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HONOR HARRINGTON: Die Fackel der Freiheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Mai 1921 P.D. - Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Juni 1921 P.D. - Kapitel 7
  13. Juli 1921 P.D. - Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. August 1921 P.D. - Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. September 1921 P.D. - Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Oktober 1921 P.D. - Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Teil III
  38. November 1921 P.D. - Kapitel 32
  39. Dezember 1921 P.D. - Kapitel 33
  40. April 1922 P.D. - Kapitel 34
  41. Dramatis Personae
  42. Glossar

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Kapitel 1

»Es wird schwieriger, Jack.« Im Besuchersessel in Jack McBrydes Küche lehnte sich Herlander Simões zurück und schüttelte den Kopf. »Man sollte doch glauben, es würde entweder irgendwann nicht mehr schmerzen, oder dass ich mich daran gewöhne. Oder ich endlich den nächsten Schritt mache und einfach aufhöre daran zu denken.« Er entblößte die Zähne zur bitteren Parodie eines Lächelns. »Ich habe immer gedacht, ich sei ein ganz helles Bürschchen, aber offensichtlich habe ich mich getäuscht. Wenn ich wirklich so verdammt helle im Kopf wäre, dann wäre es mir wohl mittlerweile gelungen, wenigstens eines davon zustande zu bringen.«

»Ich wünschte, ich könnte dir irgendeinen Zauberspruch verraten, Herlander.« McBryde öffnete eine weitere Bierflasche und schob sie seinem Gast hin. »Und ich will ganz ehrlich zu dir sein: Manchmal möchte ich dir einfach nur kräftig in den Hintern treten.« In seinem eigenen Lächeln lag wenigstens eine Spur echter Belustigung, und auch er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich eher darüber sauer bin, wie du dich immer weiter damit quälst, oder darüber, wie das dein ganzes Leben ruiniert, nicht bloß deine Arbeit.«

»Ich weiß.«

Simões griff nach dem Bier und nahm einen tiefen Zug aus der Flasche. Dann stellte er sie wieder auf den Tisch und umschloss sie mit beiden Händen, sodass seine Daumen und Zeigefinger sich berührten. Einen Moment lang starrte er seine Hände an. Seine Miene wirkte dabei sehr nachdenklich.

»Ich weiß«, wiederholte er und blickte wieder McBryde an. »Ich habe bereits versucht, meinen Zorn zu überwinden, genau wie du gesagt hast. Manchmal glaubte ich sogar, ich würde es schaffen. Aber dann taucht immer irgendetwas Neues auf.

»Schaust du dir immer noch nachts diese Holos an?« McBrydes Stimme klang jetzt sehr sanft, und Simões’ Schultern schienen herabzusinken, obwohl er sich keinen Millimeter bewegt hatte. Wieder starrte er auf die Bierflasche; seine haselnussbraunen Augen hatten sich erneut in Jalousien verwandelt. Kurz nickte er.

»Herlander«, sagte McBryde leise. Simões blickte ihn an, und Jack schüttelte erneut den Kopf. »Damit bringst du dich doch bloß um. Und das weißt du genauso gut wie ich.«

»Ja, vielleicht.« Simões holte tief Luft. »Nein, nicht ›vielleicht‹ – ja, es ist so. Sogar meine offizielle Therapeutin weiß das. Aber ich … ich kann einfach nicht anders, Jack! Es ist, als wäre sie, solange ich nur immer wieder diese Holos anschaue, nicht wirklich fort.«

»Aber sie ist es, Herlander.« McBrydes Stimme war ebenso gnadenlos wie sanft. »Und Harriet auch. Und bald auch dein ganzes verdammtes Leben, wenn du dich davon immer weiter runterziehen lässt.«

»Manchmal frage ich mich, ob das wirklich eine so schlechte Idee ist«, gestand Simões leise ein.

»Herlander!« Dieses Mal klang McBrydes Stimme sehr scharf, und wieder hob Simões den Kopf.

Schon komisch, dachte McBryde, als sie einander in die Augen blickten. Unter gewöhnlichen Umständen wäre es ein Verstoß gegen jegliche Regeln des Alignment-Sicherheitsdienstes gewesen, einen der Wissenschaftler, für deren Sicherheit er verantwortlich war, als Gast in seinem eigenen privaten Appartement willkommen zu heißen. Und besagter Wissenschaftler war ihm sogar erstaunlich schnell zu einem echten Freund geworden. Ja, das war wirklich ein Verstoß gegen sämtliche Regeln … nur dass immer noch die Anweisung galt, die Isabel Bardasano persönlich Jack erteilt hatte.

Zunächst hatte Jack gewisse Vorbehalte gehegt, als er diese Anweisungen erhalten hatte – und in mancherlei Hinsicht war dem immer noch so, vielleicht sogar noch mehr als zu Anfang. Zum einen war seine Beziehung zu Simões wirklich zu so etwas Ähnlichem wie echter Freundschaft geworden, und Jack wusste, dass das aus ach so vielerlei Gründen überhaupt nicht gut war. Jemanden, der eigentlich nur eine einzige Verkörperung unbändiger Qual war, zu seinem Freund zu machen war so ziemlich die beste Methode, den eigenen Seelenfrieden gründlich zu ruinieren. Selbst mitempfinden zu müssen, was man Herlander Simões und seiner Tochter angetan hatte, war sogar noch schlimmer, vor allem, wenn man bedachte, wie das zu seinem Zorn beitrug … und die abwegigen Denkpfade, auf die ihn das führte. Und selbst wenn man all das einfach außer Acht ließe, war Jack sich doch nur zu deutlich bewusst, dass seine Objektivität – seine professionelle Objektivität, die niemals zu verlieren, auch nicht im Hinblick auf Simões, er sich und anderen geschworen hatte – gänzlich zerstört war. Was zunächst lediglich Gehorsam einer Weisung gegenüber gewesen war – nur die pflichtschuldige Bemühung, einen wissenschaftlichen Aktivposten funktionsfähig zu halten –, hatte sich nach und nach in etwas gänzlich anderes verwandelt.

Auch Simões war sich dessen bewusst. Es war sonderbar, aber in mancherlei Hinsicht hatte die Tatsache, dass McBryde zunächst auf gänzlich pragmatischem Wege versucht hatte, Simões’ Nützlichkeit für das Gamma Center zu bewahren, es dem Hyperphysiker sogar leichter gemacht, sich ihm gegenüber zu öffnen. McBryde war der Einzige, der nicht mit der Erklärung angefangen hatte, alles was er tue, geschehe doch nur zu Simões’ ›eigenem Besten‹, und das hatte Simões dazu gebracht, diesem Mann gegenüber seine Deckung aufzugeben. Es gab Momente, in denen sich McBryde fragte, ob in Simões’ Einstellung ihm gegenüber nicht zumindest ein Funken Selbstzerstörungswut liege – er würde irgendetwas sagen oder tun oder preisgeben, was McBryde dazu zwingen würde, ihn aus dem Center herauszuwerfen.

Doch wie auch immer seine verworrenen Emotionen, seine Einstellungen, seine Motive und seine Hoffnungen auch geartet sein mochten: Jack McBryde war der Einzige in der ganzen Galaxis, zu dem Herlander Simões gänzlich offen zu sein bereit war. Zugleich war er auch der Einzige, der es wagen konnte, Simões für irgendetwas zurechtzuweisen – beispielsweise für seine selbstzerstörerische Neigung, sich jeden Abend aufs Neue Aufzeichnungen von Francesca anzusehen –, ohne sich damit sofort augenblicklich Simões’ selbstverteidigenden Zorn zuzuziehen.

»Seien wir doch ehrlich, Jack«, sagte der Wissenschaftler jetzt und verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »Früher oder später wirst du zu dem Schluss kommen, es sei an der Zeit, mich von der Arbeit abzuziehen. Du weißt genauso gut wie ich, dass meine Effizienz immer weiter sinkt. Und ich bin auch nicht gerade eine Stimmungskanone, wenn es um die Moral des restlichen Teams geht, oder? Was meine Emotionen angeht, so sind sie nicht einmal mehr aktiv zerstörerisch. Wirklich, eigentlich sind sie das nicht mehr. Da ist bloß noch dieses langsame, schleifende, allmähliche Aufzehren. Ich bin so gottverdammt müde, Jack. Ein ziemlich großer Teil von mir will einfach nur noch, dass es aufhört. Aber da ist auch dieser andere Teil, der einfach nicht aufhören kann, denn wenn ich das tue, dann wird Frankie einfach für immer fort sein, und diese Mistkerle werden weitermachen, als wäre nichts gewesen, und sie ganz und gar vergessen. Die werden das Ganze einfach unter den Teppich kehren.«

Bei den letzten beiden Sätzen klang seine Stimme unendlich verbittert, und seine Finger verkrampften sich um die Bierflasche, als wolle er sie zerquetschen. Als wolle er sie erwürgen, schoss es McBryde durch den Kopf und fragte sich, ob er versuchen solle, Simões von seinem Zorn abzulenken.

Er wusste, dass er sich unbedingt mit der Therapeutin zusammensetzen sollte, die man dem Wissenschaftler zugewiesen hatte. Jack sollte ihr mitteilen, was er bislang in Erfahrung gebracht hatte und sie um Rat fragen, wie er auf Simões reagieren sollte, damit es möglichst konstruktiv wäre. Bedauerlicherweise konnte Jack das nicht tun. Zu seiner eigenen Überraschung lag es zum Teil daran, weil es für ihn ein Vertrauensbruch gegenüber Simões gewesen wäre. Was auch immer er zu diesem Mann bei ihrem allerersten Gespräch hinsichtlich seiner Privatsphäre gesagt hatte, bislang hatte er sie gewahrt und niemals verletzt – und er vermutete, dies sei Simões durchaus bewusst.

Der andere Grund war noch deutlich erschreckender, wenn Jack sich selbst gestattete, sich damit zu befassen (was er so selten wie nur irgend möglich tat): Er hatte Angst. Er hatte Angst, er könne, wenn er über Simões’ Denkart und Zorn sprach, nur allzu viel seiner eigenen Gedanken verraten … insbesondere im Gespräch mit einer ausgebildeten Therapeutin im Dienste des Alignments, die bereits darüber nachdachte, welches potenzielle Risiko ihr Patient wohl darstellen mochte.

Soll ich versuchen, ihn von diesem Zorn abzubringen, oder soll ich ihm einfach gestatten, ein bisschen Dampf abzulassen? Zumindest einen Teil dieses gewaltigen Druckes muss er loswerden, aber so richtig helfen tut das ja auch nicht, oder? Innerlich schüttelte McBryde den Kopf. Natürlich nicht. Es ist, als würde jedes Mal, wenn er etwas Druck ablässt, auf diese Weise nur noch mehr neuer Sauerstoff hereingelassen. Und dieser Sauerstoff sorgt dafür, dass das Feuer letztendlich nur noch umso heftiger lodert.

»Du lässt Fabre und dem Rest immer noch keine Ruhe, oder?«, fragte er schließlich.

»Du bist doch der Sicherheitsexperte«, gab Simões sofort zurück, doch in seiner Stimme schwang nur ein Hauch Zorn mit. »Du liest doch jetzt schon sämtliche meiner E-Mails und Memos und dergleichen, oder etwa nicht?«

»Na ja … ja«, gab McBryde zurück.

»Dann weißt du die Antwort auf die Frage doch schon, nicht wahr?«, forderte Simões ihn heraus.

»Eine Frage wie diese nennt man in Gesprächen eine ›einleitende Bemerkung‹«, erwiderte McBryde mit ein wenig Nachdruck. »Eine Methode, einen wichtigen Gesprächspunkt aufs Tapet zu bringen, dabei aber immer noch ein Mindestmaß an Takt beizubehalten.«

»Oh.« Kurz wandte Simões den Blick ab, dann zuckte er mit den Schultern. »Naja, dann … jou. Ich lasse sie immer noch … wissen, wie ich darüber denke.«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie allmählich zumindest eine grobe Vorstellung davon haben dürften«, erwiderte McBryde trocken, und Simões überraschte sie beide damit, dass er kurz auflachte. Es war ein raues Lachen, aber immerhin war es echt.

Trotzdem war das Thema eigentlich gar nicht dazu angetan, zum Lachen zu reizen. Simões hatte noch nicht ganz den Punkt erreicht, an dem er in seinen E-Mails, die er Martina Fabre zweimal wöchentlich sandte, Drohungen ausstieß, doch das Ausmaß seines Zorns – seines Hasses, um ein ehrlicheres und treffenderes Wort dafür zu verwenden – war zwischen den Zeilen lesbar. Tatsächlich hatte McBryde Fabre heimlich geraten, zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Wäre der Mann, der diese Nachrichten verschickte, auch nur einen Deut weniger wichtig für die militärische Forschung des Alignments gewesen, dann hätte man ihn womöglich schon längst festgenommen. Zumindest ihn unter zusätzliche Überwachung gestellt, aus reiner Vorsicht … nur dass er natürlich bereits längst unter zusätzlicher Überwachung stand.

Das Ganze hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Erdrutsch, den man sich in Zeitlupe ansieht, dachte McBryde. Und in mancherlei Hinsicht machten Simões’ schiere Brillanz, seine geistige Beweglichkeit, sein Konzentrationsvermögen und seine Sturheit, die ihn zu einem der wichtigsten Forscher des Alignments machten, alles nur noch schlimmer. Ob er nun wollte oder nicht, der Hyperphysiker führte seine Kampagne, Fabre und den Mitgliedern des Ausschusses für Langfristige Planung deutlich seinen Hass und seinen Ärger wissen zu lassen, mit dem gleichen konzentrierten Unwillen, der ihn auch ansonsten auszeichnete. In gewisser Hinsicht war diese Kampagne alles, was ihn noch zusammenhielt, das Einzige, was ihm noch Antrieb verlieh – und den Willen –, sich weiterhin der Wüstenlandschaft zu stellen, in die sich der Rest seines Lebens verwandelt hatte.

Doch nicht einmal das reichte aus, um den schleichenden Zusammenbruch aufzuhalten. Es geschah nicht über Nacht. Das Schicksal war dazu nicht gnädig genug. Doch trotz aller Bemühungen, Herlander Simões zu retten, verfiel der Wissenschaftler innerlich immer weiter, langsam aber unaufhörlich. Es war ihnen lediglich gelungen, diesen Verfall zu verlangsamen, und Simões’ Therapeutin gestand McBryde auch zu, dass er den Löwenanteil dabei geleistet hatte.

Ich glaube nicht, dass irgendetwas ihn aufhalten kann, dachte McBryde düster. Ich denke, er wird von seiner eigenen Unfähigkeit angetrieben, irgendetwas zu erreichen. Ich habe diese E-Mails gelesen, deswegen weiß ich ganz genau, was er Fabre geschrieben hat. Und wäre ich an ihrer Stelle, hätte ich schon längst verlangt, Simões in Vorbeugehaft zu nehmen. Und als Mitglied des ALP bekommt sie immer, was sie verlangt. Ich frage mich, warum sie es noch nicht getan hat! Natürlich ist es durchaus möglich, dass er ihr einfach leidtut. Dass sie sich tatsächlich dafür verantwortlich fühlt, die Umstände geschaffen zu haben, die jetzt sein ganzes Leben zerstören. Aber er hat so viel Zorn in sich, irgendjemanden für das zu strafen, das seiner Tochter widerfahren ist – jemand anderen als sich selbst, oder vielleicht noch zusätzlich zu sich selbst. Eines Tages wird er versuchen, sie umzubringen, oder jemand anderen aus dem Ausschuss. Und das wird dann das Ende sein.

Wenn dieser Tag irgendwann käme, das wusste McBryde, wäre es seine Aufgabe, Simões aufzuhalten – und dieses Wissen nagte an ihm. Es nagte an seinem Mitgefühl und an seinen eigenen Zweifeln.

Denn in Wahrheit hat Bardasano tatsächlich Recht damit, wie rasch Prometheus näher rückt, dachte er. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass es noch zu meinen Lebzeiten so weit kommen würde – was ziemlich dumm von mir war, wenn man bedenkt, wie jung ich noch bin und wie viel ich darüber weiß, was unter den verschiedenen Schalen der ›Zwiebel‹ tatsächlich abgelaufen ist. Aber wir arbeiten schon so lange auf diesen Moment hin, dass ich rein emotional niemals begriffen habe, ich könne derjenige sein, der es wirklich miterleben wird. Und jetzt weiß ich, dass es so sein wird … und Herlander hat jeden einzelnen Zweifel aufgeführt, von dessen Existenz ich bislang nicht einmal selbst richtig gewusst habe, nicht wahr?

Wie viele weitere ›Herlanders‹ wird der Ausschuss noch erzeugen? Wie viele Menschen – und bloß weil sie ›Normale‹ sind, heißt das noch lange nicht, sie wären keine Menschen, verdammt noch mal! – werden sich selbst früher oder später in genau der Situation vorfinden, in der jetzt Herlander steckt? Verflucht, wie viele Millionen oder Milliarden Menschen werden wir letztendlich töten müssen, einfach nur, damit der Ausschuss für Langfristige Planung die ganze Menschheit in das Hochland genetischer Überlegenheit führen kann? Und inwieweit sind wir wirklich bereit, uns der Herausforderung zu stellen, die Leonard Detweiler uns entgegengeschleudert hat: jedes einzelne Mitglied der menschlichen Spezies zum Gipfel seiner Leistungsfähigkeit zu treiben? Werden wir das wirklich tun? Es wird natürlich immer noch ein paar Gamma-Linien geben. Es ist doch ganz offensichtlich, dass wir ohne die nicht auskommen werden, oder? Dafür werden wir reichliche Gründe finden, und einige dieser Gründe werden sogar stichhaltig sein! Aber was ist mit den Sklaven von Manpower? Werden wir die wirklich wie unseresgleichen behandeln … abgesehen von der unerfreulichen Notwendigkeit natürlich, dass wir bestimmen müssen, welche Kinder zu haben man ihnen zugestehen wird? Angenommen, natürlich, ihre Chromosomen sind hinreichend vielversprechend, dass man ihnen überhaupt gestatten wird, Kinder zu haben. Und wenn wir sie nicht wie unseresgleichen behandeln – und du weißt verdammt genau, dass das nicht geschehen wird! –, werden die Kinder, die wir ihnen zugestehen, niemals über die Stufe Gamma hinauskommen? Und wer zur Hölle sind wir, dass wir uns anmaßen, einer ganzen Galaxis zu sagen, alles müsse so laufen, wie wir das sagen? Ist das nicht genau das, was uns so lange an Beowulf gestört hat? Weil diese scheinheiligen Mistkerle darauf beharrt haben, wir könnten unsere Sachen nicht so machen, wie wir das wollten? Weil sie uns gesagt haben, was wir tun sollten? Denn genau darauf läuft es letzten Endes hinaus, wie hehr die Motive auch sein mögen, die wir uns selbst zuschreiben.

Mehrere Sekunden lang starrte er nur die Bierflasche an, die vor ihm auf dem Tisch stand, dann hob er den Kopf wieder und blickte Simões in die Augen.

»Weißt du, Herlander«, sagte er im beiläufigen Gesprächston, »es werden genau diese Schreiben an Fabre sein, die dir letztendlich den Boden unter den Füßen wegziehen. Das ist dir doch auch klar, oder?«

»Jou.« Simões zuckte mit den Schultern. »Aber ich werde ihr das nicht einfach so durchgehen lassen, Jack. Vielleicht kann ich ja wirklich nichts tun, was sie davon abhalten würde, genau das Gleiche mit einer weiteren Frankie zu machen, und vielleicht kann ich auch nichts tun, um … um es dem System heimzuzahlen. Ach verdammt, ich nehme sogar hin, dass ich das nicht kann! Aber ich kann wenigstens dafür sorgen, dass sie weiß, wie wütend ich bin, und auch, warum das so ist. Und ihr genau das zu sagen ist der einzige Trost, den ich wohl überhaupt noch habe, oder nicht?«

»Ich weiß zufälligerweise, dass es in dieser Küche hier keine Überwachungsgeräte gibt.« McBryde lehnte sich in seinem Sessel zurück, und sein Tonfall klang beinahe schon humorig. »Aber gleichzeitig solltest du zumindest darüber nachdenken, ob es wirklich ratsam ist, jemandem vom Sicherheitsdienst gegenüber zu erzählen, dass du ›es dem System heimzahlen‹ willst. Bei uns in der Branche nennt man das eine ›unverhohlene Drohung‹.«

»Und du hast nicht schon vorher gewusst, dass ich so denke?« Simões lächelte ihn allen Ernstes an! »Außerdem bist du der Einzige, dem ich so etwas sagen und mich dann darauf verlassen kann, dass es nicht dem Sicherheitsdienst gemeldet wird. Abgesehen davon sollst du doch dafür sorgen, dass ich so lange wie irgend möglich noch schön in der Spur bleibe. Also denke ich mir, du wirst mich nicht als Sicherheitsrisiko melden – mit so einem Schritt würdest du deine Vorgesetzte wohl gewaltig überraschen, könnte ich mir denken –, solange du aus mir auch nur ein bisschen anständige Arbeit für das Center herausholen kannst.«

»Du weißt, dass da nicht mehr alles so nach dem alten Fahrplan läuft, oder, Herlander?«, fragte McBryde mit leiser Stimme nach, und einen Moment lang hob der Hyperphysiker den Blick und schaute ihm in die Augen.

»Jou«, bestätigte Simões nach kurzem Schweigen, und auch er sprach sehr leise. »Jou, das weiß ich, Jack. Und« – wieder lächelte er, doch dieses Lächeln hätte selbst einer Statue das Herz brechen können – »ist das nicht wirklich eine tolle Galaxis, wenn der einzige echte Freund, den ich überhaupt habe, mich über kurz oder lang als unannehmbares Sicherheitsrisiko festnehmen muss?«

Kapitel 2

»Ich denke, wir sollten mit Admiral Harrington reden«, sagte Victor Cachat. »Und das so schnell wie möglich – also werden wir sie da aufsuchen, wo sie sich derzeit aufhält, und keine Zeit darauf verschwenden, für ein Treffen auf neutralem Grund und Boden zu sorgen.«

Anton Zilwicki starrte ihn an. Thandi Palane tat es ihm gleich.

Und ebenso die anderen: Queen Berry, Jeremy X, Web Du Havel und Prinzessin Ruth.

»Und da heißt es, ich sei völlig verrückt!«, rief Ruth aus. »Victor, das ist unmöglich!«

»Es heißt, Harrington befinde sich bei Trevors Stern«, erklärte Zilwicki. »Um genau zu sein, hat sie das Kommando über die Achte Flotte inne. Was glaubst du denn, wie die Chancen stehen, dass sie zustimmt, einen havenitischen Agenten an Bord ihres Flaggschiffes zu lassen?«

»Eigentlich sogar ziemlich gut, wenn alles, was ich bislang über sie erfahren habe, wirklich den Tatsachen entspricht«, gab Victor zurück. »Ich mache mir eher Gedanken darum, wie ich Haven davor schützen kann, aus mir irgendwelche Informationen herauspressen zu lassen – für den Fall, dass sie die harte Tour fahren will.«

Er warf Zilwicki einen Blick zu, den man mit dem Wort ›verletzt‹ beschrieben hätte – wenn es um eine andere Person als Victor gegangen wäre. »Ich möchte darauf hinweisen, dass ich der Einzige bin, der hier irgendwelche echten Risiken einginge – nicht du und ganz gewiss nicht Admiral Harrington. Aber damit lässt sich leicht genug umgehen.«

»Wie?«, fragte Berry. Sie warf Ruth einen um Entschuldigung bittenden Blick zu. »Nicht, dass ich glaube, die Manticoraner würden ihr Wort brechen, wenn sie Ihnen freies Geleit zusichern – vorausgesetzt natürlich, dass sie das zuvor auch tun. Aber Sie können unmöglich sicher sein, dass es wirklich so kommt, und wenn die Sie erst einmal in den Fingern haben …«

Zilwicki seufzte. Palane zog eine Miene, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie einfach nur sehr unglücklich angesichts von Victors Entscheidung sein solle oder schlichtweg stinkwütend auf ihn.

»Machst du Witze? Wir reden hier von Cachat, dem ›tollwütigen Hund‹, Berry!«, sagte Thandi. Ihr Tonfall klang wahrlich nicht danach, als spreche sie hier von der Liebe ihres Lebens. Vielmehr erinnerte er an das Schaben einer Feile, die gerade sehr feine Späne abhobelt. »Er wird damit in der gleichen Art und Weise ›umgehen‹, wie dieser mutmaßliche Manpower-Agent Ronald Allen damit umgegangen ist. Selbstmord.«

Cachat schwieg. Doch sein Gesichtsausdruck verriet unverkennbar, dass Thandi mit ihrer Vermutung ins Schwarze getroffen hatte.

»Victor!«, protestierte Berry.

Doch Anton wusste, wie schwierig es war, Victor Cachat etwas auszureden, wenn dieser erst einmal eine Entscheidung getroffen hatte. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Anton war auch nicht gewillt, es überhaupt zu versuchen. Es war noch nicht einmal einen ganzen Tag her, dass sie nach Torch zurückgekehrt waren und von diesem Attentat auf Berry erfahren hatten, das sich vor drei Tagen ereignet hatte. Anton Zilwicki war so wütend wie vielleicht noch nie zuvor in seinem Leben – und Cachats Vorschlag hatte den zumindest emotional gesehen immensen Vorteil, dass sie irgendetwas Konkretes würden unternehmen können … und das jetzt gleich.

Und selbst wenn man jegliche emotionalen Aspekte außer Acht ließ, hatte Victors Vorschlag immer noch einige äußerst reizvolle Aspekte. Wenn sie Honor Harrington tatsächlich dazu bringen könnten, sich mit ihnen zu treffen – und dieses ›wenn‹ war natürlich ein äußerst ungewisses ›falls‹! –, dann hätten sie endlich Kontakt zu einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten von Manticore geknüpft. Einem Anführer, der, zumindest was Haven betraf – soweit Anton das beurteilen konnte – die allgemeine im Sternenkönigreich herrschende Einstellung und Meinung mit einer gewissen Skepsis betrachtete.

Aber selbst wenn Anton Recht hatte, war es natürlich immer noch verwegen davon auszugehen, sie werde jemanden in ihre Nähe lassen, von dem bekannt war, dass er als Agent im Dienste von Haven stand – als Agent, der zwar kein richtiger ›Attentäter‹ war, diesem aber doch schon erschreckend nahekam, gerade angesichts der Tatsache, dass vor noch nicht einmal sechs T-Monaten ein Anschlag auf Herzogin Harrington selbst verübt worden war.

Andererseits …

Mittlerweile hatten Anton und Victor den Punkt erreicht, an dem sie, zumindest wenn es um berufliche Dinge ging, praktisch die Gedanken des jeweils anderen lesen konnten. Deswegen war Zilwicki nicht im Mindesten überrascht, als Victor sagte: »Anton, es wird gerade die Offenheit sein, mit der wir uns ihr nähern, die Harrington am ehesten dazu bewegen wird, zuzustimmen. Was auch immer ich im Schilde führen mag, sie wird wissen, dass ich nicht herumschleiche – und ganz anders als bei diesem Attentat, das auf sie verübt wurde, werde ich geradewegs und offen an sie herantreten. Und angesichts des Schutzes, unter dem sie steht – ganz zu schweigen von ihrem Ruf als versierte Nahkämpferin – wird das wohl kaum eine echte Gefahr darstellen.«

Er spreizte die Hände und blickte an sich herab; dabei lächelte er so engelsgleich, wie Victor Cachat es eben nur zustande brachte. Was zugegebenermaßen jeden Heiligen dann doch immens bestürzt hätte. »Ich meine, sieh mich doch mal an: Ist das etwa der Körperbau eines tödlichen Attentäters? Und auch noch eines unbewaffneten Attentäters, schließlich wird sie in der Lage sein, jegliche Waffen, die ich bei mir trage, sofort zu erkennen und darauf bestehen, dass ich sie ablege.«

Zilwicki verzog das Gesicht. »Kennt hier irgendjemand einen guten Zahntechniker? Und er muss sofort zur Verfügung stehen - und sich mit archaischen Techniken wie dem Ziehen von Zähnen auskennen.«

Berry legte die Stirn in Falten. »Warum brauchst du einen Zahntechniker?«

»Er schlägt nur gerade vor, was ich tun sollte, Berry. Mir einen Zahn mit Giftfüllung einsetzen lassen. Und das ist einfach albern.« Abschätzig schnalzte Victor mit der Zunge. »Ich muss dir sagen, Anton, dass auf diesem Gebiet der Technik Haven Manticore weit voraus ist. Und Manpower anscheinend auch.«

Thandi Palane blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Victor, willst du mir etwa erzählen, dass du standardmäßig Selbstmordgerätschaften bei dir hast?« Ihr Tonfall hatte zwar noch nicht ganz den absoluten Nullpunkt erreicht, aber Eiswürfel hätte sie damit augenblicklich erzeugen können. »Wenn das wirklich so ist, wäre ich darüber nicht sonderlich erbaut. Und ich wäre es nicht einmal dann, wenn wir nicht jede Nacht das Bett teilen würden.«

Kurz warf Cachat ihr ein beruhigendes Lächeln zu. »Nein, nein, natürlich nicht! Ich werde noch etwas bei unserer Station auf Erewhon abholen müssen. Aber auf dem Weg zu Trevors Stern müssen wir ohnehin bei Erewhon vorbei.«

Während sie den Palast verließen, um sich an die Vorbereitungen zu machen, murmelte Anton: »Nett abgelenkt, Victor.«

Vielleicht blickte Cachat wirklich ein wenig peinlich berührt drein. Aber wenn dem so war, dann nur eine Winzigkeit – eine klitzekleine Winzigkeit.

»Hör mal, ich bin doch nicht verrückt! Natürlich habe ich das Ding nicht dabei, wenn ich ins Bett gehe. Ich bewahre es nicht einmal im Schlafzimmer auf. Aber … was hätte es denn für einen Sinn, so ein Selbstmordgerät in einem anderen Sonnensystem aufzubewahren? Selbstverständlich habe ich das Ding sonst immer bei mir. Schon seit Jahren!«

Zilwicki schüttelte zwar nicht den Kopf, aber er war doch ernstlich versucht, genau das zu tun. Es gab Momente, in denen Victor ihm wie ein Alien aus einer gänzlich fremden Galaxie vorkam, mit einer emotionalen Struktur, die der von Menschen nicht einmal ansatzweise ähnelte. Es war ganz offensichtlich, dass Cachat der Ansicht war, es sei völlig vernünftig – und ein gänzlich gewöhnliches Verhalten für einen jeden kompetenten Geheimagenten – immer und überall ein Selbstmordwerkzeug bei sich zu haben. Er käme genauso wenig auf den Gedanken, ohne dieses Spielzeug aus dem Haus zu gehen, wie ein anderer Mann einfach vergessen könnte, sich Schuhe anzuziehen.

Tatsächlich jedoch hing einzig und alleine der Geheimdienst von Haven dieser Vorgehensweise an – und auch wenn Anton es natürlich nicht genau wissen konnte, so war er sich doch recht sicher, dass dies nicht einmal bei den Haveniten der Alltagsroutine entsprach. Nicht einmal zu der Zeit, da Saint-Just noch den Laden am Laufen gehalten hatte. Selbstmordgerätschaften wurden Agenten nur in Ausnahmefällen zur Verfügung gestellt, bei Aufträgen, die ganz besonders heikel waren. Natürlich wurden sie nicht verteilt wie Lutschbonbons!

Andererseits stellte, als hätte Anton diesbezüglich einer Erinnerung bedurft, Victor damit eben noch einmal deutlich heraus, dass er eben Victor Cachat war.

»Einzigartig«, murmelte er.

»Wie bitte?«

»Ach, egal, Victor.«

Hugh fuhr sich durch die Haare. Das war eine Geste, die er normalerweise nur dann vollführte, wenn er zornig war. Und das …

Traf hier zu, und gleichzeitig wieder auch nicht. Das alles war ziemlich verwirrend – und Hugh Arai verabscheute es, verwirrt zu sein.

»Ich begreife immer noch nicht, warum du so darauf beharrst …«

»Jetzt hör schon auf, Hugh!«, fauchte Jeremy X. »Du weißt ganz genau, warum ich dich hier gerade nach Kräften unter Druck setze. Erstens weil du nun einmal der Beste bist.«

»Ach, das ist doch Unfug! Es gibt in der Galaxis reichlich Leute im Sicherheitsdienst, die besser sind als ich.«

Den stechenden Blick, den Jeremy ihm zuwarf, musste man gesehen haben, sonst hätte man ihn für unmöglich gehalten.

»Na ja … also gut, meinetwegen. Allzu viele sind es wahrscheinlich dann doch nicht, und auch wenn ich es für schlichtweg lächerlich halte, wenn ich behaupte, ›ich bin der Beste‹, trifft es vermutlich zu …«

Er ließ die Stimme verebben. Web Du Havel beendete den Satz: »Dass niemand besser ist als du.«

Hugh warf dem Premierminister von Torch einen recht unfreundlichen Blick zu. »Das ist nicht beleidigend gemeint, Web, aber wann genau sind Sie eigentlich zu einem Experten auf dem Gebiet der Sicherheit geworden?«

Du Havel grinste nur. »Das bin ich nicht, und ich habe auch niemals Gegenteiliges behauptet. Aber das brauche ich auch nicht zu sein, schließlich …« – mit dem Daumen wies er auf Jeremy – »… habe ich meinen Kriegsminister, der Jahr um Jahr bewiesen hat, dass er praktisch jedes nur erdenkliche Sicherheitssystem zu überwinden vermag. Also kann ich auf sein Wort bauen, wenn es um derartige Dinge geht.«

Dem konnte man schwerlich etwas entgegensetzen.

Jeremy wartete gerade lange genug ab, um sich sicher sein zu können, dass Hugh sich genau das zumindest innerlich auch selbst eingestanden hatte. Vielleicht war es ja ein ›Eingeständnis durch störrisches Schweigen‹ – aber es war ein Eingeständnis, und das wussten sie beide.

»Der zweite Grund ist genau so wichtig«, fuhr er dann fort. »Normalerweise würden wir uns für etwas Derartiges an den Ballroom wenden. Aber angesichts dessen, was wir jetzt wissen, vor allem durch diesen Ronald-Allen-Zwischenfall, können wir das nicht tun. Ich bezweifle, dass Manpower ernstlich viele Agenten in den Ballroom oder die Regierungskreise von Torch hat einschleusen können. Aber es scheint fast sicher, dass für sämtliche Agenten, die es dort geben mag, ein Attentat auf die Königin ganz oben auf der Liste stehen dürfte.«

Er hielt inne und wartete darauf, dass Hugh ihm entweder zustimmte oder widersprach. Nein, mit seinem Schweigen zwang er Hugh praktisch dazu, das eine oder andere zu tun.

Da die Antwort eindeutig war, nickte Hugh. »In dieser Hinsicht will ich mich ja gar nicht mit dir anlegen. Und deine Schlussfolgerung ist jetzt …?«

»Ganz offensichtlich müssen wir ein Sicherheitsteam auf die Beine stellen, das nicht das Geringste mit dem Ballroom zu tun hat und auch nicht auf die Mitarbeit ehemaliger Gensklaven angewiesen ist.«

Hugh sah einen leichten Hoffnungsschimmer aufblitzen.

»Na ja, wenn das so ist, sollte ich vielleicht noch einmal darauf hinweisen, dass ich ebenfalls ein ehemaliger Gensklave bin, deswegen scheint mir …«

»Jetzt hör schon auf!« Diese Worte kamen einem Brüllen näher, als es Hugh jemals zuvor bei Jeremy erlebt hatte. Das normale Verhalten dieses Mannes – und auch der Verhaltensstil, den er selbst stets vorzog – war eher ›humorig‹ als ›wild‹.

Jeremy blickte ihn finster an. »Du zählst nicht, und der Grund dafür ist ebenfalls offensichtlich – und du kennst ihn genauso gut wie ich. Für dich kann ich bürgen, seit du fünf Jahre alt geworden bist, und wenn man mir nicht vertrauen kann, dann sind wir hier alle sowieso am Arsch, schließlich bin ich verdammt noch eins hier der Kriegsminister! Jetzt lasst uns bloß nicht durchdrehen. Aber selbst wenn du die Leitung übernimmst, möchte ich doch, dass der gesamte Rest des Teams von Beowulf stammt.«

Noch während er seine Einwände vorbrachte, hatte er schon über das Problem nachgedacht. Auf einem Nebenkanal, sozusagen. Jeremy hätte ihm wirklich nicht zu erklären brauchen, welche Vorzüge es hätte, ein Sicherheitsteam einzusetzen, das bislang noch keinerlei Verbindungen nach Torch oder zum Ballroom geknüpft hatte. Das war von Anfang an offensichtlich gewesen. Und die Lösung für dieses Problem war ebenso offensichtlich – wenn es sich denn bewerkstelligen ließe.

»Am besten wäre es wohl, einfach dafür zu sorgen, dass das Biological Survey Corps mich und mein Team auf Dauer nach Torch abstellt.«

Jeremy nickte. »Endlich. Jetzt denkt der Bursche wieder klar!«

Web Du Havel blickte sie nacheinander an. »Ich hatte nicht den Eindruck, das BSC habe sich auf Sicherheitsfragen spezialisiert.«

Hugh und Jeremy lächelten völlig gleichzeitig. »Naja, das haben sie auch nicht. An sich nicht«, sagte Jeremy. »Hier spricht eher meine eigene Erfahrung auf diesem Gebiet.« Web verdrehte die Augen. »Mit anderen Worten: Du hast keine Ahnung von Sicherheitsmaßnahmen, außer wie man sie umgeht.«

»Das trifft es ziemlich gut«, sagte Hugh. »Wenn man mich einmal außen vor lässt, dann könnte man wohl annehmen, die Fertigkeiten meines Teams entsprechen ungefähr denen der Gegenseite. Aber das ist mehr als genug, Web. Und da sie überhaupt nicht mehr auf dem neuesten Stand gehalten werden, was Torch oder den Ballroom betrifft, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, man könnte sie unterwandert haben.«

»Damit bleibt immer noch das Problem, dass es mit der Vorgehensweise bei den letzten Attentaten – ob nun erfolgreich oder nicht – möglich sein könnte, alles einfach zu umgehen.«

Hugh schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht an Zauberkräfte, Jeremy, und du auch nicht. Ich selbst denke ja, dass Manpower hinter all dem steckt – auch wenn ich zugebe, dass das nur an meiner eigenen Voreingenommenheit liegen könnte. Trotzdem: Wie auch immer die Methode nun eigentlich funktioniert, das riecht einfach nach etwas auf biologischer Basis. Abgesehen von Beowulf hat Manpower auf diesem Gebiet die größte Erfahrung in der ganzen Galaxis – und teilweise kann nicht einmal Beowulf ihnen das Wasser reichen. Aber wer auch immer letztendlich dahintersteckt, man kann es abwehren, wenn wir erst einmal herausgefunden haben, wer dahintersteckt. Und in der Zwischenzeit …«

Nun klang er sehr grimmig. »Mir fällt zumindest eine Methode ein, mit der wir für Berrys Sicherheit sorgen können, solange wir noch im Dunkeln tappen. Aber gefallen wird ihr das sicher nicht.«

Web wirkte ein wenig beunruhigt. »Wenn es darauf hinausläuft, sie irgendwo einzuschließen, Hugh, dann können Sie das gleich wieder vergessen. Selbst jetzt, wo sie sich relativ umgänglich zeigt, eben weil Lara und die anderen gestorben sind, halte ich es für absolut ausgeschlossen, dass Berry sich dazu bereiterklären wird.«

»Daran habe ich auch nicht gedacht – aber ob es ihr nun passt oder nicht, sie wird einen Großteil der Zeit von allen anderen abgeschirmt sein. Das bedeutet nicht, dass sie sich überhaupt nicht frei bewegen darf, aber … nennen wir es ›Sicherheit durch extreme Unbarmherzigkeit‹. Aber ich kenne Berry gut genug, um schon jetzt zu wissen, dass es ihr wirklich schwerfallen wird, sich diesen Vorsichtsmaßnahmen zu unterwerfen.«

»Natürlich ist diese ganze Diskussion hier höchstwahrscheinlich völlig nutzlos, weil mir kein einziger Grund einfällt, weswegen das BSC irgendwelchen der Dinge, die hier besprochen wurden, zustimmen sollte. Eine ganze Kampfgruppe abkommandieren, die dann einer fremden Sternnation dienen soll – und das für einen nicht näher bestimmbaren, vermutlich aber längeren Zeitraum? Du träumst doch wohl, Jeremy!«, sagte Hugh.

Nun war es an Jeremy und Du Havel, gleichzeitig zu lächeln. »Warum überlassen Sie diese Sorge nicht einfach uns?«, entgegnete Web. »Vielleicht können wir ja etwas arrangieren.«

»Klar«, sagte Prinzessin Ruth. »Soll ich die Aufzeichnung auch für meine Eltern machen, nicht nur für meine Tante? Ich würde ja empfehlen, auch Mom und Dad einzubeziehen. Tante Elizabeth wäre ziemlich sauer, wenn das irgendjemand laut aussprechen würde, aber in Wahrheit kann mein Vater ihr praktisch alles abschmeicheln. Und da jegliche Sicherheitsmaßnahmen, die Berry schützen sollen, sich auch auf mich auswirken werden, wird er sich wahrscheinlich ganz besonders anstrengen.«

Web und Jeremy blickten einander an. »Wie Sie meinen, Ruth. Sie sind die Expertin hier.«

»Na, dann okay.« Ruth schürzte die Lippen. »Jetzt muss ich mir noch überlegen, was am besten funktioniert. Mit ›Tränen in den Augen‹, oder doch lieber ›so beharrlich, dass es fast schon an kindliche Respektlosigkeit grenzt‹?«

»Warum bist du dir so sicher, dass Manticore genug Einfluss auf Beowulf hat?«, fragte Jeremy später.

»Dafür fallen mir mindestens vier Gründe ein«, erwiderte Web. »Der einfachste davon ist, dass du, auch wenn du reichlich Zeit mit Beowulfianern verbracht haben magst, anscheinend noch nicht ganz erkannt hast, wie tief und unnachgiebig der Hass ist, den die Elite von Beowulf auf Manpower verspürt. Für die ist dieser Krieg, mehr noch als für manche Exsklaven wie uns, etwas zutiefst Persönliches. Da treffen zwei Gruppen aufeinander, die einen tiefen Groll hegen.«

»Das alles ist doch schon Jahrhunderte her, Web. Mehr als ein halbes Jahrtausend! Wer kann denn derart lange einen Groll hegen? Ich glaube nicht, dass ich zu so etwas in der Lage wäre, und von mir ist ja nun allgemein bekannt, dass ich ein echter Fanatiker bin.«

Leise lachte Web in sich hinein. »Ich weiß von mindestens acht Projekten auf Beowulf, in denen es darum geht, evolutionäre Effekte zu studieren, und jedes einzelne davon wurde innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Besiedelung des Planeten gestartet – vor fast eintausendachthundert Jahren. Wenn Biologen erst einmal ein gewisses Maß an Hingabe und Aufopferungsbereitschaft entwickelt haben, sind sie eigentlich kaum noch zurechnungsfähig.«

Er schüttelte den Kopf. »Aber lassen wir das. Ein weiterer Grund ist, dass Manticore beachtlichen Druck auf Beowulf ausüben kann. Vielleicht sollte man es lieber ›Einfluss nehmen‹ nennen. Und umgekehrt gilt natürlich das Gleiche. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Sternnationen sind deutlich enger, als den meisten bewusst ist.«

Jeremy wirkte immer noch ein wenig skeptisch. Doch er ging der Sache nicht weiter nach. Schließlich war das hier Web Du Havels Fachgebiet.

Kapitel 3

Das Kriegsschiff, das aus dem Trevors-Stern-Terminus des Manticoranischen Wurmlochknotens drang, sendete keinen manticoranischen Transpondercode und auch keinen graysonitischen oder andermanischen. Dennoch wurde ihm der Transit gestattet, denn sein Code wies es als dem Königreich Torch zugehörig aus.

Die Einheit als ›Kriegsschiff‹ zu bezeichnen war vielleicht allzu großzügig, denn es handelte sich um eine Fregatte – ein Schiff einer solch kleinen Klasse, dass keine größere Raummacht sie seit über fünfzig T-Jahren mehr baute. Allerdings war es ein sehr modernes Schiff, keine drei T-Jahre alt, und von manticoranischer Fertigung, vom Hauptmann-Kartell für die Anti-Sklaverei-Liga gebaut.

Was, wie jedermann wusste, tatsächlich bedeutete, dass das Schiff für den Audubon Ballroom gefertigt worden war, und zwar vor dessen Sprung in die Ehrbarkeit. Diese besondere Fregatte – TNS Pottawatomie Creek – war recht berühmt, um nicht zu sagen berüchtigt, weil es das persönliche Transportmittel eines gewissen Anton Zilwicki war, ehemals Captain Ihrer Manticoranischen Majestät Navy.

Der Mordanschlag auf Zilwickis Tochter war im ganzen Sternenkönigreich bekannt, und in der augenblicklichen blutgierigen manticoranischen Stimmung machte niemand irgendwelche Probleme, als die Pottawatomie Creek die Erlaubnis erbat, sich HMS Imperator zu nähern und zwei Besucher überzusetzen.

»Hoheit, Captain Zilwicki und … ein Gast«, verkündete Commander George Reynolds.

Honor brach das Sinnieren über die am nächsten treibenden Einheiten unter ihrem Kommando ab und zog eine Augenbraue hoch, als sie die eigenartige Färbung von Reynolds’ Empfindungen wahrnahm. Sie hatte sich entschieden, sich so rasch wie möglich mit Zilwicki zu besprechen, und hatte ihn darum von Reynolds empfangen und in die relativ kleine Beobachtungskuppel gleich achtern vom vorderen Hammerkopf der Imperator führen lassen. Dort bot sich eine spektakuläre Panoramasicht, aber die Kuppel lag deutlich außerhalb ihrer Kajüte oder der offiziellen Umgebung der Flaggbrücke.

Nun allerdings veranlasste das eigenartige Kräuseln in Reynolds’ Geistesleuchten sie zu der Frage, ob Zilwicki nicht vielleicht genauso froh wie sie sei, die ›inoffizielle‹ Natur des Besuches zu wahren. Reynolds, der Sohn eines befreiten Gensklaven, war ein begeisterter Befürworter des großen Experiments im Congo-System und, man brauchte es kaum zu erwähnen, ein Bewunderer von Anton Zilwicki und Catherine Montaigne. Unmittelbar vor Honors Einsatz im Marsh-System hatte der Commander mit Zilwicki sehr eng zusammengearbeitet, und er hatte sich sehr gefreut, als sie ihn bat, Zilwickis Kutter zu empfangen. Jetzt allerdings wirkte er fast ein wenig … besorgt. Nein, das war nicht ganz das richtige Wort, aber es kam der Sache nahe, und Honor bemerkte, wie Nimitz’ Interesse erwachte, als der Kater sich auf der Sessellehne, zu voller Größe aufrichtete.

»Captain«, sagte sie und reichte Zilwicki die Hand.

»Hoheit.« Zilwickis Stimme dröhnte so tief wie immer, aber sie klang ein wenig schroff. Abgehackt. Und als sie sich ihm ganz zuwandte, schmeckte sie einen brodelnden Zorn, den er hinter seinem augenscheinlich ruhigen Äußeren verbarg.

»Mir hat es sehr leidgetan, als ich hörte, was auf Torch passiert ist«, sagte Honor ruhig. »Aber ich bin froh, dass Berry und Ruth unversehrt davongekommen sind.«

»›Unversehrt‹. Das ist ein interessantes Wort, Hoheit«, brummte Zilwicki in einer Stimme, die wie kullernder gryphonischer Granit rumpelte. »Berry wurde nicht verletzt, nicht physisch, aber ich finde nicht, dass sie wirklich ›unversehrt‹ geblieben ist. Sie macht sich Vorwürfe, obwohl sie es nicht bräuchte, und sie ist einer der vernünftigsten Menschen, die ich kenne. Nicht so sehr wegen Laras Tod oder der vielen anderen Menschen, die ihr Leben verloren haben, sondern weil sie davongekommen ist. Und auch, glaube ich, wegen der Art, wie Lara starb.«

»Es tut mir leid, das zu hören«, sagte Honor und verzog das Gesicht. »Mit Survivor’s Guilt hatte ich auch schon ein- oder zweimal zu tun.«

»Sie steht das schon durch, Hoheit«, sagte der verärgerte Vater. »Wie gesagt, sie ist einer der geistig gesundesten Menschen, die ich kenne. Aber dieses Erlebnis wird seine Narben hinterlassen, und ich hoffe, sie zieht daraus die richtigen Lehren.«

»Das hoffe ich auch, Captain«, sagte Honor voll Aufrichtigkeit.

»Und wo wir davon sprechen, die richtigen Lehren zu ziehen – oder Schlüsse, wie ich vielleicht sagen sollte«, entgegnete er: »Ich muss mit Ihnen darüber reden, was geschehen ist.«

»Ich wäre dankbar für jeden Einblick, den Sie mir gewähren können. Aber sollten Sie nicht eher mit Admiral Givens sprechen, oder vielleicht dem SIS?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ein offizieller Nachrichtendienst schon bereit ist zu hören, was ich zu sagen habe. Und ich weiß genau, dass man dort nicht bereit wäre, meinen … Mitermittler hier anzuhören.«

Honor richtete ihre Aufmerksamkeit offen und vollständig auf Zilwickis Begleiter, als der Captain auf ihn wies. Er war ein sehr junger Mann, stellte sie fest, ohne besondere körperliche Merkmale. Von durchschnittlicher Größe – vielleicht sogar ein wenig kleiner – und allenfalls drahtigem Körperbau. Er wirkte neben Zilwickis beeindruckender muskulöser Massigkeit fast unreif. Sein Haar und auch sein Teint gingen eher ins Dunkle, und seine Augen waren einfach nur braun.

Doch als Honor ihn anblickte und seine Empfindung zu kosten versuchte, bemerkte sie rasch, dass dieser junge Mann alles andere als ›nicht besonders‹ war.

In ihrem Leben hatte Honor Alexander-Harrington schon einige recht gefährliche Menschen kennengelernt. Zilwicki war ein typischer Fall, wie auch, auf seine eigene tödliche Art, der junge Spencer Hawke, der gerade wachsam hinter ihr stand. Der junge Mann vor ihr hatte jedoch den klaren, sauberen, unbefrachteten Geschmack eines Schwertes. Ja, sein Geistesleuchten ähnelte dem einer Baumkatze, stärker, als Honor es bei einem Menschen je geschmeckt hatte. Gewiss nicht boshaft, aber … direkt. Sehr direkt. Baumkatzen teilten ihre Feinde in zwei Gruppen ein: die, um die man sich schon in geeigneter Weise gekümmert hatte, und die, die noch lebten. Das Geistesleuchten dieses unscheinbaren jungen Mannes war in dieser Hinsicht genau so. Darin lag nicht die winzigste Spur von Boshaftigkeit. In vielerlei Hinsicht war es klar und kühl wie ein Teich mit tiefem, ruhigem Wasser. Aber irgendwie in den Tiefen des Teichs lauerte Leviathan.

Im Laufe der Jahrzehnte hatte Honor sich selbst gut kennengelernt. Nicht perfekt, aber besser, als es den meisten Menschen je gelang. Sie war der Wölfin in sich begegnet, der Bereitschaft zur Gewalt, dem Temperament, das durch die Disziplin gezügelt und zum Schutz der Schwachen gelenkt wurde, statt ihnen zuzusetzen. Diesen Aspekt ihres Seins sah sie als Spiegelbild auf der glänzenden Wasserfläche dieses jungen Mannes, und mit einem inneren Schauder begriff sie, dass er sogar noch stärker zur Gewalt bereit war als sie. Nicht weil er es auch nur ein bisschen mehr wollte als sie, sondern wegen seiner hohen Konzentration. Seiner Ziele.

Er war nicht einfach Leviathan; dieser Mann war auch Moloch. In ihm war die gleiche Entschlossenheit wie bei ihr, die Menschen und Dinge, die ihm etwas bedeuteten, zu schützen, und zwar mit weitaus größerer Skrupellosigkeit. Honor war bereit, sich für das zu opfern, woran sie glaubte; dieser Mann hätte alles und jeden dafür geopfert. Nicht um der persönlichen Macht willen, auch nicht für Profit. Sondern weil seine Überzeugungen, und die Integrität, mit der er an ihnen festhielt, zu stark waren, um irgendetwas anderes zu erlauben.

Aber obwohl ihn eine solch saubere Entschlossenheit prägte wie ein Fleischerbeil, war er keineswegs ein geistig verkrüppelter Psychopath oder Fanatiker. Um das, was er opferte, litt er. Er würde es trotzdem opfern, weil er sich und seiner Seele ins Auge gesehen und akzeptiert hatte, was er dort fand.

»Darf ich annehmen, Captain«, sagte Honor ruhig, »dass der politische Werdegang, um es so zu nennen, dieses Mannes ihn bei nämlichem offiziellen Nachrichtendienst vielleicht ein bisschen zu einer Persona non grata machen könnte?«

»Oh, ich glaube schon, dass man es so ausdrücken könnte, Hoheit«, sagte Zilwicki und lächelte ohne große Heiterkeit. »Herzogin Harrington, erlauben Sie mir, Ihnen Special Officer Victor Cachat vom havenitischen Federal Intelligence Service vorzustellen.«

Cachat musterte sie gelassen, aber sie spürte die Anspannung, die sich hinter seiner ausdruckslosen Fassade befand. Die ›einfach nur braunen‹ Augen waren viel tiefer und dunkler, als Honor zuerst gedacht hatte, und gaben eine bewundernswerte Maske ab für alles, was dahinter auch vorgehen mochte.

»Officer Cachat«, wiederholte sie mit fast beschwingter Stimme. »Ich habe einige bemerkenswerte Dinge über Sie gehört. Einschließlich der Rolle, die Sie bei Erewhons jüngster … Neuorientierung gespielt haben.«

»Ich hoffe, Sie erwarten nicht von mir, dass ich behaupte, es täte mir leid, Herzogin Harrington.« Cachats Stimme war nach außen hin so ruhig wie seine Augen, und doch schmeckte Honor eine Zunahme seines Unbehagens.

»Nein, das erwarte ich ganz bestimmt nicht.«

Lächelnd wich sie einen halben Schritt zurück. Sie spürte, wie Hawke sich innerlich anspannte, seit Cachats Identität bekannt war. Dann wies sie auf die behaglichen Sessel unter der Kuppel.

»Nehmen Sie Platz, Gentlemen. Und dann, Captain Zilwicki, können Sie mir vielleicht genauer erklären, was Sie in Gesellschaft des berüchtigtsten Geheimagenten – wenn das kein Oxymoron ist – der finstren Republik Haven hier suchen. Ich bin sicher, es ist eine interessante Geschichte.«

Zilwicki und Cachat blickten einander an. Der Blick war kurz, und sie spürte ihn mehr, als dass sie ihn sah, dann setzten sich beide gleichzeitig. Honor nahm einen Sessel ihnen gegenüber, und Nimitz glitt in ihren Schoß, während Hawke sich ein Stück zur Seite bewegte. Sie spürte, dass Cachat genau merkte, wie Hawke durch diese Bewegung Honor aus seiner Schusslinie brachte. Der Havenit ließ sich äußerlich nicht anmerken, dass er sich dessen gewahr war, aber sie könnte spüren, dass er sich darüber amüsierte.

»Wer von den Herren möchte beginnen?«, fragte sie ruhig.

»Ich denke, ich sollte anfangen«, sagte Zilwicki. Er musterte sie einen Moment lang, dann zuckte er mit den Schultern.

»Eines voraus, Hoheit, ich bitte um Entschuldigung, dass ich Victors Besuch nicht mit Ihrer Leibwache im Vorfeld abgeklärt habe. Ich hatte so den Verdacht, dass die Leute eine Reihe von Einwänden erheben könnten. Mal ganz davon abgesehen, dass er wirklich ein havenitischer Agent ist.«

»Ja, das ist er«, bestätigte Honor. »Und ich, Captain, fürchte meinerseits, ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie besagten havenitischen Agenten in einen Sicherheitsbereich gebracht haben. Das gesamte Sonnensystem ist Flottenankerplatz, steht unter Kriegsrecht und ist von allem ungenehmigten Schiffsverkehr abgeschottet. Hier ist eine Menge höchst vertraulicher Informationen zu erhalten, darunter einiges, was man sich einfach nur anzusehen braucht. Ich vertraue darauf, dass keiner von Ihnen es falsch versteht, aber ich kann einem ›havenitischen Agenten‹ eigentlich nicht gestatten, nach Hause zurückzukehren und dem Oktagon mitzuteilen, was er hier gesehen hat.«

»Diesen Punkt haben wir in Betracht gezogen, Hoheit«, entgegnete Zilwicki erheblich ruhiger, als ihm eigentlich zumute war, wie Honor feststellte. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass Victor keinen Zugriff auf unsere Ortungsdaten erhielt und auch die Brücke der Pottawatomie Creek nicht betreten durfte, seit wir das Congo-System verlassen haben. Auch während des Übersetzens von der Pottawatomie an Bord Ihres Schiffes hat er keine Gelegenheit für visuelle Beobachtungen erhalten. Jetzt …« – er hob eine Hand und wies auf die Panoramasicht der Beobachtungskuppel – »erhält er zum ersten Mal einen Blick auf etwas, was man auch nur ansatzweise als vertrauliche Information bezeichnen könnte.«

»Was immer es wert ist, Herzogin«, sagte Cachat und sah ihr ruhig in die Augen, während seine rechte Hand locker auf seinem Schoß ruhte, »Captain Zilwicki spricht die Wahrheit. Und obwohl ich zugebe, dass ich eine sehr starke Versuchung empfand, mich in die Informationssysteme der Pottawatomie Creek zu hacken und die Informationen zu stehlen, konnte ich dieser Versuchung leicht wiederstehen, da meine Kenntnisse hierfür nicht ausreichend genug sind. Ich muss andere Personen hinzuziehen, damit sie diese Tätigkeiten für mich erledigen, und von diesen war niemand diesmal an Bord. Wenn ich es versucht hätte, wäre das Risiko, eine wertvolle berufliche Beziehung zu zerstören, ungleich größer gewesen.« Honor lehnte sich leicht zurück und musterte ihn nachdenklich. Aus seinen Emotionen ging einwandfrei hervor, dass er nicht die leiseste Ahnung von ihren empathischen Fähigkeiten hatte. Genauso offensichtlich war, dass er die Wahrheit sprach. Allerdings war ebenfalls deutlich zu erkennen, dass er damit rechnete, festgehalten zu werden, vielleicht sogar eingesperrt. Und …

»Officer Cachat«, sagte sie, »mir wäre es wirklich lieb, wenn sie diese Selbstmordwaffe in ihrer rechten Gesäßtasche deaktivieren könnten.«

Cachat erstarrte und riss die Augen auf, das erste Zeichen von Bestürzung, das sie bei ihm sah. Honor hob rasch die rechte Hand, als sie das schnarrende Wispern hörte, mit dem Captain Hawke den Pulser zog.

»Ruhig, Spencer«, sagte sie zu dem jungen Mann, der Andrew LaFollet abgelöst hatte, ohne je den Blick von Cachat zu nehmen. »Ganz ruhig! Officer Cachat möchte niemanden außer sich verletzen. Aber mir wäre erheblich wohler zumute, wenn sie nicht ganz so entschlossen wären, sich zu töten, Officer Cachat. Es fällt schwer, sich auf das zu konzentrieren, was jemand einem erzählt, wenn man sich die ganze Zeit fragen muss, ob er sich am Ende des nächsten Satzes wohl vergiftet oder sich mit allen ringsum in die Luft sprengt.«

Cachat saß sehr, sehr ruhig vor ihr. Dann schnaubte er – ein raues, schroffes Geräusch, das dennoch einen Unterton aufrichtiger Belustigung enthielt – und blickte Zilwicki an.

»Ich schulde dir einen Kasten Bier, Anton.«

»Ich hab’s dir doch gesagt.« Zilwicki zuckte mit den Schultern. »Und jetzt schalte bitte endlich das verdammte Ding ab, ja, du Supergeheimagent? Ruth und Berry würden mich beide massakrieren, wenn ich zulasse, dass du dich umbringst. Und ich möchte nicht einmal darüber nachdenken, was Thandi mit mir anstellen würde!«

»Feigling.«

Cachat wandte sich Honor wieder zu, den Kopf leicht zur Seite geneigt, dann lächelte er ein wenig schief.

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Herzogin Harrington. Wir haben umfassende Dossiers über Sie, und ich weiß, dass Admiral Theisman und Admiral Foraker Sie sehr schätzen. Wenn Sie bereit sind, mir Ihr Wort zu geben - Ihr Wort, nicht das Wort einer manticoranischen Aristokratin oder eines Offiziers der Royal Manticoran Navy, sondern das Wort Honor Harringtons –, mich nicht festzuhalten oder zu versuchen, Informationen aus mir herauszupressen, dann entschärfe ich mein Gerät.«

»Ich sollte wohl darauf hinweisen, dass selbst mein Ehrenwort Sie nicht davor schützt, von jemand anderem festgenommen zu werden, sollte man herausfinden, wer Sie sind.«

»Das stimmt.« Er überlegte kurz und sagte achselzuckend: »Gut, dann müssen Sie mir eben das Wort der Gutsherrin Harrington geben.«

»Oh, wirklich gut, Officer Cachat!« Honor lachte leise, während Hawke sich empört versteifte. »Sie haben sich wirklich mit meiner Akte befasst.«

»Und der politischen Struktur Graysons«, stimmte Cachat zu. »Es muss das antiquierteste, unfairste, elitärste, theokratischste, aristokratischste Relikt aus der Mülltonne der Geschichte auf dieser Seite der erforschten Milchstraße sein. Aber das Wort eines Graysons ist unverletzlich, und graysonitische Gutsherren haben das Recht, jedem überall unter sämtlichen Umständen Schutz zu gewähren.«

»Und wenn ich das tue, bin ich gezwungen – von der Tradition, der Ehre und dem Gesetz –, dafür zu sorgen, dass Sie ihn erhalten.«

»Richtig … Gutsherrin Harrington.«

»Also gut, Officer Cachat. Die Gutsherrin von Harrington garantiert für Ihre Sicherheit und Ihre Rückkehr an Bord der Pottawatomie Creek. Und da ich mit meinen Garantien schon so freigiebig umgehe, garantiere ich außerdem, dass die Achte Flotte die Pottawatomie Creek nicht zusammenschießen wird, sobald Sie wieder ›sicher‹ an Bord sind.«

»Danke«, sagte Cachat und griff in die Tasche. Behutsam zog er ein kleines Kästchen hervor und aktivierte eine virtuelle Tastatur. Seine Finger zuckten kurz, als er einen komplizierten Code eingab, dann warf er das Kästchen Zilwicki zu.

»Ganz bestimmt fühlt sich jeder glücklicher, wenn du es behältst, Anton.«

»Thandi mit Sicherheit«, gab Zilwicki zurück und schob sich das entschärfte Gerät in die Tasche.

»Nachdem das erledigt wäre, Captain Zilwicki«, sagte Honor, »ich glaube, Sie wollten gerade erklären, was Sie und Officer Cachat zu uns führt?«

»Hoheit« – Zilwicki schien sich Honor entgegenzuneigen, ohne dass er sich wirklich bewegte –, »wir wissen, dass Königin Elisabeth und ihre Regierung die Republik Haven für den Anschlag auf das Leben meiner Tochter verantwortlich macht. Und ich gehe davon aus, dass Sie sich noch erinnern, wie meine Frau getötet wurde, und Ihnen klar ist, dass ich keinen besonderen Grund habe, Haven zu mögen. Eher im Gegenteil.

Nach dieser Einleitung muss ich Ihnen jedoch mitteilen: Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass Haven nicht das Geringste mit dem Mordanschlag auf Torch zu tun hatte.«

Honor blickte Zilwicki mehrere Sekunden lang wortlos und mit nachdenklichem Gesicht an. Schließlich lehnte sie sich zurück und schlug die langen Beine übereinander.

»Das ist eine sehr interessante Behauptung, Captain. Eine Behauptung, das weiß ich, die Sie für wahr halten. Interessanterweise hält übrigens auch Officer Cachat sie für zutreffend. Dadurch ist sie natürlich noch nicht unbedingt wahr.«

»Nein, Hoheit, das nicht«, gab Zilwicki langsam zu, und Honor schmeckte bei beiden Gästen die brennende Neugier, woher sie so sicher – und so treffend – sagen konnte, was sie glaubten.

»Also gut«, sagte sie. »Warum glauben Sie, Captain, dass es keine havenitische Operation gewesen ist?«

»Erstens, weil es für die Republik ein ziemlich dummer Schritt gewesen wäre«, antwortete Zilwicki unverzüglich. »Selbst wenn man die Kleinigkeit beiseite lässt, dass es für Havens interstellaren Ruf katastrophal wäre, bei solch einer Geschichte ertappt zu werden, war das Attentat ausschlaggebend dafür, dass der Friedensgipfel geplatzt ist, den die Republik vorgeschlagen hatte. Und zusammengenommen mit dem Mord an Webster hätte Haven auch genauso gut Pop-up-Anzeigen in jeder Zeitung der Galaxis schalten können, mit dem Inhalt: ›Hey, wir waren das! Was sind wir doch für ein fieser Haufen!‹«

Der massige Highlander von Gryphon schnaubte wie ein besonders zorniger Eber und schüttelte den Kopf.

»Ich habe einige Erfahrung mit den havenitischen Nachrichtendiensten sammeln dürfen, insbesondere in den letzten paar Jahren. Die augenblickliche Regierung ist viel zu klug für ein solches Manöver. Und übrigens wäre selbst ein Oscar Saint-Just niemals so arrogant – und so dumm – gewesen, so etwas zu probieren!«

»Vielleicht nicht. Aber wenn Sie mir vergeben, diese Annahmen basieren allein auf Ihrer Rekonstruktion, was die Leute hätten erkennen müssen, wenn sie ihren Verstand einschalteten. Sie sind logisch, das gebe ich zu, aber Logik ist gerade dort, wo Menschen betroffen sind, oft nichts weiter als ein Weg, mit Selbstvertrauen in die falsche Richtung zu steuern. Gewiss kennen Sie das Sprichwort: ›Man führe nichts auf Böswilligkeit zurück, was auch mit Unfähigkeit erklärt werden kann.‹ Oder in diesem Fall eher Dummheit.«

»Das ist schon richtig«, erwiderte Zilwicki. »Dagegen spricht allerdings der Umstand, dass ich recht eingehend mit den Operationen der havenitischen Geheimdienste im und rings um das Congo-System vertraut bin.« Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Cachat. »Die Nachrichtendienstler, die dort auf Erewhon tätig sind, wissen genau, dass sie sich mit dem Audubon Ballroom nicht anlegen sollten. Oder bei aller Bescheidenheit, mit mir. Und die Republik Haven ist sich vollkommen bewusst, wie Torch und der Ballroom reagieren würden, wenn sich Haven tatsächlich als schuldig am Mord an Queen Berry, Prinzessin Ruth und Thandi Palane erweisen sollte. Das können Sie mir glauben. Wenn Haven das Treffen mit Elizabeth verhindern wollte, hätte es die Konferenz abgesagt. Man hätte niemals versucht, den Gipfel auf diese Art zu sabotieren. Und wenn es erforderlich gewesen wäre, ihn derart zu sabotieren, dann hätten Ruth, Jeremy, Thandi und ich es im Voraus gewusst.«

»Sie sagen also, abgesehen von ihren logischen Argumenten, weshalb Haven diese Operation niemals begonnen hätte, Ihre Sicherheitsarrangements hätten Sie vor jedem Attentatsversuch von Havens Seite gewarnt?«

»Mit absoluter Sicherheit garantieren kann ich es natürlich nicht. Ich halte es aber dennoch für zutreffend.«

»Ich verstehe.«

Honor rieb sich nachdenklich die Nasenspitze, dann zuckte sie mit den Schultern.

»Ich akzeptiere die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Recht haben. Gleichzeitig sollten Sie aber nicht vergessen, dass jemand – vermutlich Haven – es geschafft hat, meinen Flaggleutnant umzudrehen. Das ONI hat immer noch keine Erklärung dafür, wie das geschehen konnte, und während ich Ihnen und Ihren Fähigkeiten den größten Respekt entgegenbringe, hat Admiral Givens auch einiges auf dem Kasten.«

»Zugegeben, Hoheit. Ich habe jedoch einen anderen Grund anzunehmen, dass Haven auch in den Anschlag auf Sie nicht verwickelt war. Und angesichts der … ungewöhnlichen Schärfe, mit der Sie Victor und mich beurteilt haben, sind Sie vielleicht eher bereit, diesen Grund zu akzeptieren.«

»Ich verstehe«, wiederholte Honor und sah Cachat an. »Also schön, Officer Cachat. Da offensichtlich Sie Captain Zilwickis zusätzlichen Grund darstellen, nehme ich an, dass Sie mich ebenfalls überzeugen wollen.«

»Admiral«, sagte Cachat, indem er die aristokratischen Titel wegließ, die, wie sie wusste, an sich subtile Erklärungen des Misstrauens gewesen waren, »ich muss zugeben, dass Sie weit unheimlicher wirken, als ich erwartet hätte. Haben Sie je eine nachrichtendienstliche Laufbahn erwogen?«

»Nein. Was ist nun mit der Überzeugungsarbeit?«

Cachat lachte rau, dann zuckte er mit den Schultern.

»Sehr wohl, Admiral. Das überzeugendste Beweisstück, das Anton anführen kann, ist die Tatsache, dass es meine Aufgabe gewesen wäre, einen Anschlag auf Torch durchzuführen, wenn die Republik solch eine Operation befohlen hätte. Ich bin der FIS-Chef für Erewhon, Congo und den Maya-Sektor.«

Das Eingeständnis machte er gelassen, aber, wie Honor wusste, nur sehr ungern. Dazu hat er einen ausgezeichneten Grund, dachte sie. Mit Sicherheit zu wissen, wer der Chefspion des Gegners war, machte den eigenen Agenten das Leben erheblich leichter.

»Es gibt Gründe – persönlicher Natur –, weshalb meine Vorgesetzten mich bei dieser speziellen Operation vielleicht übergangen hätten«, fuhr Cachat fort, und Honor schmeckte seine absolute Entschlossenheit, aufrichtig zu sein. Nicht, weil er nicht bereit gewesen wäre zu schwindeln, wenn er es für seine Pflicht hielt, sondern weil er zu dem Schluss gekommen war, dass er keine Chance hatte, sie erfolgreich zu belügen.

»Obwohl diese Gründe durchaus existieren«, fuhr er fort, »habe ich zugleich persönliche Kontakte auf sehr hoher Ebene, durch die ich dennoch verständigt worden wäre. Und bei aller Bescheidenheit, mein eigenes Netz hätte mich gewarnt, wenn jemand von Haven in mein Territorium eingedrungen wäre.

Weil das alles stimmt, kann ich Ihnen versichern, dass die Wahrscheinlichkeit, die Republik könnte irgendwie in den Mordanschlag auf Queen Berry verstrickt gewesen sein, letztlich nicht existiert. Auf den Punkt gebracht, Admiral: Wir waren es nicht.«

»Wer dann?«, wollte Honor wissen.

»Nun, wenn es nicht Haven war, dann schwenkt unser Verdacht automatisch auf Mesa«, antwortete Zilwicki. »Mesa und Manpower haben eine ganze Reihe von Gründen, Torch zu destabilisieren und Berry zu töten. Auch die Tatsache, dass das verwendete Nervengas solarischen Ursprungs ist, unterstreicht die Wahrscheinlichkeit einer mesanischen Verwicklung. Gleichzeitig bin ich mir sehr wohl im Klaren, dass jeder Angehörige eines offiziellen Nachrichtendienstes herauszustreichen versuchte, dass wir natürlich immer glauben werden, Mesa stecke hinter jedem Angriff auf uns. Und um ganz ehrlich zu sein, die Leute hätten Recht.«

»Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass Sie davon überzeugt sind, Mesa sei der Drahtzieher«, stellte Honor fest.

»Nein, das nicht.«

»Und haben Sie, einmal davon abgesehen, dass das Nervengas wahrscheinlich aus der Liga stammte, noch andere Beweise?«

»Nein«, gab Zilwicki zu. »Noch nicht. Wir verfolgen einige Spuren, von denen wir hoffen, dass sie uns zu Beweisen führen werden, aber noch haben wir keine.«

»Was natürlich der Grund für diesen recht dramatischen Besuch bei mir ist.«

Zum ersten Mal lächelte Cachat. »Admiral«, sagte er, »ich finde, Sie sollten eine zwote Laufbahn beim Nachrichtendienst wirklich in Erwägung ziehen.«

»Danke sehr, Officer Cachat, aber ich glaube, ich kann meinen Verstand auch so strapazieren, ohne gleich zum Spion werden zu müssen.«

Sie erwiderte sein Lächeln und zuckte mit den Schultern.

»So weit, so gut, Gentlemen. Ich neige dazu, Ihnen zu glauben. Mir wollte nie einleuchten, weshalb Haven einen Anschlag auf Berry und Ruth verüben lassen sollte. Ich bin natürlich bereit, Admiral Givens, dem ONI und der Admiralität zu unterbreiten, was Sie mir eben gesagt haben. Ich glaube nur nicht, dass man es mir abkauft. Nicht ohne irgendeinen erhärtenden Beweis außer dem Gelöbnis des obersten havenitischen Spions im Gebiet – so aufrichtig es auch sein mag –, dass er wirklich nichts damit zu tun habe. Nennen Sie mich ruhig albern, aber irgendwie kann ich kaum glauben, dass man Sie als unparteiischen Zeugen ohne Eigeninteresse akzeptieren wird, Officer Cachat.«

»Das weiß ich«, antwortete Cachat. »Und ich bin weder unparteiisch, noch habe ich kein Eigeninteresse. Vielmehr gibt es zwei sehr starke Motive, mit Ihnen über die Sache zu sprechen. Erstens bin ich überzeugt, dass das, was im Congo-System geschehen ist, den Zielen oder Wünschen meiner Sternnation entspricht, und dass es eindeutig nicht im Interesse der Republik lag. Weil dem nicht so ist, habe ich die Pflicht, alles mir Mögliche zu unternehmen, um die Folgen des Geschehenen abzuwenden. Und das versuche ich im Augenblick über Sie, Admiral Harrington.

Zwotens verfolgen Anton und ich, wie er bereits sagte, unsere eigenen Spuren. Seine Motive sind wohl verständlich und eindeutig. Meine eigenen spiegeln den Umstand wider, dass der Republik ein Verbrechen vorgeworfen wird, das sie nicht begangen hat. Meine Pflicht ist es herauszufinden, wer es in Wahrheit verübt hat, und festzustellen, weshalb es so aussehen sollte, als wären wir es gewesen. Dazu kommen bei mir einige persönliche Beweggründe, die damit zusammenhängen, wer bei dem Vorfall noch alles hätte getötet werden können, was mir eine sehr starke Motivation verleiht, die Hintermänner aufzuspüren. Wenn unsere Untersuchung Früchte tragen sollte, werden wir jemanden brauchen – an der höchsten Stelle im Entscheidungsprozess des Sternenkönigreichs –, der bereit ist, sich anzuhören, was wir herausgefunden haben. Wir brauchen sozusagen, aus Mangel an einem besseren Begriff, einen einflussreichen Fürsprecher bei Hofe.«

»Also läuft alles auf Eigeninteresse hinaus«, stellte Honor fest.

»Jawohl, so ist es«, entgegnete Cachat frei heraus. »Ist das bei nachrichtendienstlichen Angelegenheiten nicht immer so?«

»Ich glaube schon.«

Honor musterte sie beide wieder und nickte.

»Also gut, Officer Cachat. Was immer es Ihnen nutzt, Sie haben Ihre Fürsprecherin bei Hofe. Und unter uns dreien gesagt, ich bete zum Himmel, dass Sie die Beweise finden, die wir brauchen, ehe etliche Millionen Menschen getötet werden.«

Mai 1921 P.D.

Kapitel 4

»Kommt Prinzessin Ruth nicht mit?«, fragte Brice Miller. Ebenso wie seine beiden Freunde Ed Hartman und James Lewis wirkte er deutlich betrübt.

Marti Garner schüttelte den Kopf und verbiss sich ein Lachen. »Nein, diesen Teil des Plans mussten wir leider aufgeben.«

»Warum?«, fragte Michael Alsobrook nach. Tatsächlich wirkte seine Miene sogar noch betrübter als die seiner jugendlichen Begleiter. Was vielleicht auch verständlich war, schließlich war er beinahe im gleichen Alter wie Ruth Winton, und damit fielen jegliche Fantasien, in denen er sich ergehen mochte, eindeutig in die Kategorie Höchst Unwahrscheinlich. Bei den drei Vierzehnjährigen sah es doch ein wenig anders aus: Deren Fantasien spielten in der Selbsttäuschungs-Liga Du Machst Wohl Witze.

Zu ihrer Linken hörte Marti einen erstickten Laut. Als sie den Kopf zur Seite wandte, sah sie, dass Friede Butrys ganze Aufmerksamkeit dem Display galt, auf dem man beobachten konnte, wie sie die Umlaufbahn von Torch hinter sich ließen – ein Anblick, der eigentlich gar nicht so interessant war. Ganz offensichtlich empfand die Clan-Matriarchin die aus der Romantik geborene Verärgerung über die plötzliche, unerwartete Abwesenheit der Prinzessin als ebenso belustigend wie Marti selbst.

Bevor Garner zu einer Erklärung ansetzte, dachte sie kurz über die damit verbundenen Fragen der Sicherheit nach. Doch sie erschienen ihr nicht sonderlich kritisch, da das einzige ›Geheimnis‹, das sie hier preisgeben müsste, für jeden Beobachter schon sehr bald nur allzu offensichtlich sein würde.

»Naja, dieses Ersuchen, das Torch abgeschickt hat, das Biological Survey Corps möge unser Team zur weiteren Verwendung abkommandieren …«

Wieder hörte sie einen erstickten Laut, unterbrach sich und blickte nach rechts. Haruka Takano schien gänzlich von den Daten fasziniert zu sein, die auf einem anderen Bildschirm zu lesen standen. Und das war auf den ersten Blick sonderbar, denn es handelte sich bei den fraglichen Daten lediglich um die Routine-Lebenserhaltungsprozesse des Schiffes.

»Stimmt irgendetwas nicht, Lieutenant Takano?«

Er wandte den Blick nicht vom Schirm ab. »›Ersuchen‹«, ahmte er sie nach. »›Ersuchen‹ wie in ›Der Gangster ersucht, Sie mögen umgehend das Schutzgeld rausrücken‹?«

Stephanie Henson, die in ihrem eigenen Sessel auf der Brücke der Ouroboros saß, ergriff das Wort. »Du hast eine verschlagene, dreckige Ader, Haruka.«

»Gestern Nacht hast du dich darüber nicht beklagt.«

»Eine verschlagene, dreckige und vulgäre Ader.«

»Darüber hast du dich auch nicht beklagt.«

»Eine verschlagene, dreckige und vulgäre …«

»Genug jetzt!«, lachte Marti. »Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Michael: Zu der Delegation, die aus Beowulf hierher angereist ist, um die letzten Fragen zu unserer Abkommandierung als Queen Berrys Schutzabteilung zu klären, gehörten auch einige Manticoraner. Das ist natürlich nicht sonderlich überraschend, schließlich hat man die Abstimmung mit Beowulf von Manticore aus vorgenommen. Einer von ihnen war keine geringere Persönlichkeit als Ruths Vater, Michael Winton-Serisburg, der jüngere Bruder der Königin von Manticore.«

Allmählich schienen ihre Zuhörer zu begreifen; zumindest ließen das die gequälten Mienen von Alsobrook und den drei Jungen vermuten.

»Ja, allerdings«, fuhr Marti fort. »Der Prinz – na ja, genau genommen ist er mittlerweile ein Herzog, aber er ist immer noch ein Prinz, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und er ist immer noch Ruths Vater, und da er seine Tochter anscheinend ziemlich gut kennt, ist er gekommen, um ausdrücklich sicherzustellen, dass sie sich nicht auf irgendwelche gefährlichen Unternehmungen einlässt – beispielsweise ein paar heruntergekommene, wenngleich mutige, Vagabunden – damit sind Sie gemeint, ohne Sie beleidigen zu wollen – bei etwas zu begleiten, was auf den ersten Blick nach einer höchst gefährlichen Aktion aussieht.«

»Weil es eine höchst gefährliche Aktion ist«, grollte Ganny El, »und ich hätte darauf bestehen sollen, einen jährlichen Zuschuss auch von Manticore zu erhalten, nicht nur von Beowulf. Das hätte ich auch getan, wenn ich gewusst hätte, dass wir das Haus Winton derart nervös machen würden.«

Entweder war Brice Millers Vertrauen in die Prinzessin völlig abgehoben, oder Gleiches galt für seine Fantasievorstellungen, denn plötzlich ergriff er das Wort: »Passen Sie nur auf! Ich wette, Ruth findet eine Möglichkeit, ihn irgendwie zu umgehen. Die ist richtig clever!«

»Das bezweifle ich nicht«, gab Garner zurück. »Aber ›clever‹ hilft einem auch nicht immer weiter, wenn man die ganze Zeit über vom Queen’s Own Regiment bewacht wird. Und mach dir nichts vor, Brice: Die mögen ja Ruths Leibwächter sein, und sie stehen vielleicht auch schon seit anderthalb Jahren in ihren Diensten, aber ihre Befehle erhalten sie immer noch von der Königin persönlich. Oder vom Bruder der Königin.«

»Oh.«

»Nicht die Köpfe hängen lassen, Jungs«, sagte Haruka. »Es hat doch sowieso nie eine Chance bestanden, dass sie Ruth mitkommen lassen würden, sobald sie erst einmal herausfänden, was die Prinzessin eigentlich im Schilde führt. Eine Angehörige der königlichen Familie? Man hat sie schon einmal als Geisel genommen – zumindest hatten die Verbrecher angenommen, sie hätten die Prinzessin entführt –, und das erste, was der Familie unweigerlich durch den Kopf gegangen sein muss, das war: Wenn sie Ruth noch einmal frei herumlaufen lassen, dann wird irgendjemand anderes genau das Gleiche tun.«

»Aber woher wussten die denn, was sie vorhatte?«, fragte Ed. »Die Prinzessin hat ihnen doch sicherlich nichts davon erzählt.«

Garner stellte fest, dass der Bildschirm vor ihr auf einmal sehr, sehr interessant geworden war – wer hätte gedacht, dass Daten aus dem Maschinenraum derart faszinierend sein könnten? Das Schweigen, das sich plötzlich auf der ganzen Brücke ausbreitete, verriet ihm, dass sämtliche anderen Mannschaftsmitglieder in ähnlicher Weise fasziniert waren.

»Sie waren das!«, stieß Ruth zornig aus. Ihr Zeigefinger berührte fast Hughs Nase. »Versuchen Sie gar nicht erst, das abzustreiten! Sie haben denen das erzählt!«

Berry, die sie beobachtete, konnte nicht anders: Was sie hier sah, belustigte sie. Angesichts des Größenunterschiedes der beiden hatte die Szene eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Chipmunk – na gut, man sollte ehrlich sein: einem ziemlich großen Hund –, der gerade versuchte, einen Bären zu züchtigen.

Glücklicherweise war Hugh an sich ein recht gutmütiger Bursche. Das war eines der Dinge – eines der vielen Dinge –, die Berry so an ihm mochte. Deswegen fauchte er die manticoranische Prinzessin nicht an, und er schäumte auch nicht vor Wut darüber, hier derart hart angegangen zu werden.

»Warum sollte ich das abstreiten wollen?«, gab er nur ruhig zurück. »Ich gestehe, dass ich schuldig bin in allen Punkten der Anklage. Und das wiederum zeigt doch nur, dass ich, im Gegensatz zu einer gewissen Person in diesem Raum – weiblichen Geschlechts, etwa einhundertundsechsundsiebzig Zentimeter groß, Gewicht in der Größenordnung von etwa fünfundsechzig Kilogramm, mit masadanischen Vorfahren – nicht verrückt bin. Blicken Sie den Tatsachen doch ins Auge, Ruth: Ob es Ihnen nun gefällt oder nicht, Ihre Möglichkeiten, als Agentin im Außendienst tätig zu werden, sind jetzt und für alle Zeiten dadurch eingeschränkt, dass Sie auf einer Skala ›potenzielle Geisel, daher von Wert‹ zehn von zehn möglichen Punkten erreichen. Oder zumindest neun Komma neun neun und so weiter, bis mindestens zwotausend Stellen hinter dem Komma.«

Ihr finsterer Blick hatte nichts von seiner Schärfe verloren. »Sechzig Kilo, vielen herzlichen Dank. Ich trainiere regelmäßig.«

Mit einem ernsten Nicken nahm er diese Richtigstellung zur Kenntnis.

Berry kam zu dem Schluss, Ruths Wutanfall habe den Zenit überschritten und werde sich jetzt allmählich legen. Also: Zeit einzugreifen.

»Ich bin wirklich froh, dass du hier auf Torch bleiben wirst, Ruth. Ich wäre schrecklich einsam ohne dich …«

Sie versuchte sich an ihrem besten ›finsteren Blick‹ – der ehrlich gesagt recht milde ausfiel – und bedachte damit Hugh. »… angesichts der Wohnsituation, die ich dank dieses Paranoikers hier bis auf weiteres aufrechterhalten darf.«

»Nur für die Dauer der Notsituation«, gab Hugh zurück.

»›Die Dauer der Notsituation‹«, höhnte Ruth. »Und was ist das für eine ›Situation‹, O Häuptling-aller-Paranoiker? Der offene Kampf bis in den Tod zwischen Berrys Sternnation und Manpower, der jetzt schon seit … was? Sechshundert Jahren währt? Diese ›Situation‹?«

Hugh lachte leise in sich hinein. »Ja. Diese Situation.«

»Mit anderen Worten: Wir reden hier von ›lebenslänglich‹.«

»Vielleicht nicht, Eure Majestät. Wenn es uns gelingt …«

»Nennen Sie mich nicht so!«

Hugh atmete langsam und tief durch. »Ich habe keine andere Wahl, Berry – und das war das letzte Mal, dass ich Sie mit Ihrem Namen anspreche, solange ich für diese Aufgabe abkommandiert bin.« Einen kurzen Moment lang wirkte er ernstlich unglücklich. »Eine der Grundregeln für Sicherheitskräfte ist, dass die entsprechenden Personen im Sicherheitsdienst stets Distanz zu der Person oder den Personen zu wahren haben, für deren Sicherheit sie verantwortlich sind. In diesem Falle … wird mir das nicht leichtfallen. Formlosigkeit würde es schlichtweg unmöglich machen.«

Berry wusste nicht, ob sie hocherfreut oder verärgert sein sollte, das zu hören. Wahrscheinlich beides. »Ich bringe Jeremy um, ich schwör’s Ihnen. Der erste Kerl, der aufgetaucht ist, seit man mir diese alberne Krone auf den Kopf gesetzt hat, und der sich nicht so weit hat einschüchtern lassen, dass er nicht mehr mit mir ausgehen wollte – und Jeremy macht ihn zu meinem Sicherheitschef!«

»Du kannst Jeremy nicht umbringen«, widersprach Ruth. »Tut mir leid, Mädchen – aber du warst diejenige, die ausdrücklich sein Angebot abgelehnt hat, der Regentin das Recht zuzusprechen, ganz nach Gutdünken, Lust und Laune, einmal im Jahr eine Todesstrafe zu verhängen.« Nun strahlte die Prinzessin Hugh regelrecht an. »Ich hätte das auf jeden Fall angenommen! Und Sie wären im Augenblick mein Wunschkandidat!«

»Na prima. Dann lasse ich ihn eben verbannen.« Berry neigte den Kopf zur Seite und blickte Hugh einige Sekunden lang schweigend an. »Aber das würde mir auch nicht helfen, oder? Sie gehören zu diesen Leuten mit hoffnungslos überentwickeltem Pflichtbewusstsein. Selbst wenn Jeremy fort wäre, würden Sie immer noch schön weitermachen.«

»Na ja … ja. Aber um nun wieder auf den Punkt zurückzukommen: der Hauptgrund für diese zugegebenermaßen extreme Vorsichtsmaßnahme« – er wedelte mit der Hand und umfasste damit die gesamte Operationszentrale tief unter der Oberfläche des Planeten – »ist, dass jemand hier eine Attentatstechnik anwendet, die wir noch nicht verstehen. Sobald wir erst einmal erfahren haben, wie man sich dagegen wehren kann …«

Er blickte zum Bett hinüber, das man in den größten freien Raum der Zentrale gestopft hatte. »Dann können Sie wieder in anderen Räumlichkeiten wohnen.«

Ruths Wut legte sich zusehends; so war es meistens, wenn sie zornig war. »Sieh es doch einmal positiv, Berry. Wenigstens ist das Badezimmer hier unten schwer in Ordnung. Wirklich auf dem allerneuesten Stand.«

»Darüber solltest du dich freuen«, gab Berry zurück. »Schließlich werden wir uns das teilen. Hier unten ist ja – gerade noch so – genug Platz für ein weiteres Bett.«

»Berry!«

Die Königin ignorierte sie und blickte ihren Sicherheitschef an. »Ich bin mir sicher, die Queen’s Own wird dem zustimmen, oder nicht?«

»Die werden Jubelgesänge anstimmen.«

»Berry!«

Doch Ruths Missvergnügen darüber, gemeinsam mit Berry an einen Ort verbannt zu sein, den sie ›die Unterwelt‹ nannte – und ihre Wachabordnung der Queen’s Own stimmte tatsächlich Jubelgesänge an – blieb keine zwanzig Stunden bestehen. Am nächsten Tag kehrten Anton und Victor von ihrem Abstecher nach Trevors Stern zurück, ziemlich genau zwei Stunden, nachdem ein Kurierschiff einen detaillierten Bericht über die jüngste Schlacht von Monica gebracht hatte.

Sosehr Ruth sich auch in Tagträumen darüber ergehen mochte, wie es wäre, eine prächtige Agentin im Außendienst zu sein, so war es doch die Wahrheit, dass ihre wahre Liebe der Datenauswertung galt. Der Bericht über Monica war reichhaltig genug, um sie vier Tage am Stück in der Operationszentrale rund um die Uhr beschäftigt zu halten; nicht einmal zum Essen kam sie an die Oberfläche, sondern ließ sich die Mahlzeiten bringen. Zu ihrer großen Freude entdeckte sie, dass die Computerausstattung in der Zentrale ebenso auf dem neuesten Stand der Technik war wie die Toilette und die restliche Einrichtung des Badezimmers.

Anton verbrachte viel Zeit mit ihr, auch wenn er für die Mahlzeiten an die Oberfläche des Planeten zurückkehrte – und natürlich schlief er nicht dort unten. Für ein drittes Bett wäre dort ohnehin kaum genug Platz gewesen.

Victor Cachat teilte seinen viertägigen Aufenthalt gleichmäßig auf. Die Hälfte der Zeit verbrachte er mit Thandi – einen Großteil davon in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer –, in der anderen Hälfte half er Anton und Ruth dabei, die Daten aus Monica auszuwerten.

Die Entscheidung, dass Anton und er tatsächlich das Risiko auf sich nehmen wollten, Mesa zu unterwandern, war noch nicht gefallen. Aber das war jetzt nur noch eine Formalität. Die Informationen, die sie aus den Monica-Berichten erhielten, bestätigten sämtliche ihrer Vermutungen.

Prinzessin Ruth strich sich das Haar zurück. »Jetzt besteht kein Zweifel mehr daran. Anton und ich haben diese Zahlen so lange bearbeitet, bis es nichts mehr zu bearbeiten gab. Also können Sie jetzt aufhören, sich um den ›Spiegelkabinett-Effekt‹ zu sorgen, Jeremy. Wir hatten es nicht mit Bildern zu tun, sondern mit kalten, nackten Fakten.«

»Von was für Fakten sprechen Sie da genau?«, fragte Web Du Havel nach. Er saß neben Queen Berry am Konferenztisch im größten Saal der Operationszentrale. Neben ihm befand sich Victor, während Thandi und Anton ihm mehr oder minder genau gegenübersaßen. Jeremy X stand. Wie meistens zog es Jeremy bei derartigen Geschäftsbesprechungen vor, auf den Beinen zu bleiben, statt ebenfalls Platz zu nehmen.

»Bei den Daten ging es um die Finanzbewegungen von Manpower«, erklärte Ruth. »Es ist völlig unmöglich, bei einer derart riesigen Operation wie der, die sie im Monica-System unternommen haben, die Kosten geheim zu halten. Und das ist dabei herausgekommen: Die haben einen ganzen Haufen Geld in dieses kleine Fiasko gesteckt – oder zumindest hat irgendjemand das getan. Irgendwie. So viele Schlachtkreuzer sind nicht gerade billig, wie Sie alle wissen, und ich könnte mir denken, dass einige der Auswertungsexperten in Landing einen echten Schock bekommen haben dürften, als sie sich den Preis für die Tonnage überlegt haben, die dort eingesetzt wurde. Aber - aber, Jeremy! – ich glaube, dass denen dabei etwas entgangen ist.«

»Tatsächlich?« Jeremy warf ihr sein patentiertes wissendes Lächeln zu. »Nun denn, so überrascht uns erneut mit Eurer Kunstfertigkeit, o Prinzessin!«

Ruth streckte ihm die Zunge heraus, dann zuckte sie mit den Schultern.

»Ich denke, ich kann mir ziemlich gut zusammenreimen, wie sie geglaubt haben, ihre Kosten decken zu können – natürlich nur, wenn es geklappt hätte. Sie mussten dabei so vorgehen, dass sie mit dem Monica-Projekt zumindest keine Verluste machen würden, vor allem, nachdem auch noch Technodyne bei dem Ganzen mitmischt. Wenn die Rolle, die Technodyne hier gespielt hat, darin bestand, die Schlachtkreuzer zu beschaffen, und zwar aus Schiffsbeständen, die eigentlich zur Verschrottung vorgesehen waren, dann gehen die Kosten natürlich gewaltig in den Keller … zumindest was Dinge betrifft, die aus eigener Tasche hätten gezahlt werden müssen. Ach, natürlich hätten sie immer noch die ganze Munition bezahlen müssen, die sie gebraucht hätten, ganz zu schweigen davon, dass sie die ganzen vor Ort benötigten Techniker erst einmal bis nach Monica schaffen mussten. Daher kann man wohl sagen: jou, hier ging es um einen ganz beachtlichen Finanzaufwand. Aber so stattlich die Summen auch waren, sie waren auf jeden Fall nicht so gewaltig, wie das auf den ersten Blick gewirkt haben muss. Und wenn man dann noch die Gewinne mit einbezieht, die sich langfristig durch den Lynx-Terminus möglicherweise hätten erwirtschaften lassen – und der Terminus war eindeutig das, worum es ihnen letztendlich ging –, dann hätte Manpower aus dem ganzen Schlamassel immer noch erhobenen Hauptes herauskommen können, frisch und munter und kein bisschen angeschlagen, ganz im Gegenteil sogar.«

»GIGO«, sagte Jeremy. »Garbage in, garbage out.«

»Ich weiß, was das Akronym bedeutet, vielen Dank«, sagte Ruth ein wenig gereizt. »Natürlich gilt nach wie vor: ›Wenn man Müll eingibt, kommt Müll heraus ‹. Aber worauf wollen Sie hinaus?«

Jeremy lächelte sie an. »Das war überhaupt nicht böse gemeint. Trotzdem, es liegt in der Natur der Sache, dass die Zahlen, mit denen Sie Ihr Programm gefüttert haben, doch nichts anderes gewesen sein können als leidlich über den Daumen gepeilt. Auf die tatsächlichen Zahlen haben Sie keinerlei Zugriff. Vielleicht haben Sie die Zahlen ja falsch interpretiert … einschließlich der Frage, wie weit Technodyne bereit war, diese kleine Unternehmung zu subventionieren.«

»Das ist wohl wahr«, merkte Victor an. »Tatsächlich wäre ich sogar bereit, eine Abweichung um den Faktor zwo zu eins oder sogar drei zu eins – möglicherweise sogar vier zu eins – zu akzeptieren, eben aufgrund des GIGO-Effektes. Aber es würde eine Verschiebung um mindestens eine ganze Größenordnung erfordern, um uns zu anderen Schlussfolgerungen zu bringen, Jeremy.«

»Da hat er Recht«, merkte Anton an. »Diese, wie Sie es genannt haben, ›über den Daumen gepeilten‹ Zahlen haben Ruth und ich unabhängig voneinander aus den vorliegenden Daten abgeleitet. Victor hat uns seine eigenen Abschätzungen zur Verfügung gestellt, auch wenn er mit deutlich weniger genauen Zahlen gearbeitet hat. Unsere Ergebnisse miteinander verglichen haben wir erst, nachdem wir fertig waren. Dann hat Ruth die Zahlen in jeder nur erdenklichen Art und Weise durchgearbeitet – erst hat sie dabei ausschließlich Victors Zahlen verwendet, dann nur meine, dann ihre eigenen, anschließend jede mögliche Kombination der drei. Nicht einer dieser Berechnungen hat zu Ergebnissen geführt, die um mehr als fünfzig Prozent vom allgemeinen Durchschnitt abgewichen wären. Also gepfiffen auf falsche Bescheidenheit, Jeremy. Sie hätten ernstliche Schwierigkeiten, irgendwo in der Galaxis zwo Nachrichtendienstler zu finden, die bei so etwas besser sind als Victor und ich, und Ruth ist bei der Auswertung mindestens ebenso gut wie die besten Leute vom ONI.«

Beschwichtigend hob Jeremy die Hand. »Das bestreite ich doch gar nicht«, sagte er. »Also sagen Sie mir hier im Prinzip, es sei völlig unmöglich, dass Sie die Zahlen falsch deuten, richtig?«

»Oh, ich bin mir sogar sicher, dass wir sie falsch deuten«, widersprach Victor. »Wie Sie selbst schon sagten, wir haben keinerlei direkten Zugriff auf die Aufzeichnungen von Manpower. Aber es ist unmöglich, dass wir sie falsch genug deuten. Das kann einfach nicht sein, Jeremy. Wie auch immer die tatsächlichen Zahlen nun aussehen mögen, wir sind zumindest dicht genug dran, um sicher sein zu können, dass sich die verdeckten Operationen von Manpower Incorporated aus jüngster Zeit nicht mit dem Verhalten eines Wirtschaftsunternehmens erklären lassen, das sich auf irgendeines der anerkannten Geschäftsmodelle stützt, ganz egal, wie skrupellos es sein mag und wie wenig es sich durch irgendwelche moralische Erwägungen von irgendetwas abhalten lassen mag.«

»Aber Sie haben doch gerade selbst gesagt, dass sie zumindest ihre Kosten wieder hereinholen würden – und vielleicht sogar noch ein Vermögen an den Einkünften durch den Lynx-Terminus verdienen könnten.«

Ruths Miene verriet unbestreitbare Selbstzufriedenheit. »Ja – aber darum geht es hier eigentlich gar nicht. Ach, ich wette, der Rest der gesamten Galaxis wird es aus genau diesem Blickwinkel betrachten, aber ich denke – nein: Anton und ich glauben –, es gibt da zwei Faktoren, die wir uns stattdessen ansehen sollten.«

»Erstens bleibt unbenommen – ganz egal wer das Geld zunächst einmal vorgestreckt hat, ob nun Manpower oder Technodyne –, dass nur wenige Corporations in der Geschichte der Menschheit jemals derart viele Mittel in ein so riskantes, spekulatives Unterfangen gesteckt haben wie das Monica-Projekt. Ach, es hat bestimmt die eine oder andere private Geschäftsidee gegeben, die mit einem ähnlich beachtlichen Preisschild versehen gewesen sein dürfte, wenn man sich mal ansieht, in welcher Größenordnung die großen transstellaren Konzerne operieren. Diese ganzen Schlachtkreuzer haben schließlich zusammen kaum mehr gekostet als ein paar Superdreadnoughts, selbst wenn sie den vollen Preis dafür haben zahlen müssen. Und wenn man das mit so etwas vergleicht wie … sagen wir: dem Infrastrukturprojekt auf Hiawatha, an dem TranStar of Terra arbeitet, dann nimmt sich das hier doch wie Kleingeld aus. Aber der Risikofaktor hier war ungleich größer als bei jeder Standardoperation – vor allem einer Operation, bei der keinerlei Sicherheiten existieren. TranStar hat sich einen Großteil seiner Kosten im Vorfeld von der Liga garantieren lassen, noch bevor sie auch nur das erste Vermessungsteam nach Hiawatha geschickt haben – und etwas Vergleichbares ist hier ganz bestimmt nicht passiert! Wenn alles geklappt hätte, dann hätten sie daran ein Vermögen verdient. Aber für den Fall, dass irgendetwas schiefliefe – und genau das ist ja letztendlich auch passiert –, würden sie für ihre ganzen Bemühungen nichts und wieder nichts herausbekommen. Deswegen weicht das so von allen anerkannten Modellen ab.«

»Corporations sind grundkonservativ, wenn es um derartige Dinge geht, Jeremy«, warf Anton ein. »Deswegen nehmen private Corporations keine langfristigen, wirklich teuren Projekte in Angriff, bei denen es keinen genau definierten, nicht allzu weit in der Zukunft liegenden und spezifizierten ›Zahltag‹ gibt - es sei denn, sie hätten ernstzunehmende Unterstützung durch die Regierung und ein paar beachtliche regierungsseitige Garantien.«

»Genau!« Nachdrücklich nickte Ruth. »Und das bringt uns zum zweiten Punkt, mit dem wir alle uns hier befassen sollten. Wenn das Hauptziel dieser Operation darin bestanden hat, das Sternenkönigreich vor der Haustür von Mesa fernzuhalten – und genau darauf schien ja alles hinzudeuten –, dann war der Profit, der sich möglicherweise aus dem Terminus erzielen ließe, völlig zweitrangig, richtig? Ich meine, wir postulieren hier, ›Profit‹ sei nicht das Hauptmotiv für diese Operation gewesen.«

»Zumindest einige hier tun das, ja«,

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