu Eigensinn, wenn nicht gar Leichtsinn zu neigen. Und auch die vielen Tadel für Verstöße gegen die Flugvorschriften wirkten alles andere als viel versprechend. Andererseits schienen letztere allesamt aus der gleichen Quelle zu stammen …

Er griff auf den wichtigen Teil ihrer Akte zu, und ehe er sich’s versah, entfuhr ihm etwas, das verdächtig nach einem Prusten klang. Gerade noch rechtzeitig konnte er den Laut in ein ziemlich überzeugendes Husten abwandeln, dennoch zuckte sein Mund, als er die angefügte Anmerkung überflog. Sie war also bei der Regatta ausgesprochen dicht am Boot des Kommandanten vorbeigerast, was? Kein Wunder, dass Hartley ihr eins überbraten wollte! Dennoch, er musste einiges von ihr halten, sonst hätte er ihr das Leben schwerer gemacht – oder hatte das an Harringtons Komplizin gelegen? Die Nichte des Königs konnten sie wohl kaum aus der Navy werfen, oder? Jedenfalls nicht für ein Vergehen, das unbedeutender war als vorsätzlicher Mord …

Seufzend kippelte er mit dem Stuhl zurück, kniff sich in den Nasenrücken und musterte Harrington aus der Deckung der eigenen Hand. Die Baumkatze bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er wusste, seine Sorge war überflüssig, denn schon seit der Regierungszeit Königin Adriennes traf das Reglement eindeutige Aussagen, was Baumkatzen betraf. Legal konnte man Harrington von dem Geschöpf nicht trennen, und offenbar hatte sie ihre Akademiezeit mit der ’Katz hinter sich gebracht, ohne größere Wellen zu schlagen. Aber ein Sternenschiff war eine viel kleinere Welt als Saganami Island, und außer Harrington waren noch andere Raumkadetten an Bord.

Während eines langen Einsatzes konnten kleine Eifersüchteleien und Neidgefühle außer Kontrolle geraten, und immerhin wäre sie die einzige Person an Bord, der ein Haustier gestattet war. Layson war sich im Klaren, dass es sich bei den ’Katzen keineswegs um Haustiere handelte. Zwar hatte er sich nie sonderlich für das Thema interessiert, wusste aber, dass man das Empfindungsvermögen dieser Wesen ebenso zweifelsfrei nachgewiesen hatte wie die Tatsache, dass man sie von dem Menschen, an den sie sich empathisch gebunden hatten, buchstäblich nicht mehr trennen konnte – jedenfalls nicht ohne ernste Konsequenzen für beide Bindungspartner. Gleichwohl sahen Baumkatzen wie Haustiere aus, und die meisten Bürger des Sternenkönigreichs wussten sogar noch weniger über sie als Layson, ein fruchtbarer Boden für Missverständnisse und Ressentiments. Hinzu kam noch etwas anderes, das des I.O.s Befürchtung vertiefte, es könnte wegen der ’Katz zu Reibereien kommen: In seiner unauslotbaren Weisheit hatte das Bureau für Personalangelegenheiten es für angebracht gehalten, der War Maiden einen taufrischen Stellvertretenden Taktischen Offizier zuzuweisen; traditionell gehörte zu dessen Aufgaben Ausbildung und Disziplin der ihm zugewiesenen Offiziersanwärter. Der Erste Offizier war noch nicht dazu gekommen, sich eingehend über den neuen 2TO zu informieren, doch was er bislang erfahren hatte, weckte nicht gerade allzu lebhaftes Vertrauen in dessen Fähigkeiten.

Trotz allem war die ’Katz gegenüber Laysons eigentlicher Sorge zweitrangig. Der Kommandant musste Ms. Harrington aus einem bestimmten Grund angefordert haben, und so sehr Layson sich auch den Kopf zermarterte, er konnte sich nicht vorstellen, wieso. Derartige persönliche Anforderungen waren für gewöhnlich ein Zeichen für das Patronagespiel, dem die höheren Offiziere der Navy so emsig nachgingen: Entweder wollte man die Unterstützung eines einflussreichen Gönners gewinnen, indem man dessen jüngere Familienangehörigen förderte, oder man begünstigte bestimmte Personen, weil man jemandem einen Gefallen schuldete. Harrington jedoch war die Tochter eines Freisassen, deren einzige offensichtliche Beziehung zum Adel überaus dünn war: Auf der Akademie war sie mehr als zwei T-Jahre lang Stubenkameradin der Tochter des Earls von Gold Peak gewesen. Über solch eine Verbindung konnte man großen Einfluss ausüben – wenn sie denn bestand. Selbst dann aber, inwiefern profitierte der Kommandant von diesem kleinen Handel? Was also war wirklich der Grund? Layson konnte es nicht sagen, und das machte ihm zu schaffen, denn ein guter Erster Offizier hatte über alles auf dem Laufenden zu sein, was den reibungslosen Ablauf des Schiffsalltags vielleicht beeinträchtigen mochte; es war seine Aufgabe, dem Kommandanten diese lästige Pflicht abzunehmen.

»Scheint alles in Ordnung zu sein, Ms. Harrington«, sagte er nach einem Augenblick, ließ die Hand sinken und kippte mit dem Stuhl vor, sodass er wieder aufrecht saß. »Lieutenant Santino ist unser 2TO, und das macht ihn gleichzeitig zum Ausbildungsoffizier. Ich lasse Sie von Senior Chief Shelton zum Kakerlakennest bringen, sobald wir hier fertig sind. Wenn Sie Ihre Sachen verstaut haben, melden Sie sich wieder bei ihm. Ich habe mir allerdings angewöhnt, ein paar Minuten mit den frisch eingetroffenen Raumkadetten zu reden, um sie kennen zu lernen und einzuschätzen, wie sie sich hier an Bord der War Maiden einfügen werden.«

Er machte eine Sprechpause, und Honor nickte respektvoll.

»Am besten erzählen Sie mir erst mal – natürlich in aller Kürze –, warum Sie in den Flottendienst eingetreten sind«, forderte er sie auf.

»Aus verschiedenen Gründen, Sir«, sagte sie fast ohne Zögern. »Mein Vater war Arzt in der Navy, ehe er in den Ruhestand ging und privat praktizierte. Deshalb war ich ungefähr bis zu meinem elften Lebensjahr ein ›Navybalg‹. Ich habe mich schon immer für Marinegeschichte interessiert, bis zurück zur Wassermarine auf Alterde vor der Diaspora. Aber der wichtigste Grund für meinen Eintritt war wohl die Volksrepublik, Sir.«

»Tatsächlich?« Gegen seinen Willen klang Layson leicht überrascht.

»Jawohl, Sir.« Ihre Stimme klang respektvoll und nachdenklich, aber auch sehr ernst. »Ich glaube, ein Krieg mit Haven ist unvermeidlich, Sir. Nicht sofort, aber auf lange Sicht.«

»Und Sie wollen dabei sein, sich das Abenteuer nichts entgehen lassen und etwas von dem Ruhm einheimsen, was?«

»Nein, Sir.« Ihr Ausdruck änderte sich nicht, trotz der Schärfe seiner Frage. »Ich will bei der Verteidigung des Sternenkönigreiches helfen. Und ich will nicht von den Havies regiert werden.«

»Verstehe«, sagte er und musterte sie noch einige Sekunden lang. Diesen Standpunkt hörte er sonst eher aus dem Munde weit ranghöherer – und älterer – Offiziere, nicht von zwanzigjährigen Raumkadettinnen. Überdies hatte Harrington genau den Grund angeführt, aus dem das Sternenkönigreich momentan die größten Rüstungsanstrengungen aller Zeiten unternahm – und aus dem Harringtons Abschlussklasse auf der Akademie um ein Zehntel größer gewesen war als die vorhergehende. Doch wie sie selbst angemerkt hatte, lag der drohende Krieg tatsächlich noch fern in der ungewissen Zukunft.

Und Harringtons Antwort lieferte ihm noch immer keinen Hinweis darauf, warum Captain Bachfisch sie an Bord der War Maiden geholt hatte.

»Also, Ms. Harrington«, sagte er schließlich, »wenn Sie das Sternenkönigreich verteidigen wollen, sind Sie hier definitiv an der richtigen Adresse. Und vielleicht geht es für Sie sogar ein wenig früher los als erwartet, denn wir sind nach Silesia beordert worden, wo wir gegen die Piraten vorgehen sollen.« Bei diesen Worten nahm die junge Frau auf ihrem Stuhl eine noch aufrechtere Haltung ein, und der zuckende Schwanz der ’Katz fror mitten in der Bewegung ein, sodass er an ein Fragezeichen erinnerte. »Wenn Sie wirklich nicht von Ruhm träumen, achten Sie darauf, dass Sie nicht zu früh damit anfangen. Auch wenn Sie es schon so oft gehört haben, dass es Ihnen zu den Ohren rauskommt: Diese Fahrt ist Ihre eigentliche Abschlussprüfung.«

Er verstummte und musterte sie forschend, und sie nickte nüchtern. In vielerlei Hinsicht war eine Midshipwoman weder Fisch noch Fleisch. Offiziell blieb sie Offiziersanwärterin mit königlichen Befugnisschein, sich als Offizier zu behandeln lassen, aber ohne das zugehörige Patent. Durch diesen Befugnisschein besaß sie vorübergehend einen Platz in der Befehlskette an Bord der War Maiden und galt als Subalternoffizier, ohne Offizier zu sein; es bedeutete jedoch keineswegs, dass sie nach dieser Fahrt je einen Kommandoposten erhielte. Bei ihren Zensuren und akademischen Leistungen hatte sie ihren Akademieabschluss zwar in der Tasche, einen verpatzten Midshipmans-Törn jedoch könnte sie durchaus der Chance auf eine Laufbahn berauben, die am Ende zu einem eigenen Schiff führte. Schließlich benötigte die Navy auch in der Etappe tüchtige Stabsoffiziere, deren Aufgabenbereich sie auf sicherem Abstand zur Befehlskette kämpfender Einheiten hielt, und jemandem, der schon die erste Gelegenheit vermasselte, außerhalb des Schulungsraums Verantwortung zu übernehmen, vertraute man niemals das Kommando über ein Schiff Seiner Majestät an. Und wenn Harrington auf ihrer Kadettenfahrt allzu großen Mist baute, konnte es ihr sogar passieren, dass sie am Ende zwar ein Abschlusszeugnis der Offiziersakademie erhielt, gleichzeitig aber auch die formelle Mitteilung, dass die Krone ihre Dienste letztlich doch nicht benötige – in keiner Hinsicht.

»Sie sind hier, um zu lernen, und der Kommandant und ich werden Ihre Leistung sehr gründlich beurteilen. Wenn Sie auch nur die geringste Hoffnung hegen, eines Tages Ihr eigenes Schiff zu kommandieren, dann rate ich Ihnen, legen Sie es darauf an, dass unsere Bewertungen positiv ausfallen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«

»Jawohl, Sir!«

»Gut.« Er bedachte sie mit einem langen, unerschütterlichen Blick, dann verzog er das Gesicht zu einem zaghaften Lächeln. »In der Navy heißt es: Wenn ein Kadett Saganami Island überstanden hat, ist er wie eine ’Katz. Werfen Sie ihn in den Dienst, wohin Sie wollen, er landet immer auf den Füßen. Das ist zumindest die Art von Midshipman, den die Akademie hervorzubringen versucht, und nichts anderes erwartet man von Ihnen als Besatzungsmitglied der War Maiden. In Ihrem Fall kommt allerdings noch ein recht spezieller Faktor hinzu, der Ihre Situation verkompliziert. Ein Faktor, dessen Sie sich voll bewusst sind, da bin ich mir sicher. Genauer gesagt«, er deutete mit dem Kinn auf die Baumkatze, die sich auf Honors Stuhllehne ausgestreckt hatte, »geht es um Ihren … Gefährten.«

Layson unterbrach sich und wartete ab, ob sie etwas dazu sagen würde. Doch sie erwiderte einfach nur unverwandt seinen Blick, und er machte sich eine geistige Notiz, dass diese Raumkadettin vor ihm eine außergewöhnliche Gemütsruhe besitze.

»Zweifellos kennen Sie die Vorschriften über ’Katzen an Bord von Raumschiffen wesentlich besser als ich«, fuhr er nach einem Moment fort, in einem Ton, der ihr zu verstehen gab, dass sie verdammt gut daran täte, die Vorschriften tatsächlich zu kennen. »Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sie bis aufs i-Tüpfelchen befolgen. Die Tatsache, dass Sie beide Saganami Island überlebt haben, gibt mir Anlass zur Hoffnung, dass Sie auch die War Maiden überstehen werden. Aber seien Sie sich bewusst, dass es hier bei uns viel beengter zugeht als auf der Akademie, und das Recht, an Bord mit ihrem Gefährten zusammenbleiben zu dürfen, geht mit der Verantwortung einher, alles zu vermeiden, was das reibungslose und effiziente Funktionieren der Besatzung stören könnte. Ich hoffe, das ist Ihnen ebenfalls völlig klar. Ihnen beiden.«

»Jawohl, Sir«, antwortete sie wieder, und er nickte.

»Ich bin hoch erfreut, das zu hören. Dann wird Senior Chief Shelton Sie zu Ihrer Unterkunft bringen, die im Übrigen nicht sehr komfortabel ist. Viel Glück, Ms. Harrington.«

»Danke sehr, Sir.«

»Weggetreten«, befahl er und wandte sich wieder seinem Datenterminal zu, während die Kadettin erneut vor ihm Haltung annahm und dann SCPO Shelton aus der Kabine folgte.

Honor machte ihre Koje (mit den vorschriftsmäßigen »Saganami-Island-Ecken« auf den Laken und einer so straff gespannten Decke, dass eine Fünfdollarmünze davon abgeprallt wäre). Dann koppelte sie den maßgeschneiderten Huckepack-Kasten von ihrem Spind ab, den sie dann in die Haltebügel an der Schottwand hob. Sie grinste, als ihr einer ihrer Klassenkameraden einfiel. Er kam aus einer gryphonischen Bauernfamilie ohne Navykontakte, und hatte an dem Tag, als den Kadetten ihre ersten Spinde übergeben wurden, seine grenzenlose Unwissenheit offenbart, indem er sich laut fragte, warum die Spinde alle exakt die gleichen Maße haben müssten. Diese spezielle Frage war ihm auf ihrer ersten Übungsfahrt beantwortet worden, und nun hängte Honor ihren Spind ein, öffnete die Klappe, schaltete den Kontragrav ab und legte, nachdem der Spind in die richtige Position gesackt war, die Verschlussmagneten um.

Vorsichtshalber rüttelte sie noch einmal an ihm, obwohl die leuchtende Anzeige verkündete, dass der Spind fest verankert sei. In der Vergangenheit hatten schon andere den gleichen Anzeigen vertraut, obwohl sie das besser nicht hätten tun sollen; diesmal aber hielt die Verankerung, und Honor schloss die Spindtür und befestigte den Huckepackkasten am Rand ihrer Koje. Diesen Kasten behandelte sie sogar noch pfleglicher als ihren Spind, und Nimitz, auf ihrem Kopfkissen liegend, beobachtete sie währenddessen wachsam. Der Spind zählte zur Standardausrüstung der Navy, doch für den Kasten hatte sie – oder besser gesagt: ihr Vater, der ihr den Kasten zum Akademieabschluss geschenkt hatte – den größten Teil der siebzehntausend Manticoranischen Dollar selbst bezahlt. In Honors Augen war das Geld gut angelegt, denn der Kasten war das Lebenserhaltungsmodul, das Nimitz im Falle eines Vakuumeinbruchs vor dem Tod bewahrte. Sie achtete sehr genau darauf, dass das Modul sicher verankert war, dann betätigte sie die Selbsttest-Taste und nickte zufrieden, als die Kontrolltafel aufblinkte und das Diagnoseprogramm ihr die volle Funktionstüchtigkeit bestätigte. Nimitz erwiderte ihr Nicken mit einem zufriedenen Blieken, und Honor wandte sich vom Bett ab. Während sie auf Senior Chief Sheltons Rückkehr wartete, inspizierte sie den Rest des Kadettenschlafraums – besser bekannt unter der unromantischen Bezeichnung ›Kakerlakennest‹.

Für ein kleines – und altes – Schiff wie die War Maiden war die Abteilung recht groß. Sie war sogar ungefähr doppelt so groß wie Honors Schlafraum auf Saganami Island. Gleichwohl waren im damaligen Schlafraum nur zwei Leute untergebracht gewesen – sie und ihre Freundin Michelle Henke –, wohingegen dieser hier für sechs Personen ausgelegt war. Im Moment lagen nur auf vier Kojen Laken und Decken, was den Schluss nahe legte, dass die War Maiden nicht mit voller Kadettenstärke fuhr.

Das kann gut sein, das kann aber auch schlecht sein, überlegte Honor, während sie am stark abgenutzten Tisch des Schlafraums Platz nahm, auf einem der spartanischen, nicht elektrisch verstellbaren Stühle. Die gute Neuigkeit bei der geringen Belegung war, dass ihr und den drei Kameraden ein wenig mehr Platz zur Verfügung stände, zugleich aber würde sich die Aufgabenlast auf nur vier Leute verteilen. Jeder wusste, dass viele Aufgaben einer Midshipwoman auf Kadettenfahrt kaum mehr als reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen darstellten; Aufgaben, die der Ausbilder der angehenden Raumoffiziere ersann und verteilte – eher als Lernübungen, und nicht etwa, weil sie von äußerster Bedeutung für den Ablauf des Schiffsbetriebs gewesen wären. Viele dieser Aufgaben jedoch hatten einen ernsten Hintergrund. Midshipmen waren Offiziere Seiner Majestät – zugegeben: die Niedrigsten der Niedrigen, und auch das nur vorübergehend und kraft ihres Befugnisscheins, aber trotzdem galten sie als Offiziere – und man erwartete von ihnen, dass sie an Bord ihren Teil beisteuerten.

Honor hob sich Nimitz auf den Schoß, strich ihm langsam mit den Fingern durch das weiche, flauschige Fell und lächelte über das Knistern der statischen Elektrizität, die durch ihre Berührung entstand. Er bliekte leise und presste, in ihrer Liebkosung schwelgend, den Kopf gegen ihre Wange. Honor sog langsam und tief den Atem ein. Zum ersten Mal, seit sie an diesem Morgen auf Saganami Island die letzten ihrer spärlichen Habseligkeiten für die Reise im Spind verstaut hatte, entspannte sie sich richtig. Ihre Atempause würde nur kurz sein.

Sie schloss die Augen und ließ, während sie die mentalen Muskeln ein klein wenig entknotete, das Gespräch mit Commander Layson noch einmal Revue passieren. Auf jedem Schiff Seiner Majestät galt der Erste Offizier als ein Wesen vom Status eines Halbgotts, war er doch die rechte Hand des Kommandanten. Aus diesem Grund stand es einer einfachen Midshipwoman nicht zu, sein Handeln und seine Ansichten zu hinterfragen. Seinen Fragen hatte jedoch ein Unterton innegewohnt, den Honor weder bestimmen noch definieren konnte. Erneut versuchte sie, sich einzureden, das sei nur auf ihre Nervosität zurückzuführen, schließlich sei es ihr erster Tag an Bord. Layson war schließlich der I.O., und es gehörte zu den Aufgaben des Erste Offiziers, über seine Untergebenen so gut wie möglich Bescheid zu wissen, auch wenn es in diesem Fall bloß um erbärmliche Offiziersanwärter ging. Dennoch: Jene seltsame Gewissheit, die Honor zwar nur selten überkam, sie aber nie getrogen hatte, verriet ihr nun, dass sich diesmal mehr dahinter verbarg. Und ob dem nun so war oder nicht, Layson betrachtete Nimitz’ Anwesenheit an Bord der War Maiden zweifellos als ein potenzielles Problem. Senior Chief Shelton schien das Gleiche zu empfinden. Honor seufzte.

Weder zum ersten noch zum zwoten und auch nicht erst zum zwanzigsten Mal sah Honor sich mit dieser Haltung konfrontiert. Wie Commander Layson vermutet hatte, war sie in der Tat bestens mit den Dienstvorschriften über Baumkatzen und deren adoptierte Gefährten im Flottendienst vertraut. Der größte Teil des Flottenpersonals war davon nicht betroffen, denn diese spezielle Situation trat nur sehr selten auf. Eine Verbindung zwischen ’Katz und Mensch war selbst auf Honors Heimatwelt Sphinx außerordentlich selten. Außerhalb ihres Planeten sah man die sechsgliedrigen Baumbewohner beinahe nie, und in der Navy waren sie sogar noch ungewöhnlicher als im Zivilleben. Honor hatte einige diskrete Nachforschungen angestellt, und soweit sie sagen konnte, zählten momentan nicht mehr als ein Dutzend Flottenangehörige im aktiven Dienst zu den Adoptierten – Angehörige aller Rangstufen, einschließlich Honor selbst. Im Vergleich mit der Gesamtzahl des Flottenpersonals war diese Zahl verschwindend gering, daher überraschte es kaum, dass die ’Katzen für Aufsehen sorgten, wo immer sie auftauchten.

Indes den Grund für diese Situation zu begreifen, erleichterte sie nicht im Mindesten, und Honor war beinahe schon schmerzhaft zu Bewusstsein gekommen, dass die breite Mehrheit der Leute, die mit Nimitz’ Spezies nicht vertraut war, ihn als potenziell störenden Einfluss betrachtete. Selbst diejenigen, die es auf intellektueller Ebene besser wussten, neigten dazu, Baumkatzen für wenig mehr als äußerst schlaue Haustiere zu halten; bedauerlich viele Menschen machten sich nicht die Mühe, ihre Meinung zu überdenken, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu eröffnete. Die Tatsache, dass ’Katzen keine Laute erzeugen konnten, die mit der menschlichen Sprache vergleichbar gewesen wären, verschärfte die Problematik noch mehr, und dass sie so niedlich und verschmust waren, wetzte den gelegentlich aufkeimenden, auf Eifersucht fußenden Unmut über ihre Anwesenheit zusätzlich.

Natürlich würde niemand, der je eine aufgebrachte Baumkatze gesehen hatte, »niedlich« und »verschmust« mit »harmlos« verwechseln. Tatsächlich war ihre beachtliche natürliche Bewaffnung ein weiterer Grund dafür, dass manchen Menschen in ihrer Gegenwart unbehaglich zumute wurde. Nimitz jedoch hätte niemals einen Menschen verletzt, es sei denn aus unmittelbarer Notwehr. Oder zu Honors Verteidigung, was er für exakt das Gleiche hielt. Wer aber ihre Tödlichkeit noch nie demonstriert bekommen hatte, war in der Regel entzückt von den ’Katzen und wünschte sich, er besäße selbst ein solch hinreißendes Haustier.

Hegte man solche Gedanken, war es nur noch ein kurzer Schritt bis zur Ablehnung einer Person, die eine Baumkatze besaß. Auf der Akademie hatten Honor und Nimitz sich mit dieser Haltung schon mehr als einmal befassen müssen, und einige der schlimmeren Vorfälle nur deswegen überstanden, weil die Vorschriften ihnen Recht gaben und Nimitz ein geborener (und skrupelloser) Diplomat war.

Nun, wenn wir es auf Saganami Island geschafft haben, schaffen wir es hier auch, sagte sie sich, und …

Unangekündigt fuhr die Abteilungsluke zur Seite, und Honor stand rasch auf, Nimitz in den Armen haltend, und wandte sich dem unerwarteten Besucher zu. Sie wusste genau, dass über der Luke das Besetztlicht geleuchtet hatte; die Luke einer besetzten Abteilung zu öffnen, ohne wenigstens zuvor zu läuten, brach die Bordetikette in grober Weise. Genau genommen wurde dadurch sogar die Privatsphäre verletzt, die, außer in Notfällen, durch die Vorschriften geschützt wurde. Die schiere Abruptheit der Störung verwirrte Honor in ungewohntem Maße. Stocksteif stand sie da und blickte den bulligen Lieutenant Senior-Grade an, der in der Luke stand. Er war vielleicht sieben oder acht T-Jahre älter als Honor, ungefähr drei Zentimeter kleiner und trotz seiner geröteten Haut nicht unattraktiv. Etwas in seinen Augen jedoch weckte in ihr instinktive Abneigung. Möglicherweise lag das aber auch an seiner Haltung, denn er stemmte die Hände in die Hüften, wiegte sich auf den Fußballen und blickte sie finster an.

»Bringt man euch auf der Akademie nicht mehr bei, in Gegenwart eines Vorgesetzten strammzustehen, Kakerlak?«, fragte er geringschätzig, und Zornesröte überlief Honors hohe Wangen. Als der Mann das sah, leuchteten seine Augen auf, und Honor spürte in ihren Armen die Vibration von Nimitz’ unhörbarem Knurren. Warnend drückte sie ihn ein wenig fester, aber der ’Kater wusste auch so, dass er den Vorgesetzten seines Menschen die Abneigung, die er gelegentlich für sie empfand, nicht offen zeigen durfte. Offenbar hielt Nimitz das für eine der albernsten Einschränkungen, die Honors Laufbahn mit sich brachte; dennoch war er bereit, ihr dabei ihren Willen zu lassen, weil es so wichtig war für sie.

Sie hielt ihn noch einen Augenblick lang fest und versuchte, seinen emphatischen Sinn nutzend, ihm zu vermitteln, wie wichtig es sei, dass er sich diesmal benahm, dann setzte sie ihn rasch auf den Tisch und nahm Haltung an.

»Das ist schon besser«, grollte der Offizier und stolzierte in die Abteilung. »Ich bin Lieutenant Santino, der Zwote Taktische Offizier«, informierte er sie, die Hände nach wie vor in die Hüften gestemmt, während Honor starr in Habtachtstellung stand. »Und das bedeutet, dass ich während dieses Einsatzes auch das Kommando über das Kakerlakennest habe. Also, Ms. Harrington, sagen Sie mir doch bitte, was zum Teufel Sie hier suchen, obwohl Sie sich bei mir zu melden haben?«

»Sir, ich wurde angewiesen, meine Ausrüstung zu verstauen und mich hier einzurichten. Soweit ich weiß, sollte Senior Chief Shelton …«

»Und wie kommen Sie darauf, dass ein Bootsmann wichtiger ist als ein Offizier, Ms. Harrington?«, unterbrach er sie.

»Sir, das habe ich nicht behauptet«, erwiderte sie und brachte dabei trotz des in ihr aufwallenden Zorns einen ruhigen und gleichmäßigen Ton zustande.

»Und ob Sie das angedeutet haben; sie wollten mir mit ihrer Äußerung sagen, seine Anweisungen seien wichtiger als meine!«

Honor biss die Zähne zusammen und gab ihm keine Antwort. Er würde ihr ohnehin jedes Wort nach Belieben im Munde umdrehen, und sie dachte nicht daran, auf dieses dumme Spiel einzugehen.

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, dann hakte er nach: »Haben Sie das etwa nicht angedeutet, Ms. Harrington?«

Honor blickte ihm unverwandt in die Augen. »Nein, Sir. Das habe ich nicht.« Die Antwort klang völlig korrekt, der Ton ruhig und nicht herausfordernd, doch der Ausdruck ihrer dunkelbraunen Augen war unerschütterlich. In Santinos starrenden Augen flackerte es, und er presste die Lippen zusammen, doch Honor stand einfach nur da.

»Was wollten Sie dann andeuten?«, fragte er sehr leise.

»Sir, ich wollte überhaupt nichts andeuten. Ich habe lediglich versucht, Ihre Frage zu beantworten.«

»Dann beantworten Sie sie!«, fuhr er sie an.

»Sir, Commander Layson hat mich angewiesen …«, sie sprach den Namen des Ersten Offiziers ohne jede Betonung aus und sah, wie Santino die Augen zusammenkniff und erneut die Lippen zusammenpresste, »… hier zu bleiben, bis der Senior Chief mich abholt und zu Ihnen bringt, damit ich mich in aller Form bei Ihnen melden kann.«

Santino funkelte sie an, doch die Erwähnung von Layson hatte ihm zumindest vorübergehend den Wind aus den Segeln genommen. Was meine Lage auf lange Sicht nur noch verschlimmert, dachte Honor.

»Nun, hier bin ich, Ms. Harrington«, knurrte er nach einem langen Moment des Schweigens. »Also könnten Sie allmählich mal daran denken, mir Meldung zu erstatten.«

»Sir! Midshipwoman Honor Harrington meldet sich zum Dienst, Sir!«, bellte sie mit jener Art von Exerzierplatzformalität, wie sie nur ein Idiot oder ein völliger Neuling an Bord eines Sternenschiffes an den Tag legen würde. In Santinos Augen funkelte der Zorn, aber Honor begegnete ausdruckslos seinem Blick.

Es ist wirklich sehr, sehr dumm, ihm auf diese Weise vor den Kopf zu stoßen, Mädchen!, erklang eine tadelnde Stimme in ihrem Kopf, die bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Stimme Michelle Henkes besaß. An der Akademie hast du dir doch sicher genug gefallen lassen müssen, um wenigstens das zu wissen!

Doch Honor konnte nicht anders. Und vielleicht würde es letztlich auch ohne Folgen bleiben.

»Also schön, Ms. Harrington«, entgegnete er eisig. »Jetzt, da Sie sich dazu herabgelassen haben, sich bei uns einzufinden, können Sie mich ja zum Navigationsraum begleiten. Ich glaube, ich weiß genau die richtige Beschäftigung bis zum Abendessen für Sie.«

Während Honor zu der Gruppe stieß, die sich vor der Luke zu Captain Bachfischs Salon sammelte, war sie weit nervöser, als ihr lieb war und sie sich anmerken lassen wollte. Erst vor drei Tagen hatte die War Maiden Manticores Umlaufbahn verlassen, und sowohl Honor als auch ihre Kameraden hatte es – gelinde gesagt – sehr überrascht zu erfahren, dass der Kommandant seine Offiziere zum Abendessen einzuladen pflegte. Überrascht vor allem, weil die War Maiden beinahe fünfunddreißig Standardjahre alt und darum verhältnismäßig klein war. Das Quartier des Kommandanten mochte unbestreitbar größer und weit bequemer eingerichtet sein als das Kakerlakennest, doch im Vergleich mit den Kommandantenkajüten neuerer, größerer Schiffe erschien es eng und schlicht, und der Salon war schon für ein halbes Dutzend Gäste eigentlich zu eng. Aus diesem Grund konnte Bachfisch nie alle Offiziere auf einmal zum Dinner einladen, doch offenbar wechselte er turnusmäßig die Gästeliste, und der Reihe nach speiste jeder einmal mit ihm.

Das war beispiellos – nein, nicht ganz. Captain Courvosier, an der Akademie Honors Lieblingsdozent, hatte einmal gesagt, ein kluger Kommandant lerne seine Offiziere so gut wie möglich kennen – und habe dafür zu sorgen, dass sie ihn kannten. Honor fragte sich, ob wohl dieser Gedanke hinter Captain Bachfischs Einladungen stehe. Was auch immer der Kommandant beabsichtigte: Sich auf der Gästeliste wiederzufinden, und erst recht so rasch nach dem Aufbruch, flößte jedem Kakerlak eine Heidenangst ein.

Nachdem der Steward des Kommandanten die Luke geöffnet hatte, folgte Honor den vorgesetzten Offizieren in den Raum und blickte sich möglichst unauffällig um. Als Rangniedrigste auf der Gästeliste kam sie natürlich als Letzte, was nur wenig besser war als an der Spitze gehen zu müssen. Was für ein Glück, sie brauchte nicht als Erste durch die Luke zu treten! Nur hatte das zur Folge, dass alle anderen eingetreten, Platz genommen und sich ihr zugewandt hatten, während sie als Letzte in die Abteilung kam. Sie spürte, wie die Blicke der Vorgesetzten auf ihr hafteten, und fragte sich, ob es wirklich klug gewesen sei, Nimitz mitzubringen. Solange der ’Kater nicht ausdrücklich von der Einladung ausgenommen wurde, deckten die Vorschriften zwar ihr Verhalten, aber trotzdem war ihr mit einem Mal unbehaglich; was, wenn die Vorgesetzten ihre Entscheidung für unpassend hielten? Und dann rief ihre Unsicherheit in ihr das Gefühl der Unbeholfenheit wach, als sei sie irgendwie wieder zu dem tölpelhaften, übergroßen Pferd geworden, für das sie sich immer gehalten hatte, bevor Chief MacDougal ihr Interesse am Coup de Vitesse geweckt hatte. Ihr Gesicht wollte erröten, doch Honor drängte ihre Unsicherheit mit aller Kraft und Strenge zurück. Dieser Abend versprach ohnedies, anstrengend genug zu werden, da brauchte sie sich nicht noch weitere Komplikationen auszudenken, die ihren Adrenalinspiegel in die Höhe trieben. Zumindest durfte sie dankbar sein: an diesem Dinner nahm Elvis Santino nicht teil. Midshipman Makira hatte die »Dinner-Tortur« bereits hinter sich – und hatte dabei Santinos Anwesenheit ertragen müssen.

Ihr niedriger Rang ließ keinen Raum für Zweifel, welcher Sitz für sie bestimmt war, und sie hätte der knappen Geste des Stewards nicht bedurft, mit der er sie an das untere Ende des Tisches verwies. Möglichst unauffällig nahm sie Platz, und Nimitz, der ebenso wie sie wusste, dass er Sonntagsmanieren zeigen musste, ließ sich sehr ordentlich auf der Rückenlehne ihres Stuhles nieder.

Der Steward machte die Runde um den Tisch. Mit einer von langer Übung zeugenden Anmut bewegte er sich durch die enge Kabine und schenkte Kaffee ein. Honor hatte dieses Getränk von je verschmäht, und sie legte die Hand über ihre Tasse, als der Steward sich ihr näherte. Der Mann bedachte sie mit einem spöttischen Blick, ging aber ohne Kommentar an ihr vorbei.

»Sie machen sich nichts aus Kaffee, hm?«

Der Lieutenant Senior-Grade zu ihrer Linken hatte die Frage gestellt, und Honor sah in rasch an. Der braunhaarige, stupsnasige Offizier war etwa in Santinos Alter, allenfalls ein, zwei Jahre Unterschied. Im Gegensatz zu Santino wirkte sein Gesicht freundlich, und seine Stimme klang angenehm, keine Spur von dem überheblichen Hohn, um den der Ausbildungsoffizier sich anscheinend nicht eigens bemühen musste.

»Ich fürchte, nein, Sir«, gab sie zu.

»Das könnte einer Karriere in der Navy hinderlich sein«, sagte der Lieutenant fröhlich. Grinsend blickte er über den Tisch zu einem weiblichen Lieutenant Commander mit rundem Gesicht und dunklem Teint. »Manche von uns«, fuhr er fort, »scheinen nämlich zu glauben, dass die Sternenschiffe Seiner Majestät in Wirklichkeit mit Koffein betrieben werden, und nicht mit Reaktormasse. Manche von uns scheinen sogar zu glauben, es sei unsere Pflicht, unseren Treibstoffvorrat regelmäßig aufzustocken, indem wir uns dieses Koffein einverleiben.«

Der weibliche Lieutenant Commander sah ihn verdrießlich an, dann nippte sie an ihrer Tasse und stellte sie wieder exakt auf der Untertasse ab.

»Ich nehme doch an, Lieutenant, Sie hatten nicht die Absicht, über die Mengen an Kaffee zu spotten, die manche unserer hart arbeitenden Offiziere auf der Brücke konsumieren«, bemerkte sie.

»Gewiss nicht! Mich schockiert allein der Gedanke, dass Sie mir das zutrauen, Ma’am!«

»Aber sicher«, meinte Commander Layson. Er saß rechts neben dem Stuhl des Kommandanten, der noch nicht erschienen war, und blickte Honor über den Tisch hinweg an. »Ms. Harrington, gestatten Sie mir, dass ich Sie vorstelle. Links von Ihnen sitzt Lieutenant Saunders, unser Zwoter Astrogator. Links neben ihm sitzt Lieutenant Commander LaVacher, unsere Leitende Ingenieurin, und rechts von Ihnen Lieutenant Commander Hirake, unser Taktischer Offizier.« LaVacher, eine kleine, erstaunlich hübsche Blondine, saß Layson gegenüber, der wiederum rechts von Hirake saß, am anderen Ende des Tisches. Sie und der Erste Offizier machten die Gruppe der Dinnergäste komplett, und Layson winkte kurz mit der Hand in Honors Richtung. »Ladys und Gentlemen, Ms. Midshipwoman Harrington.«

Die anderen Offiziere hatten ihr einzeln zugenickt, als der I.O. sie der Reihe nach vorgestellt hatte, und jetzt war es an Honor, ihnen respektvoll zuzunicken. Nicht einer von ihnen, stellte sie fest, scheint diese maßlose Überheblichkeit auszustrahlen, die für Elvis Santino so charakteristisch ist.

Saunders öffnete gerade den Mund, um noch etwas hinzuzufügen, als sich die Luke zum Arbeitszimmer des Kommandanten öffnete und ein großer, hagerer Mann in der Uniform eines Captain Senior-Grade hindurchtrat. Als die Offiziere am Tisch sich erhoben, sprang Honor eilig auf. Die Gäste blieben stehen, bis Captain Bachfisch sich gesetzt hatte und knapp mit der rechten Hand winkte.

»Nehmen Sie Platz, Ladys und Gentlemen«, lud er sie ein.

Stühle scharrten sanft über das Deck, während seine Untergebenen der Anweisung Folge leisteten, und Honor beobachtete verstohlen den Kommandanten, während sie die schneeweiße Leinenserviette auseinander faltete und sich auf den Schoß legte. Zum ersten Mal bekam sie den Mann zu Gesicht, der in der Rangordnung an Bord der War Maiden gleich hinter Gott kam, und ihr erster Eindruck war vage unbefriedigend. Captain Bachfisch hatte ein schmales, furchiges Gesicht und dunkle Augen, die stets ein wenig finster dreinzublicken schienen. Tatsächlich sah Bachfisch eher aus wie ein Buchhalter, dessen Berechnungen nicht aufgingen, als dass er Honors Vorstellung vom Kommandanten über ein Schiff Seiner Majestät entsprach, das der grausamen Piraterie ein Ende bereiten sollte. Auch sein näselnder Tenor schien nicht zu einer solch hoch gestellten Persönlichkeit wie ihm zu passen, und Honor durchfuhr unleugbar ein Stich der Enttäuschung.

Dann aber kam der Steward wieder und servierte ein Essen, das sämtliche weltlichen Sorgen gewandt verbannte. Die Speisen waren um einige Klassen besser als alles, was ein niederer Kakerlak normalerweise zwischen die Zähne bekam, und Honor griff nach Herzenslust zu. Während der Mahlzeit redete kaum jemand, und darüber war sie froh, denn so konnte sie das Essen genießen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, ob man von einer einfachen Midshipwoman erwartete, sich am Tischgespräch zu beteiligen. Nicht dass sich sonderlich viele Gelegenheiten eröffnet hätten. Vor allem Captain Bachfisch widmete sich schweigend seinem Teller. Er schien sich seiner Gäste kaum bewusst zu sein, und obwohl Honor dankbar dafür war, ihr Mahl in relativer Ruhe genießen zu dürfen, fragte sie sich, warum der Kommandant sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, Gäste einzuladen, wenn er sie ohnehin zu ignorieren pflegte. Die Situation wirkte ausgesprochen seltsam.

Nach dem Salat und einer exzellenten Tomatensuppe wurde glasiertes Huhn mit gehackten Mandeln serviert, dazu lockerer Reis, kurz angebratenes Gemüse, sautierte Pilze, frische grüne Erbsen und knusprige, in Butter gewendete Rouladen; abschließend durften die Gäste zwischen drei verschiedenen Desserts wählen. Immer wenn Honor den Blick hob, schien der Steward sogleich neben ihr zu stehen und bot ihr jedes Mal einen Nachschlag an, den sie mit Freude annahm. Captain Bachfisch entsprach vielleicht nicht Honors Vorstellung von einem schneidigen Sternenschiffkommandanten, aber er verstand es ausgezeichnet, seine Gäste zu verwöhnen. Seit ihrem letzen Heimaturlaub hatte sie kein derart gutes Essen mehr bekommen.

Der Apfelkuchen mit Eis war sogar noch besser als das glasierte Huhn, und der Steward brauchte Honor nicht zweimal zu bitten, als er ihr eine weitere Portion anbot. Der Mann blinzelte ihr kurz verschwörerisch zu, als sie den zweiten Dessertteller von sich schob, und aus Lieutenant Saunders Richtung vernahm sie einen Laut, der verdächtig wie ein Kichern klang. Sie blickte den Zwoten Astrogator aus dem Augenwinkel an; sein Ausdruck war lobenswert gefasst. Seine Augen indes schienen schwach zu funkeln, doch schenkte Honor dem kaum Beachtung. Sie war eine direkte Nachkommin der Ersten Meyerdahl-Welle und hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt, wie unvorbereitete Tischgenossen auf ihren ungewöhnlich großen Appetit reagierten – besonders auf Süßigkeiten –, ein Appetit, der auf ihren genetisch modifizierten Metabolismus zurückging.

Am Ende jedoch konnte sie nicht anders, als den letzten Rest der geschmolzenen Eiscreme mit dem Löffel über den Teller zu jagen, und schließlich lehnte sie sich mit einem unauffälligen Seufzer der Sättigung zurück. Der stille, tüchtige Steward erschien wieder, sammelte das Geschirr ein und ließ es wie auf magische Weise in irgendeinem privaten Schwarzen Loch verschwinden. Weingläser ersetzten die Teller, und der Steward brachte eine altmodische, mit Wachs versiegelte Glasflasche, die er Captain Bachfisch zur Begutachtung präsentierte. Honor beobachtete den Kommandanten dabei aufmerksamer als zuvor, denn ihr Vater war auf seine eigene bescheidene Weise ein bemerkenswerter Weinsnob, und sie erkannte in Bachfisch ebenfalls einen solchen, als der Steward das Wachs gebrochen und den Korken gezogen hatte und ihn dem Captain reichte. Der Steward schenkte ihm ein wenig von der rubinroten Flüssigkeit ein, während Bachfisch genussvoll am Korken roch. Der Kommandant legte ihn zufrieden beiseite und nippte am Glas.

Während der Steward Honors Glas füllte, war ihr, als flattere in ihrem Bauch ein junger Schmetterling ganz sanft mit den Flügeln. Sie galt als der jüngste Subalternoffizier unter den Anwesenden und wusste, was man nun von ihr erwartete. Sie wartete, bis der Steward allen eingeschenkt hatte und zurückgetreten war, dann nahm sie ihr Glas und erhob sich.

»Ladys und Gentlemen, auf den König!« Honor war froh, dass ihre Stimme fast wie immer klang. Zwar fühlte sich ihre Kehle beim Reden anders an, als sie sich hätte anfühlen sollen, doch schien niemand Honors Nervosität zu bemerken.

»Auf den König!« In dem engen Salon klang die Antwort beinahe schon zu laut, und Honor ließ sich rasch wieder auf den Stuhl sinken, ungemein erleichtert, den Trinkspruch nicht verpatzt zu haben.

Schlagartig veränderte sich die Atmosphäre am Tisch, als sei der Trinkspruch auf Seine Majestät das Zeichen gewesen, auf das alle Gäste gewartet hatten. Am deutlichsten zeigte sich das in der Körperhaltung der Anwesenden, dachte Honor, als sie im Geiste zu ergründen versuchte, was denn nun tatsächlich anders sei: Die Gäste des Kommandanten lehnten sich in den Stühlen zurück, hielten die Weingläser lässig, und Lieutenant Commander Hirake schlug sogar die Beine übereinander.

»Kann ich davon ausgehen, dass Sie die Sache mit den Karten geklärt haben, Joseph?«, erkundigte sich Captain Bachfisch.

»Jawohl, Sir«, antwortete Lieutenant Saunders. »Sie hatten Recht, Captain. Sie waren bloß falsch beschriftet, obwohl Commander Dobrescu und ich noch immer ein wenig verwirrt darüber sind, wieso jemand meinen konnte, wir bräuchten aktualisierte Karten der Volksrepublik, wo wir doch genau in die entgegengesetzte Richtung unterwegs sind.«

»Oh, das lässt sich leicht beantworten, Joseph«, wandte sich Lieutenant Commander Hirake an ihn. »Ich nehme an, der erste Astrogator der War Maiden hat die Karten für die Jungfernfahrt angefordert. Immerhin ist das erst sechsunddreißig Standardjahre her. Das ist etwa die durchschnittliche Zeitspanne, die verstreicht, bis das Logistikamt auf eine Anforderung reagiert.«

Mehrere Offiziere am Tisch kicherten, und auch Captain Bachfisch verzog das furchige, missbilligende Gesicht zu einem Lächeln – was Honor überraschte, doch ließ sie sich das nicht anmerken. Der Kommandant hob den Finger, wedelte damit mahnend dem Taktischen Offizier zu und schüttelte den Kopf.

»Auf keinen Fall dürfen Sie je so etwas über das Logistikamt sagen, Janice«, ermahnte er sie streng. »Im harmlosesten Fall wecken Sie damit Erwartungen, die von vornherein zur Enttäuschung verdammt sind.«

»Das würde ich nicht sagen, Sir«, sagte Commander Layson. »Mir kommt es so vor, als hätte das Logistikamt tatsächlich nur so lange gebraucht, um den Emitterkopf auf Graser Vier auszutauschen.«

»Ja, aber das lag nicht allein am Logistikamt«, warf Lieutenant Commander LaVacher ein. »Die Werftheinis auf Hephaistos haben ihn am Ende tatsächlich gefunden, wissen Sie noch? Gut, ich musste sie mit vorgehaltenem Pulser zum Suchen zwingen, aber sie haben ihn gefunden. Vermutlich hatten sie ihn seit fünf oder sechs Jahren auf Lager, ein anderer armer Kreuzer wartet noch heute darauf, und wir haben ihm das Ding einfach weggeschnappt.«

Die Bemerkung zog neuerliches Kichern nach sich, und Honor wunderte sich immer mehr. Die Männer und Frauen in der Abteilung unterschieden sich plötzlich sehr von den Menschen, mit denen sie eben noch das steife, beinahe wortlose Dinner eingenommen hatte, und von allen Anwesenden hatte Captain Bachfisch sich am meisten gewandelt. Sie beobachtete, wie er mit zur Seite geneigtem Kopf zu Commander Layson blickte, und sein Ausdruck wirkte beinahe neckisch.

»Und während Joseph seine Karten sortiert hat, haben Sie und Janice sich hoffentlich einen Übungsplan ausgedacht, für den uns jeder Mann und jede Frau an Bord den Tod wünschen wird, Abner?«

»Nun, wir haben uns zumindest Mühe gegeben, Sir.« Layson seufzte und schüttelte den Kopf. »Wir haben unser Bestes getan, aber ich fürchte, letztlich bleiben noch drei oder vier Maschinengasten übrig, die bloß eine starke Abneigung gegen uns entwickeln.«

»Hmm.« Captain Bachfisch runzelte die Stirn. »Das enttäuscht mich ein wenig. Wenn eine Schiffsbesatzung so viele Grünschnäbel aufzuweisen hat wie unsere, sollte es für einen guten Ersten Offizier ein Kinderspiel sein, ein Ausbildungsprogramm aufzustellen, das garantiert alle hassen.«

»Oh, das war kein Problem, Sir. Es ist nur so, dass Irma es geschafft hat, ihre Leute zu behalten, und die kennen unsre Tricks schon alle.«

»Ach? Na, darauf hatten Sie wohl tatsächlich keinen Einfluss«, gestand Captain Bachfisch ihm zu und sah Lieutenant Commander LaVacher an. »Also sind Sie schuld, Irma«, sagte er.

»Schuldig im Sinne der Anklage«, gab LaVacher zu. »War aber auch nicht leicht, denn BuPers hat mir ständig über die Schulter geschaut und wollte mir meine erfahrensten Leute abspenstig machen.«

»Das glaube ich Ihnen«, sagte der Kommandant, und diesmal schwang in seiner Stimme kein neckischer Unterton mit. »Ich habe einen Teil des Schriftverkehrs zwischen Ihnen und Captain Allerton durchgesehen. Bis zur letzen Minute war ich davon überzeugt, wir würden Chief Heisman verlieren, aber Sie haben Allerton wunderbar ausgetrickst. Ich hoffe nur, das kostet den Chief nicht seine Beförderung. Wir brauchen ihn, aber ich will nicht, dass er die Zeche zahlen muss.«

»Das muss er auch nicht, Sir«, antwortete Layson an LaVachers Stelle. »Irma und ich hatten schon darüber gesprochen, bevor sie überhaupt zu dem Argument Zuflucht nahm, er sei für den reibungslosen Ablauf unverzichtbare Allein im Maschinenraum haben wir zwei Senior Chiefs zu wenig … und außerdem halten wir uns voraussichtlich so lange in Silesia auf, dass Sie sich in Diskretion üben und Heisman auf einen dieser Posten befördern können.«

»Gut«, sagte Bachfisch. »Das sehe ich gerne! Intelligente Schiffsoffiziere, die mühelos ihre natürlichen Feinde bei BuPers übers Ohr hauen.«

Honor konnte nicht anders, sie musste den Wechselbalg anstarren, der scheinbar den Platz des mürrischen, ernsten Mannes im Stuhl am anderen Ende des Tisches eingenommen hatte. Der Kommandant wandte sich von Layson und LaVacher ab und blickte über den Tisch hinweg Honor direkt an, und diesmal lag tatsächlich ein Funkeln in seinen tief liegenden Augen.

»Mir ist aufgefallen, dass Ihr Gefährte das gesamte Dinner auf Ihrer Stuhllehne verbracht hat, Ms. Harrington. Ich war immer der Meinung, ’Katzen würden normalerweise zur gleichen Zeit essen wie ihre Menschen.«

»Ah, stimmt, Sir«, erwiderte Honor. Sie spürte, wie ihr die Wangen warm wurden, und atmete tief durch. Zumindest hatte des Kommandanten Neckerei mit den ranghöheren Offizieren ihr die Gelegenheit verschafft, sich zu sammeln, ehe er seine Waffen auf sie richtete; Honor riss sich zusammen. »Stimmt, Sir«, sagte sie wesentlich gelassener als zuvor. »Nimitz und ich essen für gewöhnlich gemeinsam, aber Gemüse bekommt ihm nicht besonders gut, und da wir nicht wussten, was Ihr Steward uns auftischen würde, hat er schon vorher im Schlafraum gegessen.«

»Verstehe.« Der Captain starrte sie einen Moment lang an, dann nickte er seinem Steward zu. »Chief Stennis ist ein tüchtiger Mann, Ms. Harrington. Wenn Sie so nett wären, ihm eine Liste mit Speisen zukommen zu lassen, die für Ihren Gefährten geeignet sind, wird er bei der Vorbereitung des nächsten Dinners gewiss ein passendes Menü aufstellen.«

»Jawohl, Sir«, sagte Honor und bemühte sich erfolglos, ihre Erleichterung zu verbergen, dass Nimitz’ Anwesenheit offenbar willkommen war und nicht lediglich toleriert wurde. »Danke sehr, Sir.«

»Keine Ursache«, antwortete Bachfisch, dann lächelte er. »Gibt es denn bis dahin etwas, das wir ihm als Nachtisch anbieten können, während wir unseren Wein genießen?«

»Wenn Chief Stennis ein wenig Sellerie vom Salat übrig hätte, wäre das großartig, Sir. ’Katzen vertragen zwar die meisten Gemüsesorten nicht, aber sie sind allesamt verrückt nach Sellerie.

»Jackson?« Der Captain blickte den Steward an, der daraufhin lächelnd nickte.

»Ich denke, das bekomme ich hin, Sir.«

Chief Stennis verschwand in seiner Pantry, und Captain Bachfisch wandte sich wieder Commander Layson und Lieutenant Commander Hirake zu. Honor lehnte sich zurück. Im Nacken spürte sie das vibrierende Brummen von Nimitz’ zufriedenem Schnurren. Wäre sie selbst eine ’Katz gewesen, ihr Schnurren wäre noch zufriedener und beträchtlich lauter ausgefallen. Sie beobachtete den Kommandanten der War Maiden beim Gespräch mit seinen Offizieren und empfand neidlose Bewunderung. Dieser Captain Bachfisch unterschied sich sehr von dem beinahe kühlen Kommandanten, der eben noch der Tafel vorgesessen hatte. Sie begriff noch immer nicht, warum er vorhin so distanziert gewirkt hatte, doch begrüßte sie mit Freuden die Gewandtheit, mit der er nun abwechselnd jeden seiner Offiziere in die Diskussion einzubinden verstand. Und zugegebenermaßen gefiel ihr nicht minder, wie leicht er es einer einfachen Midshipwoman machte, sich in Gesellschaft ihrer Vorgesetzten wohl zu fühlen. Obwohl er seine Fragen humorvoll formulierte und einen beinahe gefährlich pointierten Witz an den Tag legte, hatte er alle Anwesenden dazu gebracht, über ernste Themen zu diskutieren – und das hatte er als Anführer geschafft, nicht lediglich als Kommandant. Wieder fiel ihr ein, was Captain Courvosier über die Notwendigkeit gesagt hatte, ein Kommandant müsse seine Offiziere kennen; Honor erkannte nun, dass Bachfisch ihr soeben Anschauungsunterricht darin gegeben hatte, wie ein Captain ebendiese Aufgabe angehen konnte.

Das war eine lernenswerte Lektion, und Honor prägte sie sich gut ein, während sie lächelnd den Arm hob und den Teller mit Sellerie entgegennahm, den Chief Stennis ihr reichte.

»… wie Sie sehen können, besitzen wir für die lokalen Notbedienungspositionen der Energiearmierung die Alpha-Drei-Erweiterung«, leierte Chief MacArthur. Die kräftige Frau mit dem unscheinbaren Gesicht trug die Streifen für über fünfundzwanzig T-Jahre Dienst auf dem Ärmel, und die Kampfabzeichen an ihrer Brust zeugten davon, dass sie für ihre Waffenkenntnis einen hohen Preis entrichtet hatte. Leider hatte sie sich die für den Hörsaal erforderlichen Fertigkeiten nie angeeignet. Obwohl Honor sich sehr für das interessierte, was MacArthur ihr zu vermitteln hatte, fiel es ihr schwer, während der staubtrockenen Schulung ein Gähnen zu unterdrücken.

Honor und Audrey Bradlaugh, die andere Midshipwoman der War Maiden, standen im Flügelkorridor Nummer Vier und blickten in der kleinen, schwer gepanzerten Abteilung MacArthur über die Schulter. Die Abteilung bot nicht viel Platz für die Menschen, die sie im Gefechtsfall besetzten, und jeder Quadratzentimeter war mit Monitoren, Anzeigen, Tastenfeldern und Wartungsklappen vollgestopft. Zwischen die wichtigeren Geräte hatte man auf Stoßdämpfer gelagerte Liegen und Nabelschnuranschlüsse für die schwachen fleischlichen Komponenten des Waffensystems gezwängt.

»Wenn der Summton erklingt, hat die Crew maximal fünfzehn Minuten, um die Raumanzüge anzulegen und Gefechtsstationen zu besetzen«, informierte MacArthur sie, und Honor und Bradlaugh nickten, als hörten sie das zum allerersten Mal. »Natürlich sollten fünfzehn Minuten völlig ausreichen, obwohl wir auf Testfahrten mitunter sogar ein wenig länger brauchen. Andererseits«, der Unteroffizier blickte ihre Zuhörer direkt an, »hat der Captain nicht gerade übermäßig viel Geduld mit Leuten, die ihm den Schnitt vermasseln, deshalb rate ich niemandem zu trödeln.«

Eines ihrer Augenlider zuckte – bei einem ausdrucksloseren Gesicht als ihrem hätte man dies als Augenzwinkern bezeichnen können, und Honor konnte nicht anders, als den Chief anzugrinsen. Nicht dass die Bedienung eines Geschützes das Komischste gewesen wäre, was man sich vorstellen konnte. Honor wusste das, hatte sie doch unzählige Stunden in Simulatoren verbracht, die jedes Detail des vor ihr befindlichen Geschützsteuerpostens nachstellten, und ihr Grinsen verblasste, als sie sich das vor Augen rief. Dank ihrer ausgezeichneten Vorstellungsgabe erinnerte sie sich an jeden Moment: das Kreischen des Gefechtsalarms, die blitzenden Lichter, die klar Schiff befahlen,

und die plötzliche klaustrophobische Anspannung, während die Besatzung die Nabelschnüre ihrer Raumanzüge einstöpselte, die Luke hinter ihnen zuschnellte und leistungsstarke Pumpen die Luft aus den umliegenden Durchgängen und Abteilungen sogen. Das Vakuum rings um die gepanzerte Kapsel schützte die Lafette – und die Menschen – vor Druckwellen und vor Feuer, und doch bezweifelte Honor, ob jemand die Luftleere ertragen konnte, ohne in seinem Innersten zu erschauern.

Nimitz regte sich unruhig auf ihrer Schulter, als er den plötzlichen Anflug von Dunkelheit in ihren Emotionen empfing. Sanft legte sie ihm die Hand auf den Kopf. Er presste den Schädel gegen ihre Handfläche, und sie stieß einen leisen, beruhigenden Laut aus.

»Wenn Chief MacArthur Sie so sehr langweilt, Ms. Harrington«, krächzte unerwartet eine unfreundliche Stimme, »finden wir bestimmt eine Sonderaufgabe für Sie.«

Schnell wandte Honor sich um; reflexiv spannte sie die Schultern an. Als sie sich Elvis Santino gegenübersah, war ihr Gesicht umgehend noch maskenhafter als Chief MacArthurs Miene. Offensichtlich war der Ausbildungsoffizier in aller Stille um die Ecke des Verbindungsgangs getreten, während sie und Bradlaugh MacArthur zugehört hatten, und sie schalt sich selbst dafür, dass sie sein Anschleichen nicht bemerkt hatte. Nun stand er vor ihr und musterte sie aufgebracht, die Hände in die Hüften gestemmt, die Lippen geschürzt. Honor erwiderte stumm seinen Blick.

Alles, was sie sagen oder tun konnte, wäre falsch, daher schwieg sie. Was natürlich ebenfalls die falsche Reaktion war.

»Nun, Ms. Harrington? Wenn Sie sich langweilen, sagen Sie das ruhig. Ich bin sicher, Chief MacArthur kann mit ihrer Zeit auch Besseres anfangen. Langweilen Sie sich nun oder nicht?«

Sie gab ihm die einzig mögliche Antwort, in so neutralem Ton wie möglich: »Nein, Sir.«

Santino lächelte gehässig. »Ach ja? Das hätte ich nicht gedacht, wie Sie so vor sich hinsummen und mit Ihrem kleinen Haustier spielen.«

Auch darauf gab es keine Antwort, die ihm nicht noch mehr Munition geliefert hätte. Honor spürte die Bekümmerung Bradlaughs, die neben ihr stand und ebenfalls nichts erwiderte. Audrey konnte nichts sagen, und sie hatte sich von Santino bereits selbst genug gefallen lassen müssen. MacArthur jedoch verlagerte ihr Gewicht und wandte sich dem Lieutenant zu. Ihr Gesicht wirkte ausdrucksloser denn je, und sie räusperte sich.

»Bei allem gebotenen Respekt, Sir«, sagte sie, »die jungen Damen waren heute Nachmittag sehr aufmerksam.«

Santino richtete seinen finsteren Blick auf sie.

»Ich erinnere mich nicht, Sie um eine Bewertung gebeten zu haben, Chief MacArthur.« Seine Stimme klang scharf, doch MacArthur verzog keine Miene.

»Das ist mir bewusst, Sir. Trotzdem, bei allem gebotenen Respekt, Sie sind gerade erst um die Ecke gebogen. Ich habe die vergangenen anderthalb Stunden mit Ms. Harrington und Ms. Bradlaugh gearbeitet. Ich wollte Sie nur davon in Kenntnis setzen, dass sie während dieser Zeitspanne überaus aufmerksam waren.«

»Verstehe.« Einen Moment lang dachte Honor, der Lieutenant wolle Chief MacArthur ebenfalls zusammenstauchen, weil sie so vermessen gewesen war, sich einzumischen. Doch offenbar war nicht einmal Elvis Santino so dumm, einen derartigen Streit mit einem Unteroffizier vom Zaun zu brechen, der MacArthurs Dienstalter besaß und zudem zu seiner eigenen Division gehörte. Einige Sekunden lang wiegte er sich auf den Fußballen auf und ab, dann richtete er seinen finsteren Blick wieder auf Honor.

»Ganz gleich, wie aufmerksam Sie gewesen sind, es gibt keinen Grund, jetzt nachzulassen«, sagte er. »Ich weiß, dass Sie Ihr Viech da im Dienst dabei haben dürfen, aber ich warne Sie: Missbrauchen Sie Ihr Privileg nicht. Und hören Sie auf, mit ihm zu spielen, wenn Sie sich eigentlich auf den Lehrstoff konzentrieren sollten! Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt?«

»Jawohl, Sir«, antwortete Honor hölzern. »Glasklar.«

»Gut!«, bellte Santino und schritt flink davon.

»Mein Gott! Was ist nur los mit dem Kerl?«, stöhnte Nassios Makira.

Der stämmige Midshipman richtete sich schwerfällig auf, setzte sich an den Rand des oberen Etagenbettes und ließ die Beine herabbaumeln. Es gab Honor Rätsel auf, warum er so gerne da oben hockte. Zugegeben, er war kleiner als sie, aber die Kabinendecke war so niedrig, dass nicht einmal Nassios aufrecht auf seiner Koje sitzen konnte. Saß er etwa so gern da oben, gerade weil sie größer war als er? Tatsächlich war Nassios einer der kleinsten Menschen an Bord der War Maiden. Vielleicht verwandte er so viel Zeit darauf, wie eine ’Katz oder ein Affe von Alterde herumzuklettern, weil er sich anders nicht über die Augenhöhe der anderen erheben konnte?

»Ich weiß es nicht«, antwortete Audrey Bradlaugh, ohne von dem Stiefel in ihrem Schoß aufzublicken. Ohne dass jemand den Namen aussprach, wussten sie alle, über wen Nassios sich beklagte. »Aber wenn man sich über ihn beschwert und er bekommt davon Wind, dann wird alles nur noch viel schlimmer«, fügte die rothaarige Midshipwoman nachdrücklich hinzu und nahm sich die Schuhcreme vom Tisch des Schlafraums.

»He, lass ihn ruhig reden«, warf Basanta Lakhia ein. Der dunkelhäutige junge Midshipman mit dem erstaunlich blonden Haar hatte sich bequem auf seiner Koje ausgestreckt. »Keiner von uns wird ihn bei Santino verpfeifen, und selbst wenn: Es verstößt nicht gegen die Vorschriften, über einen ranghöheren Offizier zu sprechen.«

»Nur solange das Gespräch die Disziplin nicht untergräbt«, korrigierte Honor.

Zu ihrem gelinden Erstaunen besaß sie unter den Midshipmen der War Maiden das höchste Dienstalter. Bedauerlicherweise machte sie das umso mehr zur Zielscheibe für Santino, denn durch ihre – ach so geringe – Seniorität stand sie ihm ein wenig näher als die anderen Kadetten. Außerdem fühlte sie sich dadurch umso mehr verpflichtet, bei den zwanglosen Diskussionsrunden der Kadetten als Stimme der Vernunft zu fungieren. Honor, die neben Bradlaugh am Tisch saß und Nimitz das Fell bürstete, hob den Blick und sah Makira viel sagend an. Dass sie alle vier gleichzeitig dienstfrei hatten, kam nur selten vor; in der Regel wurden Midshipmen in Wechselschichten zum Wachdienst eingeteilt, und diesmal überschnitten sich zufällig ihre Freiperioden. Ihnen blieben sogar noch fast zwei volle Stunden, ehe Audrey und Basanta sich wieder zum Dienst melden mussten.

»Honor, du weißt, ich würde niemals die Disziplin untergraben«, beteuerte Nassios. »Und du weißt auch, dass nichts, was ich täte, je die Disziplin so sehr untergraben könnte wie das, was er macht«, fügte er gedämpft hinzu.

»Basanta hat Recht, hier wird dich keiner anschwärzen, Nassios«, sagte Audrey, die schließlich aufblickte. »Aber wenn auch nur eine von deinen Bemerkungen durchsickert, dann stürzen er – und der Eins-O – sich auf dich wie ein Shuttle mit defektem Kontragrav.«

»Ich weiß. Ich weiß«, seufzte Nassios. »Aber du musst doch zugeben, er gibt sich alle Mühe, uns das Leben zur Hölle zu machen, Audrey! Und die Art, wie er wegen Nimitz ständig auf Honor herumhackt …«

»Vielleicht glaubt er, das gehöre zu seinem Job als unser Ausbildungsoffizier«, warf Honor ein. Sie war mit Nimitz’ Fellpflege fertig und sammelte sorgfältig die flaumigen Fellbüschel zur Entsorgung auf, damit sie sich nicht in den Luftfiltern der Abteilung festsetzten.

»Ha! Klar glaubt er das!«, schnaubte Basanta.

»Ich hab’ nicht gesagt, dass ich in diesem Punkt mit ihm übereinstimme, falls er tatsächlich so denkt«, sagte Honor gleichmütig. »Aber du weißt so gut wie ich, dass es nach wie vor Verfechter der alten Schule gibt, die sagen: ›Tritt den Kakerlak so fest du kannst, das härtet ihn ab.‹«

»Ja, aber die sterben aus«, setzte Nassios entgegen. »Die meisten Leute, die heute noch so denken, sind alte Säcke. Du weißt schon, solche Typen, die meinen, Sternenschiffe sollten mit Dampfmaschinen oder dem Rückstoßprinzip angetrieben werden … oder sogar mit Rudern. Santino ist für so einen Mist zu jung. Davon abgesehen, erklärt sich daraus noch immer nicht, warum er Nimitz so sehr auf dem Kicker hat.«

»Vielleicht, vielleicht aber auch nicht«, erwiderte Basanta nachdenklich. »Du könntest Recht haben, Honor – mit dem, warum er sich so raubeinig gibt. Er ist nicht viel älter als wir, aber wenn sein Ausbildungsoffizier ihn genauso behandelt hat, dann führt Santino jetzt vielleicht einfach die alte Tradition fort.«

»Und warum hackt er dann auf Nimitz herum?«, fragte Nassios herausfordernd.

»Vielleicht gehört er zu den Menschen, die sich nicht von dem alten Vorurteil lösen können, Baumkatzen seien dumme Tiere«, schlug Bradlaugh vor. »Weiß Gott, mich hat’s auch ganz schön überrascht, wie schlau der kleine Teufel ist. Und ich hätte es Honor auch nicht geglaubt, wenn sie’s mir einfach nur erzählt hätte.«

»Das könnte natürlich auch der Grund sein«, pflichtete Honor ihr bei. »Die meisten Leute begreifen den Unterschied zwischen einer Baumkatze und einem Haustier, sobald sie mal eine ’Katz in natura gesehen haben, aber das trifft längst nicht auf alle zu. Ich glaube, es hängt davon ab, wie viel Fantasie sie haben.«

»Und Santino sprudelt nicht gerade über vor Fantasie«, warf Basanta ein. »Was uns wieder zu dem führt, was Honor zuerst meinte. Wenn er keine große Fantasie hat …«, sein Tonfall ließ darauf schließen, dass ihm ein weit bissigeres Wort auf der Zunge gelegen hatte, »dann behandelt er uns vielleicht wirklich genau so, wie sein Ausbildungsoffizier mit ihm umgesprungen ist. Nachdem er eine Ausbildungsmethode kennen gelernt hatte, kann er sich keine andere mehr vorstellen.«

»Ich glaube nicht, dass ihm das einer beibringen musste«, murmelte Nassios, und obwohl Honor einen anderen Gedanken geäußert hatte, stimmte sie ihm innerlich zu. Sie war sich beinahe sicher, dass Santino kein Vorbild gebraucht hatte, sondern dass sein Verhalten auf seine Wesensart zurückzuführen war. Aber sie zweifelte keinen Augenblick, was er zu seiner Entschuldigung vorbrächte, spräche ihn einer seiner Vorgesetzten darauf an: Was er tue, sei »nur zum Besten« der Middys.

»Falls er je jemanden gebraucht hat, der ihm einen Anstoß gibt, heute ist er jedenfalls Meister«, stimmte Basanta zu und gab sich einen Ruck. »Sagt mal, hat einer von euch eine der Simulationen gesehen, die Commander Hirake für uns vorbereitet?«

»Nein, aber P.O. Wallace hat mich schon vorgewarnt, die würden ziemlich knifflig«, mischte sich Audrey ein, der offenbar ebenso an einem Themenwechsel gelegen war, und Honor lehnte sich zurück und nahm Nimitz in die Arme, während die anderen gemütlich fachsimpelten.

Eigentlich hätte sie glücklicher sein müssen als jemals zuvor in ihrem Leben, sann sie, und in vielerlei Hinsicht war sie das auch. Aber Elvis Santino gab sich die größte Mühe, ihr Glücksgefühl zu trüben, und er war damit erfolgreich. Ungeachtet dessen, was sie den anderen sagen mochte, in einem Punkt war sie sich recht sicher: Das beleidigende, sarkastische und erniedrigende Verhalten, mit dem er jedem von ihnen begegnete – ganz besonders ihr und Nimitz –, entsprang einer tyrannischen Ader. Schlimmer noch, sie hegte den Verdacht, dass angeborene Dummheit diese Neigung noch verstärkte.

Und dumm war Santino. Das bewies er allein schon durch seine Leistungen als Zwoter Taktischer Offizier der War Maiden.

Sie seufzte stumm, presste die Lippen zusammen und machte sich noch einmal bewusst, welches Risiko sie einging, wenn sie sich gestattete, für einen Vorgesetzten Verachtung zu empfinden. Selbst wenn sie die Verachtung niemals nach außen zeigte, musste sie doch Art beeinflussen, wie sie auf Santinos Befehle und auf seine endlosen Vorträge über die Pflichterfüllung eines Offiziers reagierte – und damit machte sie womöglich alles nur noch schlimmer. Aber sie konnte nicht anders. Auf der Akademie waren Taktik und Schiffsführung ihre Lieblingsfächer gewesen, und sie wusste, dass sie auf beiden Gebieten begabt war. Santino nicht. Er war fantasielos und denkfaul – ein bestenfalls schwerfälliger Fließbandarbeiter, dessen klägliche Leistungen nur durch die enorme Tüchtigkeit seiner Vorgesetzten Lieutenant Commander Hirake nicht auffielen und ›von unten‹ durch das nicht geringere Können von Senior Chief Del Conte mitgetragen wurden. Honor hatte ihn erst ein- oder zweimal im Simulator erleben dürfen, aber jedes Mal hatte es ihr in den Fingern gejuckt, ihn beiseite zu schubsen und sich selbst hinter die Taktikkonsole zu stellen.

Mitunter dachte sie, dass er ihr deswegen das Leben besonders schwer machte. Sie hatte ihr Möglichstes gegeben, um sich ihre Geringschätzung seiner Leistungen nicht anmerken zu lassen, aber Santino besaß Zugriff auf ihre Akademieakte und wusste daher genau, welch gute Noten sie im taktischen Fächerbereich erhalten hatte. Falls er nicht noch dümmer war, als Honor annahm (möglich, aber unwahrscheinlich, denn wider Erwarten schien er sich den Stiefelreißverschluss selbst schließen zu können), musste ihm klar sein, dass sie nicht im Geringsten daran zweifelte, seinen Dienst mindestens doppelt so gut verrichten zu können wie er.

Und das nur, weil ich von Natur aus zu bescheiden bin, um zu glauben, dass ich es sogar noch besser machen könnte, dachte sie sarkastisch.

Sie seufzte laut, dann drückte sie das Gesicht in Nimitz’ Pelz und gestand sich ein – wenn auch nur vor sich selbst –, warum sie Elvis Santino in Wahrheit verabscheute. Er erinnerte sie an Mr. Midshipman Lord Pavel Young, den dünkelhaften, kleingeistigen, ach so hochwohlgeborenen Kretin, der auf Saganami Island sein Bestes gegeben hatte, sie und ihre Laufbahn zu zerstören.

Sie presste die Lippen zusammen; Nimitz schalt sie, streckte die langfingrige Echthand aus und berührte sie an der Wange. Sie schloss die Augen und drängte die Erinnerung an jene schreckliche Nacht in den Duschräumen zurück, dann holte sie tief Luft, entkrampfte ihr Gesicht und setzte sich den ’Kater wieder auf den Schoß.

»Alles in Ordnung mit dir, Honor?«, fragte Audrey; ihre Stimme wurde beinahe völlig von Nassios und Basanta übertönt, die eifrig über die Vorzüge des neuen Fußballtrainers der Akademie diskutierten.

»Hmm? Oh, klar.« Sie lächelte die rothaarige Frau an. »War nur gerade mit den Gedanken woanders.«

Audrey erwiderte ihr Lächeln. »Heimweh, was? Das packt mich auch ziemlich oft, weißt du. Natürlich …«, ihr Lächeln wurde zu einem Grinsen, »habe ich keine Baumkatze, die mir in solchen Momenten Gesellschaft leistet.«

Ihr ansteckendes Kichern beraubte den letzten Satz jeglicher Bitterkeit. Sie durchstöberte ihre Gürteltasche und holte einen schmutzigen, recht welken Selleriestängel hervor. Alle Midshipmen, die mit Honor im Kakerlakennest untergebracht waren, hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, Sellerie zu horten – beinahe gleich nachdem sie seine Vorliebe dafür entdeckt hatten –, und als der ’Kater den Stängel begeistert entgegennahm, um ihn zu verschlingen, lächelte Audrey liebevoll.

»Na, vielen Dank auch, Audrey!«, grollte Honor. »Du hast ihm soeben völlig den Appetit aufs Essen verdorben!«

»Klar doch«, erwiderte Audrey. »Das wär’ vielleicht der Fall, wenn er nicht irgendwo in seinem Körper ein klitzekleines Schwarzes Loch mit sich herumschleppen würde.«

»Wie jede gut informierte Person wüsste, ist das sein Magen, kein Schwarzes Loch«, belehrte Honor sie streng.

»Klar. Es funktioniert nur wie ein Schwarzes Loch«, warf Basanta ein.

»Ha, ich habe dich am Messetisch beobachtet, mein Junge«, rief Audrey, »und an deiner Stelle würde ich den Mund zur Abwechslung mal geschlossen halten!«

»Ich muss doch groß und stark werden«, entgegnete Basanta gekünstelt unschuldig, und Honor fiel in das Lachen der anderen ein.

Wenn ich mich schon mit Santino herumschlagen muss, hab’ ich wenigstens einen ziemlich netten Haufen, mit dem ich das Elend teilen kann, dachte sie.

HMS War Maiden bewegte sich stetig durch den Hyperraum. Der Doppelstern Gregor und sein Terminus des Manticoranischen Wurmlochknotens lagen fast schon eine Wochenreise zurück, die Silesianische Konföderation war noch eine Monatsreise entfernt, und die Mannschaft des Schweren Kreuzers gewöhnte sich mehr und mehr an das Bordleben. Das war kein schmerzloser Prozess. Wie Honor aus dem Gespräch Captain Bachfischs mit Commander Layson erfahren hatte, bestand ein Großteil der Besatzung aus Neulingen. Das hatte einen Grund: Der Kreuzer war eben erst einer ausgedehnten Generalüberholung unterzogen worden, und während der Monate im Raumdock hatte das Bureau für Personalangelegenheiten seine Besatzung unbarmherzig geplündert. Natürlich war das bei derart langwierigen Wartungsarbeiten nicht ungewöhnlich, dieser Tage aber war die Situation in der RMN aufgrund des Flottenausbaus schlimmer als sonst. Ob Offizier oder nicht, jeder Berufssoldat wusste, dass die Erweiterung gerade erst in Schwung kam … und dass die Situation sich nur verschlimmern würde, wenn König Roger und seine Minister nicht von ihrer augenscheinlichen Absicht abrückten, eine Flotte heranzuziehen, die den Havies die Stirn bieten konnte. Regierung und Admiralität standen sich der wenig beneidenswerten Aufgabe gegenüber, die anfallenden Kosten für die neuen Waffensysteme – und besonders die Werftinfrastruktur – gegen die Kosten für das Personal abzuwägen, das zur Bedienung dieses neuen Geräts vonnöten war, und zeigten sich entschlossen, aus jedem missgönnten Dollar, den sie dem Parlament abringen konnten, noch den letzten Penny herauszupressen. Aus diesem Grund bestand die Besatzung der War Maiden zu einem hohen Anteil aus Neulingen; der Prozentsatz der frisch ernannten Unteroffiziere, die diese halben Rekruten im Auge behalten sollten, lag viel höher, als es den Offizieren lieb war, während das verbreitete Problem der Navy, zu wenige Erfahrene zu haben, automatisch zu unbesetzten Planstellen für höhere Bootsleute führte. Fast ein Drittel der Besatzung befand sich zum ersten Mal auf einem längeren Einsatz. Daher kam es unausweichlich zu Schwierigkeiten zwischen einigen Besatzungsangehörigen, zumal der feste Kern aus dienstälteren Unteroffizieren fehlte, der normalerweise eingegriffen hätte, sobald sich Reibereien anbahnten.

Honor war sich der unterschwelligen Anspannung ebenso bewusst wie alle anderen. Ihr und ihren Offiziersanwärterkameraden wäre sie ohnehin nicht entgangen, aber sie hatte zusätzlich noch Nimitz: Seine Körpersprache verriet ihr die gereizte Stimmung der Crew sofort.

Das Schiff war zwar alles andere als eine Brutstätte der Meuterei, doch haftete den Abläufen an Bord eine Atmosphäre an, als sei alles ungeschliffen und aus den Fugen geraten, was ein generelles Gefühl der Ungewissheit erzeugte; gelegentlich fragte sich Honor, ob dieser über allem schwebende Eindruck, die Dinge verliefen irgendwie nicht richtig, zum Teil Santinos Jähzorn erklärte. Rasch aber gelangte sie zu der Ansicht, dieser Gedanke müsse unsinnig sein – nichts weiter als der Versuch zu entschuldigen, wie der Ausbildungsoffizier die unter seiner nominellen Obhut stehenden Midshipmen antrieb und peinigte. Trotzdem musste sie sich eingestehen, dass sie beunruhigt war. Bei keinem ihrer vergleichsweise kurzen Übungseinsätze an der Akademie war ihr so zumute gewesen. Natürlich war damals auch keines der involvierten Schiffe eben erst aus der Generalüberholung gekommen und auch nicht mit Crews bemannt gewesen, die größtenteils aus Neulingen bestanden. War es etwa die Norm und nicht die Ausnahme, dieses über allem schwebende Gefühl, dass hier Verbindungen im Raum standen, die erst noch geknüpft werden mussten? Honor hatte schon immer gewusst, dass die Akademie eine behütete Umgebung darstellte, in der alle Kanten geglättet wurden; dort richtete man sich haargenau nach den Lehrplänen, ganz gleich, wie hart die Ausbilder die Midshipmen scheinbar anfassten. Diese Organisation hatte zweifellos auch auf die Schulschiffe von Saganami Island abgefärbt, wohingegen die War Maiden nun die echte, die Alltags-Navy repräsentierte. Aus dieser Perspektive wirkte die Sache geradezu interessant – wie eine Herausforderung, die Honor bewältigen musste, um sich ihr Erwachsensein zu verdienen – indem sie bewies, dass sie mit der keineswegs perfekten Wirklichkeit der Erwachsenenwelt zurechtkam.

Natürlich genügt ein gewisser Elvis Santino bei weitem, um jedes Universum unvollkommen zu machen, sagte sie sich, während sie den Korridor entlangeilte. Der Ausbildungsoffizier hatte an diesem Tag sogar noch schlechtere Laune als sonst, und alle Midshipmen wussten, dass es unmöglich sein würde, ihm etwas Recht zu machen. Nicht dass sie eine andere Wahl gehabt hätten, als es zu versuchen … und so kam es, dass Honor sich auf dem Weg zu Magazin Zwo befand, wo sie persönlich die Gefechtsköpfe zählen durfte, um sie mit den Bestandslisten des Computers zu vergleichen. Das war reine Beschäftigungstherapie, nur aus einem einzigen Grund befohlen: um ihr etwas zu tun und Santino eine weitere Möglichkeit zu geben, seine kleingeistige Autorität zu beweisen. Nicht dass Honor etwas dagegen gehabt hätte, räumlichen Abstand zwischen sich und ihn zu legen!

Sie bog um eine Ecke nach links und gelangte in Axial Eins, den großen Zentralkorridor, der genau auf der Längsachse des Kreuzers bis ins Heck führte. Die War Maiden war bereits so alt, dass ihr Liftsystem im Vergleich mit modernen Standards einiges zu wünschen übrig ließ. Honor hätte fast die gesamte Strecke von der Brücke zum Magazin in einem der Liftwagen zurücklegen können, jedoch hätte die Fahrt aufgrund des weitschweifigen Leitwegs sogar noch länger gedauert als der Fußmarsch. Abgesehen davon, mochte sie Axial Eins. In dem übergroßen Korridor war das interne Schwerefeld der War Maiden auf knapp unter 0,2 g reduziert worden, und Honor verfiel in jene ausholende, halb hüpfende, halb schwimmende Gangart, die durch die niedrige Gravitation möglich wurde. Bei moderneren Kriegsschiffen verzichtete man auf solche Korridore zugunsten besser angelegter Liftsysteme, doch die meisten Handelsschiffe hielten noch immer an den Axialen fest. So zweckdienlich sie in vielerlei Hinsicht auch sein mochten, in einem militärischen Sternenschiff (das Beschussschäden aushalten und überleben können musste) stellten sie nach BuShips Ermessen eine gefährliche Schwäche dar. Im Gegensatz zu den kleineren Schächten für den Liftwagenbetrieb konfrontierten Korridore wie Axial Eins die Ingenieure mit schweren Herausforderungen, wenn es etwa um den Einbau von Sperrschotten und Notluftschleusen ging, und der große Hohlraum im Kern des Schiffes beeinträchtigte die strukturelle Stabilität zumindest marginal – jedenfalls nach Meinung von BuShips. Honor wusste nicht, ob sie diese Ansicht teilte, und da kein Flaggoffizier und kein Schiffskonstrukteur das geringste Interesse an ihrer Meinung gezeigt hatte, gab sie sich schlicht damit zufrieden, jede Gelegenheit für einen Axial-Spaziergang zu nutzen, wann immer sie sich ihr bot.

Nimitz hielt sich an ihrer Schulter fest und bliekte entzückt, während sie mit großer Anmut den Korridor hinabsegelten. Das machte ihm fast so viel Spaß wie das Drachenfliegen mit Honor, wenn sie zu Hause auf Sphinx waren, und sein flaumiger Schwanz schlängelte sich hinter ihm in der Luft. Sie waren bei weitem nicht die einzigen Leute, die Axial Eins benutzten, und Honor wusste, dass sie eigentlich gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung verstieß, die hier unter Nicht-Notfallbedingungen galt, doch kümmerte sie sich nicht sonderlich darum. Sie bezweifelte, dass jemand sie deswegen ins Gebet nähme, und falls es jemand täte, könnte sie noch immer Santinos Befehl anführen: »Ins Magazin mit Ihnen, Kakerlak, im Laufschritt marsch!«

Sie war beinahe an ihrem Ziel angelangt, als es geschah. Sie sah die Ereignisse nicht, die letztlich zur Kollision führten, aber die Konsequenzen waren schmerzhaft offensichtlich. Eine aus drei Technikergasten bestehende Arbeitsgruppe hatte eine Kontragravpalette mit in Kisten verstauten Bauteilen hinter sich hergezogen und war frontal mit einem Raketentechniker zusammengestoßen; Letzterer hatte fünf miteinander verbundene Raketenantriebsaggregate mit einem kleinen Transportfahrzeug den gleichen Korridor hinuntermanövrieren wollen. Es grenzte beinahe an ein Wunder, dass bei dem Zusammenstoß niemand ernsthaft verletzt wurde, doch war er nicht ohne Schrammen ausgegangen; indes schienen die Emotionen der Unfallbeteiligten sogar noch angeschrammter zu sein als ihre Häute.

»… und schafft mir gefälligst euren verdammten, wertlosen Haufen Schrott aus dem Weg!«, fauchte der Raketentechniker.

»Du kannst mich mal kreuzweise!«, bellte die Ranghöchste unter den Technikern. »Schon mal von der Regel ›Vorwärts steuerbords, heckwärts backbords‹ gehört? Oder bist du einfach von Natur aus blöd?

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