Logo weiterlesen.de
HONOR HARRINGTON: Die Baumkatzen von Sphinx

INHALTSVERZEICHNIS

Der Streuner
(The Stray)
von Linda Evans

Jeder Traum hat seinen Preis
(What Price Dreams?)
von David Weber

Das Gambit der Königin
(Queen's Gambit)
von Jane Lindskold

Der schwerste Weg nach Hause
(The Hard Way Home)
von David Weber

Ein Stellvertreterkrieg
(Deck Load Strike) 541
von Roland J. Green

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Als der Streuner auf der Türschwelle erschien, versuchte Dr. Scott MacDallan gerade unter großem Schwitzen und Fluchen, einen sich undankbar windenden kleinen Teufel aus der Steißlage in die günstigere Geburtsposition mit dem Kopf nach unten zu drehen.

Wären Mrs. Zivoniks ältere Kinder nicht alle leicht und komplikationsfrei zur Welt gekommen, hätte Scott einen einfachen Kaiserschnitt vorgenommen. Es ist jedoch nicht weiter schwierig, ein Kind aus der Steißlage zu befreien, und die Monitore zeigten eindeutig, dass weder Kind noch Mutter in Gefahr schwebten. Statt die Frau durch den Einschnitt für die nächsten Tage ans Bett zu fesseln, hatte er sich für die altehrwürdige Methode entschieden: Er tastete nach dem Säugling, ergriff ihn mit den Fingern und drehte ihn vorsichtig in die richtige Lage. Mrs. Zivonik hielt sich wunderbar und riss, obwohl von Kopf bis Fuß in Schweiß gebadet, einen schlechten Witz nach dem anderen (es sei denn, gelegentliche Wehenkrämpfe zwangen sie zu heftigem Grunzen, Keuchen und tiefem Stöhnen). Endlich fand Scott die Zehen des Säuglings und fragte sich beiläufig, wie er eigentlich auf den Gedanken verfallen sei, dieser Eingriff wäre einfach; er gab sich Mühe, die unbehaglichen Laute Evelina Zivoniks zu ignorieren – und in diesem Moment überrollte ihn eine Welle emotionaler Qual, die so stark war, dass er die Augen verdrehte und zusammensackte.

Mit seinem unwillkürlichen Grunzen und der Bewegung entlockte er seiner Patientin ein erschrockenes Keuchen. »Doc?«

Scott blinzelte, bezwang seine Panik und brachte hervor: »Äh … ’tschuldigung. Keine Sorge, mit Ihnen und dem Baby ist alles okay.« Um Gottes willen, Scott, reiß dich zusammen! Sonst glaubt deine Patientin, du wärst so bekloppt wie deine unsäglichen Vorfahren – die, von denen ein paar auf dem Scheiterhaufen geendet sind …

Scott blinzelte wieder, und Evelina Zivonik richtete sich so weit auf, dass sie über ihren geschwollenen Bauch hinwegzuspähen vermochte. »Das ist prima. Aber Sie sehen gar nicht gut aus, Doc.«

Hinter der Schlafzimmertür hob Fisher – der in Scotts Haus und Praxis volle Bewegungsfreiheit genoss, aber nicht in den Häusern der Patienten – ein Blieken an, das nur abgrundtiefe Verstörung bedeuten konnte. Um genau zu sein, hatte Scott noch nie gehört, dass der Baumkater einen solchen Laut von sich gab. Die starken Emotionen aber, die von seinem Gefährten gleichzeitig auf ihn überschlugen, erschütterten ihn derart, dass er seiner Patientin unverzüglich die Wahrheit mitteilte.

»Mir geht es nicht wirklich nicht gut. Genauer gesagt, meinem Baumkater.«

»Ihrem Baumkater?«, wiederholte sie erstaunt. Eine unterschwellige Furcht färbte die beiden Wörter. Baumkatzen wurden von ihren neuen menschlichen Nachbarn mit Ehrfurcht und großer Sorge zugleich betrachtet, denn man war sich überhaupt nicht sicher, wie man auf ihre Existenz reagieren sollte.

»Ja. Er ist aufgeregt, sogar sehr aufgeregt, und ich weiß nicht, wieso.« Vorsichtig, Scott … du begibst dich hier aufverdammt dünnes Eis. »So einen Laut habe ich noch nie von ihm gehört«, fügte er hinzu und blickte besorgt zur geschlossenen Schlafzimmertür hinüber.

»Nun, im Moment habe ich keine schweren Wehen«, entgegnete Evelina zögernd. Sie war unruhiger geworden. »Wenn es ein Problem mit dem Baumkater gibt, dann sollten Sie sich darum kümmern. Wenn er verletzt ist oder krank … also, ich wollte heute sowieso nicht mehr weg, da könnten Sie doch gerade nachsehen, was mit ihm los ist.«

Sein Berufsethos verbot ihm natürlich, eine Patientin mitten während der Entbindung sich selbst zu überlassen, um seinen Freund zu trösten. Trotzdem konnte er Fishers tiefe Verstörung nicht einfach übergehen. Der Baumkater wusste, wie man Türen öffnet, und die Schlafzimmertür war zwar geschlossen, aber nicht abgesperrt. Scott fühlte sich unerträglich hin und her gerissen: Einerseits wollte er sich unbedingt vergewissern, was seinen hoch geschätzten Freund bedrückte, andererseits musste er dieses Kind auf die Welt bringen.

Evelina deutete sein Zögern richtig. »Rufen Sie ihn doch herein. Irina hat uns so viel von Fisher erzählt. Sie hat uns sogar Bilder gezeigt, aber mit eigenen Augen habe ich noch keine Baumkatze gesehen«, fügte sie mit leisem Bedauern hinzu. Scott entschied sich augenblicklich und lächelte sie erleichtert an.

»Vielen Dank. Fisher! Komm herein, Fisher, es ist nicht abgeschlossen.«

Die Tür öffnete sich, und ein Blitz mit cremefarben-grauem Pelz schoss auf Kollisionskurs mit Scotts Schultern heran. Beim Aufprall ächzte Scott leise; seine Hand steckte noch immer in Evelina Zivoniks Schoß, und der Säugling trat und wand sich unter seinen Fingern.

»Bliek!« Der Baumkater fasste ihn mit beiden Echthänden an der Wange und wies aufgeregt auf das Fenster.

»Was denn? Droht draußen eine Gefahr?«

Doch der Baumkater übermittelte ihm ein anderes Gefühl. Seit fast einem T-Jahr war Scott der Gefährte des Katers, und seine Fähigkeit, Fishers emotionale ›Botschaften‹ zu deuten, hatte sich während dieser Zeit kontinuierlich verbessert. Seine Empfänglichkeit verdankte er einem empathischen Talent, das er in seinen extrem keltischen Hochlandschotten-Genen mit sich herumtrug – einer ›Begabung‹, die ihn auf einer naturwissenschaftlich-rationalen Ebene bis an den Rand des Wahnsinns ängstigte. Als Fisher ihn zum ersten Mal ›ansprach‹, hatte Scott geglaubt zu halluzinieren. Erst später wurde ihm die Wahrheit bewusst – und von da an hätte er eine Wahnvorstellung durchaus bevorzugt. Einer Gabe, die eine lange Ahnenreihe aus Wunderheilern, Eskamoteuren und diversen anderen Spinnern hervorgebracht hatte, begegnete man auf Sphinx mit nichts Schlimmerem als Skepsis und Spott. Auf anderen von Menschen besiedelten Welten wurde man für die Behauptung, ein Talent zu beherrschen, wie es seine … extravaganteren Verwandten für sich Anspruch genommen hatten, wegen Betrugs oder erwiesenen Irrsinns eingesperrt. Zum Glück gehörten diese Verwandten in die mütterliche Seite seines Stammbaums, sodass der Name MacDallan nicht damit in Verbindung gebracht werden konnte.

Was Scott nun von Fisher empfing, war weniger das Gefühl, vor dem Haus lauere eine Gefahr, sondern eher der Eindruck, dass jemand sich in Gefahr befinde … oder zumindest in Not. Ebenso eindeutig stand fest, was Fisher unbedingt von ihm verlangte: dass er so schnell wie möglich nach draußen gehe.

»Fisher, ich kann das Haus jetzt nicht verlassen. Ich bringe gerade ein Baby zur Welt.«

In den grasgrünen Augen des Baumkaters leuchtete die Verzweiflung, und er gab einen erbärmlichen Laut von sich. Im gleichen Moment erhob sich ein Chor aus Kinderstimmen.

»Daddy! Komm schnell!«

»Da ist eine Baumkatze, Daddy!«

»Tante Irina! Beeil dich! Draußen ist eine Baumkatze!«

»Sie ist krank oder verletzt! Komm doch, Daddy! Schnell, Tante Irina!«

Evelina Zivonik und Scott tauschten einen erstaunten Blick.

»Gehen Sie«, befahl Evelina ihm. »Ich habe schon sechs Kinder. Das Kleine kommt zur Welt, ob Sie nun dabei sitzen und sich zu Tode sorgen oder mal für fünf Minuten rausgehen und vielleicht jemandem das Leben retten. Im Umkreis von hundert Kilometern sind Sie der einzige Arzt. Wenn da draußen eine verletzte Baumkatze ist, dann braucht sie im Moment einen Arzt viel dringender als ich. Außerdem«, sagte sie verschwitzt mit einem schiefen Grinsen, »könnte ich nach Ihrer Rumreißerei ganz gut eine Verschnaufpause vertragen.«

Scott errötete; er hatte weiter probiert, das Baby zu drehen, während er zu ergründen suchte, was Fisher fehlte. ›Rumreißen‹ war vermutlich eine sehr gute Beschreibung dessen, was die arme Frau hatte erdulden müssen.

Fisher berührte ihn erneut an der Wange. »Bliek?« Der Laut ging Scott sehr zu Herzen. Er konnte nicht tun, als habe er nichts gehört.

Er bedankte sich aufrichtig und erklärte: »Ich habe Fisher noch nie so unruhig erlebt. Ich komme sofort wieder.« Er löste seine Hand aus Mrs. Zivoniks Schoß und griff mit der anderen nach dem Handtuch. Seine Behauptung allerdings, Fisher noch nie so aufgeregt erlebt zu haben, entsprach nicht ganz der Wahrheit; jedoch wollte Scott nicht über die Verletzungen sprechen, die er an dem denkwürdigen Tag erlitten hatte, an dem er und Fisher einander zum ersten Mal begegneten. Damals hatte der Baumkater Scott MacDallan das Leben gerettet. Wenn nun eine Baumkatze in Not war, so war zu helfen das Mindeste, was er für sie tun konnte.

Eilig rieb er sich die Hände sauber und stürmte nach draußen. Dort umtanzte die Nachkommenschaft der Zivoniks ihren Vater, Aleksandr Zivonik, und seine jüngere Schwester Irina Kisaevna. Aleksandr und Irina standen gut zwanzig Meter vom Haus entfernt und blickten in die unteren Äste eines Pfostenbaums hinauf. Scott war kaum zur Tür hinausgetreten, als ihm das jammervollste Klagen, das er jemals von einem Lebewesen gehört hatte, durch die Schädelknochen ins Hirn drang. Der Wehlaut schwoll in der Tonhöhe an und ab wie das Heulen einer Banshee, die dem Wahnsinn verfallen war. Scott konnte kaum den Schmerz ertragen, der dieser Stimme innewohnte. Fisher kauerte sich auf Scotts Schulter zusammen, schlang ihm den Schweif um den Hals und zitterte ohne Unterlass. »Bliek!«

Scott begann zu rennen und hob gleichzeitig die Hand, um seinen Gefährten zu trösten. »Wo ist sie?«

Aleksandr wies nach oben. Scott blickte in den hohen Pfostenbaum, der dem Haus der Zivoniks am nächsten stand, und musterte die langen, genau senkrecht entspringenden Äste, die den Pfostenbaum von allen anderen Baumarten so einzigartig unterschieden. »Da oben.«

Scott musste sehr genau hinsehen, dann aber erblickte er weit oben und dicht am Stamm die Baumkatze. Sie saß auf den Hinterläufen wie ein alt-terranisches Frettchen, Kopf und Proportionen waren jedoch deutlich katzenhaft – wenn man von den sechs Gliedmaßen absah, wie sie auch der große, tödliche sphinxianische Hexapuma hatte, dem Baumkatzen in allem außer der Größe so sehr ähnelten. Die fremde Baumkatze war größer als Fisher, sie maß ohne den Greifschwanz, der ihre Länge verdoppelte, etwa siebzig Zentimeter. Für ihre Größe erschien sie allerdings viel zu dünn. Krank wirkte sie – oder verletzt. Wie Fisher hatte sie ein cremefarben-grau geschecktes Fell, doch selbst von weitem bemerkte Scott Schmutz und dunklere Flecken darin, die beunruhigend nach Blut aussahen.

»Fisher?«, murmelte er. Sein Gefährte zitterte heftig, und er versuchte, ihn zu beruhigen. »Ist sie verletzt? Wenn ich zu ihr hochklettern und mich um sie kümmern würde …«

Das unablässige Klagen, bei dem sich Scott die Härchen aufgestellt hatten, brach ab. Die fremde Baumkatze gab einen elenden Laut von sich, der durch die Entfernung sehr leise klang, dann kletterte sie zögernd am Baumstamm hinunter. Scotts Herz klopfte schneller. Am liebsten wäre er auf sie zugestürzt, aber er fürchtete, sie damit zu verscheuchen.

»Aleksandr«, sagte er leise, »ich glaube, es ist am besten, wenn Sie die Kinder ins Haus bringen. Wenn jemand die Baumkatze erschreckt, können wir ihr vielleicht nicht mehr helfen, und ich glaube, unsere Hilfe braucht sie sehr dringend.«

Aleksandr nickte und verzog grimmig den Mund. »Also los, Kinder. Und keine Widerworte!«

Irina Kisaevna blickte unwillkürlich Scott an. Aus ihren lebhaften blauen Augen sprach die Sorge. Von allen Menschen, die Scott noch aus der Zeit kannte, bevor er von Fisher adoptiert wurde, schien allein Irina zu erfassen, wie tief das Band zwischen ihm und dem bemerkenswerten Geschöpf wirklich war. Irina war Witwe, seit ihr Mann wie so viele menschliche Siedler auf Sphinx von der Seuche dahingerafft wurde. In den letzten beiden Jahren waren sie und Scott sich näher gekommen. Scott fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft. Er schätzte ihren schnellen, scharfsinnigen Verstand und liebte es, wenn sie ihm nach einem harten Tag ein Gefühl der Ruhe und des Friedens schenkte. Als die jüngste Schwangerschaft ihrer Schwägerin sich als kompliziert erwies, hatte Irina sich auf dem Gehöft der Zivoniks einquartiert – und Scott musste vorübergehend auf sie und ihre gelegentlichen intuitiven Einsichten in seine Beziehung zu dem Baumkater verzichten.

»Irina«, bat er rasch, »könntest du mir helfen?«

Sie sah ihn mit Wärme an. »Aber natürlich, Scott. Es ist mir eine Ehre.« Auch sie nahm den Blick kaum von der Baumkatze, die langsam den riesigen Pfostenbaum hinabkletterte.

Nachdem Aleksandr seine Kinder ins Haus zurückgetrieben hatte, erreichte die wimmernde Baumkatze den untersten Ast, wo sie innehielt und erbärmlich bliekte. Fisher antwortete ihr, dann deutete er auf sie. Scott versuchte zu ergründen, was der Baumkater wollte. »Ist es okay, wenn ich zu ihr raufklettere?«

»Bliek!«

Nichts von dem, was er von Fisher auffing, ergab wirklich Sinn, nur der emotionale Unterton war unmissverständlich. Scott stellte sich an den Pfostenbaumstamm und blickte besorgt nach oben. Die fremde Baumkatze kauerte sich an den untersten Ast und zitterte am ganzen Leib. Die dunklen Flecke waren tatsächlich Blut, längst getrocknetes Blut, das den einstmals wunderschönen Pelz mit einem hässlichen Muster überzogen hatte. Die Baumkatze war in der Tat zu dünn für ihre Größe, ja, sie wirkte verhungert. War sie eine Ausgestoßene, der keine Baumkatzengemeinde helfen wollte? Gab es unter den Baumkatzen überhaupt Ausgestoßene? Wie auch immer, Fisher drängte Scott unmissverständlich, der Fremden zu helfen.

»Hallo«, wandte er sich ruhig an die Baumkatze über sich. »Kann ich dir helfen?« Bei diesen Worten versuchte er, alle Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft zu projizieren, die er nur aufbringen konnte.

Die Reaktion des Baumkaters erschreckte ihn: Sie stieß einen gebrochenen und doch melodischen Schrei aus, dann sprang sie zu Boden und rannte direkt auf Scott zu. Mit den vier vorderen Gliedmaßen packte sie sein Bein und klammerte sich daran fest, als hinge ihr Leben davon ab. Fisher huschte von Scotts Schulter, legte die Wange an das Gesicht der Fremden und gab die leisen, gesangsartigen Summlaute von sich, die Scott schon kannte: Damit tröstete Fisher ihn, wenn es ihm schlecht ging. Scott hockte sich nieder und streckte der Fremden eine Hand entgegen. Die blutverkrustete Baumkatze drückte den Kopf gegen seine Hand, und Scott fragte sich, ob sie jemals in der Nähe von Menschen gewesen sei. Er streichelte sie sanft und tastete sie dabei vorsichtig ab, um festzustellen, wie ernst ihre Verletzungen waren.

Er fand keine Wunde, aus der das Blut stammen konnte, nicht einmal Schwellungen oder entzündete Stellen. Trotzdem klammerte sich die Baumkatze zitternd an ihn und gab leise, gebrochene Geräusche von sich, die Scott ein tiefes Entsetzen einflößten. An der emotionalen Aura, die seinen Baumkater umgab, glaubte er zu erkennen, dass sie Fisher ebenso sehr verstörten wie ihn. Dieser mageren Baumkatze war etwas wahrhaft Schreckliches widerfahren. In Scott regte sich die starke Vorahnung, dieser unbekannte Schrecken bedeute auch für ihn und seinen Gefährten ernsthafte Unannehmlichkeiten. Als er versuchte, die Baumkatze aufzuheben, stieß sie einen verängstigten Schrei aus, und Fisher legte ihr sofort beide Echthände auf die Schulter. Im nächsten Moment ließ sich die schmutzige, blutverkrustete Baumkatze in Scotts Arme sinken und schmiegte sich an ihn. Fisher sprang an seinen Stammplatz auf Scotts Schultern. Noch immer summte er leise.

Irina stand abseits und zögerte. Unsicher nagte sie an ihrer Unterlippe. Mit einem sanften Nicken hieß Scott sie herbeizukommen. Sie näherte sich langsam, während Scott die fremde Baumkatze beruhigend streichelte. Als Irina neben ihm stand, stieß der Streuner ein seltsames Quäken aus und blickte mit den Augen eines verletzten Kleinkinds zu ihr hoch.

»Du armes Ding«, flüsterte Irina sanft und streckte vorsichtig eine Hand vor.

Die bebende Baumkatze ließ sich von ihr berühren, aber als Irina ihr sanft über den Rücken fuhr, krümmte sie ihn leicht zu einem Buckel und presste sich noch enger an Scott. Mit Echthänden und Handpfoten krallte sie sich in sein Hemd.

»Na, darf ich dich mit reinnehmen?«, fragte Scott sie und trat behutsam einen Schritt auf das Haus der Zivoniks zu. »Du bist ja nur noch Fell und Knochen. Du brauchst Essen und Wasser und Gott weiß was sonst noch.« Ihr Brustkorb fühlte sich unter seinen Händen an wie ein Waschbrett und verriet fortgesetzte Unterernährung; um Mund und Augen sowie an den Händen entdeckte er vertrocknete, rissige Haut, ein deutliches Zeichen für Wasserentzug. Während er und Irina langsam auf das Haus mit den meterdicken Steinwänden zugingen, streichelte Scott die Baumkatze sanft und flüsterte ihr beruhigend zu. Dabei tastete er sie genauer ab und stellte fest, dass sie ein Männchen und trotz des getrockneten Bluts im Fell vollkommen unverletzt war.

Irina rief: »Alek, das arme Ding ist halb verhungert. Lass doch eine Schale kaltes Wasser holen und Fleischreste von gestern Abend!«

»Karl, hol den Truthahn aus dem Kühlschrank«, befahl Aleksandr und schob die Kinder ins Haus. »Nein, Larisa, du kannst sie dir später ansehen, wenn die Baumkatze außer Gefahr ist. Nadja, du siehst nach deiner Mutter. Stasya, hol Wasser für die Baumkatze. Gregor, besorg heißes Seifenwasser und bring ein paar saubere Handtücher!«

»Ja, Papa.« Die Kinder stoben auseinander.

»Hier lang geht’s zur Küche.« Alek führte Scott ins Haus.

Der Arzt folgte dem Farmer wegen des unerwarteten Patienten recht behutsam, und Irina begleitete ihn besorgt. Sie gelangten gerade rechtzeitig in die helle Küche, um zu sehen, wie Karl, der Älteste, eine Platte mit einem gewaltigen, halb zerlegten Truthahn aus dem Kühlschrank hob. Er stellte die Platte auf den wuchtigen Holztisch, der seiner Größe nach zu urteilen von vornherein mit dem Gedanken an eine wachsende Großfamilie gezimmert worden war.

»Hau rein«, sprach der Junge den verschmutzten Baumkater schüchtern an. Die Aufregung hatte ihm die Röte in die Wangen getrieben. »Bedien dich.« Stasya, die zweitälteste Tochter der Zivoniks, trug eine Schüssel mit Wasser an den Tisch. Mit vor Staunen runden Augen beobachtete sie, wie Scott den dünnen Baumkater absetzte. Der Streuner zögerte kurz, als wolle er sich vergewissern, dass das Angebot ernst gemeint war, dann stürzte er sich gierig auf den Truthahn. Die Kinder blieben stehen und starrten fassungslos dieses wunderliche Wesen an; eine Baumkatze hatten bislang nur wenige Menschen überhaupt zu Gesicht bekommen, und hier tat sich eine auf ihrem Küchentisch an den Überresten ihres Abendessens gütlich! Selbst der unerschütterliche, breitschultrige Aleksandr Zivonik ging in die Hocke, um besser sehen zu können, wie der ausgehungerte Baumkater mit bemerkenswert geschickten Händchen den Vogel zerlegte. Der Anblick seines kleinwüchsigen, aber vernunftbegabten Gastes schlug ihn sichtlich in Bann.

Scott lächelte freundlich. »Fisher«, sagte er und streichelte ihn, »ich muss jetzt gehen und das Baby entbinden. Bleibst du bei dem armen Kerl?« Scott hätte nicht zu sagen gewusst, inwieweit Fisher begriff, was er von ihm wollte, doch normalerweise hatten sie nur wenig Schwierigkeiten, sich über Grundsätzliches zu verständigen. Fisher flitzte seinen Arm hinunter auf den Tisch und begann, dem anderen Baumkater leise zuzusummen. Der Streuner war ganz damit beschäftigt, sich Stücke und Streifen Truthahnfleisch in den Rachen zu stopfen. Scott zog sein schmutziges Hemd aus und lächelte dankbar, als Irina es unverzüglich in die Wäsche brachte, dann wusch er sich an der Spüle die Arme und Hände mit heißem Seifenwasser ab und spülte mit Desinfektionsmittel nach. Kaum fertig, eilte er ins Schlafzimmer zu Mrs. Zivonik.

»Mama geht es gut«, berichtete ihm Nadja, die älteste Tochter der Zivoniks. »Wie geht es der Baumkatze?«, fragte sie besorgt und schob sich in den Flur vor.

»Frisst euch den Truthahn weg. Geh schon, sieh’s dir selber an.«

Das Mädchen flitzte zur Tür. Als Evelina ihn anblickte, stellte Scott fest, dass seine Patientin fast genauso aufgeregt war wie ihre Tochter. »Sie ist doch nicht verletzt?«, fragte sie besorgt. Ganz eindeutig beunruhigte das plötzliche Auftauchen einer Baumkatze in Not sie ebenso sehr wie ihren Mann. So wenig war über Baumkatzen bekannt, dass das unerwartete Erscheinen eines gesunden Exemplars selbst den gleichmütigsten Siedler erschreckt hätte; eine ausgemergelte Baumkatze mit blutverkrustetem Fell war ein ernster Grund zur Furcht. Nicht nur Evelina Zivonik fragte sich bang, wie die Baumkatze in diesen Zustand gekommen sei. Auch Scott war darüber recht beunruhigt, obwohl er seit fast einem T-Jahr täglichen Kontakt zu einer Baumkatze hatte und die manchmal sehr befremdlichen Verhaltensweisen dieser Spezies eigentlich hätte gewöhnt sein müssen.

Sorge über diese unerwartete Entwicklung war allerdings genau das, was Evelina Zivonik während der schwierigen Steißgeburt zuallerletzt gebrauchen konnte. Daher versuchte Scott sie zu beruhigen, bevor er die unterbrochene Entbindung wieder aufnahm. »Nein, ich konnte keine Wunden finden. Ich habe aber nicht die leiseste Ahnung, wann er das letzte Mal gegessen und getrunken hat. Jedenfalls verschlingt er den Truthahn so schnell, wie er das Fleisch von den Knochen reißen kann. Mit seinem Appetit ist folglich alles in Ordnung.« Er lächelte sie fest und beruhigend an. »Ihrem kleinen Nachbarn fehlt nichts. Also, entspannen Sie sich, und dann schauen wir, ob wir Ihr Kleines nicht schon bald zur Welt gebracht haben.«

Evelina Zivonik nickte und lächelte müde, dann durchführen sie die Wehen. Sie vergrub die Finger ins Bettzeug und stöhnte auf. Scott zog konzentriert die Brauen zusammen und tastete erneut nach dem widerspenstigen Säugling, der die Welt unbedingt mit den Füßen zuerst betreten wollte. Die folgenden Minuten waren für Evelina gewiss sehr unangenehm, auch wenn sie nur einige Male heftig ächzte – sie war eine stoische Frau –, doch schließlich zahlten sich Scotts Schweiß und Mühe endlich aus. »A-ha! Hab ich dich!« Er grinste, denn das Baby arbeitete unter seiner tastenden Hand endlich genug mit, dass er es in der Gebärmutter herumzudrehen vermochte. »Kopf unten, jetzt geht’s los. Dann wollen wir doch mal sehen, Evelina Zivonik, ob wir Ihren jüngsten Sohn nicht in Rekordzeit auf die Welt holen!«

Die Existenz der Baumkatzen war der Menschheit erst seit fünfzehn terranischen Monaten bekannt. Die elfjährige Stephanie Harrington erwischte eins dieser Wesen dabei, wie es das Treibhaus ihrer Eltern plünderte – etliche Knollen gestohlenen Selleries hatte es sich in einem mit großer Fertigkeit geknüpften Netz auf den Rücken gepackt. Niemand wusste, weshalb die Baumkatzen es derart auf Sellerie abgesehen hatten, doch seit dieser ersten, schicksalhaften Begegnung sprangen die Baumkatzen überall auf Sphinx geradezu aus den Bäumen und gingen ihre neuen Nachbarn um allen Sellerie an, den die menschlichen Küchengärten nur hergaben. Die schiere Zahl der Baumkatzen, die sich plötzlich zeigten, deutete darauf hin, dass sie über ein weitgespanntes, relativ gut entwickeltes Nachrichtensystem verfügen mussten, was umso bemerkenswerter war, als die Baumkatzen es zuwege gebracht hatten, sich immerhin ein halbes Erdjahrhundert vor einer hochtechnisierten Zivilisation versteckt zu halten.

Dann trat ein elfjähriges Genie mit einer Kamera und einem abgestürzten Drachen auf, und fünfzig Jahre geheimer Beobachtung von den Baumkronen endeten. Die Baumkatzen traten nicht lediglich auf den Plan, sondern überschwärmten ihn regelrecht und suchten sich menschliche Gefährten, – so wie auch Stephanie Harringtons verkrüppelter Baumkater sein Volk verlassen hatte, um bei ihr und ihrer Familie zu leben. Bezogen auf die menschliche Gesamtbevölkerung erschien die Adoptionsrate nicht sehr hoch: Vielleicht einer aus einer Million wurde von den Baumkatzen erwählt. Doch nachdem die Menschen fünfzig T-Jahre lang nichts von der Existenz von Baumkatzen geahnt hatten, wirkte der plötzliche Wandel buchstäblich umwerfend.

Ganz eindeutig waren die Baumkatzen ebenso unstillbar neugierig auf die Menschen wie die Menschen auf sie – trotzdem wusste die Menschheit noch immer so gut wie gar nichts über ihre neusten Nachbarn. Nicht einmal ihr Intelligenzniveau konnte akkurat bestimmt werden. Über diesen Aspekt machte sich Scott schon seit längerem sehr eigene Gedanken. Dank seines bizarren, ererbten Talents war Scott auf die Emotionen seines Baumkaters, des Vertreters einer vernunftbegabten nichtmenschlichen Spezies ›geeicht‹. Und diese Spezies war weit intelligenter, als man auf Sphinx gemeinhin ahnte – diesem Eindruck jedenfalls konnte er sich immer weniger entziehen. Allerdings wollte er sich eher über glühenden Kohlen rösten lassen als irgendjemandem sein ererbtes Talent zu enthüllen, schon gar nicht den Xenologen, die nach Sphinx gekommen waren, um die Baumkatzen zu studieren. Ferner hegte er den Verdacht, dass auch die elfjährige Stephanie Harrington nicht die ganze Wahrheit über ihren Baumkater erzählte – nicht, wenn Scotts Erfahrungen mit Fisher sich in irgendeiner Weise auf andere Fälle übertragen ließen. Und er glaubte auch den Grund für ihre Verschwiegenheit zu kennen.

Eine der intensivsten Gefühlsempfindungen, die eine enge Verbindung zu einer Baumkatze mit sich brachte, war die eines überwältigenden Schutzbedürfnisses. Jeder Adoptierte empfand einen beinah sublimen Imperativ: Nichts, was er über Baumkatzen erfuhr, durfte er übereilt der Öffentlichkeit mitteilen. Die Baumkatzen brauchten eindeutig die Hilfe ihrer menschlichen Freunde, um dem Schicksal zu entgehen, das untechnisierte Ureinwohner im Laufe der Menschheitsgeschichte so oft ereilt hatte. Bevor mehr über die Biologie, Soziologie und Kultur der Baumkatzen bekannt wurde, erschienen jedem und jeder Adoptierten Vorsicht und Geheimhaltung als besserer Teil der Weisheit.

Etwas über diese Themenkreise herauszufinden, war selbst für Adoptierte recht schwierig, selbst für Scott, bei dem sich das ›Zweite Gesicht‹ seiner Ahnen dadurch manifestierte, dass er täglich kurze, blitzartige empathische oder sonst wie geartete Verbindungen zu Fisher erfuhr. Weder Zeitpunkt noch Gelegenheit konnte er vorhersagen. Dass die Baumkatzen über ein gewisses Maß an telepathischer oder empathischer Verständigung verfügten, ergab sich unbestreitbar aus den Berichten jedes ›adoptierten‹ Menschen. Da jedoch keine Instrumente existierten, um Telepathie oder gar ein empathisches Talent zu messen, war die Frustration der Xenologen im Grunde vorprogrammiert.

Im Augenblick erging es Scott MacDallan nicht besser.

Der ›Streuner‹, wie der ausgemergelte Baumkater von den Zivonik-Kindern getauft worden war, hatte sich den dürren Leib vollgestopft und war prompt eingeschlafen. Nach der erfolgreichen Geburt eines kreischenden kleinen Lew Zivonik hatte der Streuner es Scott großzügig erlaubt, ihn in warmes Seifenwasser zu tauchen, um das verkrustete Blut und den Schmutz abzuwaschen. Doch danach ließ er Scott überhaupt nicht mehr los, ganz gleich, welche Anreize ihm auch geboten wurden. Zitternd und unlösbar klammerte er sich an Scotts Hemd, das Irina freundlicherweise gewaschen hatte, während er den kleinen Lew auf die Welt brachte.

Fisher äußerte nun stumm, aber unmissverständlich einen neuen Wunsch: Scott solle nach draußen gehen. Der Arzt vermutete, dass sein Baumkater ein Begehren des Streuners weitergab; vielleicht aber fing er sogar selbst etwas von dem abgemagerten kleinen Kerl auf, der ihn nicht loslassen wollte. Ergründen konnte er jedenfalls nicht, warum die Baumkater solchen Wert darauf legten, dass er nach einer langen, anstrengenden Entbindung in eine Pfostenbaumwildnis hinauszog, obwohl er so müde war, dass er am liebsten nach Hause geflogen und den Abend mit Schlafen verbracht hätte.

Doch jedes Mal, wenn er in ruhigem Ton vorschlug, zunächst in die Stadt zu fliegen und später zurückzukehren, geriet Fisher nahezu in Panik, und der fremde Baumkater stieß jämmerliche, erstickte Laute aus wie ein Kätzchen, das im Maul eines Killerhunds zermalmt wird. Scott musste schlucken und versuchte, den beiden gut zuzureden. »Aber Fisher, in zwei Stunden ist es dunkel, und ich brauche meinen Schlaf wirklich. Nach Einbruch der Dunkelheit möchte ich nicht mehr fliegen, nicht so müde, wie ich bin.«

»Bliek …«

Aleksandr fragte: »Haben Sie denn irgendein Gefühl, wie weit die beiden Sie in den Urwald mitnehmen wollen?«

Scott schüttelte den Kopf. »So viele Einzelheiten kann ich nicht ausmachen. Das kann niemand. Man kann nur das undeutliche Gefühl auffangen, es mit einer intelligenten Person zu tun haben«, log er und war sich dabei Irinas scharfen Blicks sehr deutlich bewusst. »Aus Pantomime und Zeichensprache ergeben sich manchmal sogar sehr klare Bilder. Aber es kann einen verrückt machen, wenn Sie sich mit einem Intelligenzwesen verständigen wollen, das Ihre Sprache nicht lernen kann, und dabei genau wissen, dass Sie seine Sprache ebenso wenig je beherrschen werden.« Er überlegte kurz und fragte schließlich: »Fisher? Meinst du, wir können dorthin fliegen?«

Er empfing einen verworrenen Gefühlsschwall, in dem Bestürzung vorherrschte, und schloss die Augen, um das Chaos auseinander zu dividieren: Bedenken, heftige Furcht, Zorn … Scott stutzte und sah Fisher an. Zorn? Fisher kauerte vor ihm auf dem Tisch, er wirkte verloren und ernst zugleich.

»Ich bin mir nicht sicher warum«, sagte Scott langsam, »aber ich glaube, die Baumkatzen wollen nicht, dass ich den Flugwagen nehme. Sie fürchten sich davor. Nicht Fisher, meine ich; er ist schließlich schon oft mit mir geflogen. Aber falls ich seine Reaktion richtig verstehe – und ich kann Ihnen sagen, davor steht ein gewaltiges Falls –, dann verliert der Streuner allein bei dem Gedanken an den Flugwagen vor Angst fast den Verstand.«

Alek hob die buschigen Augenbrauen. »Tatsächlich? Na schön, wir könnten jetzt noch zu Fuß aufbrechen. Wenn wir in einer Stunde nichts gefunden haben, drehen wir um und kommen später wieder. Sie übernachten im Zimmer der Jungen und schlafen gut aus, dann versuchen wir es morgen früh noch einmal.«

»Bliek!«, riefen beide Baumkatzen zugleich aus.

»Ich glaube, sie sind einverstanden«, sagte Irina lächelnd.

Alek fügte hinzu: »Ich habe ein Ersatzgewehr. Es ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, dass wir einem Hexapuma begegnen, und Gipfelbären kommen normalerweise nicht so tief ins Tal, aber ich gehe ohne ein zuverlässiges Gewehr nie in den Wald.«

Scott sah auf. »Wer würde Ihnen das verübeln? Ich habe schon gesehen, wie Hexapumas und Gipfelbären einen schlecht bewaffneten Menschen zurichten. Aber danke, ich habe mein eigenes Gewehr im Flugwagen.« Er schob den Stuhl zurück und bot Fisher die Schulter dar. Der Baumkater sprang leichtfüßig auf seinen Stammplatz. »Ich will’s nur gerade holen.«

Der Streuner weigerte sich, in die Nähe von Scotts Flugwagen zu gehen. Scott holte seine Marschausrüstung hervor und warf dabei immer wieder einen Blick auf den Baumkater, der sich in den nächsten Baum zurückgezogen hatte und in schrecklicher Not bliekte. Er fragte sich, weshalb der Streuner derart heftig auf den Flugwagen reagierte. Es hatte doch wohl niemand mit einem Flugwagen eine Baumkatzenkolonie belästigt? Die ’Katzen genossen den Schutz sowohl der Elysäischen Regel als auch ihrer neuen Nachbarn. Die allermeisten Siedler von Sphinx legten sehr großen Wert auf eine gute Beziehung zu den Baumkatzen. Trotzdem fiel Scott keine andere Erklärung für die heftige Reaktion des Streuners ein. Die Frage, wer um alles in der Welt eine Baumkatzenkolonie aus der Luft bedroht haben konnte, ließ ihn nicht mehr los. Während er sich zusammensuchte, was er für den kurzen Ausflug in die Wälder brauchte, ging ihm eine ganze Reihe schwärzlicher Gedanken durch den Sinn.

Irina Kisaevna bot sich an, die Gruppe zu begleiten, und Scott erwog, ob er ihr zustimmen sollte; in den ersten Monaten, in denen er sich an Fisher gewöhnt hatte, war sie ihm eine große Hilfe gewesen. Aleksandr wollte seine Frau, die gerade erst ein Kind zur Welt gebracht hatte, verständlicherweise nur ungern zurücklassen, ohne dass ein anderer Erwachsener im Haus war. Darum willigte Irina widerstrebend ein, bei ihrer Schwägerin zu bleiben.

»Sei vorsichtig dort draußen, Scott«, bat sie eindringlich, bevor sie ins Haus zurückkehrte. »Wir wissen nicht, was passiert ist oder was die Baumkatzen dir im Wald zeigen wollen. Ich mache mir große Sorgen.«

Scott nickte und küsste sie zärtlich. »Ich auch. Du kannst mir glauben, ich werde sehr vorsichtig sein.«

»Gut.« Sie lächelte zu ihm hoch. »Dann ab mit dir. Löse für uns das Rätsel, Scott. Ich weiß, für dich gibt es kaum noch ein Halten.«

Er rieb sich verlegen die Nase. Irina Kisaevna kannte ihn einfach zu gut. »Wir rufen an, sobald wir etwas finden, ganz gleich was, okay?«

»Ich sitze vor den Lautsprechern«, sagte sie lächelnd und küsste ihn noch einmal.

Eine Viertelstunde später brachen sie endgültig auf. Aleksandr Zivonik übernahm die Spitze, und sein ältester Sohn Karl, der mit seinen fünfzehn Jahren bereits ein guter Schütze war, bildete die Nachhut. Scott ging in der relativ sicheren Mittelposition, das Gewehr trug er neben dem Medikit umgehängt auf dem Rücken. Auf die harte Tour hatte er gelernt, stets einen gut sortierten Sanitätskoffer dabei zu haben, wohin auch immer er ging – besonders aber bei Ausflügen in die sphinxianische Wildnis. Der Planet war überall, wo Boden und Witterung es erlaubte, von riesigen Pfostenbaumwäldern bedeckt; sie bildeten einen einzigen Wirrwarr aus ineinander verwobenen Ästen und Knotenstämmen, was auf ihre bizarre Fortpflanzungsmethode zurückzuführen war.

Ein Pfostenbaum breitete sich aus, indem er in einer Höhe von drei bis zehn Metern vier lange, gerade Äste parallel zum Boden aussandte wie die Nabe eines altmodischen Rades ihre Speichen. Zueinander nahmen diese Äste in etwa rechte Winkel ein. In regelmäßigen Abständen wuchsen aus diesen Ästen ›Wurzeln‹ abwärts und bildeten, nachdem sie sich im Erdreich verankert hatten, einen neuen Knotenstamm, dem wiederum neue Äste entsprossen. Auf diese Weise konnte ein einziger Pfostenholzbaum zu einem Gehölz anwachsen, das Hunderte von Quadratkilometern bedeckte, einen lückenlosen Grünteppich bildete, der Flusstäler durchlief und bis zu den Bergen hinaufkletterte. Am üppigsten breitete er sich über Flachland aus, in Tausenden von ›Individuen‹, die genetisch identisch waren. Infolgedessen bedeutete es ein Abenteuer ganz eigener Art, sich bei der Durchquerung eines Pfostenbaumwalds zu orientieren, denn das innig verwobene Gehölz gestattete nicht, mehr als wenige Meter am Stück geradeaus zu gehen. Obwohl die Fortpflanzung der Pfostenbäume sehr eigenartig erschien, gewannen die Baumkatzen gerade dadurch ihren idealen Lebensraum. Das Gehölz schuf eine Art interkontinentales ›Super-Autobahnnetz‹, das sich laut Vermessungsergebnissen in jeden Winkel von Sphinx ausgebreitet hatte, auf dem Pfostenbäume gedeihen konnten.

Kaum hatten Scott und die Zivoniks den Wald betreten, da flitzten die beiden Baumkatzen auch schon in das Astgewirr hoch; sie rannten voraus und warteten nach einigen Metern ungeduldig auf die langsamen Menschen, dann schossen sie wieder vor. Währenddessen neigte sich die Sonne immer mehr dem Horizont entgegen. Scott arbeitete zwar nicht im Wald, doch war Angeln sein großes Hobby. Immer wieder suchte er darum abgelegene Stellen auf Sphinx auf. Noch immer entdeckte er den Planeten für sich, denn er war erst drei T-Jahre zuvor von Meyerdahl ins Manticore-System eingewandert.

Echte Fische, die sich mit terranischen Spezies vergleichen ließen, kamen auf Sphinx nicht vor, doch wo immer es Wasser gab, lebten und schwammen Lebewesen darin – Lebewesen, die nach einem Wurm schnappten, den man ihnen an einem Haken lockend vor das hielt, was immer sie als Maul gebrauchten. Was konnte man als angelnder Siedler auf einer fremden Welt mehr verlangen? Scott hatte ein Herz für die dichten Pfostenbaumwälder, er genoss, wie ihr Laub duftete und wie das Sonnenlicht schräg durch die grünen Schichten des Blätterdachs fiel. Er liebte die klaren, brausenden Bäche und die ungebändigten Flüsse, die diese Wälder durchschnitten, die frischen Farben des Frühlings, die das Land nach unfassbar hartem Winter mit neuem Leben erfüllten. Fünfzehn T-Monate Schneefall hatte er hinter sich, und dabei lebte er weit innerhalb der planetaren Subtropen.

Sphinx’ langer Sonnenumlauf bedingte, dass der Frühling – die Jahreszeit, die Scott am liebsten war – ebenfalls unfassliche fünfzehn T-Monate lang anhielt. Während der ganzen Zeit, die Fisher und er zusammen verbracht hatten, war Frühling gewesen; der Erstkontakt zwischen Menschen und Baumkatzen hatte sich kurz nach der Schneeschmelze ereignet. Dass sich Freundschaftsbande zu einer neu entdeckten vernunftbegabten Spezies entwickelten, während der Planet, den sie sich teilten, wie zur Illustration zu neuem Leben erwachte, hatte etwas zutiefst Symbolisches an sich.

Auf dem Marsch durch das sprießende, knospende Gehölz atmete Scott nun froh den wilden Duft der blühenden Welt ringsum ein. Dann hob er den Blick zu den beiden ungeduldig wartenden Baumkatern, und seine Miene zerfloss. Was immer sie ihm zeigen wollten, es würde ihm höchstwahrscheinlich kein Lächeln entlocken. Was konnte nur geschehen sein, dass eine Baumkatze in ihrer natürlichen Umgebung beinah verschmachtete? Woher stammte das viele Blut? Und warum empfand der Streuner eine panische Furcht vor Flugwagen? Er hatte sich vor Menschen generell gehütet; bevor Fisher mit Scott im Schlepptau aufgetaucht war, hatte er sich keinem der Zivoniks nähern wollen. Warum aber verriet eine Baumkatze, die sich vor Menschen so sehr ängstigte, ihre Anwesenheit durch lautes Geschrei? Und warum hängte sich der Streuner wie ein Blutegel an einen Menschen, der in Begleitung eines anderen Baumkaters angerückt war, und bestand darauf, dass dieser ihm in die unwegsame Wildnis folge?

Obwohl die menschlichen Siedler von Sphinx überwältigend positiv auf ihre baumbewohnenden Nachbarn reagiert hatten, konnte Scott sich etliche Gründe vorstellen, aus denen eine Baumkatze sich vor Menschen fürchten kann. Man brauchte nur an die rassischen Diskriminierungen denken, mit denen Menschen in früherer Zeit alles Andersartige, selbst andere Menschen verfolgt hatten. Während die Kolonisten im Großen und Ganzen anständige Leute waren, gab es in jeder Bevölkerungsgruppe unangenehme, boshafte Einzelpersonen. Nicht wenige Stimmen hatten mürrisch Einwände dagegen erhoben, weite Flächen vormals frei besiedelbaren Landes als unantastbares Territorium für die Baumkatzen zu reservieren.

Keiner dieser düsteren Gedanken weckte in Scott irgendwelche Zuversicht, dass am Ende des Marsches etwas Gutes auf sie warten könnte. Er nahm das Gewehr in die Hände und hielt nach Anzeichen für Gipfelbären oder Hexapumas Ausschau. Allmählich senkte die Sonne sich auf die Baumwipfel, und als die Stunde, die sie sich zum Limit gesetzt hatten, fast voll war, lief Scott fußkrank und zunehmend erschöpft hinter Aleksandr her. Scott trug keine Wanderstiefel, und gewöhnliche Schuhe waren nicht für Streifzüge durch einen Pfostenbaumwald gedacht. Er war froh, bald umkehren zu können. Als seine Armbanduhr einen Signalton von sich gab, hieß er müde die Zivoniks anhalten.

»Das war die Stunde«, sagte er unnötigerweise.

Die Baumkater begannen wie wahnsinnig zu blieken und flitzten über die waagerechten Äste herbei, tanzten aufgeregt unmittelbar über den Menschen, dann

wirbelten sie herum und preschten wieder in die Richtung, in die sie die Wanderer nun schon eine Stunde geführt hatten. Die Dringlichkeit, die Scott während des ganzen Marsches von Fisher empfangen hatte, verstärkte sich um wenigstens das Dreifache. Außerdem erhielt er den deutlichen Eindruck, sie seien ihrem Ziel, dem Unbekannten, das der Streuner ihnen zeigen wollte, schon sehr nahe.

»Fünf Minuten«, willigte Scott zähneknirschend ein. »Noch fünf Minuten, dann kehren wir um.«

»Bliek! Bliek, bliek, bliek!«

Der fünfzehnjährige Karl Zivonik grinste. »Also noch fünf Minuten? Kann man einer Baumkatze eigentlich auch etwas abschlagen, Dr. MacDallan?«

»Pass auf, was du sagst, Kleiner«, lächelte Scott, »sonst findet dich eines Tages eine hübsche kleine Baumkatzendame und entscheidet, dass sie genau nach dir so lange gesucht hat – dann findest du die Antwort selber raus!«

Der Junge machte runde Augen. »Wirklich? Meinen Sie echt, ich könnte eines Tages adoptiert werden?«

Scott lachte auf und schlug dem Jungen auf die Schulter. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung. Die Baumkatzen können nicht mit uns sprechen, und deshalb kennen wir die Kriterien nicht, nach denen sie ihre Freunde aussuchen.«

»Haben ’Katzenmädchen schon einmal wen adoptiert?«

Scott runzelte die Stirn. »Das ist eine interessante Frage, Karl. Wenn ich so darüber nachdenke, wüsste ich kein einziges Beispiel. Ich werde es überprüfen. Vielleicht weiß dieses neue Xenologenteam etwas darüber.«

Sie durchwateten einen seichten Bach. Arbeitsstiefel und Halbschuhe schmatzen im Schlamm. Sie kletterten am gegenüberliegenden Ufer hinauf und drangen in einen Irrgarten aus eng beieinander stehenden Pfostenbäumen ein. Nur zwei Minuten später bemerkte Scott, dass es im Gehölz heller wurde, weil mehr Licht durch das Blätterdach einfiel. Solche Lichtungen hatten ihn schon häufig auf einen viel versprechenden Angelplatz aufmerksam gemacht, denn sie kamen oft durch kleine Seen zustande oder waren die Narbe eines alten Waldbrands. Manchmal waren auch die Beschaffenheit des Untergrunds oder die Bodenzusammensetzung dem Wachstum der Pfostenbäume abträglich. Kaum umrundeten sie einen besonders dicken Baumstamm, da fanden sie sich, ganz wie Scott es vermutet hatte, am Rand einer kleinen Lichtung wieder. Als Scott sich diese Lichtung etwas genauer besah, erstarrte er. Den Zivoniks erging es nicht anders.

Die Lichtung war keines natürlichen Ursprungs. Ein gezacktes Loch klaffte im Blätterdach, gut neunzig Meter lang zog sich eine Spur der Verwüstung hin. Etwas Großes, von Menschenhand Gefertigtes war abgestürzt und hatte mit vernichtender Wucht durch die Baumkronen gepflügt, das Astgeflecht zerrissen und einen breiten Tunnel in den Urwald geschlagen. Längs dieses Korridors fanden sich überall gezackte, bizarr verdrillte Metalltrümmer verstreut. Weitere Metallsplitter hatten sich längs der Schneise in die überlebenden Bäume gebohrt, so weit waren sie beim Aufprall davongeschleudert worden. Scott folgte mit dem Blick der Spur der Vernichtung; während er suchte, was er, wie er wusste, unweigerlich finden würde, merkte er, dass sein Rücken sich krampfartig verspannt hatte.

Und da sah er es, knapp ein Dutzend Meter zu ihrer Linken: das Wrack des Flugwagens. Ein großer Frachttransporter war mit hoher Geschwindigkeit abgestürzt und hatte die Schneise in den Wald geschlagen. Schließlich war der Wagen schon als Totalschaden zwei Meter über dem Boden in einen Pfostenbaumstamm gerammt, der zu dick war, um umzuknicken. Bei diesem Aufprall war das Spantwerk zusammengedrückt worden, als habe es aus Krepppapier bestanden. Zuletzt hatte das Wrack sich in einem irrwitzigen Winkel in den Boden gebohrt.

Scott schluckte beklommen.

Wie viele Menschen waren an Bord der Maschine ums Leben gekommen?

Die Baumkatzen stießen schrille Schreie aus, sprangen zwischen den noch immer verflochtenen, zerrissenen Ästen hindurch und hetzten zum Wrack. Scott und Aleksandr blickten sich an. Der Arzt erwog vorzuschlagen, dass Karl zurückbleiben solle. Andererseits waren die Zivoniks Pioniere und bewirtschafteten hundert Kilometer vom nächsten Nachbarn entfernt eine Farm. Dem Jungen würde es nicht helfen, wenn man versuchte, ihn zu behüten; Kolonisten benötigten eine dicke Haut. Der Ausdruck in Aleks Augen verriet Scott, dass der Farmer sich genau das Gleiche überlegt hatte. Aleksandr nickte bestimmt, dann bahnte er sich einen Weg durch die zersplitterten Bäume und Trümmerteile. Karl sagte kein Wort. Er war blass, aber er folgte ohne Zaudern dem Vater. Scott kam das Medikit, das er auf dem Rücken trug, plötzlich unfassbar nutzlos vor, als überflüssige Geste im Angesicht eines grausamen Todes.

Sie stiegen über zerschmetterte Baumstämme und abgerissenes Astgeflecht, dann standen sie am Wrack, und Aleksandr sagte: »Bevor wir den Einstieg suchen, sollten wir sicherstellen, dass es nicht mehr abrutschen kann.«

Scott nickte. Der kräftige Farmer prüfte, wie der Transporter lag, und musterte die zerschmetterten Äste unter dem Rumpf, die es teilweise in den Boden gepflügt hatte, dann stieß er gegen das verzogene Flugwerk und hängte sich schließlich mit vollem Gewicht daran. So wie es aussah, war das Wrack felsenfest eingekeilt. Die Drei schritten es ab und suchten nach der Luke zum Cockpit. Scott grauste es schon vor dem Anblick, der sich ihnen bieten würde. Auf einer arg zerbeulten Fläche fand er ein vage vertrautes, teilweise aber unkenntliches Firmenzeichen: einen stilisierten Pfostenbaum, dessen Stamm die Doppelhelix eines DNA-Strangs bildete. Die Farbe war so sehr abgeschabt, dass der Name völlig fehlte und nur noch die Hälfte des Doppelhelix-Baumes zu erkennen war. Aleksandr Zivonik bemerkte, dass Scott das Logo betrachtete, und blickte ihm über die Schulter.

»Das ist das Zeichen von BioNeering«, sagte der Farmer ruhig. »Die Firma hat irgendwo hier draußen ein Forschungszentrum, aber das liegt weit weg von unserer Farm.«

»Ich dachte mir gleich, dass ich das Logo kenne, ich kam nur nicht drauf.«

Über ihnen stießen die Baumkatzen einen schrillen Pfiff aus und sprangen auf das nach oben verkrümmte Ende des Wracks. Sie schossen über die halbe Länge und verharrten dort.

»Sieht so aus, als hätten sie den Eingang gefunden«, sagte Karl nervös und schluckte.

»Ich fürchte«, sagte Scott langsam, »dass unser Streuner einen der Wrackinsassen kannte.« Einen anderen Grund für die Aufregung des ’Katers konnte er sich nicht vorstellen, zumal sich dadurch auch der erbärmliche Zustand erklärte, in dem der Streuner sich befunden hatte. Womöglich hatte er den Piloten adoptiert gehabt und war zurückgelassen worden, als der große Flugwagen startete? Wie lange mochte der Absturz her sein? Bis eine Baumkatze durch Rennen so viel Gewicht verlor, mussten Tage vergehen. Als Scott sich vorstellte, dass Fisher vielleicht irgendwann einmal tagelang durch die Wildnis eilte, um ihn zu erreichen, stieg ihm ein Kloß in die Kehle. Er begann, vorsichtig am demolierten Rumpf emporzuklettern, und fand zwar keinen Einstieg, aber die nackten Höhlen der Cockpitfenster.

Ein Blick hinein, und Scott hätte sich fast übergeben. Schwierig war es nicht, sich auszumalen, woher all das Blut am Fell des Streuners stammte. Die gesamte Steuerkabine war damit bespritzt. Nun waren die Spritzer und Pfützen zu rostrotem Schorf erstarrt.

»Die Luke ist hier hinten«, sagte Aleksandr rechts von Scott. »Die Zelle hat zwar die Tür eingeklemmt, aber die Verriegelung ist beim Aufprall aufgeplatzt.« Ein metallisches Knarren zerriss die unnatürliche Stille, eine Störung der Totenruhe, die sich nicht vermeiden ließ. Scott tastete sich vor, bis er mit anfassen konnte. Die Luke quietschte protestierend, gab aber schließlich doch nach. Scott duckte sich als Erster hindurch. Der Verwesungsgestank verschlug ihm den Atem. Er hielt inne, würgte und wischte sich den Mund ab, dann zog er eine Operationsmaske aus dem Medikit und band sie sich vor Mund und Nase. Wortlos reichte er auch den Zivoniks Masken.

Das Cockpit war auf einen Bruchteil der ursprünglichen Größe gestaucht. Den Spuren nach zu urteilen hatten sich drei Personen an Bord befunden, wahrscheinlich Pilot und Kopilot, dazu ein leitender Angestellter oder ein Mitarbeiter, der entweder zu der Forschungsanlage wollte, die Aleksandr erwähnt hatte, oder von dort kam.

Aleksandr Zivonik flüsterte gedämpft durch die Maske: »Sie müssen in einem schweren Sturm abgestürzt sein, sonst hätten wir den Aufprall gehört. Der Schall trägt hier draußen weit, und wir sind nicht mehr als zwei, drei Kilometer vom Haus entfernt. Was meinen Sie, wie lange ist es her?«

»Wenn ich mir ansehe, in welchem Zustand die Leichen sich befinden, würde ich sagen, dass sie wenigstens seit einer Woche tot sind. Letzte Woche hat es mehrere Male ziemlich heftige Unwetter gegeben. Eins davon könnte den Transporter zum Absturz gebracht haben. Ich musste selber durch einige ziemlich üble Böen fliegen, und das waren nur die Ausläufer.«

Wie weit konnte eine von Panik getriebene Baumkatze innerhalb einer Woche kommen, wenn sie keine Pause machte, um zu essen oder sich auszuruhen? Wieder der Gedanke an Fisher, und Scott kniff die Augen fest zusammen. Erst als der Streuner einen Laut von sich gab, öffnete er sie wieder. Der Laut war ein schwaches Echo des vertrauten, beruhigenden Summens, das Scott von Fisher kannte. Der Baumkater schmiegte sich an eine der Leichen, vermutlich die des Kopiloten. Er zitterte am ganzen Leib und atmete pfeifend. Scott musste sich angesichts dieser offenkundigen, gequälten Trauer zusammennehmen, blinzelte und schluckte mehrmals. Dem Gespenst des Todes gegenüberzutreten fiel ihm jedes Mal schwer, obwohl er es als Arzt oft genug zuschlagen sah – doch Zeuge zu werden, wie ein nichtmenschliches Lebewesen um einen verlorenen menschlichen Gefährten trauerte …

Er wandte sich ab, denn er wollte nicht, dass die Zivoniks die Tränen in seinen Augen sahen.

Ein Gewicht legte sich ihm auf die Schultern, und Fisher schlang seinen Schweif um Scotts Hals, summte leise und rieb den Kopf an seiner Wange. Scott vergrub die Finger im dichten Fell seines Gefährten und verschränkte sie darin. Einen Moment lang stand er reglos auf der Stelle und versuchte, mit dem intensiven Gefühlssturm zurande zu kommen. Aus Erfahrung wusste er, dass die aufgewühlten Empfindungen nicht allein von ihm stammten. Dann hörte er Zivonik leise ins Armbandcom sprechen.

»Twin Forks Tower, hören Sie mich?«

»Twin Forks Tower, wir hören Sie, over.«

»Hier spricht Aleksandr Zivonik. Doc MacDallan ist bei mir. Wir … ja, wir haben gerade ein Flugwagenwrack gefunden. Vermutlich wird das Gefährt seit einigen Tagen vermisst.«

Eine kurze Pause folgte, die Scott nutzte, um sich dem Streuner vorsichtig zu nähern. Nach kurzem Zögern streichelte er ihn sanft. Unter seiner Hand erschauerte der Baumkater, wehrte sich aber nicht. Twin Forks meldete sich wieder.

»Ein Frachttransporter?«

»Ganz genau.«

»Also, wir haben eine Vermisstenmeldung für einen Frachttransporter, der vor sechs Tagen verloren ging. Die Notbake muss zerstört worden sein, denn wir waren nicht in der Lage, sie anzupeilen, und die Suche aus der Luft führte zu keinem Ergebnis. Ich habe jetzt Ihre Position. Himmel, was hat der Transporter da überhaupt gesucht? Die Stelle liegt fünfhundert Kilometer von der geplanten Flugstrecke entfernt. Kein Wunder, dass wir nichts gefunden haben.«

»Nun, jetzt haben Sie ihn ja. Sieht nach drei Leichen aus. Doc, wollen Sie die Meldung selber machen?«

Scott räusperte sich, dann schaltete er sein eigenes Com auf die Frequenz von Twin Forks Tower. »Hier Scott MacDallan.«

»Wylie Bishop, Doc.«

Scott kannte ihn, er hatte ihn ein, zwei Mal wegen irgendeines Wehwehchens behandelt. »Wir haben drei eindeutige Todesfälle im Cockpit. Wie viele Personen sind vermisst gemeldet?«

»Nur die Drei. Conrad Warren, Pilot, Arvin Erhardt, Kopilot, und Pol Rafferty, Passagier. Wie haben Sie den Flugwagen gefunden, Doc? Der Karte zufolge sind Sie drei bis vier Kilometer vom Haus der Zivoniks entfernt, nicht gerade ein Verdauungsspaziergang also. Haben die Zivoniks den Absturz gehört?«

»Nein.« Er musste sich noch einmal räuspern. »Ich glaube, der Kopilot war von einer Baumkatze adoptiert, denn ein halb verhungerter Baumkater tauchte am Haus der Zivoniks auf und führte uns zur Absturzstelle.«

»Ein Baumkater?« Wylie Bishops Überraschung war nicht zu überhören.

»Ja. Mein eigener Baumkater bestand darauf, dass ich ihm in den Wald folge. Ich wusste nicht wieso, bis ich das Flugwagenwrack fand.«

Im Com knackte es laut. »Großer Gott. Das Xenologenteam wird jedenfalls alle Einzelheiten darüber erfahren wollen. Doc, ich habe eine Verbindung mit Bürgermeister Sapristos. Ich stelle durch.«

»Scott?« Der Bürgermeister von Twin Forks klang müde. Niemand wünschte sich, dass ein schwerer Flugwagenunfall die eigene Gemeinde traf, und Sapristos war ein guter Mann. Unermüdlich arbeitete er dafür, aus Twin Forks und den umgebenden Siedlungen Orte zu machen, an denen man sicher leben, arbeiten und seine Kinder aufziehen konnte. Starb in seiner Gemeinde jemand, so nahm er sich das sehr zu Herzen.

»Ja, Herr Bürgermeister?«

»Würden Sie an der Absturzstelle auf uns warten? Zu Ihnen ist bereits ein Bergungsteam unterwegs. Die Leute sind in höchstens dreißig Minuten da.«

»Roger, wir bleiben. Wir wären dankbar, wenn uns anschließend jemand zum Haus der Zivoniks fliegen könnte. Ich habe meinen Flugwagen dort gelassen, und die Zivoniks möchten nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr zu Fuß im Urwald unterwegs sein.«

»Roger, man fliegt Sie heim, kein Problem.«

»Danke. Gelte ich als offizieller Coroner für diesen Absturz?«

»Okay, Sie haben den Job. Danke, Scott. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.«

»Alles klar. Ich beginne mit der einleitenden Untersuchung, obwohl an der Todesursache wohl kein Zweifel bestehen kann.«

»Verstanden. Tut mir Leid, dass ausgerechnet Sie es sein mussten, der die Toten findet.«

»Ja, danke. Machen Sie dem Bergungsteam Beine, okay? Die Nacht wird auch so schon lang genug.«

»Das meine ich auch. Die Kavallerie ist unterwegs.«

Die Comarmbänder verstummten. Karl sah aus, als hätte er sich am liebsten heftig erbrochen und beherrsche sich nur durch schiere Willenskraft. Scott empfand Mitleid für den Jungen. »Jemand sollte draußen Wache halten. Jetzt, wo die Luke offen steht, können wir wirklich nicht sagen, was von dem Gestank alles angelockt wird. Was noch angelockt wird«, fügte er hinzu, denn eindeutig waren kleinere Aasfresser durch die zerbrochenen Fenster in das Wrack eingedrungen und hatten ihr makabres Mahl begonnen. »Nimm ein Ersatzgewehr mit«, sagte er und reichte Karl seine Waffe.

»Jawohl, Sir«, antwortete der Junge undeutlich durch die Chirurgenmaske. Er nahm das Gewehr mit zittriger Hand entgegen, dann verließ er eilig das Cockpit.

»Wie kann ich helfen?«, fragte Aleksandr schwermütig.

»Durchsuchen Sie die Ladung und die Ausrüstungsfächer. Schauen Sie, ob Sie vielleicht einen tragbaren Generator und ein paar Lampen finden. Wir werden noch eine Weile hier bleiben müssen, und die Sonne ist fast untergegangen. Und rufen Sie Irina an; berichten Sie ihr, was geschehen ist.«

Der ältere Zivonik nickte und begann die Suche, während er gleichzeitig das Armbandcom einschaltete und zu Hause anrief. Mit leiser Stimme berichtete er von dem Fund.

Scott unternahm einen letzten Versuch, den trauernden Streuner zu trösten. Der Baumkater klammerte sich an seine Hand und schaute ihn derart bittend an, dass Scott ihm kaum in die arglosen grasgrünen Augen blicken konnte.

»Es tut mir so Leid«, flüsterte er. »Ich kann nichts mehr für ihn tun.«

Schmale Hände mit nur drei Fingern und einem Daumen drückten kurz seine Rechte. »Bliek …«

Er kauerte nieder, sodass er dem Baumkater geradewegs in die Augen sah. »Was?«, fragte er ein wenig enerviert. Wie er die Sprachbarriere verabscheute, die solch einen unüberwindbaren Abgrund zwischen ihnen schuf! »Bestimmt weißt du, dass man nichts mehr tun kann? Ich kann ihm nicht helfen. Was versuchst du mir nur zu sagen?«

»Bliek!«

Scott bemühte sich mit Hilfe des sechsten Sinnes, den er von Generationen schottischer ›Medien‹ geerbt hatte, aus den Empfindungen schlau zu werden, die von Fisher und vielleicht auch direkt vom Streuner auf ihn eindrangen. Die chaotischen Emotionen brannten in ihm nun weit stärker als zuvor, als er noch mit Fisher allein gewesen war. Überwältigende Trauer … Schmerz und Erschöpfung … und dazwischen unversöhnliche, schauderhafte Wut wie ein Strom heißen, frisch vergossenen Blutes. Er schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf diese Wut, die so überwältigend war, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Warum Wut? Empfand der Streuner etwa den gleichen Zorn wie viele Menschen, denen ein sinnloses Unglück geliebte Angehörige raubte? Oder war es etwas anderes, Tieferes? Etwas … Finstereres?

Scott blickte die Baumkatze erstaunt an. Finster? Wieso kam ihm ausgerechnet dieses Wort in den Sinn? Der Streuner hielt noch immer seine Hand gefangen. Die Krallenspitzen lugten ein wenig hervor und drückten sich in Scotts Haut. Er starrte in Augen von der Farbe des Sommergrases und fragte sich, wieso er plötzlich den Verdacht hegte, bei diesem anscheinend völlig außergewöhnlichen Absturz könnte etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Was sollte daran nicht stimmen? Den nebulösen Empfindungen einer Baumkatze konkrete Hinweise zu entnehmen war fast so schwierig wie ohne Warshawski-Segel von Stern zu Stern zu reisen.

Doch der Verdacht blieb – eine starke Unterströmung der Wut, die beide Baumkater so deutlich verbreiteten. Glaubte der Streuner nicht an die Todesursache seines Gefährten? Oder hatte der Kopilot einen Verdacht gehabt, den der Streuner nun an Scott weiterzuleiten versuchte? Nach den Kennzeichen des Flugwagens hatte es sich um einen Frachttransporter von BioNeering gehandelt. Viel wusste Scott nicht über diese Firma, nur dass sie vor einigen T-Jahren gegründet worden war und seither ständig expandierte, begehrte Arbeitsplätze schuf und durch ihre Exporte Geld auf den Planeten brachte.

Davon abgesehen hatte er der Firma bislang keine weitere Beachtung schenken können, da er sich mit genug anderen Dingen beschäftigte: Seinen weit verstreuten, fruchtbaren und zu Unfällen neigenden Patienten, seinen Angelausflügen in die Wildnis und – seit dem letzten, katastrophalen Fischzug – mit der Lektüre von allem, was er über sphinxianische Baumkatzen auftreiben konnte. Zugleich dokumentierte er seine täglichen und stets wundersamen Entdeckungen. Zum Angeln war er seit der Begegnung mit Fisher nicht mehr gekommen, und eigentlich vermisste er es auch gar nicht. Lieber versuchte er seinen faszinierenden neuen Freund zu ergründen.

Scott kauerte auf den verformten Bodenplatten des blutbesudelten Wracks, blickte dem trauernden Baumkater in die Augen und schwor, das Rätsel aufzuklären, koste es, was es wolle. Dem Verdacht, den der Streuner hegte, musste sorgfältig nachgegangen werden. Falls dieser Verdacht aus dem Geist des toten Kopiloten stammte, war erst recht eine vorsichtige Untersuchung vonnöten. Wenn den Mann solch ein Verdacht beschlichen hatte, dass er bei seiner Baumkatze so lange und so intensiv nachwirkte, dann musste er einen triftigen Anlass gehabt haben.

Und diesen Anlass beabsichtigte Scott MacDallan ans Tageslicht zu bringen.

In der Grabesschwärze jenseits des künstlichen Lichtscheins sammelten sie sich. Geräuschlos ließen sie sich auf die Äste nieder und blickten auf den Ort der Katastrophe hinab. Die Jäger und Kundschafter des Clans der Wanderer im Mondlicht trauerten still. Sie trauerten und lauschten zugleich den Stimmen der Zwei-Beine, den Findern des Flug-Werkzeugs, das zwei Hände Tage zuvor donnernd vom Himmel gefallen war. Endlich waren die Zwei-Beine auf die Lichtung des Kummers gekommen, um ihre Toten zu bergen. Der Clan der Wanderer im Mondlicht wartete auf das Lied des trauernden Bruders vom Clan des Munteren Herzens.

Inmitten des Rings aus wachsamen Jägern und Kundschaftern saß Klarer-Sang, den Schweif streng um die Echtpfoten geringelt. Die Ohren hatte die Sagen-Künderin in Richtung der fremden Stimmen aufgestellt. Solche Stimmen hatte sie persönlich noch nie gehört. Keine Sagen-Künderin verließ das Herzland ihres Clans ohne gewichtigen Grund, doch nun weigerte sich Meister-Pirscher, die sterblichen Überreste seines Freundes zu verlassen, bevor das Zwei-Bein bestraft war, das den Tod dieses Freundes verschuldet hatte; dazu musste dem anderen Zwei-Bein, das mit Fängt-gewandt aus dem Clan vom Lachenden Fluss lief, begreiflich gemacht werden, was überhaupt geschehen war.

Hätten ein verhungernder, von Trauer gelähmter Jäger und ein einfacher Kundschafter versucht, einem geistesblinden Zwei-Bein das Böse zu erklären, das hier verübt worden war, so wäre ihnen bei aller Anstrengung kein Erfolg beschieden gewesen. Brachte aber Klarer-Sang ihre Geistesstimme mit ein, so konnte dem Zwei-Bein namens ›Scott‹ vielleicht doch genug mitgeteilt werden, dass es am Ende die Wahrheit aufdeckte. Klarer-Sang hoffte nur, dass ihr Versuch von Erfolg gekrönt wäre, denn ein entsetzliches Unrecht war begangen worden. Nur wenn sie Erfolg hätte, würde dieses Unrecht überhaupt bekannt werden; ungeschehen machen ließ es sich nicht mehr.

In Klarer-Sang kochte die hilflose Wut. Noch nie war sie sich über Richtig und Falsch so unsicher gewesen. Die Leute wussten einfach zu wenig über die Zwei-Beine! Als sich die Nachricht vom Unglück auf dieser Lichtung und seiner entsetzlichen Ursache verbreitete, wurden unter den Leuten und auch in ihrem eigenen Clan nicht wenige Stimmen laut, die sich für eine sofortige Abkehr von den Zwei-Beinen aussprachen. Diese Wesen seien einfach zu gefährlich, als dass man sich noch länger mit ihnen einlassen könne.

Dass ein Rückzug keine weise Entscheidung war, sah Klarer-Sang ebenso deutlich, wie es Singt-wahrhaftig aus dem Clan vom Hellen Wasser erkannt hatte, als der Frühling noch jung war und Klettert-flink sich als Erster mit einem Zwei-Bein-Jungen verband. Jawohl, Zwei-Beine konnten gefährlich sein. Das aber hatten die Leute schon gewusst, als sie den Entschluss fassten, sich ihnen zu offenbaren und aktiv mehr und mehr Bande mit Zwei-Beinen einzugehen. Tief in ihrem Herzen war Klarer-Sang von der Richtigkeit dieser Entscheidung überzeugt, denn die Zwei-Beine konnten auch mächtige Verbündete sein. Jetzt schon hatten die Leute vieles von ihnen gelernt, was das Leben in Dutzenden, ja Hunderten von Clans erleichterte.

Und auch unter den Leuten war Mord kein unbekanntes Verbrechen.

Klarer-Sang vermochte in keiner Weise einzuschätzen, was die Zwei-Beine davon hielten, wenn eines von ihnen ein anderes Zwei-Bein vorsätzlich tötete. Wenn Klarer-Sang das Unmögliche zuwege brachte und sich tatsächlich mit einem Geistesblinden wie dem Zwei-Bein Scott verständigen konnte, wenn sie ihm irgendwie begreiflich zu machen verstand, dass auf dieser Lichtung mit den zerschmetterten Bäumen ein Mord verübt worden war – was würden die Zwei-Beine dann unternehmen? Ein Wesen, das drei seiner eigenen Gefährten mordete, durfte weder unter seinesgleichen auf freiem Fuß gelassen werden, noch konnten die Leute zulassen, dass solch eine Kreatur straflos davonkam. Wie sollten die Leute sich bei einem geisteskranken Zwei-Bein, das die eigenen Gefährten vernichtete, darauf verlassen können, dass es keinen Mord an einem der Leute beging? Nach allem, was Meister-Pirscher gesehen und gehört und erduldet hatte, durfte er zu Recht um sein Leben fürchten.

Wenn er den Zwei-Beinen folgte und versuchte, die Tat des Mörders zu enthüllen, ohne dass das Zwei-Bein Scott verstanden hatte, was Meister-Pirscher wollte, – dann, so fürchtete Klarer-Sang, würde der trauernde Jäger vom Munteren Herzen keine Hand Tage weiterleben. Blieb er aber beim Clan der Wanderer im Mondlicht oder kehrte gar zu seinem weit entfernt lebenden Stamm zurück, würde der Mörder auf immer nur den Leuten bekannt sein. Und das konnte Klarer-Sang nicht zulassen. Zumindest musste sie unbedingt versuchen, das Zwei-Bein zu erreichen. Sie sandte ihren Ruf in die Lichtung, wo die beiden harrten, die ihr Kommen erbeten hatten.

Ich bin bereit.

Wir kommen bald.

Nun war es an Klarer-Sang zu warten.

Fängt-gewandt summte leise und berührte mit den Echthänden Scotts Gesicht, um die volle Aufmerksamkeit seines Freundes zu erlangen. Dessen Geistesleuchten, das er so liebte, richtete sich mit aller glorreicher Helligkeit auf ihn.

»Fisher?«

Schon an jenem Tag, an dem er das Zwei-Bein namens Scott MacDallan zum ersten Mal erblickte, hatte Fängt-gewandt gelernt, dass der Mundlaut ›Fisher‹ der Name war, den sein Freund ihm gab. Scott konnte Fängt-gewandts Geistesstimme nicht deutlich genug hören, um seinen wahren Namen zu erfahren. Trotzdem war ›Fisher‹ in der Bedeutung so dicht an seinem echten Namen, dass es Fängt-gewandt jedes Mal entzückte, ihn von Scotts Lippen zu hören.

»Was ist denn, Fisher?«

Fängt-gewandt wies in die Dunkelheit jenseits des abgestürzten Flugwagens, auf die Stelle, wo der Clan der Wanderer im Mondlicht versammelt war und nun mit seiner wertvollen, unersetzlichen obersten Sagen-Künderin wartete. Dass die Zwei-Beine den offenen Wald bei Nacht aus gutem Grund fürchteten, wusste er. Trotzdem musste er Scott dazu bringen, ihm den Wunsch zu erfüllen. Er deutete wieder. »Bliek?«

In diesen kläglichen Laut legte Fängt-gewandt seine innige Wunschvorstellung, dass Scott ihm folgen möge. Meister-Pirscher – dessen Trauer schmerzhaft wie ein Messer in Fängt-gewandts Geist steckte – fiel eindringlich in das Flehen ein. Nun nahm er Scotts Hand und drückte sie beschwörend mit beiden Echthänden.

Scott verzog das Gesicht zu einer Miene, die Kummer bedeutete. »Du willst, dass ich dorthin mitkomme? In den Wald?«

In seinem Geistesleuchten flackerte eine dickköpfige Widersetzlichkeit auf, die Fängt-gewandt zu erkennen gelernt hatte. Nachts im Wald war es gefährlich. Nicht einmal den Bäumen am Rande der Lichtung wollte Scott sich nähern.

»Bliek!« Meister-Pirscher eilte an die zerbrochenen Fenster des Flug-Werkzeugs, bliekte seine Not heraus, kam zurück und ergriff Scott wieder bei der Hand, schüttelte sie und zerrte Scotts große, glatte Finger in Richtung des Waldes, wo Klarer-Sang wartete. »Bliek! Bliek!«

Meister-Pirschers Verhalten hatte Scott erschreckt; er riss die wasserblauen Augen auf. »Was um alles in der Welt ist nur in euch gefahren?«

Das zumindest war der emotionale Unterton der Frage. Fängt-gewandt musste noch viel von der Mundsprache der Zwei-Beine lernen. Obwohl er etliche grundlegende Wörter gemeistert hatte, fiel es ihm sehr schwer, komplizierte Bilder oder abstrakte Konzepte zu übersetzen. Ihm war bewusst, dass Klarer-Sang, die in der Dunkelheit wartete, genauso frustriert war wie er und triftigere Gründe dafür besaß. Wenn eine oberste Sagen-Künderin mit Hilfe eines ganzen Clans nicht vermitteln konnte, was Meister-Pirscher dem Zwei-Bein Scott so dringend mitteilen wollte, wer von allen Leuten könnte es dann?

»Bliek!« Fängt-gewandt versuchte es erneut. Er verlieh seiner Anspannung auf die einzige Weise Ausdruck, die Scott verstehen konnte. »Bliek!« Auch er zerrte mit einer Echthand an Scotts Arm, während er mit der anderen drängend in Richtung der Sagen-Künderin wies. Wenn er Scott nur dazu bewegen könnte, nach draußen zu gehen und sich so weit von den anderen Zwei-Beinen zu entfernen, dass er die anderen Baumkatzen sah, die alle auf ihn warteten, dann würde Scott gewiss um jeden Preis erfahren wollen, was sie ihm zu sagen hatten. Die Zuneigung, die Fängt-gewandt für seinen Freund empfand, wurde umso tiefer angesichts der Finsternis im Geiste von Meister-Pirscher, der ein geliebtes Geistesleuchten nie mehr spüren würde.

Die Trauer des Jägers brannte in Fängt-gewandts Bewusstsein, ein Todesschmerz, den keiner der Leute hätte ignorieren können. Meister-Pirscher hatte trotz der gewaltigen Entfernung zwischen ihm und seinem Gefährten gespürt, wie Erhardt und seine Begleiter begriffen, dass sie ermordet wurden, und zwar noch während das Flug-Werkzeug vom Himmel fiel. Das Zwei-Bein, das den tödlichen Absturz herbeigeführt hatte, versuchte dann auch Meister-Pirscher zu töten, als er vor Schmerz und Trauer am schwächsten war. Mit Mord im Herzen näherte es sich ihm. Sein Clan, den schon der schreckliche Unfall in der Forschungsanlage der Zwei-Beine ins Chaos gestürzt hatte, floh in rasender Eile und mit allen Nahrungsvorräten, Feuersteinwerkzeugen, Körben, Tragnetzen und Jungen, während Meister-Pirscher um sein Leben rannte.

Angesichts eines geisteskranken Zwei-Beins, das sowohl Leute als auch andere Zwei-Beine angriff, musste der Clan vom Munteren Herzen augenblicklich sein doppelt bedrohtes Herzland aufgeben, wenn er fortbestehen wollte. Das Jagdrevier lag verwüstet, und viele der Tiere, die der Clan zum Leben brauchte, waren bereits an den Giften gestorben, die die verwesenden Bäume abgaben. Durch die Gifte suchten die Bäume zu verhindern, dass ein Tier Seuchen von sterbenden Bäumen auf gesunde übertrug. Das Hauptnest des Clans hatte sehr nahe an der Zwei-Bein-Anlage gelegen, daher musste er seine Jungen und Sagen-Künderinnen von dort fortschaffen, weg von dem geisteskranken Zwei-Bein, das sie finden und angreifen konnte.

Manchmal mussten die Leute einen ihrer eigenen Jäger jagen und töten, wenn er geisteskrank und mordlüstern wurde. Beispielsweise musste der Clan vom Hellen Wasser den Jäger aus dem Clan von der Hohen Felsenklippe töten, als er ihre Kundschafter anfiel und Junge entführte, um ihnen Entsetzliches anzutun. Der Clan vom Munteren Herzen wusste indessen nicht, ob es weise war, mit einem geisteskranken Zwei-Bein genauso zu verfahren. Die Neuankömmlinge waren einfach zu mächtig und zu unbekannt, als dass die Zukunft aller Leute hätte riskiert werden dürfen, mochte auch ein noch so guter Grund bestehen. Missverständnisse zwischen Wesen, die nicht miteinander sprechen konnten, traten allzu leicht auf; wer garantierte, dass die Zwei-Beine überhaupt begreifen konnten, was dort geschehen war? Selbst dann stände es noch nicht fest, ob sie die Jungen und Sagen-Künderinnen vom Munteren Herzen rechtzeitig vor ihrem geisteskranken Artgenossen schützen konnten. Deshalb verließ der Clan seine Heimat, um woanders Sicherheit zu finden; der trauernde Meister-Pirscher, dessen Clan zu Flüchtlingen geworden war, machte sich auf, um seinen ermordeten Freund zu finden – und Zwei-Beine, die ihm beweisen halfen, dass tatsächlich ein Mord verübt worden war.

Gefunden hatte er Fängt-gewandt und Scott MacDallan.

Fängt-gewandt kauerte nun neben den sterblichen Überresten von Meister-Pirschers ermordetem Freund und schloss die Echthand fester um Scotts Finger und Daumen. Verzweifelt versuchte er, dem Freund begreiflich zu machen, was er wollte. »Bliek?«

Scott betrachtete ihn lange. Seine wasserblauen Augen wirkten trüb vor Sorge. Im künstlichen Licht, das den beengten Raum in grellen Schein tauchte, glitzerten die feuerfarbigen Locken seines Kopfpelzes. Fängt-gewandt hatte vor Scott noch kein Zwei-Bein gesehen, überhaupt kein Geschöpf, dessen Fell die Farbe eines hellen Herdfeuers besaß. Scotts blasse Haut war noch heller als die cremefarbenen Flecken einer Baumkatze und ähnlich gesprenkelt wie Fängt-gewandts Fell, aber so gut wie haarlos und glatt. Darauf standen Hunderte blassgoldener Flecken und Kleckse, als wären ihm kleine Tropfen aus Sonnenlicht auf die Haut gespritzt und würden nun von innen heraus leuchten.

Von allen Zwei-Bein-Häuten, die Fängt-gewandt bislang gesehen hatte, fand er Scott MacDallans Muster bei weiten am anziehendsten; dass sein Geistesleuchten so brillant und einzigartig war wie sein Äußeres, machte ihn nur noch liebenswerter. Nun hatte er geschmeckt, wie entschlossen sein Freund herausfinden wollte, was hier geschehen war; die Chancen auf Erfolg wären weit höher, wenn er Scott dazu bewegen konnte, ihn zu begleiten.

»Bliek?«, bat er wieder.

»Ich muss mir wohl mal den Kopf untersuchen lassen«, brummte Scott MacDallan.

Trotz seiner Worte ging er zur zerstörten Luke, und Fängt-gewandt schmeckte, dass er den beiden Baumkatern zumindest ein wenig entgegenkommen wollte. Jubelnd sandte er der wartenden Klarer-Sang einen Geistesruf: Wir kommen!

Meister-Pirscher schoss durchs Fenster hinaus, während Fängt-gewandt Scott hinterhereilte und zu seinem Lieblingsplatz hochsprang: auf Scotts Schulter.

Mittlerweile waren die toten Zwei-Beine aus dem Flug-Werkzeug geborgen worden, und Zwei-Beine, die Fängt-gewandt noch nie gesehen hatte, wimmelten durch das ganze Wrack, sammelten die Teile ein und hantierten mit Werkzeugen, deren Sinn er nicht einmal annähernd erahnte. Eines dieser Zwei-Beine rief Scott etwas zu.

»Doc, werden Sie eine […] vornehmen?« Einige Wörter konnte Fängt-gewandt noch immer nicht deuten, und deshalb entstanden bei Gesprächen zwischen Zwei-Beinen frustrierende Lücken.

»Nein, ich […] sie später.« Worum es sich auch handelte, Fängt-gewandt empfing klare Emotionen: die Abscheu vor etwas Unangenehmem. »Wie sieht’s bei Ihnen aus?«

»Fast fertig. Wo wollen Sie hin? Der Rettungswagen steht dahinten, nicht unter den Bäumen.«

»Ich muss mir nur gerade etwas vor dem […] ansehen.« Fängt-gewandt glaubte, dass Scott von etwas ›vor dem Flug-Werkzeug‹ sprach.

»Haben Sie eine Pistole?«

Dieses Wort kannte Fängt-gewandt gut. Wann immer Scott ein Stück Wald abseits der Siedlungen durchquerte oder bei einem der abgelegenen Häuser, die sie so oft besuchten, nahm er entweder eine Pistole oder ein Gewehr mit. Einmal hatte Fängt-gewandt ihn beobachtet, wie er die Pistole benutzte. Sie wirkte nicht so vernichtend wie die größere Waffe namens Gewehr, trotzdem hatte Scotts Pistole allein dadurch, dass sie zweimal am langen Rohrende aufdonnerte, einen halbwüchsigen Schneejäger erlegt. Das Gewehr, so wusste er aus zahlreichen Sagenliedern, konnte mit nur einem Donnerknall einen ausgewachsenen Todesrachen im vollen Lauf töten.

»Ja, ich habe meine Pistole, Garvey. Ich bin kein […], das gerade erst auf Sphinx angekommen ist, wissen Sie.«

Das andere Zwei-Bein lachte, doch Fängt-gewandt spürte Grimm unter der Belustigung. Alle Zwei-Beine, die auf die Lichtung gekommen waren, zeigten sich entsetzt über den Fund. Fängt-gewandt wusste, dass dieses Entsetzen sich noch steigern würde, wenn sie den Grund für den Tod ihrer Artgenossen erfuhren. Zumindest Scott wäre mit Sicherheit entsetzter. Bei den anderen Zwei-Beinen war Fängt-gewandt sich nicht so sicher. Auch aus diesem Grund wartete die oberste Sagen-Künderin der Wanderer zwischen den Bäumen auf sie. Fängt-gewandt hatte viel über die Zwei-Beine erfahren und hoffte vorhersagen zu können, wie sie reagierten, wenn sie den Hintergrund dieses scheinbaren Unglücks erfuhren. Aber genug wusste er noch nicht. Das wäre nie der Fall.

Also ringelte er den Schweif um den Hals seines Freundes und summte ermutigend, während Scott sich vorsichtig einen Weg durch das zerborstene, spitze Holz und das zerrissene Metall suchte. Am Waldrand wartete Meister-Pirscher. Er richtete sich auf die Echtpfoten auf und zupfte Scott an der Hand.

»Bliek!«

Scott trat vorsichtig auf die Bäume zu, die sich nur als bedrohliche Schatten abzeichneten. In seinem Geistesleuchten herrschte nun Wachsamkeit vor, seine Hand schwebte über dem Griff der Waffe. Nachdem sie die ersten dicken Stämme und ausladenden Äste erreicht hatten, blieb er stehen und wollte nicht mehr weiter. Fängt-gewandt wusste sogleich, dass er die Sicherheit des künstlichen Lichts nicht verlassen würde – dazu bedurfte es eines zwingenderen Grundes, als er bislang ersehen konnte.

Er fürchtet die Todesrachen in der Dunkelheit, rief Fängt-gewandt dem wartenden Clan zu. Bevor wir uns zeigen, kommt er nicht weiter mit. Wenn wir ihn neugierig genug machen, dann folgt er uns. Die Zwei-Beine wissen, dass ein ganzer Clan jeden Todesrachen ohne Mühe töten kann, denn Klettert-flinks Zwei-Bein-Junges sah den Clan vom Hellen Wasser einen Todesrachen zerreißen, der sie und Klettert-flink fast umgebracht hätte.

Fängt-gewandt lauschte gespannt auf die Antwort und vernahm, wie besorgte Gedanken zwischen den Clanjägern und der kostbaren obersten Sängerin ausgetauscht wurden. Einen Augenblick später drang deutlich die Geistesstimme von Klarer-Sang zu ihm, die so viel stärker war als die irgendeines Jägers oder Kundschafters:

Wir werden uns ihm zeigen.

Wie die Geister der Ahnen, die in der Nacht zu Besuch kamen, erschien der Clan der Wanderer im Mondlicht aus der Dunkelheit. Plötzlich saßen sie alle in einem weiten Bogen grüßend um Fängt-gewandt und sein Zwei-Bein. Ihre Augen schimmerten im grellen Licht am Wrack.

»Gütiger Himmel!«

Baumkatzen – Hunderte von Baumkatzen – erschienen aus dem Nichts, wo eben noch lediglich, dunkle Pfostenbaumäste gewesen waren. Die feinen Härchen auf Scott MacDallans Armen stellten sich auf. Eine Welle der Wärme, des Willkommens und der Ermutigung rollte mit der Gewalt eines Brechers über ihn hinweg. Auf seiner Schulter sagte Fisher: »Bliek …«, – und wies auf die Dunkelheit unter den Bäumen.

Die Baumkatzen wollten, dass er dorthin ging?

»Aber warum?«, stieß er hervor. Was scherten sich Hunderte von Baumkatzen um einen simplen Flugwagenabsturz? Sie mussten schon andere Abstürze beobachtet haben. In den vergangenen fünfzig T-Jahren war doch weit mehr als nur ein Flugwagen in den sphinxianischen Wäldern verunglückt.

Vom Wrack her rief Orrin Garvey ihn an. »Doc? Alles okay mit Ihnen? Ich dachte, Sie hätten etwas gebrüllt.«

»Ja, alles prima. Ich habe mich nur über etwas erschreckt, das ist alles. Ich muss es mir ein bisschen genauer ansehen.«

»Machen Sie bitte schnell. Wir räumen schon zusammen und machen uns auf den Heimflug.«

»Okay.«

Scott war sich nicht ganz sicher, weshalb er Garvey die unzähligen Baumkatzen verschwieg, die ihn durchdringend anstarrten. Er hatte den deutlichen Eindruck, der einzige Mensch zu sein, der in dieser Nacht bei ihnen willkommen war. Dieser Eindruck beunruhigte ihn stärker, als ihm lieb war, zumal seine Nerven durch den Streuner und den Fund des Wracks bereits sehr gelitten hatten. Die Menschheit wusste so wenig über die kleinen Baumbewohner, dass jede Begegnung mit ›wilden‹ Baumkatzen beunruhigend erschien, selbst wenn man fast ein ganzes T-Jahr in innigem Kontakt eines Artgenossen verbracht hatte. Da er nun aber zwei- bis dreihundert wilden Baumkatzen am Schauplatz eines ohnedies hässlichen Unglücks gegenüberstand, waren Scotts Nerven vor Furcht beinahe bis zum Zerreißen gespannt. Dass diese dreihundert wilden Baumkatzen zudem ihre unheimliche Aufmerksamkeit allein auf ihn richteten, machte die Situation nur noch furchterregender.

Scott MacDallan war kein Diplomat.

Im Augenblick aber schienen die sphinxianischen Ureinwohner mit keinem anderen Menschen in diplomatische Beziehungen treten zu wollen. Die Baumkatzen hätten sich schließlich jederzeit und überall zeigen können, den Zivoniks, Garvey oder Vollney, dem Piloten des Rettungsfliegers, aber sie hatten es nicht getan. In der Dunkelheit versteckt hatten sie gewartet, bis Fisher und der Streuner ihn hinaus unter die Bäume brachten.

Sieht also ganz so aus, als wäre ich gerade in den diplomatischen Dienst aufgenommen worden …

»Okay«, wandte er sich ruhig an die unzähligen Baumkatzen, die ihn keinen Moment lang aus den Augen ließen, »ich weiß, dass keine Hexapumas in der Nähe sein können – nicht, wenn so viele von euch hier sind. Aber was ihr ausgerechnet von mir wollt …« Doch es hatte nur wenig Sinn, lange zu spekulieren. Er würde es schon schnell genug von allein herausfinden. Scott warf einen Blick über die Schulter auf das Bergungsteam, das die vorläufige Untersuchung des Absturzes abgeschlossen hatte, dann trat er vorsichtig unter die dunklen Bäume. Er spürte, wie die Baumkatzen ihn unverwandt betrachteten, während er die Sicherheit des hellen Lichtkreises hinter sich ließ. Nervöse Furcht jagte ihm einen Schauder über den Rücken, aber er traute Fisher vorbehaltlos. Sein Gefährte hatte sich dieses Vertrauen im Laufe ihrer ungewöhnlichen Freundschaft vielfach verdient.

Nach einer Weile entdeckte er ein schwaches Leuchten unter den Bäumen und begriff voll Erstaunen, dass gleich vor ihm ein kleines Feuer brannte. Als er befangen näher trat, hörte er altes Laub und Reisig knistern. Unverwechselbar roch die ruhige Frühlingsluft nach Feuerrauch. Dann hatte er sich an das Zwielicht gewöhnt und machte kleine Gestalten aus, die sich um das Lagerfeuer geschart hatten. Scott entnahm ihrer Körperhaltung, ihrer Aufstellung und dem Gefühl, das er über Fisher empfing, dass diese Zusammenkunft höchst offizieller Natur war und ein strenges Protokoll befolgte. Er schluckte heftig und fragte sich, was er tun sollte. Ich bin kein Xenologe! Was, wenn ich es vermassele und einen hohen Würdenträger der Baumkatzen tödlich beleidige? Die Xenologen hatten noch nichts über die familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse bei den Baumkatzen herausgefunden, und die politischen Strukturen waren erst recht ein Buch mit sieben Siegeln.

Einen kurzen, lähmenden Moment lang bedauerte Scott, weder eine Kamera noch irgendein anderes Gerät dabeizuhaben, das ihm wenigstens eine einfache Tonaufzeichnung erlaubt hätte. Andererseits meldete sich nun stärker denn je dieser seltsame Instinkt und riet ihm, er solle alles, was er über die Baumkatzen erführe, unbedingt für sich behalten. Leichtfüßig sprang Fisher zu Boden, und der Streuner schob sich in den Ästen über Scott aus der Dunkelheit. Scott begriff, dass die Ratssitzung – oder worum es sich nun genau handelte – bereits in vollem Gange war. Fisher und der Streuner begaben sich durch Reihen großer, eindeutig männlicher Baumkatzen zum Feuer und traten vor eine viel kleinere, schlankere Baumkatze. Sie schienen sie beide voll Demut zu grüßen. Scott musterte die kleinwüchsige Baumkatze genauer und verwünschte das schwache Licht. Im rötlichen Feuerschein kam es ihm vor, als sei ihr Fell dunkler und bräunlicher gefleckt als bei Fisher. Ein Weibchen?, überlegte Scott. Die anderen ’Katzen behandelten sie sichtlich mit Achtung, und Scott empfing das deutliche Gefühl, dass jeder einzelne anwesende Baumkater sie mit seinem Leben beschützt hätte.

Wünschten die Baumkatzen Scotts Anwesenheit etwa, weil er von allen Menschen auf Sphinx ihre Emotionen am genausten wahrnahm? Zumindest hatte Scott immer angenommen, niemand verstehe sie besser als er. Endlich erschien Scott sein ungewolltes seherisches Erbe als Vorzug und nicht als peinliche Last, die es um jeden Preis vor Freunden, Kollegen und Bekannten zu verbergen galt. Wenn die Baumkatzen sich auf telempathische Weise verständigen, dann bin ich wohl wirklich nicht die schlechteste Wahl als Botschafter? Dieser Gedanke flößte ihm ein wenig Mut ein, aber er krümmte sich schon innerlich bei der Vorstellung, jemandem mitteilen zu müssen, was er an diesem Ratsfeuer erspürt. Am besten halte ich den Mund und mache mir selber einen Reim darauf, anstatt zu riskieren, irgendeinen Xenologen von Außerwelt einzuweihen. ›Ja, und dann hab ich also die Gefühle von den Baumkatzen gelesen, wissen Sie, wie so ’n Medium eben, nicht wahr …‹

Nein, das kam überhaupt nicht infrage. Was immer die Baumkatzen ihm hier mitzuteilen hatten – er war auf sich allein gestellt.

Noch ein halbes Dutzend Schritt trennten Scott von dem niedrigen, knisternden Feuer, als Fisher sich umdrehte und zu ihm zurückeilte. »Bliek?« Der Baumkater setzte sich auf das hinterste Beinpaar und wirkte wie ein übergroßer terranischer Präriehund. Dann packte er Scotts Finger. »Bliek?« Der Baumkater zog ihn näher ans Feuer.

»Okay.« Scott ließ sich willig weiterschleifen. Der Blick der kleineren Baumkatze erschien ihm unheimlich. Auch ihre Augen waren grün, aber dunkler getönt; die Farbe erinnerte ehr an Fichtennadeln als an Grashalme. Scott überragte sie wie ein Riese aus der Sage. Ein Fetzen aus der Vorlesung Grundlagen der Psychologie I fiel ihm ein, und rasch ließ er sich im Schneidersitz vor ihr nieder, sodass er dem kleinen Geschöpf auf der anderen Seite des Feuers weniger bedrohlich erschien. »Hallo«, sagte er.

Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn ernst. »Bliek.«

Eine feine Stimme, so rein wie Silberglöckchen. Scott lächelte unwillkürlich. Was war sie bezaubernd! »Warum möchtest du mich sprechen?«, fragte er langsam, obwohl er eigentlich kaum hoffte, verstanden zu werden. Fisher hatte sehr lange gebraucht, um sein aktuelles Vokabular menschlicher Ausdrücke zu erlernen. Scott hatte sich im Umgang mit Baumkatzen einen gewissen Instinkt erworben, und dieser Instinkt raunte ihm nun zu, dass die kleine Baumkatze vor ihm noch nie einem Menschen begegnet sei. Zumindest keinem lebendigen … Unbändige Neugier und grenzenloses Staunen nagten am Rand seines Bewusstseins; Scott konnte nicht sagen, ob diese Gefühle von ihr oder von den Hunderten Baumkatern stammten, die sie beschützten. Die Verantwortung, unversehens als Botschafter seiner Spezies fungieren zu müssen, lastete schwer genug auf ihm. Doppelt konzentriert achtete er auf jede Gefühlsnuance, die sich ihm erschloss. Was immer diese Baumkatzen wollten, eindeutig stand fest, dass nur einer es ergründen konnte, und zwar Scott MacDallan.

Nachdem er zu diesem Schluss gelangt war, konnte er nur noch warten.

Klarer-Sang fasste neue Hoffnung, während sie Fängt-gewandts Zwei-Bein studierte, obwohl er genauso geistesblind war, wie sie vermutet hatte. Sie hatte alle Sagenlieder derer gelernt, die unter die Zwei-Beine ausgezogen waren und das Wissen und den Geschmack des Geistesleuchtens von Zwei-Beinen zurückgebracht hatten. Im Vergleich zu dem Geistesleuchten, das sie aus fremden Weisen kannte und in ihre eigenen Lieder eingeflochten hatte, leuchtete dieses Zwei-Bein so hell wie ein Waldbrand. Fängt-gewandt hatte gut gewählt.

Hört nun das Lied von Fängt-gewandt und seinem Zwei-Bein, dessen Name in seinen eigenen Lauten wie Scott MacDallan klingt, wandte sie sich an die Jäger und Kundschafter ihres Clans. Ich singe es euch, auf dass ihr schmecket, wie mutig und entschlossen dieses Zwei-Bein ist, bei dem wir Hilfe suchen. Denn in unserer Not müssen wir alle Hoffnung auf dieses Zwei-Bein setzen. Mit der Fertigkeit, die sie im Laufe langer Jahre erworben hatte, und mit der ihr innewohnenden Geistesschärfe intonierte Klarer-Sang für ihren Clan das Sagenlied.

Fleckig fiel Sonnenlicht durch die Bäume und warf ein Muster aus strahlenden Tupfen und Schatten auf das Wasser, das unter Fängt-gewandts Ruheplatz rasch dahinschoss. Die laue Frühlingsluft duftete nach jungem Grün, und aus dem Waldboden stieg der berauschende Geruch nach feuchter, sich erwärmender Erdkrume auf. Der Fluss war hier schmal, und eine Insel ermöglichte es den langen, waagerechten Ästen der Pfostenbäume, das Gewässer zu überwinden. Die Äste senkten hier Wurzeln ab und pflanzten Knotenstämme auf das felsige Eiland. Flussbrücken wie diese gab es an diesem Abschnitt des Gewässers viele. Hier ergoss sich der Fluss auf seinem Weg ins tiefe Tal reißend aus steilen Klippen.

Fängt-gewandt liebte diese Stelle, denn hier rauschte und schäumte und strudelte das Wasser, und in seinen geheimnisvollen Tiefen lauerten Fische. Er verstand sich ausgezeichnet darauf, sie von oben zu erspähen, ihren Weg genau zu verfolgen und den rechten Moment abzuwarten, um – eine blitzartige Bewegung: Er schlug zu, traf ins Ziel, zentimeterlange Krallen bohrten sich eine Armeslänge unter der Wasseroberfläche in den zappelnden, nassen Leib. Fängt-gewandt sicherte sich mit Echtpfoten und Schwanz und zerrte den schweren, um sich schlagenden Fisch mit Echthänden und Handpfoten aus dem Wasser auf den Ast, wo er ihm säuberlich in den Nacken biss und ihn damit auf der Stelle tötete. Dass er dabei binnen eines Lidschlags triefnass wurde, kümmerte ihn nicht. Der Fisch war fast so lang wie er und würde das Abendessen bereichern. Er löste das Tragnetz, das er sich um die Hüften geschlungen hatte, wickelte die tropfende Beute sorgsam darin ein und lud sie sich auf den Rücken. Seine Schnurrhaare zitterten indigniert, als ihm Wasser in den Rückenpelz sickerte, aber der Duft nach gebratenem Fisch stand ihm schon verlockend in der Nase.

Wenn man mit großen Netzen fischt, hat man es leichter, sagte er sich belustigt, während er über die rauborkigen Äste zum Hauptnest des Clans vom Lachenden Fluss eilte. Dann hat man viele Echthände und Handpfoten, um die Beute einzuholen. Andererseits war es eintönige Arbeit, ein Netz voller zappelnder Fische an Land zu zerren, und verblasste neben dem Kitzel des blitzartigen Hiebes, der tiefen Genugtuung, ein vorsichtiges altes Ungeheuer überrascht zu haben und mit bloßen Klauen auf einen festen Ast zu ziehen. Fängt-gewandt war nicht als Einziger dieser Ansicht; Jünglinge, die in das Alter kamen, wo man ihnen zu jagen beibrachte, baten ihn immer wieder, er möge ihnen seine Kniffe zeigen, und Alte lächelten, wenn sie an die langen Stunden dachten, in denen sie über einem Gewässer lauerten, in sonnenhelle grüne Tiefen starrten und geduldig den rechten Moment abwarteten.

Es lag ihm einfach im Blut, die Tiefe auszuloten und die darin verborgenen Reichtümer hervorzuzerren. Diese Leidenschaft, diese Freude teilte er mit wenigen Auserwählten. Tief in ihren Herzen verstanden sie, was ihn immer wieder auf die Äste lockte, die über tiefe Teiche und wassergefüllte Schründe ragten. Wie das Leuchten eines hellen Herdfeuers an einem bitterkalten Wintertag ließ diese Freude ihn zitternd auf einem Ast hoch über einem brüllenden Wasserfall erstarren.

Plötzlich erschmeckte er etwas aus einer Richtung, aus der er es niemals erwartet hätte, und kniff die Augen zusammen: Ein Geistesleuchten drang in sein Bewusstsein. Es brannte so heiß und unerbittlich wie ein Lauffeuer, das durch den Wald tobte, es knisterte, es lebte, es war gewaltig. Desgleichen hatte Fängt-gewandt noch nie erlebt, und doch erkannte er es im nächsten Augenblick: Die Sagen-Künderinnen seines Clans hatten die Sagenlieder des Clans vom Hellen Wasser wiederholt. Die Lieder kündeten von einem unmöglich anmutenden, ehrfurchtgebietenden Bund. Ein Kundschafter jenes Clans hatte ihn mit einem der zweibeinigen Fremden aus dem Himmel geknüpft.

Ein Zwei-Bein!

Fängt-gewandt erbebte entzückt, so stark war das Geistesleuchten. Einen Augenblick lang gab er sich seiner Verwunderung hin. Dann schüttelte er sich heftig, als wäre er kopfüber ins Wasser gestürzt und müsste sich das Fell trocknen. Langsam kroch er auf dem Ast vor und spähte durch das dichte Blattwerk auf den Schwindel erregenden Wassersturz und die Pflanzen an den felsigen Ufern. Zum ersten Mal drangen Zwei-Beine so tief in die Berge vor. So dicht am Herzland des Clans vom Lachenden Fluss hatte man noch keines von ihnen gesehen. Was suchten sie hier? Waren sie gekommen, um Nester aus Stein und Nicht-Holz zu bauen wie die, die er in den Sagenliedern der anderen Clans gesehen hatte?

Indem er die Schnauze zwischen den Blättern vorschob, musterte Fängt-gewandt den steinigen Wasserlauf und sah vor dem dunkelgrünen Laubwerk etwas hell und feuerfarbig aufblitzen. Wie gebannt stierte er das Geschöpf an. Fast unbeweglich stand das Zwei-Bein im Schatten großer überhängender Äste, die eine Brücke zu einer anderen kleinen Insel mitten im Strom bildeten. Dort wuchs ein weiterer Knotenstamm aus dem kargen Boden und verband den großen Baum mit dem anderen Ufer. Von der empfindlichen Nasenspitze bis zum Ende des buschigen Greifschwanzes durchfuhr Fängt-gewandt ein aufgeregtes Zittern.

Im Gegensatz zu allen Zwei-Beinen aus den Sagenliedern leuchtete der Kopf dieses Exemplars so hell wie ein loderndes Feuer. Sein Gesicht war frei von Fell und zeigte nur glatte Haut, die zwar blass, aber mit unzähligen kleinen Flecken in Gold gesprenkelt war, sodass die seltsame Haut ähnlich fein gezeichnet wirkte wie Fängt-gewandts eigenes Fell.

Dem hochgewachsenen, hageren Zwei-Bein schien ein Gliederpaar zu fehlen, denn es besaß nur vier Extremitäten. Doch wie es dort bewegungslos auf einem großen Stein stand, war es von einer unheimlichen, fremdartigen Schönheit umgeben. Konzentriert blickte das Zwei-Bein in das tiefe Wasser eines Strudels, erfüllt von Daseinsfreude, und ganz von der Absicht gefangen, einen Fisch zu erbeuten, wie Fängt-gewandt es noch vor wenigen Minuten bewerkstelligt hatte. In den Stummelfingern des Zwei-Beins saßen keine Krallen, mit denen er einen zappelnden Fang hätte festhalten können, und seine Echtpfoten verbargen sich in schweren, klobigen Bedeckungen. Tatsächlich steckte der gesamte Körper in Hüllen aus geheimnisvollem, fremdartigem Gewebe, das unterschiedlich gefärbt und gemustert war.

Das Zwei-Bein hielt eine lange, schlanken Rute in den Händen, die auf den ersten Blick wie Holz aussah. Bei näherer Betrachtung bemerkte Fängt-gewandt jedoch, dass dieses Holz von keiner Pflanze stammen konnte. Das Nicht-Holz leuchtete weiß wie Wintereis, und daran glitzerten Schnörkel, die so silbrig waren wie die Schuppen eines Fischs. Eine lange, außerordentlich dünne und fast farblose Schnur hing vom Ende der Rute ins Wasser, eine Schnur, die noch dünner war als Fängt-gewandts Krallen. Wie hatte das Zwei-Bein eine Schnur derart dünn flechten können? Und welche Pflanzenfaser glänzte, ohne eine Farbe zu besitzen?

Während Fängt-gewandt noch gebannt die Gestalt betrachtete, bewegte sie die Hand (die so gefleckt war wie ihr Gesicht) und berührte etwas an der Seite des Stabes; sogleich schoss die Leine so rasch, dass sie verschwamm, zurück zur stark zitternden Rutenspitze. Mit einer raschen Bewegung des Handgelenks schleuderte das Zwei-Bein die Leine wieder singend durch die Luft, und ein glitzerndes, pelzig aussehendes Etwas an ihrem Ende platschte hinter einem Stein ins Wasser. Das Zwei-Bein hatte perfekt gezielt, aber solch ein Wurf musste sehr schwierig auszuführen sein. Fängt-gewandt bezweifelte, ob er eine Schnur an einer Stange in solch einen kleinen Tümpel hätte schleudern können, ohne es zuvor viele Stunden geübt zu haben; er hätte wohl eher die Steine getroffen oder die Leine in den dichten Büschen verheddert … oder er hätte zusehen müssen, wie das Etwas vom rauschenden Fluss davongerissen wurde, der sich wie aus Wut weiß schäumend über die aus dem Wasser ragenden Steine ergoss.

Fängt-gewandt streckte sich bequem auf dem Ast aus und achtete nicht mehr darauf, dass sein eigener Fang ihm das Fell durchnässte. Das Kinn auf die Echthände gestützt, wartete er gebannt. Wurf um Wurf schoss über das brüllende Wasser und landete platschend in den dunkelgrünen Tiefen. Nachdem Fängt-gewandt das eigenartige Ritual mehrere Male beobachtet hatte, begriff er, dass das seltsame Etwas am Ende der Leine wie ein dicker Käfer aussah, der ins Wasser gefallen war. Fängt-gewandts Ohren stellten sich auf. Er hatte schon gesehen, wie Fische, die in der finsteren Wassertiefe lebten, an die Oberfläche stiegen und nach solchen strampelnden Leckerbissen schnappten. Ein Fischer überlistete seine Beute, indem er ihr einen falschen Käfer vorhielt – bei diesem Gedanken zitterten Fängt-gewandt die Schnurrhaare.

Erneut sirrte die Schnur durch die Luft, und der falsche Käfer platschte in stilles, tiefes Wasser – das augenblicklich aufschäumte, als etwas Großes nach oben schoss. Im Geistesleuchten des Zwei-Beins flackerte Aufregung auf und traf Fängt-gewandt wie ein Freudenausbruch. Seine Krallen traten hervor und bohrten sich in den Ast, als hätte er sie in den zuckenden Fisch geschlagen. Die Leine sang, und die Rute bog sich stark durch, bis ihre Spitze fast die Wasserfläche berührte. Ein riesiger Fisch, größer als Fängt-gewandt, brach aus dem Wasser hervor; das Ende der Schnur hing an ihm fest. Fängt-gewandts Puls raste. Er stellte fest, dass er unbewusst ans Ende des Astes gekrochen war und sich vor Erregung auf Handpfoten und Echtpfoten aufgerichtet hatte. Der gewaltige Fisch warf sich herum; mit Kräften, wie sie ein vor Wut rasender Todesrachen aufbringt, kämpfte er, um sich von der Schnur zu ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Honor Harrington: Die Baumkatzen von Sphinx" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen