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HONOR HARRINGTON: Die Achte Flotte

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Vorbemerkung des Autors
  6. EINS
  7. ZWO
  8. DREI
  9. VIER
  10. FÜNF
  11. SECHS
  12. SIEBEN
  13. ACHT
  14. NEUN
  15. ZEHN
  16. ELF
  17. ZWÖLF
  18. DREIZEHN
  19. VIERZEHN
  20. FÜNFZEHN
  21. SECHZEHN
  22. SIEBZEHN
  23. ACHTZEHN
  24. NEUNZEHN
  25. ZWANZIG
  26. EINUNDZWANZIG
  27. ZWOUNDZWANZIG
  28. DREIUNDZWANZIG
  29. VIERUNDZWANZIG
  30. FÜNFUNDZWANZIG
  31. SECHSUNDZWANZIG
  32. SIEBENUNDZWANZIG
  33. ACHTUNDZWANZIG
  34. NEUNUNDZWANZIG
  35. PERSONEN DER HANDLUNG

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

Vorbemerkung des Autors

Vielen Lesern wird auffallen, dass mehrere Anfangskapitel dieses Buches das Geschehen aus Um jeden Preis und Auf Biegen und Brechen neu erzählen oder dazwischen liegende Ereignisse ausführen. Das neu erzählte Material bildet nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Buches, und mein Wahnsinn, diesen Weg zu wählen, hat eindeutig Methode.

Es war einmal eine Zeit, in der alles einfacher war und ich die Honor-Harrington-Serie gerade erst begonnen hatte. Damals war mir das Ausmaß des Vorhabens, auf das ich mich eingelassen hatte, noch nicht ganz bewusst. Ich kannte zwar immer die Geschichte, die ich erzählen wollte, und ich hatte von vornherein die Absicht, an dem Punkt ihrer Entwicklung anzukommen, zu dem dieses Buch gehört. Was ich aber nicht voraussehen konnte, sind der Umfang der Einzelheiten, die Vielzahl der Charaktere und die schiere Größe der Leinwand, die ich inzwischen auszufüllen beabsichtige.

Nicht viele Schriftsteller erhalten die Resonanz, die die Bücher um Honor Harrington hervorgerufen haben. Als sie mir zuteil wurde, empfand ich tiefe Dankbarkeit, und ich empfinde sie noch heute. Ich bin außerdem der Ansicht, dass bei solch begeisterter Unterstützung, der Autor nicht nur eine außergewöhnliche Beziehung zu seinen Lesern hat, sondern ihnen auch auf eine besondere Weise verantwortlich ist. Wenn eine Serie allerdings aus so vielen Bänden besteht (zwanzig, wenn man Der Sklavenplanet und die Bücher um HMS Hexapuma berücksichtigt), sieht sich der Verfasser manchmal zu Entwicklungen der Geschichte gezwungen, die nicht jedem Leser gefallen. Deshalb hat man ein heikles Gleichgewicht zu halten zwischen den Wendungen, die sich, wie man als Autor weiß, einfach ereignen müssen, und den Überlegungen, wie man diese spezielle Verantwortung für seine Leserschaft erfüllt. Und wenn ich ehrlich bin, hatte die Honor-Harrington-Serie diesen Punkt schon vor den letzten beiden »echten« Honor-Romanen erreicht.

Einige Leser, die auf Conventions mit mir gesprochen haben, wissen, dass Honor eigentlich in AufBiegen und Brechen sterben sollte – jedenfalls in meiner Variante dessen, was Mentor von Arisia als »Vision über das Schicksal des Kosmos« zu bezeichnen pflegte. Ich wusste immer, dass Honors Tod ein riskanter Zug gewesen wäre und viele Leser der Serie wirklich zornig auf mich gemacht hätte, doch als ich den Ablauf von Honors Leben festlegte – noch ehe ich mit Auf verlorenem Posten begann –, hätte ich nie damit gerechnet, dass sie solch eine große, loyale Leserschaft für sich gewinnen würde. Und mir war auch nicht klar, wie sehr ich am Ende an der Figur hängen sollte. Trotzdem war ich fest entschlossen (und meine Frau Sharon könnte ein Lied davon singen, dass ich manchmal ein ganz klein wenig starrsinnig bin), meinen ursprünglichen Plan durchzuführen. Dass mir immer Horatio Nelson als Vorbild für Honor gedient hatte, bestärkte mich in meiner Absicht, denn die Schlacht von Manticore sollte das Gegenstück zur Schlacht von Trafalgar werden. Wie Nelson sollte Honor im Augenblick des Sieges, auf dem Höhepunkt der Schlacht fallen, in der das Sternenkönigreich von Manticore gerettet wurde, sodass sie fortan als größte Heldin der Royal Manticoran Navy gelten würde.

Andererseits hatte ich immer die Absicht, weiterhin Bücher zu schreiben, die im Honor-Harrington-Universum angesiedelt sind. Die große Herausforderung der späteren Bücher sollte fünfundzwanzig bis dreißig Jahre nach Honors Tod das Haupt erheben, und die Handlung sollte hauptsächlich aus Sicht ihrer Kinder Raoul und Katherme geschildert werden. Leider – oder zum Glück, je nach Standpunkt – vermasselte mir Eric Flint meinen ursprünglichen Zeitplan, indem er die Figur Victor Cachats einführte und mich um einen Gegner bat, den manticoranische und havenitische Geheimagenten als Verbündete bekämpfen könnten, obwohl ihre Sternnationen sich im Kriegszustand befanden. Ich schlug Manpower vor, was sehr gut in Erics Story passte. Doch als ich Erics Figuren in die Romane der Hauptserie einarbeitete, und besonders, als Eric und ich beschlossen, Der Sklavenplanet zu schreiben, musste das Auftauchen besagter Herausforderung um zwei bis drei Jahrzehnte vorverlegt werden, und das bedeutete, dass keine Zeit blieb, Honor zu töten und ihre Kinder aufwachsen zu lassen, ehe Manticore mit der Bedrohung durch Manpower konfrontiert wurde.

Mir brach es nicht gerade das Herz, als mir klar wurde, dass ich keine andere Wahl hatte, als Honor eine Gnadenfrist zu gewähren. Dadurch senkte ich nicht nur die Gefahr, dass ihre Fans mich mit Mistgabeln und Fackeln besuchen kamen; je näher der Moment gerückt war, an dem ich sie tatsächlich hätte töten müssen, desto weniger hatte mir der Gedanke gefallen.

Allerdings ergab sich dadurch ein anderes Problem, denn Honor war mittlerweile längst zu ranghoch, um noch auf irgendwelche »Todesritte« geschickt zu werden. Ich brauchte zusätzliche, rangniedere Offiziere, die zu frischen Hauptfiguren an den Fronten werden konnten, eine Rolle, für die ich ursprünglich Raoul und Katherme vorgesehen hatte. Daher schrieb ich Der Schatten von Saganami/An Bord der Hexapuma; dieses Buch und Der Sklavenplanet hatte ich als die ersten Bücher zweier separater Serienableger vorgesehen. Sie sollten zeitlich parallel, aber getrennt von der »Hauptserie« ablaufen, in der Honor die zentrale Figur bleiben sollte. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, eines ihrer Kinder die Führungsrolle in der militärischen Hälfte der Geschichte übernehmen zu lassen und das andere zum »Meisterspion« zu machen, was eine logische Teilung des Honor-Harrington-Universums in zwei getrennte, aber miteinander verbundene Erzählstränge erlaubt hätte. Außerdem wollte ich mithilfe dieser beiden Nebenserien den Umfang der »Hintergrundgeschichte« verringern, der in jedes Buch der »Hauptserie« eingefügt werden musste.

In gewisser Weise gilt dieser ursprüngliche Plan noch immer, aber ich habe mich gezwungen gesehen, ihn abzuändern. In den letzten Romanen habe ich bemerkt, dass ich, wenn ich die beiden Nebenserien in die Hauptserie mit einschließe, die Geschichte auf breiterer Front vorantreiben und mich in unterschiedlichen Romanen auf bestimmte Aspekte der gleichen Story konzentrieren kann. Daher befassen sich Der Schatten von Saganami/An Bord der Hexapuma und Die Achte Flotte/Sturm aus den Schatten vor allem mit dem Geschehen im Talbott-Sternhaufen und Der Sklavenplanet und Torch of Freedom mit dem »heimlichen Krieg« gegen die Gensklaverei und ihren moralischen Aspekten. Und Mission of Honor, das nächste Buch der »Hauptserie«, wird die Ereignisse in beiden Handlungssträngen verknüpfen und die Story insgesamt dem endgültigen Abschluss näher bringen (was nicht notwendigerweise den Tod von Honor Alexander-Harrington bedeuten muss).

Sowohl Torch of Freedom als auch Mission of Honor sind abgeliefert und befinden sich in Produktion, sodass zu hoffen steht, dass die Leser diesmal nicht so lange Wartepausen zwischen den Büchern in Kauf nehmen müssen.

Ein Aspekt meines neuen Masterplans ist jedoch, dass Szenen, die in dem einem Buch erschienen sind, durchaus – gewöhnlich aus der Perspektive einer anderen Figur – in einem weiteren enthalten sein können. Dabei geht es mir keinesfalls darum, mühelos zu dickeren Büchern zu kommen. Auf diese Weise möchte ich andere Figuren plastisch entwickeln und das Geschehen aus unterschiedlicher Sicht zeigen können, vorher fehlende Einzelheiten offenlegen und – und das ist vielleicht am wichtigsten – genau festlegen, wann die Ereignisse im einen Buch relativ zu denen im anderen überhaupt stattfinden.

Bisher scheint dieser Ansatz ganz gut zu funktionieren. Das heißt nicht notwendigerweise, dass ich damit weitermachen werde oder dass nichts geschehen wird, was mich in eine völlig andere Richtung ablenkt, aber im Augenblick rechne ich damit eigentlich nicht. Für die absehbare Zukunft zumindest wird die Serie sich nach diesem Muster entwickeln.

Und ich sollte vielleicht noch eine Warnung aussprechen: Für die gute Seite wird es in den nächsten Büchern erheblich rauer zugehen als bisher.

Mit besten Wünschen

David Weber

EINS

»Sagen Sie mir etwas, John!«

Konteradmiral Michelle Henkes rauchige Altstimme klang scharf und abgehackt. Die Daten auf ihrem taktischen Wiederholdisplay hatten gerade eine Wendung ins Katastrophale genommen.

»Datenübertragung vom Flaggschiff noch nicht beendet, Ma’am«, meldete Commander Oliver Manfredi, der blonde Stabschef des Schlachtkreuzergeschwaders 81, anstelle des Operationsoffiziers, Lieutenant Commander John Stackpole. Manfredi stand hinter Stackpole und betrachtete die detaillierteren Displays der Operationsabteilung; im Moment hatte er erheblich mehr Zeit als Stackpole, sich mit der Lageaktualisierung zu befassen. »Ich bin mir nicht sicher, aber wie es aussieht …«

Manfredi verstummte und biss die Zähne zusammen. Dann blähten sich seine Nasenflügel, und er drückte Stackpole kurz die Schulter, ehe er den Kopf drehte und seine Geschwaderkommandeurin ansah.

»Wie es aussieht, haben die Havies sich die Lektionen Ihrer Hoheit zu Herzen genommen, Ma’am«, sagte er grimmig. »Sie haben uns in einen Sidemore gelockt.«

Michelle sah kurz zu ihm, und ihr Gesicht spannte sich an.

»Oliver hat recht, Ma’am«, sagte Stackpole. Die im Wechsel befindlichen Lichtkennungen hatten sich schließlich stabilisiert, und er blickte von seinem Display auf. »Sie haben uns im Kasten.«

»Wie schlimm ist es?«, fragte sie.

»Die Havies schicken drei getrennte Gruppen herein«, antwortete Stackpole. »Eine genau achtern von uns, eine Polar-Nord, eine Polar-Süd. Das Flaggschiff nennt die systemeinwärts Formation, die wir schon kennen, Bandit-Eins. Die Kampfgruppe systemnördlich ist Bandit-Zwo, die systemsüdlich Bandit-Drei und die achtern Bandit-Vier. Unsere Geschwindigkeit relativ zu Bandit-Vier liegt knapp über zwoundzwanzigtausend Kilometern pro Sekunde, aber die Entfernung beträgt weniger als einunddreißig Millionen Kilometer.«

»Verstanden.«

Michelle sah auf ihr eigenes, kleineres Display. Im Augenblick zeigte es das gesamte Solon-System und konnte daher nicht so detailliert sein wie Stackpoles. Auf einem Display, das sich aus der Armlehne eines Kommandosessels ausfahren lassen musste, war dafür kein Platz – jedenfalls nicht, wenn ein ganzes Sonnensystem angezeigt wurde. Trotzdem war der Plot detailliert genug, um zu bestätigen, was Stackpole gerade gesagt hatte. Die Haveniten hatten soeben exakt nachgestellt, was ihnen in der Schlacht von Sidemore zum Verhängnis geworden war, und das sogar noch ausgeklügelter. Solange nichts den Beschleunigungsfaktor von Kampfverband 82 verringerte, bestand für keine der drei gerade aus dem Hyperraum aufgetauchten Kampfgruppen Hoffnung, zu ihm aufzuschließen. Leider brauchten die Haveniten dies auch gar nicht zu tun, um ihn anzugreifen – denn ihre aktuellen Mehrstufenraketen besaßen aus der Ruhe eine Maximalreichweite unter Antrieb von mehr als sechzig Millionen Kilometern.

Und natürlich bestand immer die Möglichkeit, dass noch eine weitere havenitische Kampfgruppe im Hyperraum wartete, bereit, vor der Nase der Manticoraner zurück in den Normalraum zu stürzen, sobald sie sich der Hypergrenze näherten …

Nein, entschied Michelle nach kurzem Nachdenken. Wenn sie genügend Schiffe für eine vierte Kampfgruppe hätten, dann wären sie schon transistiert. Sie hätten uns nämlich wirklich in der Mausefalle, wenn sie uns von vier Seiten einschließen könnten. Natürlich ist es immer möglich, dass sie trotzdem noch eine weitere Kampfgruppe in Reserve halten – dass sie beschlossen haben, uns in Sicherheit zu wiegen und Nummer Vier zurückhalten, bis wir verraten haben, wohin wir fliehen. Das wäre allerdings eine Verletzung des Prinzips, einen Plan einfach und leicht verständlich zu halten, und zu diesem Fehler neigt diese Generation Havies leider überhaupt nicht mehr.

Sie verzog das Gesicht bei dem Gedanken, aber es stimmte nun einmal.

Honor hat uns gewarnt, dass diese Havies alles andere als dumm sind, überlegte sie. Nicht dass wir daran erinnert werden müssten – nicht nach Donnerkeil! Ich wünschte nur, dieses eine Mal hätte sie sich geirrt.

Sie verzog die Lippen zu einem freudlosen Grinsen, doch gleichzeitig spürte sie, wie sie innerlich das Gleichgewicht wiederfand, und ihr Verstand schnurrte, während ihr taktische Möglichkeiten und Entscheidungsbäume durch den Kopf jagten. Dabei lag die Hauptverantwortung gar nicht bei ihr. Nein, diese Last ruhte auf den Schultern ihrer besten Freundin, und gegen ihren eigenen Willen war Michelle dankbar, dass es nicht ihre Schultern waren – was ihr ein ziemlich schlechtes Gewissen bereitete.

Eine Sache war qualvoll offensichtlich. Während der letzten dreieinhalb Monate war es operative Maxime der Achten Flotte gewesen, die zahlenmäßig überlegene Navy der Republik Haven zu einer Umgruppierung zu zwingen, sie in die Defensive zu drängen, während die gefährlich angeschlagene Manticoranische Allianz sich wieder in den Griff bekam. Dem Hinterhalt nach zu urteilen, in den der Kampfverband hineingeraten war, hatte diese Strategie offenbar Erfolg. Im Moment sah es nur leider so aus, als hätte sie davon ein wenig zu viel.

Alles war so viel einfacher, als wir ihnen einen Flaggoffizier nach dem anderen weggeschossen haben – und darauf zählen konnten, dass die Systemsicherheit uns die Arbeit abnahm. Leider gibt es keinen Saint-Just mehr, der jeden Admiral an die Wand stellen lässt, sobald er Initiative beweist, durch die er zur Gefahr für das Regime werden könnte … Ihre Lippen zuckten vor grimmiger Belustigung, als sie sich an die Erleichterung erinnerte, mit der sowohl Manticores große Denker als auch die Frau auf der Straße den Sturz des Komitees für Öffentliche Sicherheit zur Kenntnis genommen hatten. Vielleicht waren wir da ein bisschen zu voreilig, dachte Michelle. Denn dadurch ist unsere operative Erfahrung diesmal gar nicht so viel größer als beim Gegner, und das zeigt sich. Diese Havies wissen wirklich, was sie tun. Verdammt sollen sie sein.

»Flaggschiff befiehlt Kursänderung, Ma’am«, meldete Lieutenant Commander Braga, der Stabsastrogator. »Auf Zwo-Neun-Drei zu Null-Null-Fünf, sechs Komma null ein Kps Quadrat.«

»Verstanden«, sagte Michelle wieder und nickte anerkennend, als der neue Vektor sich durch ihren Plot streckte und sie Honors Absichten erkannte. Der Kampfverband brach mit Maximalbeschleunigung zum Systemsüden aus, und zwar auf einem Kurs, der ihn von Bandit-Zwo so weit wie möglich entfernte, während er den augenblicklichen Abstand zu Bandit-Vier nicht unterschritt. Der neue Kurs trug sie dennoch tief in die Raketenreichweite von Bandit-Eins, der Kampfgruppe, die den Planeten Artus schützte, dessen Orbitalindustrie das Angriffsziel von Kampfverband 82 gewesen war. Bandit-Eins bestand jedoch nur aus zwei Superdreadnoughts und sieben Schlachtkreuzern, die von weniger als zweihundert LACs begleitet wurden, und den Emissionssignaturen und dem Manövrierverhalten zufolge handelte es sich bei den Wallschiffen um gondellose Modelle. Verglichen mit den sechs offensichtlich modernen Superdreadnoughts und zwei LAC-Trägern in allen drei aus dem Hinterhalt aufgetauchten Kampfgruppen war Bandit-Eins die geringste Bedrohung. Selbst wenn seine neun hyperraumtüchtigen Kampfschiffe schwere Gondellasten schleppten, fehlte älteren Schiffen die nötige Feuerleitkapazität, um für die Raketenabwehr von Kampfverband 82 eine reale Gefahr darzustellen. Unter den gegebenen Umständen hätte Michelle an Honors Stelle die gleiche Entscheidung getroffen.

Ich möchte wissen, ob die Havies unser Flaggschiffidentifiziert haben, überlegte Michelle. So schwierig dürfte das nicht sein, bedenkt man die Medienberichterstattung und Honors »Verhandlungen« im Hera-System.

Doch natürlich hatte auch das zur Strategie gehört. Die Entscheidung, Admiral Lady Dame Honor Harrington, Herzogin und Gutsherrin von Harrington, den Befehl über die Achte Flotte zu übertragen, war aufseiten der Admiralität sorgfältig durchdacht worden. Michelles Meinung nach war Honor zwar ohnehin die beste Wahl für das Kommando, doch die Bestallung war mit größtmöglicher Publicity einhergegangen, die nur einem Zweck diente: Jeden Havie wissen zu lassen, dass niemand anders als der »Salamander« auserwählt worden war, um systematisch die Industrie im havenitischen Hinterland zu vernichten.

Auf diese Weise nahmen die Havies die Bedrohung wenigstens ernst, dachte Michelle ironisch, als der Kampfverband, den Befehlen des Lenkwaffen-Superdreadnoughts HMS Imperator, Honors Flaggschiff, gehorchend auf den neuen Kurs kam. Schließlich ist sie seit der Ersten Schlacht von Basilisk Station der große Albtraum aller Havies! Ich frage mich nur, ob sie bei Hera oder Augusta die Impellersignatur der Imperator aufgezeichnet haben? Vermutlich – zumindest bei Hera wussten sie genau, an Bord welches Schiffes Honor war. Das heißt aber wahrscheinlich auch, dass sie schon wissen, wen sie jetzt in der Falle haben.

Michelle verzog das Gesicht. Kaum ein havenitischer Flaggoffizier hätte den zusätzlichen Anreiz benötigt, um den manticoranischen Kampfverband zu vernichten, wenn er nur konnte – allein schon, um der ungebrochenen Reihe von Siegen der Achten Flotte ein Ende zu setzen. Auf jeden Fall würde es den havenitischen Eifer nicht dämpfen, wenn die Havies wussten, wessen Verband sie gleich zusammenschießen würden.

»Raketenabwehrplan Romeo, Ma’am«, sagte Stackpole. »Formation Charlie.«

»Nur Abwehr?«, fragte Michelle. »Kein Befehl, Gondeln auszusetzen?«

»Nein, Ma’am. Noch nicht.«

»Danke.«

Michelles Gesicht verdüsterte sich weiter. Die Raketengondeln ihrer eigenen Schlachtkreuzer waren mit Zweistufenraketen Typ 16 geladen. Damit hatte sie pro Gondel zwar eine große Anzahl Lenkwaffen, aber Typ 16 waren kleiner, mit leichteren Lasergefechtsköpfen bestückt und kurzreichweitiger als die Mehrstufenraketen eines Wallschiffs wie die Typ 23 an Bord von Honors Superdreadnoughts. Michelle wäre daher gezwungen, Raketensalven mit einem langen Intervall ballistischen Fluges zu feuern, und die größte taktische Schwäche eines Lenkwaffen-Schlachtkreuzers war der Umstand, dass er einfach nicht so viele Gondeln mitführen konnte wie ein echtes Großkampfschiff wie die Imperator. BatCruRon 81s begrenzten Munitionsvorrat nicht auf eine so große Entfernung zu erschöpfen, bei der eine sehr niedrige Trefferquote geradezu garantiert war, erschien durchaus sinnvoll. Trotzdem wäre Michelle an Honors Stelle ernsthaft versucht gewesen, Bandit-Vier wenigstens ein paar Salven ausgewachsener Mehrstufenraketen der Superdreadnoughts ins Gesicht zu feuern, und sei es nur, damit diese Kampfgruppe hübsch brav blieb. Doch andererseits …

Na ja, sie ist der Vier-Sterne-Admiral, nicht ich. Und ich gebe zu - sie musste über die Bissigkeit ihrer eigenen inneren Stimme lächeln -, dass sie hin und wieder Ansätze einer Fähigkeit zum taktischen Denken an den Tag gelegt hat.

»Raketenstarts!«, rief Stackpole plötzlich aus. »Multiple Raketenstarts! Schätzung elfhundert – eins eins null null – einkommend. Zeit bis Angriffsentfernung: sieben Minuten.«

Jeder der sechs havenitischen Superdreadnoughts in der Gruppe, die als Bandit-Vier bezeichnet wurde, konnte alle zwölf Sekunden sechs Gondeln gleichzeitig absetzen, und jede Gondel enthielt zehn Raketen. Da die havenitischen Feuerleitsysteme den manticoranischen nach wie vor unterlegen waren, konnte man auch im besten Fall mit nur geringer Treffsicherheit rechnen. Aus diesem Grund hatte der Kommandeur der Kampfgruppe sich entschieden, jeden Superdreadnought sechs Sechsergruppen absetzen zu lassen, die auf gestaffelten Start programmiert waren, sodass sämtliche Raketen gleichzeitig am Ziel eintrafen. Sie auszusetzen dauerte zweiundsiebzig Sekunden, doch dann rasten knapp über tausend Mehrstufenraketen auf Kampfverband 82 zu.

Zweiundsiebzig Sekunden später startete eine zweite, genauso massive Salve. Dann eine dritte. Eine vierte. Innerhalb von dreizehn Minuten feuerten die Haveniten knapp unter zwölftausend Lenkwaffen – fast ein Drittel des gesamten Raketenvorrats von Bandit-Vier – auf die zwanzig Sternenschiffe des manticoranischen Kampfverbandes.

Vor nur drei oder vier T-Jahren wäre solch eine Feuerwalze gegen so wenige Ziele von unausweichlicher Tödlichkeit gewesen, und Michelle spürte, wie sich ihre Bauchmuskeln anspannten, als der Sturm auf sie zujagte. Doch jetzt war nicht mehr vor drei oder vier T-Jahren. Die Raketenabwehrdoktrin der Royal Manticoran Navy wurde ununterbrochen weiterentwickelt und bei neuen Gefahren und beim Aufkommen neuer technischer Möglichkeiten ständig überprüft. Selbst in den sechs Monaten seit der Schlacht von Marsch war sie verbessert worden. Die LACs der Katana-Klasse, die den Kampfverband zu schützen hatten, manövrierten und richteten ihre Werfer auf den einkommenden Beschuss, aber ihre Antiraketen wurden noch nicht gebraucht. Nicht mit Schlüsselloch und der Antirakete Typ 31.

Jeder Superdreadnought und jeder Schlachtkreuzer setzte zwei Schlüsselloch-Steuermodule aus, eines durch jeden Seitenschild, und jedes dieser Steuermodule verfügte über genügend Steuerleitungen, um das Feuer sämtlicher Antiraketenwerfer seines Mutterschiffs gleichzeitig zu leiten. Gleichzeitig gestatteten sie den Schiffen des Kampfverbands, sich auf die Seite zu rollen und die undurchdringlichen Schilde ihrer Impellerkeile in die gefährlichsten Bedrohungsachsen zu legen, ohne die Abwehrfeuerleitung im Mindesten zu beeinträchtigen. Jedes Schlüsselloch-Modul bildete darüber hinaus eine hochgezüchtete Plattform zur funkelektronischen Kampfführung, die großzügig mit eigenen

Nahbereichsabwehr-Laserclustern ausgestattet war. Und als zusätzlichen Pluspunkt schenkte das Rollen der Schiffe den Plattformen eine ausreichende »senkrechte« Aufspaltung, die nötig war, um an den Störungen durch die Impellerkeile der Antiraketensalven vorbeizublicken, wodurch es möglich wurde, diese Salven in weit kürzeren Intervallen abzufeuern, als es bisher technisch möglich war.

Die Haveniten hatten nicht bedacht, wie sehr die Eloka-Kapazität der Schlüsselloch-Plattformen die Zielgenauigkeit ihrer Angriffsraketen beeinträchtigen würde. Vor allem hatten sie nicht mehr als fünf Antiraketensalven gegen jede ihrer Salven erwartet. Da sie davon ausgehen mussten, dass ihren fliehenden Zielen nur der eingeschränkte Feuerleitungswinkel ihrer Heckhammerköpfe zur Verfügung stehen würde, waren lediglich durchschnittlich zehn Antiraketen pro Schiff und Salve einkalkuliert. Ihr Beschießungsplan ging davon aus, dass sie mit in etwa eintausend von Schiffen abgefeuerten Antiraketen zu rechnen hatten, und dazu in etwa die gleiche Anzahl von auf dem Modell 31 basierenden Vipers von den Katanas.

Michelle Henke konnte nicht wissen, welche taktischen Voraussetzungen der Feind zugrunde gelegt hatte, doch sie war recht sicher, dass er nicht mit siebentausend Antiraketen allein von Honors Sternenschiffen rechnete.

»Das sind eine ganze Menge Antiraketen, Ma’am«, bemerkte Commander Manfredi leise.

Der Stabschef war auf dem Weg zu seiner Station neben Michelles Kommandosessel stehen geblieben, und sie sah zu ihm hoch, eine Augenbraue gewölbt.

»Ich weiß, dass unsere Magazine vergrößert wurden, damit wir sie aufnehmen können«, antwortete er auf die unausgesprochene Frage. »Dennoch haben wir nicht genügend Munition, um dieses Feuervolumen lange aufrechterhalten zu können. Und sie sind auch nicht gerade billig.«

Entweder sind wir ungeheuer selbstsicher, oder wir sind klapsmühlenreife Irre, die nur so tun, als könnten wir einander mit unseren Drahtseilnerven imponieren, dachte Michelle.

»Billig sind sie vielleicht nicht«, sagte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Display zu, »aber immer noch erheblich billiger als ein neues Schiff. Ganz zu schweigen davon, was es kosten würde, uns zu ersetzen.«

»Das ist wahr, Ma’am«, stimmte Manfredi ihr mit einem schiefen Grinsen zu. »Das ist wohl wahr.«

»Außerdem«, fuhr Michelle mit beträchtlich fieserem Lächeln fort, als die vorderste Salve der havenitischen Mehrstufenraketen im Abwehrfeuer des Kampfverbands verschwand, »bin ich bereit zu wetten, dass Typ Einunddreißiger noch immer sehr viel weniger kosten als die vielen Angriffsraketen dort.«

Die zweite Angriffssalve folgte der ersten knapp vor dem inneren Abwehrring ins Nichts. Die dritte ebenfalls. Und die vierte.

»Sie haben das Feuer eingestellt, Ma’am«, verkündete Stackpole.

»Das überrascht mich nicht«, murmelte Michelle. Wenn sie überhaupt etwas erstaunte, dann, dass die Haveniten den Beschuss nicht schon früher beendet hatten. Andererseits war sie vielleicht nicht ganz fair zu ihren Gegnern. Die erste Salve hatte sieben Minuten gebraucht, um sich auf Angriffsreichweite zu nähern, lang genug, um ihr sechs weitere auf den Fersen folgen zu lassen. Und die Wirksamkeit der Verbandsraketenabwehr hatte selbst die Schätzungen von BuWeaps übertroffen. Wenn die Überraschung für die Haveniten so groß war, wie sie vermutete, dann durfte man vermutlich nicht erwarten, dass die andere Seite augenblicklich begriff, wie schwer der manticoranische Abwehrschild zu durchdringen war. Und die einzige Möglichkeit, seine Stärke zu messen, bestand natürlich darin, mit Raketen auf ihn einzuhämmern. Dennoch gefiel ihr der Gedanke, dass sie keine vollen sechs Minuten brauchen würde, um zu sehen, dass sie gutes Geld dem schlechten hinterherwarf.

Andererseits, dachte sie, sind da noch neun Salven unterwegs. Ergehe dich mal nicht zu sehr in Selbstvertrauen, Mike! Die letzten Wellen haben wenigstens ein bisschen Zeit, sich an unsere Eloka anzupassen, nicht wahr? Und es ist nur ein Leck an der falschen Stelle nötig, und ein Alpha-Emitter geht hoch … oder sogar das Kommandodeck eines allzu optimistischen Konteradmirals.

»Was wird man Ihrer Meinung nach als Nächstes versuchen, Ma’am?«, fragte Manfredi, als die fünfte, sechste und siebte Salve ebenso wirkungslos verpufften wie die vorhergehenden.

»Nun ja, die Havies hatten nun Gelegenheit, ein Gefühl zu bekommen, wie hart unsere neue Doktrin zu knacken ist«, antwortete sie und lehnte sich in den Kommandosessel zurück, ohne die Augen vom taktischen W-Display zu nehmen. »Wenn ich dort drüben wäre, würde ich es mit einer wirklich massiven Salve versuchen. Einer Salve, die so groß ist, dass sie unsere Abwehr übersättigt, weil uns die Steuerkanäle für die Antiraketen ausgehen, ganz egal, wie viele wir von denen haben.«

»Aber so etwas könnten die Havies ihrerseits nicht leiten«, wandte Manfredi ein.

»Das glauben wir zumindest«, verbesserte Michelle ihn fast geistesabwesend, während sie zusah, wie die achte und die neunte Welle ausgelöscht wurden. »Wissen Sie, ich glaube ja, dass Sie wahrscheinlich recht haben, aber das können wir einfach nicht wissen – noch nicht jedenfalls. Wir könnten uns irren. Und selbst wenn wir uns nicht irren, eine wie große Treffgenauigkeit ließe sich über diese Entfernung denn noch erzielen, auch wenn sie die Steuerung freigeben und die Vögelchen ganz ihren eingebauten Sensoren überlassen? Ohne schiffsgestützte Rechner zur Verfeinerung bekämen sie keine besonders guten Ziellösungen, aber gute Lösungen erhält man auf diese Entfernung ohnehin nicht, ganz gleich womit. Doch genügend schlechte Lösungen, mit denen man tatsächlich durchbricht, sind doch wahrscheinlich ein kleines bisschen nützlicher als perfekte Lösungen, mit denen man nicht an der Abwehr des Ziels vorbeikommt, oder sind Sie da anderer Ansicht?«

»Wenn man es so ausdrückt, ergibt es wahrscheinlich wirklich Sinn«, stimmte Manfredi zu, doch Michelle merkte ihrem Stabschef deutlich an, dass ihm die Vorstellung gegen die Berufsehre ging, sich auf letztlich ungezielten Beschuss einstellen zu sollen. Soweit es ihn betraf, sprach die schiere Primitivität dieser Vorgehensweise Bände über das Können jeder Raumstreitkraft, die sich darauf verlassen musste – oder den Mangel daran.

Michelle setzte an, ihn dafür aufzuziehen, dann hielt sie inne. Inwieweit offenbarte dieses Denken eigentlich einen blinden Fleck aufseiten Manfredis – oder auch ihrerseits? Manticoranische Offiziere waren es gewöhnt, über havenitische Technik und die Primitivität des Geräts, die ihre Grenzen zur Folge hatten, die Nase zu rümpfen. Doch gegen eine primitive Technik, die zugleich effizient war, ließ sich nichts sagen. Die Republican Navy hatte der RMN bereits mehrere schmerzliche Lektionen erteilt, und es war höchste Zeit, dass Offiziere wie Oliver Manfredi – oder Michelle Henke – sich davon nicht jedes Mal, wenn es geschah, überraschen ließen.

»Ich habe nicht gesagt, dass es schön wäre, Oliver.« Sie gestattete sich einen ganz leicht tadelnden Unterton. »Aber für Schönheit werden wir auch nicht bezahlt, oder?«

»Nein, Ma’am«, sagte Manfredi einen Hauch zackiger als sonst.

»Nun, die da drüben auch nicht, da bin ich mir ziemlich sicher.« Mit einem Lächeln nahm sie dem Satz die Schärfe, die Manfredi vielleicht empfunden hätte. »Und seien wir ehrlich, sie haben noch immer die rote Lampe, was die Technik angeht. Unter den gegebenen Umständen haben sie ihre Möglichkeiten diesmal verdammt effizient genutzt. Erinnern Sie sich noch an Admiral Bellefeuille? Falls nicht, ich schon!« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Diese Frau ist verschlagen, und sie hat aus allem, was sie hatte, das Äußerste herausgeholt. Leider sehe ich keinen Grund zu der Annahme, dass die übrigen havenitischen Flaggoffiziere es ihr nicht gleichtun könnten.«

»Sie haben recht, Ma’am.« Über Manfredis Gesicht zuckte nun auch ein Lächeln. »Ich will versuchen, beim nächsten Mal daran zu denken.«

»Beim nächsten Mal«, wiederholte Michelle und lachte leise. »Mir gefällt, was Sie damit sagen, Oliver.«

»Die Imperator und die Intolerant setzen Gondeln ab, Ma’am«, meldete Stackpole.

»Wie es scheint, ist Ihre Hoheit zu der gleichen Schlussfolgerung gekommen wie Sie, Ma’am«, sagte Manfredi. »Auf diese Weise können wir sie abhalten, eine allzu große Salve zu sammeln, um sie auf uns abzufeuern.«

»Vielleicht«, erwiderte Michelle.

Die große Schwäche von Raketengondeln war ihre Verwundbarkeit gegenüber Naheinschlägen, sobald sie sich einmal außerhalb der passiven Abwehr ihres Mutterschiffs befanden, und Manfredi hatte recht: Einkommende manticoranische Raketen konnten in der Tat gewaltige Zerstörungen unter den havenitischen Gondeln anrichten. Andererseits hatten sie bereits Zeit gehabt, etliche Gruppen davon zu »stapeln«, und Honors Raketen brauchten fast acht weitere Minuten, um den konstant größer werdenden Abstand zwischen dem Kampfverband und Bandit-Vier zu überbrücken. Doch immerhin, die Raketen waren unterwegs.

Der havenitische Kommandeur wartete nicht ab, bis das Feuer des Kampfverbands ihn erreichte. Vielmehr feuerte er fast im gleichen Augenblick, in dem Honor ihre erste Salve gegen ihn startete, und wo Kampfverband 82 knapp dreihundert Raketen gegen ihn sandte, brachte er beinahe elftausend Lenkwaffen auf die Reise.

»Verdammt«, sprach Commander Manfredi beinahe sanft, als der Gegner für jede Rakete, die KV 82 gerade auf ihn abgefeuert hatte, mit sechsunddreißig eigenen antwortete, dann sah er kopfschüttelnd Michelle an. »Unter normalen Umständen, Ma’am, ist es beruhigend, für jemanden zu arbeiten, der die Gedanken des Feindes lesen kann. Nur wünschte ich wirklich, Sie hätten diesmal sich geirrt.«

»Sie und ich, wir beide«, erwiderte Michelle. Sie las die Datenfelder, dann drehte sie sich mit dem Kommandosessel zu Stackpole um.

»Kommt es mir nur so vor, John, oder ist die feindliche Feuerleitung ein kleines bisschen besser, als sie sein sollte?«

»Ich fürchte, da haben Sie recht, Ma’am«, antwortete Stackpole erbittert. »Ja, es ist eine Einzelsalve, und sie kommt als Einzelwelle ein. Trotzdem scheinen die Havies sie in mehrere Ballungen aufgeteilt zu haben, und diese Ballungen werden offenbar besser geleitet, als ich es erwartet hätte. Wenn ich raten sollte, würde ich sagen, dass die Havies die Salve ausgedehnt haben, damit zu jeder Ballung eine ungestörte Verbindung besteht, und sie benutzen rotierende Leitungsverbindungen. Sie springen einfach zwischen den Gruppen hin und her.«

»Dazu bräuchten sie mehr Bandbreite, als wir bisher bei ihnen gesehen haben«, wandte Manfredi ein. Er wollte Stackpole nicht etwa widersprechen, er brachte nur seine Gedanken ein, und Michelle zuckte die Achseln.

»Wahrscheinlich«, sagte sie. »Aber vielleicht auch nicht. Wir wissen nicht genug darüber, was sie tun, um uns da festlegen zu können.«

»Ohne diese Bandbreite gingen sie das Risiko ein, dass die Steuerkanäle mitten im Flug vollständig ausfallen«, fügte Manfredi hinzu.

»Wahrscheinlich«, wiederholte Michelle. Sie entschied, dass es der falsche Zeitpunkt war, um bestimmte Entwicklungen in der Raketenfeuerleitung zu erwähnen, an der Sonja Hemphill und BuWeaps arbeiteten. Außerdem hatte Manfredi recht. »Andererseits«, sagte sie, »ist diese Salve zehnmal so groß wie alles, was sie bisher versucht haben, oder? Selbst wenn sie fünfundzwanzig oder dreißig Prozent davon verlieren, ist sie trotzdem immer noch sehr schwerer Beschuss.«

»Das meine ich auch, Ma’am«, stimmte Manfredi ihr zu und lächelte schief. »Noch eine dieser schlechten Lösungen, von denen Sie vorhin sprachen.«

»Genau«, sagte Michelle verbissen, als der aufkommende Sturm aus havenitischen Raketen die äußerste Abfangzone erreichte.

»Wie es aussieht, sind wir diesmal das erkorene Ziel, Ma’am«, ergänzte Stackpole, und sie nickte.

Als Erste erreichte die vorderste Raketensalve von KV 82 ihr Ziel.

Anders als die Haveniten hatte die Herzogin von Harrington sich entschieden, ihr gesamtes Feuer auf ein einziges Ziel zu konzentrieren. Als die manticoranischen Mehrstufenraketen darauf einlenkten, eröffnete die Raketenabwehr von Bandit-Vier das Feuer. Zwischen den Lenkwaffen waren manticoranische Eloka-Raketen verteilt, die weit wirksamere Durchdringungshilfen trugen als irgendeines ihrer havenitischen Gegenstücke. Doch deren Abwehr war seit dem letzten Krieg noch grundlegender verbessert worden als die manticoranische. Absolut gesehen blieb sie dem Gerät des Sternenkönigreichs weiterhin deutlich unterlegen, aber dennoch war die relative Verbesserung enorm, und der Unterschied zwischen dem Leistungsvermögen von KV 82 und dem, was die havenitischen Systeme vermochten, war weit kleiner als früher einmal. Shannon Forakers »gestaffelte Abwehr« konnte nicht auf manticoranische Präzision und technische Vollkommenheit bauen, und deshalb setzte sie allein auf die Dichte des Abwehrfeuers. Eine unfassbare Gewitterfront aus Antiraketen, abgefeuert von den eskortierenden LACs und den Superdreadnoughts selbst, schoss der Gefahr entgegen. Durch die zahllosen Impellerkeile ergaben sich so heftige Störungen, dass eine auch nur annähernd präzise Leitung des Abwehrfeuers unmöglich wurde, doch wenn so viele Antiraketen gleichzeitig im All waren, mussten einige von ihnen einfach etwas treffen.

Und sie trafen. Genauer gesagt trafen sie sogar etliche »Etwasse«. Von den zweihundertachtundachtzig Mehrstufenraketen, die die Intolerant und die Imperator auf RHNS Conquete abgefeuert hatten, fielen einhundertzweiunddreißig den Antiraketen zum Opfer, und dann waren die Lasercluster an der Reihe. Aufgrund der hohen Annäherungsgeschwindigkeit der Mehrstufenraketen konnte jeder Cluster nur einen einzigen Schuss abgeben. Die Lenkwaffen bewegten sich mit zweiundsechzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit und brauchten von dem Augenblick, in dem sie in Reichweite der Lasercluster kamen, keine halbe Sekunde, bis sie sich der Conquete auf Angriffsentfernung genähert hatten. Doch die Superdreadnoughts und die Leichten Angriffsboote der Cimeterre-Klasse der Flankensicherung waren mit Tausenden dieser Kurzstreckenabwehrwaffen bestückt.

Trotz aller Bemühungen der überlegenen manticoranischen Eloka erwies sich Shannon Forakers Abwehrdoktrin als wirksam. Nur acht Raketen aus der Salve überlebten und konnten ihr Ziel angreifen. Zwei von ihnen detonierten zu spät und verschwendeten ihre Energie an das Dach des undurchdringlichen Impellerkeils der Conquete. Die anderen sechs detonierten fünfzehn- bis zwanzigtausend Kilometer vom Backbordbug des Schiffes entfernt, und energiestarke bombengepumpte Laserstrahlen fraßen sich brutal durch seinen Seitenschild.

Alarme kreischten durch das havenitische Schiff, als Panzerung zerschmettert und Waffen – und die Männer und Frauen, die sie bedienten – ausgelöscht wurden. Atemluft strömte aus den wunden Flanken der Conquete. Doch Superdreadnoughts sind darauf ausgelegt, genau solche Schäden zu überstehen, und das große Schiff schwankte nicht einmal in seinem Kurs, sondern behielt seine Position in der Abwehrformation von Bandit-Vier bei. Seine Antiraketenwerfer feuerten bereits auf die zweite Salve des manticoranischen Kampfverbands.

»Wie es aussieht, sind wenigstens ein paar durchgekommen, Ma’am«, sagte Stackpole. Mit aufmerksamen Augen studierte er die Meldungen der überlichtschnell sendenden Geisterreiter-Aufklärungssonden.

»Gut«, sagte Michelle. Natürlich hatten ein »paar« Treffer vermutlich nicht mehr ausgerichtet, als den Anstrich ihres Ziels zu zerkratzen, aber man konnte schließlich immer hoffen, und ein wenig Schaden war schon besser als überhaupt kein Schaden. Leider …

»Und da kommt die Antwort«, brummte Manfredi. Was, wie Michelle fand, recht untertrieben ausgedrückt war.

Von den havenitischen Mehrstufenraketen hatten sich sechshundert schlichtweg verirrt und bestätigten im Davontrudeln Manfredis Prophezeiung, was den Preis der gelösten Leitverbindungen betraf. Doch sechshundert waren keine sechs Prozent der Gesamtsalve – was die Gültigkeit von Michelles Gegenargument unterstrich.

Die Antiraketen des Kampfverbands vernichteten fast neuntausend Lenkwaffen, die sich nicht verirrt hatten, und das letzte Aufgebot der Lasercluster und der Katana-LACs vernichtete neunhundert weitere.

Damit blieben »nur« dreihundertzweiundsiebzig Raketen übrig.

Fünf davon attackierten die Ajax.

Captain Diego Mikhailov rollte das Schiff, legte sein Kommando weiter relativ zum einkommenden Beschuss auf die Seite und bemühte sich, die Defensivbarriere des Impellerkeils zu nutzen. Die Sensorreichweite seiner Schlüsselloch-Module verlieh ihm einen beträchtlichen Manövriervorteil und verbesserte außerdem seine Feuerleitung. Er konnte Bedrohungen viel deutlicher und aus größerer Entfernung ausmachen, sodass ihm mehr Zeit blieb, um auf sie zu reagieren. Die meisten einkommenden Röntgenlaserstrahlen vergingen im Boden seines Keils. Eine der angreifenden Raketen schaffte es allerdings, diesem Schicksal zu entgehen. Sie schoss an der Ajax vorbei und detonierte keine fünftausend Kilometer vor ihrem Backbord-Seitenschild.

Der Schlachtkreuzer zuckte, als zwei Laserstrahlen der Raketen den Schild durchschlugen. Es lag in der Natur der Dinge, dass ein Schlachtkreuzer erheblich schwächer gepanzert war als ein Superdreadnought, und havenitische Lasergefechtsköpfe waren schwerer als ihre manticoranischen Gegenstücke, ein gezielter Versuch, die geringere Treffgenauigkeit auszugleichen. Panzerstahl zersprang, und Alarme heulten auf. Unheil verkündende rote Lichter erschienen auf den Schadensdisplays, doch gemessen am Umfang der Salve waren die Schäden an der Ajax bemerkenswert leicht.

»Zwei Treffer, Ma’am«, meldete Stackpole. »Wir haben Graser Fünf und zwo Nahbereichsabwehrcluster verloren. Lazarett meldet sieben Verwundete.«

Michelle nickte. Sie hoffte, dass keines der sieben Besatzungsmitglieder schwere Wunden erlitten hatte. Niemand erlitt gern Verluste, aber dennoch – nur sieben Verwundete, keiner davon schwer. Wie es bislang schien, war das ein fast unglaublich geringer Blutzoll.

»Der Rest des Geschwaders?«, fragte sie.

»Kein Kratzer, Ma’am!«, meldete Manfredi in frohlockendem Tonfall von seiner Kommandostation, und Michelle spürte den Ansatz eines Lächelns. Doch dann …

»Mehrere Treffer an beiden Superdreadnoughts«, meldete Stackpole, und Michelles Lächeln erstarb auf ihren Lippen. »Die Imperator hat zwo oder drei Graser verloren, aber im Wesentlichen ist sie intakt.«

»Und die Intolerant?«, fragte Michelle barsch, als der Operationsoffizier schwieg.

»Sieht nicht gut aus«, antwortete Manfredi, dem das taktische Datennetz des Kampfverbands gerade die Informationen auf den Schirm gelegt hatte. »Sie muss zwei oder drei Dutzend Treffer kassiert haben … und wenigstens einer ist bis in den Raketenkern vorgedrungen. Schwere Verluste, Ma’am, darunter Admiral Morowitz und der Großteil seines Stabes. Und ihre Gondelschienen sind anscheinend unbrauchbar.«

»Flaggschiff beendet Raketengefecht, Ma’am«, sagte Stackpole leise.

Er sah von seinem Display auf und blickte ihr in die Augen. Sie nickte in bitterem Begreifen. Die Fähigkeit des Kampfverbands zu nachhaltigem Beschuss auf große Entfernungen war soeben halbiert worden. Nicht einmal manticoranische Feuerleitung konnte auf beinahe zwei Lichtminuten Distanz mit Salven, wie ein einzelner Lenkwaffen-Superdreadnought sie feuerte, etwas auszurichten hoffen, und Honor würde keine Munition mit dem Versuch verschwenden, das Unmögliche zu versuchen.

Und damit steht leider die Frage im Raum, was wir jetzt tun, oder?, dachte Michelle.

Mehrere Minuten verstrichen, in denen Michelle auf die knappen, nüchternen Gespräche im Hintergrund lauschte, während die Offiziere ihres Stabes und deren Helfer eine Einschätzung dessen erarbeiteten, was sich gerade ereignet hatte. Die Daten wurden nicht viel besser, überlegte sie mit einem Blick auf die Anzeigen, die sich änderten, je detaillierter die hereinkommenden Schadensberichte wurden.

Wie Manfredi bereits gemeldet hatte, war Michelles Geschwader bis auf das Flaggschiff von Schäden verschont geblieben, doch andererseits sah es immer mehr danach aus, als wären Stackpoles erste Abschätzungen der Schäden an HMS Intolerant noch zu optimistisch gewesen.

»Admiral«, sprach Lieutenant Kaminski sie plötzlich an. Michelle wandte sich dem Signaloffizier ihres Stabes zu. »Herzogin Harrington möchte Sie sprechen«, sagte er.

»Stellen Sie sie durch«, antwortete Michelle und sah auf ihren kleinen Combildschirm. Ein vertrautes Gesicht mit mandelförmigen Augen erschien darauf fast augenblicklich.

»Mike«, begann Honor Alexander-Harrington ohne Umschweife. Ihr forscher sphinxianischer Einschlag war nur ein klein wenig deutlicher zu hören als sonst. »Die Intolerant ist in Schwierigkeiten. Ihre Raketenabwehr hält nicht mehr stand, und wir nähern uns den Raketengondeln in der Umlaufbahn um Artus. Ich weiß, die Ajax hat selber ein paar Treffer abgekommen, aber lass dein Geschwader trotzdem an unserer Flanke ausschwärmen. Deine Nahbereichsabwehr muss zwischen die Intolerant und Artus. Bist du dazu in der Lage?«

»Natürlich.« Henke nickte nachdrücklich. Etwas derart Zerbrechliches wie einen Schlachtkreuzer zwischen einen beschädigten Superdreadnought und einen von Raketengondeln umschwärmten Planeten zu setzen war nichts, was man leichtfertig in Erwägung zog. Andererseits gehörte die Abschirmung von Wallschiffen zu den Aufgaben, für die Schlachtkreuzer gebaut wurden, und wenn man die von den Aufklärern gemeldete relativ geringe Zahl an Raketenbehältern in der Umlaufbahn um Artus zugrunde legte, dann stand ihnen wenigstens kein weiterer Lenkwaffenhurrikan bevor wie der, der soeben über den Kampfverband hereingebrochen war.

»Die Ajax ist als Einzige angeschlagen«, fuhr Henke fort, »und bei uns ist der Schaden ziemlich oberflächlich. Er hat keinerlei Auswirkungen auf unsere Raketenabwehr.«

»Gut! Andrea und ich verschieben die LACs ebenfalls, aber sie haben eine Menge Antiraketen gegen die beiden Monstersalven von Bandit-Vier verbraucht.« Honor schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie so viele Gondeln gleichzeitig abfeuern konnten, ohne ihre Feuerleitung aufs Äußerste auszureizen. Anscheinend werden wir einiges überdenken müssen.«

»Das liegt in der Natur der Sache, oder?«, erwiderte Henke schulterzuckend. »Wir leben, um zu lernen.«

»Die von uns, die das Glück haben, zu überleben«, stimmte Honor ein wenig erbittert zu. Dann rief sie sich innerlich zur Ordnung. »Also gut, Mike. Setz deine Schiffe in Bewegung. Ende.«

»Ende«, bestätigte Michelle, dann drehte sie sich mit ihrem Sessel Stackpole und Braga zu. »Sie haben die Lady gehört«, sagte sie. »Los geht’s.«

BatCruRon 81 setzte sich an die Flanke von Kampfverband 82, der weiterhin von seinen Verfolgern weg beschleunigte. Die letzten Schadensmeldungen kamen herein, und Michelle verzog das Gesicht, als sie sich ausmalte, was die Kommandeurin des Verbands angesichts dieser Berichte empfinden musste. Michelle Henke kannte Honor Harrington seit der ersten Klasse auf Saganami Island, wo Honor eine große, magere Midshipwoman gewesen war. Es war nicht Honors Schuld, dass es den Haveniten gelungen war, ihren Verband in eine Falle zu locken, aber Trost bot dieser Gedanke keinen. Nicht für eine Honor Harrington. Die beschädigten Schiffe waren ihre Schiffe, die Gefallenen waren ihre Leute, und im Augenblick, da war sich Michelle Henke sicher, fühlte sich Honor, als wären die Treffer, die der Kampfverband hatte einstecken müssen, direkt in sie eingeschlagen.

Nein, das empfindet sie nicht, verbesserte sich Michelle. Im Moment wünscht sie sich, jeder einzelne Treffer wäre in sie eingeschlagen, und sie verzeiht sich nicht, in diese Falle hineingelaufen zu sein. Sie wird es sich noch lange nicht verzeihen, wenn ich sie richtig kenne. Trotzdem, ihre Entscheidungen wird es trotzdem nicht beeinträchtigen.

Sie schüttelte den Kopf. Schade, dass Honor ihren Untergebenen Fehler, an denen sie keine Schuld trugen, viel besser verzeihen konnte, als sie es bei sich selbst vermochte. Leider war es zu spät, um sie noch zu ändern.

Und ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass es für irgendjemanden von uns sehr heilsam wäre, sie ändern zu wollen, dachte sie mit leisem Spott.

»Dreißig Sekunden bis Eintritt in die geschätzte Reichweite der Gondeln von Artus, Ma’am«, sagte Stackpole leise und riss sie aus ihren Gedanken.

»Danke.« Michelle schüttelte sich, dann setzte sie sich aufrechter hin.

»Bereit zur Raketenabwehr«, befahl sie.

Die Sekunden verstrichen, und dann …

»Raketenstarts!«, rief Stackpole. »Multiple Raketenstarts, multiple Quellen!«

Bei den letzten beiden Wörtern verschärfte sich sein Ton, und Michelle riss den Kopf herum.

»Schätzung auf siebzehntausend, Ma’am!«

»Wiederholen Sie!«, fuhr Michelle ihn an. Im ersten Moment war sie sich sicher, ihn irgendwie missverstanden zu haben.

»OPZ sagt siebzehntausend Raketen, Ma’am«, sagte Stackpole rau und sah sie an. »Zeit bis Angriffsreichweite sieben Minuten.«

Michelle starrte ihn an, während ihr Verstand sich bemühte, diese unfassbare Zahl zu begreifen. Die Ortungssonden, die von den Aufklärern des Kampfverbands vor dem Angriff ausgesetzt worden waren, hatten in der Kreisbahn um Artus knapp vierhundert Raketenbehälter entdeckt. Das hätte maximal viertausend Raketen bedeutet, woher zum Teufel also kam eine mehr als vierfache Anzahl?

»Von Bandit-Eins kommen wenigstens dreizehntausend ein«, sagte Stackpole, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Er klang mehr als nur ein wenig ungläubig, und ihre Augen weiteten sich entsetzt. Das war noch unglaublicher. Zwei Superdreadnoughts und sieben Schlachtkreuzer konnten so viele Raketen selbst dann nicht leiten, wenn sie allesamt gondeltauglich gewesen wären!

»Wie kann -«, begann jemand.

»Das sind keine Schlachtkreuzer«, sagte Oliver Manfredi plötzlich. »Das sind verfluchte Minenleger!«

Michelle begriff sofort, wovon er sprach, und sie presste zustimmend die Lippen zusammen. Wie bei der Royal Manticoran Navy basierten auch die schnellen Minenleger der Republik Haven auf Schlachtkreuzern. Manfredi hatte zweifellos recht. Statt mit der normalen Zuladung an Minen waren diese Schiffe bis zum Platzen mit Raketengondeln vollgestopft worden. Während sie hier zugesehen hatten, wie der Kampfverband vor Bandit-Vier in Richtung Bandit-Eins floh, hatte man dort die Gondeln ausgesetzt und zu einer gewaltigen Salve gestaffelt, die jetzt auf Kampfverband 82 zuraste.

»Tja«, sagte sie und hörte selbst, wie belegt ihre Stimme klang, »jetzt wissen wir, wie sie es geschafft haben. Damit haben wir nur noch die kleine Frage zu klären, was wir dagegen unternehmen. Führen Sie Hotel aus, John!«

»Abwehrplan Hotel, aye, Ma’am«, bestätigte Stackpole, und von HMS Ajax ergingen Befehle an den Rest ihres Geschwaders.

Michelle beobachtete ihren Plot. Ihr blieb keine Zeit, die Formation wesentlich zu verändern, aber sie hatte bereits Vorkehrungen für »Hotel« getroffen, auch wenn es unwahrscheinlich erschienen war, dass der Beschuss durch die Haveniten den Abwehrplan erforderlich machen könnte. Die Hauptaufgabe ihrer Schiffe lag nun im Schutz der Intolerant. Sich um sich selbst zu kümmern stand auf der Liste der Prioritäten natürlich ebenfalls recht weit oben, aber der Superdreadnought verfügte über größere Kampfkraft – und fast genauso viel Tonnage – wie ihr gesamtes Geschwader zusammengenommen. Deshalb staffelte sie durch Raketenabwehrplan Hotel die Schlachtkreuzer vertikal im All wie eine bewegliche Wand zwischen dem Planeten Artus und der Intolerant. Die Schiffe waren ideal platziert, um das einkommende Feuer abzuwehren – doch leider hatte das zur Folge, dass sie diesem Beschuss auch vollkommen ausgeliefert waren.

»Signal vom Flaggschiff, Ma’am«, sagte Stackpole unvermittelt. »Beschießungsplan Gamma.«

»Verstanden. Beschießungsplan Gamma ausführen«, sagte Michelle knapp.

»Aye, aye, Ma’am. Beschießungsplan Gamma wird ausgeführt«, antwortete Stackpole, und endlich setzte das Schlachtkreuzergeschwader 81 Gondeln aus.

Angesichts der Beschussmenge, die auf den Kampfverband zuhielt, war es keine große Feuererwiderung, doch Michelle spürte, wie sich ihre Lippen dennoch zufrieden von den Zähnen zurückzogen. Die Gamma-Sequenz, an der Honor und ihr taktischer Stab monatelang gearbeitet hatten, sollte die kurzreichweitigen Typ-16-Lenkwaffen der Schlachtkreuzer mit den Mehrstufenraketen der Superdreadnoughts koordinieren. Eine Typ-16-Rakete benötigte mehr als dreizehn Minuten, um Bandit-Eins zu erreichen, während eine Typ 23 der Imperator nur sieben Minuten brauchte. Beide Raketen setzten fusionsbetriebene Impellerantriebe ein, aber es war physikalisch unmöglich, drei komplette Antriebe in die engeren Maße der kleineren Raketen zu stopfen, und deshalb konnten sie nicht so lange beschleunigen wie ihre größeren Schwestern.

Nach Beschießungsplan Gamma wurden die Antriebe des ersten halben Dutzends gondelgestarteter Typ-23-Raketen der Imperator auf das Leistungsprofil der weniger ausdauernden Lenkwaffen der Schlachtkreuzer der Agamemnon-Klasse heruntergeregelt. Auf diese Weise konnte der Kampfverband sechs Salven aus je fast dreihundert Lenkwaffen der Typen 16 und 23 ins All schicken, ehe der Superdreadnought begann, Salven zu einhundertzwanzig Vögelchen mit der maximalen Leistung der 23 zu feuern.

Was alles schön und gut ist, dachte Michelle grimmig und sah zu, wie die Icons der Angriffsraketen vom Kampfverband fortstrebten. Leider hilft uns das überhaupt nicht gegen die Vögelchen, die sie schon gestartet haben.

Wie um ihren Gedanken zu unterstreichen, begann die Ajax sich zu schütteln, als Wellen von Antiraketen ihre Werfer verließen, die auf Dauerschnellfeuer geschaltet waren.

Die auf Grayson entwickelten LACs der Katana-Klasse feuerten ebenfalls und schickten ihre Antiraketen dem Angriff entgegen, doch selbst in den schlimmsten Albträumen hatte sich niemand ausgemalt, einmal einer einzelnen derart dichten Salve gegenüberstehen zu müssen.

»Sie kommt durch, Ma’am«, sagte Manfredi leise.

Michelle sah von ihrem Plot auf und presste die Lippen zusammen, als sie ihn erneut neben ihrem Kommandosessel stehen sah. Angesichts dessen, was gerade auf sie zuraste, hätte er eigentlich im Prallkäfig und der Panzerhaut seines eigenen Sessels sitzen sollen. Und das weiß er selbst verdammt genau, dachte sie mit vertrautem, schneidendem Ärger. Doch Manfredi war schon immer ein ruheloser Wanderer gewesen, und Michelle hatte es irgendwann aufgegeben, ihn deswegen anzufahren. Er gehörte zu jenen Menschen, die sich bewegen müssen, wenn ihr Verstand auf vollen Umdrehungen arbeiten soll. Seine Stimme war zu leise, als dass ihn außer Michelle jemand hören konnte, während er auf ihr W-Display blickte, aber sein Blick war starr.

»Natürlich«, erwiderte sie genauso leise. Dem Kampfverband fehlten schlichtweg die Möglichkeiten, so viele Raketen innerhalb der verfügbaren Zeit zu stoppen.

»Wie zum Teufel leiten die Havies derart viele Raketen?«, fragte sich Manfredi laut, ohne die Augen vom Plot zu nehmen. »Sehen Sie sich die Struktur an: Das sind keine blinden Schüsse, sondern die Vögelchen befinden sich unter strenger Kontrolle, jedenfalls jetzt noch. Wie zum Teufel also bringen die Havies so viele Steuerkanäle zusammen?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, gab Michelle zu. Sie klang geradezu geistesabwesend, während sie zusah, wie das Feuer des Verteidigers riesige Löcher in die Wolken einkommender Raketen riss. »Ich glaube, das sollten wir wirklich herausfinden. Meinen Sie nicht auch?«

»Da haben Sie vollkommen recht, Ma’am«, stimmte er ihr mit ernstem Lächeln zu.

Niemand innerhalb von Kampfverband 82 – oder innerhalb der restlichen Royal Manticoran Navy – hatte je von dem Steuersystem gehört, das Shannon Foraker nach einer Figur aus der Literatur vor Anbeginn der Raumfahrt »Moriarty« genannt hatte. Wäre es ihnen aber bekannt gewesen und hätten sie die Anspielung verstanden, so hätten sie vermutlich zugestimmt, dass der Name passend gewählt war.

Shannon Foraker konnte man ganz bestimmt einen Vorwurf niemals machen: dass sie zu klein denke. Das Problem war, eine Raketensalve, die groß genug war, die ständig besser werdende manticoranischen Lenkwaffenabwehr zu durchbrechen, mit Feuerleitung auszustatten. Dabei musste sie hinnehmen, dass havenitischen Wallschiffen, darunter auch den neusten gondeltauglichen Superdreadnoughts, die nötigen Steuerkanäle schlichtweg fehlten. Daher war sie das Problem aus einer anderen Richtung angegangen. Da ihr die technischen Möglichkeiten fehlten, um die benötigten Kontrollanlagen in etwas wie das manticoranische Schlüsselloch-System zu zwängen, hatte sie akzeptiert, dass sie etwas Größeres bauen musste. Etwas viel Größeres. Und während sie darüber nachgedacht hatte, war ihr die Idee gekommen, dass sie genauso gut gleich eine Möglichkeit finden könnte, dieses »Größere« in die Abwehrinstallationen eines ganzen Sonnensystems zu integrieren.

»Moriarty« war die Antwort, auf die sie gestoßen war. Das System bestand aus ferngesteuerten Plattformen, die allen als Telemetrierelais und Steuerkanäle dienten. Sie wurden überall im Weltraum innerhalb der Hypergrenze Solons verteilt, und jeder von ihnen stand mit einer einzelnen Leitstation in Verbindung, die in etwa die Größe eines Schweren Kreuzers besaß – und nichts anderes enthielt als die besten Feuerleitrechner, die die Republik Haven bauen konnte.

Daran, dass die Verbindungen den Beschränkungen der Lichtgeschwindigkeit unterlagen, konnte Foraker nichts ändern, aber sie hatte eine Möglichkeit gefunden, genügend solcher Kanäle bereitzustellen, um wahrhaft massive Salven ins Ziel zu lenken. Und obwohl KV 82 davon nichts ahnte, nutzte die Raketensalve, die auf sie zuraste, die Kapazität Moriartys nicht einmal zur Hälfte aus.

Doch selbst wenn die Taktischen Offiziere des Kampfverbands davon gewusst hätten, echte Dankbarkeit empfunden hätten sie wohl kaum, nicht angesichts der Salve, die, Kapazitätsgrenzen hin oder her, auf sie zuraste.

Michelle sollte niemals erfahren, wie viele einkommende Raketen kurz vor ihrem Ziel vernichtet wurden, wie viele trotz aller Bemühungen Moriartys ihr Ziel verloren und sich verirrten, oder wie viele ein anderes Ziel erfassten als das, auf das sie ursprünglich programmiert waren. Ganz offensichtlich konnte die Abwehr des Kampfverbands einen gewaltigen Anteil von ihnen aufhalten. Leider wurde dadurch nur umso offensichtlicher, dass sie nicht genug havenitische Lenkwaffen gestoppt hatten.

Hunderte von ihnen stürzten sich auf die LACs – nicht etwa weil jemand Mehrstufenraketen an etwas so Kleines wie ein Leichtes Angriffsboot hatte verschwenden wollen. Raketen, die ihre ursprünglichen Ziele verloren hatten, reagierten auf die lichtschnellen Befehle Moriartys, als sie die Mindestentfernung überschritten. LACs, und das galt für manticoranische und graysonitische LACs besonders, waren schwierige Ziele für Raketen. Das bedeutete allerdings nicht, dass sie unmöglich zu treffen waren, und mehr als zweihundert von ihnen wurden vernichtet, als der Raketensturm in den Kampfverband eindrang.

Die meisten übrigen havenitischen Raketen waren auf die beiden Superdreadnoughts programmiert worden, und wie die Dämonen heulten sie auf ihre Ziele zu. Captain Rafe Cardones manövrierte Honors Flaggschiff, als wäre der klobige Superdreadnought ein Schwerer Kreuzer, riss ihn herum, um den Keil als Schild zu benutzen, während Störsender und Täuschkörper den Laserclustern in der letzten Abwehrfront beistanden. Die Imperator erschauerte und ruckte, als Lasergefechtsköpfe ihre Seitenschilde durchschlugen, doch obwohl sie schmerzhafte Wunden erlitt, kam sie verhältnismäßig unbeschadet davon. Selbst ihre schwere Panzerung war einem derartigen Hagel der Vernichtung nicht gewachsen, erfüllte aber ihre Aufgabe und schützte den Rumpfkern, sodass die lebenswichtigen Systeme intakt blieben. Gemessen an der Gewaltigkeit des Beschusses waren auch ihre Verluste an Menschenleben vergleichsweise gering.

Die Intolerant hatte weniger Glück.

Die früheren Schäden am Schwesterschiff der Imperator waren einfach zu ernst. Beim letzten Angriff hatte die Intolerant beide Schlüsselloch-Module verloren und dazu viele Antiraketenwerfer und Lasercluster. Ihre Sensoren waren beschädigt, sodass in der Nahüberwachung Löcher klafften, und ihre Systeme zur Elektronischen Kampfführung konnten die Abwehr allein nicht schultern. Sie war schlichtweg das größte, sichtbarste, verwundbarste Ziel innerhalb des gesamten Kampfverbands, und trotz aller Bemühungen von BatCruRon 81 warfen sich die beim Zielanflug kurzsichtigen havenitischen Mehrstufenraketen scharenweise auf das Ziel, das sie am deutlichsten erkennen konnten.

Der Superdreadnought saß in einem Mahlstrom aus detonierenden Lasergefechtsköpfen fest, die kohärente Röntgenstrahlung nach ihm schleuderten, als wären es tückische Harpunen. Immer wieder drangen sie in die Intolerant, zerfetzten und zermalmten, bohrten immer tiefer, während das große Schiff schon in den Todeszuckungen lag. Und schließlich fand einer dieser Laserstrahlen etwas, das er niemals hätte berühren dürfen, und die HMS Intolerant und ihre gesamte Besatzung verschwand in einem grellen Blitz der Vernichtung.

Und sie starben nicht allein.

HMS Ajax warf sich unbeschreiblich hin und her, als im Universum das Chaos ausbrach.

Verglichen mit dem Raketensturm, der sich auf die beiden Superdreadnoughts warf, wurden die Schlachtkreuzer nur von einer Handvoll Lenkwaffen angegriffen. Doch diese »Handvoll« zählte dennoch nach Hunderten, und die Schlachtkreuzer waren erheblich verletzbarere Ziele. Alarm gellte, als tödliche Laserstrahlen tief in die leichter gepanzerten Rümpfe schnitten. Die Schiffe der Agamemnon-Klasse waren Gondelleger. Konzeptionell bedingt war ihr Kern hohl, was sie noch zerbrechlicher machte als ältere, nur wenig mehr als halb so große Schlachtkreuzer. Michelle hatte sich schon oft gefragt, ob dieser Aspekt ihrer Konstruktion die Schiffe wirklich so verwundbar machte, wie Kritiker des Lenkwaffen-Schlachtkreuzers anführten.

Wie es aussah, sollten sie – und die Kritiker – es bald herausfinden.

Oliver Manfredi riss es von den Füßen, als die Ajax einen Satz machte, und Michelle Henke schlug heftig gegen den Prallkäfig ihres Kommandosessels. Drängende Stimmen, hoch und schrill trotz aller professionellen Haltung, die man ihren Besitzern anerzogen hatte, erfüllten die Comkanäle mit niederschmetternden Botschaften – Meldungen über Verluste, über vernichtete Systeme, die nur allzu oft mitten im Satz abbrachen, weil zu den Männern oder Frauen, die die Meldung erstatteten, ebenfalls der Tod kam.

Selbst in dem Anprall des Feuers sah Michelle, wie die Icons beider Schiffe ihrer Zwoten Division – Priamos und Patrocles – plötzlich von ihrem Plot verschwanden. Im gesamten Kampfverband verschwanden die angezeigten Schiffe, oder ihre Icons zeigten kritischen Schaden. Die Leichten Kreuzer Fury, Buckler und Atum verschwanden in grellen Vernichtungsblitzen, die Schweren Kreuzer Star Ranger und Blackstone wurden in manövrierunfähige Wracks verwandelt, die ohne Energie oder Impellerkeile mit ihrem letzten Geschwindigkeitswert auf ihrem letzten Kurs weitertrieben. Und dann …

»Volltreffer im Kommandodeck!«, meldete jemand an Stackpole. »Keine Überlebenden, Sir! Schwere Schäden in Beiboothangar Zwo, Beiboothangar Eins vollkommen vernichtet! Maschinenleitstand meldet …«

Michelle spürte es körperlich, wie die HMS Ajax plötzlich langsamer wurde.

»Wir haben den Heckring verloren, Ma’am!«, rief Stackpole rau. »Komplett!«

Michelle biss sich so fest innen auf die Unterlippe, dass sie Blut schmeckte. Solon lag mitten in einer Hyperraum-Gravitationswelle. Ohne beide Warshawski-Segel konnte kein Schiff in eine Gravwelle eintreten, dort manövrieren oder lange überleben – und ohne die Alpha-Emitter des Heckimpellerrings vermochte die Ajax kein Warshawski-Hauptsegel mehr zu erzeugen.

ZWO

»Signal von Ihrer Hoheit, Ma’am«, sagte Lieutenant Kaminski leise, und Michelle erhob sich. Sie hatte neben dem Sanitäter am Boden gekniet, der den bewusstlosen Manfredi versorgte.

»Ich nehme es bei Ihnen an, Albert«, sagte sie und ging rasch zur Station des Signaloffiziers. Über seine Schulter hinweg blickte sie in den Aufzeichner und sah Honor auf dem Display.

»Wie schlimm steht es, Mike?«, fragte Honor rasch.

»Das ist eine interessante Frage.« Michelle gelang das Zerrbild eines Lächelns. »Captain Mikhailov ist tot, und die Lage ist … vorerst ein wenig verworren. Unsere Schienen und Gondeln sind noch intakt, und unsere Feuerleitung sieht ziemlich gut aus, aber unsere Nahbereichsabwehr und die Energiearmierung hat ziemlich viel eingesteckt. Am Schlimmsten scheint es aber beim Heckimpellerring zu sein. Totalausfall.«

»Kannst du ihn wieder in Gang setzen?«, fragte Honor drängend.

»Wir arbeiten dran. Immerhin scheint der Schaden in den Steuerleitungen zu stecken; die Emitter selbst sehen aus, als wären sie immer noch intakt, die Alphas eingeschlossen. Schlecht ist, dass wir im Heck eine Menge Rumpfschäden haben, und schon festzustellen, wo die Leitungen unterbrochen sind, wird ein Kampf erster Güte.«

»Bringt du sie raus?« Honors Stimme klang plötzlich weicher, als sie die einzige Frage stellte, die wirklich eine Rolle spielte, und Michelle sah ihrer besten Freundin vielleicht drei Herzschläge lang in die Augen, dann zuckte sie mit den Schultern.

»Ich weiß es nicht«, gab Michelle zu. »Offen gesagt sieht es nicht gut aus, aber ich bin nicht bereit, sie jetzt schon abzuschreiben. Außerdem«, sie zwang sich erneut zu einem Lächeln, »können wir nur schlecht von Bord.«

»Wie meinst du das?«

»Beide Beiboothangars liegen in Trümmern, Honor. Die Bosun sagt, sie kann den Heckhangar vielleicht freiräumen, aber das dauert wenigstens eine halbe Stunde. Und ohne Hangar …«

Michelle zuckte erneut die Achseln und fragte sich, ob sie genauso betroffen aussah wie Honor. Nicht dass Honors Gesicht den meisten Menschen etwas verraten hätte, doch Michelle kannte sie einfach zu gut.

Sie sahen einander mehrere Sekunden lang in die Augen, und keine von ihnen wollte aussprechen, was sie beide wussten. Ohne wenigstens einen funktionierenden Hangar konnte kein Beiboot an der Ajax andocken, um die Besatzung von Bord zu bringen. Rettungskapseln führte der Schlachtkreuzer nur für gut die Hälfte seiner Besatzung mit. Es hatte keinen Sinn, mehr davon zu haben, denn nur die Hälfte aller Besatzungsmitglieder hatte Gefechtsstationen so dicht an der Außenhaut, dass ihnen eine Rettungskapsel im Notfall etwas nutzte.

Und die Flaggbrücke befand sich viel zu tief innerhalb des Rumpfes, um in diese Kategorie zu fallen.

»Mike, ich …«

Honor schien die Gewalt über ihre Stimme zu verlieren, und Michelle schüttelte rasch den Kopf.

»Sag es nicht«, bat sie fast sanft. »Wenn wir den Keil wiederhaben, können wir wahrscheinlich mit allem Versteck spielen, was groß genug ist, um uns zu vernichten. Wenn wir ihn nicht wieder in Gang bekommen, kommen wir nicht aus dem Sonnensystem. So einfach ist das, Honor. Und du weißt so gut wie ich, dass du nicht den Rest des Kampfverbands zurückhalten kannst, um uns zu schützen. Nicht wo Bandit-Drei nach wie vor aufschließt. Selbst wenn du nur für die halbe Stunde hier bleibst, in der wir versuchen zu reparieren, was zu reparieren ist, kommst du in ihre Reichweite, und deine Raketenabwehr ist keinen Furz mehr wert.«

Sie sah es Honor an den Augen an. Honor wollte widersprechen, protestieren. Doch sie konnte es nicht.

»Du hast recht«, sagte Honor leise. »Ich wünschte, es wäre anders, aber du hast recht.«

»Weiß ich.« Henkes Lippen zuckten wieder. »Und wir sind wenigstens in besserer Verfassung als die Necromancer«, stellte sie fest. »Aber ich glaube, bei ihr sind immerhin die Beiboothangars intakt.«

»Nun ja, das stimmt«, erwiderte Honor. »Das ist der große Unterschied. Rafe kümmert sich gerade um die Evakuierung ihrer Besatzung.«

»Nett von Rafe«, entgegnete Michelle.

»Weich nach Systemnorden aus«, befahl Honor. »Ich werde unsere Beschleunigung für knapp fünfzehn Minuten senken.«

Michelle wollte zu einem Widerspruch ansetzen, doch Honor schüttelte rasch den Kopf.

»Nur fünfzehn Minuten, Mike. Wenn wir dann auf Maximalschub gehen, passieren wir Bandit-Drei wenigstens achtzigtausend Kilometer außerhalb seiner Reichweite mit angetriebenen Raketen.«

»Das ist zu dicht, Honor!«, erwiderte Michelle scharf.

»Nein«, entgegnete Honor tonlos, »das ist es nicht, Admiral Henke. Und nicht nur, weil die Ajax dein Schiff ist. Es sind noch siebenhundertfünfzig andere Männer und Frauen an Bord.«

Michelle wollte erneut widersprechen, doch dann hielt sie inne, holte tief Luft und nickte. Es gefiel ihr noch immer nicht, sie vermutete, dass Honors Freundschaft ihr Urteilsvermögen trübte. Doch es war genauso möglich, dass eben diese Freundschaft ihr eigenes, Michelles, Urteilsvermögen beeinträchtigte, und Honor hatte völlig recht damit, wie viele Menschen an Bord der Ajax noch in Lebensgefahr schwebten.

»Wenn die Haveniten sehen, dass unsere Beschleunigung fällt, werden sie annehmen, dass die Imperator genügend schweren Impellerschaden erlitten hat, um den Rest des Kampfverbands zu verlangsamen, und danach handeln«, fuhr Honor fort. »Bandit-Drei sollte uns auf dieser Grundlage verfolgen. Wenn du den Heckimpellerring innerhalb der nächsten fünfundvierzig Minuten bis einer Stunde wieder in Gang bekommst, solltest du dich von Bandit-Zwo fernhalten können, und Bandit-Eins ist mittlerweile nur noch Schrott. Aber wenn du ihn nicht in Gang bekommst …«

»Wenn wir ihn nicht in Gang bekommen, können wir auch nicht in den Hyperraum«, unterbrach Michelle sie. »Ich glaube, das ist das Beste, was wir tun können, Honor. Danke.«

Honor presste die Lippen zusammen, aber sie nickte.

»Richte Beth meine besten Wünsche aus, für alle Fälle«, fügte Michelle hinzu.

»Das kannst du selber machen«, versetzte Honor.

»Mach ich auch«, entgegnete Michelle. Sanfter sagte sie: »Pass auf dich auf, Honor.«

»Gott segne dich, Mike«, antwortete Honor leise. »Ende.«

»Ma’am, Commander Horn möchte Sie sprechen«, sagte Lieutenant Kaminski. Commander Manfredi war ins Lazarett geschafft worden, und der Signaloffizier hatte Manfredis Aufgaben als Stabschef übernommen. Zwar war er längst nicht der ranghöchste Offizier des Stabes, der noch stehen konnte, aber seine Ressortaufgaben ließen ihm im Augenblick, unter den gegebenen Umständen, die meiste Zeit – und es war nicht so, als hätte Michelle weiterhin ein Geschwader, für das man einen Stabssignaloffizier benötigte.

»Danke, Al«, sagte sie und wandte sich rasch ihrem Combildschirm zu, als dort ein Gesicht erschien.

Commander Alexandra Horn war eine stämmige, grauäugige Frau mit kurz geschnittenem brünettem Haar. Sie hatte als Erster Offizier von HMS Ajax fungiert, bis der Tod Captain Diego Mikhailovs und sämtlicher Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften auf dem Kommandodeck es änderte: Nun war sie Kommandantin des Schiffes, und Henke sah hinter ihr die Ersatz-Kommandocrew im Hilfskontrollraum des Schlachtkreuzers. Er lag am der normalen Brücke entgegengesetzten Ende des Rumpfkerns der Ajax. Die Leute saßen über ihre Pulte gebeugt und arbeiteten hektisch.

»Ja, Alex?«

Horns Stimme war rau, die Wangen hohl vor Anspannung und Müdigkeit. »Admiral, ich glaube, es ist an der Zeit, jeden zu evakuieren, der Zugriff auf eine Rettungskapsel hat.«

Michelle spürte, wie ihre Miene zu einer Maske gerann, doch es gelang ihr, fast im Konversationston zu erwidern.

»Ist es also so schlimm?«

»Vielleicht ist es sogar schlimmer, Ma’am.« Horn rieb sich kurz die Augen, dann sah sie aus dem Display Michelle an. »Es sind einfach zu viele Trümmer im Weg. Gott allein weiß, wie alle vier Schienen noch arbeiten können, denn wir haben an wenigstens vier Stellen Lecks, die bis in den Raketenkern reichen. Vielleicht sind es auch sechs. Commander Tigh vermag noch immer nicht zu sagen, wo die Steuerleitungen unterbrochen sind, und schon gar nicht, wann er den Ring vielleicht wieder in Funktion setzen kann.«

Na, das ist doch eine ziemlich emphatische Antwort auf die große Zerbrechlichkeitsdebatte, oder, Mike?, fragte eine leise Stimme in Michelles Hinterkopf. Unter den gegebenen Umständen ist es ein Wunder, wieso wir nicht gleich zusammen mit der Patrocles und der Priamos hochgegangen sind. Wie hat Honor das noch ausgedrückt? »Mit Vorschlaghämmern bewaffnete Eierschalen«, oder? Natürlich sprach sie damals von LACs und nicht von Schlachtkreuzern, aber trotzdem …

Sie sah Horn an, während ihre Gedanken eilig den gleichen Logikbäumen folgten, die die Kommandantin bereits abgearbeitet haben musste. Lieutenant Commander William Tigh war der Leitende Ingenieur der Ajax, und Michelle wusste, dass er und seine Reparaturmannschaften im Moment auf der hektischen Suche nach dem Schaden, der die Alpha-Emitter von den Steuerleitungen abgetrennt hatte, einen Weg durch die Trümmer heckwärts des Mittschiffs stemmten, rammten und schnitten. Sie konnte nicht sagen, von Horns Vorschlag sonderlich überrascht zu sein, doch die Neuigkeit war ihr deshalb noch lange nicht willkommener.

Was Horn dachte, war unverkennbar. Sie konnten nicht zulassen, dass die Technik an Bord der Ajax den Haveniten in die Hände fiel. Haven hatte zu Beginn des Krieges genügend Exemplare manticoranischer Waffen und Elektronik erbeutet, doch die Systeme an Bord der Ajax und ihrer Schwesterschiffe waren allem, was damals aktuell gewesen war, weit überlegen. Die Allianz hatte bereits deutlich gespürt, wie rasch Haven alles, was es zu fassen bekam, zur Anwendung zu bringen verstand. Die Navy hatte die besten Sicherungssystem eingebaut, um sicherzustellen, dass so wenig Technik wie möglich zu analysieren war, wenn ein Schiff verloren ging, und so gut wie alle Molycircs konnten durch Eingabe der entsprechenden Befehlscodes augenblicklich gelöscht werden, doch keine Sicherungsmaßnahme war perfekt. Und wenn Tigh den Heckimpellerring nicht wieder zum Funktionieren brachte, ließ sich nur auf einem Weg verhindern, dass die Ajax und alles an Bord in havenitische Hände fiel.

»Was ist mit dem achteren Beiboothangar?«, fragte Michelle schließlich.

»Die Bosun ist noch immer mit dem Trümmerräumen beschäftigt, Ma’am. Im Moment sieht es so aus, als wäre das vergebliche Liebesmüh.«

Michelle nickte verständnisvoll. Master Chief Alice MaGuire war Bootsmann der Ajax, ihr ranghöchster Unteroffizier. Im Augenblick arbeiteten MaGuire und die ihr unterstellten Reparaturtrupps mit Höchsttempo daran, wenigstens einen Beiboothangar des Schlachtkreuzers wieder benutzbar zu machen. Solange das nicht gelang, ließ sich das Schiff nur in einer funktionstüchtigen Rettungskapsel verlassen.

Technisch lag die Entscheidung bei Horn, nicht bei Michelle. Der Commander war Kommandantin der Ajax, sie war für Schiff und Besatzung verantwortlich und nicht der Admiral, der sich zufällig gerade an Bord befand. Michelle glaubte allerdings keineswegs, dass Horn versuchte, die Last der Entscheidung auf sie abzuwälzen. Das hieß aber noch lange nicht, dass Horn nicht für jeden Rat dankbar gewesen wäre, den Michelle ihr vielleicht erteilen konnte.

»Angenommen, Sie setzen die Rettungskapseln aus, haben Sie dann noch genügend Mannstärke zum Weiterkämpfen?«, fragte sie ruhig.

»Ich fürchte, die Antwort auf diese Frage lautet ja, Ma’am«, sagte Horn bitter. »Wir verlieren unsere Ersatzbedienungsmannschaften an den Lafetten der Energiewaffen und Nahbereichsabwehrcluster, aber von unseren verbleibenden Lafetten ist im Augenblick sowieso keine einzige unter lokaler Steuerung. Und unsere Schienen sind davon überhaupt nicht betroffen. Innerhalb der gegebenen Grenzen hätten wir noch immer mehr Leute, als wir brauchen, um zu kämpfen.«

Michelle nickte erneut. Die Bedienungsmannschaften an den Lafetten erfüllten allein den Zweck, die Energiewaffen zu übernehmen, sollten sie von der zentralisierten Steuerung durch den Taktischen Offizier auf der Brücke abgeschnitten werden. Es bestand eine nur geringe Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendetwas ausrichten konnten – insbesondere gegen die Bedrohung, die sich der Ajax mit der fast doppelten augenblicklichen Beschleunigung des lahmenden Schlachtkreuzers näherte, seit Bandit-Zwo seine Verfolgung des übrigen Kampfverband eingestellt hatte. Die Hauptbewaffnung des Schiffes, seine Raketengondeln, befanden sich tief in seinem Kern. Die Männer und Frauen, die sie bedienten, waren zu tief innerhalb des Rumpfkerns, als dass irgendeine Rettungskapsel sie in Sicherheit bringen konnte.

Worauf es tatsächlich hinauslief, überlegte Michelle traurig, war die Tatsache, dass es selbst dann schon zu spät war, wenn es Tigh irgendwie gelang, den Heckring wieder in Gang zu setzen. Das Schiff war nicht mehr zu retten. Bandit-Zwo war zu nahe. Keine zwanzig Minuten, und die sechs modernen Superdreadnoughts wären auf Mehrstufenraketenreichweite herangekommen. Sobald das geschah, starb die Ajax, so oder so. Verhindern ließe es sich nur, indem man sich dem Feind ergab, und in dem Fall gelangte sämtliche unschätzbar wertvolle technische Informationen in Form funktionstüchtiger Aggregate in havenitische Hand.

Ich frage mich, ob Horn kaltblütig genug ist, um den Befehl zum Sprengen zu erteilen? Bringt sie es wirklich über sich, wo sie weiß, dass die Hälfte ihrer Besatzung mit ihr stirbt?

Dass kein Untersuchungsausschuss und kein Kriegsgericht Manticores sie je dafür verurteilen würde, ihr Schiff ehrenvoll übergeben zu haben, machte das Dilemma des Commanders nur noch schlimmer. Wenn sie nicht kapitulierte – wenn sie ihr eigenes Schiff vernichtete, mit so vielen Mitgliedern ihrer Besatzung an Bord –, dann würde ihr Name sogar zweifellos in den Schmutz gezogen von zahllosen Personen, die nicht dabei gewesenen waren, die sich nie der gleichen Entscheidung hatten stellen müssen.

Aber sie braucht es gar nicht zu entscheiden, dachte Michelle fast reglos. Wenn sie gegen derart große Feuerkraft zu kämpfen versucht, nehmen die Havies ihr die Entscheidung ab.

»Wenn Ihr Schiff dann noch gefechtstüchtig ist, Captain«, sagte sie in förmlichem Ton zu Horn, »stimme ich Ihrer Idee unter allen Umständen zu. Angesichts der taktischen Lage wäre es die richtige Entscheidung, so viele Besatzungsmitglieder wie möglich per Rettungskapsel vom Schiff zu evakuieren.«

»Danke, Ma’am«, sagte Horn leise. Es war ihre Entscheidung, aber ihre Dankbarkeit für Michelles Zustimmung ging tief, das war ihr anzusehen. Dann holte sie tief Luft. »Wenn Sie und Ihr Stab nun die Flaggbrücke räumen wollen, Ma’am, bleibt uns genügend Zeit -«

»Nein, Captain«, unterbrach Michelle sie ruhig. Horn sah sie an, und sie schüttelte den Kopf. »Die Kapseln werden vom zugeordneten Personal benutzt, beziehungsweise von den Besatzungsmitgliedern, die ihnen im Moment des Räumungsbefehls am nächsten sind«, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort.

Einen Augenblick lang glaubte sie, Horn würde Einwände erheben. Horn besaß sogar die nötige Autorität, um Michelle und ihrem Stab zu befehlen, das Schiff zu verlassen, und notfalls sogar Gewalt anzuwenden, um ihre Anordnung durchzusetzen. Doch als Michelle dem Commander in die Augen blickte, sah sie, dass Horn begriff. Wenn Michelle Henkes Flaggschiff vernichtet werden sollte, während Menschen an Bord waren, die es nicht verlassen konnten, dann würde Michelle Henke zu diesen Menschen gehören. Aus logischer Sicht war es sinnlos, doch das spielte keine Rolle.

»Ja, Ma’am«, sagte Horn und brachte fast ein Lächeln zustande. »Wenn Sie mich nun entschuldigen möchten, Admiral, ich habe Befehle zu erteilen.«

»Weitermachen, Captain. Ende.«

»Wissen Sie, Ma’am«, sagte Lieutenant Commander Stackpole, »mir ist zwar klar, dass wir ziemlich am Ende sind, aber ich würde wirklich gern zusehen, wie ein paar von denen mitgehen.«

Sein Ton klang geradezu launig, und Michelle fragte sich, ob ihm das klar war – oder ob er es ironisch meinte.

Ironie oder nicht, im Grunde stimmte sie ihm zu. Bandit-Zwo hatte seinen Versuch, den Rest des Kampfverbands zu verfolgen, nur so lange fortgesetzt, bis offensichtlich war, dass er die Imperator und die anderen Schiffe nicht einholen konnte. In diesem Moment hatte Bandit-Zwo – und zwar komplett – den Kurs geändert, um die Ajax zu verfolgen, die Kampfgruppe kam dabei auf einen Beschleunigungsvorteil von beinahe zweieinhalb Kilometern pro Sekundenquadrat. Durch die Schäden an dem manticoranischen Schlachtkreuzer und die Tatsache, dass Bandit-Zwo die Sehne des Kurses der Ajax hatte schneiden können, nachdem die Kampfgruppe die Verfolgung des übrigen Kampfverbands aufgegeben hatte, war es Bandit-Zwo gelungen, einen Geschwindigkeitsvorteil von mehr als zweitausend Kps aufzubauen. Mit solch einer Aufschließgeschwindigkeit und solch einem Beschleunigungsvorteil gegenüber einem Schiff, das selbst dann nicht in den Hyperraum entkommen konnte, wenn es ihm gelang, die Hypergrenze zu überschreiten, ehe es abgefangen wurde, konnte die Verfolgung nur zu einem einzigen Ende führen.

Maximalreichweite für havenitische Mehrstufenraketen lag knapp unter einundsechzig Millionen Kilometern, und der Abstand war bereits auf dreiundsechzig Millionen gefallen. Lange dauerte es nicht mehr, es sei denn …

»Ich frage mich gerade«, sagte Michelle, »wie nahe sie kommen wollen, ehe sie den Abzug drücken.«

»Nun, die Havies dürften wissen, dass unsere Schlachtkreuzer-Gondeln mit Typ 16 bestückt sind«, sagte Stackpole und blickte sie über die Schulter hinweg an. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie gern in unsere Reichweite kommen wollen!«

»An ihrer Stelle würde ich das wirklich nicht wollen«, stimmte Michelle ihm zu. »Trotzdem, ihre Daten über die Leistung der Typ 16 dürften ja doch ein bisschen lückenhaft sein. Ich weiß natürlich«, sie winkte ab, »dass wir sie schon benutzt haben, aber die äußerste Reichweite unter Antrieb haben wir bisher nur ein einziges Mal ausgenutzt, und zwar hier, innerhalb von Beschießungsplan Gamma, und darin hatten wir mittendrin eine ballistische Komponente eingebaut. Es ist durchaus möglich, dass Bandit-Zwo noch keine vollständige taktische Analyse erhalten hat.«

»Sie wollen sagen, dass sie vielleicht doch in unsere Reichweite kommen, Ma’am?« Stackpole klang wie ein Subalternoffizier, der sein Bestes versucht, um sich seine Zweifel nicht allzu offensichtlich anmerken zu lassen.

»Das ist durchaus möglich, nehme ich an«, sagte Michelle. Dann schnaubte sie. »Natürlich ist genauso möglich, dass ich nach Strohhalmen greife!«

»Nun, Ma’am«, sagte Stackpole, »ich will ja kein Spielverderber sein, aber mir fällt wenigstens ein verdammt guter Grund ein, warum sie tun, was sie tun.« Sie sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, und er zuckte mit den Schultern. »Wenn ich eine halbwegs vernünftige Vorstellung hätte, wo die maximale Reichweite unter Antrieb unserer Lenkwaffen liegt, würde ich mich an ihrer Stelle auf keinen Fall beeilen. Ich würde versuchen, so dicht wie möglich heranzukommen und trotzdem außerhalb unserer Reichweite zu bleiben, ehe ich feuerte. Wenn wir natürlich anfangen würden, sie auf größere Entfernung anzugreifen, mit einer ballistischen Flugphase, dann würde ich mich mit dem Zurückschießen wahrscheinlich sehr beeilen.«

»Ich verstehe«, sagte Michelle.

Sie lächelte mit zusammengepressten Lippen, dann kippte sie mit dem Kommandosessel zurück. Im Grunde war es bemerkenswert, dachte sie. Was immer die Havies vorhatten, sie würde irgendwann im Laufe der nächsten Stunde sterben, und dennoch fühlte sie sich eigentlich ruhig. Dem Tode ergeben hatte sie sich noch nicht, sie wollte nicht sterben – irgendwo tief in ihr wehrte irgendein Überlebenszentrum den Gedanken vielleicht noch immer ab –, und doch wusste ihr Großhirn, was geschehen würde. Dennoch war ihr Verstand klar, erfüllt von einer Art bittersüßer Gelassenheit. Es gab so vieles, was sie sich vorgenommen hatte und was sie nun nie mehr tun könnte, und dafür empfand sie tiefes Bedauern. Für die anderen Männer und Frauen, die mit ihr an Bord der Ajax in der Falle saßen, empfand sie jedoch eine tiefere, dunklere Trauer. Dennoch, dieses Ende hatte sie an dem Tag als möglich akzeptiert, als sie in die Akademie eintrat, an dem Tag, an dem sie ihren Eid als Offizier der Royal Manticoran Navy ablegte. Sie konnte nicht so tun, als hätte sie nicht gewusst, dass er kommen konnte, und wenn sie sterben musste, hätte es in keiner besseren Gesellschaft geschehen können als der Besatzung von HMS Ajax.

Sie dachte an die Männer und Frauen, die in den verbliebenen brauchbaren Rettungskapseln des Schlachtkreuzers geflohen waren, und fragte sich, was sie dachten, während sie darauf warteten, vom Feind geborgen zu werden. Früher einmal war man bei der manticoranischen Navy nicht allzu sicher gewesen, ob havenitische Schiffe sich nach einem Gefecht tatsächlich mit Raumnotrettung aufhielten. Heute bezweifelte auf beiden Seiten niemand, dass der Sieger nach jedem Gefecht sein Bestes geben würde, um so viele Überlebende beider Seiten wie möglich zu bergen, und das trotz des Überraschungsangriffs, mit dem die Republik die Feindseligkeiten erneuert hatte.

Also hat es wenigstens doch ein bisschen Fortschritt gegeben, sagte sie sich sarkastisch. Dann riss sie sich innerlich zusammen. Das Letzte, was sie in einem Moment wie diesem tun sollte, war etwas anderes als Dankbarkeit zu empfinden, dass die Leute, die Commander Horn von der Ajax hatte schaffen können, überleben würden!

Seit Basilisk Station und Hancock Eins ist wirklich viel passiert, sagte sie sich. Ja, sogar …

»John.« Sie stellte den Kommandosessel wieder aufrecht und drehte ihn zum Operationsoffizier herum.

»Jawohl, Ma’am?« Etwas in ihrer Stimme veranlasste ihn, mit dem eigenen Sessel zu ihr herumzufahren und ihr ins Gesicht zu sehen.

»Die Havies sind doch jetzt damit fertig, Anleihen bei Ihrer Hoheit Taktik von Sidemore zu machen, oder?«

»So kann man es ausdrücken«, stimmte Stackpole zu. Er kniff die Augen zusammen.

»Na dann«, sagte Michelle mit einem Haifischlächeln, »finde ich es an der Zeit, dass zur Abwechslung einmal wir Anleihen bei ihrer Taktik aus der Ersten Schlacht von Hancock Station machen. Wollen wir die Idee ein paar Minuten lang mit Commander Horn durchgehen? Schließlich« – ihr Lächeln wurde noch dünner – »ist es nicht so, als hätten wir Besseres zu tun, oder?«

»Gefällt mir gut, Hoheit«, sagte Alexandra Horn grimmig auf Michelles Combildschirm.

»Nach unseren besten Daten«, sagte Michelle, »haben wir noch etwa dreihundert Gondeln auf den Schienen.«

»Dreihundertsechs, Admiral«, korrigierte Commander Dwayne Harrison aus dem Hintergrund, der in dem Augenblick Taktischer Offizier der Ajax geworden war, in dem Horn zur Kommandantin des Schlachtkreuzers aufstieg.

»Knapp über zwölf Minuten brauchen wir, um sie alle rauszurollen.«

»Jawohl, Ma’am«, stimmte Horn zu. »Benutzen wir ihre Traktorstrahler, um sie am Rumpf zu verankern, bis wir sie alle auf einmal aussetzen?«

»Genau. Und wenn wir das tun wollen, dann sollten wir lieber bald anfangen.«

»Das meine ich auch.« Horn runzelte einen Augenblick lang die Stirn, dann verzog sie das Gesicht. »Ich habe im Moment zu viele andere Sachen zu tun, Admiral. Ich glaube, Sie und Commander Stackpole sollten das zusammen mit Dwayne übernehmen, während ich mich um die Reparaturtrupps kümmere.«

»Dem stimme ich zu, Alex.« Michelle nickte nachdrücklich, auch wenn Horn genauso gut wie sie wusste, dass alle Reparaturen in der Welt keinen großen Unterschied ausmachen würden. Master Chief MaGuire und ihre Reparaturtrupps schindeten sich noch immer, um wenigstens einen Hangar zu klarieren, aber nach der letzten Schätzung der Bosun würde es noch wenigstens eine Stunde dauern, wahrscheinlich zumindest ein bisschen länger. Es war … unwahrscheinlich, dass die Ajax diese Stunde hätte.

»Verstanden, Ma’am.« Horn erwiderte das Nicken. »Ende«, sagte sie, und auf Michelles und Stackpoles Combildschirmen trat Harrisons Gesicht an ihre Stelle.

Die erbitterte Verfolgungsjagd näherte sich ihrem unausweichlichen Ende. Der Gedanke verwandelte Michelle Henkes Bauch in einen gewaltigen Eisenklumpen, und fast wurde ihr schwindlig. Angst herrschte natürlich vor in ihren Gefühlen – schließlich war sie nicht wahnsinnig. Aber trotzdem hielten Erregung und eine seltsame Vorfreude sie beinahe so fest gepackt wie die Furcht vor dem eigenen Tod.

Wenn das der letzte Schuss ist, den ich je abgebe, dann wird er wenigstens ein Prachtexemplar, sagte sie sich angespannt. Und wie es aussieht, erlebe ich sogar noch, wie das Feuerwerk losgeht. Kaum zu glauben.

Im Laufe der letzten siebenundvierzig Minuten war nur allzu deutlich geworden, wie genau Stackpole die Absichten des havenitischen Kommandeurs eingeschätzt hatte. Denn seit siebenundvierzig Minuten befand sich Bandit-Zwo auf eigener äußerster Raketenreichweite zur Ajax, aber der Feind hatte es eindeutig nicht eilig, den Feuerknopf zu drücken.

Und das hat auch seinen Grund, dachte Michelle. Die Haveniten besaßen jeden erdenklichen Vorteil – Schiffszahl, Beschleunigung, Feuerkraft, Antiraketenwerfer und Lasercluster, Raketenreichweite –, und nutzten ihn unbarmherzig. Michelle war, wenn sie ehrlich sein sollte, ein wenig überrascht, dass der Feind der Versuchung widerstanden hatte, früher zu feuern, doch sie begriff durchaus seinen Gedankengang. Wie Stackpole vermutet hatte, würden die havenitischen Schiffe zu einem Abstand aufschließen, auf den die Ajax sie mit manövrierfähigen Typ-16-Raketen gerade noch nicht erreichen konnte, und dann das Feuer eröffnen. Oder vielleicht zuvor die Ajax zum Streichen des Keils auffordern, denn für den Schlachtkreuzer wäre die Lage aussichtslos. Selbst für manticoranische Lenkwaffen hätte ohnehin eine Wahrscheinlichkeit von etwa Null bestanden, in Salven, wie ein einzelner Agamemnon sie feuern und leiten konnte, die Raketenabwehr von Bandit-Zwo zu durchdringen. Und wenn die Salve auch noch eine Phase des freien Falls durchlaufen musste, sank die Wahrscheinlichkeit noch weiter. Dahingegen mochte die Ajax über eine noch so gute Raketenabwehr verfügen, sie war und blieb ein einzelner Schlachtkreuzer, der sich zudem dreißig Millionen Kilometer innerhalb der Höchstreichweite von Bandit-Zwo befand. Die lichtgeschwindigkeitsbedingte Kommunikationsverzögerung wäre weit geringer, was sowohl die Feuerleitung des Gegners verbesserte als auch seine Fähigkeit, die überlegene manticoranische Eloka auszugleichen.

Natürlich könnten sich in dieser taktischen Situation dennoch ein paar kleine Hindernisse verbergen, nicht wahr?, dachte Michelle.

Erneut wandte sie sich mit dem Kommandosessel Stackpole zu. Ihr Operationsoffizier hatte die Schultern zusammengezogen, und seine Aufmerksamkeit galt ganz seinem Display. Michelle lächelte ihn mit bittersüßem Bedauern an. Er und Harrison hatten Michelles Ideen rasch und effizient umgesetzt. Jetzt …

Michelles Com piepte leise. Bei dem Geräusch erschrak sie und zuckte zusammen, dann drückte sie den Annahmeknopf. Auf dem Display erschien Alexandra Horn. Diesmal lag ein ganz anderer Ausdruck in den grauen Augen des Commanders. Sie leuchteten förmlich, und sie grinste Michelle breit an.

»Master Chief MaGuire hat den Heckhangar klariert, Ma’am!«, verkündete sie, ehe ihr Admiral etwas sagen konnte, und Michelle richtete sich auf. Die Bosun und die Arbeitstrupps hatten heldenhaft geschuftet, doch nach so langer Zeit hatte Michelle – wie gewiss jeder an Bord der Ajax – angenommen, dass MaGuires Leute schlichtweg keinerlei Aussicht auf Erfolg mehr hätten.

Michelles Augen schossen zu dem Countdown in der Ecke ihres taktischen Plots, der beständig hinunterzählte, und dann wieder zu Horn.

»Wenn das so ist, bringen Sie ab sofort Ihre Leute von Bord, Alex. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass die andere Seite uns in etwa sieben Minuten gar nicht mehr leiden kann.«

Niemand an Bord der Ajax wäre auf Michelles Hinweis angewiesen gewesen.

Der Abstand zwischen dem Schlachtkreuzer und seinen übermächtigen Gegnern betrug 48 600 000 Kilometer, sodass die Ajax sich tief innerhalb der havenitischen Lenkwaffenreichweite befand. Ohne Zweifel hatten die Lenkwaffen-Superdreadnoughts achteraus bereits etliche Sätze Raketengondeln ausgesetzt und mit Traktorstrahlen innerhalb der Impellerkeile an den Rümpfen verankert, wo sie die Beschleunigung nicht beeinträchtigten. Der havenitische Kommandeur betrachtete ohne Zweifel aufmerksam seine taktischen Displays und wartete auf das erste Anzeichen dafür, dass die Ajax nicht mehr stillhielt und einen Raketenangriff auf äußerste Reichweite versuchte. Wenn er dergleichen beobachtete, würde er sofort die eigenen Gondeln absetzen. Und wenn nicht, begänne der Angriff wahrscheinlich ohnehin innerhalb der nächsten zehn bis zwölf Minuten.

Beiboote starteten aus dem Hangar, den Master Chief MaGuire und ihre Leute – irgendwie – wieder betriebsbereit gemacht hatten. Die schlechte Neuigkeit war, dass nicht allzu viele Beiboote zur Verfügung standen. Immerhin befanden sich nur noch dreihundert Besatzungsmitglieder an Bord des Schlachtkreuzers. Natürlich brauchten einige von ihnen ein wenig länger, um den Hangar zu erreichen, als andere.

»Admiral«, drang eine Stimme aus Michelle Henkes Com, »es ist Zeit, dass Sie aufbrechen.«

Die Stimme gehörte Commander Horn. Michelle blickte auf das Display und schüttelte den Kopf.

»Das denke ich nicht, Alex«, erwiderte sie. »Ich bin gerade ein wenig beschäftigt.«

»Quatsch.« Als Michelle das einzelne, knappe Wort hörte, riss sie den Kopf herum, und Horn sah sie mit ernstem Gesicht an. »Sie haben hier überhaupt nichts zu tun, Admiral. Nicht mehr. Also runter von meinem Schiff – und zwar sofort!«

»Ich denke nicht -«, begann Michelle erneut, doch Horn schnitt ihr das Wort ab.

»Das ist richtig, Ma’am. Sie denken nicht. Sicher, es war Ihre Idee, aber auf der Flaggbrücke haben Sie nicht einmal eine taktische Datenverbindung zu den Gondeln. Das heißt, es bleibt an mir und Dwayne hängen, und das wissen Sie auch. Jetzt noch zurückzubleiben ist nicht Ihre Aufgabe, Admiral. Und es hat nichts mehr zu tun mit Mut oder Feigheit.«

Michelle starrte sie an und wollte Einwände erheben. Doch das konnte sie nicht – jedenfalls nicht logisch. Nicht mit Vernunft. Ihr Bedürfnis, bis zum Ende an Bord der Ajax zu bleiben, hatte nur wenig mit Logik oder Vernunft zu tun. Ihr Blick maß sich mit dem Blick der Frau, die ihr letztendlich befahl, sie und ihren Taktischen Offizier dem sicheren Tod zu überlassen. Dadurch, dass bis vor Kurzem niemand erwartet hatte, eine Gelegenheit zur Flucht zu erhalten, schnitt ihr Schuldgefühl nur noch tiefer.

»Das kann ich nicht«, sagte sie leise.

»Seien Sie nicht dumm, Ma’am!«, rief Horn scharf. Dann wurde ihre Miene weich. »Ich weiß, was in Ihnen vorgeht«, sagte sie, »aber vergessen Sie es. Ich glaube sowieso nicht, dass Dwayne oder ich rechtzeitig den Hangar erreichen würden. Aber das ändert nichts an dem, was ich gerade sagte. Außerdem ist es Ihre Pflicht, das Schiff zu verlassen, wenn Sie es können, und sich für mich um meine Leute zu kümmern.«

Michelle hatte den Mund wieder geöffnet, doch als sie Horns letzte neun Wörter hörte, schloss sie ihn wieder. Mit brennenden Augen sah sie der älteren Frau offen ins Gesicht, dann atmete sie tief durch.

»Sie haben recht, Alex«, sagte sie leise. »Ich wünschte, es wäre anders.«

»Mir geht es genauso.« Horn brachte ein Lächeln hervor. »Leider habe ich recht. Gehen Sie jetzt. Das ist ein Befehl, Admiral.«

»Aye, aye, Captain.« Das Lächeln, mit dem Michelle reagierte, geriet ziemlich schief, und sie wusste es. »Gottes Segen, Alex.«

»Ihnen auch, Ma’am.«

Der Combildschirm wurde dunkel, und Michelle sah ihre Stabsoffiziere und deren Assistenten an.

»Ihr habt den Captain gehört, Leute!«, rief sie, und ihre rauchige Altstimme klang grell und rau zugleich. »Gehen wir!«

Bandit-Zwo jagte HMS Ajax weiter hinterher. Auf solch große Entfernung genügte die Auflösung havenitischer Sensoren kaum, um eine kleine Impellerquelle wie eine Pinasse oder einen Kutter zu erfassen. Für die ferngesteuerten Ortungssatelliten, die die Kampfgruppe vorgeschickt hatte, sah das schon anders aus. Sie waren zwar nicht so leistungsfähig und haltbar wie ihre manticoranischen Gegenstücke, aber sie hatten in der letzten halben Stunde die Ajax genau beobachtet. Sie waren dicht genug, um nicht nur die Impellerkeile der Beiboote zu orten, sondern auch um zu bestätigen, dass es sich in der Tat um Beiboote handelte und nicht um Raketengondeln.

»Sie verlassen das Schiff, Sir.«

Admiral Pierre Redmont wandte sich seinem Operationsoffizier zu, eine Augenbraue hochgezogen.

»Eindeutig, Sir«, sagte dieser.

»Verdammt.« Der Admiral verzog das Gesicht, als hätte er gerade in etwas Saures gebissen, doch vermochte er keine Überraschung vorzuspiegeln. Überraschend war unter den gegebenen Umständen nur, dass die Mantys so lange gewartet hatten. Offensichtlich hatten sie doch nicht die Absicht, ihm das Schiff intakt in die Hände fallen zu lassen. Sie brachten die Besatzung von Bord, ehe sie es sprengten.

»Wir könnten ihnen befehlen, nicht von Bord zu gehen, Sir«, sagte der Operationsoffizier ruhig. Redmont sah ihn scharf an, und der zuckte die Achseln. »Sie sind tief innerhalb unserer Reichweite.«

»Ja, das sind sie, Commander«, erwiderte der Admiral ein wenig gereizt. »Und sie schießen nicht auf uns. Genauer gesagt können sie von dort gar nicht auf uns schießen – jedenfalls müssten wir keinen Schweißtropfen vergießen, wenn sie es täten. Was meinen Sie wohl, wie Admiral Giscard – oder noch schlimmer, Admiral Theisman – reagieren würde, wenn ich das Feuer auf ein Schiff eröffnete, das nicht zurückschießen kann, nur um die Besatzung am Vonbordgehen zu hindern?«

»Nicht sehr gut, Sir«, räumte der Commander ein. Dann schüttelte er mit schiefem Lächeln den Kopf. »Das war wohl keiner meiner besseren Vorschläge, Admiral.«

»Nein, war es nicht«, stimmte Redmont ihm zu, doch sein kurzes Lächeln entschärfte den Tadel fast völlig, und er wandte sich wieder seinen eigenen Displays zu.

Michelle Henke und ihr Stab hasteten durch den Gang zu den Liftröhren. Der Gang war bereits leer, Luken standen offen. Das Schiff lief fast ausschließlich ferngesteuert, während die überlebenden Besatzungsmitglieder zum klarierten Beiboothangar eilten.

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