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HONOR HARRINGTON: Die Ehre der Königin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Karte
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  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. 34
  40. 35
  41. Dramatis Personae
  42. Glossar
  43. Fußnoten

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Die Ehre der Königin

1

Nur im Weltraum ist die Übergangslosigkeit möglich, mit der der Kutter aus dem strahlenden Licht der Sonne in pechschwarzen Schatten tauchte. Eine hochgewachsene, breitschultrige Frau im Schwarz und Gold der Royal Manticoran Navy spähte durch das Armoplast-Bullauge des Beiboots auf die Panzerstahl-Schönheit ihres Kommandos und runzelte die Stirn.

Auf der Schulter der Uniformierten saß ein grau und cremefarben gemusterter, sechsgliedriger Baumkater. Er verlagerte sein Gewicht, als die Frau die Hand hob und bestimmt mit dem Finger deutete.

»Ich war der Meinung, wir hätten den Austausch von Beta Vierzehn mit Commander Antrim diskutiert, Andy«, sagte sie ohne jede Betonung, und deswegen zuckte der untersetzte, elegante Offizier neben ihr zusammen.

»Jawohl, Ma’am, das haben wir.« Er drückte einige Tasten auf seinem Memopad und las das Display ab. »Wir haben den Austausch am Sechzehnten besprochen, Skipper, noch bevor Sie in Urlaub gingen. Der Commander hat uns versprochen, Bescheid zu geben, wann er damit anfangen will.«

»Was er nie getan hat«, stellte Captain Honor Harrington fest, und Lieutenant Commander Andreas Venizelos nickte.

»Was er nie getan hat. Es tut mir leid, Ma’am. Ich hätte ihm wohl etwas mehr Dampf machen müssen.«

»Sie hatten noch einige andere Dinge auf der Liste«, antwortete sie, und Venizelos verbarg, dass er wieder – und diesmal stärker – zusammenzucken wollte. Honor Harrington pflegte ihren Offizieren nur selten einen Hieb in die Zähne zu versetzen, aber in diesem Moment wäre es Venizelos fast lieber gewesen, wenn sie seinen Kopf auf einem silbernen Tablett verlangt hätte. Ihre ruhige, verständnisvolle Stimme klang für ihn viel zu sehr danach, dass sie versuchte, Entschuldigungen für sein Versagen zu finden.

»Vielleicht, Ma’am, aber ich hätte ihm trotzdem auf die Zehen treten müssen«, sagte er schließlich. »Ich weiß so gut wie Sie, wie ungerne diese Werftheinis Emitter austauschen.« Er gab eine Notiz in sein Pad. »Ich werde ihn anrufen, sobald wir an Bord von Vulcan zurück sind.«

»Also gut, Andy.« Sie wandte Venizelos den Kopf zu und lächelte ihn an. Ihr starkknochiges Gesicht deutete Verschmitztheit an. »Wenn er anfängt, Ihnen mit der alten Leier zu kommen, dann lassen Sie es mich wissen. Ich bin heute mit Admiral Thayer zum Mittagessen verabredet. Zwar habe ich meine Befehle noch nicht offiziell erhalten, aber Sie können darauf wetten, dass sie zumindest grob weiß, worum es geht.«

Begreifend grinste Venizelos seine Kommandantin an. Er und Honor wussten genau, dass Antrim einen uralten Werfttrick probiert hatte, der normalerweise funktionierte. Wenn man keine Lust hatte, eine lästige Umrüstung durchzuführen, dann verzögerte man die Sache so lange, bis ›die Zeit zu knapp‹ wurde. Das Ganze basierte auf der Vorstellung, dass ein Kommandant eher ohne Umrüstung auslaufen würde, als mit verspäteter Abreise das Missvergnügen Ihrer Lordschaften zu wecken. Unglücklicherweise – für Commander Antrim – setzte diese Methode jedoch einen Kommandanten voraus, der sie einem ›Werftheini‹ auch durchgehen ließ. Diese Kommandantin gehörte nicht dazu. Darüber hinaus verkündete die Latrinenparole, dass der Erste Raumlord Pläne mit der Fearless habe – etwas Offizielles hatte noch niemand gehört. Das bedeutete, dass jemand anderes den Beschuss der Admiralität abbekäme, wenn HMS Fearless sich verspätete. Venizelos vermutete, dass die Befehlshaberin Ihrer Majestät Raumstation Vulcan, es alles andere als genießen würde, wenn sie dem Dritten Raumlord die Verspätung erklären musste. Admiral Lucy Danvers war bekannt für ihre geringe Geduld und die Bereitwilligkeit, mit der sie auf Skalpjagd zog.

»Jawohl, Ma’am. Äh – hätten Sie was dagegen, wenn ich gegenüber Antrim durchblicken ließe, dass Sie mit dem Admiral zu Mittag essen, Skipper?«

»Na, na, Andy. Seien Sie nicht fies – es sei denn natürlich, Antrim will Ihnen Schwierigkeiten machen.«

»Selbstverständlich, Ma’am.«

Honor lächelte erneut und wandte sich wieder dem Bullauge zu.

Die Positionslichter der Fearless blinkten im Grün und Weiß eines geankerten Sternenschiffs. Ohne Streuung durch Atmosphäre waren die Lichtblitze scharf und wirkten wie von Brillanten zurückgeworfener Sonnenschein. Honor verspürte das vertraute Pochen des Stolzes auf den Schweren Kreuzer, dessen weißer Rumpf im Sonnenlicht glänzte. Der Übergang zum Schatten verlief als scharfe, wie mit dem Lineal gezogene Linie über den zwölfhundert Meter langen, an beiden Enden verjüngten Rumpf des Dreihunderttausend-Tonnen-Schiffes. Strahlendes Licht drang aus dem Oval eines geöffneten Geschützschachtes einhundertfünfzig Meter bugwärts vom vorderen Impellerring. Honor beobachtete die Werfttechniker, die in Schutzanzügen über den bedrohlichen, massigen Klotz von Graser Nummer fünf krabbelten. Honor hatte vermutet, der Fehler an diesem Gammastrahlengeschütz läge an der in der Lafette implementierten Software, doch die Leute von Vulcan bestanden darauf, dass die Abstrahlvorrichtung selbst defekt sein müsse.

Sie zuckte die Achseln, und Nimitz schimpfte sanft, als er die Krallen etwas fester in die gepolsterte Schulterpartie ihrer Uniformjacke graben musste, um sich festzuhalten. Honor schnalzte mit der Zunge und streichelte ihm wortlos entschuldigend die Ohren, doch den Blick nahm sie nicht vom Bullauge, solange sie den Rumpf der Fearless besichtigte.

Ein halbes Dutzend Wartungstrupps unterbrach die Arbeit, als der Kutter wie eine Geistererscheinung über sie hinwegzog, und die Leute sahen auf. Honor vermochte ihre Gesichter durch die Helmvisiere nicht zu erkennen, doch sie konnte sich ausmalen, dass einige von ihnen eine Mischung aus Ärger und Vorsicht zur Schau stellten. Werftheinis hassten es, wenn ein Kommandant ihnen bei der Arbeit über die Schulter blickte – fast ebenso sehr, wie Kommandanten es hassten, ihre Schiffe den Werftheinis überhaupt erst zu übergeben.

Bei diesem Gedanken unterdrückte Honor ein Auflachen, denn sie war beeindruckt von dem, was die Leute von Vulcan – und Venizelos – während ihrer zweiwöchigen Abwesenheit geleistet hatten; allerdings beabsichtigte Honor nicht, ihnen das zu sagen. Auf der Sollseite war also nur Antrims passiver Widerstand in Bezug auf den Emitteraustausch. Einen Impelleremitter auszuwechseln bedeutete gewaltige Mühe, und Antrim hoffte offenbar, sich irgendwie aus der Sache herauszuwinden, doch diese Hoffnung war wie ein tot geborenes Kind. Beta Vierzehn war schon kurz nach Indienststellung der Fearless zum Problem geworden, und Honor und ihre Ingenieure hatten sich damit lange genug herumgeschlagen. Ein Beta-Emitter war natürlich nicht so entscheidend wie ein Alpha-Emitter, und die Fearless konnte ohne Beta Vierzehn problemlos achtzig Prozent der Maximalbeschleunigung aufrechterhalten. Außerdem hing ein kleines Preisschild an dem Austauschemitter – so um die fünf Millionen Dollar –, für die Antrim geradestehen müsste. Alles zusammengenommen mehr als ein hinreichender Grund dafür, die Sache zu verschleppen; aber Commander Antrim würde sich auch nicht an Bord der Fearless befinden, wenn die Besatzung des Kreuzers das nächste Mal gezwungen war, den Antrieb bis in den roten Bereich zu belasten.

Der Kutter manövrierte und bewegte sich den Rumpf der Fearless hinauf. Er überquerte diagonal die achtere Backbord-Raketenwerferbatterie und die präzise Geometrie von Radar Sechs. Die langen, schlanken Klingen der Hauptgravitationssensoren des Kreuzers verschwanden an der Unterkante des Bullauges außer Sicht. Honor nickte, als sie sah, dass die Ersatzkomponenten in die Sensorengruppe eingebaut worden waren.

Alles in allem war Honor mit den Leistungen der Fearless in den vergangenen zweieinhalb T-Jahren mehr als zufrieden. Sie war ein relativ neues Schiff, und die Konstrukteure hatten ihre Sache zum größten Teil gut gemacht. Es war nicht ihre Schuld, dass man ihnen einen fehlerhaften Beta-Emitter untergeschoben hatte, und das Schiff hatte sich auf seiner anstrengenden ersten Mission gut behauptet. Nicht etwa, dass Piratenabwehrpatrouillen bei Honor Harrington auf der Liste der beliebtesten Einsätze sehr weit oben gestanden hätten. Es war zwar schön gewesen, auf sich allein gestellt zu sein, und ihrem Kontostand hatte das Prisengeld für das silesianische ›Söldnergeschwader‹ nicht gerade geschadet. Wo sie gerade dabei war, die Rettung des Passagierliners war eine Leistung, auf die jeder stolz sein konnte, aber dennoch: die aufregenden Momente waren selten und kurz gewesen. Zum größten Teil hatte die Mission aus harter Arbeit und reichlich Langeweile bestanden, jedenfalls nach dem Abebben der sprudelnden Begeisterung, ihren ersten Schweren Kreuzer zu kommandieren – und noch dazu einen funkelnagelneuen.

Sie registrierte eine Stelle über Graser Drei, wo die Farbe zerkratzt war, und machte sich eine geistige Notiz. Als sie über die Gerüchte bezüglich ihres nächsten Auftrags nachdachte, spielte ein leises Lächeln um ihre Lippen. Die Bereitwilligkeit, mit der Admiral Courvosier die Einladung zur traditionellen Wiederindienststellungs-Party angenommen hatte, zeigte, dass mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit an diesen Gerüchten sein musste. Das war gut. Sie hatte den Admiral schon viel zu lange nicht mehr gesehen, geschweige denn unter ihm gedient, und obwohl Diplomaten und Politiker nach Honors Anschauung als noch niedrigere Lebensform galten als Piraten, würde die neue Verwendung doch wenigstens eine interessante Abwechslung bieten.

»Weißt du, für ein Rundauge hat dieser junge Mann wirklich einen süßen Hintern«, stellte Dr. Allison Chou Harrington fest. »Ich nehme an, du hast eine Menge Spaß, wenn du ihm auf dem Kommandodeck nachstellst.«

»Mutter!« Honor unterdrückte den untöchterlichen Drang, ihr Elternteil zu erwürgen, und blickte rasch um sich. Doch niemand schien die Bemerkung mitgehört zu haben. Zum ersten Mal, soweit sie zurückdenken konnte, war Honor über das Gewirr fremder Stimmen froh.

»Aber Honor« – Dr. Harrington sah ihre Tochter an, und in den schokoladenbraunen, mandelförmigen Augen, die denen Honors so ähnlich waren, lag ein todvergnügtes Funkeln –, »ich habe doch nur gesagt …«

»Ich weiß, was du gesagt hast, aber dieser ›junge Mann‹ ist mein Erster Offizier!«

»Natürlich ist er das«, erwiderte ihre Mutter in aller Seelenruhe. »Das macht es ja auch so praktisch. Und er ist wirklich ein gut aussehender Bursche, was? Ich wette, er muss sich die anderen Mädchen mit einem Stock vom Leibe halten.« Sie seufzte. »Wenn er will«, fügte sie nachdenklich hinzu. »Allein diese Augen! Er sieht aus wie Nimitz zur Brunftzeit, nicht wahr?«

Honor stand kurz vor einem Schlaganfall, und Nimitz neigte den Kopf, um Dr. Harrington einen tadelnden Blick zuzuwerfen. Nicht, dass dem Kater ihre Kommentare bezüglich seiner sexuellen Leistungsfähigkeit missfielen, aber die empathische ’Katz wusste nur zu gut, wie sehr die Mutter seiner Person es genoss, sie zu necken.

»Commander Venizelos ist kein Baumkater, und ich habe nicht die geringste Absicht, ihn mit einer Keule zu jagen«, entgegnete Honor fest.

»Nein, Liebes, das weiß ich ja. Was Männer angeht, hast du noch nie viel Urteilsvermögen bewiesen.«

»Mutter …!«

»Na, na, Honor, du weißt doch, dass ich nicht im Traum daran denken würde, dich zu kritisieren« – in Allison Harringtons Augen funkelte es geradezu diabolisch, und doch zeigte sich eine Spur von Sorge unter der liebevollen Schalkhaftigkeit –, »aber ein Captain der Navy – ein Captain of the List, um genau zu sein – sollte diese dummen Hemmungen, wie du sie immer noch hast, mittlerweile überwunden haben.«

»Ich bin nicht ›gehemmt‹«, widersprach Honor mit aller Würde, die sie aufbringen konnte.

»Wie du meinst, Liebes. Aber in diesem Fall vergeudest du in erbärmlicher Weise diesen knackigen jungen Mann, ob er nun Erster Offizier ist oder nicht.«

»Mutter, nur weil du auf einem unzivilisierten und zügellosen Planeten wie Beowulf geboren bist, hast du noch lange nicht das Recht, ein Auge auf meinen Eins-O zu werfen! Außerdem, was würde Daddy davon halten?«

»Was würde ich wovon halten?«, erkundigte sich Surgeon Commander a. D. Alfred Harrington.

»Aha, da bist du ja.« Honor und ihr Vater sahen sich auf gleicher Höhe in die Augen. Sie überragten Honors zierliche Mutter bei weitem. Honor deutete mit dem Daumen nach unten. »Mutter wirft schon wieder gierige Blicke auf meinen Eins-O«, beschwerte sie sich.

»Mach dir deswegen keine Sorgen«, erwiderte ihr Vater. »Sie ist sehr freigiebig mit Blicken, aber zum Streunen hatte sie bisher noch keinen Grund.«

»Du bist genauso schlimm wie sie!«

»Miau«, machte Allison, und nur mit Mühe konnte sich Honor ein Grinsen verkneifen.

Solange Honors Erinnerung zurückreichte, machte ihre Mutter sich schon einen Spaß daraus, die konservativeren Mitglieder der manticoranischen Gesellschaft zu schockieren. Sie hielt das gesamte Königreich für hoffnungslos prüde, und ihre diesbezüglichen spitzzüngigen Kommentare hatten diverse Damen der Gesellschaft schon rasend gemacht. Und ihre Schönheit machte es zusammen mit der Tatsache, dass sie ihren Ehemann abgöttisch liebte und niemals etwas tat, wofür sie geächtet werden konnte, nur noch schlimmer.

Wenn sie sich andererseits entschlossen hätte, den Gepflogenheiten ihrer Heimatwelt zu folgen, dann hätte sie jederzeit einen sabbernden männlichen Harem um sich scharen können. Sie war eine zierliche Person, ihre Körpergröße überschritt nur wenig mehr als zwei Drittel der ihrer Tochter, und sie war beinahe reinblütiger, alterden-orientalischer Herkunft. Die starke, wie gemeißelt wirkende Knochenstruktur, die Honor sich stets schlicht und unfertig fühlen ließ, war im Gesicht ihrer Mutter in exotische Schönheit transformiert. Das Prolong-Verfahren hatte ihr biologisches Alter bei nicht mehr als dreißig T-Jahren eingefroren. Es kommt mir so vor, dachte Honor, als wäre sie selbst eine Baumkatze – zierlich, aber stark, grazil und faszinierend, mit einem Anflug von Raubtier. Und die Tatsache, dass sie eine der brillantesten Genchirurginnen des Königreichs war, tat dem Gesamteindruck keinen Abbruch.

Außerdem machte sie sich, wie Honor wusste, über den Mangel an Sexualität im Leben ihres einzigen Kindes schwere Sorgen. Tatsächlich war Honor selbst manchmal ein wenig besorgt deswegen, aber es war nun einmal so, dass sie nicht sehr viele Gelegenheiten erhielt. Es war undenkbar, dass die Kommandantin (oder der Kommandant) eines Sternenschiffs mit einem Besatzungsmitglied anbandelte, auch wenn das Verlangen danach noch so groß sein mochte; gerade darin aber war Honor sich gar nicht so sicher. Sie hatte zwar einen außerordentlich unangenehmen Zwischenfall auf der Akademie und eine pubertäre Verwirrung erlebt, die sich in bedrückende Unglücklichkeit aufgelöst hatte, aber ihre sexuelle Erfahrung war so gut wie null, weil sie nie einen Mann getroffen hatte, mit dem sie sich einlassen wollte.

Für Frauen interessierte sie sich erst recht nicht; sie schien an niemandem besonders interessiert zu sein – was ihr ganz recht war. So wurden berufliche Verwicklungen aller Art elegant umschifft – und außerdem bezweifelte sie, dass ein übergroßes Pferd wie sie überhaupt irgendwelches Gegeninteresse hervorrufen konnte. Diese Vorstellung ärgerte sie ein wenig. Nein, dachte sie, sei ehrlich – es ärgert dich gewaltig, und manchmal ist Mutters Vorstellung von Humor alles andere als witzig. Doch heute war es nicht so, und sie erstaunte beide Elternteile, indem sie ihre Mutter umarmte und in einer raren öffentlichen Zurschaustellung von Zuneigung an sich drückte.

»Versuchst du, mich zu bestechen, damit ich nett bin?«, fragte Dr. Harrington neckisch, und Honor schüttelte den Kopf.

»Ich versuche nie, etwas Unmögliches zu tun, Mutter.«

»Eins zu null für dich, Kind«, stellte Honors Vater fest und reichte seiner Frau die Hand. »Komm schon, Alley. Honor sollte ein wenig umhergehen und mit anderen Leuten reden – du kannst sicher noch jemand anderem das Leben zur Hölle machen.«

»Ihr Navyvolk könnt einem wirklich auf die … Nerven gehen«, antwortete Allison mit einem betont schalkerfüllten Blick auf ihre Tochter. Honor sah ihren Eltern liebevoll nach, als sie in der Menschenmenge verschwanden. Sie bekam die beiden seltener zu Gesicht, als ihr lieb war. Das war einer der Gründe, warum sie so froh gewesen war, dass man die Fearless zur Umrüstung nach Vulcan und nicht nach Hephaistos geschickt hatte. Vulcan umkreiste Honors Heimatwelt Sphinx, die zehn Lichtminuten weiter systemauswärts war als die Hauptwelt Manticore. Honor hatte ohne Scham die Gelegenheit ergriffen, viel Zeit zu Hause zu verbringen und sich von ihrem Vater bekochen zu lassen.

Doch Alfred Harrington hatte recht mit dem, was er über ihre Pflichten als Gastgeberin gesagt hatte, und Honor nahm die Schultern zurück und mischte sich wieder unter die Feiernden.

Ein Lächeln, das geradezu Besitzerstolz verriet, krümmte die Lippen von Admiral der Grünen Flagge Raoul Courvosier, als er zusah, wie Captain Harrington sich selbstbewusst unter ihre Gäste mischte. Das Bild von Ms. Midshipman Honor Harrington, eines schlaksigen Mädchens, das nur aus Knien und Ellbogen und einem kantigen, scharf geschnittenen Gesicht zu bestehen schien, trat ihm vor Augen. Sechzehn manticoranische Jahre – über siebenundzwanzig T-Jahre – zuvor hatte er Honor kennengelernt: absolut hingebungsvoll, schüchtern bis an die Grenze zur Stummheit und dazu entschlossen, es sich nicht anmerken zu lassen; in Angst und Schrecken vor Mathematikkursen und vielleicht eine der brillantesten intuitiven Schiffsführerinnen und Taktikerinnen, der er jemals begegnet war. Vielleicht auch eine der frustrierendsten. Sie hatte dieses vielversprechende Potenzial, und trotzdem wäre sie fast von der Akademie geflogen, bevor er ihr beibringen konnte, die gleiche Intuition auch auf ihre Mathematikklausuren anzuwenden! Aber nachdem er sie einmal auf die Füße gestellt hatte, war sie ihren Weg gegangen, und niemand konnte sie aufhalten.

Courvosier war Junggeselle und kinderlos. Er wusste, dass er sehr viel Lebenszeit zur Kompensation in seine Schüler auf der Akademie investiert hatte, und doch hatten nur wenige ihn so stolz gemacht wie Honor. Zu viele Offiziere trugen die Uniform einfach nur; Honor lebte sie. Und das bekommt ihr gut, fand er.

Er beobachtete, wie sie sich mit dem Ehemann der Befehlshaberin von Vulcan unterhielt, und fragte sich, wohin der ungelenke Midshipman verschwunden war. Courvosier wusste, dass Harrington Partys noch immer hasste, dass sie sich noch immer für ein hässliches Entlein hielt, doch niemals ließ sie sich davon etwas anmerken. Und eines nicht mehr allzu fernen Tages würde sie aufwachen und sehen, dass das Entlein zu einem Schwan geworden war. Einer der Nachteile des Prolong-Verfahrens – und besonders der wirksameren, späteren Versionen – bestand darin, dass es die Perioden der ›Ungelenkheit‹ in der körperlichen Entwicklung ausdehnte, und Honor war als Mädchen, das musste Courvosier zugeben, äußerlich wirklich unscheinbar gewesen. Die katzenschnellen Reflexe durch die 1,35-fache Schwerkraft ihrer Heimatwelt hatte sie immer besessen, aber die Grazilität ihrer Haltung war etwas gewesen, das sich nicht einfach mit dem Aufwachsen in einer Hochschwerkraft-Umwelt erklären ließ. Selbst als Middy im ersten Semester hatte Honor diese Eleganz besessen, die ihr einen zweiten Blick auch aus solchen Augen einbrachte, die vorschnell ihre unansehnliche Erscheinung abgetan hatten. Und ihr Gesicht entwickelte sich mit zunehmendem Alter zum Positiven. Sie selbst hatte noch nicht bemerkt, wie die allzu harten Kanten sich zu Charaktermerkmalen gerundet hatten, wie die großen Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, ihrem dreieckigen Gesicht ein faszinierend-exotisches Aussehen verliehen. Courvosier nahm an, dass das auch nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, wie lang der durch die Lebensverlängerung ausgedehnte Prozess des Weicherwerdens gedauert hatte, und sicherlich würde sie niemals ›hübsch‹ sein – aber schön … sobald sie es bemerkte.

Was nur zu Courvosiers gegenwärtiger Besorgnis beitrug. Er senkte den Kopf, um ein Stirnrunzeln hinter seinem Glas zu verbergen, dann warf er einen Blick auf die Uhr und seufzte. Die

Wiederindienststellungs-Party der Fearless war außerordentlich erfolgreich. Es sah so aus, als ginge sie noch stundenlang weiter, und Courvosier hatte nicht stundenlang Zeit. Es gab auf Manticore noch zu viele Details zu klären, und das bedeutete, dass er den Gästen Honor entführen musste – allerdings erwartete er nicht, dass Honor das allzu sehr stören würde!

Zwanglos bahnte er sich einen Weg durch die Menge, und Honor wandte sich ihm zu, als ihr sechster Sinn wie ein Radargerät seine Annäherung meldete. Courvosier war nicht viel größer als ihre Mutter und lächelte zu ihr auf.

»Nettes Fest, Captain«, sagte er, und sie erwiderte sein Lächeln etwas säuerlich.

»Nicht wahr, Sir? Und auch sehr laut«, fügte sie mit einer Grimasse hinzu.

»Ja, allerdings.« Courvosier sah sich um, dann wandte er sich wieder ihr zu. »Ich fürchte, ich darf die Fähre nach Hephaistos in einer Stunde nicht verpassen, Honor, und ich muss mit Ihnen sprechen, bevor ich aufbreche. Können Sie sich freimachen?«

Ihre Augen verschmälerten sich bei seinem unerwartet ernsten Tonfall, dann sah auch sie sich in der überfüllten Messe um.

»Ich sollte eigentlich nicht …«, setzte sie an, doch in ihrer Stimme schwang beinahe Traurigkeit mit. Courvosier unterdrückte ein Grinsen, als er ihr am Gesicht ablesen konnte, wie die Versuchung gegen ihr Pflichtgefühl ankämpfte. Es war ein unfaires Gefecht, weil die Neugier für die Versuchung Partei ergriff.

Als sie die Entscheidung traf, presste sie die Lippen zusammen. Sie hob die Hand, und wie durch Magie materialisierte sich Chief Steward’s Mate James MacGuiness aus dem Gewühl.

»Mac, würden Sie bitte Admiral Courvosier in mein Arbeitszimmer führen?«

Sie senkte die Stimme ausreichend, um über dem Stimmengewirr der Menge nicht mehr gehört zu werden.

»Selbstverständlich, Ma’am«, antwortete der Steward.

»Ich danke Ihnen.« Honor sah wieder Courvosier an. »Ich komme sofort zu Ihnen, wenn ich Andy gefunden und ihn gewarnt habe, dass er als Gastgeber auf sich allein gestellt ist, Sir.«

»Vielen Dank, Captain. Ich weiß das zu schätzen.«

»Oh, ich auch, Sir«, gab sie grinsend zu. »Ich auch!«

Courvosier stand am Bullauge der Kajüte und drehte sich um, als die Luke leise aufglitt. Honor trat ein.

»Ich weiß, dass Sie Partys nicht besonders mögen, Honor«, begann er, »aber es tut mir wirklich leid, Sie von einer abzuberufen, die offenbar so gut läuft.«

»So schnell, wie sie läuft, werde ich rechtzeitig zurück sein, Sir.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne nicht einmal die Hälfte der Leute! Es sind viel mehr Planetenbewohner gekommen, als ich geglaubt hätte.«

»Selbstverständlich sind sie gekommen«, antwortete Courvosier. »Sie sind eine von ihnen, und sie sind stolz auf Sie.«

Honor winkte ab. Röte zog ihr über die Wangenknochen.

»Sie müssen sich dieses Erröten abgewöhnen, Honor«, teilte ihr alter Mentor ihr ernsthaft mit. »Bescheidenheit ist eine Zier, aber seit der Geschichte mit dem Basilisk-Vorposten stehen Sie auf der VIP-Liste.«

»Ich hatte Glück«, protestierte sie.

»Selbstverständlich«, stimmte er so rasch zu, dass sie ihm einen in der Tat sehr scharfen Blick zuwarf. Dann grinste er, und sie erwiderte das Grinsen, als ihr klar wurde, wie schnell sie auf sein Necken angesprungen war. »Aber im Ernst, falls ich es noch nicht gesagt habe: Wir alle waren stolz auf Sie.«

»Danke«, antwortete sie ruhig. »Da es von Ihnen kommt, bedeutet es sehr viel.«

»Tatsächlich?« Er lächelte ein wenig schief, als er auf die Goldstreifen an seinem weltraumschwarzen Uniformärmel schaute. »Wissen Sie, ich hasse den Gedanken, mich von der Uniform zu trennen«, seufzte er.

»Doch nur vorübergehend, Sir. Man wird Sie nicht lange auf dem Trockenen sitzen lassen. Um ehrlich zu sein«, fügte Honor stirnrunzelnd hinzu, »ich begreife nicht, warum das Foreign Office ausgerechnet Sie angefordert hat.«

»Aha?« Er legte den Kopf schräg und funkelte sie an. »Wollen Sie damit sagen, dass man einem alten Wrack wie mir keine diplomatische Mission mehr anvertrauen sollte?«

»Selbstverständlich nicht! Ich wollte damit nur sagen, dass Sie beim Taktiklehrgang für Fortgeschrittene zu wertvoll sind, als dass man Sie mit diplomatischen Soireen belästigen sollte.« Sie verzog angewidert den Mund. »Wenn die Admiralität auch nur halbwegs bei Verstand wäre, dann hätte man dem F. O. gesagt, einen Sprungschritt durch den Knoten zu machen, und Ihnen einen Kampfverband zugeteilt, Sir!«

»Es gibt mehr im Leben, als den TLF zu leiten – oder einen Kampfverband«, widersprach Courvosier. »Tatsächlich sind Politik und Diplomatie wahrscheinlich auch wesentlich wichtiger im Leben, wenn man’s recht bedenkt.«

Honor schnaubte verächtlich, und Courvosier schnitt ein finsteres Gesicht. »Sie stimmen mir nicht zu?«

»Admiral, ich mag keine Politik«, antwortete Honor offen. »Jedes Mal, wenn man darin verwickelt wird, verfärbt sich alles grau und wird undeutlich. Die ›Politik‹ war für die Katastrophe im Basilisk-System verantwortlich, und dabei wäre meine gesamte Crew beinahe draufgegangen!« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Sir. Ich mag die Politik nicht, ich verstehe sie nicht, und ich will sie auch gar nicht verstehen.«

»Dann sollten Sie Ihre Meinung baldigst ändern, Captain.« Plötzlich sprach Courvosier mit eisiger, beißender Stimme. Honor stutzte verwundert, und auf ihrer Schulter hob Nimitz den Kopf. Er richtete den Blick aus seinen grasgrünen Augen auf den cherubinischen kleinen Admiral. »Honor, was Sie mit Ihrem Geschlechtsleben anstellen, ist Ihre Sache, aber kein Captain im Dienste Ihrer Majestät kann eine Jungfrau bleiben, was die Politik angeht – und was die Diplomatie betrifft, schon gar nicht.«

Honor errötete wieder, diesmal wesentlich tiefer. Gleichzeitig spürte sie, dass sie unwillkürlich die Schultern straffte, wie damals auf der Akademie, als der damalige Captain Courvosier das Sagen hatte. Seit Saganami Island waren sie beide weit gekommen, aber offenbar änderten sich manche Dinge einfach nie.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte sie ein wenig steif. »Ich wollte damit nur sagen, dass es mir so vorkommt, als seien Politiker mehr mit Schmiergeldern und dem Vermehren von Einfluss beschäftigt als mit ihren Aufgaben.«

»Irgendwie bezweifle ich, dass Herzog Cromarty diese Charakterisierung sehr gefallen würde. Nicht, dass sie auf ihn zuträfe.« Courvosier winkte sanft ab, als Honor erneut den Mund öffnete. »Ja, ich weiß, Sie dachten dabei nicht an den PM. Und nach dem, was mit Ihrem letzten Schiff passiert ist, kann ich Ihre Reaktion ja auch gut verstehen. Doch gerade im Moment ist die Diplomatie für das Überleben des Königreichs absolut unverzichtbar, Honor. Und darum habe ich der Bitte des Foreign Office zugestimmt, als man jemanden brauchte, der nach Jelzins Stern geht.«

»Das verstehe ich, Sir. Ich nehme an, ich klang ein wenig bockig, oder?«

»Ein kleines bisschen«, stimmte Courvosier mit schwachem Lächeln zu.

»Na ja, vielleicht auch ein wenig mehr als ein kleines bisschen. Andererseits habe ich bisher nicht viel mit Diplomatie zu tun gehabt. Meine Erfahrung beschränkt sich mehr auf einheimische Politiker – Sie wissen schon, die von der schleimigen Sorte.«

»Fair genug, diese Einschätzung, denke ich. – Aber nun geht es um wesentlich schwerwiegendere Angelegenheiten, und genau deswegen wollte ich Sie sprechen.« Er strich sich über eine Augenbraue und legte die Stirn in Falten. »Um ehrlich zu sein, Honor, es wundert mich, dass die Admiralität ausgerechnet Sie mit dem Auftrag betraut hat.«

»Wirklich?« Sie versuchte, ihre Verletztheit zu kaschieren. Glaubte der Admiral, sie würde – unter seinem Kommando! – weniger geben als ihr Bestes, weil sie die Politik nicht mochte? Er sollte sie doch besser kennen!

»Oh, nicht dass ich glaube, Sie kämen damit nicht zurecht.« Seine rasche Erwiderung linderte ihren Schmerz ein wenig, und er schüttelte den Kopf. »Es ist nur … Nun, was wissen Sie denn über die Lage im Jelzin-System?«

»Nicht viel«, gab sie zu. »Ich habe noch keine offiziellen Befehle oder einen Download erhalten, daher stammt mein Wissen aus der Zeitung. Ich habe in der Royal Encyclopedia nachgelesen, aber nicht viel darin gefunden, und ihre Navy ist nicht einmal im Jane’s aufgeführt. Ich nehme an, Jelzins Stern hat außer seiner Position nicht viel, was unser Interesse erweckt.«

»Ihrer letzten Bemerkung entnehme ich, dass Sie wenigstens wissen, wieso wir das System auf unserer Seite haben wollen?« Courvosier sprach die Feststellung als Frage aus, und Honor nickte. Jelzins Stern befand sich weniger als dreißig Lichtjahre nordöstlich vom Doppelstern Manticore. Daher lag er zwischen dem Königreich von Manticore und der durch Eroberungszüge aufgedunsenen Volksrepublik Haven, und nur ein Idiot – oder ein Anhänger der Progressiven oder der Freiheitspartei – glaubte noch, dass es keinen Krieg mit Haven geben würde.

Die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen beiden Mächten waren immer heftiger geworden, seit die VRH vor zweieinhalb Jahren auf dreiste Weise versucht hatte, das Basilisk-System zu annektieren. Beide Mächte probierten lediglich noch, sich vor dem unausweichlichen offenen Konflikt in die bessere Ausgangsposition zu bringen.

Dadurch wurde Jelzins Stern so wichtig. Er und das nahegelegene Endicott-System besaßen die einzigen bewohnten Welten im Radius von zehn Lichtjahren und lagen genau zwischen den beiden Kontrahenten. Verbündete oder (vielleicht noch wichtiger) eine vorgeschobene Flottenbasis in diesem Raumsektor wären von unschätzbarem Wert.

»Sie wissen vielleicht nicht«, fuhr Courvosier fort, »dass es hier um mehr geht, als strategisch günstigen Boden zu gewinnen. Die Regierung Cromarty versucht, eine Brandschneise gegen Haven zu errichten, Honor. Wir sind wahrscheinlich reich genug, um es mit den Havies aufzunehmen, und wir besitzen technische Überlegenheit, aber wir kommen einfach nicht an ihre Stärke heran. Wir brauchen Verbündete, aber viel wichtiger ist es, dass man uns als glaubwürdigen Gegner sieht, als jemanden mit dem Willen und dem Mumm, vor Haven nicht zurückzuweichen. Dort draußen gibt es noch immer viele Neutrale; wenn die Feindseligkeiten beginnen, müssen wir so viele davon wie möglich dahin gehend beeinflussen, dass sie in unserem Sinne ›neutral‹ bleiben.«

»Ich verstehe, Sir.«

»Gut. Doch der Grund, aus dem ich erstaunt bin, dass die Admiralität Sie für gerade diesen Auftrag ausgewählt hat, ist ein anderer: Sie sind eine Frau.« Honor stutzte in völliger Überraschung, und als Courvosier ihren Gesichtsausdruck sah, stieß er ein humorloses Lachen aus.

»Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht folgen, Sir.«

»Werden Sie können, sobald Sie meinen Download erhalten haben«, versprach Courvosier in säuerlichem Ton. »Jetzt möchte ich Ihnen zunächst mal die Höhepunkte verraten. Setzen Sie sich, Captain.«

Honor ließ sich auf einen Stuhl sinken, nahm Nimitz von der Schulter und setzte ihn sich auf den Schoß. Dabei nahm sie den Blick nicht von ihrem Vorgesetzten. Er wirkte ehrlich besorgt; aber selbst wenn es um ihr Leben gegangen wäre, sie hätte nicht sagen können, was ihr Geschlecht mit ihrer Kommandobefähigung zu tun haben sollte.

»Sie müssen wissen, dass das Jelzin-System schon wesentlich länger besiedelt ist als Manticore«, begann Courvosier in bester Saganami-Vortragsmanier. »Die ersten Kolonisten landeten im Jahre 988 P. D. auf Grayson, dem einzigen bewohnbaren Planeten von Jelzin-System, also beinahe fünfhundert Jahre, bevor wir auf den Plan traten.« Honor verengte überrascht die Augen, und Courvosier nickte zur Antwort. »Das ist wirklich wahr. Tatsächlich war Jelzin nicht einmal vermessen, als die Siedler das Sol-System verließen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Der Cryo-Prozess war gerade erst zehn Jahre alt, als sie aufbrachen.«

»Aber warum in Gottes Namen sind sie so weit herausgekommen?« wollte Honor wissen. »Sie müssen doch viel bessere Daten von Systemen gehabt haben, die Sol viel näher sind!«

»Hatten sie auch, aber Sie haben den springenden Punkt schon gefunden.« Sie runzelte fragend die Stirn, und Courvosier lächelte dünn. »›In Gottes Namen‹, Honor. Die Siedler waren religiöse Eiferer, die nach einer neuen Heimat so weit draußen suchten, damit niemand sie mehr belästigte. Ich nehme an, sie hielten mehr als fünfhundert Lichtjahre für ausreichend – das war in einer Zeit, in der die Möglichkeit von Hyperreisen noch nicht einmal postuliert worden war. Jedenfalls handelte die Kirche der Entketteten Menschheit aus tiefstem Gottvertrauen – die Leute hatten nicht die leiseste Vorstellung, was sie am Ende der Reise erwartete.«

»Gütiger Gott.« Honor klang erschüttert – sie war erschüttert. Sie war Berufsoffizier, aber allein der Gedanke an die zahlreichen schrecklichen Weisen, wie diese Kolonisten hätten sterben können, drehte ihr den Magen um.

»Genau. Doch wirklich interessant ist der Grund, aus dem sie es gewagt haben.« Honor hob eine Augenbraue. »Sie wollten ›dem verderblichen, die Seele zerstörenden Einfluss‹ der Technik entkommen«, fuhr Courvosier achselzuckend fort. Sie starrte ihn ungläubig an.

»Sie benutzten ein Sternenschiff, um der Technik zu entkommen? Aber Sir – das … das ist doch Irrsinn!«

»Nein, nicht wirklich.« Courvosier lehnte sich gegen eine Tischkante und verschränkte die Arme. »Ich gebe zu, es war auch mein erster Gedanke, als das F. O. mir das Hintergrundmaterial über das System aushändigte, aber auf sehr verdrehte Weise ergibt das Ganze schon Sinn. Erinnern Sie sich, das alles ist schon lange her. Es war im vierten Jahrhundert nach der Diaspora, als Alterde endlich die alten Probleme wie Umweltverschmutzung, Ressourcenschwund und Übervölkerung in den Griff bekam. Tatsächlich war schon in den zweihundert Jahren davor alles immer besser geworden, trotz aller Versuche von Ökospinnern und ›Die-Erde-zuerst‹-Grüppchen, frühe Raumfahrtinitiativen zu torpedieren. Die ›Erde-zuerst‹-Leute kämpften wahrscheinlich noch für die bessere Sache, wenn man bedenkt, wie viel Ressourcen ein einziges unterlichtschnelles Kolonistenschiff Sols Wirtschaft kostete, aber sie waren wenigstens in der Lage, die Vorteile zu erkennen, die bei dieser Sache heraussprangen: Industrieanlagen im offenen All, Schürfunternehmungen auf Asteroiden, Energiekollektoren in der Umlaufbahn – das alles funktionierte irgendwann, und der Lebensstandard im ganzen System kletterte. Die meisten Menschen waren erfreut, und die einzige echte Beschwerde der ›Erde-zuerst‹-Leutchen war, dass er noch viel schneller klettern könne, wenn man nur damit aufhörte, interstellare Kolonistenschiffe zu bauen.

Andererseits gab es auch wirklich fanatische Gruppen – insbesondere die extremen ›Grünen‹ und die Neo-Ludditen –, die nicht zwischen den Kolonisierungsbemühungen und anderen Raumfahrtprogrammen unterschieden. Sie bestanden darauf, jede Fraktion aus eigenen Gründen, dass die einzig wahre Lösung aller Probleme darin bestehe, die Technik zum Fenster hinauszuwerfen und zu leben, wie es ›dem Menschen vorherbestimmt‹ sei.« Honor schnaubte verächtlich. Courvosier lachte leise.

»Ich weiß, was Sie sagen wollen. Die Menschheit hätte ziemlich schlecht ausgesehen, wenn man es probiert hätte, insbesondere, weil die Bevölkerung des Sol-Systems mehr als zwölf Millionen Menschen betrug, die ernährt und untergebracht werden wollten. Die meisten dieser Fanatiker entstammten allerdings den weiter entwickelten Nationen. Extremisten neigen dazu, extremer zu werden, je näher die Lösung des Problems kommt, wissen Sie, und diese Extremisten besaßen überhaupt kein Konzept, wie ein Planet ohne Technik aussehen würde, weil sie so etwas niemals erlebt hatten. Außerdem waren die ›Grünen‹ technische Analphabeten, die für den Rest der Welt keine Relevanz mehr besaßen, nachdem sie drei Jahrhunderte lang das Übel allen technischen Fortschritts gepredigt hatten – und die Schuld ihrer eigenen Gesellschaft an der ›gierigen Ausbeutung anderer‹. Die Berufsfertigkeiten der Neo-Ludditen waren vom technischen Fortschritt überflüssig gemacht worden.

Beide besaßen nicht das Hintergrundwissen, um zu begreifen, was um sie herum vor sich ging. Pauschale, allzu simple Lösungen für vielschichtige Probleme sind natürlich attraktiver, als einen Gedanken bis zum Ende zu verfolgen, um vielleicht wirklich zu einem konstruktiven Verbesserungsvorschlag zu gelangen.

Jedenfalls war die Kirche der Entketteten Menschheit das Werk eines Mannes namens Austin Grayson – Reverend Austin Grayson von irgendeinem Ort, der ›Bundesstaat Idaho‹ genannt wurde. Laut Auskunft des F. O. gab es seinerzeit auf Alterde wahnwitzige Randgruppen scharenweise, und Grayson war ein ›Zurück-zur-Bibel‹-Typ, der in die Maschinenstürmerbewegung geriet. Von anderen Spinnern und Bombenwerfern unterschieden ihn sein Charisma, seine Entschlossenheit und sein Talent, Leute mit echten Begabungen anzuziehen. Es gelang ihm tatsächlich, eine Kolonisierungsexpedition zusammenzustellen und mit mehreren Milliarden Dollar zu finanzieren, und alles nur, um seine Anhänger nach Neu-Zion und in dessen wunderbaren, technikfreien Garten Eden zu führen. Es war im Grunde eine elegante Idee: die Technik zu benutzen, um der Technik zu entkommen.«

»Elegant«, schnaubte Honor, und der Admiral lachte wieder leise vor sich hin.

»Unglücklicherweise erwartete die Kolonisten am Ende der Reise eine böse Überraschung. Grayson ist in vielerlei Hinsicht eine schöne Welt, aber es ist auch eine Welt hoher Dichte mit ungewöhnlich hohen Konzentrationen an Schwermetallen, und es gibt keine einzige einheimische Lebensform, weder Pflanze noch Tier, die einen Menschen, der sich über längere Zeit davon ernährt, nicht vergiften würde. Was bedeutete …«

»Dass sie nicht die Technik aufgeben und trotzdem überleben konnten«, beendete Honor den Satz.

Courvosier nickte.

»Genau. Nicht, dass sie bereit gewesen wären, das zuzugeben. Nicht, dass Grayson es je zugegeben hätte. Nach der Ankunft lebte er noch zehn T-Jahre. Jedes Jahr hieß es, man stehe ganz kurz davor, alle Technik aufzugeben. Es gab einen Mann namens Mayhew, der die Zeichen der Zeit wesentlich früher als alle anderen zu deuten wusste. Nach allem, was die Aufzeichnungen hergeben, verbündete er sich – mehr oder weniger – mit einem anderen Mann, einem Captain Yanakov, der das Kolonistenschiff kommandiert hatte, und nach Graysons Tod führten die beiden eine Art doktrinelle Revolution herbei: Nicht die Technik sei böse, sondern nur die Art und Weise, wie sie auf Alterde benutzt wurde. Nicht die Maschinen seien entscheidend, sondern der gottlose Lebensstil, dem die Menschheit des Maschinenzeitalters sich ergeben habe.«

Gedankenverloren wippte Courvosier mit den Absätzen auf und ab, dann zuckte er die Achseln und fuhr fort: »Jedenfalls verwarfen sie den Anti-Maschinen-Teil von Graysons Theologie und konzentrierten sich darauf, eine Gesellschaft zu erschaffen, die in strikter Übereinstimmung mit Gottes Heiligem Wort stehen sollte. Was …« – unter gesenkten Brauen warf er Honor einen raschen Blick zu – »… auch folgende These mit einschloss: ›Das Weib ist dem Manne untertan.‹«

Nun war es an Honor, die Stirn zu runzeln, und Courvosier seufzte.

»Verdammt noch mal, Honor, Sie sind zu manticoranisch! – Und«, fügte er mit plötzlicher, echter Erheiterung hinzu, »Gott gnade uns allen, wenn es jemals Ihre Mutter nach Grayson verschlägt!«

»Ich fürchte, ich verstehe noch immer nicht, Sir.«

»Selbstverständlich nicht«, stöhnte Courvosier. »Also, hören Sie zu: Auf Grayson besitzen Frauen keine Rechte, Honor – überhaupt keine.«

»Wie bitte!?« Honor fuhr von ihrem Stuhl auf. Nimitz gab einen aufgeregten Laut von sich, als sich plötzlich ihr Schoß unter ihm bewegte, und Honor zuckte zusammen, als eine seiner zentimeterlangen Klauen etwas tiefer eindrang, als der Kater beabsichtigt hatte. Ihr bewusster Verstand nahm den Schmerz jedoch kaum wahr.

»Genau wie ich es gesagt habe. Graysons Frauen dürfen nicht wählen, sie können nichts besitzen, dürfen nicht als Geschworene fungieren, und insbesondere können sie nicht in den Streitkräften dienen.«

»Aber das … das ist doch barbarisch!«

»Ach, ich weiß nicht recht«, erwiderte Courvosier mit lauerndem Grinsen. »Ich könnte mir gut vorstellen, dass so etwas ab und zu ganz erholsam ist.«

Honor starrte ihn finster an, und sein Grinsen verschwand.

»Das war offenbar nicht so lustig, wie ich gedacht hatte. Unsere Lage allerdings ist noch viel weniger komisch. Masada, der einzige bewohnbare Planet im Endicott-System, wurde von Grayson aus besiedelt – und das nicht gerade freiwillig. Es begann mit einem Schisma über die Beibehaltung der Technik und wurde zu einer ablehnenden Haltung gegenüber allen anderen Möglichkeiten, nachdem erst einmal klar geworden war, dass ein Überleben ohne Technik ausgeschlossen war. Aus der ursprünglichen Pro-Technik-Fraktion wurden ›die Gemäßigten‹, aus der Anti-Technik-Fraktion ›die Wahren Gläubigen‹. Nachdem die Wahren Gläubigen gezwungen waren hinzunehmen, dass sie die Maschinen nicht loswerden konnten, machten sie sich daran, die perfekte gottgefällige Gesellschaft zu erschaffen. Wenn Sie glauben, dass die gegenwärtige Regierung von Grayson ein wenig rückständig ist, dann sollten Sie erst einmal sehen, was die anderen sich ausgedacht haben! Angefangen bei Ernährungsgesetzen bis hin zu rituellen Reinigungen für jede erdenkliche Sünde – Gesetze, die jedes Abweichen vom Pfad der Wahrheit mit Steinigung bestrafen, um Himmels willen!

Schließlich kam es zum offenen Kampf, und es kostete die Gemäßigten mehr als fünf Jahre, um die Wahren Gläubigen zu schlagen. Unglücklicherweise hatten die Wahren Gläubigen sich eine Weltuntergangswaffe gebaut: Wenn sie keine gottergebene Gesellschaft errichten konnten, dann wollten sie eben den ganzen Planeten in die Luft jagen – selbstverständlich in völliger Übereinstimmung mit dem für jeden offenkundigen Willen Gottes.«

Der Admiral schnaubte vor heftigster Abscheu und schüttelte den Kopf, seufzte auf und fuhr fort: »Trotzdem schloss die Regierung von Grayson – die Gemäßigten – einen Handel mit den Wahren Gläubigen. Sie exilierten sie mit Sack, Pack und Geißel nach Masada, wo die Gläubigen sich daranmachten, die Gesellschaft zu gründen, Wie Gott Sie Beabsichtigt Hat. Grayson war zwar gerettet, die Wahren Gläubigen aber wurden noch intoleranter als zuvor. Es gibt eine Reihe von Punkten in ihrer sogenannten Religion, über die ich keine definitiven Informationen bekommen kann. Klar ist aber, dass sie das gesamte Neue Testament aus ihren Bibeln getilgt haben, weil es auf Alterde niemals Technik gegeben hätte, wenn Christus der wahre Messias gewesen wäre. Außerdem hätte man sie dann nicht von Grayson heruntergekickt, und Frauen hätten in der gesamten Menschheitsgeschichte den ihnen gebührenden Platz eingenommen.«

Honor sah Courvosier nur an. Mittlerweile war sie so verwirrt, dass sie dem Admiral alles glaubte, und Courvosier schüttelte erneut den Kopf.

»Unglücklicherweise scheinen sie auch zu glauben, dass Gott sie dazu ausersehen habe, alles in Ordnung zu bringen, was im Universum nicht stimmt. Weiterhin sind sie entschlossen, Grayson ihrer Doktrin zu unterwerfen. In wirtschaftlicher Hinsicht hat keins der beiden Systeme, wenn Sie den Ausdruck verzeihen, auch nur einen Platz, um hinzuscheißen, aber sie liegen sehr nahe beieinander und haben im Laufe der Jahrhunderte etliche Kriege gegeneinander geführt – einschließlich des einen oder anderen Atomschlags. Und das bringt uns auf den Punkt, an dem sowohl Haven als auch wir ansetzen wollen. Kriegerische Rivalität. Deswegen konnte der Außenminister mich davon überzeugen, dass der Kopf unserer Delegation ein wohlbekannter Militär sein muss – meine Wenigkeit. Die Graysons sind sich der Gefahr, die Masada für sie bedeutet, nur zu bewusst, und sie wünschen, dass die Person, mit der sie verhandeln, darüber im Bilde ist.«

Er wiegte den Kopf hin und her und schürzte die Lippen.

»Es ist eine unglaublich schmutzige Angelegenheit, Honor, und ich fürchte, dass unsere Motive auch nicht gerade so weiß sind wie frisch gefallener Schnee. Wir brauchen in diesem Raumsektor einen Vorposten. Noch wichtiger ist es, dass wir Haven daran hindern, so nahe bei uns einen Vorposten zu errichten. Diese Umstände sind für die Einheimischen so offensichtlich wie für uns selbst, deshalb werden wir uns in den dortigen Konflikt hineinziehen lassen müssen, zumindest als Hüter des Friedens. Und wenn ich in der Regierung von Grayson säße, wäre das der Punkt, auf dem ich bestände, denn das grundlegende Credo der masadanischen Theologie schließt ein, dass die Masadaner eines Tages im Triumph nach Grayson zurückkehren und die Erben jener Gottlosen niedermachen werden, die sie einst aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Das bedeutet, dass Grayson einen mächtigen Verbündeten wirklich gut gebrauchen kann – und deswegen umwarben die Havies Masada, kaum dass wir die ersten Kontakte zu Grayson geknüpft hatten. Wie Sie sich denken können, wäre auch Haven Grayson lieber als Masada, doch die Graysons sind sich offenbar bewusst, wie fatal es enden kann, wenn man ein ›Freund‹ der Volksrepublik wird.

Und Sie müssen aus diesen Gründen ganz genau wissen, was bei unserem kleinen Ausflug vor sich geht, diplomatisch ausgedrückt. Sie werden im Blickpunkt stehen, und der Umstand, dass das Königreich eine Frau schickt, um den militärischen Teil der Mission zu kommandieren – nun …«

Er unterbrach sich mit einem weiteren Achselzucken, und Honor nickte langsam.

Sie hatte noch immer Schwierigkeiten damit, sich an den Gedanken an eine Kultur aus dem Dunklen Zeitalter zu gewöhnen, zumal diese Kultur in der Gegenwart existierte.

»Ich verstehe, Sir«, sagte sie leise. »Ja, ich verstehe durchaus.«

2

Honor ließ die Ringe los und schwang sich mit einem blitzschnellen Salto herum. Sie war weit davon entfernt, eine professionelle Turnerin zu sein, doch sie landete beinahe perfekt und verbeugte sich mit übertriebener Grazie vor ihrem Publikum – das auf einem bequemen Polster auf den Barren lag und sie mit einem toleranten Blick bedachte. Honor atmete tief ein und strich sich mit den Händen den Schweiß aus den triefenden, zwei Zentimeter langen Haaren, dann ergriff sie ein Handtuch und rieb sich damit kräftig das Gesicht ab. Sie schlang es sich um den Nacken und sah Nimitz streng an.

»Etwas Bewegung würde dir auch nicht schaden«, keuchte sie.

Nimitz antwortete mit einem leichten Schlagen seines flauschigen, greiffähigen Schwanzes. Er seufzte erleichtert, als sie zu den in die Wand eingelassenen Gravitationskontrollen hinüberging und die Schwerkraft auf das eine Gravo zurücksetzte, das standardgemäß an Bord aller Schiffe der RMN zu herrschen hatte. Der ’Kater stürmte von den Barren hinunter. Er begriff einfach nicht, wieso seine Person unbedingt die Schwerkraft der Turnhalle auf die 1,35 Gravos hochfahren musste, unter denen sie beide geboren waren. Es war nicht etwa so, dass Nimitz faul gewesen wäre, doch nach seiner unkomplizierten Weltanschauung waren Belastungen etwas, dem man sich zu stellen hatte, dem man aber nicht hinterherjagen musste. Die niedrige Standardschwerkraft an Bord von Raumschiffen betrachtete er als die größte Leistung seit der Erfindung von Sellerie. Wenn seine Person schon turnen musste, dann sollte sie gefälligst etwas tun, was auch ihm Spaß machte.

Er huschte in den Umkleideraum, und Honor hörte die Tür ihres Spindes klappern. Nimitz tauchte mit einem fröhlichen »Bliek!« wieder auf, und Honor brachte gerade noch rechtzeitig die Hand hoch, um die sausende Plastikscheibe knapp vor ihrem Gesicht aus der Luft zu fangen.

»Na warte, du kleiner Fiesling!«, rief sie lachend, und er schnatterte entzückt. Er wippte auf seinen mittleren und hinteren Gliedmaßen hin und her, während er die Echthände weit ausbreitete.

Sie lachte wieder und warf die antike Frisbeescheibe nach ihm. Hier in der Turnhalle war zu wenig Platz für die komplizierten Flugbahnen, die sie auf einer Planetenoberfläche werfen konnte, aber Nimitz schnurrte genießerisch. Er war ein Frisbeefan seit dem Tag, an dem er gesehen hatte, wie der Vater einer wesentlich jüngeren Honor das gleiche Spiel mit seinem Hund, einem Golden Retriever, spielte. Und anders als ein Hund, besaß Nimitz Hände.

Honor fing die pfeifende Scheibe auf, als der Baumkater sie zurückschleuderte, dann fintierte sie eine hohe Schleife, sandte die Scheibe jedoch in Wirklichkeit auf Kniehöhe zurück – was für Nimitz Kinnhöhe bedeutete. Er schnappte sie behände und vollzog eine Kreisbewegung. Er benutzte Echtpfoten und Handpfoten, um wie ein Diskuswerfer Schwung aufzubauen, bevor er das Frisbee losließ.

Honor fing die Scheibe; die Handflächen schmerzten ihr vom Aufprall. Sie schüttelte den Kopf, als sie die Scheibe wieder zurückwarf. In all den Jahren war es ihr nicht ein einziges Mal gelungen, ihn zu übertölpeln. Niemand konnte genau sagen, wie die empathischen Sinne von Baumkatzen funktionierten, aber der kleine Teufel wusste immer, wann sie versuchte, ihn an der Nase herumzuführen.

Sein nächster Wurf wies einen niederträchtigen Effet auf und kam in einem Bogen herein wie ein Bumerang. Honor griff daneben und konnte sich gerade noch rechtzeitig zur Seite werfen. Das Frisbee schoss an ihrem Kopf vorbei und prallte vom Decksboden ab. Nimitz schnellte hinüber, sprang in die Luft und landete genau auf der Frisbeescheibe. Er bliekte seinen Triumph hinaus und führte aus dem Stegreif heraus einen Siegestanz auf.

Honor rappelte sich auf und schüttelte den Kopf, dann lachte sie.

»Also gut, du hast gewonnen!«, rief sie ihm zu und stützte die Hände in die Hüften. »Ich nehme an, du willst den üblichen Tribut?«

Nimitz nickte selbstgefällig, und Honor seufzte. »Also gut – morgen mittag zwei Selleriestängel. Aber nur zwei!«

Der Baumkater überlegte einen Moment lang, dann zuckte er zustimmend mit der Schwanzspitze und erhob sich zu seiner vollen Höhe von fünfundsechzig Zentimetern auf die Echtpfoten, um Honors Knie mit den mittleren, Handpfoten genannten Extremitäten zu umklammern und ihr mit den Echthänden die Oberschenkel zu tätscheln. Nimitz war trotz der beträchtlichen Intelligenz der Baumkatzen, die viele Menschen unglücklicherweise zu unterschätzen neigten, der Sprache nicht mächtig, aber sie wusste trotzdem, was er wollte. Er tätschelte sie wieder, fester, und sie grinste auf ihn hinab, während er ihr das verschwitzte Leotard mit einer Hand von den Brüsten zupfte und mit der anderen vor ihren Wangen herumfächelte.

»O nein, wag es bloß nicht, Stinker! Ich vertraue deinen Krallen nicht, solange ich etwas so Dünnes trage!«

Er schnüffelte beleidigt. Es gelang ihm, gleichzeitig geringschätzig, vertrauenswürdig, elend und vernachlässigt auszusehen; als sie ihn dann doch in die Arme nahm, stieß er ein lautes, summendes Schnurren aus. Sie wusste es besser, als ihn in die normale Position auf ihre Schulter zu hieven. Er wand sich auf den Rücken und wedelte mit den beiden hinteren Gliedmaßenpaaren durch die Luft (die Echthände hielten stattdessen die Frisbeescheibe), während Honor ihn an sich drückte.

»Gütiger Himmel, du bist wirklich ein verwöhntes Tierchen«, sagte sie zu ihm und steckte die Nase in sein weiches, cremefarbenes Bauchfell. Er bliekte fröhliches Einverständnis, als sie Kurs auf die Dusche nahm.

Honor hatte die Turnhalle für sich, denn es war spät in der offiziellen ›Nacht‹ der Fearless, und die meisten Freiwachen lagen in den Kojen. Sie sollte ebenfalls im Bett sein, aber sie verbrachte einfach zu viel Zeit hinter dem Schreibtisch, und ›tagsüber‹ konnte sie niemals genug Zeit erübrigen, um Bewegung zu bekommen. Außerdem erlaubte ihr die späte Stunde, das Gravfeld so einzustellen, wie es ihr passte, ohne jemand anderem Unannehmlichkeiten zu bereiten.

Dass sie immer noch schwer atmete und dass ihre Muskeln ein wenig vor Überanstrengung zitterten, verriet jedoch, dass sie auch in den Nächten zu wenig Zeit in ihr Training investierte.

Sie ging in den Umkleideraum, setzte Nimitz ab und schwor sich, während sie das Leotard auszog, mehr Zeit für die Turnhalle zu erübrigen. Der Baumkater warf das Frisbee zielgenau in den Spind und warf ihr einen angewiderten Blick zu, als sie das schweißtriefende Kleidungsstück unordentlich auf den Boden fallen ließ und in die Dusche trat.

Das heiße Wasser, das auf sie hinabschoss, war einfach wunderbar. Honor hob den Kopf und hielt das Gesicht in den Strahl. Dabei tastete sie nach dem Seifenspender. Ja, sie musste einfach mehr Zeit in der Turnhalle verbringen. Und, wo sie schon darüber nachdachte, sie musste sich auch einen anderen Sparringspartner suchen. Lieutenant Wisher war ziemlich gut gewesen, aber man hatte ihn während der Umrüstung der Fearless im Rahmen der routinemäßigen Personalrotation versetzt, und unter der Annahme, dass sie ohnehin keine Zeit fürs Sparring haben würde, hatte Honor es unterlassen, nach einem Ersatz zu suchen.

Sie machte ein finsteres Gesicht und massierte sich Shampoo in die kurzen, lockigen Haare. Sergeant-Major Babcock, dienstältester Feldwebel im Marineinfanteriekontingent der Fearless, wäre vielleicht eine gute Wahl. Vielleicht auch eine zu gute. Lang, lang war es her, dass sich Honor in der Akademiemannschaft für waffenlosen Kampf eingesetzt hatte, und nach Iris Babcocks Uniformjacke zu urteilen, konnte sie Honor wahrscheinlich verknoten, ohne auch nur einen einzigen Schweißtropfen zu vergießen. Und dieses peinliche Schicksal, überlegte Honor, während sie sich fertig abduschte und die Dusche abstellte, würde sie dazu anspornen, ihre alte Form so schnell wie möglich wiederzuerlangen.

Tropfend ging sie in den Umkleideraum zurück und griff nach einem frischen Handtuch. Nimitz rollte sich auf einer Bank zusammen und wartete geduldig, während sie sich abtrocknete, wieder in die Uniform stieg und sich das weiße Barett der Sternenschiffkommandanten auf das feuchte Haar setzte. Er freute sich darauf, wieder auf der eigens gepolsterten Schulter ihrer Uniformjacke sitzen zu können, sobald sie fertig angekleidet war.

Sie hob ihn hoch, setzte ihn auf die richtige Stelle und machte sich auf den Rückweg in ihr Quartier. Eigentlich hätte sie nun schlafen gehen sollen, es war spät genug, aber es gab immer noch ein wenig Papierkram, um den sie sich zu kümmern hatte, also begab sie sich ins Arbeitszimmer.

Sie berührte den Lichtschalter mit der Handfläche und ging zu ihrem Schreibtisch. Resolut weigerte sie sich, sich von dem von Kniehöhe bis an die Decke reichenden Bullauge ablenken zu lassen, bevor sie alle lästigen Pflichten erledigt hatte. Immerhin aber gestattete sie sich, innezuhalten und einen Blick auf das baumkatzengroße Lebenserhaltungsmodul zu werfen, das neben dem Schreibtisch am Schott befestigt war. Das Modul war das neueste Modell, mit allem Drum und Dran, erhöhter Standzeit und zusätzlichen Sicherheitsbonbons. Und es war neu. Zu Honors täglicher Routine gehörte es, die Anzeigen regelmäßig zu überprüfen, und bis sie mit allen Funktionen des Moduls absolut vertraut war, beabsichtigte sie, es jedes Mal zu überprüfen, wenn sie daran vorbeikam.

Auf ihrer Schulter gab Nimitz einen leisen, zustimmenden Laut von sich. Er wusste, wozu – und für wen – das Modul bestimmt war. Persönliche Erfahrung hatte ihn zu einem glühenden Befürworter ihrer Gewissenhaftigkeit gemacht.

Sie grinste bei dem Laut, dann rückte sie mit äußerster Sorgfalt eine durch starke Hitze verformte, goldene Medaillenplakette an der Wand gerade und setzte sich hinter den Schreibtisch.

Sie hatte kaum ihr Terminal aktiviert, da erschien auch schon MacGuiness mit einer dampfenden Tasse neben ihr, und zum wiederholten Male fragte Honor sich, ob er in den Eingeweiden des Computers ein Energiemessgerät untergebracht hatte. Stets erschien er, so kam es ihr vor, in dem Augenblick, in dem sie das System hochfuhr, und selbst so spät in der Nacht konnte sie darauf zählen, dass er sie mit dem aromatischen, süßen Kakao versorgte, den sie so gern bei der Arbeit trank.

»Vielen Dank, Mac«, sagte sie, als sie die große Tasse entgegennahm.

»Gern geschehen, Ma’am.« MacGuiness schloss mit einem Lächeln das Ritual ab. Der Chefsteward war ihr von ihrem alten Kommando an Bord dieses Schiffes gefolgt, und im Laufe der vergangenen siebenundzwanzig Monate hatte sich eine angenehme Routine zwischen ihnen entwickelt. Er war ein wenig zu sehr entschlossen, ihr alles Mögliche abzunehmen, und Honor hatte entdeckt, dass sie sich gern verwöhnen ließ (und empfand dabei gewisse Schuldgefühle).

Er verschwand wieder in seine Küche, und Honor sah auf ihren Bildschirm. Offiziell war sie nicht ausdrücklich zur Unterstützung von Admiral Courvosiers Mission abkommandiert. Stattdessen war sie Befehlshaberin des Geleitschutzes für einen Konvoi, dessen Ziel das Casca-System war, zweiundzwanzig Lichtjahre jenseits von Jelzins Stern. Weder Jelzins Stern noch Casca lagen in einem besonders sicheren Sektor der Milchstraße, denn die Einzelsystem-Staaten dort draußen waren das, was man als ›ertragsarmen Boden‹ bezeichnete. Viele von ihnen hatten mit Piratenüberfällen bittere Erfahrungen gemacht, und sie waren stets in Versuchung, die eigene Lage durch ein wenig Piraterie auf Kosten der reicheren Sonnensysteme und ihrer vorbeifahrenden Geleitzüge zu verbessern. In letzter Zeit war die Situation schlimmer geworden, und Honor (und auch das Office of Naval Intelligence – der Nachrichtendienst der Navy) hegte mehr als nur den leisen Verdacht, dass Havens Interesse an der Region dafür verantwortlich war – ein Verdacht, der wiederum erklärte, wieso die Admiralität dem Konvoi eine Eskorte aus zwei Kreuzern und einem Paar Zerstörer zugeteilt hatte.

Honor nickte, während die Statusberichte vor ihr über den Bildschirm liefen. Sie sahen gut aus – nichts anderes hatte sie erwartet. Hier war ihre erste Gelegenheit, etwas zu kommandieren, das in allen Belangen als Geschwader bezeichnet werden konnte. Wenn jeder Kommandant in der Navy so gut wäre wie ihre Kommandanten, dann wäre ein Geschwaderkommando ein Vergnügen.

Als sie mit dem letzten Bericht fertig war, lehnte sie sich zurück und nippte an ihrem Kakao, während Nimitz sich auf seinem Ruheplatz, der an ein Schott montiert war, rekelte. Von ein oder zwei Angehörigen in Admiral Courvosiers Stab von Außenministeriumsexperten war sie nicht sonderlich begeistert, aber was ihre eigenen Pflichten betraf, hatte sie keine Veranlassung, sich zu beschweren. Wenn man von der Zeit absah, die diese Zusatzaufgaben sie kosteten. Und das, sagte sie sich zum wiederholten Mal, war schließlich ihre eigene Schuld. Commander Venizelos wäre auch allein in der Lage, das Schiff einwandfrei zu führen. Mit Sicherheit verschwendete sie zu viel Zeit damit, sich über die tägliche Routine Gedanken zu machen. Von allem, was das Kommando über ein Schiff mit sich brachte, war das Delegieren von Pflicht und Verantwortung ihr schon immer am schwersten gefallen. Sie wusste jedoch, dass noch ein weiterer Faktor mit hineinspielte. Sie sollte sich zurückhalten und Andreas die Verwaltung der Fearless überlassen, während sie sich mit dem Rest des Geschwaders befasste, und genau das wollte sie gar nicht. Nicht, weil sie kein Vertrauen in Venizelos’ Kompetenz hatte, sondern weil sie zu verlieren befürchtete, was jeder Navykommandant über alles andere stellte: die aktive Ausübung ihrer Autorität und Verantwortung als Herrin gleich nach Gott über eines der Sternenschiffe Ihrer Majestät.

Sie schnaubte über sich selbst und trank den Kakao aus. MacGuiness wusste genau, wie er ihn zu machen hatte. Diese aromatischen, hinterhältigen Kalorien sind noch ein weiterer Grund, mehr Zeit in der Turnhalle zu verbringen, dachte sie grinsend. Dann erhob sie sich und trat an das Bullauge, um in die eigenartige, ständig im Wechsel begriffene Pracht des Hyperraums hinauszustarren.

Das Bullauge war eins der Dinge, die Honor an ihrem Schiff am höchsten schätzte. Das Quartier an Bord ihres letzten Schiffes, des veralteten Leichten Kreuzers, der seinen Namen und seine Gefechtsmeriten dieser neuen Fearless vermacht hatte, hatte kein Bullauge besessen. Der Ausblick vermittelte Honor einen immer wieder neuen Eindruck von der Grenzenlosigkeit des Universums. Er gestattete entspannendes Nachdenken und bot auf fast herausfordernde Weise eine Vorstellung von Perspektive; das Bewusstsein, wie klein und unbedeutend der Mensch gegenüber der Enormität der Schöpfung wirklich war. Mit einem Seufzer streckte Honor sich auf der Couch unter dem Bullauge zu voller Länge aus.

Die Fearless und die anderen Schiffe des Geleitzugs ritten auf den gewundenen Strömungen einer Gravwelle, welche nie die Ehre eines Namens erhalten hatte, nur eine Katalognummer. Honors Kabine lag kaum einhundert Meter bugwärts der Heckimpelleremitter. Die immaterielle Dreihundert-Kilometer-Scheibe des Warshawski-Großsegels der Fearless blinkte und flackerte wie ein eingefrorener Blitz. Sie dominierte die Aussicht aus dem Bullauge mit dem sanften Schimmer, den sie durch die eingefangene Gravitationsenergie erhielt. Der Auffangfaktor des Segels war auf einen winzigen, beinahe unmessbar kleinen Bruchteil des vollen Wirkungsgrades eingestellt.

Es erzeugte eine verschwindend geringe Beschleunigung, die durch das auf Abbremsen gestellte Bugsegel genau ausgeglichen wurde, um den Kreuzer bei einer Geschwindigkeit von fünfzig Prozent der des Lichtes zu halten. Der Kreuzer hätte zwanzig Prozent schneller fahren können, aber die höheren Partikeldichten des Hyperbandes hätten die schwächeren Strahlungsschutzschirme der Frachter schon lange vor Erreichen dieses Wertes durchschlagen.

Honors braune Augen versanken in den Anblick des Segels. Wie immer war sie von seiner Schönheit, die an vorbeiziehende Eisschollen erinnerte, fasziniert. Sie hätte die Segel des Schiffes abschalten lassen können, und der Kreuzer hätte sich dank seines Impulses mit unveränderter Geschwindigkeit weiterbewegt, aber die Segel balancierten die Fearless präzise zwischen sich aus und verliehen ihr die Fähigkeit, von einer Sekunde zur anderen zu manövrieren. Die Gravwelle, auf der die Fearless im Moment ritt, war kaum einen halben Lichtmonat tief und einen Lichtmonat lang, nicht mehr als ein Bächlein im Vergleich mit Titanen wie den Tosenden Tiefen, und dennoch reichte ihre Energie aus, um den Kreuzer innerhalb von zwei Sekunden um fünftausend Gravos zu beschleunigen. Und sollten die Gravdetektoren der Fearless voraus in der Welle eine unerwartete Turbulenz feststellen, würde Honor möglicherweise genau dieses Manöver befehlen müssen.

Sie schüttelte sich und ließ den Blick weiterschweifen. Das Segel verdeckte die Sicht auf alles, was sich achteraus der Fearless befand, aber voraus und zu den Seiten erstreckte sich die endlose Weite des Hyperraums. Der nächste Frachter war eintausend Kilometer entfernt, um den Sicherheitsabstand zwischen den Segeln beider Schiffe zu halten, und auf diese Distanz war auch ein Fünf-Megatonnen-Frachter für das unbewaffnete Auge zunächst einmal unsichtbar. Honors geübte Augen fanden jedoch die blitzenden Scheiben der Warshawski-Segel des Schiffes, die wie der Makel eigenartiger, fokussierter Beständigkeit vor dem großartigen, ständig veränderlichen Chaos des Hyperraums wirkten. Achteraus befand sich das Glitzern eines weiteren gewaltigen Kauffahrers.

Meine Kauffahrer, sagte sie sich. Meine Schützlinge. Langsam, fett, behäbig, der kleinste von ihnen sechsmal massiver als die dreihunderttausend Tonnen der Fearless, und mit Fracht vollgestopft, deren Gesamtwert beinahe unermesslich war. Allein nach Jelzins Stern gingen Waren zum Preis von mehr als einhundertundfünfzig Milliarden Dollar. Medizinische Versorgungsgüter, Lehrmaterial, schwere Maschinen, Präzisionswerkzeuge und Molycirccomputer und die dazugehörige Software, um die überholte Industrie Graysons zu modernisieren – jeder einzelne Penny davon bezahlt mit ›Darlehen‹ der Krone, die im Grunde Spenden waren. Ein ernüchternder Fingerzeig, wie viel die Regierung Ihrer Majestät Königin Elisabeth III. für die Allianz, die Admiral Courvosier in die Wege leiten sollte, zu bieten bereit war. Und Honor war dafür verantwortlich, dass die Sendung ihren Empfänger sicher erreichte.

Sie ließ sich tiefer in die Polster der Couch sinken, um die bereits dahinschwindende Entspannung der Muskeln durch ihre Turnübungen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, und die Augen wurden ihr schwer. Kein Navyskipper mochte Geleitschutzaufgaben. Frachtern fehlten die starken Warshawski-Segel und Trägheitskompensatoren der Kriegsschiffe, und ohne diese konnten sie es nicht wagen, höhere Hyperbänder als die Delta-Bänder zu benutzen, während Kriegsschiffe auf den Eta- und manchmal sogar Theta-Bändern fuhren. Im Moment befand Honors Geleitzug sich zum Beispiel in den mittleren Delta-Bändern, die seine echte Geschwindigkeit von 0,5 c in eine effektive Geschwindigkeit von etwas mehr als eintausendfacher Lichtgeschwindigkeit umsetzten. Also würde die einunddreißig Lichtjahre weite Reise nach Jelzins Stern zehn Tage dauern – nach den Schiffschronometern etwas weniger als neun Tage. Auf sich allein gestellt, hätte die Fearless die gleiche Entfernung in weniger als vier Tagen zurücklegen können.

Aber das ist so ganz in Ordnung, dachte Honor müde. Nimitz hopste ihr mit sanftem, leisem Schnurren auf die Brust. Er rollte sich zusammen und bettete sein Kinn zwischen ihre Brüste, und sie streichelte ihn zärtlich hinter den Ohren. Ob vier Tage oder zehn, spielte keine Rolle. Sie sollte keinen Rekord aufstellen, sie musste alles in ihrer Obhut sicher ans Ziel bringen. Schutz zu bieten war eine der Aufgaben, für die Raumkreuzer entworfen und gebaut wurden.

Honor gähnte und kuschelte sich noch tiefer in die Couch. Sie erwog, aufzustehen und sich ins Bett zu legen, doch ihr müder Blick lag noch immer auf dem wabernden Grau und Schwarz und dem pulsierenden Grün und Purpur des Hyperraums. Der Raum glühte und vibrierte, lockte sie, sternenlos und veränderlich und ohne Grenzen, in wunderbarer Weise wechselhaft. Ihr fielen die Augen zu, Nimitz’ Schnurren wurde zum leisen, liebevollen Abendlied im Hintergrund ihres Bewusstseins.

Captain Honor Harrington regte sich nicht einmal im Schlaf, als Chefsteward MacGuiness auf Zehenspitzen ins Arbeitszimmer geschlichen kam und eine Decke über sie breitete. Einen Moment lang blieb er neben ihr stehen und lächelte auf sie hinab, dann verließ er den Raum so leise, wie er ihn betreten hatte. Hinter ihm erloschen die Kabinenlampen, und Dunkelheit senkte sich herab.

 

3

Tischtücher leuchteten in frischem Weiß, Silberbesteck und Porzellan glänzten, Stimmengemurmel füllte den Raum. Die Stewards räumten den Nachtisch ab. MacGuiness umschritt leise den Tisch und schenkte persönlich Wein aus. Honor hielt ihr Glas hoch und betrachtete das Funkeln in dessen rubinrotem Herzen.

Die Fearless war ein junges Schiff, einer der neuesten und kampfkräftigsten Schweren Kreuzer der Royal Manticoran Navy. Kreuzer der Star-Knight-Klasse dienten oft als Geschwader- oder Flottillenflaggschiffe, und BuShips musste dies beim Entwurf der Unterkünfte berücksichtigt haben. Admiral Courvosiers Flaggkabine war noch großzügiger als Honors, und der Salon der Kommandantin war nach Navystandards geradezu riesig. Er war zwar nicht groß genug, um allen Offizieren Honors Platz zu bieten – ein Schwerer Kreuzer war immer noch ein Kriegsschiff, und kein Kriegsschiff konnte sich leisten, Masse zu verschwenden –, aber er war geräumig genug, um alle Ressortoffiziere und Courvosiers Delegation unterzubringen.

Als MacGuiness mit dem Ausschenken des Weins fertig war, ließ Honor den Blick über die Runde am langen Tisch schweifen. Der Admiral, der seinem neuen Status entsprechend die Uniform gegen formelle Zivilkleidung eingetauscht hatte, saß zu ihrer Rechten. Andreas Venizelos saß Courvosier zu Honors Linken gegenüber; von da an besetzten Honors Gäste die Plätze in der Reihenfolge absteigender, sowohl militärischer als auch ziviler Dienstgrade und Dienstalter, bis hin zu Ensign Carolyn Wolcott am Fuß der Tafel. Es war Wolcotts erste Fahrt nach Abschluss der Akademie, und sie wirkte ein wenig wie ein Schulmädchen, das in die Uniform ihrer Mutter geschlüpft war. Heute Abend dinierte sie zum ersten Mal mit ihrer neuen Kommandantin, und ihre Anspannung ließ sich an ihren übermäßig korrekten Tischmanieren deutlich ablesen. Die Philosophie der RMN lautete, dass Offiziere die Ausübung ihrer Pflichten, ob sozial oder beruflich, nur an einem Ort erlernen könnten – im All. Honor suchte und fand den Blick des Ensigns und berührte die Seite des eigenen Glases.

Wolcott errötete, weil sie an ihre Pflichten als jüngster anwesender Subalternoffizier erst erinnert werden musste, und stand auf. Die anderen Gäste verstummten. Wolcott straffte den Rücken, als aller Augen sich auf sie richteten.

»Ladys und Gentlemen« – sie hob das Weinglas, und ihre Stimme war tiefer und melodischer – und selbstsicherer –, als Honor erwartet hatte –, »auf die Königin!«

»Auf die Königin!«, erklang die Antwort. Gläser wurden erhoben, und Wolcott ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Deutlich war ihr die Erleichterung darüber anzumerken, dass sie die Formalität überstanden hatte. Quer über den Tisch hinweg schaute sie auf die Kommandantin, und als sie Honors anerkennende Miene bemerkte, entspannte sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht.

»Wissen Sie«, murmelte Courvosier Honor ins Ohr, »ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich das zum ersten Mal tun musste. Erstaunlich, wie furchtbar es sein kann, nicht wahr?«

»Alles ist relativ, Sir«, antwortete Honor grinsend, »und ich nehme an, es hat uns nur gutgetan. Waren Sie es nicht, der mir sagte, Offiziere der Königin müssten sich mit der Diplomatie ebenso auskennen wie mit Taktik?«

»Nun, Captain, das ist ein wahres Wort«, warf eine andere Stimme ein, und Honor unterdrückte eine Grimasse. »Tatsächlich wünschte ich mir, mehr Navyoffiziere wären in der Lage einzusehen, dass Diplomatie sogar wichtiger ist als Strategie und Taktik«, fuhr der Ehrenwerte Reginald Houseman in seinem tiefen, kultivierten Bariton fort.

»Ich fürchte, dem kann ich nicht ganz zustimmen, Sir«, widersprach Honor ruhig und hoffte, dass ihr die Verärgerung über seine Einmischung in ein Privatgespräch nicht anzumerken sei. »Zumindest nicht vom Standpunkt der Navy aus. Selbstverständlich wichtig, aber unsere Aufgabe besteht darin, einzuschreiten, wo die Diplomatie an ihre Grenzen stößt.«

»Ach, wirklich?« Houseman setzte das überlegene Lächeln auf, das Honor kannte und verabscheute. »Ich bin mir bewusst, dass Militärpersonen oft die Zeit fehlt, sich mit der Geschichte zu befassen. Trotzdem fand in der Antike auf Alterde ein Soldat genau die richtigen Worte, als er sagte, der Krieg sei einfach die Fortsetzung der Diplomatie mit undiplomatischen Mitteln.«

»Das ist eine zumindest sehr freie Wiedergabe des Zitats, und das Wort ›einfach‹ stellt ja wohl eine gewisse Untertreibung dar. Immerhin muss ich Ihnen zugestehen, die Essenz der Anmerkung des Generals von Clausewitz erfasst zu haben.« Houseman verengte die Augen über die Beiläufigkeit, mit der Honor von Clausewitz’ Namen und Dienstgrad fallen ließ. Die anderen Tischgespräche verstummten, und Blicke richteten sich auf die beiden. »Um genau zu sein, lebte von Clausewitz auf Alterde zur Zeit Napoleons I., vor der Endzeit des Westlichen Imperialismus, und in Vom Kriege geht es auch nicht wirklich um Politik oder Diplomatie, außer insofern, als beide und die Kriegführung Werkzeuge der Staatskunst sind. Tatsächlich hatte Sun Tzu die gleiche Beobachtung schon zweitausend T-Jahre zuvor gemacht.« Ein Anflug von Erröten überzog Housemans Wangen, und Honor lächelte freundlich. »Dennoch besitzt keiner von beiden ein Monopol auf den Gedanken, nicht wahr? Tanakow sagte mehr oder weniger das Gleiche in Grundsätze des Krieges, nachdem das Warshawski-Segel die interstellare Kriegführung möglich gemacht hatte, und im sechzehnten Jahrhundert hat Gustav Anderman ja sehr genau demonstriert, wie diplomatische und kriegerische Methoden sich gegenseitig unterstützen können, indem er Neu-Berlin an sich riss und daraus das Anderman-Reich errichtete. Haben Sie seinen Sternenkrieg gelesen, Mr. Houseman? Es handelt sich um ein interessantes Destillat der früheren Theoretiker mit ein paar guten eigenen Ideen, auf die er vermutlich während seiner Söldnerzeit gekommen ist. Ich denke, die Übersetzung von Admiral White Haven ist am leichtesten zugänglich.«

»Ähem, nein, ich fürchte, ich bin dazu noch nicht gekommen«, antwortete Houseman, und Courvosier tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab, um ein Grinsen zu verbergen. »Was ich jedoch sagen wollte«, fuhr der Diplomat beharrlich fort, »ist, dass sorgfältig ausgeführte Diplomatie militärische Strategie entbehrlich macht, weil sie es gar nicht erst zum Krieg kommen lässt.« Er schniefte und schwenkte leicht den Wein im Glas. Das überlegene Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück.

»Vernünftige Leute, die ehrlich miteinander verhandeln, werden immer zu vernünftigen Kompromissen kommen, Captain. Nehmen Sie die Lage, der wir uns gegenübersehen, als Beispiel. Weder Jelzins Stern noch das Endicott-System besitzen die nötigen Bodenschätze oder Ressourcen, um den interstellaren Handel auf sich aufmerksam zu machen. Beide Sonnensysteme besitzen jedoch einen bewohnten Planeten mit insgesamt ungefähr neun Milliarden Menschen, und ein Hyperfrachter braucht weniger als zwei Tage, um die Entfernung zwischen diesen Planeten zurückzulegen. Das gibt den Leuten genügend Gelegenheit, Wohlstand zu erschaffen, und dennoch liegen beide Ökonomien knapp über dem Existenzminimum. Deswegen ist es vollkommen absurd, dass sie sich so lange wegen irgendwelcher alberner religiöser Streitigkeiten in den Haaren lagen! Sie sollten miteinander Handel treiben und sichere Wirtschaftsstrukturen errichten, die sich gegenseitig stützen, und ihre Ressourcen nicht in einer Rüstungsspirale verschwenden.« Er schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Sobald sie einmal die Vorzüge des friedlichen Handels entdeckt haben – sobald die einen erst entdeckt haben, dass ihr Wohlstand auf dem der anderen beruht –, wird die Lage sich ohne jedes Säbelrasseln entschärfen.«

Es gelang Honor, Houseman nicht ungläubig anzustarren; aber wenn sie den Admiral nicht so genau gekannt hätte, dann hätte sie vermutet, dass jemand versäumt hatte, die Lage mit dem Diplomaten zu besprechen. Sicherlich wäre es großartig, zwischen Grayson und Masada Frieden zu stiften, aber was sie in dem ihre Befehle begleitenden Download gelesen hatte, bestätigte alles, was der Admiral über die lang anhaltende Feindschaft gesagt hatte. Und so schön es auch wäre, diese Feindschaft zu beenden, bestand Manticores wichtigster Beweggrund noch immer darin, einen Verbündeten gegen Haven zu gewinnen, und nicht eine Friedensstiftermission zu beginnen, die mit beinahe völliger Gewissheit zum Scheitern verurteilt sein musste.

»Ich bin sicher, das wäre ein sehr wünschenswertes Ergebnis, Mr. Houseman«, antwortete sie daher, »aber ich bezweifle, dass diese Hoffnung sehr realistisch ist.«

»Tatsächlich?«, fragte Houseman herablassend.

»Die beiden Systeme sind seit mehr als sechshundert T-Jahren verfeindet«, erinnerte sie ihn, so höflich es ihr möglich war, »und religiöser Hass ist der tiefste Hass, den die Menschheit kennt.«

»Gerade deswegen benötigt man dort eine neue Sichtweise, eine dritte Partei von außen, die die Streitenden zusammenbringt.«

»Bitte entschuldigen Sie, Sir, doch ich war der Meinung, unsere Aufgabe bestehe darin, einen Verbündeten und das Recht zur Errichtung einer Flottenbasis zu erhalten und Haven daran zu hindern, an unserer Stelle in die Region einzudringen.«

»Nun, selbstverständlich sind das unsere Ziele, Captain.« Housemans Tonfall war nur knapp davon entfernt, kurz angebunden zu sein. »Doch der beste Weg zur Erreichung dieser Ziele führt über die Beilegung der einheimischen Streitigkeiten. Das Potenzial für Instabilität und havenitische Einflussnahme bleibt so lange bestehen, wie die Feindseligkeit zwischen Grayson und Masada anhält, ganz gleich, was wir erreichen. Sobald wir sie jedoch zusammenbringen, haben wir zwei Verbündete in dieser Region, und für keinen von beiden wird noch Veranlassung bestehen, sich mit Haven einzulassen, um einen militärischen Vorteil zu erlangen. Der beste diplomatische Klebstoff sind gemeinsame Interessen, nicht einfach ein gemeinsamer Feind. Tatsächlich«, Houseman nippte an seinem Wein, »entsteht unsere Einmischung in die Belange jener Region im Grunde aus unserem eigenen Unvermögen, gemeinsame Interessen mit der Volksrepublik zu finden, und das ist ein Fehler. Es gibt immer einen Weg, eine Konfrontation zu vermeiden, wenn man nur einsichtig genug ist und sich erinnert, dass auf lange Sicht Gewalt keine Probleme löst. Und darum haben wir Diplomaten, Captain Harrington – und darum ist es ein Anzeichen gescheiterter Diplomatie, zu roher Gewalt Zuflucht zu nehmen, nichts mehr und nichts weniger.«

Von weiter unten am Tisch starrte Major Tomas Ramirez, der Kommandeur des Marineinfanteriekontingents der Fearless, Houseman ungläubig an. Der massige, beinahe rundlich erscheinende Marine war zwölf Jahre alt gewesen, als Haven seine Heimat, das Sonnensystem von Trevors Stern, eroberte. Er, seine Mutter und seine Schwestern waren im letzten Flüchtlingskonvoi durch das Wurmloch nach Manticore entkommen; sein Vater war an Bord eines der Kriegsschiffe zurückgeblieben, die die Flucht deckten und dabei vernichtet wurden. Nun biss er bedrohlich die Zähne zusammen, während Houseman Honor angrinste, doch Lieutenant Commander Higgins, der LI der Fearless, berührte ihn am Unterarm und schüttelte knapp den Kopf.

Honor war die kurze Szene nicht entgangen, und sie trank mit Vorbedacht ihren Wein langsam aus, dann senkte sie ihr Glas.

»Ich verstehe«, sagte sie. Sie fragte sich, wieso Admiral Courvosier einen solchen Trottel als seinen Stellvertreter duldete. Houseman besaß den Ruf eines brillanten Ökonomen, und wenn man Graysons rückständige Wirtschaft bedachte, ergab es durchaus Sinn, ihn dorthin zu schicken. Leider war er auch ein Elfenbeinturm-Intellektueller, den man aus einer Professorenstelle für Ökonomie vom Mannheim University College in den Staatsdienst gerufen hatte. Mannheim College wurde nicht umsonst als ›Sozialisten-Uni‹ bezeichnet, und darüber hinaus war Housemans Familie ein prominenter Anhänger der Freiheitspartei.

Keiner dieser beiden Umstände stellte in den Augen von Captain Honor Harrington eine Empfehlung dar, und Housemans allzu simple Vorstellung, wie der Grayson-Masada-Konflikt bereinigt werden könnte, war geradezu Furcht einflößend.

»Aber ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht zustimmen, Sir«, sagte sie dann. Sie stellte ihr Glas sorgfältig an seinen Platz und hielt ihre Stimme so freundlich, wie es nur menschenmöglich war. »Ihr Argument setzt erstens voraus, dass alle Verhandlungspartner vernünftig sind, und zweitens, dass sie sich auf einen »vernünftigen Kompromiss‹ einigen können. Wenn die Geschichte jedoch eines deutlich zeigt, dann, dass die Masadaner und Graysons weder das eine sind noch das andere können. Wenn Sie den Vorteil erkennen können, den friedliche Handelsbeziehungen für die Menschen bedeuten würden, dann sollten die Graysons und die Masadaner dazu ebenfalls in der Lage sein. Die Aufzeichnungen belegen jedoch eindeutig, dass keine Seite jemals auch nur die Möglichkeit diskutiert hat. Das deutet auf eine Feindseligkeit solchen Ausmaßes hin, dass sie wirtschaftlichen Eigennutz zur Bedeutungslosigkeit verblassen lässt. Für uns bedeutet das wiederum, dass wir davon ausgehen müssen, dass Rationalität in ihrem Denken keine besonders große Rolle spielt. Und selbst wenn es so wäre, geschehen doch Fehler, Mr. Houseman, und dann kommen die Leute in Uniform ins Spiel.«

»›Fehler‹, wie Sie sich ausdrücken«, erwiderte Houseman kühl, »geschehen oft, weil die ›Leute in Uniform‹ vorschnell oder schlecht beraten agieren.«

»Aber selbstverständlich«, stimmte Honor ihm zu, und er stutzte überrascht. »Um genau zu sein, wird der letzte Fehler fast immer von jemandem in einer Uniform begangen – entweder, weil diese Person ihren Vorgesetzten eine falsche Lagebeurteilung gegeben hat, wenn sie zu den Aggressoren gehörte, oder weil sie zu schnell den Abzug drückte, als der Feind eine unerwartete Bewegung machte. Manchmal begehen wir auch den Fehler, zu detailliert zu drohen oder zu kontern, und verrennen uns selbst in Kriegspläne, aus denen wir nicht mehr ausbrechen können – wie es von Clausewitz’ Schüler getan haben. Aber, Mr. Houseman«, und sie sah ihm unvermittelt in die Augen, »die Situationen, die militärische Fehler kritisch machen, die sie überhaupt erst möglich machen, entspringen den vorhergehenden politischen und diplomatischen Manövern.«

»Tatsächlich?« Houseman sah sie mit mürrischem Respekt und deutlichem Widerwillen an. »Dann sind Kriege also hauptsächlich die Fehler von Zivilisten, Captain, und nicht der militärischen Beschützer des Reiches, die reinen Herzens sind?«

»So weit würde ich nicht gehen«, erwiderte Honor, und ein Grinsen erhellte kurz ihr Gesicht. »Ich habe einige militärische Beschützer kennengelernt und muss leider sagen, dass nur sehr wenige von ihnen ›reinen Herzens‹ gewesen sind!« Das Lächeln verschwand. »Andererseits muss ich darauf hinweisen, dass in jeder Gesellschaft, in der das Militär von rechtmäßig eingesetzten zivilen Behörden kontrolliert wird – wie in unserer also –, die letztendliche Verantwortung bei den Zivilisten liegen muss, die zwischen den Kriegen die Politik machen. Ich will damit nicht andeuten, dass diese Zivilisten dumm oder inkompetent wären« – schließlich muss man ja höflich bleiben, dachte sie –, »oder dass das Militär ihnen unfehlbar korrekte Ratschläge geben würde. Doch absolut unvereinbare Ziele auf beiden Seiten können nun einmal unlösbare Dilemmata erzeugen, ganz gleich, wie viel Ehrlichkeit auf beiden Seiten im Spiel ist. Und wenn eine Seite unehrlich ist …« Sie zuckte die Schultern.

»Clausewitz hat auch gesagt: ›Der Krieg … geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen.‹ Mr. Houseman. Meine eigene Sicht der Dinge ist ein wenig einfacher. Vielleicht ist der Krieg das Versagen der Diplomatie, aber selbst die besten Diplomaten arbeiten auf Kredit. Früher oder später wird jemand, der nicht so vernünftig ist wie Sie, Ihren Kontoauszug sehen wollen, und wenn Ihr Militär Ihre Wechsel nicht decken kann, dann haben Sie verloren.«

»Nun«, antwortete Houseman achselzuckend, »das Ziel unserer Mission ist ja nun zu vermeiden, dass man uns in die Karten sieht, nicht wahr?« Er lächelte dünn. »Ich gehe davon aus, dass Sie nichts dagegen einzuwenden haben, einen Krieg zu verhindern, wenn wir können?«

Honor hatte schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, doch sie brachte sich dazu, lediglich lächelnd den Kopf zu schütteln. Ich sollte nicht zulassen, dass dieser Houseman mir derart zusetzt, schalt sie sich. Es ist schließlich nicht seine Schuld, dass er in netter, sicherer, zivilisierter Umgebung aufgewachsen ist, die ihn vor der grausamen Wirklichkeit behütet hat.

Und egal, für wie töricht sie ihn auf Gebieten außerhalb seines Spezialgebietes auch halten mochte: Er hatte auf dieser Mission nicht das Sagen. Die Entscheidungen traf Admiral Courvosier, und an dessen Urteilsvermögen hatte Honor keine Zweifel.

Venizelos brach das darauffolgende, kurze Schweigen und verwickelte Houseman taktvoll in eine Diskussion der neuen Steuerpolitik, und Honor drehte den Kopf, um sich mit Lieutenant Commander DuMorne zu unterhalten.

Uniformrascheln ging durch den Besprechungsraum, als Honor, von Admiral Courvosier gefolgt, eintrat und ihre Offiziere sich erhoben. Die beiden gingen zu ihren Stühlen am Kopf des Tisches und setzten sich. Einen Augenblick später ließen sich auch die anderen wieder nieder. Honor ließ den Blick über die Versammelten schweifen.

Andreas Venizelos, ihr Erster, und Stephen DuMorne, ihr Zweiter Offizier, vertraten die Fearless. Honors Stellvertreterin als Geschwaderchefin, Commander Alice Truman vom Leichten Kreuzer Apollo, saß neben Lieutenant Commander Lady Ellen Prevost, I. O. der Apollo; beide waren so blond, wie Honor dunkelhaarig war. Ihnen gegenüber hatte Commander Jason Alvarez, Kommandant des Zerstörers Madrigal, neben seinem I. O., Lieutenant Commander Mercedes Brigham, Platz genommen. Nach Admiral Courvosier war Brigham die älteste der Anwesenden, und sie sah noch immer so dunkel und verwittert – und kompetent – aus, wie Honor sie in Erinnerung hatte. Der dienstjüngste Kommandant der Eskorte saß Honor am Ende des Tisches gegenüber: Commander Alistair McKeon vom Zerstörer Troubadour, neben sich seinen Ersten Offizier, Lieutenant Mason Haskins.

Von den zivilen Untergebenen des Admirals war niemand anwesend.

»Also gut, meine Damen und Herren«, begann Honor. »Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen. Ich werde mich bemühen, nicht mehr von Ihrer Zeit zu beanspruchen, als unbedingt nötig, aber wie Sie alle wissen, werden wir morgen bei Jelzins Stern zurück in den N-Raum transistieren, und ich möchte diese letzte Chance nutzen, um vorher noch einmal mit Ihnen und dem Admiral zu sprechen.«

Allgemeines Nicken war die Antwort. Der eine oder die andere von Honors Offizieren hatte sich anfangs über ihr Bestehen auf persönliche Treffen ein wenig geärgert. Die meisten Führungsoffiziere bevorzugten die Bequemlichkeit elektronischer Konferenzen, doch Honor hielt Kontakt von Angesicht zu Angesicht für unerlässlich. Auch die beste Konferenz über Com distanzierte die Teilnehmer zu sehr voneinander. Menschen, die zusammen an einem Tisch saßen, hielten sich viel eher für einen Teil der gleichen Einheit, waren sich viel mehr einander bewusst und äußerten eher die Ideen und Reaktionen, die aus einem Kommandoteam mehr machten als nur die Summe seiner Teile.

Jedenfalls, sagte sich Honor trocken, will es mir so Vorkommen.

»Angesichts der Tatsache, dass unser Primärziel die Erfüllung Ihres Auftrags ist, Sir«, wandte sie sich an Courvosier, »möchten Sie vielleicht beginnen?«

»Danke, Captain.« Courvosier sah in der Runde von einem zum anderen und grinste. »Ich nehme an, Sie sind mittlerweile mit meinen Missionsbesprechungen nur zu sehr vertraut, in geradezu deprimierender Weise, doch ich möchte die wichtigsten Punkte noch ein letztes Mal herausstellen.

An erster Stelle steht selbstverständlich die Konsolidierung unserer Beziehungen mit Grayson. Die Regierung hofft, dass wir mit einer formvollendeten Allianz nach Hause kommen, aber ich bin schon zufrieden, wenn wir etwas erreichen, das das Jelzin-System mehr in unseren Einfluss bringt und Havens Zugang dorthin einschränkt.

Zum Zweiten bitte ich zu bedenken, dass jedes Wort, das wir mit der graysonitischen Regierung wechseln, im Lichte ihrer Einschätzung der masadanischen Bedrohung gesehen werden muss. Sowohl die Navy als auch die Bevölkerung Graysons ist kleiner als die masadanischen Gegenstücke, und was gewisse Angehörige meiner Delegation auch immer glauben mögen …« – ein leises Lachen erhob sich ringsum am Tisch –, »für die Graysons besteht auch nicht der geringste Zweifel, dass das masadanische Gerede, als Eroberer zurückzukommen, absolut ernst gemeint ist. Der letzte heiße Krieg zwischen den beiden Systemen liegt noch nicht sehr lange zurück, und die gegenwärtige Situation ist sehr, sehr angespannt.

Drittens erinnern Sie sich bitte, auch im Hinblick auf das militärische Gleichgewicht in dieser Region, dass unser kleines Geschwader so viel Masse besitzt wie siebzig Prozent der kompletten graysonitischen Navy. Ihre Technik ist rückständig, und im offenen Kampf könnte die Fearless allein alles, was Grayson ihr entgegenstellen könnte, vernichten. Das werden die Graysons schon sehr bald begreifen, ob sie es nun zugeben oder nicht. Es ist auf jeden Fall sehr wichtig, dass wir sie nicht auch noch mit der Nase auf ihre Unterlegenheit stoßen. Machen Sie ihnen stattdessen klar, wie nützlich wir als Verbündete sein würden, aber lassen Sie auf keinen Fall zu, dass irgendeiner Ihrer Leute sie herablassend behandelt.«

Aus klaren blauen Augen sah er alle an, trotz seines gegenwärtigen Zivilistenstatus jeder Zentimeter ein Admiral, und sein cherubinisches Gesicht blieb todernst, bis alle am Tisch nickten.

»Gut. Und erinnern Sie sich – diese Menschen besitzen nicht die gleichen sozialen Maßstäbe wie wir. Sie sind den unseren nicht einmal ähnlich. Ich weiß, dass Sie alle Ihre Downloads studiert haben, aber stellen Sie sicher, dass Ihre Crews sich der Unterschiede ebenso bewusst sind wie Sie. Insbesondere müssen alle weiblichen Besatzungsmitglieder bei Begegnungen mit den Graysons außerordentlich vorsichtig sein.« Commander Truman schnitt ein Gesicht, und Courvosier nickte zur Antwort. »Ich weiß; uns kommt das Ganze so töricht vor. Im Lichte dessen überlegen Sie bitte, wie töricht es dann erst einigen Subalternoffizieren oder Mannschaftsdienstgraden vorkommen muss. Töricht oder nicht, die Dinge liegen so, und wir sind die Besucher. Wir müssen uns wie Gäste verhalten, und während ich selbstverständlich nicht wünsche, dass irgendjemand von Ihnen auch nur um einen Millimeter von der nötigen professionellen Einstellung abweicht, ganz egal, welchen Geschlechtes er oder sie ist, müssen wir doch im Hinterkopf behalten, dass allein schon die Vorstellung von Frauen in Uniform – geschweige denn von weiblichen Offizieren – für die Graysons sehr schwer zu akzeptieren sein wird.«

Wieder nickten die Köpfe, und Courvosier setzte sich.

»Das ist so weit alles, was ich sagen wollte, Captain«, wandte er sich an Honor, »jedenfalls, bis ich die Repräsentanten getroffen und ein wenig mehr Gefühl für die Situation entwickelt habe.«

»Vielen Dank, Sir.« Honor beugte sich vor und legte auf dem Tisch die Hände übereinander. »Abgesehen davon, dass ich allem nur beipflichten kann, was Admiral Courvosier gerade gesagt hat, kann ich über Grayson nur eines sagen: Wir haben keine Noten und werden nach Gehör spielen müssen, unsere Pflicht besteht aber darin, zum Erfolg der Mission des Admirals beizutragen, und nicht, Wellen zu schlagen. Wenn es Probleme mit einem Repräsentanten der graysonitischen Regierung gibt oder auch nur mit einem graysonitischen Bürger, dann möchte ich sofort davon erfahren – und zwar nicht zuerst von den graysonitischen Behörden. Wir können uns auf unserer Seite keine Vorurteile leisten, und wenn sie noch so begründet erscheinen – und es wäre wirklich besser, wenn ich nichts höre, was im Widerspruch zu dieser Anordnung steht. Sind wir uns da einig?«

Ein leises, zustimmendes Gemurmel erhob sich, und Honor nickte zufrieden.

»Gut.« Sie rieb sich mit dem linken Zeigefinger leicht über den rechten Handrücken und nickte wieder. »Also gut, dann wenden wir uns nun unseren eigentlichen Angelegenheiten zu.

Wir haben vier Frachter der Mandrake-Klasse bei Jelzins Stern abzuliefern, aber wir sind nicht ermächtigt, die Fracht tatsächlich an die Graysons zu übergeben, bevor Admiral Courvosiers Leute mit den Verhandlungen begonnen und die Güter freigegeben haben. In dieser Hinsicht erwarte ich keine Probleme. Es bedeutet aber auch, dass die Waren in unserer Verantwortung bleiben, bis wir sie tatsächlich übergeben, und dass wir zumindest einen Teil der Geleitschiffe abstellen müssen, um sie zu beschützen. Darüber hinaus repräsentieren wir die manticoranische Macht, eine Art ständige Erinnerung für die graysonitische Regierung, wie wertvoll die Navy für die Sicherheit bezüglich Masadas sein kann – oder der Havies.

Andererseits haben wir fünf weitere Frachter, die nach Casca weiterreisen. Wir müssen ihnen vernünftigen Geleitschutz stellen, denn es gibt Berichte, dass die Aktivität der ›Piraten‹ in diesem Raumsektor im Zunehmen begriffen ist. Deswegen denke ich, dass die Fearless, als unsere beeindruckendste Einheit, im Jelzin-System bleiben sollte, während ich Sie mit der Apollo und der Troubadour nach Casca schicke, Alice.«

Commander Truman nickte.

»Sie haben Alistair, um ihn auf Erkundung zu schicken, und sollten in der Lage sein, mit allem fertig zu werden, was Ihnen in die Quere kommt. Das gibt mir Jason mit der Madrigal, um die Fearless zu unterstützen. Es wird Sie etwas mehr als eine T-Woche kosten, um Casca zu erreichen, und ich möchte Sie so schnell wie möglich zurück im Jelzin-System sehen. Sie werden auf dem Rückweg keine Frachter eskortieren müssen, die Sie aufhalten, deshalb erwarte ich Sie in elf Tagen.

Währenddessen, Jason«, Honor richtete die Augen auf Alvarez, »werden Sie und ich nach der These handeln, dass die Graysons wissen, wovon sie reden, was Masada angeht. Es wäre nicht sehr klug, wenn die Masadaner versuchen würden, etwas gegen uns zu unternehmen, doch im Gegensatz zu gewissen Mitgliedern der Delegation des Admirals werden wir bei ihnen keine Vernunft voraussetzen.« Erneut flackerte ringsum Amüsiertheit auf. »Ich will, dass die Impeller jederzeit vorgeheizt sind. Für den Fall, dass wir Landurlaub arrangieren können, möchte ich, dass nie mehr als zehn Prozent Ihrer Leute gleichzeitig auf dem Boden sind.«

»Verstanden, Ma’am.«

»Also gut. Hat jemand noch eine Frage?«

»Jawohl, Skipper«, sagte McKeon, und Honor legte lächelnd den Kopf schräg. »Es ist mir gerade in den Sinn gekommen, Ma’am. Ich habe mich gefragt, ob irgendjemand die Graysons ausdrücklich darüber informiert hat, dass unser befehlshabender Offizier eine Frau ist?«

»Das weiß ich nicht«, gab Honor zu. Das Eingeständnis überraschte sie, denn sie hatte über diese Frage überhaupt nicht nachgedacht. Sie wandte sich an Courvosier. »Sir?«

»Nein, haben wir nicht«, antwortete der Admiral stirnrunzelnd. »Botschafter Langtry ist seit über drei Ortsjahren auf Grayson, und er hat angeführt, es könnte kontraproduktiv sein, die Graysons ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass in unseren Streitkräften Frauen dienen. Die Graysons sind ein stolzer und empfindlicher Haufen – nicht zuletzt, wie ich glaube, weil sie wissen, wie das Kräfteverhältnis zwischen uns und ihnen aussieht. Soviel Angst sie auch vor Masada haben, sie hassen den Gedanken, im Vergleich zu uns als die Schwächeren abzuschneiden. Sie wollen uns gegenüber nicht als Bittsteller auftreten und tun alles, was ihnen nur in den Sinn kommt, um nicht zugeben zu müssen, dass sie vielleicht wirklich nur Bittsteller sein könnten. Jedenfalls hielt Sir Anthony es für möglich, dass sie es als Beleidigung auffassen könnten, wenn wir sie konkret darauf hinwiesen, für wie unzivilisiert wir sie halten. Andererseits haben wir eine Liste der Schiffe und ihrer Kommandanten übermittelt. Die Kolonisten kamen hauptsächlich aus der westlichen Hemisphäre von Alterde, genau wie unsere Vorfahren, und sollten in der Lage sein, weibliche Vornamen zu erkennen, wenn sie sie sehen.«

»Ich verstehe.« McKeon wirkte unzufrieden, und Honor sah ihn forschend an. Sie kannte ihn gut genug, um zu erkennen, dass ihn etwas an der Sache beunruhigte, entschied aber, nichts weiter zu sagen, und sah sich erneut in der Runde um.

»Weitere Fragen?«

Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort.

»Also gut, Ladys und Gentlemen, dann war’s das.«

Sie und Courvosier führten die Besucher zum Beiboothangar, wo die Gäste an Bord ihrer Pinassen gingen und zu ihren Schiffen zurückkehrten.

 

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