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HONOR HARRINGTON: Der Stolz der Flotte

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. PROLOG
  7. BUCH EINS
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  1. BUCH ZWEI
  2. 8
  3. 9
  4. 10
  5. 11
  6. 12
  7. 13
  8. 14
  1. BUCH DREI
  2. 15
  3. 16
  4. 17
  5. 18
  6. 19
  7. 20
  8. 21
  1. BUCH VIER
  2. 22
  3. 23
  4. 24
  5. 25
  6. 26
  7. 27
  1. BUCH FÜNF
  2. 28
  3. 29
  4. 30
  5. 31
  6. 32
  7. 33
  8. 34
  9. 35
  10. 36
  11. 37
  12. 38
  1. BUCH SECHS
  2. 39
  3. 40
  4. 41
  5. 42
  6. 43
  7. 44
  8. 45
  9. 46
  10. 47
  11. 48
  12. 49
  1. EPILOG
  2. Personen der Handlung
  3. Glossar und Anmerkungen
  4. Fußnote

Über den Autor

David Weber ist ein Phänomen: Ungeheuer produktiv (er hat zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Romane geschrieben), erlangte er Popularität mit der HONOR-HARRINGTON-Reihe, die inzwischen nicht nur in den USA zu den bestverkauften SF-Serien zählt. David Weber wird gerne mit C. S. Forester verglichen, aber auch mit Autoren wie Heinlein und Asimov. Er lebt heute mit seiner Familie in South Carolina.

An dieser Stelle möchte ich
Dr. Mark Newman,
Arzt für Geburtshilfe und Frauenheilkunde,
meinen Dank aussprechen.
Den Grund dafür werden Sie bald begreifen.

PROLOG

In dem luxuriösen Zimmer war es still geworden, und kaum jemand rührte sich noch. Vier Menschen und dreizehn Baumkatzen, vier davon halbwüchsige Junge, saßen schweigend beisammen, ohne die Augen von der Holo-Drama-Bühne zu nehmen, die nichts außer einem lautlos wirbelnden, beruhigenden Testbild zeigte. Allein die Baumkatze, die Miranda LaFollet eng umschlungen auf ihrem Schoß hielt, zuckte langsam und rhythmisch mit der Schweifspitze, und die Baumkatze namens Samantha suchte ihre Tochter Andromeda durch sanftes Streicheln mit der Echthand zu trösten. Von den vier ’Kätzchen war Andromeda am unruhigsten, doch auch die anderen drei verrieten Beklommenheit: Sie hatten sich mit halb zurückgelegten Ohren eng um die Mutter geschart. Ihre emphatischen Sinne vermittelten ihnen nur zu deutlich die aufgewühlten Gefühle der anwesenden Erwachsenen – ob Mensch oder Baumkatze -, und doch waren sie noch zu jung, um den Grund zu begreifen, weshalb die Älteren angespannt und mit zusammengebissenen Zähnen auf das HD-Gerät starrten.

Allison Harrington löste die Augen vom stummen Holodisplay und betrachtete nicht zum ersten Mal das Profil ihres Ehemanns. Kerzengerade aufgerichtet wie ein Steinblock, stierte Alfred Harrington ins Leere; sein Gesicht wirkte abgezehrt. Allison bedurfte keines emphatischen Sinnes, um seine qualvolle Trauer zu spüren, denn sie empfand das Gleiche. Alfred weigerte sich jedoch, den Schmerz einzugestehen – das hatte er gleich zu Anfang abgelehnt -, als könnte er der Pein die Wirklichkeit nehmen, indem er sie abstritt oder im einsamen Seelenkampf unterdrückte. Dabei war er eigentlich zu gescheit, um sich solchen Illusionen hinzugeben. Als Arzt musste er wissen, was ihm bevorstand, und sei es nur, weil er Patienten beobachtet hatte, die solchen Dämonen allein gegenübertreten mussten. Im Kopf war ihm all dies durchaus klar, nicht aber im Herzen, und selbst jetzt noch weigerte er sich, den Blick vom HD-Gerät abzuwenden. Allison drückte seine große Hand fester; sie hatte sie vorher fast gewaltsam an sich gerissen, als er neben ihr Platz nahm. Seine Miene wirkte wie aus sphinxianischem Granit geschlagen, und Allison zwang sich, wieder woandershin zu schauen.

Geradezu ungehörig hell kam ihr der Sonnenschein vor, der durch das Fenster hereinstrahlte, obwohl er durch zwei Kuppeln doppelt gedämpft wurde: zuerst durch die große, die sich über Harrington City wölbte, dann durch die kleinere, die Harrington House schützte. Draußen sollte es Nacht sein, dachte Allison. Schwärzeste Nacht, Spiegelbild der Finsternis in meiner Seele. Sie schlug die Augen nieder.

Senior Master Chief Steward’s Mate James MacGuiness, der sie beobachtete, biss sich auf die Lippe. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als eine Brücke zu ihr schlagen zu können, so wie sie ihm symbolisch die Hand gereicht hatte, indem sie ihn bat, diesen schrecklichen Tag zusammen ›mit Ihrer Familie‹ zu verbringen, wie sie sich ausgedrückt hatte. Nur wusste MacGuiness einfach nicht, was er unternehmen sollte. Er atmete tief durch, und seine Nasenflügel bebten. Da spürte er, wie ein weiches, warmes Gewicht auf seinem Schoß landete, und blickte hinab auf Hera, die ihm beide Handpfoten auf die Brust stellte, eine Echthand hob und ihn sanft im Gesicht berührte. Die hellen grünen Augen der ’Katz suchten so gütig und teilnahmsvoll seinen Blick, dass MacGuiness die Augen brannten. Dankbar über ihr tröstendes Baumkatzenlied, streichelte er ihr das Fell.

Das HoloDrama gab einen leisen Ton von sich, und jeder im Raum, ob Mensch oder Baumkatze, blickte unvermittelt zum Gerät. Im Gegensatz zu den meisten Bewohnern des Planeten Grayson wussten alle Anwesenden, wovon die bevorstehende Sondersendung berichten würde; ebenso jeder, der sich zur gleichen Zeit in einem ganz bestimmten Gelass des Protectorenpalasts befand. Aus Anstand hatte der Regionalchef des Interstellar News Service die unmittelbar Betroffenen vorgewarnt. Nun war es allerdings nicht etwa so, dass die meisten Graysons nicht wenigstens geahnt hätten, was sie erfahren sollten. Die Tage, in denen sich Neuigkeiten augenblicklich verbreiteten, lagen ebenso weit zurück wie die Zeit, in der die Menschheit nur einen einzigen Planeten bewohnte; zwischen den Sternen bewegte sich Information nicht schneller als die Schiffe, die sie übermittelten. Die Menschen hatten sich mittlerweile längst wieder daran gewöhnt, Neuigkeiten so zu verarbeiten, wie sie eintrafen, ob nun als unverdauliche Bruchstücke oder als Gerüchte, die noch bestätigt werden mussten – und diese Geschichte hatte zu viele ›Sonderberichte‹ in die Welt gesetzt und zu viel Spekulation geweckt, als dass die Graysons keinen Verdacht gehegt hätten.

Das HD zirpte, dann erschien die Vorbemerkung zu einer Sendung; mit akribischer Genauigkeit bildete sich ein Buchstabe nach dem anderen. Der folgende Sonderbericht enthält gewalttätige Szenen, die möglicherweise nicht für alle Zuschauer geeignet sind. INS stellt es dem Ermessen des Publikums anheim, die fraglichen Bilder zu betrachten, lautete der Kommentar und verwandelte sich in eine Zeit- und Datumsangabe: 23.31.05 Uhr GMT, 24.1.1912 PD. Vor einem langsam rotierenden Senderlogo des INS schwebten die Ziffern gut zehn Sekunden lang im Hologramm und verkündeten, dass man etwas zu sehen bekäme, das fast einen ganzen T-Monat zuvor aufgezeichnet worden war. Dann verschwanden die Ziffern, und an ihrer Stelle erschien das vertraute Gesicht von Joan Huertes, der INS-Korrespondentin im Haven-System.

»Guten Abend«, sagte sie mit ernstem Gesicht. »Wir berichten Ihnen aus der INS-Zentrale Nouveau Paris in der Volksrepublik Haven, wo heute Nachmittag der Zweite Stellvertretende Direktor für Öffentliche Information Leonard Boardman im Namen des Komitees für Öffentliche Sicherheit folgende Verlautbarung verlas.«

Nun verschwand Huertes, und das Abbild eines Mannes mit schütterem Haar erschien. Das schmale Gesicht wollte nicht recht zu seinem dicklichen Körper passen, und seine weich dreinblickenden Augen standen in scharfem Kontrast zu den tiefen Linien in seinem Gesicht, Linien, wie ein Mann sie erhält, der ein sorgenvolles Leben führt. Dennoch wirkte er sehr beherrscht, als er die Hände über dem Rednerpodium faltete und über den geräumigen, behaglich möblierten Konferenzraum blickte, der mit Reportern und HD-Kameras voll gestopft war. Während der übliche Schwall laut gestellter Fragen auf ihn einstürmte, von denen ohnehin jeder wusste, dass sie unbeantwortet bleiben würden, stand er ruhig da; dann hob er gebieterisch die Hand, auf dass Ruhe einkehre. Allmählich ließ der Lärmpegel nach, und Boardman räusperte sich.

»Heute Nachmittag beantworte ich keine Fragen, Bürgerinnen und Bürger«, sprach er die versammelten Journalisten an. »Ich habe vielmehr eine vorbereitete Erklärung mitgebracht, und nach Ende der Verlesung werden Sie alle dazugehörige HD-Chips erhalten.«

Unter den Reportern erhob sich ein Beinahe-Murmeln der Enttäuschung, doch schien niemand überrascht zu sein. Offenbar hatte man nichts anderes erwartet – und alle wussten aus offiziell veranlassten ›undichten Stellen‹ bereits, worum es in der Verlautbarung ging.

»Wie unser Amt bereits früher bekannt gab«, begann Boardman in monotonem Tonfall – augenscheinlich las er von einem Holoprompter ab, den niemand sonst sehen konnte -, »wurde die verurteilte Mörderin Honor Harrington vor vier T-Monaten, am 23. Oktober 1911 P.D., von volksrepublikanischen Streitkräften festgenommen. Bereits damals konnte das Amt für Öffentliche Information erklären, dass das Komitee für Öffentliche Sicherheit entschlossen sei, mit aller Härte des Gesetzes gegen die Gefangene vorzugehen. Die vom Gesetz festgelegten Grenzen wollte man im Zuge dessen nicht überschreiten. Obwohl die dünkelhaften, monarchistischen Plutokraten des Sternenkönigreichs von Manticore und die Marionettenregierungen der so genannten ›Manticoranischen Allianz‹ die Volksrepublik Haven mit einem unprovozierten Angriffskrieg überziehen, hat Haven von Beginn der Feindseligkeiten an die Deneber Übereinkünfte stets eingehalten. Schließlich ist es nicht die Schuld der Soldaten, dass die plutokratischen Herren eines korrupten und unterdrückerischen Regimes ihnen den Angriff befehlen, auch wenn das bedeutet, mit nackter Gewalt gegen die Bürger und Planeten einer Sternnation vorzugehen, die nur in Frieden zu leben wünscht und allen anderen Nationen das Gleiche ermöglichen möchte.

Dass Harrington zum Zeitpunkt ihrer Festnahme als Offizier in den Raumstreitkräften des Sternenkönigreichs diente, verkomplizierte die bereits alles andere als einfache Situation erheblich. Angesichts der wiederholten Behauptung, sie sei nach den Deneber Übereinkünften durch ihr Offizierspatent in der manticoranischen Navy vor Strafverfolgung ihres länger zurückliegenden Verbrechens geschützt und habe Anspruch auf den Status einer Kriegsgefangenen, beschloss die Volksregierung, nicht vorschnell zu handeln, und bat das Oberste Tribunal der Volksgerichtsbehörde, über die Besonderheiten dieses Falles zu beraten – über den scheinbaren Widerstreit zwischen Schuldspruch und den Übereinkünften. Man wollte sicherstellen, dass alle Rechte der Festgenommenen aufs Genauste Beachtung finden.

Nach sorgfältiger Erwägung gelangte das Oberste Tribunal zu der Auffassung, dass der Artikel Einundvierzig der Deneber Übereinkünfte, der Kombattanten vor Strafverfolgung schützt, auf Harrington nicht anzuwenden ist, weil sie bei Ausbruch der Feindseligkeiten bereits von einem zivilen Gericht rechtskräftig verurteilt gewesen war. Entsprechend ordnete das Oberste Tribunal an, Harrington als zivile Strafgefangene dem Amt für Systemsicherheit zu übergeben, und nicht der Volksflotte als Kriegsgefangene, Volksrichterin Theresa Mahoney kommentiert das einstimmige Urteil des Tribunals folgendermaßen …« – Boardman las laut vom Prompter ab: »›Diese Entscheidung fiel uns nicht leicht. Während sowohl Strafrecht als auch der Artikel Einundvierzig sehr klar und eindeutig sind, wird kein Gericht einen Präzedenzfall schaffen wollen, der unsere Bürger in Uniform in Gefahr bringen könnte, sollte sich der Feind im Namen der gegenseitigen Vergeltung‹ an ihnen rächen wollen. Dennoch sieht dieses Gericht keine andere Möglichkeit, als die Gefangene der zivilen Strafverfolgung und deren rechtlichen Notwendigkeiten zu unterwerfen. In Anbetracht der besonderen Begleitumstände dieses Falles und eingedenk der Sorge um mögliche Vergeltungsakte von feindlicher Seite ersucht das Tribunal respektvoll das Komitee für Öffentliche Sicherheit als Repräsentant des Volkes um Gnade. Dieses Gesuch ergeht nicht etwa, weil das Tribunal der Meinung ist, die Verurteilte hätte Gnade verdient, sondern entspringt tiefer, ernster und drängender Sorge um die Sicherheit derjenigen Bürger der Volksrepublik, die sich gegenwärtig in der Hand der Manticoranischen Allianz befinden.‹«

Er legte das Blatt beiseite und faltete wieder die Hände.

»Das Komitee und besonders der Bürger Vorsitzender Pierre erwogen die Meinung des Tribunals und seine Empfehlung mit großer Sorgfalt«, fuhr er feierlich fort. »Obwohl das Volk es stets vorzieht, Gnade zu erweisen, sind die Erfordernisse des Rechts in diesem Fall außerordentlich eindeutig. Darüber hinaus kann es sich die Regierung des Volkes ungeachtet dessen, wie viel Gnade das Volk gern gewähren würde, nicht erlauben, gegenüber den Feinden des Volkes auch nur die geringste Schwäche zu zeigen, während das Volk gleichzeitig ums Überleben kämpft. Unter Berücksichtigung dessen und in Anbetracht der Ruchlosigkeit des Verbrechens, das Harrington beging – des kaltblütigen und vorsätzlichen Mordes an der gesamten Besatzung des Handelsfrachters VHFS Sirius -, war es unmöglich, die Strafe zu mindern, die nach der Verhandlung vom zuständigen Gericht verhängt worden war. Daher hat Bürger Vorsitzender Pierre es abgelehnt, sein Recht auf Strafnachlass auszuüben. Infolgedessen wurde Harrington den zuständigen Behörden von Camp Charon im Cerberus-System übergeben. Heute, am Morgen des 24. Januar um sieben Uhr zwanzig GMT, erhielt die Republikhauptzentrale des Amts für Systemsicherheit in Nouveau Paris von Camp Charon die Bestätigung, dass das Urteil wie angeordnet vollstreckt worden ist.«

In dem stillen, sonnendurchfluteten Raum keuchte jemand auf. Allison konnte nicht genau sagen, wer; vielleicht war sie es sogar selbst gewesen. Wie Krallen schloss sie die Finger um die Hand ihres Mannes, der trotzdem mit keiner Wimper zuckte. Der Schock erschien gedämpft, als hätte die lange bange Erwartung ihn in Narbengewebe gehüllt, das die Nerven abstumpfte. Weder sie noch jemand anderes im Raum konnte die Augen vom HD nehmen. Ein entsetzlicher Zauber ging von dem Gerät aus. Sie alle wussten, was sie sehen würden, und doch wäre es jedem wie Verrat vorgekommen, den Blick abzuwenden. Ganz gleich, wie irrational es sein mochte, sich diesem Zwang zu unterwerfen, sie mussten hier ausharren, und die Forderungen des Herzens bedurften keiner logischen Begründung.

Auch auf dem HD herrschte völliges Schweigen im Konferenzraum, wahrend Boardman eine dramatische Pause einlegte. Schließlich blickte er grimmig direkt in die Kamera und sprach mit sehr kühler Stimme weiter:

»Die Volksrepublik Haven warnt die Angehörigen der so genannten ›Manticoranischen Allianz‹ davor, diese Hinrichtung durch die Misshandlung republikanischer Militärpersonen zu vergelten. Die Volksrepublik möchte ihre Feinde – und die ganze Galaxis – daran erinnern, dass es sich hier um einen besonderen Einzelfall handelt, in welchem eine verurteilte Kriminelle sich für mehr als elf Standardjahre der legal über sie verhängten Strafe für ein Verbrechen entziehen konnte, das man nur als Gräueltat bezeichnen kann. Jeder daraus resultierende Übergriff gegen unsere Leute wird für alle Verantwortlichen die allerschwersten Konsequenzen haben, wenn erst der Frieden in diesem Quadranten wiederhergestellt ist. Ferner möchte die Volksrepublik darauf hinweisen, dass jedes derartige Verhalten unweigerlich zu einer Verschlechterung der Bedingungen führen würde, unter denen die Kriegsgefangenen beider Seiten leben müssen. Honor Stephanie Harrington war eine Massenmörderin, und dafür ist sie exekutiert worden, nicht für die Dinge, die sie als Angehörige der königlich-manticoranischen Streitkräfte seit Kriegsausbruch getan hat.«

Einen Augenblick lang stand er reglos da, dann holte er tief Luft und nickte.

»Vielen Dank, Bürgerinnen und Bürger. Damit ist meine Erklärung beendet, und meine Adjutanten werden nun die Videochips verteilen. Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.«

Er wandte sich ab und schritt eilig davon, ohne auf das aufbrandende Stimmengewirr zu achten, das sich in seinem Rücken erhob. Das HD wurde dunkel, dann kehrte Huertes’ Bild zurück, deren Miene nun noch düsterer wirkte als zuvor.

»Diese Bilder wurden heute Nachmittag im Volkssturm aufgezeichnet, als Leonard Boardman, Zweiter Stellvertretender Direktor für Öffentliche Information, im Namen des Komitees für Öffentliche Sicherheit eine Verlautbarung abgab, die offen gesagt von gut informierten Quellen innerhalb der Volksrepublik bereits seit zwei T-Monaten erwartet worden war. Welche Auswirkungen die heutigen Ereignisse an der militärischen Front zeitigen werden, steht im Mittelpunkt aller Spekulationen, doch hinter vorgehaltener Hand bemerkten viele gewöhnlich verlässliche Quellen hier in der Hauptstadt gegenüber INS, man erwarte manticoranische Rachemanöver und sei bereit, notfalls Gleiches mit Gleichem zu vergelten.« Sie schwieg einen Herzschlag lang, um das Gesagte zu unterstreichen, dann räusperte sie sich. »Doch nun die HD-Aufzeichnung, die vom Amt für Öffentliche Information verbreitet wurde. INS möchte unsere Zuschauer noch einmal vor dem gewalttätigen und sehr offenen Inhalt der nun folgenden Bilder warnen.«

Das HD blendete langsam in Schwärze über, als wollte es den Zuschauern eine letzte Gelegenheit bieten, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken – oder um sicherzustellen, dass jeder, der kurz den Raum verlassen hatte, rechtzeitig wieder da war und sich am versprochenen Kabinettstückchen der Gewalt delektieren konnte. Dann erhellte sich das Display zu neuem Leben.

Die neue Szenerie unterschied sich sehr von dem Konferenzraum, in dem Boardman seine Verlautbarung abgegeben hatte: Dieser Raum war viel kleiner, die nackten Wände und der Fußboden bestanden aus schmuckloser Betokeramik. Der Raum hatte eine hohe Decke, und eine hölzerne Plattform aus grobem Holz nahm fast die gesamte Bodenfläche ein. Stufen führten zum Schafott hinauf, und ein Seil – das lose Ende zur traditionellen Henkerschlinge geknüpft – baumelte unter der Plattformmitte von der Decke. Mehrere Sekunden lang zeigte das HD nur den leeren Raum und den grimmig-funktionellen Galgen, dann hörte der Zuschauer, wie eine Tür aufgeschlagen wurde, und sechs Menschen traten in das Gesichtsfeld der Kamera.

Vier Männer in der rot-schwarzen Uniform der Systemsicherheit bildeten einen engen Ring um eine hochgewachsene, braunhaarige Frau, die einen grellorangefarbenen Gefängnisoverall trug. Ein fünfter Mann in Uniform mit den Rangabzeichen eines Bürger Colonels folgte ihnen ein Stück weit und blieb dann unvermittelt stehen. Er nahm eine Art Rührt-Euch-Stellung ein, den einen Fuß neben einem unauffälligen Pedal im Boden, und sah zu, wie die Gefangene durch den Raum geführt wurde.

Die Hände waren ihr mit Handschellen auf den Rücken gefesselt, und Ketten beschwerten ihre Fußgelenke. Ihr Gesicht zeigte keine Regung, doch ihr Blick haftete auf dem Galgen, als habe er sie völlig in seinen Bann geschlagen; die Wärter drängten sie auf den Galgen zu. Je näher sie den Stufen zum Schafott kam, desto langsamer und zögerlicher wurden ihre Schritte, und ihre Maske der Ausdruckslosigkeit bekam Risse. Sie wandte den Kopf und schaute voll Verzweiflung von einem Wärter zum anderen, doch niemand erwiderte ihren Blick. Grimmig und entschlossen starrten die SyS-Männer geradeaus, und als die Gefangene sich noch länger weigerte weiterzugehen, packten sie ihre Arme. Halb führten, halb trugen sie die Frau die Treppe hinauf.

Als man sie zwang, in die Mitte der Plattform zu treten, begann sie zu keuchen und starrte zum Seil hoch. Mit größter Mühe, die jeder Zuschauer tatsächlich nachempfinden konnte, wandte sie den Blick ab. Sie schloss die Augen, und ihr Mund arbeitete. Vielleicht betete sie, doch kein Laut drang über ihre Lippen. Als man ihr den schwarzen Sack über den Kopf zog, fuhr sie zusammen und ächzte. Ihr japsendes Atmen ließ den dünnen Stoff vor und zurück schlagen, dass er an die Brust eines verängstigten Vogels erinnerte, und als man ihr die Schlinge um den Hals legte und den Knoten in die richtige Position hinter dem Ohr rückte, drehte und wand sie die Hände in den Handschellen.

Die Wärter gaben sie frei und traten beiseite. Die gesichtslose Gestalt schwankte mit weichen Knien. Ihr Entsetzen über das Bevorstehende war verständlich. Der Bürger Colonel ergriff das Wort. Seine Stimme war rau und schroff, doch nicht ohne Mitgefühl; er klang ganz wie ein Mann, dem es missfällt, was die Pflicht von ihm verlangt.

»Honor Stephanie Harrington, Sie sind des vorsätzlichen Mordes, eines todeswürdigen Verbrechens gegen das Volk, für schuldig befunden worden. Das Gericht hat Sie zum Tode durch den Strang verurteilt, und heute soll das Urteil vollstreckt werden. Haben Sie noch etwas zu sagen?«

Die Gefangene schüttelte ruckartig den Kopf. Ihre Brust bebte, gewiss hyperventilierte sie vor lauter Panik. Der Colonel nickte langsam. Er sagte kein Wort mehr, sondern streckte nur den Fuß vor und trat fest und mit gnädiger Schnelligkeit auf das Flurpedal.

Mit einem lauten, durchdringenden Schnarren öffnete sich die Falltür, und grausig deutlich war das furchtbare Geräusch zu hören, mit dem sich das Seil spannte, als das volle Gewicht der Gefangenen plötzlich an seinem Ende hing. Man hörte, wie die Frau kurz und explosionsartig die Luft ausstieß, – ein letzter, qualvoller Atemzug, der schon im Augenblick seiner Geburt erwürgt wurde -, dann brach das Seil ihr das Genick, und die Braunhaarige zuckte ein letztes Mal gewaltig und konvulsivisch.

Schlaff hing der Leichnam an der Schlinge und drehte sich langsam am knirschenden Seil im Halbkreis von links nach rechts; die Kamera hielt das Bild noch zehn Sekunden. Dann wurde der HD wieder schwarz, und aus der Schwärze drang leise Huertes’ Altstimme.

»Hier spricht Joan Huertes von INS Nouveau Paris«, sagte sie ruhig. Das herzzerreißende Klagen von dreizehn Baumkatzen antwortete ihr, dazu das leise Weinen von Miranda LaFollet und James MacGuiness. Allison Harrington streckte die Hand aus und wollte gerade ihrem Mann über das Haar streichen, als sein Panzer aus Ableugnung zerbrach, er neben ihr auf die Knie sank und schluchzend den Kopf in ihren Schoß legte.

BUCH EINS

1

Ein rauer Herbstwind wehte von der Jasonbai her. Ein Sphinxianer hätte den Wind höchstens als frisch bezeichnet, doch so weit im Süden des Planeten Manticore war er zu kalt für die Jahreszeit. Er riss an den Flaggen und ließ sie aufpeitschen. Alle Fahnen standen auf Halbmast, den ganzen langen Weg, den der Leichenzug von Capital Field bis ins Zentrum der City von Landing nahm, und zu beiden Seiten säumten dicht gedrängt schweigende Menschenmassen den Straßenrand. Über dem Wind und dem Peitschen der Flaggen war zunächst nur der langsame, klagende Schlag einer einzigen Trommel zu hören, dann anachronistisches Hufgetrappel und das Rattern ebenso anachronistischer, in Eisen gefasster Wagenräder.

Die Augen starr geradeaus gerichtet, führte Captain Junior-Grade Rafael Cardones mit stocksteifem Rücken das Pferdegespann den King Roger I Boulevard entlang, und die Zeit schien stillzustehen. Der Zug schritt hindurch zwischen Reihen von Angehörigen aller Waffengattungen der Streitkräfte, die schwarze Armbinden trugen und ihre Waffen mit dem Kolben nach oben präsentierten. Die Menge schaute in unnatürlicher, wie eingefroren anmutender Regungslosigkeit zu, und die einzelne Trommlerin – eine Midshipwoman im vierten Jahr auf Saganami Island in voller Paradeuniform – marschierte gleich hinter der schwarz behängten Protze. Der verstärkte Trommelklang hallte aus den Lautsprechern an jedem Flaggenmast, und jeder HD-Empfänger im Doppelsternsystem von Manticore trug die Bilder, die Geräusche und die Stille weiter, die das Pferdegespann auf eine nicht näher zu bezeichnende Weise einzuhüllen und zu verschlucken schien.

Ein Midshipman aus der gleichen Klasse folgte der Trommlerin. Er führte ein drittes Pferd am Zügel, das kohlrabenschwarz war und gesattelt; in den Steigbügeln hingen zwei Stiefel mit den Stulpen nach unten. Hinter dem Midshipman wiederum gingen weitere Offiziere, aber nicht sehr viele. Direkt hinter dem Pferd schritt eine einzelne, schwarzhäutige Frau in der Uniform eines Captains of the List. Auf ihrem Haupt leuchtete das weiße Barett der Sternenschiffkommandanten, und in ihren behandschuhten Händen trug sie die juwelenbesetzte Scheide mit dem Schwert von Harrington aufrecht vor sich her. In ihren Augen glänzten unvergossene Tränen, auf dem Schwert blitzten die Edelsteine im schwachen Sonnenlicht. Acht Admirale gingen hinter ihr – Sir James Bowie Webster, der Kommandeur der Homefleet, und alle sieben Raumlords der Admiralität in Galauniform. Das waren alle. Verglichen mit dem Pomp und der Großartigkeit, welche von den Bühnenkünstlern der Volksrepublik inszeniert worden wären, war der Trauerzug klein, doch er genügte, denn diese zwölf Menschen und drei Pferde schufen derzeit in einer Stadt von mehr als elf Millionen Einwohnern den einzigen Anblick, das einzige Geräusch und die einzige Bewegung.

Die trauernde Menge nahm Hüte und Mützen ab, manche wirkten dabei unbeholfen und peinlich berührt. Auf den Stufen der Royal Cathedral stand Allen Summervale, Herzog von Cromarty und Premierminister des Sternenkönigreichs von Manticore, neben Ihrer Majestät Königin Elisabeth III. Er sah zu, wie die Kolonne langsam näher kam. Nur sehr wenige, deren Blick nun auf den zweirädrigen Pferdekarren fiel, hätten sagen können, was eine ›Protze‹ ist, bevor es ihnen von den Reportern, die über die Trauerfeier berichteten, erklärt wurde. Noch weniger hätten gewusst, dass man auf Alterde vor langer Zeit solche Wagen benutzt hatte, um Kanonen zu ziehen – auch Cromarty war nur deshalb im Bilde, weil einer seiner Jugendfreunde alles über Militärgeschichte wusste, was es zu wissen gab. Schon gar niemand hätte auch nur geahnt, worin die Rolle bestand, die solchen Protzen bei militärischen Begräbnissen zukam. Jeder der Zuschauer aber wusste, dass der Sarg auf der Protze leer war, dass der Leichnam der Frau, zu deren Beisetzung sie hier erschienen waren, niemals im Boden ihres heimatlichen Königreichs ruhen sollte. Und das nicht etwa, weil ihr Leib in der Wut eines Raumgefechts verbrannt wäre oder auf ewig verloren durchs All triebe wie so viele von Manticores Söhnen und Töchtern. Trotz der Feierlichkeit und der Trauer, vom kalten Wind getragen, spürte Cromarty daher auch den Ingrimm und die bittere, unnachgiebige Wut aller Trauergäste, die ihn im Rhythmus des Trommelschlags durchpulste. Ein Geräusch wie von zerreißendem Tuch und fernem Donner grollte vom Himmel herab, und die Augen der Zuschauer hoben sich von dem Leichenzug zu den fünf Javelin-Jettrainern, die von Kreskin Field auf Saganami Island kamen. Die Jets zogen weiße Kondensstreifen über den verwaschen blauen Herbsthimmel, und dann scherte einer von ihnen aus der Formation aus, stieg über den anderen in den Himmel auf und verschwand wie ein dahingehender Geist in der strahlenden Sonne: die uralte ›Missing-Man‹-Formation, mit der Piloten seit über zweitausend Jahren zum Ausdruck bringen, dass jemand aus ihrer Mitte zu Tode gekommen ist.

Die anderen vier Flugzeuge zogen direkt über den Leichenzug hinweg, dann verschwanden auch sie. Cromarty holte Luft und unterdrückte den Drang, sich über die Schulter zu blicken. Das war nicht erforderlich. Er wusste, was er gesehen hätte: Die Führer aller politischen Parteien aus dem Ober- und Unterhaus standen hinter ihm, der Monarchin und ihrer Familie und symbolisierten die Geschlossenheit des Sternenkönigreichs in diesem Moment des Verlustes und des Frevels.

Natürlich sind manche von ihnen nur deshalb hier, weil sie endlich begraben wird, dachte er mit mühsam verhohlener Bitternis. Deswegen, und weil keiner von ihnen es gewagt hätte, Elisabeths ›Einladung‹ abzulehnen. Es gelang ihm, nicht vor Abscheu zu schnaufen. Offenbar hat es mich zum Zyniker gemacht, dass ich mein Leben der Politik gewidmet habe. Daran gibt’s wohl nichts zu deuteln. Aber ich weiß so gut wie Elisabeth, dass einige der Damen und Herren hinter uns am liebsten tanzen würden vor Freude über das, was die Havies verbrochen haben. Sie dürfen es nur leider nicht zugeben, weil es ihnen bei den nächsten Wahlen den Hals brechen würde.

Erneut atmete er tief durch, als der Leichenzug schließlich auf den Platz vor der King Michael’s Cathedral gelangte. Die Verfassung des Sternenkönigreichs verbot zwar die Errichtung einer Staatsreligion, doch war das Haus Winton in den letzten vierhundert Jahren zweitreformiert-römisch-katholisch gewesen. König Michael hatte den Bau der Kathedrale, die nun seinen Namen trug, mit Privatmitteln der königlichen Familie im Jahre 65 n. d. L. begonnen – nach der Zeitrechnung der ganzen Menschheit 1528 Post Diaspora -, und seither war hier jeder Angehörige der königlichen Familie zur letzten Ruhe gebettet worden. Das letzte Staatsbegräbnis in King Michaeli lag neununddreißig T-Jahre zurück, so lange war König Roger III. schon tot. Nur elf Menschen, die nicht zum Königshaus gehört hatten, lagen hier ›begraben‹, und drei dieser elf Grüfte waren leer.

Wie auch das der zwölften Nicht-Winton, dachte Cromarty finster, denn er bezweifelte, dass Honor Harringtons Leichnam selbst nach der Niederlage der Volksrepublik jemals auftauchen würde. Dennoch würde sie in angemessener Gesellschaft ruhen, denn die leere Gruft, die ihr zugedacht war, lag zwischen den gleichfalls leeren Kammern von Edward Saganami und Ellen D’Orville.

Vor der Kathedrale hielt der Trauerzug an, und eine handverlesene Ehrenwache von Portepee-Unteroffizieren der Navy und des Marinecorps marschierte in perfektem, uhrwerkhaften Gleichschritt die Stufen hinab, gesteuert vom stoischen, kummervollen Schlag der Trommel. Ein zierlicher, weiblicher Colonel der Marines folgte ihnen. Von ihrem schwachen Hinken abgesehen, bewegte sich die schwarzhaarige Frau ebenso exakt wie die Ehrenwache und salutierte mit makelloser Präzision vor dem weiblichen Captain, der das Schwert trug. Dann nahm sie die in der Scheide steckende Waffe in die eigenen, ebenfalls behandschuhten Hände, führte eine perfekte Kehrtwendung aus, während die Ehrenwache den Sarg von der Protze hob, und führte sie in langsamem Schritt die Stufen hinauf.

Die Trommlerin schloss sich an, ohne je in ihrem langsamen Schlag innezuhalten, bis sie an der Schwelle der Kathedrale anlangte und stehen blieb. Im gleichen Augenblick verstummten die Trommelschläge, und stattdessen drang die volle, traurige Musik von Salvatore Hammerwells ›Lamentfor Beauty Lost – Klage um verlorene Schönheit‹ aus den Lautsprechern.

Cromarty atmete tief durch und drehte sich endlich zu den Trauergästen um, die hinter ihm standen. Königin Elisabeth stand an ihrer Spitze, neben sich Prinzgemahl Justin, Kronprinz Roger, seine Schwester Prinzessin Joanna und Königin Mutter Angelique. Elisabeths Tante, Herzogin Caitrin Winton-Henke und ihr Ehemann Edward Henke, der Earl von Gold Peak, standen gleich dahinter, zwischen ihrem Sohn Calvin und Elisabeths beiden Onkeln, Herzog Aidan und Herzog Jeptha, dazu Aidans Frau Anna. Captain Michelle Henke, die das Schwert von Harrington getragen hatte, gesellte sich vor den Stufen der Kathedrale zu ihren Eltern und ihrem älteren Bruder, und damit war der engste Familienkreis der Queen komplett. Nur ihr jüngerer Bruder, Prinz Michael, war abwesend, denn er diente als Sternenschiffkommandant, und sein Schiff befand sich gegenwärtig in der Nähe von Trevors Stern.

Cromarty verbeugte sich vor seiner Königin und deutete formell einladend auf die Türen der Kathedrale, woraufhin Elisabeth ihm ebenso zeremoniell zunickte. Dann drehte sie sich um, und sie und ihr Mann führten die schimmernde Menge der offiziellen Trauergäste hinter dem Sarg die Stufen hinauf.

»Mein Gott, wie ich Begräbnisse hasse. Besonders, wenn ausgerechnet jemand wie Lady Harrington zu Grabe getragen wird.«

Cromarty blickte auf, als er Lord William Alexanders leise und zugleich bittere Feststellung hörte. Alexander war der Schatzkanzler, nach Cromarty der zweite Mann im Kabinett des Herzogs. Mit einem Teller Horsd’œuvres stand er vor dem Premierminister und musterte die ringsum wimmelnden Menschen. Cromarty ließ die Mundwinkel zucken. Warum nur gibt es eigentlich auf jeder Totenwache etwas zu essen?, fragte er sich nun. Vielleicht, weil der simple Akt des Essens in uns den Glauben ermutigt, dass das Leben weitergeht? Sollte es wirklich so einfach sein?

Er wischte den Gedanken beiseite und schaute sich um. Die vom Protokoll festgelegte offizielle Choreografie der Trauerfeier war abgeleistet, und zum ersten Mal seit Tagen, so wollte es ihm vorkommen, konnten Alexander und er trotz der Menschen ringsum ein Wort unter vier Augen sprechen. Lange konnte ihre Abgeschiedenheit freilich nicht anhalten. Bald schon musste jemand bemerken, dass sie beide allein an der Wand standen, und dann würde dieser Jemand sich auf sie stürzen, um mit ihnen einen absolut lebenswichtigen Aspekt der Politik oder der Regierungsgeschäfte zu besprechen. Doch im Augenblick brauchten sie keine neugierigen Ohren zu fürchten, und der Premierminister gestattete sich ein erschöpftes Seufzen.

»Ich auch«, gab er genauso leise zu. »Aber ich möchte wissen, wie man sie auf Grayson bestattet hat?«

»Wahrscheinlich ähnlich wie bei uns … nur viel aufwändiger«, entgegnete Alexander.

Nach aller Wahrscheinlichkeit zum allerersten Mal in der Geschichte hatten das Protectorat von Grayson und das Sternenkönigreich von Manticore zwei simultane Staatsbegräbnisse für die gleiche Person arrangiert. Für zwei Planeten, die mehr als dreißig Lichtjahre voneinander entfernt sind, mag das Konzept der Gleichzeitigkeit sinnlos erscheinen, doch Königin Elisabeth und Protector Benjamin hatten unnachgiebig darauf bestanden. Der Umstand, dass es keinen Leichnam gab, hatte das Vorhaben eher erleichtert als erschwert, denn dadurch brauchte man sich nicht über die Frage zu streiten, im Boden welcher ihrer beiden Heimatwelten Honor Harrington nun eigentlich ruhen sollte.

»Ich war überrascht, dass der Protector uns das Schwert von Harrington für die Zeremonie ausgeliehen hat«, sagte Cromarty. »Natürlich auch sehr dankbar, aber vor allem überrascht.«

»Eigentlich hat er es gar nicht entschieden«, erklärte Alexander. Als Cromartys Stellvertreter war er für die Koordination mit Grayson verantwortlich gewesen, die über den Botschafter des Protectors auf Manticore erfolgte, und kannte sich weit besser mit den Einzelheiten aus als Cromarty, der dafür keine Zeit erübrigen konnte. »Das Schwert gehört dem Gut von Harrington und der Gutsherrin, und daher lag die Entscheidung nicht beim Protector, sondern bei Lord Clinkscales. Und Clinkscales hat nicht lange mit Benjamin gestritten – schon gar nicht, nachdem Lady Harringtons Eltern unsere Bitte unterstützten. Außerdem hätten die Graysons sonst zwei Schwerter in ihre Trauerzeremonie einbauen müssen.« Cromarty sah ihn fragend an, und Alexander zuckte mit den Schultern. »Sie war doch Benjamins Champion, Allen. Deshalb hat ihr auch das Staatsschwert gehört.«

»Daran habe ich gar nicht mehr gedacht«, sagte Cromarty und rieb sich müde die Stirn.

Alexander schnaubte leise. »Hast du etwa andere Dinge im Kopf gehabt?«, fragte er mit milder Ironie.

»Ja, tatsächlich. Leider verdammt wahr.« Cromarty seufzte wieder. »Hast du schon gehört, was Hamish von der Stimmung auf Grayson hält? Ich will ganz offen zu dir sein: Als der graysonitische Botschafter mir offiziell sein Beileid aussprach, hätte ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht. Mit der persönlichen Mitteilung des Protectors an die Königin könnte man Laser-Gefechtsköpfe bestücken. Nachdem ich sie gelesen hatte, war ich jedenfalls sehr froh, kein Havie zu sein!«

»Das überrascht mich kein bisschen.« Alexander vergewisserte sich mit einem raschen Rundblick davon, dass tatsächlich keiner der Umstehenden hören konnte, was sie sagten, dann sah er Cromarty in die Augen. »Für meinen Geschmack hat dieser Hundesohn von Boardman seinen Trumpf von wegen ›an Vergeltung solltet ihr noch nicht mal denken‹ verflucht gut ausgespielt«, knurrte er mit tiefer Abscheu. »Selbst diejenigen Neutralen, die normalerweise nach uns am meisten von den Taten der Havies abgestoßen sind, erwarten plötzlich von uns, dass wir auf jede Form von Vergeltung verzichten, weil wir die ›Guten‹ sind. Aber nach dem zu urteilen, was Hamish berichtet, steht die ganze Grayson Space Navy sozusagen Gewehr bei Fuß bereit, um der havenitischen Propagandamühle mehr zu mahlen zu geben, als Ransom und ihr Verein es sich in den feuchtesten Träumen ausmalen könnten.«

»Hamish glaubt tatsächlich, die Graysons könnten Kriegsgefangene misshandeln?« Cromarty klang trotz allem, was er gerade eben noch gesagt hatte, aufrichtig entsetzt, denn ein derartiges Verhalten stünde in diametralem Gegensatz zu den gewohnten graysonitischen Verhaltensweisen.

»Dass sie ihre Gefangenen misshandeln? Nein, das glaubt er nicht«, erwiderte Alexander erbittert. »Er fürchtet nur, sie werden sich fortan weigern, überhaupt noch Gefangene zu machen.« Als Cromarty die Brauen hochzog, lachte Alexander gezwungen auf. »Unser ganzes Volk hat sich in – wenigstens zeitweiliger – Einigkeit zusammengefunden, weil die Havies einen unserer tüchtigsten Raumoffiziere ermordet haben, Allen. Für die Graysons aber war sie nicht bloß ein hervorragender Offizier – für sie war Harrington ein lebendiges Heiligenbild. Und die Graysons nehmen den Mord nicht gerade mit Gelassenheit hin.«

»Aber wenn wir uns erst einmal in den Teufelskreis von Vergeltung und Wiedervergeltung verstricken, spielen wir den Havies doch nur in die Hände!«

»Gewiss. Zum Teufel, Allen, die Hälfte aller Reporter in der Solaren Liga ist doch schon Sprachrohr für havenitische Propaganda! Pierres offizielle innenpolitische Linie passt dem solaren Establishment doch viel besser in den Kram als ausgerechnet eine Monarchie. Dass unsere Regierung der demokratischen Kontrolle unterliegt und bei den Havies nur das Komitee für Öffentliche Sicherheit etwas zu sagen hat, spielt da überhaupt keine Rolle. Oder dass die offizielle Linie der Haveniten der Realität ungefähr so ähnlich sieht wie ich einem HD-Idol! Aber sie sind eine ›Republik‹, wir sind ein ›Königreich‹, und jeder Solly-Ideologe mit Hafergrütze anstatt Hirnmasse weiß, dass ›Republiken‹ die Guten und ›Monarchien‹ die Bösen sind! Außerdem verbreiten INS und Reuters die Havie-Propaganda ungekürzt und unkommentiert über den Äther.«

»Das ist nicht ganz fair -«, begann Cromarty, doch Alexander schnitt ihm mit einem zornigen Schnauben das Wort ab.

»Humbug, um einen von Hamishs Lieblingsausdrücken zu benutzen! Sie teilen ihren Zuschauern nicht einmal mit, dass jede einzelne Meldung, die Haven verlässt, von den Havies zensiert ist – ganz zu schweigen von dem Kram, den Ransom oder irgendein Büro dieses so genannten Amts für Öffentliche Information verlauten lässt. Das weißt du doch genauso gut wie ich! Aber gleichzeitig schreit die Journaille Zeter und Mordio, wenn wir bei Berichten über rein militärische Angelegenheiten das Gleiche tun!«

»Stimmt schon, stimmt schon.« Cromarty winkte ab, damit Alexander seine beständig anschwellende Lautstärke senkte, und der Schatzkanzler blickte rasch um sich. Plötzlich wirkte er ein wenig verlegen, doch der Zorn in seinen blauen Augen brannte genauso hell wie zuvor. Und schließlich hat er Recht, dachte Cromarty. Weder INS noch Reuters kommentierte jemals die havenitische Zensur – ja, noch nicht einmal die offensichtlich inszenierten ›Tagesereignisse‹. Das lag nur daran, dass beide Agenturen bereits beobachten durften, was ihnen in solch einem Fall blühte. United Faxes Intragalactic hatte nämlich beharrlich darauf hingewiesen, dass Berichte aus der Volksrepublik grundsätzlich zensiert seien. Elf Redakteure der UFI waren wegen ›Spionage gegen das Volk‹ verhaftet worden, und man hatte sie ausgewiesen und zu unerwünschten Fremdweltlern erklärt, die auf Lebenszeit aus havenitischem Territorium verbannt waren. Darüber hinaus wurden sämtliche UFI-Reporter von den Herzwelten der Republik verwiesen, und die Agentur musste sich seitdem mit zweitrangigen Verlautbarungen und den Meldungen unabhängiger Korrespondenten begnügen, die sie über ihre verbliebenen Büros im havenitischen Hinterland bezogen. Jeder kannte den wahren Grund für diese Maßnahmen, und doch wagte es niemand, das Geschehen anzuprangern, um nicht ebenfalls von einem der heißesten Nachrichtenherde der Galaxis verjagt zu werden.

Das Sternenkönigreich protestierte freilich immer wieder gegen diese Verschwörung des Schweigens. Cromarty hatte die Agenturleiter von INS und Reuters im Manticore-System bereits persönlich zu sich bestellt, ohne dass es eine Wirkung gehabt hätte. Die Agenturleiter ließen sich nicht davon abbringen, dass es überflüssig sei, das Publikum über Zensur oder inszenierte Nachrichten zu informieren; der mündige Zuschauer sei intelligent genug, um eine Fälschung zu durchschauen. Wenn man in dieser Frage auf den Prinzipien beharre, würde dies nur dazu führen, dass man sie ebenfalls der Volksrepublik verwies, und fromm fügten sie hinzu, dass dann aus Haven nichts weiter als die Darstellungen der Öffentlichen Information kämen, ohne dass unabhängiger Journalismus der Propaganda entgegenwirkte. Persönlich hielt Cromarty ihr hochethisches Argument der ›unabhängigen Berichterstattung‹ (ebenso wie das angebliche Vertrauen in die Urteilskraft des Zuschauers) für nichts weiter als Verneblung im alles bestimmenden Kampf um Einschaltquoten, doch was er dachte, spielte leider keine Rolle. Solange das Sternenkönigreich und die Manticoranische Allianz nicht eine ähnlich repressive ›Informationspolitik‹ probierten – was die eigenen Nachrichtenagenturen niemals geduldet hätten -, besaß er keine Möglichkeit, es den Haveniten heimzuzahlen. Erst ein anständiger Denkzettel würde die Journaille der Solaren Liga so sehr beeindrucken, dass sie sich um mehr Rückgrat bemühte.

»Wenigstens berichten sie in aller Ausführlichkeit über das Begräbnis«, sagte der Herzog nach kurzem Nachdenken. »Das muss doch etwas bewirken – selbst bei den Sollys.«

»Drei Tage höchstens«, erwiderte Alexander nach einem weiteren, kaum weniger bitteren Schnauben. »Dann passiert irgendetwas anderes, was die unendlich kurze Aufmerksamkeit ihres Publikums erregt, und dann dürfen wir wieder zusehen, welchen Schaden diese Ausbünde an Feigheit uns zufügen.«

Cromarty empfand plötzlich echte Besorgnis. Die Alexander-Brüder kannte er schon seit seiner Kindheit und war dem berühmten Alexander’schen Temperament öfter ausgesetzt gewesen, als ihm wünschenswert erschien. Doch diese Art frustrierter, kaum unterdrückter Wut sah William überhaupt nicht ähnlich.

»Ich glaube, du siehst das Ganze ein wenig zu schwarz«, sagte er schließlich. Alexander blickte ihn finster an, daher wählte er seine nächsten Worte mit Vorsicht. »Gewiss haben wir gute Gründe zu behaupten, dass die solarischen Nachrichtenagenturen sich von den Havies benutzen lassen, aber ich glaube trotzdem, dass die Büroleiter Recht haben, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Die meisten Solarier werden wissen, dass die Havies oft lügen, und werden Berichte aus der VRH mit entsprechender Vorsicht betrachten.«

»Den Umfragen zufolge aber nicht«, entgegnete Alexander barsch. Er schaute sich noch einmal um, beugte sich näher zu Cromarty und senkte die Stimme. »Ich habe heute Morgen die neusten Ergebnisse erhalten, Allen. Zwei weitere Mitgliedsregierungen der Liga haben ihre Ablehnung des Embargos verkündet und zu einer Abstimmung aufgerufen, um es auszusetzen. Außerdem haben wir nach den jüngsten Zahlen von UFI in den öffentlichen Meinungserhebungen weitere eineinviertel Prozentpunkte verloren. Und je länger die Havies den Sollys ihre Lügen eintrichtern, ohne dass sie von jemandem infrage gestellt werden, desto schlimmer wird es. Teufel, Allen! Wahrheit neigt dazu, umständlich, vertrackt und kompliziert zu sein; eine wohlgeschmiedete Lüge wirkt dagegen fast immer glaubhafter – oder zumindest klarer -, und auf jeden Fall sehr viel ›einfacher‹. Das weiß Cordelia Ransom genau. Ihre Schergen in der Öffentlichen Information feilen so lange an den rauen, unangenehmen Kanten der Wahrheit herum, bis sie mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun hat, aber sie liest sich dann verdammt gut, besonders für Menschen, deren Sonnensystem bisher noch nicht auf der Liste der künftigen havenitischen Kriegsziele steht. Und auf verrückte Weise macht der Umstand, dass wir ein Gefecht nach dem anderen gewinnen, das Ganze für die Sollys nur umso glaubwürdiger. Um Gottes willen, fast kommt es mir vor, als würden die Havies mit jeder Schlacht, die wir gewinnen, noch ein wenig mehr zu armen ›Underdogs‹!«

»Vielleicht«, gab Cromarty zu und hob leicht die Hand, als Alexanders Augen aufblitzten. »Also gut, wahrscheinlich! Aber die stärker industrialisierten Ligawelten sind wegen des Embargos schon immer sauer auf uns gewesen, Willie. Du weißt, wie böse sie darüber waren, dass ich ihnen in wirtschaftlicher Hinsicht die Pistole auf die Brust gesetzt habe! Glaubst du wirklich, sie brauchten sich erst havenitische Propaganda anzusehen, um sich über uns aufzuregen?«

»Natürlich nicht! Aber darauf will ich auch gar nicht hinaus, Allen. Ich will auf etwas anderes hinaus: Wir erhalten deshalb mehr Beschuss von den Regierungen der Ligawelten, weil wir bei ihren Wählern an Unterstützung verlieren und die Regierungen das wissen. Was das betrifft, so haben wir selbst hier im Sternenkönigreich einen Drittel Prozentpunkt verloren. So war es zumindest, bevor die Havies Harrington ermordeten.«

Bei dem letzten Satz zuckte sein Gesicht, als überkäme ihn Scham für die Bemerkung, und Wut, weil sie zutraf. Dann blickte er Cromarty ruhig in die Augen, und der Premierminister seufzte. Willie hatte natürlich Recht. Bisher war der Schwund an Wählergunst gering, doch der Krieg tobte nun schon fast seit acht Jahren. Bei Kriegsausbruch war die öffentliche Unterstützung gewaltig gewesen, und auch heute betrug sie noch gut siebzig Prozent – noch. Das lag daran, dass noch längst kein Ende der Kampfhandlungen in Sicht war, obwohl die Royal Manticoran Navy und ihre Verbündeten so gut wie jede wichtige Raumschlacht gewannen. Die Verlustzahlen der Alliierten waren, absolut gesehen, weit geringer als die der Haveniten, doch fielen sie erheblich höher aus, wenn man sie auf die Gesamtbevölkerung bezog. Die Belastungen durch den Konflikt zeigten darüber hinaus sogar immer deutlichere Auswirkungen auf die stabile und vielfältige manticoranische Wirtschaft. Noch immer gab es Optimismus und ein gerüttelt Maß an Entschlossenheit, doch beides war längst nicht mehr so stark wie einst. Und aus diesem Grund hatte Cromarty, so ungern er es auch zugab, auf das Staatsbegräbnis für Honor Harrington bestanden. Verdient gehabt hatte sie diese Ehrung gewiss, doch die Versuchung, sich ihres Todes zu bedienen, um das manticoranische Volk einmal mehr hinter die Kriegsanstrengungen zu bringen, war unwiderstehlich gewesen; unwiderstehlich für den Mann, dem es oblag, diesen Krieg zu führen – auch wenn er sich damit kalkuliert einer kaltblütigen Gräueltat bediente, um in den Menschen den Wunsch zu stärken, die Volksrepublik Haven zu überwinden.

Deshalb hat sich die Tradition, das blutige Hemd zu schwenken, auch so lange gehalten, dachte er grimmig. Es funktioniert eben. Das musste ihm jedoch nicht gefallen, und er begriff sehr wohl die verworrenen Emotionen, die er so schlecht verbarg und die ihm aus den Augen leuchteten.

»Das weiß ich selber«, sagte er niedergeschlagen. »Du hast Recht. Und mir fällt nur eine einzige Gegenmaßnahme ein: Wir müssen die verdammten Bastarde ein für alle Mal zur Hölle schicken.«

»Das meine ich auch«, stimmte Alexander ihm zu und rang sich etwas ab, das an ein Lächeln erinnerte. »Und nach Hamishs letztem Brief würde ich sagen, dass er und die Graysons sich gerade anschicken, genau das zu tun. Ohne Rückfahrkarte.«

Im gleichen Moment, fast dreißig Lichtjahre von Manticore entfernt, saß Hamish Alexander, Dreizehnter Earl von White Haven, in seinem palastartigen Arbeitszimmer an Bord des Superdreadnoughts GNS Benjamin the Great und starrte auf ein HD-Gerät. Das Glas mit zollfreiem terranischem Whiskey, das er in der Hand hielt, war vergessen, und schmelzendes Eis verdünnte langsam die wertvolle Flüssigkeit. Aus stumpfen blauen Augen betrachtete er die Wiedergabe der Trauerfeier, die am Nachmittag in der Saint Austin’s Cathedral stattgefunden hatte. Reverend Jeremiah Sullivan persönlich hatte die Totenliturgie abgehalten. Die Weihrauchwolken, die reich bestickten Gewänder und die ernste, sorgenvoll schöne Musik waren nur eine fadenscheinige Maske für den sengenden Hass gewesen, der hinter der prunkvollen Fassade schwelte.

Nein, das ist nicht fair, dachte White Haven müde, erinnerte sich endlich an seinen Drink und nahm einen Schluck von dem verwässerten Whiskey. Der Hass ist schon da, aber sie haben es irgendwie geschafft, ihn beiseitezuschieben – wenigstens für die Dauer des Gottesdienstes. Doch jetzt, wo man sie betrauert hat, will ganz Grayson sie rächen, und das … könnte ganz schön hässlich ausgehen.

Er stellte das Glas ab, nahm die Fernbedienung und schaltete sich durch die Sender, doch auf jedem Kanal wurde das Gleiche gezeigt. Alle Kathedralen des Planeten und fast alle kleineren Kirchen hatten die Totenliturgie zeitgleich zelebriert, denn Grayson war ein Planet, auf dem man die Beziehung zu Gott – und die Pflicht gegenüber dem Herrn – sehr ernst nahm. Während sich White Haven von einem Gottesdienst zum nächsten schaltete, spürte auch er das kalte, harte Eisen Graysons in seiner Seele. Doch er war ein aufrichtiger Mensch und ehrlich zu sich selbst, deshalb gab er zu, dass er wusste, weshalb dieses Eisen dort war. Und aus diesem Grund war er noch entschlossener als die Graysons, den Mord an Honor Harrington zu rächen.

Denn er wusste, was niemand auf Grayson ahnte – nicht einmal sein Bruder oder seine Königin, niemand im ganzen Universum außer ihm. So hart er auch dagegen ankämpfte, White Haven konnte es nicht vergessen:

Nur er wusste, dass er es war, der Honor Harrington in den Tod getrieben hatte.

2

Es war spät, und Leonard Boardman hätte eigentlich längst auf dem Nachhauseweg sein wollen, um vor dem Abendessen noch einen wohlverdienten Drink zu nehmen. Stattdessen saß er noch immer auf seinem gepolsterten Schreibtischsessel, blickte auf sein Büro-HD und betrachtete mit frischem Stolz einmal mehr die Aufnahme von Honor Harringtons Hinrichtung. Es war, so fand er bei aller geziemender Bescheidenheit, ein wahres Kunstwerk – und das durfte man wohl auch erwarten, nachdem die besten Programmierer der Öffentlichen Information sich ganze zwei Wochen lang um die Details gekümmert hatten. Boardman wusste nicht im Entferntesten, wie man so etwas technisch zuwege brachte, doch hatten die Spezialeffektspezialisten auf der Grundlage seines Drehbuchs und seiner Regie gearbeitet, und er war mit seinem Werk durchweg zufrieden.

Er sah es sich von vorn bis hinten an, dann schaltete er mit schmalen Lächeln das HD aus. Diese wenigen Minuten Bildfolge erfüllten ihn nicht nur mit dem Stolz des Handwerkers auf ein Meisterstück; sie repräsentierten zudem einen wichtigen Sieg über die Erste Stellvertretende Direktorin für Öffentliche Information Eleanor Younger. Younger hatte die Gelegenheit beim Schopf packen wollen, die manticoranische Moral dadurch zu untergraben, indem man die computergenerierte Harrington jammern, um Gnade betteln und wie wahnsinnig gegen ihre Henker kämpfen ließ, während diese sie unerbittlich zum Schafott zerrten, doch Boardman konnte zum Glück alle ihre Argumente entkräften. Von anderen Hinrichtungen stand genügend Bildmaterial zur Verfügung, um alles Gewünschte zu fabrizieren, und von Harrington gab es stapelweise HD-Chips, lauter Aufnahmen, die Cordelia Ransom nach Haven geschickt hatte, bevor sie – auf Nimmerwiedersehen – ins Cerberus-System gereist war. Die Techniker sahen keine Schwierigkeiten, eine virtuelle Harrington zu erschaffen, die alles tat, was Younger wollte, und trotzdem völlig authentisch wirken würde. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hatte man im Haven-System sehr viel Erfahrung darin erlangt, ›korrigiertes‹ Bildmaterial zu erzeugen. Dennoch war Boardman skeptisch: Die solaren Nachrichtenagenturen galten zwar als zu leichtgläubig, um das erhaltene Bildmaterial zu prüfen, doch die Mantys waren erheblich misstrauischer. Durch die Bank waren ihre Computer besser als die der Volksrepublik, und wenn sie einen Grund sahen, das Bildmaterial einer genauen Analyse zu unterziehen, mussten sie bald merken, dass es gefälscht war. Doch indem er Harrington in Würde sterben ließ – mit gerade genug sichtbaren Beweisen für ihre Todesangst, um ihren Ruf als furchtlose Superheldin zugrunde zu richten -, hatte Boardman einen weitaus subtileren Schlag gegen die manticoranische Moral geführt, denn diese Inszenierung brachte so viel Realität mit sich, dass sie jede Analyse von vornherein ausschloss. Denn wenn sich schon jemand dieser großen Mühe unterzog, derart viel Bildmaterial zu fälschen, dann würde er doch gewiss versuchen, das Opfer kleiner und nichtswürdiger erscheinen zu lassen, oder? Genau diesem Fallstrick aber war Boardman bewusst ausgewichen. Das Bildmaterial wirkte authentisch, weil es Harringtons Andenken keineswegs verächtlich machte, und gerade deshalb bot es der Gegenseite keinen Anlass, es auch nur einen Augenblick lang anzuzweifeln oder infrage zu stellen.

Von seinem Künstlerstolz abgesehen, hatte der Sieg über Younger Boardmans Chancen vergrößert, Cordelia Ransoms Ministersessel einzunehmen, und das erschien ihm noch bedeutender. Er war nicht so töricht anzunehmen, dass Ransoms Nachfolger auch die Macht erben würde, die sie innerhalb des Komitees für Öffentliche Sicherheit innegehabt hatte, doch schon das Ministeramt selbst würde Boardmans persönlichen Einfluss gewaltig steigern – und damit seine Chance, in der Schlangengrube von Nouveau Paris nicht nur zu überleben, sondern vielleicht sogar zu gedeihen.

Natürlich würden die zusätzlichen Pflichten, die diese Macht und Verantwortung mit sich brachten, auch neue Gefahren heraufbeschwören, doch diesem Risiko stellten sich die oberen Etagen der havenitischen Bürokratie tagtäglich. Das Komitee für Öffentliche Sicherheit und besonders das Amt für Systemsicherheit besaßen die unangenehme Angewohnheit, jeden, der sie enttäuschte, zu entfernen – und zwar für immer. Ganz so schlimm wie in den Streitkräften war es indes nicht (zumindest war es beim Militär sehr schlimm gewesen, bevor Esther McQueen das Kriegsministerium übernahm), aber in der Vergangenheit waren bereits viele in den Klauen der SyS verschwunden, weil sie sich mit zu wenig Eifer für die Sache des Volkes engagiert hatten.

Schuld fließt bergab, dachte Boardman. Und wenn aus dem Zweiten Stellvertretenden Direktor Boardman erst der Bürger Minister Boardman geworden wäre, könnte er mühelos alle Schuld einem Untergebenen zuweisen – zum Beispiel der Ersten Stellvertretenden Direktorin Younger.

Bei dem Gedanken gluckste er. Er beschloss, sich die Hinrichtung noch ein letztes Mal anzusehen, bevor er Feierabend machte.

Auch Esther McQueen arbeitete noch spät.

Als Zugeständnis an ihren neuen Aufgabenbereich trug sie nüchterne Zivilkleidung von strengem Zuschnitt und nicht die Admiralsuniform, auf die sie ein Recht besaß. Die Arbeitsbelastung war die gleiche geblieben, und so schob sie den Stuhl zurück und rieb sich müde die Augen, als sie endlich die letzte Seite des allerneusten Lageberichts durchgelesen hatte. Ein weiterer Bericht wartete auf sie, und danach noch einer und viele mehr – eine Warteschlange an Papierkram, die von ihrem Büro im Oktagon hier auf Haven bis ins Barnett-System reichen musste. Allein der Gedanke an die vielen anderen Berichte führte dazu, dass sie sich noch müder fühlte, doch gleichzeitig stieg etwas in ihr auf, das sie in den letzten acht Jahren nicht oft empfunden hatte: Hoffnung. Ein zerbrechlich’ Ding blieb sie, diese Hoffnung, doch sie bestand. Vielleicht sah nicht jeder diesen Silberstreif, schon gar nicht ihre zivilen Vorgesetzten, doch Augen, die wussten, worauf sie achten sollten (und Zugang zu allen Daten besaßen), erkannten ihn sehr wohl.

Die Stoßkraft der Manticoranischen Allianz hatte nachgelassen – vielleicht war sie sogar verebbt, wenn dieser Ausdruck nicht zu stark gewählt war. Es schien, als hätte die Allianz alle Mittel für die Eroberung von Trevors Stern gesammelt, aber nun, da dieses eminent wichtige Sonnensystem genommen war, sah es so aus, als habe die Allianz ihr Pulver verschossen. Bevor man McQueen nach Haven beorderte, hatte sie erwartet, dass Hamish Alexander nicht lange innehalten und sich unverzagt auf das Barnett-System stürzen würde, doch das war nicht geschehen. Vielmehr saß er nach den jüngsten Meldungen der Abteilung Feindaufklärung vom Amt für Systemsicherheit nach wie vor im Jelzin-System und versuchte, aus all den Einzelschiffen und Teilverbänden, die ihm von den Alliierten freundlicherweise überlassen wurden, eine brandneue Flotte zusammenzustellen. Erst durch die Kenntnis anderer Berichte, die ihr mittlerweile zugänglich waren, hatte sie den Grund dafür erkannt.

Zischend öffnete sich die Tür ihres Büros, und sie blickte mit einem schiefen Lächeln auf, als Ivan Bukato mit einem Ordner voll Datenchips unter dem Arm eintrat. Unter dem alten Regime wäre Bukato der Chef des Admiralstabs der Volksflotte gewesen, doch diese Position war mit allen anderen ›elitären‹ Planstellen der Legislaturisten gestrichen worden. Unter der Neuen Ordnung war er nur Bürger Admiral Bukato, der zufällig alle Pflichten eines Chefs des Admiralstabs versah, aber nur sehr wenige Privilegien genoss, die dem Oberkommandierenden der Volksflotte früher zugestanden hatten.

Er blieb gleich in der Tür stehen und zog die Augenbrauen hoch, als er McQueen noch immer hinter dem Schreibtisch sitzen sah. Wirklich erstaunt war er nicht, denn wie ihre anderen Untergebenen hatte er schon längst bemerkt, dass die neue Ministerin gewohnheitsmäßig länger und härter arbeitete, als sie es von anderen verlangte. Trotzdem schüttelte er tadelnd den Kopf.

»Sie sollten gelegentlich mal ans Nachhausegehen denken, Bürgerin Minister«, sagte er milde. »Sie würden sich wundern, was eine durchgeschlafene Nacht hier und da mit Ihrer Tatkraft anstellen könnte.«

»Dazu liegt im Stall noch immer zu viel Mist, den wir mit dem dicken Strahl ausspritzen müssen«, entgegnete sie ebenso ironisch.

Bukato zuckte die Achseln. »Das mag schon sein, aber ich wage zu behaupten, dass Sie sich an der Front solch einen Schlafmangel nicht leisten würden.«

Sie grunzte wie ein noch verstimmter Rüpel, der bei einer Kneipenschlägerei einen Volltreffer einstecken muss. Zwischen der Leitung des Kriegsministeriums und dem Kommando über eine Flotte an der Front bestand ein himmelweiter Unterschied. Als Flottenchefin konnte sie nie wissen, ob nicht im nächsten Moment ein feindlicher Verband aus dem Hyperraum kam und ihren Befehlsbereich angriff. An der Front musste man stets aufmerksam und auf diese Eventualität vorbereitet sein; stets musste sie über Energiereserven verfügen, auf die sie notfalls zurückgreifen könnte. Als Kriegsministerin war sie Wochen von der Front entfernt. Wenn ihr eine Sache zur Entscheidung vorgelegt wurde, handelte es sich selten um etwas, bei dem es um Minuten ging – oder um Stunden, selbst um Tage. Wenn es um ein zeitkritisches Problem ging, so hatten die Leute an der Front es entweder bereits gelöst, oder sie waren tot. In beiden Fällen konnte sie, wenn etwas zu Bruch gegangen war, nur versuchen, den Scherbenhaufen aus der Ferne wieder zusammenzusetzen. McQueens Job umfasste vielmehr andere Dinge: Sie bestimmte die allgemeinen Richtlinien, wählte die Offiziere aus, die ihrer Meinung nach am besten geeignet waren, legte die Ziele fest, gegen die sie eingesetzt werden sollten, und versuchte ihnen angesichts der mordlustigen Idioten bei der SyS den Rücken freizuhalten und ihnen das Material zu verschaffen, das sie benötigten, um besagten Einsatz überhaupt durchführen zu können. Wenn es ihr in ihrer überaus reich bemessenen Freizeit noch gelang, die Moral der Volksflotte wiederherzustellen, die technische Unterlegenheit ihrer Waffensysteme zu überwinden, durch Zaubertricks die Dutzende Schlachtgeschwader zu ersetzen, die Haven seit Kriegsausbruch verloren hatte, und die Manticoraner abzulenken, damit sie dem Komitee für Öffentliche Sicherheit nicht auch noch den Rest der Volksrepublik abjagten, so wäre das schon eine Zusatzleistung über das bloße Sicherstellen des Überlebens hinaus gewesen.

Bei dem Gedanken musste sie erneut schief grinsen. Sie stellte ihren Stuhl auf Kipp, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und musterte Bukato mit ihren hellen grünen Augen. Noch immer war er ihr fremd – Rob Pierre und Oscar Saint-Just waren zu intelligent, als dass sie ihr erlaubt hätten, sich ihre unmittelbaren Untergebenen selbst auszusuchen. Die Zusammenarbeit mit Bukato funktionierte jedenfalls gut. Wie sein humoriger Ton zeigte, schien er sich mit ihr als Chefin allmählich wohl zu fühlen. Nicht etwa, dass bei den gegenwärtigen Verhältnissen innerhalb der Volksrepublik irgendjemand dumm genug gewesen wäre, sich in Bezug auf einen Vorgesetzten auch nur das leiseste Unbehagen anmerken zu lassen. Besonders dann nicht, wenn diese Chefin zugleich gerade erst in das Komitee für Öffentliche Sicherheit aufgenommen worden war.

»Ich sollte vermutlich wirklich zu geregelteren Arbeitszeiten finden«, stimmte sie ihm zu und fuhr sich flüchtig mit der Hand über das dunkle Haar. »Früher oder später muss ich aber einfach all die Probleme in einen Karton packen können, die mein lieber Vorgänger wie Unkraut hat wuchern lassen.«

»Mit allem schuldigen Respekt, Bürgerin Minister, Sie haben bereits mehr Gestrüpp abgeholzt, als ich es vor einigen Monaten noch für möglich gehalten hätte. Deshalb sähe ich es auch nicht gerade gerne, wenn Sie morgen vor Überlastung zusammenbrechen würden und ich schon wieder einen neuen Kriegsminister einweisen müsste.«

»Ich versuche, das im Hinterkopf zu behalten«, erwiderte sie trocken und lächelte ihn an. Doch hinter ihrem Lächeln fragte sie sich insgeheim, wem Bukatos Loyalität wohl wirklich gehörte. Heutzutage war das so beklagenswert schwer zu sagen – und dabei wichtiger denn je. Oberflächlich gab sich der Bürger Admiral so fleißig, zuverlässig und treu, wie man es sich nur wünschen konnte, doch oberflächliche Eindrücke waren tückisch. Genau genommen war es sogar gerade seine augenscheinliche Treue, die ihr Unbehagen weckte, denn sie wusste genau, dass die meisten Angehörigen des Offizierskorps sie für gefährlich ehrgeizig hielten. Das konnte sie den Leuten nicht verdenken, denn sie war tatsächlich ehrgeizig, und für gewöhnlich gelang es ihr trotz ihres Rufes, ihre Untergebenen auf ihre Seite zu ziehen. Ihrer Erfahrung nach dauerte so etwas aber erheblich länger, und immer wieder drängte sich ihr die Frage auf, inwieweit Bukatos offenbare Unbefangenheit ihr gegenüber echt sei.

Sie stellte den Stuhl wieder gerade und legte die Hand auf den Haufen Datenchips, der ihre Schreibtischplatte zierte. »Inzwischen bin ich immer noch nicht mit der allgemeinen Lage und ihren Rahmenbedingungen so vertraut, wie ich es gerne wäre. Wissen Sie, es verblüfft mich nach wie vor, wie wahr die Feststellung ist, dass man unter Beschuss viel zu dicht am Kriegsgeschehen ist, um den größeren Rahmen zu erkennen.«

Bukato nickte. »So ging es mir auch. Andererseits ist es ebenso wahr, dass die Frontkommandeure ihren kleinen Ausschnitt des ›größeren Rahmens‹ erheblich besser kennen als wir hier in der Etappe.«

»Das stimmt«, gab sie ihm mit Nachdruck Recht, denn sie erinnerte sich an ihre überwältigende Frustration – und Wut – über ihre Vorgesetzten, als sie sich verzweifelt bemüht hatte, Trevors Stern zu halten. »Doch am meisten von allem hatte mich erstaunt, dass die Mantys nicht erheblich forscher vorgehen, als sie es tun. Bis ich die hier sah.« Sie tippte erneut auf die Datenchips. »Da habe ich erkannt, wie dünn ihre Verbände mittlerweile verteilt sind.«

»Diesen Umstand habe ich Bürger Minister Kline begreiflich machen wollen, bevor er … verschwand«, bemerkte Bukato. »Mir kam es aber vor, als hätte er nie ganz verstanden, was ich ihm damit sagen wollte.«

Er legte seinen Chipordner in ihren Eingangskorb, ging zum Stuhl vor ihrem Schreibtisch und hob fragend die Augenbraue. McQueen gestattete ihm mit einem Nicken, sich zu setzen.

»Danke, Bürgerin Minister«, sagte er, klappte seinen lang gestreckten, schlaksigen Leib in den Stuhl, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. »Ich muss zugeben«, fuhr er erheblich ernster fort, »das ist einer Gründe, aus denen ich erleichtert war, als Sie seine Stelle eingenommen haben. Gewiss muss die Zivilregierung den Oberbefehl über die Volksstreitkräfte beibehalten, doch Bürger Minister Kline verfügte nicht über die geringste militärische Erfahrung. Deshalb war es manchmal ein wenig schwierig, ihm gewisse Dinge beizubringen.«

McQueen nickte. Sie war mehr als nur ein wenig erstaunt, dass Bukato so bereitwillig etwas sagte, das man als Herabsetzung ihres Amtsvorgängers auffassen konnte. Gewiss, dass man Kline aus seinem Amt entfernt hatte, zeigte deutlich, dass er in Ungnade gefallen war, doch Bukato musste sich im Klaren sein, dass ihr Büro von der SyS abgehört wurde. Schon das kleinste Anzeichen, dass ein hoher Offizier Zweifel oder gar Ablehnung für einen politischen Vorgesetzten hegte, konnte sehr unangenehme Folgen nach sich ziehen. Selbstverständlich war es McQueen nicht entgangen, dass Bukato sich im gleichen Atemzug mit einem Lippenbekenntnis zur Zivilgewalt gedeckt hatte.

»Man sollte annehmen, dass diese Schwierigkeit bei unserer Zusammenarbeit nicht mehr auftritt«, entgegnete sie ihm.

»Das befürchte ich nun wirklich nicht, Bürgerin Minister. Vor allem wissen Sie als gedienter Flaggoffizier, wie groß die Galaxis wirklich ist – und wie viel Verteidigungsraum uns noch zur Verfügung steht.«

»Allerdings. Gleichzeitig weiß ich aber, dass wir es uns nicht leisten können, beständig zurückzuweichen, ohne dass sich die Kampfmoral in Luft auflöst«, sagte sie betont. »Und das bezieht sich nicht nur auf die Truppe, sondern auch auf die Zivilbevölkerung. Ohne zivile Unterstützung gewinnt die Flotte keine Schlacht, und wenn die Zivilisten erst einmal zu dem Schluss gelangen, es hätte keinen Sinn, Leute zu unterstützen, die einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen müssen …« Sie zuckte die Achseln.

»Natürlich nicht«, stimmte Bukato zu. »Andererseits ist jedes Sonnensystem, das wir verlieren, ein weiteres System, das die Mantys bewachen müssen. Jedes Mal, wenn sie die Front um ein Lichtjahr vorverlegen, bedeutet das für sie, dass sich auch ihre Nachschubwege um ein Lichtjahr verlängern.«

»Stimmt. Andererseits hat die Eroberung von Trevors Stern ihre Nachschubprobleme erheblich vereinfacht. Früher oder später muss sich das in den feindlichen Schiffsverteilungen niederschlagen.«

»Hm.« Nun war es an Bukato, das Gesicht zu verziehen und zu nicken. Durch die Eroberung von Trevors Stern befand sich die Manticoranische Allianz im Besitz aller Termini des Manticoranischen Wurmlochknotens, und so legten manticoranische Frachter die Reise zur Front nun ohne messbaren Zeitverlust zurück – und ohne abgefangen werden zu können.

»Zweifellos wird es irgendwann so weit sein, Bürgerin Ministerin«, sagte er schließlich, »aber im Moment haben die Mantys so gut wie gar nichts davon. Sie müssen noch immer das gleiche Weltraumvolumen mit der gleichen Anzahl verfügbarer Kampfschiffe verteidigen. Außerdem, und das ist vielleicht noch wichtiger, müssen sie Trevors Stern um jeden Preis halten, nachdem sie so viel Zeit und Mühe in seine Eroberung gesteckt haben. Nach meinem Verständnis der Geheimdienstberichte ist das der eigentliche Grund, aus dem man White Haven gestattet, im Jelzin-System eine neue Flotte zusammenzuziehen. Seine alte Flotte hält man weitestgehend bei Trevors Stern, um das System zu schützen.«

»Stimmt auch. Fürs Erste lenkt es die Mantys zwar von aggressiveren Aktivitäten ab, aber die Situation ist nicht statisch, sie ändert sich. Indem sie das System halten, beseitigen die Mantys die Gefahr einer Invasion ins eigene Heimatsystem durch den Wurmlochknoten. Das aber heißt, sie können damit beginnen, die verdammten Forts aufzulösen, die sie gebaut haben, um den Zentralen Nexus zu schützen. Damit setzen sie eine verdammt große Menge ausgebildeten Personals frei, die alle an Bord von Kampfschiffen dienen können.«

»Aber nicht sofort«, entgegnete Bukato mit einem Lächeln, das McQueen erwiderte. Bislang hatte keiner von ihnen etwas besonders Brillantes oder Erhellendes gesagt, und doch genossen sie dieses Brainstorming, das gegenwärtig in der Volksflotte echten Seltenheitswert besaß. »Und wenn sie diese Forts morgen auflösen – oder es auch schon gestern getan haben -, sie können dieses frische Personal gar nicht gegen uns einsetzen, solange die Schiffe nicht gebaut sind, die sie mit diesen Leuten bemannen könnten.«

»Genau!« McQueens Augen funkelten. »Zwar bauen sie ihre Schiffe immer noch schneller als wir die unseren, aber wir haben viel mehr Helligen als sie, und unsere Bauziffern nehmen immer weiter zu. Wir brauchen zwar länger als die Mantys, um ein Schiff zu bauen, aber solange wir an mehr Schiffen gleichzeitig arbeiten können als sie, haben wir eine Chance, die gleiche Bauquote zu erreichen, wenn man es auf die Gesamtzahl der Schiffszellen bezieht. Dazu kommt noch, dass wir alle Schiffe, die wir bauen, auch bemannen können, während sie insgesamt eine viel kleinere Bevölkerung haben – und wenn Gott mit dem Stärkeren ist, dann ist er immer noch mit uns. Aber in etwa einem Jahr werden die zusätzlichen Besatzungen, die von den Forts stammen, zu einem explosionsartigen Anstieg der manticoranischen Frontstärke führen. Deshalb müssen wir eine Möglichkeit finden, die Mantys mit Trevors Stern von ihren eigentlichen Zielen abzulenken, bevor sie die Vorteile seiner Einnahme gegen uns verwenden.«

»Aha?« Bukato neigte den Kopf zur Seite. »Das klingt, als hätten Sie bereits eine entsprechende Idee«, sagte er bedächtig.

»Habe ich auch … vielleicht«, gab McQueen zu. »Unter dem, was ich gerade gelesen habe, war auch eine Aufstellung über die Verfügbarkeit unserer Schlachtschiffe.«

Unwillkürlich verzog Bukato das Gesicht, und McQueen lachte hell auf. »Ich weiß – ich weiß! Jedes Mal, wenn jemand eine großartige Idee hat, was wir mit den Schlachtschiffen anfangen könnten, stehen wir hinterher mit weniger Schlachtschiffen da, sobald die Wrackteile abgekühlt sind. Und offen gesagt haben wir sehr viele davon vor Trevors Stern verloren, weil wir keine andere Wahl hatten, als sie in Abwehrgefechte gegen Dreadnoughts und Superdreadnoughts zu schicken. Trotzdem hat es mich überrascht, wie viele davon noch immer übrig sind. Wenn wir die Ostsektoren bis aufs Minimum entblößen, könnten wir eine recht ansehnliche Flotte Schlachtschiffe zusammenziehen, um die echten Wallschiffe zu unterstützen.«

»Sie denken an einen Gegenangriff«, stellte Bukato gelassen fest.

»Ja«, sagte McQueen. Heute weihte sie zum allerersten Mal jemandem in ihren Plan ein. Bukatos dunkle, tiefliegende Augen funkelten gespannt. »Die genaue Stelle, an der ich den Angriff landen will, möchte ich noch eine kleine Weile für mich behalten«, erklärte sie, »doch eine der Aufgaben, die Bürger Vorsitzender Pierre mir gestellt hat, umfasst die Verbesserung der Flottenmoral. Und ich finde, wir haben sehr gute Karten, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn wir die verdammten Mantys an irgendeiner Stelle unserer Wahl zurückschlagen, und sei es auch nur kurzfristig. Der Moral der Zivilisten wird das ebenfalls nicht schaden, und ich habe nicht einmal annähernd eine Ahnung, was dieser Rückschlag mit der manticoranischen Moral anstellen würde – oder wie er sich auf ihre zukünftigen Einsatzplanungen auswirkt.«

»Dem muss ich natürlich zustimmen, Bürgerin Minister«, sagte Bukato. »Der Technologietransfer aus der Solaren Liga hat sehr geholfen, viele unserer Leute aus dem alten Minderwertigkeitskomplex zu reißen, aber für meinen Geschmack denken die meisten noch immer zu defensiv. Wir brauchen mehr Admirale wie Tourville und Theisman, wir müssen ihnen alle Mittel verschaffen, die sie brauchen, und dann sollten wir ihnen freie Hand geben.«

»Hm.« McQueen nickte, aber sie konnte ein unwilliges Stirnrunzeln nicht ganz unterdrücken, denn die Erwähnung Lester Tourvilles und Thomas Theismans ließ sie sofort an die unglückselige Episode mit Honor Harrington denken. Als ein besorgter Ausdruck über Bukatos Gesicht huschte, machte sie augenblicklich gute Miene zur bösen Erinnerung und entspannte sich, bevor der Admiral glaubte, ihr Zorn richte sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund gegen ihn persönlich.

Nicht, dass die Affäre ein völliges Desaster gewesen wäre, sagte sie sich. Du weißt verdammt gut, dass Ransom Tourville und seinen ganzen Stab über die Klinge springen lassen wollte, weil er versucht hat, Harrington vor der SyS zu schützen, Theisman stand wahrscheinlich ebenfalls auf der Abschussliste. Wenigstens hat es dieses verfluchte Miststück geschafft, sich umbringen zu lassen, bevor sie der Flotte noch mehr schaden konnte! Außerdem muss ich deswegen nicht mehr bei der kleinsten Bewegung, die ich machen will, mit Zähnen und Klauen gegen sie kämpfen. Andererseits behandelt die SyS Tourville und seine Leute, als ob sie Ransom auf dem Gewissen hätten! Die Count Tilly ist nun über vier Monate von Cerberus zurück, und ihre gesamte Crew steht noch immer unter Hausarrest, während Saint-Justs Schergen ›den Fall untersuchen‹. Diese Idioten!

»Ich weiß, dass Bürger Admiral Theisman immer noch ein wenig … altmodisch ist«, sagte Bukato, dem ihr finsteres Gesicht nicht entging, »aber seine Führung im Gefecht ist beispielhaft, Bürgerin Minister, und für Tourville gilt das Gleiche. Ich hoffe, dass Sie sich nicht durch irgendwelche Gerüchte oder einseitige Berichte …«

»Nur die Ruhe, Bürger Admiral«, unterbrach ihn McQueen und wedelte mit der Hand. Rasch schloss Bukato den Mund. »Mir brauchen Sie Tourville oder Tom Theisman nicht anzupreisen – und als Kommandeure schon gar nicht. Ganz bestimmt habe ich nicht die Absicht, sie zum Sündenbock für irgendetwas zu machen, was Bürgerin Minister Ransom widerfahren ist. Was auch immer manche Leute denken, ich weiß genau, dass sie am Geschehen keine Schuld tragen, und ich habe dafür gesorgt, dass auch Bürger Vorsitzender Pierre und Bürger Minister Saint-Just davon überzeugt sind.« Zumindest glaube ich, dafür gesorgt zu haben. Wenigstens behauptet Saint-Just, ihm gehe es hauptsächlich darum, ›die Crew der Tilly von der Öffentlichkeit fernzuhalten, bis der Tod Cordelias offiziell bekannt gegeben wird‹. Na ja. Ob er das nun wirklich so meint oder nicht

Sie musterte Bukato und fasste einen Entschluss. Für Tourville tat sie alles, was in ihrer Macht stand, und vermutlich war es nicht sehr klug, die Angelegenheit mit Bukato zu diskutieren. Doch andererseits war vielleicht der Moment gekommen, ihm in anderer Hinsicht ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

»Ich wünschte, ich hätte das Komitee überzeugen können, Bürgerin Minister Ransoms Pläne mit Harrington zu widerrufen«, sagte sie. »Es wäre nie zu diesem Debakel gekommen, wenn sie eingewilligt hätte, Harrington im Gewahrsam der Flotte zu belassen, anstatt sie nach Camp Charon zu schleifen und dort aufzuknüpfen.«

Bukato riss angesichts der beißenden Häme ihres letzten Satzes die Augen auf. Die neue Kriegsministerin ging ein beträchtliches Risiko ein, indem sie einem Untergebenen Zugang zu ihren innersten Gedanken gewährte – besonders, wenn diese Gedanken irgendwelche Kritik am Komitee für öffentliche Sicherheit oder seinen Mitgliedern enthielten, gleich ob gegenwärtigen oder ehemaligen. Selbstverständlich konnte es genauso gut sein, dass McQueen ihn gerade einer Prüfung unterzog. Ja, das war sogar mehr als wahrscheinlich. Das Problem war nur, dass er gar nicht genau wusste, welches Thema diese Prüfung zum Gegenstand hatte. Sollte er seine Loyalität gegenüber dem Komitee demonstrieren, indem er McQueen denunzierte? Oder sollte er seine Loyalität gegenüber der Flotte und seiner disziplinarischen Vorgesetzten beweisen (wenn man unterstellte, dass dies zwei verschiedene Dinge wären), indem er den Mund hielt?

»An dieser Entscheidung war ich nicht beteiligt, Bürgerin Minister«, sagte er sehr langsam und wohlüberlegt. Dann beschloss er, selbst einen Fühler auszustrecken. »Dennoch erschien sie mir … fragwürdig.«

»Mir nicht«, schnaubte McQueen. Sie bemerkte das Aufflackern von Panik in Bukatos Augen und grinste ihn gezwungen an. »Mir kam es ausgesprochen dämlich vor«, sagte sie, »und das habe ich Bürger Vorsitzender Pierre und Bürger Minister Saint-Just damals unentwegt erklärt.«

Nun trat ein Ausdruck von Überraschung und Respekt in Bukatos Gesicht. McQueen unterdrückte ein Kichern. Ganz so unverhohlen, wie sie es nun behauptete, hatte sie sich damals nicht ausgedrückt, aber sie war schon recht nahe dran gewesen. Wenn die SyS die Audiochips abhörte, die man ganz gewiss anfertigte (oder die Chips, die Saint-Just damals eventuell von den Treffen angefertigt hat, dachte McQueen, falls er so paranoid ist – nein, das ›falls‹ können wir wohl streichen), so wäre ihre Version Saint-Justs Erinnerungen ähnlich genug, um ihr nicht zu schaden. Dem Gesichtsausdruck Bukatos nach zu urteilen, war McQueen durch ihre Bereitschaft, mit ihm so offen über dieses Thema zu sprechen, in seinem Ansehen gerade erheblich gestiegen.

»Wissen Sie, es war nicht Bürger Vorsitzender Pierres Idee, und auch nicht die von Bürger Minister Saint-Just. Ich glaube sogar, die beiden waren ebenfalls nicht damit einverstanden«, fuhr sie fort, stets der verborgenen Mikrofone eingedenk. »Aber Bürgerin Minister Ransom gehörte zum Komitee und hatte bereits ihre Absicht, Harrington hinzurichten, an die solarischen Nachrichtenagenturen weitergegeben. Diese verdammte Sache mit den Levellers lag kaum vier T-Monate zurück. Ich muss Ihnen wohl nicht extra hervorheben, welche Wellen es damals geschlagen hat, und man hielt es wohl für sinnvoller, ihr den Rücken zu stärken, als die galaktische Öffentlichkeit glauben zu lassen, wir wären an der Spitze in unversöhnliche Lager gespalten oder wollten einen weiteren Umsturzversuch herausfordern. Deshalb musste die Öffentliche Information auch die Hinrichtungsszene komplett fälschen.«

»Ich gebe zu, dass ich es so noch nicht betrachtet habe«, sagte Bukato. »Ich hoffe, Sie vergeben mir, wenn ich es sage, aber mir kam das Ganze unnötig vor.«

»›Unnötig‹«, sagte McQueen und schnaubte. »In gewisser Weise keine schlechte Bezeichnung. Außerdem wird die Hinrichtung vermutlich manchen Manty zu Rachetaten anstacheln. Andererseits ist die Entscheidung im Amt für Öffentliche Information getroffen worden, und dorthin hat sie auch gehört. Dort kann man nämlich besser beurteilen, welche Wirkung die Hinrichtung auf die Meinung der Zivilisten und der Neutralen hat, als wir in der Flotte.«

Die Art, in der sie bei diesen Worten bitter den Mund verzog, wollte gar nicht zu ihrem nachdenklichen, aufrichtigen Tonfall passen, und Bukato war erstaunt, in sich einen Lachreiz zu spüren. Ohne Zweifel würde jeder, der später die Chips abhörte, genau das hören, was sie ihm zu verstehen geben wollte, doch gelang es ihr irgendwie, Bukato wortlos zu vermitteln, was sie eigentlich sagen wollte.

Und vermutlich war es in einer Hinsicht sogar vernünftig, Harringtons Hinrichtung zu fälschen, dachte er. Auf diese Weise brauchen wir nämlich wenigstens nicht zu gestehen, dass es – wie vielen? Dreißig? – Kriegsgefangenen bei einem missglückten Ausbruchsversuch gelungen ist, einen Schlachtkreuzer komplett zu vernichten! Gott allein weiß, was aus unserer Moral würde, wenn wir das öffentlich zugeben müssten, auch wenn es nur ein SyS-Schiff war. Die Systemsicherheit würde den Nimbus der Unbesiegbarkeit verlieren, und es wäre nicht auszudenken, was alles geschehen könnte, wenn die SyS das nächste Mal versucht, ein paar arme Hunde einzuschüchtern. Und ob wir Harrington nun aufgehängt haben oder nicht, tot ist sie, und tot bleibt sie. Selbst wenn wir es wollten, könnten wir sie nicht zurückholen, deshalb schadet es wohl nichts, wenn wir aus ihrem Tod propagandistisches Kapital schlagen und behaupten, von vornherein darauf abgezielt zu haben. Wenn es denn so war.

Er löste sich aus seinen Gedanken und blickte die neue Kriegsministerin an. Was ging hinter diesen grünen Augen vor? Natürlich kannte Bukato ihren Ruf. Jeder kannte ihren Ruf. Persönlich hatte er bislang nur wenig von dem politischen Ehrgeiz bemerkt, für den sie berüchtigt war; in dem Versuch, die Flotte aus dem Schlamassel zu befreien, hatte sie während der sechs T-Monate seit ihrer offiziellen Ernennung mehr erreicht als Kline in über vier T-Jahren. Als Berufsoffizier konnte Ivan Bukato nicht anders, er musste McQueen bewundern und ihre Leistung anerkennen. Doch gleichzeitig spürte er, dass er bald an einen Scheideweg gelangen würde. Nicht zufällig hatte sie ausgerechnet an diesem Abend den Schild gesenkt. Sie wollte ihn prüfen, und wenn er sich verleiten ließ, auf sie persönlich bezogene Loyalität zu zeigen, dann konnten die Folgen – unerquicklich sein. Vielleicht sogar tödlich.

Und doch …

»Ich verstehe, Ma’am«, sagte er leise und bemerkte, dass sie blinzelte. Zum ersten Mal hatte er die traditionelle, ›elitäre‹ Anrede benutzt, statt sie ›Bürgerin Minister‹ zu nennen. Als Mitglied des Komitees für Öffentliche Sicherheit stand ihr die Anrede zu, doch da gerade diese Anrede seit dem Harris-Attentat keinem Flottenoffizier gegenüber mehr benutzt werden durfte, galt es stets als der klügere Teil der Tapferkeit, sich auch bei politischen Vorgesetzten um ein ›Ma’am‹ oder ›Sir‹ zu drücken.

»Das freut mich, Ivan«, antwortete McQueen nach kurzem Schweigen. In seinen Augen stand ähnliches Begreifen, denn sie redete ihn zum ersten Mal mit dem Vornamen an. Der erste Schritt des komplizierten Tanzes war gemacht. Keiner von beiden konnte sicher sein, wo dieser Tanz enden würde, aber der erste Schritt war immer der wichtigste. Zunächst hielt man sich besser noch bedeckt. McQueen schenkte Bukato ein sarkastisches Lächeln, während ihre Stimme völlig ernst und gedankenschwer klang. »Uns stehen selbst einige harte Entscheidungen bevor, denn wir müssen allmählich eine militärische Vorgehensweise empfehlen. Ich weiß zwar, dass sich politische und diplomatische Fragen auf den militärischen Komplex auswirken werden, aber offen gesagt bin ich froh, dass wir uns nicht mit politischen Angelegenheiten aufhalten müssen, solange unser Laden noch nicht richtig wieder läuft. Darüber können wir uns Gedanken machen, wenn es an der Zeit ist, unsere Planung mit den Diplomaten abzustimmen, aber dazu müssen wir erst einmal sicherstellen, dass wir die verdammten Mantys dort halten können, wo sie im Moment sind!«

»Sehr richtig, Ma’am«, stimmte Bukato ihr zu, und sie tauschten ein schmallippiges Lächeln.

3

Lange Erfahrung hatte Petty Officer First Class Scott Smith gelehrt, seine zerbeulte Reisekiste aus dem Haufen vor der Frachtröhre des Shuttles zu bergen, ihren Kontragrav einzuschalten und sie aus dem Weg zu schaffen, bevor er irgendetwas anderes tat. Erst als er sich darum gekümmert hatte, suchte er nach der Orientierungstafel. Er fand sie, durchquerte die Ankunftshalle und stellte sich davor, ohne je die Hand von seiner Kiste zu nehmen. Dann studierte er die Informationen, die vor ihm aufblitzten. Da war sie ja: HMS Candice, der gleiche Name wie auf seinem Marschbefehl. Er schnitt ein Gesicht. Er hatte zwar noch immer nicht die leiseste Ahnung, was für ein Schiff die ›Candice‹ sein sollte, aber der Klang des Wortes gefiel ihm nicht.

Kommt mir ganz vor wie einer von den süßlich klingenden Namen, die sie diesen verdammten bewaffneten Handelskreuzern so gern geben, dachte er grollend. Oder vielleicht ein Tender? Ein Schlepper? Gereizt zuckte er die Achseln. Auf jeden Fall ’n beschissener Name für ein Kriegsschiff. Warum konnten sie mich denn nicht einfach auf der Leutzen lassen? Drei verflixte T-Jahre hab ich daraufhingearbeitet, so einen Posten zu bekommen, und jetzt holen sie mich für Gott weiß was da weg.

Er verzog wieder das Gesicht. Befehl war Befehl. Er vergewisserte sich, auf dem Display den richtigen farbkodierten Wegweiser gefunden zu haben, dann setzte er sich mürrisch in Bewegung, um die Eingeweide Ihrer Majestät Raumstation Weyland zu durchqueren und sein neues Schiff zu erreichen.

Lieutenant Michael Gearman musterte den großen P. O. 1/c, der vor ihm dem farbigen Wegweiser folgte, und zog spekulativ eine Augenbraue hoch. Er und der Maat waren mit dem gleichen Shuttle eingetroffen, und er fragte sich, ob sie beide das gleiche Ziel hatten. Schon möglich, aber Weyland war groß – nicht so groß wie Vulcan oder Hephaistos, aber dennoch über dreißig Kilometer lang. Die Raumstation lag außerdem etwas versteckt in der Umlaufbahn um Gryphon, auch bekannt als Manticore B IV, und deshalb hatten ein paar von Gearmans Lazarettkameraden nur mitleidig gegrunzt, als sie von seinem Marschbefehl hörten. Von den drei bewohnbaren Planeten des Systems glich Gryphon der Erde am wenigsten und hatte erheblich mehr Terraformierung erfordert als Manticore oder Sphinx. Die extreme Achsneigung des Planeten verlieh seinem Wetter bei den Bewohnern der Schwesterwelten eine wenig beneidenswerte Berühmtheit. So mancher hitzköpfige Navyangehörige hielt die weit verstreut lebende Bevölkerung Gryphons nur deswegen für bemerkenswert, weil sie die ›Weichlinge‹ von den anderen Planeten des Sternenkönigreichs mit einer gewissen Herablassung behandelten. Diese Haltung färbte leider auf das Benehmen des gryphonischen Zivilisten ab, wenn er es mit Flottenangehörigen zu tun hatte, die auf Gryphon nach ein wenig Zerstreuung suchten. Im Verein mit dem Fehlen echter Städte musste besagtes Flottenpersonal darum nach Dienstende mit einer sehr begrenzten Auswahl an Unterhaltungsangeboten vorliebnehmen.

Gearman störte das überhaupt nicht. In neunzehn Monaten Regenerationstherapie hatte er mehr Unterhaltung und Zerstreuung erhalten als ihm recht war. Nichts war ihm lieber, als sich wieder in die Arbeit zu stürzen, da konnten ihn seine Freunde ruhig bemitleiden und ihm versichern, Manticore B sei ›der A … – die Achselhöhle‹ des Manticore-Systems. Gearman jedenfalls glaubte mittlerweile, dass seine neue Verwendung sich als erheblich interessanter erweisen würde, als es zunächst den Anschein hatte. Im Laufe der letzten zwanzig bis dreißig T-Jahre war es bei der Royal Manticoran Navy Usus geworden, Entwicklung und Erprobung der gefährdeteren Prototypen in die Hände der technischen Teams von Weyland zu geben, hauptsächlich deshalb, weil sich nur sehr wenige auswärtige Schiffe in das Untersystem des Doppelsterns Manticore verirrten. In den dichten Asteroidengürteln von Manticore B betrieb man ausgedehnte Schwerindustrie, und gewaltige Frachter schleppten sowohl Halbfertigprodukte als auch Rohmaterialien aus den gewaltigen Orbital-Hochofenanlagen nach Manticore A. Die wichtigen Frachtumschlagplätze des Sternenkönigreichs befanden sich indes auf Kreisbahnen um Manticore und Sphinx. Umgehend hatte die Navy ein komplettes Verbot jedes nicht-manticoranischen Frachtverkehrs im Gebiet von Manticore B verordnet, als der Krieg ausbrach.

Deshalb bauten und testeten BuShips und BuWeaps ihre Prototypen am liebsten auf Weyland. Das Office of Naval Intelligence konnte Geheimhaltung freilich auch hier nicht garantieren, doch wenigstens brauchte die Flotte sich keine Gedanken zu machen, welche der angeblich neutralen Frachter tatsächlich für Haven spionierten, denn neutrale Frachter waren keine in der Nähe. Trotzdem besaß Gearman nicht den geringsten Beweis, dass seine neue Verwendung mit einem solchen Geheimprojekt zu tun hätte. Andererseits hatte er die jüngste verfügbare Schiffsliste eingesehen, als er die Befehle erhielt, und eine ›HMS Candice‹ fand sich darauf nicht. Seit Ausbruch des Krieges unterlagen freilich auch die Namen von Neubauten der Geheimhaltung, und jemand mit seinem Dienstgrad besaß schwerlich Zugang zu den neusten, vollständigen Informationen. Doch der Umstand, dass der Name auf keiner Vorkriegsliste auftauchte, musste bedeuten, dass diese geheimnisvolle Candice noch keine acht Jahre alt sein konnte. (Oder, wie eine Stimme ganz hinten in der Ecke seines Geistes unbedingt hinzufügen musste, es handelt sich um ein Handelsschiff, das nach Kriegsausbruch gekauft und umgerüstet wurde.) Berücksichtigte man noch die auffällige Tatsache, dass seine Befehle ihm nicht den geringsten Hinweis darauf lieferten, worin seine Pflichten an Bord eigentlich bestehen würden (was, gelinde gesagt, sehr ungewöhnlich war), brachen sich in seinem Gehirn alle möglichen interessanten Ideen Bahn.

Er grinste über die eigenen Fantasien und beschleunigte den Schritt.

»Scooter!«

P. O. Smith schaute erstaunt auf, als jemand ihn bei seinem Spitznamen rief, und grinste breit, als sich ein vertrautes Gesicht aus der Menge schälte. Der gedrungene, haarige Mann erinnerte in gewisser Weise an einen Affen, war erstaunlich hässlich und sah überdies aus, als müsste er beim Laufen eigentlich mit den Fingerknöcheln über den Boden schleifen. Er trug einen ähnlichen Dienstoverall wie Smith mit den gleichen drei Winkeln auf dem Ärmel. Das Namenschild über der Brusttasche lautete MAXWELL, RICHARD.

»Na so was! Wenn das nicht der Mann ist, der den Schraubenschlüssel fallen ließ!«

»Ach, hör schon auf, Scooter! Das ist doch – wie lang ist das her? Sechs verdammte T-Jahre?«

»Ehrlich?« Smith’ graue Augen blitzten diabolisch. »Ich entsinne mich dran, als wär’s gestern gewesen. Vielleicht, weil der Anblick so … spektakulär war. Und so teuer. Ich meine, man kriegt schließlich nicht jeden Tag zu sehen, wie einer die Hauptenergieschienen eines Impellerraums kurzschließt.«

»Ach nein? Warte nur, es dauert nicht lang, dann sehe ich, wie du den Mist des Jahrhunderts baust.«

»Nix da, ich mach dir die goldenen drei linken Hände nicht streitig. Aber träum ruhig weiter.«

»Hochmut kommt vor dem Fall, Alter«, entgegnete Maxwell düster.

»Ha!« Smith schaltete den Kontragrav seiner Kiste ab, sodass sie aufs Deck sank, dann schaute er sich neugierig um. Er hatte erwartet, dass der Wegweiser ihn zum Liegeplatz der Candice führen würde; statt dessen war er auf einer gewaltigen Beiboothangargalerie herausgekommen. Das konnte nur bedeuten, dass sein neues Schiff nicht an der Raumstation gedockt war. Fragend blickte er Maxwell an.

»Weißt du etwa, was sie mit uns vorhaben, Maxie?«, fragte er wesentlich ernster. »Ich hab mich zwar umgehört, aber keinem, mit dem ich gesprochen habe, ist auch nur ’ne Latrinenparole zu Ohren gekommen.«

»Ich kann dir auch nicht mehr sagen«, gab Maxwell zu, nahm das schwarze Barett ab und kratzte sich hinter dem rechten Ohr. »’n Freund von mir bei BuShips meinte, die Candice ist ’n neues Langstrecken-Werkstattschiff – Hochgeschwindigkeitstender, vielleicht als Beischiff für ein Handelsstörergeschwader oder so was. Davon abgesehen hab ich auch nichts erfahren. Zum Teufel, ich weiß noch nicht mal, was ich zu tun habe, wenn ich an Bord bin!«

»Du auch nicht?« Smith runzelte die Stirn. Marschbefehle der RMN enthielten in der Regel wenigstens eine kurze Beschreibung der neuen Aufgaben, nicht nur den Schiffsnamen ohne zusätzliche Informationen. Wenn der Abschnitt auf einem Befehl fehlte, dann war das vielleicht auf Nachlässigkeit in der Verwaltung zurückzuführen; fehlte er auf zweien, dann sah es plötzlich sehr nach einer absichtlichen Sicherheitsmaßnahme aus. Aber wenn die Candice nur ein Werkstattschiff war – mochte der Typ so neu und modern sein, wie er wollte -, was sollte daran geheim sein? Und wenn …

»Achtung, Abkommandierung Sieben Sieben Sechs Zwo«, drang die Stimme des Hangaroffiziers blechern aus den Galerielautsprechern. »Erster Aufruf für den Transport zu HMS Candice. Ihr Shuttle legt in fünfzehn Minuten von Personenröhre Blau Vier ab. Wiederhole: Shuttle zu HMS Candice legt in fünfzehn Minuten von Personenröhre Blau Vier ab.«

»Da machen wir uns besser auf den Weg«, stellte Maxwell fest, und die beiden folgten der Galerie. Ihre schwerelosen Kisten zogen sie hinter sich her. Smith erreichte die benannte Personenröhre als Erster und stöhnte laut auf, als er sah, was auf der anderen Seite der dicken Armoplastwand auf den Pralldämpfern hockte.

»Was ist?«, fragte Maxwell, der nicht an seinem größeren Freund vorbeisehen konnte.

Smith seufzte. »Wir kommen auf einen gottverdammten Müllfrachter«, antwortete er missgelaunt. »So ein Scheiß! Man sollte doch meinen, dass sie uns wenigstens einen Shuttle mit Fenstern gönnen!«

»Ein Shuttle ist ’n Shuttle«, wies Maxwell ihn achselzuckend zurück. »Ich brauche keine Fenster. Eine Raumstation hab ich schon gesehen, und ’n Werkstattschiff auch. Ich hoffe nur eins: dass die Überfahrt lange genug dauert, damit ich mich ein bisschen aufs Ohr legen kann.«

»Maxie, du bist ein Kretin«, sagte Smith gereizt.

»’türlich bin ich das!«, stimmte Maxwell ihm fröhlich zu, dann kam ihm jäh ein schrecklicher Verdacht, und er zog die Brauen zusammen. »Was ist denn ein Kretin?«, wollte er wissen.

»Aach-tunk!«

Captain Alice Truman betrachtete das Fernbild auf dem Display ihres Besprechungsraums, als der scharfe Befehl durch das verworrene Lärmen dröhnte, das im Beiboothangar Drei von HMS Minotaur herrschte. Mit reflexartiger Schnelligkeit nahm das neu an Bord eingetroffene Kontingent Mannschaften und Unteroffiziere längs der Linien, die auf das Deck gemalt waren, Haltung an; ihre Spekulationen über ihre neue Verwendung waren von dem vertrauten Kommando wie durch einen Säbelhieb abgeschnitten worden. Die Frau, die den Befehl erteilt hatte, trug auf den Ärmeln ihrer makellosen Uniform drei Winkel mit drei Bögen darüber. Zwischen den Winkeln und Bögen schwebte der goldene Anker, das Abzeichen der Bootsmannsmaate, statt des Sterns der meisten anderen Laufbahnen. Der oberste Bogen trug die gestickte Krone, welche die Frau als Senior Master Chief auswies, als Trägerin des höchsten Unteroffiziersdienstgrads der Royal Manticoran Navy. Mit einem Gesicht, dem jeder Ausdruck fehlte, musterte sie den Block schweigender Männer und Frauen, dann verschränkte sie die Hände hinter dem Rücken und schritt sehr langsam die vorderste Reihe der Angetretenen ab. Als sie das Ende erreichte, blieb sie stehen, drehte sich um, wiegte sich auf den Fersen, stapfte in die Mitte der Reihe zurück und lächelte dünn.

»Willkommen auf eurem neuen Schiff«, begrüßte sie die Leute in ausgeprägtem gryphonischem Akzent. »Mein Name ist MacBride. Bosun MacBride.« Die Zuhörer schwiegen und verdauten, dass die Frau gerade verkündet hatte, ranghöchster Unteroffizier an Bord ihres neuen Schiffes zu sein, die Person also, die dazu ausersehen war, ihnen gegenüber als direkte Vertreterin Gottes zu fungieren. MacBride lächelte wieder. »Für alle, die es noch nicht von selber herausgefunden haben: Ihr seid nicht an Bord eines Werkstattschiffes. Ihr kommt auch in kein Werkstattschiff. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Offenbarung euch gründlich verstört, dass ihr armen kleinen verlorenen Lämmer nun verwirrt seid und euch fragt, was man denn hier von euch will. Nun, ich hege keinen Zweifel, dass es für den Skipper nichts Wichtigeres im ganzen Universum geben könnte, als es euch ganz genau zu erklären. Dummerweise muss sie sich um das Schiff kümmern und ist im Moment einfach zu beschäftigt, deshalb fürchte ich, dass ihr stattdessen mit mir vorliebnehmen müsst. Ist das für irgendeinen von euch ein Problem?«

Wäre in diesem Moment eine Stecknadel aufs Deck gefallen, wäre ihr Aufprall genauso laut zu hören gewesen wie der Schlag eines Hammers auf einen Amboss. MacBrides Lächeln weitete sich zu einem breiten Grinsen. »Dacht ich’s mir doch.« Sie hob die rechte Hand. Auf ein Fingerschnalzen trat ein halbes Dutzend Unteroffiziere mit elektronischen Klemmbrettern unter dem Arm vor. »Wenn ihr euren Namen hört, meldet ihr euch und folgt demjenigen, der euch gerufen hat«, fuhr MacBride energischer fort. »Man wird euch eine Unterkunft zuweisen und euch auf die Wachrolle setzen. Und trödelt bloß nicht rum, Leute! Für alle neuen Besatzungsmitglieder gibt es heute Abend um einundzwanzig Uhr eine Orientierung, und ich werde die Anwesenheit persönlich kontrollieren!«

Noch zehn Sekunden lang fixierte MacBride die Neuen, dann nickte sie, und ein stämmiger Senior Chief trat neben sie und schaltete mit einem Tastendruck sein Klemmbrett ein.

»Abramowitz, Carla!«, las er vor.

»Jawoll!« In der letzten Reihe hob eine Frau die Hand und trat vor, die Kiste im Schlepptau. Vor ihr wichen die anderen zur Seite, um sie hindurchzulassen.

»Carter, Jonathan!«, rief der Senior Chief, und Truman schaltete das Display ab, denn soeben kam ihr Erster Offizier in den Besprechungsraum. Sie blickte auf und sah, dass er zwei Lieutenants, einer davon Junior-Grade, und einen Lieutenant Commander hineinführte.

»Unsere Neuzugänge, Ma’am.« Wie die Bosun stammte Commander Haughton von Gryphon, auch wenn sein Akzent weniger ausgeprägt war.

Truman neigte den goldhaarigen Kopf zur Seite, als die drei Offiziere sich vor dem Konferenztisch aufstellten und Haltung annahmen. In allen drei Augenpaaren bemerkte sie brennende Neugier und verbarg ein mildes, amüsiertes Lächeln.

»Lieutenant Commander Barbara Stackowitz meldet sich zur Stelle, Ma’am!«, rief die grauäugige, braunhaarige Frau am Ende der Reihe zackig.

Truman nickte ihr zu, dann sah sie dem nächsten Offizier ins Gesicht.

»Lieutenant Michael Gearman meldet sich zur Stelle, Captain«, sagte er. Er hatte dunkle Haare und dunkle Augen, war dünn und schien leicht gebeugt zu gehen. Gleichzeitig aber ging etwas Zwingendes von ihm aus. Truman nickte wieder und blickte den Letzten in der Reihe fragend an.

»Lieutenant Junior-Grade Ernest Takahashi meldet sich zur Stelle, Ma’am!« Takahashi war klein, ein noch dunklerer Typ als Gearman und drahtig. Seine tiefbraunen Augen wirkten fast schwarz. Obwohl bei ihm die Neugier genauso offensichtlich zutage trat wie bei den beiden anderen, verbreitete er entspannte Selbstsicherheit – nicht etwa Selbstgefälligkeit, sondern er vermittelte den Eindruck eines Mannes, der gewöhnt war, die Dinge gleich beim ersten Mal richtig zu machen.

»Rührt euch, Leute«, sagte Truman nach einem Augenblick. Die Offiziere entspannten sich. Sie sah den I.O. an. »Der Papierkram ist in Ordnung, John?«

»Jawohl, Ma’am. Liegt schon bei Ihrem Schreibersmaat.«

»Gut. Chief Mantooth wird sich mit der Gründlichkeit darum kümmern, die wir von ihr gewohnt sind.« Sie wandte sich wieder den Neuen zu und deutete mit der Hand auf die Stühle am anderen Ende des Tisches.

»Setzen Sie sich«, lud Truman sie ein, und die drei gehorchten.

Sie rückte ihren Stuhl zurück und musterte die neuen Offiziere, während sie sich in Erinnerung rief, was sie in ihren Personalakten gelesen hatte.

Stackowitz folgte der taktischen Laufbahn und genoss den Ruf, ein Naturtalent im Umgang mit Raketen zu sein. Dass sie bereits als Kommandantin eines LACs gedient hatte, war sozusagen nur die Zuckerglasur auf dem Kuchen. Sie war für eine Planstelle in Captain (Junior-Grade) Jacquelyn Harmons Stab vorgesehen, doch Truman plante, sie sich häufig auszuborgen. Der Lieutenant Commander hatte ein ovales Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen, einem festen Mund und ruhigen Augen. Momentan wirkte sie ein wenig angespannt, fast reizbar, doch das war schließlich verständlich. Keiner der drei hatte auch nur die leiseste Ahnung, welche neuen Aufgaben sie erwarteten. Weil der Shuttle keine Fenster besaß, hatten sie bei der Überfahrt nicht einmal einen Blick auf ihr neues Schiff werfen können, und deshalb mussten sie bereits begriffen haben, dass sie sich an Bord eines höchst ungewöhnlichen Fahrzeugs befanden.

Gearman andererseits wirkte fast wie die Ruhe selbst. Unverhohlen war er neugierig, doch ging seine Neugier tiefer und war kein Zeichen für Beklemmung. Er wirkte vielmehr konzentriert. Seine ausgeprägte Sonnenbräune verdankte der Lieutenant ohne Zweifel dem Aufenthalt im Rehabilitationslager, in das er von den Therapeuten des Basingford Medical Center überwiesen worden war, damit er sich vollends erholte. Als er in den Besprechungsraum gekommen war, hatte Truman ihn aufmerksam beobachtet, doch nicht das geringste Hinken wies noch darauf hin, dass er das linke Bein verloren hatte, als havenitischer Beschuss den Superdreadnought Ravensport bei der Ersten Schlacht von Nightingale für immer außer Dienst gestellt hatte. Gearman war Dritter Ingenieur der Ravensport gewesen, doch vorher, als Lieutenant JG, hatte er fast ein Jahr lang als Bordingenieur eines LACs gedient.

Und dann schließlich Takahashi. Obwohl er erst Lieutenant Junior-Grade war, hatte Truman ihn angenommen, weil er als Klassenbester auf der Flugschule von Kreskin Field abgeschlossen hatte (auch wenn er bei einem gewissen Zwischenfall, der die Flugsimulatoren der Schule betraf, eine rekordverdächtige Menge an Tadelpunkten kassierte), und weil er nach Beendigung der Akademie eine unglaubliche Begabung zum Steuern aller Beiboote bewiesen hatte. Zuletzt war er Chef einer Halbstaffel Sturmshuttles an Bord des großen Truppentransporters Leutzen gewesen, wo man sein Geschick als Pilot ohne Zweifel sehr zu würdigen gewusst hatte. Unter anderen Umständen wäre er zumindest noch ein weiteres Jahr dort verwendet worden, doch Truman und das Projekt Anzio besaßen größere Ansprüche auf sein Talent.

»Also schön«, sagte sie und brach damit das Schweigen, bevor es unbehaglich werden konnte. »Zuallererst möchte ich Sie alle an Bord von HMS Minotaur willkommen heißen.« Als Stackowitz stutzte, lächelte Truman schief. »Eine HMS Candice gibt es tatsächlich«, versicherte sie ihnen, »aber ich bezweifle sehr, dass jemand von Ihnen den Fuß in dieses Schiff setzen wird. Sie ist ebenfalls eine Art Prototyp, aber ein Prototyp für ein Werkstattschiff, kein Kriegsschiff. Im Moment ist sie Weyland zur Begutachtung zugeteilt und dient als Ausbildungsschiff für weitere Neubauten ihres Typs, aber normalerweise ist sie irgendwo in diesem Sonnensystem unterwegs, um den Schülern reichlich Praxis zu vermitteln. Sechstausend Männer und Frauen sind an Bord, und deswegen und dank ihres erratischen Marschplans ist sie der ideale Deckmantel für uns. Niemand wundert sich, dass Neuzugänge mit der Fähre hergebracht werden müssen, und ihre Crew ist so groß und unterliegt so häufigem Wechsel, dass wir eine ganze Menge Leute hierher zu uns schleusen können, ohne dass es jemandem auffällt.«

Truman gab ihnen Zeit, kurz darüber nachzudenken. Die drei Offiziere sahen sich gegenseitig an, und in ihren Augen schlugen die Spekulationen über die Stränge. Truman musterte sie dabei und verglich ihre Reaktionen mit denen der anderen Offiziere, mit denen sie das gleiche Gespräch bereits geführt hatte. Bisher waren die drei guter Durchschnitt.

»Für diese Geheimniskrämerei gibt es einen triftigen Grund«, sagte sie ruhig. »In wenigen Minuten wird Commander Haughton« – sie nickte dem blonden, braunäugigen I.O. zu, der rechts neben ihr Platz genommen hatte – »Sie Ihren Abteilungsleitern vorstellen, die Ihnen eine detaillierte Beschreibung unseres Auftrags und Ihrer spezifischen Aufgaben geben werden. In Anbetracht der Natur unseres Auftrags ziehe ich es allerdings vor, die Orientierung meiner neuen Offiziere persönlich vorzunehmen, also machen Sie es sich bequem.«

Sie lächelte ihnen ermutigend zu. Takahashi war der Einzige, der halbwegs entspannt wirkte, doch die beiden anderen bemühten sich wenigstens so zu tun, als würden sie der Verfügung ihrer Kommandantin gehorchen. Truman zog ihren Stuhl wieder heran und faltete auf dem Tisch die Hände.

»Die Minotaur ist das erste Schiff einer neuen, experimentellen Klasse«, erklärte sie. »Ich weiß, dass Sie keinen Blick darauf werfen konnten, als Sie an Bord geflogen wurden. Also, hier ist sie.« Sie drückte an ihrem Datenterminal eine Taste, und ein gestochen scharfes Hologramm erschien über dem Tisch. Die neuen Offiziere wandten sich dem Abbild zu, und Stackowitz kniff überrascht die Augen zusammen.

Truman verübelte es ihr nicht, denn sie konnte ein Schiff wie die Minotaur noch nie zuvor gesehen haben. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein Kriegsschiff, denn sie besaß die verräterischen Hammerköpfe an den Enden, und sie maßte fast genau sechs Millionen Tonnen. Damit lag sie im oberen Drittel des Massebereichs für Dreadnoughts, doch schon ein beiläufiger Blick verriet jedem, der auch nur ein bisschen davon verstand, dass es sich bei der Minotaur, was immer sie nun war, um keinen Dreadnought handeln konnte. An ihren Flanken zogen sich Reihen von gewaltigen Lukenöffnungen, die viel zu groß waren, als dass sie zu gewöhnlichen Breitseitenwaffenschächten gehören konnten, und das Muster ihrer Anordnung wirkte gleichfalls völlig fremd.

»Ich darf Ihnen mitteilen«, sagte Truman leise, »dass Sie soeben zu Besatzungsmitgliedern des ersten LAC-Trägers der Royal Manticoran Navy geworden sind.«

Gearman riss den Kopf zu ihr herum. Ungläubig starrte er sie an. Sie bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln und sagte: »Sie haben richtig gehört, Mr. Gearman. Ein LAC-Träger. Darf ich davon ausgehen, dass Sie zumindest gerüchteweise von den LACs gehört haben, die vergangenes Jahr in Silesia von unseren Q-Schiffen eingesetzt worden sind?«

»Äh, jawohl, Ma’am«, sagte der Lieutenant nach einem kurzen Blick auf seine Kameraden. »Aber ›Gerüchte‹ sind auch schon alles. Niemand hat je etwas … davon gesagt.« Er wies mit einer Handbewegung auf das Holobild, und Truman lachte glucksend. Dann wurde sie schlagartig wieder ernst.

»Wenn irgendjemand Ihnen gegenüber irgendetwas über die Minotaur fallen gelassen hätte, so würde er oder sie sich eines Verstoßes gegen die Geheimhaltungsvorschriften schuldig gemacht haben. Diesen Vorschriften unterliegen Sie alle übrigens von nun an ebenfalls. Sie sind offiziell dem Projekt Anzio zugeteilt, und Ihre Aufgabe besteht darin, die Minotaur nebst ihres LAC-Geschwaders einsatzbereit zu machen und dann zu beweisen, dass das Konzept in der Praxis funktioniert. Um die Geheimhaltung unseres Vorhabens ferner zu gewährleisten, brechen wir nach Hancock Station auf, sobald die ersten beiden LAC-Staffeln an Bord gekommen sind. Die dortige Flottenbasis wird uns in unserem Auftrag unterstützen, und da dieser Tage nur unsere eigenen Leute nach Hancock kommen, wird unser Aufenthalt dort uns davor schützen, dass ›neutrale‹ Augen uns beobachten und nichts eiliger zu tun haben, als nach Nouveau Paris zu rasen und zu schwätzen. Alles klar?«

Die drei Offiziere nickten, und Truman schob ihren Stuhl wieder zurück.

»Gut«, sagte sie und wies auf das Holobild. »Wie Sie sehen können, ist die Konstruktion der Minotaur ungewöhnlich – Sie kommen übrigens besser nicht auf die Idee, mich hören zu lassen, dass Sie das Schiff ›Minnie‹ nennen, haben Sie mich verstanden? Ursprünglich wollte BuShips ein erheblich kleineres Experimentalmodell bauen lassen, um daran das Konzept zu erproben, doch die Hochrechnungen forderten für die Einsatzschiffe schon immer eine Zelle von Dreadnoughtmasse, und Vizeadmiral Adcock hat Admiral Danvers davon überzeugen können, das Testschiff in voller Größe zu bauen. Seine genauen Worte lauteten, soviel ich weiß: ›Der beste Maßstab für ein Experimentalschiff beträgt zehn Millimeter pro Zentimeter!‹« Sie grinste. »Und so kam es dann auch.«

Sie erhob sich und fuhr im Tonfall eines Dozenten auf Saganami Island fort, während sie mit einem altmodischen Lichtzeiger auf die Details in der holografischen Darstellung wies: »Wie Sie gewiss bereits sehen, hat die Minotaur überhaupt keine Breitseitenbewaffnung – von ihren LACs natürlich abgesehen. Sie maßt knapp unter sechs Millionen Tonnen, Länge über Alles beträgt zwo Komma zwo Kilometer, die größte Breite dreihundertsiebenundsechzig Meter. Offensivbewaffnung findet sich nur auf den Jagdlafetten, die dafür allerdings recht schwer sind: voraus und achtern je vier Graser und neun Raketenwerfer. Auf den Breitseiten haben wir dagegen nur Nahbereichsabwehr und die LAC-Hangars, die zurzeit noch leer sind.«

Lieutenant Commander Stackowitz zog ein finsteres Gesicht, und Truman musste lachen. Der Taktische Offizier fuhr bei diesem Geräusch auf, und die Kommandantin grinste sie an.

»Nur keine Sorge, Commander. Wir haben eine Hauptbatterie – und der erste Teil davon ist fast bereit zum Anbordgehen. Doch die Großen Tiere finden – zu Recht, wie ich meine -, dass die Minotaur eine Testfahrt nötig hat. Damit haben wir die letzten beiden Monate verbracht, während das Hauptmann- und das Jankowski-Kartell uns auf Hauptmanns Einhorn-Werft unsere LACs gebaut haben.«

In den Augen aller drei Neuzugänge flackerte Begreifen auf. Der Einhorn-Gürtel war der innerste – und ergiebigste – unter den drei Asteroidengürteln des Manticore-B-Systems. Ein gutes Drittel dieses Gürtels gehörte Gryphon Minerals Ltd., einer Tochter des Hauptmann-Kartells, und ein weiteres Drittel hatte die Gesellschaft gepachtet. Das Kartell besaß ausgedehnte Erzaufbereitungs- und Verhüttungsanlagen im Gürtel, die direkt von den angestellten Schürfern beliefert wurden, und hartnäckig hielten sich schon vor dem Krieg Gerüchte, dass die Hauptmann-Werften, die Schiffbaugesellschaft des mächtigen Kartells, auf ihren Helligen im Einhorn-Gürtel weitab aller neugierigen Augen Prototypen für die Navy baute. Das Jankowski-Kartell war zwar weitaus kleiner als das Hauptmann-Kartell, galt aber als ein hoch spezialisierter Vertragspartner für die Wehrforschung der Navy.

Hat das Jankowski-Kartell nicht sogar die Hauptarbeit geleistet, als es darum ging, das graysonitische Kompensatorprinzip für die Flotte anzupassen?, überlegte Gearman.

»Die Stammbesatzung der Minotaur beträgt nur sechshundertundfünfzig Leute«, sprach Truman weiter, und ihre neuen Offiziere sahen erstaunt auf. Das waren ja kaum siebzig Prozent der Besatzung, die ein Schwerer Kreuzer benötigte, der zwanzigmal kleiner war als die Minotaur! »Diese geringe Besatzungsstärke ließ sich nur durch ein weit höheres Maß an Automation erreichen, als BuShips noch vor Kriegsausbruch akzeptiert hätte, und natürlich dadurch, dass wir jegliche Breitseitenbewaffnung eliminiert haben. Außerdem haben wir nur eine Kompanie Marineinfanterie an Bord, nicht das volle Bataillon, das sich normalerweise in einem Dreadnought oder Superdreadnought findet. Andererseits verlangt unsere augenblickliche Stärke- und Ausrüstungsnachweisung von uns, auf Dauer etwa dreihundert weitere Leute an Bord zu nehmen, von denen die LACs des Geschwaders technisch versorgt und taktisch unterstützt werden. Hier kommen Sie ins Spiel, Commander Stackowitz.«

Die Dunkelhaarige zog die Brauen hoch, und Truman zeigte ihr die Zähne.

»Sie haben doch einen Ruf als Ass in Raketentaktik, Commander, und soviel ich weiß, haben Sie sechs Monate lang am Projekt Geisterreiter mitgearbeitet. Stimmt das?«

Stackowitz zögerte kurz und nickte. »Jawohl, Ma’am, das habe ich. Das gesamte Projekt ist jedoch streng geheim. Ich weiß nicht, ob ich …« Sie wies mit einer entschuldigenden Gebärde auf die anderen Offiziere, und Truman erwiderte das Nicken.

»Ihre Vorsicht ist lobenswert, Commander, aber diese Gentlemen werden in den kommenden Wochen Geisterreiter aus dem Effeff kennen lernen. Als Sühne für unsere Sünden haben wir nämlich zu allem Überdruss auch noch die Früchte dieses Projektes zu testen. Eine Einführung hat allerdings noch Zeit bis später. Im Augenblick ist nur wichtig, dass Sie durch Ihre – Sonderkenntnisse wichtige Beiträge für die taktische Abteilung der Minotaur leisten werden, während Ihre eigentliche Verwendung die des Operationsoffiziers im LAC-Geschwader sein wird.«

»Jawohl, Ma’am.«

»Nun zu Ihnen, Lieutenant Gearman«, fuhr Truman fort und wandte sich dem braungebrannten Ingenieur zu. »Sie sind als Staffelingenieur der Staffel Gold vorgesehen. Diese Staffel ist die Kommandoeinheit des Geschwaders, und ich nehme an, dass Sie außerdem als Captain Harmons Bordingenieur in Gold-Eins dienen werden. Jedenfalls sieht es im Moment so aus.«

»Jawohl, Ma’am.« Gearman nickte knapp. An den Augen war ihm anzusehen, dass seine Gedanken sich bereits überschlugen, während er sich über diese neue, völlig unerwartete Aufgabe klar zu werden versuchte.

»Und was Sie betrifft, Lieutenant Takahashi«, fuhr Truman fort und blickte ihn streng an, »so werden Sie der Rudergänger von Gold-Eins. Nach Ihrer Akte erwarte ich außerdem von Ihnen, dass Sie bei der Einrichtung der Simulatorsoftware eine tragende Rolle spielen werden. Ich rate Ihnen jedoch dringend, keinesfalls irgendwelche Elemente aus Ihrem ›Überraschungsszenario‹ von Kreskin Field einzubauen.«

»Jawohl, Ma’am! Ich meine, nein, Ma’am! Selbstverständlich nicht!«, beeilte Takahashi sich, ihr zu versichern. Gleichzeitig grinste er breit bei dem Gedanken, welche hübschen neuen Spielzeuge die Navy ihm schenkte. Truman tauschte einen Blick mit Commander Haughton. Der I.O. schüttelte nur resigniert den Kopf. Innerlich feixte die Kommandantin über den Gesichtsausdruck, mit dem er den glückselig lächelnden jungen Lieutenant musterte.

»Also schön«, sagte Truman forscher und gewann damit die Aufmerksamkeit der Zuhörer zurück, »und so sehen unsere LACs aus.«

Truman drückte einige Tasten, und das Holo der Minotaur verschwand. Ein neues Abbild nahm fast augenblicklich ihren Platz ein – ein Schiff von schlanker, bedrohlicher Gestalt, das den Eindruck machte, als stoße es für gewöhnlich aus Meerestiefen an die Oberfläche und sei mit einem schrecklichen Maul voller Reißzähne bewehrt. Kaum dass die drei Neuankömmlinge es sahen, wurde ihnen die Ungewöhnlichkeit seines Entwurfs bewusst, und sie richteten sich fast von ihren Stühlen auf.

Als Erstes fiel ins Auge, dass das Raumfahrzeug mit seinem spitz zulaufenden Bug zunächst mehr an eine Pinasse erinnerte als an ein LAC, obwohl ihm Tragflächen für den Atmosphärenflug fehlten. Der Grund dafür bestand darin, dass es die Hammerköpfe an Bug und Heck, das Charakteristikum aller impellergetriebenen Kampfschiffe, vermissen ließ. Der nächste Punkt, der erst einmal einsickern musste, war das Fehlen sämtlicher Waffenschächte in den Breitseiten – und aller Nahbereichs-Abwehrwaffen. Der erstaunlichste Aspekt des Neuentwurfs blieb vorerst vielleicht sogar unbemerkt: Das Fahrzeug im Hologramm besaß nur halb so viele Impelleremitter, wie es eigentlich besitzen sollte. Kein LAC war hyperraumtüchtig, deshalb hatte nie die Notwendigkeit bestanden, sie mit den platzraubenden Alpha-Emittern echter Sternenschiffe auszustatten. Doch seit mehr als sechs Jahrhunderten benötigte ein Kampfschiffs-Impellerantrieb von voller Leistungsfähigkeit sechzehn Beta-Emitter pro Impellerring. Das wusste jeder.

Und dieses LAC brach das Gesetz. In beiden Impellerringen waren jeweils nur acht Emitter zu sehen, auch wenn sie ein wenig größer wirkten, als sie eigentlich hätten sein sollen.

»Herrschaften«, sagte Truman und deutete mit dem Lichtzeiger, »hier sehen Sie den Prototyp der Shrike-Klasse. Sie maßt zwanzigtausend Tonnen, und wie Sie gewiss bemerkt haben« – der Zeiger zuckte durch das Hologramm -, »sind einige Änderungen vorgenommen worden, unter anderem hat man die üblichen Klotzköpfe weggelassen. Das hat seinen Grund. Die Energie-Hauptbewaffnung dieses Schiffes befindet sich genau hier.« Der Zeiger berührte den schlank zulaufenden Bug. »Eine Mittschiffslinienlafette mit einer Öffnung von eins Komma fünf Metern und den neuesten Gravlinsen«, erklärte sie und beobachtete die Augen ihrer Zuhörer. »Sie gestattet es dem LAC, einen Graser zu tragen – einen Graser, keinen Laser -, der annähernd so stark ist wie die Geschütze in einem unserer Schlachtkreuzer der Homer-Klasse.«

Gearman schnappte vernehmlich nach Luft. Truman war davon wenig überrascht. Die Energiegeschütze der Jagdarmierung zählten stets zu den schwersten Waffen eines Kriegsschiffs, doch der Graser, von dem sie gerade gesprochen hatte, wies eine Öffnung auf, die um sechsundfünfzig Prozent größer war als die Jagdbewaffnung eines Leichten Kreuzers von der sechsfachen Größe eines Shrike. Doch in fast jeder Gruppe, die Truman mit den neuen LACs vertraut machte, gab es jemanden, der auf die Enthüllung ähnlich reagierte wie der Ingenieursoffizier. Deshalb ignorierte sie den Überraschungslaut und fuhr im Saganami-Island-Ton fort.

»Die Wirksamkeit dieses Geschützes wird durch vier Dinge erst ermöglicht: Es ist die einzige Energiewaffe des LACs, die Raketenarmierung wurde stark verkleinert, man hat die Masse der Impelleremitter um siebenundvierzig Prozent verringert, und die Besatzung ist noch kleiner als die eines gewöhnlichen LACs. Die Shrike hat eine nur zehnköpfige Crew, sodass auch die Tonnage des Lebenserhaltungssystems stark gesenkt werden konnte. Außerdem wurde der Reaktorbrennstofftank weggelassen.«

Als sie innehielt, blickte Gearman sie mit sehr eigenartigem Gesicht an. Sie wartete, und schließlich schüttelte er den Kopf.

»Verzeihung, Ma’am. Sagten Sie wirklich, der Reaktorbrennstofftank wurde weggelassen?«

»Bis auf das, was für die Schubdüsen gebraucht wird – ja«, bestätigte Truman ihm.

»Aber …« Gearman verstummte, zuckte mit den Achseln und fasste sich ein Herz. »Wenn das so ist, Ma’am – womit betreibt die Shrike dann ihr Fusionskraftwerk?«

»Sie hat keins«, erklärte Truman ihm schlicht. »Sie benutzt einen Atommeiler.«

Drei Sätze Augenbrauen stiegen in die Höhe, und Truman lächelte dünn. Kaum dass verlässliche Fusionskraftwerke verfügbar waren, hatte die Menschheit die Energiegewinnung durch Kernspaltung aufgegeben, denn die Fusion brachte nicht nur ein weit geringeres Strahlenrisiko mit sich, Wasserstoff war auch viel einfacher, gefahrloser und billiger zu gewinnen als spaltbares Material. Soweit Truman wusste, kam erschwerend hinzu, dass in etwa zu der Zeit, als die Fusionstechnik ihre praktische Verwendungsreife erlangte, fanatische Technologiefeinde, die Neo-Ludditen, ihr Bestes gaben, um das Konzept technischen Fortschritts als inhärent böse abzuschaffen. Ihnen war es gelungen, die Kernspaltung mit dem Zeichen des Tiers als Sinnbild all dessen zu brandmarken, was zerstörerisch und schändlich ist. Im Grunde hatte sich der ›Run‹ auf die Fusionsenergie rasch zur Stampede ausgeweitet. Obwohl der Großteil des Gewäschs der Neo-Ludditen keinen Bestand hatte, blieb an der Kernspaltung der schlechte Ruf haften. Damals hatten die Journalisten alles Negative, was die Neo-Ludditen über Atommeiler behaupteten, als gegeben hingenommen, weil eben ›jeder wusste, dass es stimmte‹. Kein populärer Historiker hatte es seitdem für wert befunden, die Tatsachen einer Neubewertung zu unterziehen, wohl vor allem deshalb nicht, weil die Technik ohnedies als überholt galt. Was den Großteil der Menschheit anging, war Kernspaltung per se ein gefährliches Relikt aus einer dunklen, primitiven und nur bruchstückhaft überlieferten Vergangenheit.

»Ja, ich sagte ›Atommeiler‹ und ich meinte ›Kernspaltung‹«, bestätigte Truman, nachdem sie ihnen fast eine Minute gegeben hatte, um die Offenbarung in sich aufzunehmen. »Noch ein Trick, den wir von den Graysons gelernt haben. Im Gegensatz zum Rest der Milchstraße benutzen sie noch immer Atommeiler, wenngleich sie in den letzten dreißig oder vierzig Jahren ihre Abhängigkeit von der Kernspaltung zusehends reduziert haben. Aber Grayson – und auch die Asteroidengürtel des Jelzin-Systems – sind sehr reich an Schwermetallen … und an spaltbarem Material. Seit ihrem Bürgerkrieg haben sie sich aus eigener Kraft wieder bis zur Atomspaltung hochgearbeitet, und als wir auf sie stießen und wieder mit Fusionskraftwerken vertraut machten, hatten sie ihre Fissionstechnik zu Wirkungsgraden optimiert, die niemand sonst je erreicht hat. Wir steuerten moderne, leichtgewichtige Strahlenschutzmaterialien und Energieschilde bei, die Graysons ihre Reaktorbaukunst, und waren gemeinsam in der Lage, einen Atommeiler zu konstruieren, der weitaus kleiner und erheblich leistungsstärker ist als alles, was die Graysons allein zuwege gebracht haben.

Ich rechne nicht damit, dass solche Anlagen in der näheren Zukunft auf Planetenoberflächen installiert werden. Ebenso wenig werden sie wohl auf Großkampfschiffen Verwendung finden. Doch ein einziger dieser neuartigen Meiler liefert bequem alle Energie, die eine Shrike benötigt, und trotz aller Gruselgeschichten über die Kernspaltung wird die Entsorgung verbrauchter Brennelemente und anderen Abfalls kein besonderes Problem bedeuten. Sämtliche Raffinierungsarbeiten werden im All ausgeführt, und unseren Abfall brauchen wir nur in die nächste Sonne zu werfen. Im Gegensatz zu einem Fusionskraftwerk benötigt ein Atommeiler keine regelmäßige Zufuhr von Brennmasse. Unseren Schätzungen zufolge reicht der erste Meilerkern einer Shrike etwa achtzehn T-Jahre lang, und damit wird die Einsatzdauer dieser Klasse nur durch das Lebenserhaltungssystem begrenzt.«

Gearman schürzte die Lippen und pfiff leise. Ein konventionelles LAC wurde vor allem dadurch eingeschränkt, dass es ihm wegen seiner Beengtheit nicht möglich war, auch nur annähernd den Brennstoffvorrat eines größeren Kriegsschiffs mitzuführen. Ein Schlachtkreuzer der RMN konnte Reaktormasse für gut vier Monate Einsatz bunkern, doch diese Schiffe waren gerade für Vorstöße tief hinter der gegnerischen Front oder Geleitschutzaufgaben konstruiert. Ein Leichtes Angriffsboot andererseits hatte Mühe, genügend Wasserstoff für einen dreiwöchigen Einsatz unterzubringen, und besaß folglich im Vergleich zu den überlegenen Schiffen eine bestürzend kurze Reichweite. Doch wenn man sie plötzlich nur noch alle achtzehn Jahre aufzutanken brauchte …!

»Das klingt recht beeindruckend, Ma’am«, sagte er nach einem Augenblick, »aber ich verstehe überhaupt nichts von Kernspaltung.«

»Niemand außerhalb von Grayson versteht etwas von Kernspaltung, Mr. Gearman – natürlich abgesehen von den Teams, die diese neuartigen Meiler entwickelt haben. Für unsere Shrikes haben wir im Moment nur zehn oder zwölf ausgebildete Besatzungen; die anderen müssen auf Hancock Station oder hier an Bord der Minotaur geschult werden. Über die erforderlichen Simulatoren verfügen wir. Ferner haben wir beim Jankowski-Kartell einen ansehnlichen Schulungskader, der die Schiffstechnischen Offiziere unterweisen wird. Sie bekommen vor unserem Aufbruch nach Hancock drei T-Wochen Zeit, um sich mit der Materie vertraut zu machen. Nach den augenblicklichen Plänen werden Sie und die anderen Ingenieure anschließend drei Monate lang intensiv am neuen Gerät geschult. Danach beginnen wir mit der Ausbildung an echten LACs.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß, wir liegen verdammt weit zurück. Eigentlich hätten Sie schon vor Kiellegung der Minotaur an den neuen Meilern ausgebildet werden sollen. Doch obwohl man dem Projekt Anzio oberste Priorität erteilt hat, wollten einige technische Aspekte einfach nicht so bereitwillig mitspielen, wie wir es uns gewünscht hätten. Und wenn ich ehrlich bin, beharrte der Abschirmdienst lange darauf, dass sämtliche Ausbildung an Bord der Minotaur zu geschehen habe, weitab aller neugierigen Blicke, und nicht in den Simulatoren einer Werft.«

Kurz erwog sie, die starrsinnige Gegnerschaft gewisser hoher Offiziere zu erwähnen, die das Konzept des LAC-Trägers insgesamt als Verschwendung unverzichtbarer Ressourcen und Arbeitskraft ansahen, welche besser praxisbewährten, traditionellen Waffensystemen zugutekämen. Doch die Versuchung ging rasch vorüber. Keiner der drei hatte das Dienstalter, in welchem man unweigerlich in solche internen Zwistigkeiten auf höchster Ebene verwickelt wird, und es wäre der Sache nicht dienlich gewesen, wenn sie sich darüber Sorgen gemacht hätten.

»Aber wenn wir für die Energieversorgung noch gar nicht zertifiziert sind, wie …?«, begann Gearman, dann verstummte er errötend. Kein besonnener Lieutenant bohrte bei einem Captain of the List nach Informationen, die sie ihm nicht mitteilen wollte, doch Truman lächelte nur wieder.

»Wie bekommen wir sie ohne Energie an Bord?«, fragte sie, und er nickte. »Gar nicht«, entgegnete sie. »Wir nehmen achtzehn von ihnen an Bord, bevor wir nach Hancock auslaufen; die restlichen LACs des Geschwaders sind bereits dorthin unterwegs, in den Frachträumen eines halben Dutzends Frachter. Habe ich damit ihre Frage beantwortet?«

»Äh, jawohl, Ma’am.«

»Schön. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit nun wieder aufs Holo richten möchten«, fuhr Truman fort, »so bemerken Sie diese Vorsprünge.« Der Lichtstrahl des Zeigers strich über acht längliche Blasen mit einer Öffnung, die gleich achterlich des vorderen Impellerrings aus dem Rumpf traten und hinter den Zwischenräumen der einzelnen Emitter lagen. »Das sind Raketenwerfer«, sagte sie. »Die vier großen« – der Zeiger bestrich sie – »feuern Schiff-Schiff-Raketen. Jeder Werfer besitzt ein ›fünfschüssiges‹ Revolvermagazin. Damit hat eine Shrike nur zwanzig Schiff-Schiff-Raketen, aber sie kann alle drei Sekunden alle vier Rohre abfeuern.« Nun war es an Stackowitz, schweigend die Lippen zu schürzen, und Trumans Zeiger fuhr auf die vier anderen, kleineren Rohre. »Diese hier starten Antiraketen. Die Reduktion der normalen Armierung erlaubt uns, zwoundsiebzig davon in ein LAC zu quetschen. Außerdem werden Sie das hier bemerkt haben.« Der Zeiger richtete sich wieder auf den spitzen Bug. »Hier haben wir Nahbereichsabwehr-Lasercluster: sechs davon ringförmig um den Graser angeordnet.«

»Verzeihen Sie, Captain. Darf ich eine Frage stellen?«, meldete sich Takahashi, der sich von ihrem vorherigen Verhalten gegenüber Gearman offenbar ermutigt fühlte. Sie nickte ihm zu. »Danke, Ma’am.« Er zögerte, als suche er nach den richtigen Worten, dann sagte er vorsichtig: »Was ich hier sehe, kommt mir wie eine große Pinasse oder ein großer Sturmshuttle vor, Ma’am, denn alle Bewaffnung ist starr nach vorn eingebaut.« Sie nickte wieder, und er fragte achselzuckend: »Ist es nicht ein wenig, äh, riskant für ein so kleines Schiff wie ein LAC, jedes Mal das eigene T zu entblößen, wenn es auf ein feindliches Sternenschiff feuern will, Ma’am?«

»Die wesentlichen Details erfahren Sie von den Ressortoffizieren, Lieutenant«, sagte sie, »aber allgemein will ich sagen, dass die Antwort ja und nein lautet. Wie wir es uns im Moment vorstellen, wird die Doktrin von einer Shrike verlangen, dass sie sich dem Feindschiff im spitzen Winkel nähert und dem Feind einen Schuss in den Rachen oder den Kilt hoch verwehrt. Einer der Gründe, weshalb auf Breitseitenbewaffnung verzichtet wurde, war es, die Schwächung des Seitenschilds durch Stückpforten zu vermeiden. Außerdem ist Ihnen vermutlich die geringere Anzahl Antriebsemitter aufgefallen.«

Sie wies mit dem Zeiger auf den vorderen Impellerring, und die drei nickten wie ein Mann.

»Das liegt an einer weiteren Neuentwicklung, die wir bislang ›Beta-Quadrat‹-Emitter nennen. Sie sind erheblich leistungsstärker als die älteren Emitter. Außerdem sind die Shrikes mit einem verbesserten Überlichtcom ausgerüstet, das eine erheblich höhere Impulsrate besitzt. Daher sollten die Shrikes als bemannte Fernaufklärer sehr nützlich werden. In nicht allzu ferner Zukunft sehen wir etwas Ähnliches vermutlich auch in größeren Schiffen. Für uns interessant ist daran nun, dass die neuen Emitter fast so leistungsstark sind wie ältere Alpha-Emitter, und wir haben dazu passend auch stärkere Seitenschildgeneratoren in die Shrikes eingebaut. Dadurch ist der Seitenschild gut fünfmal so stark wie irgendeiner, den je ein LAC besessen hat.

Außerdem verfügen die Shrikes über sehr ausgefeilte ECM-Geräte und Täuschkörper, die fast so viel kosten wie der blanke LAC-Rumpf. Nach unseren Simulationen werden die LACs selbst auf kurze Distanz grundsätzlich sehr schwierige Raketenziele sein, und diese Schwierigkeit lässt sich durch gekonnten Einsatz von Täusch- und Störraketen noch vergrößern. Wir prüfen im Moment noch, was vernünftiger ist: diese Raketen von konventionellen Kriegsschiffen aus zu starten oder die Werfer der LACs damit zu bestücken, was ihre Offensivwirkung verringern würde.

Letztendlich haben die Gehirnakrobaten sich für die Shrikes noch eine echte Nettigkeit ausgedacht.« Truman schenkte ihren Zuhörern ein Haifischlächeln. »Wie wir alle wissen, ist es unmöglich, die Bug- oder Hecköffnung eines Impellerkeils mit einem Seitenschild zu schließen, richtig?« Erneut antwortete ihr allgemeines Nicken. »Und warum ist das so, Lieutenant Takahashi?«, fragte sie freundlich.

Einen Moment lang blickte der junge Offizier sie mit dem Ausdruck von jemandem an, dem seine Tage auf Saganami Island noch sehr gut in Erinnerung sind und der sich gegenüber Suggestivfragen große Vorsicht bewahrt hat. Leider war sie Captain Senior-Grade und er Lieutenant Junior-Grade, also musste er ihr trotzdem antworten.

»Wird die zwischen den Verzerrungsbändern eingebettete N-Raum-Tasche mit einem geschlossenen Keil abgeschnitten, fällt die Schubkraft augenblicklich auf null, sodass es unmöglich ist, zu beschleunigen, zu verzögern oder den Kurs zu ändern, Ma’am«, antwortete er. »Soll ich auch die Mathematischen -«

»Nein, schon gut, Lieutenant«, sagte sie. »Aber angenommen, Sie wollten gar nicht beschleunigen oder abbremsen? Könnten sie dann keinen ›Bug‹-Seitenschild erzeugen?«

»Nun, jawohl, Ma’am, das wäre wohl möglich. Aber dann könnte man den Kurs nicht …« Takahashi verstummte schlagartig, und Lieutenant Commander Stackowitz nickte plötzlich knapp.

»Ganz genau«, sagte Truman. »Es geht darum, einzelne feindliche Kriegsschiffe mit genügend LACs anzugreifen, denn bei einzelnen Sternenschiffen ist immer eine Annäherung im spitzen Winkel möglich. Eine Reihe von Faktoren erlaubt es uns, die Lenkwaffen in einem Winkel von 120 Grad beidseits der Mittellinie einzusetzen. Zu diesen Faktoren zählen die neuen Raketenwerfer, die verbesserten Sucher und Molycircs, die höhere Vektoränderungen verkraften, und natürlich die Tatsache, dass der Feuerleitung des Schiffes nach dem Raketenstart mehr Zeit bleibt, den Freigabecode an die autonomen Systeme der Lenkwaffen zu senden. Das heißt, eine Shrike kann schon während der spitzwinkligen Annäherung mit Raketen angreifen – und Antiraketen auf feindlichen Beschuss abfeuern. Sobald die Shrikes auf Energiewaffenreichweite heran sind, schwenken sie aufs Ziel ein und bauen den ›Bug‹-Seitenschild auf – der nur eine Stückpforte für den Graser besitzt und doppelt so stark ist wie die Breitseitenschilde. Damit ist er so widerstandsfähig wie der Seitenschild eines Dreadnoughts. Nach den Simulationsergebnissen der Taktikschule wäre ein so kleines Ziel wie ein LAC von vorn erheblich schwerer zu treffen als ein großes Kriegsschiff, das sich auf konventionelle Manier dem Breitseitenduell stellt. Rechnet man noch die Eloka-Kapazität der Shrikes hinzu, sind sie plötzlich noch schwierigere Ziele, und selbst wenn es dem Gegner gelingt, sie zu erfassen, machen die Bugschilde es sehr mühsam, sie zu vernichten.«

Sie hielt kurz inne und fuhr in erheblich ernsterem Tonfall fort.

»Trotzdem trifft ein gut gezielter Schuss auch ein schwieriges Ziel, und wenn eins dieser LACs von irgendetwas getroffen wird, dann wird es vernichtet. Sobald wir sie also ins Gefecht schicken, werden wir einige verlieren, Herrschaften. Aber selbst wenn wir ein ganzes Dutzend verlieren, sind das einhundertzwanzig Menschen, die sterben müssen – ein Drittel einer Zerstörerbesatzung, weniger als sechs Prozent der Crew eines Schlachtkreuzers der Reliant-Klasse. Zusammengenommen haben diese zwölf LACs aber einundzwanzig Prozent mehr Energiewaffen-Feuerkraft als die Breitseite einer Reliant. Was die Lenkwaffen-Kapazität angeht, ist es natürlich nur ein Bruchteil der Feuerkraft eines Schlachtkreuzers, und sie müssen auf Messerreichweite herankommen, um dem Feind wirklich wehzutun. Niemand will behaupten, dass sie wie ein Zaubertrick Großkampfschiffe ersetzen könnten, aber alle Hochrechnungen und Studien sind sich einig, dass sie einen konventionellen Schlachtwall erheblich verstärken können. Außerdem müssten sie uns auf örtlich begrenzter Ebene neue Verteidigungsstärke verleihen und Sonnensysteme vor angreifenden Havie-Geschwadern schützen können, sodass wir künftig die Großkampfschiffe, die wir bisher zum Systemschutz einsetzen, abziehen und an die Front bringen können. Ihre Reichweite und Ausdauer müsste sie eigentlich für Überfälle hinter der feindlichen Linie unbezahlbar machen.«

Trumans drei neueste Untergebene starrten sie an. Eindeutig kämpften sie darum, alle Information aufzunehmen, die sie soeben auf sie hatte niedergehen lassen. Doch in ihren Augen war zugleich ein Leuchten zu sehen, denn sie stellten sich bereits die Möglichkeiten vor, die ihre Kommandantin aufgezählt hatte – und begannen sich zu wundern, welche Verwendungen sie selbst für die neuen Einheiten noch ersinnen mochten.

»Captain?«, bat Stackowitz um Erlaubnis zu sprechen, und Truman nickte. »Ich habe mich gefragt, Ma’am … wie viele LACs die Minotaur tragen wird?«

»Zusammen mit Pralldämpfern und Nabelschnuranschlüssen beträgt der Massepreis pro LAC – den Rumpf schon eingeschlossen – etwa zwounddreißigtausend Tonnen«, sagte Truman fast leichthin. »Das heißt, wir können nur einhundert LACs mitführen.«

»Einhund …?« Stackowitz verstummte mitten im Wort, und Truman grinste.

»Einhundert. Das Geschwader wird vermutlich in zwölf Staffeln zu acht LACs unterteilt, die anderen vier bleiben als Ersatz«, sagte sie. »Aber ich glaube, Sie sehen bereits, was für eine Kampfeinheit wir sind, wenn ein einziger Träger von der Größe der Minotaur so viele davon ins All bringen kann.«

»Ganz sicher, Ma’am«, murmelte Stackowitz, und die beiden Lieutenants nickten bekräftigend.

»Gut!«, sagte Truman wieder. »Denn jetzt geht es darum, dafür zu sorgen, dass wirklich alles so sauber und ordentlich abläuft, wie die Planung und die Simulationen behaupten. Und natürlich«, fügte sie mit entblößten Zähnen hinzu, »so sauber und ordentlich, wie ich es sage.«

4

»Lord Prestwick und Lord Clinkscales, Euer Gnaden«, sagte der Sekretär, und Benjamin Mayhew IX., von Gottes Gnaden Planetarer Protector von Grayson und Verteidiger des Glaubens, schob sich mit dem Sessel von seinem zweckmäßigen Schreibtisch zurück, von dem aus er Grayson regierte. Der Kanzler durchschritt die Tür, die ihm der Sekretär höflich aufhielt.

»Guten Morgen, Henry«, sagte der Protector.

»Guten Morgen, Euer Gnaden«, antwortete Prestwick und trat beiseite, um dem weißhaarigen alten Mann mit dem grimmigen Gesicht Platz zu machen, der ihn begleitete. Dieser zweite Gast hielt einen schlanken Stab mit einem silbernen Knauf in der Hand, und an einer Kette um den Hals trug er einen silbernen Gutsherrenschlüssel. Benjamin IX. begrüßte ihn mit einem Nicken.

»Howard«, sagte er mit weit sanfterer Stimme, »danke, dass du gekommen bist.«

Der alte Mann erwiderte das Nicken fast zu knapp. Bei jedem anderen hätte das eine tödliche Beleidigung von Benjamin Mayhews persönlicher und offizieller Würde bedeutet, doch Howard Clinkscales war vierundachtzig T-Jahre alt, von denen er siebenundsechzig im Dienste Graysons und der Mayhew-Dynastie verbracht hatte. Drei Generationen von Mayhews war er treu ergeben gewesen, und bis zu seinem Rücktritt vor achteinhalb Jahren hatte er den Planetenschutz befehligt, diejenige Truppe, von der Benjamin schon als Säugling beschützt worden war. Selbst wenn das alles nicht wäre, dachte Benjamin traurig, im Augenblick würde ich ihm wohl alles durchgehen lassen. Er sieht einfach schrecklich aus.

Der Protector verbarg seine Gedanken hinter gelassener, geradezu aufgeräumter Miene und lud seine Besucher mit einem Wink ein, Platz zu nehmen. Clinkscales warf Prestwick einen raschen Seitenblick zu, dann setzte er sich in einen Sessel am Couchtisch, während der Kanzler sich auf dem kleinen Sofa neben dem Schreibtisch des Protectors niederließ.

»Einen Kaffee, Howard?«, fragte Benjamin, denn der Sekretär stand noch immer in der Tür und wartete auf Anweisungen, Clinkscales schüttelte den Kopf, und Benjamin sah Prestwick an, der ebenfalls verneinte. »Wie ihr meint. Jason, Sie können gehen«, sagte er dem Sekretär. »Sorgen Sie bitte dafür, dass man uns nicht stört.«

»Zu Befehl, Euer Gnaden.« Der Sekretär verneigte sich kurz, aber respektvoll vor den Gästen, dann tiefer vor Benjamin und zog die altmodische, von Hand bediente Tür aus poliertem Holz sacht hinter sich zu. Das leise Klicken, mit dem das Schloss einrastete, schien wie ein Gewehrschuss durch das stille Büro zu hallen. Benjamin schürzte die Lippen und blickte Clinkscales an.

Das runzlige Gesicht des alten Mannes strahlte Unnachgiebigkeit aus, als sei es zu einem Bollwerk gegen die Ungerechtigkeit des Universums geworden. Der Verlust hatte tiefe Furchen in Clinkscales’ Züge geschnitten wie Flusswasser, das am Grundgestein nagt. Aus den alten Augen sprach die Trauer – eine trotzige, ja wütende Trauer, deren Ausdruck nur durch Willenskraft im Zaum gehalten wurde und sich doch unbändig gegen die Fesseln aufbäumte – voller Energie und … voller Qual. Benjamin begriff sowohl Clinkscales’ Trauer als auch seine Wut und den Schmerz, und gern hätte er dem alten Mann die Zeit gelassen, um selber mit seinen Gefühlen fertig zu werden. Das aber durfte er nicht.

Und wenn ich so lange abwarten könnte, ich glaube nicht, dass er Honers Tod aus eigener Kraft bewältigen will.

»Ich nehme an, du weißt, warum ich dich hergebeten habe, Howard«, brach er schließlich das Schweigen. Clinkscales blickte ihn kurz an und schüttelte, noch immer schweigend, den Kopf. Benjamin biss unwillkürlich die Zähne zusammen. Offenbar ahnte Clinkscales, worauf der Protector hinauswollte, denn er hatte den Stab mitgebracht, das Zeichen seiner Regentschaft über das Gut von Harrington, und das verriet, dass er den Grund für die Einladung zu kennen glaubte. Dennoch schien es, als wollte er die Ursache seiner Gefühlslage zum Verschwinden bringen, indem er sie nicht einmal vor sich selbst eingestand.

Aber das kann er ebenso wenig wie ich, sagte sich Benjamin grimmig. Beide haben wir Pflichten. Verdammt noch mal, ich möchte mich zwar nicht in seine Trauer einmischen, aber trotzdem kann ich jetzt auf meine Wünsche keine Rücksicht nehmen.

»Ich glaube, das weißt du sehr gut, Howard«, sagte er sehr ruhig, und tiefes Rot stieg Clinkscales in die Wangen. »Ich bedaure die Ereignisse und die Überlegungen außerordentlich, die mich zwingen, darauf zu sprechen zu kommen, aber ich habe keine Wahl, ich muss mich nun damit befassen. Und für Sie gilt das Gleiche, Mylord Regent.«

Als Clinkscales den Titel hörte, zuckte er mit dem Kopf, als weiche er vor einem Hieb zurück. »Ich …« Er blickte den Protector für einen Moment an, dann schwand aus seinen Augen der Zorn und ließ nur Kummer zurück. Unvermittelt sah man ihm deutlich jedes einzelne Lebensjahr an, und mit bebenden Nasenflügeln sog er tief und schmerzvoll die Luft ein. »Ich bitte um Vergebung, Euer Gnaden«, sagte er leise. »Jawohl. Ich … weiß Bescheid. Dein Kanzler …« – Clinkscales’ Lippen zuckten kurz und bildeten die Parodie eines Lächelns, während er seinem alten Freund und Standesgenossen zunickte – »plagt mich damit schon seit Wochen.«

»Das weiß ich.« Benjamins Stimme war ebenfalls weicher geworden. Offen blickte er Clinkscales in die Augen und hoffte, der alte Mann sähe ihm an, dass er Schmerz und Verlust ebenso stark empfand wie sein Gegenüber.

»Ja, nun …« Clinkscales wandte sich ab, dann straffte er die Schultern und stand von seinem Sessel auf. Er umfasste den Stab mit beiden Fäusten, trat vor den Schreibtisch und hielt ihn Benjamin auf offenen Händen hin. Dann sprach er die formellen Sätze, von denen er gehofft hatte, sie nie über die Lippen bringen zu müssen.

»Euer Gnaden«, sagte er mit ruhiger Stimme, »meine Gutsherrin ist gefallen und besitzt keine Erben. Wie das Gut ihr von Euch zu treuen Händen gegeben ward, übertrug sie mir die Pflicht, es während ihrer Abwesenheit zu regieren. Nun aber …« Ihm versagte die Stimme, und die vom Gesetz vorgeschriebenen, altüberlieferten Worte entzogen sich ihm. Er schloss die Augen und musste sich sammeln, bevor er fortfahren konnte. »Nun aber wird sie den Schlüssel nie mehr von mir zurückfordern«, sagte er heiser, »und es gibt niemanden, für den ich ihn bewahren oder dem ich ihn weitergeben könnte. Daher reiche ich ihn Euch zurück, der ihn von Gottes Gnaden gab, auf dass Ihr ihn im Konklave der Gutsherren führet.«

Er streckte die Arme vor und bot Benjamin den Stab dar, doch dieser nahm ihn nicht an; vielmehr schüttelte er den Kopf. Clinkscales machte große Augen. Auf Grayson kam es sehr selten vor, dass ein Gutsherr starb, ohne einen Erben zu hinterlassen, selbst wenn die Abstammung noch so verwickelt war. Genauer gesagt, war in der tausendjährigen Geschichte des Planeten dergleichen nur dreimal geschehen – wenn man das Massaker an den Dreiundfünfzig außer Acht ließ, das der Bürgerkrieg ausgelöst hatte … und die Verbannung der ›Wahren Gläubigen‹, mit dem er endete. Jedenfalls existierten Präzedenzfälle, und deshalb brachte es nun den Regenten des Gutes von Harrington völlig aus der Fassung, dass Benjamin den Stab zurückwies.

»Euer Gnaden, ich …«, begann er, verstummte und sah Prestwick fragend an. Der Kanzler erwiderte den Blick, ohne jedoch etwas zu sagen, und Clinkscales wandte sich wieder dem Protector zu.

»Setz dich wieder, Howard«, bat Benjamin mit fester Stimme. Dann lächelte er gezwungen. »Ich sehe schon, du weißt doch nicht, weshalb ich dich hergebeten habe.«

»Ich glaubte es zu wissen«, entgegnete Clinkscales bedächtig. »Ich wollte es nicht zugeben, aber ich glaubte, ich wüsste es. Und wenn du mich nicht gerufen hast, damit ich dir den Stab übergebe, dann muss ich einräumen, dass ich nicht im Entferntesten ahne, worauf du hinauswillst, Benjamin!«

Als der Protector nun erneut lächelte, ging ein Anflug echten Amüsements über sein Gesicht. Clinkscales hatte ihn mit seinem Vornamen angesprochen, und der raue Unterton in seiner Stimme klang schon mehr nach dem reizbaren alten inoffiziellen Onkel, als den Benjamin ihn sein Leben lang gekannt hatte.

»Das scheint mir auch so«, sagte er trocken und sah Prestwick auffordernd an. »Henry?«

»Gern, Euer Gnaden.« Als Prestwick sich an Clinkscales wandte, spielte ihm etwas um die Lippen, das verdächtig nach einem Grinsen aussah. Er schüttelte den Kopf. »Wie Sie sehen, Howard, ziehen Seine Gnaden es wieder mal vor, die Drecksarbeit und die unangenehme Erläuterung mir zu überlassen.«

»Was für eine Erläuterung?«

»Hm, vielleicht sollte ich es eher eine Rekapitulation nennen.« Auf Clinkscales’ Stirnrunzeln hin schürzte Prestwick die Lippen. »Die Lage, in der wir uns befinden, ist vermutlich einzigartiger, als Sie ahnen, Howard«, sagte er schließlich.

»Ungewöhnlich gewiss«, entgegnete Clinkscales, »aber doch ganz bestimmt nicht ›einzigartig‹! Ich habe mit Richter Kleinmueller lang und breit darüber gesprochen.« Bei dem Gedanken an die Diskussion mit dem höchsten Juristen des Gutes von Harrington verdüsterten sich seine Augen, denn die Erinnerung holte den Schmerz zurück. Clinkscales schluckte, dann schüttelte er den Kopf wie ein ärgerlicher alter Bär. »Er hat mir den Präzedenzfall klar und ausführlich erklärt, der sich auf dem Gut von Strathson ereignete, Henry. Lady Harrington« – er sprach den Namen mit fester Stimme aus, – »hinterlässt keinen Erben … und das heißt, das Gut fällt dem Schwert anheim, wie es vor siebenhundert Jahren auch mit Strathson geschehen ist.«

»Ja und nein«, sagte Prestwick. »Sehen Sie, Lady Harrington hinterlässt nämlich doch Erben – etliche sogar -, wenn wir so wollen.«

»Erben? Was denn für Erben?«, herrschte Clinkscales ihn an. »Sie war ein Einzelkind!«

»Das stimmt. Aber die Familie Harrington ist recht groß – auf Sphinx. Sie hatte Dutzende von Cousins und Cousinen, Howard.«

»Aber das sind keine Graysons!«, begehrte Clinkscales auf, »und nur ein Grayson kann den Schlüssel des Gutsherrn erben!«

»Nein, Graysons sind sie nicht. Gerade das macht die Situation ja so kompliziert. Was Sie mit Richter Kleinmueller besprochen haben, haben Seine Gnaden und ich mit dem Obersten Gericht diskutiert. Und nach Aussage des Gerichts haben Sie Recht: Die Verfassung verlangt ausdrücklich, dass der Erbe eines Gutes ein Bürger Graysons sein muss. Das liegt vor allem aber an einer Tatsache: Man hat nie den Fall berücksichtigt, dass ein Bürger einer fremden Welt überhaupt in der Erbfolge eines Gutes stehen könnte. Oder dass eine Fremdweltlerin gar zu einer Gutsherrin gemacht würde!«

»Lady Harrington war keine ›Fremdweltlerin‹!«, widersprach Clinkscales steif. Seine Augen blitzten vor Zorn. »Wo immer sie geboren wurde, sie -«

»Nun beruhige dich doch, Howard«, sagte Benjamin sanft, bevor der alte Mann sich in einen ausgewachsenen Wutanfall hineinsteigerte. Clinkscales riss sich zusammen, und Benjamin machte eine begütigende Handbewegung. »Ich weiß schon, was du sagen willst, aber als wir ihr den Gutsherrentitel anboten, war sie ganz gewiss eine Fremdweltlerin. Ja, ja. Ich weiß, die Lage damals war ohne Beispiel – aber wenn ich mich recht entsinne, warst du damals alles andere als entzückt, du halsstarriger, reaktionärer alter Dinosaurier!«

Clinkscales lief feuerrot an und musste zu seiner eigenen grenzenlosen Überraschung lachen. Das Lachen war nur kurz und klang rostig und ungeübt, doch seit zweieinhalb Monaten, seit dem Augenblick, in dem er Honor Harringtons Hinrichtung sah, war es sein erstes echtes Lachen. Er schüttelte den Kopf.

»Das stimmt wohl«, gab er zu. »Aber sie ist eine Bürgerin Graysons geworden, als sie dir den Gutsherreneid leistete.«

»So ist es. Und wenn ich das nun zum Präzedenzfall erklären wollte, müsste ich nach ihrem nächsten Erben schicken – das ist ihr Cousin Devon, nicht wahr, Henry? – und ihn als ihren Nachfolger einschwören. Denn wenn wir sie zur Grayson machen können, dann auch ihn.«

Clinkscales sprang vom Sessel auf. »Nein!«, protestierte er, und Benjamin neigte den Kopf leicht zur Seite und sah ihn fragend an. Erneut errötete der Regent, doch diesmal hielt er dem Blick des Protectors stand. Mehrere Sekunden schwieg er, um seine Gedanken zu ordnen und vom Instinkt zur Vernunft zu gelangen. Dann ergriff er sehr behutsam das Wort.

»Schon bevor sie dir den Eid leistete, war Lady Harrington eine von uns, Benjamin. Sie wurde zu einer Grayson, als sie den Plan der Makkabäer vereitelte und dann diesen Schlächter Simonds daran hinderte, Grayson zu bombardieren. Aber dieser Cousin …« Er wiegte sein Haupt. »Er könnte ein guter, achtbarer Mann sein. Da er ein Cousin Lady Harringtons ist, würde ich damit rechnen. Aber trotzdem ist er ein Fremder, und was auch immer er auf anderem Gebiet geleistet hat, er hat sich ihr Gut nicht verdient.«

»›Verdient‹, Howard?« Benjamin winkte ab. »Legst du ihm damit nicht eine sehr hohe Hürde in den Weg? Wie viele Erben von Gutsherren haben sich ihre Schlüssel denn verdient? Erben sie sie nicht einfach nur?«

»So habe ich das nicht gemeint«, entgegnete Clinkscales. Er runzelte nachdenklich die Stirn und seufzte. »Ich will auf etwas anderes hinaus. Auf unserer Welt gibt es noch immer viele halsstarrige, reaktionäre alte Dinosaurier. Im Konklave der Gutsherren sitzen etliche, und wenn du ihnen diesen Vorschlag vorlegst, wird es schon schlimm genug, aber in der Bevölkerung gibt es noch viel mehr davon. Die waren mit Lady Harrington als Gutsherrin nicht einverstanden, das weißt du genauso gut wie ich. Aber selbst ihre größten Gegner mussten damals einräumen, dass sie sich ihre Stellung verdient hatte … und auch das Vertrauen unserer Welt. Bei Gott, Benjamin – du selbst hast ihr die Schwerter zum Stern von Grayson verliehen!«

»Das weiß ich alles, Howard«, sagte Benjamin geduldig.

»Nun, wie im Namen des Prüfers soll dieser … Devon?« Benjamin nickte, und der alte Mann zog gereizt die Schultern hoch. »Also, wie soll dieser Devon sich das gleiche Vertrauen verdienen? Ganz bestimmt sieht man ihn nur als Fremdweltler, und wer immer mit Lady Harrington nicht einverstanden gewesen ist, wird auf ihn noch erheblich schlechter zu sprechen sein! Und was die echten Reaktionäre angeht, diejenigen, die Lady Harrington hassten, weil sie von einer anderen Welt stammte …« Clinkscales warf die Arme hoch.

Benjamin nickte schwermütig. Er ließ es sich nicht anmerken, aber innerlich freute er sich sehr über die heftige Reaktion des Regenten. Seit Wochen hatte er bei Clinkscales kein derartiges Lebenszeichen mehr bemerkt. Ganz offensichtlich arbeitete sein Gehirn noch immer an dem Problem, und deshalb musste er der gleichen logischen Kette folgen, der auch Prestwick und Benjamin gefolgt waren. Der Protector bedeutete ihm mit einer Geste, er solle fortfahren.

»Alles wäre leichter, wenn sie einen Sohn hätte«, sagte der Regent. »Selbst wenn er nicht auf unserer Welt geboren gewesen wäre, er wäre ihr Sohn gewesen. Eine Geburt auf Grayson wäre natürlich noch besser gewesen, aber Abstammung und Erbfolge hätten nicht infrage gestanden. Aber so …! Ich kann nicht sagen, wo es endet, wenn wir diese vertrackte Angelegenheit den anderen Schlüsseln vorlegen. Und Mayhew’sche Restauration hin oder her, du weißt doch wohl, dass dir keine andere Wahl bleibt, als den Fall dem Konklave vorzulegen?«

»Natürlich, aber …«

»Nichts aber, Benjamin«, knurrte Clinkscales. »Wenn du glaubst, hierbei die bornierte Fraktion im Konklave hinter dich bringen zu können, dann nur, weil deine kostbare Schulzeit außerhalb von Grayson die Stimme deiner Instinkte übertönt! Du gibst ja selber zu, dass du einen neuen verfassungsrechtlichen Präzedenzfall setzen müsstest, um es in die Wege zu leiten – noch einen! Und was immer Mueller und Konsorten behaupten, sie haben Lady Harrington nie vergeben, dass sie eine Fremdweltlerin war, eine Frau und Speerspitze deiner Reformen. Niemals würden sie einen weiteren Fremden akzeptieren – zumal einen, der noch nicht einmal Träger des Sterns von Grayson ist.«

»Wenn du mich nur einen Satz zu Ende bringen lassen würdest, Howard«, sagte Benjamin noch geduldiger, aber mit blitzenden Augen, denn Clinkscales fand zusehends zu seiner alten mürrischen Lebhaftigkeit zurück. »Schließlich versuche ich schon die ganze Zeit, genau diesen Punkt anzusprechen.«

»Ach wirklich?« Clinkscales musterte ihn misstrauisch und lehnte sich zurück.

»Vielen Dank. Zunächst einmal gebe ich deiner Einschätzung vollkommen Recht, wie die anderen Gutsherren auf jeden Versuch meinerseits reagieren würden, den Schlüssel von Harrington einem ›Fremdweltler‹ zu übergeben. Außerdem weiß ich nicht genug über diesen Devon Harrington, um vorhersagen zu können, was für eine Sorte Gutsherr er abgeben würde. Soviel ich weiß, ist er Geschichtsprofessor, also könnte er sich besser schlagen, als man vielleicht glaubt. Es könnte aber auch bedeuten, dass er als Akademiker in keiner Weise darauf vorbereitet ist, die Befehlspflichten eines Gutsherrn wahrzunehmen.«

»Nun, damit hatte Lady Harrington nun wirklich keine Schwierigkeiten«, murmelte Prestwick, woraufhin Benjamin schnaubte.

»Die hatte sie allerdings nicht, Henry. Ganz gewiss nicht, der Tröster hab sie selig.« Er schwieg kurz. Sein Blick war warm geworden, als die Erinnerung ihn überkam, nicht düster vor Trauer. Nun riss er sich zusammen. »Doch um auf Professor Harrington zurückzukommen: Zunächst stellt sich die Frage, ob ihm überhaupt in den Sinn gekommen ist, dass er vielleicht etwas von ihr erbt. Haben wir denn ein Recht, sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen? Würde er den Schlüssel vielleicht sogar ablehnen, falls wir ihm das Amt anböten?«

»Aber wenn wir es ihm nicht anbieten, öffnen wir die Büchse der Pandora vielleicht erst recht«, wandte Prestwick leise ein. Clinkscales sah den Kanzler erstaunt an, und Prestwick zuckte mit den Achseln. »Laut unserem Vertrag mit Manticore haben sich das Protectorat und das Sternenkönigreich verpflichtet, die Rechtsverbindlichkeit der bürgerlichen Gesetze und Verträge bilateral anzuerkennen – und das schließt Ehe- und Erbrecht ein. Nach manticoranischem Recht ist Devon Harrington jedoch der Erbe Lady Harringtons: Er ist es, der ihren manticoranischen Titel erbt und Earl Harrington wird.«

»Und?«, fragte Clinkscales, als Prestwick schwieg.

»Und wenn er den Schlüssel von Harrington will und wir ihn ihm nicht geben wollen, dann verklagt er uns vielleicht auf Herausgabe.«

»Den Protector und das Konklave verklagen?« Clinkscales starrte ihn ungläubig an.

»Wieso nicht?«, entgegnete der Kanzler ungerührt. »Das wäre doch ein großartiger Fall für unser Oberstes Gericht – oder für das manticoranische. Es wäre schon faszinierend, welchen Gerichtsstand er sich aussucht und wie der Fall vorgebracht wird. Doch andererseits wäre es wohl ebenso spannend zuzusehen, wie eine Zeitbombe die Sekunden herunterzählt … jedenfalls, solange sie nur tickt.«

Clinkscales wandte sich wieder dem Herrscher zu. »Aber … aber du bist der Protector!«, wandte er ein.

Benjamin hob die Schultern. »Gewiss bin ich das. Aber ich bin auch der Mann, der diesen Planeten zu reformieren versucht, weißt du noch? Wenn ich darauf bestehe, dass meine Gutsherren ihre Autonomie aufgeben und der Verfassung gehorchen, dann muss ich mich selber erst recht daran halten. Leider ist der verfassungsrechtliche Präzedenzfall hier überaus klar. Man kann mich verklagen – nicht in eigener Person, aber als Protector und Staatsoberhaupt -, um mich zu zwingen, geltendes Recht einzuhalten. Und nach der Verfassung besitzen Verträge mit fremden Mächten Gesetzeskraft.« Er hob erneut die Schultern. »Ich glaube zwar nicht, dass einer Klage vor unserem Obersten Gericht stattgegeben würde, nicht bei unseren existierenden Erbgesetzen, aber der Prozess könnte sich jahrelang hinziehen, und die Auswirkung auf die Reformen und vermutlich sogar auf die Kriegsanstrengungen wäre höchst fatal. Wenn Devon Harrington mich vor einem manticoranischen Gericht verklagt, könnte er sogar gewinnen, und dann stünde unsere Regierung mit der des Sternenkönigreichs Nase an Nase, während wir gleichzeitig gegen Haven um unser Leben kämpfen. Das wäre nicht gut, Howard. Das wäre alles andere als gut.«

»Da stimme ich dir zu«, sagte Clinkscales, aber er hatte die Augen zusammengekniffen. Er stellte das Ende des Stabes zwischen die Füße und umklammerte ihn mit beiden Händen, während er misstrauisch den Protector musterte. »Da stimme ich dir zu«, wiederholte er, »aber ich kenne dich wirklich gut und spüre, dass du auf irgendeine Fiesheit abzielst. Du hast das Ganze schon durchdacht und bereits entschieden, was du tun willst, bevor du mich herbestellt hast, habe ich Recht?«

»Nun … ja, zugegeben.«

»Dann spuck’s aus, Euer Gnaden«, befahl der alte Mann grimmig.

»Es ist nicht kompliziert, Howard«, versicherte ihm Benjamin.

»Würdest du bitte damit aufhören, es mir ›schonend‹ beibringen zu wollen, und endlich den Mund aufmachen?«, knurrte Clinkscales und fügte, nur um nicht allzu barsch zu klingen, noch ein weiteres »Euer Gnaden« hinzu.

»Also schön. Die Lösung besteht darin, den Schlüssel von Harrington demjenigen zu übertragen, der den größten Anspruch darauf hat – und die größte Erfahrung darin, ihn zu tragen, zumindest als Bevollmächtigter.«

Clinkscales starrte Benjamin für wenigstens fünfzehn Sekunden wortlos an. Dann sprang er auf.

»Nein! Ich war ihr Regent, Benjamin – nur ihr Regent! Niemals würde ich … ich würde niemals … Das wäre … Verdammt, sie hat mir vertraut! Ich könnte doch nie … niemals ihren Schlüssel usurpieren! Das wäre -«

»Setz dich, Howard!« Zum ersten Mal sprach Benjamin mit peitschendem Befehlston, und seine drei Wörter unterbrachen Clinkscales mitten im gestammelten Protest. Der Regent schloss den Mund und starrte den Protector an, dann setzte er sich wieder in seinen Sessel, und eine zerbrechliche Stille legte sich über den Raum.

»Schon besser«, sagte Benjamin schließlich mit fast schockierender Gelassenheit. »Ich verstehe deine Bedenken, Howard. Ja, ich habe sie sogar erwartet – und nur deshalb habe ich versucht, es dir ›schonend beizubringen‹, wie du es ausgedrückt hast. Aber ›usurpieren‹ würdest du nun wirklich nichts. Beim Prüfer, Howard! Wie viele andere Männer auf Grayson haben dem Schwert auch nur halb – nur ein Zehntel! – so gut gedient wie du? Unter jedem Aspekt bist du die bestmögliche Wahl. Du hast mit deinen Taten jede Ehrung verdient, die ich dir erweisen könnte. Du warst Lady Harringtons Regent, wann immer ihre Offizierspflichten sie zwangen, den Planeten zu verlassen, und du bist de facto Gutsherr gewesen. Sie hat dir vertraut, und du weißt am besten, worauf sie hoffte, was sie plante – wer sonst könnte das sagen?« Benjamins Stimme wurde weich. »Und sie hat dich sehr gemocht, Howard.« In Clinkscales’ Augen glänzte es verräterisch, doch rasch wandte der alte Mann den Blick ab. »Ich weiß niemanden sonst auf Grayson, den sie lieber als ihren Nachfolger und Beschützer ihrer Siedler gesehen hätte als dich.«

»Ich …«, hob Clinkscales an, verstummte jedoch schon nach dem ersten Wort und holte tief Luft. Lange hielt er sein Gesicht abgewandt, dann zwang er sich, dem Protector in die Augen zu sehen.

»Du könntest Recht haben«, sagte er sehr leise. »Was ihre Gefühle angeht, meine ich. »Und ich habe immer gern ihre Siedler beschützt – an ihrer Stelle. Das hätte ich bis ans Ende meines Lebens gern getan. Aber nicht so. Bitte verlange mir das nicht ab. Bitte.«

»Aber Howard …«, wandte Prestwick ein, doch Clinkscales hob Schweigen gebietend die Hand und begegnete mit unermesslicher Würde Benjamins Blick.

»Du bist mein Protector, Benjamin. Ich ehre und respektiere dich, und so, wie es meine Pflicht ist, werde ich dir bei allem, was rechtens ist, aufs Wort gehorchen. Aber bitte verlange das nicht von mir. Du hast gesagt, sie hätte mich sehr gemocht, und ich hoffe, du hast Recht damit, denn wie sehr ich sie gemocht habe, weiß allein der Fürbitter. Wie meine eigene Tochter habe ich sie geliebt. Niemals brächte ich es über mich, ihren Platz einzunehmen und ihren Schlüssel zu tragen, so wie kein Vater das Erbe seines eigenen Sohnes antreten könnte. Bitte mich nicht darum. Es wäre … einfach falsch.«

Erneut herrschte Schweigen, bis Benjamin sich räusperte.

»Wärst du denn bereit, weiter als Regent zu dienen?«

»Das wäre ich – solange ich mir sicher bin, dass du nicht versuchst, mich in eine andere Position zu drängen«, erwiderte Clinkscales, und Benjamin wandte sich an Prestwick.

»Henry? Könnte das gehen?«

»Auf kurze Sicht, Euer Gnaden?« Der Kanzler schürzte erneut die Lippen. »Vermutlich schon. Aber langfristig?« Er wiegte den Kopf und wandte sich Clinkscales zu. »Wenn Sie den Schlüssel nicht annehmen, Howard, dann haben wir die Krise nur hinausgezögert. Natürlich wäre auch das schon etwas wert. Wenn wir sie weitere zehn Jahre abwenden könnten, hätten sich die Spannungen bis dahin sicherlich weitgehend gelegt. Vielleicht brauchten wir uns dann nicht einmal mehr um Haven und den Krieg Gedanken zu machen. Aber bis wir einen rechtmäßigen, bekannten und vor allem anerkannten Erben für den Schlüssel von Harrington haben, schwebt all die Ungewissheit nach wie vor über unseren Köpfen und wartet. Vergeben Sie mir, wenn ich das so pietätlos sage, aber Sie sind nicht mehr der Jüngste, und zehn Jahre …« Er zuckte mit den Achseln.

Clinkscales zog unglücklich die Brauen zusammen. »Ich weiß schon«, sagte er. »Für mein Alter bin ich gut in Form, aber selbst jetzt, wo wir medizinische Hilfe von den Mantys bekommen …«

Er verstummte und riss die Augen auf. Benjamin und Prestwick tauschten einen verwirrten Blick. Der Kanzler hob an, etwas zu sagen, doch der Protector gebot ihm mit einer Handbewegung zu schweigen, damit Clinkscales nicht in dem Gedanken unterbrochen wurde, der ihm so plötzlich gekommen war. Mit einem Ausdruck intensiver Neugier lehnte er sich zurück. Über zwei Minuten verstrichen, dann begann Clinkscales zu grinsen. Er sammelte sich und entschuldigte sich mit einer knappen Gebärde bei Benjamin.

»Vergib mir«, sagte er, »aber ich habe eine Idee.«

»So kam es uns vor«, entgegnete Benjamin so trocken, dass der alte Mann leise lachen musste. »Und was ist das für eine Idee?«

»Nun, Euer Gnaden, es gibt tatsächlich eine andere Lösung für unser Problem. Eine Lösung, die wunderbar mit unserem Recht im Einklang stünde – und soweit ich weiß, auch mit dem manticoranischen. Eine Lösung, durch die mir der Schlüssel erspart bleibt.«

»Wirklich?« Protector und Kanzler tauschten noch einen Blick, dann sah Benjamin den alten Clinkscales höflich fragend an. »Und worin besteht diese zauberhafte Lösung, die bislang mir, Henry, dem Obersten Gericht und Reverend Sullivan entgangen ist?«

»Lady Harringtons Mutter ist doch hier auf Grayson«, antwortete Clinkscales. »Dessen bin ich mir bewusst, Howard«, sagte Benjamin geduldig, doch er runzelte die Stirn über den scheinbaren Gedankensprung. »Erst gestern habe ich mit ihr über Lady Harringtons Klinik und das Genomprojekt gesprochen.«

»Nun, das wusste ich nicht, Euer Gnaden.« Clinkscales lächelte. »Das hat sie mir gegenüber nicht erwähnt, aber sie hat gesagt, dass sie und Lady Harringtons Vater beschlossen hätten, zumindest für die nächsten Jahre auf Grayson zu bleiben. Sie sagte« – das Lächeln wurde schwächer -, »das beste Denkmal, das sie der Gutsherrin errichten könnte, bestünde darin, den medizinischen Standard auf dem Gut von Harrington an den im Sternenkönigreich anzugleichen. Deshalb wollen sie ihre Praxis hierher verlegen. Und selbstverständlich ist sie sehr im Genomprojekt engagiert.«

»Von diesen Plänen wusste ich nichts«, antwortete Benjamin, »aber ich erkenne nicht, was sich dadurch ändert. Du willst doch nicht etwa andeuten, dass wir einem Elternteil Lady Harringtons den Schlüssel anbieten? Auch sie sind keine Bürger Graysons, und das Gesetz besagt ganz eindeutig, dass Eltern nur dann Titel ›erben‹ können, wenn sie den entsprechenden Titel einst innegehabt und an ihren Sprössling abgetreten haben. Das ist hier eindeutig nicht der Fall. Wenn du darauf bestehst, dass der Schlüssel durch Erbfolge weitergegeben wird, dann muss er sozusagen ›flussabwärts‹ von einer Generation zur nächsten vererbt werden – das heißt, an ein Kind, an ein Geschwister, einen Cousin oder eine Cousine. Damit sind wir sofort wieder bei Devon Harrington und stecken im gleichen Dilemma.«

»Nicht unbedingt, Euer Gnaden.« Clinkscales klang geradezu selbstzufrieden, und Benjamin blinzelte.

»Wie bitte?«

»Du hast deine Reformen sehr gründlich durchdacht, Benjamin, aber ich glaube, du hast etwas übersehen, und zwar eine im Grunde offensichtliche Folge der Veränderungen, die uns diese Allianz beschert hat. Wahrscheinlich ist das nicht einmal überraschend. Ich selbst habe sie ebenfalls übersehen – vermutlich, weil ich auf einem Planeten ohne Prolong aufgewachsenen bin und es sich mir eingeprägt hat, dass die Gutsherrin in den Fünfzigern war. Was natürlich bedeutet, dass ihre Eltern etwa in meinem Alter sein müssen.«

»Prolong?« Benjamin setzte sich unvermittelt gerade, und Clinkscales nickte.

»Genau. Ihr Schlüssel ginge an ein Geschwister, wenn sie eins hätte, aber das hat sie nicht. Noch nicht jedenfalls.«

»Süßer Prüfer!«, murmelte Prestwick fast in Ehrfurcht. »Daran hätte ich nie gedacht.«

»Ich auch nicht«, gab Benjamin zu. Er kniff die Augen zusammen und dachte angestrengt nach.

Howard hat Recht, überlegte er. Diese Möglichkeit ist mir wirklich nie in den Sinn gekommen, dabei hätte ich wirklich daran denken müssen. Was soll es, wenn Dr. Harrington – beide Doktoren Harrington – in den Achtzigern sind? Körperlich ist Honors Mutter erst Anfang dreißig. Selbst wenn sie zu alt wären, um auf ›natürliche‹ Weise Kinder zu zeugen, könnten wir auf die Medizin des Sternenkönigreichs zurückgreifen! Die Einwilligung der Harringtons vorausgesetzt, könnten wir eine In-vitro-Befruchtung durchführen. Wenn dieses Kind auf Grayson geboren würde, dann hätte es die graysonitische Staatsbürgerschaft, ungeachtet der Nationalität seiner Eltern.

»Das wäre nun wirklich eine saubere Lösung, nicht wahr?«, fragte er nachdenklich.

»Was das betrifft, so eröffnet sich noch eine ganz andere Möglichkeit«, meldete sich Prestwick. »Mit ziemlicher Sicherheit wird Lady Harringtons Mutter im Besitz des genetischen Materials der Gutsherrin sein, sodass es mit ziemlich großer Sicherheit möglich wäre, selbst jetzt noch ein Kind Lady Harringtons zu zeugen. Oder vielleicht sogar einen echten Klon!«

»Ich glaube, wir sollten gar nicht erst beginnen, in diesen Bahnen zu denken«, warnte ihn Benjamin. »Auf keinen Fall aber, ohne Reverend Sullivan und die Sakristei vorher zurate zu ziehen!« Schon der Gedanke, wie seine konservativeren Untertanen auf diese Überlegung des Kanzlers reagieren mochten, jagte ihm Schauder über den Rücken. »Außerdem würde ein Klon die Angelegenheit vermutlich nur verschlimmern. Wenn ich mich richtig erinnere – ich bin mir dabei jedoch nicht ganz sicher -, dann folgt das manticoranische Recht genau wie die Solare Liga dem Biowissenschaften-Kodex Beowulfs.«

»Und das heißt?«, fragte Clinkscales, den die Idee eindeutig faszinierte.

»Das bedeutet vor allem, dass es vollkommen illegal ist, das genetische Material eines Toten zu verwenden, es sei denn, das Testament dieser Person oder ein vergleichbares rechtskräftiges Dokument würde die Benutzung des Materials ausdrücklich gestatten. Zudem gilt ein Klon als ein Kind des jeweiligen Spenders – oder der Spender. Es genießt den gleichen Schutz wie jedes intelligente Wesen, aber es ist nicht die gleiche Person. Vor allem aber ist es unmöglich, durch posthumes Klonen das normale Erbrecht zu umgehen.«

»Wollen Sie damit sagen, wenn Lady Harrington sich vor ihrem Tod geklont hätte, würde der Klon ihr rechtmäßiges Kind sein und hätte ihren Titel erhalten, aber wenn wir sie jetzt klonen, darf das Kind nichts erben?«, fragte Prestwick, und der Protector nickte.

»Ganz genau das will ich sagen. Wenn allerdings jemand in seinem Testament bestimmt, dass man ihn nach seinem Tod klonen soll, so ist dies möglich und legal. Diese Person kann dann ihren posthumen Klon als Erben einsetzen. Aber niemand kann solch eine Entscheidung für jemand anderen treffen, und genau das würden wir tun, wenn wir nun entschieden, Lady Harrington zu klonen, um unsere Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Wenn Sie genauer darüber nachdenken, stellen Sie fest, dass dieses Verbot wohldurchdacht ist. Nehmen Sie zum Beispiel an, ein skrupelloser Verwandter könnte den Tod von jemandem wie Lady Harrington oder Klaus Hauptmann arrangieren, ohne erwischt zu werden. Dann ließe der Täter das Opfer klonen und sich zum Vormund des Kindes einsetzen. Er würde das Hauptmann-Kartell oder das Gut von Harrington kontrollieren, bis der Klon volljährig wird und das Erbe antritt. Und dann ist da noch die sehr heikle Frage, wann ein Testament überhaupt rechtmäßig eröffnet werden kann! Ich meine, wenn ein Dritter legal ein posthumes Duplikat des Erblassers herstellen darf, hebt dieses Duplikat dann das Testament auf? Könnte der Klon jemanden auf Herausgabe verklagen, an den das Erbe bereits rechtmäßig ausbezahlt wurde – nach dem Buchstaben ›seines‹ niedergeschriebenen und beglaubigten Testaments? Das kann man immer weitertreiben, bis ins Unendliche.«

»Ich verstehe.« Prestwick rieb sich die Nasenspitze und nickte. »Also gut, das sehe ich ein. Und vermutlich wäre es nicht die schlechteste Idee, wenn wir diesen Kodex Beowulfs ohne viel Aufhebens auch in unser Gesetz aufnehmen würden, Euer Gnaden, denn wir besitzen nun Zugriff auf eine Wissenschaft, die dergleichen ermöglicht. Aber was sagt dieses Gesetz zu einem Kind, das den Eltern eines Gutsherrn nach dessen Tod geboren wird?«

»Gar nichts«, entgegnete Clinkscales im Brustton der Überzeugung. »In dieser Hinsicht sind die Präzedenzfälle nämlich klar, Henry. Sie reichen fast bis zur Gründung zurück. Ungewöhnlich wäre es natürlich schon, und damit alles seinen ordnungsgemäßen Gang geht, müsste der Schüssel an Devon Harrington gehen, bis Lady Harringtons Eltern ein Kind vorweisen können, aber dann würde das Gut von Harrington an Lady Harringtons Geschwister fallen. Ein Beispiel für solch einen Fall hat es, wie ich glaube, sogar in der Geschichte deiner eigenen Familie gegeben, Benjamin. Erinnerst du dich an Thomas II.?«

»O Prüfer!« Benjamin schlug sich auf die Stirn. »Wie konnte ich das nur vergessen?«

»Vielleicht, weil es vor fünfhundert Jahren passiert ist«, entgegnete Clinkscales trocken.

»Und weil Thomas nun nicht gerade jemand ist, an den wir Mayhews uns mit Freuden erinnern«, stimmte Benjamin zu.

»Jede Familie hat ihre schwarzen Schafe, Euer Gnaden«, sagte Prestwick.

»Scheint so«, sagte Benjamin. »Aber nicht in jeder Familie gibt es jemanden, der wahrscheinlich seinen Bruder ermorden ließ, um selbst die Protectorenwürde zu erben!«

»Das wurde nie bewiesen, Euer Gnaden«, erinnerte Clinkscales ihn.

»Stimmt. Bewiesen wurde es nicht!« Benjamin schnaubte verächtlich.

»Es wurde nie bewiesen«, bekräftigte Clinkscales erneut. »Für uns ist jedenfalls nur wichtig, dass Thomas tatsächlich zum Protector ernannt wurde – bis zur Geburt seines Neffen.«

»Ja«, sagte Benjamin. »Hätte Thomas gewusst, dass eine der Frauen seines Bruders schwanger war, und hätte Dietmar Yanakov sie nicht rechtzeitig aus dem Palast geschmuggelt, so hätte sein Neffe nie das Licht der Welt erblickt!«

»Wie dem auch sei, Euer Gnaden«, sagte Prestwick streng, »wichtig ist, dass dabei ein solider Präzedenzfall entstanden ist, den wir bedenkenlos auf Howards Vorschlag anwenden können.«

»Man sollte doch wohl auch hoffen, dass ein sechsjähriger Erbfolgekrieg einen ›soliden‹ Präzedenzfall schafft!«, rief Benjamin aus.

»Es mag Euer Gnaden erbauen, sich in den Untaten seiner Vorfahren zu suhlen, aber für uns ist das kein Vergnügen«, ermahnte Prestwick ihn.

»Schon gut, schon gut. Ich bin ja wieder brav«, versprach Benjamin, dann setzte er sich einen Augenblick und trommelte nachdenklich mit beiden Händen auf die Schreibtischplatte. »Natürlich«, fuhr er dann fort, »war Thomas’ Schwägerin schon schwanger, als ihr Gatte starb, aber ist nicht das Gleiche auf dem ersten Gut von Garth geschehen?«

»Nicht ganz, obwohl ich ursprünglich an diesen Präzedenzfall gedacht hatte«, pflichtete Clinkscales ihm bei. »Meine Geschichtskenntnisse sind ein wenig angerostet, und ich kann mich nicht mehr an den Namen des ersten Gutsherrn von Garth erinnern – John, oder nicht, Henry?« Prestwick gab mit einer Gebärde zu verstehen, er wisse es ebenfalls nicht, und Clinkscales zuckte mit den Achseln. »Jedenfalls war das Gut gerade erst gegründet und er als Gutsherr eingesetzt worden, als er starb. Er war ein Einzelkind ohne eigene Söhne, und der Schlüssel von Garth konnte nicht an seine Eltern ›zurückgehen‹, weil sie ihn nie besessen hatten. Niemand wusste, was zu tun war, und bestimmt zwei Jahre lang wurde darüber erbittert gestritten.

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